Kegyeiern! Kegneiern! Don VonI Keri. Aber wie die Minuten und Viertelstunden vergehen, wird der Arme inimer aufgeregter, und die Todesfurcht wird seiner immer mehr und mehr Herr. Gerade dieser große/ wilde Lebensdrang macht nur noch verztveifelter. Immer entsetzlicher, verzweifelter wird sein Schreien, als«r sieht, daß ' seine Hoffnung auf Hilfe vergeblich ist. Leute, laßt mich nicht im Stich!.'.. Ich will- nicht sterben... Laßt mich nicht im Stich, Leute! ... Di« Leute aber unterhalten sich angesichts dieser vergeblichen Anstrengungen. Ein kleines Schauspiel in der Eintönigkeit des Kasernenlebens. Dieser deklamierende, sich wehrende Todeskandidat ist ihnen nur eine Seltsamkeit, für di« sie Neugier übrig haben, sonst nichts. Rohe Scherze werden laut. Am Müße des Hügels reicht ihm einer aus den ersten Reihen einen Kolben Kuknruz hinauf. Alles lacht. Den Bäuerinnen, di« inehrere Röcke übereinander tragen, helfen höflich« Hände ans das geschichtete Holz oder auf leer« Wagen hinauf, oamit sie besser sehen können. Di« Frauen kreischen und quietschen. Gleich ' kriegst du einen Kickuruz, den du nicht beißen kannst! ruft geistreich«in Soldat hinauf. Den dort oben aber ergreift die Verzweiflung immer stärker. Seine Augen treten aus de» Höhlen, fein Antlitz wird erdfarben, er schreit, immer lauter, oft auch schon sinnlose Wort«: Ich will nicht sterben!... Sterben!... Und da er schon nicht mehr' bei Sinnen ist, beginnt schließlich der Traue vgesang, das grauenhaft«' Abschiedswort dieses besessenen Lebensfanatikers,, das seither unvergänglich, jfür immer mir im Ohr lebt Kein anderes .Wort ruft er mehr, nur dieses eine, aus vollem Hals, mit verdrehten Augenkugeln: Keghelem!.-.. Keghelem!...(Gnade! Gnade!) Dieses ein« Wort flattert dahin über, den schwülen, vollen, stinkenden, von Kukuruz- kolbrn und Melonenschalen übersäten Kasernen Hof, schwebt, flattert durch die Luft, grauenerregend wie ein gräßlicher Bogel, der das Sonnenlicht verschlingt!...Der Unglückliche läuft innerhalb des breiten Kreises der Soldaten hin uud her wie ein Wolf im Käfig des Tiergartens. Der an ihn gefesselte andere, versuch« zu widerstehen, spricht auch still auf .ihn ein, aber der zerrt ihn Nur weiter mit, sich. Schließlich fügt sich der Kleine,' läuft: mit gesenktem Kopf ihmuach, hin und her. Ich kann nicht sagen, tvas grauenvoller tvar, diese vollkommen« apathische Gleichgültigkeit oder das laut« Aufbäumen des an ihn gefesielten Lebens.,. Niemand unterbricht inehr das Schreien, niemand kümmert sich um den Deklamierenden, nur der weiße Ordensgeistliche ruft ih»r eininäl, ass er. den schkafraubenden, ewigen Ruf im Munde, an ihin vorbeirast, zu: Schämen Sie sich nicht? ... Und dieses brüllende Wort„Kegheleem! ...Kegheleem!.." erfüllt unablässig den Kaserneichof. Die Kaserne knabbert Kukuruz und niacht Witze... Wunderlich ist der Weg der Massenseel«. Dieses Volk, das jetzt hier so gleichgültig, verstockt, so bösartig träge ist, wird in einige»« Wochen Plötzlich zufainmen- schauern und mit einem Ruck alle abschütteln, die ihn« im Genick sitzen. Wo war damals, in jenen« Kasernenhof, diese Kraft... In den.Tagen der Revolution dachte ich viel an den Pester Plattenbruder, der sich so zähe um sein Leben schlug. Wie recht hatte er in seinem intelligenten Instinkt, dies« Niedertracht nicht als unabwendbares Schicksal hin- zunehnren. Wie recht hatte er, als er fühlte, daß dieses ganze Grauen seinem Ende zugehe. W« vielen säuer Gefährten begegnet« ich später, die di« Revolution aus den militärischen Gefängnissen knapp vor der Hinrichtung befreit hatte! ... Mit einem Male teilt sich d» Maffe der Soldat««« und Marktweiber. Ein Trupp Soldat«« wird auf den Hügel hiuaüfgeführt. Sie sehen noch elender aus als die übrigen; auf ihrer« Antlitze» die Bleifarbe der Kerker-' lüft, auf ihren schmutzigen Blusen vorn und hinten mit Kalk gezeichnete Kreis«, kreuz und quer durchstrichen; das sind die Gebrand- «narklen, die wegen wiederholter Desertion Eingesperrten. Sie lverdcn hergeführt, damit sie die Hinrichtung mit ansehen. Diese sind nicht gleichgültig! Entsetz! blinzeln sie hinauf, woher ihnen als Willkommgrnß das Gebrüll entgegentönt: Keghelceii«!... Kegheleem!... Der verlumpte Kasernenhof ist auf diese Unglücklichen gar nicht neugierig. Niemand küm- mert sich nm sie... Das Einpörendste an der Sache ist nicht chr Schrecken, sondern ihr Ekel. Die ganze Berkonimenheit der Monarchie, ibr« völlige Verwahrlosung schreit aus.allein Schmutz dieser Kasern«, ans jedem einzelne«« Knkurujkokben, aus aller- Armut und Dffzi- lSchlutz.) plinlosigkeit. Und obtvohl es offenbar zu Ende mit ihr ist, nwrdet sie noch immer, mordet auf diese unbeholfen ekelhafte Art: der Leich- nam stinkt schon und vergiftet das Leben runduln. Na, aber, da erscheint auch die intakte Monarchie. Unter lautem Tillen und Rattern fährt ein korrekt plützengrün onge- stricheilez offenes Lastautomobil em, darauf die' Hinrichtungsabteilung. Diese Leute stammen aus einem anderen Land, einer anderen Welt. Gut genährt«, heiter«, in funkrlnagelnene, ihnen auf den Leib geschnitten« Uniformen gekleidete Bosniaken. Zwi- schen den Knien halten sie das Geivehr. Ihr Kommandant, ei>« Feldtvebel, steht im Vordergrund des Autos. Nie werde ich d-ieses Gesicht vergessen. Wo immer ich ihin begegnete, würde ich es augenblicklich erkennen. Kein Zufall, daß der da der Feldtvebel der Hin- richtuiigsabteilung ist. Die österreichisch- üugarische Monarchie hat ihn sich gut ausgesucht. Ein« furchterregende Gestalt. Ueber seinem blatternarbigen, verrauchten Gesicht, seinein aufgezwirbelten dicken schivarzen Schnurrbart sitzt, auf die Seit« geschoben, der graue Fes. Auch sonst fttnkeln seine Wild- schwelnaugei«, aber letzt tun sie absichtlich noch ein Uebriges. Unbeiveglich steht sein« gedrungen« athletisch« Gestalt iin Auto, während di« Soldaten der Reihe nach herunter- klettern. Offenbar hat auch er das Bewußtsein seiner Wichtigkeit;.. Ich blicke nach dein Hügel; richtig, dort steht noch reglos der fthön« weihe Orde«isbv»«der, und di« beiden zusamme»igeketteten Gestalten rasen noch inr- «ner auf und ab im Kreis der Soldaten, und noch immer schallt der irrsinnige Ruf herab: Keghelem!... Keghelern!... Es dauert nicht mehr lange. Der Kreis dort oben gerät«n Bewegung, ninimt die Geistliche» und di« beide,« geftffelten in die Mitte und setzt sich in Gang, als zöge der gräßliche Bogel, der markerschütternde Schrei„ikeghelem! Kegy- elen«!" der« ganzen Zug noch sich. Bald hat di« lange, flache Scheune sie alle verschttlngen, die Opfer, di« mit Kalk gebrandmarkten Deserteure, die Hinrichtungsabteilung, die Auditoren mit den golden««« Kragen, die, ihr« Akten unter dem Arm, wichtigtuerisch auf di« Scheune zugehen und so viele Soldaten vom Kasernerchof, die alle noch ihren gekochten Kukuruz in' der Hand halten, als sich nur — 2 binzuzudrängen verinögen. Ich versuch« von« Tor aus den Kopf hineinzustecken. Aber drin- i»en verschwindet die Wiasse im tiefen Halb- dunkel. Und mit verändertem Klang donnern die Wände des Dunkels den Ruf zurück: Kegyelem!... Kegyelem!... Wie lange dauert« das Ganze? Lange. Nachher sagte »ian nur, der N»glückliche habe den Kampf dis zum letzte«: Augenblick nicht aufgegcben. Dar,>var ein Sammler von Haifischzähnen, die er, ebenso wie ge- wisse Muschelschalen von Rasia- und Lbhorina- arten, nachdem er sie durchbohrt hatte, zu Schmuckstücken»«erarbeitete. An diesen Schmuck- stücken kann man auch erkennen, wie iveite Wanderungen die Menschen damals untrrnah- «en, denn die Lichorinamuschel lebt nm im Atlantischen Ozean, während die Nasiaarte» nur im Mittelmeer Vorkommen. Di« Muschel- sammler scheinen deinnach ihre Sammelvorräte auch aus ihren Wa««deru»gen, die sie über dir halbe Erde führten, mitgenommen zu haben. Auch in deutscher« Funden aus der Magda- lenienperiode fand man Muscheln aus dem Mittelmeer, fo beispielsweise in der Schwäbischen Alb, iu Bayern, Oesterreich und der Schweiz. Große Sammlungen vor«'Tierzähnen fand man ferner als Beigabe««« Gräbern bei Nördlingen, die a»«S der letzten Eiszeit stammten; sie bestanden aus mehr als 200 Hirschzähnen, rtlva 80 Fluhmnscheln und 160 Muscheln, die aus dem ungefähr 30 Kilometer von der Fuirdstätt« entfernten tertiären Süßwasser- kalk von Strinheim stammte««. Außerdem befanden sich in der gleichen Grabstätte noch mehr als 4000 durchbohrte Litoglyphenmuscheln, die um diese Zeit aber in Süddeutschland über- Haupt nicht, dagegen in Ungarn vorkamen. Es ist daher nicht unmöglich, daß ein Eiszeit, muschrlsammler aus seiner Wanderung durch Ungarn di« Muscheln fand, sammelte und schließlich mit sich nahm, bis er st« endlich als Grabbeigabe— wohl für einen Angehörigen — verwendete. Auch Mineralien faminelte der Eiszeit- m«>«sch, name««tlich dann, tvenn sie metallisch glänzten oder farbig schillerten; daneben scheint er aber auch schon Freude an— Fossilien gehabt zu haben, denn so früh er auch lebt«, so gab es doch auch damals schon versteinerte Lebetvesen in Hülle und Fülle. So fand man zum Beispiel in einer Schweizer Fundstätte Sammlungen von Annnoniten, Seesternen, Seeigeln, wie auch verftrinert« Muscheln und dergleichen, di« vermutlich im Juragebirge gesammelt worben tvarrn. Aus der Aurignae- periode stammen weiterhin die»vertvollen Fund«, die man seinerzeit bei Mentone in den Grimaldigrotten machte und die Tausend« von durchbohrten Muscheln liefertrn. Dort fand inan auch ein« Halskette, hergestellt aus zwei Reihen einzelner Fifchwirbel und.einer Reche Muscheln, in die in klein«» Abständen Hirschzähne eingefügt waren. Jedenfalls sammelten die Ciszeitmenschen, was sie an schönen Natur- gegenständen fanden, m«d führte»« ihre Sammlungen dann auch aus ihren Wanderungen»nit sich, um sie jeweils zu ihre«« Ztveckrn verwenden zu können. panait Jstrati. In Nizza, wo die sorglos-heiter genießende Lebensfreude anderer schon so manchem Verzweifelten den Tod als letzte Hoffnung wies, durchschnitt sich 1921 ein Bagabirrrd die Gurgel. Panait Jstrati hieß er, und rS war ein buntes Leben, auf das er verzichten wollte: Der Vater ein griechischer Schnmggler, die Mutter Rumänin— kein Wunder, daß heißes Bagabundenblut ihm in den Adern tobte. Mit zivölf Jahren zwang es ihn fort aus der Heimatstadt Braila, hinaus in die lockende Welt. Unersättliche, rastlose Gier nach Erleben — Menschen erleben!— trieb ihü durch di« Länder des Balkan, Kleinasien, Aegypten, Südeuropa, unstet und ruhelos gehetzt von inneren Energien, immer hin und her, 25 Jahr« lang. Ins Joch aller nur mögliche««.Berufe" spannte ihn der Hunger: Kuchenbäcker und Schiffsjunge Anstreicher, Kellner, Schlosier, Photograph... Eine Zeitlang beteiligte er sich an revolutionären Bewegungen des Orients. Dem Können der Aerzte gelang es, seine Flucht inS Nichts zu vereiteln. Damals lernte ihn Romain Rolland kennen, wurde später sein Freund. Er bestimmt« Jstrati, Erlebnisse und Ergebnisse seines Ahasverdaseins im Wort zu gestalten. Der erste Band dieses breit angelegten Werke« erschien bei Rütten«. Loening in Frankfurt a. M. unter dem Titel ,Kyra Kyra- lina. Aus den Geschichten des Adrian Zo- grafsi." Rolland schrieb ihm«in kurzes Bor- «vort, die recht flüssige Urbersetzung stammt von O. R. Sylvester. Das Schicksal des Jahrmarktgauklers Stavro-Jsvorann schildert dieser Band. Der^ junge Zograffi(so««ennt sich Jstrati hier) be- glritet den köstlichen Taugenichts Stavro zum JahrmarktSrummrl in rin rumänisches Dorf. Unterwegs, beim Uebernachten, versucht Stavro «ine zivar sehr zärtliche, aber sexuell^ Attacke «uf Zograsfi. Jedoch der dritte Reisegefährte läßt sich darob mit Stavro in einen heftigen« und handgreiflichen Streit ein— nnd die Situation endet in Peinlichkeit. Sie wird Airlaß nick« Ursache, daß Stavro aus seinem Leben erzählt: Wie er in seiner; Dummheit sich als Homosexueller verheiratete — und welch grausam-tragisches Ende seine Ehe finden mußte. Die Kinderjähre in dem abenteuerlichen Hause seiner Mutier träumt er stch zurück, all die entsetzlichen Einzelheit««, als seine Schwester Kyra Kyralina entführt wurde« Er hing sehr an ihr, und zog aus, sie zu suchen. Er fand sie nicht, aber er fand nach mancher bitter» Enttäuschung einen Freund, der ihm den Glauben an die Menschheit wieder gab, Dragomir, seinen Freund.... Die farbenfrohe Glut des Orients ist in diesen Geschichten lebendig, eine Fülle Gestalten und Geschehnisi« sind in die Handlung verwoben, di« temperamenwoll, oft jäh überraschend vorwärtsdringt. Keine Spur von jener edel-verschnörkelter« Langeweile, durch die die meisten orientalischen Autoren den europäischen Leser eirrschläfern. Auch nicht die an- da»«ernd hinweisende Aufdringlichkeit europäischer Reiseberichte:„Seht, das ist garantiert echter Orient! Staunen Bedingung."— 8— * Rolland hat bkfett Dichter des orientalischen Proletariats als Gorki des Balkans bezeichnet, nicht unberechtigt, halten die weiteren Geschichten des Zograffi, was der erste Band verspricht. Gütig« Fügung des Schicksals, das,„der Menschensischer von Billrnerwe den Vagabunden Jstrati aus den tiefen Was sern des soziale« Ozeans abgefischt hat". Ein niederträchtiger Zufall könnt« ihn sonst vielleicht doch einmal nach Bayern führen, und dort würde man ihn als„Arbeitsscheuen und staatsgefährlichen Landfahrer" aus rin paar Jahre ins Gefängnis sperren. Daher auch der Name Kulturvolk. Bruno Bogel. Das mittelalterliche Vrag. _ Es dürst« in ganz Europa keine Stadt geben, die in ihren Barüverken so viele Ausschlüsse über die deutsche Geschichte gibt wie P.ag. Gerade weil Böhmen von jeher Grenzmark nach dem Osten hin gewesen ist, hat sich hier das deutsche Wesen besonders scharf herauskristallisiert. Im Wettbewerb mit slawischer Eigenart muht« es sich behaupten und durchsetzen. Man gesteht angesichts des Prager Stadtbilder, das ein so vielgereister Mann wie Alexander von Humboldt unter die vier schönsten Städte der Welt rechnet, daß dies überraschend gut gelungen ist. Trotzdem werden nur borniert« Rationalisten daraus Kapital schlagen können in bezug auf di«„Genesung der Welt". Denn das Mittelalter kennt nicht di« engen völkischen Schranken, mit den«n di« kapitalistischen Staaten des 19. Jahrhunderts sich abschlossen— im Widerspruch zu der Wrltwirt- fchast, an der fie doch alle trilzuhcwrn suchen—, sondern es wird beherrscht Von der Universalidee der römischen Kirche. Es ist eine Mischkultur, di« an der Moldau ausblüht. Das slawische Element hat am wenigsten Anteil daran, wiewohl der Nam« der Stadt, so gut wie der der meisten obersächsischen Orte flawischen Ursprungs ist und von derselben Wurzel abgeleitet wie die Namen, die in Bayern auf„Reut«" oder„Reuth", in Niedersachsen auf„Rode" endigen und ,Iio- dung" bedeuten. Ans der Zeit, die am Rhein und an den Abhängen des Harzes so köstliche Denkmäler geschaffen hat, wie die Dome von Mainz, Worms und Speyer, di« Kirchen von Köln, Von Hildesheim und Braunschweig, ist zwar nichts Bedeutendes in Prag erhalten. Di« St. Geovgenkirche aus dem Hradschin, eine oder di« andr« Rundkaprlle, in altem Gemäuer versteckt, erinnert an die Zeit, in der die Stadt Bistum geworden ist. Erst nach Karl dem Großen war von Deutschland aus Böhmen dem Christentum gewonnen worden, und wenn auch schon im 11. Jahrhundert deutsche Kaufleute in Prag ansässig waren, so ist von'ihrem kulturellen Einfluß doch noch wenig zu spüren. Die Gotik hat» um in den östlichen Marken heimisch zu werden, länger gebraucht als in Westdeutschland. Erst die Spätgotik ist— neben dem Barock >— der maßgebende Prager Baustil geworden. Die Dynastie der Luxemburger, di« im Jahre 1810 mit.König Johann den Thron bestieg, hat sich um die böhmische Kultur die größten Verdienste erworben. Das Land ist fruchtbar und reich an Silbererzen, an vielbesahrenen Handelsstraßen gelegen. Es umfaßte eine viel größere Bodrnfläche als heute, denn es begriff «inen großen Teil der fränkischen Lande mit «in und reichte bis nahe an den Nürnberger Stadtbann heran. Die Einkünfte dieses Königreiches müssen getvaltig gewesen sein. Johanns von Böhmen Sohn Karl, als deutscher Kaiser Karl IV., der von 1348. bis 1378 regiert hat, zog Böhmen allen andern Kronländern o»r. Dieser ungewöhnlich begabte Fürst hat tie Mark Brandenburg erworben— wofür ihn Wilhelm ll. mit einem Denkmal in der Siegesallee gestraft hat— und er hat viel für Tin- gcruiüude getan. Er hatte auch eine große Borlieb« für Nürnberg, wo«r im Jahre 1356 di« berühmt«„Goldene Bull«" erließ, um die Rechte der Kurfürsten festzulegen. Und tatsächlich wird, wer Nürnberg kennt, in der Prager Altstadt auf Schritt und Tritt an die Stadt an der Pegnitz erinnert. Der Altstadtring mit der doppeltürmigen Teynkirche, dir mächtig über das vorgelagerte Schulgebäude empörragt, hat viel vom Nürnberger Marktplatz. „Teynschule" und.^Teynkirche" bezeichnen etwas Abgezäuntes. Der Hof dahinter heißt noch heute, trotzdem das Deutsche überall ausgemerzt ist in der tschechoslowakischen Hauptstadt, „Ungeld". Hier befand sich im Mittelalter der Zollpapel der deutsch«« Kaufleute, gegen die übrig« Altstadt streng abgegrenzt; alle Waren, für die das„Ungeld", d. h. der Zoll, bezahlt werden mußt«, wurden da eingelagert. Di« deutsche Kaufmannschaft saß also recht im Herzen von Prag, und nicht weit davon befand sich der älteste Getto in dem Bezirk, der später dir ,-Josessstadt" getauft worden ist. Die„Altneuschule" neben dem zierlichen Rathaus ans josesinischer Zeit, aus den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts, soll in ihren unteren Teilen schon im 5. Jahrhundert bestanden haben, also lange, ehe es rin christliches Gotteshaus gab. Dann wölbten sie die besten Architekten jener Zeit, Meister Matthias von Arras und Peter Parler von Schwäbisch-Gmünd, und zogen, um das Kreuzbild am Gewölbe zu vermeiden, in jede Kappe noch«ine fünfte Rippe rin. Eben diese Meister waren vor Karl IV. beauftragt worden, den Beitsdom auf der KönigSburg droben, im Hofe des Hradschin, zu erbauen, und sie haben einen Chor und seitlich am Ouerschiff einen Glockenturm aufgerichtet, den Torfo einer gotischen Kathedrale, der alle Ausbauversuche des 19. Jahrhunderts, die noch heute fortgesetzt werden, verhöhnt. Den Getto aufmachen konnte damals kein König, auch der mächtigste nicht, wollt« er es nicht mit der Kirche verderben. Die schauerliche Enge des Gettos erkennt man an dem Judenfriedhof, der eher wie ein Trümmerplatz aussieht mit seinen durcheinander- und übereinanderliegenden, verwitterten und zerbrochenen Grabsteinen. In drei Schichten übereinander muhten im Lause der Jahrhunderte die Prager Juden ihre Brr- storbenen beerdigen, sonst war kein Platz. Im Tode noch wurden sie gedrängt und zusammengequetscht. Und doch genoß diese Judengemeind« größeres Ansehen als irgendwo sonst, denn der König überließ ihr seine Baumeister zum Neubau ihrer Schule. Später, im 16. Jahrhundert, zog Kaiser Rudolf ll. ihren weisen Rabbi Löb zu astrologischen Beobachtungen mit seinem eigenen Hofastrologcn Tycho de Braher an seinen Hof, und abermals hundert Jahre später wurde der Judenschaft für ihre hervorragende Tapferkeit bei der Verteidigung Prags gegen die Schweden von Kaiser Ferdinand III. eine Fahne verliehen, die noch heute die Synagoge ziert. Der Monarch aber, der die Iriden schützte, war auch sonst ein aitfgeklärter und weitblik- kendcr Mann. Er hat nach dem Muster der Pariser Sorbonne im Jahre 1348 rin« deutsch« Universität gestiftet und seine Residenz uux einen schönen nnd für damalige Begriffe weiträumigen Teil, die Reustadt, vergrößert. Und die Brück«, die di« Königin aller Brücken g<- blieben ist, namentlich nach dem Verschwinden, von Pöppelmanns Augitstusbrücke in Dresden,! die Karlsbrücke, ist sein Werk und von denn Architekten des BritSdoms ausgeführt- worden«! Roch heute steht sie mit chren alten Brücken« türmen, die den Bomben Friedrichs II. getrotzt haben, und noch heut« steht, nach dem Borbild! des Altstädter Brückenturms erbaut, der Pnl>-s verturm mitten in der Stadt. Es gibt kein» köstlicheren Denkmäler der Prosangotik: reicht und blühend nnd doch massiv künden sie vowi einer Zeit, die fruchtbar war an künstlerischem Gedanken wie wenige. Selbst der französisch«!^ Königshof,*n dem Karl erzogen war, konnteu sich mit ton böhmischen nicht messen. Jmtz Tale der Brraun, südwestlich von der Haupt-- stadt, mußte ihm der Meister von Arras ein«! Königsbnrg errichten, zu der die Schilderungents von der Gralsburg' als Borbild dienten und! das Papstschloß in Avignon. Das köstl'che Kleinod aber in dieser Bnrg Karlstein sind dr«8 Kapellen, von denen eine, dem heiligen Kreuz, geweiht, oben im höchsten Turm hinter Vie« Meter dicken MG»rn, an ihren Gewölben miig Gold überzogen ist wie di« Zarengemächer invs Moskauer Kreml, während die Wände unter-, halb der Ahnenbildrr aus damischen Halbedel-s steinen bestehen. Doch nicht allein die fast asiatische Prachül dieser Kapelle macht ihren Ruhm aus, sondern»! ihr kunstgeschichtlicher Wert, der in den Wand-., Malereien beruht. Karl IV. hat nichts Gerin-s geres vollbracht als di« Begründung rineÄ Malerschule, di« das Werk des größten Italien ners, des Giotto, nach Mitteleuropa verpflanztes Ein Meister aus Oberitalien, Thomas vom Modena, war das Haupt der Prager Schule^ und Nikolaus Wurmser von Straßburg«n« Theodorich von Prag waren seine Schüler undn Fortsetzer. Die primitiven Werke von Köln uitdia Westsalen, die unS aus dem späten Jahrhun« dert geblieben sind, müssen irgendwie mit dem Prager Schule zusammenhängen, denn mrm über diese Brücke ist die Tafelmalerei aus denv Süden zu uns gelangt. So sehen wir, aus welchen Quelle« dich spätgotische, böhmische Kultur gespeist war: a«Ä französischen, süddeutschen-und italienischen.! Karl IV., den sein Volk verehrt hat wie dich Araber den Harun al Raschid— hat er nichbi in einem Hungrrjahr als„Notstandsarb«it"i oberhalb von Prag durch Arbeitslose die„Hnnq germauer" aufführen lassen?—, kannte dich italienische Kultur der Borrenaisiance ebenfalls!! von mehrfachen Jtalienreisen und war ein per« sönlicher Freund und Gönner des Boeeaeeio; der« Petrarca ließ er«ach Prag berufen an sein«! Hochschule wie den Meister Angelo di Firenzes der ihm den ersten botanischen Garten nördlichf der Alpen anlegen muhte. Die Vussitenstürmes haben dann im 15. Jahrhundert furchtbar aufq geräumt nnter Karls Kunstfchöpfung. Abers noch die Reste, zu denen die kleine ehernet Reiterstatue eines heiligen Georg im Hofe deÄ Hradschin gehört, sind imposant nnd zeugrw für die Größe einer Epoche, die stark genug war, die Element« dreier Kulturen zu ein««; neuen Harmonie znsammenznschweißen.; Hermann Hieber. 7! Man hält sich-auf über die Unfittlichöerl^ aber nm« scheut sich nicht, sich anzuziehen nach der Pariser Dirnenmode. ^«rnhard Walther. — 4— Dem Faultier ist nicht| zu helfen. Bon Manfred KYber. Das Faultier hing an einem Ast und duselte vor sich hin. „A—i", sagt« das Faultier und seufzte. Es seufzte herzbeweglich. Seufzen hielt es für schlafbefördernd. Untön am Stamm de» BaumcS fast'«iit kleines' Pinseläffchen und las in cincmBnch. .Das Buch'war auf Baumrinde geschrieben und in Lianeügeflecht gebunden. Den' Entwurf dazu hatte.eine Giftspinne gezeichnet>- cigcuheinigi Därviu. war dc^- Eitzdäud grftgrlM-gewordene Das Büch hieß:„Wie lverde ich energisch?" Solches hatte das Aesfchcn sehr nötig. Denn dir Pinseläffchen sind zarte und schüchterne Geschöpfe. Das Faultier seufze herzbeiveglich. „Was fehlt Ihnen eigentlich?" fragte das Teilchen teilnehmend' uyd guckte noch oben» ^sst Ihnen nicht wohl?". „A-^-i", sagte daS Faultier und seufzte. „Sic sind gewiß krank," sagte das Aesfcheu und kletterte hilfsbereit nach oben. DaS Faultier rührt sich nicht. „Ich bin hungrig," sagte es Und seufzte. „Aber dicht über IiMn hängen ja die schönste».. Früchte. und Blätter," fügte dos Zscffchen erstaunt. Das'Faultier blinzelte nach oben.„Ich bi» zu saus," sagte es und seufzte. „Sie müssen da» Buch lesen:'„Wie werde ich energisch?"'. sagte das Aksschen und,zeigte ans den giftgrünen Einband.„Eilte Tante von mir hat das Buch gelesen und ist so energisch . geworden, daß kein-• Affe mehr mit ihr leben kann. Meine Tante fletscht die Zähne und schmeistt mit Steinen. So energisch ist sie geworden.". „Dast ich ein Buch lese, ist vollständig aus- geschlosseir,". sagte daS Faultier. „Ja, was. machen wir denn da?" sagte das Aesfcheu ratlos.„Sie können doch nicht einfach verhungern' vor den reifen Früchten':" .„?l-^i", sagte das Faultier und seufzt«. .Das Pinseläffchen hatte ein. sehr weiches Herz. Es konnte das Seufzen nicht mehr an» hören?"- Es nahm ein Bündel Blätter und stopfte es deni Faultier ins Maul. Das Faultier.kaute schwer und mühsam, mit gcschlos- senen Augen. Das Aesfchcn stopfte und hals mit den Füßen nach. ,/5o geht es ober nicht weiter", sagte das. Pinseläffchen nach dem ein- gestopsten Mittagessen.„Sie müssen energisch werden- Ich werde Ihnen daS Buch:„Wie werde ich energisch?" vorlesen, da sie schon zu . faul sind, es selbst zu lesen. Aber Sie müssen aufmerksam zuhören." „Dast ich zuhöre, wenn, ein Buch gelesen wird, ist vollständig-ausgeschlossen," dachte daS Faultier. Es sagt« das aber nicht mehr. Es war zu faul dazu. -DaS Aesfchcn setzte sich neben das Faultier und nahm den giftgrünen Einband zur Hand. Es las das ganze Buch mit lauter Stimme von Anfang bis Ende. >„Sind Sie uim energisch geworden?" fragt« das Aeffchen und sah da» Faultier erwartungsvoll an. Das Faultier rührte sich nicht,«s war eingeschlafen. Da nahm das zarte Pinseläffchen dos' Buch:„Wie werde ich erxrgisch?" und warf es dem Faultier toütytb an den Kops. So energisch war es geworden— beinahe wie seine Tante, die mit Steinen schmiß und die Zichne.fletsch.-, ’»A—i", sagt« das Faultier und seufzte. Man, sagt, daß di« Faultiere aussterben. Das glaube ich nicht. Wenn sie aber wirklich anssterben, so wird ihre Art doch immer in nianchen Menschen erhalten bleiben. — einerlei. Dir Gewalt der Meereswogen. F-cstlaud- bewohner, die im allgemeinen di« See überhaupt. nicht oder allenfallsfür kurze. Zeit im Sommer zu sehen bekommen, wenn sie.herrlich im Sonnenglasl schimmert und nur sanft« TrLumcrwcllcn schaukelt, haben im allgcmeiprq keine rechte Äorstetlung von der nübelmlichen Gewalt, die in der sturmgepcitschten Woge gebunden ist. Und doch müßte sic schon die Tatsache stutzig machen, daß alljährlich in den Herbst- und Wintermonaten bald ans dem einen, bald dem anderen Küstenort Nachrichten über die Zertrümmerung von Kaimauern, Badeanstalten oder von Deichbrücken. kommen. Freilich handelt eS sich hierbei meistens nm große, weitausgedehnte Objekte, die dem Anprall der Wellen umfangreiche Flächen entgegensetzen, sodaß ihre Stärke nicht so eindringlich zum Bewußtsein kommt als da, wo. sie Gegenstände von geringem Inhalt, aber hohem Gewicht transportieren oder zertrümmern. Um einige Angaben zu machen: Bon der Außenmole bei Genua wurden vor einigen Jahren von bis zu 7 Metern hohe Stnrmwogen Betonklötze im Gewichte um 40 Tonnen herum losgerissen,' durcheinandergewirbelt und bis zu 50 Meter weit fvrtgcschleudert! Das bedeutet als», auf bekannte Energienraste nmgcrrchnet, die Kraft der Well«,' die den Block V4n 40.006 Kilogramm 50 Meter weit schleudert«, entsprach der Arbeitsenergie von rund 26.000 Pfcrdekrästen zu je 75 Meterkilogramm, wenn mau die übliche Pferdrkrafteinheit(PS), die 75 Kilogramm in einer Sekunde um ein Mrtpr hebt oder verschiebt, zugrunde legt! Nicht berücksichtigt aber ist in dieser Umrechnung die ' ungeheure Kraft, die notwendig war, um dru Block aus s«in«r festen Bcrmauerung erst einmal loszureisten. Auf den Shetland-Inseln warfen die Meereswogen Mauerstücke von 13.000 Kilogramm Gewicht 120 Meter weit in das Land hinein, wo sie in einer Höhe von rund 20 Metern über dem normalen Meeres« svieael lieaen blieben 0r6anfeti-6|)litter. Ferdinand Lassalle. Wenn in einer Gesellschaft eine siegreiche Revolution eingetreten ist, so dauert zwar das Privatrecht fort, aber alle Gesetze des öffentlichen Rechtes liegen am Boden oder haben nur provisorische Bedeutung und sind neu zst machen.(Ueber Berfassungswesen.) Wo die geschriebene Verfassung nicht der wirklichen entspricht, da findet ein Konflikt statt, dem nicht zu helfen ist und bei dem unbedingt anf die Dauer die geschriebene Verfassung, das bloße Blatt Papier, der wirklichen Verfassung, den tatsächlich im Lande bestehenden Machtverhältnissen, erliegen muß. -(Ueber Berfassungswesen.) fettere*. Eheleute. Emil besah seine Gattin und ägr«:„Einstmals besaßest du di« Eitelkeit einer stolzen Psauin, jene berechtigte, ja twtwciidige Eitelkeit, di«. Schönheit schasst,— jetzt hin- gearn—\. „Einstmals sprachst du mit einer ohrenbc« zauberiiden Stimm«, ein« Hörcnswürdigkeit,— wie eine Nachtigall,,— jetzt hingegen——!" „Einstmals warst du wohltuend anzuschaucn, lieblich'wie der" lieblichste'Kolibri, jetzt hin- gcgeN——!"' Die Gattin aber entgegnete sofort'„Du hast, sofern: der: Schein: nicht trügt, eiütn Bogel—!" „Ja," sagt« Emil mit einer bezeichnenden Handbewegung,„einen gerupften", Das Rätsel. In einer Knabenschule gibt der Lehrer folgendes Rätsel auf: Vereint soll's jedes Machen hoben, Getrennt soll'S fehlen keinem Knaben! Am nächsten Tage hofft der Lehrer, daß wenigstens einer der Bnben die richtige Lösung: „Anmut— an Mnt" erraten hab«. Weit.gefehlt! Die Knaben, die schon in der BolkSjchul« mit der Zeit und her Mode Schritt halten, hatten sich ein« ganz andere Lösung zurechtgelegt, und alS der Lehrer fragt«, tönt« ihm di« st'lbstsichere Antwort entgegen:„Die Hemdhose!" Eine angenehme Neberraschnng.„Zn däm- lich", klagt neulich der Besitzer eines Warenhauses,„ist doch der' Kommis, den wir jetzt eingestellt• haben., Da bekommt er gestern drei Plakate mit der Aufschrift„Bitte, nicht benutzen", die er in der Möbelabteilung auf die neuen Klubsessel legen soll. Heute gehe ich durch den zweiten Stock," nachsehen, ob er sie hingelegt hat: Jawohl, hingelegt hat er sie— aber wo? In der Haushaltabteilung, auf die ZimmerklosettS!" — 3tätfel-<£cfe.— Phramidenrätsel. s-f! h M rin rh Ihlhll °° Diese Buchstaben find so zu ordnen, daß die wagrechten Reihen ergeben: Vokal und Musiknot«, Fluß in Italien, Stadt in Bayern, Teil der menschlichen Körpers, Bergspitze. Pflanze. * Juhaltreich« Worte. Taugenichts, Mitrowih, Würfelzucker, Osterhase, Arsenik, Mitau, Schnellzug, Flie- drrstrauch, Benares, Binokel, Heinrich, Goldammer. Vorstehent« Worte enthalten ein be- acht.'nswertes Zitat des alten griechischen Schriftstellers Sophokles. Di« zur Wortbildung benötigten Silben sind den Wörtern ohne Aenderung der Reihenfolge und ohne Rücksicht auf Silbentrennung zu entnehmen. Auflösungen der Rätsel aus der vorigen Rümmer: Diamanträtsel: m, Mai, Birne,. Persic», Es ist die stärkste Diplomatie^ welche ihre Berechnungen mit keiner Heimlichkeit zu um gehe« braucht, weil sie auf erzen« Notwendig keit gegründet, find. I^uamanrratset: m, Mai. B (Hochverratsprozeß Berlin, 12. März 186t.) f Mars« Oft, Kreisel, Halma, Eis, e.