Sinzigs unabhängige Tageszeitung DeutZchtands I^r. 281— 2. Jahrgang Saarbrücken, Sonntag,Montag, 16. 17. Dezember 1934| Chefredakteur: M. Braun Qas JUagcamm dec CinheUsfcaat nach dem 13. Joauac Seite 3 Sieg, dec„alten JCämpfec" des Kapitalismus Seite 4 Die Umsiedlung saktum in Walhall Seite 7 Minister Rnsts Geschäfte Ein Korruptionsgesetz für„alte Kämpfer"— Wie wird man Millionär? Berlin, 15. Dezember. In dem Bündel von Gesetzen, das das Reichskabinett in seiner wahrscheinlich letzten Sitzung dieses Jahres eben öem neuen Gesetz zur Unterdrückung der Opposition'n den eigenen Reihen der NSDAP. durch Zuchthaus n»d Schalott beschlossen hat, befindet sich eines mit ganz eigenartigem Sivilrechtlichem Inhalt. Das amtliche Kommunique te.lt dar- über etwas verschwommene Angabe» mit: Zunächst wurde ein Gesetz über de«Ausgleich bürgerlich- rechtlicher Ansprüche genehmigt. Der nationalsozialistische Staat fordert von dem einzelnen Volksgenossen ein hohes Mast von Opserbereitschast zum Besten des Ganzen. Gin leuchtendes Beispiel dieser Opscrwilligkcit sind die zahllosen Opfer an Blut und Vermögen, die im Kampfe um die nationalsozialistische Erhebung von den al-en Kämpfern der NSDAP gebracht worden sin». Des- halb muh jeder einzelne gewisse Nachteile, die ihm durch politische Vorgänge dieser Erhebung erwachsen sind, im Interesse der Gesamtheit grundsätzlich selbst auf sich nehmen. Lediglich für austergewühnliche Schäden, deren Traquag ihm nach gesundem Empfinden billigcrweise nicht allen zu- zumuten ist, k a n n der Volksgenosse einen g e- wissen Ausgleich beanspruchen. Dieser Aus- gleich kann ihm nach dem heute angenommenen Gesetz über den Ausgleich bllrgerlich-rechtlicher Ansprüche unter bc- stimmten Voraussetzungen und in einem besonders vor- gesehenen Verfahren zu Lasten der Allgemein- heit gewährt werde», doch ist die Anwendung des Gesetzes ausdrücklich aus Vorgänge beschränkt, die sich b i s z u m 2. A u g u st 1 9 3 4 ereignet haben. Es handelt sich also um die Zuwendung von. V er- möge nSv orteilen für besonders ausgesuchte und bei der Reichsregierung in gutem Ansehen siebende sogenannte .alte Kämpfer".„Z u Lasten der Allgemeinheit" sollen finanzielle Zuwendungen, über deren Höhe und Arj zunächst nichts gesagt wird, sür rein parteipolitische„Ver- dienste" gewährt werden. Ob es sich um Pensionen. Renten oder um Abfindungssummen oder inn alle diese Zu- Wendungen handelt, wird nicht gesagt, sicher ist jedenfalls, dah sich die Reichsrcgierung mit diesem Gesetz ein neues Kor- ruvtionsgebiet erschlossen bat. Tie„alten Kämpfer" werden ans eine Art politischen BestechungSlonds hingewiesen, an dem sie nur dann beteiligt werden sollen, wen» sie sich allzeit demütig dem Wille» der Herrschenden unterwerfen. In diesem Zusammenhang interessiert auch die Frage, wie diejenigen Parteigenossen entschädigt werden, die als Gründer und Besitzer von Parteizeitnngen diese in den Besitz der Partei überführen müssen. Ter Fall Brückner hat dem Führer wieder einmal gezeigt, welche Gefahr nationalsozialistische Zeitungen sind, die sich im Besitz von hohen national- sozialistische» Würdenträgern befinden, denn durch.diese öffentlichen Sprachrohre erhalten diese nationalsozialistischen Provinzsührer einen Einkluh, den ihnen bic^Berliner y cn* trale nicht gewähren möchte. Das gilt auch>nr_■« ir 1 1 n s Streicher, dessen Zeitungen, insbewndere der„^.turmer, längst zu den Anstößigkeiten des Snsteins gehören. Taß solche Zeilungsverkäufe von„alten Kämpfern" an die NSDAP, hinter der in solchen Fällen direkt oder indirekt die Staatskassen stehen, mit gewaltigen Gewinnen für den Verkäufer abschließen tönnen, zeigt der Fall des preußischen Knl- liisministcrs Nüst, über den uns aus der Umgebung des Stellvertreters des Führers, Rudolf Heß, folgender Be- richt zugeht: „Nüst, der vor einigen Jahren den Schuldienst quittieren mußte, weil er nach ärztlichem Urteil für diese Tätigkeit geistig nicht mehr genügend intakt war, hat damals zusammen mit einem Herrn Behrendt das Stammkapital von 13 ODO Reichsmark für das nationalsozialistische Parteiblatt Nieder- sachsens, die„R icdcrsächsischc Tageszeitung" sNTZ.s ausgebracht. Herr Nüst war mit 7099 und Herr Behrendt mit 6000 Reichsmark beteiligt. Bei dem jetzigen Verkauf au die Partei hat sich der vielbeschäftigte Reichs- minister natürlich dieser kleinen Einzelheiten nicht mehr er- innert. Es wurde bei dem Geschäft lediglich aus den jetzigen Wert der Zeitung gesehen. Da die Druckerei inzwischen aber die Maschinenparks des einstigen sozialdemokratischen„Volks- willens" in Hannover„nationalsozialisiert" hat, ist dank der revolutionären Verdienste des Herrn Nttst vnd seiner Schlagetots das einstige Käseblättchen mit seiner damaligen W>nkcldr»ckerei eine gehörige Summe wert. So erhielt denn Herr Ruft vo» der NSDAP sür seine Zeitung die schöne runde Summe von 1-2 IVA 0 fl ft-fB ei.chsmark(in Warten: eine Million zweihunderttansend Reichsmarks ausgezahlt. Für die Partei und sür Herrn Ruft war damit die Ange- legenheit geschäftlich sauber erledigt, bis eines Tages bei Herrn Heß, dem Stellvertreter des„Führers", ein anfge- regier und schimpfender„alter Käntpfer" erschien und Herrn Ruft mit Worten belegte, die sonst nnr in der Unterwelt üblich sind. Allmählich kam Herr Heß hinter folgenden Tat- bestand: Herr Ruft hat, nachdem er die Riescnkaussnmmc aus der Kasie der Partei oder der des Staates, denn Partei und Staat sind ja eins, einkassiert hotte, seinem Kompagnon Behrendt, der einst 45 v. H. des Kapitals geleistet hatte, treu nnd brav mit de» alte» WM Reichsmark abgefunden. Eine wahrhast brüderliche Teilung! Der„alte Kämpfer" Behrendt forderte nun von Heß einen Druck aus Ruft, dem Mitinhaber der Zcitnngssirma ein Anteil von etwa 500 000 Reichsmark auszuzahlen. Rudolf Heß machte sich stark, diese Forderung, die selbst innerhalb des Klubs„Jmmertrcu" als berechtigt gelten dürste, bei Ruft durchzusetzen Einigermaßen beruhigt fuhr der„alte Kämpfer" ab Schließlich, so dürste er gedacht haben, hat man doch das Eigentum sozialdemokratischer Arbeiter nicht nur sür Herr» Ruft allein gestohlen. Inzwischen sind allerdings einige Wochen ins Land ge- gangen, ohne daß Herr Behrendt den erwarteten Scheck von Herr Ruft erhalte,, hätte. Vielleicht kann das neueste Gesetz den peinlichen Zwischen- fall beenden, indem man Herrn Behrendt sür seine Verdienste um die gute Sache ans Rcichsmittcl,, entschädigt." Vcrsdiwörernesl der russischen Weißgardisten .Türsi" Awalowüermond sieh! an ihrer Spitze Von unserem Korrespondenten Paris, IS. Dezember. snimanite" macht im Zusammenhang mit der Ermüdung Ti t o w s folgende Enthüllungen über die^at.g- keit russischer Weißgardisten in Berlin........ Ter Machtantritt Hitlers und seiner Nazimorder ist von de^ weißen Emigranten begeistert begrüßt worden,-otor seien russische nativnalioualistiiche Organiiattotten.gebildet worden die in direk/er Abhängigkeit von den Nazunhrern 'lifSlB"''der russischen Nazis führte anfangs die iic UIUOII'! Vt Abkürzung tur..Rossuskoie NSI2I0- Bezeichnung„Rond.d.e.tmur«^^^%% nal-sotzialistilcheskoie civil S v i e t o z a r o^• Deutschland gliederten sich in uni- Tie russischen Naz.s.n^eutmi^^^^ formierte«turmn•- 1)ic(ton fj e ir>r C Zusammenkünfte Kundgebungen teil.,..„tfrficit SA ab.>u der Berliner Straße 14 in WttmerSdorf auf. während sie dieselben Ver- sammlungslokale beibehatten.i» fetten der russischen Infolge von In^^(imrf)C&ct„Rond" im letzten Winter" ausAöst. um sich aber in anderer We„e von neuem zu bilden. Bei der„Wiedergeburt" am g. Januar 1984 ver- suchte der Vorsitzende der Vereinigung der„Jnngrussen". Kazem-Beck. die Verbindung seiner Organisation mit Hitler zu leugnen. Aber Kazem-Beck gab schließlich zu, daß der „Rond" seine Tätigkeit„untner neuem Namen und in neuer Gestalt" wieder ausgenommen habe. Diese neue Organisation heißt„Nationalsoziali stische russische Liga" Sie arbeitet in enger Ver- bindung mit dem weißruisischen Stabschef, General Miller in Paris. ^Tie russischen Nazis erhalten'ihre Befehle von den Herren Teutschlands, vor allem von Alkred Rotenberg. Tic Weißrussen erhalten eine ähnliche Ausbildung, wie die in... Panka Pußta. Tie jungen russischen Nazis werden in der Führung der Waisen von Reichsivehrossizieren aus- gebildet. Die russischen Faschisten in Lettland, Estland, Finnland, Polen und Jugoslawien stehen noch in enger Fühlung mit der Berliner Organisation. To ist der Führer des Baktikum- Abenteuers nnd baltische„Fürst" Awalow-Bermond, der für Rechnung der Httler-Rvsenbera dort intrigiert. Am 24. April schrieb die litauische.Zeitung„Jaunakas Zikias": „Es ist für niemand ein Geheimnis, daß hinter Awalow- Bcrmond Hitler und Rosenberg stehen und Bermonds Pläne in Wirklichkeit ihre Pläne sind. Bcrmond ist nur derlenige, der, wie 1919, sie auszuführen hat»" vle SS. entwaffnet! Voller Sieg der Reichswehr Berlin, 15. Dezember. General von F r i t s ch als Ehef der Obersten Heeresleitung drängt den kränklichen Rcichswchrminister von Blomberg mehr und mehr zur Seite. Innenpolitisch und außenpolitisch setzen sich die konservativen Ziele dnrch, die General von Fritsch seit einer Reihe von Monaten verfochten hat. Dia SA. ist seit dem 8«. Juni erledigt, freilich durch Methoden, die dem General von Fritsch nicht gefallen und ihm einige nahe politische Freunde gekostet haben. Nun wird die SS. e n t m o ch t e t. Die Entwassnnngsaktion gegen die schwarze Garde schreitet fort. Das SS.-Hecr muß alle Ge, wehre und Maichinenacwehre abliesern und darf n«r Re» volver iiith Ehrendolche behalten. Nur die Leibstandarte Adolf Hitlers, die von aus dem ganzen Reiche ausgesuchten Gardisten besteht, behält ihre militärische Bewaffnung Die Entwaffnung der SS. hat nicht nur innen-, sondern auch außenpolitische Gründe. Man will so zunächst Frankreich und dann dem Völkerbund beweisen, daß es eine bewafsnele Miliz nicht gibt und weder SA. noch SS. militärischen Charakter tragen. Der Doktor spridit" riegle« des ReidisreKiameminisfers Wenn e, im..dritten Reiehe" einen Mann gibt, der über die Volkt.itimmung Bescheid weiß, so ist es Herr Dr. Josef Goebbels. Wir wollen ihn daher heute in der .,Deutschen Fteiheit" Leitartikeln lauen. Jeder der folgenden Sät)e ist ohne Aenderung einer Goebbelsrede in Dortmund entnommen, über die die nationalsozialistische Westfälische Landeszeitung" in ihrer„Folge 340'' unter der Uebcrschrift berichtet:„Der Doktor spricht." Lausige Zelten Es ist nicht wahr, wenn unsere Gegner heute sagen, wie wären demagogisch in den Versammlungen mit feilen Versprechungen wie Brombeeren herumgegangen, im Gegenteil, soweit wir zum Volk sprechen konnten, haben wir gesagt: Es wird eine harte, schwere Dul- dungs-, Opfer- und Leidenszeit geben, und in dieser Zeit muß das Volk darüber entscheiden, ob es überhaupt noch ein nationales Schicksal und eine nationale Zukunft zu vergegenwärtigen hat. Aufhängen! Sie laufen hinter der Zeit her mit einer asthmatischen Beklommenheit. Es find die Menschen, die niemals Ge- schichte machen, für die die Revolution sozusagen ein S e l b st z w e ck ist. Für uns war die Revolution ein Mittel zum Zweck, und der Selbstzweck, den es zu erfüllen galt, ist die Erhaltung des Lebens unseres Volkes.(Bravo!) Wenn mir einer entgegentritt:„Auch im Dritten Reich werde ich ewig Revolution machen", dann kann ich ihm nur zur Antwort geben:„D a n n n i m m d i ch i n a ch t. datzdueinesTagesnichtaufgehängtioirst! Die totale Unpopularität Die nationalsozialistische Staatsführung hatte, als sie die Macht übernahm, auch nicht die Möglichkeit, sich populär zu machen, denn die Zeiten waren vorbei, wo man von der Hand in den Mund leben konnte. Unsere Politik war nun mittlerweile ein ganz ernstes Duell mit dem Schicksal geworden. Entweder oder. Und wir durften deshalb auch nicht davor zurück- schrecken, wenn es nötig war. unpopuläre Matznah- men zu treffen. Das hatten wir auch in der Vergangen- heit getan. Wir waren ja nicht immer populär gewesen, sondern wir waren erst populär geworden, und zwar dadurch, daß wir in der Vergangenheit etwas taten, was die meisten nicht für richtig hielten. Und so wie unsere Politik populär wurde, wurden wir dann auch populär. Auch heute ist es so. Wir müssen manches tun. was der eine oder andere nicht versteht. Wir tun das, weil wir es für richtig halten und weil wir den Nutzen des Paterlandes im Auge hatten. Im allgemeinen ist es ja nicht sehr populär. Keinen Beifall in der Gegenwart Aber ich bin überzeugt, wenn wir durch ein opferreiches Leben nach und nach die deutsche Verschuldung abtragen, datz unsere Enkel uns dafür dankbar sein werden.datz wir es getan habenund datzwir den M u t hatten, unpopulär zu sein. Im Grunde genommen ist es uns nicht darum zu tun. den Beifall der Gegenwart, sondern den der Zukunft zu er- werben. Die Zukunft soll uns verstehen und die Zukunft fcU unsere Namen in das Buch der Geschichte mit Achtung und Ehre eintragen. Nichts Gutes und nur Böses Wir konnten ja auch um so eher unpopulär sein, da wir keiner besonderen Volksgruppe oerpflichtet waren. Es mar nicht etwa so, als hätten uns die Bauern oder die Arbeiter oder die Handwerker gerufen, nein, uns berief das deutsche Volk. Wenn wir einem b e s o n- deren Stand unsere Hilfe angedeihen liehen, dann um damit direkt und indirekt dem Volke selbst zu helfen. Wenn wir beispielsweise sagten, zunächst kommt die Sanierung des Bauerntums, und wenn wir die in die Wege geleitet haben, kommt der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, so taten wir das nicht, weil wir etwa bauernfreundlicher als arbeiterfreundlich ge- wesen, sondern weilwir in dem Bauerntum den Urquell und die Grundlage des deutscheu wartet wurde, herausgezogen hatten, in dem Augenblick in dem wir diese beiden wirtschaftlichen Kardinalprobleme aus dem Wust der ungelösten Fragen, der uns überant- wartet wurde, herausgezogen haben, in dem Augenblick konnten wir auch die allgemeine Aufmerksamkeit, die Arbeit des Staates und des Volkes auf diese beiden Kardinalprobleme konzentrieren. Es ist ganz natürlich, daß die Lösung dieser beiden Probleme auch eine Reihe von Nachteilen mit sich führen muh. Es gibt auf der Welt nun einmal nichts, was n u r gut wäre. Alles Gute mischt sich mit Bösem. Und jeder Vorteil schlicht einen gewissen Nachteil in sich. Wenn man bei- spielsweise sagt, ja, die Preise für Butter, für Gemüse, für Kartoffeln sind gestiegen, so gebe ich das zu? demgegenüber aber steht die grohe Aufgabe, die wir bereits gelöst haben, nämlich die Rettung des deutschen Bauern- tum« und die Ernährung des Volkes aus eigener Scholle. (Aber d>e Bauern sind am meisten enttäuscht. Red. d. «D. F."j Nicht Staatsbürger, sondern Fürsorgezöglinge! Einfach zu kritisieren und zu sagen, dah die Rohstoffe und Devisenvorräte knapper geworden sind, das i st nicht fair, sondern fair ist. Vorteil und Nachteil gegeneinander abzuwägen und zu untersuchen, ob der Vorteil oder der Nachteil bei einer leidenschaftslosen Prü- funggröher ist.(Und was taten Sie in der Republik. Herr Goebbels? Red. d.„D. F") Selbstverständlich haben wir das vorausgesehen. Wenn man mir dann sagt, das hättet ihr dem Volke früher sagen sollen, so sage ich, wir bürden dem Volke keine Sorgen auf. die es gar nicht zu tragen braucht. Die Regierung hat die Pflicht, diese Sor- gen zu tragen, dafür regiert sie ja. D a s V o l k s o l l nicht mit Sorgen belastet werden, sondern mit der Fürsorge der Regierung betreut werden.(Bravo!) Denn das ist ja auch der Sinn des Wortes. Fürsorge heißt da nichts anderes als Vor- sorge, also dah die Regierung sich eher sorge als das Volk sich sorgt. Dashabenwirgetan,weiternichts. In ein«falsches Dorf' marschiert Die Operation, die wir in der deutschen Politik vor- nehmen muhten, war ein Krieg, und die Arbeitsschlacht, die wir führten, war eine Offensive im Wirtsäsaftskampf. Und da muhte einer kommandieren und die anderen marschieren, auch wenn Fehler gemach! wurden. Denn es ist immer noch besser, eine Kompanie marschiert gemeinsam in ein falsches Dorf, als der Hauptmann den Soldaten die Erlaubnis gibt, sich nach rechts und links zu entfernen. Der Millionär als Geldverächter Wir halten uns nicht als zum Genuh geboren, sondern unser Genuh besteht darin, unsere Arbeit und unsere Pflicht zu erfüllen. Wir sind voneinersouveränen Verachtung des Geldes erfüllt. Wenn es ums Geld gegangen wäre, wir wären nicht in die Politik hineingegangen. Es geht uns nicht darum, für die Gegenwart uns Ruhm und Ehre zu er- werben, sondern wir haben nur einen Ehrgeiz, nämlich unseren Namen auf die Nachwelt zu vererben. And gar so großherzig! Nein, wir haben mit Disziplin die Situation gemeistert, und wenn man mir entgegenhält, ja, das hat Opfer ge- kostet. mancheinervondenrotenHetzernhat sein Leben dabei gelassen, dann sage ich Euch, lieber ein paar rote Hetzer über die Klinge springen lassen, als dah das deutsche Volk untergeht. Im übrigen sind mir so großherzig verfahren, wie überhaupt eine Revo- lution verfahren kann. Wir haben uns gewih nicht in unserer Macht gesonnt und haben nicht unser Mütchen an dem Gegner gekühlt, sondern wir haben dem ganzenVolkeunsereoffeneHandentgegen- gehalten. lieber ollem die Parleibonzokralie Es kommen manchmal viele Leute mit der Frage an uns: Jetzt habt ihr alle Parteien aufgelöst, ivarum nicht eure? Du sage ich, nein, wir haben allerdings die anderen Parteien aufgelöst, weil wir gegen die Parteien sind. Mir behalte n aber unsere Partei, um da- für zu sorgen, dah niemals wieder andere Parteien entstehen. Auch die Konfessionen kommen dran Man sagt, man könnte doch den Zeitungen größeren Spielraum geben. Ich kann als alter Fachmann auf diesem Gebiete ein sehr gewichtiges Wort mitsprechen. Ich glaube, es gibt in Deutschland keine Zeitung, die so oft wie die meinige ehemals verboten worden ist, nämlich achtzehnmal, und auch die revolutionäre Sa b o t o g e a r b e i t ist mir nicht ganz fremd. Etwas verstehe ich auch von dem Geschäft. Und wenn ich dann diese albernen Versuche von reaktionären oder konfessionell gebundenen oder jüdischen Krei- s e n vernehme, die sich an uns reiben wollen, da kann ich ihnen nur sagen: A n f ä n g e r l(Stürmischer Beifall.) Ein Nidiföaarländcr im Abstimmangshampf Strafanzeige gegen den Rechtsanwalt Professor Dr. Grimm In den Abstimmungskamps versucht der Nichtsaarländcr Rechtsanwalt Dr. Grimm ans Essen durch öffentliche Reden, ZeitungSanfsätzc in der gleichgeschalteten Presse und durch eine breite Verteidigungsrede in dem am 2t. Dezember statt- findenden Prozeß der„deutschen Front" einzugreifen. Ein Abstimmungsberechtigter hat nun folgende Anzeige erstattet: Saarbrücken, 15. Dezember. An die Staatsanwaltschaft beim Obersten Abstimmugnsgericht Ich stelle hiermit Strasantrag gegen Rechtsanwalt Professor Dr. Grimm, Essen, wegen Beleidigung, Ver- leumdnng und Verstoßes gegen die Verordnung der Re- gierungskommission. Grimm hat ein Buch herausgegeben: „Frankreich an der Laar", in dem er die Anhänger der Ltatus-quo-Vewegung als Verräter und als vo« Frank- reich gekaufte Subjekte bezeichnet. Als ich gestern>» einer Saarbriicker Zeitung las, daß Grimm nicht nnr in Saarbrücken eine politische Rede gehalten hat, sondern daß er auch vor dem Obersten Abstimmungsgericht Pirro und Genoffen am 2t. Dezember verteidigen würde, habe ich mir des Interesses halber sein Ruch in einer Ruch- Handlung hier gekauft. In den Kapiteln:„Der«tatus quo", die„Hoffnung ans Zwietracht und Verwirrung und ganz besonders in dem Abschnitt„Verräter und Interessenten" wimmelt es von Beleidigungen, durch die ich mich als überzeugter Anhänger der Status-guo-Bc- wegung beleidigt fühle. Ich stelle auch wegen dieser Beleidigungen ausdrücklich Strasantrag. Ich bitte die Verhaftung von Grimm durchzuführen, sofern er sich»och aus saarländischem Roden befindet oder sobald er den saarländischen Bode» betritt. Er ist fluchtvcrdächtig, da er durch eine Flucht ins dritte Reich sich jeder Verantwortung entziehen kann. Bon dem Veranlaßtcn bitte ich mich in Kenntnis ä« setzen, sobald die Anklage erhoben ist, will ich mich dem Verfahren als Nebenkläger anschließen. aoi Itntovtzfirift Die Wiliielmslraße gegen„Sonderbeanffragte" Der verhinderte Diplomat Dadoif Heß Paris, 15. Dezember. (Von unserem Korrespondenten! Der Sieg der Wilhelmstraßc, d. h. des Auswärtigen Amtes i» Berlin über die Nazipolitiker tritt deutlich da- durch in Erscheinung, daß jetzt plötzlich G e h e i in r a t Asch mann, der als Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt dieses in der Reichsprenestcllc. dem Propaganda- Ministerium, vertritt, nach Paris entsandt ivorde» ist. Wie die„Deutsche Freiheit" schon mitteilen konnte, war die ziiustige Diplomatie in Hitler-Deutschland keineswegs erbaut davon, daß Herr von Ribbentrop ständig als„Ton- derbotschaftcr" des„Reichssiihrers" i» der Welkgeschichte herumreiste, ohne daß er der Kontrolle des Auswärtigen Amtes unterstand: nun sollte auch»och der„Ltellver- treter des Führers" die Wilhelmstraße unentbehrlich machen. Das ivar den Herren im Auswärtigen Amt etwas zu viel. Ein feines Spiel, über dessen Einzelheiten man wohl kaum amtlicherscits Auskunft erhalten wird, führte dazu, daß im letzten Augenblick Herr Heß zurückgepfiffen wurde. Jetzt hat man Geheimrat Aschinaun auf die Reise nach Paris geschickt. Soll er etwa nur Quartiermacher für Heß iverdeu, der nach der Saarabstimmung hierherkommen mochte? Es scheint nicht so. Man rechnet sogar hier damit, daß die Heßrcise aus den Sankt Nimmerleinstag ver- schoben ist. Aber Aschmann kommt»ach Herrn von Ribben- trop und nach einem anderen, mit dem die Wilhelmstraße immer gern zusammengearbeitet hat, Herrn von Lersner. Er kommt in dem Augenblick, wo Litwinow in Berlin seinem deutschen Kollegen Herrn von Neurath deutlich er- klärt, daß Sonderverhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich genau so unmöglich sind ivie solche zwischen Deutichlaub und Sowjet-Rußland. Die conditio sinene Ansammlung vor dem Schuh- bans Mann, die jedoch bald zerstreut wurde, nachdem man den Demonstranten mitgeteilt hatte, daß die hiesige Polizei den Sohn dcb Inhabers Franz Mann bereits am Nach- mittag in Schutzhaft genommen hatte." ^DEUTSCHLAND HITLER Braune Justiz „In der ganzen Welt geht das Bestreben dabin, die Rechtsprechung aus dem Abstrakten zu lösen und mit dem Volksgesühl in Einklang zu bringen. A» der Saar geht man den umgekehrten Weg" £o schreibt die„Saarbrücker Zeitung" zu der Verur- teilnng des Hausmeisters der Landesleitung der„deutschen Front", Karl Zager, der wegen Widerstandsleistuna und Beamtenbeleidigung vom Obersten Abstimnmngsgericht zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Er hatte eine .kraussuchunq bei der„deutschen Front" mit allen Mitteln xu verhindern versucht, und das Oberste Abttimmungs- gericht hat ibm die gebührende Antwort gegeben. Das Ur- teil wird daher in der deutschen Presse als volkssrcmd und drakonisch gekennzeichnet. T.e„deutsche Fron." stellt die Erschütterung der ganzen Saarbevölkeruna über dieses Urteil fest, nennt den Voriall eine Lappalie und schreit ^Am"gleichen'^?äqt. als Herr Jäger zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt ivurbe. bat in Tort»,und ein Prozeß wcae» sogenannter Porbereitung zum Hochverrat gegen<8 AnuZaschststen stattgesu..den. Menschen die„Saarbrücker Zeituna" sollte es sich merken welche nichts weiter ge- öls den Versuch gemacht, ihre Meinung trci zu äußern Sie babeii keineiu Schupo, keinem SA.-Mann etwa^ xule de getan, sondern durch Verbreitung von Flug- blättern die wahre Situation i» Teutschland gekennzeichnet, blättern> ou n Acitung tnr ein solches Beginnen eine Tnrchschnittsstrase von anderthalb Jahren Zuchthaus >^ i„ielleicht auch volksfremd. nnd iit es Nicht oder GesangnIS v'elle.m^a insgesamt"7.8 »8 8 sabre Gefängnis verhängt worden Au-Hth°u»""^en die Protesiruse der„deutschen Fron." ^ z barbarischen Urteils, das doch zeigt, wie SÄJtuiS#.*™>.-«-»»«-x-K aus dem Abstrakten zu losen. Programm der Einheitsfront nadi dem Siede Clemenceaus Saarfranzosen Tie„Saar Volksstimmc" setzt ihre Enthüllungen über Elcmeneeaus Saariranzosen fort. Heute bringt sie das Schreiben einer grosten Anzahl von Einwohnern von Griesborn an Clemenceau. TaS Schreiben hat folgenden Wortlaut: „An Ministerpräsidenten Elcmcnccan. Wir Unterzeichneten wenden uns an Herrn Minister- Präsidenten mit der Ritte, dafür eintreten zu wollen, dasi wir möglichst bald der französischen Republik als gleich- berechtigter Rcstandteil angehören dürfen. Geographisch haben wir von jeher zu Lothringen gehört und Wirtschaft- lich sind wir nicht von ihm zu trennen. Unsere Lebens- interesten erfordern unter allen Umständen den Anschluß ans alte Mutterland. Tie preußische Berwal- tung hat uns nach allen Regeln der Kunst geknechtet und ganz besonders in diesem Kriege. Sic hat die o st preußischen Junker hier in die Verwaltung geletzt, um unsere innersten Gefühle mit allen Mitteln zu dämmen und auszurotten. Indem wir über- zeugt sind, dstß uns Frankreich Gerechtigkeit bringen wird, wiederholen wir unseren Wunsch Fran- zoscn zu werde n." Tiefes Schreiben ist seinerzeit von einer Anzahl von Per- sonen unterzeichnet worden, die heute aktiv i» der Röchling- Pirro-Front tätig sind, nnd die namentlich von der„«aar- Volksitimme" ausgeführt werden.. Während der französischen Besatznngszeit sind diese Leute der marxistischen Arbeiterschaft in ihrem Kamps um die Er- Haltung der deutschen Taar in den Rücken getollen. e u t? wagen dieselben Leute, für iich das ..? c u t s ch t u m" in Erbpacht z n n e h m_cn, und diejenigen deutschen Männer und Frauen,^dic die—aar vor der Hitlerbarbarei bewahren wollen, als„Separatisten" und „Landesverräter" zu beschimpfen. Erslfduingsfod? Saarfragen in der Pariser Presse Paris, den 14. Dezember. (Von unscrm Korrespondenten) Tiejenigen, die sich nicht erst seit heute und gestern mit dem Taarproblem beschäftigen, wissen acnau— und sie denken mit Schrecken an die Folgen— daß in Genf durch- aus nicht alle die wirtschaftlichen Fragen gelöst worden sind, die nach dem 13. Januar ihrer Lösung harren. Taran erinnert Paul Elbcl in„L'Ordre". Er fragt, was werde geschehen, wenn Teutschland am 13. Januar die Mehrheit erhalte? Werde man es dann erleben, daß eine scharfe Zollgrenze sich zwischen Frankreich und dem Saar gebiet evhebcn werde? Werde Frankreich dann von einem Tage zum anderen diese gewaltig große Kundschaft ver Heien? Werde umgekeh-rt die Saar verurteilt werden, de» Erstickungstod zu sterben, weil sie in Frankreich nicht mehr den notwendigen Absatzmarkt finden werde? Tic Frage sei schicksalsschwer, ebenso sur die fran- zösischen Exporteure wie für die Saarbevölkcrung selbst, die sich in einigen Wochen einer furchtbaren Krise der Uoberproduktion. Arbeitslosigkeit nnd allgemeinen Tcuc- rung gcgenüberfehen könne. Nun gibt die Saar auch schon zu humorvollen Exkursen in Frankreich Anlaß. Ter in der Stavistn-A'täre vielgenannte Polizei-Inspektor Bonn war kürzlich verhaltet worden. Er drohte mit Enthüllungen, weigerte stch aber vordem Stavisky-Ausfthnß der Kammer, seine Geheimnisse 31 nt SDfittttfod) ift nun feine fticilöiuntß er- folgt, und humorvoll bemerkt„Petit Bleu" aus diesem An- ^,',Kanm hat Bonn im Triumph das Gefängnis verlassen, da soll er auch schon in seiner Eigenschaft als Spezialist für Diskretionen in das Saargebict geschickt werben, um— das Wahlgeheimnis zu sichern..." Tie sozialistisch-kommunistische Einheitsfront im Taar- gebiet erläßt einen durch ihre Führer Max Braun und Fritz Pfordt gezeichneten Aufruf, der als Grundlage und Richtschnur ihres Handelns für den Ausbau des Selbstbeftimmungörechts der Taarbevölke- rung nach dem Siege des Status quo folgende programmatische Forderungen erhebt: 1. Das Saargcbiet ist d e u t s ch und wird auch während der Uebergangszeit bis zum Anschluß an ein freies Teutschland deutsch bleiben. Darum Erhaltung und Pflege deutscher Sprache und deutscher Kultur unter Ausschaltung der nationalistischen Kriegs-, Völker- und Rasicnvcrhestnng. 2. Uneingeschränkte Vertammlungs-, Presie-, Koalitions- nnd Streiksreiheit. Freiheit der politischen Gesinnung und Betätigung. Unverlcßlichkcit der politischen, gcwcrk- schastlichcn und gewerbliche» Organisationen der Ar- bciter, Beamten, Bauer», des Handwerks und des Kleinhandels. 3. Freiheit der religiösen und weltanschaulichen Bekennt- niste. Unverlctzlichkeit der kirchlichen Einrichtungen, der konfessionellen Organisationen und Vereine. 4. Säuberung der Justiz, der Polizei und des Landjäger- korpo, des Schulwesens, des gesamten übrigen Staats- apparates und der Sclbstvcrwaltnngskörperschastcn von aktiven Agenten der Allrckel und Pirro. Gewährung einer umsastcndcn Amnestie. o. Erhöhung der Reallöhne und der kleinen Gehälter. Er- höhung der durch die Genfer Beschlüste bereits garan- tierten Renten und aller sonstigen Sozialbezüge. Aus- reichende Unterstützungen für alle Erwerbslose und Wohlsahrtsempsänger einschließlich der Jugendlichen und der Frauen. Allgemein verbindliche Tarife. Von den Belegschaften gewählte nnd von den Unternehmern unabhängige Betriebsräte. Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Beseitigung des Krümper- systems Entlassnngsschutz durch Mitbestimmung der Betriebsräte. Ausbau des Arbeitsrechts und der Sozial- Versicherung. 6. Verbot des militarisierten Arbeitsdienstes und jeder Form von Zwangsarbeit. Großzügige Arbeitsbeschas- sungsmaßnahmcn zu tariflichen Bedingungen unter be- sonderer Berücksichtigung der Jugend. Sicherstellung der Berufsausbildung der Jugend. 7. Staatliche Selbstverwaltung derjenigen Gruben, deren Rückgabe von der französischen Regierung bereits zu- gesichert wurde, nnd Verbot ihrer Auslieferung an das Privatkapital. Ausschaltung wucherischer Monopolgewinne bei der Strombelieserung und Aushebung volksschädigender Verträge der Gemeinden mit Privat- kapitalisten. Bereitstellung von billigen Hppotheken und sonstigen Krediten für die kleineren und mittleren Be- triebe in Landwirtschaft, Handel und Gewerbe För- deruug der klein- und mittclbäucrlichen Produktion unter schärfster Ablehnung des Erbhosgesetzes und des im„dritten Reich" bestehenden Abliefernngszwanges. Sicherung des bäuerlichen Absatzes zu ausreichenden Preise». Herabsetzung der massenbelastenden Steuern nnd Abgaben auch für de» Mittelstand, für die Bauern, Kleinhändler, Handwerker usw. Besonderer Schutz des klein- und mittelbäuerlichen Besitztums. 8. Beibehaltung der stabilen Währung und Schutz gegen Jnflationsvcrluste durch den bereits begonnenen Niark- stürz. Sicherung aller saarländischen Rechte aus Reichs- markforderungcn. 3. Einführung scharfer Besitzstcucrn unter gleichzeitiger Erhöhung des steuerlichen Existenzminimums der Minderbemittelten. Kürzung der überhöhten Gehälter bei den Behörden: Sonderbefteuerung der hohen Ein- kommen, der Dividenden und Aussichtsratstanticmcn in den Privatbetrieben, lll. Neuorganisation des Bildungswcsens einschließlich der wissenschaftlichen und künstlerischen Fortbildung. Schaf- sung eines Hochschulwesens. Unterdrückung jeder Kultur- rcaktion. Unentgeltliche Zulassung der Kinder der Werk- tätigen z» sämtlichen Bildungsanstalten. Die Einheitsfront erklärt, daß dieses Pro- gramm ein unveräußerlicher Bestandteil ihres Kau.pses nm die Rechte und Freiheiten des Volkes darstellt. Jede einzelne dieser selbstverständlichen Lebenssorderungcn eines srciheitliebcndcn Volkes wird im Reich der braunen Volköbedrttcker nnd Kulturzerstörer mit Füßen getreten, mit Konzentrationslager verfolgt nnd der Kampf für sie mit Kerker nnd Schafott geahndet. Schon die bloße Erwähnung solcher Forderungen, jede Erinnerung der Teutsch-Front- Werktätigen an die früher gemochten Versprechungen würden in einem gleichgeschalteten, braunen Saargcbiet als Mies- machertum, als Hoch- und Landesverrat bestraft werden. Um Freiheit nnd Zukunft des Saarvolks zu sichern, um dem deutschen Volk bei der Niederwerfung der Knechtichast zu Helsen, müssen alle Schichten des schassenden Volkes, ob Kommunisten oder Sozialdemokraten, ob Katholiken oder Werktätige in der..Deutsche» Front" sich in der Volks- front gegen Hitler vereinigen und den Tieg des Status auo erkämpfen! Deshalb rufen wir das ganze schaffende Volk an der Saar znr Riesen-Heerschau der Volksfront gegen Hitler am fi Januar in Saarbrücken auf. Sulzbach— das war der Aufmarsch d e s T u r ch b r u ch s! T e r li. I a n u a r— das wird der Aufmarsch des Sieges sein! Keiner, der die Freiheit des Volkes.-liebt, keiner, dem die Zukunft des Saarvolks, die Zukunft Teutschlands am Herzen liegt, darf in den Reihen der gigantischen A r-m c e fehlen, die am li. Januar in Saarbrücken den Sieg des Status quo verkündet! Für die Freiheit— gegen die Knechtschaft! Für den Frieden— gegen den Krieg! Für Deutschland— gegen Hitler! Alles am 6. Januar noch Saarbrücken! Im Namen der Einheitsfront: M a x 3) r a u n F r i tz P f o r o t Warnung an die Konfessionelle lügend der Saar Von protestantischer Seite wird uns folgendes vertrauliche Schreiben des R ei c Ii s fügen d p f a r• r e r s an den Reichsjugendführer zur Verfügung gestellt: »Ich muß von dem Reichsjugendführer verlangen, daß er jeder dienstlichen oder moralischen Tegradierung eines evan- gelischcn Jungen oder Mädels, das selber Wert aus ein ehr- liches El,ristsei» und aus die Beteiligung an kirchlichen Ver- anstaltiingen legt, mit ungeschminkter Deutlichkeit entgegen- tritt. TaS wäre eine längst fällige Pflicht der Anständigkeit gegenüber dem Vertragspartner vom IS. 12. 193.3. Ich hatte mir nicht träumen lassen, daß ich als Pfarrer mich einer Sache annehmen müßte, die scheinbar bei der HJ. in besten Händen war, tatsächlich aber von ihr dauernd mit Füßen getreten wird, nämlich der Ehre der von mir eingcliederten Jugend. Ter Kampf für die Ehre der Jugend ist nicht nur das Vor- recht, sondern auch in allererster Linie die Pflicht gegenüber der evangelischeil Jugend in der HJ., so macht er damit die Eingliederung nachträglich rückgängig gegen Treu nnd Glauben des Abkommens vom 19. 12. 1933. Spricht der Reichsjugendführer nicht in kürzester Frist vor seiner gesamten Jugend und vor der gesamten Führerschaft ei» sehr deutliches Befehlswort für die Achtung vor aller chrtstlichen Jugendarbeit, für die dauernde persönliche Ver- bindung aller seiner Unterführer mit den zuständigen Jugcndarbeitern der evangelischen Kirche zwecks sofortiger Bereinigung jedweder Unstimmigkeit und gegen jedwede Be- Hinderung evangelischer Jugendarbeit, und ist er nicht in der Lage, die Durchführung eines solchen Befehls zu erreichen, so kann ich die'Verantwortung für ein Verbleiben der«in- der evangelischer Eltern, der ttonsirmanden und der von mir eingegliederten Jugend in der HJ. nicht mehr tragen Ter Reichsjugendführer sagt:„lieber Konfession wird bei uiis nicht gesprochen." In Wirklichkeit wird in zahlreichen .rührerschnlen eine intensive Werbung für die Hauer- Bewegung oder für ein christenlnmseindliches Verhalten ge- trieben. Tic versteckte oder offene Wühlarbeit gegen das Ehristentum verträgt sich nicht mit einem ehrlichen Verhält» nis von HJ. und evangelischer Kirche, besonders bann nicht, wenn nach außen scheinbar alles in Ordnung und die„kon- scssionelle Neutralität" gewahrt ist. Eine Jugend wird durch dieses doppelte Gesicht der Führerschulen zum Lügner erzogen und nirgendwo ift Lüge so schmutzig wie in religiösen Dingen. Meine künftige Zusammenarbeit mit dem Reichsjugend- sichrer wird davon abhängen, ob er wieder ein von ehr- sicher Verantwortung getragenes Kameradjchaftsverhältnis znr evangelischen Jugend erstrebt oder ob er mich mit mehr oder weniger lonale» Erklärungen oder auch mit bedcut- samem Schweigen hinzuhalten versucht. Wenn wir uns nicht endlich wieder mit offenem Visier begegnen, ist in der Tat jede Fühlungnahme überflüssig. Das Ausweichen des ReichsjngendsiiHrers in den entscheidenden Fragen, die zwischen Kirche nnd HJ. vorhanden sind, erscheint mir weder mutig noch ehrlich und muß ein Ende finden. Tic Konsequenzen, die Sie, Reichsjugendführer, aus dem Vorstehenden ziehen könne», liegen nahe genug! Ziehen Sie sie sofort, klar und energisch: Sonst werde ich sie in Pflicht- gemäßer Ausübung meines Amtes ziehen." An der Saar nichts Neues Das„Rachrichtenblati der Snnagegen-Gcmeinde des Saargebiets" bringt folgende Mitteilung: „Wie man sich in manchen Kreisen eine Rückgliederung vorstellt, geht aus folgendem„Gedicht" hervor, das einem unserer Gemeindemitglicdcr, selbstverständlich ohne daß der „Dichter" sich mit seinem Namen genannt hätte,zugegangen ist: Tag des Zornes. Tag der Tränen! wird die Jude» ans dem Saarland kehren! Handgranatc», statt„Manna" werden fallen! Und statt im Jordan, muß Ihnen ein Bad in der Saar sgefallen. Das Original befindet sich in unsere» Händen. Wir haben weder die schlechten Verse, noch das schlechte Deutsch zu ver- bessern versucht. Ter Inhalt spricht die Wünsche und die Ab- sichten des Autors deutlich aus. Diesen Wünschen nnd Ab- sichten ist die berüchtigte Nummer 47 von„Westland" bereits mit der Lieferung von Adrcsscnmaterial zuvorgekommen," «Deutsche Freiheit", Nr. 281 ARBEIT UND WIRTSCHAFT Saarbrücken, Sonntag'Montag, 16.17. Dezember 1934 Sieg der„alte» Kämpfer" des Kapitalismus Leicht macht es der Schacht den nationalsozialistischen Demagogen ja gerade nicht, ihre sozialistischen Phrasen noch an den Mann zu bringen. Jedes Wort, das er spricht, ist ein Bekenntnis zum Kapitalismus, und seine Taten gar räumen mit allen Versprechungen des Iiitier und seiner Bande ganz radikal auf. Da ist zunächst der„Neuaufbau der deutschen gewerblichen Wirtschaft". Aber wer etwa gemeint hat. jetzt käme endlich die berühmte Ständeorganisation. in der die Klassenunterschiede aufgeholten und Arbeiter und Unternehmer in schöner Harmonie die Vi irtschaft aus nationalistischem Geist gestalten, der wäre schief gewickelt. Die Wirtschaft wird fachlich und regional gegliedert. Fachlich zerfällt sie in sieben Boichs- g r u p p e n: Industrie, Handel, Banken Versicherungen und Energiewirtschaft. Diese Reichsgruppen teilen sich in Wirtschaftsgruppen und je nach Bedarf in Fachgruppen. Die verschiedenen Untergruppen werden örtlich in Wirtschaftsbezirken zusammengefaßt, deren Bereich dem der Industrie- und Handelskammern entspricht. Mit diesen zusammen sowie mit den Handwerkskammern bilden sie die W irtschaftskammcrn der einzelnen Bezirke: der Zahl der Handelskammer entspcchend wird es somit dreizehn M irtschaftskammcrn. Die Vertreter dieser Wirt Schaftskammern bilden mit den Vertretern der Reichsgruppen die Reich swirtschaftskammer D.ese erhält einen Beirat, der sich aus den Leitern der Feidisaruppen und dei Hzuptgrrppen der Industrie, der Wir!schaftskammern und dem Vorstand der Reichswirt- Schaftskammer, den der Wirtschaftsminister ernennt, zusammensetzt. Dieser Beirat ist das beratende Organ des Ministers in allen Wirtschaftsangelegenheiten. Die vollständige Entrechtung der Arbeiterschaft W hs bedeutet das? Nichts anderes, als daß die alten kapitalistischen Unternehmerorganisationen im wesentlichen unverändert bestehen bleiben. Was jetzt Rcichsgruppe der Industrie heißt, hieß eine Zeitlang Reichsstand der Industrie und ist nichts anderes als der alte Reichsverband der Industrie. Nur daß jetzt die Unternehmer- Organisation noch gestärkt ist dadurch, daß die Zugehörigkeit zu ihr obligatorisch ist. Nur daß diese Unternehmerorganisationen— denn was für die Industrie gilt, gilt ebenso für die Banken, den Handel usw.— jetzt die einzigen Organisationen sind, die ihren gewaltigen Einfluß bei der Gestaltung der Wirtschaftspolitik offiziell in die Wagschale werfen können. Das ist der Skandal! Während die Ber.p/sorganisationen der Unternehmer völlig erhalten bleiben und ihre Funktionen voll erfüllen können, ebenso wie die Handelskammern, während ihnen im «dritten Reich" die Mitwirkung an der Wirtschaftspolitik offiziell eingeräumt wird, sind die Arbeiterorganisationen völlig stillgelegt, haben die Arbeiter nur die Pflicht. Beiträge für die nationalsozialistischen Organisationen zu leisten und«Kraft durch Freude" zu sammeln. Von jeder auch noch so geringer Mitwirkung sind sie im nationalsozialistischen Reich ausgeschlossen. Wir wollen gar n cht davon reden, daß in der Republik das Mitbestimmungsrecht der Arbeitnehmerschaft an der Wirtsshafts- geslaltung ausdrücklich in der Verfassung festgelegt war, daß im Reichswirtschaftsrat Arbeiter und Unternehmer in gleicher Zahl und Stärke vertreten waren: aber selbst in faschistischen Staaten, in Italien und Oesterreich, sind die Arbeiterorganisationen mit den Unternehinerorganisationen zu den Korporationen zusammengefaßt, wird ihnen, gefesselt durch die Unterstellung unter die faschistische Parteidiktatur wie sie sind, doch eine Möglichkeit der Betätigung noch gelassen. Die Wirtschaft zur reinen Domäne der Kapitalisten allein zu erklären, die Schamlosigkeit der Entrechtung der Arbeiter so weit zu treiben, das ist dem Hitler und seinem Schacht überlassen geblieben! Der..Neuaufbau" gestattet zugleich Schacht seine persönliche Diktatur über die Wirtschaft noch zu befestigen. Der bisherige„Führer der Wirtschaft", der Graf von der Goltz, verschwindet. Schacht ernennt die Leiter der Reichsgruppen und den Vorstand der ReichswirtSchaftskammer. Zunächst hat er den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Hannover. Ernst Heck er, zum Leiter der Reichs wirt Schaftskammer ernannt. Der Herr ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Ilseder Hütte, ein verläßlicher„alter Kämpfer" des Kapitalis- m u s. Sein Stellvertreter ist der„Professor" Carl L u e r, der im„dritten Reich" Präsident der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt a. M. geworden war und in zahlreichen Reden immer wieder auseinandergesetzt hat, daß der richtig verstandene„deutsche Sozialismus" und der Kapitalismus keine Gegensätze sind. Jedenfalls zeigt die Besetzung der leitenden Stellen mit Leuten, die nichts anderes sind als reine kapitalistische Interessen Vertreter, ebenso wie der Aufbau der Organisa I ion die fortschreitende Verflechtung der kapitalistischen mit der politischen Macht. Nationalsozialistische Diktatur und kapitalistischer Wirtschaftsmarkt sind im Begriffe, unter Führung vom Schacht und Hitler zu einer Zwei einigkeit zu werden, der alle..antikapitalistischen" Tendenzen rücksichtslos geopfert werden. Ksine Sozialiaierung der Banken Dies zeigt sich auch auf einem anderen Gebiet der Wirtschaft. das Schacht eben..neugeordnet'" hat, auf dem des Bankwesens Man erinnert sich noch der Banken cpiete und des D'-rlls. das damals zwischen Schacht und Feder der noch Staatssekretär II» Wirtschaftsministeriuni war ausgofochten wurde. Feder kämpfte für seine Brechung der Zinsknechtschaft und vertrat einigermaßen die Sozialisierung der Banken. Schon damals wurde die Niederlage Feders sichtbar und im Siege Schachts, der mit Eifer das Privatbanksystem vertrat, konnte nicht gezweifelt werden. Der Enqueteausschuß hat denn auch in seinem Bericht erklärt, daß die„private Initiative mit eigener Verantwortung die zweckmäßigste Organisation der Kreditfähigkeit darstellt" und„die Wahrung und Wiederherstellung der Ertragsfähigkeit des Gewerbes" gefordert. Das eben vom Kabinett erlassene Bankgesetz trägt diesen Grundsätzen voll Rechnung. Von einer Sozialisierung der Banken, von planmäßiger Lenkung des Kredits ist natürlich keine Rede. Nicht einmal die Forderung nach Trennung der Geschäftshanken von den Depositenhanken, die in diesem Jahre in den Vereinigten Staaten und in Belgien durchgeführt wurde, ist berücksichtigt worden, ebensowenig die der Zerlegung der Großbanken in Regionalbanken. Nur die Reichsaufsicht, die nach der Bankenkrise bereits geschaffen worden war, ist etwas verstärkt und trotz ihres Widerstandes auf die Sparkassen ausgedehnt worden. 8 Milliarden schwebender Schulden Aber gerade dieser Umstand ist bedeutsam. Die finanzielle Hauptsorge der Diktatur bildet ja die ungeheure schwebende Srhulm, die sie aufgehäuft hat. Rechnet man die schwebende Schuld des Reiches, der Länder und Gemeinden. die Steuergutscheine und die Arbeitsbe- sch äff ungs Wechsel zusammen, so kommt man zu einer Summe von etwa 8 Milliarden Mark. De Fuüdierung wenigstens eines Teils dieser Summe ist das heißersehnte Ziel der Finanzpolitik der Diktatur. Deshalb sucht die Diktatur ihre Verfügunsmacht über die Kreditinstitute zu verstärken. Sie sollen ihre Mittel soweit wie möglich für die Aufnahme der Schatzwechsel, der Steuergutseheiiie und der Arheitsbeschaffungsweehsel zur Verfügung stellen, sie sollen die Reichsanleihen kaufen und die Kurse heben, damit Konversionen und neue Anleihen möglich werden. Wie die Industrie von allen„sozialistischen Experimenten" geschützt werden soll, dafür aber der Erhaltung der Diktatur und ihrem Machtstreben dienstbar gemacht wird, so werden auch die Banken als privatkapitalistische Organisationen erhalten, ja den in der Krise in die Macht des Staates gefallenen der Weg der Reprivatisierung eröffnet. aber um den Preis, daß sie die Mittel ihrer Kunden der Finanzgeharung der Diktatur zur Verfügung stellen. Und der arme Feder, dem in seiner krausen Vorstellung eine so ganz andere Lösung vorschwebte, wird zur Be- sieglung des Bundes zwischen Bankenmacht und Diktatur unbarmherzig in die Wüste des dauernden Ruhestandes geschickt. Schacht triumphiert, denn mit seinem Verfasser hofft er das ganze nationalsozialistische Programm endgültig in den Ruhestand versetzt zu haben. ,.Festsetzung von Höchstdividenden" Der gleichen Sorge um eine Stützung des Anleihemarktes dient auch eine Neuregluug des sogenannten Anleihe- stockgesetjes. In den nächsten drei Jahren dürfen Aktiengesellschaften nicht mehr als 6 Prozent in bar auszahlen. wenn sie auch vorher nicht mehr als 6 Prozent gegeben haben, und nicht mehr als 8 Prozent, wenn sie früher schon 8 oder mehr Prozent verteilt hatten. Alles, was über 6 respektive 8 Prozent an Dividende ausgeschüttet werden soll, muß der Golddiskonthank, der Tochtergesellschaft der Reichshank, überwiesen werden. Diese wird diese Beträge in Reichsanleihen anlegen, die für die Fortsetzung der Arbeitsbeschaffung(lies Rüstungen) verwandt werden. Nach drei Jahren, wenn der erste Abschnitt von Hitlers Fünfjahresplan abgelaufen ist. sollen die Aktionäre die Dividende ausgezahlt bekommen— wenn dann die Anleihen noch einen Wert haben. Es ist eine ziemlich verzweifelte Maßnahme, und da die Anzahl der Gesellschaften, die über 8 Prozent Dividende verschütten können, ziemlich gering geworden ist, so wird der Betrag, der da gewonnen wird, zunächst auf 40 Millionen jährlich geschätzt. Einen Teil dieses künftig entgehenden Gewinns werden übrigens die Eingeweihten durch umfangreiche Baissespekulationen, die die scharfen Kursrückgänge auf den deutschen Aktienmärkten erkennen lassen, sich bereits gesichert haben. Aber so such- lieh unbedeutend die Maßnahme ist, die ja den Ueberschuß nicht etwa konfisziert, sondern eine Auszahlung nur auf drei Jahre hinausschiebt, so trefflich läßt sie sieh für die nationale Demagogige ausheuten. Ist diese„Festsetzung von Höchstdividenden" nicht endlich mal etwas Sozialistisches? Wird nicht den müßigen Kuponschneidern gezeigt, wie im„dritteil Reich" Gemeinnutz vor Eigennutz geht? Von 40 Millionen wird nicht geredet und kein Vergleich gezogen werden zwischen dieser Bagatelle und den Milliarden, die durch Kürzung der Löhne, der Arbeitslosen- Unterstützungen und Sozialrenten für die Politik der Diktatur den Arbeitern erpreßt worden sind. Aber wird die Demagogie auch wirklich noch viel nützen? Uebertönt nicht heute schon die Sprache der Tatsache immer mehr auch die Lautsprecher der Propaganda? Dr. Richard Kern. Produktionsrückgang im Ruhrgebiet Verteuerte Kohlen für Arbeitslose Die nieder rheinische Industrie- und Handelskammer Duisburg-Wesel bemerkt in einem Berieht über die Wirtschaftslage des Industriegebietes im abgelaufenen Monat kleinlaut, daß sich die Lage nicht wesent! ch geändert hätte. Die saisonmäßig bedingte Absdiwächung hielt sich in wich- tigen Industriezweigen größtenteils in ziemlich engen Grenzen. Aus dieser Bemerkung geht deutlich hervor, daß die Produktion zurückgegangen ist und in einzelnen sogar recht erheblich. Gleichzeitig bestätigt die Handelskammer, daß das Außenhandelsgeschäft — infolge der bekannten Umstände— auch im Laufe des November sehr ruhig verlief. Deutsche Handelskammer in London In diesen Tagen fand in London eine Sitzung des vorbereitenden Ausschus-es zur Gründung einer deutschen Handelskammer statt. Der stellvertretende Landesgruppenleiter der NSDAP.— so was gibt es auch in London— Dr. Markau, berichtet über h": Ziele dieser Handelskammer wie folgt: Solange sich die gegenseitige Wirtschaft in den geläufigen Bahnen der Vergangenheit abgespielt habe, sei eine deutsche Handelskammer in London zwar notwendig, aber Ii cht gerade unerläßlich geworden Die heutigen Zoll- und Devisenmaßnahmeu ergäben eine fortdauernde Veränderung der preisbildenden Faktoren und führten neben wachsender Unsicherheit zu steigenden Absatzschwierigkeiten Die Bekämpfung beider Erscheinungen durch eine Informationszentrale am Ort, wie sie die deutsche Handelskammer schaffen wolle, sei daher keine Luxuseinrichtung, sondern ein träglicher Gebrauchsgegenstand. Man wolle aber nicht nur zeitraubende Rückfragen in Deutschland vermeiden, sondern auch praktische Vorschläge für die weitere Ausgestaltung.der Handelsbeziehungen in gründlich durchdachter Form an die zuständigen Stellen weiterleiten. Danehen solle der Vermittlung von Kompensationsgeschäften, wie sie bereits von der deutschen Handelskammer in Neuyork beschlossen worden ist. ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. London als Zentrale des Empire-Geschäftes sei ein idealer Platz, um derartige Kompensationsgeschäfte einzuleiten, da man hier alle Möglichkeiten habe, sich über Preislagen, Qualität usw. aller Empire-Güter zu orientieren und London auch geldtechnisch der Umschlagsplatz zahlreicher Geschäfte aus dem Empire sei. Daß all diese Ziele das lebhafte Interesse von Handel und Industrie fänden, sei schon allein daraus zu ersehen, daß ohne besondere VI erbung von Seiten des Ausschusses bereits siebzig Beitrittserklärungen vorlägen." Nach den Ausführungen des Goebbels-Sendlings Dr. Markau hat die Versammlung die Gründung der deutschen Handelskammer in London beschlossen. Daß diese Handelskammer vor allem den Zweck haben wird, die englische öffentliche Meinunr für das„dritte Reich" und seine korrupten Wirtachaftsmethoden zu gewinnen, steht außerhalb jeden Zweifels. Hier wird unter dem Vorwand einer Förderung der wirtschaftlichen Handelsbeziehungen eine neue Zentrale für die Goebbelspropaganda geschaffen. Früher 8 Mark, jetzt 16,50 Mark der Karren! Innerhalb des Wirtschaftsbezirks Zwickau gab es bereits in der Zeit des„verhaßten Systems" der Republik für dio Winternionate Kohlen für die Arbeitslosen uud Invaliden. Diese Kohlen wurden zu einem erheblich verbilligten Preise abgegeben. Im Herbst 1932 waren diese Kohlen mit 10 Mark pro Karren(das sind 10 Zentner) veranschlagt. Damals machte die sozialdemokratische Fraktion einen neuen Vorstoß. um eine weitere Verbilligetug zu erreichen. Es gelang ihr auch, diese Arheitsloseukohlen auf 8 Mark pro Karren herabzudrücken. Den Nazis war aus agitatorischen Gründen die Ermäßigung damals noch zu niedrig und sie rissen den Mund weit auf. Nun kamen die Nazis ja am 30. Januar 1933 zur Macht und halten im Herbst 1933 reichlich Gelegenheit, ihre Fürsorge den Armen gegenüber zu beweisen. Aber wie sah die Praxis aus? Dieselbe Menge Steinkohlen, die unter der„System- Wirtschaft", dank der Tätigkeit der Sozialdemokratie, nur 8 Mark kosteten, verteuerten die Nazi im Herbst 1933 auf 13.10 Mark. Schon im ersten Krgieriingsjahr der Nazis mußten die Arbeitslosen und Invaliden 5 40 Mark mehr bezahlen. Doch in diesem Jahre haben sich die Nazis das Tollste geleistet. Die Verbilligung dieser Kohle ist gänzlich in Wegfall gekommen. Auf den Kohlenscheinen, die ausgegeben wurden, steht in schlichter deutscher Sprache geschrieben: Das Wohlfahrtsamt kann den Hilfsbedürftigen dieses Jahr Kohlen zu einem verbilligten Preise nicht abgeben. Der neue Preis beträgt demnach für einen Karren frei Haus Würfel 1 16.50 Mark.(Vor Hitlers Rettung Deutschlands nur 8 Mark!) Die Kohlen sind also für Arbeitslose gegenüber denen des verhaßten Systems um über 100 Prozent teurer geworden und kosten den im Handel üblichen Preis. Darüber hinaus aber wird wie folgt verfahren: Hilfsbedürftigen, die diese Kohlen nicht nehmen wollen, weil sie ja keine Hilfe darstellen, wird gedroht, daß sie dann keine Kohlen au» dem Winterhilfswerk erhalten, wenn die teuren Kohlen von ihnen nicht abgenommen werden. Wer jedoch zwei Karren(gleich 20 Zentner) dieser teuren Kohlen nimmt, erhält einen Gutschein über 1 Zentner(!) Kohle aus dem Winterhilfswerk, wer dagegen nur einen Karren oder gar keine Kohle nimmt, bekommt keinen Gutschein. Erst also 20 Zentner teure Kohlen, dann gibt es 1 Zentner Freikohle! Sonst gib» auch den nicht! Ebenso erhalten solche, die zwar 2 Karben der teuren Kohle nehmen, sie jedoch selbst auf dem Schachte holen, um die Fuhrkosten zu ersparen, keinen Winterhilfsgutschein Uber 1 Zentner Kohle. Während im letzten Systemjahr 1932 die Hilfsbedürftigen für einen Karren Kohle 8 Mark, für zwei Karren 16 Mark in Wochenraten von je einer Mark abbezahlten, müssen»ie jetzt, im Herh't 1931. für die gleichen Mengen 16 30 beziehungsweise 33 Mark in wöchentlichen Raten von je einer Mark abbezahlen. Früher waren sie in 16 Wochen mit der Bezahlung fertig, doch unter Hitler« Regime brauchen die Hilfsbedürftigen 33 Wochen dazu. Iscftc suir.tDeutsdien Gweifkeif- Iveignisse und WWIWSKM'v^ Hl NH8IHS lonntaq-Montaa. den K. und 17. De» waer 1934 Eine QattCosen~Aussteiiung, Luzcrn beherbergt gegenwärtig eine Anti-Gottlosen- Ausstellung.*ie ist in der Kaserne aufgestellt. Das allein kennzeichnet deutlich diese Art Christentum Diese Ausstellung würdigt der ehemalige Theologie- Professor Dr. R a g a z in folgenden ernsten Betrachtungen: Ich bin während eines kurzen Zeitraumes zweimal in einer Gottlosen-Ausstellung gewesen. Das erstemal war es eine Ausstellung der russischen Gottlosigkeit— das heißt: eine gegen die sogenannte Gottlosigkeit der Russen gerichtete Selbst-Ausstellung bürgerlich-christlichen Pharisäertums. Durchzittett von einer zornigen Erregung, wie ich sie seit fielen Jahren nicht mehr erlebt, aber nicht über die russische Gottlosigkeit, sondern über die Gottlosigkeit des Unternehmens. bin ich weggegangen. Und nun bin ich wieder in einer Gottlosen-Ausstellung gewesen, einer noch viel schlimmeren. Diesmal stellte die wirkliche Gottlosigkeit sich selbst unmittelbar aus, aber nun nicht die reussische, sondern die schweizerische, und allerdings nicht nur die schweizerische. Die zweite Ausstellung hieß freilich nicht Gotlosenausstellung. sondern Luft- Schutsausstellung, aber hier bin ich nun der Gott- lesigkeit von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Die Empfindung, die mich hier überkam und mich bis in die letzten Tiefen erbeben ließ, war nicht mehr die des Zorues, obschon Zorn auch dabei war, sondern die des Entsetzens, dei Scham, der Verlorenheit. Ja. Zorn war auch dabei. Zorn über die Menschen, die hier, um damit die Wirklichkeit des Krieges zu vernebeln und ihren Militär- giitjen vor einer Bedrohung durch die Wahrheit zu schützen, aum Teil auch um eines neuen Geschäftes willen, es fragen, ihren Mitmenschen und Mitbürgern mit einem solchen Betrug zu kommen. Denn welcher Mensch, der sich "och einen Rest eigenen Urteils bewahrt hat, kann auch "ur einen Augenblick sich einbilden, daß die furchtbaren Kindereien, die uns als Schutz gezeigt werden, uns wirklich schützen könnten? Sie können uns doch nur zeigen, daß wir durch alle diese Mittel nicht geschützt werden könnten. Das fear sicher auch bei der großen Zahl der Besucher der Eindruck dieser ungewollten Ausstellung der ungeheuren Gefahr eines neuen Krieges. Sie muß eine Verstärkung des Antimilitarismus, eine Förderung der großen revolutionären Erhebung gegen den Krieg bewirken, die kommen Muß und kommen wird. Aber wie gesagt, dieser Zorn war ">cht das vorwiegende Gefühl, war ein furchtbarer, ein vernichtender Schmerz darüber, daß die Tatsache einer solchen Ausstellung überhaupt möglich ist, daß es mit uns Menschen soweit gekommen ist. Das wären also nun die Mensch»m. geschaffen nach dem Bilde Gottes, an die wir geglaubt. für die wir gehofft, gearbeitet, gelitten und gestritten. diese Wesen, die einander als Dämonen von der Luft aus mit Getier und Gift vertilgen, die Pest übereinander ausstreuen! Das wären also die Menschen, die Brüder Christi. Söhne und Töchter Gottes, diese halb lächerlichen, halb entsetz- liehen Gasmasken träger, diese in Keller eingesperrten, zitternden Kretins! So weit hätten wir es also gebracht! Ist Ciemens JCcauß ®ec neue fäeclinec Opecndite&foc Wir entnehmen die beifolgende, sehr wohlwollende Beurteilung des Nachfolgers von Furtwängler, des bisherigen\Fiene r Operndirektors Clemens K r a u ß, dem neuen„Wiener Tagblatt". Sie steht allerdings in einigem Gegensntj zu den Lobsprüchen, die Krauß von den Nationalsozialisten und ihrer Presse schon im voraus erhält. Sie sind ihm dankbar dafür, daß er dem Rufe Görings folgte und Furtwängler ersetzte. Die Meldung, daß Clemens Krauß seine Tätigkeit in W ien aufgibt und nach Berlin als Leiter der Oper übersiedelt, kommt nicht überraschend. Seit Wochen und Monaten deutete alles darauf hin, daß diese Lösung zu er- fvurten ist. Krauß folgt indessen vermutlich nicht nur der stärkeren Lockung, die Berlin auf ihn auszuüben vermag, sondern bei seinem Entschluß wird wohl auch das Bewußtsein mitbestimmend gewesen sein, daß seine Wiener Position längst nicht mehr so fest gegründet ist. Es gab vielfach Verstimmungen, die nicht nur hinter die Kulissen gebannt blieben, sondern auch nach außen hin zutage traten. Der tiefere Grund dieser inneren Entfremdung zwischen Krauß und Wien liegt wohl in seiner eigenen Persönlichkeit begründet. Sein hervorragendes, interessantes und ungewöhnliches Kiilistlertum hatte stets mit gewissen Hemmungen zu kämpfen, die dazu führten, daß sieh die vielfachen Werte seiner Persönlichkeit nicht immer mit der fviinschenswerten Entschiedenheit durchzusetzen vermochten. Auch bei manchen von seinen schönsten und eindrucksvollsten Aufführungen war bisweilen der Eindruck nicht abzuleugnen, daß sich der Dirigent von seinem Regisseur führen und bestimmen ließ, daß er in der Oper, die immer und in erster Linie ein musikalisches Kunstwerk ist, dein Primat der Musik nicht voll zur Geltung brachte. Eine weitere Dämpfung seines Wirkens ging von dem Kreise jener Künstler aus, die ihm persönlich nahestanden und für die er sich auch mit dem ganzen Gewicht seiner künstlerischen Persönlichkeit einsetzte. So ergab sich nach dein ersten, überaus verheißungsvollen Jahr seiner Direktionsführung ein seltsamer Zustand. Sein Interesse konzentrierte sich immer mehr und immer entschiedener einzig auf diejenigen Vorstellungen, che unter seinem Regime auch eine neue szenische Gewandung er- halten hatten und ebenso bildete sich im Sangeren.emble eine Gruppe favorisierter Kunst ler, von das nicht eine Ausstellung der Gottlosigkeit? Nur vollendete Gottlosigkeit konnte uns in solche Zustände führen. Nuc vollendete Gottlosigkeit kann eine solche Ausstellung schaffen Nur vollendete Gottlosigkeit kann durch eine solche Ausstellung gehen, ohne sich zu entsetzen Müssen sich die Menschen, die sich hier begegnen, nicht aufs tiefste voreinander schämen? Und die Jugend, die unschuldigen Kinder! Daß sie das sehen müssen! Müssen wir uns nicht vor ihnen schämen? Da geht vor mir ein Lehrer mit einer Klasse von Gymnasiasten, Gewerbe- oder Handelsschülern, und erklärt ihnen diese Dinge in inilitär- patriotischem Stil. Er selbst, der Lehrer, scheint keine Ahnung von der Furchtbarkeit der Tatsache zu haben, daß er den Schülern solche Dinge zeige. Und doch wird vor solchen Dingen aller Unterricht, der noch irwendwie dem Geiste und der Menschlichkeit dienen soll, zur Farce* Eher spüren das die armen Jungen, die ihr Lehrer, hoffentlich ohne es seihst zu wissen, anlügt. Sie tun mir in tiefster Seele leid, diese armen Jungen! Daß wir es dahin gebracht haben, ihnen solche Dinge zeigen zu müssen, oder zu meinen, wir müßten sie ihnen zeigen! Aber da fällt mir ein, daß ja diese Jungen, ja fast alle die Besucher dieser Gottlosen-Ausstellung von Mord und Hölle, Religionsunterricht gehabt haben, vot Christus gestellt worden sind und von der Bergpredigt gebort haben, den zehn Geboten— und nun sind sie hier! Und da denke ich nun noch weiter. Es stehen ja in Zürich auch Kirchen. Neben dieser Ausstellung der Gottlosigkeit stehen Gotteshäuser. Was sagen diese dazu? Ist es denkbar, daß in diesen Kirchen ein Pfarrer auf die Kanzel geht, ohne sich der Tatsache dieser Gottlosigkeit bewußt zu sein, ohne dagegen Zeugnis abzulegen: ich meine nicht gerade gegen die, Ausstellung, sondern gegen die Tatsächlichkeit, die eine solche Ausstellung praktischer Gottlosigkeit ermöglicht, vor welcher die russische, die theoretische Gottlosigkeit der Bolschewisten. zu einem Kinderspiel wird? Können neben einer solchen Ausstellung Kirchen Christi stehen? Ist eine«olrhe Nebeneinanderstelle!ng noch erträglich? Ist sie nicht noch schlimmer als die Gottlosigkeit der Ausstellung seihst? Können Kirchen neben einer solchen Ausstellung bestehen, ohne sich mit der letzten Kraft gegen sie, das heißt: gegen das, was sie symbolisiert, zu erheben? Aber wo vernimmt man etwas davon? Von einer solchen Erhebung der vielgepriesenen Kirche, nicht bloß dieses oder jenes religiös-sozialen Pfarrers— von einem Zeugnis der Gemeinde gegen solche Greuel der Hölle? Wo sind die, welche so unermüdlich gegen die russische Gottlosigkeit ihre Stimme erheben? Seelenruhig, ja zum größten Tejl zustimmend, führen sie ihren Betrieb fort. Horch, da läuten ja aiich die Glocken, die Dämonen vertreibenden(das war ja ursprünglich der Sinn der Glocken) — aber kaum haben sie begonnen, da erhebt die Sirene ihre Stimme, die Warnsignale:„Flieger kommen! Teufel nahen— getaufte, jedenfalls getaufte!— Dämonen!" Ach Gott im Himmel, siehe doch darein! 0 Gemeinde Christi, erwache! Wenn du.erwachst, dann hast du die Kraft, Dämonen zu bannen. welchen sich andere verdiente Kräfte zu Unrecht in den Schatten gestellt sahen. Immer schärfer und offenkundiger wurde ein Trennungsstrich gezogen: hier Krauß, seine Garde, seine Aufführungen, dort alles übrige, was zum Institut gehört. Diese Beschränkung auf ein einseitiges Tätigkeitsfeld. diese bewußt vorgenommene förmliche Isolierung hatte eine verhängnisvolle Folge: die Gesamtheit dessen, was die Wiener Oper ist und sein soll, entglitt mehr und mehr der unmittelbaren Führung des Direktors. Wie schade, daß dieser Entwicklung nicht rechtzeitig entgegengewirkt wurde, daß sich ein Künstler von so glänzenden Qualitäten wie Krauß nicht zu einer freieren, universellen Auffassung aufzuschwingen vermochte. Als Krauß nach überraschend glanzvollem Aufstieg in verhältnismäßig jungen Jahren an die Spitze der Wiener Oper berufen wurde, schien er alle jene Fähigkeiten und Talente mitzubringen, die ihn für dieses Amt geradezu prädestinierten. Und doch fehlte ihm eines, vielleicht das Wichtigste: die spontane und selbstverständliche Einfühlung in den Geschmack und in die Tradition des Wiener Publikums. Er rechnete nicht mit dem eminent musikalischen Sinn des Wieners und ließ das Ausstattiingswesen überwuchern. Darum begegnete er zumal mit seinen Erneuerungen der großen deutschen Meisterwerke so vielfach auf Widerspruch und Ablehnung: etwa mit dem„Ring", den„Meistersingern", dem..Freischütz" und der„Zauber- flöte". In allen diesen und ähnlichen Fällen spürte man ein fremdes, kühles, unromantisches Element am Werk, das die Freude an der mit größter Sorgfalt und Hingebung durchgeführten Arbeit empfindlich beeinträchtigte. Dieser ausgezeichnete Musiker ließ die andern gewähren, wenn es galt, die primäre Forderung des musikalischen Kunstwerkes zu verteidigen. tleqic eines entäuschten 7 laM-5xiedensflteis~3ianidaien Da hält man täglich laute Friedensreden Und gibt die allerschönsten Interviews. Vergißt sich selbst und alle Erbfeindfehden, Hälts Hinterpförtchen auf für all und jeden. Und denkt, man kenne seine alten Schweden. Und dann heißts: Henderson!(Umsonst der Schmus.) Hat es nun Sinn, dem eignen Heer zu troljen. Wenn man das Frtedenssehnen so verkennt Man läßt den Generalstab staunend glofjen Und hofft, man kann als Friederisengel profjcn Und dann kommts so.'— Der Frieden ist zum Koljen, Wenn man nicht MICH als seinen Führer nennt!! Nun kann ich nur mit E. K. I. miih biästen. Als unbekannter Fi iedenS-Aspirant; Muß Boten schicken nn die fernsten Küsten, Die Andern tun, als ob sie gar nichts wüßten. (Braucht ich nicht Zeit, um ganz komplett zu rüsten, Dann war, statt Frieden. Hingst Mein Kampf entbrannt!) Heinrich E r s c h 5iim in Hacis (Stenokritiken) I Es besteht hier ein„Cine-Club", der seinen Mitgliedern (in einer Sitzung sind manchmal Stiicker fünfhundert bis sechshundert in einem pi acht vollen Saal seßhaft)... der seinen Mitgliedern unveröffentlichte Filme, verbotene Filme, kurz: merkwürdi, Filme vorspielt. Auf solchem Weg ist jetzt Horst Wessel in Paris gelandet (für einen Abend). II Dieser Film ist in Frankreich verboten. Audi seinem Wert nach ist er schlechtweg„verboten". Haufstängl, der ihn srh... sch... schuf, hat das nicht erkannt. Andere Deutsche trotzdem; sogar bi« runter zum Goebbels. (Der„Lahme"— wie der versorbene Pg. Ernst ihn genannt hat— wünschte die Zurückziehung dieser Miß- r-üurt. nach einer Entbindung von H. H. Evers.) III Der Clubvorstand hat im Beginn: Kundgebungen zu anVer* lassen. Nachher, in der Aussprache(mit Worterteilung), stand ein Galt'.»"f cd lädi-lte:„Man hat.. un«»rsa«t zu pfeifen, zu klatschen, zu zischen— aber nicht zu gähnen; das hal> ich getan." Begeisterte Zustimmung... in Gegenwart der deutschen Botschaft, die durch Sendling»? vertreten war. IV In der Anwesenheit von Landsleuten zu schweigen, wäre für mein Gefühl Pflichtverletzung. Also nachdem eine Zahl sehr guter Redner genügend Nachteiliges gesagt hatte, trug ich, dem kategorischen Imperativ gehorchend, meinen Scherf in wenigen Sätzen hei. Unter Berufung auf Shaw, der --roß«? I> i tb■-eh. Wenn er nun erst diesen... Geschichtsfilm gesehen hätte — na! In der angeregten Debatte verhielten sich die Mitglieder durchaus maßvoll, auch gegen einen nazifreundlichen Redner. Jedoch eine nette Dame, beherzt und gutgekleidet, ergänzte das, was der Film über Horst Wessel verschwieg: „II itait un maquereau— er war ein Zuhälter!" Sie errang einen festlichen Erfolg. VI Für die deutsche Botschaft(die ja insgeheim anständiger sein mag als die von ihr bediente Partei) war es unangenehm, daß sie zu dieser Verunstaltung auch noch Zertreter gesandt hatte. K.. r. T>as casseceute U>C. Der neue Wiener Intendant Der Direktionsrat der Bundestheaterverwaltung, Ker- her, wurde zum einstweiligen administrativen Leiter der Ct&€UUMdCCt Sich Wiener Oper ernannt Wir es heißt, soll Krauß in Berlin ermächtigt worden sein, bisher an der Wiener Oper wirkende Künstler für Berlin zu verpflichten. Es werden die Namen Franz Völker, Josef Manowarda, Paul J e r g e r, Karl Hammes, Maria R u n g e r und Viorica Uriuleac genannt. Wir lesen in der„Braunschw. Landesztg." Nr. 312: „Fort mit„Toilette"! Für dieses rein französische Wort, das von vielen obendrein(!) noch deutsch ausgesprochen wird, ist im neuen Deutschland kein Platz mehr. Leider findet man dieses Wort fast im ganzen Reiche in den Wirtschaften, auf Bahnhöfen usw. Gegen die Bezeichnung „Herren" oder„Damen" an den Türen einer Bedürfnisanstalt ist wohl nichts einzuwenden. Aber die zum Teil recht großen Hinweisschilder mit dem französischen Vi ort „Toilette" müssen verschwinden. Es erscheint mir als die beste Lösung, wenn diese Schilder ersetzt werden durch die beiden Buchstaben„WC"(Wasserklosett), wie ich es schon gesehen habe." Jmmee feste deuff! In den„Schleeischen Monatsheften", Blätter für nationalsozialistische Kultur de« Südostens, findet sich folgen'-r Kernspruch: „Wer Gott vertraut und um sich schaut hat wohl gebaut-" So ähnlich wird Christus es wohl auch gemeint haben. In einer Sportpalast-Versammlung tagte Goebbels laut Bericht de»„Völkischen Beobachters": „Wir haben uns an die schwierigen Aufgaben mit Eifer und mit Fleiß und mit bewunderungswürdiger Zähigkeit herangemacht." Na also! Wenn er nur mit«ich zufrieden ist Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers „Preußischer Kommiß" Soldatengeschichten/ von August Winnig August Winnig. der Verfasser der vor dem Kriege erschienenen Schrift„Preußischer Kommiß", ist heute glühender Nationalsozialist. Er dient der liraunen Sache in Wort und Schrift, unter Preisgabe seiner Vergangenheit Einst, als junget Proletarier, war er zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gekommen bewegt von den hohen Gedanken der Freiheit und der Menschenrechte. Es gelang ihm. im freigewerk schaftliche» Bauarbeiterverband einen führenden Posten zu gewinnen. Nach der Umwälzung von 1918 wurde er Olicrpräsidenl in Ostpreußen, damals freilich schon in seinem alten Bekenntnis zögernd und schwankend. Sein politisches Ende in der Republik führte der Kapp Putsch\om März 1920 herbei. Es erwies sich, daß er der Zweideutigen Haltung der Reirhswahrkomtnandeurc in jenen kritischen Tagen Vorschub geleistet hatte. Dann rutschte August Winnig immer weiter nach rechts. Er wurde der Vertrauensmann Hilgenbergs und Stinncs. für deren Blätter ar seine flinke Feder in Bewegung setzte. Heute ist er ainer von den 110 Pro zentigen: wildester Nationalsozialist, begeisterter Militarist und nationalsozialistischer Schriftleiter. Sein Buch„Preußischer Kommiß" hat er längst verleugnet, weil es die denkbar schärfste Anklage des milita- ristischen Kadavergehorsams darstellt, zu dessen Anbetern ar heule gehört. Ein Grund mehr für uns. unseren Lasern einige Kapitel aus dem Buche August Winnie" vorzulegen. Grenadier Gimm 12. Fortsetzung Die Sache war sehr einfach Er hatte sich verfahren, war in Berlin in den falschen Zug eingestiegen und hatte auf diese Weise Nieder- und Mittelschicsien bereist. Man machte nicht viel Aufhebens davon. Mit einer Reihe Maulschallen in drei Auflagen: eine am selben Abend noch vom horporalschaftsfiihrer. eine weitere am andaren Morgen vom Feldwebel und die letzte schließlich einige Stunden später vom Hauptmann, war die Sache ah gemacht. Etwa sechs Wochen später beging Gimm indes einen Streich, der bösartiger verlief. Seine Hose sechster Güte war in trostloser Verfassung. Der Korporal schaf tsfühi er befahl ihm eines Abends, sie zu flicken, sonst würde er ihn melden. Gimm wandte ein, er hätte keine Flicken „Sieh zu, wo Du welche herbekommst; meinetwegen nimm Dein Fell dazu; aber di# Hose wird geflickt!" Mit diesem Rat war Gimm nun aber nicht geholfen. Diasmal half er sich jedoch selbst und in der Flickstunde hatte er schönes, neues Zeug, das für seine Hose eigentlich zu gut war. Ja, er verschenkte sogar noch etwas davon. Bald kam es heraus, wo er es her hatte. Als wir unsere Hoseu dritter Güte, wie wir bei der Parade am 27. Januar getragen hatten, abgeben mußten, wollte Gimm seine Hose gleich zusammengelegt abgeben. Darauf ließ sich der^aminersergeant— begreiflicherweise, denkt hier der alte Soldat— aber nicht ein; er faltete sie auseinander und im nächsten Augenblick stürzte er auf den armen, zur Bildsäule erstarrten Gimm los. Für einen Kanunersergeanten war sein Zorn begreiflich: Gimm hatte nämlich von beiden Beinen der guten Hose ungefähr ein Viertelmeter abgeschnitten, um mit diesen„Flicken" seine„Sechste" zu vervollständigen. Diesmal half nichts. Gimm mußte ins Loch. Drei Tage Mittel war seine erste Gastrolle im berüchtigten Fort Grol- man. Er hat seinen Besuch nachher noch oft• wiederholt, aber er war nie wieder so schuldig wie diesmal. Von jetzt an war Gimnt vogclfrci. Jeder dumme„Spinner" schubste ihn, höhnte ihn. Beim Dienst hatte er sowie so schon genug auszustehen. Gimm war im Essen etwas wählerisch, und da er meist gut mit Geld versehen war, so zog er es oft vor, sich statt des schmackloseu, elenden Mittagessens etwas aus der Kantine zu kaufen. Sobald der Korporalschaftsführer das merkte, befahl er ihm, sich mit dem Bauch auf den Querbaum zu legen, so daß Kopf und Beine nach unten hingen; damit wollte er Gimms Verdauung fördern, wie er sagte. Wenn sich Gimm dann aus dieser qualvollen Lage befreien wollte, hielt er ihm das spitz«, Seitengewehr unter das Gesäß. Wäre Gimm nicht so schrecklich energielos gewesen, so hätte er sich gegen solche Malträtierung wohl wehren können. Mir blieb Gimm immer ein Rätsel. Iii seinem Charakter mischten sich Furcht und Trotz, Schlaffheit und Dumm- dreistigkait. Zuerst hatte er wohl den besten Willen gehabt, sieh in dem so ungemütlichen Kaserne um ilieu zurecht zu finden, aber das war ihm hei seiner Ulierfahrenheit zu schwer. Wenigstens ließ man ihm dazu keine Zeil. Die Meute hatte zu früh gewittert, daß hier ein bequemes Wild umherlief, und sie war bald hinter ihm her. Gar nicht zu schildern sind die Leiden, die Gimm jetzt zu ertragen hatte. Wäre er nicht ein so kräftiger Bursche gewesen, so hätte er den Dienst kein halbes Jahr ausgehalten. Bei jedem Nachexerzieren war Gimm mit dabei.„Der ist immer, dabei, ohne daß er besonders genannt wird," hatte der Hauptmann angeordnet, und das wurde sehr genau befolgt. Hatten die schlechten Schützen ein« besondere Stunde, so hieß es: Gimm! Obglairh er gar nicht schlecht schoß. War eine schmutzige Arbeit zu verrichten, waren etwa Kohlen abzuladen, so hieß es: Gimm! Mußte«in Mann auf dem Marsche sein Gewehr abgeben, so trug es Gimm. Hatte eine Beilpiske noch keinen Träger, so mußte Gimm daran glauben. War der Patronenkasten zu tragen, Gimm wüßt«, was seines Amtes war. Stellten wir Wache, so bekam Gimm einen Narhtposlen in irgendeiner Wildnis. Stimmte bei der Aufstellung die Richtung nicht, so hatte Gimm sie verdorben. Klapperte beim Salvenfeuer jemand nach, so mußte es Gimm gewesen sein. Den Parademarsch konnte kein anderer als Gimm verderben, wenigstens machte man ihn zuerst dafür verantwortlich. Immer und überall war Gimm der Sündenbork. Unter den Mannschaften gab es viele, die ihm beisprangen, wenn sie kannten, und manches Hilfswerk wurde für ihn unternommen. Aber oft stieß sie Gimm zurück. Manche ließen sich dadurch verleiten, ihn nun ebenfalls zu verdammen. obwohl es ganz erklärlich war, daß der arme verfolgte Bursche gegen jeden mißtrauisch ward und sich immer mehr abschloß. Manchmal brachte er aber auch seine Helfer durch seine Dummheit in Verlegenheiten. So hatte ihm einmal ein Kamerad seinen Rock zum Vorzeigen heim Appell geliehen, weil Gimms eigener nicht appellfähig war. Gimm war so von Gott verlassen, daß er den fremden Namen darin nicht durch seinen ersetzte. Natürlich bekam er den Rock um den Kopf geschlagen, und der helfende Freund erhielt zwei Stunden Strafexerzieren. Im ersten Dienstjahre, bis zum Ausrücken ins Manöver, hatte Gimm so gegen fünfzig Tage Arrest verbüßt. Meistens wegen belangloser Kleinigkeiten, die hei anderen Leuten straffrei bliahen oder mit ein paar Stunden Strafexerzieren durchgingen. In der letzten Zeit war es meist strenger Arrest gewesen, den er von allen Instanzen aufgebrummt bekam. Dabei war er nie widersetzlich gewesen; dazu war er zu feig — hatte auch nie etwas entwendet, wie das beim Militär alle Tage geschieht; dazu war er zu ehrlich. Vor solchen Straftaten war Gimm sicher, und daß wußte und sagte er auch. Trägheit. Bummelei, rostige Kochgeschirre, zerrissene Hosen, das waren saine Hindernisse. Im Manöver machte er sich auf dem Marktplatze zu Vi renke einer Aebtungs Verletzung und des Verharrens im Ungehorsam schuldig. Auch wieder eine ganz dumme Geschichte, die an sich kaum der Rede wert gewesen wäre, wenn sich Gimm nur ein wenig vernünftiger gehalten hätte. Er kam heim Antreten in früher Morgenstunde zu spät. Der Hauptmann kanzelte ihn in Gegenwart mehrerer Zuschauer scharf ab. Gimm entschuldigte sich der Wahrheit gemäß damit, daß der Quartierwirt zu lange geschlafen hätte, weshalb die Haustür zu spät geöffnet worden sei. Gleichwohl schimpfte der Hauptmann weiter. Gimm glaubte, sein Teil bekommen zu haben und wollte an seinen Platz treten. „Hierbleiben!" schrie der Hauptmann. Gimm kehrte sich nicht daran, sondern schob sich durchs erste Glied an saiiien Staucl. Der Hauptmann rief noch einige Mal, aber Gimm blieb wie ein Pfahl an seiner Stelle. Die Zuschauer belustigten sich über den Vorfall, der Hauptmann abar kochte vor Wut. Es war wohl kein« Zeit mehr, denn er ließ einschwankan und abrüsken. Nach einigem Stunden hatten wir die Geschichte vergessen. Kein Mensch dachte mohr daran. Gimm selbst am wenigsten. Als der Hauptmann indes auch am Abend nichts unternahm, wunderte ich mich doch etwas darüber; denn eigentlich war doch Gimms Verhalten, durch die militärische Dienst- hrille gesellen, ein ziemlich schweres Vergehen., Der Alte halt« ohnehin schon„auf ihn geladen", wie er sich in solchen Fällen ausdrückte, und wenn man die Sache genau betrachtete, mit einem gewissen Recht. Zwei Tage vorher hatten wir im Biwaek gelegen. Gimm war in der Morgendämmerung aufgestanden, um ein Bedürfnis zu verrichten und hatte sich dazu ausgerechnet den Platz vor dem Zelt des Hauptmanns ausgesucht. Das war an sich«ine beispiellose Frechheit; aber ob es bei Gimm Frechheit war? Vielleicht war es nur Faulheit und Gedankenlosigkeit gewesen. Aus Gimm wurde man nie klug. Das wußten wir alle: dar Hauptmann hatte etwas gehört, war hinausgetreten und hatte Gimm in der unzweideutigsten Hockerstallung gesehen. Reim Temperament unseres Alten war es selbstverständlich, daß er ihn gleich parkte, in den Dreck hineinstieß und kräftig durchprügelte. Damit waren sie beide wieder quitt gewesen. Während des Manövers geschah auch nichts weiter. Als wir wieder einige Tage in der Garnison waren, ereignete es sich, daß Gimm einmal von der Arbeit auf der Bekleidungskammer fortlief und sich in der Kantine an Bier und Kesselwiirsten gütlich tat. Er wurde gemeldet, und nun ließ ihn der Alte vom Regiment mit zehn Tagen strengen Arrests bestrafen, und zwar wegen seiner ganzen Untaten. Gimm verbüßte die zehn Tage wie er die anderen Strafen verbüßt hatte, und jeder glaubte, nun sei seine Rechnung beglichen. Aber da kam das Unerklärliche, was sieh selbst mit der tausendfachen Barbarei des Militärstrafrechts nicht rechtfertigen läßt. Es war im Januar oder anfangs F'ebriiar, als Gimm wieder ein kleinas Versehen beging, das jedem anderen höchstens einige grobe Wort# eingetragen hätte. Gimm sollte Zielobjekte dar Kompanie vom Wall holen. Als er hinkam, waren unsere verschwunden. Da er wußte, daß er nicht ohne die Scheiben kommen durfte, so nahm er kurz entschlossen solche, die anderen Kompanien gehörten. Das gab Weiterungen. Man fand die Scheiben in unserer „Sittliche Weltordnung"... wie heißt? wo der eine arbeitet und hungert, der andere faulenzt und speist. Heinrirh Leiitliold Gesammelte Dichtungen, Sittliche Weltordnung Gewissen-Menschen ist ein Mann von Kopf ein fataleres Geschöpf als der deklarierteste Schurke. Georg Christoph Lichtenberg Baracke, und Gimm wunde als Uabeltäter fastgestellt. Jetzt entlud sich das Gewitter. Eines Morgens kam der Hauptmann in die Schreibstube und diktierte mir einen Tatbericht in die. Feder, worin Gimm auf Grund des Vorfalles auf dem Marktplatze zu Wronke der Adelungs Verletzung und des Verharrens im Ungehorfam unter Gewahr beschuldigt wu»de. Das Unerhörte war, daß man Gimm zur Rechenschaft zog, obwohl er wegen dieses Vergehens schon vom Regiment bestraft worden war. Die alte Rechtsweisheit, daß man nur einen Tod sterben kann, verlor hier ihre Gültigkeit. Um es kurz zu machen: einige Wochen später kam Gimm vors Kriegsgericht und erhielt vier Monate Gefängnis. Ich riet ihm zur Berufung. Er kam vor das Oberkriegsgericht und behielt seine vier Monate. Etliche Zeit später fuhr Gimm mit Bedeckung nach der Festung. Als er am Abend vor der Einliefferung in Feldmütze und ohne Waffe, bleich und mit angstverzerrtem Gesicht von mir Abschied nahm, -ah ich ihn zum letzten Male. Er war sehr niedergeschlagen. Ich redete ihm Mut ein, schilderte ihm das Festungsleben, gab ihm gute Ratschläge und vertröstete ihn auf den Sdiritt der Zeit: auch die Stund« der Freiheit wiiade kommen, er solle nur standhaft alles ertragen, sich zusammenreißen und dafür sorgen, daß er sieh dort nichts zuschulden kommen ließe. Gimm hörte mich ruhig an, nur seine Augen wurden feucht und die Grübchen um seine Mundwinkel verzerrten sich zu verzweifelten Falten. „Das ist alles ganz gut." sagte er, als ich schwieg.„Aber ich kann doch nicht wieder nach Haus kommen. Bis jetzt hat mein Vater noch nichts von meinen Strafen gewußt, aber diese vier Monate kann ich ihm nicht verheimlichen, ich muß doch die Zeit nachdienen. Mein Vater ist nämlich streng und hält viel auf den Soldatenkrerapel; er hat Sechs- undsechzig mitgemacht. Aber meine Mutter ist gut, und das ist noch schlimmer. Ach. wenn ich daran denke, was sie sagen wird, wenn sie dies erfährt! Wenn Pastor Blenk fragen wird: Wie gehts Ihrem Johann? Oder wenn Liese F'eddersen sagt: Grüßen Sie Johann, wenn Sie wieder schreiben. O, ist das eine Geschichte!" Gimm stützte den Kopf in die Hand und starrte* auf den Tisch. Ein paar helle Tränen fielen darauf und wurden von den Kenimißbrotkrumen aufgesogen. Ich hätte gern etwas gesagt, was ihn hätte trösten können, aber ich fand keine Worte. Nachts gegen Zwölf hörte ich. wie man Gimm über den Korridor führte. Jetzt wird der Unteroffizier das Gewehr laden, dachte ich, als sie die Treppe hinunter gestiegen Waren. Jetzt gehen sie durchs Tor, jetzt über die Brücke, dann durch die Stadt, und alle Nachtbummler werden ihnen nachschauen. Ich begleitete Gimm in Gedanken bis in das reservierte Coupe des Narhtzuges, dann schlief ich ein. Ein paar Wochen später liefen allerlei Gerüchte um. daß mit Gimm auf der Festung etwas passiert sei, aber sie waren unbestimmt und verworren, und eine dienstliche Mitteilung war jedenfalls nicht an die Kompanie gelangt, sonst hätte ich sicher davon erfahren. Um dieselbe Zeit beherbergte das Feshingsgefängnis unseres Korps einan Mann der sechsten Kompanie, der wegen A di tungs Verletzung oder einer ähnlichen Straftat einige Monate zu verbüßen hatte. Von diesem Manne, der jetzt ein angesehener Kaufmann in einer mitteldeutschen Stadt ist, erfuhr ich später Genaueres über Gimms Schicksale. Wegen seiner schlechten„UeberWeisung" vom Truppenteil kam Gimm nicht in die Stuben für die sogenannten Gemeinschaft sgefangenen, sondern blieb in der Einzelzelle. Hier mußte er zuerst Uniformhosen nähen. Als er etwa zwei oder drei Wochen dort ruhig gesessen hatte, begann er zu rumoren, verlangte zu außergewöhnlicher Zeit den Aufseher zu sprechen, murrte gegen das Wachpersonal und verhielt sich besonders nachts sehr unruhig. Er erhielt verschieden« Strafen, Kostentziehung, Dunkelarrest und i'hn- liche Verschärfungen. Als er wieder einmal eine solche Strafe verbüßt hatte und in seine Zelle zurückgeführt wurde, ergriff er den Wasseakrug und warf ihn dem Schließ- Sergeanten an den Kopf; der Sergeant, der eine Verletzung davongetragen hatte, schlug die Zellentür zu und holte Hilfe. Man brachte Fesseln und wollte Gimm in Eisen legen. Doch als man vorsichtig mit schußbereiten Karabinern im Arm die. Tür öffnete, lag Gimm blutend am Boden. Neben ilnn lag die Schneiderschere, mit der ar sich einen laugen Schnitt in den Hals beigebracht hatte. Nun kam Gimm in die Krankenahteilung. Seine Wunde war leider nicht tödlich; nach sechs Wochen war er geheilt und wurde aufs neue der Einzelhaft über- geban. Dort verbrachte ar die Zeit mit Weinen und Beten- Er trug Hand- und Fußfcssein, die ihm nicht sdel Bewegung ließen, infolgedessen arbeitete er auch nicht. Diese Zeit muß schrecklich für ihn gewesen sein, denn er schrie oft so laut, daß die anderen Gefangenen glaubten, er werde geprügelt. In allen Stuben wurde man unruhig, wenn man dieses Schreien hörte. Alles ging auf und ab und drängte sich an die Türen und Fenster, um etwas zu sehen. Das dauerte wiederum mehrere Wochen, dann wurde Gimm ruhiger. Was dann weiter mit ihm auf der Festung geschah, erfuhr ich zunächst nicht. Als der Mann von der sechsten kompaiye das Gefängnis verließ, war Gimm noch dort, aber was diasem bevorstand, konnte er nicht sagen. Auch als ich später, nachdem ich mich der bunten Sklavenkleidung entledigt hatte, einige Briefe mit zurückgebliebenen Kameraden wechselte, teilte mau mir nur als unbestimmtes Gerücht mit, daß Gimm für den Auftritt in der Einzelzelle eine schwere Gefängnisstrafe erhalten habe. Jahre kamen und gingen. Ich dachte nur noch selten an diese Soldat engeschichten, und wie so manche andere Gestalt versank auch Gimm bei mir immer mehr in die Nebel des Vergessens. Nur wenn mich der Zufall einmal mit einem früheren Kameraden zusammenführte, danu wurden in unseren Gesprächen die.Militärzeit und ihre Geschehnisse wieder lebendig, und dann tauchte auch Gimms Gestalt vor uns auf. nur wußten wir nicht, ob wir seiner in trauriger oder fröhlicher Stimmuqg gedenken sollten. I Schachts„enggcschnallfer Riemen" ,IV.jC seil dem Krieg mußte dos deutsche Volh den Riemen enger schnallen" Wir haben wiederholt an dieser Stelle aus Grund von Be- richten, die wir direkt aus Deutschland erhielten, aber auch aus Gnuid der Reden von Schacht, und den amtlichen Mit- teilungen gezeigt. ivie sehr die breiten Massen, insbesondere 5ic deutsche Arbeiterschaft, unter den niedrigen Löhnen und hohen Preise» leiden. Noch in diesen Tagen verösfentlichten wir Auszüge aus illegalen Berichten, die wir aus verschie- denen, Gegenden des„dritten Reichs" erhielten, worin an Switfii der steigenden Preise für Lebensmittel und Bedarfs- arrjkel die Not der Massen näher gekennzeichnet ivurdc. Unsere Mitteilungen werden voll und ganz auch von neu- kraler Seile bestätigt. Die stets objektive und gut unter- richtete„Basler National-Zcitung" schreibt in einem aus- gezeichnet orientierten Artikel über die Not der Arbeiter- schau folgendes: „Nicht minder umstritten ist ja der Erfolg der sogen. Ar- beitsschlacht. Offiziell 3.6 von den sechs Millionen Arbeits- tosen sind wieder„in Albeit und Brot", aber, sehr oft, unter was für Lebensumständen? Bekannt ist die Berechnung im großen und ganzen: Der Durchschnittslohn des deutschen Ar- beiters sei heute tiefer als die Arbeitslosenunterstützung srtihcr. unter der Republik. Ein Teil der einst den Erwerbs- tosen gezahlten Gelder mußte die Ausrüstung mitfinanziere». Für de» Ziestbetrag haben die früheren Bezieher heute ein- lach Arbeit zu leisten, statt daß sie wie einst vor den Ar- beitSlosenämtern Schlange ständen. So kommen, Steuern, Abgaben Abzüge jeder Art abgerechnet lein Kleinbürger, Familienvater, mit einem festen Monatsjalär von 26V Mark hat an Stenern und karitativen Abgaben mindestens rund 6v Mark auf den Tisch zu legen), wahre H u n g e r l ö h n e heraus: z. B. in thüringischen Wasfensabriken 16 b>s 26 Mark wöchentlich, in den Gruben des Ruhrbergbaus durch- schnittlich höchstens 3» Mark, Wochenverdicnst der Arbeiter der rheinischen Textilindustrie 15 bis 20 Mark. Handlungsgehilfen pro Monat 5V b>s 100 Mark durchschnittlich. Er- werbsloje kriegen durchschnittlich pro Woche 6,50 Mark, falls sie mit 26 Pfg. pro Tag und freier Verpflegung, aber bei was für Strapazen, nicht in die Arbeitslager dirigiert wer- den. Wer jedoch den Arbeitsdienst ablehnt, kriegt überhaupt nichts. N>e seit den erbärmlichen tkriegsjahren mußte das deutsche Volk, mußte vor allem der Arbeiter den Riemen enger schnallen. Verglichen mit Anfang 1033: Um rund 26 Prozent gesenktes allgemeines Lohnniveau und um abermals 26 Pro- zent erhöhte Preise der wichtigsten Lebensmittel, so ist im großen und ganzen die Lage. Die Kartoffeln, deutsches Haupt- Nahrungsmittel, kosteten voriges Jahr 2,20 Mark pro Zentner, heuer 4„60 Mark. Die jetzt anderthalb Monate dauernde Prcisdiktatur des Leipziger Oberbürgermeisters Gördeler vermochte wohl einige allzu krasse Wucherpreise zu senken, aber nichts mehr. Nicht ei» wichtiges Lebensmittel ist heute auch nur um<0 Prozent bill'ger als vor sechs Wochen. Der Widerstand der Bauern erweist sich als zu stark. In einem öffentlichen Vortrag am Dienstag in Bremen bekannte sich Dr. Gördeler als geschlagen, als er ausführte: Die wichtigste Aufgabe der Preisüberwachung sei das Fördern der Erze»- g ihm von Waren aller Art und die Sicherung des Binnen- Marktes mit de» im Lande selbst erzeugten Rohstoffen. Die Ueberwachung müsse serner jedem ehrlich schassenden Kauf- mann und Fabrikanten die Sicherheit geben, daß er auf seine Kosten komme.„Der Läufer muß Achtung vor den Selbst- kosten des Erzeugers haben, wie auch der Erzeuger die Kauf- kraft des Käufers achten muß." Selbstverständlich: aber was hat solche Erkenntnis mit Preissenkung zu tun?" Zentralisierung der Preisüberwachung Keine riaßnahmen zur Preissenkung Berlin, 14. Dezember. lieber vier Wochen sind vergangen, seitdem der Leipziger Oberbürgermeister Dr. Goerdeler wieder einmal zum Reichskommissar für Preisüberwachung mit außcrordcnt- iichen Vollmachten ernannt worden ist, aber vorläufig hörte man sehr wenig von praktischen, wirksamen Maßnahmen dieses Herrn. Seine Tätigkeit beschränkte sich bisher in der Hauptsache auf Abgabe von Erklärungen, die meistenteils ganz inhaltlos waren. Aus der einen Seite sei es notwendig, so erklärte der Reichskommissar, die überhöhten Preise zu bekämpfen, aus der anderen Seite müsse die übliche Verdienst- spanne den Fabrikanten und dem Händler belassen bleiben. Von einer Senkung der Agrar- und Rohstofspreisc hat er überhaupt nie ein Wort gesagt, sondern: sich nur mit all- 'gemeinen Phrase» begnügt, daß das deutsche Volk durch- halten müsse, bis„die Welt zur Vernunft" käme. So bat auch bisher die ganze Tätigkeit des Herrn Reichs- kommissars in keiner Weise wirksame Erfolge gezeitigt, wo- bei dem Leipziger Oberbürgermeister mildernde Umstände zugebilligt werden können, da hinter den.Kulissen ans der einen Seite Herr Darre mit seinem Reichsnährstand und auf der anderen Seite die großen industriellen Verbände intri- gieren. Nun hat sich aber Dr. Goerdeler nach seiner bisher wenig ersprießlichen Tätigkeit dazu aufgerafft, endlich eine Berorb- nung zu erlassen, durch welche die Preisüberwachung zentralisiert wird Danach wird zunächst einmal das Nnwendungsgebiet der Verordnung über Preisbindungen und gegen Verteuerung der Bedarfsdeckung auf alle Güter und Leistungen erweitert. Danach hat also der Preisüber- ivachungskommissar die Möglichkeit, bei allen Kartellen ein- zugreifen. Daß er von diese» Befugnissen ernstlich keinen Gebrauch machen wird, ist so gut wie sicher, nachdem man die ganze kapitalistensrenndliche Richtung der Hitlerschen und Schachtkchen Wirtschaftspolitik kennt. Alle Befugnisse der Preisüberivachungsbchördcn zur Rege- lung der Preisvcrhültnisse werden nach der neuen Vervrd- nung dem Reichskoniinissar übertragen. Immerhin können die obersten Landesbehörden Maßnahmen mit begrenzten räumlichen Auswirkungen im Einvernehmen mit dem Reichskommissar treffen. Daß die infolge der Einsuhrdrossclnng überhöhten Preisen für Tcrtilrohstosfe und Metalle nicht gesenkt werden, geht aus der Tatsache hervor, daß die Vorschriften der Faserstosf- Verordnung sowie der Verordnung über Preise für auslän- dischc Waren und unedle M.cthlle weiter in Kruft bleiben. Neue Preisfestsetzungen, soweit sie allgemeiner Natur sind, bedürfen der Zustimmung des Reichskommissars. Die über- höhten Preise fiir inländische Rob'tosfe. ivie beispielsweise ftir deutsche Wolle, für deutsches Kupier, für das neue künstliche Benzin usw. bleiben also weiter bestehen, ebenso wie die überhöhten Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Sehr interessant ist eö, daß nach der neuen Verordnung die Befugnis zur Bctriebsschließung den Preisiibcrwachungs- stellen übertragen worden ist. Bekanntlich haben in den letzten Wochen die Polizeibehörden, insbesondere aus Grund eines Erlasses GöringS, in verschiedenen Städten eigenmächtig kleinere Geschäfte geschlossen, weil diese angebt'h ungerecht- fertigte Preise verlangten. Die Beurteilung, ob ein Preis gerechtfertigt ober ungerechtfertigt ist. wird jetzt den Preis- übcrwachungsstellen überlassen. Damit wird eine wesentliche Forderung der Handelsorganisationen erfüllt. Andererseits muß aber noch einmal betont werden, daß auch bei dieser Ber- Ordnung, deren Zweck es ist. die Einheitlichkeit der Preis- Überwachung sicherzustellen, von Maßnahmen zur Preis- senkung nichts zu merken ist. Große irnsieülnngsahtion in Walhall Wliheinrnisdie Grahgreuel und Rlesenkitsdi über hindenburgs Gruft noch dem persönlichen Gesehnt och eines einstigen Dehorotfonsmoiers „Gehe ein in Walhall!" So war der letzte Wunsch Adolf Hitlers an seinen Vorgänger Paul von Hinden- bürg. Dessen ewige Ruhe hat noch knapp 4 Monate gedauert, wie folgender halbamtlicher Greuelbericht aus Berlin zeigt: DNB. meldet: Die Erbauer des Tannenberg-Denkmals, Walter und Johannes Krüger, sind damit beauftragt worden, die Gruft des Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg im Tannenberg-Denkmal auszubauen. Vor etwa sieben Wochen empfing sie der Führer persönlich, um mit ihnen den Ausbau des Denkmals zu besprechen. Der Führer zeichnete seine Idee für die Ausgestal- lung des Denkmals selbst in den Grundrißplan des Tannenberg-Denkmals ein. So ist es der Gedanke des Führers selbst, daß das Schwergewicht des Denkmals, das bisher, gebildet von dem hohen Kreuz über dem Grabe von zwanzig deutschen Soldaten, im Mittelpunkt des Denk- »lalshoscö ruht, in die Achse verlegt wirb. Das heißt also, das Grabmal in der Mitte des Hofes verschwindet, die Gruft des Felbmarschalls wird in den bisherigen Aus- gangsturm verlegt, der dem Eingangsturm gegeiiubcrltegt. Aus diese Weise wird im Innern des Tannenberg-Denkmals ein großer freier Hof gewonnen. Eingefaßt in das Gesamtbild des Denkmals wird die Grus nach dem Willen des Führers so gestaltet, daß sie Blickpunkt und Schwerpunkt des ganzen Denkmals wirb. Bon dem ver- tickten Hof auS führt ein breiter Zugang Zwischen zwei großen Granitblöcken, die rechts und links die Ringtreppen- anlage abschließen, zur Gruft. An den Stirnseiten dieser beiden Blöcke stehen die Standbilder zweier Soldaten. Monnmentalfigurcn, drei Meter groß, Wächter des Grabes. Den Einaana zur Gruft deckt ein gewaltiger, bchanener Steinblock, der nur in schlichten Buchstaben den Namen „Hindenburg" trägt. Dieser Block ivird ein ostpreußtscher Findling sein. Ein schmiedeeisernes Tor schließt die Gruft ab. Hinter dem Tor liegt, schon unter der Erde, eine Vorhalle. An diese Halle schließen sich rechts und links zwei weitere Hallen an, in denen die zivanzig toten deutschen Krieger bei- gesetzt iverden. die bisher unter dem hohen Bronzekreuz in- mitten des Denkmalshoscs ruhten. Diese Hallen werden Reliefs schmücken, die Darstellungen des aufbrechenden Heeres zeigen. Ein neues Gitter trennt von der Vorhalle die Gruft, in der der Targ des Fcldmarschalls steht. Die Gruft ist ein halbkugelsörmiges Gewölbe, an dessen Wänden bronzene Leuchter Kerzen tragen. Heber der Gruft ragt der Hindeuburg-Turm empor. Es ist der bisherige Ausgangs- türm, der äußerlich keinen Schmuck trägt und lediglich einige Fensteröffnungen ausweist. Diese Oessnungen wird man zu- mauern, dann soll das große Bronzekrcuz. das bisher in der Mitte des Denkinalshofes stand, an der glatten Wand dieses Turmes über dem Grufteingang angebracht werden. Der Turm selbst wirb mit kreuzförmigem Grundriß und Kuppelgewölbe ausgebaut. Als einzigen Schmuck erhält er außer seiner sehr schönen Werksteinverkleidung lediglich die Daten aus dem Leben des Feldmarschalls, eingemeißelt in die Wandplatten. Unter den Inschriften werden aus Bronze und Emaille die Vergrößerungen der vier höchsten preußischen Kriegs- orden prangen, die der Feldherr getragen hat. In der hohen Halle, die man durch Treppen aus den Kammern erreicht, die rechts und links der Gruft liegen, wird ein Bronzedenkmal des Feldmarschalls aufgestellt. Die von den Gebrüdern Krüger vorgelegten Entwürfe sind vom F ü h r e r und von der Familie des Fcldmarschalls genehmigt worden. Bald nach Weihnachten sollen die Pläne und Modelle im Königsberger Schloß ausgestellt werden. 13 Tote! Vom Zug des„Führers" überfahren Berlin, 15. Dezember. Ter fahrplanmäßige Schnellzug, mit dem der„Führer" und Reichskanzler am Freitag von Bremerhaven zurückfuhr, hatte bei Verden tAller) ein schweres Unglück, bei dem 13 Personen ums Leben kamen. Ein Autobus mit Anhänger, der eine plattdeutsche Theater- gcsellschast ans Stade nach Verden an der Aller bringen wollte, übersuhr bei nebligem Wetter bei Block via die gc- schlösse»? Eisenbahnschranke. Im gleichen Augenblick wurde der Autobus von einem Schnellzug ersaßt und zur Seite geschleudert. Der Autobus wurde vollkommen zertrümmert. Von den 20 Insassen waren 13 sofort tot. Vier wurden schwer verletzt, während drei, die ans der letzten Bank des Autobusses gesessen hatten, mit leichten Verletzungen davonkamen. Der Zug konnte aus kurze Strecke zum Halten gebracht werden. Die Insassen de? Zu- ges, unter denen sich auch ein Arzt befand, leisteten sosort die erste Hilfe. Nach kurzer Zeit trafen Feuerwehren und Sani- tätskolonnen umliegender Ortschaften mit Acrzten ein, gleich darauf ein HIlsszug der Reichsbahn. Ter Oberstaatsanwalt aus Verden begab sich cbcstsalls unverzüglich an die Un- alücksstätte, um die ersten Vernehmungen durchzuführen. Aus den verschiedenen Zeugenaussagen ergibt sich einwandfrei, daß die Schranke bereits fünf Minuten vor Passieren des Zuges ordnungsmäßig geschlossen war Die geschlossene Schranke wurde von dein Autobus mitten durchbrochen. Die Zngsührung und das Blockpcrsonal trifft keinerlei Schuld. Weihnachlssthene Im Nicticrhergisdicn Köln, 15. Dezembe«. Im Nicdcrbergischcu ereignete sich ein Vorfall, der. so lächerlich er auch ist, andererseits doch zeigt, in welcher Not sich der mittelständischc Einzelhandel in den kleineren Orten befindet, dem die Hitlcrpartei die Erlösung von alle» Schmie- rigkeiten und die Beseitigung der Konkurrenz der Waren- Häuser versprochen hat. Der Wuppcrtaler VerkehrSverein hat eine Weihnacht?- wcrbewoche veranstaltet, in welcher die Einzelhändler der niederbergischcn Orte unter Führung der Stadt Velbert eine unliebsame Konkurrenz erblickten. Sie entschlossen sich deshalb, dieser Werbewochc den Kampf anzusagen, was zu einer Groteske besonderer Art sührte. Um nämlich die Abfahrt von Tvnderzllgcn. die aus Anlaß der Wuppertaler Wcrbewoche u. a. vom Niederbergischcn Land nach Wuppertal eingelegt wurden, zu unterbinden, haben sich Kreise des niederbergischen Einzelhandels an das Gericht gewandt und sogar den Gerichtsvollzieher gegen die Abfahrt der Sondcrzüge mobilznmachcn versucht. Tatsächlich konnten auch die Einzelhändler des Niederbergif hcn Landes eine einstweilige Verfügung vom Amtsgericht in Velbert erwirken, um die Abfahrt eines Sonderzuges von Velbert nach Wuppertal zu verhindern. Die Verfügung wurde jedoch gegen den ersten abfahrenden Souderzug nicht mehr wirksam, weil sie noch die zuständigen Instanzen zu durchlaufen hatte. Der Zug zur Wuppcrtaler Wcihnachts- wache konnte infolgedessen unbehelligt, wenn auch unter wüsten Beschimpfungen der Einzelhändler, abfahren. Gegen den Wnppertaler Verkchrovcrein ist vom Handels- schutzverein Velbert auch eine Anzeige beim Einigungsamt der Belgischen Industrie- und Handelskammer ftir Acttbe- werbsstreitigkcitcu erstattet worden. Anlaß zu dieser An- z^ige sind Prospekte, die in großen Mengen in das Nieder- belgische Land versandt wurden und ans denen im Zu- sammenhang mit der Wuppcrtaler Werbewoche Fahrpreis- crmäßigungen sowohl auf der Reichsbahn als auch aus den Straßenbahnen nach Wuppertal angekündigt waren. Man sieht in dieser Ankündigung einen Vorstoß gegen die guten Sitten im Sinne des Wettbeivcrbsgcsetzen ßer b aue Engel S:hupo als Weihnachtsmann Zum„T a g der deutschen P o l i z e i" soll sich, wie amtlich gemeldet wird, did Polizei im ganzen Reich mit be- sonderen Veranstaltungen für das Winterhilsswerk ein- fetzen. Aus dem Programm für diese Veranstaltungen ivird jetzt unter anderem bekannt gegeben: Die Polizei geht zum Teil mit ihren Kapelle» in Betriebe und Ttadtgegenden, in denen im allgemeine» leine Platz- konzertc abgehalten werden. Außerdem werden auch ans dem flachen Lande, in.Kleinstädten und Dörfer», Konzerte der Schiitzpolizeikapellen veranstaltet. In Hamburg werden P v- l i z c i b e a ni t c, als W c i h n a ch t s m ä u n e r ver- kleidet, in den sogenannten Elendsvierteln den bedllrf- tigeu Kindern eine Weihnachtobcschcruug bereiten. Tie Mit- tel hierzu werden durch Spenden der Beamtenschaft selbst aufgebracht. Die üblichen Kinderspeisungen, die überall stattfinden, sollen an den beiden Tagen verdoppelt werden. Außerdem bringt die Polizei Mittel zusammen, um bedürf- tigen Kindern den Besuch von Wcihnachtsuorstellnnge» zu ermöglichen. In Sachsen undWUrttemberg soll auch der Po- l i z e i h u n d in den Dienst ber guten Sache gestellt wer- den. In Königsberg wird dem Publikum, ebenso wie an an- deren Orten, die rcitcrliche Ausbildung der Polizei vor- geführt: der Reinertrag dieser Bcranstallungen Ivird an das Winterhilsswerk gegeben. Ueberall ichließt ber„Tag der Po- lizci" mit einem Z a p s c n st r c i ch. Vor einem neuen neicZts'agsbroRdprmß Bekanntlich hat das Propagandaministeiiiiin i» Berlin versucht, den niederschmetternden Eindruck, den das durch Rcichstagsadgeorduete» Bratling veröffentlichte Ernst-Do- lnmeiit in der ganze» Weit hervorgerufen hat, dadurch abzn- schwächen, daß es dem Vertreter der„Times" einen falschen Fiedler.vorgestellt hat. Branting hat aber dselen Versuch des Goebbels-Ministeriums damit durchkreuzt, daß er den sal- scheu Fiedler aufgefordert hat. ihn wegen Verleumdung, da er ihn der Brandstiftung bezichtigt habe, zu verklagen. Der gegenüber dem„TimeS"-Korresponbcnten so redselige Herr Fiedler war plötzlich außergewöhnlich schweigsam und leistete dieser Aufforderung keine Folge. Weder das Propaganda- Ministerium noch Herr Fiedler haben bisher ans diese Auf- forderung reagiert. Umso mehr reagiert aber haben zahlreiche Zeugen und Personen, die bereit sind, in einem Prozeß Branting—Fiedler. der zu einem neuen Reichstagsbrand- prozeß iverden müßte, als Zeugen aufzutreten. Unter an- deren hat das Wort genommen der bulgarische Rechtsauwalt Grigorosf. Bei Branting haben sich niedrere in der letzten Zeit auS Deutschland geflüchtete Zeugen gemeldet, die in der Lage sind, die in dem Ernst-Tvknmcnt angegebenen Tatsachen zu erhärten. Voraussichtlich würden auch, wenn es zu einem Prozeß käme, Dimitroff, Popoff und Tancff zu den Verhandlungen reisen. I I Zu verkaufen oder zu vermieten I Neuerbautes, mit allem modernem Komfort versebenes, dreistöckiges Geschäftshaus gelegen in der Stadl LUXEMBURG in verkehrsreicher Hauptstraße, tln jedem Stockwerk fünf geräumige Wohnzimmer nebst Kirche, IV. C., Bade- und Toilettenzimmer, Warenaufzug, Etagenheizung. Sorarium. Im Erdgeschoß sehr schönes Lokal, mehrere Zimmer, Garage. Sofort zu beziehen.— Sich wenden unter R. F. 5547 an die Expedition dieses Blattes. lu verkaufen in Hauptverkehrsstraße von METZ schöner Fonds eines erstklassigen Tüäscfic- und IDoffumrengescfiäffes Sehr niedrige Miete, Vertrag noch 4 Jahre mit Anrecht auf Verlängerung laut Gesetz betr. Geschäftseigentum, erhältl.m» äCPfavom Verkaufswert. Auch Vermittler können sich der Sache annehmen. Offerten unter Hr. E 435 an die Ausgabestelle. 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Genau wie im Kriege gibt es Unglücksfälle mit schweren Opfern. Genau wie im Kriege erhält die Presse eine Zen- suranweisnng,„daß über die Explosion bei der Firma .... außer der einfachen Erwähnung der Tatsache nichts veröffentlicht werden darf". Dieser Tage las man die folgende Notiz in Magdeburger Leitungen: In der Maschinenfabrik Polte ereignete sich am Dienstag um 20.40 Uhr eine Explosion. Sonst nichts! Was war geschehen? Es handelte sich um eine Explosion von Granaten. Die Wahrheit er- fuhr man einige Tage darauf durch eine Serie von Todes- anzeigen in der Magdeburger Presse, die versehentlich nicht verboten worden waren. Lauter junge Mädchen und Frauen waren die Todesopfer: Bertha Borrs Frida Baumann Zfertha Roscmeicr Eharlottc Edelmann und viele andere, wiedergegeben: Ganz plötzlich und unerwartet nahm uns der Tod meine geliebte Tochter, unsere gute Schwester, liebe Schwägerin und Schwiegertochter, meine»»vergeßliche Braut Sharlotte Ho.schumacher aus einem hoffnungsvollen Leben. Magdeburg, den st. Dezember 1931. In tiefer Trauer Die Mutter Emmi Fischer und alle Angehörigen. Die Beerdigung findet statt am Montag, dem 19. De- zembcr, 14.39 Uhr, von der Hauptknpcllc des Wcstsriedhoss. Etwaige Kranzspenden erbeten an das Beerdigungsinstitut Ebeling, Hauptwache 8/9. vic Tcrhcimlldifc Gronalcnciplosion zahlreiche junge Mädchen und Frauen als Opfer der fieberhaften Rüstung Eine der Anzeigen sei im Wortlaut „Ganz.plötzlich und unerwartet" explodierten die Geschosses Aus den Granatpakctcn, die die Oziscr herzurichten hatten- war zu lesen: „Achtung! Weingläser! Zerbrechlich, nicht stürzen!" Das ist das Deutschland, in dem die Jugend aufgebrochen ist! Sie stirbt schon im Frieden an den Kriegsvorbereitungen des„dritten Reiches". Das Neue Tage-Buch Herausgeber: Leopold S c b wa r z s c b i I d AUS DEM INHALT. Nr- 46 soeben erschienen PREIS 3 FRANCS Die Woche Sein Kampf im Mittelpunkt Sieg der Moral Das Geständnis des Reichstagsbrandstifters LEOPOLD SCHWARZSCHILD: Intermezzo fOACHIM HANIEL: Die Finan- zi rung des„Dritten Reiches' 1 HEINRICH MANN: Das Bei plel Frankreichs ARMAND ROZELAAR: Beilin 1034 RUDOLF OLDEN: Der Tod als Spielzeug Miniaturen ZcMscfiiriffen- Uerkricß in französischer Großstadt günstig abzugeb. Schreib. LYON N FT. 1611, rue Vivinene, 17 Paris. INSERIEREN BRINGT GEWINN !0r 1 et fr asten C. G., London. Wir haben Ihnen für folgende Richtigstellung z« danken:„Tie Mitteilung, die Ihnen von Gloucestcr Street, London, zugebt über eine demnächst erscheinende zweisprachige antifaschistische Wochenzeitschrist, die angeblich mit Unterstützung des Flüchtlings- komitccs herauskommen soll, beruht auf einem Irrtum. Da das Flüchtlingskomitee ausschließlich karitative Ausgaben hat. kommt selbstverständlich die Unterstützung einer politische» Zeitschrift durch das Komitee nicht in Frage, aber außerdem weiß niemand etwas von einer solchen geplanten Zeitschrift. Wahrscheinlich liegt eine Ber- wcchslung vor mit einer demnächst hcraiiskommenden„Zeitung" von Flüchtlingen, für Flüchtlinge die jedoch ebenfalls unpolitisch ist, wie ich selber durch Einsichtnahme in die demnächst erscheinende erste Nummer feststellen konnte. Diese Zeitung will weiter nichts als in witziger Form den Flüchtlingen Winke für ihre Leben in London geben, wie Hinweise ans geeignete Klubs, auf die ortsübliche Höhe von Trinkgeldern, wie man sich aus der Straße verhalten soll und dergleichen mehr." Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz In Dud- weiter: für Inserate: Dito Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSstlmme SmbH„ Saarbrücken S, Schützenstrotze B.— Schließfach 776 Saarbrücken. Gestern noch wurden die Siege der Arbeits- schlacht stolz verkündet, und heute wächst die Arbeitslosigkeit. Fragen über Fragen wirft die Wirtschaftspolitik Adolf Hitlers auf. Sie ist ein Kampf, dessen Erfolg die wenigsten klar sehen,— ein Kampf, der über das tägliche Brot des deutschen Volkes entscheidet. Und zugleich über die Dauer des Hitler-Regimes mitentscheidet. Warum Arbeitsbeschaffung? Wem soll die Wirtschaft dienen? Ist Hitler Freund der Bauern? Das Geheimnis der Arbeitsbeschaffungswechsel? Warum ist die Währung fest? Zwangswirtschaft oder Planwirtschaft? Was hat Schacht geleistet? Gibt es Auswege aus der heutigen Wirtschaftslage? Rettet der Erfindergeist Hitler? Was sind Kompensationsgeschäfte? Wohin muß der Weg Hitlers führen? Ueber all diese Fragen, die jeden angehen, gibt die Schrift, die jeden interessieren wird, eine Auskunft, die jeden überzeugen muß:, Erhältlich in den Preis 3,- Fr. VON DR. NORBERT MÜHLEN Buchhandlungen derVoiksstirnme GmbH., SAARBRUCKEN NEUNKiRCHEN SAARLOUIS