N r> 13 3. Jahrgang I Saarbrücken, Mittwoch, 16. Januar 1935[ Chefredakteur: M. Braun Das Ergebnis der Abstimmung— Die Folgen des Terrors Stimmberechtigte 539 341 Abgegebene Stimmen 528 005— Davon für Status qno 46 513 Für Frankreich 2124— Für Deutschland 477119— Ungültige 2 249 freie und Kncdile Für viele in der Welt wird dieses Ergebnis überraschend kommen. Infolge der Stoßkraft, die Führer und Massen der Volksfront in den letzten Monaten entwickelten, haben viele außerhalb des Saargebietes mit erheblich größeren Prozentsätzen für den Status quo gerechnet. Unsere tapferen und treuen Funktionäre seit einigen Tagen nicht mehr. Der Kampf für dey Status quo hatte in sener gewaltigen Kundgebung am 6. Januar seinen Höhepunkt erreicht. Wenige Tage später kam der Rückschlag, der für jeden von uns spürbar war., Die„deutsche Front" nutzte die Unkenntnis der Regie- runaskommisnon und der Abstimmungsbehörde über Wesen und Methodik des Nationalsozialismus, vielleicht auch die Folgen ungeklärter Kompetenzen zwischen den fremden Behörden, um vollzogene Tatsachen zu schaffen. Nicht etwa, oaß sie formell die Befugnisse der hohen Däl- kerbundsbehörden angetastet oder gar Herrn Knox zum Rücktritt aufgefordert hätte. Nein, die„deutsche Front" blieb für formalgläubige des Völkerrrechts beinahe korrekt. Aber sie wußte im Bunde mit der völkerbundsfeindlichen und hitlertreuen Exekutive innerhalb weniger Tage hunderttausenden noch schwankenden Abstimmungsberechtigten zu suggerieren, daß Widerstand gegen die Flut der „deutschen Front" nutzlos, die Regierungskommission praktisch erledigt, die ungeteilte Rückgliederung sicher sei. Auf diese moralische Erschütterung setzte sie dann einen Terror, dem nur noch heroische Naturen trotzen konnten, und die sind auch an der Saar in der Minderheit. Ein Freund, dessen politische Erfahrung ebenso reich ist wie sein Kämpferleben bewegt, sagte uns in dieser Nacht: „Ich wundere mich nicht, daß so viele abgesprungen sind, ich wundere mich nur, daß so viele standgehalten haben." * Immer werden wir stolz sein auf den Kampf an der Saar. Immer stolz darauf, daß ihm auch die„Deutsche Freiheit" dienen durfte. Es war ein allzu ungleicher Kampf. Der mächtigsten Diktatur Mitteleuropas mit Millionen und Millionen Propagandafonds und dem größten politischen Reklameapparat der Welt stand eine Gruvpe der Arbeiterbewegung gegenüber, die zu den schwächsten Deutschlands gehörte. Bon jeher. In diesem Saarland wurde bis zum Jahre 1918 die Bevölkerung beinahe in Leibeigenschaft gehalten. Vom preußischen Grubenfiskus und von einem patriarchalischen Kapitalismus, dessen Repräsentant Freiherr von Stumm gewesen ist. Hier hat weder die sozialistische noch die kommunistische noch die christliche Arbeiterbewegung eine Tradition und Schulung von der Tiefe wie in anderen Landesteilen Deutschlands. Erst nach dem Jahre 1918 hat sich im Saargebiet die Arbeiterbewegung der verschiedenen Richtungen und Zweige ausgedehnt. Ihr Einfluß reichte aber nicht weit über die Zahl ihrer organisierten Mitglieder hinaus. Dieser Volksteil sollte eine schwierige politische Entscheidung fassen, für die, soweit sie zugunsten des Status quo fiel, eine hohe Reife politiichen Denkens Voraussetzung war. Die primitive und richtige Feststellung„Wir sind deutsch" sollte einen Inhalt bekommen, der aus verletztem Freiheits- und Rechtsgefühl sich gegen das derzeitige deutsche Regierungssystem richtete. Es»perden sich wenige außerhalb des umstrittenen Gebietes hinreichend vorstellen können, zu welchen Gewissensqualen diese Entscheidung bei sehr vielen Abstimmungsberechtigten, insbesondere Frauen, führte. In den Familien zwischen Vätern und Töchtern, zwischen Müttern und Söhnen wyrden tragische Kämpfe über das Für und Wider ausgetragen. Die teufliche Diffamierung idealistischer deutscher Kämpfer als Landesverräter und Separatisten ließ es vielen als eine Schande erscheinen, mit unserer Bewegung zu geben; sich zu informieren.wqgten gegenüber dem Terror allzu- wttngk. Diese Ringenden und bis zuletzt Unentschiedenen, haben nicht für Hitler gestimmt. Nicht einer davon. Die „deutsche Front" wußte sehr genau, weshalb sie den „Führer" sehr im Hintergründe hielt. Er sprach nicht im Rundfunk. Er richtete keine Botschaft an das Saarvolk. In der Presse wurde das„Heil Dxutschland" oft, das„Heil Hitler" kaum noch gebraucht. Man wollte nicht abstoßen. * Denn trotz allem drang die Welle der Enttäuschung aus dem Reich ins Saargebiet vor. Daß sie später und geringer kommen mußte als drüben ist klar. Das Äiargebiet hörte nur das Klapern der Propagandamaschine und hatte nicht wie im Reiche d^r Möglichkeit Schein und Wirklichkeit zu konstatieren. Dennoch mirfrfe allmählich die Aufklärung unserer Presse, so seksrW durch den Terror in ihrer Der- breitung behindert wurde. Gab es doch außer den amtlichen Kiosken kaum einen Zeitungsstand, der eine anti- hitlerische Zeitung zu verkaufen wagt, und in keinem Gasthause durfte eine solche Zeitung geduldet werden. Dennoch: Mit den 95 und 97 v. H. für die„deutsche Front", wie immmer wieder verkündet wurde, ist es nichts. Die Volksbewegung gegen Hie deutsche Diktatur wächst. Wenn unter so unerhörtem Terror, gegen so unbegrenzte Geldmittel in dem kleinen Saargebiet dieses Heer von Oppositionellen mobilisiert werden konnte, obwohl für die allermeisten Wähler die Entscheidung eben„Für oder gegen Deutschland" ging, kann man sich leicht vorstellen, wie es heute schon bei einer freien Bolfrsbefragung mit Scni und die Abstimmung Genf, 18. Januar Das Ergebnis der Volksabstimmung an der Saar hat hier überrascht. Allerdings hörte man nnr eine einzige Stimme darüber, Last der schwere psychologische Druck unter dem die Bevölkerung an der Saar am Abstimmungstage«nd dem Tage vorher gestanden hat ungeheuer viel zu dem überraschenden Ergebnis beigetragen hat. Hier hat man die Tatsache, daß die verantwortlichen Behörden in den letzten Ta, gen die Zügel am Boden schleiss« lieben, indem sie dem braunen Ordnungsdienst Polizeibesugniffe einräumte» oder wenigstens deren Ausübung duldeten, nicht verstanden. Ma« versteht, daß in Hitlerdeutschlaud so etwas möglich ist«nd dab die SA. und SS. neben der ossizielleu Polizei in Funktion tritt«nd die Straße beherrscht. Im Saargebiet regiert aber noch der Völkerbund und es waren nach Ansicht weitester Genfer Kreise unverantwortlich, daß man diese Gewaltaumaßung durch die Anhänger der braunen Front duldete. Ueberall wurde dadurch nach unserer Meinung der Eindruck erweckt, als habe Hitler bereits von der Saar Besitz ergriffe» und die Abstimmung könne an de» Ergebnis nichts mehr Ludern. Unter diesem niederschmetternden Eindruck find ungezählte Anhänger der Statns-quo» Bewegung abgeschwenkt«nd haben gute Miene znm bösen Spiel gemacht. Das ist, wie hervorgehoben werden mnb, d«e Ansicht weitester Kreise. Ueberall wird jetzt die Frage diskutiert, was werde« soll. Ma« erwartet von den Bölkerbundsorganen a« der Saar, insbesondere vo« den Inhabern der Polizcigewalt und den kommandierenden Truppen, daß sic sich nach der Abstimmung die Regiernngsgewalt nicht entreiße« lasten, sonder« notfalls«nter Einsatz aller Kräfte in fester Entschloffenheit di Zügel führen und für Ruhe und Ordnung sorgen. Sollte das enttäuscht werden, so würde der Eindruck des Sieges der „deutschen Front" hier in Gens außerordeutlich herabgemindert werden und man würde gegen den dentschen Geist insbesondere neue Anklagen erhebe«, die den Sieg, international gesehen, parallelisieren müßten. Wie wir erfahren, soll der Bölkerbundsrat die dringende Ausfordernng an di« maßgebende« Behörden nach Saarbrücken gerichtet habe«, die Ruhe uud Ordnung unter alle« Umständen aufrecht zu erhalten. Im übrigen erwartet man, daß die Größe des Erfolges dazu beitrage« würde, die an sich bestehenden Neigungen zur Auseinandersetzung herab, znmtudenh, dem Thema„Für oder gegen Hitlerdiktaiur" in dem großen Deutschland aussehen würde. Mag der tosende Lärm der hitlerdeufschen Propagandamaschine diese einfache Tatsache auch hinwegzuraumen versuchen. Sie bleibt und sie wird wirken. * Die Entscheidung liegt nun beim Dölkerbundsrat. Es sind Garantien für die Abstimmungsberechtigten und alle Saareinwohner geschaffen worden, die länger als drei Jahre ansässig sind. Garantien? Der Völkerbund wird sie aus papierenen Texten nun in die Wirklichkeit umsetzen müssen, wenn er sich zu einer ungeteilten Rückgliederung entscheiden sollte. Ehe er zu seinen Beschlüssen' kommt, sollte er studieren, nicht nur, was sich in Deutschland während der letzten Monate, sondern auch was sich im Saargebiet während der letzten Wochen-ereignet hat, und wir setzen mit Besorgnis hinzu: was sich in den nächsten Tagen noch ereignen kann. Einstweilen ist nach allen Erfahrungen das Vertrauen in Garantien gering. Der Völkerbund und seine Organe müssen sich zu einer wirklichen Erkenntnis der Hitler- bgrbarei durchringen. Hier soll die Bevölkerung eines Völkerbundslandes, des einzigen in der Welt, ausgelie- fert werden. Der Völkerbund spielt mit seiner Autorität und seinem Prestige. Er hat ohnehin im Saargebiet und bei vielen ausländrschen Beurteiler» durch sein Schleifenlassen der Dinge verloren. Die Tatsache bleibt, daß unter seiner Verantwortung ein Plebiszit statt zu einer freien Entwicklung aller um das Schicksal des Landes wirkenden Kräfte zu einer Entfaltung aller antidemokratischen und kulturwidrigen Terrormächte wurden. Unter den Augen des Völkerbundes. Mit Duldung seiner Organe. Die Saarfrage darf in dieser-Hizmde nicht erledigt tri-n. Hunderte Pressevertreter haben den heroischen Kampf der Volksfront beobachtet und auch der oppositionellen Katholiken, die von ihren Bischöfen und schließlich fast der ganzen offiziellen Kirche verlassen wurden. Jetzt gilt es, die Aufmerksamkeit den Folgerungen zuzuwenden, die in Gens aus dem Abstimmungsergebnis gezogen werden müssen. Vertreter der Volksfront eilen in die Völkerbundsstadl um für Recht und Freiheit und bescheidenen Besitzstan der im Saargebiet Bedrohten einzutreten. Wir fordern der Völkerbund darf diejenigen nicht ausliesern, die in Vertrauen auf ihr verbrieftes Recht im Plebiszit gegr> Hitler entschieden haben. Diese Entscheidung fällt in Genf. Im Saargebiet abe: wird der Kampf gegen Diktatur und Barbarei für ei: freies Deutschland gegen Hitler fortgesetzt. Der Wille d?r freie» echten deutschen Sozialismus ist nicht zu brechen. Es bleibt dabei: Nieder mit Hitler! Vorwärts für Deutschland! Ein Riesenkampf ist zu Ende. Nichts kann und wird uns erschüttern. Greifen wir von neuem an! „radrelziig"! Obwohl die Regierungskommistion noch in den Bormit tagsstnnden keine Erlaubnis für die Veranstaltung irgeni welcher Demonstrationszüge gewährt hat, hat sich die L?« tung der„deutschen Front" über die Regierungskommissioi hinwcagesetzt und in den frühen Morgenstunde» des 18. Ja nuar folgenden Aufruf ertasten: „An das deutsche Saarvolk! Am heutigen Dienstag, dem 15. Januar, Punkt 6 N' abends, werde« wir einfach und schlicht, in altbewäh« wundervoller Disziplin der Welt zeige«, was wir f? Wir haben wie immer nur den einen Wunsch, in diszi« «ierter Wucht unser Bekenntnis abzulege«. Wir wer! deshalb wie bisher, nicht i« Einzelaktionen, sonder« in ballter Kraft eindeutig für««seren Kamps ze«ge«.? finden uns zusammen z« einem zuchtvollen Aufmarsch allen Gebiete» an der Saar,«nd zwar in einem Fackel?« der in ausleuchtender Begeisterung Ausdruck unseres lens ist: Deutsch ist, deutsch war und bleibt die Saar! Nähere Anweisungen ergehen durch die Orgguifatio«. Lnndesleitung der Deutsche» Front; sgez-f Rietmann." IXAI ertönt! Unter dieser Leberschrift hat die„Saar« Volksstimme“ am Montag, dem 14. Januar, also noch bevor überhaupt begonnen wurde zu zählen, den nachfolgenden Artikel veröffentlicht, in welchem an Hand von Tatsachen der Nachweis erbracht wurde, daß die Voraussetzungen für eine freie und unbeeinflußte Vbstimmun'x nicht erfüllt worden sind. .jtt Friedensvertrag Hat der Saarbevölkerung eine geheime, freie und unbeeinflußte Abstimmung zugesichert. Nach dem Verlauf des Abstimmungstages steht endgültig fest: Diese. Voraussetzungen der Volksabstimmung sino nicht erfüllt worden. Die Abtretung der Polizeibefugnisse an den nationalsozialistischen Ordnungsdienst war nur das letzte Glied in der langen Kette der Verfehlungen und Mißbräuche, durch welche die im Vertrag festgelegten Vor- aus'setzungen unwirksam gemacht wurden. Um diese Voraussetzungen zu sichern, hat,der Völker- bundsrat auf seiner Iunitagung die beiden' unmittelbar interessierten Regierungen veranlaßt, gewisse Verpflick- lungen zu übernehmen. Die hitlerdeutsche Regierung hat sich' nicht im geringsten an ihre Verpflichtungen gehalten. Eie hat nicht, wie sie versprochen hat, auf jäten direkten oder indirekten Druck verzichtet, sondern einen ungeheuren Druck in jeder Form und in immer steigerndem Maße ununterbrochen ausgeübt. Lange Zeit hat die Abstimmungskommission mit unbegreiflicher Geduld die unzulässigen Einmischungen der hitlerdeutschen Regierung einfach nicht beachtet. Als sie dann versuchte, in den Fragen des Rundfunke» und des Druckes seitens der Bischöfe die übelsten Mißbräuche abzustellen, hat sie keinen aber auch gar keinen Erfolg gehabt. Der Rundfunk blieb bi» zur letzten Minute das, was er war. Die Bischöfe haben Nichts getan, um ihre völlig unzulässige von der Hitler- regierung erpreßt« Einmischung wieder gut zu machen. Diese Einmischung der Bischöfe hat zur Folge gehabt. Latz ein großer Teil der Saarbevölkerung über die wahre Bedeutung der Abstimmung nicht aufgeklärt werden konnte und unter den stärksten Gewissenszwang gesetzt wurde. Das geschah unter der Duldung der Abstimmungskom- mission, die, wie gesagt, nur sehr verspätet— acht Tage vor der Abstimmung einen mißglückten Versuch machte, die Bischöfe zur Neutralität zu bewegen. Di« Abstimmungsberechtigten, die au« dem Reiche kamen, hatten überhaupt keine Möglichkeit gehabt, sich über die Lage de» Saargebiete» und über die Fragen der Abstimmung aufklären zu lasten. Im Reiche wurden sie absolut einseitig nur durch die aleichgeschaltete Presse und durch den reichsdeutschen Rundfunk unterrichtet. Bei ihrer Ankunft im Saargebiet wurden sie von Anfang an zu Gefangenen der braunen Front gemocht. Mit der Un.er- ttützung der Polizei wurde ihr Empfang zu einer ausschließlichen Angelegenheit der Nazis. Durch den Einsatz de» nationalsozialistischen Ordnungsdienstes als eine Art Hilfspolizei wurde ihnen da» Saorgebiet al» ein von Hitler schon so gut wie eroberte« Land präsentiert. In diesem Falle darf man nicht nur von der Duldung der Behörden,., sondern auch von unzulästiger Wahlbeeinflussung durch die Behörden sprechen. Wurde schon die ganze Zeit dem Terror der braunen Front kein wirsamer Widerstand geleistet, so wurde dieser Terror in der nächsten Woche von den Behörden direkt unterstützt. Von der Kapitulation der Polizei vor der braunen Front währen- der ersten(verbotenen) Kund- gebung bei dem Empfang der Deutsch-Amerikaner ab bis zur Ueberaabe der Polizeibefugnisse an den nationalsa.^a- listischen Ordnungsdienst am Adstimmungstage, geschah wirklich alle», um bei der Bevölkerung den Eindruck zu erwecken, daß di« Nationalsozialisten schon zu einer re- gierenden Gewalt geworden und daß ihre Gegner völlig schutzlos dem Terror ausgeliefert seien. Kein Wunder, daß nicht nur die objektiven ausländischen Beobachter, sondern auch, wie die Baseler„National-Zeitung" da» meldet und was wir bestätigen können, ein Mitglied der Adsi.m- mungskommistion schon einige Tage vor dem Abstim- mungstermin feststellen mutzte, datz von einer freien und Unbeeinflutzten Abstimmung keine Rede sein kann. Dieses Mitglied der Adstimmungskommission hat auch die A s- tetzung des Abstimmungsterminee verlangt, ist aber init liesem Verlangen bei feinen Kollegen offenbar nicht durchgekommen. Es bleibt die Forderung der„geheimen- Abstimmung. W ir erkennen gerne an, daß die Abstimmungskommission sich besondere Mühe gegeben hat, das Geheimnis der Abstimmung zu sichern. Sie hat eine vorzügliche technilch« Organisation geschaffen, hat aber viel zu wenig die psncho- logischen Faktoren, die von allergrößter Wichtigkeit sind, berücksichtigt. Sie konnte e« deshalb nicht verhindern, daß die braune Front durch ihre Formulare bei ihren Mit- gliedern den Eindruck zu erwemen vermochte, datz sie auch während der Wahlhandlung unter schärfster Beobacht ng stünden. Namentlich da« Verton«,»«. bi- Gründe Lir Ne ton. Nichtadstimmung anzugeben, war eine ganz eklatante Verletzung der unerläßlichen Voraussetzungen der Ad- st.mmut^. Wenn di«„Frankfurter Zeitung-„die zahlreichen Ordnungsmannschaften- rühmt, deren„umfangreicher uner- msidlicher Dienst bis zu den Treppen der Abstimmungslokale reichte", so muh festgestellt werden, datz auch die|er „Dienst" weit über dir Grenzen der zulästigen Hilfeleistung ging— namentlich weil der nationalsozialistische Ordnungsdienst zugleich Polizeibesugnisse hatte. Es war aber v. nach schlimmer. In einigen Fällen reichte dieser Dienst über die Treppen bis ins Wahllokal selbst hinauf. Sogar in Wahlzellen wurden durch die Sanitäter und die Schwestern , de» Roten Kreuzes, wie schon in drei Fällen völlig einwandfrei festgestellt ist. ganz eigenartige„Hilfsdienste- geleistet. Während die Verwandten nicht zugelasten wurden, »ersuchten die Sanitäter und die Schwestern, die Kranken und die alten Frauen zu überzeugen, daß sie ihr Kreuz un- , bedingt in da» drite Feld setzen sollten. Die natürliche Weigerung bedeutete in allen solchen Fällen Preisgabe des , Wahlgeheimnisses. Wir haben hier nur einen kleinen Ausschnitt aus dem outzrrordentlich umfangreichen Material zusammengefaßt. Dirsr» Material wird bei der Auswertung des Abstim- w mgsrrgebnistes berücksichtigt werden und evtl, die Unterlage sür di« Anfechtungsklage darstellen. Dir be- halten uns deshalb alle Konsequenzen aus dem von uns hier geschilderten Tatbestand vor. Wir werden es nicht zulasten. datz wir um unseren unzweifelhaften Sieg betrogen werben. Eine Schlacht ist geschlagen. Eine neu« beginnt ind wir werden sie di» zum Ende hu.rchkäntpfen, M hlsforlsdic Zahlung in der Wartburg Die Ansprache des Präsidenten der ADsiimmunüshommtssion Rohde In einer der großen Alleen, die aus dem rußigen Saarbrücken In wenigen Minuten In waldiges vergland sichren, liegt der große Ziegrlbau des Evangelischen Bereins- hause» Wartburg. In der siinsien Nachmittagsstunde des Montag drängte sich vor diesem Gebäude hinter einer Absperrung von Seilen rin« mäßig groß« Menschenmenge, die den Zutritt der Adstimmungskommission, der dreihundert Zähler und der mehrere Hunderte Pressevertreter beobachtete. Die Wartburg ist, seitdem in der vergangenen Nacht die Urnen eingeliesert sind, von englischen Truppen in Stahlhelm und ausgepflan-tem Balonett geschlitzt. Auch Maschinengewehre sind in Stellung gebracht. Jeder Pressevertreter tvurde, ehe sich ihm die inneren Tore des Hauses öffneten, gründlichst auf Waffen untersucht. Ein ausländischer Journalist, der, vielleicht in einem Mißverständnis über diese unerwartete Prozedur, eine Bewegung nach der Stirn macht«, und die Beamten als„konfus" bezeichnete, flog von Polizeibeamten gepackt auf die Straße. Der große Saal ist taghell beleuchtet. Ans einer Ecke der Galerie, die für Presiesotografcn und Filmoperateure reserviert ist, bestrahlen mächtige Jupiterlampen die Bühne. Kurz vor 5 Uhr läßt sich die Abstimmungskotnmission, der Schwede Rohde, der Holländer de Jongh, der Schweizer Henry und die Amerikanerin Wambaugh an dein Präsidialtisch auf der Bühne nieder. Punkt 5 Uhr nimmt Präsident Rohde das Wort. Wir kennen ihn aus der Pressekonferenz als einen ausgezeichneten Redner mit knappen und klaren Formulierungen. Er spricht nur wenige Sätze: „Die Abstimmung hat in vollständiger Ordnung stattgesunden. Die Urnen find unter Wahrung aller Borsichts- maßnahmen in die Wartburg gebracht worden. Die Stimmenzählung wird nun durch Neutrale vorgenommcn. Nachdem die Bevölkerung soviel Ruhe und Würde aufgebracht hat, zweifelt die Abstimmungskommiffion nicht daran, daß die Bevölkerung Würde und Ruhe auch bewahren wird, bis das Ergebnis bekannt ist und d«r Rölkerbundsrat seine Entscheidung gefällt hat. Die Stimmenzählung beginnt." Die große Versammlung nahm die Worte des Präsidenten- mit voller Aufmerksamkeit entgegen. Gleich nach dem letzten Wort kam in den Saal, wo an großen Tischen die Stimmenzähler sitzen, Bewegung. Man sah auf den Tischen weiße Beutel, In denen die Abstimmungsausweise ausbewahrt find. In großen gelben Kuverts liegen die Protokolle der Wahlhandlung aus den einzelnen Lokalen- Die Urnen wurden geöffnet. Stoßweise wurden die blauen AbstimmungskuvertS aus der neben dem Tische stehenden Urne auf die Tischplatte gelegt. Eifrig schichteten die Zähler diese Klauen SchicksalSpapier« und begannen ihre Arbeit. Manche der Zähler singen in Hemdsärmeln an. In dem heißen Saale stand ihnen«ine arbeitsreiche Rächt bevor. Keiner der Zähler durfte daö Haus verlaßen und j.der war verpflichtet, das Geheimnis auch von Teilergebnissen zu wahren, bis es in der Frühe de- Dien-tag verkündet wurde. Nur Itf cinlgKcitcn „Unbeeinflußte Abstimmung“ In Schiffweiler, einem kleinen Orte, war dickt neben dem Wahllokal ein großes Plakat angebracht:„D»e ganz« Einheitsfront geschloffen zur„Deutschen Front- übergetreten." Das Plakat war während der ganzen Abstimmungszeit sichtbar. Alle Abstimmenden mußten es passieren. Kein Landjäger kam auf den Gedanken, es zu entferne». Es versteht sich von selbst, daß auch hier zahllose Zettel mit der Mitteilung verteilt wurden, baß Ma? Broun, Fritz Pfordt und Johannes Hoffman» bereits die Flucht ergriffen hatten... * In Sulzbach hatte der braune Ordnungsdienst deck ganzen Tag seine Funktionen auSgeübt. Abends fand man zahlreiche seiner Mitglieder in völlig betrunkenem Zustande. * Ein Leser schreibt uns quS Saarbrücken: Z« den Organi- sationen der„deutschen Front", die am Dienstagabend große Kundgebungen veranstalten, gehört auch der„Reichsbund deutscher Frontsoldaten". Für ihn wurde bereits eine Strohpuppe angefertigt, die während der Kundgebung unter entsprechenden Reden in Flammen aufgehen soll. Es versteht sich von selbst, daß diese Puppe Max Brau» und sein Ende barstellen soll.... Molt der Sanftmütige und seine Propaganda Aus der Pressekonferenz int Propaganda-Ministerium am 2S. Dezember 19S4. „ES ist den Zeitungen untersagt, in außenpolitischen Betrachtungen Gehäffigkelten gegen Frankreich und gegen den Völkerbund zur Zeit zu veröffentlichen, es ist in diesem Punkte........ bis»ach der 2a a r-A bsti« m»ng und gegenteilige» Sieschetde» des P. M. größte Zurückhaltung z« üben. Die Zeitungen haben wiederholt die zukünftigen Grenzen nach der Abstimmung zu zeigen und alt« und neue Grenzen gcgenüberzustellen, mit Hinweis auf Erreichtes. Es ist untersagt, Gerüchte über eine« Friedensschritt des Reichskanzlers nach der Saar-Abstimmung in einer anderen als von dem Propaganda-Ministerium gewünschten Form zu veröffentlichen. Es ist bei solchen Veröffentlichungen vor allem darauf htnzuweisen, daß zwischen den Ausführungen des Führers in seinem Buch und den jetzigen Aeußerungen gegenüber Frankreich keine Differenz besteht, da di« alte srauzö- sifche Generation, gegen die sich der Führer gewandt hat, bereits tot ist und das junge Deutschland sich an die französische Frontgeneration wendet. ES wäre in diesem Zusammenhang erwünscht, wenn die deutsche Preffe der französischen Frontgeneration Liebenswürdigkeiten sagt und die Verständigungsmöglichkeit mit ihr unterstreicht. Jedoch darf beim Leser nicht der Gedanke anfkommen, daß jetzige Aeußerungen an Frankreich eine Abschwächung der grundsätzlichen Einstellung des Führers zu dem rassen mäßigen BernichtungSwillen des französischen M a cht w i l l e n S darstelle. Schon jetzt ergeht an die Preffe die strikte Weisung, vorübergehend Betonung des deutschen Wehrwillens nicht allzusehr in den Vordergrund zu rücken, insbesondere nicht unmittelbar nach Taarabstimmüng und während etwaiger diplomatischer Fühlungnahme. Vorsichtige Kommentare aus der 8i»i« zwischen altem Standpunkt und Anpaffung an gegenwärtige außenpolitische Notwendigkeiten erwünscht. Völlig unerwünscht jeder zissernmäßige Hinweis auf unerläßliche deutsche Stärke. ES wird nochmals daran erinnert, baß absolut unerwünscht sind und mit nachteiligen Folgen für den betreffenden Schriftsteller verbunden sein können Bildes, wie sie zum Beispiel kürzlich„Die Woche" veröffentlichte. Es wurden Holzschnitzereien iu einer SA.-Schule gezeigt, wobei die SA. mit Dolchen und Milltärge- wehre» ausgerüstet waren. Besonders verfehlt waren die Bilbuuterschristen, welche erkennen ließen, daß die TA. m i- l i t ä r i s ch geschult ist. Im Falle eines Abkommens zwischen Frankreich und Italien find Hinweise darauf am Platze, daß wieder einmal Deutschland durch Frankreichs Schuld ausgeschaltet, obwohl Deutschland als Nachbar Oesterreichs gefragt werden müßte. Trotzdem wünsch« Deutschland Teilnahme an de» Bee« Handlungen, Bei kommenden gesellschaftlichen Beranstaltungen streng darauf achten, daß keine Tische mit Gläsern abgebildet werden. Schars zu verurteilen und künftig nicht mehr gestattet ist ein Bild wie kürzlich vom Ball der anSländischrn Preffe, wo Reichsaußenminifter von Reurath an einer reichgedeckten Tafel gezeigt wird. Grundsätzlich verboten ist, Bilder vom Ban der Reichsautobahn ohne Genehmigung der zuständigen Stelle zu bringen. Grundsätzlich verboten ist, bei Unglücksfällen über Flug- zengnnfälle der deutschen BerkehrSfliegerri zu berichten. Bornotizen über geplante Kundgebungen einzelner Ministerien usw. dürfen, wie nochmals in Erinnerung gebracht wird, ohne vorherige Zustimmung des Propaganda-Ministeriums nicht verösfentlicht werden." Ein Rrrorahf Im Wahlbüro 251 in Lndweile» wäre» als Vertreter der Einheitsfront tätig: Lau reut Fritz als Mitglied and Ott Michel als Stellvertreter, beide aus Karlsbr»»», Bis 8 Uhr arbeitete» beide im Wahlbüro und halsen dann di« Urne» zum Rathaus befördern. Bis ungefähr ll Uhr waren die Urne» von Autos zur Beförderung nach Saarbrücken abgcholt. Aus Anfrage, wie sie nach Karlsbrun« kommen könnte», teilte der Bürgermeister mit, daß bald ein Autobus käme, sie sollte» vor dem Lokale Becker an der Haltestelle warte«. Das täte« die Heiden Funktionär« vom Wahlbüro 251 auch. Als sie vor dem Lokale Becker standen, kam der Braun, srontführer Ulrich vorbei. Er erkannte anscheinend die beide» Wartenden aus seiner kommunistische» Zeit. U. ging ins Lokal Becker. Bald kam ei« Braunsrontler aus diesem Lokal, wo um 11 Uhr«och fröhlich gezecht wnrde, trotz Alkoholausschankverbot der Abstimmungskommiffio». Der Braune»ersuchte festzustellen, warum die beiden Männer aus Karlsbrun« hier warteten. Den wahre» Tatbestand, der ihm mitgeteilt wurde, glaubte der Braune nicht. Er ging daher zurück, ins Wirtslokal. Ans diesem drangen nun plötzlich 10 Männer aus die beiden Wartende» ei» u»d schleppten sie blitzschnell in den Hausflur zum Lokale Becker, wo ma» sie derart schlug, daß sie di« Besinnung»erkoren. MS Laurent wieder»ur Besinnung kam, lag er blutend im Hose der Wirtschaft Becker. Er begab sich sofort znr Polizei. Diese ließ ih« zum Arzt bringen, wo er verbunden wurde. Eine Anzeige«nszanehmen, war die Polizei nicht sofort bereit. Man behauptete, daß der Landjäger iu Karlsbrun« zuständig sei. Dieser wieder verwies den Manu nach Lndweiler. Laurent verzichtete daher vorerst, sich a» die Ludwetler Polizei»eiter zu wenden. Bielleicht kümmert sich di« Abstimmungskommiffion so nebenbei auch etwas^m diese« Fall? Laurent teilte uns»och mit, daß das stellvertretende Mitglied des Wahlbüros 251 Michel Ott insolge des Uebersalls schwerverletzt zu Haus« dar»iederliegt. Im Zeichen der braune« Hilsspolizei hat also die Ab, Kimmung auch j» Lndweiler eine»„ruhigen Verlaus" genommen. Wenigstens heißt es amtlich so ähnlich vle Edicns'chcr Die Polizeidirektion von Kaiserslautern teilt amtlich mit: „Tie Polizeidirektion sieht eS alö ihre vornehmste Pflicht an, den Eckenstehern unerbitterlichen Kampf anzusagen. Sie wird ihre Konvente mit allen Mitteln bekämpfen und mit den strengsten Maßnahmen gegen sie vorgehen." Wo ihrer drei zusammenstehn, da soll man auseinandergehn! Das Räsonieren durch Gebärden soll gleichfalls hart bestraft werdenk Die Bonzen werden Millionäre Eber scH'Döfi Flosse Das Propagandaministerium hat den deutschen Zeitungen verboten, über den„Berkans" des Berlages Rudolf Moffe an ein Großbankcnkonsortium zu berichten, obwohl die erforderlichen gerichtlichen Eintragungen bereits erfolgt sind. WeShalb wohl? Nun, dieser„Verkauf" ist in-er Reihe neudeutscher Banditenstücke eine neue Gipfelleistung, eine Schiebung gerissenster Art. Man hat nach außenhin den Anschein erweckt, als ob Ley als Ersatz für den von ihm verbotenen„Deutschen" mit den durch die„Arbeitsfront" gestohlenen Arbeitergroschen sich das Moffe-Geschäft kairfen durfte. In Wirklichkeit ist es ganz anders: Nicht Ley, sondern der Razi-Monopolverlag Franz Eher— Hauptinhaber Adolf Hitler— schluckt den Bisse»! 1985 hat für das Portemonnaie des selbstlosen Führers ganz verheißungsvoll angefangen, noch ersprießlicher womöglich, als es die bisherigen zwei Jahre Plünderungsfreiheit schon tvaren: Ab 1. Januar find Ullstein und Moffe dem allerhöchsten THrvnschatze einverleibt. Fehlt nur noch der ganze Scherl sein Teil ist es ja schon), um in der Hand des Mannes, der„nichts für sich, alles nur für Deutschland" haben will, die Einnahmen-er drei größten öeuticheu Zei- tungskouzerne und Juferaten-Plantageu zu vereinigen. Man wird sich erinnern: Wie in der Maienblüte des„dritten Reiches" der Gentleman Lachmann-Moffc— nur durch Abstammung verhinderter Nazi— zuerst die lukrative Ge- ichäftsbeziehung suchte, dann aber doch den neuen Gentlc- mrn weichen mußte. Damals gedachte Goebbels, das Mostehaus seinem Privatbefitz einzuverleiben, denn das zumindest ist doch ein neudcutscher Führer seinem Range schuldig. Aber da wachte der Monopolverlag Eher mit eherner Sittenstrenge über die Einnahmenvorrechte des Führers. Goebbels wurde nicht Herangelaffen. Zunächst waren die tausend kleinen Gläubiger des Moffe-Hauses um ihre Forderung zu bringen,' das besorgten mit großem Sachverständnis die erprobten Spezialisten der Gangsterbande, indessen sich an den BerlagSkaffcn beinahe täglich wechselnde Herren Direktoren munter die Portemonnaies füllten. Dann wurde die vom Hitler-Staat ausgehaltene Dresdener Bank Platzhalterin,— so lange, bis der Verlag Eher die Annektion durchführen konnte. Jetzt, wo die braunen Kaffenräuber absolut unbeaufsichtigt mit. dem Reich wie mit herrenlosem Gut umgehen können, ist es dem Verlag Eher gar nicht schwer gefallen, auf diesem geraden deutschen Wege aus der Reichskaffe lumpige 5,7 Millionen Reichsmark zu erhalten und sich mit ihnen den Mosse-Konzern zu„kaufen". Wie macht man das? Man schiebt ein Großbanken-Konsortium vor, das tarnt alles nicht nur vor dem Volke, noch bester aber vor dem Ausland. Denn cs gibt noch Dumme genug, die nicht wissen, daß heute sämtlichen deutschen Großbanken— mit Ausnahme der „Berliner Handelsgesellschaft", die unter amerikanischem Einfluß steht— aus der Reichskaste erhalten werden. Sie erhielten— durch den Mittelsmann Reinhart— vom Reichsosas den Befehl, den Moffe-Verlag zu kaufen. Es wurden die im„dritten Reich" üblichen RcichSwechscl gegeben, ,stic von der Reichsbank einzulösen find, was also heißt, daß die Gläuöiger nie einen Pfennig sehen werden. Man hat natürlich aus der Erfahrung gelernt, daß man ich Ausland die Nazi-Parteizeitung nicht einmal zu be- Baldurs woftnssang Baldur v. Schi rach, der Reichsjugendflihrer, hat soeben ein Buch herausgegeben:„Die Hitlerjugend, Idee und Gehalt". Tarin befinden sich folgende Stellen: „Der konfessionelle Jugendbunb hat in unserer Zeit keine Daseinsberechtigung. Während der jung« drutsche Mensch im Zeitalter des Nationalsozialismus znr Gemeinschaft drängt und damit zur Erhaltung und Lebensform der HI., hält ihn mitunter ein f i n- stimmten Zwecken verwenden will: deshalb hütet man sich, die Zeitungen des Moffc-VerlagS zu offen deklarierten Hitler-Moniteuren zu machen. Vielmehr wird jetzt„absolute Unabhängigkeit"— siehe„Frankfurter Zeitung"— als Tarnkappe übergestülpt. In Wirklichkeit ist aber geplant, aus dem„Berliner Tageblatt" eine gereinigte Auslands- Ausgabe des„Völkischen Beobachters" zu machen! So werden es ja auch die letzte» deutschen Leser nicht merken. Die „Berliner Volkszeitung" soll unmerklich„nationalsozialistisches Gedankengut" in breite Volksschichten tragen, jedoch einen großen Teil des Inhalts in Matern von der Partei-Zentralmatern-Korrespondenz beziehen, wodurch sich auch die Betriebsspesen vermindern sollen. „Betriebsführer" des neuen Verlages ist— ebenfalls aus Tarnungszwecken— der bisherige„Betriebssührer" des „Deutschen", Gamrowski. Dieser Gamrowski bringt selbstverständlich die erforderliche moralische und fachliche Eignung für diesen Posten mit,— ist er doch vor dem großen Umbruch AdministrationSlciter der„Fußballwoche" und— nachdem er natürlich seine erzrepublikanischen Jugendsünden abgeschworen hatte— intimer Zechkumpan Leys gewesen. Wobei man nachsichtig über den kleinen Schönheitsfehler in seinem Lebenslauf hinwegsah, daß es in seinem früheren Betrieb einmal eine peinliche Kassenreviflon gegeben hat, von der er sich trotz langem„Krankenurlaubs" nicht erhole» konnte. Solche Ehrenmänner dürfen in der Ehrengalcrie des „dritten Reiches" natürlich nicht fehlen. Damit dieses Gangsterstück nicht ganz der Komik entbehrt, wäre noch folgendes zu berichten: Auch Lachmann-Mosse hatte versucht, seinen braunen GesinuungSkonkurrenten die Beute wieder abzujagcn. Noch immer dreißigfacher Aus- landSmillionär— da er mit den Nazis keine Geschäfte machen konnte, versucht er eS jetzt bet den Zionisten mit einer monopolistischen Anzeigenagentur für Palästina— mobilisierte er ein Schweizer Konsortium. Dieses Konsortium trat unter Beobachtung aller Tarnungsvorschriften— gelernt ist gelernt— an die Dresdener Bank mit einem Angebot zwecks Ankauf des Moffe-Berlagcs heran. Um jedes Mißtrauen des PropagandaministcriumS zu besänftigen, bot man ganz nach Wunsch Garantien für eine„strikte Innehaltung der nationalsozialistischen Richtlinien" und würzte die Offerte außerdem durch das Versprechen, baS „Berliner Tageblatt" unauffällig, aber wirksam in den Dienst der Nazi-Auslandspropaganda zu stellen. Lachmann- Mosse witterte die Möglichkeit, vom sicheren Ausland auS auch in Hitler-Deutschland Geschäfte machen zu können. Doch an der deutschen Wachsamkeit deS Berlages Franz Eher scheiterte diese Spekulation. Schließlich sei noch eine andere typische Begebenheit aus dem heutigen Berliner Zeitungsviertel erwähnt: Bekanntlich ist vor einigen Monaten der Chefredakteur der ArbeitS- front-Zeitung„Der Deutsche" von seinem mit 86 000 Mark Jahresgehalt dotierten Posten Knall und Fall entlassen worden, weil er— auf der BerbrüberungSfahrt der deutschen Journalisten nach Warschau— im Weinrausch mehr auS der GoebbelS-Schulo geplaudert hatte, als dem deutschen McinungSherrn lieb war. Jetzt hat dieser alkoholische Sen- Kumpan einen Posten erhalten, für den er wahrscheinlich geeigneter ist: Er iü nämlich zum amtlichen Weinprüfer der Württembergischen W!.>zergenoffenschaften gewählt worden. sterer Gewissenszwang davon ab, diesem Drängen nachzugeben, um nun wirklich seinem innersten Herzen zu gehorchen. So haben besonders die katholischen Jugendverbände ihre Anhänger in seelische Konflikte hineingesührt, die ein Jugendrrzieher nicht verantworte» kann. Unter Versprechungen auf das Jenseits suchte man eine Jugend von der selbstlosen Hingabe an den Staat abzuhalten. Als ob der Allmächtige diesen Dienst am Volke verurteilen und in ihm etwas verwerfliches erblicken könnte?! Weil die Jngend keinen Unterschied zwischen arm und reich, evangelisch SdiUizt das Asglrcdit! Von Leon Blum Der Minister des Innern wird erstaunt, und wie iH glaube, empört sein, die folgende Tatsache, für deren Exaktheit ich mich verbürge, zu erfahren. Zwölf spanisch» Republikaner und Sozialisten retteten sich, vor Militär« und Zivilrichtern(d. h. vor Guillotine und Gefängnis) flüchtend, in ein kleines Fischerboot in Bilbao. Rach einer langen und gefährlichen Reise landeten sie in St.- Ieane-de-Luz. Fast erfroren und verhungert— aber immerhin gerettet: Wer den französischen Boden betritt, ist frei.— Aber aus St.-Iean-de-Luz schickte sie die Ortspolizei sofort nach Hendaye und in Hendaye befehlen ihnen die Behörden, den französischen Boden innerhalb von 6 Stunden zu verlassen. Welche Grenze können die Flüchtlinge von Hendaye aus in 6 Stunden erreichen? Nur die spanische Grenze. Der Befehl der französischen Polizei kommt daher aleich ihrer Auslieferung an den Richter oder sogar den Scharfrichter: das ist die Wiederholung der entsetzlichen Geschichte von Luchen! Ich stelle aber zudem fest, daß die Lokalbehörden von Hendaye und der Präfekt des Departements Baffes- Pyrdnees im Bewußtsein der Schändlichkeit dieser Tat die ganze Verantwortlichkeit auf dos Ministerium de« Innern schieben Sie haben unseren Freunden gegenüber behauptet, daß sie nur den Direktiven des Ministerium« folgten, daß die Befehle des Ministers dahin lauten, datz kein spanischer Flüchtling auf französischem Boden geduldet werden kann, wenn er keine ordnungsgemäße Ausweispapiere besitzt. Papiere in Ordnung? Was sind ordnungsgemäße Papiere? Das sind spanische Pässe, die von den spanischen Behörden ausgegeben werden. Also verlangt man von Leuten, die von der Polizei verfolgt werden und vor den polizeilichen Repressalien flüchten müsten, daß sie vor ibrer Flucht ihre Papiere von der Polizei ordnungsgemäß ausstellen lassen, damit wir sie aufnehmen! Kann man sich einen schlimmeren Hohn vorstellen? Ich denke nicht einen Augenblick daran, diese Tat dem Minister des Innern Herrn Regnier oder dem Polizeidirektor Herrn M a g n y zuzuschreiben. Ich verweise bloß auf den unbekannten Polizisten, der den Bürokratismus oder den Betrug so weit getrieben hat. Aber sei es die Tat des Polizisten ober des Direktor-, des Direktors oder des Ministers, des Ministers oder des Präfekten, des Präfekten oder des Kommissär»— tin Punkt bleibt bestehen. Richt nur ist die französische Gast- sreundschaft den politischen Flüchtlingen nicht gewährt, sondern sie sind auch ihrer Regierung ausgeliesert worden. Der Minister des Innern hat in Uebereinstimmung mit dem einmütigen Wunsch des Parlaments die Verpflichtung übernommen, die Tradition zu respektieren, die nicht nur eine republikanische, sondern auch eine nationale Tradition ist. Diese Pflickt ist nicht erfüllt. Er soll sich nicht wundern, daß wir ihn an das gegebene Wort erinnern. Die Handlungsweise seiner Verwaltung ist unbegreiflich und unverzeihlich. Man soll nicht behaupten, daß Frankreich von spanischen Flüchtlingen überflutet ist. Die Zahl derjenigen, die die Grenze passieren konnten, ist unbedeutend, und trotz aller Schikanen, aüf die ich wiederholt aufmerksam gemacht habe, hat ihre Anwesenheit zu keiner einzigen Unannehmlichkeit Anlaß gegeben. Alle diese Menschen, die man mit Mißtrauen und Feindseligkeit behandelt, Republikaner, Sozialisten, Mitglieder der Arbeiterbewegung, sind alte und erprobte Freunde Frankreichs. Das haben sie während des Krieges gezeigt, während ihre Monarchisten und Klerikalen» die von unserer nationalistischen Presse jetzt verherrlicht werden, sich an die Seite Deutschlands stellten, mit dem sie im geheimen sympathisierten. Sie sind die Freunde von gestern und sie könnten auch Freunde von morgen sein, denn in Spanien ist das Glücksrad im Begriff sich zu wenden. Die Reaktion ist im Begriff, sich am Tage nach ihrem blutigen Sieg zu spalten. Die republikanischen Kräfte, die sozialistischen und Arbeiter, organisationen bilden sich von neuem, erhalten neue Kraft. Noch wichtiger ist, daß auch die öffentliche Meinung eine Wandlung durchmacht, die unverschämten Verleumdungen, die man über die Kämpfe der Arbeiter in Asturien verbreitet hat, sind jetzt entlarvt worden. Alle wissen jetzt in Spanien, daß die blutigen Taten, die man den Grubenarbeitern von Asturien zugeschrieben hat, in Wirklichkeit Taten der Regierungsverfolgungen sind. Das spanische Volk ist in dem ihm eigenen Edelmut und RechtsgefUhl verletzt. Es verzeiht den Parteien und Menschen nicht, die es auch nur einen Augenblick irregeführt hatten, und es wird sie dies bald fühlen lasten. Das Blut der Opfer erstickt die Regierung Lerroux- Nobles. Und diesen Monat hat sich die französische Regierung ausgesucht, um der spanischen Regierung ihr Entgegenkommen zu zeigen und dadurch ihr Komplize zu werden. Wenn die Regierung so fortsährt, wird sie von ben Republikanern und den Sozialisten Spaniens, deren Rache naht, mit gleicher Verachtung und gleichem Groß umgeben werden wie die portugiesische Diktatur. Sie möge sich an den zynischen Ausspruch von Talleyrand erinnern. Sie ist nn Begriffe, etwas zu begehen, was schlimmer ist als ein Verbrecher: Einrn Fehler. und katholisch macht, werde ich als„Heide" verschrien, der an nichts glaubt und den Samen des Antichrist in die Herzen der arglosen Jugend träufelt! Und doch kann bei der konfessionellen Zusammensetzung unseres Volkes eine wirkliche Gemeinschaft der Jugend nur dann entstehen, wenn konscssio- uelle Fragen in dieser Gemeinschaft nicht erörtert, konfessionelle Sonderbündelei nicht geduldet wird. Ebensowenig wird in der HI. di« christliche ober eine andere Lehre angegriffen: die HI. fragt nicht nach der Kaste und nicht nach der Konfession, sondern nur nach dem Deutschtum." Am Vorabend der Saar-Abstimmung zeigt sich die gleichgeschaltete, früher katholische„Saarbrücker Landeszeitung" darüber recht erregt. Sie verhehlt nicht ihr„Befremden" darüber, daß durch diese Aeutzerungen und„gvwlsse Kundgebungen" eine neue Lage geschaffen werde. Tie Heimkehr der Saarjngcud ins Reich sieht das Blatt durck,„M ist töne und M i ß v« r st ä n d n i s se getrübt. Schon ahnt der glcichgcschaltete Saar-Katholizismus, daß jetzt die letzten Schranken bei der Verfolgung der konfeffionellen Jugendverbände gefallen sind. Nationalsozialistische Steuerpolitik Neue Lasten IHr die Armen- Vergünstigungen iOr die Reimen „Das Hochziel des nationalsozialistische» Staates ist: der Staat ohne Steuern."(„Der Katechismus der nationalsozialistischen Bewegung",„Der Deutsche Staat", S. 128 der 1033(!) mit einem Vorwort Hitlers erschienenen 17. Auflage. 1. „Negersteuer“— mehr als verdoppelt Mit dem Einsetzen der Krise und dem Steigen der Arbeitslosigkeit hatten die Arbeitervertreter in den deutsche« Gemeinden durch stärkere Belastung der Vermögenden für ausreichende Versorgung der Krisenopfer gesorgt. Die Sozialreaktion wehrte sich gegen die„Begehrlichkeit der Massen" und erreichte bereit» 1080 die Einführung einer Kopfsteuer, die vor allem die Aermsten traf. Wenn die erhöhten Ausgaben für die Erwerbslosen die Gemeinden zu Steuererböbungen zwangen, mußte die Kopfsteuer eingesührt werden. Tie Sozialreaktion hoffte, durch diese Steuer die Arbeitervertreter von Steuererhöhungen zugunsten der Erwerbslosen abzuschrecken und dadurch die Solidarität der Arbeitenden mit den Erwerbslosen zu zerstören. Anfangs wurde die Kopfsteuer vom Kurzarbeiter und vom Millionär in gleicher Höhe erhoben, genau so«»gestaffelt wie die Kopfsteuer, die einzelne europäische Staaten in den afrikanischen Kolonien erheben. Die verhaßte Steuer wurde deshalb allgemein als Negerstcuer bezeichnet und von Arbeitern und Kleinbürgern mit gleicher Intensität bekämpft. Auch die Nationalsozialisten hatten sich wiederholt für Abschaffung der Regersteuer ausgesprochen. Jetzt baben die Nationalsozialisten die Selbstverwaltung in den Gemeinden zerschlagen, aber di« Regersteuer ist geblieben. trotzdem sie ihre Funktion als Steuerregulator vollkommen verloren hat. Bei der Negerftruer schreibt das Reich nnr einen Grnndbetrag vor, von dem die einzelnen Gemeinden je nach ihrem Finanzbedarf ein Vielfache» erheben können. Einer befonderen Genehmigung bedurfte di« Regersteuer aber bisher, wenn ste mehr al» das Doppelte de» Grnndbetrag» überschritt. Ab 1. Januar 1085 jedoch dürfen di« Gemeinden ohne besondere Genehmigung bi» zum fünffachen Grundbetrag erheben. Rach amtliche« Angaben ist znr Zeit der viereinbalbfache Grundbetrag die Regel, in den Arbeiteraemeindeu ssnd die Erbebunassätze weit höher,— die Hauptstadt Berlin z. B. erhebt 700 Prozent. Roch im August 1038 hatten die Nationalsozialisten versprochen, eine niedrige Zwischenstufe, etwa für alle Einkommen bis wöchentlich 50 NM., einzusühren und für ausreichende Kinder-Ermäßigungen Sorge zu trag«». Statt dessen wird für das erste Kind keinerlei Ermäßigung gewährt und nur unzureichende für weitere Kinder. D i e Negerftruer, deren Abschaffung die Nationalsozialisten versprachen, ist mehr als verdoppelt worben. Ab 1. Januar 1035 treten im„dritten Reich" neue Sätze für den Steuerabzug vom Lohn in Kraft. Sie liegen nicht mehr, wie in den ersten 20 Monaten der Hitlerdiktatur, um zirka 50 Prozent über den Sätzen der Republik, doch sie sind immer noch 25—35 Prozent höher als vor dem Regierungantritt Hitlers. Der Steuerabzug beträgt für einen ledigen Lohnempfänger bei einem monatl. wöchentl. vor Hitler betrug ab Einkommen von der Steuerabzug 1.1.85*) mehr 85 Rm. 10,00 Rm. frei 0,78 Rm. 100°/. 125 Rm. 28,85 Rm. 4,37 Rm. 5,46 Rm. 25'/. 240 Rm. 5540 Rm. 20,— Rm. 27,04 Rm. 35'/. 500 Rm. 115,40 Rm. 59,— Rm. 78,52 Rm. 38*7« n. Steuergeschenke für den Großbesitz Durch die am 1. Januar in Kraft getretene Tabaksteuer- Novelle wurden der Zigaretteninduftrie rund 100 Millionen Steuerschulden erlassen: die Zigarettenindustriellen, die hohe Beträge der NSDAP, gezahlt haben, erhalten ihre Spenden aus Steuermtttelu zurück. Bei seinen Geldgebern läßt Hitler sich nicht lumpen. Neben diesen 100 Millionen nehmen sich die 15 Millionen, die dem Warenhauskonzern Korstadt gezahlt wurden, fast dürftig aus. und die Senkung der Erbschaftssteuer um jährlich 20 Millionen ab 1. 1. 35 erscheint als bescheidener Trost für die Industriellen, die erst später großzügig die Steuerkasse» plündern dürfen. *) Vor Hitler setzt sich der Steuerabzug vom Arbeitslohn aus Lohnsteuer und Abgabe zur Arbeitslosenhilfe zusammen: ab 1. 1. 35 werden beide zugleich mit der Ledigensteuer als einheitliche Steuer veranlagt. Durchs Guckloch Ein Telegramm aus Wien: .„Wien. Während der vorgestrigen Veranstaltung des Schubert-Bundes, der Doktor Schuschnigg und Franz von Papen beiwohnten, fiel allgemein auf, daß der Bundeskanzler, bevor der deutsche Gesandte das Wort ergriff, den Saal verließ. Ob dies Zufall oder Absicht war, steht dahin?* Man weiß, daß der Oesterreicher Form- und Stilgefühl in besonderem Maße hat. Und wenn wirklich Herr von Papen über Schubert zu sprechen sich unterfing, so war das in der Tat eine grobe Stilwidrigkeit. Der Stör soll Kaviar erzeugen, aber er soll keine Philosophie betreiben! Welch ein Glück, daß die kleine Angelegenheit mit dieser Unaufdringlichkeit, nämlich durch eine einfach von draußen zugemachte Tür und nicht durch Demarche und Notenwechsel erledigt wurde. Wenn wir Deutsche, und die Oesterreicher mit eingeschlossen, an Schubert denken, dann sehen wir den alten Brunnen vor dem Tore, dann spinnt uns ein Spinett in weiche Klangschleier ein, dann leuchten uns Spitzenhäubchen und geblümte Gardinchen, und ein Grübchen im Kinn läßt uns lachen und froh sein. Aber gedenken wir Franz von Papen— o, dann schleift ein Rittmeistersäbel mißtönend auf dem Stein, dann klappen Hacken mit zackiger Bestimmtheit zusammen; eine amerikanische Munitionsfabrik fährt krachend in die Luft, Kriegsbazillen wirbeln nur so herum und im Hintergrund werden ein paar ausgeschlagene Backenzähne aus blutigem Mund ausgespuckt. Bei Schubert denken wir Deutsche in deutschen, bei Papen in preußischen Kategorien und Vorstellungen. Man soll wirklich in Veuve CliqUot keinen Kümmel gießen! Also tatest Du recht, lieber Kurt(so wenig wir ansonsten mit Dir fraternisieren möchten), daß Du Dir den Schubertvotttag des Borussen Papen schenktest, heimlich, still und leise. Den Schiller haben sie uns schon ins Konzentrationslager geschafft; sie sollten wenigstens Euren Schubert in Ruhe lassen! * Amtliche tschechoslowakische Meldung: „Prag. Der Nationalverteidigungsminister hat den Außen* Minister Dr. Benesch, der bisher als Infanterist der Reserve im Stande des Infanterieregimentes Nr. 5 geführt wurde, zum Major der Reserve ernannt.** Dieser Herr Benesch hat hin und wieder— und übrigens nicht ohne Erfolg— die Liga der Nationen, den ganzen Völkerbund geführt. Wie wohl wird uns, daß man jetzt auch erkannt hat, daß er sogar ein Bataillon zu kommandieren in der Lage wäre! Das Militär ist überall ziemlich gleich in seiner seelischen Verfassung: Militaria gelten überall als eine erschreckliche Geheimwissenschaft; strategische Pläne sind immer ein Ausfluß konstruktivster Genialität! Was für ein Wicht(auch in bezug auf den Grad der Erleuchtung, den er anwenden muß) ist nicht ein Feuilletonschreiber oder auch ein Außenminister gegenüber einem berufsmäßigen Schlachtenlenker! Bis du Major bist, mein Sohn, das ist ein Weg b is zu Gipfeln! Apropos, da fällt mix ein: Wir Reichsdeutsche hatten, da einen ähnlichen Fall. Im/Sommer 1917 wollte Wilhelm partout den Brotkarten-Midhaelis zum Reichskanzler haben. Herr Michaelis sollte zwar den Adlerblick für die Entrümpelung der Welt vom Kriegswahnsinn an höchster verantwortlicher Stelle, mindestens aber das Talent aufbringen, Belgien und Polen zu deutschen Kolonien zu machen, aber— er war leider, leider nur Hauptmann der Landwehr! Ins Große Hauptquartier aber, wo— frei nach Ludendorff, der es ja wissen muß— der alte Hindenburg in strahlender Gesundheit jeden deutschen Sieg und jede deutsche Niederlage glorreich verschlief, war nur ein Mensch vom Stabsoffizier angefangen halbwegs gleichberechtigt und zur Suppe eingeladen. Also wurde Herr Michaelis gleichzeitig zum Nachfolger Bismarcks und zum Major der Landwehr befördert! Es ging nun einmal leider nicht anders! Wie doch die Welt so weise und vor allem mit so ungeheuerlichem Respekt vor jedem regiert wird, der mit dem biblischen Josef einen bunten Rock trägt und sich mehr dünkt als seine Brüder.■■■ F. E. Roth. Gegen me Auslieferung Heinz Neumanns Soeben liegt das Auslieferungsbegehren deS deutschen Reichsminifters der Justiz gegen Heinz Neumann dem Welthilfskomitee für die Opfer des Hitlerfaschismus vor. Das Auslieferungsbegehren behauptet nicht mehr und nicht weniger, als daß die am 9. August 1931 auf dem Bülowplatz erfolgten Zusammenstöbe, in deren Verlauf der Polizeioffizier Anlauf getötet. wurde, das Ergebnis eingehender Pläne und Vorbereitungen der KPD. gewesen seien. Trotzdem sei der Charakter der Tat kein politischer(!), da die Polizeiofsiziere nicht wegen ihrer politischen Einstellung, fondern wegen hrer dienstlichen Handlungen bedroht worden seien. Demnach fei die Tat„weder nach der inneren Tatseile, noch zeitlich auf die Verwirklichung eines politischen Zieles gerichtet" gewesen■(!!), sondern den unmittelbaren Anlaß habe die Ermordung des Arbeiters Auge gegeben, der tags zuvor vom Polizeikommando des Hauptmanns Anlaus aus offener Straße erschaffen wurde,'«- es handle sich also um einen ausgesprochenen Racheakt. Als Beweis für diese unüberbietbar absurde Unterstellung wird dem Bundesrat wieder einmal der aus dem Bülow- platzprozeß her bekannte Provokateur als Kronzeuge ange- botett/der das Lügenmärchen von der Besprechung im Zimmer des ehemaligen Abgeordneten Kippenberger wiederholt, in dessen Berlauf Neumann zu Klause und den im gleichen Prozeß Mitangeklagten Wilhelm Peschku gesagt haben fall: „Was ist bas für eine Schweinerei, der laust immer noch herum und es.passiert nichts." Peschku hat inzwischen zweifelsfrei nachgewiesen, baß er an diesem Tag überhaupt das Karl-Liebknecht-Haus nicht betreten hat, ebenso wie Kippenberger, der sich um die fragliche Zeit in Mitteldeutschland aufhielt. Diese Sitzung eristierte demnach nur in der Fantasie des Spitzels Klause. Aber schon aus anderen Gründen wäre eine solche Aeußerung, wenn sie tatsächlich gefallen wäre, in keiner Weise beweiskräftig. Weiter weist das Welthilfskomitee auf die Tatsache hin» daß sowohl im Auslieferungsbegehren als auch im Haftbefehl Heinz Neumann, einmal als„Reichsangehöriger", das andere Mal sogar als„deutscher Reichsangehöriger" angesprochen wird, obwohl er vom„dritten Reich" am 25. August 1933 als einer der ersten gemeinsam mit 32 anderen Antifaschisten aus politischen Gründen(Paragraf 2 des Reichsgesetzes vom 14. Juli 1933) ausgebürgert wurde. Bemerkenswert Ist ferner der Umstand, baß nach dem Zusammenstoß auf dem Bülowplatz iM Jahre 1931 der Name Heinz Neumann im. Berlauf der amtlichen Untersuchung kein einziges Mal auch nur genannt wurde, geschweige daß ihm ein Verfahren auf Aushebung seiner Immunität als Reichstagsabgeordneter anhängig gemacht wurde. Trotz all dieser Widersprüche aber ist das Leben Heinz Neumanns aufs höchste bedroht. Die Nazis, die seit Jahren Todesdrohungen gegen Neumann ausgestoben haben, wollen jetzt ihre blutigen Drohungen wahr machen. Das Welthilfs- komitee für die Opfer des Hitlerfaschismus ruft den Antifaschisten der ganzen Welt, all denen, die ehrlich und in freiheitlichem Geiste für unbeschränktes Asylrecht politischer Flüchtlinge kämpfen, in dieser ernsten Stunde zu: Verhindert durch einen Proteststurm die Auslieferung Heinz Neumanns an die braunen Mörder! Schützt das Asylrecht für. alle emigrierten Antifaschisten! Köln, 15. Jan. In einem Leitartikel der„Kölnischen Volkszeitung" heißt es:„Dieser Tage hat Erzbischof Dr. Gröber(der bekanntlich Sympathien für den Nationalsozialismus haben soll. Red. d,„D. I") das Wort zu einer eindringlichen Warnung vor dem Spiel mit der Idee einer Nationalkirche erhoben. Seiner Broschüre«Nationalkirche?" hat er den Untertitel gegeben:„Ein aufklärendes Wort zur Wahrung des konfessionellen Friedens." Indem Erzbischof Gröber alle Lösungsversuche einer Nationalkirche gedanklich erschöpft, komt er zu der Schlußfolgerung, baß der Plan einer Nationalkirche«unausführbar und illusorisch" ist. Religion ist primär nicht Fühlen, sondern Erkennen und Wollen. Sie ist deshalb überrassisch. Erzbischof Gröber warnt davor, die Kirchentreue der Katholiken zu unterschätzen." Marcella sembrldi Eine Gesangsgröße aus bereits verklungener Zeit, Marcella Sembrich, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Praxede Marcellini Kochanska, die später als Sängerin ihren Mutternamen Sembrich annahm, wurde in Wisniew- czyk bei Lemberg geboren. Ihr Vater war Violinlehrer. Frühzeitig begann ihre musikalische Ausbildung, so baß sie durch ihr Klavier- und Biolinspielen schon im Älter von 12 Jahren zum Unterhalt der Familie beitragen konnte. Bon 1878 bis 1889 war sie am Dresdener Opernhaus engagiert. Nachdem sie dann 1880 im Londoner Covent-Garden- Theater die„Lucia" gesungen hatte, war ihr Ruhm als große Sängerin endgültig begründet. Sie hat seither auf fast allen hervorragenden Bühnen der Welt gesungen. Dos Wlntcrhilfswcrk als Prüfstein „Unser Winterhilsswerk wird gerade in diesem Winter ein Prüfstein dafür sein, ob und wie weit sich der Gedanke der Volksgemeinschaft weiter geläutert, erhärtet und durchgesetzt hat."(Hitler bei der Eröffnung des Winter- hilsswerkes 1934.) Nach amtlicher Mitteilung erbrachten die ZwangSsamm- lungen des Winterhilsswerks bis zum 15. Dezember 1933 125 Millionen RM., 1934 sind bis 15. Dezember(falls die Angaben des Reklameministers stimmen) 50 Millionen in bar und 43 Millionen rn Sachwerten gesammelt worden. Diese 43 Millionen Mehrwerte entsprechen bei der Teuerung etwa 40 Millionen Sachspenden des Jahres 1933. Es sind also insgesamt 35 Millionen, das heißt saft 30 Prozent weniger ansgekommen als im Jahre 1983. Für»en Gesamtlnhali verantwortlich: Johann Pitz ln Tu»» weiler: svr Inserate: Ctte Nohn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSÜimme GmbH« Saarbrücken 4b Schützensiraße S.— Schliehfach 77S Saarbrücken. Gestern noch wurden die Siege der Arbeitsschlacht stolz verkündet, und heute wächst die Arbeitslosigkeit. Fragen über Fragen wirft die Wirtschaftspolitik Adolf Hitlers auf. Sie ist ein Kampf, dessen Erfolg die wenigsten klar sehen,— ein Kampf, der über das tägliche Brot des deutschen Volkes entscheidet. Und zugleich über die Dauer des Hitler-Regimes mitentscheidet. Warum Arbeitsbeschaffung? Wem soll die Wirtschaft dienen? Ist Hitler Freund der Bauern? Das Geheimnis der Arbeitsbeschaffungswechsel? Warum ist die Währung fest? Zwangswirtschaft oder Planwirtschaft? Was hat Schacht geleistet? Gibt es Auswege aus der heutigen Wirtschaftslage? Rettet der Erfindergeist Hitler? Was sind Kompensationsgeschäfte? Wohin muß der Weg Hitlers führen? Ueber all diese Fragen, die jeden angehen, gibt die Schrift, die jeden interessieren wird, eine Auskunft, die jeden überzeugen muß: Erhältlich in den Preis 3,- Fr. VON DR. NORBERT MÜHLEN SAARBRÜCKEN NEUNKIRCHEN SAARLOUIS Die Folter von Leipzig Vom Sekretariat der Sozialistischen Arbeiler-Jnternatio- aale wird uns geschrieben: Im August 1934 sind in Leipzig au? einen schlag etwa 120 frühere Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei von der Geheimen Sraarspollzei festgenommen worden. Von ihnen sind ungesähr 40 in Haft geblieben. Gegen sie ist eine Voruntersuchung wegen Hochverrats eingelejtet. Tie Behandlung, die man ihnen hat zuteil werden lassen, ist er» Musterbeispiel siir die Unierjuchungsmelhoden der Gestapo. In zivilisierten Ländern ist die Voruntersuchung ein Mittel, ein Verdacht, den man hat, auf feine Stichhaltigkeit zu prüfen. In der Barbarei des„dritten Reiches" hat sie den Zweck. Verüachtsgründe, weil man sie nicht hat, künstlich zu erzeugen. In zivilisierten Ländern wird untersucht, ob eine gegen den Untersuchungshästling erhobene Beschuldigung begründet ist. Das„dritte Rerch" hat die Untersuchungsmethoden des finstersten Mittelalters wieder zu Ehren gebracht. Wenn die Gestapo nicht weiß, wessen sie ihre Geiangenen beschuldigen soll, versucht sie, Geständnisse durch Folterungen von ihnen zu erpressen. Wenn sie nicht weiß, wessen sie ihre Opfer bezichtigen soll, sucht sie durch viehische Mißhandlungen sie zu zwingen, zu Anklägern ihrer selbst und zu Verrätern an ihren Freunden zu werden. Dieses barbarische Verfahren ist an den in Leipzig im August verhafteten ehemaligen sozialdemokratischen Funktionären ausprobiert werden, aber an ihnen nicht zum ersten Male. Im Frühjahr 1934 sand vor dem Reichsgericht die Verhandlung gegen Klühs und Genossen statt. Zwei von den Angeklagten, der betagte Karl Hildenbrand, ehemaliger würtembergischer Minister und sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, und Franck, früher Mitglied des sozialdemokratische» Partcivorstandes, mußten sreigesprochen werde», weil ihn^n der einwandfreie Nachweis gelungen war, daß man sie durch schwere Mißhandlungen zu falschen Geständnissen gezwungen hatte. Man war so vorsorglich ge- weien, bei diesen Verhandlungen die Oeffentlichkeit auszuschließen, damit sie nicht erfahre, daß aus Angeklagten des „dritten Reiches" Ankläger feiner Barbarei geworden waren. Von dem Prozeß gegen Köhler und Genossen(Sozialistische Arbeiter-Partei) hat die Weltöffentlichkeit Kenntnis bekommen. In diesem Prozeß hat ein Beamter der Gestapo, var auf diesem Gebiete die einzige ernsthafte Diskussion unter Fachleuten ausschließlich über die sogenannte„soziale Indikation". Tas heißt: Es sollte als Grund einer statthaften Schwangerschaftsunterbrechung vom Gesetz aus betrachtet werden, wenn die Mutter nicht in der Lage war, ihr Kind zu erhalten und insbesondere die Geburt des Kindes die Gebärerin in unerträgliche wirtschaftliche Verhältnisse gestürzt haben würde. In Kerrls Tenkschrist befindet sich aber über die Zulassung der„soziase,, Indikation" kein Sterbenswörtchen! Dafür aber weist diese amtliche Denkschrift folgende Bestimmung auf: «Auch ohne Gefahr für die Mutter dürfen die erwähnten Eingriffe erfolgen, um die Folgen einer Notzucht oder einer offenkundigen Rassenichändung abzuwenüen." Statt der sozialen also dir„eugenische" Jnbikaiion, die es mit der Raste und was man io sich darunter vorstellen will, auf sich hat! Was ist das übrigens: eine„offenkundige Ranenschändung"? Ein„arisches" Mädchen liebt einen Juden. Es verheiratet sich mit ihm und es soll ein Kind bekommen. Der Nazi-Arzt des zuständigen Dorfes wird in dem frohe».Er- eignis unbedingt eine sogar sehr offenkundige Rafsenfchan- düng erblicken! Nun ist aber vor kurzem das Preußische Justizministerium im Sinne der Fricksche» Berwaltungsvereinsachung selig entschlafen und im Reichsjustizministerium ausgegangen. Die amtliche Denkschrift über„Nationalsozialistisches Strafrecht" ist mit hinübergewandert; aber wer denkt fetzt noch an sie? Beim Reichsjustizministerium besteht nämlich schon seit der Zeit vor der Zusammenlegung im Austrag des Führers und Reichskanzlers eine„Amtliche Strasrechtskommlsston. In ihr sitzen zwar auch cnragierte Nazis, wie der«taatsiekretar Kreisler, aber auch Fachgelehrte von Rui, wie Grai Gle,^ vach und Professor Kohlrausch. Sie bemühen sich dort auch «m die Dinae, die„Pg." Kerrl in seiner ministeriellen Denk- Christ schon so famos in Sinne des„drittenReiches nelSst halte. I» diese» Tage« ist nu» der Arbeitsbericht dirier Kommission erschienen! In ihm ist von der ganzen„eugenischen Indikation" auch nicht an einer Stelle mehr die Rede! Die Fachwelt drückt diesen' eklatanten und vollständigen Rückfall in das juristische Vermächtnis des früheren „Systems der Schande" vorsichtig so aus, baß„nach dem Bericht der vom Reichsiustizminister eingesetzten Strafrechtskommission die erbbiologischen Fragen nicht mehr die überragende Rolle spielen, wie in der Preußischen Denkschrift". (So zu lesen in der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift" Nr. 51, Seite 1971.1 Statt der Denkschrift hat man sich aber'n der Kommission erinnert, daß es einmal unter dem„System" einen gewißen Ebermayer, seines Zeichens früherer OberreichSänwalt, gegeben hat, der schon von dem Reichstag des Jahres 1927(!) für dessen Strafrechtsresormberatungen als hauptsächlicher Gutachter hinzugezogen worden war: und dessen Standpunkt har sich nun die Kommission trotz Kerrl säst so gut wie völlig zu eigen gemacht! Ebermayer hat seine Ansichten, die nun eben das Reich zu seinen amtlichen gemacht hat, auch der Oeffentlichkeit in einem bekannten Buch „Fünfzig Jahre Dienst am Recht" zugänglich gemacht. Tarin sagt er über die„eugenische Indikation", dieses jetzt schon abgehalftertcn Steckenpferdes des„dritten Reiches" in seiner Blüte Maiensünde: „Was die eugenische Indikation anlangt, so wirb auch‘ von ärztlicher Seite anerkannt, daß die Erblehre noch nicht weit genug entwickelt ist, um, in einzelnen Fällen mit Sicherheit feststellen zu können, ob eine Unterbrechung der Schwangerschaft angezeigt ist." Dieses Urteil über die Nazi-Bastelei an der Raste ist rin- sach vernichtend: die munter sterilisierenden Aerzte im „dritten Reich" sollten es sich auch hinter den Spiegel stecken! Ebermayer ist freilich auch kein Freund der sozialen Jndi-7 kation; aber— als gewistenhafter Mann ganz bürgerlicher Denkart— doch aus wesentlich anderen Gründen: als er die Erbbiologie abtut! Er erkennt ausdrücklich an„ daß in sozialer Hinsicht manche Fälle dazu angetan seien, die Schwangerschaft zu unterbrechen: aber er glaubt nicht, an die Möglichkeit, hier einen objektiven Maßstab für den Gesetzpraktiker zur Hand zu haben und befürchtet von einer laxen Handhabung der sozialen Indikation die Ausnutzung zu Zwecken des Unfugs. Darüber kann man streiten. Auf. jeden Fall bringt auch der alte bürgerliche Strakjürist der sozialen Indikation ganz anderes Verständnis als der nationalsozialistischen Raste-Okulier- und Pfropfmethoden entgegen. Trenbelenburg in der Wirtschaft, Ebermayer in der Justiz: die verdammten„vierzehn Jahre der Schande" sind eben wieder in vollem Anmarsch! für die „£>eutsdie eiftcii“ . Reglerungsteftidlidie Äußerungen“ Wuppertal, 14. Januar. Ter Betriebszellenobmann eines Barmer Unternehmens war. e g t.lasse» worden. Die Firma halte die Kündigung mil Arbeirsmängel begründet. Der Betriebszellenobmann war der Ansicht, daß dies nur ein gesuchter Vorwand sei. Allein deshalb, weil der Fühxer des Betriebes ihn nicht als Betriebszeüenobmann haben wolle, sei er entlasten worden. So machte er vor dem Barmer Arbeitsgericht geltend, vor dem er als Kläger erschienen war, um mit Hilfe des Gerichts den Widerruf der Kündigung, mindestens aber eine Kündigungsentschädigung durchzusetzen. Ter entlastens Betriebszellenobmann machte, von einem Rechtsbeitzand der„deutschen Arbeitsfront" unterstützt, gellend, daß Arbeitsmangel in die.em Falle kein hinreichender Kündigungsgrunb sein könne, weil das über 80 Arbeiter und Angestellte beschäftigende Unternehmen, trotz der angeblich stark zusammengeschrumpften Aufträge, nur zwei Angestellte, aber keinen einzigen Arbeiter entlassen habe. Ter wahre Künöigungsgrunü sei woanders zu suchen. Die, beklagte Firma habe den Betriebszellenobmann vielmehr deshalb aus dem Betrieb haben wollen, weil er den Betriebsleiter wegen regierungsfeindlicher Aentzerungc» angezeigt habe. Bei diesem Vorgehen könne jedoch dem Kläger nur der einzige Vorwurf gemacht werden, daß er sich nicht mit der P a r- t e i in Verbindung gefetzt habe, nm den Betriebsleiter vor der Erstattung einer Anzeige zunächst verwarnen zu lasten. Die beklagte Firma, ebenfalls von einem Rechtsbeistand der„deutschen Arbeitsfront u n t e r st ü tz t (!), verteidigte ihr Vorgehen damit, daß Arbeitsmangel in Verbindung mit der Verknappung an Rohmaterialien der wirkliche Entlastungsgrund gewesen sei. Im übrigen habe sich der Kläger erhebliche Verstöße gegen die Erfordernisse des Betriebes zuschulden kommen lassen. Er habe gewußt, daß der von ihm-bekämpfte Betriebsleiter unentbehrlich für den Betrieb gewesen ist. Trotzdem habe er ihn kurzerhand verhafte« lasten, die Arbeiterschaft auf die Vorgänge der Verhaftung besonders aufmerksam gemacht und demonstratio seine Freude und Genugtuung gezeigt. Monatelang habe er sich alle Aeußerungen des Betriebsleiters ausgeschrieben, äußerlich aber mit ihm freundschaftlich verkehrt, nur um ihn besser aushorchen zu können. So habe der Kläger offen- sichtlich gegen die Interessen des Betriebes verstoßen. Trotz dieses Verhaltens habe die Firma versucht, dem Kläger anderweitig eine neue Stelle zu verschaffen. Angesichts der ganzen Sachlage kam das Gericht in seinem Urteilsspruch zu- einer Ablehnung der Klage des frühere» Betriebszellenob» manns. Den Nachweis, daß nicht Arbeitsmangel, sondern lediglich die Tätigkeit des Klägers als Betriebszellenobmann zur Entlastung geführt habe, sah das Gericht als nicht erbracht an. Da die Tätigkeit der Angestellten nicht ohne weiteres durch Kurzarbeit habe gestreckt werden können, hätten Angestellte eutlassen werden müssen. Allerdings war auch das Gericht der Auffassung^ daß bas Verhalten gegenüber dem Betriebsleiter zur Kündigung b e i g e t r a g e» h a b e, „Barth-nlrtil trafihor“ ^Der Vorsitzende der T i e n st st r a f k a w m e r für ö«N Regierungsbezirk Köln teilt uns folgendes mit: „Die vielfach in der Presse erschienene Behauptung, der evangelische Theologieprofestor Tr. Barth aus Bon» sei wegen seiner Haltung gegenüber der Leistung des neue» Beamteneides aus dem Dienst entlasten worden, ist unzutreffend. Profefior Barth mußte vielmehr wegen einiger politisch bedenklicher Aeußerungen, wegen Verweigerung der Leistung des„deutschen Grußes" in der Vorlesung an der Universität und wegen seiner für einen deutschen Beamten und Jugcnderzieher nicht tragbaren Ablehnung des neuen Staates entlassen werden. Die Frage der Eidesleistung hat nur eine ganz untergeordnerc Rolle gespielt. Auch hat es sich in dem Verfahren nicht um die Entscheidung über einen Konflikt zwischen staatlichen Ansprüchen und dem Willen Gottes gehandelt. Universiiätsprofestor Barth hat gegen bas Urteil der Dienststrafkammer noch die Möglichkeit der Berufung an das Obcrverwaltungsgericht, so daß seine Dienstentlassung noch nicht endgültig ist." Tas ist eine dankenswert deutliche Erklärung. Max Barth wurde entlasten nicht wegen der formalen Eidesverweigerung, sondern wegen seiner grundsätzlichen politischen Haltung. Der hochpolitische Charakter der Maßregelung wird damit zugegeben, Protei und Bonze Im. dritten Pe'di‘ Die deutschen freien Gewerkschaften hatten in jedem Jahre den erwerbslosen und invaliden Verbandskollegen eine besondere WeihnachtsünterftützuNg ausgezahlt. Bereits Weihnachten 1933 aber hat die Deutsche Arbeitsfront keine Weih- nachtsunterstütznng an die Erwerbslosen und Invaliden, dafür jedoch den hochbezahlte« braunen Bonzen ein volles dreizehntes Monatsgehalt ausgezahlt. Auch in Danzig haben sich die Bonzen der Arbeitsfront ein dreizehntes Monatsgehalt aus den gestohlene« Arveitergroschen angeeignet. Doch da der frergewerkschaftliche Verband„Verband der Danziger Eisenbahn und Hafenausschußbediensteten" dem erwerbslosen und invaliden Kollegen die traditionelle Weihnachtsunterstützung auszahlte, mußte die Danziger Arbeitsfront ebenfalls diese Unterstützung bewillige». Im Jahre 1933 hatte der gleichgeschaltete Eisenbahnerverband noch aus der gestohlenen sreigewerkschaftlichen Kaste 25 Danziger Gulden pro erwerbsloses und invalides Mitglied ausgezahlt, in diesem Jahre nur noch 7 Gulden. Die braunen Bonzen aber haben ihr volles dreizehntes Monatsgehalt auch dieses Jahr wieder eingestrichen. Im„dritten Reich", wo die Arbeitsfront kein Ueberlauien ihrer Mitglieder zu legalen freigewerkschaftlichen Organisationen fürchten muß, wurde auch in diesem Jahre den Erwerbslosen und Invaliden keine Weihnachtsunterstützung ausgezahlt, sondern nur den„bedürftigen" braunen Bonzen. Per Kampf gegen die Ka'ho'lften Frankfurt, 15. Jan. Junge katholische Sportler, die bisher die zwangsweise Gleichschaltung ihrer Organisation vcrhin- dert hatten, protestierten gegen das von den Nazis verlangte und durchgeführte Aufziehen einer Hakenkrruzsahne auf ihrem Sportplatz und verlangten die Htstung ihrer christlichen Fahne. Das wurde abgelehnt. Daraufhin holten<. die Jungkatholiken die Hakenkreuzsahne herunter. Der Zwischenfall hat dazu geführt, daß den Jungkatholiken die Benutzung des Sportplatzes von der Kreisleitung der NSDAP, ent. ».»44.» uwrden ijt. ..Deut»die Freiheit**, Nr. 13 W Saarbrücken. Mittwoch, 13. Januar 193S ARBEIT UND WIRTSCHAFT Nächste Erfahrung des Dr. Schacht Rasch sucht Wirtschaftsdiktator Schacht seine Machtstellung auszubauen. Darre ist auf Urlaub und fraglich ist’s, ob er wiederkehren wird. Wenn er aber wiederkehren sollte, wird er dann noch selbständiger Minister und der Herr über die Agrarpolitik sein oder nur der Untergebene Schachts? Jedenfalls hat nicht Darres Staatssekretär Backe das neue Geseg über Forstwirtschaft in Abwesenheit seines Ministers für das Ernährungsutinisterium unterzeichnet, sondern eben Schacht, und das läßt darauf schließen, daß der Wirtschaftsdiktator sein Machtbereich bereits auf das Ernährungsministerinm ausgedehnt hat. Schacht hätte damit das einzige Gebiet der Wirtschaft erobert, auf dem bisher die Nationalsozialisten nach Verdrängung Hugenbergs unumschränkt gewaltet, das einzige, in dem sie und nicht Vertreter des„alten Systems“ die Führung hatten. Durch ihre Agrarpolitik sollten die ländlichen Massen zur treuesten Gefolgschaft Hitlers werden, die Herausnahme der Landwirtschaft aus der„Verflechtung des kapitalistischen Marktes“ sollte das Kernstück des deutschen Sozialismus bilden, die Blut- und Bodenpolitik die neuen bäuerlichen Edelinge als„Träger der Staatsführung“ schaffen, die Blubo Romantik an die Stelle des schnöden Materialismus treten. Es war die politisch wichtigste wirtschaftliche Machtposition, die Darre für die NSDAP., für Hitler besetzt hatte. Und jetzt muß dieser Nationalsozialist, der einzige, der sich durchzusetzen schien, der Sieger über Hngenberg, dem üblen Stehkragenkapitalisten Schacht weichen! Das ist eine Tatsache nicht nur von wirtschaftlicher, sondern vor allem von politischer Bedeutung. Die Kosten der Blubo-Politik Kostspielig, freilich, sehr kostspielig ist Darres Politik ‘gewesen. Romantiker rechnen nun mal nicht mit dem Gelde und das macht sie ja vielen so liebenswert, bis es zum Zahltag kommt und es sich herausstellt, daß andere die Rechnung zu begleichen haben. Die deutschen Getreide- und Futtermittelpreise sind zwei- bis dreimal so hoch wie im Ausland, Fleisch, Fett, Butter, Schmalz. Eier zum Teil mehr als dreimal, Zucker fast fünfmal so hoch wie im Ausland. Von Dezember 1932 bis Dezember 1934 haben sich die deutschen Inlandspreise erhöht: Ochsen von 63 auf 82; Schweine von 76,80 auf 96.00: Butter von 216,54 auf 260; Zucher von 40,52 auf 4-1; Schmalz von 61 auf 181 RM., also gerade verdreifacht! Wer bezahlt? Milliarden werden so vom Einkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten von den breiten Massen der Städter auf das Einkommen der landwirtschaftlichen Produzenten übertragen; mehr als eine Milliarde jährlich kommt dazu aus öffentlichen Mitteln in Gestalt der Steuersenkungen und Subventionen; dazu aber treten die Kosten, die der Ausfall der deutschen Ausfuhr bewirkt, der durch die Zerstörung der Außenhandelsbeziehungen und die Verringerung der Exportfähigkeit infolge der steigenden Lebenshaltung»- und Robstoffkosten bewirkt worden ist— es handelt sich wieder um Milliarden! Die Steigerung der Lebenshaltungskosten bedeutete eine Verminderung des Realeinkommens der Arbeiter und der Festbesoldeten selbst dann, wenn die Nominaleinkommen die gleichen geblieben wären. Man weiß, daß das trotz immer wiederkehrender, allerdings auch immer schwächer werdender offizieller Beschönigung»versuche nicht der Fall ist, daß das Lohnniveau ganz allgemein— einzelne Zweige der Rüstungsindustrie vielleicht ausgenommen— gesunken ist. Noch mehr trifft das infolge der Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich für das Einkommen der einzelnen Arbeiterfamilie zu. Nur so ist die erschütternde Tatsache zu erklären, daß trotz der Verminderung der Arbeitslosenzahl auch nach den offiziellen Ziffern der Absatz des Einzelhandels in Lebensrnitteln mengenmäßig im Jahre 1934 selbst Sinter den schlimmen Krisenjahren von 1932 und 1933 zurückgeblieben ist! Und diese Erscheinung der Verelendung der arbeitenden Massen ist um so aufreizender, wenn man sie mit der Lage der Besitzenden, wie sie sich unter der Hitler Diktatur gestaltet hat, vergleicht. Wir zitieren die„Frankfurter Zeitung“: ..Ebenso wie bei den Arbeitern, deren Einzeleinkommen nicht gestiegen sind, war es auch bei den Festbesoldeten, anders dagegen bei den Selbständigen: bei den Landwirten und dem gewerblichen Mittelstand wie bei den kaufmännischen und industriellen Unternehmern ist nicht nur das Gesamteinkommen stärker gestiegen als bei der Ar beäerschaft, vielmehr sind in den meisten Fällen auch die Einzeleinkommen gewachsen, obgleich natürlich die Unterschiede von Fall n Fall recht groß sind. Von den Kapital „Die Wiederherstellung der Rentabilität der Landwirtschaft mag für den Konsumenten hart sein, aber das Schicksal erfordert, daß das ganze Volk die notwendigen Lasten trägt,“ hatte Hitler in seiner ersten Reichstagsrede verkündet. Die Lasten wurden hart. Die Handelsverträge wurden gekündigt, ein lückenloser Zollschutz für alle landwirtschaftlichen Produkte eingeführt und bis zur völligen Unterbindung der Einfuhr getrieben, das Fettmonopol geschaffen, durch Kontingentierung der Produktion und Auferlegung einer Steuer die Margarine verteuert, um den gesteigerten Verbrauch von Butter zu erzwingen, und dadurch zugleich die Milchpreise zu steigern. Durch Einführung des Monopols auf die Kraftfuttermittel setzte man zugleich das Niveau der Futterpreise nochmals herauf. Schließlich faßte man die landwirtschaftliche Produktion und ihre Verarbeitung zu Zwangssyndikaten zusammen mit Festpreisen und Ablieferungszwang und tat die ersten Schritte zur Produktionsreglung, direkt durch Verbot der Produktionsausdehnung z. B. im Weinbau, indirekt durch Androhung der Nichtabnahme überschüssiger Getreidemengen oder andererseits durch staatliche Prämien für gesteigerten Anbau von Flachs, Hanf, Oelsaaten, für Vermehrung der Schafzucht usw., unbekümmert um die Produktionskosten. Zugleich wurde eine Zinssenkung auf 4 5 Prozent für alle landwirtschaftlichen Personal- und Realkredite durchgeführt; sie brachte der Landwirtschaft, vor allem auch dem hochverschuldeten Großgrundbesitz, eine Lastensenkung von 260 Millionen RM. jährlich, die das Reich aus allgemeinen Steuermitteln den Kreditanstalten ersetzen muß. Die Grundsteuer wurde mit 100 Millionen vermindert, was den meisten Ländern die völlige Streichung dieser Steuer für die Landwirtschaft ermöglichte. Die Umsatzsteuer für landwirtschaftliche Produkte wurde auf 1 Prozent ermäßigt und die Landarbeiter wurden der Arbeitslosenunterstützung beraubt, was für die landwirtschaftlichen Unternehmer eine weitere Ersparnis von mehr als 40 Millionen jährlich bedeutet. einkünften haben sich die aus Dividenden sichtbar erhöht, die übrigen mindestens etwas gefestigt. Die nominelle Erhöhung des gesamten Volkseinkommens gegenüber dem vorigen Jahr mag zwischen einem und zwei Zehnteln liegen.“ Diese nominelle Erhöhung ist also eine reale Erhöhung für die Besitzenden, eine reale Senkung für die breiten Massen des Stadtvolkes und für die wieder hörig gewordenen Landarbeiter. Ein typisches Dokument Wir erhalten folgende» Rundschreiben der Verbrauchergenossenschaft Stettin, das infolge der Massenaustritte der Mitglieder versandt werden mußte. Das Rundschreiben besagt deutlich, daß die Konsumgenossenschaften unter dem Nationalsozialismus langsam, aber systematisch zugrunde gehen, VERBRAUCHERGENOSSENSCHAFT STETTIN E.G.M.B.H. Stettin, den 12. Dezember 1934. An die ausgeschiedenen Mitglieder! Betr. Rückvergütung für das Geschäftsjahr 1933134. Mit dem 30. Juni schieden Sie infolge Ihrer Kündigung aus unserer Verbrauchergenossenschaft aus, bzw. beabsichtigen Sie, infolge der eingereichten Kündigung im nächsten bzw. übernächsten Geschäftsjahr auszuscheiden. Durch die ausgeschiedenen Mitglieder, bzw. diejenigen, welche im nächsten Jahre auszuscheiden gedenken, ist die Genossenschaft durch den eingetretenen Umsatzrüek- gang, welcher durch die Untreue aller der Mitglieder verursacht wurde, die ihre eigene Verbrauchergenossenschaft im Stich gelassen haben und ihre Bedarfsgüter anderweitig decken, in die unangenehme Lage versetzt worden, Rückvergütung nur für diejenigen Mitglieder bereitzustellen, welche ihrem eigenen Unternehmen— der Verbrauchergenossenschaft— die Treue bewahrt haben. Infolge des U msa^rüdeganges ist aus den Erträgnissen des Geschäfts die Rückvergütung nicht erübrigt worden. Unser eigenes Unternehmen, der Reichsbund der deutschen Verbrauchergenossenschaften(die GEG.), hat deshalb den treuen Mitgliedern die Rückvergütung für dieses Jahr zur Verfügung gestellt. Ein glänzender Beweis genossenschaftlicher Betätigung ist hierdurch erbracht worden, indem auch in schweren Zeiten das eigene Unternehmen hinter den treuen Genossenschaftern steht und die genossenschaftliche Treue belohnt. Die Erbschaft Aber wenn jetzt Schacht an die Stelle Darres tritt, kann das eine wesentliche Aenderung bedeuten? Die nationalsozialistische Agrarpolitik hat zum Ruin der gesamt- deutsehen Volkswirtschaft sehr viel beigetragen. Aber sie hat die Bauern nicht zufriedengestellt, die die Verteuerung der Futtermittel um einen Teil des Nutzens aus den höheren Preisen ihrer Produkte gebracht hat. die sich gegen die Zwangswirtschaft sträuben und das Erbhofgesetz ablehnen. Schacht mag den Zauberlehrling Darre vielleicht in die Ecke stellen können, deswegen wird er die Geister doch nicht mehr los, die jener gerufen, und auch kein Goerdeier wird ihm helfen können. Versucht er die Verringerung der für die deutsche Industrie und ihre Exportfähigkeit nicht tragbaren Last, versucht er die Senkung des überhöhten Preisniveaus, dann ruft er die feindselige Erbitterung der agrarischen Welt vom Großgrundbesitzer bis zum Kleinb»’" rn»regen das Regime auf. und dieser Gefahr kann sich die Diktatur nicht aussetzen. Behält er aber die bisherige Politik bei und begnügt sich nur damit, neue Steigerungen, die Darre plante, zu unterlassen, so verewigt er das Uebel. Hier stößt die politische Macht der Diktatur an das eherne ökonomische Gesetz und alle Versuche, einen Ausweg zu finden, können nur zu einer Erschütterung der politischen Gewalt führen. Das wird die nächste Erfahrung sein, die Schacht machen wird. Dr. Richard Kern. Rohstoffmangel der Baumwollindnstrie Offiziell bestätigt Die Fachgruppe Baumwollspinnerei der Wirtschaftsgrupp« Textilindustrie berichtet: Die Nachfrage nach Baumwollgarnen hat auch im Monat Dezember, insbesondere für kurzfristige Lieferungen, im allgemeinen angehalten. Aus einzelnen Bezirken wird allerdings eine gewisse Verringerung der Nachfrage in Dreizylinder-Garnen gemeldet, nachdem in Teilen der gamverarbeitenden Gruppen eine Beruhigung eingetreten ist. Die ausreichende Versorgung mit Rohbaumwolle bereitete in vielen Fällen erhebliche Schwierigkeiten, jedoch konnten Betriebsstillstände von längerer Dauer im Laufe des Berichtsmonats vermieden werden. In der Vigogne- und Zweizylinder-Spinnerei herrschte nach wie vor sehr starke Nachfrage. Der Auftragsbestand sichert diesen Betrieben für mehrere Monate Beschäftigung. Die Gesamtlage der deutschen Baumwollweberei im Dezember hat sich gegenüber den Vormonaten nicht grundsätzlich geändert. Als das wesentlichste Merkmal kann festgestellt werden, daß der stürmische Kaufdrang der Abnehmerschaft nachgelassen hat, was auf dem Baumwollwarenmarkt eine gewisse Erleichterung der Lage zur Folge hatte. Die Nachfrage war allerdings immer noch groß genug, um den im Rahmen der Fasetstoffverordnung möglichen Beschäftigungsgrad aufrechterhalten zu können. Nennenswerte Ei folge im Ausfuhrgeschäft waren nicht zu verzeichnen. Werbt für die„Deutsche Freiheit* Da wir annebmen, daß Sie während der Zeit Ihrer Mitgliedschaft bei der Verbrauchergenossenschaft Stettin die Einrichtung als ein Unternehmen, das nur im Verbraucherinteresse arbeitet, schätzen gelernt haben, soll auch Ihnen die Möglichkeit gegeben werden, wie bisher in Reih und Glied mit den noch(!) vorhandenen 18 000 organisierten Verbrauchern weiterhin mitzuarbeiten. In diesem Falle wird auch Ihnen, wenn Sie die ausgesprochene Kündigung zurücknehmen, oder soweit Sie am 30. Juni 1934 ausgeschieden sind, Ihren Beitritt wieder erklären, die Rückvergütung noch nachträglich gewährt, wenn Sie im Geschäftsjahr 1934 35 einen Umsatz von 200 RM-, und soweit es sich um ledige Mitglieder handelt, einen Umsatz von 100 RM. erzielen. Durch Ihre bisherige Mitgliedschaft haben Sie bewiesen, daß Sie als Genossenschafter mitarbeiten wollen an dem Ziele, durch die Festigung und den Ausbau der örtlichen Verbrauchergenossenschaft zu einer geregelten Bedarfsdeckungswirtschaft zu gelangen, die maßgebenden Einfluß auch auf die Produktion zugunsten der Verbraucher auszuüben in der Lage ist. Daß dieses Ziel erreicht werden kann, beweisen die in den letzten(von Hitler verflochten) 15 Jahren(!) errichteten über 50 großen eigenen Produktionsbetriebe der GEG., welche sich die organisierten Verbraucher geschaffen haben und die Zeugnis davon ablegen, daß durch den Zusammenschluß der Verbraucher Großes geschaffen werden kann. Wir hoffen, daß Sie auch weiterhin Mitglied der Verbrauchergenossenschaft bleiben, bzw. Ihren Beitritt wieder erklären. Die Beitrittserklärung bzw. die Rücknahme der Kündigung kann in der nächsten Warenabgabestelle abgegeben werden. Heil Hitler! Verbrauchergenossenschaft Stettin e. G. m. b. H. E. Rex, H. Wenserski. Die nationalsozialistische Agrarpolitik hat Erfolg gehabt: die Preise hoch! Da« zeigt folgende Tabelle: Inlandspreise Auslandspreise (Dezemberpreise RM. je 100 kg) Weizen ■ a a a . a a a a a 20,55 10,41 in Neuyork Roggen f s a a a a « a a 10,55 6,58 in Posen Hafer. < a a a a R a I■ 14,88 5,29 in London F uttergerste i a a a a a ■ ■ 15.45 8,17 in London Mais(Plata) ■ a a a a a a 15.50 5.84 in London. Ochsen V a a ■ a a U a a 82,00 23,87 in Kopenghagen Schweine a a a a a a a a i .'6,00 28,37 in Chikago Butter. ■ a a f a a a a 9 260,00 121,77 in Kopenhagen Schmalz 9 a a a a a f a 1 181,00 66,86 in Neuyork Eier*) a a l a a a ■ a U 11,50 4,97 in Kopenhagen Zucker. ■ a a a a a U 44,00 9,17 in Neuyork ') RM. für 100 Stück. Niedergang der Konsumgenossenschaften ^rußdie Stimmen• föeifaigc zur.deutsdien Greift eit* hei^nisse und$esdiidden 7hctucna mit dem„J-ühvec” Von tßcuna fftcandq. Zwei Uhr nachts. Der„Führer“ geht im Pyjama nervös auf und ab. Auf dem Nachttisch Tabletten, Schlafpulver, Zeitungen. Wischt sich über die Stirn, stöhnt, schaltet gedämpftes Lieh} ein, schmeißt sich in einen Sessel, stiert auf den Teppich.— Einige Minuten später erscheint der Lahme. Der Lahme: Sie haben mich rufen lassen... Versuchen Sie's doch mal mit Baldrian. Führer: Baldrian... Baldrian! Können Sie denn schlafen— bei der Pleite auf der ganzen Linie? Der Lahme:(legt ihm ein paar Tabletten auf den Nachttisch). Probieren Sie mal G 3! Hat unser Leibmedikus für die ganze Regierung gemixt. Drei Tabletten in schweren Fällen. Führer: Zieht bei mir alles nicht mehr. Vielleicht sollte maus machen wie Hermann, aber Morphium bekommt mir nicht.(Versucht sich Haltung zu geben.) Mir gehen die Attentate im Schädel herum. Ausgerechnet alte Kämpfer. Wenns wenigstens Marxisten wären! Der Lahme: Die hätten nicht viel von sowas. Die denken historisch, die sind überzeugt, daß der Tod einiger Oberbonzen an den Grundlinien der Entwicklung nicht viel ändert. Führer: Ausgezeichnet....'Könnten wir denn unseren Leuten nicht auch sowas beibringen?(Sucht nach Worten.) Nur eben noch radikaler, noch historischer als die Marxisten: daß unser Tod nichts, gar nichts ändert und daß alles, alles nur von der Zeit abhängt... Der Lahme: M. w. Machen wir schon. Reden wir nicht bereits in Jahrhunderten, in Jahrtausenden? Habe ich nicht schon verkündet, daß erst die Jetzigen aussterben und neue Generationen heranwachsen müssen?! Führer: Na— und? Was sagt das Volk dazu? Der Lahme: Es sagt, drum besorgten wir wohl das Aussterben durch die Gestapo... Vom Hofe her tönt ein lauter Knall. Beide schrecken zusammen. Der Lahme verschwindet vom Fenster. Man hört Gerenne im Vorsaal. Ein Adjutapt tritt ein. Adjutant: Melde gehorsamst, nichts geschehen. Autors fen geplatzt.(Ab.) Führer(sammelt sich wieder): Sagen Sie—— gibts in der Geschichte nicht Beispiele, wo auch viel versprochen Der Lahme: Und nichts gehalten wurde, meinen Sie! Gibts natürlich, aber die sind für uns nicht zu brauchen— <-» eing immer bitter aus. Führer: Weil es damals noch kein Radio gab! Der ‘Rundfunk muß mehr hergeben! Ihre Abteilung muß erfinderischer werden! Eine ganz neue Sprache muß h»r. wissen Sie, so eine europäische Platte: kein Land kann allein die wirtschaftliche Entwicklung überspringen... (Ringt nach Worten.) Alle müssen einander helfen.., Der Lahme: Solidarität der Völker... Europa muß einig und planvoll Zusammenwirken... Wir sind alle Glieder einer Menschheitskette... Führer: Bravo, Josef! Bravo! Weiter sot Der Lahme: Vorsicht, Vorsicht? Marxistische Fußangeln! So reden die seit Jahrzehnten! Und unsere Rüstungen? Die Rohstoffe verpulvert! Kirchenglocken und Türklinken für Kanonenrohre! Milliarden in der Luftflotte! — Schwer, sehr schwer, da plötzlich eine marxistisch-pazifistische Kern- und Dauerplatte einzuschmuggeln... Und glauben Sie, daß uns die Reichswehr nachher noch braucht? Führer(bedeppert): Ach so.. natürlich... ich meinte ja auch nur so.(Leise bebend). Und dann, Josef — was dann? He? Der Lahme(zuckt die Achseln). Führer: Wenn Sie schon das Maul nicht mehr aufkriegen!(Steht plötzlich wie angenagelt, stiert auf einen Schatten an der Wand, grobes Profil.) Guck, da ist er wieder!(Den Schatten anflüsternd.) Ich hab dich doch nicht gekillt— der Kleiderständer wollte es so! Geh doch zu dem, ich habe es nicht gewollt, ich habe es nie gewollt.... ich bin immer unschuldig...■ Der Lahme(geht zum Tisch, rückt eine Vase zur Seite, der Schatten ist verschwunden. Greift zum elektrischen Taster, schaltet helles Licht ein, wirft zwei Tabletten in ein Glas Wasser, rührt um, reicht es dem Führer): Wie gesagt, probieren Sie G 3.— Schlafen.... Weiter weiß ich Im Moment auch nichts. Führer(mißtrauisch, den anderen bedauernd): G 3? warum gerade G, hä? Warum gerade G? Legt jeden um, nicht wahr?(Zwingt dem Lahmen das Glas in die Hand.) Trinken! Sofort, sag ich!(Deutet zur Tür.) Der Lahme: Ich weiß, Ihre Leibwache steht draußen. (Stürzt das Glas hinunter, schüttelt sich.) Brrrr... In einer Stunde schlafe ich. Wünsche desgleichen!(Durch die Tür ab.) Führer(hinterher): Schick mir wenigstens meinen Adjutanten Brückner! Holt Brückner! Brückner soll kommen! Ueber dem Hofe wölbt sich der besternte Nachthimmel. Klumpfuß humpelt zum Auto, wischt sich die Stirn, stöhnt: „Immer dasselbe, immer dasselbe Delirium..Hört ein surrendes Geräusch, zieht den Kopf ein, horcht scharf nach oben. Der Lahme(zum Chauffeur): Hören Sie?(Deutet zum Himmel.) Chauffeur: Jawohl, ein Flieger, Der Lahme: Jetzt? Nachts drei Uhr? Ueber dem Führerpalais?(Schmeißt-sich ins Auto.) Gas! Tempo! Durch die Nebenstraßen!(Ab. Ein Wagen mit Schwerbewaffneten hinterdrein.).«' J^ekevuttnisse gutes zum Jode Vecudeilten Ich war zum Tod verurteilt, Weber von Beruf, Sohn eines Heimarbeiters und 19 Jahre alt. Fast zwei Monate hat man mich warten lassen. Dann bin ich in die Kanzlei gerufen worden und die Begnadigung wurde mir vorgelesen. Wenn man, wie ich, zum Tod verurteilt war und sich mit der Möglichkeit eines gewaltsamen Endes durch den Strang vertraut gemacht hat. rinnt einem ein Eisstrom durch die Adern, wenn man nach Wochen und Monaten qualvollen Harrens diesen unmenschlichen Bescheid der Begnadigung zu lebenslangem Kerker bekommt. Die einzelnen Worte des Begnadigungsschreibens erschienen mir wie Erdschollen, die schwer und dumpf auf den Sarg niederkollern, auf den Sarg, in den man mein Liebstes, meine junge Freiheit, eingeschlossen hatte. Diese Ungeheuerlichkeit hat mich dazu gebracht, mit nichts anderem antworten zu können, als mit Tränen, nur mit Tränen, nur mit Tränen. Ich hab’ ja meinem eigenen Begräbnis beigewohnt. Was ich in diesen Minuten erlitten, das faßt keine Hölle in sich. Mehr als einer ist wohl schon nach der Qual der Ungewißheit der letzten Wochen von einem solchen Augenblick weggegangen als ein Gerichteter, als ein Narr. Der Gedanke„begnadigt“ durchbricht wie ein Blitz den Dämmerzustand der letzten Tage und es wird für eine kurze Spanne heil. Aber dieser Blitz läßt um so unbarmherziger das hinter ihm lastende Dunkel„Lebenslang“ in furchtbarstem Kontrast erstehen. Wie ein Betrunkener bin ich fortgetaumelt, bar fast jeglicher Besinnung. Die hat sich erst nach ein paar Tagen wieder eingestellt. Jubelnde Freude darüber, daß es nicht zum Strang ging und schauriges Entsetzen über die vor mir liegende endlose Kerkerstrafe rangen miteinander. Ich wußte nicht, soll ich weinen oder lachen. Manchmal tat ich beides zugleich. Wer in einer solchen Lage noch sagen kann:„Am Lachen und Flennen ist der Narr zu erkennen,“ der ist über die gefährliche Klippe hinweg und er wird den Kampf gegen Windmühlen wagen, wenn ihre Flügel ihn auch zerschmettern. Der andere aber, der den Begriff„Lebenslang“ nicht zu fassen vermag, der wird nach dem Henker schreien oder selbst Henkerdienaje an sich verrichten. Wie viele, die, trotz gegenteiliger Ansicht des Staatsanwaltes, noch keine Mörder waren, sind erst durch das harte Urteil ,.Lebenslang“ zum Mörder geworden! Sei es an sich oder an ihren Totengräbern, ihren Wächtern. Ich bin an dieser Klippe vorbeigekommen. Lange Jahre lehnte sich alles in mir gegen die Enge und den Zwang auf. Meine unbändige Freiheits- und Lebenasehnsucht führte zu schweren Verstößen gegen die Hausordnung. Eine Hausstrafe nach der anderen zog ich mir zu. Endlich ergab ich mich resigniert in das Unabänderliche, Vor ein paar Jahren war ich strafweise in Zellenhaft gekommen und bin später auf eigenen Wunsch dort belassen worden. Ich wollte in meiner arbeitsfreien Zeit geistige Beschäftigung haben. Ich betätige mich schriftstellerisch, und all das Leben, all die Farbigkeit, wonach ich mich sehne, male ich mit lebendiger Fantasie in den Romanen, die in meiner Zelle entstehen. Das. was ich schreibe, darf ich nicht meinen Angehörigen schicken. Es muß im Gefängnis bleiben, solange ich selbst dort bin. Mein altes„Ich“, das sie damals vor Gericht stellten und aburteilten, ist abgestorben und in die Hülle hinein ist von innen heraus ein neuer Mensch gewachsen. Und jetzt sinds achtzehn Jahre, daß ich das Unerträgliche ertrage....“ So erzählte der Lebenslange. Vom Zellenbau glotzten die eisenvergitterten Fenster, und ein Rabe flog krächzend hoch über die Köpfe..... Jcühec! ja Iciihec... Gleichgeschaltete untereinander Unter den gleichgeschalteten und übergelaufenen Journalisten im„dritten Reich“ gibt es eine große Anzahl, die den anderen die Vergangenheit vorwerfen, um selbst unbelasteter vor den heutigen Herren Deutschlands zu erscheinen. Das erfährt man wieder einmal aus dem„Deutschen Volkswirt“, der in einer Abwehr gegen die„Deutsche Zeitung“ in seiner Nummer vom 9. November u. a. schreibt: „Nebenbei bemerkt: In derselben Nummer erledigt Dr. H. B. unsere Ausführungen vom 26. Oktober über „Tatsachen und Meinungen“ mit einem Schlage durch den bloßen Hinweis auf die frühere Tätigkeit des Verfassers in der Industrie unter einem jüdischen Chef. Wollten wir unserem Herrn Beckmeister folgen und seine, vor der Pressereform von einem bestimmten journalistischen Typ liebevoll gepflegte Methode, gegen sachliche Darlegungen mit dem Resultat von Recherchen über die Personalien des Autors zu polemisieren, auf ihn selber und seinen Vorgänger Fried. Zimmermann anwenden, so müßten wir etwa erklären, daß der eine durch die Schule der Herren Rathenau und Deutsch, der andere durch die Schule der Herren Ullstein gegangen sei, und damit würden wir also der Mühe enthoben sein, uns mit solchen„Schreibern“ überhaupt noch zu beschäftigen.“ Es werden wohl nicht viele unter den Kostgängern der Nationalsozialisten sein, von denen sich nicht das gleiche sagen ließe. Nachdem sie hundertprozentig hitlertreu geworden sind, wird ihnen allen ihre Vergangenheit kaum noch schaden. An die Jüütacisten Laßt nur eure Bajonette blifaen, Laßt die goldnen Tressen sehn, Prahlerisch die Fahnen wehn Bei Paraden, die den Mob erhifjen. Lügt nur weiter: Krieg sei ein Vergnügen, Und er ende stets mit Sieg. Weil der Tod von jeher schwieg. Konntet ihr so lange lügen. Warum progt ihr nicht mit Höllengasen, Mit erschlagner Kreatur, Pest• und Cholerakultur. * Und mit Schrecken, die durch Länder rasen? Warum sagt ihr nicht, daß Niederlagen Mindestens so sicher sind wie Sieg? Ihr habt Angst um euren lieben Krieg. Denn man würde ihn zum Teufel jagen. Warum humpeln keine Veteranen Den Paraden stumm voran? Wär’ es so, ja dann—, ja dann Lägen überall zerfetzte Fahnen! Horatio Wieder noch etwas Weiteres Salander schreibt in der Basier„National-Zeitung“: In einem Leipziger Verlag ist vor kurzem eine„heitere“ Umdichtung von Homers Odysee erschienen, verfaßt von einem Herrn Heinrich K u r t z ig. Sie wird Lehrern an Gymnasien, Schülern und einem weitern gebildeten Publikum angepriesen und soll nach Angabe des Verlegers„geschmackvoll“ ausgestattet sein. Das Buch hat den appetitlichen Titel:„Liebes- und Irrfahrten; nach Homers Odyaee, Wieder mal etwas Heiteres“ und besteht aas zwölf Gesängen. Versuche, auf Kosten großer Werke der Dichtung neckisch zu sein, hat es immer gegeben. Es muß für solche Dinge offenbar ein gewisses Bedürfnis bestehen, zu geselligen Zwecken oder so. In England, Frankreich und Italien ist allerdings meines Wissens diese besondere Art von Literatur, die bloß in einer witzig sein sollenden Verblödung hoher Dichtwerke besteht, kaum bekannt. Selbst die bewußte satirische Travestie, wie sie etwa in den heiteren Verspottungen der griechischen Sagenwelt durch die Textdichter Offenbachs geschehen ist, begegnete in Paris zuerst scharfem Protest und wurde als geschmacklose Respektlosigkeit abgelehnt. Man mag zu solchen Versuchen nun aber stehen wie man will, neu ist jedenfalls an dem vorliegenden, daß ein richtiggehender Homerforscher, der als Uebersetzer antiker Dich- werke bekannte Thassilo von Scheffer, der sich sonst meines Wissens mit der Uebertragung griechischer Autoren von der dunkelsten und schwersten Sorte zu befassen pflegt, ein fast beschwingt zu nennendes Vorwort zu der Sache geschrieben hat. Er sagt darin: „Wer noch unbefangenen Sinn für Humor hat, wird nicht nur eine helle Freude empfinden und das„homerische Gelächter“ bei sich selbst spüren, nepn, er wird darüber hinaus erstaunen, wie diese liebenswürdig-dreiste Umdichtung des alten Epikers ihn uns unerwartet nahe bringt und vieles lebendig macht, was uns im philogischen Schulstaub zu ersticken drohte. Das vorliegende h e r z» erfrischende Werkchen usw-...” Und nun eine Probe aus dem herzerfrischenden Werkehen, durch dessen Humor wir nach Thassilo von Scheffer „der Herrlichkeit des alten Werkes näherkommen“. Im dritten Gesang„Empfang in Pylos“ werden wir zu dem alten weisen König Nestor geführt. Da geht es so zu: „Und Nestor rief: Nun nacheinander gerieben wird ein Salamander. Das ist der alte deutsche Brauch, den übt man hier zulande auch. Und dann, o Freunde, laßt uns singen, Gesang muß beim Kommers erklingen. Am meisten mir das Lied gefällt: „Der Papst lebt herrlich in der Welt“. und„Zeus, erhalte Kaiser Franz“. Zum Schluß:„Heil mir im Siegerkranz.“ Es ist mir leider mit aller Anstrengung nicht gelungen, das von Thassilo von Scheffer verheißene homerische Gelächter„bei mir selbst zu spüren“. Vielleicht versuchen es meine geneigten Leser. JCecc tfehwaez oan J&ech! Ein erstickter Freiheitsschrei Im„Berliner Acht-Uhr-Abendblatt“ ist eine zahme Polemik gegen einen Schriftleiter des„Angriff“ geführt worden. Das„Acht-Uhr-Abendblatt“ hat sich gegen den „Angriff“ folgendermaßen verteidigt: „Da weist Herr Schwarz van Berk nach, daß die „Bürgerlichen“ zwar nationalsozialistisch tun, aber nicht handeln, würden:„Wenn zum Beispiel ein Beamter seine Pflicht nicht tut und die Kampfpresse ihn zur Ordnung ruft,—r— dann, ja dann ist in Stromlinien-Bahnen(der bürgerlichen Presse) nicht der kleinste Luftzug zu spüren.“ Herr Schwarz van Berk! Uebernehmen Sie d e Hauptschriftleitung des„Acht Uhr Abendblattes“ un 1 versuchen Sie dann, einen Beamten zur Ordnung zu rufen. Man wird Sie sehr deutlich darauf aufmerksam machen, daß das nicht Ihre Aufgabe sei. Das wissen Sie und es entspricht nicht ritterlichen Kampfregeln, so zu tun, als wüßten Sie es nicht.“ Dieses leise Weinen eines gleichgeschalteten Journalisten verrät alles: die Lüge, unter der die Untertanen des „dritten Reiches“ leben, die Schimpflichkeil des journalistischen Handwerks in Deutschland, die Niedertracht der Patentnazis, und vor allem— das Fehlen jeder öffentlichen Kon trolle und Kritik an der Verwaltung. '>!<»' i le h'nf-inwiiblt. und I.iiD L'fht. Freiheit, ja