Einzige unadyüngige Tageszeitung Deutschlands Papst und ßiscfia? übaces ycqen das Tleufteidentum Seite 2 Vau S-utiiacfi uucfi Saaclcückm Seile 3 S.talile Pczi&e statt Preissenkung Seite 4 'Die Anklageschrift gegen den Aiöcdee Jiuauxs Seite 7 Nr. 289— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 28. Dezember 1934 Chefredakteur: M. Braun ."31 Ermittlung de» Abstimmungsergebnisses Zur Ausführung des Artikels 55 der Abstimmungsverord- nung vom 7. 0uli 1034 wird folgendes verordnet: Artikel 1 Nach dem gemäß Artikel 33 der Abstimmungsordnung vom ?. Juli 1034 ausgesprochenen Abschluß des Wahlgcschästes werden die Urnen versiegelt und mit den Wahl- Protokollen unter Aussicht der von der Abstimmungskom- Mission zn diesem Zweck zugeteilten neutralen Beamten nach Saarbrücken überführt und dem Abstim- mungskommissar übergeben. Tic Abstimmungskommtssion wird Mitglieder des Wahlbürvs, den verschiedenen Parteien angehörend, aniveisen, die Transporte zu begleiten. Nähere Anweisungen hierüber soivic über die für den Transport zu tresfenden Sicherheitsmaßnahmen werden von der KomMis- sion erteilt. Artikel 2 Tic Ermittlung des Wahlergebnisses wird in Saarbrücken stattfinden und am 14. Januar, um S Uhr. anfangen. Tie Ermittlung, die ununterbrochen verlausen soll, findet unter der unmittelbaren und ausschließlichen Aufsicht der Koni- Mission statt: dazu werden nur neutrale Beamte verwendet, die, in Gruppen von drei, die Zählung vornehmen werden. Zur Ausführung der Ermittlung wird die Kommission nähere Anweisungen geben. Vertretern für die Saarbcvölke- rung, Teutschland. Frankreich und die Presse werben Plätze in dem Saale, wo die Ermittlung stattfindet, nach später zu ergehenden Anordnungen der Kommission angewiesen. Artikel 3 Tie Kommission entscheidet über die Gültigkeit der Stimm Heitel. Artikel 4 Das Ergebnis wird erst bekannt gemacht, nachdem samt- lichc Zählungen stattgefunden haben. Bon der Kommission werden Maßnahmen getroffen, damit das Ergebnis nicht im v.r^us von den beiwohnenden obenerwähnten Bertretcrn bekanntgegeben wird. Vorstehende Verordnung wird, auf Ersuchen der Abstim- mungskommission hiermit verkündet. Saarbrücken, den 21. Tezember 1034. Im Namen der Negierungskommission: Ter Präsident: gez. G. G. K n o x. Geheimer Starmbeiehl Dokumentarischer Beweis ftiir die Zersetzung der SA. Drakonische Mittel zur Autrechterhaltung der Disziplin „Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß d>c SA. wie immer begeistert und be- dingungsloo hinter dem Führer steht. SA. und SS. sind ein einheitliches Ganzes und stehen blind ergeben hinter der Regierung." Preußischer Ministerpräsident G ö r i n g zu einem Vertreter des Rcnterbüroo. Tas Original des nachfolgenden Sturmbcsehls ist in unserem Besitz. Ten Ort und die nähere Bezeichnung des Sturms und die Unterschrist des Stnrmsührers haben wir gestrichen, um die Nachforschungen nach unsere» Vertrauensleuten zu erschweren. Redaktion der„Teutschen Freiheit". den 27. 11. im. folgender Sturmbefehl jedem SA.-Mann zur Kenntnis In w, id. n A usschluß Meldungen bei Interesselosigkeit am Dienst oder sonstigen Verfehlungen, soweit sie nicht unter das Strafgesetz fallen, nicht meh r getätigt. Liegt bei einem SA. Mann Interesselosigkeit. La uigkeit oder D i ck f äll i g k ei t vor, so ist er nach dem SA.-Qesetz zu bestrafen, d. h. der zuständige Führer verhängt über denselben, wenn er sich von der Richtigkeit der Anklage überzeugt hat, einen Arrest. Ich werde für jeden SA.-Mann bzw. Unterführer die für ihn in Frage kommende Strafe beim Sturmbann beantragen. Dieser Befehl gilt für alle SA Männer und Unterführer. Ich weise alle SA.-Männer und Unterführer auf diesen Sturmbefehl hin und versichere, daß ich diesem Be- fehle genauestens^ nachkommen werde. Ich mache alle SA.-Männer darauf aufmerksam, daß jeder, der unentschuldigt fehlt. 2 5 Stunden Arrest bekommt; denn es ist jedem SA.-Mann und Unterführer möglich, eine Entschuldigung beizubringen, wenn er zum SA-Dien st nicht erscheinen kann. Jede schriftliche Entschuldigung wird von mir ueimu geprüft. Eine nicht dringende Entschuldigung gilt als nicht entschuldigt und fällt unter dus SA.-Gc.seg. Entschuldigungen werden nur anerkannt bei dringender Arbeit und bei Krankheit, sofern der betreffende SA.-Mann arbeitsunfähig ist. Ich werde alte Männer bestrafen, die glauben durch ein ärztliches Attest entschuldigt zu sein, und tagsüber Ihrer Arbeit nachgehen. Es ist unkameradschaftlich, wenn man glaubt, auf diese Art und Kosten anderer Kameraden sich die Faulheit zu stärken; denn andere Kameraden müssen darunter leiden. Ein ganz besonderes Augenmerk werde Ich auf jene SA.-Männer richten, die zu uns gekommen sind, um s i c h i h r e A r b o i ts s t e 11 e z u sichern oder die SA. als Stellenvermittlung anzusehen und jene lidprozentigen, die glauben, ihre Pflichten dem Vaterlande gegenüber getan zu haben, wenn sie tagsüber in Uniform auf den Straßen herumlaufen. Es wird wohl jedem SA.-Mann bewußt sein, weiche Pflicht er mit dem Eintritt in die SA. übernommen hat. » er heute glaubt, er könne seiner Pflicht als SA.-Mann nicht nachkommen, der hätte sich die Sache früher überlegen müssen. Sollte sich einer im Dienst verfehlen oder gegen die Disziplin der SA. verstoßen, so werde ich ihn auf da Strengste bestrafen. Es wird Sich wohl jeder klar darüber sein, was es heißt, nach transportiert zu werden, dort seine S t ra f e z u verbüßen und dann zu Fuß nach Hause geschickt zu w e r d e n, und darüber hinaus noch Dienstausfall erleiden zu müssen. Wichtig ist ferner, daß sämtliche Arreststrafen in die Sei.-Papiere eingetragen werden. Der Führer des Sturmes gez.:..... Sturmführer, Die Niederlage der SA. und der SS. Mossenverhaflinieen und raassenersdtieOungen• Triumph der Reldiswehr Berlin. 27. Dezember 1934. Ter„Führer" und Reichskanzler hat aus dem 30. In in gelernt, daß es in der zivilisierten Welt, die er so wenig versteht wie sie ihn, einen peinlichen Eindruck macht, wenn man ein blutiges Mastenmaffaker veranstaltet und sich so- gar der persönlichen Beteiligung an der Metzelei rühmt.* Auch wenn man dann als Oberster Geri'chksherr, der nach der Legalität des„dritten gleiches" befugt ist. Verbrechen, für deren Sühne sonst der Scharsrichter die letzte Sühne vollzieht, die Untaten fitv„rechtens" erklärt und von 1290 Morden nur 77 zugibt, bleibt die Welt in ihrem Ab- scheu. Mithin wird die Hinrichtung von SA.- und SS.-Führern ohne Verfahren und ohne Urteil nicht mehr als nationales Propagandamittel benutzt. Herr Goebbels hat zu schweige», wenn die Mordkolonncn des Herrn Major von Buch arbci- ten. So ist man denn nur aus Vermutungen über das an gewiesen, was seit einer Reihe von Wochen>n der SA. und in der SS. geschieht. Tie Massenvcrhastungcn. über die wir als erste au die„Deutsche Freiheit" berichten konnten, werden nun von allen«eitcn zugegeben. Tie„moralische Begründung der Homosexualität wird überall belächelt. Todes,chwcigcn ober herrscht nm die Füsilicrnngen, die seit Wochen in verschiedenen Teilen des Reiches stattgc- fanden haben. Zahlreiche Erschießungen von SA. und SS.-Leuten werden gerüchtweise gemeldet, lieber ihren Umfang stellen wir Ermittlungen an, die diesmal er- ichwert sind, weil versucht wird, die Hinrichtungen streng geheim zu halten. Taß die Reichstvehr einen vollen Sieg über die SA und die SS erzielt haben muß. gebt nicht znletz, aus dem Ber halten^des 7r. Goebbels hervor, der be: jeder Gelegenheit ostentativ das gute Verhältnis zw i»; v de- Reich.'weh? und den Miliz'vrmationcn betont. Ter Retchowchrm.nrjtrr Blomberg aber hat soeben in einem Gespräch mit dem Berliner Ehcskorrcspondenten der Associated Preß die Niederlage der SA. und der SS. festgestellt. Er hat im Sinne des Führers die Reichswehr als die alleinige Waisen- trägerin der Nation bezeichnet und den Milizorganisationcn nur die Ausgabe einer Heeres- V o r schule zugewiesen. Er wünsche, daß jeder Deutsche diese Schule für die Entwick- lnng des Ehärakters durchmache. Wörtlich sagte der Mini- stcr über die SA., die SS. und den„Arbeitsbixust": „Diese drei Organisationen der nationalsozialistischen Bewegung werden natürlich das hauptsächliche Reier- vvir bilden, ans welchem die Wehrmacht fielt ergänzen kann. Jede dieser Orqani'etioncn hat ihre'pe,teile Funk- tion, die außerhalb der des Waifen'r.igers liegt Sie iver- den unsere Arbeit insofern erleichtern, als ihre Angehörigen bereits gewohnt sein werden. Gehorsam. Tilzi- ptin, Ordnung und Kamcradschast zu pflegen Soldaten aber sind sie erst dann, wenn sie im Heer'nsgebildct sind. Ter Dienst in der Wehrmacht des Volkes wird alle Unterschiede ausgleichen, die heute zwischen diesen Organi- talionen bestehen." Hitler selbst hat aus einer Weihnachtsfeier„alter Kämpfer" i» München gesagt, der Wille habe die nat>o»älsvzialistiiche Bewegung groß gemacht, nun gelte es, die Größe Deutschlands zu erreichen. Ter Staat, der alles andere als national!«,iaUstisch ist, dringt immer mehr gegen die Organisationen vor, die bis, her els Galanten der nationalsozialistischen Revolution gc- friert wurden Sehr kennzeichnend für diese Wandlung ist auch das Vcr- halten der Gerichte, die mehr und mehr den Mut finden Urteile zu iällen, die in den Reihen der SA. und der SS teh bit:er empfunden werden. So tvird ins Testen berichtet: Bei der Einholung einer neuen SS-Fahne in Dessau hatte ciu junger Mann die Fahne nicht gegrüßt. Aus dem Gliede springende SS.-Männer waren daher gegen ihn eingeschritten. Dieser Borsall bildete am nächsten Tage den Gesprächsstöfs im Konstruktionsbüro eines industriellen Werkes. Dabei tat einer der im Büro Beschäftigten eine A( it g e r u n g, in der er seiner Ansicht über Fahnen dahin Ausdruck gab. sie seien, wenn sie ihrer iumbolischen Bedeutung entkleidet würden, nur„F e tz e n Tu ch". lieber den Wortlaut der Acußcrung wichen jedoch in einer Bcrhaud- lung. die jetzt vor dem Schöffengericht stattfand, die Angaben des Angeklagten und der Zeugen voneinander ab. Tic Zeugen sagten aus, der Angeklagte sei bei der Aeußerung erregt gewesen: den Eindruck, daß die Aeußerung böswillig gewesen sei, hätten sie nicht gehabt. Tiefe Tatsack,en sprachen bei der Beurteilung des Falles jedoch erst in zweiter Linie mit. Tas Gericht kam hauptsächlich aus anderen Gründen zur F r e i i p r e ch u n g. Das Gesetz, so wurde bemerkt, stelle nur Beschimpfungen der Fahnen d c s Reiches und der E i n z e l st a a t e n unter Strafe- Tie Reichs sahnen seien Schwarzweißrot und die Hakenkrcuzsahne. Tie SA.- und SS.-Fahncn seien dagegen keine Fahnen des gleiches oder der Länder. M^n könne die Erwägung anstellen, daß das Reich und die NSDAP, eins seien. Aber die SS. sei nur eine Augltederung der Parken, es könnten ihr auch NichtParteimitglieder an- gehören. Tie Fahnen der TS. der Hakenkreuzsahne gleichzustellen, habe sich das Gericht nicht entschließen können. ..SerstMie Aus Sachsen schreibt man uns: Gegen manche dunklen Tinge des SA.-Komplexes wird setzt vorgegangen, was noch vor drei Monaten als ein Wunder erschienen wäre. Allgemein wird in'der Nachbarschaft des früheren Konzentrationslagers Hohenstein, aber auch darüber hinaus von der Bevölkerung erzählt, daß in dem Burgratton von Hohenstein setz. Nach- grabttngen nach den Leichen dort erschlagener Sustemgegner gehe>m, aber im Austrage der Dresdener Oberstaatsanwalt- schast stattfänden Es soll sich dabei um Leichen handeln, die von einem Manrcrkommaudo während der schlimmsten Zeit iii Hohenstein durch Verscharre» und Zumauern beiseite ge- ichasjj worden sind. C2S£vonge!iun? Der ,.führet und sein Stellvertreter bemühen sich, das haßerlüllte Schundbuch„Mein Kampf als ein Hingst überholtes Vieri,- hinzustellen, das aus der Atmosphiire vor zehn Jahren zu erklären sei. Wie ehrlich die Reteuer ungen an französische Frontkämpfer wie G o y gemeint sind, beireist das folgende Gedicht, das der..Völkische Beobachter"(Nr. 354) am 20. Dezember 1934 zur Erinnerung an Hitlers Haftentlassung vor zehn Jahren abdruckt: -lls hinter ihm das Festungstor sich schloß, da wähnten sie auch seinen Geist in Ketten: siir ihren Knechtsinn schlug sein Herz zu groß, nls daß die Scherge» es verstanden hätten. *in enge» Mauer» Holsten sie ihn stumm— doch in der Zelle grauen Einsamkeiten schns er dem Volk sein Evangelium, das Glaubensbuch siir alle Znkunstszeiten. Und als die Fcstnngstür sich ausgctan, trug er es vor sich her in reinen Händen- Holl schlug die Krait der tfohe himmelan, und licht und freudig ward es aller Enden. Sie hatten ihn des freien Kampfs beraubt— so schrieb er seinen Kamps in Flammenwortcn! Weil er an sich und an sein Volk geglaubt, ist ihm und seinem Kampf der Sieg geworden. Widerhall in franhrcidi Die den sdie Weihnadil der Herker nnd der Merde Lebenstänglidi! Für Vorbereitung zum„Hochverrat" Am Weihnachts-Heiligabend meldete das halbamtliche Deutsche Nachrichtenbüro! „Der Dritte Strafsenat des Oberlandcsgerichts Hamm verhandelte gegen eine Anzahl Kommunisten aus Tort- Mund und Umgebung wegen V o r b c r c i t n n g zum Hochverrat. Drei Angeklagte wurden zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, ausier- dem wurden ihnen die bürgerlichen Ehre n r e ch t e aus Lebenszeit aberkannt. Bei diesen Verurteilten handelt es sich um Spitzenfunktionäre der KPD., von denen zwei aus Veranlassung der Auslands- zentrale der KPD in Teutschland eingesetzt worden waren. Gegen die übrigen Angeklagten wurden,.Strafen von 2 b i>- 15 Z a h r c n G e f ä n g n i s verhängt. Soivcil es sich bei diesen Angeklagten»in Funktionäre handelt, wurden ihnen die bürgerliche n E h r e n r c ch t e a» f Lebenszeit aberkannt." Ein Tchandurieil! Di: durch eine bestialische Justiz Verurteilten werden aber dem llrteil einen Zusatz geben: auf Lebenszeit— Adolf Hitlers. Nie Oes'epo vernimm» Man schreibt uns ans Westfalen: Die Gestapo bedient sich barbariicher Mittel. In Dortmund in der Stein- mache sind Verbrechermethoden der Gestapo üblich, die im Nuhraebiet lebhaft besprochen werden. Tie Inhaftierten lie- gen die ersten Tage vielfach in einem Keller. Hier sollen die Häftlinge durch Dunkelheit, ungenießbares Essen und die fürchterlich stinkende Luft der Klosetteimer für das Verhör vorbereitet werden. Ist das Verhör erfolglos dann sührt w)ii die Leute in die Keller zurück. Sie müssen die Hände im Nucken ineinanbcrlegen. Dann legt man ihnen eine Decke über den Kopf, die man unter den Arm des Häftlings mit einem Strick oder Lederriemeu zusammenzieht. Diese Prä- partcriing der Opfer geschieht, um sie wehrlos zu machen und ihr Schreien zu dämpfen. Die Bestien schlagen nun mit Stöcken, Gummiknüppeln oder langen Lederpeitschen ans ihre Opfer solange los. bis diese zusammenbreche», unter sich uiinieren und sich mit eigenem Kot beschmutzen. Einer der wüstesten Schläger ist der ehemalige Schnpobcamtc Korse- boom, der jetzt Dienst in der Gestapo tut. Meldungen ans andere» westdeutschen Städten besagen, das; die Verhöre nicht durch Mißhandlungen begleitet sind. • E'nc neue Barbarei Die Gedenktafel für Moses Mendelssohn yernichtet Berlin, 27. Dezember. Tie„Deutsche F r e i h c i t" Hai mehrmals Gelegenheit gehabt, über das„Heldenstück" der Nationalsozialisten gegen den verstorbenen großen Komponisten Felix Mendelssohn- Bartholdy.,u berichten Seine Stücke werden nicht nur in Teutschland verboten, sondern darüber hinaus ivurdc auch das Denkmal von Mendelssohn in Düsseldorf abgetragen. Nun haben sich die Nationalsozialisten auch in Berlin ein neues Heldenstück geleistet»nd diesmal gegen das Andenken des Ahnen von Felix Mendelsiohn-Bartholdy, des großen dentsch-iüdiichen Philosophen AI o s c S M e n b e l S f o b n. An dem Hause Spandauer Strasse 33, Ecke Kaiser-Wilhelm Strasse, war eine Tafel mit folgender Inschrift an gebracht: „In diesem Hause lebte und wirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn gcb in Dessau 172» gest. in Berlin 178<>." Die Nazibarbaren hoben die beiden ersten Zeiten per- nichtei, so daß die Inschnit lediglich die Gcburl nnd den Todestag bekanntgibt, wobei der Vorübergehende nicht weiss, um wen es sich handelt. Diese neue Art der Barbarei ist nur eine konsequente Fortsetzung der nationalsozialistischen„Kulturpolitik". Nach- bei» sie den Namen des grossen deutschen Dichters Gott- hold Ephraim Lessing auszutilgen versuche»»nd sogar den bekannten Hamburger Lessingpreis in einen D i c t r i ch- E ck a r t- Preis verwandelt habe», mußten sie natürlich auch die Tafel für Moses Mendelssohn vernichten. liorrup'e HiHerhonzen Das Eoburger Schöffengericht hat jetzt den 38 Jahre alte» Enno Weibczahl ans Unterlauter bei Co- bnrg, der als Amtsivaltcr Sammelgcldcr der NSV unter- schlagen und für sich verwendet hatte, zu l Jahr Zuchl- Haus verurteilt.— In Kranichfcld lLandkreis Wei- mar! sind bei einer vom Prüflingsverband der Thüringer Kreil? und Gemeinden durchgeführten Revision Unregcl- Mäßigkeiten im S ta d t h a u s h a l t festgestellt worden Zwei Beamte, die Wasscrgeldbeträgc vereinnahmt, aber nicht abgerechnet hatten, wurden sofort entlassen und ieben ihrer Bestrafung cntaeaen. (Von unserem Korrespondenten) Parts, 27. Dezember. Recht ausführlich berichtet die hiesige Presse über den Vcr- lauf des Wcihnachtsfestcs in Berlin. Allgemein ist die Auf- snfsung daß auch die äußere Festruhe nur schwer über die inneren Sorgen des Regimes hinwegtäuschen konnten. Man Habe, so sagt der„Iour". in Ber'in 12 000 arme Kinder am Heiligabend beschenkt. Aber was bedeuteten diese 12 000, ivcnn man bedenke. di*ss 1,2 Millionen in der Rcichshauptstadt der Wohlfahrt zur Last fiele». Auch von einer andere» Weihnachts„jreudc" die Hitler und die Seinen ihren„Untertanen" bereitet haben weiß die französische Presse ausführlich zu berichten. Es handelt sich um die zahlreichen Familien ans SS.- und SA-Kreisen, deren Väter und Söhne in den letzten beiden Wochen in die G e f ä n g n i s s c nnd K o n z e n t r a t i o n S l a g c r ge- schleppt worden sind. Der"I o» r" will unter ander»! wissen, daß ein Beamter der Wilhelmstrasse, den seine Stellung in häufige Berührung mit den bevollmächtigten Vertretern der ausländischen Mächte bringe i» den letzte» Tagen verhastet worden sei. Andere Zeitungen geben Meldungen wieder, ivonach ieil Anfang Dezember der 30 Juni eine neue Ans- läge erlebt habe und hunderte von Menschen nach Art der Röhm, Heines nnd Genossen„zum Tode verurteilt" und un- verzüglich„hingerichtet" worden seien. So tan» denn auch der Berliner Korrespondent deS„Journal", Georges Blum, sagen, zwei Jahr? nach Hitlers Machtantritt sei die Revolution nicht nur nicht beendet, sondern gehe unter mannigfachen Er'chetnungen weiter, die de,, Zustand der Anarchie beut- lich machte», in dem sich da« Land nach dem 30. Juni befinde. Was eigentlich los sei, wisse niemand. Ein massgebender 'Nationalsozialist habe ihm. Blnn, gesagt, man könne an Hitler nicht mehr heran. Außer dem Adjutanten Brückner, Herrn Goebbels nnd Herrn von Ribbcntrop, die ihn häufig besuchten, könne niemand sagen, was der Führer denke, der aber, wie man glaube, weiter der Snnipathic der Massen genieße. Man spreche von tausend, zweitausend, viertausend Verhaftungen innerhalb des letzten MonatS Man spreche von der Ersetzung Himmlers durch Dalnege. von der Ver- Minderung der 22 Im Augenblick se>e» alles nur Gerüchte, niemand kenne die Wahrheit.... Es iei klar, so bemerkt der„T e in p s". daß die deutschen Machthaber alle Anstrengungen machen, um bis zum 13. Januar nach Möglichkeit die Schwierigkeiten zu verbergen und abzuschwächen, unter denen sie litten. Man wolle die Saarländer nicht beunruhigen und Deutschlands Aussichten für die Saarabstimmung nicht aufs Spiel setzen. Sei aber erst einmal der 13. Januar vorüber, wie auch immer das Abstimmungsergebnis sei, dann werde man wahrscheinlich in inncrpolitischer Beziehung in Deutschland z» eiyer Reglun.l schreiten, die nicht ohne Erschütterungen vor sich gehen werde. Das religiöse Problem bestehe in seinem ursprünglichen Umfang für die Protestanten wie ii.r die Katholiken, die finanziellen und wirtsckmftlichen Schwierigkeiten stiegen von Woche zu Woche, die Gegev'otzc unter de Novation alsozia- listiichen Führer» träten immer offener zu Tage, die Mit- glieder der Kampsfvrinationc» der Partei hätten das Ge- fühl, man suche ihre Rolle zu vermindern, indem man»e entlassen wolle. Im„Peuple" warnt Harmel vor jeder Ueberschäßnng dessen, was sich i„ Deutschland begebe. Der Hakenkreuz- diktator behalte sei» Prestige Man müsse den Gedanken ablehnen, als ob es mit dem Hitlcrismns bald zu Ende sei. M'll'onen. die jetzt das Regime verabscheute», dächten immer noch:„Wenn der Führer wüßte... wenn der Füh- rer wollte." Si kaoiisses... Schlechte Presse für Rudolf Heß (Von unserem Korrespondenten.l Paris, 27. Dezember. Vielleicht hat Herr Rudolf Heß, zur Zeit noch„Stell- Vertreter des Führers"— man weiß bei den braunen Herren nie, wie lange ihre Herrlichkeit dauert—, geglaubt, mit seiner Weihnachtsrede vom Fuchs nnd Igel eine besondere Klug- hcit begangen zu haben, vielleicht gibt es auch im heutigen Deutschland noch viele Leute, die an Märchen ihre Freude haben, auf Frankreich jedenfalls hat seine Rede nur wenig Eindruck gemacht. Im Gegenteil, man kann, wenn man die h'csigc Presse ans das Echo der Heß-Rede ansieht, nur der Meinung sein, daß Herr Hess besser geschwiegen hätte. Mau lacht darüber, daß er es so darstellt, als verdanke die Welt es Adolf Hitler, daß es im Jahre 1934 nicht zum Kriege gekommen sei. Papst und Disdiof rufen Botschaften fiefien braunes Neuheiden'urn Tic hohen kirchlichen Feiertage sind zugleich die Tage der Kirchenkürsten. Sic wenden sich mit Botschaften und Hirtenbriefen an die Gläubigen, um sie zu mahnen und zu stärke» im Bekenntnis der ewigen Wahrheit. Zwei Kundgebungen aus dem Bereich der katholischen Kirche liegen vor: Das Heilige Kolleg in Rom empfing von Pius X I. als Antwort auf seine Weihnachtswünsche eine Botschaft, die zu den entscheidende» weltanschaulichen und politischen Kämpfen Stellung nimmt. Der Papst erfleht die Gnade des Jubeljahres für die ganze Welt, gerade in der gegenwärtigen Zeit, wo„gewisse Strömungen" der Erlösung entgegenarbeiten. Der Papst spricht sich darüber sehr deutlich aus: „Strömungen, die nach neunzehn Jahrhunderten christ- lichc» Lebens und christlicher Weisheit eine neue Prokla- mation des moralischen Heidentums, des sozialen Heidentums und des Staats- Heidentums zu sei« scheinen". Was der Papst unter„sozialem Heidentum" versteht, wird nicht ganz klar. Um so unzweideutiger sind die beiden andern Abarten des Heidentums auf den Nationalsoztalis- in u s gemünzt. Das ist auch der Grund, weshalb die gesamte ehemals katholische Presse des Taargcbiets, die „Saarbrücker Landes-Zeitung" an der Spitze, die päpstliche Botschaft nicht mit einem Worte erwähnt. Nicht einmal den Teil, der sich mit dem Weltrüsten beschäftigt und de» Frie- den herabsieht: „Wir erflehen de« Frieden, wir segnen den Frieden, wir bitten um de» Frieden. Wenn— eine unmögliche Annahme!— der Wahnsinn des Selbstmordes nnd des Menschenmordens wiederkommen sollte, wenn es Men- scheu geben sollte, die den Krieg dem Frieden vorziehen, so wäre es leider unsere Pflicht, ein anderes Gebet zu sprechen. Wir müßte» datin Gott sagen: Zerstreue d i e N a t i o n e n, d i e de,, Krieg wollen." ^Solche pazifistische Kundgebungen des Papstes sind der katholischen Presse des Hitler-Reiches durchaus unerwünscht. Selbst an der Saar sieht man den Heiligen Vater nicht gern als M a h n c r gegen de»„M e n s ch e n m o r d". Das klingt etwas peinlich, schon im Hinblick aus den 30. Juni. Auw der Berliner Bischof Dr.? arrs verkündet c>ne Weihnachtsbotschaft:„Gott, ein Mensch geworben". ES heißt darin llant„Germania", 25. Dezember) wörtlich: „Ist es nun nicht erstaunlich und erschreckend, daß es Menschen gibt, die sich gegen diesen Trost»nd Segen erheben, ihn verschmähen und ihn nicht bloß für ihre Per- so» abweisen, sondern der ganzen Welt rauben wollen? lind warum? Weil ihr Stolz sich aufbäumt gegen die Niedrigkeit und Demut Christi, weil ihr W'lle gegen das Joch Christi rebelliert, weil ihr Fleisch gegen die reine Lehre Cbristi aufbegehrt. Dafür soll das Christentum ein vcrabschcunngswürdiger Aberglaube sein, der so bald und io gründlich vernichtet werden muß,- dafür sollen alle Errungcnjchasten der christlichen Kultur ausgeliefert nnd unscr Geschlecht um zwc> Jahrzehnte zurstckge chraubt werde» aus de» Standpunkt, ans dem Christus d>e Welt bei seiner Ankunft vorfand Wahrlich, ein unsagbar trauriges Untersangen dieser' Ritter des Rückschrittes, und sie wollen Vvlksbeglücker, Mehrer und Förderer des gciuciusamen Volkswohls sein! Was Tcrtullia» einst einem Ehristenvcrwüslcr seiner Tage cntacgcnries:„Halt ein. schone doch die Hoffnung bergan- zen Welt!" könnte man hier füglich wiederholen. Und was setzen sie an die Stelle unseres lieblichen Weihnachtsfestes mit seinem erhebenden Mysterium? Eine heidnische Sonnenwendscier, in der der Sonne gehuldigt wird, die nun wieder den langen Nächte» ein Ende macht. O a r in c W e l t—'s reue dich—»ich deinen n e u e n M e s s i a s! Wir haben wahrlich Besseres und Höheres zu feiern, als die Wieder- kehr der irdischen Sonne. Wir pilgern zu de» Quellen, aus denen das wahre Heil fließt, und wenden uns zu den gottgeschcnktcn Gütern nnd Kräfte», die uns selbst, unsere Familie», unser Volk, das ganze christliche Gemeinwesen erhalten..." Von dem Berliner Bischof Bares wurde jüngst berichtet, er versuche eine Versöhnung mit dem„dritten Reich" an- zubahne». Seine Weihnachtsbotschaft geht aber über die bisherigen bischöflichen Proteste gegen das„Neuheidentnm" in einigen Punkten noch hinaus. Ter Protest gegen die Pro- klamation des„neuen Messias", trifft unmittelbar die Anbeter des„Führers", des Gottgesandte» und Gesalbte», auf dessen Haupt man den HimmelSsege» herabfleht. ..Hohe Prieslerworle" Französische Pressestimmen Paris, 27. Dezember. cinokrat Glückwünsche seiner Freunde. Hnoi„muß" Ter schon am 24. Dezember von uns erwähnte Brief des Saarbevvllmächtigtcn Bürckel an den Präsidenten der Re- gierungskommission liegt nun im Wortlaut vor: „Herr Präsident! Der Aufmarsch der Polizeitruppen für das Zaargebiet ist nunmehr eriolgt. Teutschland, das an- gesichts der beispiellosen Disziplin der deutschen Bevölke- rung trotz der Terrorakte der Emigranten und Separatisten solch weitgehende Schutzmaßnahmen für überflüssig hielt, hat der Bereitstellung der Truppen z u g c- stimmt und damit ein großes Opfer gebracht zu einer friedlichen Regelung der Verhältnisse an der Saar. Ohne die deutsche Z u st i m m u n g wäre die Bereit- st e l l u n g der Truppen ei» Bruch der für das Saargebiet geltenden Rechtsordnung ge- w e f e n. Aus dieser Sachlage ergeben sich auch für die Rcgierungs- kommission notwendige Folgerungen. Nach S 36 des,Saar statuts hat die Saarbevölkcrung einen Anspruch aui ört- lichc Polizei. Ans dem Wortlaut der Bestimmung er- gibt sich einwandfrei, daß in die Polizei keine Kräfte auf- genouimcn werden, die nicht zur örtlichen Polizei gehöre», also von außerhalb des Saargebietes kommen und der überwiegenden Mehrheit der Saorbevölke- rung feindlich gegenüberstehen. Diese Beftim- mung hat somit vor allem aus die Emigrantc n Anwen- dung zu finden. Soweit solche Personen aber bereits in die Polizei eingestellt sind, müssen sie krait zwingenden Rechtes unverzüglich entfernt iv erden. Wenn die RcgirrungSkoinmission bisher die Einstellung von Emi granten in die Polizei glaubte mit dem Hinweis darauf begründen zu können, daß die örtlichen Polizeikräfte nicht ausreichen, so fällt dieser Vorwand mit der Bereitstellung der Polizeitruppen selbstverständlich weg. Ich darf mich der Hoffnung hingeben, daß Sie, Herr Präsi- dent, nachdem Deutschland der Entsendung von Polizei- truppen im Interesse einer Entspannung der zwischenstaat- lichen Beziehungen zugestimmt hat, auch»un Ihrerseits zur Wiederherstellung der Rechtsordnung im Saar gebiet beitrage» und die Emigranten s o f o r t a u s d e in saarländischen P o l i z c i d i e n st entfernen". * Wir sind gespannt, wie Herr Präsident Knox auf diesen dreisten Versuch, eine Diktatur BürckelS im Saaraebiet auf- zurichten, reagieren wird. Par>s, 27. Dezember. Weihnachten an der Saar! Das ist ein Thema, das in allen französischen Zeitungen variiert wird. In Wort und'Bild wird uns gezeigt, wie die internationalen Truppen Weih- nachten seiern. welcher Empfang ihnen von der Saarbevöl- kerung in ihren llnterkunsisorten bereitet wird, wie Präsident Knox die Front der Soldaten abschreitet. Es wird uns erzählt, wie äußerlich Weihnachtsfriede im Saargebiet ein- zieht, aber nur äußerlich. Denn im Verborgenen, so sagt der Sonderberichterstatter des„gl o u r", setzt die„deutsche Front" auch während der Weihnachtsfciertage ihren Kampf mit ver- stärkten Kräften fort. Dieser Korrespondent meint, daß heute etwa 8l> Prozent der Bevölkerung, überzeugte Hitleranhänger, die Rück- gliedern ng wünschen. Ihnen stände» ungefähr 25 Prozent der Bevölkerung gegenüber, die entschlossen für den Status quo einträten. Die Mehrheit der Saarbevölterung sei noch unentschieden. Gewiß seien alle diese Kausleute, Handwerker, Beamte und Arbeiter nichts anderes als Deutsche. Bor Hitlers Regierungsantritt hätten alle die Rückgliederung gefordert. Aber heute sei die Lage anders. Die gläubigen Katholiken hätten Furcht vor den Angriffen des nazistischen Heidentums. Der Kaufmann fürchte, seine BewcgungSsreihcit zu ver lieren. fürchte Einschränkungen des Verkehrs und der Kon- kurrenzmöglichkcit. Jeder'Arbeiter und Handwerker denke mit Sorge an die tausenderlei Zwangsmittel der Arbeitsfront und des Arbeitsdienstes. Wohl sei es möglich, daß alle diese guten Patrioten sich gkgcn das „dritte Reich" entscheiden, aber man dürfe nicht vergehen, daß man in einer von Deutschland organisierten und besonders weitherzig von Dr. Röchling unterstützten Älrt die Wähler einschüchtere, eine Methode, die unmittelbar vor der Abstim- mung noch verstärkt werde. Der Ausgang der Abstimmung fei»och ganz unsicher. Selbst die Führer der„deutschen Front" verzichteten jetzt aus optimistische Voranssagungen. Vor sechs Monaten sei Röchling einer Majorität von 05 Prozent sicher gewesen. Vor zwei Monaten habe er nur noch von 75 Prozent gesprochen. Vor einigen Tagen habe Reichsaufteiiministcr von Neurath erklärt, man dürse auch das Saargebiet dann nicht teilen, wenn in einzelnen Bezirken große Masten für de« Status quo sich entschieden., Diese Bemerkung Neuraths nimmt der Korrespondent des „I o u r" zum Anlaß, um darauf hinzuweisen, daß der Ver ailler Vertrag eine Teilung des Saargebietes möglich macht,(* r^ fügt hinzu, die Schaffung eines kleinen unab- hängigen Staates, der dein Völkerbund unterstände, würde den ungeheuren Vorteil bieten. Frankreich und Europa vor einer neue» Welle hillcrieindlichcn Emigranten zu ver schonen. Er fragt, würde man, wenn sich für die Rückglie- derung zum Reiche 66 bis 70 Prozent der Stimmberechtigten aussprächen, suchen, die Zukunft von 30 bis 10 Prozent Widersachern zu sichern? lind doch..eiserner vorband"! Kronzeugen: Ganz bewußt läßt die Presse der braunen.Front die Saar- deutschen im Unklaren über die Pläne Frankreichs nach einer Saar-Rückgliederung. lieber jene, für die Saar so außer- ordentlich bedrohlichen Pläne. Einzelne deutsche Blätter, die zwar gleichgeschaltet und daher selbst für den fanatischsten Braunsrontler glaubwürdig sind, aber trotzdem eines guten Nachrichtendienstes nicht ganz entbehren, geben diese Meldungen in ihrem ganzen Gewicht wieder. Erstens: Tie „Frankfurter Zeitung" vom 10. November meldet:„Bezugnehmend aus die Verein- bannigen von Rom hat der Vorsitzende des BergwerkSaus- schufses der Kammer, der'Abgeordnete EharlesBaron. im Austrage dieieS Ausschusses einen Brief an den Minister- Präsidenten gerichtet, in dem solgendes ausgeführt wird: Wenn Frankreich schon bei Bemessung des RückkaufpreifeS für die Saargruben Opfer auf sich genommen halte, so sei es vollkommen ungerechtfertigt, der Saarkohle nach dem lieber- gang der Gruben in deutsches Eigentum irgend e'ne Vorzugsstellung am französischen Markt einzuräumen, zumal weder die Grubenarbeiten im Falle der Rückgliederung der Saar an Deutschland französische Produkte verzehre, noch die Gewinne dem französischen Staat zufließen würden. Wenn die Saarkohle an dem französischen Zollgebiet weiter teil habe, so würden damit 1 Millionen Tonnen Kohle dem Ge- samtkontingent entschlüpfen. Herr Baron verlangt also, daß die Sonderlieseruugen an Saarkohle, die zur Begleichung des durch die Frankennoten nicht gedeckten Teiles der deutschen 'Verbindlichkeiten zugunsten Frankreichs erfolgen sollen, in das deutsche Gesamtkontingenr eingerechnet werden." Mit andere» Worten: Der maßgebliche französische Such- verständige und Abgeordnete stellt fest, daß die Saarkohle nur auf Kosten anderer deutsche Kohlenlieserungen und nicht zusätzlich abgenommen werden könne. Zweitens: Die „Kölnische Zetlüng" vom 19. November meldet:„Tie französische Eisen- und Stahlindustrie, welche in Lothringen bzw. im Saargebiet keine unmittelbaren Interessen vertritt, hat in den letzte» Monaten immer wieder die Errichtung eines sogenannten „Eisernen Zollvorhang.es" zwischen Frankreich und Deutsch land für den Fall der Rückgliederung des Taargebietes ver langt. Noch neulich hat die„Region Eeonomique de l'Est" welche 12 Handelskammern Ostfrankreichs umfaßt,(ich eine Entschließung der Handelskammer Nancy zu eigen gemacht, wonach sosor«»ach der Saar-Rückgliederung die Zollgrenze m't der politischen streng zusammenfallen, d. h. der Waren- austausch mit dem Saargebiet den allgemeinen Bestimmun- gen des deutsch-französischen Handelsvertrages unterworfen werden sollte." Mit anderen Worten: Die Saar müßte sofort nach ihrer Verhitlernng ein Drittel des Absatzes ihrer Produkte ver- lieren, ein Drittel der»och Beschäftigten würde arbeitslos. Drittens: Das„Metzer Freie Journal" berichtet am 13. Dezember von einer Resolution der Handclokammer Metz über die Saarwirtschaftsprobiemc.„Tie Handelskammer bittet die französische Regierung, eiligst Verhandlungen mit der deutschen Regierung auszunehmen, um durch ein gemein- sames Abkommen ein kurzfristiges llebcrgangSrcgime zu errichten, das im Falle einer Rückgliederung die nor- male Liquidation der sranzösiich saarländischen Handelsbe- ziehnngen gestattet. Die Dauer des Uebergangsregimes soll drei Monate nach dem Plebiszit nicht überschreiten. Es soll unter keinen Umständen zum Vorwand dienen für ei» Zwiiieiregime,>„ de», das Saargebiet zwar politisch zu Deutschland gehörte, aber wirtschaftlich nicht von Frankreich getrennt würde. Die Handelskammer bittet die französische Regierung dringend, den von gewissen saariändiichen Wirtschaftskreisen formulierten Forderungen, die darauf hinzielen, daS franko- deutsche Abkommen vom 23. Februar>023 lSaarkoutingent usw.s zu erweitern, oder gar eine zollfreie Einfuhr deutscher Produkte im Saargebiet zu erhalten, keine Folge zu leisten, solange die Zollgrenze zwischen Frankreich und dem Saar- gebiet nicht völlig hergestellt ist. Außerdem bittet sie die Re- gierung, schon heute alle Maßnahmen zu treffen, um die Einfuhr saarländischer Produkte nach Frankreich kontingen- ticre» zu können für den Fall, daß die Grenze zwischen dem Saargebie: und Deutschland geöffnet wird, um die Einsuhr deuticher Waren über die Saar wirksam zu verhindern." ❖ Wir stellen fest: Jede maßGbliche französische Stimme, die sich mit dem Eventualfall der Rückgliederung befaßt und die selbst die ernste deutsche Presse übermitteln muß, fordert mit aller Eindeutigkeit, daß nach einem ganz kurzen UebergangS- regime die Zollgrenze zwischen der vcrhitlerten Saar und Frankreich niedergehen müsse.. Daß fernerhin die saarlän- difchen Importe nach Frankreich nur im Rahmen der bis- herigen'deutschen Kontingente durchgeführt werden dürfen. Und daß endlich jede französische Vorzugsbehandlung der Saar sofort nach einem eventuellen Hitlerplebiszit beendet sein müßte. Der wirtschaftliche Ruin der Saar würde besiegelt werden, wenn die Saar rückgegliedert würde. Keiner kann das ableugnen. Rur der Status quo kauu de« abhelfen. Dr. Norbert Muhles ARBEIT UND WIRTSCHAF' Saarbrücken, Freitag, 28. Dez. 1934 S!! e! k..^ W,f: scha,' s,ahrer Statt Preissenkung— stabiles Preisniveau i i_j..„j O Die Unternehmer in Industrie und Handel hätten sich eigentlich fiir die Rangerhöhung zu irtschaltsführern. mit der sie durch Hitler begnadet worden sind, erkenntlich zeigen müssen. Sie hätten ihr Geld nicht in den Kasten stecken dürfen, sondern in die Produktion stecken müssen. Sie hätten es niiht zulassen dürfen, daß Hitler auf Pump angewiesen bleibt, sondern aus eigener finanzieller Kraft zur Arbeitsbeschaffung beitragen müssen. Wie in dem letzten Vierteljahresbericht des Instituts für Konjunkturforschung festgestellt wird, ist das aber keineswegs der Fall. F,s wird darin gesagt. Industrie und Handel hätten..die ihnen neu zufließenden Mittel vielfach geldwirtschaftlich statt güterwirt- sihaftlich angelegt'*. Es sei eine gewisse Zurückhaltung der Unternehmungen gegenüber langfristigen Investitionen unverkennbar. Das sei auch dort der Fall, wo neue Investitionsaufgaben vorliegen, wie z. B. in der heimischen Rohstoff- Produktion. Es scheint also, daß die Unternehmer auf Schachts Kommando nicht gerade stramm einschwenken und daß sie mit der Ersatfprodulttion nur solange einverstanden sind, wie das Reich die Kosten bezahlt. Läge ein echter Aufstieg und nicht eine künstliche Aufblähung vor. dann müßten mit der Produktion auch die Einlagen bei den Banken und ihre Wirtsdiaftskredite zunehmen. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall! Mehr noch als die Einlagen bleiben die Produktionskredite der Banken hinter dem Vorjahre zurück. Dae Ranken sind darauf bedacht, ihre Einlagen flüssig zu erhalten, anstatt sie in der Produktion festfrieren zu lassen. Nach der Feststellung des Instituts für Konjunkturforschung hat die Liquidität, d. h. das Verhältnis der Barreserven zu den festen Anlagen der Banken von 30.8 Prozent im Vorjahre auf gegenwärtig 35 Prozent zugenommen. Das Institut weist aber selbst darauf hin. daß den Banken aus der Nichtbezahlung von Schulden an das Ausland große Mittel zugeflossen sind. Der Rückgang der Einlagen wäre also noch viel größer, wenn Schacht die Unternehmer nicht von der Einlösung ihrer ausländischen Verpflichtungen befreit haben würde. Man könnte meinen, die Unternehmer geben weniger Geld zu den Banken, weil sie desto mehr im eigenen Betriebe anlegen. Das Institut für Konjunkturforschung behauptet das Gegenteil und seine Feststellungen werden im letzten Halb- jalirsbericht der Reichsk>-editgesellschüft verdeutlicht, die die Bank der reichseigenen Betriebe also ein öffentliches Kreditinstitut ist. In dem Bericht heißt es: ..Sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft beschränkte sich die Investitionstätigkeit in der Hauptsache — gefördert durch Steuerbegünstigungen für Ersatzinvestitionen— auf Instandsehung von Gebäuden und Ersatzbeschaffungen abgenutzter Maschinen. Wie die einer Beobachtung zugänglichen Bilanzen von industriellen Aktiengesellschaften erkennen lassen, halten sich hierbei die Aufwendungen nach wie vor unter den laufenden Abschreibungen." lin amtliches Organ gibt»'so zu. daß die Unternehmungen nicht einmal soviel Kapital in den Betrieb hineinstechen, wie sie abschreiben, daß sie also nicht einmal die für den bloßen 1 rsatz d»s Maschinenversthlei""« angesammelten Mittel für c'issen Zweck verwenden. Die Unteg„«hmer ziehen»'«o mehr Ge'd SU« d»m Betrieb«'s sie in'h-, hineinstecken Die Kapi- t lauf wen«hin-en f*; r die Produktion nehmen nicht zu«nn- d*rn*b. Die R-idiclrefli|»f««*"»di,'ic sn-icht seih»* von R:: fic- gängen und»ieht ei« als die Fn'-rn der in den meisten Teilen d»r deutsch»«»'-ir'nel r!<> vorhandenen l'ehe-kapazität an. ( rfl^e iisrlttgf v!«l'cs ,»1, et Ii»«*»« sr>!pt| J*•» pipdni 7 i t V 0 II m nw4»* rti•rwirtm. in dem die Arbritwplatjkapjirit ist nur au rund 50 int. Dt die Privatunternehmer wich Arbeiten Kapiln! im «.dritten Reich" au riskieren, erfolgt der UehergrifT auf die kleinen Sparer, auf Sparkassen und Versicherungen. Aber auch die Unternehmer in fnHmtrif und Mandel werden nieht ganz damit verschont, die Pumnwirt«chj»ft des„dritten P^ifh»*" ef^öotli'ch-n zu helfen. Nach der Angabe des fn- Mifut« für k onfii"khirfor«An**e«ind nicht nur von den Ranken«ondern auch von der Industrie in größerem Umfange Wrtnaniere aufgenommen worden. Audi die Privat- im*-**" hm er h«hen einen Teil ihres Kanitals in Arbeits- be»chaffun*swech«*ln. Steuervutsdieinen Reichsanleihen usw. an'even müssen. Der tinauseesnmdienc Zwang dazu, wie er h:«b»r'»«!»• i«t i*mt i** ei"»n ge«e^ hen Zwang Gewinne, die'-her einen be«*'mniten Ptv«*» li: n*M«»'-l«*n. r"iw in öffentliche Anleihen» n- «••«''•n t*)»n Po'#J5e«ef>'»rordnnn«r zeie-n«Hl ient U-T> l'«ir« n sntonnon^r^ steigt zwar aber der J'•*•€ tl»p AV*i«»n«her im„dritten"«»'dj" nur se'hOvfr^tEndlich. den Unternehmern die Möglichkeit wird d*« R'« ko. das sie für die IVhrr'dinMunr f'tf d"»»en 11"iplii'be»-*eh-n»»,#«»f Sch«,'tem >,»''tiw"'v«n t)'» M'U»1 die ihnen die|^oliomct't'tir öf f en f. I'''« p^rh»*®d«»n enffirbt# w^rrier) qie dn»*rb der P— J«f> d^ied-tw'»*'ten der t"hne wieder ei»»brinven ?"'SM««) ♦ ,«r•'«»*•" Jl''o.Tni"i-'•«..*{•»'.«». t»V I.***■« Auf. t""»n«» At»r P^n^nktmn und ,|er V«Fk*"mmeriine der Messen k«»»n...rt wird Meer Schacht, auch wenn ihm Hitler noch so- r:»l Hiktstorifche Allmacht verleiht, keinen Ausweg finden. Uiti«»*2r'ic,*aans hn^cbubeinTelbandel tz'?«h einer Mitteilet". He« Beich«Verbandes des deutschen F-huhhandel« war im November im Schubeinzelhandel ein Umsatzrückgang vor durchschnittlich 5.4 Prozent fest- zus'ellen. Dieser Umsatzrückgang ist um so bemerkenswerter. als der Bericht, u. a. zugibt, daß„kleinere Preiserhöhungen, vor allem für Winter- g- r I k e I. auch im B»ri«'bt«raonat zu verzeichne» waren" Also trotz dieser..kleinen Preis erböh'ing'n" ist der Umsatz kleiner geworden, wobei ein auffallend starker Rückgang im Marschstiefelgeschäft zu verzeichnen war. Der Preiskommissar Goerdeler hat zwar in letzter Zeit sehr viel„Erklärungen" abgegeben, aber sie waren jedesmal \on so viel Wenn und Abec begleitet, daß man deutlich die Hilflosigkeit des Preisse ukiingskommissars erkennen konnte. Der Feldzug gegen die überhöhten Preise hat sich bisher praktisch in der Hauptsache darin geäußert, daß einige kleine Geschäfte, insbesondere Lebensmittelgeschäfte, darunter in erster Linie Metzgereien und Bäckereien auf Anordnung der Polizei vorübergebend geschlossen wurden. Eine wirksame Preissenkung ist nirgendwo erfolgt, wenn man von dem Husarenritt des bayrischen Ministers Esser absiebt, der zum Jubel aller bayrischen Biersäufer und zur größten Verärgerung der Brauereien den Bierpreis gesenkt bat. Von der seinerzeit groß angekündigten Aktion der NSDAP., im ganzen Reich die Preise zu überprüfen, hört man nichts mehr, obwohl Goebbels versichert hat. daß die Aktion schlagartig zum Wohle der Gesamtheit einsetzen wird. Da die Agrar- und Rohstoffpreise ebenfalls nicht gesenkt worden sind, so gewinnt man den Eindruck, daß der ganze Preis- senkiingsrummel nur den Zweck hatte, die Aufmerksamkeit der Massen von ihrer schweren wirtschaftlichen Lage abzulenken und dem Volke wieder einmal Versprechungen zu machen, die man dann nachher nicht einhält. Wie sehr diese letztere Maßnahme berechtigt ist. geht aus einem Bericht über eine Sitzung der Einzelliandlsvertretiing der Kölnci Industrie- und Handelskammer hervor, die vor einigen Tagen sattgefunden bat. Im Mittelpunkt der Erörterungen«tand das Problem der Preisgestaltung. Was diesen Beratungen das besondere Gepräge gab. war die Tatsache. daß an ihnen der Präsident der Kölner Handelskammer. der beiiichtigte Freiherr von Schröder, teilgenommen bat. der bekanntlich die Versöhnung Ilitler-Papeu zustandegebracht hat. Der Vorsitzende der Einzelbandeis Vertretung Kölns, der Kaufmann llumaclier, teilte mit, daß über die Einzelhandelsverkaufspreise im Gau Köln-Aachen genaue Untersuchungen vorgenommen wurden. Es hat sich herausgestellt, daß— wie konnte es auch anders sein.—..in keinem Fall eine unzulässige Preisberechnung festzustellen gewesen sei". Hamacher bedauerte, daß in der Oeffenliiehkeit irreführende Ansichten über die Einzelhandelsverkaufspreise herrschen würden, denn— lind dieses Geständnis war besonders interessant— dadurch hätte sich seit einiger Zeit eine Kaufzurückhaltung bemerkbar gemacht. Die Zeit der Hamsterperiode scheint iefit. nachdem sieh die wohlhabenden Klassen mit genügend guter W nre eingedeckt haben, vorbei zu sein und die breiten Volksmassen haben eben kein Geld, um selbst ihren not malen Bedarf einzudeikrn. Interessant war es auch, daß Hamacher im Namen des Einzelhandels Köln-Vaelien sieb über die hohen Bei tragsf Order ii ngen der Berufsorganisationen beschwert bat. wobei er insbesondere darauf hinwies, daß diese Beitragsforderungen von verschiedener Seite kämen. Zu all diesen Beschwerden sagte der Präsident der Kölner Handelskammer dem Bericht eines gleichgeschalteten Blattes zufolge u a.: Freiherr von Schröder führte zu den verschiedensten Klagen grundsätzlich aus. daß der Einzelhandel naturgemäß unter den Auswirkungen des äußerst komplizierten Preis- gestaltiing-problems am meisten zu leiden habe, weil er zwischen dem Fabrikanten einerseits und der großen Masse der Verbraucher anderseits steht, und weil die Verbraucher leicht geneigt seien. Preiserhöhungen dem Einzelhändler zur Last zu legen Mit allen Mitteln müsse dafür Sorge getragen werden, daß Preiserhöhungen auf ein Mindestmaß beschränkt blieben. Andererseits müsse dem Einzelhändler die unbedingt notwendige Verdienstspanne eingeräumt werden. Alle Teile der Wirtschaft müßten die Preisüberwachung«- maßnahmen als notwendig hinnehmen und diese nach Kräften unterstützen. So können wir am besten die noch vorhandenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten überwinden. Der Präsident der Kammer brachte hierbei zum Ausdruck, daß nach seiner Meinung die Welt in absehbarer Zeit in wirtschaftlichen Fragen zur Vernunft(!) kommen werde. Bis daliin müsse das deutsche Volk Opfer bringen, um seine wirtschaftliche Freiheit endgültig wieder zu erlangen. Auf der anderen Seite werde die Industrie- und Handelskammer aber auch darauf drängen, daß die Lasten des Einzelhandels, insbesondere die von den verschiedensten Seiten geltend gemachten Beitrags)orderungen der Berufsorganisationen. möglichst gesenkt werden. Die Vereinfachung und damit die Verhilligung der beruflichen Organisation der Wirtschaft sei ein wichtiges Ziel. Die Hauptaufgabe des Preiskomtnissars sei, so führte der Präsident der Kammer weiter aus. für eine möglichst große Gleichmäßigkeit in der Preisstellung zu sorgen. I unliebst gleichbleibende Preise liegen sowohl im Interesse des V er- brauchers wie auch im Interesse des Einzelhandels. Eine Preispolitik größtmöglicher Gleichmäßigkeit in den Preisen sei auch die beste Vorbedingung für die Gleichmäßigkeit des Umsatzes. Das kaufende Publikum werde dann schnell zu der Einsicht kommen, daß. so falsch es war. Ware zu hamstern, es ebenso verkehrt sei, in der Hoffnung auf Preissenkungen nicht zu kaufen. Bei der Stellung, die innerhalb des Systems dieser Herr Schröder einiinmt, sind seinen Worten besondere Bedeutung beizumessen. Sic entsprechen dem tatsächlichen Wirtschaft- kurs des Systems. Und aus seinen Worten geht deutlich hervor, daß man von einer Preissenkung absieht, daß man im„dritten Reich" lediglich bestrebt ist, eine weitere Preissteigerung zu verhindern, und die Preise auf dem jetzigen im Verglriih zu der niedrigen Entlohnung der breiten Massen überhöhten Preisniveau zu stabilisieren. Bestätigt wird diese Ansicht in einer Artikelserie, die in der.TextU-Zeitung" erscheint und den Titel trägt..Die Praxis der Faserstoff gewinnung". Dort wird gezeigt, daß der Einzelhandel zu höheren Preisen als bisher einkaufen muß. Dadurch muß der Einzelhandel mehr Kapital investieren und für einen Teil seiner Einkäufe wieder die von seinen Lieferanten gewährten Zalilungsziele in Anspruch nehmen. Dazu schreibt das Blatt weiter: Das bedeutet freilich, daß sich fiir diese Einzelhändler die Unkosten erhöhen, da sie des Skontos verlustig gehen. Darf nun ein Einzelhändler diese Verluste bei der Preisfestsetzung seiner neuen Waren in Ansatz bringen? Diese Frage ist ohne Bedenken zu bejahen, denn der erhöhte Einkaufspreis kommt ja nicht nur in den effektiven Preiserhöhungen zum Ausdruck, sondern in der Schlußrechnung dadurch, daß eben ein Skonto- abzug nicht vorgenommen worden ist. Auch diese Vusführiingrn zeigen, daß der Kampf gcg.cn die überhöhten Preise praktisch zu keinen Ergebnissen fuhren kann, solange, wie dies bei dem kapitalisten-freundlichen Kurs der Hitlerregirriing der Fall ist, die Erzeugerpreise nicht angelastet werden und die vciteueitc E: satjsloffwirt- Schaft ge/öideit wird. Hitlers Werben um bolschewistische Aufträge Die Stellung des Rußlandgeschäftes im Rahmen der de in'icii Wirtschaftspolitik ist im Dezember-Heft der„Ost- teil tschaft" behandelt. Es muß ohne weiteres zugegeben werden, beißt es in dem Artikel, daß das Rußlandgeschäft schwierig, zeitraubend, teilweise auch kostspielig und ärgerlich ist. Einleitung und Abwicklung erforderten Spezialkenntnisse aller Art und Nerven. Kein Wunder also, wenn man heute nach vielem Unerfreulichen(Dollarentwertung, nachträgliche Reklamationen, damit verbundene Einbehaltung fälliger Beträfe, die Mindrstdiskontsatzangcle-enhrit usw.) hier und i auf Resignation stößt und manche Kreise angesichts Her B»'ebnng des Binnengeschäfts wenig Neigung zeigen. noch Geschäfte mit der UdSSR, zu machen. Andererseits aber fühlt wohl die Mehlzahl der an den deutsch- russi«'-i Wirtschaftsbeziehungen Interessierten, daß der jetzisre Zustand, der noch eine gewisse Verschärfung durch die in den letzten zwei Jahren geringe Bestelltätigkeit und Ver-ebnng«o mancher Aufträge an unsere Konkurrenz- länder erfahren I--' He- wahren Interessen der beiden Nationen entspricht. Deutschlund braucht den russischen Maikt für seine Industrieer reu gnisse. Deutschland ist aber auch für'ic UdSSR, ein wichtiges Absaflgebiet ihrer Boden- schätje. zur Zeit bekanntlich das größte Abnehmerland. Der Außenhandel Deutschlands mit der UdSSR, weist in den letzten Jahren einen starken Rückgang auf. Im laufenden Jahr ist besonders in der Ausfuhr nach der UdSSR, ein auffallend starker R:; ckt»ltg mit dem unnatürlichen Ergebnis einer passiven Har r)"l'bil" r" P-ntsvhhnds gegenüber Rußland zu verzeichnen, die auf die Dauer untragbar ist Sollten in der Zukunft der deutschen Industrie weiterhin Aufträge nur in so geringem Maße zuteil werden und die derzeitige so krasse Diskrepanz zwischen Ein- und Ausfuhr bestehen bleiben, so muß das zwangsläufig dahin führen, die Einfuhr nach Deutschland gleichfalls zu drosseln noH ein* Verlagerung des Imports vorzunehmen. Her 1934 Hoch«*hr zugunsten der l'dSSR. erfolgte. Die Weiterentwicklung der Kompensationsgeschäfte und Verrechnungsabkommen mit anderen Ländern wird das zulassen. Der russische Hinweis auf die immer noch aktive Zahlungsbilanz Hat mit der gegenwärtigen Handels- Situation, die allein Hir ans ausschlaggebend sein muß, nichts zu tun. Auf russischer Seite könnte vieles vermieden werden, was das Geschäft erschwert. Aber auch von einzelnen deutschen Firmen könnte vielleicht noch manches geschehen, was die deutsch-russischen Beziehungen fördert. Es bedeutet eine Verkennung des Arbeitsbeschaffungsprograinms der Reichsregierung, wenn man im Hinblick auf ausreichende Beschäftigung durch Inlandsaufträge glaubt, auf das weniger einfache RuRlandgeschäft verzichten zu können. Das Rußlandgeschäft leidet zur Zeit ganz besonders unter der Preisfrage; die vom Goldstandard abgegangenen Konkurrenzländer geben Angebote ab, die angeblich weit unter unseren Preisen liegen, und zunächst ist ein Ausgleich nur durch hochwertige Qualitätsarbeit möglich Der Rußland-Ausschuß der deutschen Wirtschaft setzt sich daher schon seit längerer Zeit hei der Reirhsregierung angelegentlich dafür ein, liier Abhilfe zu schaffen. Aufgabe der Lieferfirmen bleibt es, sich um den russischen Markt ernstlich zu bemühen. Alle Anzeichen deuten darauf bin. daß eine Belebung sowohl des russisch amerikanischen als auch des russisch-französischen Geschäfts zu erwarten steht. Englands Aktivität und die bis beute erzielten Erfolge sind bekannt. Besonders interessant ist, daß in allerletzter Zeit in England von Industriellen und von Abgeordneten die Gewährung einer Anleihe an die UdSSR, befürwortet wurde, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Derartige Bestrebungen unserer Konkurrenzländer müssen von uns aufmerksam verfolgt werden, damit Deutschland, der Bahnbrecher für Has RuRlandgeschäft. nicht in das Hintertreffen gerät, denn die Erfahrung lehrt, daß es schwer ist. einen Konkurrenten zu verdrängen, mit dem Her Abnehmer zufrieden ist. Fs ist auffallend, wie wenig gerade diese Tatsache, soweit sie Rußland betrifft, heute von der Allgemeinheit erkannt wird. Sentiments in der Wirtschaftspolitik sollten beiderseits bintenan gestellt werden. Min sollte weniger daran denken, was uns trennt, und mehr tun, was zu beiderseitigem Nutzen ist. Werbt fiir die„Deutsche Freiheit" Steutsefke Stimmen•<&ei!a$c zur.Deutschen Freiheit'* trei^nisse und Geschichten ■\■■■'.-v.,i.: i ,. 'mmsmm Fre.tag, den 2S. Dezember 193a lümm miedifchiüe tin aufcechtec Jleinigec hekCagt sich. Die Anklageschrift, die wir hier veröffentlichen, ging uns Ton einem Deutschen zu, dem die Reinigung des germanische» Geisteslebens am Herzen liegt, der eine scharfe Unterscheidung zwischen nationalsozialistischem und staatsgefährlichem Gedankengut herbeisehnt: Volksgenossen! Es ist eine Schmach und eine Schande, was für zersetzende Schriften heute»och im deutschen Volke verbreitet und gelesen werden dürfen, ohne daß die Regierung dagegen einschreitet. Ich zitiere hier einige Stellen aus gewissen Büchern, die in öffentlichen Leihbibliotheken ganz schamlos verlieben, die in Bücherläden ohne Scheu ausgestellt werden. Sie selbst mögen entscheiden, oh der Autor, der mit frecher Stirn die heiligsten Belange der Nation zu schmähen wagt, zu den hetzerischen Elementen gehört oder nicht, ob seine Bücher den Scheiterhaufen verdienen oder ob sie dem deutschen Volk, der deutschen Jugend weiter verkauft, ja empfohlen werden dürfen. Bedenken Sie, daß die folgenden Zitate nur eine kleine, willkürliche Auslese bedeuten und daß sie beliebig erweitert werden könnten. Sie entstammen im übrigen alle der Feder des gleichen Autors(ich habe zur besseren Kennzeichnung nur die Ueberschriften hinzugefügt) und lauten: Verjudung als Fortschritt: Zwei Religionen, welche den größten Teil der bewohnten Erde beherrschen, das Christentum und der Islamismus, stützen sich beide auf die Religion der Hebräer, und ohne diese würde es niemals weder ein Christentum noch einen Koran gegeben haben. Ja, in einem gewissen Sinne ist es unwiderleglich wahr, daß wir der mosaischen Religion einen großen Teil der Aufklärung danken, deren wir uns heutigen Tages erfreuen. Gegen Wotan: Durch die mosaische Religion wurde eine kostbare Wahrheit, welche die sich selbst überlassene Vernunft erst nach einer langsamen Entwicklung würde gefunden haben, die Lehre von dem einigen Gott, vorläufig unter dem Volke verbreitet und als ein Gegenstand des blinden Glaubens solange unter demselben erhalten, bis sie endlich in den helleren Köpfen zu einem Vernunfthegriff reifen konnte. Dadurch wurden einem großen Teil des Menschengeschlechtes alle die traurigen Irrwege erspart, worauf der Glaube an Vielgötterei zuletzt führen muß. und die hebräische Verfassung erhielt den ausschließenden Vorzug, daß die Religion der Weisen mit der Volksreligion nicht in direktem Widerspruche stand, wie es doch bei den aufgeklärten Heiden der Fall war. Gegen Streicher: Von diesem Standpunkt betrachtet, muß uns die Nation der Hebräer als ein wichtiges universalhistorisches Volk erscheinen, und alles Böse, welches man diesem Volke nach- zusagen gewöhnt ist. alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleineren, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein. Tausend Jahre Drittes Reich? Alles darf dem Besten des Staates zum Opfer gebracht werden, nur dasjenige nicht, dem der Staat selbst nur als ein Mittel dient. Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann, und dieser Zweck der Menschheit ist kein anderer, als Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung. Hindert eine Staatsverfassung, daß alle Kräfte, die im Menschen liegen, sich entwickeln; hindert sie die Fortschreitung des Geistes, so ist sie verwerflich und schädlich. Ihre Dauerhaftigkeit selbst gereicht ihr alsdann vielmehr zum V orwurf als zum Ruhme — sie ist dann nur ein verlängertes Uebel; je länger sie Bestand hat, um so schädlicher ist sie. Antreten! A&tceten! tin Vacschtag(üc die fteccen Jieichstagsa&geotdneten Ein Freund aus dem Elsaß schreibt uns: Ich lese fast regelmäßig Ihre Zeitung, denn uns alte Elsässer. die wir lange vor dem Kriege und besonders während des Krieges unser Teil preußischen Terror und preußischer Schinderei abbekommen haben, interessieren natürlich die Zustände an der Saar und im„dritten Reich" ganz besonders(mit Sympathie für Ihre Anstrengungen). Sie hatten mehrmals darauf hingewiesen, daß die sogenannten Herren Reichstagsabgeordneten ungenügend zum W i n t e r h i I f s• werk beisteuerten. Man hätte nun erwarten können, daß ihr oberster Herr ein Mittel finden würde, dies zu schmeißen: doch fehlt anscheinend hierfür die„Imagination". Also ein Vorschlag! Warum nicht eine Reichstagssitzung, wofür diese Herren ja eigentlich da sind und noch glänzend bezahlt dazu. Die Sache wäre sehr einfach und wie bei allen diesen Tagungen in einigen Minuten erledigt. Z. B so: Befehl: Eine Reichsiagssitzung ist für morgen vormittag angesetzt.— Zweck. Winterhilfswerk. Ausrüstung: Galaausrüstung mit sämtlichen Orden Brieftasche mit mindestens einem Hunderter. Entschuldigungen werden nicht angenommen. Unentschuldigtes Fernbleiben: 1000 Mk. Strafe. Vorgesehene Dauer: 29 /» Minuten. Verlauf der Sitzung: Alles ist an seinen Platzen und wartet. Trommelwirbel- Horst-Wessel-Musik. Exzellenz Gering: Achtung Stillgestanden!(Der Fuhrer betritt den Saal.) Heil. Heil. Heil. Heil Hitler! Der Führer tritt an seinen Platz und grubt:„Danke! An- ^ Exzellenz Gering:„Der Zwei ist bekannt! Jeder der Herren hat mindestens einen Hunderter zur Hand zu Zurück zum JCocseU h. h. Audi die Mucker können im neuen Deutschland einen großen Triumph für sich buchen. Die Leiterin des Damen- Ausschusses des Deutschen Hockeybundes, Frau M. Galvao- Rieck(Hamburg) hat folgende amtliche Bekanntmachung erlassen: „Ich weiße noch einmal ausdrücklich daraufhin, daß das Tragen von kurzen Sporthosen oder Hosenröcken vom DHV. und von der FJH. verboten ist. Auch bitte ich die Spielführerinnen, darauf zu achten, daß die Röcke nicht unästhetisch kurz getragen werden." Was müssen die Hamburger Nazi riehen alles zu verbergen haben! T>ec kühne Sammtec Heldenmütter: Lange Zeit hat man jene spartanische Mutter bewundcit. die ihren aus dem Treffen entkommenen Sohn mit Un willen von sich stößt und nach dem Tempel eilt, den Göttern liir den Gefallenen zu danken Zu einer solchen unnatürlichen Stärke des Geistes hätte man der Menschheit nicht Glück wünschen sollen. Eine zärtliche Mutter ist eine weit schönere Erscheinung in der moralischen Welt, als ein heroisches Zwittergeschöpf, das die natürliche Empfindung verleugnet, um eine künstliche Pflicht zu befriedigen. Autarkie: Aller Kunstfleiß war aus dem Lande verbannt, alle issenschaften wurden vernachlässigt, aller Handelsverkehr mit fremden Völkern verboten, alles Auswärtige wurde ausgeschlossen. Dadurch wurden alle Kanäle gesperrt, wodurch einer Nation helle Begriffe zufließen konnten; in einer ewigen Einförmigkeit, in einem traurigen Egoismus sollte sich der Staat ewig nur um sich selbst bewegen. Blut und Boden Schändlich! Schändlich! Wir haben aus der geheiligten Asche unserer Väter unsere Harlekinsmasken zurecht- gestoppelt, wir haben unsere Schellenkappen mit der Weisheit der Vorwelt gefüttert. Führer von einst Es scheint dem Gang der Dinge gemäß, daß der erste König ein Usurpator war, den nicht ein freiwilliger einstimmiger Ruf der Nation(denn damals war noch keine Nation), sondern Gewalt und Glück und eine schlagfertige Miliz auf den Thron setzten. Wen meint er? Seine Gesetze sind der Versuch eines Anfängers in der Kunst, Menschen zu regieren. Schrecken ist das einzige Instrument, wodurch er wirkt. Er straft nur begangenes Uebel, er verhindert es nicht, er bekümmert sich nicht darum, die Quellen desselben zu verstopfen. Kritikaster: Das Geschäft aller vereinigten Bürger war. sich zu erhalten. was sie besaßen, und zu bleiben, was sie waren, nichts Neues zu bewerben, nicht auf eine höhere Stufe zu steigen. Unerbittliche Gesetze mußten darüber wachen, daß der Fortschritt der Zeit an der Form der Gesetze nichts veränderte. Um diese lokale, diese temporäre Verfassung dauerhaft zu machen mußte man den Geist des Volks auf derjenigen Stelle festhaken, worauf er bei ihrer Gründung bestanden. Wühlmaus: Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt. Das kühnste Ideal einer Menschenrepublik, allgemeiner Duldung und Gewissensfreiheit, wo konnte es hesser und natürlicher zur Welt geboren werden, als in der Nähe Philipps des Zweiten und seiner Inquisition? Ich hoffe— das genügt! Und der Name des Verderb- lielien Zersetjers soll ihnen nicht vorenthalten werden. Er lautet: Friedrich Schiller! Nachzulesen sind die angeführten Stellen in:„Etwas über die erste Menschen- gesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde", „Die Setidung Moses"—„Die Gesetzgebung des Lykurgns und Solone",—„Der Spaziergang unter den Linden"— „Briefe über Don Garlos". Und diesen Friedrich Schiller feiert der deutsche Rundfunk. vergöttert die deutsche Schule, hebt selbst Herr Dr. Goebbels in den Himmel! Wie sollen wir deutschen Staatsmänner, die wir besten Willens sind, den Gedankengängen der Führer zu folgen, aus dem entsetzlichen Wirrwarr klug werden? Wer hilft uns— wer beantwortet unsere Fragen: was ist in Deutschland erlaubt, was verboten? Was darf geschrieben werden und was nicht? Warum wird Friedrich Schiller nicht verbrannt? Hat Hitler nie etwas von ihm gelesen? nehmen, dann wird reihenweise zu Exzellenz Goebbels an den Tisch getreten und die Scheine werden dort abgeliefert, dann wieder reihenweise von der anderen Seite in die Plätze eintreten. Rührt Euch!(Die Scheine knittern in den erregten Händen.) Heraustreten!" Das Geschäft wickelt sich mit militärischer Genauigkeit und Schnelligkeit ah. Exzellenz Goebbels meldet an Exzellenz Göring:„Fertig!" (Läßt schmunzelnd die Scheine in dem Handkoffer des Adjutanten verschwinden.) Exzellenz Göring meldet dem Führer:„Fertig!" Der Führer:..Danke!" Grüßt und wendet sich zum Gehen! Alles donnert Heil, Heil, Heil, Heil... Exzellenz Göring:„Achtung! Wegtreten!" Muck (Freiestens nach bekanntem Vorbild.) Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?— Zum Klumpen die Masse sich ballt. Ich sehe, umzingelt von Leuten, Eine kleine, miese Gestalt. Ein Zwerg, auf humpelndem Fuße, Erhebt, ermunternden Blicks. Die Rechte zum Hitlergruße. In der Linken schwingt er die Büchs". Er schwingt sie mit klapperndem Klange Und singt den„Worst Kessel" dabei. Die Menschen steh» nach ihm Schlange, Und doch kommt keiner ihm bei. So sehr sie stoßen und schieben, Ist, wo er geht, um ihn her* Eine leere Fläche geblieben. Ein Eiland im stürmischen Meer. Sonst könnte am Ende verschlingen Den Zwerg die Maske.— Indes: Die ihn am nächsten umringen, Sind in eiserner Kette— SS.! JAeatec in Hatis (Stenokritiken) I Im..Theatre des Arts". das schwer zu kämpfen hat. gibt man ein Stück mit dem Inhalt: ein Theater, das schwer zu kämpfen hat... Sie spielen dort ihr eigenes Schicksal. Das des Theaters überhaupt. Und... auf Teilung. II Titel:„Crepuscule du Theatre". Autor: Lenormand; der ernste Schriftsteller, von dem in Deutschland früher ein Kriegsstück gespielt wurde(„Der Feigling"): ein Hypnosen stück(„Traumjäger");.111 Vagantenstück( D e Torr- Er war allemal au fr''llung wert. Jetzt zeigt er i atirischen Bildern, wie m't dem Bühnendichter.e umgesprungen wird. Wie das Theater stirbt. Nämlich: Ein Seemann lebt auf einsamer Scholle mit einem vogelhaften Wesen, einer Möwcnfrait. Dies leise Märchenstück (findet er) wird in Paris vergröbert. I11 Berlin macht man aus tief pqfäifjeicbfip. Möwe,.mittels. stg giu.rwab YS juns ein unzüchtig turnendes Affenweib. In England wird alles ein Weihnarhtsstück; die Möwe fällt als shocking weg. In[talien formt der Regisseur ein Schreckensdrama: der Seemann fißt aus Hunger die Möwe. IV Satirisch Uebertriebenes— aber ein wehmütig schöner Schluß. Das alte Theaterhaus wird ein neues Kino. Die Schauspieler verlassen ihre geliebten Bretter, einet nach dem andern—(ich dachte: wie beim Vater Haydn in jenem Orchesterstück ein Mitglied der Kapelle nach dem andren melancholisch abzieht). V Es gibt etliche französische i'iriftsteller. die ihr eignes .Land weniger schätzen als wir. Dazu gehört Raynji(er schrieb. Das Grabmal des unbekannten Soldaten"). Savoir (er schrieb das merkwürdige Schauspiel„Er"). Lenormand ist der dritte. Alle drei sind Sucher— nicht Vollender. Sie liegen unsrer suchenden, nicht blitzhaft klappenden Art mehr als den tag- klaren Parisern. VI Diesmal„sucht" Lenormand kaum. Jedoch am Schluß erschüttert er—• wenn ein Schauspieler den Sperrsitz in wundervollen Worten anfleht: die Sprechbühne nicht sterben zu lassen. Wie ein Mann erheben sich die Leute... mit feuchten Augen. VII Wir alle hängen doch vr'. mmt nn tl.cscr seltsam 11 r Ii- srh-n Einrichtung. Seihst heute. K.. r. „Tüte uxaWeti nicht.. Skandal in einem Münchner Kino In den I.uitpold-Lichlspie Vi, dem zweitgrößten Kino Münchens, kam es bei der Vorführung des englischen Films „Das Mädchen aus Wien" zu Lärmszenen, weil anwesende Nationalisten im Hauptdarsteller, dem Engländer Arthur Ri s c o e, einen Nichtarier zu erkennen glaubten. Bei der Liebesszene zwischen Riscoe und seiner Partnerin, M a g d a Schneider begann ein ohrenbetäubender Lärm mit schrillen Pfeifensignalen und Rufen, wie:„Weg mit den Juden!"„Wir wollen nicht, daß Juden deutsche Frauen in die Arme nehmen!" Viele Kinobesucher protestierten, worauf der Krawäll sich noch verstärkte. Demonstranten versuchten, die Projektionskabine zu stürmen. Doch ließen sich die Operateure nicht davon abhalten, den Film weiterlaufen zu lassen. Als die Demonstranten sich vor den Projektionsapparat stellten und der Lärm zunahm, drängte sich das Publikum nach den Ausgängen. Ein Polizeiaufgebot stellte die Ordnung wieder her. Aber die Direktion des Kinos sah sich gezwungen, den Film abzusetzen und zu erklären, beim Erwerb ausländischer Filme sich die Certi- fikate über die arische Abstammung allfr Mitwirkenden vorzeigen zu lassen. Was den angefeindeten englischen Darsteller Arthur Riscoe betrifft, so hatte dieser Goebbels den Nachweis seiner ansehen Herkunft schon unterbreitet..> '■»u».„■ nmiaiitsn«<•». ItJ Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers freitag, 28. Daramber 1934 Preußischer Kommiß ii——" Soldatengeschichten/ von August Winnig August Winnig. der Verfasser der vor dem Kriege erschienenen Schrift„Preußischer Kommiß", ist heute glühender Nationalsozialist. Er dient der braunen Sache in Wort und Schrift, unter Preisgabe seiner Vergangenheit. Einst, als junger Proletarier, war er zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie gekommen, bewegt von den hohen Gedanken der Freiheit und der Menschenrechte. Es gelang ihm. im freigewerkschaftlichen Bauarbeiterverhand einen führenden Posten zu gewinnen. Nach der Umwälzung von 1918 wurde er Oherpräsiilenl in Ostpreußen, damals freilich schon in seinem alten Bekenntnis zögernd und schwankend. Sein politisches Ende in der Republik führte der Kapp-Putsch vom März 1920 herbei. Es erwies sich, daß er der zweideutigen Haltung der Keichswehrkommandettre in jenen kritischen Tagen Vorschub geleistet hatte. Dann rutschte August Winnig immer weiter nach rechts. Er wurde der Vertrauensmann Hugenbergs und Stinnes. für deren Blätter er seine flinke Feder in Bewegung setzte. Heute ist er einer von den 110 Pro zentigen: wildester Nationalsozialist, begeisterter Militarist und nationalsozialistischer Schriftleiter. Sein Buch„Preußischer Kommiß" hat er längst verleugnet, weil es die denkbar schärfste Anklage des militari tischen Kadavergehorsams darstellt, zu dessen Anbetern er heute gehört. Ein Grund mehr für uns. unseren Lesern einige Kapitel aus dem Buche August Winnie vorzulegen. Finale 18. Fortsetzung Wir liefen, taten wenigstens so. während die hinter dem Wall wie verrückt das Feuer markierten. Die letzte Kraft wendeten wir auf, um den Wall zu erklimmen. Es gelang, und wir sahen vor uns einen etwa zehn Meter breiten Fluß und auf dem jenseitigen Ufer den Manöverfeind. Ein schallendes Gelächter empfing uns. als wir auf dem Damm erschienen. bereit, den reglementsmäßig besiegten Feind in das Wasser zu werfen. Die Geschichte ging uns wenig au, aber wir schämten uns doch wegen dieses dummen Streiches. Wenn es nun wirklich Ernst gewesen wäre, und wir wären, was freilich ganz ausgeschlossen war, so dicht an den Feind heran gekommen, was hätten wir jetzt tun sollen, wo der Gegner am höheren jenseitigen Ufer lag. ausgeruht, während wir zu Tode ermattet waren? Die Schiedsrichter erbarmten sich unser. Sie ließen Halt blasen und berieten, wer nun geschlagen sei. Nach halbstündiger Beratung war es heraus, daß wir die Schlacht verloren hatten. Die Folge war. daß wir zurückgehen mußten. Noch einmal mußten wir über die Gräben. Jochimsen fing an zu singen: Lustig ists Sodateulehen, vallera! Aber der Alte brachte ihn zur Ruhe. Seele und seine Leidens- brüder nahmen wieder achtmal ein Bad und nach einer Stunde standen wir wieder auf der Chaussee, von der wir vor drei Stunden in den aufgeweichten Feldweg eingebogen waren. Uns lief das Wasser vom Leibe und der Wind, der sich jetzt erhoben hatte, umlegte uns, daß uns die Knochen froren. Was nun eigentlich werden sollte, wußten wir nicht. Nach gewöhnlicher Logik hätten wir jetzt in die Garnison abrücken müssen, denn wir waren ja nach Fug und Recht erschossen. Den Gefallen tat man uns jedoch nicht. Wir bezogen wieder unsere Mulde, gingen aber nicht ins Maisfeld, sondern nahmen in einem größeren Bauernhofe Notquar- tier. Kriegsmäßig natürlich. Ks wurden Posten aufgestellt und Patrouillen eingeteilt: das Gros konnte sieh in den Scheunen aufhalten. Wir waren in einen Schafstall geraten, wo es wohl warm, aber feucht und dunstig war. Zu essen hatten wir nichts als etwas Brot. Wer über Geld verfügte, versuchte, sieh Butter oder Schmalz zu verschaffen, aber es waren nicht viele, und überdies war die Ausbeute in den paar Häusern nur gering. Doch der Hunger konnte gestillt werden, wenn nur die Nässe nicht gewesen wäre. Darunter litten wir schrerklich. Wohl zogen wir uns, trotzdem es verboten war. in dem Stalle trockene Hemden an. aber wir mußten die nasse Uniform darüber ziehen, da wir jeden Augenblick zum Ausrücken bereit sein mußten. Das Lager war kläglich genug. Wenige Strohschütten waren in dem Räume verteilt worden, so daß wir das holperige Pflaster deutlich spürten. Man warf verlangende Blicke nach den Schafen, die ein dick aufgeschüttetes Lager hatten, und sobald die Luft rein war, stahl man sich von dort Stroh. Es war zwar feucht und roch nicht gut, aber man hatte doch etwas unter dem müden, zerschlagenen Körper. Es dunkelte früh. Wir lagen langausgestreckt und kümmerten uns um nichts. Hin und wieder ging einer ans Tor und brachte die Nachricht, daß es noch immer regne, lind alle seufzten dann oder fluchten, je nachdem sie veranlagt waren. Seele hatte sieh zu mir gelegt und schüttelte sich vor innerem Frost, während er an den Händen und im Gesicht wie im Fieber glühte. Ich hatte in flem Stalle eine schwere, nach Tieren riechende Decke gefunden und legte sie über ihn. Ich drückte mich dicht an ihn heran, damit ich auch etwas von der Decke hatte, und bald schliefen und schnarchten wir beide. Als mich ein kalter Luftzug traf, wachte ich auf. Es war sehr finster in unserem Unterschlupf, so finster, daß ich nicht einmal sah, sondern nur fühlte, wie jemand die Tür geöffnet hatte. Eine harsche Stimme ertönte: „Vyth und Jochimsen! Hoch mit Euch! Müßt beide auf Wache ziehen! Schnell!" Unteroffizier Novack wars. Die Reihe mit der Wachen- Stellung war an unsere Kompanie gekommen, und als erste- dazu hatte man sieh die beiden Sünder ausgesucht. Jochim- sen antwortete gleich mit einem lauten Gepolter: in der Ecke, wo Vyth lag. bewegte es sieh und lautlos ging Vyth an sein Gewehr, hing den Tornister um und trat ins Freie. Das alles, wie gesagt, hörte und fühlte ich nur, denn zu sehen war nichts. Plötzlich sauste etwas durch die Luft nach dem Tor hin und der Unteroffizier schrie auf. „Wer hat das getan, wer hat da geworfen? Licht gemacht. ihr Hunde!" schrie Novack. Niemand antwortete, nur ein dumpfeg Murmeln ging durch den dunstigen Raum. ..Ich werde Euch alle melden. Ihr Schufte!" Wieder sauste es mit lautem Gepolter und etwas Hartes schlug an da« hölzerne Tor. Diesmal sagte der Unteroffizier nichts, sondern: zündete ein Streichholz an und leuchtete in den Stall. Natürlich sah er nur starre, regungslose Schläfer. Er-eilig fort und kam vorläufig nicht wieder. Seele stieß mich an: „Weißt Du. wer es war?" „Nein, es kam aus der Ecke, wo der alte Karren steht." „Ganz richtig, und da liegt— er dämpfte die Stimme— Hans, der Geistertänzer." Unterdessen waren Vyth und Jochimsen abmarschiert. Ihre Wache war an der Chaussc, wo eine Brücke über einen Graben führte. Wie ein Ameisenhaufen durch einen Stoß, so war unser Stall durch diese Störung lebendig geworden. Alles schwatzte durcheinander. Die bleierne Müdigkeit war durchbrochen, hastig und jäh; die Wirklichkeit mengte sieh mit den Traumbildern, und aus diesem Wirrwarr der Gedanken und Gefühle stiegen sonderbare Vermutungen aut. Was war es mit der Wache? Wollte man uns noch einmal hinausjagen in die schreckliche Nacht und in dieser Verfassung? Wer würde die beiden ablösen müssen? Das schwirrte und brummte durcheinander wie das Gurgeln und Spritzen eines Steilhaches. Aber bald kehrte die Ermattung zurück. Das Gemurmel wurde ruhiger und nach einer halben Stunde war alles wieder so still wie vorher. Das schwere Atmen der hundert müden Burschen wurde nur manchmal durch wirre Worte übertönt, die sich unverständlich von den trockenen Lippen eines im Schlafe Fiebernden lösten. Ich konnte nicht einschlafen, obwohl ich mich dazu zu zwingen suchte, indem ich still lag und jeden Gedanken verbannte, denn hinter mir vernahm ich andauerndes Geflüster. Ich horchte auf die Stimme und erkannte an ihr einen gewissen Neumann, den erprobten Putzer mehrerer Unteroffiziere. Er hatte von uns den Namen..Lakai" erhallen. weil wir keinen hesser passen den für ihn finde« konnten. Die meisten Leute mieden seinen Umgang, denn man traute ihm nicht, weil man genau wußte, daß er Dinge, die er bei uns hörte, den Unteroffizieren wiedererzählte. Er hatte Lust, zu kapitulieren, konnte aber nicht darauf rechnen, denn er war schon wegen Zuhälterei bestraft worden. Ich erkannte seine Stimme und konnte auch ziemlich deutlich verstehen, was er irgendwein erzählte: „Wenn er bloß wollte, könnte er die ganze Klique auf Festung bringen. Wer weiß, was in diesen Tagen noch passiert, vielleicht geht mancher statt auf Reserve in den Kasten. Einer war ja schon einmal auf Festung; wenn er sich nicht in acht nimmt, kann er zum zweiten Male hinkommen. Was ich weiß, das weiß ich! Novack ist ihnen schon auf der Spur. Käme alles raus, was die schon hier ausgefressen haben, sie wären alle geliefert. Du sollst mal sehen, wenn es am letzten Tage heißt: Die Spinde zur Durchsuchung auf! wie manchen sie dann fest haben. Ich habe es oft gesehen, wie der Rote oder Jochimsen aus der Wallischei kam und sieh verbotene Schriften geholt hatte. Und wer ihre Streiche nicht mitmachen will, den blamieren sie, daß fast keiner mehr mit ihm spricht. Aber sie mögen sich in acht nehmen! Ich weiß, daß slh jetzt alle was im Spind haben, lind ich weiß es nicht allein. Das von heute früh mit dem Koppelschloß war auch wieder so ein Vaga- Inindenstreich. Der Jude muß unschuldig leiden, das weiß Novak seihst; aber ihm geschieht recht, denn er hält es mit diesen Kerlen. Na. wenn ich was unrechtes von ihnen merke, wirds sofort gemeldet; die haben mich genug geärgert in diesen zwei Jahren." Der. dem diese Worte galten, antwortete verschlafen und unverständlich darauf, und dann wurde es ruhig. Audi ich verhielt midi still, um nicht wissen zu lassen, daß der gute Kamerad offene Ohren gefunden hatte. Mich interessierten die Erzählungen Neumanns sehr, denn die Geschichte konnte für mich und einige andere recht kritisch werden. Mir hatten zwar, ehe wir ausrückten, viele gefährliche Sachen vernichtet, aber manches darunter war uns zu gut dazu gewesen, und das hatten wir, in Stiefeln usw. verborgen, in unseren Spinden gelassen. Die Gefahr, die da so plötzlich aufgetaucht war, ließ mich nicht wieder einschlafe». Ich dachte iiher die möglichen Folgen nach. Was würde es dafür geben, wenn man uns mit den Sachen erwischte? Ich fand kein Strafmaß dafür, und nm so schlimmer malte ich mir die Folgen aus. Hatten wir noch Zeit genug, um alles zu beseitigen, wenn wir zurückkehrten, ehe man uns mit der Spindrevision über den Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen. Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen! Harte Bissen gibt es zu kauen. Wir müssen dran erwürgen oder sie verdauen. Goethe. Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Leben und Gut der Wahrheit zu opfern. Das aber weiß ich, daß es Pflicht ist, die Wahrheit ganz oder gar nicht.zu sagen. Leu ins. Hals kam? Sicher, dachte ich. Man konnte doch nicht gleich damit beginnen, wenn wir eben die Kaserne betreten hatten. Das beruhigte mich. Aber dann fiel mir ein, daß man ja auch jetzt, in unserer Abwesenheit, die Stuben nachsehen könnte, wie das alte Unsitte des raublustigen Wachtkommandos war. Wenn man die Sachen dann fände- Das war ein schrecklicher Gedanke, und er raubte mir den Schlaf. Ich schwitzte und fieberte vor Aufregung. Die tiefe Stille, vom Massenatem nur leise durchzogen, die absolute Dunkelheit, mehr noch aber die durch die ertragenen Strapazen aufgepeitschten Nerven versetzten mich in einen Zustand höchster Erregung, die mich die vorhandene Gefahr in übertriebener Größe sehen ließ. So lag ich vielleicht stundenlang wach. Da hörte ich plötzlich wieder das Tor knarren. Kalte Zugluft strich über uns hinweg und dazwischen tönte eine leise Stimme, die nach Neumann rief. Einmal, zweimal, dreimal, ohne daß Neumann oder sonstwer antwortete. Ich erkannte in dem Rufer den Unteroffizier Novack und mich durchfuhr ein Gedanke. „Hier!" rief ich leise. „Na, dann antworte doch!" tönte es leise und ärgerlich zurück. Ich kroch vorsichtig durch die Reihen der Schläfer nach dem Tore. „Hier stelle ichs hin. Nun verstau die Sachen gut und morgen abend gibst Dus wieder her. Verstanden?" „Ja! brummte ich leise und kroch näher. Noiach ging wieder fort und ich tastete mich zum Tor hin. Nach einigem Suchen stieß ich auf eine große flache Blechbüchse, und dicht daneben stand auch eine Flasche. Nachdem ich mich noch überzeugt hatte, daß weiter nichts da war, ging ich damit an meinen Platz zurück. Mas mag es sein? fragte ich mich. Licht konnte ich nicht anzünden. Instinktiv fand ich heraus, daß es etwas zu essen sein mußte. Ich kniff Seele in den Arm, und als er erwacht war, teilte ich ihm leise mein Jagdglück mit. Wohin damit? das war die Frage. Hinaus aus dem Lagerstall, entschieden wir uns. Vorsichtig schlichen wir uns hinaus und wandten uns zur Brücke, wo Vyth und Jochimsen Posten standen Der dunkle Himmel zeigte schon hier und da hellere Stellen, und der frische Wind ließ uns hoffen, daß der leidige Regen nun bald aufhören würde. „Wer da!" rief uns Vyth an. „Fourierkommaiido!" gaben wir zurück. „Parole?" „Heimat!" „Hallo!" rief Jochimsen, der nun auch unter der Brücke hervorkam,„wir kriegen Besuch! Sollt Ihr uns ablösen? Zeit wird's!" ..Nein, ablösen wollen wir Euch nicht, aber wir wollen Ell eh zu einer Arbeit"einladen, die wir nicht gern allein tun wollen. Gibt es bei Euch einen trockenen Platz?" Jochimsen besaß einen wunderbaren Instinkt für alles Eßbare, er ahnte gleich, um was es sich handelte. „M ir müssen unter die Brücke. Wenn Ihr Euch dicht genug an die Mauer drückt, könnt Ihr nicht in den Graben fallen. Kommt nur zu mir!" Unter der Brücke war es leidlich trocken. Wenn uns an dl nicht viel I'latz blieb, so reicht er doch aus, um uns zu setzen und beim unruhigen Licht mühsam entzündeter Streichhölzchen den Fang näher zu besehen. In der Büchse, die wir bald mit Vyths Beil geöffnet hatten, lag mollig in Gelee eingebettet eine köstlich duftende gekochte. Ochsenzunge: die Flasche enthielt, wenn der Aufschrift zu trauen war, Bordeauxwein. Während sich unsere Nasenflügel verlangend bewegten, ging Seele mit ruhiger Selbstverständlichkeit, ohne sich durdi die Fragen der beiden stören zu lassen, au das Geschäft der Teilung Er betrachtete die Ochsenzunge als einen Globus und zeichnete mit dem Messer zuerst einen Acquator und dann einen Meridian darauf. Durch einen Blick auf uns verständigte er sich, daß keiner gegen die Art der Teilung protestierte und stieß dann»ein Messer in die nordwestliche Ecke der also aufgeteilten Erde, damit von ihr Besitz nehmend. Ich hatte wohl gesehen, daß sich in jener Gegend das meiste Festland, das heißt, das dickste Ende der Zunge befand und erwartete als den üblichen Entdeckerlohn mit den schlechtesten Stücken der neuen Erwerbung abgespeist zu werden; aber Vyth, als ein Mann von guten Manieren, rettete midi vor diesem Schicksal, indem er sein Messer in die schwächste, südöstliche Ecke stieß. Australien, dachte ich, und der Stille Ozean! Die Freude des ungewöhnlichen Mahles ließen wir uns durch nichts stören. Weder durch die Iiin und wieder fallenden Schüsse, noch durch das Bewußtsein, daß sich unsere Erwerbung kaum mit den Geboten herkömmlicher Ethik rechtfertigen ließ. Wir waren übrigens nicht im Zweifel, daß Novack die Sachen selbst, höchstwarscheinlich von dem Mundvorrat der Offiziere, gestohlen hatte. Um aber jeder Entdeckung vorzubeugen, zerschlugen wir die Flasche und warfen die Scherben in das trübe M asser des Baches; die leere Büchse verscharrten wir im freien Felde, wo der Regen bald alle Spuren der Wühlerei verwischen mußte. Nachdem wir noch etwas von der nahen Erlösung geplaudert und besonders nicht unterlassen hatten, festzustellen, daß wir nun noch fünf Tage zu dienen hatten, gingen wir. Seele und ich, nach dem Lagerstalle zurück, während Vyth und Jochimsen w jeder ihre Posten einnahmen. Kaum waren wir zweihundert Schritte gegangen, als wir eiliges Pferdegetrappel hörten. Im nächsten Augenblick aber schössen Vyth und Jochimsen, was das Zeug halten wollte. Als wir uns umsahen, erblickten wir im trüben Grau der Dämmerung ein dunkles Gewimmel auf der Landstraße. „Junge," rief Seele,„hast Du jemals so dumme Menschen gesehen, die bei solchem Wetter keine Ruhe halten!" „Das ist ein regelrechter Ueherfall, Seele. Dahinten kommt ein großer Haufen Infanterie. Und sieh: über die Wiesen her! Eine ganze Linie!" „Mögen sie alle in den Gräben stecken bleiben!" fluchte Seele.(Schluß folgt.) Deufsdie Weihnadif 1934 Zum zweiten Male begeht das deutsche Volk, in treuer Liebe zu Führer und Paterland geeint, das deutsche We'hnachtsfest als ein Fest der Freude und des Friedens. Reichsm»nister Dr. F r i ck. Tauscnde SA. und TS.-Leute werde,, in die Ge- sauginsfc und i„ die Konzentrationslager eingeliefert. Mindestens SSV wurden erschossen. Illegale Meldung auS Berlin. rian.red von Millinger Schicksal eines„Alten Kämpfers" Man schreibt uns aus Sachsen: Ter oberste SA.-FUHrcr in Sachsen ivar bis zum 30. Juni der Obergruppenführer Ministerpräsident v. K i l- linger, früherer Marineoffizier, an der Niederschlagung der bäuerischen Räterepublik„hervorragend" beteiligt, dann der erste Landtagsabgeorbnete der Hitlerei in Sachsen und Führer ihrer Fraktion, Killinger sollte bekanntlich ain -'Iii. Juni mit erschossen werden und war zweimal verhaftet. Er wurde im letzten Augenblick von Hitler„begnadigt", seiner Stellung als Mintsterpräsibent und vor allem als SA.-Osaf entkleidet. Killinger lebte dann ganz für sich in einem Landhause, das er im Erzgebirge hart an der Grenze sich in seiner kurzen politischen Tätigkeit schon erworben hatte. Er wurde ständig beobachtet und auch mit neuer Ver- Haftung bedroht, weil man ihm die Absicht glaubte nach- weisen zu können, dast er im Ausland seine Zuflucht nehmen wollte. Anscheinend bei einem solchen Fluchtversuch ist nun in den letzten Tage,, der frühere Ministerpräsident wirk- lich verhastet worden. Er befindet sich jetzt in einem Kon- zeutrationölagcr an der holländischen Grenze! So berichtet wenigstens seine Verwandtschast.— Der Posten eines stich- siichcn Ministerpräsidenten ist übrigens seit dem 80. Juni noch immer zu vergeben! Boukoflsturm in franklurf Die Polizei erklärt sich machtlos Aus Frankfurt a. M. ivird uns geschrieben: In Frankfurt a. M. wird in den letzten Wochen an- scheinend auf Betreiben gewisser arischer Geschäftskreise, die die jüdische Konkurrenz zu Weihnachten ausgeschaltet wissen wollten, ein schlimmerer Bonkvtt als in den Tagen um den l. April 1988 gegen uichiarischc Gcschässleute unternommen. Tic arischen Geschälte führen alle die von Berlin ans verbotenen Schilder„Deutsches Geschäft" und des Nachts, wenn es niemand werkt, werden an die jüdischen Geschälte Inschriften angebracht:„Jüdisches Geschäft". „Jubenknechtsgeschäft".„Judcnsohn" usw. Tann werden Posten vor die Geschäfte gestellt, die vor dem Betreten der- selben warnen. Am Samstag vor Weihnachten wurden in der inneren Stadt, im Brennpunkt des Verkehrs, an der Hauptwachc, ein dort vorhandens nichtarisches Serien- geschält von einer von der Konkurrenz geschickte,, Menschenmenge gestürmt. Tie herbeigerufene Polizei unter Leitung des Polizeipräsidenten Beckerle erklärte sich für machtlos einzuschreiten. Tie Bevölkerung soll sich gegenüber diesem von dem Mob durchgeführten Ucbersall ablehnend vcrhal- tcn haben. Ein interessanter Fall zu dieser Boukottbcwegung in Frankfurt ist noch zu erwähnen. Ein dortiges Geschäft hatte das ihm aufgedrängte Schild„Deutsches Geschäft" aus dem Schaufenster genommen, weil es seine alte jüdische Kund- schast nicht verlieren wollte. Als man einer Aufforderung der Behörde nicht nachkam und es nicht wieder i„ das Schaufenster stellte, wurde in der'Rächt„Judcnkuecht" an- geschrieben, was der Obsthändler ruhig stehen liest, denn er fühlte sich anscheinend in dieser Gesellschaft sehr wohl. Erwähnt werden muß»och, dast der Polizeipräsident von Berlin ans gebeten worden ist, diese Bewegung abzustop- pcn, dast er dazu aber nicht imstande sein will, weil er, wie er angibt, keine Macht habe, den jüdischen Handel zu schütze». Frankfurt ist in den letzten Wochen ein zweites Nürnberg geworden. Ter Strcichcr-Geist geht um. Bankrott gewlrisdtaile! Ein Rundschreiben Die Deutsche Arbeitsfront, Abwicklung der Sonderunterstützungseinrichtungen der früheren Verbände. Rundschreiben. Berlin SO. 16. den 21. 11. 1934. Michaelkirchplatz 1, An die Empfänger der Beihilfen des ehem. Unterstützungsvereins der im Deutschen Metallarbeiter- verband tätig gcivcsenen Personen. Wir bedauern, Sie davon in Kenntnis setze,, zu müsse», dast die Mittel des Unterstützungsvereins der im Deut- scheu Metallarbcitervcrband tätig gewesenen Personen .nicht mehr ausreiche», um die Auszahlung der Beihilfe für de» Monat November vorzunehmen. ES ist Ihnen bekannt, dast neue Beiträge seit längerer Zeit der Kasse nicht zugeflossen sind und dast infolge- dessen die Beihilfen in den letzten Monaten aus dem Vermögen des ehemaligen Unterstützungsvereins ge- zahlt werden mutzten. Auf diese Weise ist das für eine Verteilung an die Mitglieder vorhandene Vermögen stark zusammengeschmolzen, dast für den Monat Novcm- der keinerlei Beihilfe zur Auszahlung gelangen konnte. Wir sind bemüht, Mittel aus anderen Fonds z» erhalten, müssen Sie jedoch bitten, sich solange zu gedulden, bis die Angelegenheit geklärt ist. Heil Hitler! Ter mit der Abwicklung Beauftragte, gez. Unterschrift. Deu'sdie S.lmmungsftlMIdien Aus der National-Zeitung in Oberstein-Idar Kirchenbollenbach. Am 14. d. M. saud im Saale Becker eine öffentliche Versammlung statt, in der Pg. Anackcr über Volksgemeinschaft zum„Kamps gegen Hunger und Kälte" sprach. Der Redner ging ein aus alle akluellen Fragen die im nationalsozialistischen Staate das Kapitel„Volksgemciu- schaft" ausmachcn. In leicht sastlicher Vortragsweise gelang es dem Redner, jede» einzelne» zu überzeugen und es war leider schade, dast der Besuch nicht der erhoffte war. Bestimmte Kreise scheinen sich wenig oder überhaupt nicht um nationalsozialistische Bor- träge dieser Art zu interessieren. ES hat den Anschein. alS bestünde die Volksgemeinschaft bei diesen Menschen nur in der Theorie, nicht aber in der Praxis. Auch mag es so sein, dast cS noch viele Volksgenossen gibt, die so ein Volksgemein- schaststhema nicht gut vertragen können und lieber so ein Eigenleben schönster Harmonie, teils mit schöne» Staatsge- hältern führe» wollen. Auch macht sich in letzter Zeit immer mehr bemerkbar, wie ein leiser, aber gefährlicher Kampf von religiöser Gegenseite Formen annimmt. Wir fordern in An- betracht dessen im Interesse der Allgemeinheit aus, keine Dummheiten zu machen, und mahnen zur Selbstbesinnung. IN r. 208, *'-t Bosen. Zum Winterhilfswerk brachte unser Tors Tl3 Ztr. Kartoffeln, 34 Z t r. R v g g c n und Ol, 20 RM. in bar auf. Unser Torf Hai 13 20 Zentner Roggen insgesamt ab- zu liefern.^(Nr. 208, Tic in der Tdarer Turnhalle mit grossem Beifall ausgc- nominelle Feierstunde der HJ. wurde am Samstag auch in der Obcrstciner Turnhalle durchgeführt. Wiederum auf Ein- zelhcitcn einzugehen, erübrigt sich in Anbetracht- unserer ersten eingehende» Würdigung des Programms, Gesagt wer- den must jedoch, dast der Besuch leider s e h r z n iv ü n i ch e n ü b'r i g liest.(Nr. 207, * Hilse naht Regierungspräsident Pg. W i l d Birkenfeld gab der Hoff- nung Ausdruck, dast die Gemeinde Schwarzenbach über die finanziellen Schwierigkeiten hinwegkommen möge»n d opferte 20 RM. in die Kasse. Oft Afiftiö&csdmtt gegen den Hörde? ftirows Eine ausländssdie liadi! verw dielt Moskau, 27. Dezember. Tie TASS, vcroffemillcht die Anklageschrift gegen Niko- lajew, den Mörder Kirows.nid 13 seiner Genossen. Tie An- klageschrist und ihre Begründung umfastt drei Bände von je ctiva 300 Seiten. Tic Angeklagten werden des Vergehens gegen S 7)8, Punkt 8 und Punkt Ii des KriminalgcfetzbucheS der RSFSR.(Räterustland,— Gegenrevolution und poli- lischer Mord— beschuldigt. Im Lause der llutcrinchung, so hcistt-°" der Anklageschrift, sei festgestellt ivordc», dast die Terro.. aus ehemaligen Anhängern der Sinoivjcw-Gruppe bestanden und die Bezeichnung„Lcningrader Zentrum" geführt hätte». Tie führende Rolle in dieser Gruppe habe Katalnnviv innegehabt. Er sei vor seinem liebertritt zur Opposition Sekretär der Parteiorganisation der Jungkommunisten im Wibvrger Be- zirk Leningrads gewesen. K a t a l„» o iv, ei» überzeugter Gegner Stalins und seiner Gruppe, habe eine» sehr groben Einslust aus Nikolajcw, mit dem er seit 1924 zusammen- gearbeitet habe, gehabt. Diese Gruppe habe sich schon seit 1933 mit Terrvrgcdankcn getragen. Dabei habe ein Teil dieser Leute einen Anschlag auf Stalin vorbereitet. Nikolajeiv, der ein überzeugter Anhänger der Intervention ausländischer Mächte gewesen sei, habe auch einem ausländischen Konsul seine Betrachtungen darüber vorgelegt. Nikolajeiv habe den Konsul um Geld gebeten, das er habe wiedergeben«vollen, wenn die finanzielle Lage der Gruppe sich bessern würde. Der Konsul habe ibm">000 Rubel gegeben, von denen er 4,">00 an Katalnnow weitergegeben habe. Ein Bruder Nikolajews und einer seiner Freunde hätte» bei ihrer Vernehmung an- gegeben, dast'Nikolajeiv immer für die Intervention gesprochen habe. Tics beweise, dast Nikolajeiv dieselben Ziele verfolgt habe wie die weistrnlsiichen Emigrantcnoraanlsa- tionen im Ausland. Nikolajeiv habe d>c Erinordnng so durchführe» wolle», dast es auSgeiSlien hatte, als ob es sich um einen einzelnen Tcrrorfall handele, um damit die Orgauisa- lion z» decken. Ter Angeklagte Schazkt habe cbeusalls den Auftrag zu, Ermordung KiroivS. und zwar in der Nähe seiner Wohnung gehabt. Teshalb habe er seit langer Zeit die Lebensgewohu Heiken KiroivS beobachtet. Nikolajeiv habe Kirow in seinen >,»....,.!——>....-"' Amtszimmer i» Smolnn ermorden wollen. Obwohl Niko- lajeiv arbeitslos gewesen sei, habe er eine Treizimmeiivoh- nung besessen. Ausserdem habe er im Sommer in einem Kur- ort ein Landhaus gemietet. Tic Anklageschrift besteht ans vier Punkten. Führer der Tcrrororganisation seien Katalnnow. Schazki. Rumajanzew, Mandel stamm. Mjasnikotv, Leivin, Sossizki und Nikolajeiv gewesen. Alle Angeklagten mit Ausnahme von Schazki hätten sich als schuldig bekannt. Sämtliche Angeklagte iverden dein Militärkollegiüni deS Obersten Gerichtes der Sowjetunion zur'Aburteilung über- geben. Illach einem weitere» Erlast des Vollzugsausschusses müssen die Todesurteile 24 Stunden nachdem die Anklage- schrist den Angeklagten zugegangen ist, vollstreckt werde». =5= In der Anklageschrift wird das Land, dein der Konsul, der mit den Verschwörer» in Verbindung gestanden Hot. nicht genannt. Von privater Seile hören wir iedvch, dost es sich u m den K o nsni des„dritte»:1t eiche S" in Lenin- grad bandeln soll, Wir geben diese Mitteilung mit allem Bor- behalt wieder, iverden jedoch zu gegebener Zeit aus diese Zu- iammenhänge zurückkomme». Eine Warnung an Trotzki Wie die United- P r e st meldet, bat die französische"'e- girriiüg an L e o Trotzki, der sich nach seinen letz» Irrfahrten in einem kleinen Ort in Mittelkrankreich ansstält. eine neue Warnung gerichtet, sich aller politische» Tätigkeit zu enthalten. Sollte er dies nicht tun. so würde er unverzüglich ausgewiesen iverden. Ter A u s c n l h a l t s ort T r v tz k i s ist im übrigen der breite» Ocssentlichkcjl nicht bekannt. Die\xt des Henkers Aufruf für die Unschuldigen>n den TodeszeUen Soeben hat öcu- höchste deutsche Gericht das Todesurteil der drei im Bükowplatz-Prozeß verurteilten Antifaschisten, Friedrich Brödc, Karl Matern und Klause, bestätigt. Man erinnert sich au diesen Prozeß, der nicht nur zu der Frei- sprechung des Hauptangeklagten Albert Kunz führte, son- dern rn dem auch die Untersuchung durch das Welthilfs- lomitee für die Opfer des Hitlersaschismus wie auch der Prozeßverlauf selbst klar den Beweis der völligen Unschuld der Angeklagten und der gänzlichen Haltlosigkeit des Anklagegebäudes erbrachte. Trotzdem sollen jetzt die drei Arbeiter ans ausdrücklichen Beseht der Hitler-Göring hingerichtet werden. In der Todeszelle von Plötzensee warten Hans Ziegler und Tally Eppstein, die unschuldig Berur- teilten des Horst-Wessel-Prozesses, aus ihre Hinrichtung. Ter schlesische Arbeiter Pischon ist ebenfalls nach Ablehnung seines Gnadengesuches unmittelbar vom Tode bedroht. Der Giestener Antifaschist Becker, unschuldig wie alle anderen, wurde kürzlich zum Tode verurteilt. In dieser Stunde, in der 7 Menschenleben aus dem Spiele stehen, erheben die größten Intellektuellen zweier Kulturländer ihre Stimme gegen die unerträgliche Häufung der Todesurteile, gegen die bar- barische Mordjustiz des„dritten Reiches". Diese Stimmen müssen millionenfachen Widerhall finden. Am 2. Juni 1933 antwortete der Arbeiter Lütgens dem Staatsanwalt, nachdem gegen ihn das Todesurteil aus- gesprochen worden war:„Danke. Die Verurteilung durch die Klassenjustiz ist die höchste Ehre für einen revolutionären Arbeiter." Lütgens wurde am 1. August 1933 enthauptet. 199 ono Antifaschisten befinden sich immer noch in den deutschen Gefängnissen. Es sind dieselben, die vorausgesagt hatten, daß ein Tag kommen würde, an dem die Arbeiter in Deutschland das Wort für alle anderen Arbeiter führen würden. Es sind dieselben, die für getötete Nationalsozia- zialist.en, deren Mörder u»bekannt sind, büßen mußten, lSchade, daß niemand bisher aus den Einsall gekommen ist. zehn Marinsten für den Tod von Röhm verantwortlich zu machen.» Es sind dieselben, die ihren verfolgten Genossen Unterschlupf geboten haben. Es sind dieselben, die man als Geisel festhält, weil ihre Männer aus dem Konzentrations- lager geflohen find. Es sind dieselben, die vor zwei Iahren, vor fünf Iahren. die Arbeiter organisierte». Tie Prozesse gehen iveiter, laut verkündet durch Propa- ganda. geheimgehalten durch Zensur. Und hier liegt der nationalsozialistische Widerspruch, und hier liegt die Basis für unsere Aktion. Hitlerdeutschland will, daß diese Prozesse bekannt wer- den, um durch Terror den revolutionären Wille» der Massen zn lähmen— daher die Aushängung der Propa- panda. Andererseits will Hitlerdeutschland, daß diese Prozesse nicht zn einer Wasse der Weltmeinung gegen ihre Herrichast werden, daher die Exzesse der Zensur. Heute ist. infolge der Macht. die die deutsche Regierung der Nationalsozialistischen Partei in die Hände gelegt hat, der Terror ein Propagandamanöver. Es liegt an uns. daß diese Manöver scheitern. Denn ein solches Manöver hat ans dem bulgarischen Revolutionär Dimitrofs. den vorher nur wenige Ein- geweihte kannten, eine große Figur, einen Helden gemacht, den die Welt nennt.„Endlich hak. wie in alter Zeit, der Henker seine Art wiedergefunden," sagte der Staatsanwalt im Prozeß gegen die Kölner Arbeiter. Aber wenn dieser Henker seine Art vor dem tödlichen Schlag in die Höhe schwingt, spiegelt die blanke Scheibe vor der Welt die wahren heutigen Heldengestalten ivider, die fünf Erdteilen unbekannt waren. Deswegen werden die Massen weiter demonstrieren, Telegramme an eure Gesandtschaften schicken. Hundert- tausende von Menschen stch versammeln. Deswegen erhebt sich die Stimme der Menge, der ihr von eurem Volks- aericht erzählt, und die euch antworten, daß ihr diese Un- schuldigen nicht vor ein ordentliches Gericht stellen könnt — weil niemand, der Königsberg nie verlassen hat, einen Nationalsozialisten in Köln getötet habe» kann—. weil diese Unschuldigen nichts sind als Geiseln. Romain Rolland, Tchritsteller, Billeneuve: Andre Malranr, Schriftsteller. Prix Goncourt: Professor Jean Perrin, Nobelpreis für physikalische Chemie. Vizepräsident der Akademie: Professor Charles Richet, Nobelpreis für Physik. Mit- glied des Institutes: Professor Charles Seignobos, Präsident der philologischen Fakultät der Sorbonne. Paris: Jean Piot, Abgeordneter der französischen Kammer. Chefredakteur der Zeitung„L'Oeuvre": Marc Tangnier, Präsident der katholische» pazifistischen Gruppe„Foyer de la Pair". Chefredakteur der Zeitung„L'Eveil des Peuples": Francis de Miomandre, Schriftsteller, Paris: Claude Aveline, Schriftsteller. Paris: F. W. Pethick Lawrence, Kandidat des englischen Unter- Hauses, ehemaliger Minister: Virginia Woolf, Schriftstellerin. London. Jüdische Abordnung beim Premierminister nandin Paris, 27. Tcz. Die ZTA, meldet: Ter französische Ministerpräsident Flandin empfing eine Abordnung des Komitees für Schictz der jüdischen Rechte in den Ländern Ost- und Mitteleuropas, die sich ans dem Führer der katho- tischen Pazifisten und Deputierten Marc Sangnier, Professor Haamard, dem Generalserketär des Komitees Boris Gure- vitch, dem Mitglied des Zentralkonsistoriums der französischen Juden George Leven und dem Führer der russisch- jüdischen Gemeinde in Frankreich Baron de Gunzbourg zn- sammensetzte. Dem, Empfang wohnte auch der europäische Direktor des American Joint Distribution Eommittee, Dr. Bernhard Kahn, bei. Die Mitglieder der Abordnung brachten dem Premier- minister gegenüber die Gefühle der Sympathie der Inden in Frankreich zum Ausdruck und erklärten, die Juden in den verschiedenen Ländern unterstützten Frankreichs Kampf für den Frieden und für die Gleichheit der Nationen und Rassen. Tie lenkten aber auch die Aufmerksamkeit des Premier- Ministers aus die Tatsache hin, daß die letzten administrativen Maßnahmen gegen Fremde in Frankreich, verbunden mit effektiven Ausweisungen, sich katastrophal sür die jüdischen Flüchtlinge in Frankreich ausgewirkt haben nnd die indische Meinung in der Welt mit Sorge erfülle» Die ans Deutsch- land nach Frankreich übersiedelten jüdische» Industriellen haben etwa 12 000 französische Arbeitslosen wieder in Arbeit gebracht: dies rechtfertige die Ausgabe von ArbettSerlaub- nisten kür mindestens die gleiche Zahl von Flüchtlingen ans Teutschland. Tie Mitglieder der Abordnung'orderten'-rner, daß den jüdischen Organisationen die Vollmacht gegeben werden solle, sich mit dem Schicksal der über die genannte Zahl hinaus überschüssigen Flüchtlinge zu belassen und diesen Visen und Auswanderungsmöglichkeiten zn beschaffen. Ministerpräsident Flandin. der die Ansprachen d:r Mitglieder der Abordnung mit Interesse anhörte, gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Franzosen nnd Juden zum Besten des moralischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus der Welt.ntwirfeln werde. Er versprach, zu versuchen, daß den vom Komilee ge- stellten Forderungen nach Möglichkeit entsprochen verde. BRIEFKASTE Aus Säbfronfreieft erhielten wir diesen Brief:„Gestatten Tie mir, daß ich zu Ihrem Artikel„Auswandern, aber wohin'?" mit Folgen- dem Stellung nehme. Als Einkäufer im Karstadl-Äonzern verlor ich, da Jude, trotz meiner fast vierjährigen Frontzeit, trotz E.K. und zweimaliger Verwundung, meine Stellung und stand mit Frau und Kind vis-a-vis dem Nichts. Ich ging»ach Paris, wo ich nach sechs- wöchentlichem Aufenthalt sah, daß sür den Kaufmann wenig Ver- dienstmöglichfei! bestand. Kurz entschlossen reiste ich nach Südfrank- reich und fand nach längerem Suchen eine Eampagne. Und damit komme ich zum Kernpunkt meiner Sache. Ich lernte einen ehe- maligen Juristen kennen, der schon eine einjährige Ausbildung als Landwirt und Kleintierzüchter durchgemacht hatte. Vir gingen zu- fammen, fingen eine Hühnerfarm mit