Nummer 2 ».NprU Krauen! Ihr habt zu fordern! Die bevorstehende Neuwahl zum Deutschen Reichstag ist für die weibliche Wählerschaft von außerordentlicher Bedeu- tung. Nicht nur deshalb, weil der Wahlausfall das Schicksal Deutschlands für die nächsten vier Jahre Gestaltend bcein- flussen wird. Mehr noch deshalb, weil die Wählerinnen dem gesamten Volke verantwortlich sein werden für die Politik, welche in dem nächsten Zeitabschnitt getrieben werden soll. Die Verfassung de» republikanischen Deutschlands sagt: die Staatsgewalt geht vom Volke aus l Da» Volk handhabt diese Gewalt durch seine gewählte Ver- tretung. das Parlament. Das höchste, in feiner Bedeutung ausschlaggebende Parlament ist der Deutsche Reichstag. Des- halb haben die Wählerinnen, um deren Stimmen gegenwärtig alle Parteien werben, ernsthaft zu prüfen, wem sie ihre Stimmen geben wollen. Denn der weibliche Teil der Bevöl- terung stellt den weitaus größten Teil aller Wahlberechtigten! Es lastet also auf den Wahlerinnen eine sehr große Berant- wortung. Der weibliche Teil der Bevölkerung muß seine ganze Kraft einsetzen, um den Wahlrerlauf bestimmend zu beein- flussen und seinen Ausgang zu einem für da» deutsche Volk glücklichen zu machen. das Schicksal öer grauen wirö vou dem Ergebnis der Neichstagswahl auf das tiefste berührt l Wem sollen sie ihre Stimme geben? Den bürgerlichen, reaktionären Parteien, die mit der Schuld am Kriege, der Wurzel alle» Elends, auf da» schwerste beladen» sich nicht scheuten, durch die Jnflationswelle auch noch die Kreise des Volkes aufs schwerste zu schädigen, denen sie die Männer und Söhne raubten, die Hinterbliebenen derselben aber durch die unaufhaltsame Geldentwertung bei ihren kargen Renten dem Hungertod überantworteten? Können denkende Frauen diesen Parteien ihre Stimme geben und sich dadurch mitschuldig machen, wenn Elend, Un- aerechtigkeit und Unterdrückung der breiten Massen de» schaffenden Volkes verewigt werden sollen durch jene, die bis- her nichts taten, um von ihrem Reichtum dem Staate zu geben, was er braucht, und damit die besitzlosen Bevölkerungsschichten zu entlasten. Nein! die§rauen gebe« ihre Stimme der vereinigten Sozialdemokratischen Partei. Die Sozialdemokratie gab den Frauen da» Recht, durch die Wahl ihr Schicksal selbst zu bestimmen. An den Frauen liegt es nun, von diesem Recht den richtigen Gebrauch zu machen. Die Frauen dürfen am Wahltage nickt veraessen, daß die besitzende Klasse noch kein« emsthaften Opfer gebracht hat, um das Wirtschaftsleben wieder in Gang zu bringen. Ihr Profit- interesie stand ihr höher als die allgemeine Not des Volkes, die in der Massenarbeitslosigkeit, unter der auch die Frauen, seien sie nun Hausfrauen oder Industriearbeiterinnen, so schwer leiden, ihren sichtbarsten Ausdruck findet. die Sozialdemokratie verlangt schärfste heran- Ziehung des Sefitzes zu den Steuerleistungen. Die Politik der Besitzenden hat aber bewirkt, daß die Schultern der wirtschaftlich Schwachen am stärksten belastet wurden, daß die»leisten Steuern von den Lohn- und Gehalt»- empfängem ausgebracht werden. Warum? Weil die Wähler- schast es bisher verabsäumte, der Partei der Besitzlosen dt« Macht im Parlament zu geben, weil die Massen der Wähler leider den Wahllügen der bürgerlichen Parteien Glauben schenkten. Irauen l Ihr habt sehr viel zu fordern l Zhr habt zu fordern, daß die Frauen als Persönlichkeiten(w öffentlichen Leben voll zur Geltung kommen! Ihr habt zu fordern da» Recht auf Arbeitt Gleichen Lohn für gleiche Leistung! Ihr habt zu fordern: gesunde Ernährung«-, Wohnung»- und Steuerpolitik! Ihr habt zu fordern eine Schulpolitik, die allen Kindem die gleichen Bildungsmöglichkeiten gibt! Ihr habt zu fordem: Mutter und Klnderfchutzt diese Menschheitsforderungen vertritt allein die vereinigte Sozialdemokratische Partei. Di« Frauen haben es in der Hand, den Reichstag so zu- sammenzusetzen, daß diese Menschheitsfordenmgen zur Erfüllung kommen. Wer die letzten Jahre denkend erlebt hat. mußte zu der Erkenntnis kommen, daß die Feinde der minder- bemittelten Volksschichten niemals die Menschheitssorderungen erfüllen werden. Sie haben nur zu deutlich zum Ausdruck ge- bracht, daß sie das Volt entrechten wollen, daß sie alle Macht wieder an sich zu reißen bestrebt sind, um das nach Freihm verlangende Volk wieder rechtlos zu machen. 5rauen, erwehrt Euch der Heuchelei der bürgerlichen Parteien! Sie spekulieren mit ihren schmeichelnden Reden aus die Einsichtslosigkeit der Frauen, und glauben damit Geschäfte zu machen. Sache der Frauen wird es sein, ihnen gehörig heim- zuleuchten und zu beweisen, daß die Frauen nicht so einsichts- los sind, um sich selber ihren Feinden auszuliefern. Als freie Staatsbürgerin kann jede Frau mit entscheiden über ihr eigenes Schicksal, das zugleich Schicksal ihres Voltes ist. Jede muß aber als Wählerin ihre Pflicht tun, das heißt, von ihrem Wahlrecht auch den richtigen Gebrauch machen. Klares Denken, warmes Empfinden, Erkenntnis dessen, was im Interesse der Masie des Volkes gelegen ist, wird jede Wählerin richtig leiten, »yird e» ihr klarmachen: Nur eine sozialdemokratische Mehrheit im Reichstage kann uns retten! Das Frauenwahlrecht hat sich leider bis jetzt noch nicht zum Vorteil der entrechteten Volksmassen ausgewirkt. Noch haben wir niemals eine sozialdemokrattscke Mehrheit im Reichstage gehabt. Es liegt in den Händen der Wählerinnen, diese Mehrheit zu schaffen. Möge deshalb keine Wählerin ver- gesfen, daß sie dem ganzen Volke verantwortlich ist für die Zu- sammensetzung des Reichstages und für die Politik, die von diesem Reichstage während der nächsten vier Jahre getrieben werden soll. Daher folgt der Parole: Alle Zrauen wählen am 4. Mai die Liste der Sozialdemolrastschen Partei(VSpÄ.)! Graf Westarp: ,Vas Volk hungert bei vollen Scheuern." Seine 5reunöe schreien nach Schutzzöllen, Somit üas Volk noch mehr hungern muß! grauen, wollt Ihr Such und Sure KtnSer von üen Agrariern aushungern lassen! Die fromme Webersfrau! Von Minna Todenhagen. Das klein« Erlebnis, das- ich hier erzähle, hat ein« unserer alten Lorkämpferlnnen, als sie nach langen Jahren harter ArbeU zur Er- holung im Gebirge war, gehabt. Ich gebe n so wieder, wie sie es «it milgeieilt hat: „Aus niedrigen Hütten klapperten eifrige Webstühle. Ich hatte das schlestsche Dörfchen hinter mir gelassen und mich in Linnen verloren aus einen der sanft auslaufenden Berge des Gebirges niedergelassen. Da schlich wieder das Geräusch einer Arbeit an mein Ohr. Eine Arbeiterfrau in mittleren Iahren schnitt mit einer kleinen Sichel das Gros von dem Abhang des Berges. Erfüllt von der Schönheit des Eommertages, in dessen Klarheit die blauen Berge Schlesiens wirken wie«in Märchen aus Gottes besten Schöpfertagen, teilt« ich mich mit der Arbeitenden in Worter; be» Entzückens. Die Frau aber klagre:„Wohl ist der Sommer schön, aber kurz. Der Winter aber ist hart und lang. Oft find wir im Winter durch Schneefälle von der Welt abgeschnitten und wissen dann manchmal nicht, woher Nahrung nehinen für Menschen und Vieh. Im Sommer ckber machen uns die grasten Herren das Leben noch schwerer als nötig tut. Sie verbieten un». das Vieh, unsere Ziegen, brausten weiden zu lassen, damit ihnen die Jagd nicht verdorben wird, ihnm Gehören ja die Iagdgründe. Man arbeitet redlich und betet, wie sich's gehört, und hat doch bei aller Plage kaum das nackte Leben." „Haben Sie," erwidert« ich,„noch nie darüber nachgedacht, ob «» kerne andere Hilfe gibt, wenn das Beten nicht hilft? Ich stehe nun schon ein langes Leben lang in der Arbeiter- bewegung und kämpfe gegen solches Unrecht der grohen Herren, wie es Ihnen hier geschieht Wenn alle Ihre Leidensgenossen das täten, würde es auch für Sie bald besser werden." „Das dürfen wir nicht, der Herr Pfarrer sagt, die Sozialdcmo- traten wollen die Religion abschaffen, und dl« muh der Mensch haben. Darum müssen wir uns das.herz reinhalten. Der Beichtvater ist fthr streng." „Die Religion," sagte ich,„kann und will die Sozialdemokratie nicht abschaffen. Sic hält nur der Kirche ihr Unrecht vor, daß sie dtc Sünde der großen Herren, alle Unterdrückung gutheißt, von Euch aber Duldsamkeit als Gottes Gebot verlangt. Habt Ihr schon einmal daran gedacht, ob der Beichwater Eurem großen Herrn wird sagen, daß er sich nicht erheben sollte über den Willen seines Gottes und Eurem Bieh, die Sonn« und die Weide de» Sommers nicht»er- wehren dürfte?" Nachdenklich nickte die Frau mit dem Kopf« und meint«:»Es mär' halt gut, wenn mehr Aufklärung unter un« käme," raffte ihren Grasschnitt zusammen, schulterte ihn und ging ihrer Hütte zu." Neue Srotverteuerung! Die deutsche Landwirtschaft fordert Schutzzölle. Aus jeden Zenl- ner Getreide, der vom Ausland kommt, soll ein möglichst hoher Zoll erhoben werden. Der Preis des Auslandsgetreides würde dadurch in Deutschland so steigen, dost die inländische Landwirtschaft»eine Konkurrenz zn fürchten braucht und Ihrerseits recht hohe Preise für das deutsche Getreibe verlangen tonn. Solche Schutzzölle für Getreide bedeuten eine Begünstigung der Landwirtschaft ans Kosten der Industriearbeiter. Sie erhöhen die Einnahmen der Landwirte, und die Industriearbeiter müssen von Ihrem geringen Lohn mehr ausgeben für Brot. Gegen Schuhzölle wird flch das Ausland ans die gleiche weis« zur wehr setzen. E» wird wahrscheinlich die Einsuhr deutscher Zn- dustrieerzeugnlsse erschweren. Damit verschlechtert sich die Arbeit». Möglichkeit der deutschen Arbeiter, wenn die Schuhzölle für G«. treibe beschiossen werden, müssen die Arbeiter also nicht nur höher« vrolpreise bezahlen, sondern sie haben auch mit der Verschlechterung ihrer Arbeitsverhältnisse zu rechnen. Die Entscheidung über die Schuhzölle trifft der Reichstag, der am 4. Mai gewählt wird. Die rechtsstehenden Parteien werden die wünsche der Landwirtschaft unterstützen und für Schutzzölle ein- treten. Die Sozialdemokratie wird gegen Schutzzölle und für die RIedrighallung der vrolpreise kämpfen. Ob sie ein« neue Brot- Verteuerung verhindern kann, wird abhängen von der Stärk«, mit der sie in den neuen Reichstag einzieht. Die Entscheidung über die Zahl der sozialdemokratischen Ab» geordneten, die am 4. 3Roi gewühlt werden, ruht zur Hälfte bei de» Frauen. Die Arbellerftanen sind es. die die schwierig« Ausgabe zu lösen haben, die Einnahmen und Ausgaben des Arbeiterhaushalte» miteinander In Einklang zu bringen. werden ste stimmen können: für eine Partei, die den Schutzzöllen zustimmt? für eine Partei, die den Agrariern, die sich während des Krieges und in den Iahren der Geldentwertung gesundgemach« haben. weitere vorteile zuschanzt? für eine Partei, die glaubt, man könne dem Arbeiterhaushalt die Einnahmen verringern und gleichzeitig die Brvtpreis« erhöhen? Sic einzige porlei, die auch in diejer Iroge zielbewagt die Jnleresien der Arbeilerklafie wahrt, ist die Sozialdemokratie. Ar- bellersrauea, sorgt dafür, daß Eure Partei am 4. Mai Macht genug bekommt, am«in« Verteuerung de» Brote» verhindern 5« könne«! wählt sozialöemokratisth 1•* Du dorff! nicht! Einige Worte an die Mütter. l Ich fitz« in der Schulsprechstund«. Eine Mutter kommt nnt ihrem achtjährigen Töchierchen herein. .Na, Kleinchen, was gibt»?" .Soll ich'» nun sagen?" antwonet die Mutter mit einem vM- versprechenden Seitenblick auf da» KinK Dora» Köpfchen sinkt aus die Brust..Sie macht stch immer nah." „Wann passiert denn das? Am Tag« oder in der Rächt?" Ohne dah da» Kind den Mund auflun kann, fällt die Mutter «in:„Jede Nacht, Herr Doktor, es ist gar nicht zum Aushalten mit ihr." »Gestern hob ich gar nicht.. Weiter kam Dora nicht. Schon hatte sie«ine» Puff in de« Nücke».„Bist du gefragt? Kinder haben ruhig zu sein." „Erlauben Sie mall Verkehren Sie immer so mit dem Kind?" „Wie denn? Das geht doch nicht, dah so«m Göhr einfach d» zwischen rede,." „Was heißt das! dazwischen redet? Es ist Ihnen offenbar gar nicht bewußt geworden, daß Sie das, was Sie den: Kind mit einer nicht gerade lievevollen Gebärde versagen, eben selbst getan haben. Ich hatte meine Frage nämlich an das Kind gerichtet. Sie haben es für«in« Selbstverständlichkeit gehalten, erstens, daß Sie dies« Frage zu beantworten hätten, und zweitens, daß da» Kind zu schweigen habe. Ist's nicht so?"' Die Mutter ist sichtlich verdutzt. „Na, man weiß doch nicht, wie die Herren dos lieben. Manch« find dach sehr ungehalten, wenn die Kinder dazwischen»den." „Leider richtig. Aber hie? bei mir ist'» gerade umgekehrt. Weißt du, Dora, du denkst wahrscheinlich, der Doktor ist so«in großer Wauwau, der gleich beißt, wenn klein« Kinder mal den Mund aufmachen. Dos ist aber gar nichl so. Hier kann jeder seinen Mund ausmachen und alles erzählen. Run sag mal. wie alt bist du? Weißt du das schon?"— Ich winkte der Mutter energisch ab, da sie bereits wieder dem Kind über den Mund fahren wollt«. Meine Anrede hatte di« Wirkung, daß das Kind anfing zu »einen, ohne auch nur ein Wort hervorzubringen. Runmehr wandte ich mich an die Mutter. .Ist sie denn immer so oerängstigt?" „Ich weiß nicht recht— früher war sie anders." „Seit wann ist sie denn so?" „Nun, so seit 1H Jahren" „Also seit fie in der Schule fit? Iasol Wie wird sie denn da behandelt?" „Woher soll ich das wissen?" „Ja. ist Ihnen denn das ganz gleichgültig, was man mst dem Kind m der Schul« macht? Wie ist denn de? Lehrer?" So genau weiß die Mutter das nicht. Aber«ins weiß sie. Manchmal haut er. '»So er haul. lind was sogen«ie dazu?" „Na. ganz ohne Hau« gehts doch bei Kindern nicht." „Meinen Sie? Ich kann Ihnen ans meiner Erfahrung jagen. daß ich mich noch nie an einem Kind vergriffen habe— was ist es denn anders Äs Bergewaltigung, wenn so«in großer Mensch so ein kleines, wehrloses Wesen überfällt?— ich bin dabei immer «och weiter gekommen Äs die anderen mit Ihren Methoden. Dora, jetzt hören wir aber mal mit dem Heulen auf. nicht? Komm mal her und erzähl mir mal: Hat dich der Lehrer wirklich gehau«n?" Zwischen Schluchzen hört man: „Er haut uns auf die Finger." „So, warum denn?" „Beim Rechnen." „Hm, macht er dos rst?" „Jede Stunde..." weiter gings nicht. Das Kind weint» «rneut. „Weißt du. Dorchen, ich glaube, du hast Immer noch Angst. Setz dich mal hin und wisch dir erst die Tränen ab. Denk mal, wenn Äe anderen Kinder sehen, daß du geweint hast, dann lachen sie dich ousl Nun wollen wir mal jemand anderes hereinrufen. damit du siehst, daß hier niemanden, etwas passiert. Si« sind fo gut und setzen sich so lange auch hin," wandte ich mich an die "tiutter. Der nächste war ein kleiner Bengel. „'n Tag, Willi! Was macht das Rechn«»? Alles in Ordnung?" „Ja," mck dabei lachte er ganz sröhlich. Bor acht Tagen Host« er genau so geweint rui« Dora jetzt »Und was macht der Blasebalg? Hustest du noch immer? Mai ausziehen!"--„So, bitte hol schön Lust. Rein und raus! Da» ist ja schon ganz seinl Aber noch nicht so viel rumrase», hörst teil Und nun guck mal: die Dora da. die hat Angst vor mir. Sie kann vor lauter Angst gar nichr reden. Was machen wir da?" »Ra. weißt du. hier brauchst du te,n« Angst zu haben!" meint« er treuherzig. Er fühlt« sich mit seinen 13 Jahren richtig als Be» schützer der Kleinen, oblvvhl sonst Jungen» in dem Atter nicht gerade höflich zu fein pflegen. Dann oerschwindet er. Dora hotte sich noch immer nicht beruhigt. Ich schlage ihr vor, mich nach Schluß der Sprechstunde zu erwarten; dann wollten wir mÄ ruhig miteinander reden und uns erst mal miteinander ein bißchen befreunden. Und dann wollten wir uns auch über da» Naßmachen verständigen und d:m Uebel schon beikominrn. Wir einigten uns rasch, nachd m zuerst die Mutter kopfichüt» telnd gefragt hotte, ob sie denn gar nicht mehr nötig sei. Ich sagte ihr, wir wollten uns übermorgen ausspreche». Erst hätte ich mit dem K.nd« zu reden. Man könne über die Ursachen des Bettnässens nicht klar werden, wenn man den Menschen nicht kenne. Und dazu gehöre etwas Ruhe(Nach einigen Wochen zeigte es sich, daß ich recht gehabt halte Mit dem Verschwinden der Berängstigung verschwond auch das B-ttnäsien.) Nach Abfertigung der anderen Kinder tras ich Dora vor dem Tor. Wir gehen em« halbe Stunde miteinander spazieren. Ich frage dies und dos nach Geschwistern, Puppen, Sandhaufen, Essen, Schlafen, schließlich auch nach der Schule. Und als sie endlich einigermaßen überzeugt ist, daß der Doktor wirklich kein bissiger Wauwau ist, ist die Bahn frei, um zu der kleinen Seele vorzu« dringen und schließlich auch dem körperlichen Leiden zu Leib« zu gehen. Und so erfahre ich unter anderem, daß fle zu Hause nicht laut fem dürfe, dos stört den Batcr, und daß sie nicht hinunter gehen dürfe, weil sie mit Nachbar» Grete n.cht spielen dürfe, und daß sie, wenn ihr was nicht schmeck«, nicht spielen dürfe, ehe fi« aufgegessen habe, sonst bekomme st« Haue, kurz, daß sie also schön artig, ruhig und bei alledem freundlich sein müsie. wenn sie nicht Vater oder Mutter oder di« zwölfjährige Schwester gegen sich auf den Plan rufen wolle. .1. Passiert nicht so etwas bei den meisten von«ich Müttern auch? Du darfit nicht sprechen wenn du nicht gefragt bist!— Immer da» ewig« Gefrage: das verstehst du ja doch nicht!— Und überdies ist da» gar nichts für klein« Kinderl— Du darfst nicht so viel Lärm machen. Artige Kinder sind schön ruhig. Wenn du nicht artig bist, dann haut dich der Dater. Oder der schwarze Mami kommt. Das find d>« Erziehlingsweisheiten der meisten unserer Mütter, Väter und auch— leider— der meisten Lehrer. Ueberlcgen wir un«, wo» da» bedeutet. Warum srogt das Kind? Well es fragen muß, wenn«» fein« Umwelt kennen lernen will. Und dazu fühlt es sich von d«r RÄur gedrängt. Em Kind, da» nicht lebhast fragt, ist häusig allev» dadurch als geistig unbeweglich, vielleicht als unbegabt oder ab«r Äs schon durch falsche Bchandiung verbildet, verstört, verschüchtert gekennzeichnet. Seien wir ossen. Warum ,chars" das Kind nicht fragen? Well e» den Ettern oder Aelteren unbequem ist. oder— im besonderen Fall— weil sich die Aelteren durch die Fragm des Kindes vor die peinliche Erkenntnis gestellt sehen sagen zu müssen: Wir wissen da» auch nicht. Das heißt, wenn si« ehrlich sind. Und da di« meisten das nicht sind, so sagen fle lieber: das oerstehst du doch nicht, und reden sich ein, man könne das dem Kind auf die Dauer weismachen. Das Kind aber merkt sehr bald, woran es ist und holt sich seine Antworten an Quellen, dt« w>r nicht überwachen können- Zu Haus, in der Schill« versteckt es seine natürliche Mtax terfcü; denn sie stört, sie ist gleichbedeutend mit Unartigkeit(Kinde» stnd nur„unartig", wenn fie Langeweile haben!) und, was da» Peinlichst« ist, sie reizt die an Kräften Ueberlegenen, die„Großen", zur Gewalttat. Was„erzieht" man damit? Linder die nicht mehr wagen, den Mund aufzutun, wenn Große dabei stnd, Kinder, die mehr oder weniger willig der Gewalt weichen, meist dadurch, daß fi« gescheit genug zu schwindeln lernen. Kurz, Kinder, deren Will», deren Persönlichkeit schon in jungen IÄ>ren zerbrochen wird durch Nichtachtung und Vergewaltigung. Und wer hat den Nutzen von diesen willenlosen, an die Autor»- tät der Großen glaubenden, fügsamen,„artigen" Kinder? Dies« artigen Kinder werden„artige" Lehrbuben und Lehrmädchen mch später artige Arbeiter und Arbeitcriimen, zur größten Freude«in» anderen Sorte von„Großen", der Großen im össentlichen Lebe». Je mehr wir Äso mit unserem„Du darfst nicht" und mit Prügel» strafe di« kleinen Persönlichkeiten zerbrechen, desto mehr arbeiten wir jenen In die Hände, unter deren.Herrn-im-HarchsStandpunkt" ihr alle im Betrieb und Kleingewerbe stöhm. Also: Zuerst räumt zu Haus bei euch auf! Achtet die Perfön- t«chk«it eurer Kmder. Fort mit der Prügelstrafe! Dcmu aber kiim- mert euch um die Schul« und verwahrt euch gegen die Züchtigung, mit der die Lehrer ihr« erzieherisch« Unfähigkeit beweisein— Schließlich aber denkt daran: di« Züchtigung in der Schule ist eine folgerichlig« Uebertragung des Kafernenhoftons in die Erziehungs- anftalt. Wollt ihr daß dieser Ton in der Schule verschwindet, dann sorgt bei den Wahlen dafür� daß er nicht im öffentlichen Leben den Neg davonträgt. Das heißt: Wählt sozialdemokratisch! Dr. Max 5) o d a n n- Berlin. Der Sauer und üer liebe Gott. ... Und Gott, da ihm das Jammern der Menschen über di« stetig steigende Teuerung zu Herzen ging, ließ den Bauern vor seinen Thron kommen. „Weshalb hast du die Kartoffelpreij« wieder l)eraufgesetzt?" „Ja, schau, lieber Gott, es war halt so ein nasser Sommer." Und Gott ließ im nächsten Jahre die Sonne scheinen. Und die Kartoffelpreise stiegen abermals.• Und Gott befahl den Bauern wiederum vor seinen Thron. „Weshalb setzest du schon wieder die Kartoffelpreis« herauf?" „Ja, schau, lieber Gott, es war halt gar ein so trockner Somnier." Da ward Gott zornig und sprach:„Wenn ich«» dir garnicht recht machen kann, so setz« du dich auf meinen Thron und mache selbst das Wetterl" Und der Bauer kletterte auf den Thron, machte es sich bequem und sprach:„Kraft meiner Allmacht setze ich hiermit für das nächst« Jahr den Kartoffelpreis herauff' Die Arbeitszeit öer Hausfrau. Ich Hab« keine Zeit, mich um Politik zu kümmern. Es ist genug, wenn mein Mann öfter aus dem Hause geht. Der Mann will regelmäßig versorgt sein, Bettenmachen, Einho'en, Essen kochen, Spüle», Zimmer putzen, Fenster polieren. Waschen, Bügeln. Flicken, Stopfen nehmen meine ganze Zeit in Anspruch. Ich glaube dir, geplagte Frau und Mutter. Aber bitte, hör« einmal trotz des Zeitmangels etn wenig zu. Ich kannte eine Frau, die Mutler von fünf Kindern war. In ihrer Wohnung war es blitz- blank. Der Mann unid die größeren Jungen waren gewöhnt, in schöner Kameradschaftlichkeit der Mutter zur.Hand zu gehen. Bor allem machten sie ihr mit ihren eigenen Bedürfnissen nicht viel Arbeit. Sie bedienten sich selbst und warfen nichts henim. Woran lag das/ Einfach daran, daß die Frau schon mit einem starken Persöiilichkeitsbewußtseln imd dem testen Willen in die Ehe g«. kommen ist. sich nicht zum Lasttier zu machen. Und ihr Man» und Lebenskamerad ließ sich von ihr dazu erziehen, es war selbsiver- ständlich. daß die Kinder hineinwuchsen in dieses Leben. Diese Frau hatte nicht nur Zeit für Versarmnlungsbesuch und Lesen, sondern auch für eine ganze Reihe anderer politischer, sozialer und kultu- veller Veranstaltungen. Eine andere Frau. Ihre Ehe war unglücklich, sie löste sie. Fest nahm sie ihr Leben in die eigenen Hände, brachte sich und ihre Kinder mit Näharbeit durch. Sie hat es nicht leicht gehabt. Der kleine.Hanshalt, die hilflosen Kinder forderten Zeit und Kraft. In ihrer Arbeit ging es auch mit der Saison auf und ab, also auch mit dem Verdienst. Der Bater fühlt« sich nicht verpflichtet, für di« Kin» der zu zahlen. Di« von Natur schon ernst« Frau hat auch auf viele Lebensfreuden verzichten müssen. Aber in ihre Versammlung ging sie regelmäßig. Die Aussprache mit Gesinnungsfreunden war ihre Erholung. Und sie kam weiter. Das restlose Nachdenken, nicht nur über sich selbst und ihr kleines Schicksal, sondern auch über di« Zu- sammenhänge des sozialen Lebens machte d<« Lernend« bald auch zur Lehrenden. Manch wertvolle» Wort hat sie in den Bersamm- lungen und in ihrer Umgebung gesagt. Eine dritte Frau. Sie hatte keine Kinder. Ihre ganze Mütter- l'chkeit verschwendete sie an ihren Mann, der ein« Dauerstellung mit auskömmlichem Verdienst hatte. Ihr ganzes Leben drehte sich um den Haushalt, den Mann und fein Wohlbesinden. Zum Lesen hatt» ii« keine Zeit. An seinen geistigen und politischen Interessen ließ der Mann sie nicht teilnehmen. Hatte er es früher oersucht? Ich weiß es nicht. Aber merkwürdigerweise war e»-gerade dies« Frau, die mir einmal mit vleten Worten klarmachen wollte, daß sie kein« Zeit für die Polittt habe. Mir kam diese Frau sehr arm vor. Nun stehen wir wieder vor einer Wahl. E» ist di« Zeit, wo Verstand und Gefühl aufgerüttelt werden, wo wir uns lang« fragen. wie werden sich unser« Schwestern entscheiden. Werden sie Zeit haben, in unser« Versammlungen zu kommen, werden sie Zeit haben, di» sozialdemokratisch» Zeitung zu lesen, werden sie Zeit zialdemokrati« zu wähl«»? hab«n. di« So« Der Riese. Aus dunklen Tiefen tagempor, sonnenhungria ringt ein Riefe. Seine Schläfen triefen von Schweiß. Mühsalheiß durchs Trümmertor, quaderwälzend, schictsaltrotzig bricht er sich Bahn. Ehern die Stirn, Muskeln von Stahl, in seinen Adern kreisen der Menschheit Sehnsucht und Qual. Aus seinen Augen zucken uniöschliche Strahlen des Lichte, und ob sie mit goldenen Händen ihn niederdrücken und schänden, der Riese läßt sich nicht ducken und wächst mit gewaltigem Rucken aus dem oerachteten Nichts. Karl H«nck«ll. Macht's ebenso! In wie« wählten bei den letzten Wahlen 200 000 Frauen mehr als Männer sozialdemokratisch. Da» eulsvrlchk dem Zahlenverhältnis. ia dem männliche und weibliche Bevölkerung zu einander stehen. Da» zeigt aber auch, daß die wiener Frauen ihre Interessen zu wahren wissen t Macht's ebenso— wählt am 4. Mai üie Lifte üer vereinigten Sozialdemokratischen Partei. Deitrittserklarung. Hiermit erklär« ich meinen Eintritt in die Vereinigte Sozialdemokratische Partei sVezirk Berlin, Abtlg--) «n Beitrügen entrichte ich: Eintrititgeld 1 Wochenbeitrag ____ Aochenbeiträge männl. 90, weibl. 10 Pf., Sa--- M. _____ den__ 1924. Vor- und Zuname:.__:_ geb. am-- zu-- .Stand:. Staat Znngehörigkeit� j, Wohnung:"___ |(Bei der Aufnahme in lehr erwllnlcht, hat auher dem Eimriltsg cid mindcNeir« di« Beiträge Mr einen Monat l« Wacheuj gezahl! werde»! Ich abonnier« den.Vorwärt«' mtt der illustrierten Sonntagsbeilage.Volt und Zeit', der Unterhaltung«- beilage.Heimwelt' und der Beilage.Frauenstimme' in Groß- Berlin täglich zweimal frei ins Hau». Name Berantwortlick:«Ina- Todcnhog»*, Berlin.— Druck! Borwärts-Änchdruckere«. Berlin SB.«K. Lindrnstr. 8.