1 Nr. 8— 3. Jahrgang Chefredakteur: M. Braun Liuzlg« unabhängige deutsche Tageszeitung Saarbrücken, Donnerstag, 10. Januar 1935 Rom— ein Schlag gegen Hitler Seite 2 Das Leid der Katholiken Seite 3 Der Papst gegen die deutschen Bischöfe Seite 5 Wie an der Saar abgestimmt und gezählt wird Seite 6 Die„deutsche Front** gegen die Autorität der Absiimmnngsbehörden und der Regierungskommission-„Spontane 0 Demonstrationen- Und die Saarpolizei! „Ab 11 Januar!“ Am Montag, dem 14. Januar, in den späten Abendstunden, soll das Ergebnis der Saarabstimmung amtlich bekannt gegeben werden. Die»deutsche Front" rüstet sich, unmittelbar nach dem Ende der Stimmenzählung die schon jetzt nur mühsam aufgerich- teten Sicherungen gegen Disziplmbrüche ihrer Anhänger fallen zu lassen. Wie auch das Ergebnis sein möge, die »deutsche Front" ist gewillt, es als einen Sieg Hitlerdeutsch- lands zu feiern und es zum Anlaß von Massen- und Straßenaktionen zu machen. Schwer empfindet die„deutsche Front" den Willen der Abstimmungskommission, den geheimen Charakter der Abstimmung unter allen Umständen zu wahren. Die„deutsche Front" wollte ursprünglich jeden ihrer Anhänger mit dem Gruße„Heil Hitler!" an die Urne treten lassen, um so noch im Abstimmungsraum ihren Gesinnungsterror aufzurichten. Da die Abstimmungskommission jede derartig abgegebene Stimme als ungültig erklären wird, ist auf diese Demonstra- tlön verzichtet worden. Führende Nationatsozialisten erwägen nun, die Mitglieder der„deutschen Front", nachdem die Stimme in die Urne gelegt ist und nicht mehr ungültig gewacht werden kann, mit dem Gruße„Heil Hitler!" abtreten zu lassen. Gegen solche Demonstrationen hat die Abstimmungskommission in einer Pressekonferenz am Diens- >ag die Verhaftung angedroht. Die aggreffive Art, w>e hitlerdeutsche Pressevertreter das Recht auf den Hitlergruß im Wahllokal forderte«, zeigt aber, daß der Plan zu parteipolitischen Demonstrationen im Abftimmungsraum noch nicht aufgegeben worden ist. Selbstverständlich würden daun die Gegner Hitlerdeutsch- lands für sich das Recht beanspruchen,>m Abstimmungsraum„Freiheit" und„Rotsront" zu r«se» und mit erhobener Faust zu grüßen. Die Folgen solche» Anfeinander- prallens der Gegner im Abstimmnngsraum lassen sich leicht ausde»ken. /Die Führung der„deutschen Front" und ihre Presie läßt keinen Zweifel darüber, daß sie die Stunde für gekommen hält, sich offen gegen die jetzige Regierungsautorität an der Saar aufzulchnen. Sie anerkennt praktisch Regierungsverordnungen, die ihr im Wege stehen, nicht mehr. Eine Regierungsverordnung hat angeordnet, baß bei der Ankunft von Sonderzügen mit Abstimmungsberechtigten keine Empfangsfeierlichkeiten stattsinden dürfen. Insbesondere sind geschloffene Umzüge und Abmärsche mit den Abstimmungsberechtigten, Ansprachen, Musik- und Gesangö- darbietungen und dergleichen nicht erlaubt. Die„deutsche Front" hat am Dienstag diese Verordnung mit vollem Erfolg zunichte gemacht. Sie hat viele Tausende Demonstranten znr„Begrüßung"»ou abstimmungsberechtigten Amerikanern vor den Hauptbahuhof kommandiert und dort die Verordnung der Regierungskommisiion durch entsprechende Kundgebungen offen verhöhnen lassen. Die Polizei schritt zunächst gegen die Demonstranten nicht ein. Als später ein Ueberfallkommando kam, konnte es sich nicht mehr durchsetzen, wollte es vielleicht auch nicht mehr. Die gleichgeschaltete„Saarbrücker Zeitung" beschimpft die wenigen Polizeibeamten, die pflichtgemäß gegen die Kundgebung einzuschreiten versuchten und feiert„die alten Polizeibeamtcn. die schon seit Jahren in Saarbrücken Dienst tun", weil sie sich„korrekt" benommen, das heißt tatenlos zugesehen haben, wie die Regierungsautorität an der Saar lächerlich gemacht wurde. Und das unmittelbar vor den entscheidenden Tagen des Saarkampfes. Dieselbe„Saarbrücker Zeitung" proklamiert gegenüber Len Polizeibeamten, die ihre Pflicht erfüllten und gegenüber der Regierungskommission und ihren Verordnungen „Das hört am 13. Januar auf" Das ist doch wohl deutlich genug: man erklärt her Regie- rungskommission, daß sie und ihre Gesetze„ab 13. Januar" tm Saargebiet keine Autorität mehr beanspruchen können. Dabei ändert sich im Saargebiet, die Abstimmung falle aus wie immer,„ab 13. Januar" völkerrechtlich zunächst überhaupt nichts. Erst der Völkerbund schafft auf Grund ber Saarabstimmung neues Recht. Er und er allein hat über die völkerrechtliche Auswirkung der Abstimmung «« 18, Januar zu entscheiden^ Es wird allerhöchste Zeit, daß die Regierungskommission diese Tatsache der Saarbevölkerung klar macht, denn die „deutsche Front" verbreitet systematisch den Eindruck, daß die Nacht zum 15. Januar das Ende der„landfremden" Regierung an der Saar bedeute, und sie kann das mit um so größerem Erfolg, als sie ihre Anhänger in den Glauben versetzt,„Deutschlands" Sieg sei sicher, wie auch die Abstimmung ausfallen möge. Der Wille, vollzogene Tatsachen zu schaffen und insbesondere mit den„Landesverrätern" blutig abznrechnen, besteht«ach wie vor. Wer das nicht sieht, kennt die Hinterhältigkeit des Nationalsozialismus nicht und auch nicht die Kunst, mit der er„spontane" Ausbrüche der Volksseele zu organisieren versteht. Die Vorgänge am Hauptbahnhof zu Saarbrücken sollten da eigentlich aufklärend gewirkt haben. Sie haben noch einmal bewiesen, daß die„deutsche Front" zur gegebenen Zeit über jedes Gesetz der„landfremden" Regierung hinweggeben und bei der einheimischen Polizei aus sehr naheliegeuden Gründen nicht aus Widerstand stoßen wird. Run hat aber der vergangene Sonntag gezeigt, daß nicht unr die„deutsche Front", sonder» mindestens ebensogut die Volksfront die Straße zu beherrsche« versteht. Man kann der Volksfront unmöglich zumuten, bei den aus der Ferne ankommenden Abstimmungsberechtigten den Eindruck Hervorzurusen, als gebe es an der Saar nur Nationalsozialisten, als werde im Saargebiet nur mit„Heil Hitler" gegrüßt und das Zuhälterlied gesungen. Wenn die Regierungskommission ihren Verordnungen nicht Geltung z« schaffen versteht, wir- mau de« Massen der Volksfront unmöglich das Rech« auf spontane Gegendemonstrationen verweigern können. Entweder wird im Saargebiet die Straße wirklich von allen nicht genehmigten Demonstrationen frei gehalten, oder sie steht allen Organisationen für unangemeldete Aufmärsche zur Verfügung. Ohne Rücksicht aus die Folgen, die durch das Zusammentreffen von vielen tausend Demonstranten politischer Gegner auf engen Räumen entstehen müssen. Am vergangenen Sonntag hat die Welt gesehen, wie rasch auch die Volksfront viele Zehntausende mobilisieren kann, und diese Männer und diese Jugend werden marschieren, wenn sie aufgerusen werden. Ja, sie werden, davon sind wir überzeugt, ungerufen auf die Straße gehen, wenn nicht die Gewißheit besteht, daß die„deutsche Front" gestern zum letzten Male die Möglichkeit hatte, unter der Duldung von Polizeiorganen der Regierungskommission nicht genehmigte politische Straßendemonstrationen zu veranstalten. Die Abstimmungskommission hat am Dienstag i« der von etwa 150 Journalisten besuchten Pressekonferenz erlebt, mit welcher Unverfrorenheit, um nicht zu sagen Unverschämtheit, sie von Vertreter« und Vertreterinnen der „deutschen Front" attackiert wurde. Schließlich hat der Präsident der Abstimmungskommission in einer unwilligen Bemerkung, die Terroristen zurückgewiesen, und die gesamte fremde Preffe hat ihm demonstrativ applaudiert. Mit wachsendem Erstaunen hatten die ausländischen Pressevertreter das Auftreten ihrer deutschen „Kollegen" beobachtet. Und hier handelte es sich um eine internationale Pressekonferenz, die den Vertretern der„deutschen Front" natürlich größte Zurückhaltung auserlegte. Was aber ihre Anfragen und Angriffe, insbesondere Forderung auf den sogenannten„deutschen Gruß" im Abstimmungsraum offenbarten, war der Wille, alles und jedes im Saargebiet, auch di« Organe des Völkerbundes, uuter den terroristischen Willen der„deuischen Front" z« zwingen. Die Herren der Abstimmungskommission und der fremden Presse mögen sich vorstellen, mit welcher Flegelhaftigkeit diese„deutsche Front" gegen eigene Volksgenoflen" auftritt» wenn diese tapfer und einsichtig genug sind, sich den Befehlen Hitlerdeutschlands an der Saar nicht zu fügen. ES muß sich nun zeigen, ob die Regierungskommission sofort, und auch„ab 13. Januar" den Willen zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität^ die starke Entschlossenheit ent- 141 Hinridihingm! Sechs Scharfrichter in Arbeit Berlin, 9. Januar. Die Zahl der Hinrichtungen in Deutschland hat im zweiten Jahre der nanonalsrzia, listischen Herrschaft eine seltene Höhe erreicht. Z«, samme« mit den amtlich als erschaffen gemeldeten Juni, rebellc» beträgt die Zahl der Exekutierten im vergangene« Jahre 141. Im Jahre 1983 betrug die Zahl der Hingerich, teten 59, während sie im Jahre vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten lediglich 4 ausmachte. Elf im Jahre 1934 zum Tode Verurteilte find ihrer Exekution durch„Selbstmord" i« ihrer Gefängniszelle zuvor» gekommen. Zur Zeit befinden sich«och 32 Personen im Gefängn'8 -die bereits zum Tode verurteilt worden sind und a« denen das Urteil i» nächster Zukunft vollstreckt werden wird. Zur Vollstreckung der Todesurteile find gegenwärtig in Deutschland sechs Scharfrichter angestellt, je einer in Berlin, Magdeburg, Breslau, Köln, Königsberg und in Süddentschlaud. Sdiadit geht betteln Berlin, 8. Januar. Das Jahr 1934 hat mit einem Passiv-Saldo des Außenhandels geendet. Trotz aller Drosselungsversuche der Einfuhr, trotz des berüchtigten„neuen Planes" und trotzdem die werktätigen Massen Deutschlands, wie Schacht zugegeben hat,„den Riemen enger schnallen müssen", hat das „dritte Reich" bei dem katastrophalen Rückgang der Ausfuhr für etwa 600 Millionen Mark mehr eiNgrsührt als ausgeführt. Die Passivität des Außenhandels bedeutet, auch wenn Schacht zu dem Betrug der Sonderkonten der ausländischen Notenbanken bei der Reichsbank gegriffen hat. eine weitere Gefährdung des Gold- und Deyifen- bestandes des Reichs. Um diesen Bestand nicht endgültig zu verschleudern, wird Dr. Schacht im neuen Jahr nichts weiter übrig bleiben, als die Einfuhr noch mehr zu drosseln, da die Ausfuhr nicht forciert werden kann. Eine neue Einschränkung der Einfuhr würde aber eine Verschärfung der Lebensmittel- und insbesondere der Rohstoffnot hierbeiführen. In hiesigen, über die wirtschaftlichen Verhältnisse gut unterrichteten Kreisen vertritt man den Standpunkt, daß diese Verschärfung der Krise etwa im April zu erwarten ist. Das Frühjahr würde, so meint man hier, eine neue schwere Erschütterung des wirtschaftlichen Lebens mit sich bringen. Es würde mit der Einschränkung der Lebensmitteleinfuhr eine Lebensmittelverknappung eintreten und die Industrie würde mit der weiteren Drosselung der Rohstoffeinfuhr ihre Produktion einschränken müssen. Dr. Schacht ist sich der katastrophalen Folgen dieser Entwicklung durchaus bewußt. Er ist sich darüber im klaren, daß der einzige Ausweg in Rohstosfund Lebensmittelkrediten durch dos Ausland bestehen würde. Aber Schacht ist sich gleichzeitig auch dessen bewußt, daß im Auslande kein Vertrauen mehr gegenüber dem„dritten Reich" besteht, das die Schuldenzahlungen gänzlich eingestellt hat. Die ausländischen Banken wollen keine Kredite mehr geben, nachdem ihr Geld in Deutschland„eingefroren" ist. Außerdem ist durch den kalten, jüdischen Pogrom in den Kreisen der ausländischen Hochfinanz eine regelrechte Boykottbewegung gegenüber dem „dritten Reich" entstanden. Aber noch ein anderer Umstand erschwert die Aufnahme der Kreditverhandlungen: die Aufrüstung des „dritten Reich s". Wie wir hören, soll Schacht beispielsweise in England angefragt haben, ob England bereit sei, Deutschland neue Kredite zur Behebung der drohenden Katastrophe in der Lebensmittel- und Rohstoffversorgung zu bewilligen. Von London hat man zu verstehen gegeben, daß man zwar grundsätzlich bereit sei, derartige Kredite zu geben, aber vorher müßte man sich über die Rüstungsfragen einig sein. In London will man,nach dem Abkommen von Rom die Verhandlungen mit Flandin und Laval abwarten, um eine Basis für die Abrüstungs- Verhandlungen mit Deutschland zu schaf- f e n. Man will anscheinend in London die Bewilligung der Kredite davon abhängig machen, daß das„dritte Reich" sich bereit erklärt, von weiteren Rüstungen Abstand zu nehmen. Insbesondere will man Be». dingungen in bezug auf den Flugzeugbau wickelt, die notwendig ist, wenn allgemein im Saargebiet begriffen werden soll, daß jetzt«ud„ab 13. Januar" an der Saar der Völkerbund regiert und nicht die hitlerdeutsche Terrorgarde. Dem Völkerbund die Grundlage zu verschaffen für di«' Entscheidung zugunsten eines demokratischen zivilisierte« Regimes an der Saar, das ist die politische Aufgabe aller freien Deutschen an ber Saar, Wir wollen es,«nd wir werde« es erreiZeA stellen und verlangen, daß ein klarer Beweis für die Entwaffnung aller militärischen Verbände, vor allem der SA. und der SS. erbracht wird. Tr. Schacht versucht angesichts der verzweifelten Lage des„dritten Reiches" Hitler von der Notwendigkeit zu überzeugen, einen Kurs einzuschlagen, der praktisch die Liquidation des Nationalsozialismus bedeutet. Schacht verlangt, daß selbst in der Iudenfrage von einigen Ueberspitzungen Abstand genommen wird. Die Neuyorker Hochfinanz, bei der Schacht durch Bertrauenspersonen über die Möglichkeit von Krediten ansragen ließ, hat deutlich zu versieben gegeben, daß man nicht bereit sei, dem„dritten Reich" größere Summen zu gewähren, solange die Judenhaß nicht beseitigt ist. Aber auch sonst will man in Neuyork anscheinend nur Baumwollkredite gewähren, während Lebensmittelkredite strikt abgelehnt wurden, solange die Schulden nicht bezahlt werden. In seiner Not wandte , sich Schacht auch nach Schweden. Aber auch Schweden will keine Kredite geben. Seine ganze Hoffnung setzt Schacht auf England. Aber diese Hoffnungen werden sich erst verwirklichen, wenn Hitler in der Rüstungsfrage kapituliert und den National- Sozialismus endgültig liquidiert. Entwicklungstendenzen in dieser Richtung sind bereits zu beobachten. Das zeigt die Erstarkung der Reichswehr und die„Säuberungsaktion" unter der SS. und SA., sowie auch die Absägung ; des Apostels der„Zinsbrechung", Gottfried Feder. Nach dem 18. Iastuar wird aller Voraussicht nach Dr. Schacht endgültig triumphieren und dann ist die Tür für den Bittgang nach Canossa wenig st ens zum Teil offen. „Rcldisndbrstand“ Die Landwirte müssen zahlen Berlin, 9, Ian. Mit Zustimmung des Reichsfinanz- Ministers hat der durch den Staatssekretär Wtlltkens vertretene Rcichsernährunasminister den vom ReichSbaurrn- führer Darr« festgesetzten zweiten JahreSteil- beitrag der Landwirtschaft zum RetchSnäbr-- st g n d in gleicher Höhe wie den ersten Jabresteilbeitrag festgesetzt. ES bedeutet dies, dass auch der zweite Jahresbeitrag wieder eins pro Tausend und damit 32,ö Millionen Mark auSmacht. die von der gesamten Landwirtschaft am 25, Januar zu zahlen sind vzw. durch die Finanz- ümter erhoben werden. Die gesamten von der Landwirtschaft für den Reichsnährstand aus diese Art auszubringenden Beiträge belaufen sich somit für das RcchnungSfahr 1984 auf rund 65 Millionen Mark, was angesichts-er Mindcrerlöse der Bauern aus dem Getreideverkauf um etwa zwölf Prozent von der Landwirtschaft kaum sehr begrübt werden dürfte.... Der. vo Soldat 4 soll d e den Sanfter Trost für die Abgehalfterten Berlin, o. Jan. In Berlin erscheint für die oberste L«.' Sübruna«ine eigen« Zeitschrift. Hier wird soeben ein Ar- tikel, veröffentlicht,-er der zurückgedrängten SA. Trost »»sprechen will. Nach wie vor. ko heibt es. lebe die Nationalsozialistische Partei in der SA. eine wichtige Säule ihrer Organisation. Die SA. bleibe der Feind der Smeßbürger. Ein Nachlasien der Spannkraft der SA. würbe sich schädlich auf das Ganze rückwirken. Niemals werbe der Augenblick Eintreten, in welchem der politische Soldat überflüsiig werben könne. . Mit andern Worten: als Schreckmittel soll die LA. vlciben. Sonst hat sie nichts mehr to seggen. Heim Neumann Auslieferungsantrag auf schwachen Füßen Aus Zürich wird der Basler„National-Zeitnna" berichtet: Ter Haftbefehl des Landgerichtes Berlin und das Aus- lleferunasbegehren des Reichsministers-er Justiz gegen Heinz Neumann scheinen aus äußerst schwachen Füßen zu stehen. Der Haftbefehl wirkt Neumann vor, zu jener bekannten Mordtat dadurch Anlaß gegeben zu haben. Daß er zu-en beiden Arbeitern Klause und Pescku während -er Demonstration auf dem Bülowplatz gesagt habe» soll: „Was ist bas für eine Schweinerei, der läuft immer noch oerum und es postiert nichts." Damit sei, wird behauptet, ter daraufhin ermordete Polizeihauptmann Anlauf gemeint gewesen, es bestehe dringender Berdacht, baß Neumann mit dieser Aeußerung in besonderem Mabe Anlaß zur Tat gab und damit des gemeinschaftlichen Mordes schuldig sei. Nun wurde der Zeug« Klause in einem Gerichtsverfahren im Juni 1934 als Provokateur entlarvt und anerkannt und P e S ck y hatte im vergangene» Jahr schon erklärt, daß er an jenem Tage überhaupt nicht sm Liebkrrcchthaus gewesen sei. Sehr fraglich erscheint somit, ob Neumann den Ausspruch getan, und falls ja, ob dieser sich auk Anlauf bezogen bat. fraglich ist ferner, ob mit dem Ausdruck„es postiert nichts" der Wunsch nach Er. mordung ausgebrückt wurde. Unbewiesen ist fernerhin, ob der Täter von diesem Ausspruch erfuhr, ja, man weiß nicht einmal, wer der Mörder war, noch ob er durch solch einen Ausspruch zur Tat hätte veranlaßt werden können. Die Behauptung. Neumann sei vielleicht beS gemeinschaftlichen Morde- schuldig, erscheint somit äußerst ne bei- h o kt In der Begründung des Auslieferungsbegehrens wird behauptet, baß die Zusammenstöße auf dem Bülowplatz und die Erschießung der Polizeiosfiziere nach eingehenden Plänen und Vorbereitungen, der kommunistischen Partei veranlaßt wurde: dennoch handle es sich nicht um.eine politische Tat, da die Polizeiosfiziere nicht ihrer politischen Einstellung, sondern ihrer dienstlichen Tätigkeit wegen bedroht waren. Die Tat habe keine politischen Ziele verwirklichen wollen, sondern stelle einen Racheakt bar. Mittwoch wird Neumann von der Zürcher KantonS- polizei vernommen. ES erscheint uns unmöglich, baß der Bundesrat auf Grund dieser Dokumente Neumann den deutschen Behörden auSliefern kann. Frage In Oesterreich Hut abnehmen oder nicht abnehmen? Ein Sozialdemokrat, der vor dem Grab Georg WeißlS den Hut abgrnommcn hatte, wurde zu 6 Wochen Polizei- arrcst verurteilt. Er verbüßte die Strafe mit einem Nationalsozialisten, der zu sechs Wochen Polizetarrest verur- teilt war. weil er auf dem Zrntralkriebhok vor dem Grabe -er Opfer der Exekutive den Hut nicht abgenommen hatte. vom— cm Sdilag gegen Diner Die fleinong Ser Pariser Presse lVon unserem Korrespondenten) Paris, S. Januar 1935. Wenn einmal alle Akten über die Vorgeschichte der französisch-italienischen Verständigung vorliegen werden, dann wird man erst beurteilen können, in welchem Maße Hitler selbst diese Verständigung gefördert hat. Denn darüber darf man sich keinem Zweifel hingeben, daß der Wendepunkt in der italienischen Außenpolitik der 25. Juli 198 4 ist, der Tag, an dem die Naztpropaganda in Wien blutige Früchte trug, der Einmarsch der Hitler- deutschen Truppe» in Oesterreich nur dadurch verhindert wurde, daß Mustolini die Wacht am Brenner bezog. Nicht unrecht hat wohl auch„Ere Nouvellc", wo es heißt, vielleicht sei der jetzt in Rom erzielte Erfolg erleichtert worden durch die Enttäuschungen, die Mussolini im Laute und infolge seines bekannten Gespräches mit Hitler erlebt habe. Mussolini habe begriffen, daß es vorteilhafter sei, sich mit den Ländern zu verständigen, die nur ein Wort hätten, und die ihre Unterschrift respektierten, als mit denen, die ihre Ver- pslichtungen alsbald leugneten, wenn sie sie unterzeichnet hätten. Wir haben an dieser Stelle iviebcrholt eingehend über die Fragen gesprochen, die in Rom Gegenstand der Verhandlungen waren. Die Leser der„Deutschen Freiheit" sind zur Genüge über den Wesensinhalt der Abmachungen, die Oesterreich und das Donaubecken betreffen, unterrichtet. Eine Frage aber ist in Rom behandlet worden, die noch besonderunterstrichen werden muß, die Abrüstungskraae. ES steht lest, daß Mustolini sich nunmehr zu dem französischen Standpunkt bekehrt hat, das heißt im Gcaeniatz zu der von ihm noch im April vorigen Jahres bekundeten Auffassung, Deutschlands Rüstungsgleirbheit anzuerkennen, vertritt er nunmehr die Meinung, daß Deutschlands Rüstungen illegal sind und bleiben bis»u dem Zeitpunkt, wo zwilchen Deutschland und den Großmächten in neuen Verhandlungen Deutschlands Aufrüstung anerkannt würde. Damit hat die französische These gesiegt», die im Prinzip Deutschland-nur dann die Berechtigung zur Aufrüstung anerkennt, wenn dieses Sicherheit-- und Friedensgarantien gibt. Der Leidtragende von Rom ist Adolf Hitler und mit ihm das„dritte Reich", bas er in eine außenpolitische Sackgaste hineingeführt hat, aus der es heute nur heraus kann, wenn es den Weg nach Canosta geht. Im„Paris-Soir" erzählt der nach Berlin entsandte Sonderberichterstatter dieses Blattes, Jules Sauer- tv ein, wie Hitler am 2. Januar gegen 4 Uhr nachmittags erfahren habe, daß Laval nun doch wider aller Erwarten" nach Rom gehe. Da hätten es die Minister und Parteisührcr für ratsam gehalten, in einem für Deutschland so schwierigen und delikaten Augenblick vor aller Welt die Einheit der Partei bestätigt zu sehen. Telefonisch und telegrafisch habe man von überall her die Führer aufgeboten. Man habe einen Saal gesucht. Wohl habe der Saal der Krolloper, wo der Reichstag untergebracht sei. ausgereickt, aber man habe nickt mehr Zeit genug gehabt, um ibn zu Heizen. Darum sei man auf die Staatsoper verfallen. Dort habe sich dann Hitler ä» r nächsten Tage der Oeffentlichkeit gezeigt. Aber seine bedeutungsvollsten Worte habe man nicht veröffentlicht. Er habe im wesentlichen feinen Leuten auseinandergesetzt, daß in kurzem eine für Deutschland ernste Zeit von wichtigen Verhandlunaen beginne und daß er meine, daß während dieses Zeitabschnittes die hohen U'u, wenn Savelkouls in seiner Berlegeuheit zu solch offensichtlichen Lügen greisen muß. Ucberalb-in Deutschland werden von den Regierungen der einzelnen Länder, von den Regierungspräsidenten, Landräten und anderen Behörden dauernd Anordnungen erlassen, die sich mit der Preissteigerung beschäftigen. Die NSDAP, hat kürzlich infolge der unerträglichen Preissteigerung eine Preisuntersuchung angeordnet, es ist speziell ein Kommissar ernannt worden,' um eine, weitere Preissteigerung zu verhindern, der' Ernährungsminister Darre brüstet sich darüber, baß die Lebensmittelpreise wesentlich erhöht worden sind, die verschiedenen Handelskammern jammern darüber, daß durch die Preissteigerung die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt gelitten hat,— Savelkouls behauptet aber dreist, daß diese hitleramtlichen Kundgebungen Greuclmärchen seien, und daß das Leben im Saargcbiet teurer als in Deutschland sei. Wahrhaftig, dreister und dümmer kann man nicht lügen. Laval beim Papst Hauptproblem: die Saar Rom, den 9 Januar. Eigener Bericht. Tie Unterredung-wischen dem französischen Außenminister Laval und dem Papst hat 50 Minuten gewährt, das heißt zwanzig Minuten länger, als es das sonst übliche Zeremoniell beim Vatikan zulätzt. Die Unterredung ist ohne Zeugen vor sich gegangen, aber aus unbedingt glaubwürdiger Quelle können wir versicheru, daß ein wesentlicher Teil der Aussprache dem Saarproblem gegolten hat. Laval hat dem Heiligen Vater nicht verheimlicht, wie außerordentlich peinlich das Eingreifen der Bischöfe von Trier und Speyer in den Saarkampf von Frankreich sowohl wie von allen mit dem Saarproblem befaßten internationalen Kreisen empfunden werde. Laval erkannte an, wie wertvoll die vom Papst bisher beobachtete Neutralität sei, die leider durch die unter dem Druck der Berliner Negierung st ehe n den Bischöfe verletzt worden sei. Der Papst konnte sich den von Laval vorgebrachte» Bedenken nicht entziehe», er sprach sich recht freimütig über die Schwierigkeiten aus, in denen sich die Katholische Kirche in Deutschland befinde,«nd aus denen heraus das Verhalte« der Bischöfe vo« Trier und Speyer 3« verstehen, aber nicht zu billige« sei. Beseelt von der Absicht, unverzüglich alles zu tun, um die Neutralität des Heiligen Stuhles bei der Saarabstimmung noch einmal deutlich zu machen, hatte der Papst bald nach Lavals Fortgang eine Unterredung mit Staatssekretär P a c e l l i, die dazu führte, daß noch am gleichen Abend der Vatikan das amtliche, von uns bereits mitgeteilte Communiqu« veröffentlichte, in dem die absolute Neu- Aber gerade die dumme Art dieser Lüge zeigt, daß die „deutsche Front" keine anderen Argumente zur Betörung der Saarbevölkerung mehr hat als offensichtliche Lügen, * Aber ausnahmsweise sagt Savelkouls und mit ihm die „deutsche Front" über wirtschaftlich-finanzielle Probleme auch mal die Wahrheit. In seiner Dummheit hat er auf der Kundgebung des Handwerkerbundes unsere Warnungen bezüglich des Frankenaüstauschs voll und ganz bestätigt. „Selbstverständlich"— so erklärte Savelkouls—„er, folgt der Umtausch zum Tageskurs, also etwa 1 Mark geich 6 Franken. Und es wird auch kein Unter'chied gemacht zwischen Bargeld, Umtausch von Bargeld, Guthaven oder Forderung:" Savelkouls und die braunen Parteibonzen begehen bei den Erörterungen gegen den Umtausch der Franken gegen die Mark einen ganz gemeinen Schwindel, den Uneingeweihte nicht sofort erkenne» können.. Sie erklären Dämlich immer, der Kurs ist 1 Mark gleich 6 Franken.' Wenn man nämlich für 1 Mark 6 Franken bekommt, dann ist dies für den, der die Mark gegen Franken wechselt, ein Von:cl. Aber die Dinge liegen im Saargebiet ge- rade umgekehrt. Da soll man die Franken abgeben und die Mark dafür bekommen. Der Abgeber der Mark ist in diesem Falle die Reichsbank, und sie hat bei dem künstlich hochgeblähten Kurs den Vorteil des Umtausches, der Saarländer aber den Verlust. Der Saar, ländex wird im Falle der Rückgliederung für seine 6 Fran» ke« nur 1 Mark bekommen, während der tatsächliche Kurs der Mark im Auslande viel geringer ist. Di e Sa ar« länder wissen i a selbst, auf Gründ ihrer zahlreichen Reisen nach dem Reich, datz sie für den Erwerb einer Registermark drei Franken und sogar weniger bezahlen müßten. Wenn es aber zum Zwangsnmtau'ch kommt, werden sie für 3 Franken nicht, wie bisher eine Mark» sonder» höchstens 50 Pfennig bekommen. bedeutet die Rückgliederung angesichts des str!^:zi:-r» Bankrotts des„driLeu Reiches" für die Gs^ccSI» kerung automatisch-e« Verlust der Hälfte ihres Vermögens. Wer sei» Vermöge« verlieren will, der stimmt am 18. Januar selbstverständlich für Hitler. Wie wir von gutunterrichteter Seite erfahren, haben die Banke» i n S a a r g e m ü n d und F o r b a ch ihr_Per« sonal verdoppelt, weil zahlreiche Kaufleute und Industrieunternehmer, in der falschen Annahme, daß das Saargebiet rückgegliedert wird, auf alle Fälle ihr Vermögen nach Frankreich bringen. Diese armen Leute vergessen nur eins: die scharfen Devisenbestimmungen des Hitler- re i ch s. Alle diese guten Bürger der„deutsche« Front" denken«ich» daran, datz ei« Volksverratsgesetz existiert, und daß sie ins Zuchthaus marschiere« werde« müße»», wenn sie nicht rechtzeitig«ach einer eventuellen Rückgliederung ihr Vermögen nach dem Saargebiet zurückbringe« und hier nach Sayelkouls Rat ihr Geld zu dem Zwaugskurs wechseln. Die einzige Rettung vor dem drohenden Verlust des Vermögens und dem Zuchthaus ist: am 18. Januar für Status u«o zu stimmen. tralität des Heiligen Stuhles in der Saarfrage betank wurde. Weiter wurde gegenüber jeder Kundgebung in dem einen oder anderen"Sinne die schärfste Mißbilligung ausgesprochen. Wir können noch hinzufligen, daß dieser Standpunkt des Papstes aus schnellstem Wege den Bischöfe« vo« Trier«ud Speyer zur Kenntnis gebracht«orde« ist. Man darf nunmehr erwarten, daß- diese-ebenso wie.die ihnen, unterstellten Dechanten des Saargebietes fortan sich jeder Hitler- agitation enthalten. Die„Neue Zürcher Zeitung" schreibt:„Ueber den Inhalt der besonderen Besprechungen zwischen Pius Xl. und Laval, die fast eine Stunde in Anspruch nahmen,-läßt sich weder der„Osservatore Romano" noch die übrige katholische Preffe weiter aus, doch erfahren wir aus vatikanischer Quelle, datz tu dieser Privataudienz, und insbesondere nachmittags während des Besuches Lavals bei Kardinalstaatssekretär P e c e l l i, zwei wichtige politische Themen zur Erörterung gelangten, nämlich die Saarfrage und das Problem der Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Frankreich.":■ Deulltdi! „Osservatore Romano“ über eine„katholische** Zeitung In Saarbrücken erscheint seit einigen Wochen eine Zeitschrift:„Der deutsche Katholik an der Saar". Sie hat, finanziert durch Goebbels-Geld, die Ausgabe, im Namen der Religion und des Glaubens die Saar-Katholiken zur Abstimmung für bas„dritte Reich" zu bewegen— eine Aufgabe freilich, die das Blatt ebenso plump wie aufdringlich in Angriff genommen hat. Ljmmerhtn hält es da- Organ des päpstliche« Stuhls, der »er vapst für eine unbeeinflußte Abstimmung Es war einmal... Von Rudolf Pfister Es war einmal, vor fünfzehn Jahr, ,AlS man vom Reich getrennt die Saar, Da gabs für niemand ein Problem, Ob sie zurück zu Deutschland käm. Deutsch war der Zunge Laut und Sinn; Deutsch war ihr Lied von Anbeginn, Urdeutsch ihr Blut, urdentsch ihr Herz, Und jeder Puls schlug Deutschland—wärts. „Deutschland!" da war kein Widerstreit, Hieß Heimat, hieß Verbundenheit. ....Es war einmal... zu Völkern weit Tönts fort wie fromme Sage heut. , Es war einmal, eh braune Macht Aufschob in blut'ger Niedertracht. Es war einmal, eh Glaub' und Treu. Verwandelt war in Goebbelei, Als„Recht" noch„Recht" hieb,„frei" noch„frei". Nicht Wortbruch, Unrecht, Sklaverei. Es war einmal, in güt'ger Zeit Ein Deutschland, grob an Menschlichkeit. Und jetzt, was ist? Der Frohmut schweigt, Huscht Volk, geschunden und gebeugt. Schwer klirren Ketten ohne Zahl; Au- Kerkern weint'S... Es war einmal. So schlägt es schaurig schon zwei Jahr AuS Deutschlands Gauen an bae Saar; So hob sich todernst ein Problem: „Weh, wenn die Saar zu Hitler käm, In SEINER Braunheit Kerkermacht. In DEINE«lauen. SEINE Nachtl „N e i n", ruft da- freie Saarvolk kühn, Niemals, niemals zu Hitler hin; Allgüt'ges Schicksal halt uns fern Bon Hitler-Görings blut'gem Stern! Heut sind wir unsres Zustands froh Und frei, ja freil im Status quo!! „Offervatore Romano", für nötig, sich mit diesem auchkatholischen Blatte zu beschüstigen. „Diese Artikel— so bemerkt das Blatt-es Vatikans— beurteilen die religiöse und kirchliche Lage in Deutschland mit einem übertriebenen Optimismus, der leider nicht den Tatsachen entspricht und bei den Lesern den Eindruck erwecken könnte, dab in den Beziehungen zwischen der Kirche und dem Nationalsozialismus nichts oder fast nichts mehr zu verbessern sei."„, Die betreffende Zeitschrift hat ferner in einem Artikel geschrieben:„Wir Katholiken finden in den Ideen des Nationalsozialismus da- beste und älteste katholische Erbgut." Der„Ostervatore Romano" bemerkt dazu:„So etwas verstehen wir nicht. Denn der Nationalsozialismus stützt sich ans den Nationalismus und den Sozialismus, die beide in ihrem Wesen und aus den verschiedensten Gründen weder der Doktrin noch der Moral noch der sozialen Auffassung der katholischen Kirche entsprechen, wie sie in der Enzyklika„Ouadrogesimo Anno" aus- eina»dergesetzt sind. Wir distanzieren uns von der Linie, -er diese Zeitschrift als Exponent einer katholischen Partei folgen will." Liefe„Distanzierung" gilt nicht nur diesem unwesentlichen Blatfe^Mie.hat grundsätzliche Bedeutung. Das Organ des Papstes hebt noch einmal demonstrativ die Unverei'h- b ar'ke i t des Kerns der nationalsozialistischen Lehren mit denen deS Katholizismus hervor. Vielleicht machen es auch allmählich die Bischöfe und die Herren Dechanten an der Saar. Wie abgestimmt und gezahlt wird Die Abslimmunöshommission spricht Auf gestern nachmittag 8 Uhr hatte die Abstimmungskommission zu einer Prefiebesprechung in die Wartburg eingeladen. Verschiedene Mitglieder der AbstimmungSkom» Mission gaben Aufschlüffe über die technische Seite der Wahlhandlung, über-te Sicherung der freien, nnbeeinflntzten Abstimmung und des Wahlergebniffes. Die Wahlhandlung beginnt Sonntag vormittag 8.80 Uhr und endet Sonntag abend um 8 Uhr. Der Vorsitzende stellt mit den Mitgliedern des Wahlbüros fest, dab die Urnen leer sind, worauf er sie abschließt. Ter Schlüssel bleibt beim neutralen Vorsitzenden. Im Laufe des Tages wir- dann die Urne versiegelt. Das alles sei notwendig damit die Wahlhandlung frei und unbeeinflußt vor sich gehe, denn es gäbe hier Terror. Wenn man von Terror rede, so errege die- nur die Verwunderung derjenigen, die noch nicht wiffen, wie die Situation hier ist. Der Transport der Urnen nach Saarbrüchen wird dann eingehend geschildert. Es handelt sich um 800 eiserne Kisten. Mit 2000 Tonnen Papier. Soviel machen die 500 000 Stimmzettel ans. Der Transport geht unter dem Schutz von Militär vor sich. Die Mitglieder der Wahlbüros, etwa 258 8, werden für den Transport ebenfalls in Bewegung gesetzt. Die Urnen werden zuerst zur Bürger- meisteret transportiert und von dort zum Bahnhof weitergebracht. Sonderzüge bringen dann die Urnen nach Saarbrücken. Diese Sonderzüge sind ebenfalls von Truppen begleitet. Man rechnet damit, daß die ersten Urnen zwischen 10 und 12 Uhr in die Wartburg gebracht werden können, und zwar die von Saarbrücken-Stadt. Mit der A n- kunft der Sonderzüge rechnet man zwischen 2—6 Uhr nachts. Die Abgabe in der Wortbura erfolgt ebenfalls gegen Bescheinigung darüber, daß die Urnen unbeschädigt und ungeöffnet ankamen. Die Elimmzählvng wird dann in der Wartburg vorgenommen. Tie Wahl» ergebntsie werben nach Bürgermeistereien, ober den 88 Wahlbezirken festgestellt. 800 Stimmzähler werden zuerst die Stimmen zählen, die insgesamt abgegeben wurden» innerhalb des jeweiligen Wahlbezirks. Dann werden die Stimmzettel nach den drei Möglichkeiten Status quo, für Frankreich, für Deutschland sortiert und in Bündel aufgezählt. Die ungültigen und zweifelhaften Stimmzettel werden hierbei nicht mitgezählt. Ueber diese entscheidet die Kontrolle. Das Ergebnis wird dann noch einmal nachgeprüft und dann der Hauptkontrollstclle aus der Bühne mitgeteilt, die dann>u allen Zweifelsfällen entscheidet. Nach der endgültigen Feststellung des Ergebnisses werden die Pakete mit den Stimmzetteln in die große Garderobe gebracht, dort in hölzerne Kisten verpackt und dann nach Genf gesandt. Montag, den 14. Januar Auch darüber wirb Auskunft gegeben. Zuerst sind berechtigt teilzunehmen natürlich die AbstimmungSkom- Mission selbst und die Mitglieder der Regierungskommission. Und auch Vertreter des Völkerbundes werden anwesend sein, ebenso Vertreter Deutschlands und Frankreichs, und die in Saarbrücken anwesenden Konsule der Länder. Auch jeweils eine Delegation der verschiedenen politischen Richtungen im Saargebiet soll zugclasscn werden und auf den Galerien Platz nehmen können- Taz» kommen 800 Journalisten, für die Plätze vorgesehen sind. Ter Referent gibt dann Aufschluß, wie dies« Plätze verteilt werden sollen und erklärte zum Schluß seiner Ausführungen, baß man hoffe, Montag zwischen 0 und 11 Uhr abends die Ergebnisse«ittetlen zu könne«, allerdings könne für diese Zeitangabe keinerlei Garantie übernommen werden. 8le wollen hcrausfordern Zusammenstöße am Saarbrücker Hauptbahnhof Die braune Front sucht ihre ProvokationSmethoden in den letzten Tagen vor der Abstimmung wirksam zu steigern. Ihre„Blockwartc" organisierten für DienStagnachmtttag eine„spontane" Demonstration anläßlich der Ankunft abstimmungsberechtigter Amerikaner, obwohl die Ab- stimmungSkominission derartige Kundgebungen ausdrücklich verboten hatte. Mehrere lausend Menschen waren in sichtlicher Tatenlust am Hauptbahnhof versammelt. Auf dem Bahnsteig und am Bahnhof wurde bann heftig und mit Gesang demonstriert, wobei sich die Polizei teils als ohnmächtig, teils auch als durchaus unwillig zum Einschreiten erwies. Wir sahen. Beamte, der blauen Polizei am Bahnhof, die mit sichtlicher Sympathie die Aufstellung eines Filmaufnahmeapparates betrachteten, obwohl sie sehen mußten, baß der Verkehr am Bahnhof allmählich vollkommen lahmgelegt wurde. Erst später, als man das Be- reitschastSkommando rief— die Kundgebung hatte bereits ihren Zweck erfüllt—, wurde kräftiger vorgegangen. Die Presie des„dritten Reiches" und kein Radio erzählen nun Märchen darüber. Angeblich soll ein englischer Offizier einem„Emigrantenkommiffar" unter dem Beifall des Publikums in den Arm gefallen sein. Richt- davon ist wahr! Provokation, Propaganda, um die Erregung der Bevölkerung auf die gewünschte Siedehitze zu bringen: das ist die Absicht. Die braune Front rechnet dabei mit der Nachsicht der Autoritäten des Völkerbundes. * Kic'ne Szene Ein Augen- und Ohrenzeuge berichtet unS: Ein Saatauto versuchte sich mühsdm eine Gaste durch das Gedränge zu bahnen. Da trat ihm ein Repräsentant der„deutschen Front" entgegen und schnauzke den Herrn am Steuer kräftig an:„Dort ist der Weg nach Jerufa.lem!" Hs zuckte mir in den Händen, um dem frechen Burschen eine Ohrfeige herunterzuhauen. Aber was hätte ich dann gegen die Uebermacht der Aufgehetzten auSrichten können? Sehnsucht deutscher Jugend Jungensbriefe aus Wirklichkeit und Romantik sSchluß.) Da sie aber nicht hinausdürfen, schreiben sie Briefe, -ieje Jungens, erzählen von ihrem Leib und von ihren Wünschen. ES folgen hier ein paar Abschnitte aus Briesen dieser Jugendlichen, die zwar zwangsgejchaltet in der Hitler- Jugend, sich doch den freien Blick den offenen Sinn und die Lust an Wanderfahrt und-Abenteuer, den ungestümen Drang in die weite, schöne Welt bewahrt haben. Und um so heftiger bestätigt sich dieser Drang, als sie tehen müffen, wie auch ihre Sorge um die wirtschaftliche Zukunft, um ihr ganz privates Schicksal immer gebieterischer an ihr Ge- wisten pocht. AuS verständlichen Gründen sind Namen und sonstige Angaben in diesen Briesen geändert, um etwa wiß- begierige Gestapisten nicht auf die Spur zu leiten. Da schreibt einer über die neuen Bonzen: . man erzählt hier. Du hättest dem B. mal einen Brief geschrieben, der sich gewaschen hat! Das ist richtig jo, daß man hier den Bonzen mal die Wahrheit sagt, denn bei ünS besonders ist alles schon verbonzt, ohne Autos können sie gar nicht mehr leben..,.." Ernst K. Und was die angekurbelte Wirtschaft und die im Hurrah gewonnene Arbeitsschlacht betrifft: „... es ist so ruhig hier, fast wie auSgestorben, und Du weißt doch, was früher für ein Leben hier war. Ich habe noch immer keine Arbeit. 8 Jahre laufe ich nun schon so herum, da kannst Du Dir ein Bild machen, wie eS mir zumute ist. Man ist so auf den Hund gekommen, dab man bald nicht mehr weiß, was man machen soll. Kein Geld, keine Arbeit, also gar nichts hat man mehr.... Du bist sicher da draußen bester dran wie wir hier, könnte man nur heraus, aber man ist ja wie an der Kette...." Albert(seit 1081 in der HI., dann in der SA) Einer von den alten„Naturfreunden": „.... vielen Tank für die Grüße aus der Ferne. Beneiden könnte ich Dich, für das Schöne, was Tu sicher siehtst und erlebst. Ich möchte auch mal wieder eine große, schöne Fahrt machen wie früher, wo wir als Pfadfinder- kameraden hinauszogen Das ist jetzt nicht wehr. Immer Dienst und Dienst— jetzt hat man mich in die Retterei gesteckt. Man kommt gar nicht mehr heraus. Und für ins Ausland zu fahren, dafür gibt man uns, glaube ich, überhaupt keine Erlaubnis. Wie ist da- eigentlich, kommen bei Euch noch viele deutsche Jungens durch, so auf Fahrt ober als Boyscouts? Was war das früher doch ander- bei unS Nerothern! Schreib mir doch mal ob e- möglich ist, noch mal so eine richtige Trapperfahrt zu machen? Im Frühjahr möchte ich hier gern mit einem alten Pfad- sinderkameraden loShauen...." Abi B. Immer noch keine Arbeit und keine Aussicht: „... ja, es ist hier alles anders geworden, seit Du fort bist, alles bat sich gedreht. Alle sind sie in der HI. bzw. TA. und SS. Nur Paul und ich gehören wie zuvor immer noch der Natur an. Wir fahren noch jeden Samstagmittag heraus ins..... aufs Land, in den Wald und streifen durch die Gegend, wie wir das früher mit unsern Kameraden taten. Bin seit April aus dem Arbeitsdienst, weil meine Zeit um war: dann habe ich ü Wochen gearbeitet, wurde dann wegen Arbeitsmangel entlasten. Jetzt stehe ich wieder da und weiß nicht, was werden soll. Keine Arbeit, keine Unterstützung. Wenn ich könnte, würde ich hier alles stehen und liegen lasten und herausfahren, vielleicht zu Euch, dort unten durch die Schweiz, Italien— kommt man jetzt übrigens noch nach Spanien? Schreib mal darüber, fare well! Dein Fahrtenfreund Bobby." nichts als arbeiten, für 80 Pfennig: „.... wir denken noch so oft zurück an unsere gemeinsamen Fahrten, in den TaunuS, an den Bodensee— was waren das schöne Zeiten! Man kommt ja gar nicht mehr heraus, hier bin ich in der Landhilf«, ich mußte mit, sonst gab» keine Unterstützung für meine Mutter— und da kennt man nichts anderes als arbeiten, für Esten und ein paar Pfennig Lohn. Die andern aber sind jetzt obenauf: Walter 8. hat ja schon frühzeitig den Dreh gefunden, das weißt Du doch: der sitzt jetzt als Unterbannsührer und Wehrsportdelegierter dicke drin, er hat es schon zu zwei Autos gebracht. Tie alten Kameraden des DPB. hat man sich alle herangeholt, damit sie ihnen die richtigen Arbeiten machen; und wenn sie eS ihnen bann beigevracht haben, werben sie abgewimmelt, dann hat man sie nicht mehr nötig! Da haben sie dann den Dank dafür, daß sie nicht schnell genug„Heil Hitler" schreien konnten....." Karl B. Hinaus in die Welt, vielleicht nach Afrika: „...welche Papiere muß man haben, um nach Frankreich oder nach Spanien zu fahren? Muß man einen englischen Paß haben für nach Afrika? Fritz M. lder früher bei den „Roover-BoyS" war) und ich wollen nächste Ostern auf Grobfahrt gehen..Kalli R. „...hier ist gar nichts mehr los, kurz vor Weihnachten drücke ich mich vom Dien st, ich muß mal sehen, wie ich es anstelle. Will mit ein paar Kameraden nach H. fayren... dort wollen wir noch einmal feiern, so ganz in der Stille, wie wir früher gefeiert haben, bas gibt eine ganz große Sache! Nächstes Jahr im März muß ich wohl in den Arbeitsdienst, aber ich will sehen, daß ich herauskomme. Wenn ich Geld genug gespart habe, möchte ich nach Afrika fahren, was hältst Du davon? Wie ist das Leben dort eigentlich? Ober wo Ihr jetzt seid, da im Süden oder in Spanien— kann man da keinen Autoschloffer gebrauchen oder sonst einen Kerl, der anpackt? Hier ist ja doch nichts mehr zu erwarten! Wir haben lange genug gewartet, im nächsten Frühjahr gehts hinaus! Schreib doch mal was von den dortigen Äerhältniffen. Ich hätte mal große Lust, nach Barcelona zu fahren, oder nach Easablanca, da soll» so gut sein, hat man mir gesagt— um da ein paar Jahre zu leben..." Walter F. So sehnen sie sich heraus aus dieser groben Kaserne, die heute Hitlerbeutschland darstellt— hinaus in die Welt, als freie Jungens, die nur dem Kommando ihres eigenen Gewissens gehorchen, tief eingesangen in den Traum ihres Jungseins. Und wenn sie wollen und dränge«, dann finden sie auch Mittel und Wege— wir misten ja, wieviele deutsche Jungens schon im vergangenen Jahr durch die Schweiz, Italien, Südfrankreich, Spanien zogen, freudig hingegeben dem neuen und großen Erlebnis, das in diesen fernen Landern sie in Bann zog— und mit einem beschämten, bitteren Lächeln, wenn man sie nach ihrer Heimat fragte, nach diesem Deutschland in Ketten, dem sie für ein paar Monate glücklich entronnen waren. Man darf sie nicht unterschätzen, diese Jungens, die sich sreizumachen wußten, oder die noch viel zahlreicheren, die wohl die, Sehnsucht in sich tragen, aber nicht den Mut aukbringen oder wohl von sonstigen Hemmungen befallen sind, um all das resolut von sich zu werfen» an dem sie so bitter tragen: hinaus in die Welt, die schön und frei und verlockend vor ihren Augen liegt. Aber wohlgemerkt: man darf sie noch weniger überschätzen! ES ist nur erst ein kleine» Trüpplein, das sich so gesunden hat, in seinen Jungens-Gedanken, Träumen und Wünschen— tausende, vielleicht hunderttausend« sind es, die auch beute noch mit Stolz und Begeisterung das Joch tragen, das eine Kreatur von Hitlers Gnaden wie dieser Baldur von Schirach ihnen aufgelegt hat. Sie sind kraft ihres Draufgängertums oder auch nur ihrer guten Beziehungen zu Amt und Würden gekommen(wie ungeheuer verbonzt ist doch beute schon diese HI.!)— und sie kleben an ihren Aemtern, sie tragen einen Titel, sie haben ein strammes Kommando zu führen, sie dürfen eine Front avschreiteu und werden mit besonders „zackigem" Gruß bedacht! Sie haben ihre Kumpane, ihre Spitzel bis tief in die letzten Reiben, und mit jovialem „Sieg Heil" wird jede feile Denunziation auittiert— und auch mit einem Trostwort aus baldige Karriere. Das sind die Eristenzen, bis hinunter in die Führerstellen der HI., die um Hitler leben und wedeln, die alle» im Krim unterdrücken, was irgendwie freiheitlich oder auch nur dem harten Zwang ausweichend sich hervorwagt: Die andern aber, die mit der Sehnsucht und dem Traum im Herzen, dasind die Romantischen— die ja schon einmal, damals in ihrer romantischen Verzauberung, zu Hitler gekommen sind, weil sie allem zugetan waren, das wie ein leuchtendes Idol an ihrem Horizont aufstieg. Nun ist der Schein dieses falschen Idols verblaßt— geblieben ist ihre Romantik, die sich wieder herauswagt aus dem engen Käsig ihres Ge- bundenseinS. Mag lein: diese Jungens sind keine kämpferischen Naturen, und schon oar kein« Revolutionäre— von ihnen wird das neue Deutschland nicht geschaffen. Aber sie sind ein Trüpplein der Aufrechten, da» doch immer heftiger gegen verschlostene Tore pocht. Eingeschlonen in die lärmenden Marschkolonnen der Hitleriuaend trägt dieses Trüpplein der Stillen und Romantischen eine unsichtbare Fahne, kündet es einen sieahasicn Gedanken, der immer breitere Wurzel schlagen wird: eine Sehnsucht deutscher Jugend. E. Fabry. Stimmen* föeikige zur..deutschen Greift cif• fr eignissc und Sesdiidiieu Alfred, äßec den Schädel gehauen, Meine ücagödie eines nationalsozialistischen Dichtecs Scanne}aucnalisten Die Journalisten sind nicht zu beneiden. Hs ist ja wirklich auch unmenschlich schwer. Die Wahrheit stets grundsätzlich zu vermeiden. Wo nimmt man immer gleich’ne Lüge her? Wir bieten heute unseren zahlreichen geistigen Feinschmeckern eine besondere Gabe. Freilich, nicht wir spenden sie, sondern der nationalsozialistische Autor Alfred Karrasch, der den nachfolgenden Brief an die Pg.- Redaktion des.,Westdeutschen Beobachters“ geschrieben hat. Karrasch ist der"Verfasser eines Romans„Pg. Schmiedecke“, der bei den gleichgeschalteten Literaturkritikern keine restlose Begeisterung hervorrief. Mit ihnen segt sich Karrasch auseinander. Wie er es tut, ist das Interessante: die versteckten Drohungen gegen Leute, deren braune Tinte noch nicht dickflüssig genug ist; die von den wenigen Quadratzentimetern geistige Freiheit, die ihnen im Feuilleton noch geblieben ist, einem dem Herrn Karrasch keineswegs willkommenen Gebrauch machen. Sein Sag, daß diese Anspruchsvolleren„das Land der Emigranten mit der Seele suchen, wenn sie vielleicht auch gar n ich t wissen, daß sie es t» n“. verdient in der Reihe der klassischen Zitate der Weltliteratur einen Ehrenplag. Hinter ihr stecken die Seufzer der Bedrückten und Gefangenen, die manchmal an den Gitterstäben ihres geistigen Käfigs rütteln. immer in Furcht, dafür strengen Arrest bei Wasser und Brot zu erhalten. Jeder Sag des Herrn Karrasch muß genossen werden. Wie gesagt: etwas für Feinschmecker, wichtig zur Erkenntnis gegenwärtigen deutschen Schrifttums unter Goebbels’ Kommando. Redaktion der„Deutschen F r e i h e i t“. Alfred Karrasch an den„Westdeutschen Beobachter“ Liebe Kameraden! Mein Ausschnittbüro übersendet mir einen Ausschnitt ans . dem„Westdeutschen Beobachter“ vom 27. November. Ich habe viele hundert Ausschnitte über meine Bücher, gute und schlechte Besprechungen, nichtssagende und begeisterte. Selten trifft eine Besprechung so„den Nagel auf den Kopf“, wie die bei Ihnen an jenem 27. November veröffentlichten„Kulturellen Miniaturen“. Sie haben vollkommen recht:„Das Volk marschiert inbrünstig zur Kultur, die Kritik läuft zumeist auf dem Bürgersteig nebenher.“ Oder wenn Sie da schreiben:„Wie oft begeistert sich das Volk für ein Buch, hernach aber liest man in einem Literaturblättchen, daß dieses Buch nicht ganz „gekonnt“ sei.“ Ja, da liegt es: d i e K r i t i k I Ich bin gewiß keiner, der verdächtigt, um dadurch vorwärtszukommen. Es ist auch so, daß manchmal in begeisterten Besprechungen bedeutender ■Unsinn steht. Aber Sie haben schon recht: wenn wir vor- w'ärtskommen wollen, dann werden wir wohl auf die Kritik ’ unser Augenmerk richten müssen. Es scheint mir nicht ganz glücklich(und erfüllt mich immer mit leichtem Argwohn!) wenn so Verschiedene in Bewunderung die Hände ringen, wie nun jetzt bei der— gleichgeschalteten Kritik alles, aber auch alles in bester Ordnung wäre. Ich möchte dagegen mit Ihnen behaupten, daß da vieles aber auch gar nichtinOrduungist. Sie sagen es in Ihren„Kulturellen Miniaturen“ an einer Stelle so, daß jedes Mißverständnis ausgeschlossen ist über das, was Sie meinen:„Man sabotiert die große Linie!“ Das ist nur die blanke Wahrheit. Die Dinge liegen da meiner Ansicht nach so, daß man unter diesen„Saboteuren“ zweierlei Arten unterscheiden muß. Auf der einen Seite sind diejenigen, die vielleicht gar nicht wissen, daß sie sabotieren, einfach, weil sie noch nicht zur notwendigen Einsicht gekommen sind. Man hat sie in der früheren Zeit Jahre um Jahre gelehrt, man hat es ihnen durch Riesenpropaganda eingehämmert, nur etwas ganz Bestimmtes für wirklich wertvolle Kunst zu halten, nur das gestelzte Woit, nur die gedrechselte Problemstellung, nur jenes sogenannte Literarische. Das schlichte Wort, das schlichte Leben, den schlichten Wald, die schlichte Erde empfinden sie als etwas zu Primitives, ja Pöbelhaftes. Das sind die, welche, wie ich immer sage,„das Land der Emigranten mit der Seele suchen“. Sie wissen es vielleicht gar nicht, daß sie es tun. Zu ihnen gehören jene andern, von der gleichen Partei, die ein Buch, das aus dem Blut und dem Leben der heutigen Zeit kommt, schon begreifen. Aber man hat ihnen früher einmal gesagt, daß Kunst, wohlverstanden wirkliche Kunst, ganz abseits von den Erscheinungen des täglichen Lebens zu stehen hat. Sie können darüber noch nicht hinwegkommen usw. Hier könnte man im nationalsozialistischen Geiste und nach jenem wunderbaren Befehl des Führers mit versöhnlicher Belehrung wirken. Sehr viel skeptischer aber bin ich gerade in dieser Hinsicht den wirklichen Saboteuren gegenüber, und die gibt es, und grade hier zeigen sie ihre Zähne, weil sie sonst feige sind, dieser Weg aber gefahrlos ist. Es erscheint diesen Zeitgenossen— man wird Verständnis dafür haben— nicht ungefährlich, öffentlich etwa gegen den Führer oder gegen Dr. Goebbels oder die Bewegung aufzutreten. Aber erscheint irgendein nationalsozialistischer Dichter— nun, den kann man ja ganz gefahrlos würgen oder ihm eins auf den Schädel hauen. Wenn ich hier mit ein paar kurzen Beispielen von mir spreche, so nur deshalb, weil ich das mir vorliegende Material am allerbesten überschauen kann. Im übrigen weiß ich, daß es in andern Fällen nicht anders ist. Da gab es zum Beispiel in der früheren Zeit ein Buch. In dem die„Heldin“ zu ihrem„Freunde“ folgendes sagte:„Ich habe mich schon auf der Schule geschämt, wenn„Deutschland. Deutschland über alles“ gesungen wurde, so ein widerwärtiges Lied— so fett zu sprechen, so fett zu denken, den ganzen Mund voll Lebertran—“ Ja, das war natürlich etwas, und Blätter, die durchaus nicht marxistisch waren, wenigstens nach dem Firmenaufdruck nicht, überschlugen sich in Bewunderung über das Können der Verfasserin, das hinreißend wäre, man wünschte, daß jede deutsche Frau so tapfer wäre, wie dieses kleine, tapfere, deutsche(!) Mädel. Dieselben Zeitungen, in denen diese Begeisterungshymnen standen, taten meinen„Wimpel“, das erste Buch, mit nachlässigen zehn Zeilen ab. Es war ja auch als Gegenstück, auf deutsch, zu Hasenclever geschrieben. Bei„Stein, gib Brot!“ begannen sie, in ihrem Kunstgefühl aufs tiefste beleidigt, bereits zu schweigen. Es ist wohl nicht nötig, besonders zu erwähnen. daß dieses Schweigen gegenüber dem„P g. Schmiedecke“ noch tiefer geworden ist. Dann gab es da ein Buch, das war in jenein literarischen Sinne wirklich mit einem„hohen, lebensechten Problem“ erfüllt. Einem Manne stirbt die geliebte Frau. Er tut daraufhin das einzig Naheliegende. Er beschließt, zu warten, sich tot zu stellen, bis das kleine hinterbliebene Töchterchen, seine eigene Tochter, heiratsfähig geworden ist. Dann wird er sie, die ihrer Mutter unerhört ähnlich ist, dem Brautbett entgegenführen... Ja. das war natürlich auch„ganz große Kunst“. Oder „Im Westen nichts Neues“, das war„gekonnt“! Da waren alle Szenen wie aus einem Guß, das war das rechte und echte „Volksbuch“, eine„Tat der Menschheit“ und was so dergleichen zu lesen war. Ich habe daraufhin in denselben verschiedenen Zeitungen Feststellungen über meine Bücher gemacht. In einigen war vollkommene Fehlanzeige. Meine Bücher, besonders meine beiden letzten, gabesdaüberhauptnicht. Sie waren für diese Blätter überhaupt nicht erschienen. Andere wieder schrieben, daß zum Beispiel„Stein, gib Brot—“ ein sehr starkes Buch wäre, leider„hafteten die Szenen nicht so stark, in denen sich die Tendenz bemerkbar machte“. Oder nachher bei„Schmiedecke“, daß leider die gerade hauptsächlichsten Szenen einen Knick hätten, oder daß es mir doch leider an der Gestaltungskraft fehlte usw. Ja, eine schrieb sogar einmal sehr hübsch und wies ihr blankes Herz:„Alfred Karrasch müßte nur von der Tendenz lassen.“ Was ist Tendenz? Ich glaube, daß es im heutigen nationalsozialistischen Staate nur eine Art von Büchern gibt, welche man als tendenziös bezeichnen kann. Das sind die, welche mit aller Kraft an dem, was heute ist, vorbeisehen wollen! Was aber den Knick anlangt, so meine ich, daß—- von allem abgesehen—- der Knick bei jener Sorte von Kritikern liegt. Ein Arbeiter hat einmal zu mir über den „Schmiedecke“ gesagt:„Wissen Sie, Pg. Karrasch, ich muß Ihnen mal was sagen. Ich bin nämlich in Romanen sehr ungebildet. Der„Schmiedecke“ ist der erste Roman gewesen, den ich ganz ausgelesen habe. Aber den auch ganz—.“. Das erzähle ich hier nicht um der Ruhmredigkeit willen, sondern um die Frage- zu- beantworten, wo jener Knick nun wirklich anzufinden ist, bei jenem Kritiker oder bei mir, dem Tendenzschriftsteller? Ja, mit der Kritik liegt noch vieles ganz im Argen. Unverständnis und ausgesprochene Bösartigkeit reichen sich da oft die Hand. Ja, und darüber hinaus ist es auch sonst so, wie ich e^ jetzt unlängst in der Woche des deutschen Buches mir in Berlin in einer Rede gesagt habe:„Es ist auch heute nicht ganz ungefährlich, nationalsozialistische Bücher zu schreiben.“ Wenn ich davon erzählen würde, was ich schon alles durch den„Schmiedecke“ an Nackenschlägen bekommen habe— viele würden doch etwas den Kopf schütteln.— Boykottiert, versetzt in die zweite Klasse des Soldatenstandes, ja, ein Literat hat mich sogar einmal Freunden gegenüber bedauert: „Der muß doch bestochen sein, daß er solche Bücher wie den „Schmiedecke“ schreibt—!“ Nun, man lacht, spuckt aus und geht seinen Weg weiter. Die Arbeiter und Angestellten haben schon meinen„Schmiedecke“ verstanden und wissen, daß solche Menschen, wie der Riede und der Rollenbrecht, heute noch in vielen Betrieben herumlaufen, diese Unsozialen, die ich mit Freimut, und weil wir wieder die klare, deutsche Sprache lernen wollen, als Menschenschinder und Saboteure an unserer Bewegung bezeichnet habe. Dann ist es ja auch nicht nur bei jenen bedauernden oder verdächtigenden Kritiken geblieben, sondern das ist ja das wirkliche Wunder, das wirkliche Leben des Nationalsozialismus, daß sich da immer Kameraden finden. Dann steht dort einer auf, in Hamburg, dann einer in Köln» dann einer in meiner Heimat in Ostpreußen. Nun, und so geht es fort, rastlos, immer weiter, immer für den Führer und seine Bewegung...! Uebrigens eine Nachricht, dieSievielleiehtinter- essieren wird: der„Schmiedecke“ wird von Fröhlich als G r o ß f i l m gedreht. Im Februar schon sollen die Aufnahmen beginnen. Es ist an ganz große Besetzung gedacht. Mit bestem Gruß und Heil Hitler! Alfred Karrasch. 3-sag Miuc Zuerst vertrieben, dann„unentbehrlich“ Am 10. Januar 193S vollendet der Mathematiker und Ordinarius der Berliner Universität Professor Isay Schur sein 60. Lebensjahr. Isay Schur ist ein Algebraiker von Weltruf, der auf dem Gebiete der Zahlentheorien nicht nur Hervorragendes geleistet hat, sondern auch die allgemeine Anerkennung der mathematischen Wissenschaft genießt. Er wurde am 10. Januar 1875 geboren, studierte in Berlin und promovierte an der Universität summa cum laude.& habilitierte sich dann in Berlin als Privatdozent, ging 1913 als außerordentlicher Professor nach Bonn, wurde in eben dieser Eigenschaft 1917 nach Berlin berufen und 1919 zum ordentlichen Professor ernannt. Er ist ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Leipziger Akademie, sowie der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften. Nach dem Umschwung der politischen Verhältnisse wurde er zuerst beurlaubt, bald aber wiedergeholt und doziert nach, wie vor an der Berliner Universität, Herr Goebbels spaßt nicht, er ist ohne Gnade, Wenn irgendwo ein wahres Wärtchen steht. Sein Blick wird starr, es sträubt sich die Pomade, Dieweil der Delinquent nach Dachau geht. ■ H o r a t i o. „Anfängen!" Göring diktiert in der Oper Der Musikkrieg in Deutschland ist keineswegs abgeschlossen. Die Nazis sind bei ihren letzten Aktionen auf eine derartige Opposition in der Bevölkerung gestoßen, daß sie jetzt den Versuch machen, Kleiber in der Staatsoper und selbst Hindemith wenigstens in der Musik-Hochschule mit Gewalt zu halten. Was den Einfluß von Kleiber betrifft, so wird uns jetzt von einem Besucher der Staatsoper der Verlauf eines Abends geschildert, dem dieser Gewährsmann selbst beiwohnte. Es handelte sich um eine Vorstellung in den Tagen der schärfsten öffentlichen Auseinandersetzungen um Hindemith und Furtwängler, die Kleiber dirigierte. Als er erschien, brach ein-ungeheurer, demonstrativer Beifall los, das Publikum schrie: „Kleiber! Wir wollen Kleiber behalten!“, die Manifestation schien kein Ende nehmen zu sollen. Plötzlich stand in einer Loge ein Mann auf, klatschte, indem er Ruhe gebot, in die Hände und befahl:„Anfängen.“ Es war Göring. Und nun geschah, was Göring nicht erwartet hatte: das Publikum klatschte weiter. Selbst ein Ruf löste sich aus der Menge, der eine in diesem Rahmen unwahrscheinliche Kühnheit verriet. Jemand rief:„Hier hat kein Besucher zu befehlen, wann angefangen wird.“ Schließlich begann Kleiber. Als die Ouvertüre beendet war, setzte erneut ein orkanartiger Beifall ein, der, wie das ganz Verhalten des Publikums an diesem Abend, eine offene Demonstration gegen die nationalsozialistischen Dilettanten war. Geschehnisse dieser Art lassen es begreiflich erscheinen, daß Göring den Rücktritt von Kleiber unter dem Vorwand abgelehnt bat, daß seht Vertrag ihn bis zum Februar 1935 binde. Kleiber dagegen beruft sich darauf, daß der Vertrag keine Gültigkeit mehr besitze, weil die ihm garantierte Unabhängigkeit durch die Bestellung von Clemens Krauß zum autokratsicheu Leiter der Staatsoper angetastet sei. Die Ratlosigkeit der Naziführer wird noch dadurch unterstrichen, daß auch der Rücktritt Hindemiths von seiner Stellung in der Hochschule für Musik nicht bewilligt worden ist. (Kühe- olecstee Jiltnzensot. Er weiß alles, er kann alles— wie Ex-Wilhelm (' Die Filmgesellschaften Ufa und Arya erhielten den Auftrag zur Herstellung eines politischen Propagandafilms„U m das Menschenrecht“. Die gesamte deutsche Presse kritisierte den Film im Sinne des Reichspropagandaministers und lobte ihn. Der Reichspropagandaminister selbst verlieh dem Film das Prädikat„künstlerisch wertvoll“ und empfahl ihn zum Besuche durch die Jugend. Vorgestern wurde dieser Film nun plötzlich zurückgezogen und die weitere Aufführung für das gesamte Reich verboten. Hitler selbst soll den Film abfällig kritisiert haben. Es scheinen auch außenpolitische Gründe für die Zurückziehung maßgebend gewesen zu sein. Der Film schilderte nämlich die Vorgänge während des polnischen Aufstandes in Oberschlesien. Da Deutschland größten Wert auf ein gutes Einvernehmen mit Polen legt, entschloß man sich, um die Polen nicht zu verletzen, den Film, wohl den größten dieser Saison, der Millionen gekostet hat, zurüzuziehen. Hitler hat. wie es scheint, nach diesem Zwischenfall beschlossen, selbst die Filmpolitik in die Hand zu nehmen. Gestern erschien er in Begleitung des Reichspropagandaministers in den Filmateliers der Ufa und nahm dort Einblick in das Werden der Filme, die dort gegenwärtig gedreht werden. Jolecanz und, Jntolecanz Von Goethe Dann aber tritt er(Johann Heinrich Voß).mit Macht und Gewalt auf, kämpft hartnäckig wie um sein eigenes Dasein, dann läßt er es an Heftigkeit der Worte, am Gewicht der Invektiven nicht fehlen, wenn die erworbene heitere Geistesfreiheit... einigermaßen getrübt, gehindert, gestört werden könnte. Will man dem Dichter dieses Gefühl allgemeinen heiligen Behagens rauben, will man irgendeine besondere Lehre, eine autschließende Meinung, einen beengenden Grundsatz aufstellen, dann steht der friedliche Mann auf, greift zum Gewehr und schreitet gewaltig gegen die ihn so fürchterlich bedrohenden Irrsale, gegen Schnellglauben und Aberglauben, gegen alle den Tiefen der Natur und des menschlichen Geistes entsteigenden Wahnbilder; gegen vernunftverfinsternde, den Verstand beschränkende Satzungen, Macht- und Bannsprüche, gegen Verketzerer, Baalpriester, Hierarchen und ihren Urahn, den leibhaftigen Teufel. Sollte man denn aber solche Empfindungen einem Manne verargen, der ganz von der freudigen Ueberzeugung durchdrungen ist, daß er jenem heiteren Lichte, das sich seit einigen Jahrhunderten, nicht ohne die größten Aufopferungen der Beförderer und Bekenner verbreitete, mit vielen anderen das eigentliche Glück seines Daseins schuldig sei? Sollte man zu jener scheinbar gerechten, aber parteisüchtig grundfalschen Maxime stimmen, welche, dreist genug, fordert, wahre Toleranz müsse auch gegen Intoleranz tolerant sein? — Keineswegs! Intoleranz ist immer handelnd und wirkend, ihr kann auch nur durch intolerantes Handeln und Wirken gesteuert werden, (Aus der Goetheschen Rezension der Gedichte Johann Heinrich Vossens in der„Jenaiacfeen Allgemeinen Literaturzeitung“ vom 26.2.1806.). <>!<•'•«*■< jrmtenen Ni, 9 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Donnerstag, 1*. Januar 1*11 Der Freiheitskämpfer Ludwig Börne Aus seinen„pariser Briefen“ vor hundert Jahren Zu den großen Freiheitskämpfern des 19. Jahrhunderts gehört Ludwig Börne. Liest man in seinen Schriften, so begreift man nidit, weshalb er heute zu den Haibvergessenen gehört. In seinem Bekenntnis zu der Menschheit ewigen Dingen lodert das Feuer des Gerechtigkeitswillens—■ in einem Stile, an dem sich in den vierziger und* fünfziger Jahren eine Generation von Journalisten schulte. Es fehlte ihm die Skepsis und die Ironie seines Zeitgenossen Heinrich Heine. Dafür konnte er das Ueble und Rückständige noch viel tiefer hassen, das Gute und das. Echte noch viel stärker lieben als er.. Börnes„Pariser Briefe" wurden vom September 1830 bis Mai 1833 geschrieben. Er war nach Paris in den Monaten nach der Juli.Revolntion, gekommen. Der Nachhall dieser Kämpfe ist in seinen Briefen noch ganz lebendig. Darüber hinaus sind wir auch heute noch gefesselt von der Darstellungskraft eines Mensdieo und Charakters, dem Kunst nur als Mittel zum Zweck galt: Zum Kampf für Freiheit und Wahrhaftigkeit. Pariser Volk Paris, Dienstag, den 21. September 1830 Diesen Mittag stand ich eine halbe Stunde lang vor dem Eingänge des Museums und ergötzte mich an der unvergleichlichen Beredsamkeit. Geistesgegenwart und Keckheit eines Marktschreiers, der ein Mittel gegen Taubheit feil bot, und mehrere aus der umstehenden Menge in Zeit von wenigen Minuten von dieser Krankheit heilte. Als ich unter dem herzlichsten Lachen fortging, dachte ich: mit diesem Spaße ernähre ich mich den ganzen Tag. Und er dauerte keine drei Minuten lang, reichte keine dreißig Schritte weit! -Im Hofe des Louvre begegnete ich einem feierlichen Trauerzuge, dessen Spitze dort still hielt," um sich zu ordnen. Voraus ein Trupp Nationalgarden, welche dumpfe Trommeln schlugen, und dann ein unabsehbares Gefolge von stillen, ernsten, bescheidenen, meistens jungen Bürgern, die paarweise gingen, und in ihren Reihen viele Fahnen und Standarten trugen, welche mit schwarzen Floren bekränzt waren. Ich sah, fragte, und als ich die Bedeutung erfuhr, fing mein Blut, das kurz vorher noch so friedlich durch die Adern floß, heftig zu stürmen an, und ich verwünschte mein Geschick, das mich verurteilte, jeden Schmerz verdampfen zu lassen wie eine heiße Suppe und ihn dann löffelweise hinunter zu schlucken. Wie glücklich ist der Ampfer in der Schlacht, der seinen Schmerz, seinen Zorn kenn ausbluten lassen und der keine andere Schwäche fühlt, als die dem Gebrauche der Kraft nachfolgt! Tod und Freiheit! ’ Es"war eine Todesfeier für jene vier Unteroffizier«, welche in der Verschwörung von Berten der Gewalt in die Hände"gefallen und als wehrlose Gefangene"ermordet wurden. Heute vor acht Jahren wurden sie auf dem Greve-Platz niädergemetzelt, und weil es ein Mord mit Floskeln war, nannte man es eine Hinrichtung. Abends war Konzert bei Hofe.'"Es" ist zum Rasendwerden! Acht Jahre sind es edt lind schon hat sich in Tugend umgewandelt, was damals für Verbrechen galt. Wenn man, wie es die Menschlichkeit und das Kriegsrecht will, auch die im Freiheitskämpfe Besiegten in Gefangenschaft behielte, statt sie zu töten, dann lebten jene unglücklichen Jünglinge noch. Mit welchem Liegesjubel wären ihre Kerker geöffnet worden, mit welchem Entzücken hätten sie das Licht,' die Luft der Freiheit begrüßt! Könige sind schnell, weil sie wissen, daß es keine Ewigkeit gibt für sie, und Völker sind langsam; weil sie wissen, daß sie ewig dauern. Hier ist der Jammer. Wie- damals, als ich die fluchwürdige Hinrichtung mit angesehen, so war auch heute mein Zorn weniger gegen den'Uebertriut der Gewalt als gegen die niederträchtige Feigheit des Volkes gerichtet, Einige tausend Mann waren zum Schule der Henkerei versammelt. Diese waren eingeschlossen, eingeengt von hunderttausend Bürgern, welchen allen Haß und Wut im Herzen kochte. Es war kein Leben, kaum eine Wunde dabei zu wagen. Hätten sie sich nur so viel bemüht, als sie es jeden Abend mit Fröhlichkeit tun, sich in die Schauspielhäuser zu drängen; hätten sie nur rechts und links mit dem Ellenbogen gestoßen: die Tyrannei wäre erdrückt und ihre Schlachtopfer gerettet worden- Aber die abergläubische Furcht vor der Soldatenmacht! Warum taten sie nicht damals schon, was sie acht Jahre später getan? Es ist zum Verzweifeln, daß ein Volk sich erst berauschen muß in Haß, ehe es den Mut bekommt, ihn zu befriedigen; daß es nicht eher sein Herz findet, bis es den Kopf verloren.' Erinnerung Mit solchen Gedanken eine ich neben dem Zuse her und begleitete ihn bis auf den Greve-Platz. Dort schlossen sie einen Kreis, und einer stellte sich: auf eine Erhöhung und schickte sich zu red^n an. Ich aber ging fort. Was an diesem Ort und über solche jammervolle Geschichten zu sagen ist, wär mir bekannt genug. Ich ging die neue Kettenbrücke hinan, die jetzt vom Greve-Platz hinüberführt. Ich sah den Strom hinab, daß die kurze Entfernung zwischen dem Louvre, wo Frankreichs Könige herrschten, und dem Revolutionsplatze, wo sie gerichtet wurden von ihrem Volke, und ich erstaunte, daß die berechtige eit, wenn auch eine Schnecke, so lange Zeit gebrauchte, diesen kurzen Weg zurückzulegen. Zwischen der Bartholomäus-Nacht und der Eroberung der Bastille sind mehr als zwei Jahrhunderte verflossen. Heillos wuchert die Rache der Könige; aber die edle Rache der Völker hat niemals Zinsen begehrt! Map kann ungestört träumen auf dieser Brücke. Sie ist nur für Fußgänger und sooft einer darüber ging, zitterte die Brücke unter mir,und mir zitterte das Herz.in. der Brust. Hier, hier an dieser.Stelle, wo ich saß, fiel in den Juli-Tagen ein edier'Jüngling für die Freiheit. Noch ist kein Winter über sein. Grab gegangen, noch hat kejn Sturm die Asche seines Herzens abgekühlt. Die Königlichen hatten den Greve-Platz besetzt, und schossen über den Fluß, die von jenseits andrängenden Studenten abzuhalten- Da trat ein Zögling der polytechnischen Schule hervor, und sprach:..Freunde, wir müssen die Brücke erstürmen. Folgt mir! Wenn ich falle, gedenket meiner. Ich heiße d’Arcole; es ist ein Name guter Vorbedeutung. Hinauf!“ Er sprach’s-und fiel von zehn Kugeln durchbohrt. Jetzt liest man in goldqen Buchstaben auf der Pforte, di* sich über die Mitte der Brücke wöfht: Pont d’Arcole, und auf der andern Seite: le"28 Juillet 1830. Für Ossians Aberglauben hätte kh in dieser Stunde meine ganze Philosophie hingegeben. Wie hätte es mich getröstet, wie hätte ich mich versöhnt mit dem zürnenden Himmel, hätte ich glauben können: um stille Mitternacht schreitet der Geist des gefallenen Helden über die Kettenbrücke, setzt sich auf die eiserne Bank, und schaut hinauf nach seinem goldnen Namen, der im Glanze des Mondes blinkt. Dann vernehmen, die am Ufer wohnen, ein leises Jauchzen, süß wie sterbender Flötenton und sagen: das ist d’ArcoIe’s Freude. Tugend, Entsaguhg, Aufopferung— ich habe dort viel darüber nachgedacht. Soll man oder soll man nicht? Der Ruhm: er ist ein schöner Wahnsinn, aber doch ein Wahnsinn. Nun, wenn auch! Was heißt Vernunft? Der Wahnsinn aller. Was heißt Wahnsinn? Die Vernunft des einzelnen. Was nennt Ihr Wahrheit? Die Täuschung, die Jahrhunderte alt geworden. Was Täuschung? Die Wahrheit, die nun eine Minute gelebt. Ist es aber die letzte Minute unseres Lebens, folgt ihr keine andere nach, die uns enttäuscht, dann wird die Täuschung der Minute zur ewigen Wahrheit. Ja, das ist’s. O schöner Tod des Helden, der für einen Glauben stirbt! Alles für nichts gewonnen. Die Zukunft zur Gegenwart machen, die kein Gott uns rauben kann; sich sicher zu stellen vor allen Täuschungen: unverfälschtes, ungewässertes Glück genießen; die Freuden und Hoffnungen eines ganzen Lebens in einen, einen Feuertropfen bringen, ihn kosten und dann sterben— ich habe es ausgerechnet bis auf den kleinsten Bruch— es ist Verstand darin! Ich ging auf der andern Seite zurück. Dort fragte mich ein Bürger, der das Gedränge auf dem Greve-Platz bemerkte: Est-ce que I on guillotine? Ich antwortete: au contraire, on deguillotine.„Wird guillotiniert?“ Ist das nicht köstlich gefragt? Ich glaube, daß ich darüber gelacht. Alle Dummheiten kommen wieder.... Paris, Mittwoch, den 6. Oktober 1830. Ob ich zwar vorher wußte, daß die deutschen Regierungen den Forderungen des Volkes nicht nachgeben, sondern Maßregeln der Strenge ergreifen würden; ob ich zwar vom Schauplatz entfernt bin, so hat mir Ihr heutiger Bericht von den Truppenbewegungen, von dem Mainzer Kriegsgericht, doch die größte Gemütsbewegung gemacht. Ich hielte das nicht aus und ich bin froh, daß ich mich entfernt habe. Gott hat die Fürsten mit Blindheit geschlagen und sie«werden in ihr Verderben rennen. Sie haben die ruhigsten und gutgemeintsten Schriftsteller mit Haß und Verachtung behandelt, sie haben nicht geduldet, daß die Beschwerden und Wünsche des Volkes in friedlicher Rede verhandelt würden, und jetzt kommen die Bauern und schreiben mit ihren Heugabeln, und wir wollen sehen, ob sich ein Zensor findet, der das wegstreicht. Die alten Künste, in jedes aufrührerische Land fremdes Militär zu legen, Nassauer nach Darmstadt, Darmstädter nach Nassau, werden nicht lange aüsreidien. Wenn einmal der Soldat zur Einsicht gekommen, daß er Bürger ist eher als Soldat, und wenn er einmal den großen Schritt getan, blinden Gehorsam zu verweigern, dann wird er auch bald zur Einsicht kommen, daß alle Deutsche seine Landsleute sind, und wird nicht länger um Tagelohn ein Vater- oder Brudermörder sein. Alle alten Dummheiten kommen wieder zum Vorschein, nicht eine ist seit fünfzehn Jahren gestorben. So habe ich in deutschen Blättern gelesen, man habe.entdeckt, daß eine geheime Gesellschaft die revolutionären Bewegungen überall geleitet und man sei den Rädelsführern auf der Spur. Die schlauen Füchse! Bruch bei Lafayette — Gestern abend war ich bei Lafayette, der-jeden Dienstag eine Soiree gibt. Wie es da zuging, davon kann ich Ihnen schwer eine Vorstellung geben, man muß das selbst gesehen haben. In drei Salons waren wohl dreihundert Menschen versammelt, so gedrängt, daß man sich nicht rühren konnte, aber im wörtlichsten Sinne nicht rühren. Lafayette, der 73 Jahre alt ist, sieht noch ziemlich rüstig aus. Er hat eine sehr gute Physiognomie, ist immer freundlich und drückt jedem die Hand. Wie es aber der alte Mann den ganzen Abend in dem Gedränge und in der Hitze aushält, ist mir unbegreiflich. Dazu muß man ein Franzose sein. Als man ihm die Nachrichten aus... mitteilte, schien er sehr vergnügt und lachte. Ich habe den Abend viele Leute gesprochen, die ich natürlich nicht alle kenne. Auch viele Deutsche waren da, junge Leute, die sehr, revolutionierten. Die ganze Gesellschaft würde im Oesterreichischen gehenkt werden, wenn man sie hätte. Es geht da sehr ungeniert her, ja ungenierter als im Kaffeehause. Und dabei hat man die Erfrischungen umsonst. Ich ging schon um zehn Uhr weg. Da waren noch die Treppen bedeckt von Leuten, die kamen. Wie die aber Platz finden mochten, weiß ich nicht. Es waren auch zwei Sophas mit Frauenzimmern da, meistens Nordamerikanerinnen. Talley- rand war neulich, ehe er nach London abreiste, in Lafeyettes Salon; es hat aber kein Mensch mit ihm gesprochen. Ich sprach unter andern» zwei Advokaten, welche die Verteidigung der angeklagten Minister übernommen. Sie sagten, die Sache stände schlimm mit’ihren Klienten und sie ständen in Lebensgefahr. Sie wären aber auch so dumm, daß sie nicht einmal so viel Verstand gehabt hätten, zu entwichen, was die Regierung sehr gern gesehen hätte. Jetzt sei es zur Flucht zu spät. Der Kommandant von Vincennes, wo die Minister eingesperrt sind, sei streng und lasse nicht mit sich reden. Man errühlte" aitrh von einem Bauern-Aufstand in Hanau. Wissen Sie etwas davoqZ Man schuf die Todesstrafe ab... — Ihre Briefe machen mir eigentlich nur Freude, ehe ich sie aufmache, und in der Erwartung, daß sie recht groß sind. Aber einmal geöffnet, ist auch alles vorüber. In einer Minute habe ich sie gelesen, es ist das kürzeste Vergnügen von der Welt. Ich werde durch Ihre langen Buchstaben und gestreckten Zeilen sehr übervorteilt. Ihre ganzen Briefe, brächte ich in zwanzig Zeilen. Was können Sie aber dafür? Ihre Freundschaft reicht nicht weiter. — Was mag jetzt in Deutschland alles vorgehen, was man gar nicht erfährt, weil es nicht gedruckt werden darf! Ich habe den Abend oft das ganze Zimmer voll deutscher Jünglinge, die alle revolutionieren möchten. Es ist aber mit jungen Leuten gar nichts anzufangen. Sie wissen weder, was sie wollen, noch was sie können. Gestern traf ich bei Lafayette einen blonden Jüngling mit einem Schnurrbarte und einer sehr kecken und geistreichen Physiognomie. Dieser war von ***, wo er wohnt, als dort die Unruhen ausgebrochen, hierher gekommen, hatte Lafayette, Benjamin Constant, Quiroga und andere Revolutionshäupter besucht und um Rat gefragt, gerade als hätten diese Männer ein Revolutionspulver, das map den Deutschen eingeben könnte. 4— Was sagen Sie dazu, daß die Todesstrafe äbgeschafft werden soll, für jetzt wenigstens bei politischen Vergehen? Ist das nicht schön? Und das geschieht nur in der Absicht, dje angeklagten Minister zu retten. Und nicht etwa die.Regierung allein will das. sondern der bessere Teil> des Volkes selbst. Diese Woche kam eine Bittschrift von hundert blessierten Bürgern, die alle die Abschaffung der Todesstrafe fordern, an die Kammer. Mich rührte das sehr, daß Menschen, welche von den Ministern unglücklich gemacht worden, um das Leben ihrer Feinde bitten. Wenp man bei unserer lieben deutschen Bundesversammlung um die Abschaffung der Todesstrafe in politischen Vergehen einkäme,.würde man freundlichen Bescheid bekommen! Und doch, wenn"sie klug wären, sollten sie schon aus Egoismus die alten blutigen Gesetze mildern. Heute noch haben sie die Macht, wer weiß wie es morgen aussieht. Leid der Fremden Dienstag, den 21. Dezember. Gestern war wieder ein unglückschwangerer Tag für Paris, Frankreich, die Welt, und heute morgen kann das Gewitter losbrechen. Die Regierung hat schon seit acht Tagen eine Verschwörung entdeckt und viele Menschen sind arretiert worden. Man fordert das Leben der Minister, deren Prozeß sich wahrscheinlich morgen entscheidet. Gestern versammelten sich einige Tausend Menschen vor der Pairs-Kammer mit drohenden Aeußerungen, und heute fürchtet man. größern Aufruhr. Ich bin doch ein rechter Unglücksvogel! Ich mußte mir gestern einen Zahn herausnehmen lassen, und kann noch heute wegen meines dicken Gesichts nicht ausgehen. Ganz Paris kann heute in Flammen stehen, und ich werde nichts er: fahren, bis heute abend die Zeitung kommt. Sie freuen sich vielleicht darüber und wünschen mir meine Zahnschmerzen von ganzem Herzen. Ich ärgere mich und dazu habe ich noch 20 Franken für das Zahnherausziehen bezahlen müssen. Was man hier geprellt wird! Wie die Blutsauger hängen sich die Pariser an den Fremden, und ziehen ihm das Geld aus. Ich hoffe, daß die Regierung Kraft genug haben wird, die Unruhen zu dämpfen, es bleibt aber immer eine bedenkliche Sache. Man kann auf die National-Garde nicht fest zählen; ein großer Teil derselben‘ist rachedurstig gegen die Minister und würde" einem Volksaufstande' keinen ernstlichen Widerstand leisten; Dazu gesellen sich noch 1. überspannte Köpfe, die eine Republik haben wollen; 2. mäßigere, die mit dem Gänge der Regierung nicht zufrieden sind und eine liberale Kammer und ein liberales Ministerium wünschen; 3.' die Anhänger Karls X.; 4. endlich die Emigrierten aus allen Ländern, Italiener, Spanier, Polen, Belgier, die Frankreich.in einen Krieg verwickeln wollen, damit es in ihrem eigenen Lande auch endlich einmal zur Entscheidung komme. Diese letztem sollen besonders großen Teil an der Aufhetzung haben. Heute wird die Pairs-Kammer von dreiunddreißigtausend Mann National-Garden und Linien-Truppen beschützt sein. Wenn es nur zu keiner neuen Revolution kommt, mir täte das bitter leid; denn es könnte alles wieder darüber zugrunde gehen. Sie werden die Verteidigungsrede der Minister wohl im Constitutionell lesen. Am besten nach meiner Ansicht hat Peyronnet gesprochen, der doch gewiß der Schuldigste ist. Aber er ist ein Mann von festem Will,en, und darum hat er auch am meisten gerührt; er hat geweint und weinen gemacht. Polignac zeigt sich als ein solcher Schwachkopf und seelenloser Höfling, daß man ihn bemitleiden muß. Er verdient es gar nicht, geköpft zn werden. Der Advokat und Verteidiger des Guernon Ranville.Namens Cremieux, der gestern gesprochen, ist aus Gemütsbewegung in Ohnmacht gefallen und mußte weggebracht werden. In welcher schrecklichen Lage sind doch die vier unglücklichen Minister! Und ihre armen Weiber und Kinder! Gewöhnliche Verbrecher dürfen doch hoffen, die Richter würden ihnen das Leben schenken; aber die Minister müssen vor ihrer Freisprechung zittern, weil sie dann schrecklicher als durch das Schwert des Henkers, durch die Hände des Volks ihr Leben verlören. Am meisten dauert mich der Guernon Ranville. Dieser ist der Schuldloseste von allen, er hat an den Ordonnanzen den wenigsten Teil genommen, er war nur schwach und ließ sich verführen. Und dieser ist krank und hat eine Krankheit, die ich kenne, die ich vor zwei Jahren in Wiesbaden hatte, fast ohne Schmerz kein Glied bewegen, und so, bleich, leidend, fast ohne Kraft der Aufmerksamkeit, muß er täglich sieben Stunden lang in der Pairs-Kammer schmachten und zuhören, wie man sich um sein Leben zankt! Dagegen war doch mein Rheumatismus, von Ihnen gepflegt, gewiß eine Seligkeit. Und doch stähle ich mich wieder und mache mir meine Weichherzigkeit zum Vorwurfe, wenn ich mich frage: aber jene Könige und ihre Henkersknechte, wenn wir aus dem Volke ihnen in die Hände fallen, haben sie Mitleiden mit uns? Diese Minister, die dem Volke zur Rede stehen, werden doch wenigstens öffentlich gerichtet. Sie sehen sich von ihren Freund en umringt, sie lernen ihre Feinde, ihre Anhänger kennen, sie dürfen sich verteidigen und das Gesetz verurteilt sie, nicht die Rache. Und wenn sie auch als-Opfer der Volkwut fallen, weiß man doch, daß sie unschuldig gemordet. (Fortsetzung folgt)