Nr. 12— 3. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, 15. Januar 1935 Chefredakteur: M. Braun Die Abstimmung verlief korrekt■ Die Agitation der Volksfront durch Terror und Versagen der Exekutive behindert■ Mobilmachung der deutschen Front für Dienstag- Allgemeine Arbeitsruhe und Straßenkundgebnngen Der Völkerdundsrat Hat an die RegiernngSkom» Mission folgendes Telegramm gerichtet; „Am Borabend der Volksabstimmung wünscht der Rat einen feierlichen Aufruf an die Bevölkerung deS Saargebietes zu richten. Er bittet sie, durch ihre Ruhe und Würde-em Bewußtsein Ausdruck zu geben, daß sie von »der Bedeutung der Stimmabgabe durchdrungen ist, zu der fie berufen ist. Er rechnet damit, baß sie daraufhin die gleiche Haltung weiter einhält und vertrauensvoll abwartet, bis der Rat in kürzestmöglicher Frist die-er Stimmabgabe folgende» Beschlüsse gefaßt hat. gez. A v e n o I.' * Dieses Telegramm wurde fo spät bekannt gegeben, daß es von den Zeitungen des Saargebietes» ei« Blatt ansgeuom, men, erst nach der Abstimmung veröffentlicht werden kann. Vielleicht sind die Herren des Völkerstundsrats wirklich der Aussaffung, daß die Abstimmung in Ruhe und Würbe statt« gesunden habe, weil noch niemand totgeschlagen worden ist und es Ruine« von Arbelterhänser» im Saargebiet«och nicht gibt. Ma« scheint k« den Kreisen des Bölkerbnndes und seiner Organe„Vertrauensvoll abzuwarten". So hat man das auch in den letzten Tagen gehalten. t Wie auch das Ergebnis der Abstimmung sein wöge; das eine mnß heute schon feftgestellt werden» daß seit dem großen Ansmarsch der Volksfront am 8. Jannar in Saarbrücken von einer freie« Abstimmungsbewegnng keincRede mehr war. An diesem Sonntag erkannte di« „deutsche Front" und hinter ihr die deutsche Reichsregterung di«»olle Größe der Gesahr. Seitdem ist eine Agitation der Volksfront nur noch t« eng begrenztem Maßstab, i« vielen Orten überhaupt nicht mehr möglich gewesen. Bon den Behörde« des Saargebietes kann nur gesagt werden» daß fie t« diesen Tage« stärksten über das ganze Gebiet sich ansbreitenden Terrors der„deutschen Front"» wi« es in dem obige» Telegramm so schön heißt»„vertrauensvoll abgewartet" habe». Die Vertreter der Presse ans fast allen Länder» der Erd« waren Zenge der Vorgänge dieser Tage: die Straße frei für unerlaubte Demonstrationen der„deutschen Front"» Vernichtung des Wcrbematerials der Bolkssront oder die Un, Möglichkeit es zu verteilen, Zerstörung fast aller Plakattafel« der Volksfront. Das alles, ohne daß die Polizei dnrchgrifs. Schließlich Angliederung der getarnten SA.- und SS.-Trnp- pen als Hilsspolizei an dn ich im Saargebiet gewesen, wo ich auch künftig zu bleibe« gedenke. , b. Genau so verlogen ist die weitere Meldung, die am -Sonntag in acht Sprachen durch den GoebbelSschen Lügenfunk verbreitet wurde, ich sei mit der„KriegSkaste* ins .Ausland geflüchtet. Die AuSstreunngen gegen mich u«d meine Mitarbeiter sind selbstverständlich nichts andere» al» die berühmten, von NN» in den letzten Wochen wiederholt angekündigten „Reichstagsbrände" für die Bolksabstimmnng. Johann Hoffmann. Auf zum„Familienfest am 15. Januar! Der nationale Feiertag und die geplanten Aufmärsche Die Deutsche Gewerkschaftsfront und der deutsche Arbeit- nehmerverbanü haben aufgerufen, daß am Tag der Bekanntgabe des Ergebniffes der Volksabstimmung des Saargebietes— 15. Januar 1835— Arbeitsruhe herrscht. Mit dieser Aufforderung haben die beiden Verbände weiter nichts getan als dem unmütigen Willen aller Mitglieder Ausdruck gegeben. Die von den Arbeitskameraden gewünschte Arbeitsruhe soll keinen anderen Zweck haben als dem deutschen Arbeitsmenschen an der Saar die Möglichkeit zu geben, diesen Tag in sinnvoller und würdiger Weise zu begehen, da er in der Geschichte unserer deutschen Saarheimat zweifelsohne der größte und bedeutungsvollste ist und bleiben wird. Darum muß der 15. Januar 1835 zu einem wahren deutschen Familienfest des deutschen Volkes im Saargebiet werden. Weil dieser Tag für die Arbeitskameraden ein Familienfest ist, wird genau so wie in den letzten Wochen und Monaten eiserne Disziplin an den Tag gelegt. Wenn wir dann so diesen Tag in unserer Familie würdevoll verlebt haben, wenn wir, sofern unser« politisch« Vertretung noch eine besondere Feier in Aussicht genommen haben sollte, geschloßen unsere Wohnungen verlaßen und«ns daran beteilige«. Aber auch bann gilt für uns nur das eine: Disziplin und wiederum Disziplin! Die ganze Welt soll voll Bewunderung am 15. Januar 1835 feststelleu: An der Saar lebt ein Bolk, auf-aS man nur mit Bewunderung blicken kann. - Deutsche Gewerkschaftsfront an der Saar, gez. Peter Kiefer. Gesamtverband deutscher Arbeitnehmer, gez. Karl Brück. Saarbrücken, den 18. Januar 1835. Die Ankündigung ist deutlich genug: Die„deutsche Front" schickt einen Teil ihrer Organisation, die Gewerkschaftsfront, vor. um einen politischen General- streik zu organisieren. Sie hat die feste Absicht, ganz gleich wie der Abstimmungsausfall sein möge, alle Betriebe im Saaimebiet still zu legen, insbesondere aber di« französische Grubenverwaltung zur Stillegung der Bergwerke zu bringen. Das ganze geschieht nur zur Veranstaltung eines nationalen Familienfestes. Die„deutsche Front" beabsichtigt zunächst Ihre Mitglieder in den mehr oder weniger trauten Heimen zu halten und erst später„geschlossen unsere Wohnungen zu verlassen". Selbstverständlich unter strengster Disziplin! Wer hätte je einen nationalsozialistischen Aufruf ohne diese Mahnung gelesen? Wenn dann diese Diziolin von irgendwelchen„Elementen" gebrochen wird, so sind das eben Marxisten und Emigranten, die in ihrer„Verzweiflung" zu den üblichen Terrorakten von„Untermenschen" greifen. Zwar sind die Emigranten und die„Separatistenführer" schon samt und sonders geflohen und die Gebäude der„Volksstimme" stehen verwaist, soweit sie nicht schon in Trümmern liegen, aber wenn es Strahenkämpfe gibt, sind die feigen Führer natürlich da, wie es sich eben für Feiglinge geziemt. Den Dreh für die geplanten Exekutionen hat man auch schon gefunden. Er ist ebenso alt, wie bewährt. Schon am Sonntag wurde weithin im Saargebiet verbreitet, erbitterte und enttäuschte Anhänger der Volksfront hätten das Gewerkschaftshaus und das Gebäude der„Dolksstimme" in die Luft gesprengt. Es ist die Fantasie der„deutschen Front", die da am Werke ist... k§«ar keine freie Abstimmung! Bedeutsamer Bericht der. Bas er Nationalzeilung“ Der Sonderberichterstatter der Basler„National- Zeitang"(14. Januar, Rr. 21) berichtet am Sonntagmorgen seinem Blatte: Kopfschüttelnd stand man am SamStag vor dem Gebäude des Hauptbahnhof» in Saarbrücken und betrachtete sich die Maßnahmen der hohen Abstimmungskommissiou. Zwar hatte sich die Regierungskommisston endlich entschloßen, während der Ankunft der Züge mit den Abstimmungsberechtigten aus dem Reiche, den Bahnhofsplatz und die Zugangsstraßen absperren zu laßen. Wäre das nicht geschehen, so hätten wir wahrscheinlich die schönsten Unruhen erlebt, denn die Zeichen standen in de» letzten Tagen auf Sturm! Sogar die Beamten der am Bahnhofsplatz gelegenen französischen Grubendirektion, die sich in ihrer persönlichen Sicherheit bedroht sahen, intervenierten bei dem französischen Mitglied der Regierungskommisston, Minister Morize, und forderten von ihm, daß er sofort Schritte in Paris unternehme zu ihrem Schutz. Die Lage war so kritisch, daß, wie kurz gemeldet, die Kommission des Völkerbundes allen Ernstes erwogen hatte, an den Völkerbund wegen einer Vertagung der Abstimmung heranzutreten. Es erschien einigen Mitgliedern unmöglich, unter dem herrschenden Terror die Freiheit der Abstimmung zu garantieren. Am Samstag war es äußerlich ruhig. Und auch ein Wunder war über Nacht geschehen! Dieselben Leute, die in den letzten Tagen mit lärmenden Demonstrationen die Straßen unsicher machten und ihre politischen Gegner niederschlugen, di« getarut« SS. und SA. verlah in«in«r beinahe lückenlosen Uniformierung den Ordnungsdienst. Sie sperrte Straßen und Plätze ab» begrüßte die Ankommende« aus dem Reiche mit einem„Heil Hitler* und erweckte bei ihnen den Eindruck, daß hier au der Saar die Sache im Grunde bereits entschieden sei. Innerhalb der polizeilichen Absperrung wurde das Propagandamaterial der„deutschen Front* verteilt. Man muß sich fragen, ob die Herren der Abstimmungskommission, wenn sie von diesen Vorgängen überhaupt Kenntnis hatten, noch nicht auf den Gedanken gekommen waren, daß mit der Zulaffung eines derartigen, völlig überflüssigen Ordnungsdienstes nicht allein eine Partei begünstigt wurde, sondern auch eine psychologische Beeinflussung der Abstimmungsberechtigten erfolgte. Ihr Korrespondent hat eine Fahrt durchs Saargebiet gemacht, um sestzustellen, wie es aus dem L and« aussieht. Aber was kann man viel sehen an einem Tage? ES gibt Journalisten, welche, wenn sie nichts gesehen haben, behaupten, es käme auch nichts vor an Terrorakte«. Zunächst habe ich eines sestgcstellt: Auf den Plakattafeln, welche den beiden Parteien für den Abstimmungskampf zur Verfügung gestellt wurden, find die Anschläge der„deutschen Front* unversehrt, diejenigen der EinheitSsront abermeistabgerifsen. Es gibt Orte, in welchen weder Zeitungen noch Propagandamaterial der Einheitsfront oder des christlichen BolkSbundeS verteUt werden konnten, weil die Schlägerkolonnen der„deutschen Front* es mit Gewalt verhinderten... Diesem Druck der„deutschen Front* halte die andere Seite nichts entgegenzukeyen. Sie war darin ebenso ohnmächtig, wie ste in ihren Mitteln beschränkt war. Diese spielten bei der„deutschen Front* keine Rolle Sie wurde gespeist durch ein System, das mit der Saarabstimmung buchstäblich steht oder fällt: hinter ihr steht die Autorität eines diktatorischen Regime», das, wenn auch nicht wirklich und völlig, so doch nach außen hin faktisch das ganze deutsche Volk vertritt. Diese Macht soll man nickt unterschätzen. Sie verfolgte den Abstimmnngsberechtigten vis zu dem Augenblick, da-r sein Zimmer verließ, nm sich zur Ab- ftimmung zu begeben, mit ihrer Rundinnkpropaganda. Jeder war nicht nur dem Terror, sondern auch einem beinahe nervenzerrüttenden propagandistischen Trommelfeuer, dem di« EtatuS-guo-Anhänger nicht» entgegen z« fetzen hatten, auSgeliesert... Gäbe e» eine frei« Abstimmung, so stünde ei« Sieg der Statu».,«»-Anhänger nicht in Fraa«. Da aber der aewaltiae öffentliche Truck und Terror, die Sorge um die persönliche Zukunft und die Angst um das Leben den Abstimmenden nicht nur bis zum Abstimmungslokal begleitete, sondern ihn, wenn er heranstrat, sofort wieder empfing, so wird das Ergebnis des Plebiszits allein davon abhängen, wievtele Menschen es gegeben hat, die sich der Gewalt n i ch t b e u g t e n. Diese Wahl kann man nach der gewaltigen Demonstration der StatnS-auo-Anhänger am 6. Jannar als eine sehr beträchtliche schätzen... Völkerbund höre! Unbeeinflußte Abstimmung„längst in Frage gestellt“— Der braune Ordnungsdienst Basel, den. 14. Zaüuar 1835. Die Basler„R a t i o n a l»Z ei t« n g* steht sich veranlaßt, deutliche Vorwürfe an die Adreff« de» BSlkerbuudes zu richten. Das Blatt schreibt, daß der„Ordnungsdienst" der„deutschen Front*— diese verkappte SA. —„wie ein Schleier über das ganze Land gezogen* ist. „Wenn irgendwo etwas los ist, sind sie plötzlich da, geben Anordnungen, nehmen Absperrungen vor oder machen Skandal. Man glaubt", so fährt das Blatt fort,„zur Ausübung des Ordnungsdienste» seien die Poltzeikräste des Landes vorhanden. Und wir haben gehört, daß die Rcgie- rungskommisfion internationale Truppen verlangte, weil ste ihre eigenen Polizeikräfte nicht für ausreichend hielt. Hätte man einer der Parteien einen Teil der Exekutive übertragen wollen, so würde man am besten das Militär zu Hause gelaßen haben. Uebersälle aus politisch« Gegner sind an der Tagesordnung. Die Objektivität gebietet festzustellen, daß sie in der Mehrzahl der Fälle von de« Anhängern der„deutschen Front* ansgehen... In den Kreisen der internationalen Preße zeigt man ein gewiße» Erstaunen über die Duldsamkeit der Bölkerbundsregterung. Noch erstaunter ist man über die laxe Handhabung des Ordnungsdienstes. Bei den verbotenen Demoustrationen, die in ihren Auswirkungen gefährlich sein können, vergehen immer 20 bis 38 Minuten, bis stärkere Polizeikräfte erscheinen* Der Saar-Korrespondent der„National-Zeitnng* fügt hinzu, was bei der Bewertung der Resultate unbedingt zu berücksichtigen sein wird:„Ich muß wiederholen, daß nach meinen Beobachtungen die Neigung zu Ausschreitungen und auch der Terror zunimmt. Der unsichtbare Terror, durch den die Tatsache einer freien und unbeeinflußten Abstimmung längst in Frage gestellt ist, wirkt stch schon stark genug aus, und«8 kann der Völkerbuudskommisfion der Borwurf nicht erspart bleiben, daß fi« in dieser Hinsicht nicht alle» getan hat, um die Bevölkerung z« schützen." AKcs beschlagnahmt Pari», 14. Januar. ag. Wie der Agentur Havas aus Berlin berichtet wi-tz hat die deutsche Geheimpolizei am Samstagmorgen deck „Figaro* da»„Echo de Paris*, die Information", ded „Jour", den„TempS", die„Basler Nachrichten" und alle englischen Zeitungen mit Aufnahme der„Times" beschlaf namt. Br. Kön'g Bür ekel verhalf ihm zur Flucht Part», 14. Januar. ag. Der Agentur Hava» wird au» Berlin gemeldet: Au» bester Quelle verlautet, daß in Berlin beschloßen war. Dr. König verhaften zu laßen, der durch seine Schritte bet Max Braun in ein schiefes Licht geriet. Die eutiprechende Weisung traf ein, als sich Dr. König in Kaiserslautern bei Gausührer Bürckel befand, der es aus sich nahm, Dr. König entwische« zu lassen. Die Sachlage ist im Saargebiet allgemein bekannt und bestätigt nach Ansicht vieler die kürzlichen Erklärung von Max Brau».» 9 Terror überall Saarlouis, den 14. Januar. Am 12. Januar, abends 8.15 Uhr, wurde die Geichäfts- fielle der„Volksstimme" in Saarlouis durch die Polizei besetzt. Zwei Kriminalbeamte und ein Landjäger nahmen eine Hausdurchsuchung vor. die dort Anwesenden wurden auf Waffen untersucht. Bet einem Anwesenden sand man einen Schraubenzieher, den dieser, er ist Chauffeur, bei sich trug. Er wurde sofort verhaftet und aus die Wache geführt. Neber die Haussuchung und die Hintergründe erfahren wir von einem Augenzeugen folgendes: Der Zeuge kam vor bas Haus, als es von Landjägern umstellt war. Die Landjäger arbeitet«« Hand in Haud mit einer Reihe von Nazis, die vor dem Haase standen. Nazi- patrouillen käme» z« den Landjäger««nd erteilte»«h«e« Auweis»«» darüber, was weiter»« t«n sei. Die Nazis machten insbesondere die Landjäger a«s vorübergehende Personen anfmerksam«nd veranlaßte»hre Berhastung, wenn«S fick«m Politische Gegner handelte. Währenddessen kam der Kriminalkommissar Würtz vor dem Hause an und sah den Augenzeugen stehen. Er verim- lostte sofort besten Verhaftung und lieh ihn zur Wache führen. Bier Landjäger brachten ihn mit gezogenen Pistolen zur Wache. Aus»er Wache befände« sich»i«r Nationalsozialist«« die eine Liste in»er Hand hatte«. Jed^mal. w««n«i«e Person zur Wache gebracht wurde, l^-n»i« Nationalsozialisten ihr« List«« durch und gäbe« der Polizei^«««« Angaben über die Persone. Di« Polizei richtet« sich in allem nach dem was ihnen die Nazis angaben. AlS der Zeuge von dem nachkommenden Kriminalkommiffar vernommen wurde, begann dieser die Vernehmung mit den Worten: »Euch Emigrantenpack werde» wir«s sm""***0*". 3" demselben Don sprachen auch die übrigen Beamten. Das Protokoll über die Vernehmung wurden den anwesenden Nazis zur Begutachtung vorgelegt. Als sich der Vorsitzende der Sozialdemokratische« Partei von Saarlouis am Samstagabend, als er spät vom Ab- stimmungsbüro kam, zewcks Aufklärung zur Polizei begab, kam er schlecht an. Statt ihm Auskunft zu geben, fuhr ihn der Kommiffar Würtz an: „Daß Sie überhaupt«och de« Mut habe«, hierher z« kommen, das wundert mich.Ich sollte bei Ihne» eine Ha»Ss«chung vornehmen lasten. Wir könnten Sie ja auch gleich hier behalten." Besonders rigoros ging die Polizei gegen alle Emigranten vor. In den frühen Morgenstunden dran« man in di« Wohnungen dieser Leute ein und bestellte sie auf die Wache. Dabei wurde damit gedroht, man würde den einen oder den andern über die Grenze schieben. Ha«ss«ch»»ge» wurde« auch bei bene« vorgenomme«, die ihre Auto» entgegenkommenderweise zum Transport von Kranken und alte» Leute» zur Verfügung gestellt hatte». Man vernahm die Auto-Besitzer teils in den Wohnungen, teils aus der Polizeiwache, wobei man rücksichts- vorging. Man nahm nicht einmal Rücksicht auf ein« sch>v erkranke Frau, die Im Bette lag und untersuchte sogar den sie behandelten Arzt und sei» Auto auf Waffen. „UnbedntluDte“ Abstimmung I. Der in Erbach bei Hombnra wohnende Heinrich Simon, beschäftigt im Homburger Eisenwerk, war bis Samstag, de« 12. Januar, Mitglied der Einheitsfront. A» diesem Tage wurde er vormittags zur Direktion gernfe«. Dort wurde ihm vorgeworfeu, die Arbeiter des Eisenwerks hätten gedroht, alles dara» z« setzen, um Simon ans dem Werk zu entsernen. Di« Direktion lieh durchblicken, dah st« dagegen nichts mache» könne. Unter de« Druck vo» Direktion und Arbeitskollege« trat Simon aus der Einheitsfront ans«nd legte seinen Posten als Beisitzer im Wahlbüro zn Erbach nieder. II. Direktor Schmitt vom BürobedarsShanS Kardex ha« am Samstag vor der Wahl seine 166 Angestellte»«nd Arbeiter ins Bür» zusammengerufen»nd vo« ihnen»erlang«, dah sie ihm ein Formular unterschreiben, das de» Beitritt znr „deutschen Front" erklärt. Der Direktor erklärte de« Angestellten, w«r dieses Formular«ich« unterschreiben wolle, könne sich ab Montag als entlaste» betrachten. Ein Familienvater weigerte sich, das Formular zu»ater» schreiben. Er ist somit hente entlasten. III. I« Saarlouis wurde der grötzte Teil der Wahlhelfer der Einheitsfront von Landjägern und Polizei verhaftet. Obschon st« sich darauf beriefen, dah fie pünktlich am Wahltag«orgenS 8 Uhr znr Wahlhandlung erscheinen muhte«, wurden ste erst gegen 10 sreigelasten, so dah fie«lS Beisitzer»ich« mehr tätig sei« konnten. So wurden Walter Joste» am 12. Januar auf der Strahc verhaftet, znr Wach« gebracht und dar« i» wüster Weis« beschimpft. Als er erklärt«, er sei ordentliches Mitglied eines Wahlbüros«nd mühte«» 8 Uhr seine» Dienst antreten, bot ihm der Kommistar Würtz Ohrfeigen a», indem er erklärte, er würde ihm anss Maul Hanen. Daraus wurde er i» Polizeigewahrsam abgesührt. Am Wahltag um MO Uhr morgens wurde er erst entlaste». Seine Funktion als Beisitzer konnte er nicht«ehr ansübeu. Vie..irele" Abstimmung Die„Saarbrücker Zeitung" schreibt in ihrer Montag. morgen-Ausgabe: Denn daS hat der ganze Tag eindeutig bewiese«, nirgend» sah und bemerkte man noch etwa» vom Statu» quo. Er war völlig in der Versenkung verschwunden. In der Tat war bei einer Rundfahrt durch das Saar« gebiet kaum noch ein Werbeplakat der Volksfront zu sehen. Soweit sie noch vorhanden waren, hatte man ste mit Teer überschmiert. Die Plakattafeln waren meistens zerstört. In einem Orte hatte man aus der Plakattafel drei Kreuze gezimmert und dazu geschrieben: Hier ruhen Max Braun, Fritz Pfordt und Pater Dörr. Es ist von nirgendwo her gemeldet worden, daß die Polizei irgendeinen der Angreifer auf die Plakattafeln der Volksfront gefaßt Hütte. Alliiert für die „Deutscfic eifieif* Saarbr&dtcii stimmt ab An dem historischen Sonntag des 18. Januar zeigte Saarbrücken bereits seit den frühesten Morgenstunden ein völlig verändertes Bild. Die Straßen, besonders im Zentrum waren voll von Menschen, di« ihrer Wahlpflicht nachgingen. Die Stadtverwaltung legte eine größere Anzahl von Straßenbahnen ei«, die von Tausenden von Menschen besetzt waren. An den Haltestellen sah man bisweilen ein geradezu beängstigendes Gedränge. Die besonders starke Inanspruchnahme der Straßenbahnen erklärt sich damit, daß die Ab- stimmungSkommiflion mit voller Absicht die Wahlberechtigten nicht in ihren nächstliegenden Wahllokalen, sondern meistens in anderen Stadtbezirken abstimme» ließ, wobei vielfach Mitglieder ein und derselben Familie in ganz verschiedenen Bezirken abgestimmt haben. Sehr stark war auch in den Straßen der Autoverkehr. Ununterbrochen fuhren Privat- und Dienstautos. Besonders fielen die Autos des Motordienstcs der beiden Parteien auf, die die älteren Abstimmungsberechtigten sowie Kranke nach den Wahllokalen brachten. * Die Polizei befand sich in höchster Alarmbereitschaft. An den Brennpunkten der Stadt standen starke Polizeiposten, unterstützt von Landjägern, aber vielfach mit dem braunen Ordnungsdienst, der sich ganz»ssiziell als HilsSpolizei anf- spielte. Einzelne Straßen, besonders am Bahnhof» wurden mit Hilfe der braunen»Ordner" für den Autoverkehr gesperrt Die fremden Truppen standen„in Bereitschaft" in ihren Quartieren. An den polizeilichen Maßnahmen haben sie nicht teilgenommen, jedoch konnte man gelegentlich in den Straßen Lastautos mit fremden Turppen, insbesondere mit Italienern in voller kriegsmäßiger Ausrüstung sehen. Es hat den Anschein, daß diese Patrouillen in den Straßen gezeigt wurden, um radaulustige Elemente an die Anwesenheit der Truppen zu erinnern. a Im übrigen verliefen die Bormiitag»- und Mittagsstunden des historischen Sonntags, trotz der starken Erregung der letzten Tage, in absoluter Ruhe. Die Bevölkerung hat fieberhaft auf diesen Tag gewartet, der das Schicksal des Saargebietes für die nächsten Jahre besiegelt. Deshalb war der Gedanke der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung in den ersten Stunden des 13. Januar nur auf den Wahlakt selbst eingestellt. Es machte den Eindruck, als ob zunächst durch den Wahlakt selbst eine Entspannung der Gemüter nach der furchtbaren Erregung der letzten Tage eingetreten war. So schien es wenigstens! Deshalb war auch das Straßenbild des Wahlsonntags in Saarbrücken ein ganz anderes, als man es sonst an Wahltagen gewöhnt ist zu sehen. Keine Flugblätter wurden verteilt, keine Ansammlungen waren zu beobachten, keine Lastautos mit Angehörigen ber streitenden Parteien und den üblichen Plakaten, keine Rufe waren zu hören usw. * Dir einzelne» Wahllokalen waren schon früh morgens von Abstimmungsberechtigten überfüllt. Auch in dieser Tatsache offenbart sich das Bestreben zur Entspannung, nachdem seit Wochen die Wogen der Erregung einen jeden erfaßte». Die Absttmmungslokale waren manchmal so voll, daß draußen Hunderte von'Personen darauf warten mußten, den Wahlakt auSführen zu können. Verschiedentlich standen die Leute 2—8 Stunden, so groß war der Andrang. Sanitäter und Krankenschwestern sorgten dafür, daß ältere Männer und Frauen schneller abgesertigt wurden, und außerhalb der Reihe ihrer Wahlpflicht nachgehen konnten. Die übrigen warteten geduldig auf der Straße, trotz des schlechten nassen Wetters. Man hörte dabei keine laute und abfälligen Bemerkung, über die eine oder andere Partei. 4 Saarbrücken wählte in Disziplin. Die Stadt schien ruhig zu sein, aber es war für jeden Eingeweihten, für Linen jeden, der die letzten stürmische« Wochen miterlebte, klar, daß es nur eine Ruhe vor einem Sturme war. Schon in den Abendstunden konnte man» eine gewisse Erregung in der Stadt beobachten und bei den heimtückischen Plänen, die man in ber„deutschen Front" hegt, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß der Sturm in allernächster Zeit, vielleicht in den nächsten Stunden auSbricht. Nicht umsonst haben die braunen Gewerkschaften am Dienstag, unabhängig von dem AuSgang der Abstimmung, zum allgemeinen Streik aufgerufen. An diesem Tage wollen die Braunen ihre Massen auf den Straßen haben... Die Urnen In der Wartburg Transport unter militärischer Begleitung— große Ansammlungen In den Abendstunden de« Sonntag sammelten sich tau- sende Neugierige in der Nähe des Evangelischen Berein»- hauseS„Wartburg", in das die Urnen mit den Stimmzetteln au» dem ganzen Saargeblet gebracht werben. Infolge ber großen Absperrungen konnten die Menschcnmassen nur von weitem dem Transport der Urnen zusehen. Die Wahlurnen kamen zunächst au» Saarbrücken. Der Transport aus dem Lande bauerte bis in dl« frühen Morgenstunden. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. DaS Publikum verlief sich zwischen 1V und 11 Uhr und gegen Mitternacht lag die Stadt Saarbrücken still in ihrem Schneegewand, auf das neue Flocke» fielen. Der ir Januar In Deutschland Berlin, den 18. Jan. Der historische Sonntag de» 18. Januar verlief im Dritten Reich" ohne besondere Kundgebung ES fanden weder Demonstrationen noch Versammlungen statt. ES wurden auch keine programmatischen Reden gehalten, geflaggt wurde ebenfalls nicht. Die großen Feierlichkeiten finden im ganzen Reiche erst am TienStag den 15. Januar statt, nach Bekanntgabe des ALstlmmungScrgebniffes. Hier, wie in ganz Deutschland, ist die Bevölkerung durch die verlogene Propaganda fest davon überzeugt, daß die Abstimmung ein gewaltiger Triumph für Hitler sein wird. Außer einigen wenigen >•* Gut andcn und liium'naKonMämpdicn In der Stadt Saarbrücken, in jeder Kleinstadt, auf nahe»» allen Dörfern des Saargebietes— überall war man dem Kommando der Braunen Front gefolgt. Statt der verbotenen Fahnen mußten die Häuser mit Guirlande« aus Tannengrün geschmückt werden, und damit wenigstens etwas weithin sichtbar heraushänge, hatte man Tannen und Fichten mit einem Wedel an der Spitze neben zahlreichen Fahnenstangen quer über die Fenster gelegt. Das sah nun unfreiwillig komisch auö: man mußte, besonders in der Dämmerstunde, an Pudelschwänze denken. Dies« Dekoration wurde ergänzt durch Tannenkränze mit wehende» weißen Bändchen— alles fix und fertig und selbstverständlich gratis von der„deutschen Front" und ihren Blockwarte« geliefert. Abends begann die große Illumination. Lange Straßenzüge prangten im Lichterschmuck. Au» verschiedene» Orten wird uns jedoch berichtet, daß, freilich aus eigenen Mitteln, auch die Anhänger des Status quo ihre Häuser und Fensterreihen genau so ausschmückten wie die Anhänger Hitlers. Diese wurden dadurch ganz verwirrt und konnten sich über diese Kühnheit ihrer Gegner, gleichfalls für ihren Sieg zu demonstriere», nicht genug wundern. * Wieviel Terror und wieviel Unwahrhastigkeit hinter diesen grünen und leuchtenden Demonstrationen der Braun« front steckt,, dafür ist immer wieder die Hauptstraße Saarbrückens, die Bahnhofstraße, ein bezeichnend«» Beispiel. Selbst die jüdischen Geschäfte, deren Inhaber bestimmt nicht ihr Kreuzchen ins dritte Feld gemacht habe«, schmückten ihre Läden und ließen ihre Flammenreih«« aufleuchten, wie die andern auch! Ein Deutschfrontler bemerkte — dies mag als bezeichnendes Beispiel für dieses erzwun- geneHeuchelspiel gelten— daß das Herrenmodehaus vo« Bamberger und Hertz keinerlei Schmuck trug.„Aber die verkaufen ja aus," sagte sein Begleiter,„allerdings, der hats ja nicht mehr nötig," war die schlagende und vielsagende Antwort. DaS angeblich gut katholische Kaufhaus von Gebrüder Sinn hatte seinen Hakenkreuzsreunden eine besonders aparte Ueberraschung bereitet. ES stellte i« einem seiner Schaufenster eine Reihe von Jungen» und Mädels auf— alle trugen ste eine forsche Fahnenstange mit goldener Spitze in der Hand, kriegerisch und anfmunternd, damit sich jeder da» Krummkreu» im Geist dazu denke. -» Auf einer der großen Nebenstraßen sah man in einem großen Schaufenster die lügenhaften fetten Schlagzeilen der Saarbrücker gleichgeschalteten Preffe„Max Braun und Fritz Pfordt aus der Flucht",«Der Möbelwagen vor dem Hause der Bolksstimme" und anderes mehr. Der gute Ladeninhaber hatte in seiner Begeisterung nicht daran gedacht, daß unmittelbar an der anderen Straßenecke der Buchladen der„Volksstimme" hellerleuchtet wie iiümer seine Auslagen und die antihitlerische Press? nebesi den Bildern von der Kundgebung am Kiefelhume» zeigte. Das wstr selbst anscheinend einigen BraunfrontlerN zu bunt. * In den späten Abendstunden, als sich gewaltige Mafien in den Straßen drängten, suchten wir vergeben» nach fiege»- gcwiffen Gesichtern der Hitlcranhänger. Es war eine gedrückte und nervöse Stimmung unter ihnen. Rur selten hörte man einen Zuruf. Die Autos des braunen „M o t o r d i e n st e S" rasten vorbei, um die letzten Säumige» zum AbstimmungSlokal zu bringen. Freilich, nicht immer geschah es mit dem erhofften Erfolge. In überaus zahlreichen Fällen haben sie überzeugte Anhänger des Status quo auf bequeme Weise zur Erfüllung ihrer Wahlpflicht angehalten. Dcmons'ra'ioii Am Sonntagabend kam es auf der Bahnhofstraße zu Kundgebungen. Anhänger der Volksfront vereinigten sich zu einem Zuge, der in kurzer Zeit einige hundert Menschen umfaßte. Auf ihren Gesang hin kam die Polizei, die die Demonstranten auseinandertrieb. eingeweihten Personen ist man im»Dritten Reich" davon überzeugt, daß für die Rückgliederung mindestens 05 Prozent stimme» werden. Umso größer wird die Ueberraschung und Enttäuschung sei», wenn die GoebbelS-Preffe gezwungen sein wird, zu berichten, daß für den Status quo nicht nur ein Häuflein von Separatisten und Verrätern" gestimmt hat. Wie wir hören, ist der Preffe vom Propagandaministerium gestern eine Anweisung zugegangen, wonach die Blätter sich mit der Zahl der Stimmen, die für den Status quo abgegeben wurden, überhaupt nicht beschäftigen sollen, sondern aufgrund- einer einfachen Mehrheit von einem„Sieg" schreiben«nd die ungeteilte Rückgliederung verlangen sollten. Biel beachtet wird die Tatsache, daß entgegen den allgemeinen Erwartungen Hitler am Samstag zu „seinem Saarvolk" nicht gesprochen hat. In diesem Zusammenhang schwirrten in der Stadt die fantastischsten Gerücht«. Doch wird wohl richtig die Annahme sein, daß Hitler seine Person nicht mit ber Abstimmung in Verbindung bringen wollte, nachdem es so gut wie sicher steht, daß ein bedeutender Prozentsatz für den Status quo stimmen wird. Die Person Hitlers soll möglichst durch das Abstimmungsergebnis nicht kompromittiert werden. Das Ausbleiben eines Triumphes soll al» Ergebnis des„Terrors"-er„Emigranten und Separatisten" hingestellt werden und man wir- alle Propagandahebel If Bewegung setzen, damit da» Volk da» Abstimmungsergebnis nicht als eine moralische Niederlage Hitlers wertet. Abdr allmählich wir- die Wahrheit dock durchsickern und das Regime weiter erschüttern. Immer nodi Judenverfolgungen Berlin, 10 Januar. DaS„Allgäuer Tageblatts Kempten, meldet aus Mem- wingent „Der Bevölkerung Memmingens hatte sich eine große Erregung bemächtigt, als bas noch nach-er Machtübernahme gegen bie Bewegung gerichtete unglaubliche Verhalten des jüdischen Geschäftsführers bei Wohlwert, Johann Georg Meyer, bekannt wurde. Abends sammelte sich ein« Menge non etwa 300 Personen vor dem jüdischen Warenhaus an. Die Menge gab ihrer Entrüstung über die Anwesenheit dieses Juden in einer Stadt, bie als Hochburg der Bewegung bekannt ist, stürmischen Ausdruck. Der Jude Meyer mußte schließlich zu seinem persönlichen Schutze in Polizeigewahrsam gebracht werden." Hltlerdeufsclie Greuel Die Broschüre„Eine Antwort aus die Greuel, und Boykott, hetze der Juden im Ausland" vor Gericht I» Frankfurt a. M. wurde, wie früher ausführlich berichtet, in den letzten Wochen eine Broschüre mit-em Titel verbreitet:„Eine Antwort auf die Greuel- und Boykotthetze der Juden im Ausland". In ihr ist auch eine Anzahl Namen von Personen enthalten, die irrtümlich als Juden bezeichnet wurden. Zum Teil wurden diese Namen schon im„Frankfurter Bolksblatt" öffentlich berichtigt. Es wurden aber auch einstweilige Verfügungen erlassen, die den Herausgebern die Weiterverbreitung der Broschüre untersagen, bis eine Richtigstellung erfolgt sei. So batte stch dieser Tage das Frankfurter Landgericht mit einem Antrag des Professors St. zu beschäftigen, d e r, o bwohl Arier, ebenfalls in die Broschüre ausgenommen worden war. Es kam ein Vergleich zustande, in-em sich der Herausgeber der Broschüre und der Drucker verpflichten, die Verbreitung der Broschüre solange zu unterlassen, bis der Name des Antragstellers entfernt ist. Für jeden Fall der Zuwiderhandlung wurde eine Buße von RM. 100, die an das Winterhilfswerk gezahlt werden soll, festgesetzt. Die Kosten des Verfahrens haben die Herausgeber der Broschüre übernommen. Außerdem soll eine Berichtigung bis zum 20. Januar im„Frankfurter Bolksblatt" erscheinen. „Zegen der ifleinllerzudit“ Harte Zuchthausstrafen für illegale Kommunisten Das Hanseatische Sonüergericht verurteilte eine Gruppe von 11 Kommunisten wegen Borbereituna zum Hochverrat zu Zuchthausstrafen bis zu 6 Jahren. Der Hauptangeklagte war ein schwedischer Kommunist, der auf schwedischen Schiffen kommunistisches Propagandamaterial zusammen mit einem gleichfalls verurteilten finnischen Kommunisten einzuschmuggeln versucht hatte. Die kommunistischen Schriften waren mit den harmlosen Aufschriften„Des Knaben Wunberhorn" und„Der Segen der Kleintierzucht" getarnt. Ein ebenfalls verurteilter Kommunist hatte versucht, in einem ostpreußischen Arbeitslager eine KPA>.» Zelle zu bilden. Rcldiswchr- Diktator- Katholische Klrchcniflrstcn Wie verschieden sic im„drillen Reich“ behänden werden Am 80. Juni find ReichSwehrgenerale und Katholikenführer ermordet worden. Beide vollkommen Unschuldig. Ihre Mörder vollzogen die Schandtat unter dem Rufe„Heil Hitler!" Es steht fest, daß nicht nnr die Familie Schleicher und die nächsten Freunde der ermordeten Generale von Schleicher und von Bredow stch immer wieder für die Ehre ihrer gemeuchelten Kameraden eingesetzt haben, sondern-atz auch zahlreiche andere Reichswehroffiziere den Reichskanzler immer wieder drängten, die ermordeten Generale zu rehabilitieren. Es ist stcher, daß der Reichskanzler, allerdings unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, diesen Reichswehroffiziere» die Erklärung abgegeben hat:„Jawohl, ste waren«»schuldig, fie waren weder Hoch- noch Landesverräter, heute bi« ich davon überzeugt." Die Reichswehr wagt solche Vorstöße, so schwach ste sei« mögen, gegen den Diktator, der alles andere als allmächtig ist. Man muß sich nun fragen: Und was wagen die katholischen Bischöfe? Sie find so eingeschüchtert, daß»och nicht ein einziger Protest von ihnen gegen die Ermordung der Katholikenführer in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Im Gegenteil, sie begeben sich mehr und mehr in bie unwürdige Rolle von Propagandisten des„dritten Reiches", und diese Rolle ist für den Katholizismus umso bedenklicher» als mehr und mehr deutlich wird, daß die hochwürdigsten Bischöfe sich fast willenlos Druck der Propaganbamaschine des„dritten Reiches" fügen. So brachte einen Tag vor der Saarabstimmung die aus dem Korruptionsfonds des„dritten Reichs" gespeiste Saarbrücker„Landeszeitung" folgenden Brief des Bischof von Trier: „Der Sonderberichterstatter des„Petit Journal" in Rom meldet zur Unterredung Lavals mit dem Papst, die Kirche sei bekanntlich entschlosien, bei der Saaravstimmung stch streng neutral zu verhalten. Da die französische Regie rung beabsichtige, nichts zu unternehmen, was irgendwie die Entschließung der Wähler beeinfluffen könne, habe Laval bei seiner Unterredung die Saarsrage nicht angeschnitten. Aber aus sicherer Quelle wisse man, datz der Papst von sich aus dem französischen Außenminister erklärt habe, daß die Bischöfe von Trier und Speyer durch die Anordnung, für das deutsche Vaterland zu beten, das Ergebnis der Saarabstimmung präjudiziert hätten und einen Tadel erhalten würden. Es handelt sich also nicht um das Ergebnis einer Einmischung der französischen Regierung beim Vatikan, die deplaciert gewesen wäre, sondern um den spontanen Akt der päpstlichen Regierung, die entschlossen sei, die in Frage kommenden Bischöfe zur strengsten Neutralität anzuhalten. Zu dieser Meldung des„Petit Journal" gibt daß Auswärtige Amt Berlin unter dem 10. Januar 1035 folgende Drahtmeldunq besDeutschenBotschafters beim Vatikan, Herrn van Bergen, de» Bischöfen von Trier und Speyer bekannt:„Die Meldung des„Petit Journal" frei erfunden. Ich darf anregen,-den Bischöfen von Trier und Spever nahezulegen, öffentlich zu erklären, daß alle Gerüchte über Mißbilligung ihres Verhaltens in der Saarirage durch den Hl. Stuhl den Tatsachen nicht entsprechen." Ich übergebe diese Mitteilung hiermit-er Oeffentlichkeit. Es erübrigt sich, ein Wort hinzuzufügen. Trier, den 11. Januar 1935. gez. Franz Rudolf, Bischof von Trier. Man sieht: Nicht etwa der Papst läßt durch seine Presse dementieren, sondern der deutsche Botschafter beim Vatikan drahtet dem Auswärtigen Amt und dieses„legt bann nahe". Diesem„Nahelegen" kann der Bischof von Trier unmöglich widerstehen. Er schreibt einen Brief. Was aber wirklich zwischen den deutschen Bischöfen und dem Vatikan in der Saarfrage vorgegangen ist, dazu schweigt der hochwürdigste Herr Bischof von Trier. Darüber zu schreiben, ist ihm eben aus Berlin nicht„nahegelegt" worden. '.Sozialismus der Tat“ Ein Sack Kartoffeln für Vierlinge Mit jedem Tage nimmt der„Sozialismus" im Reiche zu. So liest man jetzt in badischen Zeit;«gen unter der Ueber- schrfft„Sozialismus der Tat": „Der Geist nationalsozialistischer Weltanschauung bestimmt in immer klarer und breiter werdenden Umrissen die Taten der deutschen Volksgenossen. Jeder Tag bietet Gelegenheit, sich für die Volksgemeinschaft einzusetzen. Es ist erheben-, zu wissen, daß sich die gewiß nicht mit irdischen Glücksgütern gesegneten Volksgenossen in einem Matze an den Spenden beteiligen, datz hierin das wahre.O p f e r zu erblicken ist. Anlässe zu hilfsbereiter Tat gibt es wohl überall und immer. So hat die Geburt'der Vierlinge in Konstanz ein erfreuliches Echo der VölkSverbundenheit ausgelöst. Wir haben bereits berichtet, daß Angebinde mancherlei Art zur Familie des Postschaffners Adolf Schwarz für Mutter und Kinder gelangt sind. Bon der Patenschaft, die unser Oberbürgermeister für die Stadt über die vier Mädchen übernommen hat und den an diese Patenschaft geknüpften Spenden, berichtete« wir gestern. Heute wird bekannt, daß sogar aus Aach(Amt Engen) eine Spende bei der Familie Schwarz eingetrosfen ist: Die Bertriebsstelle der„Bodensee- Rundschau" in Aach hat einen Sack Kartoffeln geschickt." Wer wird nun noch an dem Gedeihen der Vierling« und an-em sozialistischen Glück der Mutter zweifeln? Kür den Gefamilnhalt verantwortlich: Johann Pitz in Dud» weiler: für Inserate: Ctto Nuhn tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volkdsttmme GmbH, Saarbrücken 3. Schützen st raße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. ög Gestern noch wurden die Siege der Arbeitsschlacht stolz verkündet, und heute wächst die Arbeitslosigkeit. Fragen über Fragen wirft die Wirtschaftspolitik Adolf Hitlers auf. Sie ist ein Kampf, dessen Erfolg die wenigsten klar sehen,— ein Kampf, der über das tägliche Brot des deutschen Volkes entscheidet. Und zugleich über die Dauer des Hitler-Regimes mitentscheidet. Warum Arbeitsbeschaffung? Wem soll die Wirtschaft dienen? Ist Hitler Freund der Bauern? Das Geheimnis der Arbeitsbeschaffungenwechsel? Warum ist die Währung fest? Zwangswirtschaft oder Planwirtschaft? Was hat Schacht geleistet? Gibt es Auswege aus der heutigen Wirtschaftslage? Rettet der Erfindergeist Hitler? Was sind Kompensationsgeschäft*»’ Wohin muß der Weg Hitlers führen? Ueber all diese Fragen, die jeden angehen, gibt die Schrift, die jeden interessieren wird, eine Auskunft, die jeden überzeugen muß: Erhältlich in den Preis 3,. Fr. VON DR. NORBERT MÜHLEN Buchhandlungen der Volksstimme GmbH., S5I; Pariser Hypothesen „Man rechnet mil blutigen VergelfungsaKten..."- Die Saarländer entscheiden auch aber die nächste Zuhunil des..dritten Reiches“ Paris, 13. Januar 1935. lBo«-Fer-m.Korrespondenten.« ^)ie Sonntagsblätter veröffentlichen fast sämtlich' bemerkenswerte Berichte von den letzten Phasen des A b- stimmungSkamves. Sie geben Darstellungen von Terrorakten, mit denen die Hitleriront das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen versuchte und auch beeinflußt hat. Darin sind sich alle französischen Zeitungen von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken einig, daß man von einem freien und unbeeinflußten Abstimmungsergebnis unter keinen Umständen sprechen kann, und es ist bezeichnend, baß gerade der Saarbrücker Sonderberichterstatter des angesehenen„P et it-Parisien", eines Blattes, das bekanntlich dem französischen Außenministerium nahesteht, seinen Saarbericht mir den Worten schließt: „Wahrscheinlich wird die Abstimmungskommisfion in ihrem Bericht an den Völkerbund aus die Manöver der„deutschen Krönt" zur Beeinslnssung der Saarabstimmung Hinweisen und»erlangen, daß man dieseTatsache bei der Entscheidung berücksichtigt." Zahlreiche Zeitungen berichten davon, wie man versucht hat. die abstimmungsberechtigten Juden von der Wahlurne fernzuhalten. Der„Populaire" versichert, aus ganz zuverlässiger Quelle zu wissen, daß braune Rollkommandos aus dem Reiche, die sich illegal an der Saar aushielten, Autodafes von roten Kähnen, Uebersälle aus Häuser, in denen bekannte StatuS-guo-Anhänger wohnten und blutige Vergeltungsakte gegen die Bor.kämvier für den Status auo kür die nächsten Tage vorbereitete n. Diese Rollkommandos hätten ihre Basis in Zweibrücken. Die Saarländer ständen unter einem solchen Terror, so berichten zahlreiche französische Sonderkorrespondenten in ihren Blättern, daß nur wenige sich offen äußerten. Abgesehen aber von dem Terror, müsse man auch gewisse andere Imponderabilien in Rechnung ziehen, von denen Seite» v iS v e T a b o u i s. die den„Oeuvre" an der Saar vertritt, den Lesern dieses Blattes erzählt: „Sie habe mit einigen katholischen Mi s s i o n a r e n gesprochen, deren einer sogar aus Patagonien gekommen sei. nm an der Abstimmung teilzunehmen. Diese Missionare hätten gesagt, sie könnten schon deshalb nicht kür den Status quo stimmen, well, wenn dieser zuviel Stimmen ans sich vereinen würde, z« fürchten sei, daß die in Deutschland lebenden Katholiken darunter zu leiden hätten... Sehr wesentlich und bedeutungsvoll erscheinen die Ausführungen, die einer der bedeutendsten französischen Journalisten, Wladimir d'O r m 4 sson im„T e m p s" macht. Er sagt unter anderem: Am 18. Januar spiele das Hitler- regime um die Entscheidung, bei der es seinen Kops einsetze. Die inneren Verhältnisse im„dritten Reich", Unruhe und Ungewißheit, die dort herrschten, die unterirdischen Jntriguön, hätten eine Situation geschaffen, die durch eine Verschiebung von einigen tausend Stimmen in diesem oder jenem Sinne eine entscheidende Aenderuna erfahren könne. Drei Möglichkeiten seien vorhanden. Tie Abstimmung könne für Hitler; einen großen Erfolg bedeuten, eine Schlappe oder eine völlige Niederlage Zum Erfolge brauche er wenigstens 85 bis 9t) Prozent der Stimme». Eine Schlappe sei es, wenn feine Majorität nur über 75 bis 80 Prozent der Stimmen verfüge. Eine völlige Niederlage aber sei es, wenn er nickt einmal 75 Prozent erreiche. D'Ormeffon betont, daß er das nicht so ohne weiteres hinschreibe, er habe diese Zahlen im März 1934 von vle Zodithaasmasdilnc Die braune Presse berichtet Berlin, 14. Januar. Der zweite Senat des Volksgerichtshof fällte nach dreitägiger Verhandlung das Urteil gege- ndie Mitglieder der angeblich kommunistischen Paßsälscher-Zentrale Deutschlands. BiS aus die beiden iveiblichen Mitangeklagten, gegen die das Verfahren aus Grund der Amnestie eingestellt wurde, sprach das Gericht sie der Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit schwerer Urkundenfälschung für schuldig und verurteilte sie zu hohen Z» ch t h a u s st r a s c n. Im einzelnen erhielten der 37jährige Richard Grobkops und der 82jäbrigc Karl Wiehn je neu Jahre, der 37jährige Paul Eggert und der 49jährige Walter Benzmann je acht Jahre Zuchthaus. Auf diese Strafen wird die Untersuchungshaft mit 12 bis zu 29 Monaten angerechnet. Die Beweisaufnahme habe, so führte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung aus, mit voller Sicherheit ergeben, daß die fünf männlichen Angeklagten in vollem Bewußtsein ihrer strafbaren Tätigkeit im Dienste der Roten Paßfälscher-Zentrale gearbeitet hätten. Schultz sei vom Jahre 1932 bis mindestens zum Jahre 1929 der Lieferant der Klischees und Stempeln gewesen. * Darmstadt, den 14. Januar 1985. Vor dem Strafsenat des Oberlandesgerichts hatten sich am Freitag und Samstag zwanzig Angeklagte aus Darmstadt wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu verantworten. Es handelt sich größtenteils um frühere Kommunisten zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, die versucht hatten, die Kommunistische Partei aufrechtzuerhalten. Zu. diesem Zwecke hatten sie sich in Gruppen organisiert und illegale Flugblätter gegen Entgelt bezogen sowie Beiträge abgeliefert. Wie der Vorsitzende in der Urteilsbegründung aussührt, mußte gegen einige sehr streng vorgegangen werden, weil sie intelligent seien und politische Schulung besäßen, dagegen kam als strafmildernd bei anderen in Betracht, daß sie durch langjährige Arbeitslosigkeit und Not den Einflüsterungen leichter zugänglich gewesen seien. Neun Angeklagte erhielten Zuchthausstrafen zwischen fünf und zwei Jahren sowie vier bis fünf Jahre Ehrverlust, zehn Angeklagte Gefängnisstrafen von zwei Jahren bis zu sechs Moyaten. Ein Angeklagter wurde mangels Beweises sreigesproche«. München, den 13., Januar 1935. Das Oberste Landesgericht München verurteilte sechs Kommunisten aus München und Hausham zu Zuchthausstrafen von zwei bis vier Jahren wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens. Gleichzeitig wurden den Verurteilten die bürgerlichen Ehrenrechte auf.fünf Jahre aberkannt. Der Hauptangeklagte, der 2 4jährige Heinrich Reiser aus München, batte die Einführung von kommu- rristischem Agitation-material aus der Tschechoslowakei vorbereitet und organisiert und für diesen Zweck seine fünf einem Hitleranhänger erhallen. Dieser sei natürlich sicher gewesen, daß die Majorität für Deutschland mindestens 85 Prozent betragen würde. Tann säße Hitler zumindest wieder für ein Jahr sicher im Sattel und hätte sein Ansehen bei den Massen ebenso wie seine Autorität bei seinen bürgerlichen und militärischen Mitarbeitern wiedererlangt.' Zu neuen Metzeleien hätte er die Hände frei, um sich gegen die ihn bedrohenden Intrigen zu behaupten. Ein neuer 89. Juni innerhalb eines Zeitraumes von sechs Wochen wäre die Folge eines Hitlertriumphs am 18. Januar, und die religiösen Verfolgungen würden daun von neuem beginnen. Würde Hitler aber eine Niederlage erleiden, das heiße, seien mehr als 25 Prozent für den Status auo, dann ginge e s m i t Hitler zu Ende. Wladimir d'Ormesion schließt mit den Worten, in den Händen der Saarwähler, ruhe.'.nicht nur die. Entscheidung über das Schicksal eines Mannes, sonder« auch die über ein Regime, ein Svstem, einen sozialen und- relr- giöscn Vorgang, in wenigen Worten, die Entscheidung über eine Kultur. Die französische Grenzsperre Alle Visa für Saarländer zunächst ungültig Die Regierungskommission des Saargebietes, Direktion des Innern, veröffentlicht folgende Notiz: Nachdem von der Rcgierungskommission für alle Perso? nen, die sich in das Saargebiet begeben wollen, die vorherige Einholung einer Einreisegenehmigung zur Pflicht gemacht wurde, hat die französische Regierung beschlossen, daß ab 13. Januar 1935, nachmittags 3 Uhr ssaarlän- dische Zeit) die Inhaber von saarländischen Reisepässen für deutsche Staatsangehörige zur Ueberschreitung der Grenze im Besitze eines besonderen Visums sein müffen. Infolge dieser Maßnahme sind sämtliche von der Regierungskommission erteilten Einreisegenehmigungen für Frankreich ungeachtet ihrer Geltungsdauer hinfällig und müssen durch ein Visum,des französischen Konsulats ersetzt werden/ Jeder Saareinwohner. der sich nach Frankreich begeben will, ist daher verpflichtet, sich in seinen saarländischen Reisen paß jroter Personalausweis genügt nicht) e i n Visum bei dem französischen Konsulat eintragen zu lassen. Jede Person, die die Grenze ohne dieses Visum zu überschreiten versucht, setzt sich der Gefahr einer Zurückweisung aus. Entsprechende Formulare zur Beantwortung des Bi- si.ms können von den Interessenten in Saarbrücken bei -er Direktion des Innern. V e r k e h r s a b t e i- ?">d iür das übrige Taargebiet bei den Bürgermeisterämtern in Empfang genommen werden. Die Formulare müssen in doppelter Ausfertigung vorgesegt. ixerbxn,. Weitere Auskünfte erteilt das:F.ran zös^sche^Kor^susgt, Saarbrücken, Triller weg 6. Die augenblicklich in Kraft befindliche Reglung für Grenzkarten wird durch diese BeskMmnnZi'ü"Zek^srättMlschen Regierung nicht berührt. Mitglieder angeworben; Reiser setzte sich mit einem in die Tschechoslowakei geflüchteten Emigranten, dem 82j8tzr»- gen Karl Bartz. in Verbindung. Bei einer Zusammenkunft vereinbarten die beiden alles Nähere wegen der Abnahme und Verbreitung der Flugblätter und Broschüren. Der Plan mißlang. Bei dem ersten Versuch, etwa, zweitausend kommunistische Broschüren und Flugblätter über die tschechische Grenze zu schmuggeln, wurde« die sechs Hochverräter gefaßt. ..Da kommt ein großer Hund...“ Berliner Edelhumor In der„Deutschen Front" liest man folgenden Bericht aus Berlin: „Der von den Rodelschlittenbesitzern und von den Skiläufern langersehnte Schnee wirbelte Sonntag vormittag mächtig in dichten Flocken aus ganz Berlin herunter. In II Januar 1935 Von FritzHo c f 15. Januar. Morgens halb zehn. Heut wollen die Stunden nicht vergehn. Der Kumpel im Ruhrschacht fragt den Steiger: „Noch kein Ergebenis?" Es kriecht der Zeiger Der Uhr im langsamen Kreise herum. Der Steiger schüttelt den Kops, bleibt stumm. Der ganze Schacht fiebert: Wie stimmte die Saar? Komm' das Signal? Ist es wahr, ist es wahr....? Hat er begrissen, der Saorprolet, Daß es um«ns, seine Brüder, geht? 15. Januar. Morgens halb zehn. Der eine Arbeitslose bleibt stehn: „Die Glocken läuten nicht! Mensch, die Genoflea Im Saargebiet haben de« Ring geschloffen. Der eifer« nm Hitlers Hals sich gelegt!" Der andere nickt nnr^ stumm und bewegt. Uuö beide denken den gleichen Gedanken:. : Jetzt sollen auch bald in Deutschland die Schranken! Hat er begrissen, der Saarprolet, Daß es um uns, seine Brüder, geht? 15. Januar. Morgens halb zehn. Warum sind noch keine Fahne« zu seh«? Warum kein Jubel, kein Glockenläuten? Das hot dock irgendwas zu bedeuten? Die Menschen in Dentschland sehen sich au. Sie begreife« langsam, es weicht der Bann, Sie möchten schreien, sie wagen's nicht, Und doch steht die Frage ans jedem Gesicht: Hat er begriffe«, der Saarprolet, Daß es«m«ns, seine Brüder, geht? allen Gegenden standen gegen die Mittagszeit kleine und große Schneemänner. Tas wäre nichts besonderes und auch nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht der Berliner Humor sich auch des Schnees bedient hätte, um eine wohlgelungene Karikatur von dem berüchtigten Separatistenführer Max Braun auszubauen. Am Kurjürsten- d a m m, a» der Ecke der Augsburger Straße entstand unter den flinken Händen einiger Kinder mit Unterstützung von Erwachsenen ein dickleibiger Schneemann mit großem Kopf und abstehenden Ohren, der seine Zähne bleckt und dem die Haare, aus kleinen Hölzern hergestellt, zu Berge stehen. Eine breite rote Schärpe fchmückt die Lenden und zum Gaudium aller Passanten ziert die Brüst ein großes Schild mit der Aufschrist:„Matz Braun k g l t g e st e l l t". Noch während die kleinen Künstler uch die Hände warm reiben, kommt ein großer Hund a«gelaufen, schnuppert an dem aus EiS gestellt-« Mann einmal und noch einmal herum, verweilt kurze Zeit und s ch a r r t danu heu Schm Utz„!„« H,o h e m B o g eng egend ie Kartkatu r des Land es v er» räters. Der Berliner Humorfeierte wie» der einmal einen kleinen Triumph! Wahrhaftig: Ter Berliner Humor ist etwas Herrliches! Landflucht Trotz aller gegenteiligen Bemühungen Aus einer Ausstellung der ArbeitSgemeinschast der statistischen Aemter westdeutscher Städte ergibt sich, daß die Einwohnerzisfern der großen westdeutschen Kommunen seit dem Oktober 1933 eine ständige Zunahme verzeichnen könne«. Während Köln im Oktober 1933 eine Einwohnerzahl von 744 247 hatte, betrug sie im gleichen Monat des Jahres 1934 758 884. In Düsseldorf bezifferte sich die Zunahme in dem gleichen Zeitraum aus 8954 Einwohner, -womit die Bevölkerung von Düsseldorf aus 505 889 stieg, in Trier stieg sie von 75179 auf 78 525, in Aachen von 103 358 auf 183 770, in Neuß von 56 659 aus 57144, in Essen von 653 955 auf 657278, in Dortmund von 529597 aus 541 026, in Duisburg-Hamborn von 434 116 auf 440249, in Bochum von 311668 auf 318419, in Krefeld- Uerdingen von 165 905 aus 166 468, in Mülheim- Ruhr von 132 803 aus 134 010, in Bonn von 91385 auf 99185: Es gibt allerdings auch einzelne Städte in West- . deutschland, deren BevölkerungSzisfer in der Bergleichszeit etwas zurückgegangen ist, doch ist ihre Zahl außerordentlich gering. So hat z. B. Wanne-Eickel einen Rück""«- der Be- .völkerungszahl von 92 154 auf 91 522 u.nd,-G''f on 882 855 aus 330 695 zu verzeichnen. Volle Entrechtung der Nazl-Arbeltcrsdiait Die NSDO.-Zellen haben nichts zu sagen Berlin, 11. Januar.. Es ist sehr erfreulich: daß die braune Preffe heute, also 2 Tage vor der Abstimmung, an versteckter Stelle die Erklärung des Vorsitzenden des Obersten Ehrengerichts des Reichsstandes des deutschen Handels, Landgerichtsrat Rohlfing, über die rechtliche Stellung der NSBO- Angehörigen bringt. Diese Erklärung einer für.-Streitigkeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer maßgebenden sönlichkeit zeigt mit aller Deutlichkeit, daß die rPe.Buml die nach den Erklärungen der nationalsozialistischen Führer vor der Machtergreifung angeblich die Keimzelle für den sozialistischen Aufbau sei« sollte, praktisch nichts mehr zu sagen hat. Nicht umsonst hat vor einigen Monaten der frühere Führer der Berliner NTBO-Zelle«, Engels, seinen Posten niedergelcgt, nachdem er erkannt hat, daß er In seinem ehrlichen Glauben an de« Hitlersozialismus schmählich betrogen wurde. Landgerichtsrat Rohlfing hat die Erklärung abgegeben.. daß die NSBO. in den Betrieben nur politische und keine wirtschastlichen Ausgaben habe. Auf deutsch bedeutet das, die NSBO.-Angehörigen kritiklos die Anordnungen der Partei an die Belegschaft weitergebeu müssen, daß sie die Belegschaft zur Teilnahme an den verschiedenen Kundgebungen zwingen sollen, daß sie die zahlreichen Lohnabzüge unterstützen, die Belegschaft zum Gehorsam gegenüber dem Unternehmer, der heute„Betriebsführer" heißt, erziehen müssen, im übrigen aber in Lohnsrage« bas Maul halten müffen. Die NSBO., die früher also den sozialistischen Auf- . bau bewerkstelligen sollte, ist in Wirklichkeit heute zur Nolle eines Betriebsgendarmen herabgedrückt worden. LandgerichtSrat Rohlfing hat in seiner Erklärung auch noch ausdrücklich betont, daß aus der Zugehörigkeit zur NS.-Betriebszelle noch kein besonderer Kündigungsschutz folge. Auf deutsch heißt das, baß, wen« ausnahmsweise den Kreaturen in den NSBO.-Zellen die Galle überläuft, und sie die Arbeiterschaft zum Widerstand gegen besonders scharfmacherische Beschlüsse des Unternehmers ausfordern, dieser sie im Bogen aus dem Betriebe herausschmeißen kann. So sieht also der Sozialismus in de« Betriebe« beS „drittem Reichs" aus! Selbst die RSBO. hat nichts mehr zu sagen, Unumschränkt regiert der Unternehmer, aber in Versammlungen und am Radio wird zur Verdummung der Bolksmage« gepredigt:„Gemeinutz geht vor Eigennutz." i Hier hi HurMMHM Mr« iS Mwtag, tSL Januar KS Völker in Sturmzeiten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers Der Freiheitskämpfer Ludwig Börne Aus seinen„Pariser Briefen" vor hundert Jahren Za den großen Freiheitskämpfern des 19 Jahrhunderts gehört Lodwig Börne. Liest man in seinen Schriften, so begreift man nicht, weshalb er heute an den Halbvergessenen gehört. In seinem Bekenntnis st» der Menschheit ewigen Dingen lodert das Feuer des Gerechtigkeitswillens— in einem Stile, an dem sich in den vierziger und fünfziger Jahren eine Generation von Journalisten schulte. Es fehlte ihm die Skepsis und die Ironie seines Zeitgenossen Heinrich Heine. Dafür konnte er das Gehle und Rückständige noch viel tiefe« hassen* das Gate and das Echte noch viel stärker lieben als er. Börnes«Pariser Briefe** wurden vom September 1830 bis Mai 1833 geschrieben. Er war nach Paris iw den Monaten nach der Juli Revolution gekommen. Der Nachhall dieser Kämpfe ist in seinen Briefen nodi ganz lebendig. Darüber hinaus sind wir auch heute noch gefesselt von der Darstellungskraft eines Menschen und Cbsrakters* dem Kunst nur als Mittel zum Zweck galt: Zum Kampf für Freiheit and Wahrhaftigkeit. „Aber lesen Sie ihn nicht"... Paris, Donnerstag, den 3. März 1831. Das Kind Amor fürchte si«h vor baumwollenen Nachtmützen und ungewaschenen Morgenhauben; bei den Weibern nehme mit der Liebe die Sorge für ihren Putz ab. Er gibt uns ’iogeo Leuten die Lehre:«Jeunes gens, mefiez-vous de votre maitresse, lorsque vous la verrez venir en papillotes au rendez-vous que vous lui auriez donne.“ Kock ist die Wonne der Pariser Nähmädchen; auch ist das Papier ganz weich von den vielen Händen und Tränen, und kein Band in der Leihbibliothek, in dem nicht einige Blätter fehlten. Was der Mann aber auch schlau ist, und wie er sich bei allen beliebt zu machen weiß! Den Liebenden und jungen Leuten überhaupt gibt er immer Recht gegen die Eltern und Alten; aber mit den letzteren verdirbt er es darum doch nicht. Jungen Mädchen gibt er, was sie verlangen, und wiegt ihnen gut; aber wenn er die Ware abliefert, wickelt er sie in ein Blatt Moral, das die Kinder mit nach Hanse nehmen und woran sich die Mütter erquicken. In Zeichnung komischer Charaktere hat Kock viele Fertigkeit. Welche himmlische Späßel und man kann ohne Furcht zu ersticken nach Herzenslust dabei lachen. Denn sie gleichen nicht Scribes und Jodys Epigrammen, bei welchen man nur lächeln darf, weil sie einem leicht, wie Fischgräten, im Haise stecken bleiben. Kurz, mein Paul de Kock ist ein prächtiger Mann, aber lesen Sie ihn nicht. Die Freiheit wird siegen, früher oder später Samstag, den 5. März. Die armen Polen werden wohl jetzt gestorben sein. Sie sind glücklicher als ich. Dem entsetzlichen Schauspiel näher, wissen Sie schon das Schlimmste. Seit vorgestern habe ich keine Kraft^ eine Feder zu führen, ich konnte nicht lesen, nicht denken, Ich konnte nicht einmal weinen und beten; nur fluchen konnte ich. Gesiegt haben die Polen schon vier Tage Lang, aber entschieden ist noch nichts, und gestern sind gar keine Nachrichten gekommen. Man sprach von einem Kurier, den der russische Gesandte erhalten; die Russen wären in Warschau eingerückt. Aber wenn das wahr wäre, hätte man schon den Jubel der besoffenen Knechte gehört an den Festtagen ihrer Herren, und die deutschen Blätter von gestern erzählen nichts. Nicht wie Menschen, wie Kriegsgötter selbst haben die Polen gekämpft. Sie jagten singend den Feind, wie Knaben nach Schmetterlingen jagen; sie stürzten sich auf die Kanonen und nahmen sie, wie man Blumen bricht. Männer, Kinder, Greise, drei Geschlechter, drei Zeiten waren in der Schlacht und die Russen, wie feige Meuchelmörder, schossen aus dem Dickicht der Wälder heraus. Was wird es helfen? Jeder Sieg bringt die Polen ihrem Untergange näher. Sie sind zu schwach, zu arm an Menschen. Der reiche Kaiser Nikolaus haut immer neue Soldaten heraus, wie Steine aus Brüchen, und das gehet so immer unerschöpflich fort, was sind einem Despoten die Menschen? Seine Wälder schont er mehr. Nicht Gottes Weisheit, nur die Dummheit des Teufels allein kann noch die Polen retten. Ach! gibt es denn einen Gott? Mein Hers zweifelt noch nicht, aber der Kopf darf einem wohl davor schwach werden, und wenn— was nützt dem vergänglichen Menschen ein ewiger Gott? Wenn Gott Sterblich wäre wie der Mensch, dann wäre ihm ein Tag ein Tag, ein Jahr ein Jahr, und der Tod das Ende aller Dinge. Dann würde er rechnen mit der Zeit und mit dem Leben, würde nicht so späte Gerechtigkeit üben und erst den entferntesten Enkeln bezahlen, was ihre Ahnen zu fordern hatten. Die Freiheit kann, sie wird siegen, früher oder später; warum siegt sie nicht gleich? Sie kann siegen, einen Tag nach dem Untergange der Polen; soll einem das Herz nicht darüber brechen? Die Polen im Grabe, fühlen sie es denn, haben sie Freude davon, wenn ihre Kinder glücklich sind? Die Tyrannei wird untergeben, die Kinder der Tyrannei werden gezüchtet werden für die Verbrechen ihrer ' Väter; aber die Knochen der begrabenen Könige, haben sie Schmerzen davon? Gibt es einen Gott? heißt das Gerechtig- ' keit üben? Die Despoten unserer Tage Wir verabscheuen die Menschenfresser, dumme Wilde, die doch nur das Fleisch ihrer Feinde verzehren; aber wenn die ganze Gegenwart, mit Leib Ond Seele, mit Freude und Glück, mit allen ihren Wünschen und Hoffnungen, gemartert. geschlachtet und zerfetzt Wird, um damit die Zukunft au mästen- die Menschenfresserei ertragen wir! Was ist Hoffnung, was Glaube? Durch die Augen wird kein Hunger gestillt, gemalte Früchte haben noch keinen satt gemacht•.. Ich las etwas In den englischen Blättern— es ist sich tot darüber zu schämen, wenn man ein Deutscher ist; es ist sich die Hände im Dunkeln vor die Augen zu halten. Der Londoner Kurier sagte:«Wenn Polen wird besiegt sein, wenn, was die Schlacht Verschont, auf dem Schafotte bluten wird, dann werden die deutschen Zeitungen die weise Gerechtigkeit des russischen Kaisers rühmen, und wenn der Tyrann •m einem einzigen Besiegten das armselige Leben schenkt, werden die deutschen Blätter die Milde des hochherzigen Nikolaus bis in die Wolken erheben.'* Unter allen Völkern der Erde erwartet man solche feige hündische Kriecherei nur »OG anal Ja, es schwebt schon vox meinen Augen, ich lese es und höre es, wie das viehische Federvieh in Berlin von jedem Misthaufen, von jedem Dache herab den großen erhabenen Nikolaus ankräht. Wie hat dieser Despot in seinen Proklamationen gesprochen! Vielleicht glaubt es die Nachwelt, was die Despoten unserer Tage getan; aber was sie geredet, das kann sie nicht glauben. Vielleicht glaubt die Nachwelt, was die alten Völker geduldet, aber was sie angehört und dazu geschwiegen, dgs kann sie nicht glauben. Das Schwert zerstört bloß den Besitz und mordet den Leib; aber das Wort zerstört das Recht und mordet die Seele. Zu solchen Reden, solches Schweigen! Und wenn die Polen vertilgt sind, dann voran die deutschen Hunde, gegen den Sitz der Freiheit, gegen Frankreich! Dann stellt man sie zwischen das Schwert der Franzosen und die Peitsche der Russen, zwischen Tod und Schande!... Ist es nicht schmachvoll für uns, daß der Kaiser von Rußland, Herr über sechzig Millionen Sklaven, keinen derselben knechtisch genug gefunden hat, die Freiheit der Polen zu ermorden, als den Diehl tsch allein, einen Deutschen? Ihr heutiger Brief kann mir spätere Nachrichten bringen als die hiesigen; wenn sie schlimm sind, ich meine, das Siegel müßte davon schwarz werden. 0! ich kann nicht mehr, ich muß weinen. Die deutsche bürgerliche Freiheit und Kriecherei Paris, den 25. März 1831. Ich werde alle Tage schwankender. Soll ich hier bleiben oder nach Deutschland zurückreisen? Krieg oder nicht—— das Wort Friede steht nicht in meinem Wörterbuche— wird sich jetzt bald entscheiden. Habe ich sechs Monate lang, hungrig und mit der größten Ungeduld das Zeug kochen sehen und jetzt, da alles gar geworden und der Tisch gedeckt wird, soll ich mit leerem Herzen fort? Ich glaube, das wäre dumm. Hier ist man im Mittelpunkte; Europa hat die Augen auf Paris gerichtet, män ziehet den Begebenheiten In das Angesicht und kann in deren Mienen lesen, was sie etwa verschweigen möchten. In Deutschland aber sieben wir in dem Rücken der Begebenheiten und wir werden nichts erfahren, als was sie uns über die Schultern weg zurufen. Und was teilen sie uns mit? Nur unverschämte Lügen. Wenn der Krieg ausbricht, wird man den deutschen Zeitungen, die ohnedies nur unverständlich gestammelt, aus Vorsicht gar die Zunge aus dem Halse schneiden. Es kann kommen, daß der Feind nur eine Stunde von unseren Toren stehet, und wir erfahren es nicht, bis er uns mit Einquartierungszetteln in die Stube kommt. Die französischen Blätter, wenn auch der Krieg die Posten nicht unterbricht, werden gewiß zurückgehalten werden. Sie können sich denken, wie mir iu solcher Dunkelheit zumute sein wird. Und was haben wir in Deutschland, für wen auch der Krieg günstig ausfalle, zu erwarten? Das schöne Glück, entweder den Zwerg Diebitsch mit seinen Kosaken zu beherbergen, oder französische Offiziere, die, kämen sie auch anfänglich mit den besten Gesinnungen für Recht und Freiheit zu uns, durch deutsche bürgerliche Feigheit und Kriecherei aufgemuntert, bald in den alten Uebermut zurückfallen würden. Und der weibische Kriegsjammer bei uns! und—- Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! und die dumme und tückische Polizei! und die Maulkörbe, die man uns in den Hundstagen anlegen wird! Wird man nicht jeden Liberalen der kein Blech am Halse trägt, tot schlagen? Ich ersticke, wenn ich nur daran denke. Und gehenkt zu werden für die Freiheit, dazu bringt man cs doch nicht, dazu sind unsere Herren zu feig. „Kommen Sie!" Können Sie sich denn nicht entschließen hierher zu kommen, aber bald? Ich habe eine kleine Verschwörung vor, wozu ich Schere, Zwirn und Nadeln brauche. Packen Sie ihre Schachteln und kommen Sie. Sie sollen entscheiden, wie mir die Uniform steht, und fällt die Entscheidung günstig aus, trete ich in die Nationalgarde, versteht sich, daß ich aus Patriotismus desertiere, sobald sich unsere Landsknechte nahen. Ich habe neulich beim Spazierengehen eine Barriere entdeckt, die gar nicht bewacht wird, und durch sie kann ich die preußische Armee unbemerkt in die Stadt führen. Ich bitte Sie, bedenken Sie sich nicht lange. Die Künste des Friedens gehen auch hier im Kriege nicht unter, und wenn am meisten geweint wird, wird am meisten gelacht, und die Niederlage der Franzosen wird in Paris immer noch lustiger sein als in Wien der Sieg der Deutschen.— Ich fahre in meinem Theaterberichte fort. Aber das Herz blutet mir, wenn ich daran denke, wie schön sich diese Berichte im Dresdner Abendblatte ausnehmen würden, und daß ich für den gedruckten Bogen acht Taler bekäme, wofür ich zweimal Paginini hören könnte ich brauchte nur zehn Franken hoch darauf zu legen. Und was geben Sie mir dafür? Sie wollen nicht einmal nach Paris kommen, was ich so sehr wünsche. Und wie zärtlich dürfte ich schreiben, wenn ich statt Ihnen nach Dresden berichtete! Wissen Sie, wie die Korrespondenten des Abendblattes ihre Briefe gewöhnlich anfangen? Sie schreiben: Liebe Vespertina! Holdes Ves- pertittchen! Aber ohne darum den Verstand zu verlieren. Denn sobald sie holdes Vesper tinchen gesagt, kehren sie gleich zu ihrer Prosa zurück und schreiben:«Referent will sich beeilen... ...„wie Goethe kein Herz!" Das hiesige Theater zieht mich mehr an als ich erwartete. Von Kunstgenuß ist gar keine Rede, es ist die rohe Natur und man ziehet höchstens wissenschaftlichen Gewinn. Das Theater ist eine Fremdenschule. Alte und neue Geschichte, Oertlichkeiten. Statistik, Sitten und Gebräuche von Paris, werden da gut gelehrt.— Es ist ein großer Vorteil, da viele Jahre dem Fremden nicht genug sind, Paris in allen seinen Teilen aus eigener Erfahrung kennen zu lernen. Und man kann nicht sagen, daß durch solches Walten auf der Bühne die dramatische Kunst zu Grunde gehe, sondern umgekehrt, weil die dramatische Kunst unter gegangen ist, bleibt nichts anderes übrig als solches Walten, wenn man von dem Kapital, das in den Schauspielhäusern steckt, nicht alle Zinsen verlieren will. Es ist damit in Deutschland gar nicht besser als in Frankreich; nur ist man bei uns unbehilflicher, weil man nur ein Handwerk gelernt. Der Franzose aber weiß sich gleich in jede Zeit zu schicken. Er ist Schauspieler, Pfarrer, Schulmeister, Soldat, was am besten bezahlt wird. Wird ihm ein Weg versperrt, sucht er sich einen anderen; gleich einem Regenwurm findet er immer seinen Ausweg. Kein Mann von Geist könnte jetzt ein Drama dichten, er müßte denn wie Goethe zugleich kein Herz haben; aber Geist ohne Herz, das bringt das nämliche Jahrhundert gerne zweimal hervor. Hätte es in der ersten Schöpfungswoche,. da noch nichts fertig, oder nach der Sintflut, da alles zerstört war, einem vernünftigen Menschen einfallen können, eine Naturgeschichte zu schreiben? So ist es mit der dramatischen Kunst. Man kann keinen Menschen malen, der nidit still halt, der nicht ruhig sitzt. Aber trotz der verdorbenen und grundlosen dramatischen Wege könnte doch einmal ein Franzose in seiner Dummheit leichter ein gutes Drama erreichen, als ein Deutscher in seiner Weisheit. Die Leidenschaft, Geld zu verdienen, und die Gewißheit, es zu verdienen, wenn man eine gute Ware hat. ist in Paris so groß, daß wohl einmal ein anderer Seribe, in verzweifelter Anstrengung etwas Neues hervorzubringen, ein Schauspiel wie Schiller! Wallenstein dichten könnte. Was vermag die Leidenschaft nicht! Das Fieber gibt einem Greise Jugendstärke, und einem Dummkopf schöne Fantasien. Auch in solchen Fällen, wo das hiesige Theater den didaktischen Nutzen nicht gewährt, den ich angegeben, wo es so wenig Früchte als Blüte schenkt, wo es langwellig ist auf deutsche Art—» auch dann noch hat es sein eigenes Interesse. Man erkennt dabei, wie die Franzosen gemütlicher und universeller werden; denn bei Völkern, wie bei einzelnen Menschen, entwickeln sich mit neuen Tugenden auch neue Fehler. So gab es noch vor vierzig Jahren in Frankfurt gar keine blonden und langweiligen Juden, sie waren alle schwarz und witzig; seitdem sie aber in der Bildung fortgeschritten, findet man nicht weniger Philister unter ihnen, als unter den ältesten Christen..... Langweiliges Theater Ein solches deutsch-langweiliges Stück habe ich neulich im Thiatre des nouveautes gesehen. Es heißt: Le charpentier ou vice et pauvrete. Wir haben ein Schauspiel, das heißt Armut und Edelsinn, aber ein Franzose findet diese Partie unpassend und er hat vielleicht recht.. Laster ist Armut des Herzens, und wo sich eine Armut findet, gesellt sich die andere bald dazu. Le charpentier ist ein höchst merkwürdiges Stück für Paris. In deutschen Schauspielen spielt zwar die Armut auch die erste Liebhaberrolle, aber dort sind es doch wenigstens vornehme Leute, die herunter gekommen, oder kommen auch arme Teufel von Geburt vor, so sind es doch vornehme Leute, die ihnen aus der Not helfen. Hier aber wird alles unter gemeinen Leuten abgemacht. Alle Personen im Stücke sind zusammen keine tausend Franken reich. Die Armut Ist nicht Schicksal, sondern Stand, Gewohnheit. Bestimmung. Es gibt nichts Komischeres. Und so etwas führen sie der prächtigen Börse gerade gegenüber, in der Nähe des Palais Royal und der italienischen Oper auf! Der Held des Drama ist ein Zimmermann, und nicht einmal Zimmermeister, sondern ein Zimmermanns- Gesell. Er ist ein träger Mensch, der statt zu arbeiten seine Zeit in der Schenke zubringt und dort trinkt und spielt. Darüber kommt sein Hauswesen herunter, and die arme Frau muß viel ausstehen. Weiter tut der Mann nichts Böses, außer daß er einmal seine Fran prügeln will. Nun findet sich ein anderer Zimmergeselie, ein braver Mensch, der schenkt dem liederlichen Kameraden, der sein Schwager ist, 600 Franken, die er sich mit saurer Mühe erspart. Davon wird der Taugenichts so gerührt, daß er verspricht, von nun an ein ganz anderer Mensch zu werden. Und das ist die ganze Geschichte. Die Szene des ersten Aktes ist ein Zimmer platz, die des zweiten eine Wachtstube, der dritte Akt spielt in einer Schenke und der vierte in einer Dachkammmer. Die Franzosen, als parvenus in der Gemütlichkeit, wollen es den alten Herzen nachmachen und zeigen lächerliche Manieren. Da« zweite Stück, das ich am nämlichen Abend gesehen, heißt Quoniam. Herr Quoniam ist Koch. Ohne allen Geist, ohne allen Witz, ohne alles Leben. Marschall Richelieu, in seiner Jugend, verliebte sich in die Frau eines Koches, und um ihr nahezukommen, trat er als Küchenjunge in den Dienst des Herrn Quoniam. Das Sujet ist merkwürdig schläfrig behandelt und nimmt ein tugendhaftes Ende. Das dritte Stück war le marcband de la rue St, Deniz ot le magasin, la mairie et la cour d'assise Einmal unterhaltend, immer lehrreich. Man erfährt, wie e» in einer Seidenhandlung hergeht; auf dei Mairie, wo die jungen Leute ge traut werden und vor dem Assisen-Hofe, wo sie noch schlechter wegkommen. Mehrere Schauspieler waren voP trefflich. Von den Regeln der Kunst schienen sie nicht viel zu wissen; es sind Naturalisten. Aber jeder Franzose hat den Teufel im Leibe, und wenn eine Teufelei darzustellen ist, mißlingt ihnen das nie. Auf der Mairie hat es mir gar zu gut gefallen. Es muß recht angenehm sein, sich In Paris bürgerlich trauen zu lassen. F.» ist wie eine deutsche Doktor- Promotion. Man antwortet ohne von der Frage viel zu verstehen, immer mit ja. Der Maire ist nachsichtig und alles endet schnell und aut. (Fortsetzung folgt) iDtuhdic Stimmen• Beilage zur„S^euistften&neifieit"• Ereignisse und GesMditen Die JCuppetyahct Mach Jlax&acQ Eine uricklidt utaftce QestfudUe. mm, du„Jixali-duccfi-“hxude*~‘Rcaxiö im„dritten(Reich“ Wir haben sie in der„Deutschen Allgemeinen Zeitung“ gefunden, in einem durchaus seriösen, wenn auch stark gebräunten Blatt, Ihr Verfasser ist ein gewisser oder eine gewisse P u c k l e r. Sonst aber mag diese Geschichte für sich selbst zeugen, ein Kultur- oder Sittenbild aus dem„dritten Reich“ und seinen Körungsmethoden, das künftige Geschichtsschreiber schon jetft zur Verwendung beiseite legen sollten, Redaktion der„Deutschen Freiheit“. Verlobungsfahrt nach Marburg Da« Ergebnis der Verlobungsfahrt nach Marburg a. d. Lahn, die vom Berliner Gau der NS.-Gemeinschaft„Kraft durch Freude** über Weihnachten und Silvester durchgeführt worden ist, steht fest. Es hat sich zur größten Ueberraschung der einen und großen Erleichterung der anderen nur ein Paar verlobt. Wie kam die Fahrt zustande? Im Sommer tauchte bei einer „Kraft-durch-Freude“-Fahrt von Berlinern in Marburg der Gedanke auf, die berühmten Traditionen dieser schönen Universitätsstadt und gleichzeitig den Fremdenverkehr dadurch zu beleben, daß die Stadtverwaltung den Pärchen, die «ich in Marburg nicht nur finden, sondern auch verloben und schließlich verheiraten, eine Hochzeitsreise von 14 Tagen nach Marburg spendiert. Der Bürgermeister war von dem Gedanken erst wenig begeistert, weil er in Gedanken schon ganz Marburg mit Hochzeitsreisenden auf Kosten des Stadtsäckels angefüllt sah. Das Gerücht von dem Plan hatte sich aber mit solcher Geschwindigkeit und Hartnäckigkeit verbreitet, daß ihm nicht mehr auszuweichen war. „Kraft durch Freude greift ein Der Berliner„Kraft-durch-Freude“-Gau forderte also zu einer zehntägigen Weihnacht«* und Neujahrsfahrt für Junggesellen beider Geschlechter nach Marburg auf. Für Reise und Verpflegung waren 40 Mark einzuzahlen. Die ledigen Berliner ließen sich das nicht zweimal sagen. 700 Männer und Mädchen meldeten sich, und der Eheanbah- nungszug war voll besetzt, als er am Tage vor dem Heiligen Abend Berlin verließ. Die Stimmung unter den Passagieren ließ nichts zu wünschen übrig. Es war nichts von der feindseligen Art zu bemerken, mit der sich sonst die Fahrgäste eines überfüllten Zuges messen. Bedingung für die Anerkennung einer Verlobung durch die Stadt Marburg war, daß sich die Partner der Verlobung beim Besteigen des Zuges in Berlin noch nicht kannten. Eine Nachtfahrt auf der harten Bank eines vollen Eisenbahnabteils gehört sonst nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens. Hier war es anders. Anstatt zu schlafen, gingen die Fahrgäste gleichzeitig mit Begeisterung und Energie daran, sich gegenseitig gründlich kennenzulernen. Wenn die Männer sich auch gegenseitig mit Mißtrauen betrachteten und sich bemühten, ihre gegenseitigen Witze nicht al« witzig anzuerkennen, wenn die Mädchen sich aiich untereinander mit einem kleinen Schuß Geringschätzung maßen, so zeigte sich doch jeder von seiner besten Seite, und die Höflichkeit überstieg weit das Maß des Geblichen. Magdeburg—Sangerhausen—Kassel Die allgemeine Animiertheit erreichte kurz hinter Magdeburg ihren deutlichen Höhepunkt; dann begannen sich schon die Witzbolde von den Herren mit ernsteren Absichten deutlich abzuheben. Die Mädchen begannen, wie der Reichsleiter Herr Ziemann berichtet, die ersteren mit etwas mehr Reserve zu behandeln und wandten sich dem Gedankenaustausch mit den letzteren zu. Bei Sangerhausen war man über die wechselseitigen äußeren Lebensumstände allgemein unterrichtet und noch ehe der Zug Kassel erreichte, waren die Paare, die sich versuchsweise für die Gratis-Hochzeitsreise nach Marburg in Aussicht genommen hatten, schon bei den seelischen Fragen angelangt. Man sah manchen Kopf an manche Schulter gelehnt. In Kassel war schon mehr als ein Herz ausgeschüttet worden und die Eheanbahnung machte so befriedigende Fortschritte, daß dem Verwalter der Marburger Stadtfinanaen angst geworden wäre, wenn er es gesehen hätte. Er und der Bürgermeister erschraken ohnehin zutiefst, als sie die 700 aus dem Zuge steigen sahen. Wenn auch die Zahl der Mädchen auch etwas überwog und die Herren und Damen über 50 außer Betracht bleiben konnten, so ergab doch eine Ueberschlagsrechnung auf dem Bahnsteig, daß im Laufe des Jahres 1935 die Stadt Marburg mit etwa 200 Hochzeitspaaren für je 14 Tage auf Kosten der Stadt rechnen mußte. Gerüchte und Gegenaktion Der Schrecken wurde noch vermehrt, als die Stadtväter mit den Gerüchten überschüttet wurden, die sich im Laufe der Fahrt bei den Berlinern festgesetzt hatten So hieß« insbesondere, die Kinder der angebahnten Ehen würden auf Kosten der Stadt in Marburg studieren dürfen. Dieses Gerücht wurde sofort energisch dementiert. Es wird sich schwer ermitteln lassen, ob die Gegenaktion, die sehr bald immer stärker gegen die schon allzu weit fortgeschrittene Eheanbahnung einsetzte, absichtlich erzeugt worden ist. Jedenfalls gelang es trotz der berühmten Marburger Atmosphäre sehr bald, die Berliner Gäste, die in einem ungeordneten Haufen den Zug bestiegen und nun wohlgeordnet in Reihen zu zweien verlassen hatten, wieder durcheinander zu bringen. Die Wirte an der Lahn hatten außergewöhnliche Vorbereitungen getroffen, um die Gäste gut unterzubringen. So wohnten einige in Hotels, in denen man sonst für Wohnung und Verpflegung 7,50 Mark pro Tag bezahlen muß. Jeden Abend gab es eine Veranstaltung, bei der die Junggesellen von Marburg den Berlinern so manchen Strich durch die Rechnung machten. Sehr bald wußten die meisten Berliner Mädchen vor lauter Abwägen von Vorzügen und Fehlern charakterlicher oder äußerer Art bei den vielen Hundert prospektiven Freiern nicht mehr, wo ihnen der Kopf und das Herz standen. Das große Ereignis Das große Ereignis trat in der Silvesternacht um Mitternacht ein. Die Berliner hatten die Gegenaktion des ängstlichen Marburg wohl gemerkt und gingen nun mit Gewalt zum Gegenangriff vor. Bei dem großen Silvestertanz wurden von einem Sturmtrupp junger Berliner immer wieder Pärchen „gefaßt“, wie sie es etwas übertrieben nannten, und unter allgemeinem Geschrei auf die Bühne geschleppt und als verlobt vorgestellt. Ihre Proteste führten aber dazu, daß der Bürgermeister von Marburg die Verlobungen nicht als gültig anerkennen konnte. Endlich kam kurz vr.Mitternacht ein etwa 25jähxiger Berliner mit einer 25jährigen jungen Dame zu dem Reiseleiter Herrn Ziemann und meldete sich als ernstlich verlobt. Um zunächst kein Aufsehen zu erregen, berief Herr Ziemann eine Konferenz in eine Ecke. Das Paar beteuerte, sich erst bei Sangerhausen wirklich kennengelernt zu haben. Umfangreiche Zeugenvernehmungen wurden angestellt und die Aussage wurde bestätigt. Der Bürgermeister von Marburg erkannte die Verlobung als frist* und bedingungsgemäß an und das Fest erreichte seinen Höhepunkt, als die beiden auf der Bühne als echte„Romeo und Julia*' vorgestellt wurden. Am nächsten Tage erschienen diese Helden der Fahrt schon mit Ringen am Finger. Ihrem Beispiel folgte indessen niemand, wenn auch manche Paare das Ziel in Marburg beinahe erreichten. Es ist durchaus zu erwarten, daß noch andere zum Ziele kommen oder schon gekommen sind, nachdem sie wieder in Berlin waren. Sie müssen aber leider wegen Ueberschreitung der vorgeschriebenen Frist disqualifiziert werden. Es sind aber schon Stimmen laut geworden, daß sie dann wenigstens aus Dankbarkeit für die glänzende Aufnahme ihre Hochzeitsreise trotzdem nach Marburg machen werden. P ü e k 1 e r. Wann wied Q&Mets kasttiect? Ein naü= uisseHscfiaftficfiec Stceit um Mumpfuß Wir müssen leider Frau Magda Goebbels eine schlimme Botschaft übermitteln: Es ist möglich, daß ihr Gatte demnächst auf wissenschaftlich und chirurgisch erprobte Art unfruchtbar gemacht wird, sofern Hitler nicht Gnade vor Recht, heutigem Nazi-Recht nämlich, ergehen läßt. Der Propagandaminister des„dritten Reiches“ leidet bekanntlich am Klumpfuß. Man soll einem Menschen, auch wenn er einem noch so sympathisch ist, nicht seine Gebrechen vorhalten. Aber die objektive Frage, ob er nunmehr als Klumpfüßler und erblich Belasteter kastriert werden muß, besteht ja leider nicht auf Grund gegenseitiger Zu- oder Abneigung, sondern auf Grund des sehr handfesten Sterilisationsgeseges des„dritten Reiches“ vom 3. Juli 1933„zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Auf jeden Fall haben deutsche Erbgesundheitsgerichte den Sterilisationszwang wegen Klumpfuß schon verschiedentlich verfügt. Nicht also wir, sondern Herr Goebbels selbst und seine Partei haben die heikle Frage ins Rollen gebracht. Und sie rollt! Der naziwissenschaftliche Streit um den erbkranken Klumpfuß mit allen praktischen Folgen, die sich an dessen endgültigen Ausgang für den körperlichen Bestand des Reichspropagandaministeriums knüpfen, ist auf der ganzen Linie entbrannt. Der Direktor der Universitätsfrauenklinik in Tübingen, Professor Dr. A. Mayer, hat jetzt ein Gutachten über„Klinische Erfahrungen mit der Sterilisierung“ erstattet(abgedruckt in der Wochenschrift„Medizinische Klinik“ 1935, Nr. 1) und dieser deutsche Spezialist für die Entmannungspraxis im Reich erklärt darin wörtlich, sich freilich gegen die schon offenkundig im Hitlerreich praktizierte Auffassungen wendend: „Auch bei manchen körperlichen Schäden kann die Entscheidung auf Schwierigkeiten stoßen. Ich(!) würde zum Beispiel nicht so leicht den Mut haben, ein Sterilisierungsurteil wegen Klumpfußes auszusprechen. Ein solcher körperlicher Mangel schließt doch hohen Intellekt nicht aus und bedrückt doch wohl auch nicht an sich. Er ist kein.schweres körperliches Leiden, das die Anpassungsfähigkeit' ans Leben ausschließt. Die Krankheit ist nur ein Hindernis des Körpers, aber nicht des Willens (Epiklet). Darum bringen es viele der körperlich Gehemmten zu staunenswerten Fertigkeiten.“ Nun ist ja freilich diese eine Spezialisten-Meinnng gewiß einigermaßen tröstlich für Herrn Goebbels. Man kann ja auch unmöglich leugnen, daß er viele„ergänzende Fähigkeiten“ entwickelte und sich durch seinen Klumpfuß mit Dichten im festen„Willen“(Epiklet!) behindern ließ, um den Reichstag in Brand zu setzen. Und wer würde sagen, daß Josef keine Anpassungsfähigkeit grade ans Leben bewiesen hätte, die er nicht nur bei der Stennes- Revolte vor drei Jahren, sondern doch vor allem am 30. Juni 1934, gelegentlich des Massakres der„Römer“, bewies! Immerhin: Wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, ist die vernünftige Ansicht eines Fachgelehrten noch keine Fachmeinung, wie ja auch die ergangenen Erbgesundheitsgerichtsurteile erweisen. Der Streit der Kastratoren um den Klumpfuß ist auf jeden Fall da! Vielleicht wird es also nur von der weiteren politischen Entwicklung im„dritten Reich“ abhängen, ob uns Josef Goebbels so komplett erhalten bleibt, wie ihn die Nation und sicherlich auch Magda wünschen. * Zur ernsten Seite der barbarischen Angelegenheit, nämlich zum Kapitel der allgemeinen Sterilisa- Auf dem JCindeckacussett Früher konntet Ihr auf schwarzen, weißen braunen Pferdchen, oder grell lackierten Wagen, die ins Traumland Euch getragen. Kreisend eine Jahrmarktswelt bestaunen. Und Ihr hattet zu den bunten Tieren, die doch Eure Bilderbücher zieren, tiefes glückliches Vertrauen. Viel— viel später erst habt Ihr gelernt Unrecht tun und Unrecht leiden. Auf dem Karussell wart Ihr von beiden, noch so weitj so weit entfernt. Heute könnt Ihr Bombenflugzeuge besteigen, Xindertanks mit einem Holzgewehr. Selbst der Jahrmarkt wirbt fürs Militär., Und Ihr könnt Euch als Soldaten zeigen. Spielend, drehend werdet Ihr vertraut mit den Dingen die nur für den Mord gebaut. Und das Spielzeug, Bilderbuch und Fibel, Schule, Karussell und Bibel, Fangen Euer kindliches Vertrauen. Früh schon*— früh wird heut gelernt, daß die einen Unrecht schützen, mit Kanonen, Gas, Haubitzen, und die andern Unrecht leiden. Doch die Zeit ist nicht entfernt, Wo die Letzteren von beiden der Geschichte Gang entscheiden Etich und unsere Welt befreien. Thomas E ek. Die ApfefccMäcfitec Das Schlachtensdilagen ist eine hitlerdeutsche Spezialität. Vom blut- und bodenentsprossenen Roßapfel bis zur autark gezüchteten Banane erfüllt alles seinen kriegerischen Zweck- Berlin hat jetzt seine„Apfelschlacht“, die den Zweck verfolgt, den„bodenständigen Apfel“ an den Käufer au bringen. Sie hat unter der Bevölkerung der Reichshaupt- Stadt einen Sturm des Gelächters erregt. In den Obstgeschäften spielen sich die merkwürdigsten Szenen ab. Man erzählt sich mancherlei. So kam in ein größeres Obstgeschäft des Zentrums ein Mann und verlangte amerikanische AepfeL„Herr,“ ragte der Verkäufer und kratzte sich am Kinn,„muß das sei*?“ „Taugen sie nichts?“ fragte der Käufer verwundert.„Sie sind ganz ausgezeichnet,** bemerkte der Verkäufer schnell, ..aber jetzt— mitten im Kampfe.“ Der Käufer sperrte Mund und Obren auf.„Im Kampf...? „Es ist uns streng verboten,** sagte der Kommis mit martialischem Augenaufschlag,„während der Schlacht unserem Aepfeln in den Rücken zu fallen.“ In ein anderes Geschäft kam ein Ausländer.„Sie kaufe* doch deutsche Aepfel?“ sagte der Kaufmann.„Sind sie besser?** fragte der Kunde sachlich.„Natürlich schlechter,“ erwiderte der Obsthändler,„aber deshalb schlagen wir doch die Apfelschlacht.“ In verschiedenen Geschäften konnte man Propagandavers* dieser Qualität lesen: „Volksgenossen, Apfelesser! Deutsche Sorten schmecken besser!“ Das klingt überzeugend. Der deutschen Verkehrsordnung empfehlen wir ähnlich Endgültiges: Besuchen Sie Deutschland! Wir sind so nett. Für jeden Besucher ein Monat K Z! Qanz qaaße, Zeit! Die deutschen Zeitungen kündigen an: „Demnächst werden schwarze Zigaretten in den Handel kommen, die aus Takabblättern nachweislich inländischer Herkunft in einer' Mindestmenge von 50 von 100 der bearbeiteten Rohstoffe hergestellt-sind. Für die schwarze Zigarette sind erhebliche steuerliche Erleichterungen vorgesehen.“ Die Marke„Wanzentod“ Anno Weltkrieg feiert fröhliche Urstand’! Volksgemeinschaft— wie wird dir? tionsfureht der Bevölkerung im„dritte* Reich“, die auf Grund des Gesetzes und seiner Prakti- zierung in stärkstem Maße vorhanden ist, liefert dasselbe fachärztliche Gutachten aber auch einen sehr illustrativen Beitrag. Herr Professor Mayer bekennt nämlich darin aalt einem Freimut, der für das„dritte Reich“ nicht gerade selbstverständlich ist: „Völlig neu für den Arzt ist der Umstand, daß nicht mehr wie früher die salus aegroti(das Interesse des Kranken), sondern die salus publica(das Staatsintormsa) ihm zur suprema lex(obersten Gesetz) geworden ist. Das sind tief greifende Dinge, deren Bedeutung wir, nicht übersehen dürfen. Einerseits erfährt freilich durch die richterliche Funktion im Erbgesundheitsgericht unser an sich schon hohes Hüteramt an der Volksgesundheit Sowohl für den einzelnen wie für den unseren ganze* Stand einen hohen Wertzuwachs. Andererseits aber hört auch durch jene richterliche Tätigkeit und durch die Anzeigepflicht der Arzt oft auch auf, nur Anwalt seiner Kranken zu sein, wie eg das Volk von ihm erwartet. Dem für die Volks gesundheit so notwendigen Vertrauen zum Arzt kaue* das schaden. Es droht die Gefahr der Abwand e* ruug der Kranken zum Kurpfuscher, wat sicherlich nicht im Interesse der Volksgemeinschaft liegt. Die Vermeidung dieses Schadens erfordert vift Taktik und Geschick, das an sich au den äratlichoa TW genden gehört.“ Das ist doch wohl schon nichts anderes als das glam Eingeständnis, daß das„dritte Reich“ die Lebens- SV Schaffensgrundlage des ältesten und vornehmsten all*H menschlichen Berufe, des Arztes ebenso bereits ruiniert hat, wie es den deutschen Journalisten moralisch und zum Teil auch uhvsisch vernichtete. Ei* freies„Reich“! F. E. Roth. Eridi nohsams Freund Zur Psychologie und Karriere eines prominenten Nationalsozialisten Der„Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik", Bernhard Köhler, dürfte unsterblich werden. Dazu gehört'— der Fall Multatuli und seine Sentenz:„Zum Kriegsühren braucht man Geld, Geld, Geld" beweist es— mitunter nur die Prägung einer banalen Redensart. Diese Redensart hat Bernhard Köhler mit seinem klassischen Ausspruch über die Brechung der Zinsknechtschaft geleistet. Mensch bezahle Deine Schulden und mache keine Schulden,' damit ist das Problem der Zinsknechtschaft ganz von alleine gelöst. Die Nachwelt dürfte nur dieser eine Satz an der Person des Herrn Köhler interessieren; für die Gegenwart ist er sozusagen noch als Mensch und Karrierenmacher interessant. Vor dem Krieg kannte man ihn in München als trink- frphen Bohemien. Was er war. wußte man nie» was er eigentlich konnte, wußte er selber nicht. Richtiger Typus der Ratlosigkeit; außerdem ein Mensch, der nach Art damaliger Bohemiens mit allem durch Zynismus fertig wurde. * Sein bester Freund zwischen 1910 und 1914 ist Erich Mühsam gewesen. Die Lust am politischen Gespräch hat er imlsm- gantz mit Mühsam bekommen, von ihm lernte er auch«iniger-- maßen die Kunst, sich literarisch in Wort und Schrift aus- zudrücken. Der Krieg war wohl das erste Ereignis, das Bernhard Köhler ernst nahm. Er trat als Freiwilliger in ein Münchener Regiment ein und diente sich als tapferer Soldat zum Offizier herauf. In München war er öfters aus Urlaub. Immer noch war Erich Mühsam sein bester Freund. Als er einmal wieder ins Feld zog, händigte er Mühsam sein, Testament zur Aufbewahrung ein und vertraute ihm seine wertvolle Bibliothek mit einem ganzen Stoß von Pri- yatbriejen an. Als Mühsam Bedenken äußerte, bat und beschwor ihn Köhler förmlich, dieses Eigentum aufzubewäh- ren; er könne es nur einem Menschen überlasten, zu dem er so absolutes Vertrauen habe, wie zu ihm. Nach dem Krieg geriet Köhler abermals in die Schwierigkeiten der Berussentscheidung. Offizier konnte er nicht bleiben, wollte es auch unter den neuen Verhältnissen nicht. Etwas mußte er doch werden. Nun war damals im„Cafe Stefanie" und im Wein-Restaurant„Simplizisstmüs", den bevorzugten Aysenthaltsstätten Köhlers, viel von det tzchtyundgeld-Theorie die Rede. Es war der Sensationsstoff jener Tage. In ihrer ersten primitiven Form war die Theorie von Silvio Gsell entwickelt worden, und Bernhard Köhler hatte sie dierekt von Giell kennen gelernt. Für Silvio hatte Bernhard viel übrig, wohl nicht zuletzt deshalb, weil es jenem etwas abenteuerlich ergangen war. In der Münchener Räterrepubltck war Silvio Gsell als Finapz- sachverständiger tätig gewesen, also wurde ihm hinterher.— 1919—? der Hochverratsprozeß gemacht. Die Richter. des „BolkSgerichts" nahmen den Angeklagten nicht recht ernst. Als er am Schluffe der Beweisaufnahme noch pathetisch ver- sitzerte:„Nach einigen Jahren werden Sie, meine Herren, für ei» Mittag mehr als 1090 Mark zahlen", brüllte das Richterkollegium lachend los und war sich über Gsell im Klaren: total unzurechnungsfähig. Er wurde freigesp-rochen. Eine Weile.blieb er noch in München, und Bernhard Köhler trat mit ihm in Beziehungen. Bei seinen Unterhaltungen im und Wein-Restaurant faßte er Leutt Schwundgeld-Theorie und von hier aus fand er seinen Weg zum Beruf. Nationalökonom wollte er werden. Ohne gründliches Studium geht das gewöhnlich nicht, abex Köhler hakte Glück. Nach Silvio Gsells Abreise wandte er sitz ganz nach rechts. Dem Einfluß Mühsams war er so wie so entzogen. Da Mühsam vom„Volksgericht" zu 1ö Jahren Festung verurteilt worden war. * ES kam Dietrich Eckhardt und gründete den„Völktschirn Beobachter"; es kam Gottfried Feder mit feiner„Brechung der Zinsknechtschaft". Köhler fabrizierte seltsame Kombinationen vom Schwundgelb und Zinsknechtschaft-Theorie zusammen und begann in national-sozialistischen Versammlungen darüber zu reden, in völkischen Blättern darüber zu schreiben. Er wurde offizieller Finanzsachverständiger der Partei und später auf hohem Posten Wirtschaftstheoretiker des Deutschen Reiches. Erich Mühsam gegenüber verhielt er sich zunächst durchaus anständig. Er besuchte ihn in Offiziersuniform oder als SA.-Mann mehrmals auf der Festung Nieder-Schünenfeld. Es blieb im Gespräch beim Du und Du. Mühsam kam es während der Strafzeit zugute, daß auch„solche Herrschaften" zu seiner Bekanntschaft zählten. Nach sechsjähriger Strafverbüßung wurde Mühsam begnadigt. Die Freundschaft er- litt keinen Abbruch dadurch, daß der eine immer noch ganz links stand, der andere ganz nach rechts gegangen war. Nach Hitlers Machtergreifung kam Mühsam wieder unter die Räder; diesmal furchtbarer als je. Er ist den tninsernalisti- schen Peinigungen'in den Konzentrationslagern ausgesetzt gewesen und dort ermordet worden. In höchster Not schrieb er an seine Frau, sie möchte doch Bernhard Köhler mit seiner Angelegenheit befassen. Er erinnerte an dessen ehemalige Teilnahme, für ihn in Nieder-Schönenfeld, er erinnerte an das Vertrauen, das Köhler ihm einst vor seiner Abreise ins Feld geschenkt hatte. Es ist alles geschehen, um den „Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik" mobil zu machen, Köhler antwortete nicht, er ging auf keine Vermittlungen von gemeinsamen Freunden ein. Möglich, baß ihm die Sache leid tat. Mühiam und später Silvio Gsell hat er schließlich doch zu verdanken, daß er überhaupt zur Beschäftigung mit geistigen Angelegenheiten heranreifte. Möglich auch, daß Köhler nichts machen konnte. Gerade damals hat das Preußische Innenministerium strenafte Verbote an nationalsozialistische Funktionäre erlassen, sich für die Konzentrationshäftlinge zu verwenden. Das braune Regime bekämpft Humanitär noch in der harmlosen Form der Freundschaft mit politischen Gegnern. Wahrscheinlich hat sich Köhler in seiner alten zynischen Art damit abgefunden. Er wird sich eine neue Sentenz zurückgelegt haben, konform seiner Empfehlung zur Brechung der Zinsknechtschaft: „Kommt nicht erst ins Konzentrationslager, dann braucht Ihr Euch nicht über schlechte Behandlung zu beklagen." Die Kleinen hangt man! Das Schöffengericht Beuthen verurteilte einen Markthändler zu zwei Monaten Gefängnis, weil er auf dem Wochenmarkt Wurst, für die ein Richtpreis von einer Mark pro Pfund festgesetzt war, für 1,20 Reichsmark verkauft hatte * Daß Bank- und Börsenfürsten verurteilt werben, davon liest man nichts. „Ich und der Führer sind eins“ Das Geheimnis des deutschen Wirischahsdihtators Mitte Dezember hielt Schacht vor einem geladenen Kreis im Reichswirtschaftsministerium eine Rede über die deutsche Lage. Er führte aus: „Bon Mißhelligkeiteu zwischen ihm und dem Führer in der Wirtschaftspolitik könne keine Rede sein.„Angriffe gegen mich"—- so sagte er—„sind nicht gegen mich, sondern gegen den Führer gerichtet. Meine Politik und die des Führers find eins." Zur Arbeitsbeschaffung führte er aus, daß die bisherige Politik der Aufwendung staatlicher Mittel nicht fortgesetzt werde. Es reiche aus, wenn man de»„anderen Industriezweig"(das heißt die Rüstungsindustrie) stark alimentiere. Die. Löhne müßten in ihrer jetzigen Kaufkraft erhalten werden,.die Preise dürften deswegen nicht weiter steigen. Bei der Aufrechterhaltung der jetzigen Löhne werde es möglich sein, den Beschäftigungsgrad auf der bisherigen Höhe zu erhalte». Die Verflechtung Deutschlands mit der Weltwirtschaft sei sehr eng. Wenn Deutschland in einigen wichtigen Rohstoffen fühlbaren Mangel haben werde, dann würden große Industriezweige lahmgelegt werden. Es sei untunlich, viel vom Ersatz zu reden. DieErsatzwirtschaftwerde nicht weiter betrieben werden. Es müffe nun endlich Schluß sein mit-"em Unfug von der Brechung der Zinsknechtschaft. Deutschland brauche Kredite. Die ausländische» Gläubiger müffe» deswegen glaube«, daß fie ihr Geld bekommen wer, den, ob fie es bekommen würden, sei eine andere Frage. Wie Deutschland seine anderen Industriezweige finanzieren werde, sei sein Geheimnis, das er nicht bekanntgeben werde. Es würden eben alle deutschen Finanzquellcn aufs Aeuberste ausgeschöpft werden. Im übrigen ergäben sich manchmal günstige Zufälle. Sp sei kürzlich ein englischer Experte bei ihm gewesen. Er habe sich über die deutsche Devisenlage und Finanzlage informiert. Beim Abschluß habe er erklärt, aus allem, was er gesehen habe, müffe er den Schluß ziehen, daß die Behauptung über die deutsche Aufrüstung nicht richtig sein könne. Zum Schluß machte Schacht noch einige höhnische Bemer- merkungen mit sehr scharfer Spitze gegen Darre. Er sprach von dem Gedanken, In öüstrieerbbetriebe einzuführen und bemerkte dazu: Wir leben nun einmal in der Zeit der Zellen- bilöung und Durchschachtelung, es wird sogar behauptet, baß einige Leyte den Plan hätten, Erbministerien zu schassen. Darüber brauchen wir uns nicht länger auszuhalten." Während dieser Rede wurde ihm ein Zettel gereicht mit der Bemerkung, daß uneingeladene Hörer anwesend seien. Er geriet in große Erregung und verlas den Zettel. Im Nu drang eine Schar von SS.-Leuten in den Raum ein. Ihr Führer erklärte, er bedauere die Störung, aber die Unberufenen, die es gugehe, hätten es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie nachher Unannehmlichkeiten haben würden. Schacht In Köln I» Köln Hielt Schacht eine Rede vor einem Kreis von Industriellen. Er wurde mit eisigem Schweigen angehört. Nach der Rede schickten die Schwerindustriellen einen Mann vor, der Schacht kitzeln sollte. Nach einigen plumpen Lobsprüchen fragte dieser Mann geradezu, ob es nicht besser wäre, wenn Hitler sich aus die Reichspräsidentschast beschränke und Schacht Reichskanzler würde. Schacht lächelte geschmeichelt und antwortete nur: „Also meine Herre«, aus Ihren Reihe» kommt das erste Wort vom Umsturz." Schacht In Hamburg Schacht hielt in Hamburg vor der Hamburger Kaufmannschaft eine Rede. Sie bestand aus nationalsozialistischen Schlagworten. Die Rede und die nachfolgende Diskussion hat so gewirkt, daß bas letzte Vertrauen in Schacht in Hamburg zerstört worden ist. Ein Fabrikant von kosmetischen Artikeln beschwerte sich über die Fehlleitung bei der Devisenzuweisung. Schacht bagatellisierte die Sache, der Fabrikant sagte: Das kann man nicht ertragen, wenn man alte Arbeiter entlasten muß, und wenn die Frauen im Hof stehen mit bleichen Gesichtern, weil diese Geschichten bei der Devisenzuweisung passieren!" Schacht, der schon nervös und wild geworden war, sagte ihm:„Sie fabrizieren kosmetische Artikel? Gebe» S'e doch den Arbeiter« Schminke, dann sehen Sie nicht, daß fie bleich find." Dieser Zynismus hat allgemeine Entrüstung hervorgerufen. 600 v. n. DQrgersfcner Die Ausrede I» der bayrischen Stadtgemeinde E i ch st ä d t hat die braune Stadtverwaltung die Bürgersteuer von 400 auf 600 Prozent erhöht. Steuererhöhungen find immer eine unangenehme Sache, und sie sind es erst recht für diese Leute, die ihren abergläubischen Wählern ja ein steuerfreies Paradies versprochen haben. Also braucht man eine populäre Begründung für das Ungemach. Und man hat sie gesunden. Nämlich— so sagt man allen Ernstes: Hätten die früheren Stadtverwaltungen„in der Systemzeit" die Steuersätze bereits gesteigert, so müßten fie nicht erst jetzt erhöht werden. Richtig— das vermaledeite„System" ist an allem schuld. Hätten z. B. schon die Weimarer Koalitionsregierungen die Röhm, Ernst usw. erschaffen, so hätte es nicht erst der arm« Hitler tun laffen müffen. Tas ist so klar wie Kloßbrühe! In dieser Woche gelangt zur Auslieferung WEISSBUCH über die Erschie(jungen des 30. Juni 1934 Da» Weißbuch über die Erschießungen des 30. Juni gibt die erste authentische Darstellung von den Ereignissen in der deutschen Bartholomäusnacht. Das Weißbuch bringt das Geständnis des Gruppenführers Ernst über die Brandstiftung im Reichstag mit vcJler Namensnennung aller Brandstifter und der Anstifter.' Im Weißbuch kommen zu Wort: ein hoher Beamter des Münchener Polizeipräsidiums, ein Gefängnisbeamter‘ des Zuchthauses Stadelheim, wo Röhm und andere SA Rührer erschossen wurden, ein Hotelgast des Hotels Hanselbauer. Augenzeuge der Verhaftungen in Wiesaee. Das Weißbuch enthält ferner Auszüge aus dem Blaubuch der Reichswehr. Das Weißbuch erscheint im gleichen Großformat wie die „Braunbücher**, im Umfang von zirka 250 Seiten. Es enthält zahlreiche Dokumente sowie eine Illustrattonebeilage von 16 Seiten. Es erscheint in Form einer Volksausgabe in festem Kartoneinband. Der Preis beträgt: fr. Fr. 15.—, Hfl. 2,—, Schw. Fr. 4.—, Kc. 25,—, für die übrigen Länder gilt der Preis in französischen Franken. Ausgabe für das Saargebiet Sonderpreis nur 10,-ffrs. EDITI0NS DU CIRREFOUR, PARIS VI, 83, Bld. du Moutpanasse