Einzige unabhängige Tageszeitung veutfchlands Hr. 283— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 21. Dezember 1934 Chefredakteur: M. Braun Jotiumqen der SA%:9Celden Seite 3 Das Txoqcamm dec Volksfront Seite 5 (Dec Tliedecganq Seemens (Aus einem Privatbrief) (Du„Qeeuchsinn" des Jxofrssoc Stühe Seite 6 Seite 7 ■Ulm neue Judenhaß beginnt! Doiihoff mit Tränengas und Stinkbomben- Sturm auf fiidfsche Geschäfte „Alte Kämpfer rauben und stehlen- Barchels Pogromruf STttä zahlreichen Orten des Reichs gehen uns Berichte zu. dah ein neuer an den 1. April 1938 erinnernder Inden- bonkott im Gange ist. Tie Hitlerregierung läßt diesen Judenboykott durch ihre Kreaturen organisieren, um den erbitterte» alten Kämpfern ein Schauspiel und da und dort auch Gelegenheit zum Tiebftahl zu geben. Taneben soll der christliche Mittelstand, der über die Geschäftslage enttäuscht ist. beruhigt werte». Cr soll wieder den Eindruck gewinne», daft etwas für ihn geschieht. Wie im April 1988 werde» die arischen Firmen wieder durch ein Schild..deutsches Geschäft" gezeichnet, und die jüdischen Geschäftshäuser werden gezwungen, nach auften hin kenntlich zu machen, das, sie nichtarisch sind. Tie SA. iv i r d im vollen Umfange c i n g e s e tz t. Sie steht vor jüdischen Geschäftshäusern Posten, Käufer und Käuferin- ncn zurückzuhalten. Auch klaren Spreckchöre das Publi- tum auf. daft der Kauf bei Juden der Ehre des National- sozialismus widerspreche. Taft es sich hier nickt um ivilde Aktionen handelt, sondern um wohlorganisjerlcs Vorgehen, das-von den höchsten Reichs- und Staatsbehörden gebilligt wird, beweist ein Erlast des Gauleiters und Saarbcvvllmächtigten des Fuhrers. B ü r ck e l, der u. a. auffordert: Nationalsozialisten! Es besteht Beranlassung daraus hinzu- weisen, dast wir nichts im Ramichwarenladen des Juden verloren haben. Und wenn Tu mir sagst, dast Teine Frau die Einkäufe besorge, so ergibt sich daraus, dast eben in Deinem Hause kein nationalsozialistischer Geist herrscht und Tu selbst kein Mann bist, sondern ein Hanswurst." Man stelle sich vor: dieser Radauantisemit und Pogrom- Hetzer ist der offizielle Saarbeaustraqte des Führers und Reichskanzlers. Tiefer rohe, gewalttätige Hetzer hat cnt- scheidend über das Schicksal der Inden im Saargebiet zu bestimmen. Er war der offizielle Tclegierte Hitlerdeutsch- lands bei den Saarnerhandlungen in Rom. So sieht der Bursche aus. mit dem ausländische Regierungen Gentleman- Agreements schlichen sollen. Man kann sich aus dem Erlast des Bürckel nun ungefähr zusammenreimen, wie die Garantien gehalten werden, die das Hitlerreich im Falle der Rück gliederung zusagt. ES gibt gegen Hitlcrdeutschland nur eine Garantie: der Status guo im Taargebiet. Wie die von Bürckel und anderen hohen nationalsoziali- strichen Würdenträgern ergangenen Befehle für einen neuen Judenbonkott wirken, das hat am verganaenen Sonntag die jüdische Geschäftswelt von Mainz erlebt. Sämtliche jüdische Geschäfte wurden mit Tränengas- und Stinkbomben belegt. Tic Käufer und Käuferinnen ver- licsten fluchtartig die Geschäfte. In mehreren Geschäfts- Häusern kam es zu schweren Verwüstungen, Raub und Diebstahl durch eindringende„alte Kämpfer" des Herrn Adols Hitler. Besonders wüst und einem Pogrom nahekommend waren die Vorgänge in dem Geschäftshause S t u b. Diese Firma be- schästigt etwa 60 Angestellte, in der Mehrzahl Arier. Das Haus Stub gilt als sehr billig und hat deshalb seit jeher grosten Zulauf. Als am silbernen Tonntag der Lade» viel Publikum hatte, fingen plötzlich rauhe Hitlerkämpfer in den Geschäftsräumen zu brüllen au: „Heraus aus dem Judcnladen!" Tie Kunden, meist Frauen, antworteten:„Wir kaufen, wo es am billigsten ist." Daraufhin betrat ein Mann mit dem Abzeichen der R T T A P. das Geschäft. Aus dieses verabredete Signal hin erhob sich ein wildes Gebrüll: „DoS Parteimitglied must aus dem jüdischen Laden!" Ter Nazi mit dem Parteiabzeichen rief nun dem Inhaber zu: „Schlichen Sie schnell die Türen, denn man will stürmen." In diesem Augenblick ging das Licht ans. Tie„alten Kämpfer" und ihr pliUideistl»Ssiusttgsr Anhang drangen in den Laden ein und demolierten und raubten, ivas sie erreichen konnten. Es entstand eine wilde Schlägerei. Frauen und Kinder wurden niedergeworfen und nieder- getreten. Es gab zahlreiche Verletzte. Einige Frauen und Kinder waren so mitgenommen, dast sie ins Krankenhaus geschafft werden muhten. .Bor dem Gebäude sammelte sich eine gewaltige Menschen- menge au. deren Haltung und deren Gespräche zeigten, dast die anständige Bevölkerung mit den„alten Kämpfern" Hitlers nichts zu tun haben will. Interessant ist, dast sechsmal das Ueberiallkommando angerufen wurde, ohne dast es er- schien. Erst nach einer Stunde trafen Polizeibeamte ein. Als der Inhaber Stub der Polizei sagte:„Hier ist einer, der »och Tränengasbomben in der Tasche hat," gab ihm die Polizei zur Antwort:„Tie haben hier nichts zu sagen." Ter Mann mit de» Träneugasbontbe» konnte ungehindert davon- gehen. Tic Firma Stub beziffert ihren Schaden zwischen 60 000 und 70 000 Mark. Der Sturm hat sich also für die „alten Kämpfer" des Herrn Hitler gelohnt Keine einzige Zeitung in Mainz durfte über die Borgänge unterrichten. Ein Mitinhaber der Firma Stub ist Schweizer Bürger. Sehnlich wie in Mainz geht es jetzt überall in Deutsch- land zu. Mit Lautsprechern fahren die Nazis durch die Strafte» und rufen:„Kauft nicht bei Juden!!" Tie Gehsteige vor den jüdischen Geschäften werden nachts mit beschimpfenden Bonkottaufforderungen bemalt. Auch wenn die NSDAP, nicht überall öffentlich für den Boykott eintritt, so beweist die Art seiner Durchführung, daft er zentral von den Parteistellen des Herrn Hitler organisiert ist. »tt kine Verhaftung! „Christus ist unser Führer' Neue Massenkundgebung des Deutschen Volksbundes tn Saarbrücken Begeisterung für den Status quo Ter Deutsche Vol l sb und für christlich-so- ziale Gemeinschaft hat am Mittwoch z» einer neuen Kundgebung in Saarbrücken ausgerufen. Tiesmal hat er gezeigt, dast er den größten Berfa»,mlungsraum. den Städtischen Saalbau zu füllen vermag. Tie Veranstaltung begann mit einer Minute stillen lKedenkens an die Opfer des Hitlerreichs. Gedämpft spielte die Orgel:„Ich halt einen Kameraden." Als erster Redner forderte der Bergarbeiterfüyrer und frühere Reichstagsabgevrdneie. Kuhnen, dast das Saargebiet ungeteilt in ein befreites Reich zurückkehren muste. jetzt eine Einheit der Saarbevölkcrung nickt möglich sei. be- siebe wie ihm zahlreiche Bölkerbundsdclegierte mitgeteilt hätten d e aröste Gefahr einer Teilung des Gebietes. Tarum müsie der^tatuS auo aufrechterhalten bleiben, bis die>»,- ^tei te Rückkehr möglich fei. Tie spätere Rückkehr be. entsprechender WillenSänfterung de, Harlan der ,e, mit oder ipitojeuüu.~ möglich. TaS stehe unverrückbar ohne zweite:»bKimmung Deutsche Front" wirke. fest. Wt«»er«;t? üf( fter freigewerkschaftlichen Verbände zeigten d.e»efetztafle»et^ fj(fi für btn 2Mü8 :SS^ Es.iei n..r die Sch«.st o.t.ers, wenn d.e alte Einigkeit an der«aar»erlisten>>., Ueber 78 katholische Geistliche hätten die Gründung des Bolksbundcs mtt vollzogen, und viele andere versicherten ihre Sympathie. Nur vereinzelte Geistliche nähmen einen anderen Standpunkt ein. D«e übergrofte Mehrheit des saarländischen Klerus denke wie der Volköbund. Für die Katholiken an der Saar seien»och>mwer die bischöflichen Hirtenbriefe maftgebend, die zur Zeit der Frei- heil in de» Jahren 1931 und 1988 erlassen worden sind. Mit beistender Ironie fertigte Kuhnen die zahllosen Lokalgrösten der„deutschen Front" ab. die sich im Jahre 1919 für Frank- reich erklärt haben. Damals feien Delegierte aus dem Be- zirk Trier und den pfälzischen Gemeinden zu ihm gekom- men, er möge dafür eintreten, dast ihre Gemeinden mit zum Taargebiet geschlagen würden. Er habe die Leute heraus- geworfen. Jetzt ließen sie sich als nationale Helden feiern. Ter Bolksbund trete für die ungeteilte Rückgliederung ein, die später ohne Schwierigkeit in ein christliches Teutschland möglich sein werde. Ter frühere Reichstagsabgeordnete und longjährige Füh- rer des Christlichen Bcrgarbeiter-Berbandes. Im dusch, begann seine Rede mit der Erklärung:„Wir kämpfen für Teutschland und um Teutschland gegen seine undeutschen Machthaber." Er rollte das ganze Register von kulturpoli- tischen Sünden und außenpolitischen Mistersolgen der Hitler- regierung auf. Fortsetzung siehe 2. Seite. Oer Führer der freien Saar-Jugend in brauner Hand Saarbrücken, de» 20. Dezember. Ernst Bronn, der Führer der sozialistischen Jugend im Saargebiet, hatte die Ausgabe, nach einem genau festgc- legten Plan in einzelne» saarländischen Gemeinde« des Grenzbezirks Homburg, Material der Partei abzuliefern. Wie festgestellt worden ist, hat er sich genau an die An- Weisungen gehalten und austragsgemäst an de« einzeln:« Stelle» die Ablieferung vorgenommen. Aus der Fahrt zu dem letzten Bestimmungsort, Lantenbach, ist er vcrsehent- <><<, au» ei'--« r-»,"« Wea"»raten-— isi>,„ dieser Stelle leider sehr leicht möglich— und dabei ist er ver- hastet worden. Braun und sein Begleiter haben nicht ge- wuftt, daft sie sich mit dem in Teutschland verbotenen Pro- pagandamateriol aus deutschem Bode« befanden. Sie sind deshalb auch nach deutschen Gesetzen nicht ftrasbar, weil zur Strasbarleit das Bewußtsein gehört, sich aus deutschem Bode» zu befinden. Dieser Grundsatz gilt einstweilen auch noch im„dritten Reiche". Will die Gestapo nicht eine sla- g-antc Verletzung des Völkerrechts vornehmen, so muft sie de» Führer Oer Sozialistischen Arbeiterjugend und seine» Begleiter sofort freigebe». Es wäre eine ungeheuerliche Be- einslusiuiig des Abstimmungskampses, wen« man auögc- rechnet den Führer der saarländischen Sozialistischen Arbeiterjugend bis zur Abstimmung und darüber hinaus einsperren wollte...^. Der Fall droht große Verwicklungen zu bringen. Rer den Anhänger» der Einheitsfront zeigt sich eine ungeheure Er« regnng. Mau verlangt von der Rcgiernngskommisiion so- sortigc BergcltuugSmaftnahmen. Oer italienisch abessinische Honiltkl Genf, 20. Dezember. Ucberall in der Welt ist es unruhig, uberall entstehen neue Konflikte, neue Reibungen, neue Zwischenfälle. Der itolienisch-abessinische Zwischenfall bei den Brunnen von Ualual in den ersten Dezembertagen ist ein Faß- tor, der neue Beunruhigung in die Welt gebracht hat. Es hat sich dort, in den entlegenen Gegenden Nordost-Afrikas, soweit man den offiziellen Berichten der beiden streiten- den Mächte, die sich einander widersprechen, glauben kann, folgendes abgespielt: Eine cnglisch-abessinische Grenzkammission lbekanntlich liegt nordostlich von Abessinien Britisch-Somaliland, wah- rend da? italienische Somaliland westlich, nach dem Indi- schen Ozean zu liegt), kam Ende November m Be- gleitung von abessinischen Truppen zu dem Orte Ualual, der von italienischen Truppen besetzt war. Von abessim- scher Seite wurde erkläit, daß Ualual zu Abessinien ge- höre und deshalb van abessinuchen Truppen beseht werden müsse. Die Italiener lehnten die abessinische Forderung ab und es kam zu einem ernsten Zusammenstoß zwischen den Abessiniern und den Italienern, wobei beide Seiten schwere Verluste z u v er z eich n e n hatten. Wer angefangen hat, läßt sich nicht feststellen. Beide Seiten behaupten, wie dies in solchen Fallen üblich ist. daß der andere angefangen hätte. Inzwischen hat die italienische Regierung eine scharfe Note an die abessinische Regierung gerichtet, in welcher Schadenersatz und moralische Genugtuung verlangt wird, während die Regierung von Addisabbeba an den Völker- bund eine Eingabe gerichtet hat. in welcher die Schlichtung des italienisch-abessinischen Konflikts verlangt wird. Bekanntlich ist Abessinien. trotz des derzeitigen Protests Italiens, seit 1923 Mitglied des Völkerbundes. Dieser Konflikt wirft ein bezeichnendes Licht auf die kolonialen Erpansionsbestrebungen Italiens, die im End- crgebnis eine Gefahr siir den europäischen Frieden sind. Italien hat 1915 beim Eintritt in den Krieg im Londoner Geheimabkommen von den alliierten Mächten die Zu- sicherung auf Vergrößerung seines Kolonialbesitzes er- halten. Aber in Versailles ist Italien in dieser Beziehung mit leeren Händen ausgegangen. Das faschistische Italien besteht jetzt auf Erfüllung des Londoner Geheimabkom- mens, und die Verhandlungen, die gegenwärtig mit Frank- reich geführt werden, haben zum Ziel, den Kolonialbesitz Ottiliens zu erweitern und damit die Machtstellung dieses Landes zu stärken.*. Tie Verhandlungen beziehen sich unter anderem auch au? das Franzöfisch-Somaliland. Die Franzosen sollen sich bereit erklärt haben, einen Teil des Franzöfifch-Somali. Italien abzutreten, wodurch die Verbindung Mischen Jlalienisch-Somaliland und der italienischen Kolonie Eritrea enaer gestaltet werden kann. Deshalb will auch Italien möglichst tief in das abessinische Gebiet eindringen, um auf diese Weise, vielleicht in ferner Zu» Kunst, territoriell Ilalienisch-Somali mit Eritrea zu ver» einigen. Dieses Vordringen Italiens in abesslnisches Ge- or I f t rr'. t,tr^ td seinem Endergebnis zu einem Krieg mit Abessinien führen. Bekanntlich wurde schon einmal im Jahre 1896 zwischen Italien und Abessinien Krieg geführt, wobei es damals Abessinien gelungen war. seine Unabhängigkeit zu wahren. Heute ist Abessinien ein ziemlich machtiger Staat, der ein modern ausgerüstetes Heer in Starke von 300 000 Mann besitzt. Was die Lage in jener Ecke Afrikas besonders kompliziert macht, ist die Tat» fache, daß zwischen Abessinien und Japan eine enge Freundschaft herrscht, die sich darin offenbart, datz die Japaner teilweise das abessinische Heer ausbildeten und unmer stärker auf dem abefsinifchen Markt vordringen. Fast die gesamte Textileinfuhr nach Abessinien liegt heute in japanischen Händen, und es ist kein Zufall, datz es gerade Mussolini war, der vor einiger Zeit die europäische ofsentllche Meinung gegen die japanische Konkurrenz auf- zuputschen versuchte. Japan hat an der Erhaltung der Unabhängigkeit Adessiniens das größte Interesse, iväh- reud Italien seit dem Bestehen des faschistischen Regimes in immer stärkerer Weise seine Aspirationen gegenüber Abessinien geltend macht. Was sich in Somali-Land abspielt, ist nur ein Ab- schnitt in der italie Nischen kolonialen Expansionspolitik. Nicht minder bedenklich sind ja auch die italienischen Kolonialforderungen in Zentral- afrika. Wenn heute, wie es scheint, in dieser Beziehung Frankreich zu erheblichen Konzessionen bereit ist, so er- klärt sich dieser Umstand, ivie wir schon so oft hervorheben konnten, mit den Vorgängen in Deutschland. Frankreich will, um seine Grenze am Rhein wirksam schützen zu können, im Ernstfalle eine Rückendeckung am Mittelmeer haben. Aber bekanntlich sagt ein altes französisches Sprichwort:„L'appetit rient en manßeant"(Der Appetit kptnmt beim Essen) und man kann nicht wissen, welche Ansprüche Italien noch später erheben wird. Vielleicht noch bedenklicher ist die Expansion». Politik des faschistischen Italiens auf dem Balkan. Es ist ein offenes Geheimnis, datz in Albanten nicht der Konig Achmed-Zogu. sondern Italien herrscht. Albanien ist für Italien im Falle kriegerischer Verwicklungen ein strategisches Sprungbrett. Von Albanien aus fuhren die kürzesten Wege nach Belgrad. Wir haben alle diese Dinge mit Absicht im Zusammen- hang mit den Vorgängen an der abefsinifchen Grenze gestreift, um zu zeigen, datz auch der italienische Faschismus, wie der Faschismus in den anderen Ländern, durch seine Expansionsbestrebungen eine Beunruhigung hinein- bringt, die bei der gegenwärtig allgemein gespannten Lage in der Welt, die schon zur Geniige vor- handenen Explosiv st offe vermehrt. Varls«Der Jev llsdis ROdtriH ta-ji...--. Paris. 20 Dezember. -tcr.Jiiirftrm des ingoftawischen Außenministers Jev- mich wird hier allgemein bedauert. Man rühmt in der gc- samten Presse de», scheidende» Anßennnnister»ach, daß er einer der eifrigste» Verfechter der Ideen, sei, für die sich König Alexander von Jugoslawien eingesetzt habe. Er habe immer internationale Politik treiben wollen, eine internationale Politik, deren Achse durch Paris gehe. Jevtitsch habe, nachgeben müssen gegenüber denen, so sagt„Paris- Midi", d'e mit grobem Lärm Gö'ing i» Belgrad empfangen hatten, und die nach Berlin und nicht nach Gens ihre Blicke richteten. Ihre Berechnungen seien durch Jevlitickis Erfolge in Gens über den Haufe» geworfen worden. Er habe den Weg für eine Zuaininenarbei« von Frankreich, Italien und de» Balkanstaatc» frei gemacht. Man könne nur hosten, daß er setzt berufe» würde an der Spitze der jugoslawischen Regierung das Werk de» ermordeten Königs sortznsehen. Andre Leroux meint im„Popnlaire". jetzt sei noch 'einmal Gelegenheit gegeben In Jugoslawien Versöhnungs- Politik zu treiben, d. l>. ei» Kabinett mit Hilfe der Partei zu bilden die man bisher unfirdrückt habe. Jevtitsch» Geg- ner in der bisherigen Regierung seien dieselben Leute, die mehr oder minder große Sympathien für Hitlerdeut,chland de,äßen. Handln* äußere und Inncrc Politik ..Christus ist unser ruhrer" Fortsetzung von Seite 1 Jmbusch stellte die Jahr« der Republik de» Zuständen>m „dritten Re'cki" gegenüber und meinte, daß sich der frühere Sraa« und s»>ne aus dem Zentrum, de,, Sozialdemokraten pnd anderen repnblita»> che« Schichte» hervorgcga gencn „Parteibiichdcam«e,i" geaenübcr den letzige,, Machthaber« durchaus sehen lassen könnten. Diele christliche Gewerkschafter hätten zunächst i» gutem Glauben den Zusammenschluß in der„Deutschen Arbeits- front" mltge»nacht, jetzt ober müsse jedermann einsehen, daß mit der Zerschlagung der Ge,v«rk>chaft«n auch jede berechtigte Interessenvertretung der Arbeiter niimoglich gemacht sei. Glatt denen höre man Sprüche vvn Ehre sür die Arbeiter. Der Razigeist solle ans den Unternehmern Engel machen. Das sei aber nicht einmal dem Ehristenlnm gelungen. Hätte das deutsche Volk die Folgen der Hillerregieruiig voraus- gesehen, so wäre Hitler nie zur Mau» gekommen. Es hätte aber drüben Leute gegeben, die gemeint hätten:„Laßt sie doch mal an die Regierung, damit sie zeigen. was sie können." Hier an der Saar habe die Mehrbett noch zu entscheiden, ob sie freiwillig in da.» Zuchthans wolle, das sie nun kenne. Sundertiache Vcraniworinng trüge» die Führer an der aar. wenn sie dem Volke nicht die ihnen bekannte Wahrheit sagten. Die höchsie Pflicht habe der Ehrist, der die ewigen Güter nicht als politisches Ziel auffassen dürfe. Am 13. Januar wüste der Status gno siegen.„Das walte Gott." Die Veriammlnng bereitete beiden Rednern große Ova- tivne». Bemerke»»!- c rl Iii, wie die beiden fremden Worte Status a»o mehr»nd mehr Begeisterungsstürme auslösen. Jeder Satz, der das Bekenntnis zum Status auo cnhtelt, wurde Mit größter Zustimmung aufgenommen Manchmal konnten die Redner den begonnenen Gedanken nicht beenden, weil brausendes Händeklatschen und Bravorufe sie unterbrach. Minutenlangen Bestall gab es, als getagt wurde:„An der Saar ist Ehrst«»» unser Führer»nd nicht Hüler.« sVoit unserem Korrespondentenl Pari», Dezember. Daß da« Glück mit dem Kabinett F l a n d i n ist, kann wohl »ach den Erfolgen, dir es in den letzten Woche» erziel, hat. niemand bezivciseln. Ea eilt von einem parlamentarische« Sieg zum andern»nd der schlechteste ist es gewiß nicht, den es am Dienstag in der Kammer davontragen konnte. Gewiß war der Regierung die Mehrheit für den zusätzlichen fcOO Millioncnkredit sicher, den der Kriegsmtntster znr Ergän »ung des HeereSmaterials forderte, aber die Mehrheit von -lllO gegen 120 Stimmen ist doch so beträchtlich, daß sie sich angesichts der pazifistischen Grnndstimniung im Lande, äuge- ficht« auch der sonst von der Regierung geforderten Sparsamkeit nur mit der von Deutschland drohende» Gefahr recht- fertige» läßt. Ucber d'ese Gefahr sin» sich tr.tz«her sch»,,«« Rede» der Hitler. Heß u„h Geuosten. trotz aller„Privatresten" de» Herrn von Ribbentryp age französische»«reise einig. Darin gibt es keine Gegeniätzc von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linke». Das hat auch die Debatte in der Kammer deutlich gezeigt. Gegeniätze bestehen nur in der Auffassung darüber, ivie man der Gefahr, die vvn Hitler- deutschland drwhr, am besten begegnet. Leon Blum, der Führer und Sprecher der Sozialiste» ivill Dcuischlaiid in internationale Verhandlungen hineiiizivingeii, die Rechte fordert Rüstungen, die bürgerliche Linge wünscht nicht, daß der privaten Rüstungsindustrie die Rüstungsgewinne zu- fließen—- Ministerpräsident Flandin fordert Realpoll tk, Man könne Deutschland nicht zwingen. so sagt er eineni Ab- rüstungsabkommeii beizutreten: darum müsse man vorbei,- gen, indem man sich stark macht. Man darf trotz der große» Mehrheit, die sich sür die Re- gierung entschied, nicht überlebe« daß sieben Mitglieder der radikalfozialistischcii Fraktion mit den Sozialisten und Kom- munisten gegen die Regierung stimmen Man muß auch rc- gistrieren, daß ei» sozialistischer Zuiatzaiilrag. der die Ratio- »alisierung der Herstellung und de» Vertriebes von Waise» forderte, nur 380 gegen 100 Oppvsjtionsstimnie» fand. Hier wurde also die Opposition durch einen erheblichen Zustrom von Radikaliozialisten verstärkt. Immerhin ist die Mehrheit, über die die Regierung verfügen konnte n»d verfügt, sv grvß, daß sie Schwierigkeiten kaum zu befürchten hat, wenn nicht... Dieses„Wenn nicht" steht über der nächsten Zukunft. Eine der Forderungen der Linken, d»c von de.. Radtta,- sozial, sten, der stärkste» Reg'crnngsparte'. z« der'hren gemacht worden ist,>st die der Ansl»su«g der„L>g«cn, d. Y. der«ftitärähnt'che« Verbände. Auch hier ist der Regierung eine Mehrheit sicher, nur setz« diese sich aus Kommunisten, Sozialisten und Raditaljozia- listen zusammen, während die ans dem rechten Flügel der Regierungskoalition stehenden Fraktionen natürlich nichts davon wissen wollen, daß die satchistischen Verbände von der BUdfläche verschwinden svilen. Schon melden sich allcitt- Haiben mit ihren Protesten die Reserveoffiziere, denen man das Recht zum Waifentragen nehmen will,-Ate Ligucn drohen, und es fragt sich, ob diese Drohung Flondin zum Rückzug zwingen, beziehungsweise ob ein Festhalten an der Absicht, die faschistische»«ampsoerbäiide auszulösen, die Regiernngskoolitioii sprengen wird. Vorläufig nimmt der Präsident der nationalen Frontkämpfervereinigung L e b c c a die Tinge noch nicht so sehr ernst. Er erklärt ganz onen. würden die Plaue der Regierung verwirklicht, so trabe man schon vorgebaut. Man schaue sehr ruhig iu die Zutuns«... Der bekannte Faschisteniührer E o l o n e l de I a R o a u e, Präsident der Ereix de Feu, wird sich, wie er iagt, durch nichts aus seiner Ruhe bringen lassen.„Die C r o i x d e Fe» »nd Briscard» werden ihre Ruhe bewahren und sich>wr scde Eventualität bereithalten." Der rechtsstehende Parier Abgeordnete Taittingcr. de, Präsident der„I e u n e s s e s P a nr, o I c»". ist der Auffassung, die Kaminer werde sich die Sacke noch überlegen, denn die Verbände, die Reserveoniziere. die ehemal, gen Frontkämpfer zählte» mehr als'! Millionen Mitglieder, und alle Abgeordnete», die für die Auslösung der Kampsverbonde einträten, würden bc> Neuwahlen zur Rechenschaft gezogen werden.„Wir werde» einig und wie zuvor zusammcnge- ichlosten bleiben aber im geheimen.." Der Führer der„E a in e l o t s du r o Maxime Real öcl Sorte, schließlich spricht von„diktatvri'chcn Maßnahmen. die in der Absicht der Regierung lägen. Löse man die Ver- bände ans. so würde» Geheimorgauisationen an ihre«t tat treten. ES sei schwerer, diese zu bekämpfen, wenn sie m> Dunklen arbeiteten, als wenn man sie in aller OcftentUchten gcivähren lasse. Sensation ans London Einzelheiten über dos angebliche iraniös sdi sowjetrusslsdie Abkommen London, 20. Dezember. Im„Star", dem vielgelcsencn Linksblatt, gab es am Dienstag eine internationale Sensation. Mit allen Details ivurde hier das f r a n z ö s i s ch- s o iv s e t r» s I l ch e Ab- kommen, das sich auf gegenseitige militärische Hilfe und aus Handelsvereinbarungen beziehen soll, an die Oeffentlich- keil gebracht. -» Der„Star" behauptet, daß das entschetbende Militär»» koinnien am 22. November von Laval»nd Litwinow in Gens abgeichlossen»nd unterzeichnet morden sei. Es läuft angeb- iich fünf Jahre und kann um weitere fünf Jahre verlängert werden. Artikel 3 und 4 sehe» engste Zusammen- arbeit zwischen Soivjctrußland und Frankreich in Luft- iahrtsrage» vor. Artikel 2 des Vertrages soll Andeutungen darüber enthalte», daß Japan» n d Teutschland die mutmaßlichen Widersacher sein würden. In Ar- titel 1 wird der Pakt als ein reinen Vcrtcidiguiigszwecken dienendes Instrument bezeichnet. Ein Zusammenwirken zwischen beide» Generalstäbe» ist vorgesehen. Das Material über die inilitärtechnischen Fort- schritte soll ausgetauscht werden. Tie Luftfahrt- attachcs der beiden Länder in Paris und Moskau sollen weitgehend»nicrrichtrt werden. Außerdem wird sich eine französische Militärmission»ach Svwjetriikland und eine sowsetrnssischc Militärmission»ach Frankreich begeben, NM die militärischen»nd militärtechnftchcii Fortschritte zu studieren. Es sind Vorkehrungen getroffen, nm diese Be- stiminnngen sofort wirksam werden zu lassen. T s c s o iv j e t- russische!lt e g i e r u n g übernimmt.ferner die Herstellung f r a ,, zö s i ch e r Flugzeug motoren: die technische Leitung wird in französischen Händen liege». Von den neuen französischen Zwergtauk»«erde» 40» Stück nach Sowjetrußland besördcrt,„in hie Ersahrungen der französische,, Tanksabrikante,, auch Sowjotrußland nutzbar zu machen. Für die stünd'ge drahtlose Verbindung zw'schcn de» beiderseitigen Generalstäben ist et« Gehe'«- code ausgearbeitet worden. Die Veröffentlichung im„Star", die von einen, nament- lich nicht genannten Sonderberichterstatter stammt, enthält schließlich Einzelheiten über die Stellung der beiden Mächte im Falle eines Kriege». Sollte Sowfetrußland von Japan angeprijen werden, dann wird Frankreich ohne besondere Aufforderung KrteqSmaterlal im Werte von' Milliarden Franken an Sowjetrußland liefern. Im Falle eine» jranzösisch-deuiichei! Krieges werden die Sowieirußen Frankreich mit einer entsprectrende» Menge Getreide ver- sorge». Frankreich und Sowjetrußland veruflichH'U jiffl lernet, keine zwc'se't'gen Verträge mi« Deutschland abzuschließen. Der Sonderberichterstatter de»„Star" bemerkt, daß da- »ach also der Rapallvvertrag„ich, erneuert werden könne I» diesem Geheimabkommen, so fährt er fort, sei'eine Bestimmung über d'e Entsendung von Truppen von e'nem Land znm anderen enthalte«. Es sei wahrscheinlich, daß die beiden Länder d'e Lage h'nsich'- lich Polens später überprüfen werden. Tie Verössciftl'chniig des„Star" erregen gewaltiges Aussehen. Es folgt ihr freilich da» Dement, auf dem Fuße, zunächst g»s französischen und ioivietriissjschcn Kreisen Loy- dons Amtliche Erklärungen über dieses außenpolitische Er- eigni» von höchster Tragweite- vorausgesetzt, das es keine Mystifikation ist— werden vermutlich in Kürze er- folge». Frankreichs Bedingungen für Hallen Die Gründe für die Venöüerung des rreundsdiaüsabKommens (Von unserem Korrespondenten) Paris, 20. Dezember. Kein Zweifel: die französisch-italienische» Verhandlungen sind an einem loten Punkt angelangt. Alle Einzelheiten sind festgelegt, grundsätzliches Einverständnis über alles das, was zwischen den Kontrahenten geregelt werden soll, ist vorhanden, auch der Wille zu dieser Reglung, und doch.. Laval sieht, wie die recht gut unterrichtete Mitarbeiterin des„Oeuvre", Geneviäve Tabouis, in diesem Vlatic ausführt, Verhandlungen in drei Etappen vor. Zunächst einmal»'ordert der französische Außenminister, Mussolini solle s« einer Rede d'e die Einheit nnd Unverletz- lichtest Jugoslawien» als einen der Grundpleller des europäische» Frieden» anerkennen. Dann soll Italien eine neue Erklärung hinsichtlich der Unabhängigkeit Oester- reich», der sich dann Deutschland, die Tschechoslowakei. Jugoslawien. Frankreich und England anschließen müßten. Die dritte Etappe soll darln bestehen, daß man einen M i t t e lm e c r p a k t schalst, in dem Italien. Jugoslawien, Griechenland nnd die Türkei sich zu einer Verständigung verpsljchic» solle», die zunächst in gegenseitigen Beratungen bestehen»oll. Aber Mussolini wünscht eine andere Entwicklung der Dinge. Er ist der Meinung, daß zunächst die Verständigung mit Frankreich nnd di, Unterschrift unter da» französisch- italienische Protokoll während des Lavalbeiuchs in Rom. der schnellstens stattfinde» solle, da» Wichtigste sei. Erst nach dieser Reise solle man sich seiner Auslassung nach mit dem österreichischen Protokoll beschäftige» und wiederum erst bann in letzter Reibe möchte er zum Zwecke der Annähe- rnng an Jugoslawien die von Frankreich gewünschte Rede hafte». Rom scheint die Verpflichtung, diese Rede zu halten, als eine Art Erniedrig»»» anzusehen und möchte La v als Wnnich erst nach der E> n i a u» a mit Frank- reich überfülle». Aber gerade das kann Frankreich als Verbündeter Jugoslawiens nicht znaeben. zumal zu eineni Zeitpunkt, wo die deutsche Propaganda die Romreise be- nutzen ivill, nm stärker auk die jugoslawische Militärpaktes einzuwirken. Senator Bersnger hat bei seinem jüngste» Besuch Mussolini nahegelegt, die Rede nicht zu weit hinanszu- schieben, aber er hatte kein Glück damit... So liege» die Dlnge jetzt, und Rom und Parts suchen sich gegenseitig zu überzeugen. Dabei ist man aus beiden Seiten bemüht, zu einer Verständigung zwischen Italien und Frankreich zu kommen. Frankreich hat zunächst schon es» Opier gebracht. Er hat auf be» Abschluß des ,'ranzösisch-türkischen Paktes ver- zichtet, um nicht Italiens Mißfallen z» erregen. Damit führt Frankreich eine» Stoß gegen die deutsche Propaganda, die, ivie es scheint, Rom veranlassen möchte, s» der öfter- reichischc» Frage einen Modus vivendi zu suchen, der auk der Teilung der Einslußzvnen in diesem Lande beruhen soll. Aber Italien hat Frankreich nötig. Zunächst sür eine Anleihe mit der sich bereits die Banane de France und die italienische'Rationalbank beschäftigt. Italiens finanzielle Situation ist schmierig, und durch eine Verordnung, die vor etwa zehn Tagen erschienen ist, hat es die Einziehung der gegenwärtig im Ausland befindlichen italienischen Guthaben, ebenso ivie die ausländischer Werte angeordnet, die im Besitze von Italienern sind. Dann aber braucht Italien Frankreich besonders sür seine koloniale Erpansion, vor allem in Uethippie», eine Expan- sio». deren Größe und Möglichkeit setzt von den Debatten abhängig sei» würden, zu denen es darüber im Völkerbund kommen ivird. Frankreich hat ein gewichtiges Wort in der abessinische» Frage mitzusprechen. Seine Untersihrist steht nicht nur unter dem Dreimächtevertrag von lft'7, in dem es sich ebenso wie England iliib Italic» verxftlch'.-te. von Abesftnie» keine Sondervvrteile zn wollen.(«."• ckrrit noch im Jahre 10-25 war es geivinerinaßen AetbltzpJns Patin vor dem Völkerbund, als Frankreich sah. daß die Engländer und Italiener, ohne es vorher z» nnierrichten, ein Ab- kommen geschlossen hatten, das aeianet war. Abeüinien und die französische Eisenbahnlinie Dilb»ti-Ad>s-Aoeba zu de- unruhigen. Ans diesem Umstand werden sich eins»« Schwierigkeiten bei den kommende» Debatten ergeben. Die neiden der SAP. foilermeffioden der Gestapo geridiflidi festgestellt Ue&cr die furchtbaren Mißhandlungen, denen Klaus Z in c i(t n n und GenosIe n. die in dein bekannten SAP.-Prozeß»vm'Vvlksgeriri» verurteilt wurden sind, haben wir an dieser«teile mehrmals berichtet. Nunmehr werden aber einige(Einzelheiten aus der Gcrichtsverhand- lung selbst bekannt, die ein grelles Licht auf die Holter- Methoden werfen, oie unter dem nationalsozialistischen Re- aimc zum eiserne» Bestandteil eines„Gerichtsverfahrens" gehört. Gleich der erste Angeklagte, der SAP.-Mann Max tchilderte sachlich und eindringlich die erlittenen ."lighaiidlungcn. die bekanntlich schon im vorigen Jahre in der ausländischen Presse in aufsehenerregenden Berichten dargestellt ivorden waren. Die nächsten Angeklagten ergänz- ten diese Schilderung. To berichtete Karl Baier, wie er im Februar 1984 aus der gerichtlichen Untersuchungshaft in Moabit erneut zur Ge- stapo gebracht worden sei und dort auss Furchtbarste miß- handelt wurde: Herr von Plotho ließ drei SS.-Leute kommen, ermunterte sich und sie durch re'chliche» B'ergenuß, und dann wurde Karl Baier über einen Tisch gelegt und erh'elt jede Bicrtclstunde i II furchtbare Schläge. Schlicß- l'ch wurde er. e>n besonders kräsNger Man»>n de» besten Jahre», ohnmächtig. Als er wieder zum Bewußtsein kam, erklärte Herr von Plotho zuiOsch:„D u mußt ja ein furchtbar d« ckc s Fell haben, daß Dc'n Arsch noch nicht g e p l a ß t> st Besonders furchtbar wurde Dr. Stefan Tzcndc mit- genommen, der noch heute, nach einem Jahr, große Aar- b c n aus der Brust aufzn iv eise n b a t. Gr berichtet, daß er durch immer neue Mißhandlungen gezwungen ivorden sei, Protokolle zu unterschreiben, in denen er sich selbst immer höhere Funktionen in der Partei beilegen mußte. Das war so kraft, daß der Vorsitzende sich zu dem grimmigen Witz veranlaßt sah:..Wenn Sic„och welrrr in dieser Weise vernommen worden wären, wären Sic wohl schließlich Reichspräsident gewesen! Ilebcreinstinimend erklärten die Angeklagten, sie ivärcn nach den Mißhandlungen völlig besinnungslos gewesen und hätten schließlich auch ihr Todesurteil unterschrieben, wenn nir aus nicht aussagen würde, um m'ch nicht einer Strasversolgung auszusetzen!" Ein deutlicheres Eingeständnis ist nicht mehr denkbar! Bor dem höchsten deutschen politischen Gericht sind damit die Foltcrmethvden der Gestapo bewiesen und bestätigt ivorden. Was wird mit de» schuldigen Beamten geschehen? Werden Herr von Plotho und sein Mitarbeiter Helfershelfer Wies- mann und all die anderen Folterknechte iveiter in Amt und Würden bleiben? Die Tatsache der von den Angeklagten erlittenen Miß- Handlungen konnte auch dieses Gericht nicht übersehen. To- gar der Ttaatsanwalt mußte aus die polizeiliche» Protokolle verzichten und auch in der Urteilsbegründung wurde das noch einmal festgestellt Ebenso verwiesen die Verteidiger darauf, und zwar nicht nur die Wahlverteidiger, sondern auch die nationalsozialistischen Offizialverteidiger, die sich gciviß ungern genug von den Foltermethoden des„dritten Reiches" überzeugen mußten. Diese Nationalsozialisten er- klärten, schlimmer könnten die Angeklagten gar nicht be- straft werden, als sie bereits durch das Erlittene bestraft seien! Diese Mißhandlungen, ebenso wie die zahlreichen Protest- telcgramme, die aus dem Auslände beim Henkergericht ein- trafen, veranlaßtcn dieses, ein Urteil zu fällen, das. im Vergleich zu den drakonischen Terrorurteilen der Volks- gcrichtc geradezu als milde betrachtet ivcrdc» kann. Auch hat aus das Gericht das mutige Auftreten der Angeklagten einen starken Eindruck gemacht. Auch die angeklagte» Frauen, vor allem Edith Bauman» und Edith Tchustan, traten mit bewundernswertem Mut für ihre politischen Ideale ein. To mußte selbst dieses„Gericht" den Bekennerin»! der Angeklagten und ihre idealistische Gesinnung anerkennen. Des- halb lautete das Urteil ivic folgt: Für Max Köhler, Klaus Zweiling und Edith Bauniann je drei Jahre Gefängnis,- Ttesan Tzende. Gustav«leinert, Erich Zander und Hans Jls je zivei Jahre Zuchthaus; Karl Baier und Hans Beld- »er je 2 Jahre 0 Monate Gefängnis: Erich Drucker 2 Jahre und 8 Monate Gefängnis: Käthe Tchaftau 2 Jahre Gefängnis: Peter Keller und Günther Keil 1 Jahr 9 Monate Gefängnis; Lotte Adel und Peter LSkvv 1 Jahr 0 Monate Gefängnis: Gustav Tceger. Hermann Reich. Hermann Jahr und Georg Weinberg 1 Jahr 8 Monate Gefängnis. Fünf jugendliche Angeklagte wurden freigesprochen. # Ten Namen des Gestapo-Agenten, Freiherr v. Plotho, werden wir uns merken. Einst wird der Tag kommen, wo mit diesen Folter- und Henkersknechten gründlich abgcrech- nct wird. All diese Beamten und Richter, die ihren Eid auf den„Fiihrcr" und Reichskanzler geleistet haben, sie werden der verdienten Ttrase nicht entgehen. Tic kommende deutsche Revolution ivird die Fehler des 9. November 1918 nicht wiederholen. Rand um d'e Hirdie Bekenntnisfront in Danzig Danzig, 19. Dez. 48 von den 00 evangelischen Geistlichen des Freistaates Danzig, darunter alle vier Superinten- .'denken, habe» ihre Beziehungen zu den Deutschen Eh listen '-ä b g e b r v ch e n. Eine Entschließung, die gleichzeitig dem Senat und dem Obmann der Deutschen Ehristcn, Bischof Bemann, übergeben wurde, besagt unter anderm, daß die in de» Danzigcr Piarrschaiten bestehenden drei Gruppen von heute ab eine Bckenntnissronr mit der Ziel- ietzung des Kampscs um den Bekenntnischarakter der deutsche» evangelische» Kirche bilden. In Uebereinfiimmung mit den dahin gehenden Bestrebungen im Deut,che» Reiche fordert diese Front, daß die Grundsätze des Evangelinins zur alleinigen Richtschnur des kirchlichen Handelns gemacht werden. „Pro Deo"-Kommission in Berlin Berlin, 19. Dez. Im vorigen Jahrs würde in Genf die Internationale Konimission..I'rp Dco" gegründet mit dem Ziele, die bolschewistische Gvttlvsenpropagaiida in der Welt zu bekämpfe». Wie heute bekannt wird, ist auch in Berlin eine deutsche Sektion der..pro»«-«"-Kommission gegründet worden, der von evangelischer Seite angehören: Reichs- aerichtspräsidcnt i. R. Professor Dr. Simogs und Pro- sessor Dr. Seeberg. Deka» der ttninrrsstät Berlin: von katholischer Teile Domvikar Dr. Algermissen und Professor Dr. B e r g Aachen; ferner«in Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche. Der Prozeß gegen Karl Barth Berlin. 19 Dez. Am Donnerstag beginnt vor dem Unter- verivaltiltigsgericht in Köln, einer Behörde, die zur Hälfte ans Juristen und zur Hälft« aus Beamte» besieht und nur Versahren gegen Staatsbeamte, leitet, der Praest gegen den bekannten Bonner Tbeologicxrvieiior und Fuhrer der Bekenntnisbeweguna.Karl Barth. Proießor Barth ist bekanntlich wegen Verweigerung des Beainteueides in der ihm vorgelegten Form abgesetzt ivorden. »er Kampf in der evangelischen Klrdie Theologischer Kriegsschauplatz Der„Sonntagsgrub". Evangelisches Wochenblatt für die Gemeinden a» der Saar, bietet in einer Karte ein über- sichtliches Bild des Kriegsschauplatzes. Danach haben die Landeskirchen Bauern. Württemberg. Baden. LiPPV.©OH' noner, Schleswig-Holstein Irin'« völlig nut bcin Rrtchs- bischvs gebrach e n. Ebenso die Provinz,glürriien West- sa.7n und Schlesien. U° b e r w i e g e n dm» tziefem:«nst.l« fi<*9<-ii-n»"«r-rcr und Gemeinde» in."essen, z'etscn-Nguan. Pfalz Rheinprovinz, Oldenburg, Mecklenburg-riiweriit, Ostpreußen in„e r d r ii et ed e> A viel, n..... g Müller«. wo aber das„Kirchenrcgiine.it" der„Deut,che» Ehristcn" immer noch ein Scheindasein führt."- Gebiete mit starker und wachsender Bewegung für die Bekenntn.skirriie sind Freistaat und Provinz Sachsen. Anhalt. Pommern. Grenz- mark Nur Brandenburg und Thüringen sind mit Frage- zchcheu versehen, doch'verde., ans Berlin und Branden- lurl\?nb/ tsrkolgc der Bekenntstisbewegung berichtet, denen d e vom Führer begünstigte Richtung vergeblich mit Berbastunaen und Brntalitäten jeder Art zu begegne» wcht Größartige Kundgebungen'verde» auch aus andere» Vi ir:.ovariigr Kittensau,lerungen aller»ian»- Gcbictcn gemcl.^ z^r Tlicologieproscisarc». des m'T«sLlk Berestis usw.>'sw.. die den Rücktritt des hUAnfz»ordern haben sich jetzt ft59 Theologie, Winten au« Erlangen""d Rostock in sehr deutlichen Worten angesriilosse». In Berlin sind über 299 Pfarrer von 400 der Bekcnntniskirche beigelrctcn. Fast 79 Kandidaten der Provinz haben es abgelehnt, siri? von Müller-K ratnren priisen z» lassen,»nd werden von einer ncligegründeten Kommission ihrer Ririitnng geprüft werden. Sriiöne Zeugnisse von Bekennerunit. Vlchr nicht." Diese Gläubigen, die iiri, um der Kirchentehre oder des Kirche»- rechts Millen gegen die Machthaber auflehnen, betonen da- bei aeslifsentlich ihre Anhänglichkett an das„dritte Reich", schließen ihre Erklärungen mit„Heil Hitler!"»nd der- gleichen. Ihr Glaube gebt aus Lehre und Form, nicht an' den inneren Menschen. Tonst müßten die zahllosen Schandtaten»nd Rechtsbrüche des System sie auch außerhalb des theologischen Gebiets zu einer Stellungnahme als Christen bewegen. Ncbrigens erfreue» sie sich auch ma»ri,er Freude unter den Machthaber».„Die staatlichen Behörden stellen sich im allgemeinen nirist unfreundlich": heißt es aus Pommern. Aehnliches weiß man aus Bauer». Also ein Brndcrzivist im Hause Hitler— kein Kampf»»> Menschen- reriit und Menschlichkeit. Und doch ein Hoffnung weckendes Zeichen fortschreitender innerer Zersetzung des braunen Systems! VerhiindiiEig des Dlufeünders Dinker Jesus Christus—„ein arischer Held und Heiland und erster Nationalsozialist aller Zeiten" Die Deutsche Bolkskirchc, eine Bewegung des bekannten antisemitischen Schriftstellers A r t h u r Tinte r, gibt seit einiger Zeit eine Zeitung heraus„Die Religiöse Revolution", die in ihrer letzten Nummer auch znm deutschen Kirche» st reit Stellung»imint. In dem Leitartikel heißt es wörtlich:„Was ist nun die Ursache dieser verhängnisvollen religiösen Zerrissenheit?'Nichts anderes als die Tatsache, daß die heutigen Kirchen beider Bekenntnisse, die katholüche sowohl wie die protestantische,»nd ihre sämtliche» Abarten »nd Sekte» einschließlich der sogenannten Deutschen Christen kein wahres Christentum, sondern ein Tcheinchristentum lehren, denn sie verkünden nirist die ursprüngliche reine Lehre, die der n r i s ri, e Held und Heiland Jesus E h r i st» S vor 2900 Jahren der Menschheit brachte, sondern das» was der Jude„nd Rabbiner Paulus sich daraus zurccht- konstruiert hat, da er als Jude ganz außerstande ivar, ihren tiefste» arisch-heldischen Sinn zu erfassen. Denn die reine ursprüngliche Lehre Jesu ist unserem deutschen Blut und Weien artgemäß. Tie ist arisch, heldisch durch und durch, während die Lehre des Paulus mit deutschem Blut und Wesen unvereinbar ist, denn sie ist»»heldisch, indisch- v a z i s j st i s ri,, sje wendet siri, an die niederen Instinkte des Menschen. Der nativnaliozjqlistische Grundsatz„Gemeinnutz geht vor Eigennutz" ist nichts anderes als die praktisch- politische Gestaltung der ursprünglichen reine» Liebeslchrc Jesu! To ist Jesus der erste und größte Ratio- Ii ,i i s o z s g l i st aller Zeiten!" »er gefährliche Hodisdiullehrer Professor Litt muß seine Vorlesungen unterbrechen Leipzig. 19. Dez. Professor Dr. Theodor Litt, Ording- rius für Philosophie und Pädagogik an der Universität Leipzig, hat heute seine Borlesungen unterbrochen. Anlaß hierzu hat ein gegen Prof. Litt gerichteter scharfer Angriff in der„Leipziger Hochschulzeitung" gegeben. Darin wird ihm Vorwurf gemarist, er gefährde die politische Erziehung der Studentenschaft und sei kein Nationalsozialist. Der Rektor der Universität Leipzig, Pros. Dr. Golf, hat daraufhin, um Zwischenfälle zu vermeiden, die vorläufige Unterbrechung der Vorlesungen Litis verfügt. Deuisdie fiihrersprüdie Die korrupten Hitlerbonzen und ihre Vorgesetzten Den au, 20. Dez. Bei der feierliche» Verpflichtung des neuen Kreisleitcrs der NSDAP, für Dessau-Stadt, des Oberbürgermeisters Sander, ging der Rcichsstatthalter in Braunschwetg und Anhalt, Lorper, in einer Ansprache auch aus den Fall des früheren Kreisleiters Sommer ein, der lwie gemeldeti dieser Tage wegen fortgesetzter Untreue zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt ivorden war. Führen, so erklärte der Rcichsstatthalter, heiße, mehr können und mehr leisten als die anderen, immer wachsam sein und den anderen mit gutem Beispiel vorangehen. Viele fühlten sich berufen, aber das Schicksal spreche nur wenigen die Krone des Erfolges zu. Immer wieder erlebe man, daß z n Führern Be- r u s c ,i c enttäuschten, strauchelten und sielen. Trotzdem dürsten ivir niri» an unseren Ausgaben»er- zweifeln. Wenn einer falle, dann heiße es: Mann über Bord, das Sriiisf fährt iveiter! Es gebe im politischen Leben nur eine Todsünde, das sei die Schwäche. Ein politischer Führer dürsc nie schivari? sein, er dürfe auch nicht persönliche Rücksichten nehmen. Je höher einer stehe, um so schlimmer sei es, ivenn er das Vertrauen des Führers und der Bewegung durri, eigene Schuld enttäuschte. Er stehe nicht an zu erklären, daß er es zunächst nicht geglaubt habe, als zu ihm die Kund gedrungen sei, daß atte Partei- genossen, wie Sommer und Tempil», betrogen haben fällten, die Bewegung geschädigt hätten und ein widerwärtiges Leben führten. Er wisse, es gebe unter den Anwesenden einige, die ihm das als Schwäche auslegten, er bekenne stck, aber mit ganzen Herzen zum Optimismus, Auch d«r Führer pflege einen Parteigenosse» so lange zu decken, wie er an dessen Ei>rlicl,keit glauben könne. A»ri, habe er es nicht für seine Aufgabe gehalten, all das plötzlich zu ver- gesscn, was die Genannten in den verflossenen zehn Jakren geleistet hätten. Wen» er siri, dann allerdings habe über- zeugen müsse», daß sie des Einsatzes seiner Person nicht wert gewesen seien, dann sollten sie siri, niri» wundern, wenn er sie ganz fallen lasse. Er sei nicht gewillt, einem Gnadengesuch der Verurteilten stattzugeben. Was sie für die Bewegung getan hätte», hätte» sie zehnfach ausgelöscht. Ja, er behaupte, sie hätte» tu der Vergangenheit ge- heuchalt, sonst hätten sie nicht so handeln und seine An- ständigkeit mißbrauchen können, was zur Folge gehabt habe, daß man vcrsuri» habe, seine Person mit Dreck zu bespritzen. Auch denen gegenüber, die deshalb wegen Ver- lcuindiing im Gefängnis säßen, sei er nicht schwach. Denn der Verleumder und Ehrabschneider sei schlimmer als der Dieb. Zwischen Staatsräson und ..allen Kämpfern" Der neue Reichsminister ohne Geschäftsbereich Dr. Frank hat vom„Führer" folgendes Schreibe» erhalten: Sehr geehrter Herr Minister! Nachdem die Justizministerien des Reiches und Preußen vereinigt sind»nd in den übrige» Ländern das Reich durch das Gesetz vom 5>. Dezember 1984 die unmittelbare Leitung der Justizverwaltung übernommen hat, ist die Ausgabe, die Justiz in den Ländern gleichzuschalten, gelöst, Für die Mitarbeit bei der Erneuerung der Rechtsordnung haben Sie sich in der Akademie des deutschen Recht» eine vorbild- liche dauernde Einrichtung geschaffen, die sie tu den Stand setzt, ohne Beschränkung auf die Justiz im engeren Sinne bei der Durchsetzung der nationalsozialistischen Welt- alisch«,nung aus allen Gebieten der Neugestaltung des Rechtes mitzuwirken. Indem ich Ihnen sür Ihre unermüdliche und erfolgreiche Tätigkeit als Reichskommiflar tür die Gkichsch.il!»,ig der Justiz in den Ländern und für die Erneuerung der Rechtsordnung meinen wärmsten -tank und meine besondere Anerkennung ausspreche, er- kläre ich hiermit den Auftrag sür beendet, den Ihnen der verewigte Herr Reichspräsident von Hindenbnrg am 22. April 1988 erteilt hat. Gleichzeitig berufe ich Sie als Reichsminister ohne Geschäftsbereich in die Reichs- regieriing. Mit deutschem Gruß! lgez.j Adolf Hitler. Trotz de» schönen Worten bleibt es dabei, daß dem Dr. Frank jeder Einfluß auf die Justiz genommen ist. Di« wird wieder von dem alten Justizbnrokraten Dr. Gürtner betreut. Onensichtlich war es aber nicht möglich, den„alten Kämpfer" Frank jetzt schon ganz auszubooten und so erhält er die hoch- bezahlte Pfründe eines Reichsministers„ohne Geschäfts- bcrcich". Der Kampf in den höchsten Regionen dauert an. Was mit der SA. und SS.»all, deren Enlwassniing werden soll, ist noch immer ungeklärt, und es bleiben die Spannungen zwischen der Reichswehr»nd den Milizen. Daraus erklären llri, auch die dauernden Gedichte von einem beabsichtigten Rücktritt Blombergs, dei angeblich wieder einmal von Goriiig ersetzt werden soll. Die Entscheidungen, die bis nach dem 18. Januar vertagt sind, reisen heran. Nock, immer ist anct, der Posten des stellvertretenden Reichskanzlers nicht besetzt. venfsdier Gruft Ta bayrische Staatsministerium des Innern hat laut „Fränkischer Tageszeitung" angeordnet, daß vom 18. De- zembcr ab iänitliriie Angehörigen der S ri, n tz v o l i z e i t und der uniformierten G e in c i n d c p o l i z e i an Stelle der bisherigen Ehrenbezeugung und des bisherigen Grußes— lHandaufnahme an die Kopf- bcdcckungj— den d e u t s ch c u Gruß anzuwenden haben. Sdineid und Gesundheit Erfurt, 20. Dezember. Der Führer des Jungvolks im Gebiet 17 lThüringcnt erläßt einen Aufruf, in dem es heißt:„Von Ansang au, bei Jedem Appell, z» jeder Fübrertagung, haben wir klar und eindeutig betont, daß uns die Gesundheit der ui>6 anver- trauten Jungen über alles gebt. Es nützt dem deutschen Volke nichts, wenn heute das Jungvolk im Winter bei 20 und 80 Grad Kälte mit kurzen Hosen und nackten Knien aufmarschiert und dann im Alter von 20 Jahren bereits »nbrauriibar ist, weil jeder Rheumatismus oder Irina» in den Glieder» hat. Wer niri» die von der Reichsjugend sührung vorgescl,rieben« Skihose besitzt, kann selbstverständlich aiiri, jede andere Ski- oder Trainigshose anziehen oder zu kurzen Hose lange schwarze Strlimpse tragen. Aus jeden Fall ist alles z» unterlassen, was den Jungen gesundheit- liri, irgendwie schaden könnte, lieber jedem äußeren, äugen- blicklich sri,neidigen Aussehen steht die Gesundheit-mserer Kameraden." Rassensdia nde Eine nordisch-germanische Kronprinzenfamilie bei den Juden Jerusalem, 10. Dez.(ZTA.j Der schwedische Krön- prinz, die Kronprinzessin, die Kinder des K r o n p r i n z e n p o a r c s und dos gesamte Gefolge der Kronprinzenfamilie besuchten am 14. Dezember die jüdische Kolonie Nahalal im(Stnif Jezreel und wurden dort von Führern des Iischnw und der gesamten südischen Bevölkerung des Distrikts herzlich begrüßt. Die Krön- Prinzenfamilie besuchte u. a. auch die Mädchenschule der WFZO., eine private jüdische Farm und plant auch den Besuch anderer jüdischer Siedlungen. Nach ihrer Rückkehr nach Jerusalem besuchten die Gäste am gleichen Abend das hebräische Theater Habimah. Es wurde als Festvorstellung der„Ewige Jude" gegeben. Das Tbeatergcbäude ivar mit der schwedischen, der englischen und der jüdischen Nationalflagge dekoriert. Nach Schluß der Vorstellung, der auch der High Commissioner General Sir Arthur Wauchope mit den höchsten Beamten der„ie- gierung als Ehrengäste beiwohnte, wurden die s ch w e- dische, die englische und die hebräische Hymne gespielt. Nach der Vorstellung wurde im Hause des High Com- missioner Sir Arthur Wauchope zu Ehren der königlichen Gäste ein Dinner gegeben, zu dem die Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency Dr. Arthur Nuppin und Moshe Chcrtok, der Kanzler der Hebräischen Universität Dr. I. L. Magnes und andere jüdische Notabcln geladen waren. Für die Freilassung Torglers 33 Pariser Rechtsanwälte haben dem Internationalen Bcfreiungskomitce folgende Erklärung überreicht: „Wir unterzeichneten französischen Rechtsanwälte stellen fest, daß der frühere Rcichstagsabgcordnctc Ernst Torg- le r, der an» 24. Dezember 1038 vom Reichsgericht zu Leipzig freigesprochen wurde, seit dem 28. Februar 1033 unter dem befremdeten Bormund der„Schutzhast" gefangen gehalten wird. Da auf Grund des gleichen Freispruchs 3 andere Angeklagten aus demselben Prozeß im Februar 1034 freigelassen wurden, ersehen wir in der Fcsthaltung Ernst Torglers eine willkürliche Maßnahme, die eine Ver- lctzung der in allen zivilisierten Länder anerkannten Rechtögrundsätze darstellt. Wir protestieren gegen der- artige Justizmethodcn und fordern die sofortige Frei- lassung Torglers." Paris Deutscher Klub Die Weihnachtsfeier findet am 24. Dezember in den Gesellschaftsräumen von„Le Chocolat Prevost" statt, 66, Rue de la Chaussee d'Antin(Metro: Trinite). Um 20 Uhr gemeinsames Abendessen, zu dem vorherige Anmeldung notwendig ist(15 Franken), um 21 Uhr: Weihnachtslieder — Tanz. Man kann auch um 21 Uhr kommen, ohne vorher am Essen teilzunehmen. Eintritt für Mitglieder frei, für Gäste 6 Franken. BBIEFKASTEM „Deine g." Alles gut angekommen. Manches davon ist verwertbar. Zuverlässigkeit wird vorausgesetzt. Wasserkante, Sie schreiben uns: Die Kärntner Nationalsozialisten kamen nach Bremerhaven mit den Schiffen„Der Deutsche" und „Sierra vordobä". Beide Schisse sind von der Arbeitsfront(via Bcrgnügungsverein„Kraft durch Freude") feit Beginn 1934 gc- chartert. Die Verpflegung erfolgte sBcricht des Tondcrkorresponden- ten der„New?)ort Times" j aus Rcchnnng der Berliner Winterhilfe. Tie letzte Etappc des Julipulsches wurde also durch erpreßte Ar- bcitergroschcn und gestohlene Wintcrhilssgclder finanziert. Luzern. Ihrem Briese entnehmen wir:„Am IS. Juli iggZ ging ich freiwillig ins Ausland, seil August 1034 bin ich in der Schweiz und bekam dadurch zum ersten Mal Ihr Blatt zu lesen. Seither bin ich, obwohl nicht abonniert, Leser der„Deutschen Freiheit". Ich bedauere, daß ich nicht mehr tun kann, als Ihre Zeitung immer und immer wieder allen meinen Bekannten zum Lesen zu geben."— Wir freuen uns Ihres Grußes und danken Ihne». A. St., Schasshauscn. Besten Dank! Allerdings ist es ziemlich färb- loses Zeug. T. F. Wir entnehmen Ihrem Briefe an uns:„Mit großem Jnter- esse verfolge ich den heldenhaften Kamps an der Saar und wünsche Ihnen vollen Erfolg. Ich selbst gebe die„Deutsche Freiheit" immer weiter und manche Nummer findet ihren Weg ins Baterland. Bei meinem letzten Ausenthalt in Teutschland war es für mich sehr interessant, die Meinung vieler Menschen zu hören, die doch all- gemein dahin ging, daß es so nicht mehr weitergehen kann. Bei nur wenigen vernünftigen Mensche» fand ich einen erschreckende» Mangel an Einsicht. Bon denen hatte ich den Eindruck, als seien sie verbohrt und in die Idee verrannt. Alles, was gemacht wird, ist gut. Doch das eine Empfinden haben sie alle: Wir werden von einem kleinen Haufen emporgekommener Leute terrorisiert. Tie kulturelle Not wird auch sehr empfunden, und es ist geradezu erschreckend, was alles zum Lesen geboten wird, wie jeder Bortrag und jede Auf- sührung die gleiche Färbung trägt und all dies dazu beiträgt, den guten Geschmack zu verderben. Aber das eine hat mich mit Ber- trauen erfüllt. Es sind so viele, die da leiden und kämpfen, und aus den Opiern und Saaten derer, die heute beiseitegedrückt werden, auf deren Fähigkeiten und Mitarbeit man verzichten zu können glaubt, erwachsen Kräfte, die einem freien und sozialistischen Deutschland zugute kommen werden. Katholik in Saarlouis. Sie machen uns, allerdings reichlich ver- spület, aus folgende Glosse in der früher katholischen, jetzt hillerischen Saarbrücker„Landes-Zeitung" aufmerksam:„Das Christentum der „Neuen Saar-Post" über alles! Borne neben dem ZeitungSkvps, überall, wo sie ihren eigenen Namen abbrüht ist das Kreuzzeichen abgebildet. Alles und jedes ist in allerchristlichstes Licht gerückt, was zu beweisen nicht schwer fällt. Ton» kommt aber ein sich sehr einsam fühlender spanischer Zahnarzt der Weges, der sich eine gutvermögende Dame aus dem Leserkreis der„Neuen Taar-Poft" zwecks Heirat' sucht. Der sich sehr einsam fühlende spanische Zahnarzt dürste sich in der Hausnummer mächtig geirrt haben, als er in einem solch aller- christlichsten Blatt seine Heiratsanzeige vor wenigen Tagen aufgab, denn er sucht ausdrücklich die Bekanntschaft einer gutvermögende» Dame mit dem Hinweis, daß„Religion Nebensache" sei. Bitte, zu notieren: Redaktion der„Neuen Taar-Post": R e l i- g i o n H a u p t sa ch e! R n z e i g e n g e s ch ä s i der„Neuen Saar- Post": Religion Nebensache!"— llnS interessiert die Reli- gion der„Neuen Saar-Post" nicht. Wir haben aber noch nie eine Antwort von der„Landes-Zeitung" aus unsere Frage bekommen, wie es mit der Religion des i a u s s ch e i n k a i h o l i s ch e n Hitler steht. Denken wir an den 3V. Juni, so scheint uns sowohl bei ihm wie bei seinen journalistischen Kulis an der Saar„Religion Neben- fache" zu sein. H. R., Basel. Wir freuen uns über Ihre Wünsche sür die Saar. Herzlichen Dank. „Früher Mannheim." Eine Nummer des„Hakenkreuzbanner", die Sie»nS einsende», enthält folgenden Satz über die„Deutsche Frei- heit":„Dieses Organ des Separatisten Matz Braun empört(!!) sich darüber, daß das Ehrengericht einem pommerjchen Rittergutsbesitzer die Bauernfähigkeit auf bestimmte Zeit aberkannte, weil er eine« Landarbeiter mit der Reitpeitsche geschlagen hat!"— Das ist natür- Uch Schwindel. Wir haben nur festgestellt, daß Streicher noch immer frei mit der Reitpeitsche herumläuft, obwohl er einen wehrlosen Gefangenen halb tot gepeitscht hat. „Kölsche Jung." Wie Tu uns mitteilst, gehen aus dem Wakner Schießplatz noch imemr geheimnisvolle Tinge vor. Tie Page zum Durchqueren der Wahner Heide sind entzogen worden. Nur ganz zuverlässige Bürger, denen verbrecherische Sabotage und Verrat nicht zuzutrauen ist, erhalten noch einen Passierschein. Marxisten gehören zu diesen Bevorzugten natürlich nicht.— Weiter schreibst Tu uns, daß man den Gruß„Heil Hitler!" in der rheinischen Metropole außeramtlich kauni noch hört. In den allermeisten Betrieben wird niemand mehr gezwungen, den Hitlergruß anzuwenden. So wird alles vorübergehen, erst der Gruß und später der Hitler. P. Sch., Lüttich. Die monatlichen Mitgliedsbeiträge für die NSDAP., die so rigoros wie Steuern eingetrieben werden, sind vom 1. Januar 1935 an: 1. Für Mitglieder, welche vor dem 1. Mai 1933 in die Partei auf- genommen worden sind: Gruppe 1: im Erwerbsleben stehende Mitglieder l„r0 Mk. Gruppe 2: Arbeitslose oder nachweisbar in dürstigen Verhältnissen lebende Mitglieder 1,— Mk. Gruppe 3: Familienbeitrag 3,— Mk. lFamilienbeitrag kann nur dann in Anwendung kam- men, wenn mehr als drei Angehörige der Familie — Eltern und unterhaltspflichtige Kinder— Mitglieder der NSDAP, sind und zwar ohne Rücksicht aus die Ein- kommensverhältnisse.) 2. Für Mitglieder, welche nach dem 80. April 1933 in'die Partei aufgenommen wurden: Gruppe 4: im Erwerbsleben stehende Mitglieder bis zu einem monatlichen Bruttoeinkommen von 400,— Mk. 2,— Mk. Gruppe 5: im Erwerbsleben stehende Mitglieder mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 400.— bis 000,— Mk. 8,— Mk. Gruppe ki: im Erwerbsleben stehende Mitglieder mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von von 000,— bis 500.— Mk. 4.— Mk. Gruppe 7: im Erwerbsleben stehende Mitglieder mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von über 500.— Mk.. 5,— Mk. Gruppe 8: Arbeitslose oder in nachweisbar dürftigen Verhältnissen lebende Mitglieder I,— Mk. Gruppe 9: Familienbeitrag lSiehe. 1„ Absatz 3) 5,— Mk. Im Erwerbsleben stehende Ehefrauen zahlen den Parteibeitrog nach ihrem eigenen Einkommen, während nicht im Erwerbsleben stehende Ehefrauen den Parteibeitrag nach den Einkommen»- Verhältnissen ihres Ehemannes bezahlen. Die Sondervergünsligungen sür SA. und SS. sind ausgehoben nu rde». LUGANO große zweistöckige Herrschaitsfilla je 6 Zimmer, Zentrum, üarage, Harten, mit allern modernem Komfort.— Offerten unter Chiffre Oc 11371 Z an PUBLICUM. ZÜRICH, (Schwill) Für den Eesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz tu Dud-^ weiter,' für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck^ und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrücken S, Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Wer hätte Interesse mit einem in der Schweiz ansässigen, mit den Verhält- nissen best vertrauten jungem radimonn der Driiien-OptlK und Foto Branche in Verbindung zu treten zwecks Gründung eines Detaiigcschäfts in der Schweiz Offerten unter Chiffre 1276 an die„Deutsche Freiheit" Saarbrücken. Was ist's mit dem Arbeitsdienst? Lies„Jungens im Moor" und du weißt es! Ein erschütterndes Dokument l In seinen einfachen Korten zeigt es, wie der Idealismus der deutschen Jugend von unfähigen Kommißknechten erschlagen wird.}Vas die Nazis anfassen, wird Zwang, Sklaverei und Militarismus. Das teste ah jeder Sache erstirbt:; Die Freiwilligkeit! Man muß das Worf„Freiwillig" vom deutschen Arbeitsdienst streichen. M. M. ein alter Cagerführer.~ Dies Buch müssen alle Eltern und Jugendlichen lesen! 48 Seiten. Preis 2,— Fr.. Bestellungen erbeten an Verlag der„Volksstimme" Saarbrücken 3, Schützenstraße 5, Telefon 20731 und seine Buchhandlungen: Saarbrücken,. Trierer Straße, Neunkirchen und Saarlouis. J BEIM ARBEITSDIENST I ^DEUTSCHLAND^jZflttHITLER zum öroöcn Programm der lolhsfront risSSen verboten k Bis nach der Abstimmung Nach einer Mitteilung der Abstimmungskommission haben nch gemäß ihrer Anregung mit der Einstellung jeder Werbe- und Agitationstätigkeit in der S e i t nom 2 3. biü 27 Dezember die„Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung saarländischer Interessen", die Landesleitung der«Deutschen Front", der„Deutsche Bolksbund fiir christ- lickie soziale Gemeinschasl", die„Einheitsfront" und die ..saarländische Sozialistische Partei" und die„Saarländische Wirtschastsvcreiuigung" einverstanden erklärt. Ferner kündigt die Abstimmungskommission eine Ber- ordnung an, die jedes Flaggen vom 23. Dezember 1933 bis zur amtlichen Bcrkündnng des Abstimmungsergebnisses verbietet. Unter Flaggen ist das öffentliche Zeigen aller Flaggen und Wimpel, welcher Nation sie auch an- gehören mögen, und im allgemeinen aller Jahne» oder Symbole politischer oder religiöser Art zu verstehen, die in irgendeinem Zusammenhang mit der Volksabstimmung stehen könnten. Diese Flaggenverfügiina ist von größer Bedeutung. Bis- her halte das Saargebiet alle Augenblicke eine von der .deutschen Front" befohlene Flaggendemoustration, deren Durchführung vom schärfsten Terror begleitet war. lln- zählige flaggten aus reiner Angst vor der nachbarlichen Ueberivachnng und unter dem Druck des braunen„Block- warts". ES ist gut, dast es jetzt damit bis zur Bcrkündung des Abstimmt!ligsergebnisjcs ein Ende hat. Die Verteilung der Polizeifruppen ^ Havas meldet: Die Verteilung der internationalen Streitkräfte im Targebiet ist nun endgültig festgesetzt. Sie stieg auf eine Anzahl materieller Schwierigkeiten, die schließlich beseitigt werden konnten. Diese Verteilung stellt einen Kompromiß zwischen den militärischen Anforderungen und den Bedürfnissen der Zivilbevölkerung dar. Tie inter- nationalen Streitkräfte werden folgendermaßen verteilt: Die englischen Truppen haben für die Aufrechterhal- tnng der Ordnung in Tarbrücken und in den an Deutsch- land grenzenden Ostgebieten zu sorgen,' die italieni- scheu Truppen werden hauptsächlich den Gegenden zuge- teilt, die sich gegenüber dem französischem Gebiet befinden: die i ch iv c d i s ch e n und holländischen Kontingente werden hauptsächlich im Zentrum des Landes und im Nord- westen des Landes verteilt. (Men-enceaus Saariraiuosen In der„Saar-Bolksstimme" wird heute ein Schreiben verö'kentlicht, das am Iii. April 1919 an Elemenceau gerichtet wurde und das SO Prozent der Einwohnerschaft unterschrieben hatte. Das Schreiben hat folgenden Wort- laut: „Herrn Ministerpräsident Elemenceau Wir Unterzeichnete wenden uns hiermit an den Herrn Ministerpräsidenten Elemenceau mit der Bitte, dafür einzutreten, daß wir m ö g l i ch st bald der fran- zösjschen Republik als gleichberechtigter B e st a n d t e i l angegliedert werden. Geschichtlich haben wir seit jeher zu Lothringen gehört und auch^ gco- graphisch sind wir nicht von ihm zu trennen. In Sitten und Gebräuche» sind wir mit ihm stammverwandt und wirtschaftlich binde» uns unzertrennliche Bande. D i c p r c n si i s ch c Be r w a l t n n g war uns stets v c r- haßt und besonders in diesem Kriege hat sie an uns schwer gesündigt, ohne daß uns bisher Sühne geworden ist. Indem wir hoffen, daß uns Frankreich Gerechtigkeit bringen wird, wiederholen wir unser« Herzenswunsch Franzosen, u werden, und bitten, uns unsere Gesangcncn zurücksenden zu wollen. Ittersdorf, den III. April 1919." Tiefes landesverräterische Schreiben ist natürlich von Leuten unterzeichnet, die heute in Ittersdorf die^vort tührer der braunen I-ront lind.n Deutschland die Lage des Papstes sehr delikat ist. Immerhin sind aber mancherlei lehr deutliche Anzeichen dafür vorhanden, daß der Vatikan es begrüßen würde, ivenn die saarländischen Katholiken sich für den Status a u o entscheide» würden, zumal letzt, wo ihnen durch den Völkerbund die Möglichkeit einer späteren erneuten Abstimmung zugesagt worden ist. Der Sonderberichterstatter in Rom des„Matin", eines gut katholischen Blattes, Stephane Lauzanne, weiß über die Haltung des Papstes in der Saarfrage interessante Mit- teilungen zu machen. Lauzaniw kennt die schwierige Stellung des Papstes. In der Saarkrage wolle dieser sich völlig neutral verhalten. Aber es se- nicht unmöglich, es iei sogar wahrscheinlich, daß die geheimen Wünsche des Heiligen Stuhles dem Status quo gälten, denn die Kirche, der die Sorge für die geiit lichen Interessen obliege, habe sich nicht über die Art beklagen können, in der diese Interessen im Lauie der letzten 15 Jahre, wo das gegenwärtige Regime am Ruder sei. Beachtung gesunden hätten. Der heilige Stuhl versage es sich, diesen Wunsch deutlich auszusprechen, und er wolle auch nicht, daß man dies in seinem Namen tue: Mit um so größerem Recht dulde er nicht, daß man es so dar- st e l l e als habe er irgend iv e l ch e B e r p f l i ch t n n g e n hinsichtlich einer anderen L ö s u it g ans sich genommen der der etwaigen Rückgliederung der Saar an Deutschland. Erst am letzten Montag habe das Blatt des Vatikans der„Osservatore Romano" hierüber ein Dementi veröffentlicht, das von einer starken Schrossheit und deutlichen Klarheit sei. Monsignore Panico, der der außerordentliche Gesandte und direkte Vertreter des Heiligen Vaters im Saargebiet sei, habe eine ganz klare Mission zu erfüllen: er erfülle sie ebenso mit untadeliger Gewissenbeit wie mit unbeugsamer Wachsamkeit: er wache darüber, daß jeder katholische Wähler am kommenden 13. Januar in voller Frei- h e i t sich entscheiden könne, wie es ihm sein Gewissen vor- schreibe, und er wache darüber, daß keinerlei Druck von g e i st l i ch e r Seite auf ihn ausgeübt werden könne. In seiner ganzen Hoheit- bedeute das die Anwendung des gewaltigen Gesetzes der Unabhängigkeit bei Richtern, die ihren Urteilsspruch fällen sollen In den Zeiten der Republik aber haben Katholiken- führer, die gerade die Kulturpolitik zu ihrem Arbeits- gebiet gemacht haben, immer wieder die Toleranz der Sozialdemokratie gegenüber den religiösen Fragen>.ner- kanyt. Wenn die„Landeszeitung" mit ihrem einstigen Katholizismus auch das vergessen haben sollte, wird ihr gewiß ein Mann wie der in Teutschland noch lebende Reichskanzler a. D. Wilhelm Marx, immer noch im Katholizismus ein führender Mann, das Gedächtnis schärfen können. Ganz entsetzt ist die„Landcszeitung", daß die Volks- front auch ein Hochschulwesen für- das selbständige Saar- land anstrebt. Das scheint ihr die reine Utopie zu sein. Als wenn nicht wesentlich kleinexe deutsche Staaten, das Großherzogtum Sachsen-Wximar'zum Beispiel, ihre Uni- versität gehabt hätten, und dabei Zonnten sich diese beut- schon Duodezstaaten an wirtschaftlicher Bedeutung und an Wohlstand keineswegs mit dem Saargebiet messen. Woher die Kosten nehmen? Nun, wenn dem Saarland der mehrtausendtöpfige braune Hitlerbonzenschivarm er- spart bleibt, der eS kahl fressen wird, dürfte für manche kulturelle Aufgabe Geld übrig bleiben. Was nun die sozialen Resormsorderungen des Pro- gramms angeht, so höhnt die„Lanbeözeitung", daß weder der Völkerbund noch die französischen Gruben etwas bewilligen würden. Die Marxisten werden auch kaum darauf rechnen, daß man ihnen in Gens und Paris so ohne weiteres entgegenkommen wird. Tie Arbeiter, Angestellten und Beamten haben jahrzehntelang ihre Erfahrungen mit Stumm. Hilger, Röchling und dem Berliner Fiskus ge- macht, nm sich keinen Illusionen hinzugeben. Sie rechnen lediglich mit ihrer eigenen wirtschaftlichen und politischen Kraft. Die können sie aber in einem freien Saarlandc frei einsetzen, während sie unter einer nationalsozialistischen Diktatur z» elenden Heloten entmachtet sind. Jeder Kongoneger, jeder Zulukaffer hat doch gegenüber seinem Häuptling oder den fremden Kolonialherren mehr Rechte und Freiheiten als ein Deutscher gegenüber dem diktatorischen Bonzenklüngcl, der willkürlich und unver- antwortlich in Deutschland haust. Tie Volksfront verspricht nicht leichtfertig, wie die „Landeszeilung" lügt, sondern stellt sachliche Forderungen und reale Ziele aus, die srüher oder später vo« freien Staatsbürgern verwirklicht werden können, aber unetreich- bär bleiben müssen in einem Lande, das, wie das„dritte Reich", jede selbständige Regung der breiten BolkSmasien mit der Ttaatswaife unterdrückt. Weil die Volksfront diesen Zustand als unwürdig und undeutsch empfindet, ruft sie die Saarländer zum Kampfe für ein freies Teutschland auf, dessen erste Bastion an der Saar errichtet werden wird. Jattevismus gegen Maifkolizismus So viel Falschheit im einzelnen auch unterlaufen mag, auf den römischen Mythus als Achse alles Geschehens bezogen, ist daS römische Handeln nur folgerichtig und sentimentalem Moralisieren enthoben..., denn„das Christentum" gibt es ebenso wenig, wie es„die Wirtschaft",„die Politik" als Maß- stab an sich gibt. Das eine wie das andere, ist ein Mittel, um bestimmt eingestellten Seelen an dem Mythus der Stell- Vertretung Gottes auf Erden zu binden. Wie die zeitweiligen Losungen zu lauten haben, ist eine Frage der Zweckmäßig- feit, der zentrale Mythus bestimmt alles übrige. Sein rest- loser Tieg würde bedeuten, daß eine Priesterkaste über einen Milliardenhaufen von Menschen herrscht, der rassenlos, willcnlo.s. als kommunistisch gegliedertes Gemeinwesen se?n Dasein als Geschenk Gottes, ver- mitteltdurchdenallmächtigen Medizinmann, betrachtet. So etwa, wie es einst die Jesuiten in Paraguay durchzuführen versucht hatten. Diesem raste-^und persönlichkeitslosen System dienen heute noch Millionen, ohne es zu wissen und zu begreifen... In Chicago fand der große Eucharistische Kongreß statt, an dem„Katholiken" aller Rassen teilnahmen. Den Niggern gehört in Chicago eine große Kathedrale und ein schwarzer Bischof zelebrierte dort die heilige Messe! Das bedeutet, Züchtung jener B a st a r d e r s ch e i'n u n g e n. die in Mexiko. Südamerika, in Süditalien zu beobachten sind für alle Erdteile. Hier gehen Rom und Judentum Arm in Arm. Alfred Rosenberg, det vom Führer und Reichskanzler mit der weltanschaulichen Erziehung der Nation beauftragte Theoretiker des Nationalsozialismus in seinem Buche ,.D er Mythus des 20. Jahrhundert Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unsere Zeit. i3.—16. Auflage, Seite 469 70. Das Buch ist von der nationalsozialistischen Regierung allen Lehrerbibliotheken als geeignet empfohlen und in vielen Fällen auch katholischen Büchereien zwangsweise eingegliedert worden. Schacht sammelt Die Herren Gläubiger werden gebelen. noch elwas zuzulegen! Judenanzeigen und Sdiu'zhaH In der„W estsälischen Lanbeszeitung" vom 12. Dezember ließt man: Venn mir miederholt Gelegenheit nehmen mußten.»nS mit der„vii>,ge„. während der Zeil ihrer Aushilsetätigkeit aus eine Pension zu vcrzich- tcn, die diese Angestellten als 5l«prozen«ig Eriverbönnsähige erhalten. Auch hier geht der Druck vom Vertraucnsrai aus. der diese PensionSbeiträgc kassier! für die ,.Unterstützung„ol- leidender Volksgenossen". Diese Vorfälle sind natürlich in allen Büros bekannt und erregen Kopsschütteln. Daneben versuchen dieselben Vertrauensräte, mit dem alten Angc- stelltenra« in ein besseres Verhältnis zu kommen»nd klagen über die feindliche Haltung dicies letztere»,«veil sie darin auch die Ursache ihres geringen Einflusses im Betrieb sehen. Neben diele» Vorgängen, die ja nicht direkt mit den Kriegs- geriichten etivas zu tun haben, niache» jedoch noch andere Ge- spräche die Runde. Zum Teil«virken sich die Meldungen aus dem Ausland aus. ivvnach die Oesterreich-Angelegenheit»ach der Saarabstimmung«nieder aulleben soll. Und stark ist besonders die Annahme, daß die Saarabstimmung nicht ruhig verlausen«vird. Gelegentliche Besucher, die geschäftlich im Saargebict waren, berichte» von starkem Torrvr der„deut- scheu Front". Private Schätzungen sprechen von einem Stimm- Verhältnis von 40 zu 00 Prozent für Deutschland. Andere Leute behaupten, daß die Vertrauensleute der deutschen Re- gierung die Chancen«ntt 50 zu 50 Prozent einschätzen. Außerdem glaubt man feststellen zu können, daß die Propaganda der deutschen Regierung und ihrer Bcauflragten im Saar- gebiet nicht mehr fruchten. Man ist überzeugt, daß die Aussichten für den Status quo täglich steigen. Ans all diesen Mitteilungen folgert man die dringende Gefahr eines Pntickes vor der Adstimmu«:g, oder, im Falle der Hillerfchen Niederlage, mit einem Putsch »ach der Abstiminung. Auch ist man überzeugt, daß an eine Bezahlung der Saargrnden von der deutschen Regierung gar nicht gedacht wird. Ich erwähne diese Dinge nicht,«veil sich etwa politisch ac- schulte Menschen darüber unterhalte». Nein, diese Dinge «verde» in jeder Unterhaltung von ledern erivähnt. Und es kann»ich! mehr überraschen,«venu ein Krieg kommt, lieber- raschen«vürde höchstens,«venn er nicht kommt. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß der Krieg gcivllnscht wird. Im G c g e» t e i l, m a n i st g e g c n d e n K r i c g, von«venigcn Einzelgängern ausgenommen. Auch in SA.-Kreise» will niail ihn nicht. Wohl hört man den Einwand, der Krieg sei das einzige Mittel, in Deutschland Klarheit und Acnderung zu bringen Diese Mensche» glauben, daß sich dann die inneren Verhältnisse rasch«nieder ändern«verde», und rechnen vor allem damit, daß ein neuer Krieg nur von sehr kurzer Dauer sein könnte. In diesen Tage» laufen auch Polizeibeamte mit Kartei- karten herum, die bei den aufgeiuchlen Männern feststellen sollen, wo die letzte Beschäftigung ivar, das Militärverhältnis usw. Jeder Beamte hat bestimmte Jahrgänge zu bearbeiten. Soweit sich hier erkennen läßt, werden aber nur über 45- jährige aufgesucht. In einem früheren Rcgierungsgcbäude tsi jetzt das neue Bezirkskommando eingerichtet. Bei der Be- sichtigung während des Umbaues versicherte ein Lftizier einem Handwerker, daß. wen» das Ausland uns nur noch ein Jahr rüsten lasse, es kommen könne in jeder Form. Interef- sanl ist, daß alle diese Erfahrungen an? den letzten drei Wochen stammen und keineswegs zur ständigen Unterhaltung eines, sonder» aller Volkskreise gehören. Dir Bcrdnnklungttbungen haben so manchem vor Augen geführt, daß es sich weder nm eine Uebung, noch eine vor» bereitende Rüstung, sondern ganz einfach um eine zweck- bewußte Krtegsvorbereitnng handelt. Sic haben eine bisher nie beobachtete Nervosität hervorge- rufen. Ttraßeiiivachcn, die sich aus verschiedenen politische«, „nd behördlichen Formationen rekrnlienen, mußten die Straßen passieren»nd diejenigen, die nicht genügend abgedichtet hatten, auf ihre Fehler ausmerkjam machen. Wie ick genau weiß, sind diese Mahner in verschiedenen Fällen sehr unhöflich behandelt ivorden. Antivortcii wie„Ich bin nicht für Krieg, ich bin für Frieden", ivarc» noch die sachlichsten. Zum Teil hat man diesen Leuten die Polizei auf den HalS geschickt. Für Nichtbesolgung der Vorschriften mar eine Strafe von 150 Mark angedroht. Tie Zeitungen beruhigten dann d-e Gcinüter oder versuchten es wenigsten». Wir wollten ja keinen Krieg, es würde auch keiner kommen, oberen,an könnte eben doch»ich« wissen, ob wir nicht doch eines Tages über- rajchend überfallen würden und dann fei es gut, z«, wissen, «vie man sich schütze(Schluß folgte ^Deutsche stimmen•^cila^c zur.^Deutschen JfclficW• Ereignisse und öescf lichten Freitag, den 21. Dezember 1934 ^iajc fficads Musikalisches Max Brod setjt vor sein Buch(Verlag Allert de Lange, Amsterdam), das gleichzeitig Biografie, Polemik und geistreiches Essay ist, zwei ethische Zitate von Heine, die seinem (Broda) platonischen Geiste etmäß sind. Nämlich: ..Wer nicht weiter geht, als sein Herz ihn drängt und die Vernunft ihm erlaubt, ist eine Memme; wer weiter geht, als er gehen wollte, ist ein Sklave." Und: „Dje Gipfel sehen einander." Wir hätten vielleicht, um die nie veraltende politische Aktualität des großen Lyrikers und ersten deutschen Journalisten zu kennzeichnen, aus seinem..Buch Börne" den Satz über die(wie Brod sie nennt) national-deutsch christlichen Mystiker zitiert: ..Sie hätten bald die rohe Masse mit den dunklen Besch wörungsliedern des Mittelalters gegen uns aufgewiegelt, und diese Beschwörungslieder, ein Gemisch von uraltem Aberglauben und dämonischen Erdkräften, wären stärker gewesen, als alle Vernunft." Welche Prophetie! Aus der Erkenntnis des Ungeistes seiner Zeit Dinge voraussagen können, die sich hundert Jahre später naturgemäß ereignen. Brod ist mit edler Sprache, großem Fleiß und riesigem Material daran gegangen, eine umfassende Würdigung des Schriftstellers, des Politikers und nicht zuletzt des Juden Heine zu schreiben. Eine edle Rechtfertigung ist ihm geglückt. Des Dichters Entwicklung von seinen Vorfahren bis zum qualvollen Tode behutsam verfolgend, tritt Brod allen Mißdeutungen dieses einstmaligen Geistes entgegen. Es gelingt ihm, den angeblichen Zyniker als einen unheilbar Verwundeten, den scheinbaren Romantiker als starken, aber nicht deutscht ümelnd-f an lasierenden Lyriker. den „Vaterlandsverräter" als Kenner und Bekenner bester deutscher Wesensart, den Taufjuden als bewußten Mitstreiter gegen die Diffamierung und Verfolgung seines Volkes tins nahezubringen. Was wußten denn die meisten von uns bisher über Heines Leben? Daß er ein schöner, erfolgreicher Jüngling gewesen war. als er das„Buch der Lieder" schrieb und wie er ift der „Matratzengruft" gestorben. Vielleicht noch einiges Anekdotische über Mathilde und„Mouche".— Wer wußte, daß nicht einmal das Geburtsjahr des Dichters der„Loreley" genau bekannt ist(der„Loreley", bei der in den neu- deutschen Volkssehul-Lesebiichrrn vermerkt ist: Verfasser unbekannt!), wer erfuhr, daß die Mutter des Dichters den „Jüdische Barne" Qei Qecuchs-foolessoc Stühe schnuppert sie Man hatte schon so viel von der Rassentheorie, von hochwertigen, mittel- und minderwertigen Rassen geredet; nun wollte man doch endlich einmal wissen, welche Unterschiede zwischen ihnen bestehen und woran diese Unterschiede zu erkennen sind. Sprachstudien, auf die man sich lauge verlassen, hatten keine verbindlichen Aufschlüsse erteilt, Farhenunterschiede auch nicht, das wußte man schon um 1900 herum. Anatomische Messungen und Vergleiche der einzelnen Befunde ergaben ebenfalls keine sicheren Resultate. Mit psychologischen und geschichtlichen Betrachlungen kam mau wohl etwas weiter, aber nicht so weit, daß man hoffen durfte, den Eigenheiten der ursprünglichen Menschengattungen auf die Spur zu kommen. Da verfielen Neunmalweise auf eine andere Methode. Jede Rasse, sagte P r o f e s% or Stuhr aus Heidelberg, Anatora im Spezialfach, habe einen bestimmten Geruch. Am Geruch könne man ganz sicher erkennen, welcher Rasse ein Mensch angehört. Er selbst behauptete, ein überaus feines Spürorgan für die Unterschiedlichkeit der Rassen zu haben. Nicht nur die Hauptgruppen, wie Arier, Mongolen, Semiten, Neger, sondern sogar Untergruppen, wie Germanen und Romanen wollte er erriechen können. Auch wollte er per Geruch ganz bestimmt wissen, ob er einen männlichen oder weiblichen Angehörigen besagter Rassen vor sich habe. Damals gab es in Karlsruhe einen Industriellen namens Otto Ammon, der in die Rassentheorie geradezu verliebt war. Der Mann hatte einen beneidenswerten Vorzug: er war immens reich nnd wenn er hoffte, etwas zur Bestätigung seiner geliebten Rassentheorie tun zu können, so ließ er sich die Sache gern eine Stange Silber kosten. Auf V or- schlag des berühmten Nationalökonomen Max Weber wurde folgendes Experiment angestellt: Professor Stöhr wird mit verbundenen Augen in ein völlig finsteres Zimmer geführt. Dort wird ein Angehöriger oder eine Angehörige der unterschiedlich qualifizierten Rassen sitzen und Professor Stöhr soll, nachdem er sozusagen eine Nase voll von ihrem Rasse- parfiim eingesogen hat, angeben, welcher Menschengattung die Person im dunklen angehöre. Wenn unter 12 A ersuchen 10 oder mehr stimmten, dann könnte man, fa Is künftige Wiederholungen ebenso günstige Resultate erzielen wurden, spezielle Geruchsqualitäten der einzelnen Rassen gelten lassen. Wenn Professor Stöhr auf 8 Iiis 10 Treffer karte, wäre die Sache schon zweifelhaft und noch weniger richtige Angaben würden gar nichts für seine'I liesr beweisen. Der Anatom nahm die Bedingungen Max Webers an. Versuch 1:„Wer sitzt in diesem Zimmer?" Professor Stöhr rüsselt mit der Nase herum, als ob er das Weltgeheimnis selbst erriechen wollte. Antwort:„Hier sitzt ein deutscher Mann." Das Licht wurde aufgedreht. Eine junge hübsche Japanerin, Studentin der Medizin an der Heidelberger Universität. saß da und lachte Die Versuche gingen weiter. Experimentator hat.e 4 Treffer. 7 Versager und in einem FaMe riskierte er überhaupt keine Angahe. Ein klaahdier Reinfall. Stöhr führte ihn auf zeitweilig mangelnde Bereit- Schaft zurück Das war möglich. Man weiß, daß-ereil- sdlaf, hei psychologischen Experimenten eine entscheidende Tod des Sohnes überlebte, wer, daß er kurz nach seiner in Heiligenstadt hei Göttingen erfolgten Taufe an seinen Freund Moser schrieb:„Es wäre mir leid, wenn mein eigenes Getauftsein Dir in einem günstigen Licht erscheinen könnte" oder:„Ich stehe oft auf des Nachts und stelle mich vor den Spiegel und schimpfe mich aus."— Niemand ahnte bisher, daß Heine von 1822 bis 1824 ein sehr tätiges Mitglied des jüdischen Vereins„für Kultur und Wissenschaft" gewesen ist. Eines Vereins, der in seinen Statuten das Ziel bekanntgab.„die Juden durch einen von innen heraus sich entwickelnden Bildungsgang mit dem Zeitalter und den Staaten, in denen sie leben, in Harmonie zu setzen". Keiner vermutet, daß er mit seinen Dichtungen bei seiner Familie wenig Verständnis fand: kaum einer, daß er Goethe zeitlebens bedingungslos anerkannte und von Goethe, zu den „höheren Menschen" gerechnet wurde. Alle diese Kenntnisse und viele tiefe Erkenntnisse vermittelt Brod. belegt sie mit interessanten Dokumenten und analysiert Heines Entwicklung mit Inbrunst und Objektivität. Nie wird er nüchtern oder pedantisch, sondern bei allein Bienenfleiß, mit dem das Material zusammengetragen ist, wirkt jede Zeile lebendig und anschaulich. Das letzte Kapitel vom Tode des Dichters ist so plastisch, daß es uns tagelang verfolgt. Es liest sich wie ein Zolasches Romankapitel und erschüttert tief— Ein gutes und notwendiges Buch. Mit seinen fast 500 Seiten, den zehn besonders wertvollen Bildtafeln(wovon die Heinesche Totenmaske in ihrer monumentalen Schmerzlichkeit unvergeßlich bleibt) wird und muß es ein Bestandteil der Bibliothek jedes Geistigen werden. Karl S c Ii n o g. £ Dank sei dem Allert de Lauge-Verlag, der mn seinem„Jahrbuch 1 9 3 4' 3 5 Rechenschaft über ein Jahr verdienstvoller Tätigkeit ablegt.— Die Verbrannten und Verbannten haben hier ein würdiges Asyl gefunden. Kostproben aus den neuen Werken der: Bernhard, Brecht, Brod. Kesten, Kisch. Marcu, Neumann, Polgar, Roth, Schickole und Tsdiuppik beweisen, daß hier wichtiges Kulturgut gerettet wurde. Oh es sich nun um den— heftig umstrittenen—„Antichrist" von Roth oder den wirklich bedeutenden„Dreigroschenroman" von Brecht handelt, immer geht es um Bücher von europäischer Bedeutung. Unternehmungslust und Erfolg dieses holländischen Verlages beweisen die Lächerlichkeit des Versuches faschistischer Ignoranten, den freien Geist unterdrücken zu wollen. K. Rolle spielt. Er bat. nach einer Stunde die Versuche wieder aufnehmen zu dürfen. Es wurde gestaltet. „Wer ist in diesem Zimmer, Herr Professor?" Nach etwa drei Minuten hatte er es. „Jüdische Dame." „Woran erkennen Sie das?" fragte Weber. „Eine gewisse Prnetranz läßt das sicher erkennen." Das Licht wurde aufgedreht. Ueherhaupt keine Versuchs- person im Zimmer. Des Experimentierens war genug. Am nächsten Tag begab sich Stöhr in sein Laboratorium. Dort vermißte er seine Assistentin. „Wo ist Fräulein Brettithneider?" Der Diener wußte es nicht. Er übergab einen Brief. Fräulein Brettschneider schrieb ihm folgendes: ..Sehr verehrter Herr Professor! Ihre Autorität kann ich nicht mehr anerkennen. Wo nichts war, haben Sie eine jüdische Penetranz diagnostiziert und wo, fast ein Jahr lang, eine jüdische Penetranz sie umgab— nämlich ineine werte Person—> da haben Sie nichts diagnostiziert. Adieu, Herr Professor." Bruno Altmann. 1üec spielt mit? fast ausnahms- „Ich will Dein Führer sein!" Die Münchner Tageszeitungen bringen los— das folgende Inserat: „Der Gesellschafts-Klub München(Deutsche Klubgesell- Schaft) hat es sich zur Aufgabe gemacht, das neue, Schach, ähnliche Brettspiel„Ich will dein Führer sein" in allen Volkskreisen zu verbreiten und veranstaltet zu diesem Zweck in seinem Klubheim allwöchentlich Spielahende, bei denen den Mitgliedern und Interessenten das Spiel gelehrt wird. Eine größere Werbeveranstaltung für dieses Spiel fand am Samstagabend in F irm eines Tanzabends im Bürgerbräukeller statt. Der Erfinder des Spiels. S. Ileindl, spielte zu gleicher Zeit gegen vier Partner uncj zeigte den hohen Wert des Spieles auf. Unter Leitung des Tanzmeisters Ernst Bauer entwickelte sich später ein frohes Ballgetriebe und eine Abteilung der SS.-Kapelle Buiige spielte schneidige Tanzweisen. Die drei schönsten Balltoiletten wurden prämiiert und ihre Trägerinnen mit Blumrnspencleii ausgezeichnet." Das klingt lustig. Aber es ist nicht lustig. Deutschland wird sich mit drin neckischen Führerspiel um Kopf und Kragen spielen. « „Bec Jloman des schönen Adolf Eine Karikatur „Evening Standard" bringt eine Karikatur, auf der man Hitler mit einem Blumenstrauß sieht, auf dem die Inschrift angebracht ist:„Vollendete Tatsachen". Er stellt als Freier vor einer Tür zum Vorgarten des Völkerbundsgebäudes, das man im Hintergründe erblickt. Hinter der Tür zeigt Marianne mit der Hand auf das Völkerbundshaus und spricht dabei die Worte:„Iclr sehe wohl, daß Sie mir die Cour schneiden, aber zuerst müssen Sie sich mit meiner Familie verständigen." Die Uchersihrift lautet:„Der Roman des schönen Adolf". Singe, wem Gesang gegeben! Doch im braunen Hitlerreich Darf die Stimme nur erheben, Wer sich hat geschaltet gleich. Die modernen atonalen Komponisten sind verhaßt, Weil zu Marsch und Hornsignalen Ihre Tonkunst wenig paßt. Schockweis jagt die Dirigenten Goebbels aus dem Tempel raus. Denn mit den SA.-Talenten Kommt die Kunst von heute aus. Weil der Klumpfuß unbestritten Kunst- und sachverständig ist, Redet er von Hindemithen Als von einem„Hundemist". Furtwängler, ade. und Kleiber, Die ihr erst so brav pariert! Ein paar andre Notenschreiber Rasch zum Dienst sind kommandiert. Aus der„Alten Kämpfer" Bronnen Zaubert Goebbels sie geschwind. Ward doch auch zur Primadonnen Baldurs Schwester Rosalind! Fuhsel, statt im Sportpalaste, Dirigiert im Opernhaus. Haut er kräftig auf die Taste, Ueberragt er Richard Strauß. Und die Musiker?— Ein jeder Wird, der geht, ersetzt durch zehn: Wo der Brückner, Goltz, der Feder, So viel Führer— flöten gehnl Mutiti. tc ist heimyefahcen... Berichtigung einer„Greuellüge" Im Juli 1933, eben hatte ich Deutschland verlassen, veröffentlichte ich in einer Pariser Zeitschrift einen„Offenen Brief an den Hauptvorstand des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Berlin". In diesem Brief kam der Satz vor: „Was haben Sie, nieine Herren, getan, als Sie erfuhren, daß das Mitglied des SDS. Hans Georg Brenner, einer der begabtesten unter den jungen deutschen Dichtern, in Berlin auf offener Straße totgeschlagen wurde?" Ich hielt die Nachricht von Brenners. Jürmorduug für authentisch. Sie war mir von einem Gewährsmann berichtet worden, den ich für zuverlässig halten durfte. Erst viele Monate später erfuhr ich, daß die Nachricht wie so viele andere auch von irgendeinem Nazi-Spitzel lanciert worden war, damit die Presse des„dritten Beides" dann triumphierend berichten konnte: Wieder eine Greuellüge entlarvt! Dans Georg Brenner war tatsächlich nicht von den Nazis ermordet worden. Jener Freund, der mir erzählte, er habe Brenner noch im Herbst 1933 am hellen Tag auf dem Kur- fiirstendamm getroffen und auf seine erstaunte Frage:„Was, Du bist noch hier?" die Antwort bekommen:„Ods, mir passiert nichts!", jener Freund halte richtig gehört. Brenner hatte Beziehungen. Die Nazis merkten, daß er schreiben konnte, und er entdeckte plötzlich sein braune* Herz. Er vergaß seine Redakteurtätigkrit bei der kommunistischen Tageszeitung„Berlin am Morgen", er vergaß»ein rotes Drama„Aufstand in Masuren", er vergaß die unzähligen revolutionären Kurzgeschichten, die durch die Linkapresse gegangen waren. letzt liegt sein erster Roman vor,„H eimfahrt Uber den S e e", erschienen bei Bruno Cassirer in Berlin. Ein Dluho-Roman erster Güte. Das„Berliner Tageblatt" vom 11. November überschlägt sich vor Wonne und Glück: ein Blubo-Dichter gefunden, der schreiben kann! Wir hatten Brenner überschätzt. Wir hatten geglaubt, seine revolutionären Bekenntnisse seien echt, wir hatten geglaubt, er sei ein Charakter. Aber er war nur— sprechen wir es schlicht, oflen und kerndeutsch aus— ein Schwein. Ein Schwein wie Max Barthel, wie Gerhart Pohl, wie Albert Daudistel, wie Justus Ehrhardt, wie Henning Duderstedt, wie Erich Kästner und so viele andere, er war ein Konjunkturritter und sonst nichts. Er hatte geglaubt, die revolutionäre Bewegung würde siegen. Nun, er sah den Irrtum ein und wurde braun. Ob er wohl manchmal an seinen Freund Erich Mühsam denkt? Und an Klaus Nrukrantz, mit dem ihn gemeinsame Arbeit verband, und der heute noch in Papenburg oder sonstwo Moor sticht? An Carl von Ossietzky, dem er»eine Manuskripte brachte? Nein, er wird an solche unerfreuliche Dinge nicht denken. Er denkt an seine Honorare, er weiß, daß Könner bei den Nazis rar sind, und daß man ihn gut bezahlen wird. Er wird sich nicht schämen: solcher Regungen ist sein Herr, nicht fähig. Es wird ihm nur unangenehm sein, daß er früher mit Mühsam verkehrte und nicht mit Hans Jobst. Die Nachricht von der Ermordung Hans Georg Brenner* war ein Greuelmärchen. Es wäre besser, sie wäre wahr gewesen— besser für ihn und für uns! M d. „Qeben Sie Qedanhenfceiheit!" Demonstration im Theater Bremen, 17. Dez. Im Bremer Stadttheater ist es bei der Aufführung von Schillers„Don Carlos" zu einer Demonstration der Besucher gekommen. Die Theaterleitung hatte, die berühmte Stelle des Stückes:„Sir, gehen Sie Gedankenfreiheit!" gestrichen. Als der Satz ausblieb, setzte das Publi- kiim sofort mit so demonstrativem Beifall ein. daß die Vorstellung unterbrochen werden mußte. >i l a n« irmiei.en w».\9 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers rreilag, 21. Dezamber 1*3« „Preußischer Kommiß" Soldatengeschichten/ von August Winnig August Winnig, der Verfasser der vor dem Kriege erschienenen Schrift„Preußischer Kommiß", ist heute glühender{Nationalsozialist. Er dient der braunen Sache in Wort und Schrift, unter Preisgabe seiner Vergangenheit. Einst, als junger Proletarier, war er zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gekommen, bewegt von den hohen Gedanken der Freiheit und der Menschenrechte. Es gelang ihm, im freigewerk- «rhaftlichen Pa»arbeiterverband einen führenden Posten zu gewinnen.{Nach der Umwälzung von 1918 wurde er Oberprüsidenl in Ostpreußen, damals freilich schon in seinem alten Bekenntnis zögernd und schwankend. Sein politisches Ende in der Keptiblik führte der Kapp Putsch vom März 1920 herbei. Es erwies sich, daß er der zweideutigen Haltung der Keirhswehrkommandeure in jenen kritischen Tagen Vorschub geleistet hatte. Dann rutschte August Winnig immer weiter nach rechts. Er wurde der Vertrauensmann Hilgenbergs und Stinnes, für deren Blätter er seine flinke Feder in Bewegung setzte Heute ist er einer von den 110-Prozentigen: wildester Nationalsozialist. begeisterterMilitarist und nationalsozialistischer Schriftleiter. Sein Buch„Preußischer Kommiß" hat er längst verleugnet, weil es die denkbar schärfste Anklage des militaristischen Kadavergehorsams darstellt, zu dessen Anbetern er heute gehört. Ein Grund mehr liir uns. unseren Lesern einige Kapitel aus dem Buche August^ innig vorzulegen. Finale 16. Fortsetzung Darauf ging er auf den Mann los, packte ihn und rill ihn mit einem Ruck zur Seite. Dort hielt er ihn fest. ..Nun pump den Eimer voll!" Das war schnell geschehen. Der Wärter fluchte und versuchte sieh loszureißen, aber mein Kamerad, ein baumlanger holsteinischer Knecht, hielt ihn fest, daß sein Wüten ganz fruchtlos war. „Sei nur ruhig. Du! Jetzt kommandieren wir und Du hast zu gehorchen! Nun hole uns einen Topf, damit wir auch trinken können!" Damit ließ er ihn los und der Wärter holte wirklich einen Topf. Segenswünsche hatte er freilich dabei nicht für uns. Nachdem wir getrunken hatten, füllten wir noch die Feldflaschen. pflückten einige Rübenblätter, die wir auf das Wasser legten, um nicht zuviel auszuschütten, und verabschiedeten uns so, wie es diesem Menschen gegenüber angemessen war. Nach viertelstündigem Marsch hatten wir die Straße wieder erreicht, wo die Wagen noch immer hielten. Außer uns hatte keiner frisches Wasser gefunden. Einige Eimer mit einer lehmgelben Flüssigkeit standen umher, aber weder Menschen noch Pferde hatten davon trinken mögen. Als wir ankamen, wurden wir sofort umringt und jeder beeilte sich, zu schöpfen. Man stieß sich um den ersten Platz am Eimer, und wer den kleinen Trinkbecher vollgefüllt hatte, mußte seinen Inhalt sofort hinunterstürzen, wenn er ihn überhaupt behalten wollte. Die Qual des fürchterlichen Durstes hatte alle rücksichtslos gemacht. Sogar respektlos, denn als sich einige Unteroffiziere herandrängten, stieß man sie ebenso schroff beiseite. Der Leutnant saß, an einem Grashalm kauend, am Grabenrand. Er hätte gerne getrunken, aber es mochte ihm widerstreben, sich dazwischen zu drängen und den Mannschaften den Trank zu kürzen. Ich erinnerte mich meiner Feldflasche, hakte sie los und bot dem Leutnant zu trinken an. Er blickte verwundert auf. Auch er war verstaubt und erschlafft, und als ich das sah, erfaßte mich Mitleid mit ihm. Er war ein Junker, ein Glied der Sippe, die ich tödlich haßte; und doch jammerte mich der Mensch in ihm. als ich ihn ermattet sitzen sah, mit müden Augen, deren dunkle Wimpern von gelblichem Staub bedeckt waren. Und ich freute mich, als er trank. Er trank in langsamen Zügen, um ja die Labe völlig auszukosten, bis die Flasche leer war. Mit einem leise gemurmelten Dank gab er sie mir zurück. Ich hätte ihm gern gesagt, daß ich ihm das% asser um seiner Lüge willen gegeben hatte. Er hatte meinetwegen dienstlich gelogen, und ich hatte seinetwegen das Vi asser fortgegeben — wir waren quitt. Der Himmel hatte sein Aussehen völlig geändert. Aus dem gleichmäßigen grauen Dunst waren dunkle Haufenwolken mit drohenden Umrissen geworden. Zwischen ihnen leuchtete es unheimlich weiß und am Ende des Horizonts wogte ein sihmutziggelher Dunst, der fast bis auf die Erde reichte. Schnell gab der Leutnant dem Hornisten das Zeichen zum Aufbruch, das Signal ertönte und in wenigen Minuten waren wir wieRer in Bewegung. Wir hatten fast zwei Stunden geruht und die mußten wieder eingebracht werden. Es war jetzt kühler geworden, ein frischer Wind blies von Süden her, und so machte uns das schnelle Tempo nicht viel Mühe. Aber immer noch wußten wir nicht, wo wir die Truppe finden würden. Um bei einem etwaigen Regen das Stroh nicht verderben »u lassen, zogen wir die Leinwand über den Wagen, denn das Wetter konnte jeden Augenblick losbrechen. Und es brach los. Einige grelle Blitze zerrissen das Wolkeugerüst, das mit lautem Krachen durcheinander jagte, und dann stürzte der Regen in schweren prasselnden Tropfen herab. Die staubige Chaussee war in wenigen Minuten zum Schlammgraben geworden. Die Pferde hasteten erschreckt mit großen Schritten vorwärts, so daß wir uns am Wagen festhalten mußten, um nur mitkommen zu können. Der frische Wind war ein ungestümer Sturm geworden, und er peitschte den Regen, daß der Schlamm hoch aufspritzte. Nach einer Viertelstunde ließ das Unwetter nach, der Regen verminderte seine Wucht und an die Stelle der dunklen Haufenwolken war wieder das eintönige Grau getreten, das nun den Regen in gleichmäßig fallenden Strichen herunterschickte. Was soll das werden? Wo finden wir die Truppe? So fragten wir uns. Sie konnte doch unmöglich hei diesem Wetter im Biwark übernachten. Aber unsere Mutmaßungen waren keine Antwort, und uns blieb nichts übrig, als weiterzuziehen, bis wir irgendwo aufgehalten wurden. Der Leutnant trabte die Wagenreihe entlang, mahnte zur Ordnung und spähte umher, ob nicht irgend ein Zeichen zu erblicken sei, das uns Aufschluß über den Aufenthalt der Truppe geben könnte. Aber es war nichts zu sehen, keine marschierende Abteilung, kein Meldereiter, nicht einmal ein Dorf, nur der fahle Himmel und die im Regenduiist verschwimmende endlose Ebene. Die Dämmerung breitete sich über das Land und wir marschierten noch immer, ohne zu wissen, wo unser Ziel sei. An einer Stelle, wo ein ausgefahrener Feldweg auf die Chaussee mündete, hielt ein Reiterposten, der mit unserem Iransportführer sprach. Dann bogen die ersten Wagen ah und wir folgten. Es war ein fürchterlicher Weg, aber wir trösteten uns damit, daß es die letzte Strecke unserer Reise war. Noch eine halbe Stunde zogen wir durch den zähen Schlamm des Feldweges, dann sahen wir auf einem etwas ansteigenden Stoppelfelde die Zelte der Truppe. Mein Gott, dachte ich, war denn kein Notquartier aufzutreiben? Sollen wir denn wirklich in diesem Hundewetter auf freiem Felde bleiben? U ir sollten es wirklich. Bald war jeder Wagen hei seiner Kompanie. Mit leisen Flüchen kamen die Leute heran und halfen beim Abladen. Das Stroh war wenigstens in der Mitte trocken geblieben, und ich achtete darauf, daß ich Seelen zwei ganz trockene Bunde zureichte. Der kleine Däne um- strich scheu den Wagen, ich rief ihn leise heran und reichte ihm zwei außeretatsmäßige Konserven zu. Ohne Aufenthalt wurde das Stroh gleich in die Zelte gebracht. Das Holz wurde, so gut es ging, mit den Planleinen zugedeckt. An Feuer war für diesen Abend doch nicht zu denken, man wollte wenigstens das Holz für den Morgen trocken halten. Nach beendetem Abladegeschäft eilte ich gleichfalls ins Zelt, wo Seele und Joch im seh bereits die Büchsen geöffnet hatten. Wir verzehrten schweigend den kalten Inhalt, Bohbnen und Rindfleisch, und erst als wir uns gestärkt hatten, wurden die beiden gesprächig und erzählten von ihrem Marsche, der überaus reich an Mühsal gewesen war. Sie hatten fünfundvierzig Kilometer zurückgelegt und hatten erst auf einer anderen Stelle die Zelte aufgeschlagen, bis sie der Regen auf die Anhöbe getrieben hatte. Das zweite Regiment der Brigade war weitermarschiert, um sich Notquartier zu suchen. Auf unseren Oberst war man wütend, weil er das nicht auch getan hatte. Wir legten uns bald zum Schlaf nieder und entledigten uns nur der Koppel und der Helme. Die Zelte waren ordentlich hergerichtet, besonders waren die Enden der Zeltbahnen gut mit Erde bedeckt, so daß wir zwar nicht völlig trocken lagen, aber doch von der ärgsten Nässe verschont blieben. Trotz dem unaufhörlich niedergehenden Regen, der auf den Zelten ein Geräusch wie gedämpftes Trommeln verursachte, schliefen wir bald ein. Es mußte bald Morgen sein, als wir alle aus dem Schlafe aufgeschreckt wurden. Der Wind hatte wieder größere Stärke erlangt und hatte einen Teil des Zeltes umgerissen. Bei dem Versuch, es wieder aufzurichten, hatte man den Verband gelockert und die ganze Reihe war eingestürzt. Wir lagen darunter und bemühten uns herauszukommen. Alles schrie durcheinander, dabei war es stockfinster, so daß man die Knöpfe an den Zeltbahnen nicht finden konnte. Von allen Seiten riß man an den Zelten herum, und das Regenwasser. das sich in Senkungen angesammelt hatte, ergoß sich auf uns. „Nicht aufknöpfen, die Stöcke aufrichten!" rief jemand unter dem Tuch hervor. Man versuchte so gut es ging, den wohlgemeinten Rat zu befolgen, und nach vielen Mühen gelang es endlich, die Zelte notdürftig aufzurichten. Aber nun klafften Lücken, durch die der Wind, und was schlimmer war, der Regen eindrang. Wohl bemühte man sich, wieder einzuschlafen; aber die Ruhe war gestört, das Stroh naß geworden, und so sehnten wir in ungemütlichem Halbschlummer den Morgen herbei. Als es endlich tagte, krochen wir zähneklappernd aus dem nassen Stroh hervor und nahmen mit Schaudern gewahr, daß der Regen noch immer nicht nachgelassen hatte. Ein grämlicher Morgen war«, ohne Erquickung. ohne Lust, auch ohne Kaffee, denn Feuer konnte nicht angezündet werden.^ ir waren froh, als um fünf Uhr der Befehl kam. umzuschnallen und die Gewehre zur Hand zu nehmen. Lieber laufen ohne Aufenthalt, als noch länger in diesem Regen und in diesem mit Srcih durchstampften Schlamm umherstehen! Ich fühlte mich sogar erleichtert, als mir der Feldwebel sagte, daß ich Eine starke Regierung ist nicht die, die überwältigende Streitkräfte besoldet; das tut eher eine verängstigte Regierung. Stark ist die. Regierung, die moralischen Rückhalt in der überwältigenden Mehrheit des Volkes findet. Genauer ausgedrückt: es ist eine Regierung, unter der die Polizei und andere staatliche Vollzugsbeamte stets auf die Sympathie und nötigenfalls auf die Mitwirkung der Bürger rechnen können. Ein* moralisch abstoßende Regierung hat keinen Bestand. Bernau! Shaw. bei der Kompanie bleiben müßte; von dem Fourierkommando hatte ich genug. Wir waren eben dabei, umzuschnallen, als Seele mir mit schreckensbleichem Gesicht meldet, daß er sein Koppelschloß verloren habe. Ich riet ihm, so schnell wie möglich ein anderes zu stehlen, von einem Unteroffizier natürlich. Er müsse ja wissen, wer dazu au der Reihe sei. Und ob ers wisse! Da sei der Unteroffizier Novack. der Frosch, wie er seiner eigenartigen Stimme wegen genannt wurde. Der habe es zehnfach verdient. Ich konnte nichts dagegen sagen, und so ging Seele stracks dorthin, wo auf dem linken Flügel des zweiten Zuges Novarks Tornister und das Seitengewehr lag, und nahm, ohne sich lange umzusehen, das Koppelschloß weg. Er war nun„komplett" und konnte mit Ruhe abwarten, was weiter kommen würde. Wir waren an die Gewehre gegangen und harrten der weiteren Befehle. Ich hörte schon auf dem linken Flügel meines Zuges das Gequak des Frosches und bald war es heraus, daß ihm das Koppelschloß fehle. Ein kaum unterdrücktes Kisehern ging durch die Reihen und das Gequak wurde lauter. Der Alte kommandierte:„Stillgestanden! Gewehr in die — Hand! Das Gewehr über! Was ist denn da im zweiten Zuge los? Unteroffizier Novack, das Kommando gilt auch für Sie! Wollen Sie nun gefälligst aufwachen!" Novack stammelte etwas, aber der Alte verstand es anscheinend nicht. „Machen Sie den Mund auf, wenn Sie was zu melden haben!" ..Mein Koppelschloß ist fort. Herr Hauptmann!" „Ja. denken Sie, daß iciis Ihnen suche?" „Es ist mir eben erst weggenommen worden; vor einer V iertelstunde wars noch da." „So?" rief der Alte,„wer ist der Strolch gewesen?" Er hätte ebenso gut fragen können, wer von uns schon einmal die Niagarafälle durchschwömmen hätte; Antwort erhielt er nicht. „Die alte Geschichte!" rief er ärgerlich.„Also hier ist wieder eine der gewöhnlichen Manöverschweinereien verübt worden. Dem Unteroffizier Novack hat man das Koppelschloß gestohlen. Da liegt also unzweifelhaft ein Racheakt vor. Ich frage also, wer war der ehrliche Lump? Ich denke, daß er noch soviel Ehrgefühl im Leibe hat, sich zu melden. Also wenn er sich nicht meldet, dann wird er rausgefunden werden und kommt auf Festung.(„Arbeiterabteilung." rief Seele mir leise zu.)— und auch noch auf Arbeiterahteilung; je nachdem!" Der Alte war furchtbar wütend. Er wußte, daß er es nicht herausbekommen würde, selbst wenn dreiviertel der Leute es wüßten, und das ärgerte ihn furchtbar. Seine 1 yrannenmacht hatte wieder einmal eine Grenze im passiven Widerstand der namenlosen und rechtlosen Masse gefunden. „Also sehen Sie sich mal die Kerle an, ob Sie Ihr Koppelschloß nicht herausfinden. Kennen Sie es denn?" „Jawohl, Herr Hauptmann; es war noch ganz neu." Nun hatte die halbe Kompanie neue Schlösser erhalten; aber Novack ging trotzdem die Reihen durch und musterte die Leute. Jeder Manu, bei dem er ankam, mußte erstarren und sich wie ein Verbrecher fixieren lassen. Meistens sah er zuerst ins Gesicht; war es das eines Mannes mit„guter Gesinnung", so ging er gewöhnlich gleich weiter; vor unsicheren und anrüchigen Leuten aber blieb er eine. Weile stehen und bemühte sich, seinem dummfrechen Schillergesicht einen recht martialischen, inquisitorischen Ausdruck zu geben. Er würde natürlich sein Koppelschloß nicht finden, sondern irgendeinen Mann denunzieren, dem er eine saftige Bestrafung gönnte, das wußten wir. An Seelen war er richtig vorbeigegangen, weil er als Handwerker vielleicht noch helfen mußte. So war er schon zwei Züge durch, während der Hauptmann ungeduldig und wutgeladen vor der Kompanie hielt. Endlich rief Novack, daß er sein Schloß entdeckt habe. Mit einem Ruck flogen alle Köpfe herum: er hatte Vvth, einen vielgeplagten Juden vom Niederrhein ausgesucht. Sofort rasselte der Hauptmann heran. „Natürlich" rief er, wie in freudiger Ueberraschung. „natürlich das jüdische Schwein! Ein Mann und ein Kerl mit normalen Ehrbegriffen und Haxen kann solche Streiche auch nicht tun.' Das mußte dieser ehrlose Mauscheljude sein, den mir mein Schicksal wieder zugeführt hat. Also, ohne erst seine Strafliste zu prüfen, der Kerl exerziert an jedem Manövertage nach dem Einrücken eine geschlagene Stunde mit voller Ausrüstung. Außerdem zieht er soviel wie möglich auf Wache, und wie lange ich ihn einloche, das will ich mir noch überlegen, wenn wir in die Garnison zurückkehren." Vyth verteidigte sich: er bestritt, daß es Novacks Schloß sei. Aber es war vergebens, der Hauptmann achtete nicht darauf, denn ein Unteroffizier hatte Vyth beschuldigt, und da gab es weiter keine Prüfung. „Junge." brummte Seele mir zu,„das ist doch eine ganz verdammte Schweinerei." Zu langen Reflexionen blieb uns jedoch keine Zeit. Der Abmarsch begann. In der regnerischen Dämmerung zogen wir auf die Chaussee zurück und nahmen unsere, alte Marschrichtung nach Westen wieder auf. Der Regen fiel noch immer gleichmäßig herab und durchnäßte unsere feuchten, steifen Kleider noch mehr. Unsere Stimmung war miserabel. Die Nässe um uns und an uns, die schlechte Nacht, und dazu keinen Kaffee, das war etwas zn viel des Widerwärtigen. Bald lief uns das Wasser zu dfn Aermeln heraus und füllte die Stiefel, daß wir es beim Gehen zwischen den Zehen fühlten. Unsere Helme, eine bessere Garnitur. die seit Jahr und Tag auf der Kammer trocken gelegen hatte, weiteten sich und rutschten uns über die Augen, so daß wir sie. wenn wir geradeaus sehen wollten, erst in den Nacken schieben mußten. Das verursachte manchen grimmigen Scherz, aber es war ein Galgenhumor, der von denen, die besonders litten, wie eine Verhöhnung emn- funden wurde.