Nr. 6— 3. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, 8. Januar 1935 Chefredakteur: M. Braun llitlcr bciürditct Teilung des Saargcbids! DerFührer 1 entsendet einen Parlamentär Ins rote Hauptquartier nadi Saarbrüchen Verhandlungen mit dem Führer der Volksfront Flax Braun Bestätigt An anderer Stelle berichte« wir über de« gewaltigen Aufmarsch der Volksfront, de« gestern das Saargebiet zur Freude und znm Stolz aller Hitlergcgner und zum Staunen der sogenannten„deutschen Front" erlebte. Bewies diese Kundgebung die äußere und innere Kraft der Volksfront, so zeigte eine Hochpolitische Rede ihres Führers Max Braun am Sonntagabend im Straß- burgcr Rundfunk die innere Unsicherheit der„deutschen Front" und ihrer Reichsregierung gegenüber der Saarfrage. Die Welt erfuhr aus dieser Rede, daß ein führender gleichgcschalteter Journalist Dr. König als Parlamentär Hitlers in das rote Hauptquatier nach Saarbrücken gekommen ist, um mit dem Marxismus hochofsiziell zu verhandeln. Zur Verhinderung einer Teilung des Saargc- bietes, die infolge der, national betrachtet, geradezu verbrecherischen Politik, der derzeitige« deutschen Machthaber als furchtbare Gesahr vor«ns steht. Ma» lese, was Max Brau« berichten konnte, und man könnte sich im ersten Augenblick fragen, ob ein solcher Augstruf aus Berlin wirklich möglich war. Aber die Tatsache der Berhandlunaen wird heute durch den Saarbevollmächtigten des Reichskanzlers bestätigt. Er bestreitet nicht, das, Dr. König, der frühere Führer der nationalsozialistischen und gleichgeschalteten Presie im Saargehict und heute noch Mitglied der„deutschen Front", die Verhandlungen mit Max Brau« gehabt hat, sondern nur, dast Dr. König von dem Saarbevollmächtigtc« dazu beauftragt worbe« ist. Wie mau sieht: ein rein formales Dementi! Es wird auch schon dadurch erledigt, daß auch nationalsozialistische Unterhändler an den sozialdemokratische» Landesratsab- g,ordnete« Lieser herangetreten sind. I« beide« Fällen dieselben nationalsozialistischen Erklärungen: wir lüge» die Welt an, wenn wir euer Deutschtum bezweifeln! Wir wiffen, dast Ihr nicht des einslnßlofe Häuslein seid, von dem wir in Runkfunk«nd Presie schwindeln. Sagt«ns doch um Himmrlswillen, wie wir uns mit euch verständigen können. Die Antwort war eindeutig: Nieder mit Hitler! Nieder mit der Diktatur! Freiheit Für Deutschland! Das ist die Losung, die mit einem Schlage die ganze Saarsrage löst und das ganze Gebiet nud alle seine Bürger geschloffen zu Deutschland zurücksührt. Die Verhandlungsfühler der Reichsregiernng hatten nur einen Wert: die Schwäche der Position unseres Gegners zu zeigen. Die Bolkssront wird in dieser Woche ihre ungestümen Angriffe noch verdoppeln. Im Kamps für den Status quo wird sic siege» gege« Hitler für Deutschland. Max Branns Enthüllungen Im Straßburger Rundfunk hat gestern abend Max Braun folgende aufsehenerregende Enthüllungen gemacht: „Vor einigen Wochenchat der Saar-Kommiffar des Dritten Reiches, Jose? Bürckel, seine rechte Hand, den früheren Pressechef der„deutschen Front", Dr. König, nach Saarbrücken geschickt, der durch einen Kollegen von Max Braun um eine Unterredung mit Braun selber bat, die er auch erhielt. In einer etwas mehr als zweistündigen Unterhaltung erklärte Dr. König, daß der Führer außerordentlich bedauere, daß er im Reichstag im März 1933 die„Bolksstimme" und Max Braun als Landesverräter bezeichnet habe und baß in der Propaganda der„deutschen Front" immer wieder der Ausdruck„separatistisch" gegen die Status-quo-Bewegung. insbesondere aber auch gegen die„Volksstimme" und Max Braun gebraucht wurde. «Sie alle seien, sowohl t« Neustadt wie am Rundfunk in Stuttgart und auch i« Berlin restlos davon überzeugt» daß das Deutschtum der Status-qno-Anhäuger, sowohl der Soztalifteu, wie der Kommunisten und auch der Katholiken gar nicht in Zweifel gezogen werden könne, aber er bitte darum, zu begreifen/daß in der Propaganda sehr oft die Linie überschritten werde, die j ich mit der Wah^Hcr-i p^rechuba-xc-» t-a^4L. Weil man in den maßgebenden Stellen davon überzeugt sei. daß das Deuschtum der Status-quo-Anhänger nicht angetastet werden könne, habe man den Mut gehabt, ihn zu entsenden, um die Situation an der Saar noch einmal zu überprüfen, um mit den Status-quo-Anhängern, bzw. Max Braun, die Fühlung aufzunehmen, da die Gefahr bestehe, daß das Saargebiet geteilt werde. Man wisse tn Berlin, man wisse auch in Neustadt durchaus, daß der Ausgang der Abstimmung noch absolut z w e i s e l h a s t sei. Jedenfalls sei klar, daß sich gegenüberstehen würden: eine kleine Majorität und eine große Minorität, und wenn sie auch selber annehmen, daß sie die kleine Majorität und die Status-quo-Anhänger die grobe Minorität darstellen würden, so sei ihnen natürlich durchaus bekannt, daß die Gegenseite der gegenteiligen Auffassung sei, und niemand sei in der Lage, heute zu sagen, wer Recht habe und wer nicht. Das berge aber die große Gesahr der Teilung in sich, und deshalb sei er gekommen, um Max Braun zu fragen, ob er bereit sein würde, einen hohe» Führer aus der nächsten Umgebung des Reichskanzlers, der mit großen Kompetenzen kommen werde, z« empfangen«nd anzuhören. Der Mann werde einige Vorschläge unterbreiten, die in der Richtung der Wahrung der nationalen Belange des Saargebietes liegen sollten und er werde dazu alle Vollmachten haben, um im direkten Auftrag des Führers jede Art vo« Vereinbarung zu treffen, die einer Teilung des Gebietes ent- gegenwirke« könnten. Als Max Braun ihm erklärte, daß ein solcher Besuch ganz überflüssig sein werde, wenn der betreffende Abgesandte versuchen sollte, die Anhänger zu einer Abstimmung für Hitler zu bewegen, was niemals in Frage kommen könne, machte Dr. König eine Andeutung, daß es auch noch andere Wege gäbe, um eine Teilung z« verhüten und daß auch der Status quo eine deutsche Lösung darstelle, der ja ganz zweifellos durch eine spätere Abstimmung für Deutschland abgeändert werden könne. Daran habe man auch in Berlin und in Neustadt keinen Zweifel. So sei es ja möglich, auf einer anderen Basis zu verhandeln, doch wolle er dem Abgesandten Hitlers selbst nicht vorgreifen. Er habe nur erfahren wollen, ob der Mann verschlossene Türen finden oder ob er empfangen werden würde. Zu gleicher Zeit deutete er darauf hin, daß man sich ja auch vorstellen könne, daß ein Teil der„deutschen Front" weiße Zettel abgebeu würde, um eine überwältigende Majorität für den Status quo zu sichern, wodurch die Teilung vermieden und die spätere Rückkehr der Saar nach Deutschland gewährleistet würde. Max Braun erklärte chm, daß er bereit sein würde, einen Vertreter der Reichsregierung zu empfangen und anzuhöre», daß er aber nach keiner Richtung hin irgend eine weitergchende Erklärung abgeben könne und daß er jede weitere Initiative in der Richtung der Sicherung eines Ab- stimmungsergebnisies, das eine Teilung verhüte, die Regierung des«dritten Reiches" überlassen würde. Diese Unterredung hat in Gegenwart eines Zeugen statt gefunden, nämlich des Redakteurs Schulte von der„Bolksstimme", der von Anfang bis zu Ende die Unterhaltung verfolgte, sich darüber Notizen machte und unmittelbar nach der Unterhaltung ein Protokoll angefertigt hat, so wie es Braun im Rundfunk mitteilte und dies veröffentlicht wird. Wie aus dieser Unterredung ganz zweifellos hervorgeht und wie Braun in seiner Rundfunkrede auch betonte, ist von Siegeszuversicht im„dritten Reich" nichts zu merke«, weder in Berit« noch in Neustadt und privat pflegt man sich auch über den Gegner, wie Figura zeigt, anders auSzulasien, als man es in der Propaganda beliebt. Etwa 10 Tage später hat der frühere Staatskommiffar der bayerischen Regierung für das Saargebiet, Oberregierungsrat Dr. Binder in Waldmohr, der auch die bayerische Regierung bei den Saarverhandlungen im Jahre 1930 in Kares vertrete»,^attc, eine Unterred«» mit hem Amtliche Kundgebung betreffend Vertagung der Hauptverhandlung in der Strafsache gegen Pirro und Genossen Saarbrücke«, den 4. Januar 1935. Anläßlich verschiedener in der Presie und in öffentliche« Versammlungen gemachten Andeutungen betreffend die Vertagung der Hauptverhandlung in der Strafsache gegen Pirro und Genossen hat der Herr Präsident des Obersten Abstimmungsgerichtshoses an den Herrn Präsidenten der Regierungskommission am 4. Januar 1935 unter Nr. T. B. 834/33 R. folgendes Schreiben gerichtet: „Herr Präsident! In der Angelegenheit der Vertagung der Hanptverhand« lung in der Strafsache gegen Pirro und Genossen beehre ich mich, Ihnen auf Ihre Anfrage mitzuteilen, daß ich die Vertagung innerhalb meiner Zuständigkeit vollkommen und ausschließlich aus eigener Initiative und auf eigene Verantwortung angeordnet habe. Der Präsident des Obersten AbstimmungSgerichtshofeS: gez. Gall_t^ nitlerdcutsdie Orenel Die Mutter eines hingerichteten Kommunisten zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt Das halbamtliche Deutsche Nachrichtenbüro verbreitet einen halbamtlichen Bericht, den wir ohne Kommentar wirken lassen: Bor dem Berliner Schöffengericht fand am Samstag die Ermordung des Hitlerjungen Schmitzberg ei« gerichtliches Nachspiel. Schmitzberg wurde im März 1983 im Grünewald hinterrücks erschossen. Als Mörder wurdcn die jugendlichen Kommunisten R o ch o w«nd Otto W o i t h e ermittelt, znm Tode verurteilt und hi«gerichtet. Nach der Hinrichtung ihres Sohues verbreitete die 81jährige Fran Woithe die Behauptung, der Obersturmbannführer A. habe den Hitlerjungen«nd auch ihren Sohn auf dem Gewissen. Er habe Rochow zu der Tat angeftistet und er habe bei der Schwurqerichtsverhand- lung falsch geschworen. Fra« Woithe hatte sich deswegen setzt vor dem Schöffengericht wegen verleumderischer Beleidigung z n verantworte«. Sie konnte für ihre Behauptungen keinerlei Beweis erbringen und wurde wegen verleumderischer Beleidigung zn sieben Monate» Gefängnis verurteilt. demokratischen Abgeordneten im Landesrat, Lieser, nachgesucht. In dieser Unterredung hat Dr. Binder ungefähr die gleiche« Gedanke»gänge entwickelt wie Dr. König bei Max Braun uud hat dabei einleitend bemerkt, daß es keine größere Dummheit und Unwahrheit gebe, als den Gegner« Hitlers an der Saar ihr Deutschtum uud ihren Patriotismus abzusprechen. Er selbst kenne ja doch aus langjähriger SaarpraxiS eine« großen Teil der führenden Herren aus den verschiedenen Lagern des Status quo und ebenso wie er seien auch die bayerische und die Reichsregierung davon überzeugt, daß es sich an der Saar nicht um einen Kampf«m Deutsch, land, sondern um einen Kampf gegen Hitler handle. Er bemerkte bann, daß cs doch außerordentlich schmerzvoll sei, daß Deutsche gegen Deutsche ständen und daß die Gefahr der Teilung außerordentlich groß sei. Er höbe sich deshalb entschlossen, zu Herrn Lieser zu kommen, um mit ihm einmal über die Angelegenheiten zu sprechen, auch auf die Gefahr hin, daß er damit etwas tue, was den Anschein erwecken müsse, daß man auf Seiten der Regierung des„dritten Reiches" keineswegs zuversichtlich sei in bezug auf den Sieg bei der Saarabstimmung. Aber es müsse doch versucht werden, das Saar gebiet ungeteilt zusammenzuhalten«nd er frag« Herrn Lieser, ob es dafür keine Möglichkeit gebe. Als Lieser ihm erklärte, Hitler müsse zurücktrete«, und aus Deutschland müsse wieder eiu Rechtsstaat werden, dann würde» die Sozialisten «s LommuniLey. die ganze Einheitssront, für Deutsch, Vorwärts! Diesen von ihm verfaßte Gedicht trug Erich ! V ei n e r t auf der Kundgebung unter stürmischem Beifall der 150 000 vor: Kameraden, noch ist das Saarland frei Bon Folterkaserne«, Sklaverei Und Rasseparagrasen. Gesittung nnd Freiheit sind drüben zerstört. Und wer das für recht hält, der gehört Zu de« geborene« Sklave«! Di« Saar'st deutsch! heißt ihre Parole. Wer hat das jemals bestritten? Auch ihr nicht. Ihr hättet es nie gelitten, Daß sie ei« anderer hole! Ihr, Arbeiter, Bauern und Mittelstand, Sozialisten, Inden und Christen, S>e sagen, ihr hättet kein Vaterland, Und schimpfe« euch Separatisten! Ihr wißt, wie euer Vaterland heißt: Deutschland! Und das wird es bleibe«! Doch was sich dort drüben als Deutschtum preist, Das ist nicht Geist von eurem Geist! Das ist der Feind, der gegen euch hetzt! Denn Dentfchland ist hente vom Feind besetzt! Und den gilt es z« vertreiben! Unser Dentschland, das ist nicht der braune Gott, Richt Phrasen-«nd Fackelparaden, Unser Dentschland ist nicht das graue Schafott Hinter buntbehängten Fassaden— Unser Dentschland, das ist die leidend« Maste, Z« kommandierte« Statisten degradiert, Die«nterirdisch, i« schweigendem Haffe Krieg gegen ihre Bedrücker führt! Und dieses Dentschland wird bald erwachen, An einem stürmischen Tag! Und die Barbarei wird znsammenkrachem Unter dem ersten Schlag! Und ei« nenes Deutschland ersteht im Gefecht, Ein Dentschland des Wohlstands, für F r e i h e i t und lR echt r Bon diesem Vaterland, Kameraden, Scheide euch keine Grenze mehr! Doch für Pogrome, Foltern, Paraden Gebt enr« Heimat niemals her! Die Zahl der Verblendeten ist noch groß, Der Einfältigen«nd der Feigen. Macht ihnen Mut znm Gegenstoß! Reißt sie von ihren Beschwätzern los! Ihr habt die Pflicht, nicht z« schweigen! Arbeiter, Bauern«nd Mittelstand! Sie soll'« sich di« Zähne ausbeiße«! Haltet der blutige« Brandung stand, Ans der letzten Schanze im Vaterland!' Die fall'» sie euch nicht entreißen! Einheitsfront wachse! Es kommt der Tag! Euer Sieg wird der Todesstoß sei«! Bon hier aus führt den entscheidenden Schlag! Und der heißt: Dentschland befrei«! land stimmen, meinte Binder, daß dieser Vorschlag seine Kompetenzen weit übersteige. Dann erklärte Ihm Lieser, daß die t ö r I ch t e Außenpolitik des„dritten Reiches" leider immer wieder den von uns gespielten Ball einer Vertagung der Abstimmung um mehrere Jahre nicht aufgcsangen und gespielt habe und sich deshalb heute selbst die Verantwort- tung dafür zuichreiben müsse, daß nunmehr die Abstimmung steigen müsse. Aber es gebe noch eine andere Möglichkeit: das wäre die, daß di«»deutsch« Front" für den vorläufigen Status quo stimme, dann bliebe das Land ungeteilt zusammen und werde später, nachdem der Völkerbundsrat die zweite Ab- stimmung gesichert habe, nach Deutschland zurückkehren. Daraus erklärte Herr Binder, eine Abstimmung der„deutschen Front" für den Status auo sei für die„deutsche Front" selbst als Parole sehr schwierig herauszugeben. Aber er habe einen anderen Vorschlag, der dahin gehe, daß die„deutsche Front"«ntmeder insgesamt ober teilweise weiße Zettel abgebe nnd damit eine überwältigende Mehrheit des Statns quo gesichert werde. Er selber bitte Lieser, einigen führenden Parteigenossen der Einheitsfront von der Unterredung Kenntnis zu geben und eine, neue Besprechung vorzubereiten, bei der er dielen Gedanken weiterspinnen wolle. Lieser sagte ihm das zu mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß er sich i r d e Auswertung dieser Besprechung, auch nach der propagandistischen Seite bin. vorbehalten müsse, was Binder ihm mit der Erklärung, daß er bas ja sowieso nicht verhindern könne, zubilligte. Auch darüber existiert ein unmittelbar nach der Unterredung angefertigtes Protokoll, das jetzt veröffentlicht wird. kiii Zwischenspiel Ausweisung des Prinzen Löwenstein und Zurücknahme der Ausweisung In Saarbrücken gibt Prinz Hubertus zu Löwen- stein, der bekanntlich Mitglied des Reichsbanners war und häufig als Redner für diese republikanische Organisation auftrat, eine Wochenschrift heraus„Das Reich". Er zeichnet aus Herausgeber. Die Rcgierungskommisfion hat nun am Samstag seine Ausweisung verfügt, da er sich als Emigrant im Saargebiet nicht politisch betätigen dürfe. Kurz darauf wurde die Ausweisung zurückge- «omme». vermutlich, weil Prinz Löwenstein sich verpflichtet hat, auf eine politische Betätigung im Saargebiet >» verzichten. Lavals Intervention beim Papst Genen die Beeinflussung der Ahsilmmung durdi die Disdiöle Parts, 7. Januar 1935. Die Pariser Presse beschäftigt sich eingehend mit dem Besuch Lavals beim Papst. Diesem Besuch wirb im Zusammenhang mit der Saarabstimmung größte Bedeutung bei- gemeffen. Die Presse erklärt, der Papst und Laval seien sich einig in ihrem Willen, alles zu tun, um der Welt den Frieden zu erhalten. Man ist nun in maßgebenden Pariser Kreisen der Meinung, daß der Heilige Vater um des Friedens willen mitunter sogar Hitlerdeuischland gegenüber nachgiebig gewesen ist. Man weiß, daß d'e Geistlichkeit im Saargebiet, die de« in Preuße« residierenden Bischöfen von Trier«nd Speyer«nterstellt ist, jetzt gezwungen wird, tm Berliner Propagandaministerium ausgearbeitete Aufrufe zn unterzeichne«, weil, wenn sic dies nicht täte, ihre Amts, nnd Glaubensbrüder i« HKlerdeutschland in Gefahr für Leib und Leben käme«. Man kennt auch in Paris manch«« Ramen von katholischen Saargeistlichen, deren Unterschrift i n diesen Tage» erpreßt wnrde, und die ans ihrer Gewissensnot keinen Hehl gemacht haben. Man weiß aber schließlich auch, daß der Papst die strikte Neutralität der katholischen Kirche im Saarkampf angeorbnet hat, und es herrscht in allen hiesigen politischen Kreisen nur eine Meinung, daß diese Neutralität in den letzten Tagen in unerhörter Weise verletzt worden ist. Darum darf man sich nicht wundern, wenn ein so st r e n g katholisches Blatt wie der„Figaro" sagt, es werde schwierig erscheinen, von einer unabhängigen und ehrlichen Volksabstimmung zu sprechen, nachdem die Bi'chöf« und die Geistlichkeit, deren Einfluß in rein katholischen Gegenden groß sei, offen in de« Wahlkamps eingegriffen hätten. Aehnlich äußert sich der„Excelsior". „Jour" stellt die Frage, ob die deutschen Bischöfe hätten eine so schwerwiegende Initiative ergreifen können, ohne davon vorher den Papst zu unterrichten. Es heißt dann weiter:«Laval wird sicherlich nicht verfehlen, gelegentlich seines Besuches im Vatikan darauf zurückzukommen." Wie wir aus sicherer Quelle wissen, ist Laval von Paris aus genau über die letzten Vorgänge an der Saar, über die Kundgebung der Dechanten usw. unterrichtet worden. Wie wir weiter hören, weiß der Papst, daß der franzöfische Außenminister aus. diesen Vorgang eingehen«nd mit setner Mißbilligung über den von der katholischen Geistlichkeit begangene« Neutralitätsbruch nicht zurückhalten wird, der um so schwerer wiegt, als Frankreich, das doch ebenfalls an der Saar interessiert ist. sich in dem jetzigen Abstimmungskampf völlige Zurückhaltung auserlegt. Ma« rechne« h««r damit, daß die Unterredung zwischen Laval «nd dem Heilige« Vater zur erwünschten Klärung führen wird. Wladimir d'Ormesson selbst weist im„Figaro" aus den Ernst der Situation hin. Er sagt, es handle sich an der Saar nicht nm religiöse oder katholische-Interessen. Es handele sich einzig und allein um eine politische Frage. „Mögen die deutschen Bischöfe," so sagt der bedeutende französische Journalist, der selbst ein strenggläubiger Katholik ist,„im Herzen ein positives Ergebnis der Abstimmung wünschen, wir haben dagegen nichts einzuwenden. Aber, daß sie kraft ihrer moralischen Autorität, die ihnen ihr bischöfliches Amt verleiht— und diese Autorität ist gegenüber der katholischen Saarbevölkerung beträchtlich— das Gewicht ihres Bischofsstabes in die Waagschale werfen, das ist nicht mehr eine normale Geste ihres Amtes, sondern eine Geste rein politischen Druckes, die offen die Neutralität verletzt, die für die Abstimmungsfreiheit unerläßlich i st. Angesichts dieser außerordentliche« Kundgebung scheint es, daß der Heilige Vater zumindest die Macht hat, den saarländischen Katholiken vor Augen zu halten, daß, wenn die Bischöfe im Reich geglaubt haben, diese Haltung einnehmen zu müssen, sie dies nur als deutsche Bürger getan haben, aber nicht als Bischöfe, das heißt, als Seelenhirten, deren Amt einzig und allein von der römischen Kirche herkommt und die sich nicht in eine politische Volksbefragung einzumischen haben, die In der internationalen Politik ihren Ursprung hat." Bischöfe and Abstimmung Protest der Abstimmungskommission Die AbftimmnngSkommission hat am ö. Januar-ernen Bries folgende« Inhalts an die Bischöfe von Trier und Speyer gerichtet: „Ew. Exzellenz beehr« ich mich, von folgendem in Kenntnis zu setzen. In einer Erklärung, die am 3. Januar in hiesigen Zeitungen erschiene««nd hier beigefügt ist, haben die Dechanten des SaargebieteS, wie Ew. Exzellenz ersehen werden, unter Hinweis aus eine« Erlaß Ew. Exzellenz und des Bischofs von sSpeyers Trier Stellung genommen bezüglich der Frage, über welche die Abstimmungsberechtigte« bei der Volksabstimmung z« stimmen haben, uud zwar in einer Weise, die als eine klare Stellungnahme zugunsten der Rückgliederung an Deutschland anzuseyen ist. Die AbftimmnngSkommission— im volle« Bewußtsein ihrer Pflicht, dafür Sorge zu tragen, daß die bevorstehende Volksabstimmung dem freien und nnbeeiuslußten Willen der Stimmberechtigten entspreche— kann«nd darf die Tatsache nicht ans dem Auge lassen, baß diese Stellungnahme der Geistlichen im Abstimmnngskampf eine B e e i n s l«s s u n g mit sich bringen kann derart, die Freiheit der Abstimmung z« gefährden. Als eine derartige Beeinflussung maß die Kom» misston auch den Erlaß der Bischöfe der Kölner Kirchen» proviuz vom 86. Dezember 193t betrachten, betreffend das Gebet in allen Kirchen anläßlich der Volksabstimmung nm 13 Januar, wenn dieser Erlaß so zu verstehe» ist, daß er sich auch auf die Kirchen im Saargebiet bezieht. Die Kommission glaubt, annehme« zu könne», daß Ew. Exzellenz gegen die Veröffentlichung dieses Schreibens, dog den Standpunkt der Kommission zu« Ausdruck bringt, in der Presse des Saargebietes nichts einzuwenden haben dürsten Ew. Exzellenz wolle» de« Ausdruck meiner vorzüglichste« Hochachtung entgegennehmen. Der Präsident der Abftimmungskommission: jgez.j A. E. Rodhe." Vor allem Irene dem Glauben! Paris, 7. Januar. Der„Matin" läßt sich von seinem Korrespondenten beim Valikau meiden:„Ter Papst empfing am Sonntag etwa 40 junge deutsche Handwerker, die einer Bewegung angc- hören, die in Rom von dem deutschen Katholiken AdoJ Kolping gegründet wurde. Der Papst sagte in seiner Ansprache an diese deutschen Katholiken unter anderem folgendes:„Ueber unsere historischen und für den christliche» Glauben gefährlichen Zeiten, wo man daß Ncuheidentum auf den Thron setzen will, was würde da Adolf Kolping gesagt haben?" Er hätte gesagt:„Treue dem Vaterland, aber vor allem Treue der christlich katholischen Religion, und das sage ich Euch heute wieder« m." Pfarrer Bungerten Ein Priester mit Zivilcourage Wir berichteten, daß der katholische Pfarrer-B« n g a r t-e n Saarbrücken-Malstatt sein Amt als A u fsicht sra ts- vorsitzender der früher katholischen, jetzt gleichgeschalteten„Saarbrücker Landes-Zeitung" niedergelegt bat. Tie„Saarbrücker Landes-Zeitung" vervnß einige Krokodilstränen darüber, worin sie die großen Verdienste Pfarrer Bungartens um ihre Zeitung etwas aufdringlich hervorhob. Pfarrer Bungarten gibt der„Saarbrücker LandeS-Zei- tung" jetzt eine würdige Antwort, die das Blatt an versteckter Stelle abdruckt: 1. Tie betreffende Mitteilung war in keiner Weise von mir veranlaßt. 2. Ich habe mein Ausscheiden aus dem Ausfichtsrat«. a. damit begründet, daß die Haltung der„Saarbrücker Landes-Zeitung" nicht mehr meine Billi- g il n g findet. 3. Bezüglich meiner Stellung zur„Neuen Saarpost" und zum Bolksbund habe ich in der Oeffentlichkeit nichts abzuleugnen und zu bemänteln, nichts zu bejahen und feierlich zu beteuern. Auch habe ich cs nicht nötig, nach 21jähriger Tätigkeit im Saargebiet meine deutsche Gesinnung unter Be- iveis zu stellen und feiern zu lasse». Tas mögen andere tun, die es nötiger haben als ich. Was ich war, bleibe ich. gez. Bungarten. Die Illegalen rn len? Für die Freiheit der Saar— Für Status quo Die Abstimmnugöparole der saarländischen Sozialdemokratie für den Status qno ist nunmehr durch internationale Garantien einwandfrei als Bekenntnis für Dentschland gegen die Auslieserung des Saarvolks an das Gewaltregime des„dritten Reiches" anerkannt. Für alle Welt steht hente fest: die Annahme des Status quo sichert dem Saarvolk die spätere Rückkehr in«in freies Dentschland durch nochmalige Abstimmung in freiem Entschluß. Daher findet die AbftimmnngSparol« der saarländischen Sozialdemokratie di« volle Zustimmung aller, die heute illegal i« Deutschland für die Herstellung deS Rechts»nd die Wiederkehr der Freiheit gegen den Faschismus im Kampfe stehen. Gegen den Faschismus, der seit dem 30 Juni 1934 auch mit dem Blute seiner eigenen Anhänger besudelt, nackt vor den Angen der Welt steht als Sinnbild brutalster Gewaltanwendung und grausamster Bedrückung der eigenen Volksgenosse«. Wer am 18. Januar im Saargebiet für den Status qno stimmt, stimmt zugleich für die Freiheit in Denschland, für di« friedliche Zukunft des deutschen Volkes, für seinen wirtschaftliche« Wiederaufstieg inmitte« derBölkereinesbesriedetenEuropas, gegen Barbarei und Unkultur. Deshalb siub die Augen aller Deutsche», die die Freiheit liebe«, auf den Abstim- mnngskamps an der Saar gerichtet. Am 18. Januar schmi^-^ das Volk an der Saar an seinem eigenen und au^kentsch« lands Schicksal. Deshalb rufen wir ihm im Ramen aller mundtot gemachten deutschen Volksgenossen z«: Entscheidet Euch am 18. Januar für Eure eigene Freiheit und für die Freiheit des dentschen Volkes! Stimmt für den Statns qno! Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Eine„große Korrnpltonsaltörc“ Und ihr Ende Aus Berlin wird gemeldet: Gegen das Urteil des Berliner Landgerichts vom 23. Juli, durch das der frühere preußHche Ttaatsminister Hirr- liefe» von der Anklage der Untreue freigcsprochen wurde, hatte der Staatsanwalt Reviiion eingelegt. Er hat diese Revision jetzt zurückgezogen; damit ist das freisprechende Urteil rechtskräftig geworden. » Der Katholik und Zentrumsminister Hirtsiefcr ist, wie zahllose seiner Glaubensgenossen, über anderthalb Jahre als korrupter„schwarzer Bonze" diffamiert worben. Er wurde von den Nazis in einem Prangerzug durch die Stadt Essen geführt und dann ins Konzentrationslager verschleppt, wo er sich wegen seiner Religion Verhöhnungen und Mißhandlungen bieten lassen mußte. Warum? Wofür? Run zeigt sich, baß alle» erlogen war. Nur der Katholik nnd Republikaner sollte aelroffen werde«. Das Freiheitsheer der 150 000 Der Sonntag des gewaltigen Aufmarsches in Saarbrücken Auf dem Kieselhumes Um zwei Uhr begann der Platz sich zu füllen. Zuerst stand -te große Trcppcnempore im Hintergrund voller Men- schcn. Kops an Kopf, als noch auf dem Platz alles durcheinanderlief. Bald aber staute es sich auch dort. Ter OrdnungS- LieM hatte mit Seilen und Handketten eine Absperrung «pktte« durchs Feld gezogen, die in. Gestalt eines riesigen LdreuzeS die unübersehbaren Mafien in vier Blöcke zerlegte. Kopf an Kopf standen fie da. Es wurde drei Uhr, es wurde halb vier, cs wurde vier Uhr. und immer noch marschierten die Züge durchs Tor. Die braune Front hatte geglaubt uns einen Streich zu spielen, als sie den Strom abschnitt. Aber der heimtückische Plan hatte eine Wirkung, die die Herren wohl nicht erwartet haben. Indem sie dadurch den Versammlungsbeginn verzögerten, gaben sie den durch die Stadt ziehenden Mafien Zeit und Gelegenheit, hercinzukomme» und sich aukzustelleN. Um halb vier Uhr mögen es etwa 100 000 gewesen sein, die den Platz besetzt hielten und noch marschierte und marschierte sie. Ringsum leuchteten von gewaltigen roten Spruchbändern, die das Feld umsäumten, die Parolen der Einheitsfront:„Für Deutschland— Gegen Hitler"—„Alle für dem Status aus". Ein gewaltiges 20 Meter hohes Transparent an der Stirnseite des Feldes vcrkünoete die suggestive Parole:„Das Kreuz ins erste Feld!" Davor erhob sich die mächtige, rot ausgeschlagene Rednertribüne. Auf der gegenüberliegenden Feldseite war ein schwarzer Katafalk für die Totenehrung aufgebaut. Schließlich entschloß sich die Bersammlungsleitung, die Versammlung auch ohne Lautsprecher zu beginnen. Mit mächtiger Stimme gab Genofie Hey die verschiedenen niederträchtigen Sabotageakte bekannt. Ein Sturm von Pfuirufen der empörten Mafien war die Antwort. Dann begann der Fahneneinmarsch. Ein leuchtender Zug roter Fahnen bewegte sich durchs Feld. Ringsum standen die Mafien, die Fäuste erhoben und aus hunderttausend Kehlen brauste da» Lied:„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" über den Platz. War schon der Jubel und die Begeisterung der Mafien, die an diesem Tage wieder einmal ihre unerschütterliche Kraft durch ein Bild von unerhörter Lebendigkeit und Größe sich vor Augen gestellt sah, gewaltig gewesen. so wurde diese Stimmung zu Trotz und Kampf- entschloffenheit noch gesteigert durch die Schikane unserer Gegner. Dann begann Max Braun seine Rede. Und nun geschah «ine Art Wunder: Kaum hatte Max Braun die ersten Sätze gesprochen, da begann plötzlich der Lautsprecher über den Platz zu dröhnen. Mit einem Male war der Strom wieder da, und während Max Braun sprach, marschierten immer noch Menschen durch das Tor. Die Beifallsstürme brausten über den Platz. In ihren Führern Mar Braun und Fritz Pfordt grüßten die Mafien die Idee der Freiheit für die deutsche Saar und das deutsche Vaterland. Mit Jubel wurde auch der Gruß des katholischen Kameraden I m b u s ch ausgenommen. Die Menschenmauer erhob die Hände zum Freiheitsschwur. Dann schloß Massengesang die Riesenkundgebung. Wir haben der toten Märtyrer gedacht. Ihrer Opfer wollen wir uns würdig zeigen durch den Kampf für Leben Freiheit. Der Anmarsch und der Abmarsch dieser Massen, die alle Erwartungen übertrafen, war eine hohe Probe der sozialistischen Organisationskunst und auch ein Beweis für die zähe Ausdauer unserer Freunde. Biele waren in den letzten Nächten kaum zur Ruhe gekommen, weil die Volksfront alle Kräfte brauchte. Heute waren sie lange vor Tagcsmibruch wieder aus den Beinen. Tann die Märsche im kalten Wintcrwetter. Das lange Warten und nun dennoch diese Begeisterung. Unter Liedern und Freiheitsrufcn marschierte die Volksfront ab. Saarbrücken, das Saargebiet steht im Zeichen der Volksfront. Heute marschierte« wir. Am 18. Januar siegen wir! Dennoch! Sabotageakte gegen die Volksfront Die„deutsche Front" offenbarte heute ihre ganze Unsicherheit und Nervosität. Sie glaubte unsere Kundgebung dadurch stören zu können, daß der elektrische Strom für die Lautsprecher ausgeschaltet wurde. Ausländische Mitglieder der Abftimmungskommission und ausländische Polizeikräste mußten gegen diesen Sabotageakt eingesetzt werden. Bei einem der Souderzüge von St. Ingbert gab«S einen Maschinendesekt. Zweifellos ebenfalls ein Sabotageakt. Mit eiuiger Verspätung konnte auch dieser Zug nach Saarbrücken gekührt werde«. Die Brücken über di« Saar waren stundenlang gesperrt, so daß tausende Mitglieder der Volksfront nicht rechtzeitig" zur Kundgebung kommen konnten. Die Stimmung der marschierenden Kolonnen und der unübersehbaren Mafien aus den Versammlnngsplätzen des üieselhumes war und blieb begeistert. Die Sabotageakte schürten nur die Stimmung. Das Schneetreibe« hörte am Nachmittag aus. Das Wetter blieb trocken. Di«„deutsche Front" marschiert gegen uns, aber der Himmel ist kür«ns. Die tiesen, nicht nur politischen, sonder« menschlichen Gegensätze, die in den zwei Fronten a«seinander prallen, zeigten sich in ihren Lieder«. Die„deutsche Front" rückte ab unter dem Gesang: „Wir werden weiter marschieren und wenn alles in Scherbe« zerfällt, Denn heute gehört«ns Deutschland und morgen die gayze Welt.. Die Kolonne« der Bolkssront sangen: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor..." Rote Ordner und Polizei Die kritischen Mittagsstunden■ Militär in Bereitschaft Der Bahnhossplatz und die um den Bahnhossplatz angrenzenden Straßen sind heute wohl mit die gefährlichsten Stellen in Saarbrücken gewesen. Gegen 12 Uhr näherten sich dem Bahnhossplatz größere Trupps von„Deutschfrontlern". Zu gleicher Zeit kamen die ersten Sonderzüge der Volksfront an. Um Zusammenstöße zu verhindern und den Abmarsch der„Tcutschfrontler" und den Anmarsch unserer Züge möglichst reibungslos zu gestalten, hat die Polizei den Bahnhossplatz"mit Hilfe der roten Ordner hermetisch abgeschloffen. Außerdem wurden gröbere Abteilungen von Landjägern zum Bahnhossplatz beordert und kurze Zeit nachdem in der Nähe des Hotels Excelsior einige Reibereien zwischen den gegnerischen Parteien zu beobachten waren. wurde nach dem Bahnhossplatz anch eine kriegsmäßig ans» gerüstete Abteilung italienischer Soldaten dirigiert. Sie haben an den polizeilichen Absperrungsmaßnahmen direkt nicht teilgcnommen, sondern standen im Hintergründe, jederzeit bereit, einzngreisen. Größere Polizeikräste standen auch an der Kaiserstrabe, Ecke Karcherstraße, und lieben ab 12.80 Uhr niemanden mehr zum Bahnhossplatz über die Kaiierstraße durch. Aber es war der Polizei immerhin nicht möglich, die Volksmaffen gänzlich zu zerstreuen und immer wieder sammelten sich, insbesondere am Bahnhossplatz. Ecke Kaiserstraßc. neue Mengen. Fort- wahrend sah man die berittene Polizei auf dem Bürgersteig, die die Mafien zurückbrängte. Der Hauptbahnhof konnte die enormen Menschenmengen nicht kaffen nno obwohl größere Zusammenstöße zwischen den beide« Parteien durch die starken Absperrungsmaßnahmen am Bahnhossplatz verhindert wurden, entstanden immer wieder Verstopfungen, wodurch die gewaltigen Züge der Volksfront, die sich an dem OftanSgang des Hauptbahnhoses ansammelten, sich nur langsam vorwärts bewegen konnten. Man konnte sich beim Anblick dieser Vorgänge des Eindruckes nicht erwehren, daß die„deutsche Front" mit voller Absicht die Zugänge»um Bahnhossplatz besetzte, um aus diese Weise die rechtzeitige Ankunft der gewaltigen Mafien der Bolkssront aq» Kieselhumes z» stören. Gegen 12.80 begann sich der Strom der Volksfront vom Ostausgang des Hauptbahnhoses über die Kaiserstraße, zu wälzen. De« Zug erössnete« die Püttlinger, die in großer Zahl erschienen sind und von einer zahlreichen Menge, die am Bürgersteig stand, mit„Notfront" und„Freiheit" begrüßt wurden. Kurz darauf kamen die Saarlouiser und dann zogen ununterbrochen die Mafien dahin, die ans dem ganzen Saargebiet kamen, um hier in Saarbrücken, acht Tage vor der Entscheidungsschlacht, gegen Hitler zu demon- preiren. Als die Tankende und aber Tausende Bolkssrontler mit Gesang und Freiheitsrufen in ununterbrochener Kette durch die«aiserftraße zum»ieselhumes marschierten, da konnte man di« erstaunten und langen Gesichter einzelner Trupps der braunen Front beobachten, die, verhetzt durch ihre Prefie, ausrichtig davon überzeugt waren, daß wir nur»ei« Häuslein Separatisten" seien. Der ü. Januar hat den Einwohnern von Saarbrücken und dem ganzen Taargebiet gezeigt, daß, trotz Terror, trotz systematischer Lüge, das saarländische Volk sich nicht einschüchtern läßt. Die 130 000 beherzte Männer und Frauen, die heute ausmarschierten, haben den Beweis dafür erbracht, daß das Saargebict nie und nimmer an die Hitlerbarbarej ausgeliesert wird. Marsch auf Befehl „Na ja, die Fahrt haben wir doch umsonst“ „Der Blockwart hat gesagt, jeder der heute nicht nach Saarbrücken fährt, hat. sich selbst aus der„deutschen Front" ausgeschlossen." „No ja, die Fahrt ham mir doch umsonst." Der Hannes, der tvollte nicht mit,>veil er so erkältet ist, aber der Blockwart hat Ihm gesagt:„Meinst Du, im Schützengraben wirst Du auch mit solchen Ausreden kommen können, und da wirb cs toller zugehen als in Saarbrücken." „No ja, wenn Befehl kommt, marschiert man." Es sind viele die marschieren, eigentlich marschieren sie gar nicht, eine Herde marschiert«ich!. Unter den vielen Regenschirmen sind die Gesichter stumpf, ohne Begeisterung. Nur hie und da flackert ein bißchen Gesangmuf. Aber stumm trotten die meisten. Stumm und voller Sorgen. Sie marschieren auf Befehl, aber in welche Zukunft. „Wir wolle hemm, zu Deutschland, das ist doch klar." „Wissen Sic was die Frau Mollberg gesagt hat, die ist auch so ne Separatistin. Der wollte ich es doch auch erklären, warum man für Deutschland sein muß. Da hat sie mir gesagt:„Ich will auch hemm, nach Deutschland, aber erst, wenn ich denken und sagen darf, was meinen Interessen entspricht. Ich will nicht hemm, damit man meinen Mann totschlägt und mich einspcrrt. Solche Greueln zu glauben." „Ja, aher vorsichtig wird man ja sein müssen, wenn Hitler kommt. In Deutschland muß man sich jedes Wort überlegen, das man spricht, wenn man nicht ins Konzentrationslager kommen will, hat mir meine Schwägerin gesagt." „So, ich dachte, das sind nur Lügen der Separatisten." „Und Margarine und Schmalz und Kokosfett sind doppelt io teuer wie bei uns, hat meine Schwägerin gesagt. Und Stadt im Fieber Saarländer auf dem Marsch Eine Stadt im Fieber! Menschcnheere begegnen sich, trennen sich voneinander, sinden sich wieder. Polizei aller Arten zu Fuß und zu Pferde hält mühsam den Schein einer Ordnung aufrecht. Wir kommen in die Nähe des Bahnhofes und hören Gesang. Einer der Züge der FreiheitSsront, die nun in unaufhürlicherReihe den Marsch zum Kiesel- humeS unternehmen, bahnt sich den Weg durch mehrere Reihen dichter Spaliere. Er ist vorüber, schon kommt der nächste. Es ist immer die gleiche Szene, Männer und Frauen aus dem Volke: es ist das wirkliche Volk an der Saar. Ihr Marsch und ihre Fahrt nach Saarbrücken brauchten nicht organisiert zu werden, cs war nicht nötig, sie unter Kontrolle eines„Blockwartes" oder eines BcreinSvorstandeS zu sammeln. Nicht wahr, Ihr Herren von der braunen Front, die Ihr staunend oder mit verkrampftem Hohn an den Straßenrändern standet— daS waren die bekannten „lothringischen Kommunisten" die„Emigranten" und Zugehörige des„Gesindels" des Herrn Pirrö? Die Mehrzahl der Züge, Io weit sie vom Bahnhof kamen, nahm durch die Kaiserstraße ihren Weg. Ein Brausen lag über diesem ganzen Straßenzug, den wir alle unzählige Male im befohlenen Schmuck, der Hakenkreuzsabnen gesehen haben. An der JohanniSkirche ging eS an berittenen Land- jägerkorvs vorbei. Immer wieder aber sahen wir unsere Ordner mit den roten Armbinden an den Straßenecken. Schvtz seit dem frühen Morgen sind sie aus den Beinen. Züge von Kindern werden von Frauen und Männern zu den Lokalen geleitet, wo sie beisammen bleiben und verpflegt werden bis die Eltern sie holen. Wir iahen auch Kinder in den Reihen der braunen Front. Hitlerjugend und BdM. in voller Uniform mit Brotbeutel und sogar den Zehnjährige« fehlte nicht das dolchartige Fahrtenmefier am Seitenriemen... Zieht man die Kinder, die Schulpflichtigen und die Jugendlichen von den sichtbar bedrückt ihres Weges schleichenden Aelteren in der Braunfront ab, so verkleinert sich ihre Zahl sehr beträchtlich. Wieder Musik! Wieder Gesang! Wie still waren dagegen die Kunbgcber des Hakenkreuzes! Jedem, der es erlebte, prägte sich der Unterschied zwischen hüben und drüben ein. Bei uns die Freiwilligen, die ihre Fahrt selber zahlten, um den großen Freibeitstag der Saar mitmachen zu dürfen. Bei den andern marschierte bas Kommando des Terrors mit, eine unsichtbare Begleitung der braunen und schwarze» Stiefeln und der schwarzen Mützen. Der Aufstieg Neunkirchen— Sulzbach— Saarbrücken Im August 1033 trafen mir unS in Neunkirchen. Die Stimmung war gut und kämperisch. Aber die Zahl der Kämpfer war noch klein. Es waren die eisernen Kaders der Sozialdemokratischen Partei aus dem ganzen Saargebiet. Sie waren zu einem ernsten Generalappell angetreten. Und doch brachte dieser Tag schon— mitten Im scheinbar ungehinderten Vormarsch der braunen Besatzungsarme« im „dritten Reich"— die erste Auflockerung der Fronten. Die Kommunistische Partei war am gleichen Tag inSaar» brücken ausmarschicrt. Gleich an der Zahl, gleich a» kämpferischer Entschlossenheit. Die Ei n h e i t 8 s r o n t konnten wir damals nur ahne»! Zehn Monate später war sie Wirklichkeit geworden. Eine Tat! Vielleicht eine, die in die Geschichte eingehen wird, sicherlich aber eine entscheidende, eine befreiende, eine vor- wärtsreißende Tat. S u l z b a ch, der 27. August 1034, brachte den ersten Sieg. Zchntauscndc waren mehr aufmarschiert als nach den Bor» anmeldnngen erwartet werden konnte. DaS war ei» D u r ch b r u ch. Von diesem Tag an hockte die Verwirrung im Lager der braunen Front. Zum ersten Male hatten sie sich davon überzeugen müssen, daß ihre Führer eine Lüge ausgesprochen hatten, wenn sic die Zahl der Gegner verächtlich mit drei Prozent angegeben hatten. An diesem Tag nahm der Ber- trauensschwund seinen Anfang. Inzwischen hat sich vieles geändert! Als vor einigen Wochen»000 zum letzten entschlossener Hitlerfeijide in der' Fcsthalle zu St. Ingbert, dieser braunen Hochburg, ein Bekenntnis zur Freiheit und zu einem neue« Deutschland ablegien, da hatten wir alle die Gewißheit gewonnen! wir werden den Endkampf mit Ehren bestehen. Der heutige Tag aber— wir werden ihn nie vergessen, diesen 6. Januar 1933 und seinen im Schneetreiben marschierenden Mafien— gibt uns'die andere Gewißheit: wir werden als Sieger aus dem Kamps hervorgehen. Das Stadion am KieselhumeS, das sonst den sportlichen Spielen einer gleichgeschalteten Jugend Raum biete, ist der Platz einer wuchtigen und bedeutungsvollen V o r e nt I ch e i d u n g geworden. Die unabsehbaren Ma^en, die heute mittag das Stadion Kops an Kopf füllten, die die Zugangsstraßen in lebensgefährlichem Gedränge verstopften, diese Mafien beiindcn sich aus einem siegreiche» und überwältigenden Vormarsch. Aus den kleinen, entschlossenen Stoßtrupps, aus den Kaders der Unbeugsamen ist ein Heer geivorden. Am 13. Januar wird cs den Endsieg an seine Fahnen heften. Leinen und gute Seife und Zwirn kann man gar nicht mehr bekommen. Aber wir sind doch deutsch und bleiben deutsch." „Jo, jo." Sie denken und marschieren auf Befehl, aber ganz wohl ist ihnen nicht dabei. Die Kricgervercine, die Feuerwehr, die Ortsgruppen, die Hitlerjugend, der Bund deutscher Mädel, die Pimpse, alle marschieren geschloffen. Die BlockwaAe können bequem ihre Herde übersehe« Heinrich Imhusch Der katholische Arbeiterführer nnd frühere Reichstagsabgeordnete des Zentrums konnte an der hentige« Kundgebung nicht teiluehmen, weil er noch ichwer unter den Folgen des nationalsozialistischen Mordanschlages in Blieskastel leidet. Er ist durch mehr als 20 Kopsverletzungen verwundet. Sein brieflicher Grub an die Kundgebung ist in der vorliegenden Ausgabe abgedruckt. Lin Briet Saarbrücken, ö. Januar 1935. Sehr geehrter Herr Braun! Besten Dank für die Einladung zu der Kundgebung der Einheitsfront, die als Kundgebung aller Hitlergegner ausgezogen ist. Es ist mir nicht möglich, an der Kundgebung teilzunehmen. Mei» Kopf hat Blieskastel noch nicht genügend vergessen. Ihrer Kundgebung wünsche ich— obwohl immer Gegner der marxistischen Parteien war«nd noch bin— einen--vollen Erfolg. Trotz der Verschiedenheit unserer Grundsätze können und müssen wir in der Frage der Abstimmung am 13. Januar zusammengeheu, um«in gutes Ergebnis zu erzielen. Hier habe» wir trotz der Verschiedenheit unserer Grundsätze gemeinsame Jntereffe». Wir wollen hier an der Saar den letzten Rest hitlersreier deutscher Erde und de» deutschen Geist retten. Wir wolle« eine gewissenhafte Rechtssprechung nach vernünftige« Gesetzen, nicht willkürlichen Maffenmord und Konzentrations, lager. Wir«ollen an der Saar die deutsche Kultur erhalten, ste nicht der Barbarei auSliesern. Wir wollen praktisches Christentum und Beobachtung des christlichen Gebotes der Nächstenliebe, nicht sadistische Mttzhandlungen a« derer wegen ihrer politischen Ueberzeugung oder Rasse. Wir wollen eine vernünftige Wirtschaftspolitik, eine Zusammen» Oie Wallfahrt zum Kieselhnmes Von Heinrich Heine 1 .Der Röchling stand am Fenster, Ter Nietmann sprach voll Hohn: »Ich zähle schon hunderttausend der Status-quo-Prozefsion." »Ich bin so krank, oh Nietmann, Daß ich nichts hör' und seh';» Ich denk an den 13. Januar, Da tut das Herz mir weh." „Steh..“ Die Frage, ob der Geistliche W. wirklich Kinder geschändet hat, bleibt offen. Daß der Staatsanwalt Hauck und das Gericht die Justiz geschändet haben, steht fest. Sie haben mit Anklage und Urteil nicht nur den wirklichen oder angeblichen Verbrecher, sondern auch den politischen Gegner treffen wollen. Der Verdacht ist gerechtfertigt, daß hier in Form eines Gerichtsverfahrens ein gemeiner Racheakt begangen worden ist. Jtdge... Er(Schiller) wandte sich darauf zu Nathan dem Weisen, und nach seiner Redaktion... erscheint das Stück noch gegenwärtig und wird sich lange erhalten.... Möge doch die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Weise erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch, um zu hören und zu vernehmen. Möge zugleich das darin ausgesprochene göttlicxheDuldungs-undSehonungsgefühl der Nation wert bleiben! Goethe„Ueber das deutsche Theater“(1815). Titan ftii&tect Die Droschkenkutscher dürfen sich von nun ab„Gaulleiter“ nennen. * Dem Film des weiblichen Arbeitsdienstes(„Ich für Dieb, Du für mich“) soll ein ähnlicher Film der Deutschen Arbeitsfront folgen:„Ich für mich, Du für Dich, jeder für sich“, * In Berlin wurde eine Jüdin zu hoher Zuchthausstrafe verurteilt’. Sie soll einen deutschen Schäferhund gebissen haben. >n'ujrmxtwtn Nr. 7 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Olanifag,». Januar HU Ueble und Rüdutändige noch viel tiefer gehört, en * geschrieben. Er war nach Paris in Kämpfe ist in seinen Briefen noch den ganz und Unter dem Volke Paris, Dienstag, den 21. September 1830. Schreiben, Schriftstellern, Gedanken bauch— wie wäre mir das möglich hier? Der Boden wankt unter meinen Füßen, es schwindelt um mich her, mein Herz ist seekrank. Manchmal kommt es mir selbst spaßhaft vor, daß ich die Sorgen eines Königs habe und so angstvoll warte auf die Entscheidung der Schlacht, als hätte ich dabei eine Krone zu gewinnen oder zu verlieren. Ach wäre ich doch König, nur einen kurven Monat! Wahrlich, ich wollte keine Sorgen haben, aber geben wollte ich sie. Die tägliche, ja allstündliche Bemühung der stärksten Denkreize macht die Menschen hier endlich stumpf und gedankenlos. Wenn es nicht so wäre, man ertrüge nicht Paria sein ganzes Leben durch. Die Erfahrung, die anfänglich bedächtig macht, macht später leichtsinnig, und so erkläre Und entschuldige ich den Leichtsinn dieses Volkes. Wir Deutschen, die wir am längsten unter einem sanften wolkenfreien Traumhimmel leben, sind rheumatisch, sobald.Wir wachen; wir spüren jede Erfahrung und jeder Wechsel dir Empfindung macht uns krank. der Gerechtigkeit schämend, manche ihrer Gefangenen nuf heimlich schonte, und es als Verleumdung bestrafte, wenn man sie mild gepriesen! Mich empört die niederträchtige Unverschämtheit der Fürstenmeichler, welche die Völker als Tiger, die Fürsten als Lämmer darstellten. Wenn jeder Machthaber, sobald er zum Besitze der Macht gelangt, gleich seine Leidenschaft zur Regel erhebt, grausame Strafen für jeden Widerspruch voraus bestimmt, und diese Regel, diese Anwendung sich herabrollt durch Jahrhunderte— nennen sie das Gesetzlichkeit. Das Volk hat seine Leidenschaft nie zum Gesetz erhoben, die Gegenwart erbte nie die Missetaten der Vergangenheit, sie vermehrt der Zukunft zu überlassen. Wenn dumme, feige oder bestochene Richter aus altem Herkommen und verblichenen Gesetzen nachweisen können, daß sie in gleichen Fällen immer gleich ungerecht gewesen— nennen sie das Gerechtigkeit. Wenn der schuldlos Verurteilte, durch Reihen schön geputzter Soldaten, durch die Mitte des angstzitternden Volkes, das nicht zu weinen, nicht zu atmen wagt, ohne Laut und Störung zum Blutgerüste geführt wird— nennen sie das Ordnung; und schnellen Tod in langsame Qual des Kerkers verwandeln-—«las nennen sie Milde. Erinnerung —Ich eilte die Terrasse hinauf, von wo man in CTte ety- säischen Felder herabsieht. Dort setzte ich mich auf einen Traumstuhl und meine Gedankenmühle, die wegen Frost oder Dürre so lauge still gestanden, fing gleich lustig zu klappern an. Welch ein Platz ist das! Es ist eine Landstraße der Zeit, ein Mark der Geschichte, wo die Wege der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich durchkreuzen. Da unten steht jetzt ein Marmor-Piedestal, auf welches man die Bildsäule; ich glaube Ludwig des Sechzehnten, hat stellen wollen. Die dreifarbige Fahne weht darüber. Es ist noch nicht lange, daß Karl X. mit großer Feierlichkeit den Grundstein dazu gelegt. Die Könige sollten sich doch nicht lächerlich machen und noch ferner den Grundstein zu einem Gebäude legen. Sie täten besser, den letzten Ziegel auf dem Dache anzunageln; die Vergangenheit raubt ihnen keiner. Wahrlich, d i e Zeit wird kommen, wo die fürstlichen Köche, wenn sie morgens vor ihren Töpfen stehen, einander fragen werden: wem decken wir das wohl mittags? und in ihrer philosophischen Zerstreuung manche Schüssel verfehlen werden. ... Was kam mir da oben nicht alles in den Sinn. Sogar fiel es mir ein, woran ich seit zwanzig Jahren nicht gedacht; daß ich vor zwanzig Jahren in Wien gewesen. Es war ein schöner Tag wie heute, nur ein schönerer, denn es war am ersten Mai. Ich war im Augarten, welcher schöner ist als die Tuilenen. Die Volksmenge dort war groß und festlich ausgebreitet, wie die hier. Doch heute bin ich alt und damals war ich jung. Meine Phantasie lief umher wie ein junger Pudel, und sie war noch gar nicht dressiert; sie hatte noch nie etwas dem Morgenblatte oder sonst einem Zeitblatte apportiert. Sie diente nur sich selbst, und was sie holte, ‘ holte sie'nur, es als Spielzeug zu gebrauchen und ließ es Svieder fallen. Und da fragte ich mich heute in den Tui- lerien: damals, im Frühling des Lebens und der Natur, was dachtest du mit deinem frischen Geiste, was fühltest du mit deinem jungen Herzen? Ich besann mich.... auf n i ch t s. Mir fiel nur ein,-daß der Herzog Karl und noch andere kaiserliche Prinzen öffentlich im Gartensaale gefrühstückt, und daß sie unter anderem Chokolade getrunken, und gleich darauf Spargel mit Buttersauce gegessen, worüber ich mich zu seiner Zeit sehr gewundert. Ferner: daß ich selbst gefrühstückt, und zwar ganz köstliche Bratwürstchen, nicht länger und nicht dicker als ein Finger, die ich seitdem in keinem Lande mehr gefunden.... Chokolade, Spargel, Bratwürste— das waren alle meine Jugenderinnerungen aus Wien! Es ist ein Wunder! Und erst heute in den Tuilerien lernte ich verstehen, daß man auch die Freiheit der Gedanken fesseln könne, wovon ich oft aber nie habe fassen können. Das Schönste kostet so wenig.... Als nun die Frau kam und für ihren Stuhl einforderte, sah ich sie verwundert an und gab Für diesen Stuhl, diese Stunde, diese Aussicht, diese Erinne- ■ rung hätte ich ein Goldstück bezahlt. Das macht Paris so herrlich, daß zwar vieles teuer ist, das Schönste und Beste aber wenig oder gar nichts kostet. Für zwei Sous habe ich meinem Zorn einen Schmaus gegeben, habe hundert Könige und ein großes Reich verspottet und Taschen voll der schönsten Hoffnungen mit nach Hause gebracht. — Es ist drei Uhr, und die Rasenden im Roulette-Zimmer gegenüber stehen noch in dicken Kreisen um den Tisch. Das Fenster nach der Straße ist durch ein Drahtgitter verwahrt, die Unglücklichen dahinter sehen wie wilde. Tiere aus. Ich hoffe, es ist keiner darunter, der im Juli mitgefochten. Gute Nacht! Der Freiheitskämpfer Ludwig Börne Aus seinen„Pariser Briefen" vor hundert Jahren Börne macht Besuche Paris, den 17. September 1830. Alte deutsche Bekannte suchte ich gleich gestern auf. Ich dachte durch sie mehr zu erfahren, als was ich schon ge druckt gelesen, aber nicht einer von ihnen war auf dem Kampfplatze, nicht einer hat mitgefochten. Es sind eben Landsleute! Engländer, Niederländer, Spanier, Portugiesen, Italiener, Polen, Griechen, Amerikaner, ja Neger haben für die Freiheit der Franzosen, die ja die Freiheit aller Völker 'ist, gekämpft und nur die Deutschen nicht. Und es sind deren viele Tausende in Paris, teils mit tüchtigen Fäusten, teils mit tüchtigen Köpfen. Ich verzeihe es den Handwerksburschen; denn diese haben es nicht schlimm in unserem Vaterlande. In ihrer Jugend dürfen sie auf der Landstraße betteln, und im Alter machen sie die Zunfttyrannen. Sie haben nichts zu gewinnen bei Freiheit und Gleichheit. Aber die Gelehrten!’ Diese armen Teufel, die in Scharen nach Paris wandern, und von dort mit dem Morgenblatte, mit dem Abendblatte, mit dem Gesellschafter, mit der allgemeinen Zeitung korrespondieren; die das ganze Jahr von dem reichen Stoff leben, den ihnen nur freies Volk verschaffen kann; die im dürren Vaterlande verhungern würden— diese wenigstens, und wäre es auch nur aus Dank barkeit gegen ihre Ernährer, hätten doch am Kampfe teil nehmen sollen. Aber hinter einem dicken Fensterpfosten, im Schlafrocke, die Feder in der Hand das Schlachtfeld begucken, die Verwundeten, die Gefallenen zählen und gleich zu Papier bringen; zu bewundern statt zu bluten, und die Leiden eines Volkes sich von einem Buchhändler bogenweise bezahlen zu lassen— nein, das ist zu schmachvoll, zu schmachvoll! — Die Pracht und Herrlichkeit der neuen Galerie d’Orleans im Palais Royal kann ich ihnen nicht beschreiben. Ich sah sie «gestern abend zum ersten Male in sonnenheller Gasbeleuch tung, und war überrascht wie selten von etwas. Sie ist breit und von einem Glashimmel bedeckt. Die Glasgassen, die wir in früheren Jahren gesehen, so sehr sie uns damals "gefielen, sind düstere Keller und schlechte Dachkammern da gegen. Es ist ein großer Zaubersaal, ganz dieses Volk von Zauberern würdig. Ich wollte, die Franzosen zögen alle Weiberröcke an, ich würde ihnen dann die schönsten Liebes erklärungen machen. Aber ist es nicht töricht, daß ich mich schäme, diesem und jenem die Hand zu küssen, wozu mich mein Herz treibt— die Hand, die unsere Ketten zerbrochen, die uns frei gemacht, die uns Knechte zu Rittern geschlagen? „Wäre Deutschland reifer als ich gedacht“ Pa ris, den 18. September. Ich komme aus dem Lesekabinett. Aber nein, nein, der Kopf ist mir ganz verwirrt von all den Sachen, die ich aus Deutschland gelesen! Unruhen in Hamburg; in Braunschweig das Schloß angezündet und den Fürsten verjagt; Empörung in Dresden! Seien Sie barmherzig, berichten Sie mir alles auf das genaueste. Und wenn Sie nichts Besonderes erfahren, schreiben Sie mir wenigstens die deutschen Zeitungen ab, die ich hier noch nicht habe auffinden können. Den französi schen Blättern kann ich in solchen Dingen nicht trauen: nicht der zehnte Teil von dem, was sie erzählen, mag wahr sein. Was aber deutsche Blätter über innere Angelegenheiten mit teilen dürfen, das ist immer nur der zehnte Teil der Wahr heit. Hätte ich mich also doch geirrt, wie mir schon manche vorgeworfen? Wäre Deutschland reifer als ich gedacht? Hätte ich dem Volk Unrecht getan? Hätten sie unter Schlafmützen und Schlafrock heimlich Helm und Harnisch getragen? O, wie gern, wie gern! scheltet mich wie einen Schulbuben, gebet mir die Ruhe, stellt mich hinter den Ofen— gern will ich die schlimmste Züchtigung ertragen, wenn ich nur Unrecht gehabt. Wenn sie sich nur erst die Augen gerieben, wenn sie nur erst recht zur Besinnung gekommen,* werden sie sich er staunt betasten, werden im Zimmer umherblicken, das Fenster öffnen und nach dem Himmel sehen und fragen: welcher Wochentag, welcher Monatstag ist denn heute, wie lange haben wir geschlafen? Unglückselige! Nur der Mutige wacht. Vie hat man es nur so lange ertragen? Es ist eine Frage, die mir der Schwindel gibt. Einer erträgt es. noch einer, noch einer— aber wie ertragen es Millionen? Der Spott zu sein aller erwachsenen Völker! Wie der kleine, dumme Hans, der noch kein Jahr Hosen trägt, zu zittern vor dem Stöckchen jedes alten, schwachen, gräulichen Schul meisters!... Aber wehe ihnen, daß wir erröten! Das Er röten der Völker ist nicht wie Rosenschein eines verschämten Mädchens; es ist Nordlicht voll Zorn und Gefahren. Mischung von Deutschen und Franzosen... Sonntag, den 19. September. Mitternacht ist vorüber; aber ein Glas Gefrorenes, das ich vor wenigen Minuten bei Tortoni gegessen, bat mich so auf gefrischt, daß ich gar keine Neigung zum Schlafe habe. Es 1 war himmlisch! Das Glas, ganz hoch aufgefüllt, sah wie ein langes, weißes Gespenst aus. Nun bitte ich Sie— haben Sie! je gehört oder gelesen, daß jemand ein Glas Gefrorenes mit| einem Gespenst verglichen hätte? Solche Einfälle kann man aber auch nur in der Geisterstunde haben. Den Abend brachte ich bei*** zu. Es sind sehr liebenswürdige Leute und die es verstehen, wenn nur immer möglich, auch ihre Gäste liebenswürdig zu machen. Das ist das Seltenste und Schwerste. Es ist da ein Gemisch von Deutschen und Franzosen, wie es_ mir behagt. Da wird doch eia gehöriger Salat draus. Die_ mit Grausamkeiten£uhlte, die sie-ggr nicht begangen; sich Zu den großen Freiheitskämpfern des 19. Jahrhunderts gehört Ludwig Börne. Liest man in seinen Schriften, so begreift man nicht, weshalb er heute zu den Halbvergessenen gehört. In seinem Bekenntnis zu der Menschheit ewigen Dingen lodert das Feuer des Gerechtigkeitswillens— in einem Stile, an dem sich in den vierziger und fünfziger Jahren eine Generation von Journalisten schulte. Es fehlte ihm die Skepsis und die Ironie seines Zeitgenossen Heinrich Heine. Dafür konnte er das hassen, das Gute und das Echte noch viel stärker lieben als er. Börnes„Pariser Briefe** wurden vom September 1830 bis Mai 1833 Monaten nach der Juli-Revolution gekommen. Der Nachhall dieser lebendig. Darüber hinaus sind wir auch heute noch gefesselt' von der Darstellungskraft eines Menschen Charakters, dem Kunst nur als Mittel zum Zweck galt: Zum Kampf für Freiheit und Wahrhaftigkeit. Franzosen allein sind Oel, die Deutsdien allein Essig, und sind für sich gar nicht zu gebrauchen, außer in Krankheiten. ■ Bei d ieser Gelegenheit will ich Ihnen die höchst wichtige i und einflußreiche Beobachtung mitteilen, daß man in Frankreich dreimal soviel Oel und nur ein Drittel soviel Essig zum i Salat verwendet, wie in Deutschland. Diese Verschiedenheit i geht durch die Geschichte, Politik. Religion. Geselligkeit, , Kunst, Wissenschaft, den Handel und das Fabrikwesen beider Völker, welches vor mir die berühmtesten Historiker, diy sich* doch immerfort rühmen, aus der Quelle zu schöpfen, I leichtsinnig übersehen haben. Sie sollen sich aber den Kopf , darüber nicht zerbrechen. Es ist gerade nicht nötig, daß Sie alles verstehen, was ich sage, ich selbst verstehe es Wicht i immer. Wie herrlich wäre es, wenn beide Länder in allem so verschmolzen wären, als es beide Völker heute abend bei *** waren. In wenigen Jahren wird es ein Jahrtausend, daß Frankreich, und Deutschland, die früher nur ein Reich bildeten, getrennt wurden. Dieser dumme Streich wurde, gleich allen dummen Streichen in der Politik, auf einem Kongreß beschlossen zu Verdun im Jahre 843. Aus jener Zeit stammen auch die köstlichen eingemachten Früchte und Dragees, wegen welcher Verdun noch heute berühmt ist. Einer der Kongreßgesandten hatte sie erfunden, und war dafür von seinem gnädigen Herrn in den Grafenstand erhoben wordem Ich hoffe, im Jahre 1843 endiget das tausendjährige Reich des Antichrists. nach dessen Vollendung die Herrschaft Gottes und der Vernunft wieder eintreten wird. Wir haben nämlich den Plan gemacht, Frankreich und Deutschland wieder zu einem großen fränkischen Reich zu vereinigen. Zwar soll jedes Land seinen eigenen König erhalten, aber beide Länder eine gemeinschaftliche Nationalversammlung haben. Der französische König soll, wie früher, in Paris thronen, der deutsche in unserem Frankfurt, und die Nationalversammlung jedes Jahr abwechselnd in Paris oder in Frankfurt gehalten werden. Wenn Sie Ihre Nichte 0.■* besuchen, benutzen Sie die Gelegenheit« mit dem Koche des Präsidenten der Bundesversammlung von unserem Plane zu sprechen. Der muß ja die'Gesinnungen und Ansichten seines Herrn am besten kennen. In den Tuilerien Die lieben Tuilerien habe ich heute wieder gesehen. Sie hießen mich willkommen, sie lächelten mir zu und alles dort war wie zu meinem Empfange glänzend und festlich eingerichtet. Ich fühlte mich ein Fürst in der Mitte des fürstlichen Volkes, das unter dem blauen Baldachin des, Himmels von seiner Krönung zurückkehrte. Es ist etwas Königliches in diesen breiten, vom Goldstaube der Sonne bedeckten Wagen, die an Palästen vorüber, von Palast zu Palast führen. Mich erfreute die unzählbare Menschenmenge. Da fühlte ich mich nicht mehr einsam; ich war klugu nter tausend Klugen, ein Narr unter tausend Narren, der Betrogene unter tausend Betrogenen. Da sieht man nicht bloß Kinder, Mädchen, Jünglinge, Greise, Frauen; man sieht die Kindheit, die Jugend, das Alter, das weibliche Geschlecht. Nichts ist allein, geschieden. Selbst die mannigfachen Farben der Kleider erscheinen, aus der Ferne betrachtet, nicht mehr bunt; die Farbengeschlechter treten zusammen; man sieht weiß, blau, grün, rot, gelb in langen breiten Streifen. Wegen dieser Fülle und Vollständigkeit liebe ich die großen Städte so sehr. Seine angeborene Neigung und Richtung kann keiner ändern, und um zufrieden zu leben, muß darum jeder, was ihm lieb ist, auf seinem Wege suchen. Aber das kann man nicht über all. Zwar findet man auch in der kleinsten Stadt jedes Landes Menschen von jeder Art, unter welchen man wählen kann; aber was nützt uns das? Es sind doch nur Muster, die zu keinem Kleide hinreichen. Nur in London und Paris ist ein Warenlager von Menschen, wo man sich versehen kann, nach Neigung und Vermögen. Still, heiter, freundlich und bescheiden, wie ein Verliebtes glückliches Mädchen, lustwandelte das Pariser Volk umher. Als ich dieses sah und bedachte: noch sind zwei Monate nicht vorüber, daß es einen tausendjährigen König niedergeworfen, und in ihm Millionen seiner Feinde besiegte— wollte ich meinen Augen oder meiner Erinnerung nicht trauen. Es ist der Traum von einem Wunder! Schnell haben sie gesiegt, schneller haben sie verziehen. Wie mild hat das Volk die erlittenen Kränkungen erwidert, wie bald ganz vergessen! Nur im offenen Kam^e, auf dem Schlachtfelde hat es seine Gegner verwundet. Wehrlose Gefangene wurden nicht ermordet, Geflüchtete nicht verfolgt, Versteckte nicht aufgesucht, Verdächtige nicht beunruhigt. So handelt ein Volk! Fürsten sind unversöhnlich und unauslöschlich ist der Durst ihrer Rache. Hätte Karl gesiegt, wie er besiegt wor den, wäre das fröhliche Paris heute eine Stätte des Jammers und der Tränen. Jeder Tag brächte neue Schrecken, jede Nacht neues Verderben. Wir sehen ja, was in Spanien, Portugal, Neapel, Piemont und in anderen Ländern geschieht, wo die Gewalt über die Freiheit siegte. Seit Jahren ist der Sieg entschieden und das Werk der Rache und der Verfol gung geht fort wie am Tage der Schlacht. Und es war ein Sieg, den man nur dem Meineide verdankte! Tausende schmachten noch im Kerker, Tausende leben noch in trauriger Verbannung, das Schwert des Henkers ist immer ge zückt, und wo es schont, wo es zaudert, geschieht es nur, um länger zu drohen, nm länger zu ängstigen. So entartet, so herabgewürdigt hat sich die Macht gezeigt, daß sie oft (Fortsetzung islgt) Die Hintergründe des antllüdisdicn Boykotts Wir haben bereits mehrmals an dieser Stelle über die Judenpogrome und den antijüdischen Boykott in den Weihnachtstagen berichtet. Wir haben bei dieser Gelegenheit hervorgehoben, daß die Pogrom- und Boykottbewegung den Zweck hat, die Aufmerksamkeit' der unzufriedenen Mittelständler von der verräterischen Politik der nationalsozialistischen Regierung abzulxnken und den Groll der enttäuschten Mittelstänüler sowie der ebenfalls enttäuschten und erbitterten Mafien auf die Juden zu lenken. Unsere Behauptungen werden nunmehr in einem Artikel der„Neuen Zürcher-Zeitung" bestätigt, die im Zusammenhang mit den Vorfällen in Frankfurt am Main folgendes schreibt: „Das lokale Abenteuer hat die Absichten der Reichsregierung in verschiedenen Punkten durchkreuzt und wirtschaftlich und handelspolitisch, aber auch allgemein-politisch Schwierigkeiten heraufbeschworen. Das Reichswirtschaftsministerium hat seit langem, schon unter Schachts Vorgänger Dr. Schmitt, die Unterscheidung von arischen und nichtarischen Geschäften als wirtschaftlich sinnlos bezeichnet und von der Diskriminierung jüdischer Firmen wegen der schädlichen Rückwirkungen auf die Gesamtwirtschast stets dringend abgeraten. Seitdem sich dann der Staat an den immer noch als jüdisch geltenden Warenhausbetrieben, die zum Teil wegen der Boykottendenzen im Jahre 1933 sanierungsbedürftig geworden waren, mit riesigen Summen finanziell beteiligt hat, lause« ganz besonders auch i» dieser Frage die Jntereffe« des Reichs«irtschastsMinisteriums und des nationalsozialistische« Regimes selbst erst recht nicht mehr parallel mit den Bestrebungen des gewerbliche« und kaufmännische« Mittelstandes, der den Kern der nationalsozialistischen Bewegung ausmachte Und ihrer Wirtschaftspolitik den antisemitischen und warcn- hausfeindlichen Stempel aufdrückte. Die Enttäuschung, die deshalb bei einem großen Teil des Mittelstandes heute herrscht, ist bekannt, und bei der gespannten Stimmung kommt es, ohne daß das immer bekannt wird, gelegentlich vor, daß lokale Organisationen zur Selbsthilfe schreiten und sich über die Richtlinien des Reichswirtschaftsmini- steriums Hinwegsetzen." Bemerkenswert ist es, was das Schweizer Blatt über die Einkäufe bei jüdischen Geschäften schreibt. Aus seinen Angaben geht deutlich hervor, daß das Publikum nach wie vor im Gegensatz zu der nationalsozialistischen Hetze in jüdischen Geschäften kauft. In der Weihnachtszeit, so schreibt die„N.Z.-Z" erwies sich die Anziehungskraft, welche die jüdischen Geschäfte und die— zum Teil mit Staatsgeldern sanierten— Warenhäuser in Berlin auf das kaufende Publikum trotz zwei- ' jähriger intensiver Propaganda der nationalsozialistischen Weltanschauung diesmal wieder als so stark, daß der Berliner Korrespondent der„Times" dies als bemerkenswerte Tatsache ausdrücklich feststellte. In Frankfurt a. M. griff nun die Nationalsozialistische Handels- und Gewerbeorga- nisätion, um die Konkurrenz auszuschalten und sich selbst das Weihnachtsgeschäft zu sichern, aus. eigener Machtvollkommenheit zur Waffe des Boykotts jüdischer Geschäfte und Warenhäuser.=-— Am Schluffe seiner sehr eingehenden Betrachtungen schreibt das angesehene schweizer Blatt folgendes:« „Die Schäden, die einer Reihe von großen Firmen durch die Lahmlegung des Weihnachtsgeschäfts und durch den vermutlich ziemlich bedeutenden Verlust an leicht verderblichen Vorräten entstanden sind, mögen zwar dem Reichswirtschaftsministerium nicht gleichgültig sein; aber weitaus peinlicher ist es der Reichsregierung zweifellos; daß Nachrichten über den Frankfurter Judeuboykott ins Ausland gedrungen sind. Man hat den Eindruck, daß das Reich durch Unterdrückung der Diskriminierungsmaßnahmen gegen -jüdische Firmen einen Waffenstillstand gegenüber dem sogenannten„Weltjubentum" einhalten zu können hoffte, «ud nun droht der lokale Bruch dieses stillschweigenden Abkommens der antideutsche« Boykottpropaganda neue Nahrung zu liefern, gerade i« dem Augenblick, in dem Dr. Schacht den wirtschaftlichen Kurs auf Exportsteigerung steuert." JOdisdie Auswanderung In Auswertung der 1933 burchgesührten Zählung der deutschen Reichsbevölkerüng wird jetzt eine Zusammenstellung über die Religionsgliederung des deutschen Volkes durch die Veröffentlichungen des Rassepolitischen Amtes der NSDAP, bekannt. Es wird darauf hingewiesen, daß im Jahre 1ÜZ5 in Deutschland noch 864 379 Angehörige der jüdischen Kon- Das NeueTage-Buch Herausgeber: Leopold Scbwarzscnild AUS DEM INHALTt Nr- 1 soeben erschienen Die Woche Wird er widerrufen7 „Einige Ausfälle" Standartenführer Fiedler als Weißbuch-Dementi Was kommt nadt Hitler7 LEOPOLD SCHWARZSCHILD: Die drei Mauern .» Führer Nr. 3 OTTO VON FREISING: /- Lloyd Georges historisches Neu jahrs-Interview LUDWIG MARCUSE: Rosenbergs Mythos ERICH ANDERMANN: Größere Strertge gegen dieDiditer 7 Miniaturen Literarische Ausbeute 1934 PREIS 3 FRANCS fesston gezählt worden sind, was damals 0,9 Prozent des Gesamtvolkes ausmachte. 1933 betrug diese Zahl noch 499 682 oder 0,77 v. H. Es ist also ein Rückgang der Angehörigen der jüdischen Konfession in Deutschland um 64 697 oder 11,5 v. H. festzustellen. Dieser Rückgang sei in der Hauptsache aus Auswanderung und auf den Geburtenunterschub der Juden ' zurückzuführen. Seit dem Stichtag des 16. Juni dürfte die Zahl weiterhin abgenommen haben, weil die Auswanderung anhielt und die Fruchtbarkeit der jüdischen Ehen nach einlaufenden Berichten besonders gering gewesen ist. Berlin hat rund 160 500 Juden. Streichers Greuelmärdicn Unter der Ueberschrift„Ein Jude beschimpft den Führer" bringt das Streicher-Blatt folgende Mitteilung: Schwabach. Bon der Schwabacher Polizei wurde der Jude Albert Heß sestgenommen. Er besaß die Unverfrorenheit, den Führer und dessen Stellvertreter in gemeinster Weise zu beschimpfen und zu verleumden.— Geht es den Juden in Deutschland schon wieder zu gut und glauben sie schon frech werden zu können? Sie sollen die Gutmütigkeit des deutschen Michel nicht falsch verstehen! * Bezeichnenderweise bringt das Hetzblatt Streichers kein Wort darüber, worin die„gemeinen Beschimpfungen" bestanden haben. Die Juden sind in Franken so-eingeschüchtert, baß es offensichtlich unglaubwürdig erscheint, baß ein Jude öffentlich den„Führer" beschimpft haben soll. Es wird sich um eine im Streicher-Paradies übliche Denunziation handeln, unter denen die Juden int Hitler-Reich so schwer zu leiden haben. Oesterreldi Alle Ausnahmegesetze um ein Jahr verlängert Zu Weihnachten hat die Regierung Schuschnigg-Starhem- berg alle mit 3. Dezember 1934 befristeten Ausnahmegesetze um ein volles Jahr verlängert. Das folgenschwerste dieser Ausnahmegesetze ist das Berfaffungsgesetz, das dem General- staatskommiffär Fey das Recht einräumt, private Arbeiter und Angestellte ohne Zustimmung der Dienstgeber zu entlassen. Verlängert wurden auch die außerordentlichen Maßnahmen gegen die Bundesangestellten, ferner die Verordnungen, die vorsehen, daß Aerzten oder Rechtsanwälten, die sich für eine verbotene Partei betätigen, die Ausübung der Praxis untersagt werben darf. Alle diese Ausnahmeverfügungen, die nach dem Februar und nach dem Juli nur für einige Monate getroffen wurden, wurden nun für ein ganzes Jahr verlängert. Die Heimwehrminister haben diese Ausnahmeverfügungen, die sonst in keinem Land der Welt getroffen wurden, durchgesetzt. Jy der Regierung erhob sich vor allem gegen die Verlängerung der außerordentlichen Vollmachten für Minister Fey Widerstand. Die Meinungsverschiedenheiten in dieser Frage hätten beinahe zu einer Krise geführt. Bundeskanzler Schuschnigg kapitulierte aber schließlich wieder vor der Heimwehr. Emigranten- PresseprozcO in Strasbourg In der Nummer 99 vom 28. April 1934 hatte die in Straßburg erscheinende„Elz" das führende Blatt der Autono- misten, aus Abneigung gegen die politischen Emigranten behauptet, daß beispielsweise der in Straßburg lebende ehemalige Geschäftsführer der Republikanischen Beschwerdestelle Berlin, Alfred Falk, der übrigens auf der ersten Proskriptionsliste vom 23. August 1933 durch die Hitlerregierung geächtet worden ist,„hier sich nichts weiter geleistet habe, als gemeines Spitzeltum und Hanölangertum für die politische französische Polizei". Da die„Elz" zwar eine Berichtigung abbruckte, aber ihre Behauptung gegen Falk in vollem Umfange aufrechterhielt» hat Falk Ende Mai 1934 die„Elz" verklagt. Die Vertretung hatte Rechtsanwalt Bischoff von. der Ligue des Droits de l'Homme übernommen. Nach dreimaliger Vertagung hat nunmehr am 3. Januar 1935 die Strafkammer in Straßburg unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Richert folgendes Urteil verkündet: Die„Elz" und ihr Gerant, Rene Hauß, werden zu 16 Fr. Geldstrafe, zu dem symbolischen 1 Fr. Schadenersatz und zu den recht erheblichen gerichtlichen und außergerichtlichen Prozcßkosten verurteilt. Paris Eruft-Busch-Abeud im Deutschen Klub, Paris. Ernst Busch, populär durch die Filme„Kameradschaft",„Niemandsland",„Drei- groschenoper"»iw., bekannt durch Rundsunk und Schallplatte», tritt im Rabmcn einer Sonderveranftaltung des Deutschen Klubs zum erstenmal in Paris am Donnerstag, dem 19. Januar 1838, 21 Uhr, im Salle Poigonniere<7, rue du Fauborg Poisionniere) ans. Unter dem Motto„Das Lied der Zeit" wird er neue Chansons von Hanns Eisler, nach Texten von Bert Brecht, Kurt Tucholsky, Weber usw. zum Vortrag bringen. förief Lasten R., Amsterdam. Nach einem Bericht der nationalsozialistische« Zeitungen, hat ein„Rassenforschcr" Dr. I. Lobshein-Apeldoor» in Amsterdam u. a. gesagt:„Ueberhaupt seien Degenerationserscheinungen, vor allem aber geistige und moralische Gebreche«, bei Juden ungefähr zwei Drittel mal so häufig als bei andern Rassen. Die Mendelschen Gesetze hätten ihre Richtigkeit und ihren Wert gerade bei der jüdischen Rasse erwiese». Bei Juden seien vor allem verbreitet: Jugendliches Irresein, manisch-depressive Psychose und eine Art geistigen und moralischen Schtvachstuns. Diese Tatsachen erforderten dringend die Durchführung der Familienforschung bei den Juden: die Einführung eines Kartensystems zur Kontrolle der Erbkrankheiten bei den Juden erweise sich als eine dringende Notwendigkeit." Nehmen wir einmal an, die Berichte über den Bortrag stimmten. Warum dann die arische Angst vor de» „Schwachsinnigen"? R. St., z. Zt. 8. Verspätet teilen Sie uns mit:„Unterm 12. November hat die Landesftelle Bayern des ReichsministeriumS für Bolksausklärung die Zeitungen angewiesen: 1. Das Erbhosgesetz soll in seinen Auswirkungen in der Presie nicht übermäßig erörtert werden. 2. Ueber die demnächst erfolgende Auflösung des Deutschen Flottenvereins darf nichts verlautet werde». 8. Es wird darauf hingewiesen, baß die Uebernahme von Verlautbarungen aus Kirchenblättcrn untersagt ist."— Solche Anweisungen zeigen, daß das Regime das Licht der Sonne zu scheuen hat. Für den Gcsamttnhal« verantwortlich: Johann Pitz tu Dud» weiter: für Inserate: Ltto Kuh» t» Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSstimm« GmbH„ Saarbrücken S, Schützenslraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücker». In dieser Woche gelangt zur Auslieferung WEISSBUCH über die Erschießungen des 30. Juni 1934 Da* Weißbud) über die Erschießungen des 30. Juni gibt die erste authentische Darstellung von den Ereignissen in der deutschen Bartholomäusnacht. Das Weißbuch bringt das Geständnis des Gruppenführers .Ernst über die Brandstiftung im Reichstag mit voller Namensnennung aller Brandstifter und der Anstifter. Im Weißbuch kommen zu Wort: ein hoher Beamter des Münchener Polizeipräsidiums, ein Gefängnisbeamter des Zuchthauses Stadelheim, wo Röhm und andere SA.-Führer erschossen wurden, ein Hotelgast des Hotels Hanselbauer, Augenzeuge der Verhaftungen in Wiessee. Das Weißbuch enthält ferner Auszüge aus dem Blaubuch der Reichswehr. Das Weißbuch erscheint im gleichen Großformat wie die „Braunbücher*, im Umfang von zirka 250 Seiten. Es ent- * hält zahlreiche Dokumente sowie eine Illustrationsbeilage von 16 Seiten. Es erscheint in Form einer Volksausgabe in festem Kartoneinband. Der Preis beträgt: fr. Fr. 15,—, Hfl. 2,—, Schw. Fr. 4,—, Ke. 25,—, für die übrigen Länder gilt der Preis in französischen Franken. » Ausgabe für das Saargebiet Sonderpreis nur 10,-fffrs. EDITIONS DU CARREFOUR, PARIS VI, 83, Bld. du Monfparnasse