Saarbrücken, Freitag, 11. Januar 1935 3.Jahrgang Wie Hitler Deutschland 1932 preisgeben wollte Seite 3 Rückgliederung bringt Arbeitslosigkeit Seite 5 Warum schweigen die Bischöfe? Seite 6 Einzige unabhängige deutsche Tageszeitung I Chefredakteur: M. Braun Zu einem Brief der Familie Dr. Klausener- nißglQdfte Räubersllidtdien derbraunen Front „Maske des Christentums“ Die früher katholische, jetzt hitlerische„Saarbrücker Landeszeitung" veröffentlicht einen Brief, den der Schwager des am 80. Juni unter„Heil Hitler!" ermordeten Katholikeniührers Dr. Klausener an den saarländischen Prälaten Dr. Schlich gerichtet hat: P f o r z h e i m, den 7. Januar 1933. Sehr geehrter Herr Prälat! Als Schwager des bei de« Wirren des 39. Juni tragisch «ms Leben gekommenen Ministerialdirektors Dr. Erich Klausener möchte ich mich vertrauensvoll an Sie wenden, «m vor allem anch im Name« seiner Frau, meiner Schwester Hedwig, gegen den schamlosen Mißbrauch Berwahrnug einzulegen» der von feiten der Emigranten und Separatisten mit dem Namen Klausener im Saargebiet getrieben wird. Der tragische Tod Erich Klanseners, der mir Schwager, Bruder und Freund war und f ü r dessen Ehre ich jederzeit voll und ganz ein- stehe, ist für uns Familienmitglieder schwer zu tragen. Um so ungeheuerlicher ist es darum für«ns, wenn dem Verstorbenen noch die unerhörte Beleidigung zuteil wird, seinen sauberen und reinen Namen immer wieder gegen sein deutsches Vaterland auszuspielen, und ihm die Schmach angetan wird, geradezu als Märtyrer für die separatistische Sache in Anspruch genommen zu werden. Das ganze Leben und Streben Klanseners galt nichts anderem als Vaterland, Gott«nd Familie. Wer leinen Namen und den Mann, der ihn in Ehren trug, im Kamps gegen das deutsche Vaterland mißbraucht, ist in den Augen derer, die Erich Klausener am besten gekonnt haben, ein Ehrabschneider«nd Verleumder «nd nm so unverantwortlicher, wenn er dies unter der Mask« des Christentums tut. Meine Bitte an Sie, sehr verehrter Herr Prälat, geht dahin, die deutsche«nd christliche Ehre Dr. Erich Klanseners in den Augen des deutschen christlichen Saarvolkes vor widerlicher Beschmutzung z« schützen nnd damit auch meiner Schwester Hedwig, die als deutsche Fra« eines deutschen Mannes und Soldaten ihr schweres Los in Würde z« tragen weiß, den ihr gewiß gebührenden Ehrendienst zuteil werde« zu lasten. Ich darf Ihnen anheimstellen, von diesem Brief den Ihnen angemeffen erscheinenden Gebrauch zu machen. gez. LndwigKny. Wir drucken diesen Brief- gerne ab. Er gibt uns willkommenen Anlaß zu einigen Feststellungen: Herr Ludwig Kny verbürgt sich voll und ganz für die Ehre Dr. Klauseners. Uns ist nicht bekannt, daß„Emigranten und Separatisten" die Ehre des gemeuchelten Katholikensührers je angetastet hätten. Wohl aber wissen wir, daß ihm in der nationalsozialistischen Presie Hirler- deutschlands, die von der Reichsregierung inspiriert und zensiert wird, Landesverrat und Hochverrat und Selb st mord aus Schulbbewußtsein nachgesagt worden ist. Einen katholischen Protest gegen diese„Ehrabschneider Die Vorstände der Volksfront haben am Donnerstagvormittag gegen de« Terror der„deutschen Front" offiziellen«nd persönlichen Protest bei de« Abstimmnngs- kommijsion eingelegt. Die Führer der Volksfront haben ausdrücklich der Abstimmungskommission erklärt, daß dieser'Terror der „deutschen Front" ausreichende Veranlassung sein wird, den Völkerbund darüber zu informieren und ihn darauf hinzuweiscu: falls die Abstimmung trotz des Terrors und eutgegcn den Bedingungen aller Verträge dennoch stattfindet, daß dieser Terror bei der Interpretation des Er- gebuistes der Abstimmung ausgewertet«erde« muß. ES liegen zahllose Fälle von Terror, insbesondere Behindep rung der Werbearbeit der Volksfront vor. und Verleumder", wie es in dem obigen Briefe an eine andere Adresse heißt, vermissen wir bisher. Der„Führer" und Reichskanzler hat am 13. Juli im Reichstage über die Mordaktion vom 80. Juni gesprochen. Er mußte an diesem Tage wissen, daß Dr. Klausener und eine Reihe anderer prominenter Katholiken unschuldig h i n g e sch l ach t e t, daß ihre Leichname nach katholischen Begriffen durch die Einäscherung geschändet und die Toten durch verlogene amtliche Presseberichte v e r l e^r m- d e t worden sind. Hat der„Führer" irgend etwas zur Wiederherstellung der Ehre des ermordeten Katholikenführers und andrer katholischer Opfer getan? Hat er diese Morde an Unschuldigen auch nur bedauert? Hat er die widerrechtliche und lirchcnfeindliche Einäscherung gerügt? Hat er der Familie auch nur die bescheidenste Aeußerung seines Mitgefühls übermittelt? Sind in irgend einer deutschen Hitlerzeitung die unsagbar gemeinen Anwürfe gegen Klausener und Probst zurückqenommen worden? Sind die Mörder bestraft oder ist auch nur eine Untersuchung gegen sie eingeleitet worden? Wo und wie wurde däs dabin zielende feierliche Versprechen des Reichskanzler im Reichstage erfüllt? Aus diese Fragen hätte man erst einmal Antwort zu geben, ehe man sich„die Maske des Christentums" vorbindet und anderen Vorhaltungen Über die Verletzung der „deutschen und christlichen Ehre" Klanseners machen will. Slus elender Mcnschenfurcht schweigen im Saargebiet»tvieimReiche, vtele berufene katho- lisch« Laien und Priester zu den Verbrechen, die im Reiche an Katholiken und am Katholizismus verübt worden sind und noch verübt werben. Wir habe« diese Furcht nicht. Wir reißen die„Maske des Christentums" ab, wo sie nur Feigheit und Verlogenheit deckt und stehen zu dem Wort, daß nur der Gottes Stimme hört, der der Wahrheit dient. Wie ist das eigentlich in diesem Saarkampf? Alle die persönlichen Verleumdungen gegen die Führer und Kämpfer der Volksfront versinken. Die käuslichen Subjekte, die man mit Summen aus Hitlerdeutschen Korruptionsfonds erworben hat, wie die Hagn, Hilt, Carsenius und Konsorten, sind schon nach wenigen Tagen vergessen. Alle diese Perfidien berühren den wahrhaft geschichtlichen Kampf an der Saar nicht, dieses Ringen zwischen Deutschen der Freiheit und Deutschen der Sklaverei. Es leben aber die am 80. Juni auf Befehl des„Obersten Gerichtsherrn" Erschossenen. Ihre Leichname wurden eingeäschert, damit die gefolterten Körper mit ihren vielen Wunden nicht gegen die Verbrecher an ihnen und an Deutschland zeugen sollen. Vergebens. Das Andenken der am 30. Juni Erschlagenen ist.lebendig. Die Toten fordern Anklage und Sühne. Darum stimmen am 13. Januar die gottesfürchtigen Katholiken an der Saar gegen Hitler für eine freie deutsche Saar — aus Gottesfurcht gegen die menschenfürchtigey Kreaturen eines Systems, das jeder Christ aus tiefster GeivisscnSpflicht ablehnen muß. me Presse Die Verleger der Zeitungen des Status gno haben am Donnerstag durch ein ausführliches Schreiben bei der Ab- stimmungskommistion dagegen protestiert, baß die auf. städtischem und staatlichem Boden stehenden Kioske und Zeitungsverkaussstände die für den Status guo eintreten- dcn Zeitungen vom Verkauf ausschließen. Die Verleger verlangen, baß die Abstimmungsberechtigten, namentlich die aus dem„dritten Reich" kommenden, die Status-quo- Zeitungen kaufen und sich über den Status quo unterrichten können, Fortsetzung siebe 2. Seite. Englischer Brief 0. G. London, 9. Januar. Am Jahreswechsel war der Ton in England auf Selbstzufriedenheit gestimmt. Man suhlt sich hier auf einer glücklichen Insel, die von all den Wirren des Kontinents verschont geblieben ist. Wohin man blickt — das Jahr 1934 brachte Bürgerkrieg, Revolutionen, Krisen, Morde, Verwirrung. Nur England als einziger Grotzstaat spürte von alledem nichts. Die wirtschaftliche Entwicklung zeigte einen leichten, aber jedenfalls spürbaren Aufstieg. Und die letzten Wochen des Jahres brachten— nicht zuletzt durch englische Initiative — sogar eine außenpolitische Beruhigung. So blickte man mit einem gewissen Optimismus in das Jahr 1935. Die noch vor kurzem drohende Gefahr eines europäischen Krieges scheint gebannt. Was sich heute in Europa ahspielt, wird daher von England aus mit Abstand betrachtet, wenn auch natürlich mit großem Interesse. Das gilt für die Sa ar frage, die durch die Mitwirkung englischer Soldaten und englischer Beamten an hervorragenden Stellen den Engländern besonders nahe gerückt ist. Das gilt auch für die rö m ischen Be sprechungen zwischen Laval und Mussolini. Hier ist die englische Politik gewiß nicht unbeteiligt. Sie hat keine Gelegenheit vorbeigehen lassen, ohne anzuregen und zu vermitteln. Sie hat zweifellos den großen englischen Einfluß aus Mussolini benutzt, um ihn zur Nachgiebigkeit zu bewegen, ebenso wie England auf Flandin und Laval und in Jugoslawien auf Prinz Paul eingewirkt hat. England hat augenblicklich die große Chance, daß in all diesen Ländern Persönlichkeiten Einfluß haben, die stark englisch orientiert sind. Und England hat diese Chance ausgenutzt, um an der Befriedung Eurppas zu arbeiten. Natürlich nicht aus abstraktem Idealismus, sondern weil das englische Interesse im Augenblick einen befriedeten Kontinent verlangt. Freilich kommt es nicht nur auf den Willen zur Befriedung an, sondern mindestens ebenso aus die richtige Erkenntnis der Situation. Lange fehlte es in England an dieser Erkenntnis. Solange Maedonald und der politisch farblose Nur-Jurist Sir John S i m o n die Fäden in der Hand hatten, konnte sich die richtige Erkenntnis der Bürokratie des Auswärtigen Amtes nicht durchsetzen. Man glaubte auf der einen Seite, Nazi-Deutschland durch Konzessionen beruhigen zu müssen, und man glaubte auf der anderen Seite, jegliche Aktivität in europäischen Angelegenheiten vermeiden zu müssen. Die Konsequenz war, daß die Gefahr des Krieges ständig wuchs. Bis Baldwin mit fester Hand die Zügel ergriff. Baldwin zögert lange, ehe er zu handeln pflegt; aber wenn er sich einmal entschlossen hat, ist er ein Staatsmann von Einsicht und Kraft. Auch diesmal hat er es bewiesen. Gegen Macdonalds Bedenken, der die englische öffentliche Meinung fürchtete, habe er, so heißt es in gut unterrichteten Kreisen, die Entsendung der Truppen ms Saargebiet Lurchgesetzt. Schon vorher hat er— nicht Macdonald— das berühmte Wort von der Grenze am Rhein gesprochen. Baldwin, nicht Macdonald, hielt die Unterhauscede über Deutschlands Geheimrüstungen, aus der die deutsche Regierung erkennen mußte, daß im Konfliktsfall England an der Seite Frankreichs stehen würde. In genau der gleichen Richtung liegt Englands Stellungnahme zu den römischen Verhandlungen. D i e englische Regierung hat erkannt, daß der einzige potentielle Friedensstörer im Augenblick das Nazireich ist. Die englische Regierung hat ebenfalls erkannt, daß ein Krieg fast sicher verhindert werden kann, wenn die Naziregierung sieht, daß sie ganz Europa gegen sich haben würde. Hitler hat ja in- seinem„Mein Kampf" selber der kaiserlichen Regierung oen Vorwurf gemacht, daß sie es zu einer allgemeinen Koalition gegen Deutschland habe kommen lassen, anstatt einen nach dem anderen zu erledigen. Hitler hat als sein nächstes außenpolitisches Ziel ein Bündnis mit England und Italien hingestellt, um zunächst Frankreich zu vernichten und dann die nötige Ausdehnung iv> Osten zu erreichen(d. h. Rußland zu erledigen). Daß dann wahrscheinlich England an die Reihe kommen sollte, sag! zwar Hitler nicht ausdrücklich, aber es versteht sich bei jeiner Mentalität jq wohl von selber. Nun, Hitler hat in Protest an den Völkerbund Wie es nm die„freie Abstimmung' bestellt Ist seinem glorreichen Buch, da« er wohl jetzt schon oft verflucht hoben mag, alles so schön ausgeplaudert.(Seltsam, daß der große Wagnerverehrer nichts aus dem Schicksal Mimes gelernt hat.) Und nun zieht England die Konsequenzen. Es ist bereit, Deutschland sehr weitgehende Kon- zeffivnen zu machen, aber es baut gleichzeitig an einem europäischen Block— oder besser, es hilft Frankreich da^i—, um dem Naziführer in aller Deutlichkeit zu zeigen, daß jeder Angriff sofort eine neue europäische Koalition gegen Deutschland im Gefolge haben würde. Wenn auch England sich nicht aktiv an all den Abmachungen und Pakten beteiligt, so sagt es doch deutlich genug, daß es sie billigt. Hitlers Opernschwur Die mysteriöse ,,Führer"-Dersammlung in der Berliner Staatsoper hat in England viel Kopfzerbrechen verursacht. Was steckt eigentlich hinter dieser Sache? Ueber die offiziellen Erklärungen hat man nur gelacht. Macht eine Geheimversammlung der hohen Militärs und Naziführer wirklich Eindruck auf die kritisch werdenden Massen in Deutschland? Braucht man wirklich ein solche« Theater gegen die paar Emigranten? Kann man die innere Einigkeit durch eine solche Versammlung demonstrieren? Nein, also was war der Grund? Sollte die Machtstellung der offenbar reichlich vertretenen Reichswehr etwaigen mit Rebellion spielenden Naziführern vor Augen geführt werden? Sollte der Reichswehr Genugtuung für die Ermordung Schleichers gegeben werden? Wollte gar vielleicht Göring, den man als Vater dieses Theaters betrachtet, seinem lieben Freund Goebbels eins auswischen? Die -Times" betonte das in ihrem Berliner Bericht in sarkastischer Weise. In England jedenfalls hat die Angelegenheit das Gegenteil der erwünschten Wirkung erzielt. Ter „Völkische Beobachter" in seiner Wut spricht sogar von einer Verschwörung der englischen Journalisten. 150 Jahr«„Time«“ Am 1. Januar hat die„Time s" ihren 150. Geburtstag feiern können. Das ist in der Tat ein Ereignis; denn die „Times" ist nicht eine beliebige Zeitung. Sie ist eine lebenswichtige Institution des Empire. Das Wort von der Großmacht Presse wird viel mißbraucht. Immer wieder konnte man in letzter Zeit erleben, daß die Macht der Presse weit überschätzt wurde. In Deutschland konnten z. B. Nazis und Kommunisten Millionen und aber Millionen Wähler gewinnen, ohne über eine irgendwie ins Gewicht fallende Presse zu verfügen. Die bürgerlichen Demokraten hatten eine einflußreiche Presse— nicht nur in Deutschland—, aber lange keine entsprechende Macht. In England verfügen die beiden Presselords Rothermere und Deaverbrook über Zeitungen mit Millionenauflagen, aber ihr politischer Einfluß bleibt gering. Die„Time s" aber, deren Auflage nicht überwältigend groß ist, ist eine Macht, ja sogar eine Großmacht. Sie fing vor 150 Jahren klein und einflußlos an, gewissermaßen als ein Nebenprodukt einer Druckerei- und Mrlagsgesellschaft. Damals war die englische Presse eine-korrupte Angelegenheit in der Hand der Regierung. Die-„Times" aber war nicht korrupt... Vor gut 100 Jahren wurde sie zur Macht. Damals drängte das Bürgertum zu politischem Einfluß, es wollte die Adelsherrschoft ersetzen. In den Wahlrechts- Kämpfen fand dieses Ringen seinen Ausdruck. Die „Times" war das Blatt des Bürgertums, es stürzte sich mit Wucht in den Wahlrechtskampf und unterstützte die damalige„liberale" Regierung gegen die reaktionären Tories. Sie blieb aber nicht etwa Im liberalen Lager. Die..Times" hob gewissermaßen die moderne, aufgeklärte. sozialen Problemen nicht verschlossene Konservative Partei aus der Taufe, sie stand zu Peel, Disrgelis Joseph Chamberlain, Balfour und Baldwin. Sie war auch zur Zeit konservativer Regierungen nicht etwa bloße» Regierungsorgan, das kritiklos alles billigte sie blieb unabhängige Macht. Der„Times"-Redakteur gab Ministern ebensooft Ratschläge, wie sie ihm Informationen gaben. Auch ausländische Regierungen schauten öngst- lich auf die„Times". Selbst Hitler ist es nicht gleichgültig, was dieses bedeutende Blatt schreibt. Die Kampagne bet„Times" für Dimitroff hat diesem tapferen Mbnn die Freiheit gebracht; auch anderen hat dieses Blau geholfen. Daß ein konservatives Blatt für einen Kommunisten drei Leitartikel schreibt, verdient in der Tat Respekt. Auch j o u r n a l i st i s ch hat die„Times" eine historische Bedeutung. Früher hieß sie einmal der„Donnerer", damals in ihren Kampfjahren war ihr Stil weniger abgeklärt. Heute aber bevorzugt sie höchste Sachlichkeit, einen ruhig abwägenden Ton, gewürzt durch eine oft köstliche Ironie. Nur selten findet man kräftige Worte(wie z. B. nach dem 80. Juni und nach dem Dollfußmord) und dann nicht ohne Gxund. Die Berichterstattung des Blattes aus In-' und Ausland ist mustergültig, gründlich und sorgfältig. England hat Berechtigung, auf diese Zeitung stolz 'zu sein. NtlIIer- Verner- Mar ährens Neuer Kampf gegen den Reichsbischof Berlin, g. Januar. Der Weihnachtsburgfriede zwischen der Reichstirchenregicrung und der Bckenntnisfront ist beendet. Es werden neue-Verhandlungen angekündigt, die eine Wendung im Kirchenkonflikt versprechen, sobald die Gegensätze zwischen den beiden Parteien ausgeglichen sein werben. Daß dies« Wendung auch diesmal zuungunsten des RrichSbischosS auSsallen wird, gilt als ziemlich sicher. Ale Vertreter der BekenntniSsront verhandelt Bischos Marah- -vens. Die Reichskirchenregierung ist durch ihren politischen ÄtechtSwalter und den Präsidenten des preußischen Ober- kjrchenrates Werner sowie durch den Oberpräsidenten von 'Ostpreußen Gauleiter Koch, einen Freund des ReichS- vischof», vertreten. Die Persönlichkeit Dr. Werners tritt immer mehr in den Vordergund. Er soll Kirchen- kommisiar werden und die Ueberleitung der um ihr Ansehen gekommenen Kirchenregierung Müller in eine neue Kirchenregierung vorbereiten. Gauleiter Koch, der bisher ein Parteigänger des Reichsbischofs war, will den Reichsbischof Müller zur Abdankung veranlaffen, um den Platz sürMarahrenS fretzumachen. Protest so den Völkerbund Fortsetzung von Seite 1 Mißlungene Gaunerstreiche Die Arbeitsränme der Kommunistischen Partei, die am Mittwoch auf Anordnung des Oberbürgermeisters von Saarbrücken polizeilich geräumt werben sollten, sind bis 15. Januar der Kommunistischen Partei zur Writerbenutzung überlassen worben. Die Räumungsverfügung ist bis zu diesem Tage hinausgeschoben worden. Die kommunistische Parteileitung arbeitet in einem Hause, das vor einiger Zeit von der Stadt Saarbrücken käuflich erworben worden ist. Wie man jetzt sieht, mit der feinen Absicht, die kommunistische Zentrale im Saargebiet einige Tage vor der Entscheidung durch Exmittierung lahm zu legen. Alles im Namen der Abstimmungsfreiheit. Ter Vorfall illustriert zugleich, wie Verwaltung und Justiz gemetnfam gegen die Anhänger des Status auo arbeiten. Ein ähnliches Stückchen war gegen den Verlag„Volks- stimme" G. m. b. H. in Saarbrücken geplant. Er war, solange Deutschland ein Rechtsstaat war, mit dem Vorstand der SPD. und der Dachgesellschaft sozialdemokratischer Parteibetriebe, der„Konzentration", verbunden. Dies« Verbindung wurde im Frühling 1883 gelöst; selbstverständlich in korrekten juristischen Formen. Die„deutsche Front" ist nun nach zwei Jahren dahinter gekommen, daß man doch eigentlich bei der groben Räuberaktion gegen die Volkshäuser und Arbeiterbetriebe auch der„Bolkssttmme" in Saarbrücken ihre Gebäude und Maschinen hätte stehlen müffen, und versucht, den damals unterlaffenen Spitzbubenstreich jetzt noch durchzuführen. Sie hat auch einen einstweilen beschäftigungslosen Rechtsanwalt, der gerade nach Saarbrücken zuzieht, gesunden, der eine einstweilige Verfügung zu erwirken versuchte, und als ihm das nicht gelang, eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen„Nntrrue" gegen einige Mitglieder des sozialdemokratischen Parteivorstandes „unb-'annten Aufenthalts" und gegen die Gesellschafter der „Volksftimmc" G. m. b. H. erstattete. Natürlich«in„juristischer" Dummerjungrnstreich! Er zeigt aber, mit welchen Gewaltmitteln die„deutsche Front" sich helfen möchte, weil ihr die geistigen Mittel kehlen, sich mit freien Deutschen auseinanderzusctzen.- Aus dem braunen Sumpf Etwas dunkel Wegen Schädigung des Winterhilfswerks wurde in Dortmund ein 42jähriger früherer Amtswalter z u neun Monaten Gefängnis und 180 Mark Geldstrafe verurteilt. Der Staatsanwalt hatte ein Jahr sechs Monate Zuchthaus beantragt. Der Verurteilte war Inder gleichen Sache vor längerer Zeit von einem Schöffengericht zu sechs Monaten verurteilt worden, so daß seine Strafe damals unter die Amncsti- siel. Auf die Berufung des Staatsanwalts wurde dieses erste Urteil aufgehoben. Die große Strafkammer hat als strafmiloernd angesehen, daß der Angeklagte nicht für seinen eigenen Vorteil straffällig geworden ist. Auch hatte er sich als Kriegsteilnehmer hervorragend bewährt. Aber mit Rücksicht darauf, daß durch unkorrekte Handhabung bet der Verteilung von Kohlen bas Winterhilfswerk geschädigt, die Gebefreudigkett beeinträchtigt und auch dem Ansehen des WHW. Abbruch getan worden sei, habe das Gericht geglaubt, von der Amnestie keinen Gebrauch machen zu sollen. Fortgesetzte Unterschlagung Bor der großen Strafkammer in Hildesheim hatte sich ein Angeklagter aus Gödringen wegen Unterschlagung zu verantworten. Der Betreffende hatte den Auftrag, für die Gruppe Sarstedt der„deutschen Arbeitsfront". Abteilung Bergbau, die Beiträge einzukassieren. Als bei ihm eine unvermutete Kasienrevision vorgenommen wurde, flüchtete er, stellte sich aber später in Köln selbst der Behörde und gab seine Veruntreuung zu Aus der Beweisaufnahme ergab sich, daß die Unterschlagungen den Betrag von 488 Mark erreichen. Wegen schwerer fortgesetzter Unterschlagnng zum Nachteil-er Deutschen Arbeitsfront wurde der Angeklagte zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr einrm Monat verurteilt. „Obertruppführer" Vor-em Sondergericht in Hannover hatte sich der 22jährige Paul Lange aus Braunschweig wegen einer ganzen Reihe von Straftaten zu verantworten. Er hatte im Jahre 1883 einige Zeit der NSDAP, angehört, war aber ausgeschlossen worben, als sich herausstellte, daß er der Volkswohlsahrt Kohlenkarten unterschlagen hatte. Auch bei der SA. war er nur kurze Zeit, hier erfolgte sein Ausschluß, weil er sich selbst„befördert" hatte. Auf einer neuen Arbeitsstelle gab er sich trotzdem als Obertruppkührer aus und leitete in dieser Eigenschaft sogar einen Deutschen Abend. Weiter wandte er sich an einen mit ihm verwandten Setzer lehrling und ließ sich von diesem, der glaubt«. Lange sei wirklich SA.-Mann. SA.-Ausweise und Briefbogen für einen Reitersturm-rucken. Unter dem Vorgeben, er sei Sturmschreiber, Uetz er sich ferner einen Dienststempel anfertigen. Schließlich kaufte er in einem Tuchgeschäkt Untsormstücke, auf die er lediglich zwei Mark anzahlte. Dem Geschäftsmann Übergab er eine von ihm gefälschte Bürgschaftserklärung, die er mit der Unterschrist eines StnrmfübrrrS versah. Mit einem Bekannten und jetzt mit ihm angeklagten Heinz Runge begab er sich dann auf die Wanderschaft, wobei er die Uniform eines Obertruppführers und Runge die eines Scharführers trug. Bor Gericht waren beide geständig. Lange wurde zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt, während Runge mit einen, Jabr Gekänauis davonkam. Mani halfen! Der Reichsminister an die Beamten Ueber die Ausgaben und Besugnisie der Beamtenorganisationen bzw. der NS.-Fachschaften gegenüber Staat und Gemeinden sind Zweifel entstanden, deren Klärung Reichsinnenminister Dr. Frick in einem Erlab vornimmt. Unter Bezugnahme auf„Borkommniffe" bet verschiedenen Verwaltungen betont der Minister, daß die Interessen der Beamtenschaft durch den Staat selbst ivahrgenommen würden. Eingaben und Anträge von Beamtenorgantsationen an die Behörden, die sich mit der Besolduirg, Einstufung, Laufbahn uiw. beschäftigen, seien nicht nur unnötig, sondern auch unzulässig. Insbesondere müßten unbedingt Eingaben und Vorstellungen unterbleiben, die auf eine Kritik an Vorgesetzten»ad damit an der allein verantwortlichen Staatosührnng hinauSlausen. Die NS.-Fachschaften hätten sich jeder Einmischung in Angelegenheiten der Staats- oder Gemeindeverwaltung zu enthalten. Auch den Obmännern und Amtswaltern der NSBO. stehe eine Einwirkung auf dienstliche Angelegenheiten nicht zu. Dagegen gehöre cs zUm Aufgabengebiet des Reichsbundes der deutschen Beamten, seine Mitglieder zu vorbildlichen Nationalsozialisten zu schulen»ad die Regierung in der Durchsührnua ihrer de- amteapolitische« Maßnahme« zu unterstützen.„Glauben," so schließt der Minister,„die AmtSträaer des NeichSbundeS bei Gelegenheit dieser Tätigkeit im Betriebe ihrer Vebürden Verstöße gegen Anordnungen zuständiger Stellen Über die Durchführung nationalsozialistischer Grundsätze zu bemerken, so haben sie notfalls die vermeintlichen Uebelstände auf dem Parteidienstwege über den Bcrbindnngsstab der NSDAP, dem Fachminsster zur Kenntnis zu bringen." Die neue Aufteilung in Afrika Dos I oiicn:se sich mit dem Verhalten der'SA. am Falle eines polnische,. Einfalles beschästigte««nd die sich restlos mit der von Hitler selbst in seiner Lanenbnrger Rede ausgegebenen landesverrstte, rische« Parole deckten. DaS Material wurde in Uebereinstimmung mit der Reichsregierung, insbesondere mit dem Reichswehrminister Grüner, der darin eine bemühte Sabotage des seit Jahren mit Mühe aufgebauten Grenzschutzes erblickte, dem Oberreichsanwalt zwecks Einleitung eines Hoch- und Landesnerratsversahrens übermittelt. AlS Grüner im Reichstag wegen des SA.-Verbotes von den-Nationalsozialisten angegriffen wurde, setzte er sich zur Wehr, soweit er das bei den damaligen Auffassungen über die notwendige Geheimhaltung des Grenzschutz-Komplexes tun konnte. Als er jedoch, durch beleidigend« Zurufe gereizt, etwas aus sich heraus ging und Andeutungen über lanbesverräterische Sabotage der Landesverteidigung durch Hitler nnd Konsorten machte, wurde er förmlich niedergebrüllt, weil die Nazi-Leitung um jeden Preis die Enthüllung dieser ihr wohlbekannten Vorgänge verhindern wollt«. Grüner selber blieb bei diesem Kampf auf der Strecke, weil ein Teil ber Reichswehrgeneralität, insbesondere Schleicher, Angst vor den„wehrpolitischen" Folgen dieses Schlages gegen die SA. bekommen hatte. Hitler hatte inzwischen, nach der Rede Otto Brauns im Sportpalast, erklären lasten, dab er Beleidigungsklage gegen ihn und gegen den verantwortlichen Redakteur des„Vorwärts"— in diesem Falle den Versaster dieser Zeilen— anstrengen würde. Aus dieser Ankündigung gistA schoy. hxrvor, Hatz er ksneü Prozeb scheute. Denn, abgesehen davon, datz er in Brauns Rede unmöglich einen Grund zur Klage finden konnte, hätte die Immunität Brauns erst zu diesem Zwecke aufgehoben werden müffen, was der Landtag bestimmt nicht getan hätte. Es bedurfte kräftiger Hinweise darauf im„Vorwärts", um schlietzlich, etwa zehn Wochen nach dem Vorfall, zu erreichen, -atz er seine Klage nur gegen mich anstrengte, und zwar an seinem Wohnsitz München, durch seinen famosen persönlichen Anwalt Frank II, dem späteren jinzwischen mehr oder minder abgehalfterten) Organisator der„Justiz" im„dritten Reich". Sofort reichte ich durch meinen Münchener Rechtsbeistand ausführliche Schristsätze ein und beantragte beim zuständigen Richter, dem bekannten Münchener Amtsgerichtspräsidenten Frank baldigste Festsetzung des Verhandlungstermins, möglichst noch vor den Gerichtsferien. Aber Rechtsanwalt Frank II zeigte nunmehr ausfal- lendwenigEile. Denn aus unseren Schriftsätzen konnte er entnehmen, dab bei diesem Prozeb für Herrn Hitler, wie der Berliner sagt,„keen Blumentopp zu gewinnen" wäre. Ich hatte mehr Zeugen, als den Herren lieb war. Ohren- zeugen, die die Lauenburger Rede mitangehört und darüber in der hinterpommerschen Rechtspresse berichtet hatten. Herr Brüning sollte aussagen, was eS mit seiner Ha-nburger Rede für eine Bewandtnis hatte, Herr Grüner hätte über das SA.-Verbot Aufklärung gegeben, S e v e r i n g über die Polizeiaktion gegen die SA.— eventuell unter AuSschlutz der Oeffentlichkeit—, nnd schlietzlich hatte ich auch durchschlagendes Material. Nicht nur die gedruckten Berichte über die Lauenburger-Rede in der lokalen Rechtspreste, nicht nur einen Artikel im nationalsozialistischen„Reichswart" des Grasen Reventlow, in dem ein pommerscher Nazi-Adliger sein Entsetzen über die von ihm gehörten Ausführungen Hitlers zum Ausdruck brachte. Nein» auch etwas anderes: dieFaksimiltSde? landesverräterischen Befehle an die SA. waren in unserem Besitz— und Herr Hitler wubte es. Bon dieser Zeit an versuchte sein Anwalt nur noch Zeit zu gewinnen. Die Schriftsätze des Herrn Frank II wurden so spät eingereicht, datz nicht nur die Gerichtsferit« vergingen, sondern weitere Monate, bevor ein Termin angesetzt werden konnte. Endlich war es so weit: am 18. Dezember 1982 sollte die Verhandlung in München steigen. Aber zufällig(?) wurde wenige Tage zuvor im Reichstag die allgemeine politische Amnestie angenommen, für die sich nicht zuletzt die Nazi-Fraktion so energisch eingesetzt hatte. Wa» tun? Wir wollten Herrn Hitler nicht so leicht auS den Klauen lasten. Der Prozeh versprach zu einer politischen Situation ersten Ranges zu werde», bei der Hitler- wahres Gesicht auch in bezug auf sein Nationalgefühl rücksichtslos enthüllt werden würbe. Kurz entschlosten erklärten wir öffentlich im„Vorwärts", datz wir die Amnestie iür diesen Prozeh nicht wünschen, vielmehr ans die Gerichtsverhandlung den grützten Wert legten und z« diesem Zwecke die Anschuldigung wiederholten, datz Hitler in Lanenbnrg eine landesverräterische Rede gehalten und auch entsprechend Maßnahmen angeordnet hätte. Ich zeichnete die betreffende Nummer des„Vorwärts" extra wieder verantwortlich und sandte per Einschreiben ein Exemplar an den„Herrn Regierungsrat im Braunschweigischen Staatsdienst z. D. Adolf Hitler" mit der Bemerkung, datz ich fernen weiteren Schritten entgegensehe. Dennoch hörte man tagelang nichts. Schlietzlich erschien eine verlegene Pressenotiz aus der Feder Dr. Franks II, wonach ihm die Tragwelte des Amnesttegesetzes in bezug auf diesen Prozeb zunächst nicht ganz klar gewesen sei, datz aber selbstverständlich neue Klage erhoben werden würde. Dann tagelang wieder nichts. Unsere Genosten in Lippe- Detmold plakatierten im dortigen Wahlkampf Mitte Januar 1988, in den Hitler persönlich eingriff, die erneute Anschuldigung und fragten:„Wo bleibt der neue Strafantrag?" Aber Hitler st eilte sich tot. Er wußte wohl» warum. A b e r m a t s, in der letzten Januarwoche, wiederholten wir in grotzer Ausmachung aui der ersten Seite des „Vorwärts" den inkriminierten Artikel mit der Aikssorbe» rnllg, uns endlich zu verklagen, den Borwurs des Landesverrats nicht auf sich sitzen zu lassen Abermals ging ein eingeschriebener Bries nach München ab. Aber zwei Tage danach wurde der Mann, der eine Beleidigungsklage gegen den Borwurs des Landesverrates scheute, vom Reichspräsidenten von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt... Und das Verfahren in Leipzig? ES wurde, wie bei dem sauberen Herrn Werner, dem OberreichSanwalt de» RetchStagSbrandprozesteS, nicht anders zu erwarten war, eingestellt. Mit der Begründung, dab Landesverrat im j u r i st i- f ch c n Sinne nur vorliege, wenn sich Deutschland i m Kriege mit dem Staate befinde, zu dessen Gunsten die zur Last gelegte Handlung begangen wurde. Was Herr ReichS» wehrmtnister a. D. General Grüner mit der vielsagende» öffentlichen Erklärung quittierte, dah diese juristische En— scheidung an der politischen Bewertung der be- wutzren HänüluügSwelse nicht» ändere.\'».. Und nun mögen die Herren von der„deutschen Front" sich darüber Gedanken machen, westen Nationalgesühl echter ist — das jener StatuS-quo-Anhänger, die selbst in ihrer jiessten seelischen Not, in ihrem Hatz gegen ein Regime der Barbarei stets danluf bedacht waren, die Rückkehr der Saar in ein befreites Deutschland sicherzustellen, oder Has des Herrn Hitler, der im Falle des polnischen Einmarsches zunächst nur daran dachte, das Weimarer System mit SA.-Formationen zu stürzen, die er von der polnischen Grenze zurückziehen und zunächst gegen Berlin marschieren lasten wollte!. ncimswchr—Polen—rranhremi Die Verständigung mit Polen ohne großen Wert Paris, 8. Januar 1986. Welche Absichten Hitler mit der Armee verfolgt, verrät uns vielleicht Jules Sauerwein, ber seit einigen Tagen im „Paris-Soir" eine Artikelreihe über Deutschland veröffentlicht. Der bekannte Journalist, ber trotz seiner Zugehörigkeit znm Judentum schon im vorigen Jahre wiederholt sehr bitlcrfreundlich geschrieben hat, hatte jetzt Gelegenheit, mit den sogenannten„Kaisertreuen" Fühlung zu nehmen, also ' mit den monarchistischen Kreisen, die, wie er selbst sagt, der Reichswehr nahettänden. Sie begrüben eine Verständigung mit Frankreich, weil„die verbündeten deutschen und französischen Armeen^Europa beherrschen" würden. Statt eines Bündnisses mit Frankreich habe man bis jetzt nur eine Entente mit Polen gehabt. Aber diese Entente zwinge Deutschland für lange Jahre, auf seine teuersten Ansprüche zu verzichten lden polnischen Korridor— Red. b.„Deutschen Freiheit"), dagegen bringe es Deutschland in Gegensatz zu Rußland, dessen Hilfe sonst Deutschland nützlich wäre. Man solle sich an Bismarck erinnern. Die Freundschaft mit Rub- land sei der Angelpunkt seiner Politik gewesen: leider sei der deutsche Kaiser von Bülow schlecht beraten worden und habe diese Politik aufgegeben. Dadurch sei Deutschlands Einkreisung und schlietzlich seine Niederlage möglich geworden Man miste sehr genau, datz die polnische Armee unter keinen Umständen an Deutschlands Seite kämpfen werbe Was sie tauge, wisse man nicht sehr genau. Diese Dcrstän^gung habe also keinen großen Wert. ver Mord an Sdileldicr Untersuchung nach dem 13. Januar? London, 10. Januar 1935. „Daily Telegraph» will aus zuverlässiger Quelle misten, daß eine Untersuchung über die Ermordung des Generals von Schleicher und seiner Gattin nach der Saarabstimmung eröffnet werden wirb. Zwei ReichSwehr- aeneräle fallen Hitler und General Göring aufgesucht haben, Indem sie die davon in Kenntnis gesetzt hätten, datz die Ermordung eines der Ihren nicht hingehcn könne, als sei nicht» geschehen, und gefordert hätten, dab die Angelegenheit von einem zuständigen Gericht untersucht würde. Hitler habe sie gebeten, im Interest« Deutschlands nicht darauf zu dringen, dab diese Untersuchung noch vor der Saarabstimmung stattsinde. Die Generäle hätten sich damit einverstanden erklärt. Die Kunde von einer bevorstehenden Untersuchung habe in den Kreisen der Reichswehr große Befriedigung hervorgerufen. Kaihollsdic Arbeiterin an Göring Die Pari>er Sektion des Unitären Beklei- bungSarbeiterinnen-Berbandes hat, wie das Welthilsskomitee für die Opfer des Hitlerfasch'.Smus erfährt, im Verlauf einer Solidaritätsaktion für die als Geisel eingekerkerte Frau des vor einem Jahr„auf der Fluch: erschaffenen" ehemaligen Landtagsabgeordneten Steinfurth eine Anzahl von Briefen an die Reichsminister Göring. Frick«nd an den deutschen Botschafter in Paris gesandt, in denen sie gegen ihre neuerliche Mißhandlung schärfsten Protest erhebt und ihre sofortige Freilassung fordert. Mehrere individuelle Solidaritätsschreiben, die ans den Reihen dieser Gewerkschaft an Frau Steinfurth selbst in ihre Gefängniszelle abgingen, dokumentiere» die lebendige Verbundenheit der Pariser Antifaschistinnen mit den Geiseln de» HitlerfaschiSmu», für deren Befreiung sich immer drei- tere Schichte» der Bevölkerung in allen Ländern einsetzen. Unter den zahlreichen Protestschreiben, die im Verlauf dieser Campagne abgeschickt wurden, verdient ein Bries besondere Beachtung, den ein Mitglied dieser Gewerkschaft, eine parteilose Katholikin, an Göring gesandt hat: „Herr Ministerpräsident! Erlauben Sie mir, mich in ein paar Worten am Vorabend des Steinfurth-Prozesses an Sie zu wenden, um die unbedingte Begnadigung der Angeklagten zu fordern. Dies liegt in Ihrer Macht. Hat diese Frau noch immer nicht genug gelitten? Man hat ihr ihren Mann genommen und niemand weiß, welche körperlichen und moralische» Qualen sie jeden Tag erdulden mutz. Für die ganze Welt, für Frankreich, für Paris ist sie keine Angeklagte, sonders eine Märtyrerin. Ist denn Deutschland kein zivilisiertes Land mehr? Wir weigern uns, dies zu glauben. Und deswegen möchte ich Sie bitten, meinen Bries zu beachten. Eine Freundin Deutschlands." Es sind in dieser Gewerkschaft Bestrebungen im Gange, eine Patenschaft über Frau Steinfurth zu organisieren, um ihr in Anbetracht ihres lebensgefährlichen Gesundheitszustände» zusätzliche Nahrung und Stärkungsmittel verschaffen zu können.•' durtfis Surötocft Hitler und Mussolini, Mussolini und Hitler-— ist es erlaubt, eine solche Kombination überhaupt noch zu formulieren?! Seit dem berühmten Venediger Besuch des Osafs aller Deutschen, wo jener ihm bei Asti spumante kennen lernte und feststellte, welcher böhmische Mittelstandsgött ihn beseeligt und beschwingt, schlägt wohl der Düte jedesmal feierlich und rituell ein Kreuz, wenn er hur das Wort Adolf hört, obschon er doch eigentlich ein Heide und Nietjscheaner ist und das Christentum mit seinen Gebräuchen doch höchstens a(s Instrumentenkasten für den römischen Imperialismus gelten läßt. Unsereins kommt nicht in Verdacht, dem einen oder anderen Reverenz zu erweisen. Aber wenn schon Faschismus Persönlichkeitsfanatismus ist, dann wissen wir auch, daß Hitlers Zusammenbruch ein großes Operetten- oder Revue- > Finale einmal sein wird, während der Mussolinis, obschon er genau schon so in den Sternen steht, wie der seines unzulänglichen Tierstimmenimitators in braun, eher wohl einer attischen Tragödie gleichen wird. Denn: Der Duce ist ipimer- hin unserer„marxistischen“. Provenienz und er hat mit Himmel und Hölle und vor allem seinem eigenen Dämon gerungen, ehe er zum Renegaten einer großen Sache wurde und aus dem„Avanti“ in den„Populo d'ltalia“ übersiedelte. Der Adolf dagegen ist bei schlicht sudetendeutschem Kraut mit Knödel groß geworden, das zur geregelten Verdauung beitragen mag, nicht aber sehr viel zu einer unkorrekten Begabung. Abgeguckt hat der Osaf dem Duce, daß jener sich hin und wieder malerisch maskiert. Das hat ihm so ungemein imponiert, daß er es— natürlich falsch— sofort nachgemacht ' und übertrumpft hat; aus einem einzigen Faschistenhemd hat er gleich eine Kostümierungsfrage für eine ganze Nation mit allen ihren Wöchnerinnen-Lehranstalten und Postämtern dritter Klasse gemacht. Das und noch einiges andere-— das wären so die kleinen Unterschiede!* Von Benito Mussolini, dem Vater des allein echten Faschismus, werden jetjt einige Aussprüche aus der lebten Zeit bekannt; Wenn sie nicht wahr sind, so sind sie gut und richtig erfunden. So soll er beispielsweise einmal seine Heraldiker schon im voraus gestäubt haben durch folgende klassisch formulierte Selbsterkenntnis:„Da Mussolini selbst nicht genau weiß, wer und was er ist, so zweifelt er an dem genauen Wissen, das andere über seine Persönlichkeit zu haben behaupten.“ Das schönste Bonmot ist aber sicherlich folgendes:„Wenn alles gut geht, werde ich vielleicht nach ein paar Jahrzehnten auf einem öffentlichen Platj ein kleines Denkmal haben und die Dienstmädchen und die Ammen können dann bei mir ihr Rendezvous geben: Also heute abend acht Uhr beim Mussolini!“ Wenn alles gut geht... So spricht, nehmt alles nur in allem, sicherlich ein Mann, der freilich nicht mehr der unsere ist. Was aber tut im ähnlichen Falle Schlehmihl? Er fährt nach Nürnberg und läßt dort die alten Mauern und gotischen Patrizierhäuser von der Posaune seines„tausendjährigen“ Reiches nur so erzittern. Jener ist ein Mann auch unter dem schwarzen Hemd; der aber besteht leider nur aus brauner Baumwolle. ♦ In Oesterreich, wo man bekanntlich frei nach Kunschack •vergeblich umherspäht, um einen dort zwar ersehnten, aber leider nicht auf Lager vorrätigen Mussolini für das Land zu entdecken, gibt es noch Zeichen und Wunder. Die geringsten sind die reizvollsten. Wem ist schon auf gefallen, daß das „Neue Wiener Tagblatt“ immer noch als Untertitel mit dem Anspruch:„Demokratisches Organ“ dahersegelt? Trotj alledem; und es. will was heißen, trotj all des Ständischen, autoritären, legitimen, alt-österreichischen Gestrüps, immer noch schlicht und einfach:...„demokratisches Organ“. „Jenem war Eichholz und dreifaches Erz um die Brust“, so singt der Dichter von dem, der als erster Mensch das gebrechliche Floß den Fluten des Ozeans anvertraute. Eichholz und dreifaches Erz muß wohl auch der Wiener Metteur vorweisen können vor zottiger Brust, der diesen Zeitungskopf immer noch zweimal täglich in den gußeisernen Rahmen für die erste Seite zwingt. Oder ist der Mann nur etwa ,weitsichtig und möchte gern eine Episode für eine Epoche, eine Anekdote für einen Roman halten. Es kommt nämlich darauf anc dem heute ein bißchen verworrenen Zeitgeschehen seinen Sinh abzuluxen. Der Metteur hats kapiert, indem er auch bei einem vorübergehenden Regenschauer durchaus bei seinem ihn so gut kleidenden Strohhut verblieb. • F. E. Roth. Die„Deutsche Freiheit" Einzig» unabhängige Tageszeitung Deutschlands mul) man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Namei Unterschrift Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken 3• SchOtzeneiraße 5• Postschließfach 776 Zusammentritt der Kammer (Von urserem Korrespondenten) Paris, il). Januar. Am Dienstag ist die Kammer zu ihrer ersten Sitzung nach den Weihnachtsferien zusammengetreteu. Wie immer am Jahresanfang stand die Neuwahl des Präsidiums auf der Tagesordnung. Zum 11. Male wurde., F e r d i n a n-d Buisson zum Präsidenten gewählt, der Mann,, der vor 11 Monaten aus der Sozialistischen Partei austrat, nicht, weil er mit dieser Partei nichts mehr zu tun haben wollte, sondern weil er in seiner Eigenschaft als Kammerpräsident im Gegensatz zu der von seiner Partei vertretenen Meinung dem Staatspräsidenten Lebrun vorgefchlägen hatte, Doumerque mit der Bildung des Kabinetts zu betrauen. Damals wollte Buiffon seiner Partei einen inneren Konflikt ersparen, deshalb verließ er sie Und so groß ist die Autorität dieses Mannes, daß seine Wiederwahl zum Präsidenten mit überwältigender Mehrheit erfolgte. Manche schwierige Ausgabe wird die Kammer in den nächsten Wochen und Monaten zu lösen haben: die Gegensätze werden oft auf einander prallen, und es wird der ganzen Autorität des Präsidenten bedürfen, um das Parlament arbeitsfähig zu erhalten. Der Wille zur Arbeit ist bei'allen Parteien vorhanden, und ernsthaft trägt man sich mit dem. Gedanken, die Dauer der Legislaturperiode von vier aus sechs Jahre zu verlängern. Für diesen Gedanken erwärmt sich auch Paul Perrin in„La Concorde", aber er fordert weiter, daß die bisherigen Abgeordneten nicht wieder wählbar sein sollen, um so die ständige Verjüngung der Kammer zu gewährleisten. Auch Emile Roche bekennt sich in„La Republique" als Anhänger einer sechsjährigen Legislaturperiode. Er meint, die Regierung dürfe einen solchen Vorschlag nicht verächtlich zurückweisen, denn dadurch würbe verhindert, daß man sich am Anfang des nächsten Jahres mitten in einem Wahlkampf befinden würde, der in der Vergangenheit seinesgleichen nicht gehabt habe. Im übrigen ist der„Q u o t i d i e n" mit der Mehrzahl der französischen Zeitungen darin einig, daß Flandin heute„Frei Feld" habe, wenn er handeln wolle. Wenn auch seine Mehrheit nicht homogen sei, so lei sie dennoch nicht weniger vorhanden. In den nächsten Wochen habe man es mit einigen Reformprojekten zu tun, darunter der Gerichtsresorm. Da seien die Gesetzentwürfe, die sich mit den Unternehmern beschäftigten, um zu verhindern, daß diese Staatshtlfe in Anspruch nähmen. Schwierige Ausgaben gelte es zu erledigen. Man werdenden Ministerpräsidenten nach seinen Taten beurteilen. Aufenthalteverbotc Die Verfügung des Innenminsters (Von unserem Korrespondenten) Paris, 10. Januar 1033. Weite Kreise der in Frankreich lebenden deutschen Emigranten wurden durch eine gestern in der hiesigen Presse erschienene Notiz alarmiert, wonach Innenminister Regnier angeordnet habe, daß alle zeitweiligen Erleichterungen mit endgültiger Wirkung zum 15. Januar aufgehoben werden sollen, die denjenigen, bisher gewährt wurden, die von einem Aufenthaltsverbot betroffen sind. Wir können demgegenüber versichern, daß diese Maßnahme sich in keinerlei Beziehung gegen Emigranten richtet. Sie betrifft solche Personen, gegen die in Verbindung mit Freiheitsstrafen aus kriminellen Gründen ein Aufenthaltsverbot für Großstädte auf- die Dauer mm mehreren Jahren verfügt wurde. Bei vielen vo» ihnen wurde nun dieses Ausenthaltsverbot für bestimmte Fristen ausgesetzt und diese Fristen werden grundsätzlich vom'15. Januar an nicht mebr verlängert. Französische„Propaganda“ Eine Lehre für Herrn Goebbels (Von unserem Korrespondenten) Paris, 10. Januar-1085. Im„Figaro" kommt Wladimir d'Ormesso« darauf zu spreche», daß der Antiklerikalismus, den Fränkrrich oft in der Vergangenheit gezeigt habe, ihm sehr in seiner Außenpolitik geschadet habe. Man könne sagen, Lavals Besuch im Vatikan, ebenso wie die Reisen des Kardinals Verdier in Europa und außerhalb Europas(der französische Kardinal Verdier ist kürzlich erst von einer Reise aus Südamerika zurückgekehrt, die außerordentlich dazu.beigetragen hat, Frankreichs Prestige in Lateinamerika zu fördern. Red. d. „D. F.") bedeuteten die wirkungsvollste„Propaganda", die man für die Hebung von Frankreichs Ansehen wünschen könnte. Die wirkliche Propaganda mache man nicht Mit Gelb. Sie komme ganz von selbst als Folge einer Politik, eines Verhaltens, eines Geisteszustandes. Paris Verlegung des Emst-Busch-Abends Infolge Erkrankung von Ernst.Busch muß der für heute, Donnerstag, den 10. Januar, im Salle Poissonniere, Paris, stattfindende Abend um einige Tage verschoben werden. Die gelösten Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit. Das genaue Datum wird noch bekanntgegeben. 'Brieffiasten An mehrere. Ihre Anfragen beantworten wir mit einigen-Lützen, die Ma; Brann dieser Tage einem Schweizer Journalisten diktiert hat:„Also. Ich bin Rheinländer, mein Großvater war ein Bauer in Adenau bei Cob'enz. Mein« Mutter stammt vom Niederrhein, Mörs bei-kanten. Daß ich Deutscher bin und nicht polnischer Jude, wie es die Nazis in ihrem Lügensender gern verbreiten, brauch« ich also wohl kaum zu betonen. Ich selbst bin in Neuß bei Düsseldorf geboren, war fünf Jahre lang Volksschullehrer und meldete mich dann zu Kriegsausbruch freiwillig. Im Felde wurde ich mit sozialistischen Ideen bekannt und trat in di« Sozialdemokratie ein. Nach Kriegsschluß übernahm ich in Neuß das Düsseldorfer Kopsblatt der Partei, wurde dann im Oktober 191g von den Besatzungsbehgrdeu verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und bekam zwei Monat« Gesäugnis, die ich absaß, und 19 900 Fr. Geldstrafe zudiktiert. Jahresende ISIS sanden im beietzten Gebiet Wahlen Katt. Ich'wurde Fraktionssührer der Stadtverordnetensraktion von Neuß und ehrenamtlicher Beigeordneter. Ich blieb dort, bis ich auf dem Vereinigungsparteitag zwischen SPD. und USP. im Jahre 1922— ich war Delegierter der niederrheinischen sozialdemokratischen Linken — vom Parteivorftand, insbesondere dem verstorbenen Adolf Braun, gebeten wurde, an die Saar zu gehen, da hier zwei führende Ge» noisen von den Franzosen ausgewiesen worden waren. Im Februar 1923 kam ich in di« Redaktion der„Bolkssttmme". Seitdem lebe ich hier an der Saar." Für»en Grfamtinhalt verantwortlich- Johann Pitz tn Dnd» weil er:«ür^Jnieraie: Otto Kuhn tn Saa-brücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Voiksklmme GmbH„ Saarbrücken 3. Schügenkraße 5.— Schließlich 77R Saarbrücken. In dieser Woche gelangt zur Auslieferung WEISSBUCH über die Erschießungen des 30. Juni 1934 Das Weißbqch über die Erschießungen des 30. Juni gibt die «rste authentische Darstellung von den Ereignissen in der ueutschen Bartholomäusnacht. Da» Weißbuch bringt das Geständnis des Gruppenführers Ernst über die Brandstiftung im Reichstag mit voller Namensnennung aller Brandstifter und der Anstifter. Im Weißbuch kommen zu Wort: ein hoher Beamter des Münchener Polizeipräsidiums, ein Gefängnisbeamter des Zuchthauses Stadelheim, wo Röhm und andere SA.-Führer erschossen wurden, ein Hotelgast des Hotels Hanselbauer, Augenzeuge der Verhaftungen in Wiessee. Das Weißbuch enthält ferner Auszüge aus dem Blaubucb der Reichswehr. Das Weißbuch erscheint im gleichen Großformat wie die ..Braunbücher", im Umfang von zirka 250 Seiten. Es enthält zahlreiche Dokumente sowie eine Illustrationsbeilage von 16 Seiten. Es erscheint in Form einer Volksausgabe in festem Kartoneinband. Der Preis beträgt: fr. Fr. 15.—, Hfl. 2.—, S> i» h jrmxeiien hi. 10 Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Januar 1915 Der Freiheitskämpfer Ludwig Börne Aus seinen„Pariser Briefen" vor hundert Jahfen 1 Zu den großen Freiheitskämpfern des 19. Jahrhunderts gehört Ludwig Börne. Liest man in seinen Schriften, so begreift man nicht, weshalb er heute zu den Halbvergessenen gehört. In seinem Bekenntnis zu der Menschheit ewigen Dingen lodert da» Feuer des Gerechtigkeitswillens— in einem Stile, an dem sich in den vierziger und fünfziger Jahren eine Generation von Journalisten schulte. Es fehlte ihm die Skepsis und die Ironie seines Zeitgenossen Heinrich Heine. Dafür konnte er das Ueble und Rückständige noch viel tiefer hassen, das Gute und das Echte noch viel stärker lieben als er. Börnes„Pariser Briefe“ wurden vom September 1830 bis Mai 1833 geschrieben. Er war nach Paris in den Monaten nach der Juli-Revolution gekommen. Der Nachhall dieser Kämpfe ist in seinen Briefen noch ganz lebendig. Darüber hinaus sind wir auch heute noch gefesselt von der Darstellungskraft eines Menschen und Charakters, dem Kunst nur als Mittel zum Zweck galt: Zum Kampf für Freiheit und Wahrhaftigkeit. „Nüchtern bin ich matt'* Paris. Dienstag, den 21. September 1830 Wer.aber in Mailand, Wien, Madrid. Neapel, Petersburg wegen eines politischen Vergehens gerichtet wird, der gehet aus der Dämmerung des Kerkers in die Nacht des Grabes über, und ob schuldig oder unschuldig, daß weiß nur Gott. Vormittags halb zwölf. Mein Barbier(mein Minister der auswärtigen Angelegenheiten) erzählt mir eben, es sähe schlecht aus in der Stadt. Das Militär und die National-Garden ziehen durch die Straßen. Das Volk schreit vive la ligne! ä bas la garde Nationale! ä bas Lafayette!(da sieht man doch ganz deutlich, wie diese Bewegung von den Karlisten angelegt) la mort des Ministres! vielleicht ist es doch«tut für mich, daß ich heute nicht ausgehen kan und wenn Sie mir versprechen, mir die zwanzig Franken zu erstatten, die mir meine Zahnschmerzen kosten, will ich mit allem zufrieden sein und Gott preisen.— Mein heutiger Brief wird auch nicht viel größer werden, als er jetzt schon ist, ich habe keine Geduld zum Schreiben. Ich bin neugierig, was iu der Stadt vorgeht, und ärgerlich, daß ich nicht ausgehen kann.— Wie konnten Sie nur glauben, daß mich Polen nicht interessiert! Das ist ja der Hauptakt der ganzen Tragödie. Ich meine doch, ich hätte Ihnen darüber geschrieben und genug vorgejubelt. Aber seit acht Tagen hörte ich von keiner neuen Revolution; das ist sehr langweilig. Ich bin wie die Branntweintrinker; nüchtern bin ich matt. Die Revolution, die heute Paris bedroht, schmeckt mir nicht. Das ist Gift und verderblich. Doch ich hoffe, es gebt alles gut vorüber. Die Lähmung des Geistes Mittwoch, den. 19. Januar. -7- Die Nachricht, die Sie mir gestern gegeben, daß das englische. Ministerium selbst die Revolution in Hannover angestiftet, habe ich auf der Stelle nebst einigen Bemerkungen in He Zeitungen setzen lassen, und sie stellt gestern im„Messager“. Wahr oder nicht, man muß die Spitzbuben hintereinander hetzen. Es ist aber doch schön, daß man hier alles gleich in die Zeitung bringen kann, und die Redakteure küssen einem für jede Nachricht die Hände und für jede Lüge die Füße. Was mich gegen die deutsche Zensur am meisten aufbringt, ist nicht, daß sie das Bekanntwerden der Wahrheit verhindert— diese macht sich früher oder später doch Luft—sondern daß'sie die Lüge unterdrückt, die nur einen armen kurzen Tag zu leben hat und einmal tot, vergessen ist. Am interessantesten, und merken Sie sich das, sind die hiesigen Blätter imnjer am Montagy denn da Sonntag keine Kammersitzung ist, bleibt den Tag darauf den Zeitungen kein anderes Mittel,.ihre Seiten zn füllen, als so viel Lügen als möglich herbeizuschaffen. Wie angenehm beschäftigt das die Einbildungskraft. Und was liegt daran! Was heißt Lüge? Kann einer■ in unseren Tagen etwas ersinnen, was nicht den Tag darauf wahr werden kann. Es gibt in der Politik nur eine mögliche Lüge: Der deutsche Bund hat die Preßfreiheit beschlossen. — Also*** hat sich gescheut nach Pest zu gehen, und schon in Ungarn fürchtet man die Cholera morbus? In Galizien, drei Tagereisen von Wien, und in Russisch-Polen ist sie nach bestimmten Nachrichten auch schon ausgebrochen. Mir macht das sehr bange. Nicht wegen der sinnlichen Schrecken, welche die Pest begleiten— das ist ein Schrecken, der sich selbst verzehrt, das ist zu furchtbar, um sich lange davor zu fürchten—, aber die verderblichen Folgen! Die Lähmung des Geistes, welche. im Volke nach jeder Pest zurückbleibt! Das kann alten Frost zurückführen und die Freiheit, die noch auf dem Felde steht,' zugrunde richten. In solchen Zeiten der- Bedrängnis braucht man Gott und ruft ihn an, und da kommen gleich die Fürsten und melden sich als dessen Stellvertreter. Was kein Kaiser von Rußland, kein Teufel verhindern könnte, das kann die Pest verhindern. Dann Kommen die Pfaffen und verkünden Gottes Strafgericht. Dann lassen die Regierungen fort und fort im ganzen Lande räuchern, um Nebel zu machen überall. Strenge Gesetze sind dann nötig und heilsam. Die Pest geht vorüber, die Strenge bleiht. Bis das erschrockene Volk wieder zur Besinnung kommt, sind die alten Fesseln neu genietet, die Krankenstube bleibt nach der Genesung das Gefängnis, und zwanzig Jahre Freiheit gehen' darüber verlören. Hessische Konstitution, Schimmel, Kosaken; Bundesversammlung, Zensur, was Gott will, mir keine Cholera morbus.• — Es ist köstlich mit der Hanauer Zeitung:' Gnädigste Freiheit, statt gnädigste Erlaubnis! Ich wollte, der allergnädigste Teufel holte sie aufs allergeschwindeste alle miteinander. II fäut tous Her, juges et pläideurs. Die armen Deutschen Paris, den 11. Februar 1831. Es gibt bestimmt Krieg. Ich habe zwar keinen Tag daran gezweifelt, seit ich in Paris bin; hier aber wollten viele nicht daran glauben Doch jetzt hat sich die Meinung geändert, jedermann sieht den Krieg für unvermeidlich an. Zwar hat man in Preußen Heines Schriften verboten; aber die besten Politiker in Frankreich und England zweifeln, daß diese Maßregel hinreichen Werde, die Weit in ihrem laufe auf. zuhalten.Freuen wir uns; den Polen ist wieder eine Hilfe von oben gekommen. Man hat hier ziemlich sichere Nachrichten, daß in einigen russischen Provinzen ein Aufruhr ausgebrochen. Auch in mehreren Orten Italiens ist das Volk aufgestanden. Die armen Deutschen! die werden neue Ohrfeigen bekommen, weil.. das Volk in Finnland und Bologna wieder unartig gewesen. Börne über Heine — Ich habe Heines vierten Band in einem Abend mit der freudigsten Ungeduld durchgelesen. Meine Augen, die Windspiele meines Geistes, liefen weit voraus und waren schon am Ende des Buches, als ihr langsamer Herr erst in der Mitte war. Das ist der wahre Dichter, der Günstling der Natur, der alles kennt, was seine Gebieterin dem Tage Häßliches, was sie ihm Schönes verbirgt. Auch ist Heine, als Dichter, ein gründlicher Geschichtsforscher. Doch verstecken Sie meinen Brief in den dunkelsten Schrank; denn läse ein historischer Professor, was ich soeben geschrieben, er ließe mich totschlagen auf seiner eigenen oder einer anderen Universität— obzwar die deutschen Herren keine Freunde vom Totschlägen sind, weder vom aktiven noch vom passiven, wie man neulich in Göttingen gesehen. Diesmal hat der Stoff Heine ernster gemacht, als sonst der Stoff, und wenn er auch noch immer mit seinen Waffen spielt, so weiß er doch auch mit Blumen zu fechten. Das Buch hat mich gelabt wie das Murmeln einer Quelle in der Wüste, es hat mich entzückt wie eine Menschenstimme von oben, wie ein Lichtstrahl den lebendig Begrabenen entzückt. Das Grab ist nicht dunkler, die Wüste nicht dürrer als Deutschland. Was ein seelenloser Wald, was ein toter Felsen vermag: uns das eigene Wort zurückzurufen— nicht einmal dazu kann das blöde Volk dienen. Kann man es besser schildern als mit den Worten: Der Engländer liebt die Freiheit wie seine Frau; der Franzose wie seine Braut; und der Deutsche wie seine alte Großmutter! Und:„Wenn zwölf Deutsche beisammenstehen, bilden sie ein Dutzend, und greift sie einer an,’rufen sie die Polizei!“ Ich sprach so allein in dieser Zeit und Heine hat mir geantwortet. Alles ist schön, alles herrlich, das aus Italien wie das aus England. Was er gegen den Berliner Knechtphilosophen(Hegel) und gegen den geschmeidigen Kammerdiener-Historiker(Raumer) sagt, die ein seidenes Bändchen fester an die Lüge knüpft, als das ewige Recht an die Wahrheit, das allein könnte einem Buche schon Wert geben. Und hat man je etwa Treffenderes von den Monopolisten des Christentums gesagt: Wie die Erbfeinde der Wahrheit Christus, den reinsten Freiheitshelden, herabzuwürdigen suchten, und also sie nicht leugnen konnten, daß er der größte Mensch sei, aus ihm den kleinsten Gott gemacht?— Wenn Heine sagt: Ach, man sollte eigentlich gegen niemanden in dieser Welt schreiben-— so gefällt mir zwar diese schöne Bewegung, ich möchte ihr aber nicht folgen. Es ist noch Großmut genug, wenn man sich begnügt gegen Menschen zu schreiben, die uns peinigen, berauben und morden. Was mich aber eine Welt weit von Heine trennt, ist seine Vergötterung Napoleons. Zwar verzeihe ich dem Dichter die Bewunderung für Napolebn, der selbst ein Gedicht; aber nie verzeihe ich dem Philosophen Liebe für ihn, den Wirklichen. Denn lieben! Lieber liebte ich unsere Nürnberger Wachtparaden Fürsten, öffnete ihnen mein Herz und ließ sie alle auf einmal eintreten, als diesen einen Napoleon. Die andern können mir doch nur die Freiheit nehmen, diesem aber kann ich sie, geben. Einen Helden lieben, der nichts liebt als sich; einen herzlosen Schauspieler, der uns wie Holz gebraucht, und uns wegwirft, wenn er die Partie gewonnen. Daß doch die wahnsinnigen Menschen immer am meisten lieben, was sie am meisten hätten verabscheuen sollen! So oft Gott die übermütigen Menschen recht klein machen wollte, bat er ihnen große Menschen geschickt. So oft ich etwas von Heine lese, beseelt mich die Schadenfreude: wie wird das wieder unter die Philister fahren, wie werden sie aufschreien, als lief ihnen eine Maus über ihr Schlafgesicht! Und da muß ich mich erst besinnen, um mich zu schämen. Die! sie sind imstande und freuen sich über das Buch und loben es gar. Was sind das für Menschen, die man weder begeistern noch ärgern kann! „Die Lutf küßt alle Menschen.. — Habt Ihr denn in Frankfurt auch solches Wetter, von Zucker, Milch und Rosen, wie wir hier seit einigen Tagen? ist nicht möglich. Ihr habt trübe deutsche Bundestage, manchmal einen kühlen blauen Himmel von finstern Wolken halb wegzensiert— und das ist alles. Aber wir Götter in Paris— es ist nicht zu beschreiben. Es ist ein Himmel wie im Himmel. Die Luft küßt alle Menschen, die alten Leute knöpfen ihre Röcke auf und' lächeln; die kleinen Kinder sind ganz leicht bekleidet, und die Stutzer und Stutjerinnen, die der Frühling überraschte, stehen ganz verlegen da, als hätte man. sie nackt gefunden, und wissen in der Angst gar nicht, womit sie sich bedecken sollen. Gestern, im Järdin des Plantes, wimmelte es von Menschen, als wären sie wie Käfer aus der Erde hervorgekrochen, von den Bäumen herabgefallen. Kein Stuhl, keine Bank war unbesetzt; tausend Schulkinder jubelten wie die Lerchen, der Elefant bekam einen ganzen Bäckerladen in den Rüssel gesteckt, und die Löwen und die Tiger und Raren waren vor den vielen Damen Iteruiü mehl zu»eben- Man konnte kaum hineinkommen vor vielen Kutschen am Gitter. So auch heute in den Tuilerien. Man sucht nicht die Sonne, man sucht den Schatten. Es ist ein einziger Platz, oben auf der Terrasse, wo man auf den Platz Louis XVI. hinabsieht! Und da unter einem Baume Zu sitzen, diese Luft zu trinken, die wie warme Limonade schmeckt, und dabei in der Zeitung zu lesen, daß die Russen ihre Ketten schütteln, und die heißen Italiener ihre Jacken ausziehen,— nicht eine Einladung bei seiner Exzellenz dem Herrn von Münch-Bellinghaus eh vertausche ich damit! — Die neuesten und wichtigsten politischen Neuigkeiten erfahre ich durch Konrad, der sie vom Restaurateur, wo er mir zuweilen das Essen holt, mitbringt. Dort scheinen lauter politische Köche zu sein. Seitdem Konrad das Haus besucht, ist er so vertraut wie Metternich mit den europäischen Angelegenheiten; ja, ich glaube, er weiß viel mehr. Da er heute eine Suppe holte, sagte ihm ein Koch oder Kellner; er würde bald zu ihm kommen und eine deutsche Suppe mit ihm essen. Daran denkt Metternich gewiß nicht. Welch ein Unterschied aber zwischen Frankfurt und Paris! Vorigen Winter schickte ich den Konrad monatelang täglich in den Russischen Hof, mein Essen zu holen, und nie brachte er mir aus der Küche eine europäische Begebenheit mit nach Hause, außer einmal die Neuigkeit, daß die Wirtin mit Zwillingen niedergekommen. In meiner Restauration hier gehen acht Kellner oder Köche freiwillig unter die Soldaten, wie sie dem Konrad erzählt. Um Polen — Die Sammlungen für die Polen sind jetzt in vollem Gange, Konzerte, Bälle, Theater, Essen zu ihrem Besten; es nimmt kein Ende. Eine berühmte Harfenspielerin aus Brüssel, eine Dilettantin, machte bloß hierher, um im Konzert, das morgen über acht Tage für die Polen gegeben wird, mitzuspielen. Der alte Lafayette leitet das alles. Das ist doch gewiß der glücklichste Mensch in der ganzen Weltgeschichte. Ihm ging die Sonne heiter auf, sie geht ihm heiter unter, und bei jedem Sturme in der Mitte seines Lebens fand er ein Obdach unter seinem Glauben. Für. die Polen fürchte ich jetzt nichts mehr, als sie selbst. Ich kann nicht weissen, wie es im Lande aussieht. Mächtig dort ist nur der Adel allein; der Bürgerstand ist noch schwach. Wenn nun dem Adel, mehr daran gelegen wäre, Polens Unabhängigkeit als Polens Freiheit zu erlangen! Ich las schon einigemal in den Blättern, man habe die polnische Krone dem Erzherzog Karl angeboten, und Oesterreich wolle sie annehmen und hunderttausend Mann gegen die Russen schicken. Es wäre entsetzlich. Oesterreich zum Vormunde einer jungen Freiheit. Ich kann nicht einmal lachen darüber! Mich beruhigt nur Metternichs Pedanterie und kindische Furcht; er fürchtet selbst die Maske der Freiheit auf seinem eigenen Gesichte. Auch in Belgien war der Erzherzog Karl der dritte Kronkandidat, und hatte nach dem Herzog von Leuchtenberg die meisten Stimmen! Mit Zittern habe ich da gesehen, weich' einen mächtigen Einfluß noch Oesterreich hat.. Tr.... ■— Mit dem Bürgermeister Behr in Würzburg, das ist—- wenn ich sagte schändlich, das wäre" zu matt; ich sage:, es ist deutsch! Aber ich nehme es dem Könige von Bayern durchaus nicht übel. Ein Volk, das so geduldig auf sich herumtrampeln läßt, verdient getreten und zertreten zu werden. Aide-toi, et le ciel t'aidera. Der„schwarze Fleck in der Welt“ Paris, Montag, den 14 Februar 1831 Italien! Italien! Hören Sie dort meinen Jubel? Daß ich eine Posaune hätte, die bis zu Ihren Ohren reichte! Ja, der Frühling bezahlt hundert Winter. Die Freiheit, eine Nachtigall mit Riesentönen, schmettert die tiefsten Schläfer auf. In meinem engen Herzen, so heiß es ist, waren Wünsche so hoch gelegen, daß ewiger Schnee sie bedeckte und ich dachte: niemals taut das auf. Und jetzt schmelzen sie und kommen als Hoffnungen herab. Wie kann man heute an etwas anderes denken, als für oder gegen die Freiheit zu kämpfen? Auch . ein Tyrann sein ist noch groß, wenn man die Menschheit nicht lieben kann. Aber gleichgültig sein! Jetzt wollen wir sehen, wie stark die Freiheit ist, jetzt, da sie sich an das mächtige Oesterreich wagt. Spanien, Portugal, Rußland, das ist alles nichts; der Freiheit gefährlich ist nur Oesterreich allein. Die. andern haben den Völkern nur die Freiheit geraubt; Oesterreich aber hat gemacht, daß sie der Freiheit unwürdig geworden. Wie das Herz der Welt überhaupt, so hat auch jedes Herz, auch des besten Menschen, einen Fleck, der ist gut österreichisch gesinnt— er ist das böse Prinzip. Diesen schwarzen Fleck in der Welt wie im Menschen, weiß Oesterreich zu treffen, und darum gelingt ihm so vieles. Jetzt wollen wir sehen, ob ihm Gott eine Arche gebauet, die es allein rettet in dieser allgemeinen Sündflut. Aber wie wird uns sein, wenn Spanien und Portugal, Italien und Polen frei sein werden und wir noch im Kerker schmachten? Wie wird uns sein, wenn im Lande Lojolas und des Papstes die Preßfreiheit grünt, diese Wurzel und Blüte aller Freiheit, und dem Volke Luthers wird noch die Hand geführt, wie dem Schulbübchen vom Schreibmeister? Wo verbergen wir unsere Schande? Die Vögel werden- uns auspfeifen, die Hunde werden uns anbellen, die Fische im Wasser werden Stimme bekommen, uns zu verspotten. Ach, Luther!— wie unglücklich hat der uns gemacht! Er nahm uns das Herz und gab uns Logik; er nahm uns den Glauben und gab uns das Wissen; er lehrte uns rechnen und nahm uns den Mut. der nicht zählet. Die Freiheit und die Bibel Er hat uns die Freiheit, dreihundert Jahre ehe sie fällig war, ausbezahlt und der spitzbübische Diskonto verzehrte fast das ganze Kapital. Und das wenige, was er uns Sah, zahlte er wie eih echter barloser deutscher Buchhändler in Büchern aus, und wenn wir jetzt, wo jedes Volk bezahlt wird, fragen: wo ist unsere Freiheit? antwortet man: Ihr habt sie schon lange— das ist die Bibel. Es ist zu traurig! Keine Hoffnung, daß Deutschland frei werde, ehe man seine besten lebenden Philosophen, Theologen und Historiker aufknüpft, und die Schriften des Verstorbenen’ verbrennt.... Als ich gestern di» italienischen Nachrichten las, (F ortsetjung folgt)