Einzige unabhängige Tageszeitung Veuischkauds Ni\ 291— 2. Jahrgang Saarbrücken, Sonntag Montag, 30. 31. Dezerab. 1934 Chefredakteur: M. Braun Judenpogrom in Mainz ' Seite 2 Ein„30. Juni" für die Saar- Franzosen Seite 3 Ein Römer und ein Nazi Seite'7 Berlin voller Gerüchte Jagd der Gestapo aof ausländische Zeitungen Der„Führer" im Mittelpunkt der Erzählungen N Berlin, 29. Dezember. Tie Jagö, die seit einigen Tagen von der Gestapo ans französische Zeitungen unternommen wird, hat die Unzahl der Gerüchte noch vermehrt. Alle französischen Zeitungen, die über innere Auseinandersetzungen im Regime geschrieben hgbcn, wurden beschlagnahmt, auch der„Temps". Infolge- dessen klingen die Gerüchte über die Gründe der nachtlichen Blockierung des Reichswchrministeriumö durch Soldaten und Schupo für viele skeptische Ohren nun glaubhafter. Alle Welt spricht von Attentatovcrsuchcn gegen Hitler. Man ist nun so weit, dag nur»och wenige an den„Zusammenstoß" glauben, den Hitlers Sondcrzug mit cincin Autobus gehabt haben soll. Es wirb allgemein erzählt, dag eine B o m b c ain dem Bahn- kcrpcr einige Minuten vor dem Eintreffen des Sonderzuges explodiert sei und 10 Schauspielern statt Hitler das Leben gekostet habe. Mau behauptet, niemand von den Insassen des Sonderzugcs habe diesen verlassen dürfen, als er an der Iln- glücksstelle lauge gehalten habe. Plötzlich steht Hitler selbst im Mittelpunkte aller Erzählungen, und keineswegs allgemein in einem- für ihn rühmlichen Sinne. Man flüstert von seiner Attentatssurcht und von den psnchischen Nachwirkungen, die der 30. Juni bei ihm Hinterlagen habe. Biel beredet wird ein vor einigen Tagen erlassenes amtliches Dementi, in dem gesagt wird, Hitler befinde sich nicht in Berlin, sondern„wahrscheinlich" auf seiner Besitzung in Oberbancrn. Man lagt sich, dast natürlich das Prapagondawinisterium in jeder Stunde Hitlers genauen Aufenthalt wisie. Man wolle aber Hitlers Aufenthalt, wenn er auherhalb Berlins sei, geheim holten, um ihm ein Gefühl größerer Sicherheit und Beruhigung zu geben. Dabei wird allgemein die Ansicht vertreten, dag persönliche Gefahren dem„Führer" nicht von den Marxisten droben, die sich aui wachsende illegale Propaganda beschränken, sondern von erbitterten Desperados aus feinen eigenen Reihen. Zwar schreitet die Entmachtung und die Entwaffnung der ST. durch die Reichswehr siegreich fort und an eine Erhebung der SS. gegen lue Ttaatöivakfe ist kaum zu denken, aber Einzel- aktioncn des Widerstandes sind möglich, und die Massen- Verhaftungen von SA.- und SS.-Führern haben zweifellos vorbeugenden Charakter. Mit welcher llnbedingtheit sich Hitler von den sozia- listischen Demagogen in seiner Bewegung trennt und auch die ST. den alten Herrenschichten ausliefert, zeigt die Tat- fache, dasi er den Gruppenführer Udo von W o y r s ch, den Kommandanten der schlcsischen ST., zum SS.-Ober- g r n p p e n f ü h r e r ernannt hat. Bon Woyrsch war der militärisch-seudale Gegenspieler des abgesetzten Brückner, der wegen seiner Gegnerschaft gegen die schlcsischen Grundbesitzer gestürzt worden ist. „Hein Kampi" gesäubert? Auf Befehl Frankreichs Berlin, 29. Dezember. Der Reichskanzler und„Führer" beabsichtigt, seinen Friedciiscrklärunge» an Frankreich einen größeren Nach- druck zu geben, als sie in seinen bisherigen Worten liegen. Zwar soll„Mein Kamp!" nicht aus dem Buchhandel zurück gezogen, aber das Buch soll i» einer neuen Auslage von allen Sellen gereinigt werden, die aui F r a» k r e i ch verletzend wirken könnten. Die Verleumdungen der anders als Herr Hitler denkenden deutschen Volksgenossen bleiben natürlich stehen. Eine formale Purifizierung des Schundbuches würde prak- tisch nichts bedeuten, da die ganze außenpolitische Konzeption Hitlers die Vernichtung Frankreichs fordern muß. Außerdem bleibt die Verhetzung der deutschen Jugend durch die zahl- losen Organe der nationalsozialistischen Bewegung bestehen. Tie Reinigung von Hitlers„Mein Kampf" soll öffentlich erst nach der Saarabstimmung bekanntgegeben werden. Und die Eesehiicher? Berlin. 29. Dez. lJnpreß.l Verlaßt von einem Herrn Alschner, ist in Deutschland ein Schul-Lesebuch heraus gekommen, das den Kindern geschichtliche Vorkommnisse in folgender pazifistischer Form»ermittelt:„Ter Schand- frieden von Versailles brachte: Unruhe, Unglück, Unbill, Unrast» Unehre, Uneinigkeit. Unheil... Ter Franzose besetzte das Ruhrgebiet, bedrückte die Bevölkerung, belästigte, bc- seitigte, bespitzelte, beleidigte.. Paris: Soll erhalle Adolf niller! Per Nationalsozialismus Ist Deutschlands Schwäche und Frankreichs S'flrhe Paris, 29. Dezember. Von unserem Korrespondenten W l a d im, i r ö' O r m e i s o n schreibt über„Deutsche Aus- sichten t«„F i g a r o": Hinter dem eisernen Vorhang der Diktatur nehme man in Deutschland sonderbaren Lärm wahr. Wo man aber, so könnte man ergänzen, Lärm hört, da läßt sich nicht vermeiden, daß man schließlich erfährt, worum gelärmt wird Vielfach begegne man der Auslastung, als gehe es nun- mehr mit dem Hitlerivstem zu Ende. Wenn dem so sei. so sagt Wladimir d'Ormesion, so werde in Deutschland die Militärdiktatur kommen. ES gebe Franzosen, die sich darüber freuten, andere meinten, man wüste dem Führer langes Leben wünschen. Wer habe Recht? Die Militär- diktatur würde die Hvhcnzollern wieder aui den Thron führen. Gut. höre man sagen, die Wiedererrichtung des Kaiserreichs würde das Ende der Demagogie, des Ann- scmitismus und der Revolution in Deutschland bedeuten. Eine Dynastie die im Kriege daran habe glauben»nisten, würde den Frieden erhalten. Deutschland würde Kredit und Absatzmärkte erhalte» ES würde wieder aufblühen, und damit würde auch Europas Wiederaufbau beginnen. Wladimir d'Ormesion iviil glauben, daß die Hohcnzoller» eine Zeitlang sicherlich sehr vorsichtig regieren und de» Friede» halten würden Deutschland aber würde dadurch bald zu großem Ansehen kommen, denn die Amerikaner. die noch vor zehn Jahren die Wiedereinsetzung der Hohenzollern abgelehnt hätten, würden sie heute mit Jubel begrüßen. In England würde alles Mißtrauen verstiegen. Rußlands Blicke würde» sich uou neuem nach Berlin richten. Italic» hätte nur noch einen Gedanken, den Dreibund, und Oesterreich würde das Band zw'schen Rom nnd Berlin sein. Frankreich bätte dey Schaden» Auf der anderen Seite aber würde ein Weiterbestehen des HitlerregimeS bedeuten daß ein schwaches R e g i m e a in R u ö e r sei, das sich selbst zerfleische. Wirtschaftlich und finanziell bliebe es schwach. Unmöglich bliebe es ihm, sich irgendwelchen Kredit zu verschaffen. England sei ihm feindlich gesinnt. Italien sei ihm aus Eisersucht und Furcht feindlich. Rußland sei sein Feind. „Der erfolgreichste Agent der deutschfeindlichen Propa- ganda in der Welt," so sagt Wladimir d'Ormesion.„war und ist noch Hitler." Darum hätten die Franzosen ein Interesse daran, daß Hit- lers Regime ankalte, weil Frankreichs Außenpolitik dadurch unendlich erleichtert fei. Sehr wenige Franzosen begriffen das noch. Aber manche Deutsche— besonders die. die an der Spitze der Reichswehr und des Reichsaußenministeriums ständen— begriffen es von Tag zu Tag besser. Streichers„Brie; hasten" Berlin, 20. Dezember. Im„Briefkasten" der neuesten Nummer des„Stürmer" findet sich unter anderen judenhctzerischeu„Antworten" auch folgende: „Metzgermeistcr K. L„ Barmen: Tie verlangen nun doch zu viel! Eine Mazzenbückerei sollen wir Ihnen nennen, damit Tie derselben ein Angebot in Blut machen können. Mit dieser Offerte werden sie wenig Glück haben! Für Tierblut haben Mazzenbäckercien kein Interesse!" Dazu bemerkt die„Jüdische Rundschau":„Wir erwarten, daß zuständige jüdische Instanzen bei den maßgeblichen ReichSstcllcn gegen diese Art der Verunglimpfung südischer religiöser Bräuche und gegen die neue Ritualmordbeicknldl- flun g Protest erheben.". Konzentrationslager ander Saar Für Katholiken und Pianisten Auf Seite 3 der vorliegenden Ausgabe bringen wir Enthüllungen eines Führers der„deutschen Front" über die getarnte Einrichtung eines Konzentrationslagers an der Saar. Listen über vorgesehene Insaffen, darunter viele katholische Priester werden veröffentlicht. ves Führers Führernredisel Berlin. 29. Dezember. Im autoritären Staate führt allein der Führer. Das haben wir so oft gehört, daß wir es nicht zu bestreiten wagen. Nur bleibt daneben immer die entscheidende Frage: Wer.führt den Führer? Das beliebte fromme Mütterlein mag sich ja seinen Hitler vorstellen als den Mann, der alles iveiß und kann, dem notfalls der liebe Gott einen Boten sendet mit der Anweisung, wie es zu machen sei. Aber man braucht nur „Mein Kamps" zu lesen, um den erschütternden Mangel an positivem Willen bei Hitler, seine geistige Abhängig- keit von anderen festzustellen. In eine m Falle hat Hitler sogar selber seine geistige Abhängigkeit betont: nämlich die auf Wirtschaft- lieh ein Gebiet. Er bekennt, die Leitgedanken seines wirtschaftlichen Programms, die Ideen des„nationalen Sozialismus", von Gottfried Feder empfangen zu haben. Es gibt auch nicht den kleinsten Beweis dafür, daß Hitler den Ideen von der„Brechung der Zinsknecht- schaft" usw. irgendetwas aus eigenem zugefügt hat. Aber Feder ist doch nun kaltgestellt, pensioniert, ein erledigter Mann! Zeigt das nicht, daß der Führer sich auch auf wirtschaftlichem Gebiete geistig selbständig ge- macht hat. Sa blind, wie er früher auf die Lehren Gott- fried Feders war, so blind schwört Hitler jetzt auf H j a l- mar Schacht. Hitler hat seinen Getreuen neuerdings wiederholt ver- sichert, das} die Verdienste Schachts um das Reich so ge- waltig seien, das; seine.Weisungen unbedingt b e- folgt werden müssest. Von wannen diese Begeisterung des Apostels in der Windjacke für den Busineßman im hohen Stehkragen?— Sie ist leicht erklärt: Hitler war nach seinem Herrschaftsanlritt verpflichtet, vor der Menge seiner gläubigen Anbeter ein wirtschaftliches Wunder zu tun. Er tat es auf die Weise eines Iahrmarktsgauklers: Er zauberte wie dieser Goldstücke aus dem leeren Hute, Reichtümer aus dem Nichts. Er erweckte den Anschein, als schüfe er Schätze, während er in Wahrheit die letzten vorhandenen Reserven hinauswarf. Er trieb Arbeits- beschaffung durch Kapitolvernichtung. Berauscht von den Scheinerfolgen einer durch wahnsinnige Echuldenmacherei und Zukunftsbclaftung erkauften Konjunktur, wollten die wirtschaftlich noch ahnungsloseren Unterführer Hit- lers dies Spiel fortsetzen, ja noch steigern. Wäre es ge- ichehen, so wäre heute schon der völlige Zusammenbruch des Zauberkunststücks in Gestalt zahlungsunfähiger Kassen bzw. einer unverschleicrten Inflation deutlich sichtbar. Davor hat Schachts Finanzpolitik Hitler— einst- weilen-- gerettet. Schacht hat einen Aufschub des Bankrotts erreicht, den Hitler selber mit seinen Fähig- keilen nicht vollbracht hätte. Und darum gilt— wie Hitler seinen unwissenden Anbetern— Schacht wiederum dem naiven Hitler als der Wundermann. Indessen ist es mit Schachts Wundern nicht besser be- stellt als mit denen Hitlers. Sein Hauptwunder war eine großzügige Prellerei des Auslandes durch Nichtbezahlung gelieferter Waren. Durch diesen Trick hat sich Schacht allerdings eine..Zwangsanleihe" von einigen hundert Millionen verschafft, aber auch den deutschen Namen und Kredit im Ausland restlos und gründlich zerstört. Immerhin hat Schacht das eine erreicht, daß bis heute aus dem ausländischen Börsenzettel und— annähernd in der inländischen Kaufkraft die Währung gehalten werden konnte. Der Schuldenberg läßt sich zwar immer schwerer balancieren: aber Schacht verhindert wenigstens ein so rapides Anwachsen, daß er völlig unregierbar wird. Dafür bewundert Hitler ihn. Da Hitlers ganze Wirt- schaftspolitik— trotz der kühn angekündigten Vierjahres- plane— nur noch darauf abgestellt ist, sich von heute auf morgen durchzubalancieren. so ist ihm der Mann hoch- willkommen, der immer wieder auf ein paar Wochen oder Monate Luft schafft. Mehr will Hitler ja* längst nicht mehr. Er hat Bescheidenheit in Wirtsckaftsdinaen gelernt. Darre schon erledigt Schachts ökonomischer Sieg Berlin, ZS. Dezember. Die heftigen Zusammenstäke zwischen dem Rcichswirt- fchaslsdjktator Schacht und dem Reichsernährungsminister Dar r?, der eine der Ickten Säulen der romantischen Sozia- listen ist, habe» zn einem vollkommenenBruch zwischen bei- den Herren geführt. Darr« ist nur noch formal Reichs- ernährongsminister. Seine Verabschiedung wird„im Zuge der säubernngsaktion" erfolgen, deren Auswirkungen sich erst nach der Saarabstimmung öffentlich zeigen werden. Räch- dem Schacht scho,, dem Organ Darr«s„Deutsche Zeitung" durch Entziehung der Ttaatssubventionen das Lebenslicht ausgeblasen hat, must nun auch die„O st- preußische Zeitung", die Herrn Darr« nahe stand, ihr Erscheinen einstellen. Darr? erläßt soeben einen verängstigten, vollkommen leeren Ausruf von ein paar Worten an seine Bauern. Es steht nichts drin, als daß die Bauern auch im Jahre 1045 "vor verantwortungsvollen Aufgaben" stehen und das Bauerntum immer zum Einsatz bereit sei, wenn der Kührer tufei Dr Leg, in jeder Beziehung schwächer als Darr?, hält sich seit einigen Wochen sehr zurück und versucht, dem Schick- sal Darr?s zu entgehen, doch wird auch er die Lösung der inneren Krise de» Regimes politisch nicht überleben. Judenpogrom in Mainz Das Volk setz! sich zur Wehr Wir haben bereits vor Weihnachten einen uns anS Mainz zugekommenen Brief über den Pogrom veröffentlicht, der am Silbernen Sonntag von der Nationalsozialistischen Partei gegen jüdische Geschäfte veranstaltet ivurde. Insbesondere haben ivir Einzelheiten über den Ueberfall aus das große Geschäft Stubb, bei dem durch Pogrom ein Schaden von euva 60 000 Mark zugefügt ivorden ist, gebracht. Nunmehr erhalten wir von einem Augenzeugen einen Bericht über die Borgänge in Mainz, dem wir ergänzend noch folgende Einzelheiten cnt- nehmen: Als am Nachmittag bekannt ivurde, daß die National- fozialisten im Kaufhof und vor den anderen jüdischen Ge- (chatten Tränengas- und Stinkbombe n geworfen hatten, bemächtigte sich des Publikums eine ungeheure Er- rcgung. Besonders im Kaufhof bildeten sich aus dem Publi» tum spontan Gruppen, die dazu überginge», die Nazis m i t Stöcken u n d Regenschirmen herauszu- schlagen. Es entwickelle sich eine regelrechte Schlacht, in deren Verlauf ein großer Teil d e r P a r s tt m e r i e- a b t c i l u n g zerschlagen wurde. Ter Tumult ließ erst nach, als der letzte Nationalsozialist ans dem H a u s c geprügelt war. Tic Direktion des Kaut'Hoscs intervenierte wegen der Borgänge in Berlin, worauf am darauffolgenden Sonntag die Geschäftseingänge mit Schupoposten besetzt wurden. Wie groß die Empörung gegen diese neuerliche Pogrom- hetze der Nationalsozialisten ist, geht aus einer kleinen Episode hervor, die uns von Angestellten des KaufhoftS übermittelt wurde. Am Montag nach der Berprügelung der Nationalsozialisten kam der N TB O.-Obmann des Be- tricbcs, der Portier Z> e g l e r, mit folgenden Worten ins Geschäft: „Na, K i n d e r, j e tz t w o l l e n w i r m a l d a s„H c i l Hitler" bleiben lassen, wir grüßen iv i e d c r m i t„g n t c n T a g"." v Aus diesem Bericht kann mit Genugtuung die Folgerung gezogen werden, daß weite Kreise des deutschen Volkes die Iudenhctze des Regimes der Barbarei nicht mehr mitmachen, daß diese Iudeuhetze aus breite Massen keinen Eindruck mehr macht und daß wie der Borfall in Mainz zeigt, daß Boll selbst sich gegen die Pogromhelden zur Wehr setzt. Tie Bor- gängc i» Mainz und nicht nur ein Tnmptom dafür, daß die Nationalsozialisten von der Iudeuhetze zum Judenpogrom übergehen, sondern auch ein Sumvtom daiür, daß das deutsche Bolk der Iudeuhetze überdrüssig geworden ist. Porträt eines Deutschen Christen MlTilsferia dtehtor löger— gezeichnet von seiner Tran Daß er für seinen Schacht Theoretiker wie Feder, unbequeme Heißsporne wie Brückner, doktrinäre BIubo-Politiker wie v. d. Goltz opfert, ist fast selbst- verständlich. Ihr Fortgang heißt, in.Worte übersetzt: Rutheine großen Wirts ch a ftsreforinen! — Sich durchwursteln ist alles! Aber außer der Hekatombe von alten Nationalsozia- listen, die dem ehemaligen Demokraten und unveränderten Wirtschafisliberalen Schacht geopfert wird, gehen auch andere Leute: Krupp u n d T h y s s e n verlassen das Schiff des Hitlers Warum sie?— Um den Doktor Schacht lagert nun einmal der Ruf des Aden- teuerlichen, Unberechenbaren, des großen Hasardeurs. In den Büros der Schwerindustrie ist man bestens in- formiert über Schachts Vergangenheit und Persönlichkeit. Seine politische Odyssee von den Demokraten über Volks- Partei, Deutschnationale zu den Nazis würde man ihm sicher dort nicht nachtragen: Derartiges rechnet in diesen Sphären zum Geschäft. Aber Schachts wirtschaftliche Bockbeinigkeit und Launenhaftigkeit, die schon in seinen orivatwirtschaftlichen Zeiten der Schrecken seiner Mit- direktoren bei der Dresdener-, National- und Darm- städter Bank gewesen, sie stimmt diese vermögenden Herren bedenklich. Man erinnert sich seiner Sprünge beim Boung-Plan, den er wegen einiger Nebenpunkle plötzlich scheitern lassen wollte, nachdem er ihm im Prinzip zugestimmt hatte, und wie er dann aus gekränkter Eitelkeit von einem Anhänger der wirtschaftlichen Verständigung Plötz- lich zum demagogischen Gegner wurde. Man sieht in Schacht den Mann der Sprünge, der bru- taten Erpressungen, des Bluffens am Verhandlungstisch. Nur traut man ihm— und mit Recht— keinen tieferen. auf Dauer angelegten Plan für die Wirtschaft zu. Zuletzt ist Schacht doch eben nichts als der gerissene Finanzmann, der Defizite durch kunstvolle Transaktionen versteckt, Zusammenbruche hinausschiebt, der sich durch immer neue Maßnahmen Barmittel zu ver- schaffen weiß- fei es. daß er die Einlagen der kleinen Sparer, sei es, daß er die Rüstungsgewinne der Industrie in Zwangsanleihen umwandelt, der aber von der produktiven Seite her die Wirtschaft nicht zu sanieren vermag. Und hinter der Katastrophe, die Schacht nur hinausschiebt, nicht abwendet, droht immer deutlicher das Gespenst einer ausländischen Wirtschaft?- Kontrolle über Deutschland! Nur der wirtschaftlich ahnungslose Hitler, bezaubert iiutd) die unerschöpflichen Finanztricks seines Wirtschaft?- führers. schwört auf Schacht. Er hat ihn zum unbe- schränkten Diktator über die Wirtschaft gemacht, er hat ihm. dem liberalen Bankmenschen, seine alten Mitstreiter geopfert, er erträgt sogar für ihn die Abkehr der Schwer- industrie- Der Führerwechsel des Fübrers ist der denkbar radikalste: Im„dritten Reiche" Adolf Hitlers herrscht durch Hjalmar Schacht das Finanzkapital stär- her und voIlständige r. ats>>s das je unter irgend einem anderen System vermocht hat! Julius Civilis. . RcpublUtihanda]" Und was daraus wurde Man schreibt uns aus Sachsen: Ein besonderer Kall war im vorigen Jahre die Beseitigung des den Tculschiiationalen nahestehenden bisherigen B ü r- g e r m c i st e r s des große n I n d u st r i e o r t c s Seif- Hennersdorf in Sachsen. Ter Bürgermeister sollte eine beträchtliche Korruption verantworten. U. a tollte er sich von einem Lieseranten an die Stadt kostenlos einen tcn- ren Radioapparat verschafft haben Seine Spesenrechnungen für Dienstreisen seien ungeheuerlich gewesen. Ter Bürgermeister wurde ferner beschuldigt, in der Revolution für die Tschechoslowakei spioniert zn haben. Der Bürgermeister wurde von TA. und TS unter schweren Mißhandlungen durch die Straßen seiner Gemeinde geftihrt und dann nach Hohenstein cingcliesert, Ivo er ebenfalls besonders unter Mißhandlungen zu leiden hatte, wie alte bestätigten, die im Winter 10-16 34 dort eingesperrt waren. Der Kall des Bürger- meisterS iw in der braunen und gleichgeschalteten Ortspresse auk ganzen Seiten behand>'lt worden als besonders schlimmer „Repiiblikskandal". Ter SS- oder SA- K ü h r c r d i e- ses bedeutenden I n d u st r i c o r t e s wurde ie l b st- verständlich B ü r g e r in e i si e r. Jetzt hat der mittler- weile in Freiheit gesetzte Bürgermeister, statt des erwarteten Strafverfahrens gegen sich, das er vergeblich erwartete. Straf- anzeige sowohl gegen seine Peiniger und einen Zivilprozeß geaen die Stadtaemeinde weaen des erlittenen Schadens und ntchtgezablten Gebaltö erhoben. Dielen Z i v i l p r o z c ß h a t e r b e r e i t s g e w o» n e n. Die staatsanwaltlichen Erhebungen weaen der Mißhandlungen sind noch nicht abgc- schlössen. Es beißt aber, daß die Täter, alles TA.- und ST.- Leute, vielfach'frühere Kommunisten, schwer bestraft werden würden. Der protestantische Kirchcnkamps ist zu einem guten Teil ein Kamps um Pfründen. Es geht dabei keineswegs nur um Pfarrerstellen, vielmehr gibt es in der Kirchen v e r iv a l- t u n g eine große Anzahl gut bezahlter Verwaltungsstellen. In diese Verwaltung sind die Anhänger der Deutschen Ehri- sten so stark eingedrungen, daß heute die übergroße Mehrheit der höheren Berivaltungsposten nicht mit gelernten Theolo- gen, sondern mit Laien besetzt ist. Unter den Leuten, die sich solche Sinekuren ergattert haben, steht der Ministerialdirek- lor Dr. Jäger, der frühere Rechtswalter der Deutschen Christen und die rechte Hand des Reichsbischoss Müller an erster Stelle. Tiefer Mann ist der tnpischc nationalsoziali- (tische Glücksritter. Sein Porträt ist unnachahmlich gezeichnet in einer eidesstattlichen Erklärung, die seine eigene Kran d c r N S T A P. übergeben hat. Wir lasten diese Erklärung im Wortlaut folgen: Eidesstattliche Versicherung „Eingedenk der Tragweite und der Bedeutung einer cidcs- stattlichen Versicherung versichere ich hiermit an Eidesstatt und unter Berufung aus meine Ehre als Parteimitglied: Der Nechtswalter der TEK., Ministerialdirektor A ii g. I ä- g c r, hat folgende Vergangenheit: Bei Ausbruch des Krieges zog er mit seinem Regiment ins Keld. Ohne daß er ein Ge- (echt mitgemacht hatte, kehrte er bereits»ach 10 Tagen in die Heimat wegen seines angeblichen rheumatischen Leidens zu- rück. Im November 1014 lals 27j ähriger Leutnant) kam er zum Landsturmbataillon Saarbrücken, bei dem er während des ganzen Krieges geblieben ist. Dieses Bat. wurde aus- schließlich in der Etappe verwendet. Wenn es richtig ist. daß I. heute das Verwundetenabzeichen trägt, so zu Unrecht, da I. n i e»i a l s v e r w u n d c t und ohne den geringsten kör- perlichen Schaden bei Ausbruch der Revolution nach Wies- baden zurückkehrte. Im Reserendarcramen ist I. durchgefallen. Das Astcstorencramen hat er mit einer notdürftigen 1 bestanden, weshalb seine sämtlichen Gesuche, ihn zum Ober- landesgerichtsrat zu befördern, abschlägig beschieden wurden. I. gehörte bis zum Umsturz der DNBP. an, iveil, wie er stets erklärte, dies die einzige Partei sei, bei der man etwas werden könnte. Als aber seine persönlichen Hofsnungen sich nicht erfüllten, trat er mit führenden Männern des Zeit- t r n m s in nähere Fühlung. Um seinen persönlichen Ehrgeiz zn befriedigen, hat er sich auch nicht gescheut, a n o n n m e Briese an vorgesetzte Stellen zu schreiben, in denen Kon- knrrcntcn in schamloser Weise verdächtigt wurden. Als ich, seine Krau, zif NSDAP gehen wollte, kam es zwischen mir und meinem Mann zn den schwersten Zusammenstößen. I. erklärte, nur Verbrecher n atnre n könnten z n r R S D Sl P. Noch im Sommer 1932 bezeichnete er vor ..Gcstfiäi'einacfter" Wie ihnen das Handwerk gelegt werden soll Im„Völkischen Beobachter"(Nr. 358) liest man: „Die Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen Partei und Staat vom Jahre 1033 bot nicht immer die Möglichkeit, gegen Schädlinge vorzugehen und ihnen ihr dunkles Handwerk gründlich zu legen. Das neue Gesetz gegen heimtückische Angriffe ans Partei und Staat und zum Schutze der Parteiuniformen, das vor kurzem vom Reichskabinetl beschlossen wurde, bringt gegenüber dem bisherigen Zustande verschiedene wesentliche Aenderungen und gibt somit die Möglichkeit, gegen die in letzter Zeit wieder häufiger auftretenden unsauberen Elemente einzuschreiten. So versuchte die üble Gilde der Konjunkturritter den Nationalsozialismus und kommerzielle Geschäfte aus- z u i ch l a ch t e n. Abgesehen von jenen widerlichen Zeit- genossen, die sich in Kunst, Literatur und Presse aus dem braunen Streitroß herumtummelteii und uns vergessen machen wollten, daß sie jüngst noch ans einem roten oder nahezu roten Gaul saßen, sind es die n o t o r i s ch e n Geschäftemacher, die im Zeichen der Parteinadel und des Braunhemdes das Land bereisten und ihre an- gebliche Parteizugehörigkeit als Reklamcfchild be- nutzten. Immer wieder war es vorgekommen, daß die Bevölkerung von Leuten betrogen ivurde, die sich unter der Maske des„Parteigenossen" irgendwelche Vorteile er- schwindcln wollten, obwohl sie weder der Partei an- gehörten noch Nationalsozialisten waren und diese Angaben nur zn dem durchsichtigen Zweck machten, um ihre„sauberen" Geschälte leichter tätigen zu können Dieser neue Geschäftstrick, mit Hilfe eines irgend- wo erwischten Parteiabzeichens oder Uniformstückes allen anrüchigen Unternehmungen Nachdruck zu verleihen, hatte im Lauft dci Zeit mitunter Formen angenommen, die man als nnerträalich bezeichnen mußte, zumal es sogar vorkam, daß die Partei als„an diesen.Geschäfte» inter- essiert" bezeichnet wurde. Aul diese Art und Weise wurde nicht nur die Partei mit allen möglichen zweifelhasten Geschäften nftv. in Ber» einer größeren s'tengc Personen Hindenburg als einen alten Lumpen. In seiner Eigenschaft als Rechtswalter der DEN. hat er am 23. Mai 1934 über den Reichsbischos Mül- ler geäußert:„Der Reichsbischos M., der Bischof aller Deut- schen, also auch Dein und mein Seelsorger, ist nichts an- dercs als ein unsicherer Kantonist und ein Kujon." I. ging am 1. März 1033 zur NSDAP, mit der Mitglieds- nunimer 1 4M 118. Darauf wurde aus einem einfachen Land- gcrichtsrnt in Wiesbaden innerhalb eines Jahres ein Mi- n i st e r i a l d i r e k t o r und der Rechtswaltcr der TEK. Wegen der kirchlichen Seite fühle ich mich verpflichtet,(vl- gendcs anzugeben: Ich habe mich am 5. August 1914 mit I. verheiratet. Als er während des Krieges auf Urlaub nach Hause kam, war er stets mit mir äußerst grob und gemein, sodaß ich anwaltliche Hilft in Anspruch nehmen mußte. Einige Jahre nach dem Kriege trat er zu der ledigen Ttudicnrätin X. in unerlaubte Beziehungen, welche sich allmählich zu eincni öffentlichen Skandal answuchsen, da I. regelmäßig ein paar- mal nachts um 1 und 2 Uhr das Fräulein verließ. Im Jahre 102.', mußte ich ein Frl. P. aus meiner Wohnung weisen, weil sie ein ehewidriges Verhältnis mit meinem Mann unterhielt. Im Herbst 1027 öffnete ich versehentlich einen Brief, in dem eine Freu Z. an meinen Mann schrieb, daß sie„niemals die schönen Tage vergessen werde. Aic sie mit ihm zusammen in Langenwang verlebte. Die Leute sagen zwar.bei ihr zn Hause, sie sähe schlecht ans, aber das mache nichts, denn das Zusammenleben mit ihm(I.) würde sie doch zu den schönste^ Zeiten ihres Lebens zählen." Als mein Mann merkte, daß i's. diesen Brief gelesen hatte, überfiel er mich nachts im Bett und ohrfeigte mich. Im Winter 1028 20 merkte ich, daß mein Mann intime Beziehungen»u der Fi au seines Kollegen, des damaligen Staatsanwalts N. unterhielt. Die Schamlosigkeit dcS Verhaltens dieser Beiden hat zur völligen Entt'rem- düng zwischen mir und meinem Mann geführt. To scheute sich mein Mann nicht, zusammen mit Frau N. Mitte August zu übernachten. Meine Tochter Adelheid, die ihr Zimmer nc- benan hatte und nicht schlafen konnte, hörte,, wie ihr Vater nachts zn Frau N. in das Zimmer ging und dort verblieb. Meine Tochter, die Medizin studiert, erklärt noch heute, so wie sich in der damaligen Zeit ihr Vater und Frau N. benäh- wen vor den Kindern, sei derart schamlos aewesen. daß durch ein derartiges Verhalten Kinder auf das schwerste gefährdet werden können. München, den 2", Sept. 1034. gez. Frau Edith Iäaer geb. G-unom Pg. 203 700 bindung gebracht, sondern vor allem die B c v v l- k e r u n g irregeführt und h i n t c r g a n g e n. Durch die neue Verordnung der Reichsregierung ist nun daistr gesorgt, daß diesen notorischen Geschäftemachern gehörig aus die Finger geklopft wird." Das Ganze klingt recht vernünftig. Nur erhebt sich noch eine Frage: Wie steht es mit den notorischen Ge- sctzäftemachern, die mit Programmen, die nie erfüll! werden, und anderen Geschäftstricks als Parteiführer und Staalsbonzen reiche Leute werden auf Kösters der All- gemeinheit? Davon liest man im„Völkischen Beobachter" nichts. Terrorjusifz Berlin, 20. Dezember. Ter Strafsenat des Kammergcrichts hatte sich mit drei Magdeburger Kommunisten zu beschäftigen, die Hetzschriften verbreitet hatten. E>n 19 Jahre alter Oberprimaner erhielt zwei Jahre Gefängnis, der 46 Jahre alte Albert Wolf drei- einhalb Jahre Zuchthaus und der 33 Jahre alte Wilhelm Wrunna zwei Jahre Zuchthaus. Ten Angeklagten Wolf und Wrunna wurden auch die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von fünf Jahren aberkannt: im übrigen wurde über alte drei Angeklagten die Polizeiaufsicht verhängt. lim Millers Hop] Wieder einmal vernimmt man clivas von Verständiglings- versuchen in der Evangelischen Kirche. Dr. Kinder ftir die„Deutschen Christen" und Bischof Marahrcns für die Bekenntniskirche bemühen sich um eine ArbeitsbasiS. Man ist sich einig darin, daß beide Bewegungen ihre Selbständig- keil behalten sollen. Uneinig Ist man sich nur über den Reichs- bischoi M ü l l e r. Die Opposition verlang nach wie vor seine Abberufung. Da er sich also nach wie vor des Vertrauens seines„Führers" erfreut, so droben auch diese VerHand- lnnaen im Sande zu verlausen. F* wff™ Plan eines Konzentrationslagers an der Saar Die ROdiiinas und Kardiers a s Saarkran?« sen Stimme des Blutes Seit einer Reihe von Wochen veröffentlichen wir fort- laufend Auszüge aus den Liste« vo« Elemenceans Saar- franzofen. Dabei handelt es sich um Saarländer, die in tiefempfundene« und leidenschaftlichen Bittgesuchen an den Ministerpräsidenten l5lemeneeau um Ausnahme in den französischen Staatsverband und um Einverleibung ihres Heimatlandes in die französische Republik flehten. Diese Saarfranzoie« des Ministerpräsidenten Elemeneean haben ihre Borläufer ans dem Jahre>798. Damals lag Preußen- Dentfchland darnieder in unfruchtbarer Stagnation, wäh- rend vom Westen her Frankreich aus der Revolution heraus den Aufstieg zum Weltreich antra«. Damals fand sich die gesamte Prominenz von Saarbrü«ken-St. Johann zusammen, um in einem flehentlichen Schreiben an die französische Republik die Einverleibung nach Frankreich, ..de« Baterland", zn erlangen. Diese Landesverräter und Separatisten vom Jahre>798 wurden angeführt von einem Borfahren des»ommerzienrates Dr. h. c. Hermann Räch- liug und einem Vorfahren des Borsitzenden der Saar- brücker Handelskammer, des Herrn Bodo Karcher. Röchling und Larcher betrieben die Rückkehr Zum„Baterlande" Frankreich. Die von Röchling und Karcher unterzeichnete Eingabe, die zum ersten Male in der„Weltfront" des Henry Barbusse jetzt herausgegeben worden ist, lautet: .Saor-Deparlcmcnt Die Einwohner von Si. Zohann Kanton von Saarbrücken. An die Gesetzgebende Körperschaft der Französischen Republik, Paris. Stempel: Französisches Kaiserreich Gencraldirektion des Archivs. Herr Präsident, seien Sic bitte der treue Vermittler unseres höchsten Wunsches bei dem großen Volke, das Ihre hohe Körperschaft vertritt. Bringen Sie ihr unsere unerschütterliche Ergeben» keit für die Sache der Freiheit, unsere ausrichtige Verbundenheit mit dem republikanischen Regime zur Kenntnis. Unser Beschluß, ebenso rein wie unabänderlich, möge der Ration, die uns heut aufnimmt und uns mit ihrem großen Schicksal verbindet, bekannt gc» geben werden, da wir von diesem Augenblick an mit ihr eine einzige und gleiche Familie bilden. Mit ganzem Herz.en Frankreich, unserem Vaterland verbunden, werden wir in Zukunft nur noch eines Geistes, eines Willens sein und das gleiche Interesse haben: so werden wir leben, vereint durch die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit." * Tie Borsahren Röchlings und Karchers bezeichnen Frank- reich als ihr Vaterland. Tie Stimme von Blu, und Boden erhob sich 1793 und zeugte für den Erbfeind. Kommerziell rat Hermann Röchling bezeichnet setzt jeden, der»ich, für Hitler stimmen will, als Vaterlandsverräter und als Ge- sindel. Er belegt mit diesem Schimpfwort sogar diejenige», die zwar für Teutschland aber gegen Hitler und niemals sür Frankreich sind. Was wurde fein Vorfahre sagen, dessen Blut nach Frankreich schrie? Wir hassen, in den nächsten Tagen eine Fotografie dieses Röchling'ichen Landesverrats-Tokumentes zu erhalten, und werden alsdann den dokumentarischen Beweis sür den Separatismus der Röchling und Karcher führen. Vor einiger Zeit ist Her frühere Sozialreferent der ..deutschen Front" in Neunkirchen, Fischer, aus dieser Organisation ausgetreten. Da ihm seine bisherigen Freunde ehrenrührige Dinge, bisher ohne Beweis, nachgesagt haben, wehrt sich nun Fischer durch Enthüllungen über Vorgänge in der..deutscbctyFront", an denen er selbst maßgebend beteiligt war. Die..Saar- Volksstimme" veröffentlicht in ihrer heutigen Ausgabe eine eidesstattliche Erklärung des F i s c h e r, die in allen Einzelheiten schildert, wie in Neunkirchen ein Konzentrationslager für den Fall der Bückgliederung vorgesehen ist. Auf den vorbereiteten Listen stehen neben Marxisten viele katholische Priester und Laien. Die Darlegungen Fischers, der den Eid für seine Behauptungen anbietet, sind derart, daß sie unmöglich mit Erfolg bestritten werden können. Auch der Versuch der..deutschen Front", Fischer zu diffamieren, nachdem er sich von den Nazis getrennt hat, muß scheitern. War er doch bis vor kurzem in der„deutschen Front" noch so geehrt, daß er als Mitglied einer saarländischen Deputation sogar von Hitler und von G ö r in g empfangen worden ist. ff ir entnehmen der eidesstattlichen Erklärung Fischers Fischers folgende Auszüge: Von der Kinderspeisung zum Konzentrationslager Mitte März 1984 sagte der Spitzenführer der„deutschen Front" Werner zu mir, dast das Saargebiet von Teutsch- land nötigenfalls mit Gewalt geholt würde, wenn es nicht gelingen sollte, mit der Propaganda das Volk für eine Rückgliederung zu gewinnen. Es wäre Order ge- kommen, schon jetzt alles für diesen eventuellen Gewalt- streich vorzubereiten. Ta ich während des Krieges bei der österreichischen Armee als P r o v i a n t m e i st e r tätig ge- wesen wäre, würde er mir de» Beiehl erteilen, dafür zu sorgen, dast eine Küche und die zu einem kleine« Konzen- trationslager gehörigen Nebenräume geschaffen würden. Ich erklärte mich dazu bereit und sagte ihm, dast ich die frühere Volksküche in Nennkirchen vorschlagen würde, den« das wäre ein ideales Konzentrationslager. Das- selbe sei vo» einer hohen Mauer umgeben, habe eine Landiägerstation, sei früher als Asyl für Wanderarbeiter benlltzt worden und könne erstklassig als ein Lager ein- gerichtet werden. Werner ersuchte mich, davon nicht zu sprechen, sonder« z» dem Stadtamtmann Klasen zu gehen und dort einen Antrag auf Zuweisung eines städtischen Raumes zu stelle« und es sei dafür gesorgt, dast der Landrat Dr. Rech und der Kreis- syndikus Dr. Herzog, die beide sehr gute Nationalsozialisten seien, ihre Zustimmung dazu geben würden. Ich stellte diesen Antrag und schon am 19. April 1934 tonnten wir das provisorische Heim öffentlich einweihen, wobei ich in den Zeitungen als sehr tüchtiger Sozialreserent gefeiert worden bin. Nachdem mir die frühere Volksküche übernommen hatten, liest ich dies auf meine Verantwortung iür den kommenden Zweck ymbaue», weil meines Erachtens dieses Lager eine Tauereinrichtung sein sollte. Ich ging zu allen Persönlichkeiten der Stadt Neunkirchen und sammelte für die„Kinderspeiseküche" und aufsallen- verweise fand ich überall bereitwilligste Unterstützung, so dast ich allgemein den Eindruck hatte, dast diese Leute Be- scheid wustten, dast es nur zum Schein Kinderspeiseküche getaust werden soll und in Wirklichkeit davon Bescheid wustten, dast es um den Aufbau des zukünftigen Konzert- lagers ging. Dick« Mauern und Folterkeller Als Lagerkommandant war der frühere Sturmführer Fritz Kuhn vorgesehen. Er hatte seinerzeit die Fenster- scheide» in der„Volksstimine" zertrümmert, mustte flüchten gehen, machte im Reich verschiedene Führerkurse mit und kam nach der Amnestie als Sturmiührer zurück und wohnte schon in dem Lager. Er ist ebenfalls genau eingeweiht und Ein„30. Juni für die Saarfranzosen? Tic Enthüllungen der„Saar-Volksstinime" über Clemen- eeaus Saarfranzoien haben in den beteiligten Kreijen wie eine Bombe eingeschlagen. Unter den Dokumenten,'die im Jahre 1919 an Clemenceau gerichtet wurden und in denen der Schuldige von Versailles angefleht wurde, das Saargebiet an Frankreich anzugliedern, befinden sich die Namen vieler hen tiger Maulhelden der braunen Front. In den kleineren Orten des Saargcbiets sind diese braunen FranzöSlinge das allgemeine Gesprächsthema. Tie Enthüllungen der„Saar-Volksstimme" haben begreif- licherweise in den Reihen der braunen Front Berwir- rung geschafft. Viele Teutschsrontler machen sich gegenseitig Borwürfe, dast der eine den andern seinerzeit veranlasst habe, diese Dokumente der deutschen Schande und des deut- scheu Verrats zu unterzeichnen. Es kam, wie wir hören, ver- einzelt zwischen den Beteiligten sogar zu Schlägereien. Aber das Et nur der Anfang. Das dicke Ende für die Clemenceau-Saarsranzosen soll noch kommen. In mastgeben- den Kreisen der nationalsozialistischen Partei in München und in Berlin, haben— wie wir von gut unterrichteter natio- nalsozialistischer Seite hören— hellste Empörung hervorgerufen. Man ist da>4 aufrichtig entrüstet, dast notar>sche Landesverräter heute in der„deutschen Front" in de« einzelnen Orten des Laargeb'etes eine mastgebende Rolle fp'e- le». Man jagt sich>" Berlin, so erklärt unser Gewährsmann, nicht mit Unrecht, dast der nationalsozialistische Gedanke und die nationalsozialistische Bewegung durch derartige Mitglie- der auss stärkste kompromittiert werden. Tie Partei könne eine solche Belastung nicht ertragen. Deshalb haben mastgebende Persönlichkeiten in Berlin und München im Gegensatz zu dem bekannten Erlast von Pirro, der sich schützend vor die Saarsranzosen gestellt hat, den sofortigen Ausschluß dieser Helden von 1919 aus der Röchling-Front verlangt. Mst Rücksicht aus die Abstimmung ist jedoch von diesem Plan Abstand genommen worden. An- dererseUs ist aber an den Saarkommissar Bürckel von der Parteileitung der Befehl ergangen, im Falle der Rückglie- derung innerhalb der„deutschen Front" des Saargebiets im Zusammenhang mit den Enthüllungen mit den Elemenceauo Saarfranzosen eine Säuberungsaktion vorzunehmen Was eine„Täuberungsaktion" ist, das wissen wir jetzt nach dem 30. Juni und nach de» jüngste» zahlreichen Verhaftungen im Reich zur Genüge! Also so mancher Saarfranzose, der heute noch das Maul für die braune Front ausreißt, wird, wenn es wider Erwarten zur Rückgliederung kommen sollte, »och seine blauen Wunder erleben. Tie Nazis kennen keinen Spast. das haben die jüngsten Ereignisse in Teutschland ge- ,eigt. Aber die Hammel wählen bekanntlich ihre Metzger selber! Deshalb stimmen die Saarironzoien iür die Hitler- Regierung! fühlt sich schon ganz als zukünftiger Kommandant des Konzentrationslagers Neunkirchen. Tie gesamte Einteilung des Lagers ist wie folgt vorgesehen: im ersten Haus Ecke Alleeftraste und Snnagogenstraße soll Parterre und 1. Stock die Lagerleitung beherbergen fKuhn wohnt bereits im ersten Stock» und im zweiten Gebäude iollen im Mädchen- heim, im Obdachlosenasyl und in der Landjägerstation die Schutzhäftlinge untergebracht werden und in dem dritten Gebäude»dem Marktplatz zu» die SA. bzw. die Schutzmann- schalt. Tie Landjägerwache ist als Vernehmungszimmer vor- gesehen und es ist wiederholt davon gesprochen worden, daß die meterdicken Mauern keinen Laut nach außen dringen lassen. Werner sagte mir. dast man noch nicht einmal einen Sckust da heraus hören würde. Ich war mir mit Werner darüber einig, dast diese Räume als Folterkeller vorgesehen waren. In den unheimlichen, gewölbten Kellern sollen die schweren Verbrecher eingekerkert werden, und alles in allem war so ein Lager sür etwa 299 Schutzhäitlinge vorgesehen. Ich habe weiterhin den gesamten Umbau im dritten Ge- bände daraushin vorgenommen, um hilfsweise weitere Zellen und llnterkunstsmöglichkciten zu schaffen. Eine» Plan des Konzentrationslagers füge ich bei. Das Lager lag zentral, war leicht zu erreichen und sollte als Uebergangs- Inger dienen, d. h. die Schutzhäitlinge sollten nach einer Probezeit von vier bis sechs Wochen nach reichsdeutschen Konzertlagern abgeschoben werden „Manch einer wird sein blaues Wunder erleben" Meine besondere Ausgabe war es, den nötigen Proviant vorzusorgen. und ich wurde angewiesen, keine Mittel und keine Ausgaben zu scheuen, um das Lager jederzeit betriebs- fertig zu halten, da es jeden Tag losgehen könne. Tie Stadtverwaltung zahlte snnn Franken, der Kreis Neun- kirchen 1009 und der Rest von 8 bis 10 000 Franken ist durch Plakettennerkaus gebracht worden. Aus diese Weise hals die ganze Bürgerschaft mit, das Konzentrationslager Neun- kirchen zu bauen. Werner sagte einmal mit satanischem Lächeln, manch einer, der jetzt so eifrig seine» Franken zur Sammlung gibt, wird hinter diesen Mauern sein blaues Wunder erleben. Am 19. Juni 1984 wurde das gesamte Lager betriebsfertig eingeweiht. Annähernd 109 prominente Persönlichkeiten nahmen an der Einweihung teil und es war mir durchaus klar, dast die meisten Bescheid wustten, dast das Kinderheim eigentlich das Konzentrationslager irkär und det Ernst, mit dem alles aufgenommen war, dem Konzentrationslager galt. 300 Anwärter für das Konzentrationslager Auch für die zukünftigen Insassen war schon gesorgt worden. Besonders die Hitlerjugend meldete unaufhörlich widerspenstige Geistliche und I u g e n d e r z i e h e r, die sofort nach oberflächlicher Prüfung in's Reich. denunziert wurden und als zukünftige Insassen in eine$ste aufgenommen worden sind. Tiefe Tenunzierungcn befanden sich im Rollschrank im Büro des Werner, Neunkirchen, Kur- fürstenstraße, und ebenso befanden sich dort die eidesstatt- lichen Versicherungen, aus denen der Beschlust, die Leute ins Konzentrationslager zu stecken, begründet wurde. Ob die Abschriften noch dort sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls bin ich bereit, unter Eid jederzeit auszusagen, dast etwa 300 Menschen von dem Fahndungsleiter Berang, Neunkirchen, Prinz-Adalbert-Strasse und Werner, Kaiserstraste, im Reich denunziert worden sind. Einen großen Teil dieser Name» habe ich noch im Ge- dächtnis. Ich weist, dast etwa lllll katholische Geistliche und führende Persönlichkeiten darunter waren und ich werde in der Folge eine Anzahl Persönlichkeiten nennen, die als An- gehörige der„deutschen Front" sogar ins Konzentrations- lager geschafft werden sollten. Werner, der sich immer rühmte, er habe 800 TA.- und SS.- Männcr hinter sich, sagte sehr oft, dast mehr wie einem Teutschsrontler 1932 gezeigt werde, dast man ihn durchschaut habe. Katholische Priest« vor allem! Heute gebe ich an, dast der Techau! Eisvogel aus der Herz-Jesu-Kirche wegen Tisserenzen mit der Deutschen Jugendkrast und der Hitlerjugend ins Konzentrationslager geschafft werden soll. Ebenso iollen der Notar Kohler, Wilhelmstraste, als angeblicher Franzosenireund, Herr Diet rieft Karl. Brückenstraße, wegen Verkaussvermittlung des Herzberger-Besiytum 1985 ins Konzertlager wandern. Ober Postinspektvr Diesel, Neunkirchen, soll an der Aus- Weisung des Postmeisters in Saarbrücken beteiligt sein und steht ebenfalls aus dieser Liste. Außerdem sollen e t w a 8 Geistliche aus dem Kirchcnsprengcl S t. Wendel ins Konzertlager kommen, weil sie mit der Hitlerjugend Tisserenzen hatten. Auch der Pfarrer von Hangart steht aus dieser Liste. Weiterhin ist der Landes Produktenhändler Woll als ehemaliger Soldatenrat vor gemerkt, weiter Dr. Wolf und Dr. Schneider aus Neunkirchen, weil sie als politische Gegner ungeheuer der „deutschen Front" zugesetzt hätten. Auch dem amnestierten Karl Lang, dem angebliche» Mörder von Hemmer, blüht sofortige Verhaftung und Kur im Kvnzertlagcr, und sofern er die wider Erwarten überstehen sollte, Neuanklage wegen Mord an Hemmer und damit die Hinrichtung. Weitere Namen werden später angegeben. Ich betone ausdrücklich, dast ich diese Beschlüsse und Tenunzierungcn aus dem Büro Neunkirchen, Kursürstcnstraße, gelesen habe und dast es eine feststehende Tatsache war, dast diese Liste die Grundlage bei der Abrechnung nach der Rückgliederung sein soll. Professor Grimm, ein Jreihettshämpfer" Ein Saarbrüdier Bete didungsproieO Sdiwanengesang des lande« rals Stm Freitag trat der saarländische Landesrat zu teurer letzten sitznug zusammen. Diese!.' seltsame Parlament, da» nur beratende„Rechte" besaß, vermochte nicht in Schöndelt zu itcrbcn. Plenum und Tribüne waren stark besetzt Be ra.ungsgegenstand ivar ossizicll eine Wohnungs- verordnu n g. Sie war nur die Plattform fiir Abschieds- reden. irür die„deutsche Front" sprach ein Abgeordneter M a r t i n. Aus seinem Geschimpfe überRegierungs- und Abstimmung»- ko.nmlnjo» und den Völkerbund, seinem ausgeregten Wesen und«einer Nervosität war nur allzusehr die in Gens geholte Niederlage zu erkennen Auch das Verhalten der übrigen Ge- tolgicha't in der Fraktion- nur einige waren bereit» am Nachdenken- verriet die veinliche Situation, in der sich die „deutiche Front" befindet, stlach Verlesung de» Speechs haute die deutsche Front". ihr Präsidium zurücklassend ab.„Rot- ,rront"- und„Freiheiisruse" seitens der Linken begleiteten sie zum Ausgang. Ter Abg. Heu von der Kommunistischen Fraktion und die Genossen P c t r n und Vieler kennzeichneten da» Verhalten der..deutschen Front". und am Schinne ihrer Ausführungen konnte man verstehen warum die 100—'lOOprozentia Gleich- geschalteten den Mut verloren hatten, auf deutsche Art dem Gegner ihren Mann zu stehen. -!- Eine Bemerkung des Sprechers der„deutschen Front" sei wiedergegeben, weil sie bei aller Komik zugleich die Ver- logcnhcit der braunen Saarstreiter kennzeichnete. Herr Martin iagic: „Tic Saarbevölkerung will eine echte V o l k s re g i c- r u» g und lehnt eine Regierung ab. iür die nicht da» Wohl de» Volkes Richtlinie ist." Diese„echte Volksregicrung" kann die Saarbevölkcrnng durch den Statu» quo gewinnen Rückgliederung an Hitler Teutschland ist im Gegensatz dau> Preisgabe aller Volk» rechte! So kann man an der Saar die Tatjachen und die Wahrheil verdrehen. Da* WalTüflicimnis iGOproicfiiig Cesdien Jeden Tag bringt die französische Presse neue Einzelheiten über die bevorstehende Taarabstimmung.„Echo de Pari»" weist in einem längeren Artikel daraus hin, dag nach mensch- lichcm Ermessen da» Wahlgeheimnis looprozcntig gesichert sei. Es werde kein Mcnich wissen, ob der Saarbrücker Bürger Friv oder Hermann, der zwar sein Haus mit Hakenkreuz- sahnen geschmückt oder seinen Laden mit Hitlerbildcrn ans- staffiert habe, für den Statu» auo gestimmt habe oder nicht. Man ivcrdc die» auch nicht mit Hilfe irgendwelcher Zeichen herausbekommen können, denn die Umschläge und Stimmzettel werden nach der Auszählung sofort an den Völker- bnnd nach Gens gesandt werden, der wo 1'! die Anweisung zu ihrer Vernichtung geben ivcrdc. Ta» wisse, so meint „Echo de Pari»", auch die Saarbevölkerung, und darum könne der 18. Januar noch aroße Ueberraichnngen bringen. Es werden vielleicht viele so denke», ivic der Katholik, der dem Soudcrbcrichlcrstalter de» Blattes jagte:„Mein Herr, ich bin ein guter Katholik, aber ich möchte noch ein bißchen warte», bis'ich in'» Pckradic» eingehe. Und mit Teutschland ist da» genau so: ich ziehe vor, auch da»och ein bißchen zu warten!" Oh Saarbrücken begann am Freitag ein großer poli- tiicher Prozeß.Vor dem Obersten Abstimmung»- g^c r i^> t in S a a r b r ii ck c n hatten sich der Privatdozent Tr. Savclkouls der Herausgeber der Wochenschrift „Trutzbund". Erich W e b e r und der»ach Hitlcrdeutschland geilttchtete Redakteur der„Deutschen Front", S p i n d l e r, wegen Verleumdung, übler Nachrede und Beleidigung de» Präsidenten der S a a r b a h n c», Niklan». zu verantworten. Ter Ausgangspunkt ist nicht sehr wesentlich. Tie offizielle Wechselstelle der Saarbahn hatte sich im Einvernehmen mit dem Präsidenten der Tcviiend'ktatur der Reichs- b a n k it e l l c in Saarbrücken nicht ge'üat. Sie hatte nach den Interessen der Saarbahne» wiederholt Markankäuic eingestellt und mit dem Ankam" von Mark nach eigenem wirtschaftlichem Erme"e» wieder begonnen. Tr. Savelkoul» und die ihm ziMänalichen Blätter hatten daraus gegen den Präii- denken Niklaus den Vorwurf de»„Separatismus" er- baben Wahr ist. da«"> Niklaus*u den wenigen hohen deutschen Beamten an der Saar gehört, die sich nicht gleichschalten ließen. Er ist gläubiger Katholik und iviederstrcbt gemäß Ge- siunung dem Terror de»„deutschen Reiches". * Fiir ihn hatte die Regiernngskommission Klage erhoben. Tie Beleidiger führte» im Prozeß eine große rcichsdcutiche Kanone aus, Herr n P r o> c> i o r G r i m m, Rechtsanivalt in Eilen. Er hielt vor dem Gericht ein hochpolitisches Kolleg über Separatismus und Statu» auo. wobei er die Kühnheit hatte, de» Freiheitskamps an der Saar als Fortsetzung des Rhein-Separatismns der Fahre 1919—1928 zu bezeichnen. Es ne"steh' sich pan selbst, daß re ausiraaSaemäß und eingedenk 'ein-' hob-n.<"'o»f>ra' die Ausgabe ütternahm. die Anhänger de» Statu» auo gl» We^keeuac französischer Politik zu kenn- zrichprn und t>ie lln'"öallchke't eine»'Iprsten Abstimmung z» „beweisen". Seine Rede lag der gleichgeschalteten Presse be- Genau wie im SaargeWel Ueberall Bluff und Terror der Nazifront Fi»„Prager Mittag"(Nr. All» lesen wir: „Senatspräsident Heller hat gestern in der Debatte über da» Nachtragsbndgct des Jllr.'orgeministeriums Mitteilun- gen über die Lage im deutschsprachigen Grenzgebiet gemacht, die die Aufmerksamkeit der zuständigen Behörden sowie der breitesten Oefsentlichkeit verdienen. Tr. Heller schilderte de» ungeheuren Druck, der aus der deutschen Grenzbcvölkerung lastet und der einerseits von hitlerdeutscher, andererseits abe.r von hitlerfrcundlichcr in- ländiicher Seite ausgeht. Daß man sich i» Deutschland bemüht, der Bevölkerung jenseits der Grenze ein>v i r l s ch a f t l i ch florierendes„drittes Reich" vorzuspiegeln, indem man in den Grenzgebieten Straßen und sonstige strategische B.a u t c»..j a.r.c i e.r.s. dj?, Stillegung der Fabriken nach Möglichkeit vermeidet, bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit an allen, von jenseits der Grenze reits im Wortlaut vor, ehe sie gehalten wurde. Tie erscheint hier in groß aufgemachter Form. # Tagegen ist nichts zu sagen. Wohl aber etwas zu diesem Professor Grimm. Er weiß genau, ivelche Kräfte dein rheinischen Separatismus entgegenwirkten. E» sind die gleichen, die er heute al» Landes und Vaterlandsverräter anprangert: die sozialistischen Arbeiter i» vorderster Linie, die an der Saar wiederum um Teutschland» willen gegen die Rückgliederung au da»„dritte Reich" kämpfen. Wo aber, so darf man Herrn Grimm kragen, war damals sein „Führer"? E>° or»»nisi>'r'e keinen Münchener Bürgcrbrän- Putsch, der Teutschlands Zerkall bedeutet hätte, wenn er gelungen wäre. Nock bi» heute in ungeklärt geblieben, woher die ausländischen Devisen kamen, mit denen Hitler damals seine TA. gerichtsnotorisch»inanzierte Dazu noch ein Weiteres. Ter rheinische Separatismus war illegal, gegen das geschriebene Gesetz. Ter saarländische Freiheitskampf vollzieht sich an' einer g c s e tz m ä ß i g c n und vertragsmäßigen Ebene, die Hitler-Teutich- land in Gens und in Rom offiziell anerkannt hat. Tic Niedcrkämpfung de» rheinischen Separatismus ist da- mal» gegen Hitler gelungen Heute streckt der Herr Pro- scssor Grimm ihm die Hand zum„Tieg Heil!" entgegen. Heute verleumdet er dieieniaen. die in Hitler»«cht ihren Retter verehren. Heute ist er T e i l h a b c r der ill c cht»- Vernichtung de»„t o t a l e n S t a a I c»" und mitschul- dig an de» Verbrechen, die das Gesicht Teutschland» vor der Welt geschändet haben. -» Ter Generalsiaatsanwalt beantragte argen Tr. Sovel- kouls ällsitz Franken, aeae» die beiden andern An- geklagten je»no Frank-» G-ldsirake Das Urteil ivird am späten Nachmittag des Samstag verkündet. sichtbaren Stellen Fähnchen heraushängt und ähnliches, ist bekannt. Ntchi bekannt ist. was Tr. Heller über den Truck mitteilte, der auf die bei rcichsdcutschcn Unternehmungen arbeitenden tschechoslowakischen Grenzbewohner ausgeübt wird:„Wenn Ihr nicht jetzt bei uns der Heimatsreut beitretet, werdet Ihr entlasse n." Saargrenzen geschlossen Tie Saargrcnzcn sind in der Nacht zum 27. Dezember für jeden normalen Verkehr gesperrt worden. Ter Zweck dieser Maßnahme ist bekanntlich, das Eindringen unerwünschter Elemente kurz vor. während und»ach der Saarabstimmung zu verhindern: die Grenzen werden am 20. Januar lü-iä wieder geöfsnel werden. Inzwischen ist ein Ucberichreiten nur mit einem von der Regiernngskommission ansgestellteu Sonderausweis möglich. Ais Emigrant nach Hapsfati! Brief eines Reichsbannerkameraden an die „Deutsche Freiheit" Kapstadt, Mitte November. In der Nacht vom 7. zum 0. März versuchten etwa 20 bi» •AI SA- und SS.-Leute, mich au» meiner Wohnung zu holen und mir die„verdiente Tracht Prügel" zu verab- folgen, da ich die Frechheit besessen liattc, iv gut wie es mir möglich war. in den vergangenen Jahren mich diesen Bau- dilcn in den Weg zu stellen und ich mich diesen.Kerlen gegenüber benahm, wie sich die» für einen Reichsbanner- mann gehörte. Ich bin heute noch sehr darüber erstaunt, daß sie in der betreffenden Nacht noch so anständig waren und oline etivas erreicht zu. haben, w.eder abzogen. Dafür haben sie* Tage später»in so mehr gewütet, allein schon au» dem Grunde, weil ich nun rechtzeitig mich verduftet hatte. Ich fuhr nun mit dem ersten Zug lo» und war froh, als ich ans dem Potsdamer Platz in Berlin stand und wenig- stcn» nach langer Zeit wieder mal frei atme» konnte. Nachdem ich einige Wochen in Berlin war, versuchte ich einen Auslandspaß zu bekommen da die Nachrichten an» meiner Heimat immer schlechter wurden. Als ich meinen Antrag stellte, wurde mir gleich gesagt, daß man sich nach mir tu meiner Heimat erkundigen müßte, da ich noch nicht li Mo- »ate in Berlin fei. Ich wußte gleich, daß nun eine.große Schwierigkeit Überwunde» werden müsse. Wie ich es mir dachte, so kam es auch, denn nach einigen Tage» war ein zicml cher langer Bericht da. daß ich Marxist sei. mich der nationalen Revolution in den Weg gestellt hätte und daß ich mich dem nationalen Voltsgcricht llies: Totschlage»! entzogen hätte. Auo all diesen Gründen sei mir ein Aus- landspaß zu verweigern, jedoch sei gegen einen Inland»- paß nicht» einzuwenden Natlirlich habe ich mir den In- landspaß geben lasse», den» er war für mich schon ein kleiner Gewinn. Als ich darum bat. nur doch keine Schwierigkeiten zu tnache». da ich nichts Strafbare» be- gangen hatte, sagte mir der Reviervorsteher glatt,„ich solle nach Hause fahren und mir da» Fell voll hauen lassen" In der Zwischenzeit erhielt ich von Bekannten ans Kap- stadl ei» Telegramm, daß ich hin kommen sollte. Aber wie sollte ich ohne Paß an» Teutschland ran» kommen? Ich besorgte mir nun ein Leumundszeugnis und brachte diese» zur Polizei und ich durste dann einen Antrag bei der vor- gesetzten Behörde stellen. Ter Herr Hauptmann war in der Zwischenzeit sehr besorgt»m mich geworden und wollte mich vor Unannehmlichkeiten in Südafrika bewahren. An» diesem Grunde wollte er eine Bescheinigung haben, daß ich in Südafrika auch arbeite» dürste nnd schickte mich zum Konsulat Tort erklärte man mir. daß ich mehr arbeiten dürfte als ich wollte und daß da» die deutsche Polizei nichts avg'hc bzw. müßt'» die Herren dori die» wissen.«0 wurde ich Wochen und Woche» hin und her geschickt, ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Endlich»ach langem Suchen fand ich auch noch einen Beamte», der mir behilflich war und mir durch einen ge- schickten Trick z» meinem Paß verhalt Er ließ de», Herrn Hanvtmann sagen, daß er auch einer von denjenigen sei. die früher Demokraten.oder Sozialdemokraten gewesen seien und heute nicht laut genug„Heil Hitler" schreie» könnten. So ist es mir dann endlich gelungen, ans Teutschland raus zu kommen. Nur bat mir der Beamte ans Porschlag eine» Kollegen von ihm einen Satz in meinen Paß schreiben müssen, ans de» ich ganz besonder» stolz bin. Endlich mar ich soweit reisefertig und fuhr am 18. Juli 10HO von Berlin nach London ab. Tic Fahrt bis Bentheim, der letzten deutschen Station, war sehr langweilig, denn keiner meiner Reisegefährten hatte bis dahin auch nur ei» Wort gesprochen. Erst al» ivir die Paßkontrolle hinter uns hatten, atmeten wir alle erleichtert auf. Meine Reisebegleiter waren beide, ein Herr und eine Dame. Beamten gewesen, und da sie keine arische Großmutter hatten, cnt- lassen worden. Nun waren wir in Holland und unter- hielten uns über all das. was wir in de» letzten Monaten erlebt und durchgemacht hatten. Mittag» gegen 12 Uhr waren wir in Vllssinge» und nach ungefähr l Stunde ging die Fahrt iveitcr über den Kanal. Ich war noch nicht richtig auf dem Schiff, als ich schon Leute mit dem„Neuen Vorwärts", der«Deutschen Freiheit" nnd der„Arbeiter- Illustrierte" aus dem Teck rumlauseu sah. Ich wußte also gleich. Ivo ich hingehörte und so wurde mir die sechs- stiindige Fahrt über den Kanal nicht lange. Gegen» Uhr abend» waren wir dann in London, und da ich doch keinen Bescheid wußte, erbot sich der Herr, mich i» ein Hotel zu bringen. Leider ivar aber in der Nähe de» Bahnhofes kein Hotel aufzutreiben, nnd so riet mir mein 'Bekannter, doch zum Kommitee zu gehen, was ich auch tat. Al» ich dort ankam, wurde ich von allen Seiten mit Fragen bestürmt, denn alle wollten etivas von mir hören lzu dieser Zeit waren schon eine Menge Flüchtlinge in London beim Kommitee. Ich war sehr erstaunt über den Betrieb, der dort herrschte, denn iv hätte ich mir keine Hilfsorganisation vorgestellt. Dieses Flüchtlingsheim kann sich mit jedem Hotel messen, denn es ivar ganz erstklassig in jeder Be- zieh»»g. Ich glaubte im Namen aller zu schreiben, wen» ich an dieser Stelle nochmals der Leitung vom Londoner Kommitee unseren herzlichsten Tank für die un» zu Teil geivordcnc llnterstützung ausspreche. Besonders erfreut wurde ich an diesem Abend noch dadurch, daß ich einen Be- kannten aus meiner Heimat dort traf. Ich war leider nur einen Tag in London nnd konnte daher nicht viel von dieser Riesenstadt sehen. Nun war der Tag gekommen, an dem ich endgültig Europa aus nnbe- stimmte Jahre verlassen mußte. So wurde ich dann Freitag morgens vom Kommitee aus per Tan zum Bahnhof gebracht. um nach Southampton zu fahren. Mit einem Sonderzug der„Union Eastlc Line" lder fährt jeden Frei- lag! ging dann die Fahrt loS. To gegen l Uhr war ich an Bord der„Edinburgh Eastlc". die pünktlich»in 4 Uhr abfuhr. Ich werde diese Stunden nie in meinem Leben ver- gessen, wie ich sozusagen allein dastand und wehmütig der entschwindenden Küste nachsah. In diese» Stunden ivar mir alle» ganz gleich, da ich doch gar nicht wußte, Ivo ick eigentlich hinkomme, d. h. ich wußte nur. daß ich zu Freunden meiner Verwandten fahre, die ich leider nicht kannte. Auch hatte ich absolut keine Ahnung, wie c» in Kapstadt aussehen würbe, und ich war angenehm enttäuscht, al» ich am 0. August in dem wunderschön gelegenen Kapstadt landete. Sehr erfreut war ick. als ich in meine Kabine kam und einen entlassenen Geschäftsführer der„Epa" vorfand, und nach einigen Stunden fand ich sogar noch einen Landsmann von mir auf dem Schiff.'Nach ei» paar Tagen waren mir dann in Madeira, einer ganz herrlichen Insel lHerr Gruppenführer Ernst wußte schon, wo es sich angenehm und schön leben läßt.!. Bei Tagesanbruch waren wir dort nnd lieben un» ausboote», um di* Stadt zu besichtigen. Wir nahmen un» zu sieben ein Auto und fuhren lo». Gar manchesmal ist es mir bei dieser Fahrt Angst geworden, wenn es Straße» rauf ging, daß man sich festhalte» mutzte, um hinten nicht rau» zu lallen, aber unser Chauffeur war ei» guter Fahrer und brachte uns sicher und wohlbehalten zurück. Vorher hatte er»ns noch in eine Weinkellern gebracht, wo wir kostenlos die verschiedenen Sorten veriuchen dursten. Ein Glück ivar c» für»ns, daß wir sehr wenig Zeit hatten, denn sonst wären wir nicht nüchtern ans dem Keller gekommen. Als ivir auf das Schiff zurückkäme», war dic,es in ein Warenhaus umgewandelt, denn die Händler von Madeira boten hier ihre Waren an. und es war ein sehr starker Geschäftsbetrieb im Gange. Kurz vor lt llhr muß- te» sie aber wieder von Teck und versuchten noch von nute» au» ihren Booten ihre Sachen zu verkaufen. Nun gi»a die Fahrt iveitcr. Bei herrlichem Frühlingswcttcr fuhren wir in den Hasen von Capc-Town ein. Nach der Paßkontrolle mußten wir noch einige Zeit an Bord bleiben, und so unterhielt ich mich mit meinen Freunden, die ich in der Zwischenzeit entdeckt hatte vom Teck aus. so gut dies möglich war. Auch der Gründer de» hiesigen KommiteeS, Herr Leo Raphael, ivar an» Schiff gekommen und war sehr betrübt, als er er- fuhr, daß nur 8 Deutsche an Bord waren. Mit der Zeit kamen aber immer noch mehr Leute an, und so sind biS zum heutigen Tag schon einige hundert hier in Eape-Town gelandet, die bestimmt alle Herrn Raphael dankbar sind, daß er ihnen geraten hat, nach der Union os South-Africa auszuwandern. Neben Herrn Raphael und noch heute die Herren Mar Sonnenbern, Herr Hammerschlag. Mr. Gitun, Herr Goldschmidt und noch eine ganze Anzahl weiterer Herren für uns Emigranten tätig. Besonders möchte ich »och erwähnen, daß diese Arbeit, die von de» Herren in uneigennütziger Weise geleistet wurde, nur durch die Hille der südafrikanischen Juden möglich war. Nickt unerwähnt möchte ich auch die Sekretärin Miß Kuperholz lassen, die nun schon über ein Jahr alle geschäftlichen Angelegenheiten mit derselben Hingabe erledigt wie oben genannte Herren. Unsere Ausnahme hier am„Kap der guten Hoffnung" ivar einzigartig in jeder Beziehung. Hunderte wurden in Stellungen untergebracht. Soiveit der eine oder der andere nicht sofort Arbeit bekam und ohne Mitteln war. bekam er vom Kommitee im Monat seinen Lebensunterhalt bezahlt, oder wenn er wollte, konnte er das Geld auch so haben. Mehrere haben sich selbständig gemacht und habe» ganz gute Erfolge zu verzeichnen. Eape-Town ist eine auf einer Halbinsel gelegene Stadt, die eine der schönsten Städte der Welt sein soll, säst» Monate ist es Sommer. Nur einige Wochen ist e» etwas kalt Ab und z» sieht man ans den Bergen etwa» Schnee liegen, und man denkt dann doch manchmal an den Winter in Teutschland zurück. Samstags um l Uhr sind alle G"- schälte geschlossen. Es ist dies eine sehr schöne Einrich ung, da man ein schönes Wochende vor sich hat nnd man an dem Strand des Atlantischen oder Stillen Ozeans sidi ausruh u kann. Am Sonntag ist j» der Stadt alle» tot. Alle Kinos sind geschlossen und die Cafes werden erst um 4 Uhr g«- öffnet. Ties kommt daher, weil die Kirche einen lebe starken Einfluß hat. Mit der Zeit gewöhnt man sich auch daran. Aclls in allem ist es hier„am Ende der Welt" herrlich und schön. Es sind bestimmt alle Emigranten glücklich, hier in einem freien Lande ibr Unterkommen gefunden zu dabcu. toeutsifte zur£>eiitfscften fteiftett'- trelfnisse und$estfs 9 rä?efs km lonniaq-Momaq, oen 30. una 31. Dez moer 1934 MMW B ME I cfläiec mied iie&ec Qott ty&ccec ZtCosenthien jicuhiantiect ihn ..Danket dem Herrgott, der treu sich zu Deutschland bekannte, der in Verwirrung und Ohnmacht den Retter uns sandte, der ihn durch^ot schuf für der Freiheit Gehot, daß er des Volkes Not wandte. Schmählich am Boden lag Handel und Arbeit und Leben. Hunger und Elend zerbröckelten Willen und Streben. Gottlose V ut zielte nach Seele und Gut. Nirgends schien Heil uns gegeben. Da kam der Mann, den der Herrgott zum Höchsten geleitet. den er den Willen gestählt und das Auge geweitet. Seele und Sein, setzt' er zum Geisteskampf ein. Bis ihm die Stunde bereitet. 4 olkheit im Kern hat er Deutschland im Tiefsten gefunden, ist nun unlöslich mit all unsrer Liehe verbunden, Jährt nun mit Macht. Eifer und weisem Bedacht, Heilet nun all unsere Wunden. A ater im Himmel, schenk all seinen Plänen Gelingen. Schütze sein Leben und wahr' seinem Geiste die Schwingen. Wir schaun auf ihn. segne in Gnaden sein Müh'n, ET Neu uns zu Ehren zu bringen." £ Das ist ein poetischer Erguß des Pfarrers Hosenthien. der dieses völkische Elaborat im Pfarrerblatt(Nr. 41, 1934) veröffentlicht. Die gläubigen Nazi-ehäflein sollen das Lied nach der Melodie..Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" singen. Wir können hier beobachten, wie eine neue Nazi- Mythologie entsteht. Der Führer tritt immer mehr an die teile von Christus. Der Nazismus wird die neue Erlösungsehre. Ans der Bewegung selbst werden Gestalten herausgearbeitet. die dem Kultus der Massen dienen sollen. Sie tragen nationalistische, revolutionäre und militaristische Züge und werden, wie Leo Srhlageter und Horst Wessel, als Vorbilder für die Jugend hingestellt. Es seien Männer, würdig der Verehrung des ganzen Volkes. Lieber ihr Privatleben. das mit moralischer Reinheit ebensowenig zu tun hat wie mit christlicher Ethik, wird absichtlich hinweggesehen. In seiner Schrift..Die Kirche und das..dritte Reich" läßt sich der Universitätsprofessor Niebergall, Marburg, über die Person Hitlers folgendermaßen aus:..Sic wird fast in das Licht religiöser Verehrung gerückt; ihr fliegt geradezu ein religiöser Glaube entgegen. Alle Affekte, wie sie der Religion eigen sind, machen sich laut bemerkbar. Begeisterung. Hoffnung, Leidenschaft. Liebe und furchtbarer Haß gegen alle Andersgläubigen: es ist der Anspruch der Religion auf Absolutheit, der hier wirkt. Wir haben also eine Ersatz- JUeim Szenerie 1}on!Bzamten Monden Staaten Jlauchzn und SteCCenCosi^keU Dor„Westdeutsche Beobachter", das Naziblatt Kölns, bat finrn Spredmaal eingerichtet. Hier offenbaren sich viele sorgenvolle Gemüter, deren Klagen in die braune Wüste ballen sollen. Bemerkenswert ist besonders die Klage des seit vier Jahren arbeitslosen Kochs und Chauffeurs, der an- scheinend von der„Arbcitsscfalacht" noch nicht erfaßt wurde. Verdienen die Beamten zu wenig? Es will mir als altem Nationalsozialisten manchmal so scheinen, als ob zwischen den theoretischen Absichten der Partei und Regierung und ihrer praktischen Ausführung trotz allem Erreichten noch Widersprüche klaffen. Ith bin ein kleiner Beamter mit Frau und drei Kindern und bundertfünfundsiebzig Mark Monatsgehalt. Sie werden mir zugeben, daß man davon keine großen Sprünge machen kann. Fas' alles gellt für Miele. Essen und Kleidung drauf, und ein Glas Bier kann ich mir höchsten am Sonntag leisten. D is Rauchen habe ich mir überhaupt schon abgewöhnen müssen. Schließlich hat aber doch jeder arbeitende Mensch ein gutes Recht darauf, auch mal ein Vergnügen zu erleben. Statt dessen sind manche Lehensmittel im letzten Jahr, wenn auch nicht erheblich, so doch immerhin etwas teurer geworden, so daß für die angenehmen D-ige des Lebens auch heute noch nur sehr wenig übrigbleibt. Ist das wirklich nötig? Könnte die Regierung nicht eine andere Preispolitik für Lebensmittel treiben? Muß eine deutsche Frau blond sein? Ich habe eine Braut, ein liebes, anständiges und vernünftiges Mädel aus gutern Hause. Wir haben uns früher in allem ganz ausgezeichnet verstanden, niemals gab es Zank und Streit. Leider hat sich das seit kurzem geändert. Den Anlaß zu unserer gegenseitigen Verstimmung gab der Umstand, daß Helga sich ihr schönes tiefschwarzes Haar mit Wasserstoffsuperoxyd g e h I e i c Ii t hat. Ith habe mich früher jeden Tag an ihrem schwarzen Madonnen- Scheitel erfreut'lud war wütend, als sie mit ihrem schwinde!- halten Kui.stprodukt erschien. Sie behauptet»her. sie sei eine deutsche Frau, sie wolle nicht wie eine Beduiniu herumlaufen, sondern blond sein, wie sich das für eine Nordländerin gehöre. Sie hat wohl irgend etwas über rassische Merkmale läuten gehört, ohne es richtig zu verstehen. Jedenfalls ist ihr der Unsinn nicht auszureden.% a s kann man da nur tun? Muß ich das Rauchen einstellen? Ich bin seit kurzer Zeit verlobt und verstehe mich mit meinem Bräutigam ausgezeichnet. Nur um einen Punkt zanken wir uns in letzter Zeit sehr häufig. Ich rauche nämlich täglich zwei Zigaretten. Mein Verlobter will das nicht, und ich habe keine Lust es aufzugeben. Bemerken will ich. daß mir die zwei Zigaretten nicht schaden können, da ich groß, kräftig und kerngesund bin. Außerdem bin ich beruflich tätig und habe einen ziemlich anstrengenden Bürodienst zu verrichten. Komme ich nach Hause, dann freue ich mich schon auf die Zigarette, die ich nach dein Abendbrot rauchen kann. Ich hin sonst nicht sehr anspruchsvoll und möchte nur gerne wissen, ob mein Verlobter recht damit tut, wenn er mir dieses harmlose Vergnügen ninunt. Ith muß noch hinzufügen, daß er selbst viel und gerne raucht und es bestimmt auch nicht lassen würde. Sicherlich sind andere junge Mädchen schon in derselben Lage gewesen und können mir einen guten Rat gehen. Hilde R.. Köln. ich möchte etwas lernen Ich bin 21 Jahre alt und habe noch keinen Beruf erlernen können, da meine Mutter immer kränklich war. Wenn meine Eltern, die beide schon nicht mehr jung sind, einmal nicht mehr leben worden, dann stehe ich allein da, ohne mir einen Pfennig verdienen zu können. Alle meine Versuche, jetzt noch etwas zu erlernen, sehlugen fehl. Ueher- all wurde mir geantwortet, in welcher Branche es auch war, ich sei zu alt. Lehrlinge dürften höchstens 17 Jahre alt sein. Ich habe Lust zur Arbeit und hegreife sehr leicht. Aber was soll ich nun machen, wenn mich keiner will? Muß ich denn alle Hoffnung aufgeben, jemals im Leben allein dastehen zu können. Mieze K, K.-Höhenberg. Zu lange stellenlos Bin von Bruf Koch und nebenberuflich Chauffeur und nun schon seit vier Jahren stellenlos. In dieser Zeit war es mir nicht möglich nur eine einzige Aushilfe oder gar feste Anstellung zu finden. Vor einigen Tagen bekam ich vorn Arbeitsamt eine Stelle zugewiesen. Ich stellte mich vor, bekam aber zu meinem Bedauern von diesem Arbeitgeber die Antwort: ,.Es tut mir leid. Sie sind vier Jahre aus ihrem Beruf als Koch heraus, ich kann Sie nicht gehrauche n." Dieselbe Antwort erhielt ich an zwei andern Stellen. Lieber W. B., was soll ich tun, um wieder in den Arbeitsprozeß zu kommen. Ist der Arbeitgeber berechtigt, mir eine solche Antwort zu geben, zumal wenn er es nicht einmal für notwendig hält, mich ein paar Tage zur Probe einzustellen. K, B., Aachen. Aufruf, zum!Bunde religio» oder einen Beligionsersatz vor uns. eine..verkappte Religion", die.«Sakralisierung" eines Menschen, einen unter den Göttern des Abendlandes" Der Versuch an Stelle religiöser Vorgänge und Gestalten solche politischen Charakters und nazistischer Prägung zu setzen, wird auch in dein in Berlin erschienenen, mit dem Bilde eines Weihnachtsbaumes, zwei Engeln und dem Hakenkreuz geschmückten Buch„Weihnachten im„dritten Beide" gemacht. Die Schrift enthält Gedichte von Fritz von Rabenau. Darunter findet sieh auch das uralte Weihnachts- lied..Stille Nacht, heilige Nacht", jedoch in der Weise verändert. daß an Stelle der heiligen Familie Adolf Hitler tritt: Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft, einsam wacht Nur der Kanzler zu treuer Hut. wacht zu Deutschlands Gedeihen gut. Immer für uns bedacht. Stille Nacht, heilige Nacht, Alles schläft, einsam wacht Adolf Hitler für Deutschlands Geschick. Führt uns zu Größe, zu Ruhm und zum Glück. Gibt uns Deutschen die Macht. In einem anderen Gedicht„Der Erlöser" werden der Heiland, der die Welt von der Sünde erlöst und Hitler, der Deutschland erlöste durch die politische„Revolution" 1933. nebeneinander gestellt: Im fernen O-l erstand Aus Gottes Vaterhand Der Heiland, der die Welt beglückt. Für unser Deutsches Land Hat Christus uns gesandt. Den Führer, der uns all' entzückt. Im fernen Ost einst bracht' Erlösung aus der Nacht Der Gottessohn durch Opfertod. Durch Hitler unserm Land Erlöser jetzt erstand Zu ewig hellem Morgenrot. Der Glaube, daß Gott Hitler geschickt habe, um das deutsche Volk zu erretten, ist Gemeingut aller deutschen Christen. Also hat Gott die Welt geliebt, daß er ihr Adolf Hitler sandte Yor den Augen der Kritik aber repräsentiert sieh diese Modereligion mit ihrer Dichterei als eine Bühne, auf der die politischen Regisseure eilig hin und her laufen, um das Feuerwerk des Hitlerkultus immer wieder von Neuem zu entzünden. Unten aber stehen die„Rückhaltlosen". Unbelehrbaren, umnebelt vom metaphysischen Ranch nazistischer Propagandistik, Pacific eis. Vei btindet euch, ihr Stillen dieser Erde! Der Feind ist überall, wo Miedet truiiit Und Dummheit herrschen über eine Herde. Gepansett mit der Rüstung blinder Macht. Nicht da ist er. wo andre Götter segnen. Nicht dort, wo man in fremden Zünften spricht. Im eignen Lande müßt ihr ihm begegnen Und ihm die Mnske teißen vom Gesicht! Dus Böse untei Hüllen zu etkennen. Ist jedes Wahrheitssuchers erste Pflicht. Vom Bösen unet bittlicli s ich zu trennen, Die zweite; diese aber heißt Verzicht! Die dritte ruft Den Bindern sich verbünden, Die überall in Einsamkeit siel- miihn! Die vierte, laut die Wahrheit zu verkünden, Bis ihre Feuer warm die Welt durdlglühn. H o r a t i o. TflendeLunhn- kompcoftiißZos oeaooefen Wer ersetzt ihn? In der Essener„National-Zeituug" startet Friedrich W. Herzog, einer der Haupcstreiter der NS. Kiilturgemeinde und Siegt i im Kampfe gegen Furtwängler. eine Würdigung der Kompostionsaufträge. die die NS. Kiilturgemeinde für eine neue Musik zum„Sommernachtstraum" an Julius Weis- mann und Rudolf Wagner-Regeny erteilt hat:„Denn die Musik Mendelssohns ist im..dritten Reich" mit den unumstößlich lind kompromißlos geltenden Gesetzen vom Primat der Rasse und des B'utes nicht mehr zu verantworten. Für eine völkische Kiilturhewegung untragbar—(Ich hali' es getragen hundert Jahr)—. Heute sehen wir das Lustspiel mit anderen Augen an und lehnen... ah. Ein besonderes Koinpostionsprogramm ist nicht vorgeschrieben. Nur wird im Interesse der theatralischen Wirkung Wert darauf gelegt, daß in der Musik ein Vorspiel, ein Rüpeltanz, eine Elfenmusik und ein Hochzeitsmarsch enthalten sind." Tür den Rüpeltanz sollte das Horst-Wessel-Lied genügen. Vecbotene Jilme, In den letzten Wochen wurden im„dritten Reich" folgende Filme verboten:„A woman eommands"(Pathe Radio Pietures. London):..Coluinhus und die Bankräuber"(Baitie Film Gompany. Kopenhagen);„Eine ruhige Familie"(Radio Pietures. Neuyork):„The invisible man"(Universal Pietures Corp., Neuyork):..Glos puslyni"(BWB Film Warschau):„Ein falscher Fünfziger"(K. U. Delta Film Gemeinschaftsproduktion):..Stamhul Quest"(Metro-Goldwyn- Maycr): ,.Harry, der unfreiwillige Kunstflieger"(Radio Pietures, Neuyork):„Schachmatt"(Universum Film AG.. Berlin):..Serienreklame"(Heinefilm. Leitung: Heinrich Heine. Berlin):„The Affairs of Cellini"(United Artists, Neuyork);„The Perils of Pauline(Universal Pietures, Corp. Neuyork):„L'ordonance"(Capitole Films. Paris): „Eine Erholungsreise"(Universal Pietures Corp.- Neuyork); „Zwischen Feuer und Eis"(I. G. Farbcnindustric.AG. „Agfa", Berlin);„Moniin Rouge"(United Artists, Neuyork). Xmieii kämpf gegen Miesmacher Bärenstark ist der Riese, nur gegen Zugluft empfindlich; Tödlich trifft ihn der Hauch eines geflüsterten Worts. Gerichtsurteile Weil Euch selber er fehlt, haßt Ihr bei andern ihn tödlich: Wer bestrafte vordem auch mit Gefängnis den— Witz! Lobredner „Riesiges Werk ist vollbracht. Erreicht ist Großes."—- Nur leider. Sprechen die Herrschen den stets, nie die Beherrschten also. Goebbels gegen Emigranten Wohl! Verbreitet ist stark die Emigranlcupsychose. Aber am meisten, mir scheint, leidet der Klciinpfu.t daran. Furtwängler Was tun Musiker Euch?— Wenn Ihr von Liehe zur Kunst schwatzt. Hört das kundige Ohr falsche Töne heraus. Methode Eigenloh ..Wie bescheiden ich bin!— Ich bin so bescheiden!—*• Bescheiden. Rühme nichts ich an mir, nur— wie bescheiden ich bin!" \ oraussicht Zukunft— drum ist uns nicht hang. Soweit sie für uns in Betracht kommt. Haben durch Wechsel wir sie vorbelastet bereits. Braune Studenten Furchtbar brüllen Protest sie, wenn man Insignien fortträgt. Hebt man die Lehrfreiheit auf. trampeln sie Beifall dazu. Professor Barth Vi ohl. der Glaube geheut. Gott mehr zu gehorchen als Menschen. Nur vergaßest Du eins: Jetzt ist Hitler der Gott! Der Sammler Weil vortrefflich er hat per Sammelbüchse gefochten. An sich selbes verlieh Görmg die Biichsenschiitz Schnur. An viele Als das Recht man vernichtet, da habt Ihr Narren gejubelt. Unrecht leidet Ihr nun. Dennoch geschieht Euch— Recht! M u c k i. Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Eine Utopie wird Wirklichkeit Judenfrage, Zionismus, Palästinaaufbau- Von Josef Dünner ,, je ist die Judenfragc aktuell. W irtschaftskrise, nationalistische Beschränktheit und> erbetznng a en azu beigetragen, dag Problem des über die ganze Erde verstreuten Volkes erneut auf die Tagesordnung zu ste en.>r geben daher in den folgenden Artikeln einem guten Kenner der Materie das Wort. l ,» B»" aUS i F", eutsc' ,en Arbeiterbewegung hervorgegangene Verfasser, Dr. Josef Dünner— selbst Jude—, hat I alastina bereist und uns seine Eindrucke über mittel!. 1. Fortsetzung Und sie schienen nicht mehr fern— die Tage des Messias. Die Losung des 3. Standes, der die Feudalfesseln zerrissen und den Gesetzen seiner Produktionsweise allgemein verbindliche Geltung erzwangen hatte,„Freiheit, Gleich- heit und Brüderlichkeit", diese große, diese herrliche Losung, entsprang sie nicht uralten jüdischen Ideen? Hatten die Propheten nicht von jener Zeit geschwärmt, in der die Völker sich verbünde» alle r,.„,..„,1:.. le Völker sich verbünden, alle Menschen frei und 111 Frieden leben würden? Sprachen nicht die Werke eines Kant, eines Goethe, eines Hegel, eines Humboldt Grundgedanken biblischer Verheißung aus? Der Jude schnitt sich den Bart und die Schläfenlocken ab. Die Well war besser geworden. Die Welt war weiser geworden. Jetzt durfte er getrost den Zaun abtragen, den seine Väter um die Lehre bauten, damit sie den kommenden Geschlechtern zum Heil unverfälscht überliefert werde. Das Heil war draußen in der weiten Welt, und mit der Inbrunst eines Gefangenen, dem sich nach langen langen Jahren Freiheitsberaubung plötzlich die Kerkertore öffnen, warf sich der jüdische Mensch in diese Welt. Er gab zum Dank für seine neue Freiheit, was er ihr geben konnte. Seinen an der jüdischen Philosophie des Mittelalters geschulten Geist, alle jene Fälligkeiten, deren der 1'rühkapitalisrnus zu seiner Ausbreitung bedurfte und um derentwillen nicht zuletzt seine Träger die Ghettotore sprengten. Er wurde ihr Pionier in Handel und Industrie, in Wissensehaft und Kunst. Er gab ihr sein überströmendes Gefühl für jene humanistischen Ideale, die in ihm lebten. Er stellte sich an die Spitze sozialer Bewegungen, im Glauben, in ihnen und mit ihnen die Worte der Propheten zu erfüllen. Manch ein Jude dankte mit dem Herzblut. Und er spürte nicht, wie diese Welt ob seiner Leidenschaft erschrak. Er spürte nicht, wie sie sich vor ihm verschloß. Vom Fortschritt besessen, glaubte er, vorwärts, immer vorwärts stürmen zu müssen, wo die Welt schon stille stand und Wurzeln schlug. Nicht vielen Juden gelang es, sich ihr wirklich anzupassen. Nicht vielen so englisch zu werden wie. die Engländer, so französisch wie die Franzosen, so deutsch wie die Deutschen. Die Mehrheit blieb Staat im Staate, Fremde, die man haßte. Manche unter den Nicht- judett sprachen ihre Abneigung bald offen und hrii'tal aus. Aber der Jude hörte nichts und merkte nichts von alledem. Er merkte auch nichts, als aus dein Osten die Knude von den Judenverfolgungen eintraf. Hielt er sie doch für ein letztes Aufflackern der Barbarei, ohnmächtiges Sirhzurwehr- setzen gegen die siegreich vordringende westliche. Kultur. Auch in der bedrängten Judenschaft des Ostens verhallte der Pinskersche Ruf. Trotzdem dort in den 6 000 000 eng beieinander wohnenden russisch-polnischen Juden die hebräische Sprache weit verbreitet und das Nationalbewußtsein noch nicht erloschen war. Aber wie gebannt starrten sie nach dem Westen. Wie gebannt starrten sie nach jenen Ländern, in denen ihre Brüder Menschen geworden waren. Die Kinder der alten Ghettojiideii lasen den Faust, und das Licht des jüdischen Schrifttums verblaßte ihnen. Als Vorkämpfer der Haskalali, der Aufklärung, gingen sie— den Narodniki gleich— ins jüdische Volk. Der Tag, au dem das absolutistische Regime stürzte, an dem die Ausnahmegesetze fielen, sollte assimilationsbereite Juden finden. Nur ganz Wenige, von Perez Smolenskin und David Gordon, zwei hebräischen Schriftstellern und Vorläufern Pinskers vorbereitet, horchten auf.„Der Jude ist überall anwesend und nirgends zuhause, für die Lebenden ein Toter, für die Eingeborenen ein Fremder, für die Einheimischen ein Landstreicher, für die Besitzenden ein Bettler, für die Annen ein Ausbeuter und Millionär, für den Patrioten ein Vaterlandsloser, für alle Klassen ein verhaßter Konkurrent." 20 jüdische Studenten hatten bereits die Hochschulen verlassen und waren nach Palästina gegangen. Am 30. Juli 1882 hatten sie die erste Kolonie in Palästina, Rischon lezion(die erste in Zion), einige Kilometer südlich von Jaffa begründet. Jetzt folgten einige hundert— nach den Anfangsbuchstaben ihres biblischen Mottos Beth Jaakow leehu wenclchah(Haus Jaakow laßt uns aufbrechen) Bilu genannt. Ohne landwirtschaftliche Kenntnisse, des Klimas und der harten Arbeit ungewohnt, wurden sie— fern von allen Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten Europas— die ersten jüdischen Bauern im alt-neuen Judenlande. Die große Masse jedoch wollte vom Zionismus nichts wissen. Sie halte die Assimilation auf ihre Fahne geschrieben und zog diese Fahne auch nicht ein. als 1894/95 der jüdische Hauptmann Dreyfuß des Hochverrats beschuldigt, degradiert wurde, und eine antisemitische Welle sondergleichen fast das ganze französische Volk ergriffen hatte. Mochte I heodor JJerzl, der Feuilletonist der Wiener„Neuen freien Presse", der in seinem„Judenstaat" die Pinskersche» Gedanken aufgenommen hatte, schreiben und reden und aufpeitschen, mochte er an den Höfen Europas antichambrieren und um den Judeneharter, um die Erlaubnis einer großen jüdischen Einwanderung in Palästina, werben, das judische Volk hatte ihm keinen Auftrag erteilt. Die Mehrheit des jüdischen Volkes fühlte sich nicht mehr als\olk. Und die Zionisteu, die Herzl um sich scharte? Selbst diese Zionislen zogen nur zum Teil die Konsequenz aus ihrem Denken. Die wenigsten Zionisteu des Westens gaben ihre schwer erworbenen Positionen, die endlich errungene Ruhe auf. um in der Fremde noch einmal zu beginnen. Als Rechtsanwälte, Aerzte. Literaten. Regiermigs- und Kaufleule blieben sie im englisch.-französisch-deutschen Vaterlande «nd nährten sich redlich. Sie besuchten die zionistischen Versammlungen und Kongresse, sie spendeten Geld für die. zionistischen Bodenfonds, sie fühlten sich mit den Verfolgten solidarisch, aber nach Palästina gingen sie nicht. Die Judenfrage war für sie noch nicht akut. AV er wirklich übersiedelte, das waren ein paar tausend junge Menschen aus Galizien, Polen, Rußland. Mit ihrem eigenen Linsatz wollten sie die„Anomalie", die bisherige gesellschaftliche I'unklion des jüdischen Volkes überwinden. A im den W irtsvölkem jahrhundertelang auf die Händler- und Intellektuelleiiberufe verwiesen, hatten die Juden die physische Arbeit fast verlernt Nur in den Massensiedlungen des Ostens, im polnisch-jüdischen Kleinstädtchen, gab es noch jüdische Handwerker und Arbeiter. Aber auch diese standen meist als Gerher. Zigarettendreber. Textilarbeiter, Schneider und Schuster am Rande der Produktion.„Je weiter ein Beruf von der Natur entfernt ist, um so mehr wild gerade in diesem Beruf die jüdische Arbeit konzentriert," bemerkte Borodiov, ein hervorragender Theoretiker der Arbeiterbewegung im Zionismus. Diesen Zustand, diese„Exterritorialität" der Arbeit galt es zu beseitigen. Zurück zur Land- Wirtschaft, zurück zur Urproduktion— war darum die Parole der Pioniere. II. Die Pioniere J. ü. Mit fast religiösem Fanatismus gingen die Pioniere (Chaluzim) an ihr Werk. Zunächst versuchten sie, als Lohnarbeiter in den Kolonien jener Einwanderer der neunziger Jahre I'iiß zu fassen. Doch das mißlang. Die Kolonisten hatten sich daran gewöhnt, in ihren Pflanzungen arabische 1 ellachen zu beschäftigen, die auf Grund eines äußerst niedrigen Lebensstandards nur minimale Löhne forderten. 3—I Piaster(48 Cts.) für eine tägliche Arbeitszeit von 12—15 Stunden genügten ihnen, lim so mehr, als sie fast durchwegs kleinbäuerliche Hilfswirtschaften besaßen, die ihre Frauen und Kinder zu besorgen hatten. Mit diesen Fellachen konnten die jüdischen Pioniere nicht konkurrieren, so sehr sie auch bereit waren,„um der Eroberung der Arbeit" willen auf ihre bisherige Lebensweise zu verzichten. Aber einmal besaßen sie keine Nebenerwerlisinöglichkeiten wie die Araber, dann waren sie den Arabern zunächst auch in der Arhcitsqnalitäl bei weitem unterlegen— die meisten kannten eine körperliche Tätigkeit nur vom Hörensagen—, auch machte ihnen das ungewohnte beiße Klima schwer zu schaffen, und schließlich waren für sie. last alles Akademiker, zwei„luxuriöse" Gewohnheiten, die wenigstens etwas Freizeit erforderten, beinahe unumgänglich: ah und zu ein Buch, eine Zeitung zu studieren und die Korrespondenz mit den Freunden und Verwandten im Ausland aufrecht zu erhalten. Die Kolonisten waren nicht gewillt, die billigere arabische Arbeitskraft mit der teueren jüdischen zu vertauschen. Schon darum nicht, weil ihre eigenen Verhältnisse alles andere als rosig waren. Noch immer waren ihre Betriebe nicht rentabel, fast jedes Jahr pilgerte eine ihrer Delegationen zum Baron von Rothschild in Paris. Geld zu schnorren. Die wenigen Wohlhabenden unter ihnen schätzten die eigene finanzielle Bilanz höher als die nationale ein. Die Chaluzim mußten also eineil anderen Weg einschlagen, wollten sie ihr Ziel nicht aufgehen. Sie fanden ihn Eine kleine Gruppe von Pionieren bildete im Jahre 1908 in Sedgerah in Galiläa ein Kollektiv, dem bald ein zweites in der Nähe von Pelach Tikwah, nördlich vorn heutigen Tel Aviv, folgte. Der erste Gedanke dabei war, Boden zu pachten, darauf eine kleine Landwirtschaft zu betreiben und nebenher in Lohnarbeit zu den Kolonisten zu gehen, sich also den Arabern in wirtschaftlicher Hinsicht anzugleichen. Aber bald ging man— unter dem Einfluß Oppcnheimers— dazu über, die Idee der Siedluiigsgenosseii- schaft in den Vordergrund zu stellen. In den Farmen Dagan- jah und Merdiawiah bildeten sich die beiden Typen der neuen Siedlung heraus: Die wirtschaftskommunistische Landarbeiter-Kollektive. Kwuzah, die sich durch beispielhafte Technisierung und Modernisierung der Landwirtschaft sehr bald eine feste Position als Produzent auf dem Warenmarkt errang und— jenen, die sich nicht entschließen konnten, für die ganze Dauer ihres Lebens in der Gemeinschaft der Arbeitskameraden zu verweilen, adäquat, die auf individueller Arbeit beruhende Bauerngenossensrhaft, Mosch aw- Owdim, mit kooperativem Ein- und Verkauf der Produkte. Später ging man auch daran, den ursprünglichen Gedanken zu verwirklichen und schuf Arheitslrupps. Plugoth, die die Bearbeitung von Kolonistenboden im Gruppenakkord und in eigener Verantwortung übernahmen und mit dieser „Außenarbeit"' eine eigene Hilfswirtschaft verbanden. Die Kwuzah. als reinste Form der kollektiven Siedlung, stellt eine großartige Eeistung jenes von Gustav Eandauer und Martin Buber inspirierten evolutionären Sozialismus dar. Es verlohnt sich, einiges über sie zu sagen. V ie die beiden anderen Siedllingsformen auch beruht sie auf dem Prinzip des Gemeineigentums am Grund und Boden. Der Boden, auf dem sie wirtschaftet, gehört dem jüdischen Nationalfonds, einer Institution, die die Sammelgelder aller Juden zum Bodenankauf verwendet und nach Möglichkeit verhindern soll, daß sich privater Kauf und Bodenspekulation im Eande breitmachen. Die übrigen Produktionsmittel gehören der National: Wer irgendeinem Land für gute Bezahlung dient. Widerspruch durch Umstellung: Gemeinster Eigennutz gehl»cu. Kwujah. nicht dem einzelnen, der selbst au der Wohnung, den Kleidern, an Wäsche. Schuhen. Büchern kein Privateigentum begründen kann. Jeder Arbeitsgenosse der Kwuzah erhält, was er braucht— für Reisen, Erholung usw. auch Privatgeld— aus der gemeinsamen Kwuzahkasse. Es war ein langer Weg. bis sich die heute feststehenden, aber immer noch im Werden begriffenen sozialen Formen der Kwuzah entwickelt haben. Früher— in der Vorkriegszeit— war es noch allgemein anerkannter Grundsatz, daß die Frauen und Mädchen in den Kwuzoth(Plural von Kwuzah, Gemeinschaft-- Siedlungen) nur die Hausarbeit zu besorgen, auf dem Felds aber nichts zu suchen hätten. Als insbesondere die Mädchen, die. als Pioniere nach Palästina gekommen waren, sich dagegen sträubten, die Rolle der europäischen Frau auch in Palästina übernehmen zu müssen und hier und dort streikten, verzichtete man lieber überhaupt auf ihre Mitwirkung, als daß man nachgab. Heute ist die Frau dem Manne in jeder Hinsicht gleichgestellt. Sic arbeitet mit ihm auf dem Felde, in der Werkstatt, während umgekehrt die Männer sieh bequemen mußten, von Zeit zu Zeit Hausdienst zu versehen, zu kochen, Gesehirr zu waschen, aufzuräumen. In fast allen Gemeinschaftssiedliingen wurde mir von den Männern versichert, daß diese Arbeit die bei weitem schwerste ist." Einer für alle und alle für einen— dieses Wort wird hier z»r lebenskräftigen Wahrheit. In reinster Demokratie wird die Arbeit verteilt, wird das Lehen nach der Arbeitszeit geregelt- Der Stärkere hilft dem Schwächeren, für die Kranken und Arbeitsunfähigen sorgt die. Gemeinschaft. Familien, die Kinder wollen, brauchen sich um ihre Ernährung keine Kopfschmerzen zu bereiten. Die Gemeinschaft kommt für sie auf- Und wie sie aufkommt. Wenn die Eltern sich— besonders in der ersten Zeit— mit dem knappsten Lebenskomfort begnügen mußten, den Kindern wird alles gegeben. Sie wohneu in gesunden Steinhäusern, haben ihre besondere Verpflegung, Aerzte, Kindergärtnerinnen und einen ausgesuchten Unterricht. Man hat sich oft die Frage vorgelegt, ob diese Kinder, denen so viel geboten wird, später ein Interesse haben werden, die Arbeit ihrer Eltern fortzuführen, ob sie nicht vielmehr versuchen werden, sich den harten Bedingungen des Landlebens zu entziehen und auszuwandern. Die ersten Erfahrungen sprechen gegen diese Annahmen. In Daganjah, der ältesten Kwuzah. fahren heute schon die 17jährige 9^ Söhne und Töchter der ersten Ansiedler die Traktoren übe das Feld, und wer sie sieht, weiß, daß sie mit diesem Lande, mit diesem Stüde eben Erde eng verbunden sind. Es war ein langer Weg, bis aus den romantischen Anfängen derer, die die Sümpfe rodeten und sich mit den räuberischen Beduinen herumschössen, die großen landumfassenden Organisationen von heute wurden: der Kibliuz Hameuchail, die Zusammenfassung aller Geineiiischaflssiedlungen der palästinensischen Arbeiterpartei, der Kilihuz Arzi. die Vereinigung aller Siedlungen des Haschomer Hazair, eines Jugendbundes, der mehr als di- Arbeiterpartei auf gleiche Weltanschauung und persönliche Bindungen seiner Menschen sieht. Aber dieser Weg war nicht umsonst. Die 75 Kwuzoth mit ihren 3354 angesiedelten Familien, die 51 Dorfgemeinschaften mit 3092 Arbeitsbauern, die 8—10 000 Landarbeiter in den privat Wirtschaft lieh orientierten Kolonien haben die Fundamente geschaffen, die— in dem Augenblick, da die Juden- frgge auch im Westen akut geworden— es 10 OOOden von Westjuden ermöglichen, in Palästina eine neue Heimat zu finden. III. Juden und Araber J. D. Schon einmal— nach der Zerstörung des salomonischen Tempels— wanderten Juden in größerer Anzahl nach Palästina zurück. Als Cyrus ihnen freistellte, im babylonischen Exil zu verbleiben oder heimzukehren. Die meiste" blieben„an den Strömen Babels", den Heimkehrern aber gab der König seine Reiter mit, die inzwischen eingewanderte" fremden Volksstämme zu verlreiben. Das war vor 2500 Jahren. Auch heute finden die Juden ein fremdes Volk in Palästina vor, die Araber. Und schon mehren sich die Stimmen in> jüdischen Lager, die nach dem Cyrus rufen oder die Roll" seiner Reiter am liebsten selber übernehmen würden.„D' e zionistische Kolonisation muß man entweder einstellen oder gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung weiterführen," schreibt Jahotinsky, der Führer der Revisionisten- „Sie kann daher nur unter dem Schutze einer von der einheimischen Bevölkerung unabhängigen Macht— einer eisernen W and—, die die einheimische Bevölkerung nicht durchbrechen kann, weitergeführt und entwickelt werden." Während die Türkei, die in der Vorkriegszeit die Verwaltung Palästinas innehatte, eine jüdische Einwanderung mit Rücksicht auf die im Lande lebenden Araber nur in äußerst be- grenztem Umfange gestattete, hob England, das nach den 1 Kriege Mandatarstaat Palästinas wurde, manche der drakonischen Einwanderungsheschränkiingen auf. Es hatte in def an den englischen Lord Rothschild gerichteten Ralfour- deklaration vom 2. November 1917 erklärt:„Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen un'l wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgend einem anderen Laude beeinträchtige 0 könnte!" Aber es hatte sich auch nach dieser in das Völker- hundsstatut aufgenommenen Deklaration um die bürgerlichen und religiösen Rechte der im Lande wohnenden Araber zu kümmern und dachte gar nicht daran, lim der jüdische" Einwanderung in Palästina willen, den Unwillen der gesamten arabischen Welt gegen sich heraufzubeschwören. E» hatte die Balfourdeklaration erlassen, weil es ein Interes?" an einer Durchindustrialisierung und Kapitalisierung Palästinas hatte, und die Juden durchaus geeignet schienen, diese Mission zu übernehmen. Es dürfte überdies diplomatische Interessen und— was unbezweifelbar ist— den ehrliehe" Wunsch gehabt haben, den Notleidenden des jüdischen Volke« in großzügiger Weise behilflich zu sein. Aber zur„eiserneu Wand" gegen die Araber konnte und kann es sieh nicht hergeben. n l for einem mittelenropäisdien Pakt? Zu den Verhandlungen Par§ Rdki Poris, den 20. Dezember 1034. (9?on unserem Korrespondenten! In Ergänzung zu unserer gestrigen Mitteilung über die -Besprechung zituschen Mussolini und dem französische» Po:- lchaitcr in:)ip,n de Chambrun ist»och folgendes zu bc- richten: Die cigenilichen ziviicheu Frankreich und Italien schwebende» F-rage», die sich aui tOrenzregulicrungen des beider- seitigen. Kolonialbesitzes in Afrika usw. beziehen, sind durch die Vorverhandlungen vollkommen erklärt— anders ver- bükt es sich mit der Beseitigung der Gegensätze im Donau- rrv/m. Frankreich wünscht die Garaiiticrung der Unabhän- chrgkcit und Uuantastbarkcit Oesterreichs durch Italien, die Kleine Entente, Ungarn, Frankreich. Italien wünscht, da» in ein solches Abkommen, das ja schließlich ein mitteleuropäischer Pakt fein würde, nur Oesterreichs Nachbarstaaten einbezogen werden sollen: es ist der Aussassung, dag Rumä- nie» nicht zu diesen tsiachbarstaaten gehöre. Frankreich kann eine solche Aussassung nicht gelten lauen. Denn ihre Per- wirklich»»» wurde zur Sprengung der Kleinen Entente und damit zu einer ganz erheblichen Schwächung der außen- politischen Situation Frankreichs führen. Immerhin ist man neuerdings in hiesigen gut unterrich- teten Kreisen der Meinung, daß Italien einverstanden sei mit Rumäniens Unterschritt unter das„Oesterreich- a b k o in in c u" unter der Voraussetzung, daß durch die Form der Unterschritt deutlich gemacht werde, daß Rumä- inen kein„Rachbarstaat" sei. Man könnte ivohl über solche Förmlichkeiten lächeln, aber Italien will anscheinend da- durch zu erkennen geben, daß Rumänien in Zukunft nicht dos Recht erhalte, sich in österreichische Dinge einzumischen. Oder will man nicht ctiva damit sagen, wenn doch eines Tages Oesterreich irgendwie zerschlagen werden tolle und sich geivissc„Garanticmächie" den Bissen teilen sollten, dann habe Nuniänicn. das ja kein„Nachbarstaat" sei, keinen An- sprnch aus einen Koftchappen? Eine andere Schwierigkeit bietet noch Ungarns Haltung. Wird Ungarn bereit sein, Oesterreichs Unabhängig- kcit zu garantieren, vor allem die Unverletzlichten seiner Grenzen, da Ungarn doch recht starkes Interesse für das österreichische Burgenland hat? An Teutschlands Unterschrift kann man wohl vorläufig kaum glauben. Hitler würde sie»ich sicherlich recht teuer bezahlen lassen, deun wenn er auch äußerlich auf den Anschluß verzichtet hat, so hofft er doch, daß die österreichischen Nazis cincS Tages in Wien zum Zuge kommen werden, um ihm dann Oesterreich als Morgengabe zu überreichen.... Wir sagten schon, das Ocstcrreichabkvmmcn sei eine Art mitteleuropäischer Pakt, und aus einen solchen steuert Laval hin: Zu ihm wünscht er Italiens Zustimmung, bevor er selbst nach Rom kommt. Bleibt Laval fest, das ist liier die Ueberzcuguug angesichts der finanziellen Schwierig- keilen, in denen sich Italien befindet und zu deren Beseili- gung es die Bangue de France braucht, bleibt Laval fest, dann stehen w'r vor einem deutlichen und bedeutungsvollen Wendepunkt der italienischen Polit'k. Italien, das sich bisher i» der Rolle eines Schiedsrichters zwischen den einzelnen Mächtegruppen gcsiel und deshalb jeder Zusammenarbeit mit irgend einer dieser Gruppen abhold war, wird dann Farbe bekennen müsse n. Deshalb Mussolinis Bedenken und Bcdcuklichkeiten. Biel- leicht wird er jetzt um so schneller zu einem Entschluß kommen, wo ihm»ach der Begegnung des englischen Außenministers Sir John Simon mit Farial auch von London aus zu verstehen gegeben worden ist. wie sehr London an einem Zustandekommen eines mitteleuropäischen Paktes interessiert ist. Italic» könnte durch allzu langes Zögern Gefahr lausen, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Es käme dann in eine Lage, die nicht gerade als„splendid isolation" zu werten sei. England und Frankreich wollen den Frieden, Mussolini soll sich jetzt für ihn entscheiden, und damit auf die von ihm bc- günstigre Revisionspolitik verzichten. Wie eng all die Tinge, die sich heute In der Außenpolitik begeben, zusammenhänge», geht auch daraus hervor, daß Laval nicht der Einladung nach London zu folgen geneigt ist. bevor er in Rom seinen Besuch abgestattet hat. Vielleicht werden S i r I o h u Simon, der seine Ferien in Süd- frankrcich verlebt, und Mussolini in d> e i e n T a g e n eine Begegnung haben, um die Tinge zu bcschleu- »igen. Dt? Frage der deutschen Rüstungen, d h ihrer Bc- grcn'.ungcn aus den heutigen Stand im Zusammenhang damit eine neue Diskussion des Abrüstungsproblcms— alles Gegenstände, die in London bewrochcn werde» sollen— kann nur dann in eine»! für Frankreichs Sicherheit befriedigten Sinne gelöst! werde», wenn die Linie Paris-Rom-Wtcn- Pran-Belgrad'Bukarest gesichert ist Erst dann wird man— das ist hier die Auffassung— mit einem nachdenklichen Deutschland„plaudern" können. vte llok«r.'5'erims 6er EranzOsisdien Keil» Neiunaiui Artillerie Paris, 29. Dezember. Im Rahmen der Motorisierung des französischen Heeres, auf die Kriegsminister General Piaurin in«einer Eigen- schalt als früherer Gcneraliuipekteur des ArtilleriewcscnS tri,, besonderes Augenmerk gerichtet hat. werden vom 1. April 193."> an mehrere Einheilen motorisiert werde». Das l.i. Artilleriercgimeiit in Douai erhält an Stelle der bis- herigen Plcrdcbeipannung Motorzugmaterial Das 43. ver- stärkte Artilleriercgiment mjr Automobilzugmaterial ivird neu gelchasscii. Drei Batterien 7'ortzusallcu. und Stecd stellt mit Genugtuung fest, daß die Berichte aus Washington eine baldige Ncugestal- tinig dcS Begriffes der amcrikanlschen Neutralität erwarten lassen. „Auch kür uns" i'o ia*f Steed...ergibt sich die Wahl zwischen einer restlosen Beobachtung der Neutralität und einer stärkeren Beteiligung an einem wirksamen Kollektivsnstein. Das ist der gerinnst? Tribut, den man dem Frieden schuldet. Man sollte ibn zahle», und die Abrüstung wird folgen können und wird iolgcn Daun könnte daS Werk der ncaenscitigcn internationale» Hilfe beginnen, der Friede heißt." l. Sowie KoiTerei» im B roBlCslinn Aul Anregung des Welthilfskomitees für die Opfer des Hitlersaschismus hat das französische Comite de visilance et d'aetiou antifasciste. in denen Reihen sich mehrere Nobcl- Preisträger, Mitglieder der Akademie und des Institutes und zahllose andere Gelehrte und Schriftsteller von Welt- ruf befinden, in einem Telegramm an die Schweizer Bundesregierung schärfsten Protest gegen die von Hitler- dentschland geforderte Auslieferung des deutschen ehemaligen:>ie:chstagsabgevrdnctcn Heinz Ncumanu an das „dritte Reich" erhoben. Ter Tert dieses Telcgrammes lautet: „Das Vigilancckoniitee erklärt im Namen seiner sechs-, tausend Mitglieder, sämtlich antifaschistische Intellektuelle, daß es durch die drohende Auslieferung Heinz Neumanns äußerst bestürzt ist. ES hofft, daß die Bnndesrcgierung die freiheitlichen Traditionen des Schweizer Volkes weiter- hin lebendig erhalte» wird und fordert tiir den politischen Flüchtling Heinz Nenmann'unbeschränktes Asulrccht. gez. Alain. Schriftsteller: Rivct, Professor am Museum de France: Langevin, Mitglied des Institutes: Fonrnicr, Institut Euric." Moskau. 24 Dez. Bei Anwesenheit von mehr als 300 Delegierten. welche die Kollektiv- und Sowjettarmen. die In- diistrie Betriebe und die Rote Armee des zu einer jüdischen Republik nuszugestaltcndcn gutonomen jüdischen Ranons Biro Bidichan repräsentiere», sowie von zahlreichen Gästen aus dem Fernen Osten und auS Moskau. Leningrad. Ehar- low, Minik, Dnjcpropetrowjk uiw wurde in Biro-Bidschan die erste Konferenz der lokalen Sowjets feierlich eröffnet. P> o> e! s o r? i b c r b c r g. früher Direktor des Instituts ffiv jüdische proletarische Kultur und seit November Bor- sitzender de* Organisation* Komitees>>>> Biro-Bidichan er- sil'uete die Kon'ereiiz mit einer Ansprache i n I i d d i i ch. r■ kvlgten ein Berich» der Fernöstlichen Erckutivc ünd Be- grsißiinasanspracheil der Vertreter der verschiedene» Tele- ga'ioncn. grüßt die Zvwietkoi''cre»z i» Biro Bidichan"nd>üat hinzu: «t ro B di-bgi, mird d»r Granitvoevoftcn des Sozialismus im Bmnr-Geb er sein. Welch eine Lehre kür die jüdischen ar- hütenden Masken im Ausland, denen eine nationalistische Iii Mich? Bourgeoisie die INn""» eines Indenstaals i» Palä- stina aniredet. wo doch in Wirklichkeit Palästina von der g-»a>,z-r»>.„ Faust En.rlcmk" ans dem Rücken der arabischen armen Massen crrichlcl wird. * Lond», 24 Dez.„Dalln Te'earavl," vcrösientlicht eine Mitteilung über Biro Bidichan und kommt zu dem Schlüsse, daß ungeachtet der großen materiellen Anstrengungen seit "er Erklärung Biro-Bidlchgns zu einem jüdischen Gebiet im Jahre 1920 im ganzen etwa loooo Inden in diese Kolonie gc- gangen sind Man erwartet aber in diesem Jahre eine Zu- Wanderung von weiteren 42 000 Inden. Die eingeborene „ich,jüdische Bevölkerung Biro Bidickans beträgt etwa 40000 Seelen. A« Salin Prag,29. Dezember. Im Auftrage der Initi-llaßruppe des..Weltkomitees gegen Willkür und Terror" sandte heute Sonka folgende Depesche an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Josef Stalin, ab: „Stalin. Generalsekretär, Moskau. Kreml. Wir warnen vor der vorbereiteten Ermordung der Mit- käinpser und Freunde Lenins und Mitbegründer des. Sowjetstaates. Wir machen dringend aus die Gefahren answcrksam, die für die Sowsctunion»nd die Sache der Werktätigen der ganzen Welt damit verbunden wäre». Ihr Vorhaben stärkt den Faschismus. Wir beschwören Sic bei der menschlichen Vernunft, halte» Tic ei» mit dicien Pogrommethoden. Der Zweck der pcrtide» Verlenmd»ngs- kampagnc Ihrer Preise gegen die jetzt wehrlosen Vorkämpfer der russischen Freiheit ist allen denkenden Men- scheu kla>. aber die werktätige Welt hat ein Recht a»> die Wahrheit über die Ereignisse in der Sowjetunion. Wir werden nicht dulde», daß das Gewissen derer, die auf die Sowjetunion ihre Hoffnung setzen, durch lächerliche Ten- denzmeldvnge» Ihres in- und ausländischen Propaganda- apparales eingeschläfert wird. Wir werde» den Freiheit»- willen der Menschheit gegen jede Eligiieiiivillkiir, auch in der Sowjetunion, aufzurütteln verstehen. Gleichzeitig wenden wir uns an führende Intellektuelle wie Romain Rolland. Andre Gide, H. G. Wells. Thomas Man», Theo- dore Dreiser, Heinrich Mann. Indre Malreaux und an- dcre. sowie die großen demokratischen Frciheitsorganisa- tionen. nicht müßig zuzusehen, wie ppfermütlgc Kämpfer des Fortschrittes der Menschheit vernichtet ivcrdcn. ArbeirsdtensS? Eine Beleidigung Dortmund, 26. Dezember. Ein junger Alonn Hot folgenden Brief an die Verwaltungsstelle in Olpe i. W. gerichtet: „Hierdurch stelle ich Ihnen anheim, Ihre meiner Mutter und danach mir gemachte Aenßcrniig,„ich solle mich z» dem freiwilligen Arbeitsdienst melden", ab heule binnen 3 Tagen als ausgesprochene öffentliche'Beleidigung meiner Person, in Gegenwart der Herren Beamten der Stadt Olm zurückzunehmen, da diese Aciißerung in der Tat als eine außerordentliche Beleidigung für mich als Ingenieur dasteht. Falls Tie dieser Aufforderung innerhalb der gestellten Frist keine Folge leisten, werde ist bei dem Herrn B ü r- g e r m c i st e r oder d c in Herrn R e g i c r u n g s- rat i n Arnsberg Beschwerde d i e s e r h a l S erhebe n. Franz Vollmer, Ingenieur." Ob der mutig? Jüngling zu seiner Beschwerde kommt, ist zweifelhaft, Er soll in ein Konzentrationqsaaer kommen. Ein kömer nnd ein Nazi Ter letzte» Nummer der Wochcnzeituna„Grenzland" ent- nehmen wir: Als der römische Kaiser Earaealla zu bemerken vermeinte, daß sein Bruder Gcta beim Volk beliebter sei als er, daß Geta vielleicht gar»ach der Krone trachte, ließ er ihn durch die Prätorianer ermorden. Draus ließ er den kaiserlichen Kronjuristen Aemilius Papinianus kommen. Sagte ihm, saß Gcta einen Ans- ßand der Prätorianer vorbereitet habe, um ihn des Thrones zu entsetzen. Und verlangte, daß Papinian ein Gesetz aus- arbeite und verkünde, wonach die Ermordung des Geta zu Recht erfolgt und eine Ztäatsnötivenöigkeit gewesen sei. Als der deutsche Führer Adolf Hitler zu bemerken ver- meinte, daß sein Freund Ernst Röhl» beim Volke beliebter ici als er daß Röhm vielleicht gar nach der Führerschaft trachte, ließ er ihn durch die SA. erschießen Tarauf ließ er den Kronjuristen und preußischen Staatsrat Professor Di EarI Schmitt kommen. Sagte ihm. daß Röhm eine» Aufstand der SA. vorbereitet habe, um ihn seines Amtes zu entsetzen Und verlangte, daß Schmitt ein Gesetz ausarbeite, wonach die Ermordung des Röhm„rech- teils" und eine Ttaatsnotivendigketl gewesen fei. Tie Antwort des Papinian sinde» wir in den„Justitu» tionen" des Rudolf So hm, Ausgabe IUI 1, S: 117— jeder Jurist besitzt dieses Buch: „WaS er im Leben gelehrt»nd verlangt hatte, daß nämlich das Unsittliche auch unmöglich dünken inline, besiegelte er mit seinem Tode: er fiel von den Schergen Earacallas, weil er den brudermörderiichcn Plänen des Tyrannen uner- schütterliche» Widerstand entgegensetzte." Das geschah anno 212. Tie Antwort des Earl Schmitt finde» wir in der Deutschen Juristen-Zeitung— jeder Jurist ist zum Bezug dieser Zeitung verpflichtet: „Ter wahre Führer ist immer auch Richter... Hitler schalst als oberster Gerichrshcrr nnmittelbar Recht.. DaS Richtenum des Führers entspring! derselben Rechtsguellc, der alles Recht jede» Volkes entspringt, dem LcbcnSrccht des Volkes Wir dürfen uns nicht blindlings ä» die jnri- stitchen Begriffe. Argumente nnd Präjudizien halten, die ein altes und krankes Zeitalter hervorgebracht hat. Tic Erschießung der Ernst Röhm und Genossen war darum „rechtens". Das geschah anno 4934. Von Papinian heißt cs'be! Sohm weiter: „De, berühmteste der römische» Juristen wa> als prae» fectus praetorio»ach dem Kaiser der erste Manu im Reich. Er vereinigte die ethische Kraft einer sittlich durchgcbil- detc» Persönlichkeit mit griechischer Eleganz und römischer Knappheit und Schärfe." An anderer Stelle: „Er weigerte sich, dem Verlange» dcS Kallers nachzukom- men mit den Worten: Ron tarn faeile parrieidinm cxcuiarl possc auain sie»,. Es ist nicht so leicht, einen Brndernrord zu entschuldige», als z» begehen." Bon Carl Schmitt ist vorderhand nnr z» berichtest, daß er die höchste Autorität der neuen deutsche» Jurisprudenz ist. ordentlicher Professor a» der Universität Köln preußischer Staatsrat und Mitglied des Präsidiums der Akademie für Deutsches Recht.. Reichssqchgrnpvc»ei.t.er„h.er, Fachgruppe Hochschullehrer im Fübrerrat des Blindes Narioycusziaisti» scher Deutscher Juristen, Was die Nachwelt, und dF Rechts- geschickte von ihm einst berichten werden...? Professor Dr. Carl Schnull ist nicht erschossen worden. Ob er allerdings nicht demnächst bzw. nächstdeni bei passender Gelegenheit erschossen werden wird. läßt, sich im Augenblick noch nicht absehen. Und auch der lapidare Spruch, mit dem er alsdann in die Ewigkeit eingehen wird, sieht»och dahin. m\ Uevermaim crtfranhl Professor Mar Liebermann, der große jüdische Maler, früher langjähriger Präsident der Preußischen Akademie der Künste, dem man aber zuletzt als Juden die Ausübung seines Berntes untersagt hat, ist ernstlich erkrankt. Er ist 87 Jahre alt. /Vach eine Amnesie" Hamburg, 29. Dezember. Der Neichsstaithaltxr Karl K a n fnra n» hat z u in W c i h- n a ch I S j c st eine größere Anzahl von Personen, die bis Mitte d c S Jahres 4 9 3 3 i n g eringf ü g i g# r Weise die kommunistische Partei villersintzl haben, bcgna- digt, da nach ihrer Persönlichkeit und ihrem Verhalten in der bisherigen Strafhast anzunehmen sei. daß es.sich um verführte und verhetzte B o l'k S g e o f j r n handle. ver große Ka'zenjammer „Es ist wenig übrig geblieben.. Amsterdam, 29 Dez. In einem Artikel über die Zustände in Deutschland schreibt der„Nieiuve Rvttsrdamsche Eourant":„Alles klagt und ivarnt. AVer Hilter schilttelt düster das Haupt. Es ist nichts zu tun. Eine Operation, die jctzr notwendig geworden ist die Abhalttcrniig der SS. nach der Abhalftcrung der SA.— ist bereits peinlich und gefährlich genug für die Aiiircchterbaltung seinerHerrschaft in der Partei." An anderer Sielte sagt das Blatt:„Ach. es ist wenig übrig geblieben von dem triuinphierende» Berlin. Das heutige nationalsozialistische Regime ist in eine Verteidigungsstellung gerate». Seine negative, unterdrückende Aktivität ist größer geworden als die positiven, schöpferischen Kräfte. Der Kampf gegen die sogenannten Nörgler nnd Kritiker wird in großem Stil geführt. Mit Hille eines raffinierten Spionagesnstcms werden die„Staalsscinde" festgestellt Wiche dein, der sich in einem Freundeskreis, der kein allzu vertrauter Freundeskreis ist. unvorsichtig ausläßt, oder bei öllenllichen Gelegeuhe^iten hei denen die Gespräche von allen Seite» belauscht werden, oder in geschlossenen Gesellschaften, in denen durch das Anbringen eines Mikro- Phons die Gespräche abgehört werden— ein unvorsichtiges Wort, und das Unglück ist geschehen. Der„Ttaatssellid" wird im günstigsten Fall in einem Konzentrationslager Mir einige Zeit unschädlich gemacht. Ii» günstigsten Fall! Denn nur z» sehr bekannt sind die Fälle, in denen man einlach ver- schwundcn ist. Eine geheime Polizei und ei» im Geheiinni tagendes„Volksgericht" fallen ein geheimes Urteil, da* sofort vollzogen wird. Die gleichgeschalteten Zeitungen berichtet nur. waS als erträglich für das Publik»», erachtet wird. Ucber den Reit hört und weiß n,ä» nichts!" ®uriÄs Qudfciodk Das sind so dir täglichen Sorgen falten des dritten Reiches", das um unsere ach so deutsche Rasse bemüht ist: In der Münchener Medizinischen Wochenschrift Nr. 46 hatts> Herr Dr. med. Tirala die Behatrptnng aufgestellt „Hochgradig Schwachsinnige, müssen sterilisiert werden, wenig ste in offener Fürsorge stehen. Bei dieser Sterilisation ist gleichzeitig die Unterbrechung der Schwangerschaft vorzunehmen, nachdem die Interruptionskommission ihre Einwilligung dazu gegeben hat..." Ilerr Dr. Tirala antwortet in förmlich beschwörender Form jetft in der neuesten Nummer des gleichgeschalteten medizinischen. Fachblattes (Nr. 48) Herr Mcdizinalrat Prof. II. Merkel, München, Schillerstraße. 25:..Der Antwort des Herrn Kollegen Tirala .... vermag ich mich als Gerichtsmediziner und als Mitglied eines Erbgesundheitsobergerichtes unter gar keinen Umständen anzuschließen. Die Erfahrung zeigt ja, daß namentlich leicht- und mittelscliu achsinnige Mädchen vorzeitig geschwängert werden, weshalb die Sterilisation aller frei- lebenden erblich Schwachsinnigen— bei freiwilliger An- tragstellung des geschlichen Vertreters— schon nach dem zehnten Lebensjahr sich empfehlen dürfte,[m vorliegenden Falle ist das versäumt worden und nun hat das Verhängnis seinen Lauf genommen, so daß dir beiden schwachsinnigen Mädchen geschwängert, worden sind. Sie können und müssen sterilisiert werden, aber erst, nachdem sie ihre Schwanger- schaft ausgetragen haben.... da ich es für ein heiliges und unantastbares Recht, der Mutter erachte, das Kind, das sie unter dem Herzen trägt, sich zu erhalten Ja. man kann Lyrik etwa wie Mostert(wie der letfte Satt aus jenem braunen Gelehrtenstreit beweist) auf eine Sache schmieren, die so„mittelschwachsinnig" ist, wie diese! Ob es nicht genau mit demselben Pathos auch ein heiliges und unantastbares Recht, cinrs zehnjährigen(!) menschlichen Lebewesens auf seine unverslümmeltcn Organe gibt, wenn man schon solche Weißbier-Moral in die düstere Angelegenheit hineintragen will? Aber so knuff das„dritte Reich" an der Rasse herum, ungefähr nie der Radioamateur an seinem Fünfröhrenapparat herumbastelt! Wann endlich kommt, die große, die politische ,.Interruptionsmission", und macht dieser Schwangerschaft, eines ganzen Volkes mit Unmenschlichkeit und Bestialität, die sich auch noch gebildet und wissenschaftlich gibt, den Abortus? Herr Martin Spahn hat in Köln die Studentenunruhen gegen die Tschechen angeführt. Ausgerechnet, Herr Spahn, der in Straßburg als kaiserlicher Professor als erster ausriß, als die Franzosen anno 1918 sich dem Rhein bedenklich näherten. Als ein weiterer Germancnlierzog solcher Sorte endet sich jetft Herr Paul Zsdiorlich, Kunstkritiker der .Deutschen Zeitung", die sich übrigens bald zu all den anderen schon Verschiedenen zur letjten Ruh' begeben wird, gegen den„Musikbolschewist" Adam Rerg, einen Oesler- reiclier, dessen großer Begabung die Opern.,Wozzek" und „Lulu" entsprangen, beide Ereignisse moderner Musikalität. Mit Hindemith hat die Half gegen alle, die auch noch andere, musikalischen Schmause als das Horst-Wessel-Lied Schapen, angefangen. Mit. Alban Berg, den Zschorlich aufs braune Korn genommen hat, solls nun weiter gehen. Herr Zschorlich nennt den Komponisten unter beträchtlicher Strapazierung seines treudeutschen Zwerchfells, mit dem bekanntlich jede Art von Zorn et zeugt, wird, einen„Kokctinisten- Musiker"; sein Werk sei„musikalischer Bolschewismus in Reinkultur", kastrierte Musik, die um eine Dirne herum- geschrieben ivurde".... Ob Paul, oh Zschorlich? Denkst Du noch daran, wie Du in jener Zeit, zwischen der und. unserer jetzigen die berühmten vierzehn Jahre der Schande liegen, dereinst in Warschau eintrudeltest, bei der Presseabteilung des damaligen Kaiserlich Deutschen Generalgouvernements? Solltest-Du es nicht mehr wissen, Baule, wie die Preußen Dir eine Kommißhose verpaßt halten, die. hinten geradezu siebenhäutig war? Weißt Du nicht mehr, wie Du Deine Knarre nahmst, sie in die Ecke knalltest mit der historischen Bemerkung, für Dich sei nun der ganze. Mist erledigt. Immerhin war das das Jahr 1916 und die Kameraden mußten noch länger als zwei Jahre warten, ehe auch sie den Mist so radikal erledigten, wie Du. Du warst kerngesund und diele gefuttert; draußen aber lag mancher, den sie schon krumm geschossen hatten, und auch mancher, der schon auf halber Lunge pfiff■ Keiner war so kavau wie Du. germanischer Edeling! Weißt Du gar nicht mehr, wie Du für den Bolschewismus damals schwärmtest, wie Du dem Trotfki den Daumen hieltest, als er in der Nachbarschaft Brest-Litoivsk mit den Kühl- und Hoffmännern nicht mit dem Frieden zu Rande kommen konnte? Du solltest Dich nicht mehr erinnern. wie Du später, als Du troff Deiner ganz„gemeinen" Soldatenfunktion doch.als Pressemann sozusagen für bedingt hoffähig erklärt worden warst, oben im Kasino die Front der Frieden.um-jeden-Preis-Männer gegen die immer noch sieg friedenswütigen Majore, wacker gehalten hast? Lebte Karl Busse noch, unser liebster Kamerad von damals, der Dichter so herrlicher deutscher Lieder, er würde Dich eher am Karl-Marx-Institut in Leningrad, denn in der Bai- likumrcdaktipn der Deutschen Zeitung vermuten, wo Du, ausgerechnet Du. jetft. den„Kultlirbolschewismus" tötest! Und das mit der ,.Dirne"... Baule, Baule, sei. um Gottes- willen vorsichtig gerade bei diesem heiklen Thema! Die Warschauer Mädchen könnten sonst reden; ob sie alle arisch wären, die da aufständen, wäre noch sehr die Frage, Dies schreibt Dir einer, lipber Paul, der Dich damals so genau kennen gelernt hat. daß ihn nichts mehr wundert, auch nicht. Deine Anti-Berg-Kritik! Wir legen Dich und Deinen Fall mit zu den Akten derer, die uns die große Verachtung der Menschen Deiner klebrigen Sorte gelehrt haben. F. E. Roth. BBIIPKASTI »einer»od andere. ES freut uns, tum drinnen fo gute und einmütige Urteile über die„Deutsche Freiheit" und die„Sozialistische Aktion" zu hören. Ihr schreibt». a.:„Wer unsere Zeitungen einmal bekommen Hot, lehnt meistens gewisse primitive rein hetzerische und schlecht informierte Druckerzeugnisse ab, die in Teutschland selbst illegal hergestellt werden." Wir möchten dieses scharse Urteil nicht ganz übernehmen. Immerhin ist richtig, daß geistig und technisch in der Emigration bessere Zeitungen hergestellt werde» können als drinnen. Wir wünschten»nr, die Emigration leistete theoretiich zur Vorbereitung der kommenden Dinge mehr, alS eS bisher geschieht. Daß Ihr Such so gut und erfolgreich gegen die Gestapo und ihre Spitzel abdichtet, ist erfreulich. Euer Ehrgeiz ist nicht, mehrere Garnituren Illegale in die Gefängnisse und Zuchthäuser zu schicken, sondern sie in der sehr begrenzten„Freiheit" des„dritten Reiches" arbeiten zu lassen. ®r i et kästen Bernhard T'ebold. Nach der jüngsten Nummer der„Deutsche» Presse" hat man Tie feierlich aus der Mitgliederliste des„Reichs-- Verbandes der deutschen Prcge" gestrichen. Nichts ehrt sie mehr. Sie haben sich im Zuge der Gleichschaltungsaktion als charokrcrfest erwiesen, obwohl man Ihnen trotz nichtarifcher Gattin Gelegenheit gegeben hotte, Ihre Arbeit als Theaterkritik?! der„Frankiurier Zeitung" iür Berlin fortzusetzen. Ihr kiitturbolichcwistischer Kollege Herbert Jhering bewährt sich täglich mehr im„Berliner Tageblatt" als treuer Diener seiner bronnen Herrn. Wenn dieses Blott jetzt durch seinen Verlans offen nationalsozialistisch wird.!o wird Herbert Jherings Vertrag nach Verdienst unangetastet bleiben. Se>nnli