?Jr. 36. AntsrhaljungSdettase. 1927. Aas Krauengefangnis von Aarts. da»(Sitbe einr« Drteo 6er Streiten.— fipftr 6er SniNoiine.—„Sie Surir 6er Sntilohu". Snlfe 9nt!t>el._ Dte 3n affen 6ee Srauenqefängniffr«: Xfferefe 6nmbert, 6te groffe 6tffwin6> Irrin. onadame 6icin|eil, 9tta6ame SaiHaur, 6ie Xänjerin ORata dar?. Bon M. L. Andersen. aufsäjsige Priester und junge Tunichtgute internierte. In der Nähr des Pariser Osldahnhojes lieg: ein unheimliches graues Elebäude. Eine verwitterte Trikolore hängt über dem Portal, dessen Sieinschild tvic zum Hohn die Proklamation der Menschenrechte verkündet: Freiheit. Gleichheit nnd Brüderlichkeit. Aber es gibt ivobl kaum eine Stätte ans der weile» Erde, wo von Freiheit und Gleichheit weniger die Rede sein könnte, als in diesem trübseligen Haus, das alles menschliche Elend, alle Röte kennt. Tie alten grauen, zerfetzt wirkenden Fassaden nnd Giebel dieses-»an- ses nnd die elende, armselige und freudlose Umgebung entsprechen vielmehr dem Zweck und der Geschichte von St. Lazare, dessen Höte nnd Zellen den Jammer und die.^lagen von Jahrhunderten gekört nnd dessen Wände blnigesättigi sind nnd sich voll Tränen und Schmutz gesogen haben. Tas lv- rnchtigie französische Franengefängnis Saint» Lazare ist tllm Jahre ass und soll nun endlich nach Beschluß des Pariser Magistrats ni-edergerissen Iverden und damit ein Moun- ment von Jahrhunderte altem Leid, menschlicher Schande nnd Grausamkeit. Schon länger als hundert Jahre ist dieses Gefängnis „veraltet" gewesen, ein Rest mittelalterlicher Barbarei nnd von hygienischen, sanitären und .menschlichen Gesichtspunkten aus, mitten in der„Stadt des Lichts", eine Monstrosität. Jetzt, wo dieses Monument von sehr langer Zeiten'Schande verschwinden soll, erinnern sich die Historiker nicht ohne Wehmut dieses granenhasten Ortes, wo jeder Stein von einem unseligen Geschick berichten kann. Ursprünglich wurde dieses Haus des Elends im Fanbourg St. Tenis als Hospital angelegt, wo der fromm.' Caiut Bineeiii t: Paul(157C—1GGO) sich der Aussätzigeu und anderer lluglücllichen annahm. Schon im 6. Jahrhundert haste sich au gleicher Stell? e.u.'iloster Saul: Laurentius befunden, wo Mönche<]! eichfalls de» Ansiök »! boten. Im 18. Jahrhundert wurde-Si. Lazare, nachdem es der Haupisitz der St. Biucenli- de Pauls-Mission gewesen war, als Gefängnis umgestaliet, zu einer Art.'Filiale der bc rühmten Bastille, in der inan baupifächlch Tie große Revolution, die die Bastille niedcrriß, beschloß auch diesen Abschu ii der Geschichte von St. Lazare. Unter der Schreckensveriode des Jahres 179 i. als die Pariser Gefängnisie überfällt waren, ivurdc St. Lazare als Revolutions- Arrest benutz! und ivar bald das Gefängnis mit Hunderten von willkürlich Berhafteleii gefüllt, unter denen sich Dichte.', Künstler, Herzoginnen, Acbtissinnen Und Aristokrat.m befanden. Trotz ihrer schrecklichen Lage machten diese Gefangenen das beste ans ihrer Situation, dichteten uns zeichneten» fangen und scherzten. Tiefe Sorglosigkeit irriiier'.e alvr schließlich die Bolkstribuuen und die alten, sittsamen Gesangencnivächter wurden durch martialische Revolutionäre ersetzt, die nicht viel Sinn für Humor und Senri.'nen- talitätcn zu haben pflegten. Die Schreckens- periode in diesem Gefängnis begann, als die Starren vorsnhren, nm die Opfer der Guillotine zu holen und die Jnrückbletvenden sich in ihrer Todesangst ansrechneien. iver die nächsten 25 sein würden... Im Jahre 1795 wurde das alte Aus- sätzigeu-Hofpital als Fraue ngefairgms ein gerichtet und im Lause der folgenden Jahr- Hunderte verknüpft sich seine Geschichte mit dem Schicksal vieler bekamt ter und nnglnck- licher Frauen. Im Jahre 1845 schmachtete Mme. Biard, die Geliebte d es Dichters Bic- ior Hugo, in St. Lazare. Si, : war von'hrem eifersüchtigen Manu des l Ehebruchs ober- führ! worden. Die Reooluiivn Hane n nt.r den Frauen iv-.rhre Furien heroorgebras hi.„Ta werden Weiber zu Hyänen", konnte inau ivobl über dieses Kapitel der Geschichte schreiben, ivenn man u. a. an die bernchiig:. : Roa Laer-mbe. die Königin der Halle, sie schone Emil e de Einna, genao.u, die Furie der Guilloriu:. nnd die grauenhafte, Leduc Lenkt, die die Leichen ausiürtuien, den Pl atz dann illunii- nierien und im Scheine röter und blauer Laternen inner den K längen einer entsprechenden Musik lvahre Herentänze veranstal- teie'u. Tie berühmteste unter ihnen war die Barritadeukampferiu Luise Michael, die„roke Jungfrau" genannt. Man bczeichnele sie als „Petrvlense". Sie bekleidete sich mit Männer, uniform, die sie bei allen Bersammlungen trug. Sie liebte Pnloergernch und den Donner der Kanonen und kannte keine Gefahr. Sie war Lehrerin und Journalistin gewesen nnd einmal zur Deportation nach Australien verbannt worden. Sie war oft zu Gefängnisstrafen verurteilt und Hai auch hinter den Mauern von St. Lazare gesessen als eine der eigenartigste'» und problematischsten Typen, der jegliche weiblichen Inge fehlten, sogar die der Eitelkeit. In einer späteren Periode zählte auch die berüchtigte Frau Therese Humbert, die mir einer vorgeblichen Erbschaft von 110 Millionen durch Jahre hindurch die Umwelt zum Rarrcn gehalten hat:e, zu den Jnhaf- tierten von St. Lazare... Ferner mußten Mme. Sleinheil, die Geliebte des Präsidenten Felix Faures, die beschuldigt worden war ihren Mann ermordet zu haben, Mme. Bes- serabo, die die Leiche ihres Mannes in einen Koffer verstaute, die junge Kommunistin Germaine Bcrion und Mme. Eaillour, die aus Liebe und Treue zu ihrem Gatten den Redakteur Calmelie erschoß lüe erhielt dieselbe Zelle zugewicsen, in der Frau Steinheil die Untersuchungshaft znbrachte). Wegen ihrer heroischen Gesinnung und auch aus politischen Gründen wurde Fran Eaillour freigesprochen. Während des Krieges kamen die weiblichen Spione nach St. Lazare, unter denen die berühmteste, die wunderschöne nnd im höchsten Grade mystisch.' holländisch-jaoani- sche Tänzeriu Mata-Hari ivar, die bis zum Schluß ihr großes Geheimnis bewahrte, für ihr Todesurteil nur ein verächtliches Lächeln harte und vor den Mündungen der zwölf Gewehre die Miene buddhistischer Gelassenheit zur Schau trug. Sie war vielleicht der größte Dämon in Franengcstalt, den die Geschichte kennt. Bis zuletzt hatte sie ans die Macht ihrer schönen und gefährlichen Augen gehofft, ans denen unheimlich phosphoreszierende Flämmchen gesprüht haben sollen. Die letzte» Generationen kennen St. Lazare hauptsächlich als Gefängnis für Pro« — 2— stituicrtc. In Paris sollen sich 4 bis 6000 „eingeschriebene" Prostituierte befinden, während die Zahl der unkontrollierbaren Prostituierten angeblich die-Höhe von 120.000 erreichen soll. St. Lazare ist für die Prostituierte zugleich Hospital und Gefängnis. Ob die Mädchen nun eingeschrieben sind oder nicht, minderjährig sind oder zur alten Garde gehören, ob reich oder arm, endigen diese Unglückliche»> doch alle eines Tages so oder so in St. La-I zarc, wo sie von aufopfernden und liebevollen Nonnen gepflegt werden. Jeden Morgen empfangen diese neuen Scharen jener Elenden, die die Opfer der Sitte und Zivilisationsverzerrungen sind.„Es ist die Schuld der Männer", hört man sie oft klagen,„die I Frauen sind ihre Opfer!" 3it Goethes Ballade„Die Brant von Corinth" spricht die Mutter von jenen Dirnen, die den Frcnidcn gefällig sind— von den Fremden selbst ist nirgends die Rede. Di«„Fremden" sperrt man auch nicht ein, nur die„Dirnen"— und so wird es bleiben, so lange es ein Kaufen und Berkanfcn der Liebe gibt. Wir warten... Aus dunklem Traum der Noch: Reißt uns des Weckers Surren: Hand drauf, ihn ausgemacht, Sprung, rraus: kalt— ohne Murre». Wir warten.'.. Tretmühle der Gewalt Zwingt dich in ihren Fron, Und-deine Menschgcstalt Durchschreitet Straßen schon. Dir warten... Einmal ruft andrer Ton Uns auf zur bessren Pflicht: Fühlst du, Prolet, nicht schon Der Zukunft Morgcnlicht? Dir— kämpfen! U.£). Der elektrische Stuhl. Lon Michael Gold, New Fort. In diesem Raum öffnet sich keine Bresche der Sonne oder dem Himmel zu; hier gibt eS keine Fenster. Ter Raum gleicht dem feuchten, von Ratten wimmelnden Kellerloch eines verödeten Bauernhauses. Einer, der von draußen kommt, vermeint hier zu ersticken. Ja, es stinkt hier, stinkt nach Mord. Tics ist der Raum des elektrischen Stuhles. Unter der mächtigen Lampe säubern zwei Männer den Stuhl; der eine Mann ist dick, der andere dünn. Sie plaudern leije und lässig miteinander— sind Elektriker, haben in ihrer Tasche das Mitgliedsbuch ihrer Gewerkschaft. „Der linke Zünder ist fast ausgebrannt", spricht der dicke Mann. „Ja, ich werde ihn später ersetzen. Gib mir «in Stück Kautabak", erwidert der Dünne. Tie Männer sind geschulte Lakaien des elektrischen Stuhles;.Knechte des Königs Mord, des Beherrschers der Republik. Allwöchentlich einmal müsien sie den elektrischen Stuhl untersuchen, ob auch alles in Ordnung fei. Tas Gesetz gebietet dies« wöchentlich« Untersuchung. Ter Stuhl muß immer in Ordnung, er muß rein und fleckenlos sein wie dos Schwert eines Engels; so will es das Gesetz. Tirser Stuhl ist der wichtigste Gegenstand in der ganzen Republik, ist der Eckstein unserer Demokratie. Er schützt den Privatbesitz und das ^Heim, Miet«, Zinsen und Prosit sind sein« Kin- ;der. Ohne ihn könnte John D. Rockesrllrr nicht ! jeden Tag friedlich Golf spielen, noch könnte tHerr Morgan in seinem Bureau arbeiten und eine von Hypotheken zu Boden gedrückte Welt Erobern. Existierte dieser Stuhl nicht, es gäbe überhaupt keinen Staat. Und wie könnten ohne .ihn die vornehmen Damen für den Feminis- .mus wirken, in Limousinen fahren, im Rizhoiel Tee trinken? Gott bedarf dieses Stuhles, Gott .und di« Kirchen und die Tamniany Hall; er .schützt den Wahtzeticl des Freigrlasienrn.'Der Bischof Manning hat diesen Stuhl gesegnet; er ist heilig wie eine Dollarnote. Wäre der Stuhl nicht, die Schulgebäude könnten nicht di« amr» aikanische Flagge hissen und in den Klassenzim- nrcrir. könnten di« Kinder nicht unterrichtet werben. Wär« der Stuhl nicht,«s gäbe keine hold '«rötenden Jungfrauen. Ich brauche den Stuhl, du brauchst ihn, wir alle brauchen ihn. Begreift ihr denn nicht, daß. er die Feste der Reichen gegen die Armen darstellt. Nie sterben reich« Männer ans diesem Stuhl. Putzt ihn gut, dicker und dünner Monn; er ist notwendig. Wo ist das nächste Opfer? Noch ist das Verbrechen nicht begangen, und das Opfer wird erst in sechs Monaten sterben: doch muß der Stuhl bereit stehen. Heute durchwanderr er die Straßen mit seinen Kameraden, der junge Arbeiter. Er singt, ist voll Bier und toller Lustigkeit, der übermütige junge Arbeiter. Er schreit dem Auto Scherzworte nach, er wirft hübschen Mädchen, denen er begegnet, herausfordernde Blicke zu. Er zieht tief in die Lungen die kühle, köstlich« Nachtluft ein. Ach, es ist gut, jung und hitzig zu sein wie ein junger Hund! Einer der Kameraden spielt auf der Harmonika, nnd der junge Arbeiter tanzt im Takt ans dem Bürgersteig dahin. Das ist sein Komet, sein Slum auf dem Kometen. Hier wurde er geschossen zur Lust, zur Leidenschaft, zum Mord und zur Arnint. Tie Lichter, das Treiben der Straße, der Schmutz, der Lärm, der ungeheure purpurne Himmel: all dies ist seine Stadt. Zum Teufel mit den Polizisten! Es ist Samstagabend, o junger Arbeiter. Und dennoch ist er cs, der eines Tages auf dem elektrischen Stuhl sitzen wird. Ter dicke und der dünn« Mann werden ihn bedienen, den Regeln ihrer Gewerkschaft zufolge. Blaue Flammen werden ihm in die Ohren kreischen, er wird schreien, sich unter dem letzten Alpdruck krümmen und winden, der junge Arbeiter. „Die Umschalter müssen geölt werden", spricht der dünne Mann gelassen nnd spuckt den Kautabak in den Tpucknapf. „Ja. Hat eigentlich die Glocke schon Mittag geläutet? Ich bin hungrig", sagt der dicke Mann. Nein, nein, reiche Menschen sterben nicht aus dem elektrischen Stuhl; er wurde für den jungen Arbeiter aufgestellt. Der Käfer im Knopf. Bon Erich Gottgetreu. Zum Schluß eines längeren RundgangS durch die langen Säle seiner Fabrik in Prag führt« mich der Herr Direktor, der voller Stolz aus seine großen Zwcigunlernrhinen in Dresden, Paris und New?jork hinwirs, wo ebenfalls von Stanze zn Stanze die goldenen Bänder lausen und das Einatmen von Messingstanb nicht ntindcr gefährlich ist, in sein Mnfrnm. Dieses Museum, das zwei Stockwerke eines geräumigen Miethauses im Borort Wrschowitz «innimmt, besteht bereits seit IMG, 1918 wurde es der Oeffentlichkeit übergeben. Sein Sammelgegenstand ist der der Herstellung in der gegen- überliegenden Fabrik: Knöpfe, genauer: Klei- derverschlüssr; Berschlüsse seit urältesten Zeiten und in allen Arten. Die Wissenschaftler der Kulturhistorie waren den Knöpfen gegenüber bisher ziemlich zugeknöpft, nun will das Versäumt« der Großindustrielle— Walde« heißt«, Koh-i-noor seine Hauptmarke— nachholen. Tie Idee ist originell und ihre Brrwirklichung wird mit Eifer und Geschick betrieben. Lassen wir Herrn Waldes sprechen:„Mit dem Knopf-Aiuseum, einer großangrlcgtcn Knopfmonographie und den„Berichten ans dem Knopfmnseum" beabsichtige ich eine enzyklopädische Umfassung des gesamten Wissenschaft- lichcn, technologischen und sonstigen Knopf- gebicts aller' Länder, Völker und Zeiten im Interesse der gegenwärtigen und künftigen Knopfforschnng.". Run ruhen da in Gott nnd Glaskästen 500.000 Knöpfe, Knöpfe vorn, Knöpfe hinten, Knöpfe links, Knöpfe rechts, du kannst sic dir alle anschcn, von der neolithischen Scheibe bis zum gemalten Miniianrknops des 18. Jahrhunderts, von der glatten Mattscheibe der Bronzezeit bis zum komplizierten Mechanismus der Goldschmiedekunst des 16. Jahrhunderts. Die Knöpfe vom Militär glänzen nicht vorschriftsmäßig. Herr Direktor, Sie müssen ins Loch! Aber vor- in der Ecke blinkt doch etwas. Das sind Glasknöpfc. Glasknöpfe, wie sic bei den Engländerinnen um 1800 herum Mode gewesen sein sollen. Innen sind keine Steinchen und keine Bilder, sondern— Käfer; extra für die Göttin Mode getötete und hier eingelegte Käfer, die desto teurer waren, je seltener sie gctvcscit sind. Billig war eigentlich nur die Idee, wie jede, die grausam ist... Immerhin sollten, die gläsernen Engländer im Museum einen Ehrenplatz bekommen. Tas Vergangene ist typisch ftir die Gegenwart, in der nicht Käser, sondern Menschen cingcsperrt werden: die ganze internationale Änopsindusirie kennt noch in ziemlich ausgedehntem Maße die Hausindustrie, die die große fäbrikativc ergänzt. Die Fenster der Häuser sind nicht so glänzend wie die vor den Käfern, um die ja andere Sorge trugen; das Elend der Knöpfelmachcr schlägt als Schmutz an die Scheiben. Man verdient am Tag acht Kronen. Das sind in deusschem Geld eine Mark; abends wird die auf Papplättchcn aufgesteckt« War« abgeliefert und in der Fabrik speien riesige Trichter, deren GlaSfenster im grellen Licht wi« Molochaugen leuchten, neue. Auf jedem Kilogramm liegt ja nur eine Grammlast von Zinsen, di« vielfach wilder ein- verdicnl wird. Die Gefangenen in den Kerkern arbeiten noch billiger als die HauSinditstriellen, und so sind neuerdings die Staatsgefangenen eine Konkurrenz der Jndustriegefangenen. Dir Käser brechen nicht ans. Die Kirche. Der kirchliche Glanbe gestaltet alles. Er erlaubt dir Sklaverei, nnd in Europa und in Amerika war die Kirche die Beschützerin derselben. Er erlaubt, sich durch dir Arbeit der bedrückten Brüder ein Vermögen zu erwerben. Er erlaubt, reich zu sein unter Lazarussen, die unter den Tischen der Schlvckgcichen unihcrkrie- chen, und er findet dar sogar gut und löblich, wenn man dabri rin Tausendstel für die Kirche und Krankenhäuser opfert. Dem Bedürftigen feine Reichtümer vorznenthalten, Menschen in Einzelhaft zu sperren, in Ketten zu fesseln, an Schubkarren zu schmieden, hinzurichten— alles das segnet die Kirche. Bor allem ist erlaubt, zu löien, nicht nur, ivcnn man sich selbst, sondern auch, wenn man sein« Aepfcl schützt. Man darf auch zur Strafe töten(Strafe bedeutet Belchning— also zur Belehrung töten!) und vor allem darf und soll man im Kriege auf Befehl der Borgesetzten töten; das ist sogar löblich, und die Kirche gestattet es nicht nur, sondern befiehlt es. Leo Tolstoi. Vorzeffan. ,Was ist eigentlich Porzellan?" An einem unserer Bildnngsabende rauchte die Frage auf, und zu unserer Schande mutzten wir frststellen, daß keiner von uns einen richtigen Begriff davon hatte, was es mit diesem Material so zahlreicher Haushaltnngsgcgcnständc auf sich habe. Ein besonders Schlauer meinte, Porzellan sei eine Art Milchglas! Aber das konnte nicht stimmen. Denn wir anderen wußten wenigstens, daß das Porzellan dem Steingur und der Irdenware verwandt sei und daß zu seiner Herstellung irgendeine Art von Ton nötig sei. llm den unsrnchtbarcn Spekulationen ein Ende zu machen, erklärte ich mich bereit, einen Tag meines Urlaubs zu opfern, um mich in dem nahe gelegenen nordbaycrischcn Porzcllanbczirk persönlich zu unterrichten. Morgendämmerung und Frühnebel verhüllte» noch die östlichen Hänge des Fichtelgebirges, als ich inri dem ersten Zug in der „Stadt des Porzellans" ankam. Unterwegs waren an allen Stationen immer neue Arbeiterschare» cingcstiegen. Man sah es den Leuten an, daß die Arbeit an dem edelsten Erzeugnis der Töpscrkunst nicht leicht ist und daß der feine Porzrllanstaub, der ihre Arbcitsklcider wie eine feine, Weiße Mchlschicht bedeckte, Gefahren fiir die Lunge mir sich bringt. Aus den Gesprächen erfuhr ich, daß gerade die Tuberkulose als die Berufskrankheit der Porzcllanarbeitrr immer wieder ihre Opfer fordert. Born Bahnhof aus ließ ich niich in deut Strom der Arbeiter zu einer der großen Fabriken leiten, wo urich ein Genosse vom Betriebsrat, dem ich mein Kommen angemcldet hatte, erwartete, nm mich zu führen und mir alles zu erklären. Schon äußerlich bor die Fabrik ein mir völlig neues Bild. Neber den Dächern erhoben sich zahlreiche, ziemlich niedrige Schornsteine, «ns denen schwere, schwarz« Rauchwolken her- vorquollen, die sich weit über die Stadt hinauszogen und dicke Rußflocken herabregncn ließen. Aus einzelnen Essen schlugen hohe Flammen, die wie die Feuer der Johannisnacht weit ins Land hinausleuchteten. Mein Führer ließ mich in Ruhe das Fremdartig« der ersten Eindrücke in mich anf- riehmen, und erst als ich in Erinnerung an unseren Bildungsabrnd und den Zweck meines Besucher unvermittelt fragte:„Was ist denn eigentlich Porzellan?", da entgegnete er lächelnd: „Einen Bortrag kann ich Ihnen nicht darüber halten; aber Sie werden es sehen, und wenn Eie fragen, hoffe ich auf alles eine Antwort zu finden." So begannen wir unsere Wanderung über die Höfe, durch die Keller sind die Arbeits- ränme der Fabrik. Als ich inich nach vierstündigem Rundgang an dem Tor der Fabrik mit Tankesworlcn von meinem Führer verabschiedete, wußte ich doch schon ein wenig Bescheid über die Art und Weise, wie das Porzellan hergcstellt wird. Drei Gesteinsarien bilden das Rohmaterial, die Porzellanerde(Kaolin), Quarz und Feldspat. Bevor im Fabrikationsgang die Formgebung de» Porzellans beginnt, müsse» die Rohmaterialien zur Porzellanmaffc anfgrarbri- 1«t werden. Di« harten Stoffe: Onar; und Feldspat, lverdcn in Steinbrechern und Kollergängen zerkleinert und zu je Ä Teilen mit 58 Teilen Porzellanerde unter Wasserzusatz in großen Trommelmühle» auf das feinste vermahlen und innigst gemischt. In großen Filterpresscn wird das überschüssige Wasser entfernt und die Porzellanmaffc in Form von großen Kuchen in einem Keller gelagert, wo sie infolge der in ihr enthaltenen pfianzlichcn Bestandteile einen Gärungsprozeß durchmachen, der die Masse leichter formbar niacht. Ta im Fabrikationsprozcß jede Ungleichmäßigkeit der Masse und vor allem eingeschlos- sene Luftblasen sich störend bemerkbar machen würden, werden die Massekuchcn, nachdem sie genügend lange gelagert haben, auf besonderen Knetmaschinen bis zu völliger Gleichmäßigkeit durchgcarbcitet und sind dann zur Formung fertig. Tic Formung selbst erfolgt auf zivcicrlei Arten: durch Trehcn und Gießen. In der Dreherei wird noch heute die Töpferscheibe verivcn- dct, die sich seit ihrer Erfindung in prähistorischen Zeiten im Prinzip in nichts geändert hat.. Auf die jetzt elektrisch betriebene Scheibe wird eine Gipssorm aufgelegt, die die innere Höhlung des betreffenden Porzellangcgenstan- bcs, also etwa eines Tellers, erhoben wiedergibt. Hierüber wird ein dünner Massekuchcn gelegt und mit einer eisernen Schablone die äußere Form des Gegenstandes herausgedrcht. Tas fertig gedrehte Stück wird auf der Gipsform zum Trockne» anfgestellt, wobei sich das Stück etwas znsammcnzieht und sich später ohne Schwierigkeit von der Form abheben läßt. Gedreht werden in der Hauptsache Teller, Taffen und alle flachen Geschirre von runder Grundform. Zum Gießen wird die Porzeüanmaffe in einem großen Holzgcfäß mit Wasser und einem Sodaznsatz wieder verflüssigt. Ter sahneartige „Gießschlicker" wird in eine aus mehreren Teilen zusammengesetzte Hohlform aus Gips eingegossen und kurze Zeit darin belassen. Hierbei saugt die poröse Form einen Teil des Wassers ein, so daß sich an der inneren Fläche der Form eine feste Schicht von Porzcllanniaffe bildet. So- bald diese Schicht dick genug geworden ist, wird der überflüssige Gießschlicker ansgcgossen und nach dem Trocknen die Form auseinandergenommen. Die auf diese Weise hergcstclltcn Gegenstände müssen dann noch, da sie Gießnähte tragen, geglättet und verputzt werden. Henkel, Knöpfe und ähnliche Ansatzstücke werden besonders geformt und mit Gicßschlicker an die Hohlkörper angarniert. Nach deal Trocknen kounul das leicht zerbrechliche Rohporzellan in den ersten Brand, den sogenannten Glnhbrand, wobei es in feuerfeste Schamoltckapseln gefüllt wird, die im Brennofen aufgeschichtet toerden. Bei der im Ösen herrschenden Temperatur von zirka 888 Grad entweicht alles Wasser, das noch im Rohporzellan enthalten ist laiich das chemisch gebundene). So wie der Porzellangegensland aus dem ersten Brand herauskommt, ist er für den Gebrauch«»och nicht zu verwenden, da er noch leicht zerbrechlich und vor allem porös ist. Er muß I deshalb noch einen zweiten, höheren Brand| durchmachen, bei dem dir Glasur aufgebrannt wird. Zu diesem Zweck wird das verglühte Por- zcllanstück in einen Glasurbrei einget0. Jahrhundert ein bedeutender Welchandelspian und Jndnstrirort. Ter Raine Antwerpen wird abgeleitet von„au de Wcrp", d. h. am Hafen. Ju Barcelona gib- cs eine originelle Stra- ßenreklamc in Gestalt einer Walze, mit der inan mittels Wasserfarbe» Firmen und Artikel ans das graue Sn'aßcupflaster„druckt" Tie Rc klame. hält so lauge, bis ein Regen sic weg wischt. Der Rheinfall bei Schaffhausen ist NS Me- lcr breit und.24 Meter tief. Er wirft 200 Kubikmeter über«in« 20 Meier hohe Terrasse. Das «r^ibt«inen Betrag von 67.000 Pferdestärken. Gur den Riagarafall in de» Bcreinigten Staaten von Amerika sind diese Zahlen mit 90 zu I vervielfachen, da. die Wucht des fallenden Wai| sers hier 80nial so stark ist. Der Mississippi entleert alljährlich k0ü Mil- lioneu Tonnen Schlamni in den Golf von Mexiko, ein Quantum, das, zu einem festen Körper vereinigt, einen Flächenranm von einer englischen Quadraimeile bedecken und eine Höhe von 241 Fuß haben würde. Das groß« Kloster St. Galle» hatte einen Backofen, in dem 1000 Brot- anf einmal gebacken werden"konnten. Das heutig« Berlin ist durch Gesetz vom 27. April 1020 ans 8 Stadlgemcinden, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken gebildet:- es umfaßt gegenwärtig auf 878 Quadrakkilome:er über 4 Millionen Eiuwohuer. An räumlicher Ausdehnung ist cs die größte Stasi der Welt und an. Einwohnerzahl stehl cs nur hinter New ?!ork und London zurück. Es zählt über ei» Zehnte! der Gcsamtbevölkerung Preußens, vier Fünftel derjenigen des Freistaates Sachsen. Bon dem Stadtgebiet sind 15.2 Prozent bebaut, 10.8 Prozent entfallen anf Wege und Eisenbahnen und 5.0 Prozent auf Gewässer, während der Rest von 68.1 Prozent unbebautes Gebier ist. Tie Zahl der Straßen beträgt rund 6000, die der Brücken ohne Eisenbahnbrücken 445. Berlin zählt 90.000 bebaute Grundstücke .im? Ende 1926 1,203.500 Wohnungen. Di« türkische Fraurntracht erfährt in neuester Zeit'durch di« Beseitigung des-Schleiers eine grundlegende Veränderung. Der tür- kischc Ministerpräsiden! Hai ein scharfes Borgehen gegen die Tchleiermode für unumaäitglich notwendig erklärt, vor allem aus hvgienischen Gründe». Daneben lorrdcn moralische Gründe angeführt, tveil beobachtet worden ist, daß die Männer, die ni« ein Francnantlitz gesehen häl !cn, besonders leicht zu moralischen Ansschrei tungeu neigen, und schließlich stehl auch fest, daß cs eine beliebte Maskierung der Verbrecher ist. sich in Fraucnkleidung zu hüllen und io unkenntlich zu machen. Tie Städterinnen zeigen sich der neuen Tracht mehr geneigt als die Frauen auf dem Lande, die meist aus religiöse» Gründen den Schleier nicht aufgeben wollen. Besondcrs rückständig ist Li« Frauenbewegung noch im althciligcn Tamaskus. Eine französische Frau, die Gelegenheit zum Besuch eines Harems in Damaskus halte, berichtet, daß die eine der beiden Töchter des Paschas ihr geschildert habe, wie dort di« Frauen nur dadurch eine Teilnahme an den Unterhaltungen der Männer ermöglichen können, daß ne sich hinter einem Sckirm verstecken. Woher kommt der Schlaf? Geivöhnlich wird angeuommen, daß di« Ermüdung den Schlaf nötig machl. Indessen ist es wohl richtiger, darin eine Anpassung des irdischen Organismus an den Wechsel von Tag und Rach! zu scheu. Ermüdung gibi es tagsüber oft, Schlafbedürfnis ist keineswegs die organische Reaktion darauf. Pflanze« schlafen nicht, doch wechseln sic ihre chemifch: Tätigkeit je nach der Belichtung. Fische schiafen vermutlich kaum oder nur sehr oberflächlich. Niedere Tiere gar nichl. Biologisch ist" also der meufchlichc Schlaf eine Errungenschaft ans dem Beginn des Landtierlebens. Eine Zelle schläft sicher nie. Je höher die Entwicklung— desto tiefer, der Schlaf— kann uian angenähert sagen. Individuelle Abweichungen. nauicntlich im Alter, sind bei Menschen und Tiere» häufig. Auf alle Fälle ist das Wesen des Schlafes und seine genetische'Herkunft(aus der Abstammuagsreihr) heute noch völlig»»klar. heitere*. Humor in Dirnstanzeigen.„Der wie obig beschriebene Äanauke." so lieft man in einer Dienstaiizei'te des Wachtnteisters Mörsdorf in P.,„dürfte hauptsächlich fein rechtes, mit Blut' unterlaufendes Ange dazu benutzen, um betteln» vagabundierend größere Geldgeschenke heraus- zuschlagen."—„Ter verletzte Sckrevcr," beißt es in demselben Wachlbnch,„befindet sich in größter Lebensgefahr: er siebt in ärztlicher Behandlung des Tr. Gräf."— Auf frei hernm- irrcudc Hunde hatten es die Herrn-Sickecheits- beaulten. von jeber adgcseben. So schrieb ei» Getidarmeriewacktuleifter:„Ich lab den Hilnd (Dobermann! des Beschuldigten herankon'.nleu mit.dem Bemerten, daß er keinen Beißkorb an- üabe. Als er meiner aus dem Bahnsteiq ansichtig wurde, begab er sich mit»em Hund in einer hinter den andern Fahrgästen hernmickleich.-n- den Weise in die Bedürknisanftalt."—„Angeklagter Stroivel," be-agl eine andre Tienstmel- dililg,„bat eine«ich: gut zu nennende Borjugend Himer sich und wird vom Bolksmund als leichtsinniger Bursche angesehen." Ter Ebe- niaun Käst er kündigte der Klägerin mit den Worten:„Wir düugeu uns eine andre Alagd." —„Tie Brüder Haustein sitzen des Aachmil- lags mir ihren Begleiterinnen in allen Wiri- ickaflen und belästigen die übrigen Gäste durch schamhafte Redensarten von Tisch zu Tisch." — Ans Badern stammt folgende Wachtbuch- Blüte:„Der Tnllinger gilt hierorts im allgemeinen als sittlich und religiös: jedoch beides nur in gemäßigtem Tempo." In derselben Spalte findet sich der Eintrag:„Bcmerkcus- werr dürft« sein, daß Sie Frau des pp. Tnllinger. als ich ihn zur Rede stellte, ein sehr fleget- dafres Entgegenkommen gegen mich an den Tag legte." Bon einem wegen groben Unfugs eingelieferten Man» endlich hören wir Sen Sckntz- mann Horniß II berichien:„Tüdenkörper:st nickt zuverlässig und fein« Auslage muß mit Kopfschütteln beurteilt werden." Englischer Humor.„Harru", schiei: die Frau Professor,„um Gottes willen, Babu hat das Ttfirenfaß ausgelruuken! Was soll ich liiti?" —„Schreib' mit dem Bleistift", antworte!.- Ser versonnene Gelebt!«. Segen der Wohltat.„Jedem Bettler, Ser kommt, gibst du zu essen! Was hast du de»« davon?"—„Gar nichts, Männi. Aber es macht mir Spaß, einen Mann cssru zu sehe», ohne daß er schimpft, es wäre schlecht gekocht." Zahlrnrätsel. 1 2 3 4 5 8 6 7 8 5 9 Berühmter«nglischec Dichter, 2 3 4 5 weiblicher Vorname, 3 5 5 1 8 bedeutender deuticker Dichter, 4 5 8 2 Rebenfluß des Rheins. 5 3 7 2 4 Gift. 3 5 6 Wagen- teil, 7 5 15 arabische Landschaft, 8 5 3 6 2 4 bekannter dentfcher Publizist, 5 1 2 4 6 Zeitbezeichnung. 9 5 3 2. 4 Stad* in Mecklenburg. Abba». Ei» Fabeltier bin ich von gransiger Art, — hielt oiimals große Schätze verwahrt.— Run nimm mir den Kopf ab^ dann siebst ru mich als— einen wichtigen Teil von X'-- cm — eine bö-e Bergeltnng bin ich zum Schluß. Hals.— Und nimmst du auck noch einen Fuß. Auflösungen der Rätsel au» der vorigen Rümmer: Magischer D i a m a n i: l ft,-• 3. Allor, 4. Koitier, 5. Deich, 6. Reü. 7. R.