Nr. 11— 3. Jahrgang| Sanl „Der Mensch ist gut!" Es war gegen Ende des Krieges, als Leonhard Frank sein Buch mit diesem Titel heräus- gab. Sofort wurde es von den deutschen Kkiegsauton- täten verboten, die die Güte des Menschen weder wahr haben wollten, noch benötigten Aber sie waren Optimisten in bezug auf die Beurteilung des Menschentums, wenn man sie mit den braunen Terroristen und Propagandisten von heute vergleicht, die soeben an der Saar ihre Parole verwirklichen:„Der Mensch ist käuflich!" Wir stehen am Ende deHdt^arkammLZ Nach ist nicht aller Tage Abend: es ist imme^oc^me Spanne Zeit da, um die letzten großen Schläge gegen die Gegner der Rückgliederung aus dem„dritten Reich" zu führen; um sie m-t neuem„Material" zu verdächtigen und zu beschmutzen. Aber eine gewisse uebersicht über den Katalog zur Korrumpierung und Bestechung von Sachen und Seelen, von Institutionen und Menschen, den das Propagandaministerium aufgestellt hatte, ist pgAanden. Man brauchte:' 1. Diebe und Einbrecher bei der französischen Bergwerkdirektion. 2. Spitzel in der inneren Verwaltung. 8. Einen q kehrten" Kommunisten oder eine Kommunistin zur Verleugnung der kommunistischen Ideologie. 4. Einen sozialistischen Bergmann gegen die..Einheitsfront". 5. Kathqliken, die den katholischen„Volksbund" als vom französischen Gelbe bezahlt entlarven mußten. 6. Den Ankauf einer hitlerfeinblichen Zeitung, um ihre Begründer und Helfer als käuflich vorstellen zu können. Das waren einige Hauptpunkte der Tabelle neben vielen andern. Gutes Organisationstalent führt meistens zu Erfolgen, wenn man viel Geld hat. Nie hat es eine Völks- entscheiönug in der ganzen Welt gegeben, bei der die Möglichkeit, mit Geld lebendige Menschen zu kaufen, so selbstverständlich und so nüchtern eingesetzt wurde wie an der Saar. * Man kaufte die Diebe, die in die Verwaltung der Domanialschulen einbrachen und die Akten der..deutschen Front" brachten. Fräulein Maria Carsenius wurde mit vielem Gelde und valutastarken Versprechungen zu Spitzeldiensten bei ihrer Behörde bewogen. Der Einbrecher Hilt durfte sich am Rundfunk als narbenreicher, wenn auch käuflicher Held der deutschen Sache präsentieren Der kleine Redakteur Hugo Hagn von der„Neuen Saar-Post" wurde gegen Bezahlung seiner Schulden, eines ansehnlichen Draufgeldes von einigen zehntausend Franken und dos Versprechen einer guten Poiition zum Verrat an seinen Freunden gebracht Maria Reese, tue vor kurzem Emigrantin in Paris, früher kommunist'fche Fortsetzung stehe 2. Leite. Die Abstimmungskommission hat sich entschlossen, ihren ursprünglichen Plan, das Ergebnis des Plebiszits am Montagabend gegen Mitternacht über alle Sender-er Welt verkünden zu lassen, aüfzugeben. Das Abstimmungsergebnis soll nun erst am Dienstagmorgen verkündet werden. Offenbar waren Sorgen um die öffentliche Sicherheit und Ordnung in-er Nächt von Montag auf Dienstag maßgebend. Auch die ausländischen Abstimmungsbehörden dürstest inzwischen erkannt haben, daß die„deutsche Front" durch ihre Rollkommandos blutige Exekutionen plant und ihr die Stunden unmittelbar nach der Verkündung des AbstimmuygSergeb-. nisies als eine„Nacht Ser langen Messer" willkommen gewesen wären. Christus oder der Henker? Seit den frühen Morgenstunden des Samstag herrscht im Saorgcbiet starker Sckneesall und behindert die gewaltige Werbetätigkeit, die beide Fronten entfalten. Eine Papierslut, Ivie sie vielleicht nie in einem europäschen Wahlkampf erlebt worben ist, geht über das Saarland nieder. Selbstverständlich hält da die„deutsche Front" seden Rekord, denn-ie Summen aus dem Rcichspropagandaministerium sind eine Realität, die Millionen aus Parts für die Volksfront und die- oppo- sitonellen Katholiken indes nur eine AgitationS^e. Ein Blick auf die Plakatsäulen im Saargebiet müßte das auch dem Vtödesten zeigen. Geld spielt ossenbar bei der„deutschen Front" keine Rolle. Die Hauptlast der Werbearbeit für eine freie deutsche Saar liegt auf de« Schulter« der Männer und Franen der Volksfront, insbesondere ihrer Jüngmannschast, die Tag«ud Nacht heroische Leistungen vollbringt. Aber auch die katholische Front rührt sich mit Eifer und Tapferkeit. In letzter Stunde haben katholische Christen ein besonders aufwühlendes Plakat in vielen Exemplaren verteilt. Man sieht den stiernackige» keiften Mann, den seder aus zahllosen Bildern kennt, in der Karikatur, die ihm die Tltel- seire des„Braunbuches" gegeben hat. In der Faust hält er sein und des„dritten Reiches" blutiges Svmbol: das Henkerbeil. Daneben steht mit mahnender Hand die friedliche: gütige Gestalt des Heilandes. Drunter liest man nur ein Wort:„W ä h l t!" Die„deutsche Front" arbeitet mit Papierballen gefälschter Aufrufe. Bedeutsam ist, baß darunter das erfundene Seve- ring-Jnterview fehlt. Durch unsere unmittelbaren Feststellungen in Berlin und durch das abgelehnte Angebot der „Grenzland-Redaktion", einen Vertreter zu Severing zu entsenden. ist dieses Propagandastückchen unwirksam gemacht worden. Kümmerliche Siegesstimmung Mit einstweilen nur geringem Erfolg bemüht sich die „deutsche Front", eine Siegcsstimmuug schon vor der Schlacht zu erzeugen. Der Kauk von Fahnentuch und Jlluminationslämpchen ist Pflicht, wenn einer nicht in den Ruf der„Deutschfeinülichkeit" (Fortsetzung stehe Seite 2) la Freiheit Ernst Braun und Heinrich Bartsch freigelassen Die beiden jungen Sozialisten, die vor drei Wochen über die reichsdeutsche Grenze gelockt und dort wiöerrechtlich-fcst- gehalten wurden, sind nun endlich freigelassen worden. Man hatte sie zuerst in das Gefängnis Waldmohr gebracht und von dort in Schutzhaft nach Kaiserslautern überführt. Die Beamten der Gestapo und die übrigen höheren Beamten versuchten ständig, die beiden Sozialisten, die man ganz offenbar auf besondere Anweisung hin' sehr zuvorkommend behandelte, zn Erklärungen für die Rückgliederung zu be- wegeu. Während noch am Freitagmorgen den beiden bedeutet wurde, mit'hier Frcilas'ung vor der Äb'riuilpnng ici nicht zu rechnen, entließ man ste am gleichen Abend nach dem Besuch einer Telegäli'n saarländi'chrr Arbeiter bei dem Gauleiter Bürckel. Man. versuchte auch an diesem Abend noch die beiden zu überreden, am Rundfunk Erklärungen für.die Rückgliederung abzugeben, stieß aber bei den beiden jungen Sozialisten auf energischen Widerstand.. Der starke Widerhall, den diese Verhaftung, die einen unerhörten. Rechtsbruch bedeutete, in der hitlerfeindlichen Presse des Saargebietcs und der ganzen Auslands-Presse gesunden hatte, war zweifellos der Anlaß zu der formlosen Enthaftung von Ernst Braun und Heinrich Bartsch durch den Gauleiter Bürckel noch vor der Abstimmung. Bewaffnete Trapps Illegal„auf den Tag“! Don befreundeter Seite wird uns aus dem Reiche geschrieben:. Zur Saarabstimmung sind von deutschen Stellen aus besonder« Gruppen mit besonderen Aufgaben zusammengestellt worden. Zum Beispiel sind im Konzentrattonslager Sachsenburg SS-Spezialkommandos ausgesucht und bewaffnet worden. Diese sind daun nach dem Saargebtet abgegangen. Freunde mit besten Beziehungen z« sührenden Raziftelle« berichten, daß SA.«ad SS.'m Saargebtet bewaffnet sind. Weiter sind aus Dresden etwa 45 Poltzeibeamte einzeln * an di« Grenze des Saargebietes geschickt worden. Auch männliche Angehörige des„Roten Kreuzes" sind dorthin kommandiert worden. Oer„Ncnsdi isf kanflfthf* Fortsetzung von Seite l Reichstagsabgeordnete mit bewegter politischer Vergangenheit sank den Werbern der Gestapo in die Arme und schmetterte, mit kreischender und verkünstelter Stimme vor dem Mikxofön ein Hatzlied wider ihre b»- Herigew---Parteigenvfsen.. Am Freitagabend grölte die Stimme eines sadriandischen Bergmanns durch den Laut- fpre^er.;Dsr„Rohrbecher Hannes" aus Iägersfreuüe der Saarbrücken soll bis vor kurzem als anständiger Mann gegolten haben. Darum mutz ihm viel geboten worden fein. Seme entsetzlich rauhe Stimme lietz vermuten, daß der Geist des Verrats erst vom Alkohol richtltz zittert werden.konnte. Ueber allem' schwebt die„Westland- Affäre", freilich Mit dem gänzlich NNerwarteteN Ende. Denn Goebbels. Lockung blieb ohnmächtig vor der Sauberkeit e.inig?r-RedaktLure und half den Erfolg ihres„Grenzlandes" begründen. Man weitz, datz man auch Karl Severing für die vermeintliche deutsche Sache eingesetzt hat: In einem angeblichen Interview. Hätte sich Karl Severing wirklich so geäußert, wie dem Gefangenen und Wehrlosen eine selbstvergewaltigte Presse unterstellte, so wäre es gewitz ohne Mühe gelungen, ihn auch vor das Mikrofon zu bringen. Vielleicht, hat es an Anregungen, in dieser Richtung nicht gefehlt, aber Severing hat nicht gesprochen. Wir sehen darin einen untrüglichen Beweis dafür, datz Severing nie zum Saarkampf das gesagt hat, was man ihm in den Münd legte, um Schwankende und Zweifelnde zu gewinnen. * Diele Millionen hat das„dritte Reich" an der. Saar investiert. Sie haben die Menschen mürbe, feige» verlogen gemacht. Sie haben Fassaden aufgerichtet, hinter denen sich die Gesinnung zitternd versteckt, bange vor dem Rachbarn, bange vor dem Blockwart, noch bänger vor dem „dritten Reich". Die echte Liebe zu Deutschland wird mit Hilfe von Banknoten in den gurgelnden Sumpf gepreßt. Besoldete Ordnungsmänner, bezahlte Reisen für Abstimmungsberechtigte, bezahltes Girlandengrün: die materiellen Kräfte eines Volkes von 65 Millionen wurden, ohne daß es gefragt wird, an die Saar. geworfen, mit schlechtem Gewissen, aber mit unerschütterlichem Glauben an jeden Teil des Menschenwesens, der auf dem. Markte der Seelen für den Meistbietenden zu haben ist. .'* - Wie wenig hatten die Kämpfer der Einheitsfront und der christlich-sozialen Volksfront auf der materiellen Ebene einzusetzen?-Die Stunde ist noch nicht da, in der enthüllt werden kann, mit welch geringen^Mitteln auf Grund privater Opferbereitschast. dieser ungleiche Kampf gegen die Gelder de»„dritten Reich»" geführt worden ist. Aber schon heute darf da» Heldenlied des unbe- kannten Funktionärs gesungen werden: des Mannes und der Frau, die sich nicht bezahlen liehen für die leidenschaftliche Arbeit im Dienste an ihrer Gesinnung. Die dem Sturm des rauhen Terrors Trotz boten. Tag uns Rächt auf die Straße gingen mit Aufrufen, Flugzetteln und Zeitungen, beschimpft, bedroht und mißhandelt, unbeschützt von der Exekutive des Dälkerbundlandes. Ist der Mensch d o ch gut? Er ist an sich weder gut noch böse. Er ist lenkbar und erziehbar. Eine gute Sache macht ihn gut und opferbereit, eine schlechte macht ihn schlecht und käuflich. Mit reinem Schilde geht die Einheitsfront am Sonntag in den großen Kampf,' auf den die Welt blickt. vcr Terror regiert die Stunde Fortsetzung von Seite 1. kommen will. Die Geschäftsleute und Hausbesitzer decken sich auf jeden Kall mit Lampions und bengalischen Leuchtkörpern ein. Für alle Fälle. Ob man für den Status quo oder für das„dritte Reich" Festbeleuchtung veranstalten wird, steht für den Saarbrücker Bürger noch nicht fest, aber illuminieren wird er auf jeden Fall. Als Protest gegen das Klaggenverbot sind vielfach die leeren Fahnenstange« herausgesteckt, manchmal mit einem Bnsch Tannenzweigen und einer weißen Schleife, jedoch wirz bis jetzt diese etwas kindisch« Demonstration noch bei weite« nicht in dem von der„deutschen Front" erwarteten Umfang geübt. Auch dir.Ausschmückung der Häuser durch Girlanden steckt noch in den Anfängen. Man scheint sich nicht sonderlich zu beeile», Tännenzweige zu beschaffen und im Schneegestöber auf Leitern an den Fassaden zu balancieren. Sehr viele Haus' besitzer möchten auf den vor der„deutschen Front" befohlenen Schmuck verzichten. Die Blockwarte, die im Saargebiet jetzt allgemein„Blockwürste" genannt werdest, haben heute noch eine schwere Ausgabe vor sich, bis ihre Befehle sich einigermaßen durchsetzt haben werden. Viele Hausbesitzer werden sich schließlich fügen und sich im Stillen sagen, daß man den immergrünen Girlanden nicht ansehen kann, ob sie für Hit- lerdeutschkand ober gegen die Rückgliederung für rin freies deutsches Saargebiet zeugen sollen. Buhe vor dem Sturm? Auf den Straßen Saarbrückens herrscht seit Freitag Ruhe Die Mobilmachung der Volksfront und ihre Ankündigung, datz sie gegen die unerlaubten und von der Polizei geduldeten Demonstrationen aufmarschieren werde, ganz gleich, welche Folgen sich aus dem Zusammenstoß beider Fronten auf der Straße ergeben müßten, hat gewirkt. Die Polizei wnrde aktiv. Denn wen« man auch tagelang die Märsche«nd das Geschrei der„deutschen Front" geduldet hat, gegenüber Sozialdemokraten und Kommunisten, hätte man diese Toleranz nicht ausgebracht. Keine freie Abstimmung Diese Ruhe ist aber nur äußerlich. Tie Schlägerkolonnen der„deutschen Front", die aus der Oeffentlichkeit zurückgezogen worden sind, vollführen ihr terroristisches Handwerk in Einzelaktione«. Wenn die Abstimmungskommission über einen hinreichenden Nachrichtendienst verfügte, müßte sie heute schon zu der Ueberzengung kommen, daß alle Garantien einer freien Abstimmung zerfetzt und zerriflen find. Bo« Rechts wegen müßte sie erklären, daß di« freie Abstimmung unmöglich ist und vertagt werden müffe bis gesetzmäßige Zustände sür alle Richtungen im Saargebiet herrschen. Wie sie wüten Die Versammlungen sind seit dem 10. Januar verboten. Das gilt für alle, wird für alle durchgeführt, und es ist daher nichts dagegen einzuwenden. Tie Verteilung von Druckschriften ist kür alle erlaubt und müßte iusolgedesjen für alle möglich gemacht werden....>. Tatsächlich ist seit Tagen für di« Volksfront»nd noch mehr für den christlichen Volksbund die Agitation m>t Werbematerial sehr erschwert, in viele« Orten unmöglich gemach». Di«„deutsche Front" bat neben ihren getarnten SA.- und SS.-Kormationen einen Über das ganze Land sich aus- dehpenden„v» d nun g sdie»st" organisiert,, der.vor einigen Tagen in Saarbrücken eine von mehr als tausend MäNn besucht« Konferenz dieser„Hilfspolizisten" abgehal- test hat. Diese nationalsozialistischen Formationen matzen sich seit Tagen polizeiliche Befugnisse im Sinne des„dritten Reiches" an. Im Saargebiet regiert zwar der Völkerbund, aber in viele« Kleinstädte««nd Dörfern herrscht die„deutfche Fro«t". Sozialdemokraten und Kommunisten, von denen man weiß, datz sie beabsichtigen, Flugschriften zu verteilen, werden in ihren Häusern belagert. Wenn Flugblätterverteiler der Volksfront nicht genügend geschützt sind, wird ihnen der Eintritt in di« Dörfer durch Trupps der„deutschen Front" verweigert. Ist das Eindringen, in die Ortschaften und die Verteilung der Flugschriften möglich, so wird die Bevölkerung durch Terroristen der„deutschen Front" zur sofortigen Herausgabe gezwungen. Die Flugblätter«nd Zeitungen werde« ansgeschichtet«nd verbrannt. Die Polizei ist nicht zu sehen, könnte auch bei der Miissen- hafligkeit der Fälle unmöglich überall einschreiten. Die Truppen sind irgendwo in entlegenen Räumen und scheinen nur dann sich zeigen zu, wollen, wenn es tatsächlich zu schweren bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen kommen sollte. Daß di« Truppen bisher irgendeinen Schutz für di« sre>r Abstimmung darstellen, wirb niemand behaupten kö»neni Nächtliche Kämpfe Di« V o l k. s f r ont überreicht her Presse täglich Tützcüde von Nachrichten über. Terrorsälle. Es ist unmöglich, diese Einzelfälle noch zu registrieren. In der vergangenen Nacht kam es zu mehreren Schießereien. In einem Orkis bei Sulzbach wurden die Zeitüngsverteiler der Volksfront bedroht und geschlagen, Aus einem größeren Orte wurde Verstärkung herbrigeholt. Die„deutsche Front" gab Reool- verschüsie ab. Ein Mitglied der Volksfront wurde mit einem Streifschuß verletzt. Man konnte den Verwundeten in Sicherheit bringen. Ein Arzt oder ein Wagen war nicht zu erlangen. Man ntußte den blutenden Mann mit der Straßenbahn nach Saarbrücken bringen. Mehrere Zeitüngsverteiler wurden durch Schläge mit Stahlruten verletzt. Polizeiliche?{»■ zeige ist erfolgt. Sabotageakte gegen die Volksfront Am Freitagabend versuchte man die Agitation der Volksfront in ihre« Zentralen lahmzulegen. Durch ein Sabotageakt wurde' eine der Rotatsons- maschinen der„BokkSstimme" zeitweise unbrauchbar gemacht. Dadurch verzögerte sich die Versendung der„Deutschen Freiheit" und die„Saar-Volksstimme" konnte statt am Nachmittag erst in der Nacht zum Sam2lag gedruckt ivcrdcn. Nebligen» sind die Auflage» beider Blätter in den fetztest Tagen sprunghaft gestiegen. Das gewaltige, Weltinteresse an den Geschehnissen im Saargebiet äußert sich unter andetm in sehr starken Vorbestellungen der„Deutschen Freiheit". Am Freitagabend wurde für mehrere Stunden durch Sabotage die elektrische Beleuchtung des Gewcrkschaftshauses und des damit verbundenen Hauses der„Saar-BolkS- stimme" unmöglich gemacht. Erst nach langer Arbeit gelang es, den Schaben zu beheben. Tie freiwilligen Helfer der Volksfront machten den Verlust durch Nachtarbeit wert. Generalstreik in Sicht? Seit dem Freitagabend bemüht sich die„deutsche Front" eine allgemeine Arbeitsniederlegung am Tage der Verkündung des Äbstimmnngsergebnissrs herbeizuführen. Mindestens sollen alle französischen Staatsglnben stillg^ legt werden.. Gs handelt sich um einen politischen, Massenstreik gegen die Regiernngskommiisiou und die französische Bergwerksdirektion. Durch den Generalstreik am TieNstäg will die „deutsche Front", ganz, gleich, wie das Abstimmmigsergcb- nis sein wird, die Massen aus dl« Straßen bringen und' ihr Terrorregimont ipr Saargebtet über die ganze- deutsche Bevölkerung aufrichten. Autorität oder—? Ma« lasse sich durch die Ruhe- deo Straßcnbildes ist Saarbrücken nicht täuschen. Tas Ccterum censes bleibt! Nur stark« Regterungsautorltät aller Völkerbundsorgane und ihr« volle Machtentfaltung können furchtbare Ereignisse im Saargebiet verhindern. vcrttn zwischen Furcht and iMrntng Berlin, 12. Januar, Die Propaganda im ganzen Reiche für die Rückgliederung des Saargebiets ist auf ihrem Höhepunkt, angelangt. Alle Zeitungen und Zeitschriften, nicht nur die politischen Eharak- ters, auch die Kirchenblätter beider Konfessionen sind mit Aufrufen angefüllt, denen man die fürsorgliche Hand des Reichspropagandaministerium» anmerkt. Alle deutschen Rundfunksender lasten vom srühen Morgen bis zum späten Abend für den Saarkamps werben.„Deutsch ist die Saar" ist das Pausenzeichen. Auch zwischen dem Nachrichtendienst, zwischen amtlichen Sondermcldungen, die immer nur die Saar betreffen, und selbst zwischen unpolitische«. Borträgen spielen die Rundfunkorchester di« Ausangstakte des Liedes„Deutsch ist die Saar"/ Im ganzen Reiche ist großes Flaggen befohlen. ES gibt allerdings noch zahlreiche Gebiete» m denen der Flaggenschmuck und die Ausschmückung brr Hauser zu wünschen übrig läßt. Die Bevölkerung ist durch die einseitige Presse- und Rundfunkpropaganda über die wirkliche Stärke der Fronten an der Saar getäuscht. Selbst bei manchen innerlich linksgerichteten Deutschen kann man auf pessimistische Aeutze- rungen über die antihitlerische Bewegung an der Saar stoßen. Für die allermeisten Deutschen fehlt jede Möglichkeit, sich unparteiisch zu unterrichten. Anders ist dre Stimmung in den regierenden Schichten und bei den Leuten, die unmittelbare Nachrichten aus dem Saargebiet haben. Es steht fest, datz der über alle» Erwarten grobe Aufmarsch der Volksfront am 6. Januar Verblüffung und Bestürzung bei alle» im Saargebiet anwesenden reich», deutschen Pressevertretern und amtlichen Beobachtern hervorgerufen hat. Es liegen darüber in mehreren Berliner Redaktionen und zweifellos auch Amtsstuben recht ernste streng vertrauliche Berichte vor, die zum Teil zugeben, daß die Kundgebungen etwa gleich groß gewesen wären. Unter vier AuLen geben beamtete Herren, di« sich feit Jahren beruflich mit der Saarfrage beschäftigen, zu, baß biis in die letzten Stunden eine einigermaßen zuverlässige Schätzung des Ergebnisses der Abstimmung nicht möglich sein werde. Mit einem Minimum von 20—25 v. H. Stimme« für de« Status quo rechne« auch solche unterrichtete Lent«, die sich den Anschein von großem Optimismus für die Rückgliederung geben. Man trifft aber auch Reichs-«nd Staatsbeamte ans den Berliner Ministerien und gleichgeschaltcte Journalisten, die auch der Möglichkeit von 4V v. H., ja ätz v. H. für den Status quo ins Auge sehen. Tse Diskuffionen bewegen sich schon stark um die Problematik»ach dem IS. Januar. Man befürchtet terroristische Zwischenfälle, die in Genf einen schlechten Eindruck machen müßten. I« Berliner Regierungskreisen würde man cs daher im Gegensatz zu saarländische» Desperados nicht ungern sehen, wenn. unmittelbar nach der Abstimmung die fremden Truppen stärker in Erscheinung treten und die friedliche Abwicklung her'Saarfrage in dem umkämpften Gebset garantiere» würben. Daß auch bei einer Mehrheit für die Rückgliederung uni» einer erheblichen Minderheit grobe Schwierigkeiten und Verzögerungen entstehen müsien, bezweifelt hier niemand. Man glaubt, daß die Großmächte das für das„dritte Reichs wahrscheinlich unbefriedigende Abstimmungsergebnis z» einem neuen vermehrten Druck auf die Rrichsregierung benutzen werden. Ob di« Regierung sich dies«« Druck, der aus eine Rückkehr nach Genf, aus eine Begrenzung der Rüstungszifser«. auf deu Verzicht der Anschlutzpolitik gegenüber Oesterreich und aus hie Unterwerfung unter die Paktpolitik hinziele« muß, fügen würde, steht noch keineswegs fest. Es gibt ernsthafte Leute, die voraussagen, daß Hitler im entscheidenden Augenblick auch fähig fei, der„deutschen Front" sm Saargebiet anz»empsehlen, ihren Kampf lieder im sogenannten Status-quo-Läyd fortzusetzen, als sich ei««» Teilung des Gebiete» zu§üge«.---.-. STATUS QUO ist der Weg zum freien Deutschland! Aufmerksame Beobachtung in Frankreich Wie man in Paris den Terror der„deulsdienirronr beurteilt Paris, den 12. Januar. In hiesigen maßgebenden politischen Kreisen beobachtet ina» mit außerordentlichem Jntereste die letzten Vorgänge, die der Laarabstkmmung vorausgehen. Man hat sich nicht damit begütigt, von dem wachsenden Terror der„deutsch'« Front" Kenntnis zu nehmen, sondern man besitzt auch genau« Informationen über die einzelnen Terrorakte und tit entschlossen, dieses Material im entscheidenden Augenblick z« verwerte«. So sehr sich Frankreich nicht nur während -er letzten Monate, sondern man kann nach genauer Kenntnis der Dinge sage«, während der letzte» beide« Jahre in der Saarfrage die größte Zurückhaltung auferlegt und alles getan hat, um den Anschein zu vermeiden, als habe Frankreich selbst irgend welche Aspirationen auf die Saar, so wenig ist man aber auch, wie wir von gur unterrichteter Sette erfahren, geneigt,'entgegen alle« im Versailler Vertrag vorgesehenen Bestimmungen es stillschweigend hinzunehmen, als sei eine Entscheidung über das Schicksal des Saargebiets bereits gefallen. Die Propagandisten der„deutschen Front", a« der Spitze Herr Bürckel, irren sich, wenn sie meinen, durch verstärkten Terror tu der.etzten Stunde etn Ergebnis zu erzwingen, das sie mit legalen Mittel« nicht erreichen können. Mau ist hier der Aussaffung, und es ist kein Zweifel, daß Frankreich bei den kommende« Verhandlungen im Bölkerbundsrat diese Ausfafiuug vertreten wird, daß alle Terrorakte, die die Anhänger der deutsche« Front" begangen haben, gewissermaßen dem Konto der Ttatns-qno- Anhäuger gntgeschriebeu und zu einem gewissen Prozent, satz der Hitlerfrout abgeschrieben werden. Einen außerordentlich schlechten Eindruck hat es hier gemacht, daß Herr Bürckel, selbstverständlich unter dem Einfluß von Berlin,-den Rundfunkburgsriel«« vom 10. bis 18. Januar abgelehnt hat, während Frankreich sich dazu sokorr bereit erklärte. Man hält es nunmehr für wahrscheinlich, daß noch in letzter Stunde der Straßburger Sender für maßgebende Redner aus dem tzitlergegnerischen Lager zur Verfügung gestellt wird. Wie wenig Deutschland entgegen Hitlers so zahlreichen friedlichen Versicherungen an einer aufrichtigen Verständigung mit Frankreich liegt, schließt man hier auch aus oer Tatsache, daß er die von England im Einverständnis mit dem Quai d'Orsay ausgegangene Einladung abgelehnt hat, sich im Völkerbundsrat bei der Behandlung der Saarfrage vertreten zu lasten. Ma« steht allerdings auch darin ein Zeichen dafür, daß Deutschland selbst seine Saarpositio« nicht für sehr stark hält. Würde nämlich im Bölkerbundsrat eine Entscheidung»ach der Richtung getroffen werden, daß die Saar geteilt werden solle, dann wären Hitlers Delegierte in einer sehr peinlichen Situation, da sie unter Umständen an einem solchen Beschluste mitwirken müsten. Und man weiß hier ganz genau, daß man in der Wilhelmstraße mit einem Beschluß rechnet. Sollte nun der Bölkerbundsrat aus Grund des Abstimmungsergebnisses, aber gleichzeitig unter Berücksichtigung der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Ber- bältniffe im Saargebiet wie auch in Deutschland sich für die Ausrechterhaltung des Status quo beziehungsweise für seine Beibehaltung in einem Teile des Saargebietes entscheiden, dann wird dies, wie mau hier versichert, in der Form geschehen, daß der Bölkerbundsrat in feierlicher Form seinem Beschluß eine Erklärung hinzusügen wird, die eine Erweiterung seines Beschlusses vom 6. Dezember 1934 bedeutet. Sie wird besage«, daß die Saarländer, di« jetzt z« er, kenne« gegeben hätten, daß sie«ater de« obwaltenden Verhältnisse« nicht i« das Reich zurückkehren wollte», zu einem späteren Zeitpunkt und unter veränderten Verhältnissen Gelegenheit bekomme« würden, in einer zweiten Volksbefragung sich endgültig zu entscheide«. kill Beispiel Die Lügenflut im Saargebiet Das Saarland wird mit vielen gefälschten Aufrufen überschwemmt. Einen drucken wir hier ao, weif er besonders kennzeichnend ist. Er läutet: Genossen, Ernst Thalmann spricht zu Euch! Genossen der ehemaligen Kommunistischen Partei Deutschlands! Alte Kämpfer des wahren kommunistischen Gedankens! Wollt Ihr mir helfen, dan« stimmt am 13. Januar1983für Deutschland Kämpft mit mir für ein freies RätedeutschlanL Der Nationalsozialismus ist nur die Vorstufe zu unserem endgültigen Sieg Was Matz Brau«, Pfordt und Kumpane« treiben, hat nichts mit Kommunismus und Marxismus -zu tun Diese Status-quo-Halunken verraten Euch deutsche Proletarier. Sie verschachern Euch an die französischen Kapitalisten.. Ich gebe Euch für den 18. Januar die Parole: Stimmt für Deutschland! Ist der Sieg für Deutschland errungen, dann beginnt unser Kampf für die Räterepublik. Darum stimmt am 13. Januar jeder wirkliche Kommunist für Deutschland. Rot Front Ernst Thälemann. Die Schamlosigkeit ist um so größer als Thälmann(die Fälscher wissen noch nicht einmal, daß er Thälmann und nicht Thälvmann heißt) seit fast zwei Jahren im Gefängnis sitzt- „Deulsdie-froni'-Stnwclnerclen Eine einstweilige Verfügung 2. 8. Aushebung der Einfuhr- Grenze auf den Absatz gegen die Saar führt, ahnungslose Blatt stellt Gegen die Saarbrücker Abendblatt-Verlags G. m. b. H. in Saarbrücken, Antragsgegnerin, wird im Wege der einstweiligen Verfügung, und zwar wegen der Dringlichkeit der Sache ohne mündliche Verhandlung l. der Antragsgegnerin bei Vermeidung einer Geldstrafe bis zu 3000 Fr. oder einer Haftstrafe für jeden Fall der Zuwiderhandlung aufgegeben: 1. die direkte oder indirekte Verbreitung des Artikels „8 173 Str. G. B. So sehen die Herren vom Status quo und die Emigranten aus" iu Nr. 8 des„Saarbrücker Abendblattes" vom 10. Januar 1033 zu uuterlasten. 2. insbesondere zu unterlassen, die Behauptung zu ver- ’ breiten, die Antragsteller seien zwei berüchtigte Emigranten, Hubertus Prinz zu Löwenstein werde an- geklagt, fortlaufend Handlungen begangen zu haben die in sedem normalen Menschen Widerwillen und Ekel errege«. Magnus Hirschselb könnte feststellen, daß der Löwenstein nicht anders kann. ll. Die Kosten des Verfahrens werden der Antragsgegnerin auferlegt. Saarbrücken, deu 11. Januar 1033. Das Landgericht, 1. Zivilkammer. eine braune Propaganda für den Status quo Was der Berliner llaniebuanllr ausp ändert Auf Wink von oben werben jetzt die saarländischen Firmen aus dem„dritten Reich", mit Anfragen über schüttet, damit im Saargehiet der Eindruck entsteht, als ob mit der Rückgliederung gröbere Warenposten von saarländischen Firmen in Deutschland abgesetzt werde« können. Einige Zeitungen und Zeitschriften beabsichtigen aus dem gleichen Grunde nach der Abstimmung Sondernummern herauszugeben, die der Saar gewidmet sind. Auch der Ber liner„Konfektionär", eine bedeutende Textilfachzeit schrist, will demnächst eine Saar-Sondernummer heraus bringen. Zu diesem Zweck hat die Schriftleituug des gleich geschalteten Blattes an eine gröbere Anzahl saarländischer Textilftrmen ein Rundschreiben gerichtet mit der Bitte, den dem Rundschreiben beigelegten Fragebogen zu beantworten. Da die Sondernummer nach d e r A b st i m m u n g er scheinen soll, so glaubte anscheinend die Schriftleitung des „Konfektionär", die Maske fallen zu lassen, nüdxsie hat au die saarländischen Textilsirmen Fragen gestellt, die voll un ganz unsere Meinung über die enormen Schwierigkeiten bestätigt, die das Saargebiet nach einer, eventuellen Rückgliederung erwarten. In seinem Rundschreiben teilt der braune„Konfektionär" mit, daß„die Textilwirtschaft des Saargebiets durch die bevorstehende Rückgliederung(!) por eine große Anzahl von wichtigen Fragen gestellt wird". „Um uns und der deutschen Oesfentlichkeit ei« zutreffendes Bild von der Lage des Textilhanbels und der Textil industrie im Saargebiet zu machen, so schreibt das Blatt. bitten wir Sie, uns die auf beiliegendem Fragebogen ge stellten Kragen möglichst umgehend zu beantworten Selbst verständlich wird Ihr Name bei einer etwaigen Veröffent lichung nicht genannt werden. Auch werden wir Angaben, die nur zu unserer eigenen Information bestimmt find«ich, bekanntgeben, sofern Sie dies ausdrücklich wünschen." Warum verspricht der„Konfektionär", baß der Name des Einsenders nichtgenannt wird, wo es sich doch an scheinend um ein« hochpatriotische Angelegenheft handelt? Die Antwort ist ganz einfach, denn die Fragen der dummen Schriftleitung, die e i n en Dolchstoß Goebbels-Propaganda an der sind recht kitzliger Natur. Das nämlich u. a. folgende Frage«: ■■<■>''’ avs i.rf.”i*o wü^de—ine kontingente an der deutschen Ihrer Erzeugnisse haben? I« welchen Artikeln fühlen Sie sich der reichsdeutsche« Konkurrenz gewachsen? Welche Schonungsmaßnahme« wünschen Sie für die Uebergangszeit? Der„Konfektionär" gibt also ohne weiteres zu, daß durch die Aushebung der Eiusuhrkoutiygente der Absatz der saarländischen Textil-Erzeuguisse ans heimatlich«« Bode« durch di« reichsdeutsche Konkurrenz gehemmt wird. Wenn Lilie Frage» irgend eine» Sinn haben, dann nur denjenigen, dah die saarländische textilverarbeitende Industrie durch die Konkurrenz der reichsbewtschen zugrunde geht. Die Schriftleitung des„Konfektionär" weiß das ganz.genau, denn sonst würde sie nicht die drftte Frage stellen, wo sie anfragt, we lch e S ch o n u n g S w a ß n a h m e n für die Ueder- gangSzeit wünschenswert feie». Bisher hat die Goebbels-Presse frech behauptet, daß die Rückgliederung dem Saargebiet den wirtschaftliche« Aufschwung bringe und hat unsere gegenteiligen Behauptungen stets bestrftten. Wir freuen uns sehr, daß unmittelbar vor der Abstimmung von einem angesehenen Berliner Fach- blattein Rundschreibenim Saargebiet verbreitet wird, aus dem selbst der Dümmste ersehen kann, was dem Saarvolk auch wirtschaftlich blüht, wett« es sich dem Reich der Barbarei anschließt. Die braunen Redakteure des„Konfektionär" haben eine im letzten Augenblick au s gez eich«e te P r opaga n da kür den Status quo gemacht. (Bon unserem Korrespondenten» Paris, 12. Januar 1935. ^^Je mehr wir uns dem. 18. Januar nähern, in um so Höherem Mätze gibt die französische Presse ihren Lesern von dem Kampf Kenntnis, den die Volksfront an der Saar führt. Da ist kaum etn Blatt, t« dem mau nicht daz Bild von Mar Braun sieht. Die zahlreichen Sonderberichterstatter, die die französische Presse nach Saarbrücken entsandt hat, schildern in anerkennenden und teilweise begeisterten.Worten, welch ungeheuere Arbeit Max Braun als Führer der Volksfront geleistet hat. Einen grotzen Raum in den Betrachtungen der franzö- sische« Saarkorrespondenten nehmen die recht eindringlichen Schilderungen des von der Deutschen Front" ausgeübten Terrors ein. Immer wieder wird zum Ausdruck gebracht, daß man unter diesen Umständen kaum von einer freien und unbeeinflußten Abstimmung am Sonntag sprechen kann. Nach wie vor wird hervorgehoben, daß die Entscheidung bei deu Katholiken liegt, und es wird beont, daß, wenn sie die letzten Aeußerungen des Heiligen Stuhls über die Saarabstimmung genau kennen würden, sie dann zweifellos in überwältigender Mehrheit sich für den Status quo entscheide« würde«. I«„Jntransigeant" meint Gallus, wenn Herr vo« Papen nach Rom käme und, wie er das im letzten Jahre getan habe, nach seiner Manier recht deutlich die vorgeschriebenen religiösen Gebräuche erfüllen würde, dann würde ihn der Heilige Vater wahrscheinlich nicht mehr persönlich die Kommunion erteilen. PiuS Xl. sei setzt genau darüber unterrichtet, welche Tendenzen der Nationalsozialismus eigentlich verfolge. Er wist«, datz sic heidnisch und kriegrisch leien, und der Papst laste heute keine Gelegenheit vorübergehen, um sie zurück- zuweisen. Der Saarbrücker Sonderberichterstatter des Journal", Edouard Helsey, berichtet datz man in Saarbrücken Plakate angeschlagen habe die ausforderten, für Frankreich zu stimmen. Diese Plakate hätten zu zahlreichen Kommentaren bei der Bevölkerung Anlaß«egeben. Er glaube nicht an ihre Wirkung, aber.in Saarbrücken hätten sie doch einen Ersolg: sie zeigten der Bevölkernng, baß die Partei der Status-quo-Anhänger ihrem Wesen nach keine französische Parte' sei. Der Sonderberichterstatter des „Matin" geiheft die verlogene und unaufrichtige Propaganda der Nationalsozialisten. In den deutschen Ortschaften dicht au der Saargrenze sehe mau viele Fahne« in deu Reichsfarbeu, aber ohne Hakenkreuz. Mau nehme jetzt seine Zuflucht zur Vaterlandsliebe und sage, es handelt sich nicht darum, zu Hitler zu gehen, sondern nach Deutschland zurückzukehren. Der Saarkorrespondent des „Jour" hat einen Aus'lug in die tranzösischen Grenzorte unternommen und icstgestellt, daß zahlreiche Saarländer ihre Franken letzt in französischen Banke« anlegen. Der Jour nalist sagt: diele v eute- denen Hitler, wenn Deutschland den Bisten schlucken würde, rücksichtslos ihr Geld weanehmen würde, um. ihnen dafür Mark zu geben sgedruckte Assignate, Motck, dre sofort stürzen würde, denn kür la keine Deckung mehr vorhanden), haben keine Lst, zum Rubme des Führers sich ruinieren'ÄV Die französlsdic Presse zum Saarkampt Taisadten netten h'llerdeulsdie wudwesisinen Marcel Bidoux, der den „Popnlaire" an der Saar vertritt, sagt, während die der Volksfront und der katholischen Opposition mit Tatsachen kämpften,-ar beiteten die Führer der„deutschen Front" mit dem Gummiknüppel. Sie rechneten übrigens damit, iu etlichen Tagen Instrumente verwenden zu können, die eine verzehnsachte „Wirkung" hätten. Dieser französische Journalist verweist wie viele seiner Kollegen darauf, daß die Geduld der Status-quo-Anhänger infolge des Naztterrors auf eine schwere Probe gestellt worden sei, datz die Führer der Volksfront bisher ihre Anhänger mit grober Mühe zurückge halten hätten. Gleiches mit Gleichem zu vergelten. aber dies« Geduld habe jetzt ihr Ende erreicht. STATUS QUO sichert aie Rückkehr in ein Befreites Keich! Der.Te'gesagfe“ Da* katholische Gewissen der„Saarbrücker Landes-Zeitung“ Tad’riiiicr katholische Blatt des Saargebiets ist sehr entrüstet. Gegner der braunen Front hatten eine»Saarbrücker LanSeszeituua" in der äußere» Aufmachung genau nach- gcavint und Todesanzeigen von ermordeten Katholiken darin publiziert. Darunter bekand sich auch diejenige des früheren bäuerischen Innenministers Stütze!—- irrtümlicherweise, denn Stütze! entging der„Säuberungsaktion" des 30. Juni. Die Bache der Braunen begnügte sich damit, ihn unter den schlimmsten Quälereien monatelang in Schutzhast und im Konzentrationslager keitznhalten Jetzt ioll sich Herr Stütze! in einem Brie! an Saarbrücker freunde gegen die„Saubande" der Männer vom Status guo geivandt haben Er lebe noch! Wahrhaftig ein Wunder: Herr Stützet meldet sich als noch atmender irdischer G a st! Was er über die Ermordung seiner allernächsten freunde denkt, darf er nicht sagen, sonst käme er wieder ins Konzentrationslager, abichlachtungsreis'ür die nächste„Säuberung". Er hat allen Grund, sich durch kräftige Schimp'ereicn aus die„Separatisten" seinen Bedrückern als lonaler Staatsbürger zu empfehlen. Aber die„Saarbrücker Landeszeitung"? Hat He nicht einmal im Namen des Rechts und des Glaubens die Veröffentlichung der Mordliste vom 3 0. Juni verlangt? Weih sie nicht genau, das; sich unter den Gemeuchelten noch ungezählte Katholiken befinden, deren Namen der Oeifentlichkcit vvrcnthalten werden? Sie macht eine erbärmliche Figur, wenn sic Ueberlebende neben io vielen Toten zur Agitation benützt— gegen diesenigen, die Mörder Mörder und Verbrecher Verbrecher nennen. Aber das„rechtschaffene katholische Gewissen" der„Landeszeitung" ist längst gegerbt. Gegen die Methoden des„dritten Reiches" funktioniert es nicht mehr. Wie sein bisheriger priesterlicher Aufsichtsratsvorsidender tuenden sich unzählige Laien von diesem Blatte mit Verachtung und Ekel ab. bringt Jfrbcitslosi IN. Niedergang der Glasindustrie Bekanntlich spielt die Glasindustrie im Taargebier eine bedeutende Rolle. Was speziell die Tasclglasindustrie anbe- trifst, jo ist sie stärker nach Deutschland als nach Krankreich orientiert. Aber immerhin war Deutschland im letzten Rechnungsjahr 1932/33 infolge der Krise nicht so aufnahmefähig, wie früher und deshalb hat der deutsche Markt in der genannten Zeit nur 3500 Tonnen Tafelglas ausgenommen ivährcnd der französische 0000 Tonnen bezogen hat.«Gerade diese Zahlen zeigen, wie wertvoll für die Tafelglasindustrie unter Umständen der französische Markt sein kann. Im Kalle der Rückgliederung iverden diese Exportmöglichkeiten nach Frankreich nicht mehr vorhanden sein. Wesentlich zur Beurteilung der künftigen Gestaltung der saarländischen Tafelglasindustrie ist die Tatsache, das? ne eine ausgesprochene Exportindustrie ist. Im letzten Rechnungsjahr hat die saarländische Tafelglasindustrie über 14 000 Tonnen exportiert. Km Falle der Rückgliederung, wird der Daielglasexporr von all den Schwierigkeiten betroffen werden, unter denen der deutsche Export so start zu leiden Hal. Rückgliederung bedeutet deshalb für di« saar- ländlsche Tafelglasindustrie Rückgang ihres Exportes und damit Einschränkung ihrer Produktion. Zu einer Katastrophe würde sich die Rückgliederung für die W e i st h o h l- und Preß g l a» i n d u st r i e a u s w i r l c n. Die Weißhohlindustrie konnte ihre Produktion nach der Zollunion wesentlich steigern. Sie verdankt ihren Aufschwung der Tatsache, daß Die Fahrt zum Opernschwur sie ihre Enn,,».>.:>s ä,.u. uh n Markt abjeyl. Nach den Angaben des S.a'istijcheu Amtes des Taargebiets betrug im Rechnungsjahr 1932 33 die Hohl- glasansfuhr 0333 Tonnen. Davon entfallen allein auf die Ausfuhr nach dem französischen Markt«282 Tbiineü. Diese Zahlen zeigen mit aller Deutllchkcit, das, wenn der eiserne Vorhang an der lothringischen Grenze fäll«, die Weihhohlglassabriken ihre Tore schließen müßten Darüber ist man sich übrigens auch in den Kreisen der braunen Krönt durchaus im klaren. Ter Redakteur der gleichgeichalketen „Frankfurter Zeitung". Karl Busmann, hat eine kleine Broichüre geschrieben, die den Titel trägt:„Tie Rückgliederung-er Saar". In bezug auf die Weißhohlglasindnstric schreibt dieser gleichgejchaltrte Wirtschaftssachverständige folgendes: „Nach der Rückgliederung müßt« an 739 Arbeiter gemacht werde«, die in der Weißhohlglasinduftri« beschäftigt sind." Also auch von einem Angehörigen der Hiileriront wi^S offen zugegehen, daß der Anschluß des Saatgebiets an das von den Nationalsozialisten hernntergew«rtschastete Hitler- reich die Arbeiter der saarländischen Weißhohlglasinduftri«!, wie die Arbeiterschaft so vieler anderer Industriezweige des Kaargebiets, brotlos machen würde. Auch aus diesem Grunde muß man am 13. Januar sür Status quo stimmen, nm das Saarvolk von-em Schrecken der Arbeitslos gleit zu bewahren. D c Tragöd e eines Saarjungcn Ein Fall von vielen Nachstehend geben wir den erschütternden Bericht des 12jährigen Schülers Alfons Brettar aus Kleinblittersdorf über seine Erlebnisse an einem einzigen Schultage. Dieses Kind ist körperlich und seelisch unter; dem Terror zusammengebrochen und leidet heute an schweren Nervendepressionen. Wer sieh ton den ausländischen Pressevertretern durch Augen• schein überzeugen will, dem stellen wir den Schüler Alfons Brettar gern und persönlich vor. Ülein-BlitterSdors, 8. Januar 1935. Mein« Erlebuiffe am 1. Schultag nach den Weihnachtsserien! Ich bin 12 Fahre alt uns auf der Knabenmittelschule Saarbrücken lOuarta 4 El bei Hern Lehrer Otto Diehl. Die erste Stunde hatten wir Religion. Die zweite Stunde Rechnen bet Herrn Lehrer Diehl. Der Schüler Marlin schrieb an der Tafel an, und der Schüler Huber mußte die Aufgaben lösen. Sodann wurde ich, Alfons Brettar, an die Tafel geholt. Herr Lehrer Diehl fragte mich, ob ich vnn richtiger Status-auoler wäre. Da mich der Lehrer in der letzten Zeit nicht mehr mit meinem Namen aufries, mich immer Kommunist nannte, winkte er mir mit geballter Faust: Rot Front! Hierauf mußte ich immer aufstehen. Aus Verärgerung, daß man mich so behandelte, erklärte ich auf die mir gestellte Frage:„Jawohl. ich bin StotuS-auoler." Nnn kragte mich der Lehrer, iver mich verhebe. Ich erklärte: «Aus mir heraus bin ich Status-auoler!" Dann kragte mich der Lehrer, was ich yach der Abstimmung machen würde und ob ich mir schon ein Zimmer in Frankreich gemietet hätte. Ich erklärte:„Das weiß ich noch nicht, was ich mache." Nun sagte der Lehrer:„Du bist hier in der Klaffe der Einzige, der nicht Nationalsozialist ist." Auch in den andern Klassen ffnd keine!" Ich sagte dem Lehrer dann, datz ich genügend aus den andern Klaffen mit Namen nennen könnte, die früher Sozialisten wären, aber fortaelauien ffnd. nachdem sie die „Arbeiterwohlfahrt und Partei" ausgenüht hatten. Lehrer Diehl erklärte, die seien nur kortgeaangen, weil sie sich von der andern Sache ld. h. Nationalsozialismus! überzeugt hätten. Nun fragte mich mein Lehrer über die Kundgebungen am Sonntag, den 6. Januar 1935, und ob ich wüßte, wieviel atzs dem W-'ck-nbi'r-» war-n Ich«aätr daß ich In der„Landeszeitung" gelrt-n bät»e daß 35NE Perlon«n dort gewesen sein sollen. Ich sagte bann, daß an> dieken Platz ioviele Menschen gar nicht gehen. Lchr-r D kagie. doch die gehen drauf. Nun riefen die Schüler bazwi'chen daß die„Volks- tzimme" geschrieben hätte, daß über lOOvvOnüs dem Kiesel- Humes gewesen wären. Nun kragte mich Lehrer D.. ob das wahr wäre. Ich mgie:„Jawohl, ich war selbst dort." Uno konnte das auch sagen, weil ich einmal nach einem großen dort stattgefunüenen Fußballwetikamps in der„Saarbrücker Zeitung" gelesen habe, daß allein auf den Tribünen damals 80 000 Menschen gewesen wären. Der Lehrer sagte dann, anf den ganzen Platz gingen nur 40 000 Menschen. Nun gab ich keine Antwort mehr. Aus der Klaffe heraus riesen einige Schüler, daß der Straßburger Sender gemeldet hätte, es seien nur 50 000 auf dem Wackenberg gewesen. Nun sagte der Lehrer, daß er selbst dort war und auch die ausländischen Journalisten und diejenigen, die die Filmaufnahme gemacht hätten, erklärt hätten, es seien 800 000 bis 350 000 dort gewesen." Nun fragte mich der Lehrer D. nochmals, waö ich nachher machen würde, wenn wir zurückgegliedert werden. Ich sagte,„ich wüßte das noch nicht". Nun sagte Lehrer D.: „Wenn wir znrückkommen, wirft D« hier an den Kartenständer aufgehängt." Die Schüler und auch der Lehrer fragten mich, ob ich schon naturalisiert wäre. Ich drehte mich um zur Klasse und sagte: „Kümmert Euch doch um Euch selbst und seid ruhig." Nun mußte ich rechnen. Ich war ganz verwirrt und hätte lieber geweint, aber ich konnte nicht und machte einen kleinen Fehler. Der Lehrer sagte dann:„Seht, er kann schon nicht mehr deutsch rechnen, er rechnet schon russisch." Nun fragte der Lehrer mich,„ob ich nach Rußland ziehen würde". Ich sagte:„Ich weiß das nicht." Nun war Pause, und gelernt war nichts. Nur Politik. Nach der Pause war Musikstunde bei Herrn Lehrer Ziegelmeier. Da der Muffksaal besetzt war, gingen wir in unseren Schulsaal und mußten einen Aufsatz schreiben: Das deutsche Lied als Ausdruck der deutschen Seele. Hinter mir ries dann ein Schüler:„Das kann der Brettar nicht schreiben," und alle Schüler sahen auf mich. Der Lehrer sagte, er möchte das nicht haben und auch solches nicht im Aufsatz lesen. In der vierten Stunde hatten wir Geschichte bei Herr» Lehrer Diehl, meinemKlaffenlehrer. Als der Lehrer hereinkam, stand die ganze Klaffe aus und grüßte mit erhobener Hand„Heil Hitler". Der Lehrer sagte, das sei verboten vnd nach dreimaliger Berivarnung setzten sich die Schüler. Wir behandelten dann das Thema von Otto der Große, wobei ffch in dieser Geschichtsabhanblung ein gewiffer Eberhardt umgestellt hat. Der Lehrer verglich diesen Eberhardt mit solchen Leuten aus dem Saargebiet, indem er sagte, auch hier im Saargebiet sind solche, die sich noch umstellen Bei dieser Aeußerung schaute der Lehrer und die aanze Klaffe immer nur aus mich. In der fünften Stunde behandelten wir wieder bei Lehrer Diehl„Aus Webers 13 Linden", wobei ich ebenfalls als hinterlistiger Kerl von Herrn Lehrer Diehl gezeichnet wurde. Auch Spitzel nannte er mich. Nun sagte der Letzter,„ans dem Brett«»««he« wir nach der Rückgliedernng Hackfleisch, ich bringe mein«« Hund mit, der kann die Knochen lecken." Der Schüler Barthel ries: „Ich bringe die Fleischmaschine mit." Ich gab keine Antwort mehr. gez. Alsons Brettar. .QohrbgdMT Hannes“ Oder der Weg zum Delirium tremens Ter„Rohrbacher Hannes". Tas ist nicht etwa der Titel eines Groschenromans, sondern eine Einlage des reichsdeutschen Rundfunks im Saarkampf. Nicht jeden Tag hat man einen reichsamtlichen Geldschrankknacker wie Hilt zur Verfügung oder eine verhinderte Heilssoldatin wie die„Kommunistin" Maria Reese an der Bußbank. Also kaufte man sich diesmal den„Rohrbacher Hennes", der vermutlich sehr billig, ohne Devisen, gegen Naturalien zu haben war. Tie Rcichsmonopolverwaltung hat seit vielen Jahren gewaltige Produktionsüberschüffc an Sprit. Man kurbelt die Wirtschaft an und belebt zugleich den hitlerdcut- schen Patriotismus, wenn man mit einigen Pullen- Spiritus t-en Status-guo-Geist der Vernunft aus einer ewig durstigen Seele austreibt. Aus dem Lantspreche^ krächzt und hupst und stolpert eine Stimme, der mau die Saufseligkeit in jedem Worte anhört. Durch diese Kehle müffen viele Hektoliter Schnaps geronnen sein. ES ist der„Rohrbacher Hannes". Er beteuert und beschwört seine Zuhörer, zu glauben, datz er es sei. Es wird niemand bezweifeln, denn der Vortrag und der Zustand des Vortragenden sind eindeutig. Daß der„Hannes", der melodramatisch schildert, wie er sich von seiner angstvollen Frau zur Reise ins„dritte Reich" losgeriffen habe, als ginge es in den Krieg, Sozialdemokrat sei oder Kommunist, wagt nicht einmal der hitlerdeutsche Rundfunk zu lügen. Was soll also das versoffene Gewimmer an die Einheitsfront? Kein Mensch wird den Süfkel ernst nehmen. Bicrundzwanzig Stunden hat er den lsitlerdeutschen Fusel probiert, und schon ist er von allem„überzeugt". Ubi bene, ibi patria— wo gratis Schnaps fließt, da ist des Hannes Vaterland... Immerhin Hai sich der„Rohrbacher Hannes" entschloffen, noch vor der Abstimmung ins Saargebiet zurückzulahren. Die„deutsche Front" wird ihm Ehrenpforten bauen und ihm weitzgcwaschene Ebrenjungfraucn entgcgenschickcn, vorausgesetzt, datz der„Rohrbacher Hannes" dann wieder«n einem Zustande ist, der ihm ermöglicht, die verdienten Hnkd'gnngcu entgegen zu nehmen. ✓ flimmert•(Beilage zur.Deutschen Stetheit MÄSMSS» ionnttf-Montaq, 13 und 14. Januar 1935 - Ereignisse tmrl Oesefrtefaten ßidriie”, die Oper jmwi„dritten‘Reich” Am Samstag, spielt man im Saacbcückec Stadttheater J^eethoaen Die gleichgeschaltete Intendanz des Saarbrücker Stadttheaters bereitet am Vorabend der Abstimmung seinen Freunden eine Ueberraschung. Auf dem Spielplan steht eine Festaufführung des Fidelio". Diejenigen, die noch nicht Gelegenheit hatten, die Bekanntschaft der Oper„Fidelio” zu machen, werden sich nicht erklären können, weshalb wir von dieser Oper so begeistert sind. Wir lassen das Personenverzeichnis mit kurzer Inhaltsangabe(selbstverständlich modernisiert) folgen. Bariton dem Sopran und Lagerführer BdM.-Führerin SA.-Mannschaftcn. Fidelio Oper in 2 Akten von L. van Beethoven. Baß Sopran Tenor Konzentrationslagerinsassen, Volk, 3 Juden, 6 Radfahrer. Ort der Handlung: Ein Konzentrationslager im „dritten Reich“. Kon- Bariton(BaB) Tenor Personen: Minister Darre Don Streicher, Oberbefehlshaber eines zentrationslagers T o r g I e r, ein Gefangener Leonore, seine Gattin, SS.-Mann unter Namen„Fidelio" S c h I a g t o t, Staffelführer eines Konzentrationslagers Thusnelda, seine Tochter, Di r tnel, Pförtner Osaf. andere Affen, SS.- und Inhaltsangabe Torgier ist durch Intrigen Streichers und anderer in der Oper nicht genannter Würdenträger des„dritten Reiches“, nachdem sich seine Unschuld in einem Monstre-ProyeB gegen. ihn und andere freiheitsliebende Bürger herausgestellt hat, unberechtigterweise in ein Konzentrationslager gesteckt worden. Er darf den übrigen Gefangenen dort so wenig gezeigt werden, wie den gewöhnlichen Wachmannschaften und wird lediglich von Schlagtot und Dirmel„behandelt”. Seine Frau beschließt, in Männerkleidung sich bei der SS. einstellen zu lassen, um zu versuchen, zu der'Wachmannschaft zu gelangen, die das Konzentrationslager, in welche m sich ihr Mann befindet, zu bewachen hat. Dies gelingt ihr, so wie es ihr auch glückt, das Vertrauen des Schlagtot und die Liebe seiner Tochter Thusnelda, lie für den femininen Mannstyp Fidelio mehr schwärmt, als für den ord inären Dirmel, der sie anschmachtet. Sie erlauscht nun. wie Streicher den Schlagtot überreden will, Torgier, mit dem er ein Hühnchen aus früherer Zeit zu rupfen hat, f, z. u killen und ihn im Gefängnishot zn verscharren» Da z.niciilagiot,,di9 Sache doch etwas zu brenzlig ist, weigert er sich, den Torgier„auf der Flucht zu erschießen”. Streicher will Torgier selbst abtun und Schlagtot wird auf gefordert, inzwischen schon ein Grab zu schaufeln, bei welcher Funktion ihm Fidelio helfen soll. Streicher erscheint, wird von Schlaglot und Fidelio in den Keller geführt, in dem Torgier schmachtet, will sich jedoch, bevor er ihn„abkillt“, noch einmal an der Angst seines Opfers weiden. Er geht in seinen Kerker und erzählt Torgier dort, welche Todesart er ihm zugedacht hat. Torgier, so matt und schwach er auch ist, besitzt noch einen Teil seines früheren Mutes und schreit ihm sein..Mörder" in? Gesicht. Als sich Streicher daraufhin auf Torgier stürzen will, tritt Fidelio, die sich versteckt gehalten hat, ihm mit dem Revolver entgegen.— Inzwischen aber hat sich im Konzentrationslager selbst und in der Umwelt allerhand ereignet. Die bisherige Regie rung ist gestürzt, die Konzentrationslager-Insassen werden befreit und ein neuer Minister erfährt von dem versteckten Torgier. Er befreit ihn durch seine Soldaten just in dem Moment, als die Spannung im Kerker ihren Höhepunkt erreicht hat. Den Schluß bildet ein herrliches Ensemble, in welchem zwar noch viel ge,,heilt“ wird, bei dem jedoch die Freiheitsrufe bereits stark durchklingen!——— Herrliche Arien Die Arie mit Chor:„Ha, welch ein Augenblick!“— Hier schwelgt Streicher in krassestem Sadismus.—„Die Rache werd’ ich fühlen, Dich rufet Dein Geschick! In seinem Herzen wühlen, o Wonne, großes Glück!— Schon war ich nah dem Staube, dem lauten Spott zum Raube, dahingestreckt zu sein. Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden, in seiner letzten Stunde, den Stahl in seiner Wunde ihm noch ins Ohr zu schreite: Triumph. Triumph, der Sieg ist mein!“— Der Chor(garantiert nur aus Mitgliedern der Deutschen Front bestehend) antwortet: ,Et spricht von Tod und Wunde, wacht scharf auf Eurer Runde wie wichtig muß es sein!“ Das Finale des ersten Aktes, in welchem der Chor singt (Chor der Konzentrationslagerinsassen):„O. welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben“ usw. Ein ältere« Inhaftierter aber warnt:„Sprecht leise, haltet Euch zurück, wir sind belauscht mit Ohr und Blick!” Später singt derselbe:„Nie Hoffnung flüstert sanft mir zu, wir werden frei, wir finden Ruh!“ Der Chor antwortet:„0, Himmel. Rettung! Welch ein Glück! 0 Freiheit, o Freiheit' Kehrst Du zurück?“ Nun erscheint aber Streicher und der Chor wird wieder in die Haftzellen gejagt, wobei er noch zum Abschied singt:„Leb’ wohl. Du warmes Sonnen licht, schnell schwindest Du uns wieder. Schon sinkt die Nacht hernieder, aus der sobald kein Morgen bricht!” Das Quartett im Kerker Torglers: Streicher ist gekommen, um an Torgier„Selbstmord“ zu begehen und singt „Streicher, den Du stürzen wolltest. Streicher, den Du fürchten solltest, steht nun als Rächer hier!“ Worauf Torgier seelenruhig ihm erwidert:„E in Mörder steht v o r m i r.“ Auch das Finale des zweiten Aktes hat seine Schönheiten: „Heil sei dem Tag. heil sei der Stunde, die langersehnt, doch unvermeint, Gerechtigkeit mit Huld im Bunde vor unseres Grabes Tor erscheint.“ Nun hat der neue Minister ein herrliches Solo: „Des Vierten Reiches Wink und Wille führt mich zu Euch. Ihr Armen, her, daß ich der Frevel Macht enthülle, die all’ umfangen schwarz und schwer. Nicht länger knieel sklavisch nieder, Tyrannenstrenge sei mir fern; es sucht der Bruder seine Brüder und, Kann er helfen, hilft er gern!” inzwischen kommen Torgier und Frau aus dem Kerker, hinter ihnen, gefesselt und von zwei Soldaten geführt, Streicher. Chor singt: ,.Bestrafet sei der Bösewicht, der Unschuld unterdrückt. Gerechtigkeit hält zum Gericht der Rache Schwert gezückt!“ Unter diesen Klängen verschwindet Streicher hinter den Kulissen, die das Zuchthaus bedeuten und eine Schluß- Apotheose preist die Treue der Gattin. -t- Man sieht, daß„Fidelio“ nur einen kleinen Ausschnitt aus den vielfältigen Ereignissen des„dritten Reiches“ bietet. Freilich. eine Oper, die die ganze Wahrheit anschaulich macht, müßte erst noch geschrieben werden. Immerhin: liebes Stadttheater, Anerkennung und herzlichen Dank! Dec£üyinsfand Von Erich Weine rt Was da gebraut im Hintergrund lm Propagandaladen, Das quillt aus diesem Riesenschlund In parfümierten Schwaden. Der macht Reklame fürs Regime Mit Lügen, unergründbar. Kein Greuelmärchen ist bei ihm, Kein Schwindel unerfindbar. Und was auch diesem Schlund entquoll: Verheißung, Dreck und Wunder, Stets ist sein Füllhorn wieder voll Mit neuem Jahrmarktsplunder. So hat er auch die Saar bedacht Mit Zukunftsbilderbogen Und hat schon jedem auf Verdacht Ein Glück ins Haus gelogen. Doch keiner lauscht mehr dem Gebrüll Des lauten Lügenspeiers, Weil keiner in die Fänge will Des braunen Pleitegeiers. Verzweifelt schreit er jetzt herein; Er fürchtet seine Stürzer. Denn seiner Lüge kurzes Bein Wird alle Tage kürzer. Die Saar fällt nicht auf ihn herein. Mag er nur Sprüche klopfen! Sie wird mit einem kräftigen NEi* Das große Maul ihm stopfen! ofessac£itt Er liest wieder Der Leipziger Philosophieprofessor Litt, der bekanntlich auf Veranlassung des Rektors der Leipziger Universität mit Rücksicht auf die von Seiten der Leipziger Studentenschaft erfolgten scharfen Angriffe gegen Litt seine sämtlichen Vorlesungen und Hebungen vor Weihnachten unterbrochen hatte, hat seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Vor Be- ginu seines Kollegs teilte der Rektor, Se. Magnifizenz Prof. Golf. mit. daß der„Fall Litt” den zuständigen Stellen zur Entscheidung übergeben und Reichsminister Rust über die Vorfälle unterrichtet sei. Professor Litt wies eingangs seiner Vorlesung darauf hin. d J er vernichte, auf die Vorfälle einzugeben, da sie ja den höheren Stellen zur Entscheidung übergeben seien. Die Vorlesung verlief ohne Zwischenfall. Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund hatte in einem Anschlag zur Wahrung der Disziplin im Falle Litt aufgefordert. JCleibec über siedelt nach Oesteereich Erich Kleiber teilt mit. daß seinem zweiten Gesuch, ihn aus dem Verband der Berliner Staatsoper zu entlassen, entsprochen wurde. Er w; meist erregt man Anstoß mit diesem Wunsch; die Kerle sind faul; oft muß man warten, manchmal eine halbe Stunde und länger; einmal, abends vor dem Schlasengehn, erklärt mir der Posten:„Das hat bis morgen früh Zeit". Auf meine Antwort:„Ich fürchte, dann den Nachtposten stören zu müssen," erwiderte er:„Na, denn fürchte man!" und schlug die Tür zu. Ein Zuchthäusler, bekanntlich, ist vor dieser Gattung Quälerei geschützt. Seine Zelle enthält das Erforderliche. Er ist nicht genötigt, wozu wir bisweilen genötigt-waren: die Waschschüssel oder sogar den Eßnapf zum Nachtgeschirr zu machen. Was übrigens verboten war! Nicht verboten war, Reste des Kaffees auszuschütten. Also gossen wir nwrgens, bevor wir die Waschschüssel hinaustrugcn, tarnend Lorke in den Urin und hoben zu diesem Zweck vom Abenbtrank ein wenig auf. Hilfstechniken dieser Art entwickeln sich nur in Gemeinschaft; einstweilen bin ich in Einzelhaft. Der Kriegsdienstverweigerer Am vierten Tage beginn, das Exerzieren. Täglich etwa eine Stunde im Hof. Tie Alten, Kranken und Lahmen trotten, die Hände auf dem Rücken, im„kleinen.Kreis" ihren Gänsemarsch. Wir andern müsse,, ran.' Meist nur zu stumpfsinnigem Marschieren mit„Tas Wandern ist des Müllers Lust",^Jch hatt einen Kameraden",„Lore, Lore, Lore" und zu ermüdenden Dauerläufen mit Springen über ein Stöckchen, das Lipke hinhält; oft aber gibt es auch Der Schwur von Saarbrücken Von Rudolf Pfister, Bern Auf tausenden Lippe« schwebt heiliger Schwur: Wir hüten der Heimat die deutsche Kultur; Bor rufen der Lüge, dem Terror: Halt! Wir bieten Trotz der finstern Gewalt. Hoch tragen wir nuferer Freiheit Fahn Zum Sieg über Hitler voran! W»r berge« in unserer säustigen Kraft Dem Deutschtum de« Frieden, die Glut und den Saft, Geschundene Brüder dort über dem Rhein Die Schwielenhand her; wir schlage» darein; Für Deutschland ewig brennen auch hie Die Herzen!... Für Hitler? Nie! Ihr vielen, Gebrochne« in Sklaverei, Wir richte« euch ans, wir machen euch frei. Unser Trutzrns sei euch ein brüderlich Mal Zur kommenden Freiheit; ein grüßend Fanal. Hoch rollt es wie Donner über den Rhein Zu Deutschland: Ja! Zu Hitler: Rein! halbtiese Knttbeugen b!8°^üm Umfälle«, Liegestütz' aus der kiesigen Erde beinahe bis zur Bewußtlosigkeit,„Hlnlegenl Auf!. Marsch, marsch! Hinlegent* im Treck wieder und wieder; Aw schärfsten geschliffen werden Intellektuelle und Juden. Laufschritt und Sprung in alten schlappenden Stiefeln ohne Schnürsenkel ist eine Strapaze, zumindest für die Nerven, da einen die Angst vor dem Auslaat.'chen nicht verläßt.- Truppführer Rautenberg, Mitte, zwanzig, blond, schwäch- tig, ziemlich krümm. Brille, Typ des gescheiterten Theologie- studenten, muß in meinen Akten ein beschlagnahmtes Flugblatt der CRP. entdeckt haben, worin neben anderen Maßnahmen Kriegsdienstverweigerung empfohlen wird. Auf dem Hofe steht, vom Gewitter der letzten Nacht, eine riesige Pfütze; vielleicht drei Meter lang, einen breit. Rautenberg läßt alle gerade verfügbaren Gefangenen-längs der Pfütze antreten. und ich muß im Parademarsch an ihnen vorüber, dreimal, viermal, immer durch-die Pfütze imit offenen Stiefeln!.. Er backpfeift mich vor der Front der Kameraden und kreischt:„Seht euch diesen Lumpen an! Seht ihn euch genau au! Wißt ihr. was der ist? Kriegsdienstverweigerer ist der! Kriegs—dienst—ver—wer—ge—rer!l! Merkt euch dieses Gesicht für ewige Zetten! Der Schuft ist ein noch größeres Schwein als ihr, der ist von euch allen der gemeinste Verbrecher!" Handschellen anlegen! Wieder in der Zelle, bedreckt. schweißtriefend/mit. an- gebrochenem Nasenbein, zerschlagenem Gesäß, zerschundenen Handgelenken, der Stirnwunde und nun dieser neuen Demütigung fauch hatte der„Kommissar" des Hauses, ein salopper Herr von Angern, mir versichert, ich könnte mit vier bis fünf Jahren Konzentrationslager rechnens, werde ich vo einem unzähmbaren Verlangen gepackt, auszuproben, ob mit den Aermeln meines Lüsterjäckchens Selbst-Erdrosselung möglich sei. Kein Spiel, kein Ernst, ein verzweifeltes dummes Experiment. In der Sekunde, da ich es anstelle, äugt ein Posten durch den Spion. Er öffnet, fragt, ich stammle und er meldet. Um neun Uhr abends läßt Rautenberg mir Handschellen anlegen. Bis sechs Uhr morgens. Das preßt die Gelenke, schneidet in die Häut und drückt beide Hände enger zusammen, als Fesseln mit Ketten es täten. Die Stahlringe um jedes Handgelenk verbindet ein Scharnier. Neun Nachtstunden so zu liegen— ich wünsche es höchstens dreien von meinen siebzig Feinden. Man ändert ständig, im Rahmen des Möglichen, die Lage der an den Wurzeln zusammengezwungenen Hände zueinander und hält das gekoppelte Armpaar abwechselnd über dem Leib und über dem Kops Todmüde lein» infolge der Schellen nicht zum Schlaf kommen, dabei momeutweis hundertmal einduffeln. durch den Handzwang immer wieder wach werben. Erleichterung probieren, vergeblich, vergeblich, ein wüstes Halbtraumdämmern, fchmerzdurchrädert und durchspukt von Gespenstern, zum Beispiel meiner runden Klavierlehrerin üuS fritter Kindheit, der toten Tante Thildc, mit giftgrünem Gesicht...dies ist wirklich die Hölle. ''In der übernächsten Nacht muß ich sie'wieder betreten. Abermals auf Rautenbergs Geheiß neun Stunden Handschellen; die Schergen, die sie mir anlegem benehmen sich unrcch, offenkundig bedauernd, aber Befehl ist Befehl (Aus„Schufzhähling 231°) Ich steige am Morgen vom Strohsack wie. ause.iuanh.er-.: genommen und falsch wieder zusammengelW, öhnniachtSnah, mit Herzstichen. Bor der dritten Nacht in Schellen bewahrt mich der Arzt fein seltsames Exemplar). Ich habe später von-zuverlässigen Kameraden gehört, daß gewisse Gefangene fsolche, die im Verdacht standen, sich eiüst- mals an Nationalsozialisten vergriffen zu habens viele Wochen hindurch in Handschellen gehalten wurden, Tag und Nacht; nur zum Waschen, zum Essen, zur Erledigung der Bedürfnisse sollen sie ihnen jeweils für einige Minuten abgenommen worden sein. Das bedeutet langsamen Mord. Die Ketten der sibirischen Kettensträslinge klingen pathetischer, aber sie ließen ihren Trägern ungleich wehr, Vewegungs- sreiheit....>' „Solche disziplinarische Maßregeln notwendig“ Das Exerzieren ist in diesen Tagen besonders scharf; jeder Weg im Hause.—- zum Antreten, zum Austreten, zum Waschen, zum Essenempfaug, zum Geschirrsäubern"- muß überdies im Laufschritt zurückgelegt werben fdie Vorschrift gilt für alt und jung; wer„geht", kriegt Maulschellen, Boxhiebe, Fußtritte); und die Ernährung ist-ganz unzureichend. Meine Beine schwellen an; ich beachte es erst nicht; nach ein paar Tagen ist das rechte so elesantisch aufgedickt, daß ich den Fuß kaum in den schnürsenkellosen Stiefel zu zwängen vermag. Ich melde das dem„Sanitäter" und bitte' nm Dispens, vom Exerzieren. Nun gerade nicht. JmGsgen- teil, mein Hintermann auf dem Hof erhält den Auftrag, mich feste zu treten. Um Schlägen zu entgehen, folgt er. Soll ich ihm zürnen? Soll ich dem stirnlosen Lulatsch Levy zürnen, weil er auf Befehl fJuüe gegen Jude) mich mit seiner kolossalen Flosse markig ohrfeigt? Erst einen halben Monat später, als er mit plumper Vertraulichkeit auf börsen-jiddijch mich anquatscht, stößt der Bursche mich ab. Der Arzt ist ein Unikum. Doktor Strauß, an die dreißig, klein, breit, frisch, blaue Raubaugen, übcrstramm, den werdenden Bauch unter dem SS-Koppel tarnend, fast nie mit dem. Gefangene««her dessen Gesundheit im Gespräch, über seine Klagen und Wünsche, dafür dauernd mit ihm in politischer Polemik, aus dem Niveau des Alten Herrn einer nationalen Couleur. Als ich ihm informationshalber mein gepeitschtes Gesäß zeige, stellt er zwar zunächst die geistvolle Frage, ob es schmerze, läßt ihr aber sogleich die tieferschürfende folgen: ob ich als intelligenter Mensch denn nicht ehrlicherweise, Hand aufs Herz, zugeben müsse, daß solche diszivlinarischen Maßregeln notwendig leien. Auf die Gekäbr der Unintelligenz hin bestreite ichs; Er startet eine Entrüstungsrede gegen LinkSblätter, mit Argumenten, die nur teilweise die Blätter und gar nicht mich treffen. Vorwürfe einzustecken wegen gewisser Haltungen, die man als Außenseiter jahrelang heftig bekämpft hat, ist spaßvoll— außer in diesem Hause. Als ich erwähne, daß seit der Exekution mein Urin schmerzlich-braunrot ist, schnarrt er:„Ja. wundert Sie das? Im Hintern gibts Blut." Das dicke Bein, jetzt, stimmt ihn aber ernst. Er verordnet für zwei Tage„absolute Bettruhe". salzlose Kost, entwässernde Pillen. Bis aus weiteres Befreiung vom.ErexMren,tznd vom LanffchgUt, auf den Korridoren. Ich habe Wasser, in den Betnen,-die.Nieren kunttionleren nicht. fEiue Anzahl weulger widcrstanWähiger Kameraden sind au Nierenzerreißung; infolge der Peitschenhiebe, zugrunde gegangeu.)-,( Ä „Ist das nicht unerhört anständig“?, Ich erhalte keine salzlose Kost.-Ich habe" die Wahl zwtilben Fasten und salziger. Die„Bettruhe" bringt mir mehrfachen Besuch von SS.-Knechten> die mich anhöhnen, mich Haufen Unglück auf dem Strohsack:„Du Aas, verrecke da nur in deiner Ecke!"„Glaubst du vielleicht, daß du jeinäls lebendig aus diesem Hause, kommst?"„Wir> schmeißen dich in eine Grube auf dem Hof, Scheiße drauf und zuschütten—:>da findet dich keiner von deinen, Freunden!" Nachts, infolge der Pillen, muß ich den Posten bemühen. Ich wanke zurück. Er: „Du jehst ja, als wennstc sterbst; na, denn sterb, man, du San." ES ist Fitzner, ein riesiger verlebter Amateurringer. Später kocht er und gibt an den Zellentüren das. Essen aus. Nie ohne Beschimpfungen. Einmal zu mir:„Du stinkiges JudenaS müßtest überhaupt nichts zu fressen kriegen!" An den Ton gewöhnt man sich rasch. Im Sommer drauf ist Fitzner zweifelhafte Attraktion des Schöneberger Rummelplatzes. Ruhe, Pillen und meine gute Natur Helsen. Das Wasser weicht ans den Beinen; aus dem rechten nur sehr allmählich; noch etwa vier Wochen lang.ist es. am Abetid stets-neu angeschwollen. Die ärztliche Befreiung vom Exerzieren hat zur Folge, daß einzelne Schwarze mich besonders scharf Hernehmen, WaS oben in der Zelle gelten mag, gilt nicht auf dem Hof.„Hier hat der Arzt einen Dreck zu sagen; hier kommandiere ich!" brüllt mich ein Scharführer an,, den ick, für mich und später für die Kameraden,„das Warzenschwein" nenne, und der nicht bloß unarisch, sondern, durchdringend hunnisch-kalmückisch aussieht, Truppsührer Moser tMädche,«- gesicht mit Corillafreffe) läßt mich.— trotz,«ein, iv.ea<'n der Meldung:„auf Anordnung des Arztes befreit nom Dauerlauf"— im Laufschritt solo siebenmal hinteteinander den weiten Gefängnisüos umkreisen. Doch die Mehrzahl der Hos-Herren respektiert, was Ker Arzt verfügt hat. Doktor Strauß, sehr befriedigt über seinen Heilerfolg, redet mich an:„Wenn ihr gesiegt hättet, würdet ihr mich an die Wand gestellt haben. Etwa nicht? Aber ich, ich kurier- Sie. Ist das nicht unerhört anständig von mir?" —„Sie geben damit ein Beiiviel äußerster Sachlichkeit." Diese Antwort beivirkt etwas: Straub setzt bei Rautenberg durch, daß ich, nach siebzehn Tagen,! endlich nach Hause schreiben darf. Einen Zettel zwar nur, mit. der Bitte mm Seife, i'lahn- und Nagelbürste,, ein Hemd, ein paar Taschentücher. Auis strengste verboten wird mix, über mein Besinnen ein Wort zu schreiben und, über die Stätte meines Aufenthalts. Dabei weiß ich selber nicht, wo ich hin: nach Wochen kombiniere ich aus Gerüchtfetzen, die in den spärlichen Milnuten des Zusammenseins mit Kameraden mir zükliegen, daß dieses Haus eine ehemalige Mlstärärrestanstatt ist nahe der Friesen-, in der Columbiästraße. am Notd'-and ,-eS Feldes, gegenüber von Temvelhof. Kxst am 2. Nktober erfahre ich durch einen freundlichem Kommisiat. d^r. mich in fremder Sache vernimmt; den amtlichen Namen des Jnsti- iuts:„Colnmbfa-HauS", {Copyright 1935 by Kort Hiller, Praha.J Klrdienverhandlimgcn- gescheitert! Mntseriede Vorarbeiten lur den finanziellen Droffi auf die Opposition Berlin, 11. Januar. Man wird jetzt jede Hoffnung auf eine gütliche Lösung des prorestanlischen Kir'cheniönflikts aufgeben müssen. Die neuen Verhandlungen zwischen der Bekenntniskirche und den ^deutschen Christen" sind gescheitert. Es ging darum, daß di« neue einheitliche Reichskirchenregierung aus dem derzeitigen Vorsitzenden, der„deutsche» Christen", Dr. Kinder, und zwei höheren Staatsbeamten bestehen soll.'Die vor. läufige Reichskirchenregierung, die aus Vertreter« der Be- kenntniskirche zusammengesetzt ist, lehnte aber diese Vorschläge ab. Die Bekeuntniskirche verlange vor allem auch Klarheit über folgende Fragens Wie stellt sich die kommende geeinigte evangelische Kirche zum Buch Rosenbergs„Mythos desAl.Jahrhullderts"? Was versteht die Partei unter ihrem Programmpunkt, sie stehe auf dem B o d e n d e s p r o v i s o r i s ch e n C h r ist e it> tUws?■~j».•->’... s ,. V, Die dritte Frage ist endlich, die schon ost angeschnittene des Eides, wobei die Bekenutniskirche nach wie vor darauf besteht, daß im Eid der Gehorsam gegen Gott eingefügt werde, vor allem der Passus, daß von den Eidkeisten- Taarbrücken,. 12. Januar. -Die„Straßburger-Neuesten NaHruhten" veröffentlichen ein Schreiben des Retchsministers Dr. Frick an den bekannten Pfarrer'Hoffenfelder, den Rufer im Streite der Deutschen Christen gegen die Bekenntn'skirche. Das Schreiben lautet: Dr. Wilhelm Frick Reichsmi'nister des Innern dzt. München 2 NO. Wiedenmeyerstraße 50, den s. September 1934. - vrrrit Pfarrer D. Joachim Hossenfelüer Berlin SW. 11 --' Strefemannstrcße 80. Sehr geehrter Herr Pfarrer! .Ich bestätige Ihnen den Empfang des Schreibens vom Ä). August d. I., das mir von Staatsrat Ziegler übergeben wurde und bedauere, meinen Cnischcld in der mir nach wie vor sehr unangenehmen Sache Dr. Freißler nicht ändern zu können. Darüber hinaus aber geben mir gewiffe Stellen Ihres Brieses Anlaß, Ihnen, wie Herrn Dr. Krause/ noch einmal auk das entschiedenste klarzulegen, daß Sie sich bei Ihrer Tätigkeit die gebotenen taktisch en Rücksichten stets vor Augen zu hatten haben. Ich habe Ihnen bei unserer letzten Unterredung in Weimar ausdrücklich erklärt, daß vorläufig dek'gisamit' Kamps für eine deutsche Nationalkirche äüsschließlich auf rein kirchlichem Gebiet zu führe» lstt-'^e weniger dabei voü Politik die Rede ist, um so beffer. Ich habe j:5ech d-n Eindruck gewinnen müffen, als oh einige Geistliche, besonders in der Altmark, in einer unzuläs- fiße n Weise di« P e rion des Führers tn oi esen Kamp fei n z u b e z i e h e n suchen. -Die führenden Geistlichen müffen wissen, baß es heute vor allem gilt,, die Mafien reif zu machen für den Gedanken, der von uns angestrebten, wahrhaft deutschen Ein- heitskirche, die ihrem Weien nach natürlich weder in Rom noch auch in Wittenberg verankert keink an». Es ist deshalb dem Star im jetzigen Augenblick durchaus Nicht gedient, wenn man gläubige Kreise, die ihrem Wesen nach zu uns gehöre», durch ein Borprelle» über die taktische kirchenpolitischen Linie hinaus kopfscheu macht. Erft im Lauf« des Jahres 1935 werdeu auch hl«r die eut, scheidenden Maßnahme« getroffen werden könuen. Ich darf, Herr Pfarrer, geräbe in dieser Hinsicht aus Ihren mäßigenden Einfluß zählen. Voreilig kette» in dieser Richtung sind um so beklagenswerter, als durch sie. wie mir Herr Ministerialdirektor B. nun schon zum zweitenmal aus Rom mitteilt, die gerade jetzt nicht aussichts- losen Verhandlungen empfindlich gestört werden. Wir haben uns heute alle als Soldaten zu fühlen und dürfen nie vergessen, daß auch hier dem der Sieg gehört, der iw Hinblick aus das Endziel die stärkeren Nerven behält. Ich weiß aus«eiuer Münchener Tätigkeit, daß mau mit zehn Roten leichter fertig wtrd, als mit einem Schwarze«. Ihrem Wunsche betr. die definitive Betrauung des Licen- tiaten Eberle mit der Refereutenstelle in der Abteilung 3 steht soweit ich von hier aus übersehe, nichts im Wege Ta Ahnen, wie ich annehme, an einer raschen Erleoigung dieser Sache gelegen ist. gebe ich anheim sich einstweilen an Herrn Ministerialrat Dr. Lueck zu wenden, den ich kurz verständigt habe. Ich werde wohl kaum vor dem 15 in Berlin sein können. Heil Hitler gez. Frick. * Das ist di« offene Proklamation des Kulturkampfes. Er wird gegen die protestantische Opposition und zugleich gegen „Rom" geführt. Es geht offen um die Schaffung der deutschen E i'nh e i t sk i r che, die einen neuen religiöse» Ritus mit altgemanischen und altheidntschen Traditionen «tnsetzeü will. Das Neuheidentum wird offizielle Angelegenheit des„dritten Reiches". Nur noch aük die Saarobstimmung wird gewartet.: dann werden die Kämpfer loSgelaffenl Christus oder Wotan? Hildesheim, 12. Januar 1935. Ter Bischof von Hildesheim erklärte anläßlich der Feier der Verehrung des Jesuskindes in der St. Joftfskirche vor 2000 Katholiken u. a.:„Keiner von uns ist gewillt, sich einer nationalen Kirche anzuschließe». Wir wollen Christus und seiner Kirche treu bleiben und wollen weder eine Vermischung von Konfessionen, noch eine germanische G l a u S e n s b e w e g u n g." Der Bischof wandte sich in keiner Ansprache, die in der„Kölnischen Polkszeituug" wiedergegeben ist. gegen gewiffe«attvnal- sozialistische Bebaupinngen, wonach das Christentum IU yve reiub f r sei mit dem Charakter des aer, "manischen B o l k e s. den nichts unternommen werden dürfe, was gegen die Gesetze Gottes verstoße. Diese Einschränkung hat bekanntlich die katholische Kirche gegenüber dem Staat bereits in ihrem Konkordat erreicht. Die Verhandlungen gehen darauf hinaus, eine Art K o n- k o r d a t zwischen dem Staat und der evangelischen Kirche zu schaffen, ähnlich dem zwischen dem Staat und. der katholischen Kirche. Die Bekenntniskirche möchte vor allem eine genaue Abgrenzung der-Befugnisse der kommenden Reichskirchenregierung erlangen, vor allem aber auch in der Frage der Erziehung der Jugend. Die Drohung mit einer Entziehung jeder finanziellen Unterstützung der Kirche durch den Staat wird von der Bekenntnisfront durchaus ernst genommen. Das Mitteilungsblatt der genannten Kirchenrichtung meldet,, es verlaute gerüchtweise, daß die Vorarbeiten der gesetzlichen Lösung, bereits, die Ministerien beschäftigten. Die vorläufige Kirchenregierüng würde einer sich auf finanzielle Dinge erstreckenden Trennung von Kirche und Staat, so starke Bedenken sie auch aus praktischen Erwägungen habe, sich nicht grundsätzlich widersetzen. Dcufsdier Bauernbrief Jüdische Geschäfte und Neu-Chikago D i e o st f r i e s-i s che n S.t am m v i e h z ü ch t e r habe» 82 Stück wertvolles. Stawmbuchvieh an jüdische Einkäufer für Palästina verkaufen können. Der Transport ging Mitte Oktober mit dem Levanteboot.„Chios" von Emden ab. Bauern, mit denen sich unser Berichterstatter unterhielt, erklärten/ so ei» jüdisches Geschäft sei. ihnen lieber als der Darresche Erntedanktag. Die Küste OstfrieSlands hat in der nordwestlichen Ecke zwischen den Inseln Borkum und Juist einerseits und dem Festland andererseits eine tiefeinschneidende Bucht, die Lev- bucht. Ihr Nome hat mit dem Säufer Lev nichts zu tun. Der Schlickboden gibt guten landwirtschaftlichen Grund ab. Darum wurden in dieser Leybucht seit Jahren mit großem Geldaufwand Bodengewinnungsarbeiten verrichtet. Es war eine Arbeit der„14 Jahre Snstemwirtschaft". Manchmal trat iitkolge von Finanzierungsschwierigkeiten eine Stockung in der Arbeit ein. Immer gelang cs, die Arbeit voranzutreiben. Nicht zuletzt fällt das Verdienst hierfür der unermüdliche» Arbeit des dortigen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Tempel zu...Der neugewonnene Boden wurde besiedelt, Kur» nach. Hitlexs Machtübernahme würde die erste Siedkuug ein'geweiht.'Niliürlich erfolgte die Feier unter dem Motto nationalsozialistischer Erfolge. Sogar Herr ReichSbauernkührer Darts war abwesend. Die Siedlung wurde belegt mit„alten Kämpfern" der Nazibewegung. Sie ist jetzt ungefähr ein Jahr in. Bewirtschaftung. Das Dorf heißt aus historischen Gründen„Neu-Westeel" und hat infolge der dort herrschenden Zustände von der Bevölkerung den Namen„Neu Cbikago" erhalten. Der Bonernführer des Or'teS, ein berüchtigtes Subjekt namens Schöttler, gehi mit gutem Beispiel voran. Er führte beispielsweise der Nachbarn Heu in die eigene Scheuer. Nachträglich erklärte er,„um ei vor dem. ausziehenden Regen zu schützen". Dieter Vorfall ist wirklich nur ein Beispiel/ weil es immerhin einen komischen Einschlag hat. Tatsächlich herrscht in der neuen Siedlung eine furchtbare Stimmung. Prügeleien und Diebereien'ar- eignen sich Tag für Tag. Diele„Sozialisten" sind wirklich für-G?m«inschasisgut, wenigstenS foweit es sich um gas Eigentum ihrer Nachbarn bandelt. Welche stimmungsmäßigen Auswirkungen diele ZüstSüde auf die akteingescffenen. friesisch-stolze» Herrenbauern haben. läßt sich denke». „NEUES EUROPA* die aufsehenerregende, In ganz Europa weit verbreitete Zeitschrift für astrologische, okkulte und mystische Dinge, - bringt in einer Sonderausgabe zur Volksabstimmung im baaigebiet sensationelle Prophezeiungen! Am dem Inhalt dar Sondernummer: Die Seherin von Alten*