Uv. 110. Abonnements-Hedingungen: Abonnement?-PrsiZ pränumerando! «ierteljährl. 3,30 Mb, monatl. 1.10 Mb. wöchentlich 28 Pfg, frei in? Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntag»- Nummer mit illuftrirter Sonntag»- Beilage„Tie Neu- Welt" 10 Pfg. Post- Nbonnemenl: 8,30 Mark pro Quartal. Eingetragen tn der Post-Zettung»- Preisliste für ISS7 unter Et. 7437. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Erscheini täglich aufjer Wonlag«. 14. Jahrg. Die Insertions- Gebühr beträgt für die fechSgefpaltene Kolonel- »eile oder deren Raum 40 Pfg.. für Berein»- und Perfammlungs-Anzeigen, sowie ArbeilSmarlt 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bi» 4 Uhr nachmittag» in der Erpedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochentagen bi« 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bi» S Uhr vormittag» geössnet. Devlinev VulKsMetft. Fernsprecher: Sml I, Nr. 1608, Telegramm-Adresse: „Soiialdemostrai Verlin". Dentralorgan der sozialdemokratischen Uartei Deutschtands. Redaktion: 8V. 19, W-uly-Straße 2. Donnerstag» den 13. Mai Kiepedttion: SW. 19, Meuty-Straße 3. Bat? Veveittsgeserz-Novelle. Tie Vorgeschichte der preußischeu Vereiusgesetz-Novelle wird Fürsi Hoheulolie kalim als ein Ruhniesblatt seiner staats uiäilnischen Thätigkeit verzeichnet wissen wollen. Wenn etwas klar n»d deutlich die Begrenzung menschlicher Macht, die Ab- hängigkcit der in leitenden Stellen befindlichen Staats- «immer zeigen soll, so wird das Geschick der Hohen- lohe'schen Versprechungen angeführt werden können. An dem traurigen Schicksal dieser Versprechungen können Parlamentarier und andere Politiker lernen, wie schwer gefehlt es ist, sich durch zukünftig zu erfüllende jkompensationen von der Ausnutzung der im Augenblicke zur Verfügung stehenden Pressionsmittel auf eine Regierung ast halten zu lassen. War bisher schon die Leicht- gläubigkeit nnd Vertrauensseligkeit des deutschen Reichs- lages Versprechnngen der Regierung gegenüber ein schwerer Fehler, so wird dies künftighin als Verbrechen qualifizirt werden müssen. Dabei liegt uns nichts forner, als den alten, an Ehren nnd Gütern gesättigten Fürsten Hohen lohe, den unzweifelhaft weit mehr Pflichtgefühl als Ehrgeiz an seinen Posten fesselt, irgend eines Hintergedankens bei Ab- gäbe seiner Versprechungen zu zeihen. Gerade das ist aber charakteristisch, daß der erste Staatsmann eines mächtigen Reiches in bester Absicht und in vollster Oeffeutlichkeit Versprechungen abgiebt, die zu halten ihn geänderte Konstellationen, übermächtige Einflüsse nnd eine gefährliche Hintertreppenpolitik hindert. Wie bezeichnend für die Ver- logenheit der Edelsten der Nation ist die Thatsache, daß gerade sie, ihre Partei, ihr vornehmstes Blatt, die ihnen an- gehörigen Gesellschaftskreise, sie alle, die die Parole im Munde führen„Autorität, nicht Majorität!", den höchsten Beamten im Reiche und in Preußen dazu zwingen, seine Versprechnngen nachträglich so auslegen zu lassen, daß die Anzahl derer, die zivischen ursprünglich abgegebenen Versprechen nlid den Ans- legnngcn keinen Unterschied finden, außerordentlich gering ist. Am 27. Juni 1896 hatte es der Reichstag in der Hand, ein einheitliches Reichs- Vereinsgesctz mit der Freiheit des Jnverbindunatretens aller, auch der politischen Vereine, der Regierung avznziviugen. Zentrum nnd Freisinn hätten da mals die verbündeten Regierungen in die Zwangslage bringen können, die Schuld für das Nichtzustandckommen des„großen nationalen Werkes", des Bürgerlichen Gesetzbuches, auf sich zu nehmen oder ein freiheitliches Vcreinsgcsetz zu bewilligen. „Alsbald" solle der Verbindungsparagraph in allen deutschen Vcreinsgesetzen fallen, versprach Fürst Hohenlohe, nnd Herr Lieber legte das„alsbald" als in der Bedeutung„im nächsten Winter" aus und das Zentrum stimmte geschlossen für das Bürgerliche Gesetzbuch. Wer danials den Verhandlungen des Reichstags bciivohnte, erinnerte sich noch des bekannten Brusttones der Ueberzengung, mit dem Herr v. Bötticher die Zusage des Reichskanzlers als„rechtlich und politisch n n a n f e ch t b a r" erklärte. Wie ganz anders klang es, als Herr v. d. Recke seine Meinung über das Vereinsgesetz abgab. Aber das muß man Herrn von der Recke lassen, auch seiner Rede fehlte nicht der Brustton der Ueberzengung, der den Vizepräsidenten des Staatsministeriums noch niemals in den so häufig wechselnden Situationen seines Lebens verlassen hat. Mit recht macht man den ans ihre Diplomatie, parla- mentarische Erfahrung und ihr taktisches Geschick so ein- gebildeten Zentrum sfiihrern den Vonvnrf, daß sie Ende Juni 1896 einen nicht mehr gut zu machenden Kapitalfehler gemacht haben; aber nicht das Zentrum allein ist es, das außer dem Spott noch den Schaden hat. Von den anderen bürgerlichen Parteien ganz abgesehen, die zum theil die Mitschuld an der Nichtausnutzung der damals außerordentlich günstig gelegenen Situation hatten, ist� vor allem die Regierung zu nennen, deren Glaubwürdigkeit nnd Autorität schweren Schaden gc- litten hat. Und die formellen Sieger in diesem Kampfe, die für Ordnung, Religion und Sitte gegen den Umsturz kämpfenden Konservativen, haben eine schwere moralische Niederlage sich selbst beigebracht, indem sie offen die Schuld auf sich nahmen, die Autorität der Regierung untergraben zu habe». Wer also hat de>i Gewinn von dieser ganzen für Regierung und Reichstag beschämenden Entwicklung der Dinge. Doch wieder niemand anders als die Sozialdemokratie! Das Ministerium Hohenlohe wird aber auch bei den weiteren Schicksalen der Vereinsnovelle von seinem wohl bald sprichivörtlich gewordenen Mißgeschick verfolgt. Wir wollen garnicht von dem schönen Agitationsstoff reden, der schon durch die bisherige Behandlung der Vereinsgesetz- Novelle unseren Parteigenossen geboten wird, wir wollen nur an die parlamentarischen Schivierigkeiten erinnern, die dem Vereins- gcsetze bei seiner künftigen Behandlung blühen werden. In der gegenwärtigen Situation ist an die Ainmhme der Vorlage nicht zn denken. Die Hohenlohe, Bötticher, Miguel und von der Recke verlasse» sich auf die bewährte Wandlungsfähigkeit der Nationalliberalen, sie � muthen der Partei Drehscheibe und dem vor dem Uebertrilt ins Privatlebe» stehenden Bennigsen nicht etiva zu, noch vor Pfingsten die Beschlüsse ihres letzten Parteitages und die feierlichen, vor versammeltem Reichstage gethanen Erklärungen des Herrn v. Bennigsen zu verrathen, sie hoffen aber, daß mit Hilfe der wacker» Polizei und der eifrigen Staatsanwaltschaft die National- liberalen die Gründe finden werden, dem Meisterwerke des Herrn vo n der Recke ihren Beifall zu schenken. Aber selbst i» diesem Falle, selbst bei der Annahme des Recke'schen Vereins- Gesetzentwurfes in der nächsten Land- tags-Session, kann das auch gar nicht besser für uns aus- schlagen. Die Verschlechterung des Vereinsgesctzes angenommen, zur Zeit der Ansetzung des Wahlterniins für die Reichstagsivahlen, ist eine stahlharte Waffe im Wahlkampfc gegen die Parteien, welche der Reaktion Schleppträgerdienste geleistet und die parla- mentarische Situation, die zu Recke's Erfolg geführt hat, verschuldet haben. Und endlich, wenn das Recke'sche Ei endlich glücklich ausgebrütet ist, wenn Polizei nnd Gerichte sich mit allem Eifer an die neue Arbeit gemacht haben iverden, ivie wird das zur Bekämpfung des Umsturzes aus schlagen? Daß der Drache Sozialdemokratie mit den Waffen des Herrn von der Recke nicht zn tödten ist, das sieht selbst unser eifriger Minister des Innern ein. Er hofft aber, daß seine Waffen unserer Agitation Abbruch thuu können. Das ist aber völlig ausgeschlossen. Das neue preußische Vcreinsgesetz wird ein Bruchstück des selig entschlafenen Sozialistengesetzes sein. Nun hat das ganze der damals weit weniger starken Partei nicht schaden können, wie wenig wird der Versuch, unserem Siegesivagen in die Speichen zn fallen, der nun innerlich gckräftigten, im jahrelangen Kampfe geschulten, äußerlich angesehenen, über starke parlm mentarische Vertretungen verfügenden Partei schaden können Herr v. d. Recke ivill ein Tänzchen wagen. Wir sind dazu bereit. Wie die Enlcnbnrg nnd Pnttkamcr wird er in späteren Jahren über seine Mißerfolge nachdenken können. Unsere Bahn zum Ziele halten Recke'sche Prellsteine nicht mehr aus!_ Mvbev ltuvz odev lemü! Mit nicht gelinder Ueberraschung hat das Publikum die Mär vernommen, daß die Wiederansnahme der Justiznovclle im Werke sei. Kaum im Reichstag selbst hat es mehr als ein Dutzend Leute gegeben, die in der Beendigiuig der Berathungen über die Jnstiz- gesrtz-Novellc eiwas anderes erblickt, haben, als ein Scheiter» des Gcsetzentwnrfks. Prüft man die Vorgänge genauer, so ergiebt sich allerdings, daß formell der Wiederanfimhme der Berathung nichts im Wege steht. Als am IG. Dezember vor. Js. im Verlause der dritten Be- rathnng des Gesetzenlwurses die Mehrheit des llieichStnges es abgelehnt hatte, dem Wunsche der Regierung zuzustimmen, daß die Zahl der Richter in den Strafkammern von siins auf drei herabgesetzt werden solle, erklärte der Staatssekretär Dr. Nieberding, unter diesen Umständen habe die Regierung„kein Interesse an der Weitcrberathung des Gesetzentivnrfes". Der Präsident des Reichs- tagcs, Herr v. Bnol,„vertagte" darauf die Berathung. Also hat weder die Regierung den Gesehentwurf zurückgezogen, noch hat der Reichstag ihn abgelehnt: die einzigen beiden Formen, in denen ein Gesehentwurf im Laufe einer Session cndgiltig abgelhan nnd der iveileren Berathnng im Parlamenie cutzogen iverden kann. Der Gesetzentwurf ist auch nicht in irgend einer Form vom Reichstage nngenoinmen und damit dem Bmidesralhe zn neuerlicher Erwägung Überwiesen worden. Formell steht also die Sache genau so wie am 16. Dezember vor der Nieberdiilg'schen Erklärung. Wenn man de» Entwurf bis ans die wenigen Ausnahmen einiger Kundigen nnd Wissenden allgemein für todt gehalten hat, so ist er doch nur scheintodt. Einige kundige und wilsende Heilkünstler der Jurisprudenz habe» sich denn auch hinter verschlossenen Thüren ans Werk geniacht, ihn zn neuem Leben zn erwecke». Ob mit Wissen der Regierung? Es bleibt fast gar keine Antwort auf diese Frage übrig, als die Bejahung. Was hatte sie sonst zu der auffälligen Nieberdiilg'schen Erklärung an stelle der, wo die Aussicht ans eine Verständigung ausgcschloffen erscheint, üblichen Zurückziehung eines Entwurfes beivegen sollen? Das Ver- halten des iliegierungsvertreters läßt keinen anderen Schluß zu, als daß er selbst nnd einige andere 5iu»dige nnd Wiffende, darunter jedenfalls auch der Präsident des Reichstages Herr v. Bnol, sich sagten: Bei der gegenwärtigen Slimmnug des Reichstages ist für den Augenblick eine iveitcrc Nachgiebigkeit nicht zu hoffen. Aber kommt Zeit, kommt Rath. Warten ivir die Ausbreitung des jtompromißbazillus ab. Ter wird uns schon eine zu allen möglichen reaktionären Zugeständnissen bereite Disposition bei der Reichstags- Mehrbeit schaffen. Die Erinnerung an die Kompromisse zur Durchführung der Reich?- justiz-Gesctze in der?Iera Biemarck konnte die heulige Reichs- regierung mit Fng nnd Recht zn diesem Verhalte» ermuthigen. Sie hat sich auch nicht getäuscht. Der Unterschied gegen damals ist nur der, daß vor etlichen zwanzig Jahre» die »ationalliberalc Partei, heute das Zentrum und— die„freisinnige" Partei de» Nährboden für den Kompromißbazillns abgiebt. Die jüngsten Aufschlüsse über die Koinpromißlerei bei der Justiznovelle lasse» keinen Zweifel darüber, daß der Zkompromißbazillns seineuer- heerendsten Wirkungen im Hirne des einstmals demokratische», nunmehr freisinnigen Abgeordneten Lenzmann ausgeübt und ihn reif gemacht hat, der Lasker der Justimovelle zu werden. In der „Bossifcheil Zeitung" wird seiner Thäligkeit hinter den Kulissen ein begeistertes Loblied gesungen. Es wird ihm nachgerühmt, dftß er es glücklicli fertig gebracht hat, einige Steine des Anstoßes für die Regierung hiiuveggeräumt zu habe». Er hat seiner Rolle als freiwilliger Regierungskommissar 0 trefflich gewaltet, daß die Regierung nachher osfizios hat erklären können, sie habe sich nicht an de» Kompromißverhandlungen bctheiligt. Sic fühlt sich augenscheinlich als der, dem man komme» muß und kommen wird. Wenn auch nichts Thatsächliches bei dieser Kompromißler«! herauskommen sollte, so liefert sie doch einen iutereffante» Beitrag zur Entwickeluug unserer bürgerlichen Parteien. Während die Natioualliberalen längst in den Heerbann der öteaktion snns phrase eingeschwenkt sind, rückte» in ihren Platz der„königstreuen Oppo- silion", die sied für die Regierungsfähigkei l qualifiziren will, dusZenlrnm ei» und die freisinnigen Parteien. Man höre nur, wie von speisinniger Seite ganz im nationalliberalen Stil aus der Bismärck'schen Acra ein „Kompromiß", das heißt in Wirklichkeit die Nachgiebigkeit gegen ein reaktionäres Verlangen der Neichsregierung zu rechtfertigen ver- sucht wird. Zu den Differenzpunkten zwischen Regierung und Reichstag gehört auch die Frage, ob der Zeugnißzwang gegen die Presse bei- behalten werden soll oder nicht. Der Reichstag ivollte diese ivider- sinnige Einrichtung ausheben, die Regierung nicht. In ihrem Lenz- mann-Hymnus schreibt nunmehr die„Vossische Zeitung": „Schon am 9. Januar fragte jedoch der Abg. Lcnzinann, der. an den Vorarbeiten für die Novelle in hervorragendem Maße betheiligt war nnd im Name» der Kommission über die Berhandlinigen den schriftlichen Bericht erstattet hat, ob die Slraf-Justiznovelle für jetzt cndgiltig gescheitert sei. Er ver- nemte diese Frage nnd suchte»ach einem Ausweg aus der schwierigen Lage, in die die Volksvertretung gerathen war. Herr Lenzmann gab sich über die Absichten der Reichsrcgiernng keiner Täuschung hin. So glaubte er nicht an die Bereitwilligkeit des Bnndesraths, den Zeugnißzivang gegen die Angestellten der Presse, „diese unwürdige Tort Ute", wie er ihn nennt, aufzuheben. Gleichwohl wünschte Herr Lenzmann die Annahme der Justiz- Novelle auch ohne Aushebung des Zeugnißzwanges gegen die Presse, da in diesem Punkte eine Verschlechterung wenigstens nicht eintrete, die Zeugnißzwang-Frage aber durch immer ernente An- träge ans der Mitte des Reichstages über kurz oder lang gelöst werde» könne." Also Herr Lenzmann hält den Zeiignißzwang für„eine NN- ivnrdige Tortur",„gleichivohl" will er der Regierung zu Willen sein, ihn anss neue rechtlich zu fixiren. Schlimmer nnd würdeloser habe» die Nalionalliberalen auch nicht rcaklionären Machenschafte» das Wort geredet. Ja Herr Lenzmann ist seinen Vorbildern noch über, weil ein Vierteljahrhundert bitterer Ersahrungen einen jeden Kenner der llieichstags- Geschichte über die gänzliche Hinfällig- keit der Hoffinnigen aus spälero Durchsetzung verkompro- mißter Freiheitssorderungen belehrt haben niüßte. Klingt es nicht wie bitterer Hohn, wenn Herr Lenzmann nnd seine Freunde über die Zustimmung zum Zeugnißzwang mit den Worten hinwegzutröste» versuchen, daß„die Z e u g» i ß z w a» g S- frage durch immer ernente Anträge aus der Mitte oeS Reichstages über kurz oder lang gelöst iverden könne? l „lieber kiirz oder lang"— in der Tbat! So etwas wagt man dem Volke zn bieten, während nach einem Vierteljahrhundert noch keine der Freiheilsforderunge» durchgesetzt worden ist, deren Durchsetzung bei Befchlnß der Sieichsverfaffung »nd bei Erlaß der Reichs-Justizgesetze mit dem gleichem Tröste ver- scherzt wurde; während Jahr für Jahr der Reichstag mit über» wälligiuder Mehrheit vergeblich Diäten beschließt; während wi« noch immer auf die Erfüllung des Versprechens der Reichsregiernng warten, daß das Verbot gegen das Jnverbindungtrcten der Vereine aufgehoben»verde, gegen welches Versprechen das Zentrum sich zu seinem letzten Kompromiß beim bürgerlichen Gesetzbuch be« wegen ließ! lieber kurz oder lang! Mit diesem Tröste pflastert sich die freisinnige Partei den Weg, der in den Sumpf der Reaktion hineinführt, die vor ihr bereits die Nalionalliberalen verschluckt hat. Dvv Vrieg. Die Türken richten sich in Thessalien ein. Sie setzen eine Ver« ivaltung zur vorläufigen Fortführung der öffentlichen Verhältnisse ein. Zu diesem Behnse wurde ein ans der Gendarnierie der Vilajets Monnstir nnd Saloniki kom- buiirtes, aus Landstnrmpflichtigen des Grenzgebietes sich rekrnlirendes Bataillon nach Larissa geschickt. Die früheren türkischen Konsuln in Larissa. Volo und Trilkala wurde» als Obrigkeit an den Orten ihrer früheren Thäligkeit ernannt mit dem Austrage, das Gemeinde- wesen, die Adininistration der Städte in dem betreffenden Rayon, die Ortspolizei und das Jollwcseu zu orgauisiren. Bezüglich der F r i e d e n s v e r h a n d l u n g e n wird allgemein angenommen, daß sie nicht schnell»nd leicht erledigt werden dürften. I» einer am Diensiag abgehaltenen Versammlung der Botschafter in Konstantinopel, in der man einen Jdeenanstansch über die seitens Griechenlands nachgesuchte Friedensverhandlung pflog, konnte kein Beschluß gefaßt wcrden, da einige Botschafter keine Instruktionen hatten. In diplomatischen Kreisen ist man der Meinung, daß der Friedensvermitlelnng ein WaffensliUstand vorangehen müßte, weil die Vcrmillelung sonst mit Schwierigkeiten verbunden sei. Eine Londoner Meldung uns Konstantinopel will wissen, daß man im U i l d i z- K i o s k verstimint sei wegen der Ilster« vention der Großmächte, da man lieber direkt mit Griechenland ver- handelt hätte. Das klingt doch unwahrscheinlich. Denn die türkische Regierung weiß doch gut genug, daß sie der Oberaussicht der europäischen Machte unterliegt, auch nach ihre» jetzige» kriegerischen Erfolgen. In der i t a l i e n i s ch e n D e p u t i r t e u k a m in« r sprach der Minister des Acußern über die Hallung der Mächte zm» Friedensschluß. Er schloß mit den Worten:„Alle unsere Be- strebinigen werden daraus gerichtet sein, durch die Vermittelung und durch einen ehrenhaften Frieden einer Lage ei» Ende zn bereiien, die im Interesse Europa's nnd der Zivilisation ohne neue und schivere Gefahre» nicht länger andauern darf." In Albe» ist die Situation unverändert. Der„Standard" meldet aus Athen, die Rückberufniig der Truppen von Kreta und das Zugeständniß der Autonomie der Insel habe dem Ansehen der Krone ungemein geschadet, da das Volk davon Überzeugt war, daß König Georg sich bei der Besetzung Kretas auf irgend eine euro- päischc Macht berufen könnte.— Run, wenn König Georg in sein dänisches Schloß retiriren müßte, so wäre das nicht so schlimm, aber die„Dynastie" wird am wenigsten Schaden von der ganzen Sache nehmen, denn„die Mächte" halten die Hand über sei» „von Gottes Gnadenthum". Die„Daily News" erhalte» aus Kanea die Nachricht, daß am Mittwoch Nachmittag 3 Uhr d i» Truppen nach Athen eingeschifft wurden. Der„Frankfurter Zeitung" wird ans Kanea telegraphirt: Drei griechische Handelsschiffe, welche in folge des Blockndeznstandes fest- genommen worden waren, begeben sich heule(12. Mai) nach Platania, um griechische Truppen aufzunehmen. Das italienische Kriegsschiff „Etiia" geht ebeiifaBS dorthin, um die Truppenausnahme zu über- wachen. Born Krieasschau platze wenig neues. DaZ türkische Hauptquartier befindet sich jetzt in Tel es bei Pharsala. Die Griechen halten ihre Stellung von D o in o k o fest. Die Hügel rechts und links von Doinoko sind mit Wachtposten be- setzt. Die Straße von Lanna nach Tomoko ist feit gester» stellenweise iusolge des strömenden NegenZ unpassirbar. Der Verkehr ist sehr schwierig. Die erwarteten Angriffe der Türken haben bisher nicht statt- gefunden. Das allgemeine Verlangen nach Frieden tritt immer starker zu Tage, sodaß, solange solche Gefühle vorherrschend sind, eine energische Kriegführung zur Unmöglichkeit werde. Sonst liegen noch die beiden folgenden Telegramme vor: Konstantinopel, 12. Mai. Eine Depesche des Blattes „Sabah" aus Janina von gestern meldet: Infolge des Borrückcns der türkische» Truppen flüchteten alle in EpirnS noch befindlichen griechischen Truppen nach Arta und ließen 3000 Gewehre, 300 Kisten Patronen und ein Gebirgsgeschütz zurück. Athen, 12. Mai.(Meldung der„Agence Havas".) Nach einer ans Skiathos heute hier eingegangenen Meldung kaperten gestern das griechische Kriegsschiff„Peneue" und das Torpedo- boot 14 bei der Jusel Tenedos einen die türtische Flagge führenden Dampfer der Hadjidauti- Gesellschaft. Der Dampfer beförderte etwa 100 türkische Soldaten und 6 Offiziere, darunter I Major; an Bord deffelbcn befanden sich außerdem 300 Martini- Gewehre, mehrere tausend Patronen, 3 Milrailleusen und ver- schiedenerlei Proviant. Der türkische Major wurde im Besitze einer Sunime von 4000 Pfund gefunden. Der gekaperte Dampfer wurde uach Skiathos gebracht. �oliUschv AebevMzt» Berlin, 12, Mai. Aus dem Neichetage. Zwei Dinge zeigten heute, daß ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung stand. Einmal der Zudrang zn den Tribünen und dann eine kurze Szene, welche sich vor Eintritt in die Tagesordnung abspielte. Der Abgeordnete Singer erbat sich nämlich das Wort, um die Aufmerksamkeit des Präsidenten darauf zn lenken, daß aus den für das Publikuni bestimmten Tribünen sich eine außer- geivöhnlich große Zahl nichtuniformirter Geheimpolizisten be- finden. Der Redner mahute das Publikum zur Vorsicht gegen diese unheimliche Nachbarschaft. Der Herr Präsident zog sich aus der für ihn peinlichen Situation, indem er unseren Genossen mißverstand und unter schallender Heiterkeit erklärte, wenn es ans den Tribünen Tumult geben sollte, so werde er dieselben räumen laffen. Dieser Zwischenfall ist charakteristisch für die Zustände, wie sie sich nach und nach in Deutschland» gestaltet haben. Der deutsche Bürger muß sich im deutschen Reichstage selbst vor Augebern und Denunzianten in acht nehmen. Der von unserer Fraktion gestellte Antrag auf Aufhebung des Majestätsbeleidignngs- Paragraphen wurde von dem Abg. Bebel begründet. In ruhiger und sachlicher, aber ungemein eindrucksvoller Weise trug der Redner seine Gründe vor. Zunächst verwies der- selbe auf die wachsende Zahl der Prozesse auf gruiid des § 95 d. R.-St.-G.-B. Es wurden solche im Jahre 1889 483 und in dem Jahre 1894 622 eingeleitet. Im Jahre 1895 sank diese Ziffer auf 598, aber in dem darauf folgenden und dem lausenden �lahre wird sie sicherlich wieder er- heblich steigen. Die elendeste Denunziations- und gemeinste Rachsucht, welche zu den nieisten Majestätsbeleidi- gungs-Prozessen ja den Alllaß gebe, habe in der letzten{Jeit leider ausmunterndste Anregung gefunden. Der Redner führt eine ganze Reihe von Fällen an, wo sogar Familienmitglieder zu Angebern gegen ihre eigenen Angehörigen wurden. Das Wachsen der Majestätsbelcidiglmgs- Prozesse sei von jeher ein Zeichen für den Niedergang der Staaten, des staat- lichen Verfalls gewesen. Kräftige Monarchien bedürsten eines übertriebenen Schutzes auf diesem Gebiete nicht. Wenn Luther heute schrieb und spräche, er käme aus dem Gefänguiß wegeil Majestätsbeleidigung nicht heraus. Daß die Prozesse so zahlreich, die Strafen so hart seien, habe darin seinen Grund, daß die Rechtsprechung, die immer mehr unter den Einfluß der Staatsauwaltschast komme, sich umgemausert habe. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre es unmöglich gewesen, jemanden, der von einer Hofjagd und ihren Ergebnissen einen drastischen Ausdruck gebraucht— ohne die jleiseste Anspielung auf die dabei betheiligteu Personen— wegen Majestätsbeleidigung zu verurtheileu. Im vorigen Jahre sei dies aber in Magdeburg geschehen, und zwar habe das Gericht auf die horrende Strafe von neun Monaten Gefänguiß erkannt und das Reichsgericht habe das Urtheil bestätigt. Gleich so unmöglich wäre früher die bekannte Ver- urtheilung Liebknecht's gewesen, die erst dadurch möglich wurde, daß man zu dem viel besprochenen Aushilfsmittel des äolus vvouwalis feine Zuflucht nahm. Gingen die Dinge so weiter, so brauche man sich nicht zu wundern, wenn wir zum Gespötts Enropa's iverden. Bebel ging dann auf die bekannten Urtheile aus hohem Munde über den Reichstag ein und variirte er in ungemein geschickter Weise das Thema, daß wer selbst scharf Kritik übe, auch Kritik vertragen müsse. Bei den Konservativen schienen gerade diese Ausführungen am unangenehmsten empfunden zu werden und schließlich gab sich Herr oon Levetzow dazu her, den Präsidenten zn beeinflussen, de» Redner zu unterbrechen. Das letztere geschah, aber in einer so vornehmen Art, daß der Denunziant und seine Anstifter schwerlich davon befriedigt waren. Bebel schloß seine glänzende Rede mit der Aufforderung, einen Zustand zu beseitigen, der zweierlei Recht schaffe in Deutschland. Ueber alles matt waren die nun folgenden Ausführungen des Zentrumssührers Dr. Lieber. Die herrschenden Zu- stände vermochte er zwar auch nicht zu verth eidigen, besonders wünschte er, daß man die Majestätsbeleidigung zu eiuein Antrags- vergehen mache, aber der Antrag Auer schütte das Kind mit dem Bade aus. Gegenüber den viel erörterten Angriffen auf den Reichstag hatte Herr Dr. Lieber nur den Hinweis, daß es Bismarck niit dem Zentrum noch ärger gemacht habe, dieses aber zeige die Unrichtigkeit der Angriffe dadurch, daß es g e g e n den vorliegenden Antrag st i m m e. Die Herren vertheidigen sich also dadurch, daß sie die Peitsche, mit der sie gezüchtigt werden, küssen. Viel energischer nahm Eugen Richter Stellung. Erhält zwar den Antrag nicht für ganz zutreffend und wünscht ihn deshalb an eine Kommission verwiesen. Der Redner kritisirt besonders den jetzigen Zustand, wo in rücksichtslosester Weise provozirt werden kann, wenn aber daraus geantwortet werden soll, sich die Geschäftsordnung des Parlaments oder der Staatsanwalt in den Weg stelle. Ganz verunglückt waren die Ausführungen v. Levetzow's. Er, der Führer der Duellbrüder, wagte den Ausspruch, daß ein rechter Mann keine Gesetzesverletzungen begehe. M u n ck e l und Genosse Liebknecht haben dem Herrn darauf später- trefflich gedient. Ueberraschend anständig sprach für die Nationalliberalen Dr. F r i e d b e r g und auch die beiden Antisemiten Dr. F ö r st e r und Werner gaben die Berechtigung des Antrages zu. Mit köstlichem Humor und feinen juristischen Wendungen fertigte M u n ck e l den Dr. Lieber und v. Lcvetzoiv ab und geißelte er die Rechtsprechung, wie sie sich unter dem Einflüsse des Reichsgerichts ausgebildet hat. Das Schlußwort nahm Liebknecht. Die Zeit war weit vorgeschritten und der Redner konzentrirte sich deshalb auf die wesentlichsten Punkte. Trotzdem aber kamen weder das Zentrum noch die Konservativen zu kurz. Redner- erklärte, in den MajestätSbeleidigungs- Prozessen kein Kind, wie Dr. Lieber, sondern einen Wechsclbalg zu erblicken, den man so bald wie möglich ans der Welt schaffen soll. England kennt solche Prozesse nicht und doch steht dort die Monarchie so fest, wie irgend anderswo. Scharf kennzeichnete der Redner die Stellung, in der der Reichstag sich befindet, ein Papageuo mit dem Schlosse vor dem Munde. Bei der Abstimmung wurde der Antrag auf Verweisung an eine Kommission gegen die Stimmen der Freisinnigen beider Richtungen und unserer Genoffen abgelehnt. Nächste Sitzung Montag, 17. Mai, 1 Uhr. Servistarif.— Daö preußische Abgeordnetenhans begann heute die erste Lesung der Borlage betr. die Erweiterung des Staats- Eisenbahnnetzes und den Bau von Getreide- Lagerhäuser». Die Debatte erstreckte sich nur auf den ersten Thcil der Vorlage. Abgesehen von de», Abg. Möller(»all.), der in Hinsicht auf die Besserung der geschästliche» Aerhältnisse ein schnelleres Tempo beim Bau nener Bahnen verlangte, und de», Abg. Gamp(sk.), der den geschäftliche» Anfschwiliia bestritt»nd das bekannte Lied von der Roth der Landwirthschast anstimmte, wurden lediglich lokale Wünsche vorgebracht. Tie weitere Be- rathung wurde ans morge» vertagt.— Das Kaiser- Telegramm und der Reichstag. In unserer Nummer vom 4. ds. Mts. führte» wir anS, daß es sich in Deutsch- la»d darum handele, dem Reichstag die einer deutschen Volks- vertrelnug gebührende und»othwendige Macht zu erober». Bei dieser Gelegenheit äußerte» wir, daß es des Kaisers gutes Recht sei, eine Privatineinung zn äußer», daß es aber des Reichstages Pflicht sei, dem persönlichen Regiment zu steuern. Ei» Korrespondent der „ Leipziger Bolkszeitimg" bemängelt das, was wir über das Recht des Kaisers gesagt,»nd stellt sich auf den Boden der konstitutionellen Doktrin, die den Monarchen zn einer durch die veranUvorllicbe» Minister allein zum Volk sprechenden Person»nacht, die politisch keine Privatniiiiiiing hat und dafür die Unverantwortlichkeit erhält. Der Korrespondent der„Leipziger Volkszeitnng" vergißt blas, daß diese konstit,itio»et.e Doktrin in Preußen»nd Preußisch- Teutschland seitens der Krone und ihrer Vertreter niemals An- erkennung erlangt hat. Das ist ja gerade der Nillerschied zwischen Denischland und den wirklich konstitutionellen Staate». Und diffen Unterschied»»iß uian ins Auge fasse», wenn man sich nicht i» trügerische» Illusionen wiegen will. In Denlschland haben wir bei Schein- Konstililtjonalismus noch das persönliche Reginient, und dieses zu brechen, ist die Aufgabe, vor welche der deutsche Reichs- tag, oder sagen wir: das deutsche Volk jetzt gestellt ist. Daß in de», Kamps zur Erringnng gesunder n»d würdiger Ver- safsuugsznslände auch alle d i e Waffe», die jetzt verfassungsmäßig geboten sind, benutzt werden niüsstn, das versteht sich„ach unserer altbewährten Parteilaktik von selbst.— Die österreichische Regier»»«« hat der Reise des österreichi- schc» Kaisers»ach Petersburg das Zeug» iß ausgestellt, daß sie zur Befestigung der gute» Beziehungen zwischen Rußland und Oester- reich beigetragen habe; und sie hat weiter crtlärt. in Auffassung der orientalffchc» Frage herrsche zwischen beiden Staaten das vollste Einvernehme». Nim— die österreichische Regierung hat sicherlich nicht gelogen. Jetzt sind die beiden Regierungen in bezug auf die offizielle Behandlung der orientalischen oder türkischen Frage offenbar einig; doch das ist auch blos für den Augenblick, d. b. so lange Rußland s ü r die Erhaltung der Türkei eintritt. Allein nirgends besser als i» Wie» weiß ma». daß die armenischen Greuel, der Kreter Aufstand, das Allianz- anerbiete» Ferdiuand's von Bulgarien an König Georgios u. s. w. ohne Rußland unmöglich gewesen wären. Und in Wie» weiß ma» ferner sehr gut, daß die Ausländer, welche beim Ausspionire» der österreichische» Festungen mvd Waffeugeheimiiisse mit wachsender Häufigkeit erwischt werde», ausnahmslos Russe» sind.— Chronik der MajestätSbeleidigungs- Prozesse. In dem gester» gebrachten Bericht über die Ztngelegenheit des Buchbinders Hermann P u d n l i ck sind wir einer falschen Berichterstattnng z»i» Opfer gefallen. Der!IIi, geklagte ist nicht verurtheilt, sondern freigesprochen worden; das Gericht hat die AnSsagen des Demlnzianlcn. Buchbinders Joseph K l i s z e>v s k i, der i» Nixdorf, Prinz Handjeryftr. 28 wohnt, nicht für glaubwürdig erachtet und daher den Antrag des Staatsanwalts, der aus anderthalb Jahre Ge- fängniß lautete, verworfen. Verhastet wurde am II. Mai in Halle a. S. der dortige Blech- schmiedemeister Höhne wegen angeblicher Kaiserdeleidigung. In ein Restanrant der Hochstraße, in welchem H. saß. kam ei» Gipsfigure»- Händler, welcher Kaiserbüsten seilhielt. H. machte eine Bemerkung über den Kaufpreis solcher Viisten. Ein im Lokale anwesender Geheimpolizist arretirte darauf Herrn Höhne. Nach seiner Ber- nehmung auf der Bezirkswache wurde H. wieder entlasse».— *« « Deutsches Reich. — Reformen in der Türkei fordert jetzt, gleich anderen Reaktionäre», die„Krenz-Zeitiing". War,»,, trägt sie ihren Libe- ralisnius in die Ferne? In Deutschland, dächten wir, gäbe es geuug zn„reformiren". Und auch i» anderen Staaten, deren Re- gierungen jetzt auf einmal so begeistert sind für.Reformen''— in der Türkei.— — Ueber die Leistungen der neuen Schnell- feuer-Gcschütze werden in der Presse sehr übertriebene Mit- theilungen gemacht. Eine jedenfalls annähernd richtige Vorstellung über die Lrisiungssähigkeit der neuen Geschütze geben uns die Dar- legungen, welche aus grund spanischer Militär- Zeitschristen die Löbell'schen„Jahresberichte" über die von Spanien auf Kuba verwendeten neuen Krupp- Kanon«» gebe». Auf Kuba sind d i e erste» K r i e g s e r f a h r u n g e n mit Schnellfeuer-Geschiitzen ge- macht worden. Unter dem Druck der Verhältnisse sandte Spanien 33 Slück soeben fertiggestellter 7,5 Zentimeter Schnellfeuer« Gebirgska, wnen, System Krupp,»ach Kuba, ohne die Beendigung der Versuche abzuwarten. Das Stahlrohr dieser Geschütze be>iehr ans eine», Stück. Die Laffette aus Stahlblech ist theildar und kann für den Transport in vier Stücke zerlegt werden. Eine Pflugschar, welche den Schwanztheil derLaffette von beide» Seiten umfaßt, dient zur H e in ,» u n g des Rücklauf s. Dein gleiche» Zwecke dient außerdem eine Federvorrichtung. Die Munition besteht aus Ring- granate», Bodentammer-Schrapnels und Kartätschen. Zlls größte Feuergeschwindisieit wurden von der Fabrik sechs Schuß in der Minute für Granate» und SchrapnelS, zehn Schuß für die Kartätsche» angegeben. Bei den in Spanien an- gestellten Versuchen verminderte sich jedoch die Schußzahl mit Kar- tätsche» ans 7,3 Schuß in der Minute. Bei Schrapnels konnte man normal in der Minute 3 Schuß abgeben. Der Rücklauf, der »ngebreulst 8 Meter betrug, verminderte sich durch die Brems« Vorrichtung auf 1 Meter, doch ging beim Verschieben des Geschützes meistens die Seitenrichlung verloren. Diese Mittheilungen zeigen, wie erheblich die Ergebniffe der Versuche bei den Abnehmern unter das Niveau der in de» Fabriken erzielte» Leistungen sinke,,. Die Ursachen liegen i» den schwierigeren Bodenverhältnissen sowie an der Mindergeübtheit der Bedienungsinaniischaften. Wir wollen mit dieser Darstellung natürlich nicht sagen, daß die„Leistungen" der neuen Geschütze uns nicht geinigten. Es kann genug damit gemordet werden!— — Zur Handhabung des Vereinsrechts wird aus A l t- P» l l a u bei Königsberg gemeldet, daß sich dort der Anits- Vorsteher weigerte, die Anmeldung über eine Versa»»,, lung�der Hafenarbeiter zn bescheinigen,„weil das i» Aussicht genommeile Lokal höchstens 100 Personen bequem aufnehmen kann, während die Zahl der in der Stadt Pillan oder dem Dorf Alt- Pillau wohnenden Hafenarbeiter 250—300 beträgt". Außerdem, so hieß es in dem Bescheid,„kann ich a»ch mit Rücksicht auf die im hiesigen Ort sehr zu Exzessen geneigte Arbeiterbevölkerung eine größere Ansammlung von Menschen in einem Lokale nicht dulden". Ein fürsorglicher Am'.svorsteher! Aber das Bereinsgesetz ist wirklich „och viel zn mild; es ist schlimm, daß ein Amtsvorsteher, um eine Arbeiterversaminluiig zu verhindern, solche Gründe suchen muß, daß er sie nicht einfach.wegen Staatsgesährlichkeit" verbieten kanu! — Das Gesetz über den unlauteren Wettbeiverb führt zu allerlei Lächerlichkeiten. Aus Gotha schreibt man: Gegen den Wirth Friedrich Geyersbach ist auf grnud des neuen Gesetzes über den.Unlautere» Wellbewerb" von der Aktiengesellschaft „Hackerbräu" in München ein Prozeß anhäugig gemacht, weil Geyersbach ein Inserat veröffentlicht hat, in welchem es heißt, daß das Exporlbier aus der Aruoldi'schen Brauerei dem hiesigen„Hacker- brau" bedeutend überlegen sei.— — Bei derPrügelei der beiden hochgestellten Beamten in Elmshorn, worüber wir gester» berichteten, handelt es sich um den Bürgermeister Thomsen und den Amts- richter v. Köster. Zwei treffliche.Ordnungsstützen".— — Die Lederpeitsche des Herrn Polizeichefs und R e s e r v e- O f s i z i e r s a. D. S ch o w in Wandsbeck hat sogar die ehrsamen„Borger" des Städtchens mobil gemacht. Z» gestern Abend hatte der Vorstand des„Bürgervereius von 1848" estie öffentliche Bürgerversammlni�, die von über 2000 Personen besneht war, einberufe». Der Stadlv. Bern» und der Redakteur Krause von bnrger- licher Seite und unser Genosse v. Rosbitzki unterzogen die Prügeleien des Herrn Polizeipascha einer scharfen Kritik und forderten uiiter de», laute» Beifall der Versau,»rfuug entschieden die sofortige Suspen- dirung des Prügelheldeu vom Amte. Einstiiumia wurde schließlich solgende Resolutioi, cingenonim»»: Die öffeniliche Bürgerversanimlung legt enischieden Protest ei» gegen das witltürliche, gegen Gesetz»nd Moral verstoßende Verfahre» des Herrn Stadtralhs und Polizeichefs Schow, junge Männer wegen genngfügiger Bergehe» in entehrender Weise z» züchtige». Das gesetzwidrige, sein Ansehe» schwer schädigende Vorgehen des Sladlralhs Schow ist geeignet, das ersprießliche Zusammen- wirken und das gute Einvernehmen zwischen der Behörde und den de- rnfcnen Vertretern der Bürger und diesen selbst unmöglich zumachen. Deshalb erwarten Wmidsbecks Bürger. die ein solches Bargehen als einen Akt der Polizeiwillkür, als unnioralisch»»*> ungesetzlich mit Entrüstung zurückweisen, daß ihnen von der zu- ständigen Stelle Genugthuung wird für das die ganze Bürger- schaft beleidigende Ansschreitungs- Versah»«». Die Geuugthuung erblickt die Bürgerfchaft zunächst darin, daß der Sradlrath und Pvlizeichef Schow unverzüglich vom Dienste suspendirt und daß »ach Feslsiellniig der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen das Strafverfahren eingeleitet wird." Die Resolution soll an de» Magistrat, den Landrath, den Re- giernugspräfidenten und den Minister des Innern geschickt werde». Der Herr Polizeichef hat den ihm vom Regier, inaspräsidenten bewilligien Urlaub von 14 Tagen angetreten und der Ober-Bürger- meister Rauch hat die Leiinng der Polizeigeschäfte übernommen. Der Erste Staatsanwalt i» Altona hat am Montag bereits ein Er- mittlungsverfahren eingeleitet.— —.Gesellschaftlich unmöglich." In Oppeln forderte ein Lieutenant einen Beamten zum Duell. Gegenstand des Streites soll eine Dame der Oper gewesen sein. Der Geforderte stellte aber das Staatsgesetz höher und lehnte den Zweikampf ab. Da wurde ihm„von einer höheren Stelle", wie die„Nachrichten" in Oppeln erzählen, bedeutet, daß er sich durch die Ablehnung de? Duells gesellschaftlich„»möglich mache. Darauf soll der Geforderte die Antwort gegeben habe», daß ihm seine bürgerliche Ehre so hoch stehe, wie de», Gegner seine Osstziersehre. Er verlange die straf« rechtliche Verfolgung des Gegners nach dein staatsbürgerliche» Ge- setze und nicht»ach eine», Kodex, der für gewisse Kreise eine Aus- »ahme mache.— Wer mag aber jene„höhere Stelle" gewesen sei», die ihre» Untergebenen zu Gesetzesübertretungen unter Androhung der„gesellschaftlichen Aecht,„ig" aufgefordert hat?— — Die sächsischen Antisemiten haben die Fort- sührung ihres sehr mißlich stehenden ZeitnngS- Unternehmens „Deutsche Wacht" beschlossen. Sie schnorren„ochmaks fleißig um milde Gabe» und hoffen sich so weiter durchzuhelse». Bis zur nächsten Reichstagswahl mag das gehen. Dan» wird der Zusammen- bruch der„Reformer" endgrltig offenbar werden und damit auch ihr„Tageblatt im großen Stil" in der versinkung«»»schwinden.— tlugOC«. Budapest, 12. Mai. Trotz offiziöser Ableugnungen bleibt die Situation andauernd kritisch. Es kaiii, als feststehend betrachtet werden, daß das Kabinet Banffy, fastS Ofterreich sein Verlangen aufrecht erhält in betreff der Quote von 36 pCt., die Entscheidung der Krone durch Demission herbeiführe» wird.— Italic». — R o m. 10. Mai.(Eig. Ber.) Auf die I„ t e r p e l l a t i o» der sozialdeinok ratischen Fraktion über den Tod des Sozialisten F r ezzi hat der Justizminister ausweichend geautworlet, daß die Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei. Mittlerweile werden weitere Einzelheiten bekannt. Während zuerst die Polizei behauptete, Frezzi habe sich an den Mauern der Zelle den Kopf eingerannt, heißt es jetzt, er habe sich durch Hinabstürzen aus einer Höhe von 6 Meter» getödtet. Da- gegen habe» die Aerzte in der Morgue konstatirt, daß dem Todien eine Schulter gebrochen ist, daß er am Kopf verwundet ist und außerdem weist' er am Unterleib Slichwunden auf, die ans den Gebrauch von Messer oder Säbel schließen laffen. An die Märchen von dem Selbstmord des Frezzi glaubt hier kein Mensch. — Ein Sensationsprozeß steht in Palermo t» Aussicht. Vor mehreren Jahren wurde dort der Direktor der sizilischen Bank Bartola in geheimnißvoller Weise ermordet. Die Mörder wurden nicht entdeckt, da die Recherchen von höherer Seite aus niedergeschlagen wurden. Jetzt sind doch die Mörder in de» Personen dreier B a h» b e a m t e r entdeckt worden, die den Mord im Eisenbahnwagen vollführt hatte». Die Mörder machten Enthüllungen, durch die sehr angesehene Persönlichkeiten Siziliens kompromitrirt werden. Diese sollen die Ermordung veranlaßt Habs«, da der Bankdirektor ihnen unangeliehme Dinge kannte.— Schwede«. — Im schwedischen Parlament haben in den letzten Tagen einige wichtige Gesetzesvorlagen zur Berathnng gestanden. Da war erstens B e r g st r ö»,' s Antrag, daß eine offizielle Enquete über die Meinung des Landes i» der S t i m in r e ch l s s r a g e veranstaltet werden sollte. Die Berathnng wurde bei der klägliche» Zusammensetzung eine sehr kurze. Dcr Antragsteller wies in längerer Rede die Behauptung zurück, daß eine solche Untersuchung gegen de» Geist der Verfassung verstoße» sollte. Jede große Refor», im Staatswesen geht aus e,»e», Wandel ber allgemeinen Meinung hervor. Di« Behauptung, daß di« allgemein« Meinuuc, die Sta.itsuiiichle nichts«»gehe, stände durchaus im Widerspruch mit dem Verfahren in konstitulionelle» Ländern. Auch selbst i» Schweden hülle die Regierung schon oft die Meinung weiter Volkskreise über Gesetzgebungsfragcn eingeholl. E r i k s e» bezweifelt, daß durch eine solche Enquete die wirkliche Volksnieinuug ermittelt werden könnte. Auch sei die Sache über- fiüssig. Das Volk könne seine Wünsche ii» Reichstag durch seine Vertreter bekannt geben. Er behauptet, die Meinung aller Be- wohner seines Wahlkreises zu repräsentire»(die Minoritäten scheinen für diese» Herrn nicht zu exislireu).— Dann ergriff H j a l in a r B r a n t i n g(Sozialdemokrat) das Wort. Nu V« der männlichen Bevölkerung ist stimmberechtigt, es ist also ein Nonsens, zu behaupte», daß die Abgeordneten die Meinung der Bewohner ihres Wahlkreises hier vertreten. Ter Einwand, daß das Volk im Parlament seine Wünsche vorbringen könnte, trase nur in einem Staate mit allgemeinem Stimmrecht zu. Schweden steht in der Stimmberechligung am weitesten hinten von allen europäischen Staate». Ueberall beginnt man, so sehr die Negierungen auch Kaulelen suchen, den demokratischen Forderungen nachzugeben, nur in Schweden steht alles still. Die Besorgniß, daß soviel verschiedene Meinungen zu tage treten könnten, daß das Ganze keinen Zweck habe, beruhe auf einer sehr schlechten Kenntnis! der Volksstimmung. Ziveifellos würde sich eine gewaltige Mehrheit für eine Stinnnrechtsreforrn aussprechen. Trotzdem wnrde der Antrag mit 152 Stimmen gegen 40 Stimme» abgelehnt. Die sogenannte„volksgewählte" Versammlung will nicht die Meinung des Volkes höre». Ferner stand Lindberg's Antrag eines Zusatzes zum Strafgesetz zur Berathung, wonach nicht nur diejenige», „welche im S tr e i k f a ll e gehindert werden, zur Arbeit zu gehe»," sonder» auch diejenigen, welche überhaupt behindert werde»,„angebotene Arbeit anzunehmen", geschützt werden sollen, indem der Staatsanwalt das Recht erhalten soll, gegen diejenigen einzuschreiten, welche an die Pflicht der Soli- darität erinnern. B r a n t i n g erklärte sich natürlich gegen den An- trag, der nur gegen die Arbeiterklasse gerichtet sei; auch Heolin hielt ihn für eine unnöthige Belästigung) Lindhsgen meinte, daß die Absicht durch den Antrag doch nicht erreicht werde und S t a a f f hob hervor, daß das Gesetz schon bisher nur dazu gedient habe, der Staatsanwaltschaft Gelegenheit zu biete», den Arbeitern Ungelegen heilen zu bereite». Die Herren von der Rechten meinten aber, ei mußte„Arbeilsfreiheit" herrscheu, und so wurde ein neuer Knebelungs-Paragraph gegen die Arbeiter mit 154 gegen 54 Stimmen angenommen.— Portugal. — Handelsbeziehungen zivischen Portugal und Deutschland. Der englische Gesandte in Lissabon, Sir Hugh Macdonell, hat eine Denkschrift über die kommerzielle Entwickelnng Portugals dem Foreign Osfice übersandt. Er weist in derselben daraus hin, wie sehr Deutschland auf Kosten Englands seine» Handel mit Portugal ausbreitet. Der Gesandle giebt über die Betheiligung der wichtigsten Staaten an der W a ar e n e i n fu h r in Portugal folgende proporlionelle Zahlen: 1375 1385 51 pCt. 35 pCt. England Deutschland Frankreich Rußland Skandinavien Belgien 2V« 16 3>/z 2 I 11V« 13'/- 3/4 2'/- gl/4 1890 30 pCt. 14„ 15. 1„ 28/'„ 5.. 1894 271/2 pCt. H3,'„ 10'/-» 3* 35/7.. 2-/Z Auch der Schiffsverkehr beweist, wie Deutschland seine kommerziellen Verhältnisse zu Portugal gebessert hat; denn der Ver fasser giebt über die in portugiesischen Häsen eingelaufenen Schiffe olgende Zahlen: 1871 1894 England Deutschland Frankreich Skandinavien Schiffe 1127 1 72 1 Tons 837 041 708 61 563 549 Schiffe 2005 990 289 249 Tons 3 126 221 1 III 885 546 623 154 500 Afrika. — Oberegyptische Eise»bahn pläne. Die egyptische Regierung beabsichtigt eine Eisenbahnverbindung zwischen d e in N i l e und dem Rothen Meere!» Oberegypten her stellen zu lassen, wozu ihr zwei Linien: Assuan-Berenice und Keneff Kosscir, zur Verfügung stehen. Die erste Strecke ist kürzlich bereits tracirt worden und es bleibt nur noch abzuwarten, wann mau sich entschließen wird, den Bau in Angriff zu nehmen. Der Bau dürste von Ras Benas aus, 13 Kilometer nördlich von Berenice ge legen, begonnen werden, da Ras Benas einen weit besseren Hafen hat als Berenice. Die Strecke Ras Benas-Assuan dürfte 315 Kilo, meter betragen und der Bahnbau mindestens IV�Mill. Pfd. Stcrl. kosten Ein starker Verkehr der von Indien, Ostasien und Australien kommenden Paffagiere ist auf dieser Strecke kaum zu erwarten Dagegen werden die Engländer strategisch erheblichen Nutzen haben da sie auf dieser Ronte, von Suez und Kairo ganz unabhängig Truppen schnell nach dem Sudan schaffen können.— — Der Verkehr durch den Suezkanal. Die sammtzahl der Schiffe, welche im Jahre 1896 de» Suezkanal passirt haben, beträgt 3409 gegen 3434 im Jahre 1835. Wir geben in Folgendem einige statistische Angaben der dem Verkehre nach wichtigsten Mächte wieder: England, welches den größten Verkehr durch den Suezkanal aufzuweisen hat, geht nach dieser Statistik beständig zurück, während Deutschlands Verkehr, der au zweiter Stelle kommt, eine stete Ans, wärtsbewegung anzeigt. Die Totaleinnahmen der Suez-Kanab Gesellschaft während des Jahres 1896 belief-tt sich aus 79 638 000 Fr. gegen 78 170 000 im Jahre 1895. Die 822 deutschen Schiffe des Jahres 1896 zahlten 7 401 900 Transttgebühren. Die Taxe für beladene und Kriegsschiffe betrug wie im Vorjahre 9 Franks und für Schiffe ohne Ballast und ohne Fahrgäste 6,50 Franks pro Tonne. Erwachsene Passagiere zahlen 10 Franks für die Passage. Kinder von 3—12 Jahren zahlen 5 Franks und Kinder unter 3 Jahren sind frei.__ Veichskstg. 221. Sitzung vom 12. Mai. 2 U h r� Am Tische des Bundesraths: Niemand. Auf der Tagesordnung steht der Antrag der Sozialdemokraten. die§Z 95, 97, 99 und 101 des Strafgesetzbuches, welche die Mas estätsbeleidigunge n bestrafen, aufzuheben. Vor dem Beginn der Berathung bemerkt Abg. Singer(Soz.): Mir ist die Mittheilung geworden, daß auf den Tribünen Kriminalpolizisten anwesend sind. Ich nehme an, daß sie nur als Zuhörer erschienen sind. Ich möchte aber daraus Veranlaffung nehmen, das Publikum auf den Tribünen zu warnen, sich solcher Aeußerungen zu enthalten, welche vielleicht zu Denunziationen Veranlaffung geben könnte».(Unruhe.) Präsident v. Buol: Das Publikum auf den Tribünen hat sich jeder.Aeußernng zu enthalten, sonst würden bei der geringsten Störung die Tribüne» unnachsichtlich geräumt werden.(Große Unruhe. Zur Begründung erhält das Wort Abg. Bebel(Soz.): Wir hätten uns damit begnügen können, nur die Aufhebung des fz 95, Majestätsbeleidiguug bezw. Beleidigung des Laudesherrn, zu beantrage». Um aber nicht der Inkonsequenz ge- ziehen zu werden, haben wir unfern Antrag auch ans die Glieder der Familie des Landesherr» ausgedehnt. Es liegt hier zum ersten Male ein Antrag aus Milderung des Strafgesetzbuches vor. Wenn man an eine Milderung nur dann herangehen will, wenn die betreffenden Vergehen nicht mehr vorkomme», dann muß unser Antrag abgelehnt werden, denn die Zahl der Bestrafungen wegen Majestätsbeleidigung vermehrt sich. Die Verurtheilungen betrugen 1839 483 und 1890 503; sie stiegen in den folgenden Jahren auf 524, 525, 533, 622, und erst 1835 ist eine Verringerung eingetreten bis auf 593. 1890 dürfte eher eine Zu- als Abnahme gewesen sein. Die Zunahme von Majcstäts- belcidigungeu ist ein trauriges Zeichen für Deutschland, wenn man 'ich die Schilderungen des Tacitus über die Zeiten des Tiberius, Caligula u. s. w. vergegenwärtigt. Damals waren weder Verwandte noch Kinder und Eltern vor Denunziationen rcher. Bis zur Zeit des Tiberius war eine Majestäts- beleidigung nur Aerrath im Heere, Aufwiegelung des Volks zur Gewalt, üble Staatsverwaltung, Hochverrath. Nur Handlungen waren strafbar, nicht illeusterungen und Meinungen. Zur Zeit Luthcr's bestand kein Majestätsbeleidigungs-Paragraph, dum sonst wäre Luther niemals aus dem Gefäugniß herausgekommen. Auch Friedrich der Große wollte von Majestätsbeleidigungen nichts wissen. Die größte Zahl der Majesiätsbeleidigungs-Prozesse wäre niemals angestrengt worden, wenn sie nicht durch Denunziationen angeregt wären, die auf der niedrigsten Rachsucht beruhten. Als 1873 nach dem Attentat die Sucht nach Denunziationen einen hohen Grad erreichte, sprach sogar der Minister Graf zu Euleuburg sich dagegen aus und meinte, man hätte solche Aeußerungen gleich selbst trafen sollen. 1335 bedauerte hier auch der preußische Justiz- minister lebhast, daß so viele Majestätsbeleidigungen infolge von Denunziationen stattfänden. Dies Bedauern hat nichts gefruchtet. Vor wenigen Monaten wnrde hier in Berlin ein Schuhmachermcister von seiner eigenen Frau und seinem Sohne wegen Majestätsbeleidigung dcnunzirt. Dem Ansehen der Krone kann es doch nicht nutzen, wenn aus dem Hctligthum der Familie solche Prozesse entstehen. Die Frau eines Eisendrehers in Berlin wnrde von einer ehemaligen Freundin wegen einer Majestäts beleidigung denunzirt wegen einer Aeußernng, die sie vor 3 Jahren gethan haben sollte. Damals waren die beiden Frauen in dickster Freundschaft. Später sind sie Feindinnen geworden, und nun hat der eine Theil aus Rachsucht und Gemeinheit denunzirt. In der Schwartzkopff'schen Fabrik wird ei» Schirrmeister von der Schwieger mutter seines Bruders wegen Majestätsbeleidigung denunzirt, und die Schwiegermutter hat diese Denunziation ans Veranlassung des eigenen Bruders dieses Mannes eingereicht. In Chemnitz ist eine Arbeiterin zu 3 Monaten Gefäugniß verurtheilt worden auf Denunziation ihrer Familie. In Posen ist ein Zimmermann zu drei Monate» Gesänguiß wegen Majestäts beleidigung auf grund der Denunziation seiner eigenen Frau und seines Schwiegervaters verurtheilt. Im Prozeß Koschemanu wurde festgestellt, daß die Frau Gürtler wegen Majestätsbeleidigung denunzirt war, weil eine genaue Bekannte von ihr ihre eigene verheirathele Tochter und zwei ihrer jüngeren Kinder bewogen hat, gegen die Gürtler vor Gericht auszusage», daß sie die und die schwere Majestätsbeleidiguug begangen habe. Die Frau Gürtler mußte aber freigesprochen werden, weil das Geschworenengericht die Uebcrzeugung gewann, daß es sich hier um eine ganz gemeine Denunziation handle Ein verkommener Mensch hat eine Majestätsbeleidigung ausgestoßen, weil er als Staatspensionär hinter die schwedischen Gardinen kommen wollte. Wie kam ein Monarch durch die Beleidigung eines solchen Menschen verletzt werden? Das Unterbleibe» solcher Prozesse hat weder sür die Grundlagen des Staates noch für den Monarchen irgend einen Schaden. Die Staatsanwälte und Richter haben sich im Lause der Jahre auf diesem Gebiete in einer Weise gemausert und Urtheile gefällt, an die vor zwei bis drei Jahrzehnten niemand gedacht hat. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß ein Staatsanwalt im Deutsche» Reich mit weit mehr Sicherheit Aussicht hat, sehr rasch zu avanciren. als irgend ein Richter in ähnlicher Stellung. Durch Urtheile, von denen er annimmt, daß sie an entscheidender Stelle gern gesehen werden, hofft er sich ein rothes Röckchen zu verdiene» die Aufmerksamkeit der höchsten Äellen aus seine Person zu lenken und dadurch im Avancement bevorzugt zu werden. Die Zahl der Staatsanwälte, die Präsidenten der Landgerichte werde» ist ungewöhnlich groß. Beil» Reichsgericht ist das ebenso Eine Reihe von Enlscheidmigen des Reichsgerichts in Majestäts beleidignngsprozesse» hat Kopfschütteln erregt und die öffentliche Meinung beunruhigt. In erster Linie aber wird dadurch die Presse beunruhigt. Kein Ziedaktenr ist sicher, ob ihm nicht sofort eine Majestätsbeleidigung droht, wenn er auch in der vorsichtigsten Weise Handlungen und Aeußerungen von Monarchen kritisch be leuchtet. Kein Mensch im Deutschen Reich vermag überhaupt zu sagen, was eine Mnjeslätsbeleidigung eigentlich ist.(Zustimmung links.) Man würde sich gewaltig täusche», wenn man glaubt, daß eine Majestälsbeleidigung überall da vorliegt, wo die Beleidigung eines gewöhnlichen Menschen vorliegt. Das haben allerdings die Ver fasser des Strafgesetzbuches angenommen. Das Reichsgericht ha( über den Begriff des Strafgesetzbuchs hinausgehend, den Begriff der Edrverlctzung gegen regierende Fürsten in einer Weise festgestellt, von der sich die Verfasser des Strafgesetzbuches nichts haben träumen lassen. Damals hat gewiß kein Mensch daran gedacht, daß es möglich sein sollte, im Falle der Majestäts beleidigung eine indirekte Majestätsbeleidiguug zu konstrniren, wenn irgend ciue Person garnicht gemeint war. Ein Zeitungsredakteur wird wegen Majestätsbeleidigung verurtheilt, weil er da gegen polemisirte, daß der verstorbene Kaiser Wilhelm der Groß« genannt wird.(Hört! Hört 1 links.) Eine Kritik, die jedem von Rechts wegen freistehen muß. Ich muß doch sagen können: Sie irren sich, wenn Sie jemandem den Bei name» des Großen beilegen. Sie sehen mir die Lichtseiten, ich ziehe aber auch die Schattenseite» in betracht, die seine Regierung Wir, meiner Partei oder weiten Volkskreisen gebracht hat, und daher be streite ich, daß der Beiname des Große» diesem Herrscher beigelegt werden kann. Solche Verurtheilungen machen ein historische Kritik über verstorbene Personen fürstlichen Ranges überhaupt unmöglich. Alle Par teieu sind lebhaft dabei bethciligt, daß die Freiheit nicht eiugeeugt wird. Selbst die Herren auf der äußerste» Rechte» werden als die vollendetsten Monarchisten nicht soweit gehen, in der Vergangenheit irgendwelcher verstorbener Fürsten nicht auch Handlunge» zu sehen die vom Standpunkt der Geschichte, Moral, des Rechts und der Menschlichkeit nicht mehr oder weniger scharf angegriffen oder ver urtheilt werden könnten. Vor 1'/- Jahren brachten mehrere Zeitungen Artikel, in denen Joachim I scharf angegriffen wurde, der verschiedeneu Staate» u. a. Frankreich und Oesterreich, durch seine Unterhändler seine Stimme als Deutscher Kurfürst sür die Kaiserwahl anbot, ein ganz elendes Schachergeschäft! Es war lein bezug aus die Gegenwart und doch wurde» einzelne Redakteure wegen Majestätsbeleidignng ver urlheilt. Auf diese Weise würde es mir als Staatsanwalt linder leicht sein, den Professor Treitschke anzuklagen, denn er hat Aeußerungen über Handlungen des verstorbeneu König Friedrich Wilhelm IV. gemacht, die sich eigentlich sehr scharf decken mit der Handlungsweise und dem Auftreten einer regierenden Persönlichkeit der Gegenwart. Zum Glück ist Treitschke todt, sonst könnte er zweifellos angesaßl»nd verurtheilt werden. Im letzten Herbst ist in L e tz l i n g e u eine große Hofjagd gewesen. Die Zeitungen berichteten, daß eine große Masse Wild niedergeknallt worden wäre. Daraus macht der Redakteur eines sozialdemokratischen Blattes in Magdeburg die Bemerkung, daß eigentlich ein solches Maffeuniederknallen von Wild die reine Metzelei sei. Der Staatsanwalt sah darin eine Majeftätsbeleidigung, denn bei der Hosjagd sei ein regierender Fürst anwesend gewesen und das hätte zweifellos der Redakteur gewußt, und darum die Beleidigung. Der Redakteur wurde zu 9 Monaten verurtheilt.(Hört, hört! links.) Demokratische, Zentrums-, liberale Preßstimmen haben sich in scharfer Weise gegen diese Urtheile ausgesprochen, auch Professor Dslbruck in den Preußischen Jahrbüchern. Der Reichsgerichtsrath Stenglein hat diese Urlheilssprüche in Schutz genommen und gegen Delbrück polemisirt, aber in bezug aus dieses Unheil sagt auch er, daß es ihm zweifelhast sei, ob eine Berurtheilung hätte ausgesprochen werden können. Mit dem Hinweis auf die Revision kann man nur Einsältrsche täuschen; sie nützt in 99 Fälle» nichts. Es muß ein dummer Richter sein, der es nicht versteht, durch gewisse Formulirung es dahin zu bringe», daß das Reichsgericht beim besten Willen nichts mache» kann. Dazukommt der sä o Ins vveutualis. Liebknecht ist wegen Majestätsbeleidigung zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt worden, weil er Aeußerungen gethan hatte, von denen der Richter behauptete, daß sie darauf berechnet gewesen seien, bei den Zuhörern den Eindruck zu erwecken, daß er eine bestimmte regierende Person mit dieser herben Kritik habe treffen wollen. Wo kommen wir hin, wenn solche Rechtsprechung immer weiter Platz greift! Mögen noch so viele Autoritäten sich gegen den äolug svontualis sträuben, die Richter entscheiden anders und namentlich das Reichsgericht, dessen Zusammensetzung die Regierung vollständig in der Hand hat. Wie es die Staatsanwälte mit dem Begriff der Majestäts- beleidigung halten, haben wir im Prozeß Leckert-Lützow gesehen, wo der Oberstaatsanwalt Drescher alle» Ernstes wegen des Wortes Nebenregierung" mit der Majestätsbeleidigungsklage drohte. (Hört! Hört! bei de» Sozialdemokraten.) Der Stadtverordneten- Vorsteher einer schtesische» Stadt bekommt einen Kronenorden 4. Klaffe; der Mann scheint nicht zu wissen, was er für Verdienste um de» Staat hat, er lehnt den Orden ab. Nach kmzer Zeit entschuldigt er sich förmlich in der Zeitung und erklärt, er sei falsch unter- richtet gewesen und habe gebeten, ihm den Orden trotzdem über- geben zu wollen. Was veranlaßte ihn zu dieser ErNnrung? Man hatte ihm gesagt: wenn Sie den Orden ablehnen, begehen Sie eine Ehr- furchtsverletzung der allerhöchsten Person(Heiterkeit), und das wird von unseren Gerichten als Majestätsbeleidigung angesehen und dann bekommen Sie so und so viele Monate Gefängniß.(Bewegung.) Denken Sie an den Fall, wo jemand bei einem Hoch aus einen beliebigen Fürsten sitzen blieb. Früher hat danach auch hier im Hanse kein Hahn gekräht. Später haben die Landgerichte und das Reichsgericht eine andere Meinung angenommen. Freilich giebt es auch unter den Richtern ab und zu einen weißen Raben. Der Reichsgerichtsrath von Bülow hat 1892 sich gleich Liszt dagegen ausgesprochen, daß in dem Sitzenbleiben eine Majestätsbeleidigung gesunden iverden kann. Der Verfasser der„Kritik"-Artikel, der unter dem Namen Tat- T.w a in bekannt ist, wurde vor kurzer Zeit zu neun Monaten Gefängniß verurtheilt wegen eines Artckels aus Gründen, die in der Verhandlung nicht zur Sprache gekommen waren. Ich selber bin aus einem ähnlichen Grunde einmal verurtheilt worden. Ein Moment trägt sehr dazu bei, daß Majestätsbeloidigungs- Prozesse in Szene gesetzt werden: Di« Provokationen von Stellen aus, von denen man das am wenigsten erwarten sollte. Diese Provokationen haben in den letzten Jahren einen be- deutenden Umfang angenommen. Sie richteten sich in erster Linie gegen meine Partei, aber auch gegen andere Schichte» unserer Gesellschaft, die Rechte nicht aus- genommen, gegen bestimmte Personen, sogar gegen den deutschen Reichstag. Dagegen muß man auftreten. Der regierende Monarch befindet sich in einer unverairtnwrtlichen Stellung. Daraus hat man geschlossen, daß die Fürsten die Pflicht haben, sich alles dessen zu enthalten, was nicht durch die Ver- antwortung der Minister gedeckt werden kann, daß sie allo dem Parteikanipf und der Parteipolitik fernbleibe» müssen. Hält der Monarch ei» Einschreiten gegen eine Partei für nothwendig, so muß er Minister auswählen, die dafür die Verantwortung übernehme«. Dieses bischen Pflicht könnte der Monarch gegenüber seinen großen Vorrechten wohl erfüllen. Das ist um so»othwendiger, als der An- gegriffene nicht antworten kann, weil es das Gesetz verbietet. Der bürgerliche Anstand schon verbietet es, jemanden anzugreifen, der sich nicht verlheidigen kann. Dloblesse oblige auch auf dem Thron. Wen» jemand seine» Manuesstolz vor Königsthronen zeigen wollte, so würde bald der Slrafrichter einschreiten. Was man sich alles gesallen lassen muß, beweisen Aeußerungen, die zu verschiedene» Zeiten und Gelegenheiten ans sürstlichem Munde gesallen sind. 1839 hieß es, daß jeder Sozialdemokrat gleich sei einem Reichs- und Vaterlauvsfeinde. Die Aenßerung, daß die Soldaten auf ihre Brüder und Eltern schießen müßten, wenn es befohlen würde, hat ebenfalls schwer verletzt, weil über die Kreise der Sozialdemokratie hinaus. Eine Aenßerung richtete sich gegen die Nörgler, womit nach dem Zusammenhange die Herren von der Siechten gemeint waren.(Heiterkeit.) Sie wurden aufgefordert, den Sianb von ihren Pantoffeln zu schütteln und das Vaterland zu verlassen.(Heiterkeit.) Leider haben sie es nicht ge- lhan.(Heiterkeit.) Schließlich kommt auch der Tag, wo die Partei der Rechten als Umsturzpartei angesehen wird; sie hat in bezug ans die Untergrabung der Verhältniffe in den letzten Jahren»»ehr geleistet als die Sozialdemokratie.(Heiterkeit.) In der schärfsten Weise»vnrde der Beschluß des Reichstages»vegen der Beglückwünschung des Fürsten Bismarck getadelt. Keinem Parlamente der Welt ist je etwas Aehnkiches gesagt worden. Gegen uns wurde gesagt: Eine Rotte von Menschen, nicht werth, den Namen Deutsche zu tragen. Die Pastoren wurden aufgefordert, von der Politik zu lassen, dieweil sie das garnichts angehe.(Heiterkeit.) Das geht doch so nicht»veiter, dagegen muß»»an sich»vehren, da muß der ganze Reichstag»vie ein Mann austreten. Dann die Aeußerungen von dem Herrn und dem Knecht, von den Edlen»nid Unfreien, die Front machen müßten gegen den Umsturz. Wenn über die V e r>v e i g e r u n a der M a r i n e- A u s- gaben»ach Zeitungsnachrichte» gesprochen»vird vou den vaterlandslosen Gesellen,»vohin soll das führen! Wenn derartige Beschuldigungen gegen die geschlmoert werden, welche zum Wohle des Baterlandes gehandelt zu haben glauben, so müssen»vir uns dagegen wehre»».(Glocke des Präsidenten.) Präsident v. Buol: Ich>»»,ß den Redner unterbrechen. Es ist ja allgemeine n»d althergebrachte Sitte in diesem Hause, daß das Staatsoberhaupt in keiner Weise in die Debatte gezogen»vird. (Sehr richtig! rechts.) Mit Rücksicht aus die Eigenartigkeit des Gegenstandes habe ich dem Redner die Schranken weit gezogen, muß aber»»bedingt daran festhalten, daß jedenfalls ilicht in irgend auch»ur entfernt u»ehre»!bi«tiger oder gar verletzender Weise das Staatsoberhaupt hiererwähnt wird. Dasscheintmiraber der Fall zu sein, »venu der Redner dazu übergeht, die großen Gefahren und die schrecklichen Zustände zu schildern, welche eintreten»verde»,»ven» das so fortgeht. Ich hatte gehört, daß er besonders den Borivurf in de», augebtichen Telegramm als Zeitungsnachricht bezeichnet hat»md habe ihn des- halb hierbei nicht unterbrochen; aber ich möchte doch gerade mit Rücksicht auf das,>vas er i», Begriff ist auszuführen, ihn ersuchen, an dieser Sitte unbedingt sestzuhalten, daß jedes Hineinziehen des Staatsoberhauptes in die Debatte nur in der ehrerbietigsten und jedenfalls in keiner verletzenden Weise zu geschehen hat.(Ber- einzelter Beifall.) Abg. Bebel(fortfahrend): Ich muß»»ich ja selbstverständlich der Weisung des Präsidenten fügen, ich bin auch»veit davon entfernt, irgend ein Urtheil mir zu erlauben. Ich will nur konstatire»», daß ich glaube,»»ich bemüht zu habe», direkt keine Person in meine Debatte hineinzuziehen.(Sehr wahr! links. Lachen rechts.) Ichs habe keinerlei Namen genannt.(Große Heiterkeit.) Ich setzte allerdings voraus, es sei eine Kritik nothwendig. Ich habe ausdrücklich gesagt, es sei eine Zeitungsnachricht;»vas»vahres an ihr sei, wüßte ich nicht; falls sie»vahr»vär«,»mißte ich in ähnlicher Weise darüber urtheile«. Es ist allerdings bisher Gepflogenheit in diesen» Hause geivesen, keinerlei regierende Personen in die Debatte zu ziehen, weder in günstigem, noch in ungünstigem Sinne. Man hat geltend zu machen gesucht, daß auch im englischen Parla- •ntut eine Ähnliche Sitte existirt. Nicht cillein«gierende Personen, nnch Viitgliedcr de- kgl. Hauses sind im englischen Parlament in schärfsten Weise kritisirt worden. namentlich wenn die englische Königin Veranlassung nahm, Geldfordernngen 'n He, raths- Angelegenheiten zu verlange». In allen Konflikten yal das englisch« Parlament, wo es ans Hieb und Stich ankam. mit der größten Rücksichtslosigkeit auch gegen den rcglererendeii Herrn seinen Standpunkt gewahrt, und ich wünschte, das, der deutsche Reichstag den zehnten Theil von dem gcthan hätte, was das englische Parlament seither getha» hat. Mit dem bestehenden zweierlei Recht im Deutschen Reich geht tIfrn"' Daner nicht. Das Privilegium, das die Majestäls- veleidlgungs-Paragraphen gewissen Personen in hoher Stellung im Deutschen Reich gewähren. muß beseitigt werden. Das rfl möglich, ohne daß dabei das Königs- oder Fürsten- un geringsten in seinem Ansehe» Gefahr läuft. Wenn *•!*. �loäeffe nur ans Antrag eingeleitet würden, denn würde dnch der regierende Herr vor der Blamage hüten, einen.nns- ju Prozeß einzuleiten. In Sachse» waren nach dem Straf- gswtzbuch von ISS9 Majestälsbeleidignnge» ohne vorgängige» Vortrag nccht verfolgbar. In Württeinbcrg mußte die Ermächtigung von seiten vi- Justizministeriums erfolgen, ebenso in vielen anderen Ländern. Kaiser Theodosius hat gesagt: Redet jemand übel von unserer Person oder unserer Regierung, so wollen wir ihn nicht bestrafen; » ir es ans Leichtsinn, so muß man ihn verachten; lhat er es ans Thorheit, so muß man ihn beklagen; ist es eine böswillige Be- leidigung, so muß man ihm verzeihen. Ja. das ist Hoch- Herzigkeit t Ein solcher Monarch erobert sich viel leichter die Herzen eines großen Theiles seines Volkes als ein Monarch. der die geringste Beleidigung mit harten Strafen belegen läßt. Friedrich dein Großen wurde eines Tages gemeldet, daß jemand ihn beleidigt habe, zu gleicher Zeit aber auch den Magistrat von Berlin und drittens Gott. Darauf sagte er: Hat er Gott beschinipst, so 'st das ein Zeichen, daß er ihn nicht kennt, daß er mich beschimpft, das verzeihe ich ihm, daß er aber den edlen Magistrat beschinipst, dafür soll er eine» Tag nach Spandan kominen.(Große Heiterkeit.) Wie»vetterte Luther gegen die Fürsten; seine Aeiißernngen gegen de» Herzog Georg von Sachsen will ich aus Anstaudsrücfsichte» nicht wiederhole». Damals gab es keine Majeftälsbeleidigungen und ich deiike, wir können auch am Ende des 19. Jahrhunderts auch ohne sie auskommen; wie helite Majestatsbeleidignugen gemacht 'verde», sind sie ein Monnmeut von unserer Zeiten Schande.(Leb- Haftes Bravo bei den Sozialdeinokraten.) Abg. Lieber(Z.): Der Vorredner schien in einem Theike seines Vortrages eine ruhige, sachliche Behandlung einleileu zu wollen. Der Gedanke, die Bestrafung der Majestätsdeleidigung von einem Autrag oder einer Genehmigung abhängig z»»lache», ist von anderer Seite außerhalb des Reichstages auch schon ausgesprochen. Der Begriff der Majestälsbeleidiguiig hat eine Ausdehnung gesunden, die niemals im Sinne der Gesetz- gcber gelegen hat. Der dolus eventualis hat nirgend größere Verwüstung angerichtet, als gerade aus dem Gebiete der Majesläts- beleidigung. Aber trotzdem können wir uns nicht dazu entschließen, das Kind mit dem Bade a u s z il sch>i t t en und die S t r a s b e st i m ui u n g e n überhaupt auszuheben. Daß es früher keine Majeftätsbeleidigungsstrafe gegeben hätte, ist ein Jrrthnm Bebel's. Ich möchte nicht die Strafen der ikarolina auf die Majestätsbeleidiger von heute angewendet sehen. Es ging blos damals schon nach dem Grundsätze, daß die Nürnberger keinen hange», sie hätten ihn denn schon. Es sind schon Vorschläge gemacht, »in nur die wirklichen Fehltritte zu bestrafen, so von Herrn Professor von Schulte- Boni». Wir könnte» daher i» ganz ruhiger Weise verHandel». Aber die Beispiele, die der Redner angeführt, zeige», daß der Antrag ab irato verhandelt werden sollte. Er hat ausgeführt, daß derjenige, welcher sich eines besonderen geseklichen Schutzes erfreut, auch besondere Pflichten habe, daß der Reichstag daher gegen gewisse Aenßerungcu Front machen »iüsse. In bezng aus eine Aeußerung steht das fest, was die Zeitungen darüber gebracht haben. Alle Beinühuugen unsererseits, etwas weiteres zu erfahren, sind nicht weiter gekomme», als die Bemühungen des Herrn Bebel, und aus der Benierkung des Herrn Präsidenten muß ich schließe», daß auf dem Präsidium nichts weiter darüber bekannt geworden ist. Man kann über der- artige Dinge verschiedenartiger Meinung sein. Ich verstehe eS, daß die Freunde des Herr» Bebel es sch'.vcr er- trage», wenn sie von wem immer als Valerlandsseinde oder ähnlich genannt werden. Wir unsererseits sind i» dieser Beziehung schon härter abgebrüht. Wir haben vor Jahrzehnten uns diese Vorwürfe vom ersten Beamte» des Reiches ins Gesicht schleudern lassen niüsse». Wir sind unbeirrt unsern Weg gegangen. Auch wenn von noch höherer Stelle derartige Aeußernngen über uns fallen sollte», so werden meine Freunde den Beweis, daß dieser Vorwurf zu unrecht erhoben wird, nicht zwingender erbringe», als dadurch, daß wir f ü r d i e s e n A n t r a g unter d i e s e r B e g r ü n d u n g n i ch t st i m in e n werden.(Ziistimmung im Zentrum.) Abg. Richter(frs. Vp.): Wir werden für diesen Antrag auch nicht st i in m e n; aber wir halten die Frage für r e v i s i o n s- bedürftig und wir sollten ihn benutzen, um in einer K o in m i s s i o ii den Weg zu suchen, auf dem diese Revision sich bc- wegen muß. Die Beseitigung der betreffenden Bestimmungen des Strafgesetzbuches würde nicht alles erreiche». Wir halten bei der Revision des Strafgesetzbuches folgende Aenderung für iiothwendig. Die Staatsanwaltschast darf nicht gezwiingcn sein, jede Anzeige wegen Majestätsbeleidigiing weiter z» verfolgen. Höhere Juslizbeauile, sogar der preußische Justizunnister, haben sich dahin ausgesprochen, daß sie einen solchen Zustand bc- dauern. Die Einleitung eines Prozesses sollte daher abhängig ge- macht werde» von einer Ermächtigung des Juslizministers, der für die Justizpolitik verantwortlich ist. In Fällen der Majestäls- beleidigung wird oft die Begnadigung ausgesprochen, aber erst nach Durchfiihruiig des Prozesses. Majestätsbeleidigungsprozesse tragen niemals zur Hebung des Ansehens der Majestät bei. Das Straffninimum ist ferner viel zu hoch gegriffen, so daß der verurtheileude Richter meist selbst zu einem Begnadigungsgesuch aus- fordert. Aber es giebt Personen, die nicht Gnade, sondern ihr Recht verlangen. Bei der Stellung der fürstliche» Personen ist die Widerklage ausgeschlossen, der Richter muß auf die Strase erkennen, auch wenn eine Provokation vorliegt. Wenn die sürstlichen Personen ohne iniuisterieUe Begleitung in die Arena herabsteigen, dann ändert sich die Situation vollständig. Der betreffende Angegriffen« wird dann wehrlos, iiud das muß ihn erbittern und in der Erregung zu Aeußerungen veranlassen, die er sonst unterlassen hätte, und es stellen sich deshalb auch andere Personen auf seine Seite, welche den'Angriff auf eine» Wehrlose» für unrecht halten. Wenn sich Aeußerungen sürstlicher Personen gegen den Reichstag oder seine Mitglieder richten, so uiüffen die Angegriffenen sich verlheidige» könne». Wenn verletzende Aeußerungen fallen, iveuu der Reichstag nicht versammelt ist, so sind die Aiigegriffenell wehrlos, weil sie des Schutzes der Jminunität ent- behren. Wenn der Reichstag versammelt ist, wäre die Möglichkeit vorhanden, das Privilegium der Redefreiheit gegen das andere Privilegium der Unverantivortlichkeit anzuwenden. Hier tritt uns aber die Sitte entgegen, daß Aeußeriliigen fürstlicher Personen nicht zum Gegenstand parlamentarischer Erörterungen gemacht werden dürfen. Diese Sitte rührt aus einer Zeit her, wo es undenkbar war, daß fürstliche Personen de» Reichstag zum Gegeiistaud einer solchen Kritik machten. Wenn Herr- Lieber auf die Bezeichnung des Zentrums als Reichs- feinde hingewiesen hat, so ist das doch etwas anderes. Gegenüber dem Reichskanzler konnte sich das Zentrum vertheidigen, und es hat ihm wahrlich nichts geschenkt. Wenn solche Aeußerungen fürstlicher Personen allgemein bekannt werden, so ist es möglich, ihren Wortlaut zur Verhandlung zu bringen, ohne daß die Person genannt wird. Das ist peinlich für den Prä- sidente». Es muß eine volle, offene, ehrliche Auseinander- s-tznng parlamentarisch möglich sein, wenn solche Angriffe vor- kommen; man darf nicht fiugiren, daß solche Aeußerungen über- Haupt nicht vorhanden sind. Wir sind der Ansicht, daß es für die Geschäftsordnimgs-Komiuission eine zweckmäßige Aufgabe wäre, ob diese parlamentarische Praxis noch länger aufrecht erhalten werden kann. Wenn der Reichstag dazu übergeht, eine solche Aeußerung zur Diskussion zu stellen, dann wird die alte gute Sitte sich wieder einbürgern, daß die Fürsten in bezug auf die anderen gesetzgebende» Faktoren sich jeder Aeußerung enthalten werden. Die einfache Anfhebnng der betreffenden Para- graphen ist nicht möglich. Beleidigungen der Majestät können auch aus gruiid der gewöhnlichen Beleidigungsparagraphen sehr schwer geahndet werden. Nichtig ist es wohl, den Antrag an eine Kom- Mission zu verweisen und die Bcstimmuiigen des Strafgesetzbuches einer Revision zu unterziehen.(Zuftimmitiig links.) Abg. v. Lcvctzow(k.): Aus den von Herrn Bebel angeführten Thatsachen scheint mir alles andere eher sich folgern zu lassen, als eine Aushebung der betreffenden Strafgesetzbuch- Paragraphen. Wenn die Majestälsbeleidiguiigen sich vermehren, so müssen die Strafen nicht aufgehoben, sondern verschärft werden. Daß die Denunziationen jetzt sehr im Schwange sind, beklage ich ebenfalls; aber daraus folgt, nicht die Aufhebung der Strafen. Man möge falsche Deiiunziationen strenge bestrafen oder kein Gewicht darauf legen. Herr Bebel hat das Recht in Anspruch genommen, auf verletzende Aeußerungen von hoher Stelle zu antworten; aber ist dazu eine Majeslätsbeleidigung nothweudig? Muß man denn ans einen Schimpf mit einer Beleidigung antworten? Der Mannesstolz vor Königsthronen bewährt sich nicht in Majeftätsbeleidigungen. Es ließe sich darüben reden, ob nicht eine Genehmigung zur Erhebung von Anklagen iiothwendig sei. Aber dieser Gedanke steht nicht zur Ver- Handlung, denn es wird die Aufhebung der Strasbestimiuungeii ver- laugt. Aus diesen Vorschlag werden wir nicht eingehen, auch nicht einer Kvmmissionsbehandluug zustimmen, sondern den Antrag ohne weiteres ablehnen.(Zustinmiung rechts.) Abg. Frirdberg(nall.): Der Antrag, wie er liegt, ist für uns unannehmbar. Im uionarchischen Staate nimmt der Fürst eine bevorrechtigte Stellung ein. Wenn Herr Bebel zu anderen Anschauungen gekoininen ist, so liegt das daran, daß er von einem republikanische» Standpunkte ausgegaiigen ist. In der Republik kann das aus einer Wahl heivoigegangene Staatsoberhaupt keine Ausnahme- stelluiig einnehmen. Ich möchte mich dafür erklären, daß bei Einleitung der Prozesse die strafrechtliche Genehmigung einer höheren Instanz als maßgebend erachtet wird. Ich glaube, es ist bei solchen Klagen nicht ganz glcichgiltig, mit welcher Wirkung das Vorgehen vor sich gegangen ist, ob die inajestälsbeleidigeiideii Aeußeruiigeii vor einem größeren oder einem kleineren Publikum ge- fallen sind. Wir sehen leider häufig, daß ganz vertrauliche Aeußerungen nach Jahren zum Gegenstand der Anzeige gemacht worden sind. Es muß darauf gesehen werden, ob der Beleidiger die Tendenz hatte, seiner Aeußerung eine gewisse Publizität zu geben. Sollte uns ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, der solche reformatorischen Gedanken zum Ausdruck bringt, so werden meine Freunde sich an der Berathung beiheiligen. Aus einer kom- missarischen Berathung kann bei der Geschäftslage nichts mehr herauskommen, zumal die Kommission erst die Grundlage für ihre Verhandlungeu schaffen muß. Abg. Munckel(frs. Vp.): Wenn die Zustände gerügt werden, und»venu dazu eine Berechtigung vorliegt, so hätte der Reichstag aus dem Grunde, weil er in die Ferien zu gehen wünscht, nicht herzuleiten, daß eine Koinuiissionsbernlhung nicht mehr stattfinden soll. Durch Einsetzmig einer Kommission würde der Reichstag be- künden, daß er eine Verändernng wünscht, daran würden auch die leider nicht anwesenden verbündeten Negierungen..... (Zuruf: Sie sind da! Heiterkeit. Der eben erschienene Staatssekretär des Reichs- Jnstizamts Nieberding verbeugt sich. Heiterkeit.) den Willen des Reichstages, daß eine Revision stattfinden soll, erkennen. Der echte Mann verletzt die Gesetze nicht. Darin hat Herr v. Levctzow recht; ich werde ibu daran erinnern, wenn wieder einmal von den Duellen die Rede ist.(Lebhafte Zustinimniig links und im Zentrum.) Wenn für die Majestäls- beleidigungen die Gnade in ungewöhulichem Maße in Anspruch ge- »online« wird, so ist das kein Beweis für ein gutes Gesetz. Strafgesetze hebt man nicht auf, sondern beschränkt sie, wen» sie in immer höherem Grade gemißbraucht werden. Daß ein solcher Mißbrauch cxistirt. habe ich nachzuweisen nicht uöthig. Es muß ein Weg ge- sunden werden, um diesen Mißbrauch zn beseitigen. Herr- Lieber will den Antrag ablehnen, weil die Deduktionen drs Herrn Bebel allzusehr ab irato zu sein schienen. Sollte diese Ablehnung nicht ab irato erfolgen?(Heiterkeit.) Für eine sachliche Bcurtheilnng sind mir falsche Gründe neben- sächlich; die weise ich zurück. Die Majestätsbeleidigungeii werden nicht ganz beseitigt; es werden nur die ungeraden Paragraphen be- seitigt, die geraden bleiben bestehen und die fürstlichen Persönlichkeiten würden als Mensche» immer noch geschützt sein; sie würden nur Slrafauträge stellen müsse». Der Reichstag hat von seinem Slrasantragsrecht wegen Beleidi- gungcn niemals Gebranch gemacht. Irgendwelche teinperameiitvolle ingendliche Aeußerungen, die in die Welt geschleudert werde», setzen das Ansehen des Reichstags nicht herab. Der Reichstag wird damit auch fertig werden. Es giebt gewisse Dinge» über die man sich er- habe» fühlen muß. Im Interesse der Würde der Krone liegen die Mäjestäisbeleidigungs- Prozesse nicht. Das beweisen verschiedene Anekdoten. Vor einer Burg befand sich ein Bild des Minotauros. Ein Vorübergehender sagte:„Wie befindet sich der größte Ochse Er wurde sestgeiionimen und auf Befragen verwies er auf das Bild und sagte:„Sehen Sie denn den Ochsen nicht? Wen meinten S i e denn?"(Heiterkeit.) Wer die Genehmigung zur Strafverfolgung ertheilt, ist ziemlich gleich- giltig. Der Justizniinifter ist vielleicht nicht ganz geeignet dazu, denn er hat Einfluß auf die Staatsanwälte und Richter. Vielleicht könnte man den Hausminister nehmen, oder am besten den Finanzminifier, der zu erwägen haben wird, ob es sich lohnt, dafür Geldausgabcn zn machen.(Heiterkeit.) Daneben müssen außerordentliche Umstände, also z. B. eine Pro- vokalion. zur Strafmildernng beitragen. Ich bin ein schwärme- rischer Anhänger des Z 193 des Strafgesetzbuchs nicht; er ist kein stilistisches, juristisches oder grammatisches Meisterwerk. Was man sich dabei denken kann, darüber sind die Gelehrten nicht einig. In einem kleinen Staate lebte ein vierzigjähriges Mädchen, welches Schadensersatzansprüche zn haben glaubte, deren Ursache vierzig Jahre zurück lag.(Heiterkeit.) Sie be- traute mit ihrer Klage einen Rechtsanwalt. Der wurde wegen Majestätsbeleidigung angeklagt und verurlheilt, weil er zwar hätte klagen dürfen, aber er durfte den Inhalt der Klage nicht angeben, weil darin eine Majestätsbeleidigiing lag.(Heiterkeit.) Das Reichs- gericht kam aber zu der Entscheidung, daß der Z 193 die Anwendung des§ 95 ausschlöffe.(Große Heiterkeit.) In der Anregung des Abg. Richter sehe ich den Weg, der zu einem erträglichen Ziele führen könnte, weil dabei die Strafe nur da zur Vollstreckung kommen würde, wo sie wirklich geboten ist. Abg. Förstcr-Neusteltin(Reformp.): Der Antrag ist für n n s unannehmbar; aber die Begründung des Herrn Bebel hat er- wiesen, daß wir es mit einem N o t h st a n d e zu thun haben. Die Begründung war gar nicht n o t h w e n d i g, denn jeder, der die Gerichtsentscheidungen verfolgt hat, weiß, wie die Sachen liegen. Aber deswegen können wir nicht das Kind mit dem Bade aus- schütten. Herrn v. Levetzow möchte ich bemerkeu. daß der Männer- stolz vor Königsthronen doch etwas mehr ist, als eine bloße Redensart. Es giebt Fälle, wo man seine Meinung sagen muß, auch wenn man dabei an das Berliner Wort denkt:„Wer die Wahrheit kennet und saget sie frei, der kommt in Berlin in die Hausvogtei", und an das andere Wort:„Jeder Preuße hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, aber er thut wohl daran, davon recht wenig Gebrauch zn machen." Die Entscheidungen der Gerichte sind allerdings sehr seltsamer Art und vertragen die öffent- liche Kritik nicht. Abg. Weruer(Reformp.) führt ein Beispiel an, welches er selber erlebt habe. Ein Artikel, der sich mit der Schliderung ge- wisser Berliner Verhältnisse befaßte, schloß mit den Worten: Nun werden sie Viktoria schießen. Darin wurde eine Bezugnahme ans die Kaiserin Friedrich gesunde»(Widerspruch rechts), und der Staats- anwall erhob die Anklage, die aber nicht angenommen wurde. Solche Prozesse werden vielfach eingeleitet und kosten dem Staat viel Geld. Wir wollen auch den Schutz des Monarchen, halten aber eine Ge« nehmigitng für solche Prozesse für iiothwendig. Das Schlußwort als Antragsteller erhält Abg. Licbknccht(Soz.): In meinem eigenen Prozeß hat der Richter zugestanden, daß ich nicht die Absicht gehabt hätte, eine Majestälsbeleidiguiig zu begehen; trotzdem wurde ich verurtheilt. Herr v. Levetzow beruft sich aus das Strafgesetzbuch; dieses ver- bietet den Menschentodtschlag, und trotzdem treten die Herren für das Duell ein und neulich hat sogar einer sich erlaubt, hier im Reichstage einen anderen Herren zu eiiiem Spaziergange nach dem Grunewald aufzufordern. Unser Antrag ist nicht ab irato gestellt, sondern bereits vor 1� Jahren eingebracht worden; seitdem nehmen die Prozesse beständig zu. In England giebt es Majestätsbeleidigungs- Prozesse überhaupt nicht, dort hat man einen anderen Begriff vom freien Wort. Wir habe» so viel Beleidigungsprozesse, iveil wir kein öffentliches Leben haben. Wer in England z. B. eine Beamtenbeleidiguugsklage erhebe» ivollte, würde einfach der Lächer- lichkeit anheimfallen. Was ist eine Majestätsbeleidiguug? Vergebens habe ich nach einer Definition gesucht. Man behilft sich mit einer Schablone. Kann man die Majestät überhaupt durch Paragraphen schützen? Der Begriff der Majestätsbeleidigung ist nicht germanische». sonder» römischen Ursprungs, wonach eine einzelne Person die Ver- körperung eines höheren übeiinenschlicheii Wesens ist. Diese Fiktion hat zu de» tollsten Ausschreitungen geführt, die Paragraphen wurden immer mehr verschärst, je mehr das Ansehen des Kaiserthnnis sank. Das ist einer der schmutzigsten Flecken des römischen Kaiserlhuins. In England ist der Monarch überhaupt nicht in der Lage, seine Befugniß zu überschreite», es giebt dort kein persönliches Regiment des Monarchen, er ist vollständig gedeckt durch die Verantwortlich- keit der Minister; um seine persönlichen Angelegenheiten kümmert sich das Parlament nicht. In Deutschland aber haben wir nicht eine derartige konstitutionelle oder parlameutarische Monarchie. Ter Monarch ist selbständig, er ist eine vollständige Realität. Der Reichstag ist hier i» eine Noihlage versetzt; er steht vor der Unverantivortlichkeit des Monarchen und vor der Unmöglichkeit, sich gegen seine Angriffe zu vertheidigen. Solauge diese Unveraut- wortlichkeit des Monarchen besteht, kann man ein Gegengewicht nur dadurch schaffen, daß die Kritik absolut frei ist. Es muß nach dem Antrage Richter die Geschästsorduung abgeändert werden; aber was hilft uns das, wenn wir blos innerhalb dieser Wände diskutircn dürften? Das Volk hat dann"ichls zn sagen; jede herbe Kritik wird ja als Majestäts- beleidigung aufgefaßt. Der Mouarch kann Sportsman, Dichter, Maler sein, er ist alles Mögliche.(Präsident v. Buol: Ich muß bitten, die Regeln und Uebnugen, die ivir auch heute noch als be- stehend anerkennen, zu beobachten und nicht auf eine persönliche Kritit des Monarchen eiiizugehen.) Es ist doch Thatsache, daß in derartigen Fällen die Kritik auf allen Gebieten nicht blos auf dem der Politik eingeschränkt wird, daß die Möglichkeit vorhanden ist, daß jedes Wort über ein schlechtes Gedicht, eine schlechte Musik zur Veraiitivortuug gezogen wird.(Heiterkeit links.) Unter Napoleon III. stieß jemand auf der Straße den Ruf aus:„Das ist der größte Schn-iiiiehund des Jahrhunderts." Der Mann wird sofort verhaftet.„Sie haben eben eine Majestäts- beleidigung begangen."„Wieso?"„Sie haben von dem größlen Schweinehund gesprochen und das war unzweifelhaft auf den Kaiser gemünzt." Die Presse veröffenllichte dies; es wurde viel darüber gelacht. Welche unbilligen Zustände! Wir stehen wie Papageuo, ein Schloß vor dem Munde, im eigenen Haus der Volsvertretung; wir dürfe» über alles dasjenige nicht rede», wovon das Herz und das Hirn jedes Deutscheu voll ist. Wir leben unzweifelhaft in einem schleichenden Konflikt, der gelegentlich zu eiuein akuten werden»inß, und seine Ursache liegt wesentlich darin, daß die Grenzlinien zwischen dem Monarchen, dem Volke und Reichstage nicht genügend sind. Ter Reichstag hat sich angreisen lassen müssen. Soll er sich nicht ver- lheidigen können? Sollen wir dulden, daß dem deutsche» Volke die Möglichkeit der Kritik entzogen wird? Es muß eine vollständige Ver- smnpfung in Deutschlaiid eintreten, wo wir dem Gespött aller übrigen Völker preisgegeben sind.(Zustimmung links. Rufe rechts: Zur Ordnung!) Glauben Sie, daß wir Sozialdemokraten eine besondere Freude haben au Majestätsbeleidigungeii? In unseren Redaktionen werden die Artikel fünf bis sechs Mal gelesen und doch sind selbst die Juristen nicht davor sicher, daß mau eine Majestätsbeleidigiing daraus konstruirt. Das ist«in unwürdiger Zustand. Der Reichstag und das deutsche Volk wird zur Stimimheit verurtheilt durch diesen Paragraphen. Run, ich hoffe, daß der Reichstag in dem Kampf, der ihm angeboleu ist, Mannes aenug sein wird, den Handschuh aufzunehmen und den Maul- korb abzunehmen, den er sich selbst angelegt hat, durch An- nähme des Antrages Richter und durch Aushebung des Majestäts- beleidigiiugsparagraphen. Ich fordere das vom Reichstage im Interesse seiner Würde.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der deutschen Volks- Partei und der beiden freisinnigen Gruppen wird die Verweismig des Antrages au eine Kommission abgelehnt. Schluß gegen 3 Nhr. Nächste Sitzung Montag, 17. Mai, 1 Uhr.(Ziveiie Berathung der Voilagen, betreffend den Servis- tarif und die Besoldlingsverbesserung sowie die beiden Nachtrags- etats.)_ nrenkttv isrhes. Budgetkommissiou. Die Erklärung de? Staatssekretärs Graf v. Posadowsky am Schlüsse der letzten Sitzung der Kommission ruft eine längere Debatte hervor, an der sich wiederholt die Abg Lieber, Singer, H a in m a ch er, v. Kardorff, Graf v. Posadowsky. !>i i ch t er, Graf B e rn s t o r f s und V.Leipziger beiheilige». Ein Antrag Lieber will, daß biiinen drei Jahren eine Revision der Klasseneinthcilnng der Orte für den Wohnungsgeldzuschuß eintrete, ein Antrag Richter verlangt, daß das Gesetz ans den Servistarif beschränkt werde und überläßt es der Regierung, eine»ene Vorlage betreffend die Klnsseneiulheilnug der Orte einzubringen. Der Antrag Richter wird mit 15 gegen- 12 Stimmen an- genommen. Im weiteren wird der§ 3 des vorliegenden Gesetzes entsprechend den gefaßten Beschlüssen redaktionell geändert. Eine Resolution Hammacher, den Reichskanzler aufzufordern, daß für die Höhe des Wohiiuiigsgeld-Znschusses nicht ausschließlich die Servisklaffen maßgebend sind und ändere Woh»u»gsgeld-Sätze festgestellt werden, findet einstimmige Annahme. Nächste Sitzung Doiincrstag Mittag 1 Uhr. Tagesordnung: Zweite Lesung der Beamteubesoldungs-Vorlage. Tic Kommission für die Handwcikcrtiorlage beendete am Mittwoch die zweite Berathung und soll noch im Lause der Woche der Bericht fertiggestellt werden. Entgegen ihrer Be- schlußfassung in erster Lesung stimmte die Komniissiou einem Antrag unserer Parteigenossen zu, der auch für die Handwerkskaniuiern eine Mitwirkung der Gesellenansschüsse vorsieht. Ii» übrigen wurden die Beschlüsse erster Lesung mit«inigen unwesentlichen Aenderuugen augeuomme». Parteiliteratur. Die heutige» Reichstags-Verhaudlungei, über die Aufhebiiiig dcö Maiestätsbeleidianiigs-Paragraphcn werden von der Buchhandlung Vorwärts in ihrem stenographischen Wortlaute als Broschüre zur Massenverbreitung herausgcgeveii werden. Die Ausgabe wird am Dienstag erfolgen können und werden die Bestelliiugen in der Reiheufolge des Einganges zur Ver- sendnug gelangen. lDepcocKcn siehe vierte Seite der 1. Beilage. Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Für de» Jnseratentheil verantwortlich: Th. wloctc in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 2 Beilage» u. ilnterhalinngvllaii. Dsts jttodvrnv BslUtoefvn. Nachdem bereits zu wiederholte» Male» die öffeutliche Auf- Merlsainkeit auf die mannigfachen Schäden des heutigen Baugewerbes hingelenkt worden war, rief im Sommer 1894 das tragische Schicksal des Malermeisters Seeger in Berlin eine solche Entrüstung hervor. daß man allgemein gesetzliche Maßregeln gegen die zu tage getretenen Schwindeleien verlangte. Eine besonders energische Agitation ent- faltete unter Leitung des Fabrikbesitzers Heinrich Frees« der deutsche Bund für Bodenbesitz- Reform. Erreicht ist bis jetzt noch nicht das geringste. Die Regierung hat zwar verschiedentlich erklärt, daß sie sich mit einer Regelung der Frage eifrig beschäftige; mit positiven Borschläge» ist sie aber noch nicht hervorgetreten. Jetzt verlantet wieder eimnal, daß die Regierung ein Gesetz zur Unterdrückung des B a u s ch iv i n d e l s dem Reichstage vorlege» wolle. Ob dies endlich einmal der Fall sein ivird und inwieweit dieses Gesetz dem Bauschwindel wird Einhalt lhun können, bleibt abzuwarten. Daß das Bauwesen der Gegcnivart Schäden aufweist, die dringend der Abhilfe bedürfen, wird von keiner Seite bestritten. Uneinig ist man nur. wie in allen gewerbliche» Fragen, über die Art, wie diese Abhilfe vorgenommen werden soll. Und wiederum entspricht diese Uneinigkeit der Unkenntniß der Ursachen, welche den heute bestehenden Zustand herbeigeführt haben. Die Handwerler und ihre politischen Freunde mache», wie in allen Fällen, einzig und aNein die sogenannte liberale Gesetzgebung mit ihrem Resultat, der völlige» Gewerbefreiheit, veranlworilich. Inwieweit diese Behauptung falsch ist, können wir am besten ersehe», indem wir in großen Zügen die Entwicklung des Bau- gciverbes darlegen. Bis zur Aufhebung der alten Znnfiverfassung im Jahre 1810 waren die Bauherren, d. h. diejenigen, welche Häuser bauen ließen, ausschließlich Privatleute. Sie bauten sich Häuser nicht um sie wieder zu verkaufen, sondern um darin zu wohnen, eveut. ihr Geschäft zu betreiben, zum theil auch, um in de» Miethserträge» eine sichere Verzinsung ihres Kapitals zu habe». Der Bau erfolgte da»» in der Weise, daß der Bauherr sich an einen Zimmermeister, Maurer- meisler u. s. w. wandle, die sämmtlich der Innung angehöre» mußten. Jeder Meisler führte nur die in sei» Fach schlagenden Arbeiten aus. Der Privatmann mußte das zum Bau erforderliche Geld selbst besitzen, da er alle Baumaterialien selbst beschaffte, sowie sämmiliche Arbeitslöhne auszahlte. Auch die Meister standen wie ihre Gesellen in Brot und Lohn bei dem Bauherrn; sie hatten nur die erforderlichen Leute zu stellen, die Gerüste zu liefern und während des Baues die Aufsicht zu führen, wofür sie den sogenannten Mcistergroschc» erhielte», dessen Höhe alljährlich vor Ostern von dein Rate der Stadt festgesetzt wurde, zugleich niit der Höhe des Lohnes der Gesellen und Lehrlinge. Zum theil waren sie sogar ver- pflichtet, mit eigner Hand an dem Bau mitzuarbeiten. So blieb es bis zur Aushebung der alte» Znnstverfasfung, die noch keine Gewerbefreiheit brachte, da man im öffentlichen Interesse glaubte, bei dem Baugewerbe den Befähigungsnachweis beibehalten zu müssen. Obwohl also nur gelernte Meister größere Bauten ans- führen durften, beginnt doch in der nun folgenden Periode (bis 1369) jene große Unnvandlung sich zu vollziehen, welche zu der heuligen Gestaltung des Baugewerbes geführt hat. Der Meisler hört mehr und mehr auf, Lohnarbeiter des Bauherrn zu sei», und beginnt freier und unabhängiger zu werden. Er erhält nicht mehr den Meistergroschen, sondern übernimmt die Ausführung des Baues gegen Auszahlung einer bestimmten Summe. Diese Enlivickelung vollzog sich natürlich nur sehr allmälig, um so mehr, da sie zunächst nicht im Interesse der Meisler lag, die noch nicht gelernt hatten. größere genaue Kostenanschläge anzufertigen. Vortheil hatte vor allem der Bauherr, der nun von vornherein ivußte, wie theuer ihm sein Bau zu stehen konnnen würde, und der sich unter den Meistern den billigsten wählen konnte. Bauherren blieben zunächst noch immer Privatleute; erst seit der Mitte des Jahr- Hunderts fangen größere Meister an, selbständig Häuser auf Spekulation zu bauen. Von diesem Augenblick datirt das Eindringen des Kapitals in die baugewerbliche Unter- nehlnung. Der Meister, der bei diesen Bauten die sänuntlichen Kosten allein tragen muß, ist gezwungen, fremde Hilfe in Anspruch zu nehme», da er nicht genügend Vermögen besitzt. Die Ursache des Speknlationsbaues der Meister aber ivar das rasche Anwachsen der Bevölkerung in den großen Städten und die dadurch erhöhte Nach- frage nach Wohnungen. Je schneller aber die Bevölkerung zunahm, desto weniger war der einzelne Meister im stände, der Nachsrage zn genüge». Es lvnrden immer größere Kapitalien erforderlich, nnd diese konnle» nur durch große Baugesellschaften beschafft werden. So lange der Befähigungsiiachwcis verlangt wurde, mußten sich diese Gesellschaften auf das Leihen von Baugeldern beschränken; die eigentliche Ausführung der Bauten blieb in den Händen der Meister. Dieser Znstand brachte große Unzuträglichkeiten mit sich, da der geringe Unternchmungsmuth der noch vielfach in zünftlerischen Traditionen befangenen Handwerksincister der nothivcndig geivordenen Bauweise in großem Slile widerstrebte. Die im Jahre 1869 endlich aus- gesprochene Gewerbefreiheit für das Baugewerbe ivar also nicht, wie die Handwerker glauben, eine ungerechte nnd willkürliche Maßregel zu gunsten des Großkapitalismus, sonder» durch die g e s a m m t e ökonomische E n t w i ck e l u n g n a t n r n o t h w e n d i g b e- dingt. Erst jetzt war es möglich, dem Wachsthum der Bevölkerung nnd den Anforderung«» der neuere» Zeit entsprechend de» Bau von Wohnhäusern in größtmöglicher Ausdehnung nach einheitlichen Plänen auszuführen. Und zunächst vollzog sich auch die weitere Entivickelung in einer, vom wirthschaftlichen Standpunkt angesehen, durchaus gesunden Weise. ES entstanden in den großen Städten Baugesellschaften, sogenannte Baubanke», auf großkapitalistischer Grundlage, die mit einer Menge Arbeiter der verschiedensten Kategorie» arbeitete». Sie kauften auf eigene? Risiko ausgedehnte Grundstückkomplexe und bebauten sie mit Wohn- nnd Geschäfts- Häusern. So weit war die Entivickelung im Baugewerbe analog der Entivickelung in den übrigen Gewerben verlaufen. Da entstand eine neue Art der kapitalistischen Unternehmung, die sonst nirgends ihres gleiche» findet, die sogenannte„Banunternehmung". Sie wäre vermnthlich nie cntstandcn, wenn auch im Baugewerbe der Groß- betrieb an und für sich eine bedeutende Kostencrsparniß dem Kleinbetriebe gegenüber uüt sich brächte. Dies ist aber keineswegs der Fall; i»l Gegentheil. er arbeitet mit größeren Spesen als dieser, da Bauniateriale» in größeren Mengen eher schwerer und theuerer zu beschaffen sind, und die einheitliche Leitung bedeutende Kosten ver- «riecht. Die Konkurrenz der Handwerksmeister konnte also nicht, wie sonst allerorten, durch die Vortheile der großkapitalistischen Betriebsweise aus dem Felde geschlagen werden, sondern nur da- durch, daß mit Material nnd Arbeit möglichst gespart, d. h. schlechter gebaut wurde. Durch die unsolidere Bauart aber wurde die Verantwortlich- keit des Bauleitenden vergrößert. Der Kapitalist suchte daher ein Mittel, die Verantwortlichkeit von sich abznwälzen. Der bessere Meister hütete sich natürlich, sie zn übernehmen und damit war die letzte Möglichkeit eines weiteren Zusammengehens von Kapitalismus und altem Handwerk geschwunden. Da die Gewerbefreiheit jedem, er sei wer er wolle, gestattete, ein Haus zn bauen, übertrugen die Kapitalisten zweifelhaften Elementen. die sich dazu hergaben. die Bauleitung nnd damit die Verantwortlichkeit für die ÄuSführung des Baues. Doch nicht genug damit. Das Kapital hatte noch einen ingeniösen Einfall. Es benützt« diesen vorgeschobenen Strohmann zugleich dazu, ihm auch alles finanzielle Risiko abzunehmen. Es geschah dies in der Weise, daß der Kapitalist das zu bebauende Grundstück an diesen Strohmann verkaufte, der somit nomineller Besitzer desselben wurde. Diese Strohmänner. Bauunternehmer genannt, waren theils Gesellen, die infolge ihrer längeren Praxis des Lmiick" wirklich etwas vom Bauen verstanden, theils aber auch in anderen Berufen gestrandete Existenzen. Sie hatten nichts zu verlieren, da sie kein eigenes Vermögen besaßen; ebenso wenig fürchteten sie sich vor etwaigen Strafen infolge der schlechte» Bauart. Die Haupt- fache für sie war. daß sie ei» ungebundenes Leben ohne schwere Arbeit führen konnten nnd möglichst viel verdiente». lieber die Art und Weise der Ausführung dieser Spekulations- bauten, die man kurzweg mit dem Namen„Schwindelbaulen" zn bezeichne» pflegt, ist schon so viel geschrieben worden, daß sie im allgemeinen bekannt sein dürste. Wir wollen uns daher in folgen- dem ans eine möglichst kurze Skizzirung beschränken. Die wichtigste Person bei der Bauunternehmung ist nicht der eigentliche Bauunternehmer, sondern der Geldgeber. Er ist ein gröberer Kapitalist; meist sind es sogar zwei oder mehrere, die das Geschäft zusammen betreibe». Sie kaufen große Grundstückkomplexe und verwerthen sie als Ackerland, bis die Bauthätigkeit in die be- treffende Gegend vorgeschritten ist. Dann legen sie, meist mit städtischer Unterstützung, Straßen an, parzelliren den Baugrund auf beiden Seiten der Straße und verkaufen die einzelne» Grundstücke an Bauunternehmer. Da diese der Regel nach ganz mittellos sind oder höchstens so viel besitzen, um die Stempelgebühren bezahlen zu können, so wird der Preis deS Grundstücks als erste Hypothek ein- gelragen. Die Höhe dieses Preises ist dem Bauunternehmer ganz gleichgiltig da er ihn doch nicht bezahlt; der Geld- geber aber normirt ihn so hoch als möglich. Die Kosten des Baues trägt der Geldgeber; er zahlt in größeren Raten, meist nach Beendigung eines Slockiverks. Würde der Bauunternehmer alles zuni Bau erforderliche Geld erhalten, so wäre eine Schädigung der an dem Bau arbeitenden Handwerker im allgemeinen ausgeschlossen. Das Geld, das der Unternehmer erhält, reicht aber bei weitem nicht aus. Es deckt höchstens zwei Drittel der Kosten. Das noch sehlende muß er auf irgend eine Weise beschaffen. Da der Werth der beiden ersten Hypotheken(Grundstückswerth und Bauhilfsgelder) oft den wahren Werlh des fertigen Hauses schon übersteigt, ist eine dritte Hypothek sehr schwer zu erhalten. Dem Unternehmer bleibt daher »ichis anderes übrig, als den Handwerkern einen Theil schuldig zn bleiben oder ihnen dafür die dritte Hypothek zn geben. Bleibt er schuldig, so zahlt er ihnen bei dem nächsten Bau von de» Bau- gelder», um sie nicht zu entmuthigen und bleibt hier wieder schuldig. Tics geht so lange, bis er sich keinen Rath mehr weiß. Dann läßt er die Häuser snbhastiren, leistet wohlgemuth den Offenbaruugseid und beginnt sein sauberes Spiel ringehindert von neuem. Erhalten die Meister eine Hypothek, so fällt sie bei einer Subhastation gewöhnlich aus; als Bieter bei dieser Ver- steigerung auftreten können sie vielfach nicht, da sie nicht im stände sind, die übrigen Hypotheken zu reguliren, oder sie wolle» es nicht, da ihnen dann das Haus oft jahrelang auf dem Halse bleibt. Diese eben geschilderte Form der kapitalistischen Unternehmung hat einen vollständigen Sieg über die großbetriebliche Unternehmung der Baubanke» davongetragen. Die Baubanken haben theils unter großen Verlusten liqnidire» müssen, wie z. B. in Karlsruhe, theils haben sie den Bau in eigener Regie ausgegeben und sind in der gleichen Weise wie die privaten Geldgeber lhätig, wie in Breslau, theils arbeiten sie noch immer in der alten Weise fort, sind aber be- deutend zurückgedrängt worden, ivie in Berlin. Wie können nun die Handwerksmeister vor Schädigungen durch derartige Bauschwindler geschützt werden? Vielfach wird ihnen der gute Rath gegebe», sie sollen nicht so leichtsinnig und leichtgläubig sein und sich erst genau nach den Vermögcnsverhältnissen des Bau- Unternehmers erkundigen, che sie sich an einem Bau bethciligcn. Dieser Rath ist ja gewiß sehr wohlfeil; aber man vergißt dabei, daß die Meister durch ihre traurigen Verhältnisse oft gezwungen sind, um jeden Preis Arbeit anzunehmen, selbst wenn der Bau- Unternehmer noch so wenig ihr Vertrauen besitzt. Eine schivache Hoffnung, daß sie wenigstens zum theil bezahlt iverden, habe» sie ja auch dem geriebensten und kreditnnwürdigsten Unternehmer gegen- über. Ueberdies darf man auch nicht übersehen, daß die Meister oft eigentlich garnicht geschädigt sind, da sie in anbetracht des großen stiisikos von vornherein mehr verlangt haben, als ihre Arbeit werlh war, nnd daß sie daher durch Bezahlung eines Theiles ganz oder fast ganz entschädigt sind. Sollte es der Regierung gelingen, durch ei» Gesetz den Bau- schwinde! vollständig zn beseitigen, so wäre den kleineren Handwerks- meistern nur wenig geholfen. Denn da mit der Uebernahme von Wohnungsbauten dann kein besonderes Risiko mehr verbunden tväre, würde» die großen Meister, die sich Heu: auf Bestellnngsbaute» und behördliche Bauten beschränken, sich diesem Ziveig der baugewerb- lichen Thätigkeit sofort wieder znwenden»nd dadurch den kleinen Meister auch von diesem Feite verdrängen. Die großen Meister scheine» sich über diese weitere Entivickelung ziemlich klar zn sein und deshalb verlangen auch sie energisch gesetzliche Maßnahmen, natürlich nicht mit Angabe ihrer wahre» egoistischen Gründe, sondern unter Vorspiegilling ansrichligen Mitleids mit den geschädigten kleinen Meister»._ Das Münchenev Schee Geureebe. Der Niedergang des Handwerkerstandes und die unausgesetzte Agitation der Handiverker, von der Gesetzgebung Schutz gegen diese sie bedrückenden Mißstände zu erlangen, haben eine Anzahl recht interessanter Monographien über die wirthschastliche Lage der ein- einzelnen Gewerbe veranlaßt, durch welche das dürftige statistische Material, das bisher zur Versügung stand, ergänzt und unsere Kennt- nib über die Ursachen des wirthschastliche» Niederganges des Handwerkerstandes bedeutend erweitert wird. Als eine solche verdienst- volle Studie ist auch die vor uns liegende über d a s M ü n ch e n e r Schrei nergeiv erbe von Dr. T h u r n e y ß e» zu bewillkommnen, welche die Vielgestaltigkeit des Schreinergewerbcs sorgfältig unler- sucht»nd in nianche dnnkelcn Ecke» und Winkel hineinleuchtet. Es würde zn weit führen, wollten wir in Einzelheiten dieser Unter- suchungen eingehen, aber wir können uns nicht versagen, einzelne Ergebnisse dieser Forschungen in, Auszug wiederzugeben. München gehört nicht zu den Zentren ver Möbelindustrie, die Großindustrie hält sich noch in bescheidenen Grenzen und läßt dein kleine» Handwerker einige» Spielraum. Trotzdem ist die Lage der K l e i n>» e i st e r eine sehr b e d r ä n g l e. Der Verfasser weiß dies in anschaulicher Weise darzulegen. Er zeigt durch eine Schilderung der kunstgewerbliche» Entivickelung sowie der technische» Fortschritte im Schreiuergewerbe. daß auch i» München die Verwendung von A r b e i t s»i a s ch i» e n zu- genonuneil hat und damit auch ei» Fortschritt zum Großbetrieb vor- hande» ist. So zählte man in» Jahre 1882 in München 24 Betriebe mit 288 Gehilfen, in denen ilementare Kraft benutzt wurde. Im Jahre 1895 iveist die bayerische Holz-Berufsge»osse»schaft in München bereits 62 Schreinereien niit 979 Arbeitern auf, die Krnftbetrieb eingeführt hatte». Die übrigen Betriebe machen sich fast ohne Ans- nähme den Maschinenbetrieb»utzbar, indc»» die größeren Geschäfte das Schneide» und Hobeln des Holzes in Lohnarbeit übernehmen. Wie weit sich die Anschaffung von Maschinen für den Kleinbetrieb rcntirt, beurtheilt der Verfasser sehr richtig, indem er schreibt:„Dies führte uns zu der weiteren Frage, ob sich für den Kleinbetrieb im Interesse der Erhaltung seiner Konkurrenz- sähigkeit unter Umstäude» die Anschaffung von Maschinen empfehle. ... Wir müssen, um es gleich zu sagen. die Zweckmäßigkeit der Anschaffung von Maschine» für den Kleinbetrieb in der Tischlerei-- mit geringen Ausnahmen— ganz entschieden in Abrede stellen.... In einem größeren Säge- und Hobelwerk stehen die Hobelmaschinen alles in allem de» vierten Theil des Jahres still, ebenso in einer größeren Bauschreinerei, ebenso in einer Stuhl- und Polstergestell- Fabrik. Um wieviel weniger kann sie der kleinere Schreiner aus- � Wnttßag, 13. Uei 1897. nützen! Kommt man i» eine solche Schreinerei hinein, so ist gewöhnlich keine von den Maschine» im Gang; fragt man dann, ivie sie sich rentircn, so lautet in der Regel die Antwort: sie sind schon eine große Erleichterung, nur sollte man sie halt besser ans- nutzen können. Es ist unglaublich, wie winzige Betriebe zuweilen mit Maschinen und elementarer Kraft arbeite»! Namentlich seit der Ausstellung von 1833 ließen sich manche Meister verleite», Maschinen anzuschaffen; der allgemeine Aufschwung der Zeit trug mit dazu bei. Ein Theil von ihnen mußte es mit dein Bankrott büßen, ein anderer, dem es nicht gelang, sich zu vergrößern, lebt so fort, hat es aber auch schon bereut." Macht sich in der Möbelindustrie die starke Konkurrenz von Berlin und Sachse» geltend, so ist in der Bauschreinerei eine nicht minder große Konkurrenz durch die sehr vortheilhafte Ausnutzung der Maschinen i» Großbetrieben erwachsen. Zum theil haben die Zimmermeister die bessere Arbeil an sich gerissen; nicht selten werden die gebräuchlichste» Fabrikate auf Lager ge- arbeitet und erdrücken durch ihre Massenherstellung die Konkurrenz. Noch rasfinirlcr verstehen es einige Bauunter- nehmer, Arbeitern, die im Besitze von Werkzeug sind, Aufträge zu übergeben, wobei die Rohmaterialien von dem Bauunler- nehmer geliefert werden, und die Entlohnung des scheinbaren Meisters keineswegs über den üblichen Gesellenlohn hinausgeht. Denjenigen, die im K u n st g e w e r b e gute Aussichten sür daS Handwerk erblicken, sagt der Verfasser: „Noch immer stark verbreitet, zumal unter denen, die sich dem Handwerk zuwenden wollen, ist die Ansicht, in der Kunst- tischlerei sei sür den kleinen Meister„noch etwas zu machen". Lebhaft widerspricht dem die allgemeine Lage der Münchener Knnstschreinerei. Trotz guten Könnens bringen es nur ganz wenige zu etwas; Mangel an Kapital u n d kaufmännische Umsicht, oft eine gewisse Unzugänglichkeit fallen hier schwer ins Gewicht. Einige besonders tüchtige Meister, die das Glück habe», in größerem Maßstabe für ihre Kundschaft zu arbeiten, die noch Preise zahlt, führen ein befriedigendes Dasein. Einzelne», bei oenen jene Voraussetzungen gegeben sind, gelingt es dann wohl, in die Reihen der Großbetriebe oder nahe an ihre Grenze auszusteigen. Den meisten Kunstschreinern aber werden feine Austräge nur spärlich zu theil, trotz bescheidener Preise, durch die sie sich im allgemeinen vor den Möbelfabriken auszeichnen." Zwei alte M a g a z i n- G e n o s s e n s ch a f t e», die eine ini Jahre 1869, die andere im Jahre 1873 gegründet, habe» dem Ver- sasser Gelegenheit gegebe», auch diese Seite der Handwerkerfrage zu prüfen. Seine Angaben sind nicht sehr ermuthigend für diejenigen. die solche» Unternehmungen große Bedeutung beilegen. Die erste Genossenschaft zählt 75, die zweite 23 Mitglieder. Die Preise in diesen Magazinen sind etwas höher als in anderen gleicher Art. Es sind kleine und mittlere Meister, meist besser situirt, die der Genossenschaft angehöre». Doch liefern immer nnr die wohlhabenderen und geschickteren regel- mäßig und viel in das Ge»ossenschaftsniagazi>i, einzelne darunter sür 16 Ovo M. und mehr ini Jahr. Ein großer Theil— weitaus die Mehrheit— macht von dieser Verkanfsgelegen- heit kaum oder nur wenig Gebrauch. Ueber das stnanziell« Resultat wird gesagt, daß bei einem Umsatz von 35(XX) M. in, letzte» Jahre die zweite Genossenschast bei 15 pCt. Vcrkaufsgebühr ihre Spesen nicht decken konnte, sondern tüchtig draufbezahlt hat. Der Eintritt in diese Genossenschast kostet gegenwärtig 696 M., während in der andere» diese Sumnie sich auf 2999 M. erhöht. Das finanzielle Ergebniß gestaltet sich hier etwas besser, weil die Genossenschast ein ihr gehöriges Grundstück vortheil- Haft verkaust hat. Bezeichnend jedoch für die Stimmung unter den Meistern ist die Thatsache, daß»ach Abschluß dieses glücklichen Ge- schäfls der Wunsch vieler dahin ging, das Geschäft aufzulösen nnd das Vermögen zu theilen. Nur der Energie des Vorstandes gelang es, daß dieser Wunsch nicht Beschluß wurde. Neben diesen Genossen- schastcn besteht der allgemeine Gewerbeverein, dem auch viele Groß- industrielle angehören. Er verlieh im letzten Jahre 39 999 Mark zu 6 pCt. an seine Mitglieder. Ein sehr respektabler Zinsfuß, der nach»»serer Meinung genügt, um de» kleinen Handwerkern den Gnadenstoß zu geben. Im Jahre 1889 hat der Verein eins Gewerbehalle errichtet, in der Schreiner ihre Möbel zum Verkauf ausstellen. Bezüglich des Geschäftsganges heißt es im Jahresbericht vom Jahre 1891:„Nach einer mehr als dreijährigen Betriebszeit hat der Ausschuß auf grund der bisherigen Ergebnisse gefunden, daß bei der schon erwähnte», seit langem herrschenden gedrückten Geschäftslage und bei der immer mehr wachsende» Konkurrenz die auf das Unternehmen bei seiner Gründung gesetzten Hoffnungen üch bis jetzt nur zum kleinen Theil verwirklicht haben". Und der Verfasser setzt hinzu, daß seitdem der Umsatz eher zurück- gegangen ist. Nicht unerwähnt mag die kurz gefaßte Entivickelung der Arbeiterorganisation im Münchener Schreinergewerbe sein, sowie die Schilderung der h y g i e n i s ch e n M i ß st ä n d e in diesem Beruf, über die der Verfasser an einer Stelle seinen Eindruck wie folgt iviedergiebt:„So sieht es in einer größeren Parkettfabrik trostlos aus. Ei» dicker Mehllhau lagert über allem und durch- dringt die Luft im ganzen Rain», so daß,>ver es nicht gewohnt, Mühe hat, zu athmen. Als ich nach kurzer Zeit den Raum verließ. waren Augen und Nase erfüllt von feinem Holzstaub. Die Arbeiter machte» einen sehr heruntergekommeiien Eindruck." Es wird nach alledem begreiflich erscheine», daß der Verfasser i» seiner schließlichen Zusa»>melifaffu»g dem kleinen Handwerks- meister im Schreinergeiverbe keine guten Aussichten eröffnet, weun er auch nicht zn dem Schluß gelangt, daß die weitere Eutwickelmig zur absoluten Vernichtung dieses Handiverks führen muß. Der Verfasser hält hier etwas zurück, die Schlußfolgerungen klar und bestlniint zu ziehen. Er glaubt, daß die kleinen Betrieb» für Knndenarbeit kunstgewerblicher Leistungen noch lebensfähig sind und sagt von der Bauschreinerei:„Auch sür de» kleine» Bauschreincr wird es immer noch Absatzgebiete geben, dafür sorgen in erster Linie die Banspekulanten." Ein schlechter Trost, denn damit wäre ae» kleinen Banschreinercie» das Grab gegrabe». Die weitere Lebens» sähigkeit weniger besonders gearteter Betriebe kann aber für de» allgemein beobachteten Entwickelungsgaug nicht von Bedeutung sein. Der Verfasser vermeidet absichtlich auf die gcgenwärligei, Handwerkersorderungen einzugehen und empfiehlt de» Meistern nicht auf Kosten ihrer Arbeiter niedere Preise zu stellen, sondern dem Beispiel der Berliner Jnnungsmeisler zu folgen, die anläßlich der letzten Lohnbewegung beschlossen, in diesem Punkt mit de» Gesellen zusaiumenzugehen. Der Rath ist gut gemeint, aber die Herren Jnnungsineister werden ihn kaum befolgen, und es ist fraglich, ob in Berlin dieser vernünftige Standpunkt»och lang« innegehalten wird, den» schon mache» sich Stimmen bemerkbar, di» eine Schwenkung der Innung herbeiführe» wollen. Jedoch dies« kleinen Differenzen zwischen unserer Auffassung nnd der des Ver- fassers beeinträchtige» unser Urtbeil nicht in der Abschätzung deS Werthes, den die Arbeit sonst bietet. NommunÄles. Die BerkehrSdcpntation hat gester» Abend über die Vor«. schlüge der Pferdebahndirekloren betreffs des Vertrages über die Umwandlung des Pserdebetriebs in elektrischen Betrieb beralhen. An dem von der Stadtverordneten- Versammlung beschlossenen Vertrag hatten die Gesellschaften mehrfache Ausstellungen gemacht, die der Depntatio» formulirt vorlagen. Einige Punkte mehr neben- sächlicher und redaktionellerNatur wurden nach den Wünschen derDirer- toren geändert, während bei anderen gleichgearteten Bestinimuiigen dir Beschlüsse der Stadtverordneten aufrecht erhalte» wurden. Von ivesent« lichem Interesse sind die Beschlüsse derDeputation i» folgende» Punkten: Die Forderung der Gesellschafte», b«i dem Bau neuer Linie» n-ährend der SBevhagSbiuiet eventuell höhere Zuschüsse zu de» Buukofteu zu erhnlteu. ist abgelehnt worden. Die Höhe der Gewiunbetheilignng der Stadt an dem Reinertrag des Unternehmens ist ebenfalls festgehalten worden, so daß nicht, wie die Direktoren forderten, die Stadt erst, nachdem das gegenwärtige Aktienkapital mit lö pCt. Dividende bedacht ist, mit der Hälfte an dem iiberschießende» Reingewinn betheiligt wird. sondern diese Betheilignng schon nach einer Dividende von 12 pCt. eintritt. Neben dieser Beiheiligung am Reingewinn haben die Gesell- schafte» eine Abgabe von SpCt. von der Brntto-Einnahine an die Stadt zn zahlen. Ein weiterer Widerspruch bezog sich auf die beschlossene Beseitigung der für die Schaffner gefährlichen Trittbretter an den Sonnnerwagen. Die Gesellschaften verlangen Beibehaltung dieser Einrichtung. Die Deputation beschloß, diese Wage» von dem elektrischen Betrieb gänzlich auszu- schließen und im übrigen die Gesellschaften zn verpflicbte», diese Wagen binnen drei Jahre» auch aus dem Pferdebahn-Verkehr zu entfernen. Den Kardinalpunkt der Gesellschaftsforderungen bildet das Mitbenutzungsrecht fremder Unternehmer. Die Direktoren weigern sich, in eine Mitbenutzung über 400 Meter hinaus zu willigen und machen von diesem Punkt den Abschluß des Vertrages abhängig. Die Deputation beschloß, diese Forde- rmig zu bewilligen, mit der Maßgabe jedoch, daß jede Gesellschaftslinie von mehreren fremden Unternehmern bis zum Höchstbetrage von 400 Metern mitbenutzt werden kann. Weitere Aenderungen des Vortrages waren nicht beansprucht. Die Deputationsbeschlüffe werden in der Magistratssitzung am Freitag zum Vortrag und zur Beschlußfassung gelange», so daß die Stadtverordneten- Versammlung in der Lage sein wird, nächste» Donnerstag die Angelegenheit endgiltig zu erledigen. Der Magistrat einer königlichen Haupt- und Residenzstadt scheint sich die Schneidigkeit, die in letzter Zeit bei preußischen Ministern Sitte geworden ist, im Umgange init Stadtverordneleu zum Muster genommen zu haben. Gestern Abend berieth die Ge- Werbedeputation über die Frage der Ausdehnung der Krankenversicherung auf die städtischen Anges.elllen, die Hausindustriellen und die Handelsangestelllen. Bekanntlich hat der Magistrat es abgelehnt, die städtischen Angestellte» und die Handelsangestellten in die Kraukenversicherung ein- zubcziehen. Ein Mitglied der Deputation aus de» Reihe» der Stadtverordnete» fragte in der gestrige» Sitzung ei» zum Magistrat gehörendes Mitglied, das über die Angelegenheit rcsc- rirte,»ach den Gründen, die in Magistratskreiso» ausschlaggebend gewesen seien, um sich dem genannte» Antrage gegenüber ablehnend zu verhalten. Die Antwort des Magistralsmitgliedes ging befremdlicherweise dahin, daß es ihm nicht zukomme, auseinederarligeFrageAntworl zu geben. Die einzelnen Reden, die bei Erörterung der'Augelegen- heit gehalten seien, könne er nicht wiedergeben und der Deputation als solcher nnisse der Magistratsbeschluß ohne weitere Begründung genügen, über Gründe rverde nicht abgestimmt. Das ist forsch! Bezüglich der H a u s i n d u st r i e l l e n hat die Gewerbe- deputalion in ihrer gestrigen Sitzung nach Anhörung des Referenten beschlossen, die Angelegenheit nochmals einer Snbkommissiou zn überweisen; dieser Kounnission ist die Befugniß zugestanden, zur Information Personen aus de» Interessentenkreisen zu ihren Vcr- Handlungen hinzuzuziehen. Es ist bedauerlich, daß der Magistrat sich durch den Petitions- stürm, der in Unteniehmerkreisen gegen die Neuerung organisirt wurde, verblüffen und zum Riiclzng bewegen ließ. Sache der Arbeiterorganisationen ist es nun, mit vollem Nachdruck die Interessen der Arbeiterschaft gebührend zu Gehör zn bringen, damit der sozialpolitische Forlschritl, de» die Ausdehnung der jtrankenvecsiche- rung unzweifelhaft bedeutet, nicht zu gunsten eines prosithungrigen und e»gh«rzigen Unlernehmerthums aufgehalten werde. Der Unterricht in den sechsten Klassen i» de» Gemeinde- schule» findet gegenwärtig wöchentlich in 22 Stunden statt. In den LeHrcrfreise» und in den Kreisen der Aerzte ist vielfach die'Ansicht verbreitet, daß diese Stundenzahl für das zarte Kindesalter eine zu hohe ist. Die städtische Schuldeputation hat in ihrer gestrigen unter Bor- sitz des Bürgermeisters Kirschner stattgehabte» Sitzung beschlossen, bei den Aussichtsbehörden den Antrag zu stellen, die Schulstunden obligatorisch auf IS Stunden in den sechsten Klaffen der Gemeindeschule», annlog den Vorschulenklafsen bei den Gymnasien, herabzusetzen. Inden hiernach freiwerdenden vier Stunden sollen die Kinder i» Handserligkeits- Unterricht und körperliche» Uebnngen unterwiese» werden. Zins de» dringenden Antrag der Eltern könnten die Kinder jedoch hiervon befreit werden. Wir pflichten der Anschauung bei, daß die Unterricdts- zeit, die sich in der unleren Klasse zum theil bis auf fünf Stunden täglich ausdehnt, für sechsjährige Kinder zu lang ist. Es kommt noch Hinz», daß diese Kinder zum theü schon morgens nur 7 Uhr in der Schule sei» müssen. Eine eigentliche Erleichterung bedeutet unseres Erachtens der hier gestellte'Antrag aber kaum. Eine Entlastung, die keinerlei schädliche Folgen auf den geistigen Forlschritt der Kinder ausüben würde, könnte man herbeiführen, wenn man die Religious- stunden vom Lehrplan streiche» wollte. Die Terraingcsellschaft»Neues Hansavierlel" hat bei de» städtischen Behörden den Antrag gestellt, die auf ihre Kosten z» erbauende Fußgängerbrücke über die Spree im Zuge der Straße«Siegmnndshos" in das Eigenthum und die Unter- Haltung der Stadtgemeinde zu übernehmen. Die städtische Baudeputation hat tinter Vorsitz des Siadtralhs Voigt beschlossen, den Antrag, vorausgesetzt der Zustimmung der städtischen Behörden, zn genehmige», sofern die Gesellschaft eine noch näher z» bezeichnende Summe hierfür zahle.— Ferner beschloß die Deputation, den Gemeindebehörden den Erwerb einer zur Verbreiterung de r A l e x a n d r i n e n st r a ß e erforderlichen Fläche des Grundstücks Alexandrinenstr. 2 zu empfehlen. NoKslles. Die Geuosseu des fünsteu ReichStags-WahlkreiscS werden auf die heutige Versammlung bei Buske, Greuadierstr. 33, besonders aufinerksam gemacht. Insbesondere werden diejenigen Genosse», die dem aufgelösten Wahlvereine angehört haben, um ihr Erscheinen gebeten. Jni Anschluß hieran machen wir wiederholt aus die Zahl- stellen des Sozialdemokratischen Vereins für den fünften Berliner Reichslags-Wahlkreis auf- merksam, in denen Mitgliedsbücher ausgestellt und Beiträge an- genommen werden: Knelsch, Hirtenflr. 10; Merlins, Landwehrstraße 11; Richter, Neue Königstr. 90: Schmidt, Luisenstraße; Witschow, Elsasser- und Hauiburgerstraßen-Ecke. Der Vorstand. Neber den Sport in Arbeiterkreisen stellt ein Blatt, das so thut, als ob es das Gras wachse» höre, allerhand lhörichte Be- trachtnugen an. Die Ausbreitung des Sports im Proletariat werde von sozialdemokratischer Seite mißbilligend beurtheilt; die Erscheinung aber, daß auch in den Arbciierkreisen der Sport immer mehr heimisch werde, sei selbstverständlich mit großer Freude zu begrüßen. Sie biete eine Garantie dafür, daß die von der politischen Obervormundschaft, dem„Vorwärts", geschürte Unzufriedenheit mehr und mehr verschwinde. Die Verzweiflung darüber, daß der Arbeiter nun einmal nicht von der Sozialdemokratie abläßt, scheint auf das Geistesvermögen unserer Gegner die betrübendflen Wirkungen auszuüben. Anders ist ein so thörichtes Gefasel nicht gut zu erklären. Wenn von unserer Seite eine Mißbilligung ausgesprochen worden ist. so kann sie sich mir gegen das ausbeutnngswüthige Unternehmerthum gekehrt haben, das dem Arbeiter weder zu geistiger noch zu körper- licher Ausbildung Zeit läßt. Will aber das Blatt partout die Probe auf das Exempel macheu, so sollte es seine Stimme dafür einsetzen, daß zwecks Ausrottimg der Sozialdemokratie jedem Ar- beiter von Staats- oder Unternehmer wegen ein Fahrrad znr Ver- sügung gestellt werde. Wir sehen den Wirkungen dieses neueste» Mittels zur Sozialistentödtung mit Gemüthsruhe entgegen. Dem Brandnugliick in Paris widmet das„Zentralbl. der Bauv." einen längeren fachmännischen Artikel, welcher zu folgenden Schlußbetrachtungen kommt: Es ist nicht zu vergessen, daß der Bazar kein Hans für öffentliche Vorstellungen war und mir als Ausstellungsraum betrachtet werden kann. In bezug auf solche Bauten ist nicht allein in Paris, sondern auch anderswo früher ge- fehlt worden. Man braucht blos an die ehemaligen Gemäldesäle am Kantian-Platz, an den ersten Bau der Hygiene-Ausstellung in Berlin zu erinnern; man denke an die vielen leichten Holz- bauten, die bei Schützenfesten, bei Landes- und Gewerbe-Ausstellungen, auf Jahrmärkten u. s. w. errichtet werden. Wenn solche Gebäude nur bei Tage geöffnet werden, denkt gewöhnlich niemand an die Möglichkeit eines Brandes oder einer Panik. Es ist deshalb eine ernste Lehre und Warnung ans dem schrecklichen Ereigniß zu ziehen: die Lehre, mit welcher rasenden Schnelligkeit ein solches Zerstörungs- werk vor sich geht und die Warnung, bei solchen für vorübergehende Zwecke errichteten Bauten, namentlich Ausstellnngsbauten aller Art, womöglich noch mehr Vorsicht und Strenge zum Schutze der Besucher zu beobachten, als bei dauernden Werken. Vor allem wird man für viele, breite und bequem vertheilte Aus- gänge sorgen und sich nicht darauf verlassen dürfen, daß eine Bretterwand leicht zu durchbrechen ist. Dazu bleibt unter Umständen gar keine Zeit, oder die Glulh des Feuers ist gleich so stark, daß sie dieses Retlnngswerk unmöglich macht. I» dieser Hinsicht weise» manche polizeiliche» Verordnungen Lücken auf. zn deren baldiger Ergänzung der entsetzliche Pariser Unglücksfall hoffentlich die Ver- anlassung werde» wird. Tie Garicnban-Niiöstrllnng hatte während der letzten drei Tage ihres Daseins das Eintrittsgeld auf bO Pf. herabgesetzt und dadurch auch den Minderbemittelten ihrePforlen geöffnet. Wie die Dienerschaft nach beendetem Festmahl sich an den immerhin noch annehmbaren Reste» der herrschaftlichen Tafel gütlich thun kann, so dursten die Fünszig-Pfennig-Gäste die Ueberbleibsel des Blnthen- reichthnms bewundern, den die Eine-Mark-Zahler in voller Schön- heit zu genießen Gelegenheit hallen. Der üppige Blüthenschmuck der'Azaleen hatte nur wenig von seiner Fülle eingebüßt; dagegen war die Pracht der Rosen in der weiten Halle des Chemie- gei'äudes stark im Schwinden. Viele dieser Blumenkünigiuuen glichen verblichenen Schönen, andere deckten bereits mit ihren Blättern den Rasen. In noch höherem Grade machte sich die Vergänglickkeit an de» blühenden Fliederbüschen bemerkbar, deren zartes Violet in schmutziges Gelb verwandelt war. Ein nahrhaft trostloses Bild des Absterbens bot die Abtheilung für Binderei. Die kunstvollen Arrangements abgeschnittener Blumen waren zum theil gänzlich verwelkt, so unter anderem die Kornblumen und Orchidee», ivomit ein patriotischer Gärtner eine sauber kalli- graphirte Drei-Kaiser-Verherrlichuug eingerahmt hatte. Hoffentlich ist des Ausstellers Patriolismus daucrhasler wie die Pracht der Bliithen, welche er zn deffen Bekundung verwendete. In unver- minderler Schönheit präsentirlen sich dagegen die zahlreichen Palmen und Blallpflanzen auch dem Auge des Fünfzig- Pfennig- Zahlers. Humanes von der Polizei. Knebel aus Stahl werden ver- suchsweise bei der hiesige» Kriminalpolizei zur Einfichrung gelangen. Bei Verhaftung«» und Sistirmigen wird bis jetzt in Nothfälle» ein lkuebel in Benutzung genommen, welcher aus Darmsaite hergestellt ist und der, besonders wen» der. zu Sistirende sich als renitent er- weist, demselben lief ins Fleisch eindringt und Strangulations- marken, ja selbst erhebliche Verletzungen hervorruft. Ein Schlosser in Köln hat nnnmehr eine» neue» Knebelnpparat aus Stahl an- gefertigt, welcher einerseits die Möglichkeit derartiger Verletzungen ausschließt, andererseits aber leicht zu handhaben ist. Selbst schiväch- lichc Leute sind in der Lage, bei Anwendung dieses Jnstrum.utes die widerspenstigsten Personen zu bändigen. Ter Apparat, von welchem das Polizeipräsidium probeiveise zehn Exemplare bestellt hat, ist bei der Kölner Polizei schon eingeführt worden. Ter Polizeipräsident hat seinen Entwurf einer neue» Polizei- Verordnung üder den Verkehr mit Milch vorläufig zurückgezogen mit der Begründung, daß zunächst»och Erhebung«» angestellt werden sollen. Man wird nicht fehlgreife», so meint die„Vossische Zeiluug", wen» man diese Maßnahme mit Eingaben der Berliner Milch- pächler au die Minister des Juneru und der Landwirthschajt i» Verbindung bringt, worin sie sich gegen den neuen Entwurf ausspreche». Das Fahrrad als Hiuderuiff der Verfrommun«. Eine hiesige Korreipoudcnz lheill folgendes Vorkommuiß mit: Sonntag Abend gegen 6>/« Uhr waren mehrere Radsahrer auf der Rücktonr begriffe» und fuhren im langsame» Tempo die Samariterstraße ent- laug. Vor der Samarilerkirche war ein Schutzmann poslirt, der plötzlich de» Radfahrer» gebot, abzusteigen. Ans die Frage nach dem Grunde dieses neuesten Fahrverboles, erklärte der Mau» des Gesetzes, daß während des Goilesdieustes ei» Radfahren in der Nähe der Kirche verboten sei und er strenge Ordre habe, hieraus zu achten. In der städtischen höhere» Webeschnle, Berlin 0., Markus- siraße 49, beginnt am Montag, den 17. d. Mls., ein Kursus in der Kurbelstickerei. Der Kursus dauert bei täglich sechsstündiger Arbeits- zeit 3 Monate und kostet öv M. Ein Nachtbild ans der Großstadt. In das U' ternichungs- gefängniß i» Moabit wurden gestern zwei Knaben, der vierzehn- jährige Schüler R. und der fünfzehnjährige Max T, eingeliefert. Beide Knaben sind des gewerbsmäßigen Taschendiedstahls beschuldigt und wurden bei Ausübung ihrer verbrecherischen Thätigkeil von einem nchljährigen Mädchen unterstützt. R. ist der Polizei bereits zum vierten Male zugeführt. Dreimal konnte seine Bestrafung nicht erfolge», weil er das erforderliche Alter von zwölf Jahren noch nicht erreicht hatte. Die Verwarnungen der Behörde haben sich als zwecklos erwiesen, nmsomehr, als er wahrscheinlich von den An- gehörigen in seinem Treiben unterstützt wurde. Den beiden Knaben wird eine größere Anzahl von Taschendiebstählen zur La» gelegt; es wird ihnen mmniehr eine wahrscheinlich ebenso harte wie nutzlose Strafe in Aussicht stehen. „Staatshilfe" für Obstpächter. Die W-rderschen Obst- Pächter, die an die Stadt Verlin für die ihnen am Reichstags-Ufer zur Verfügung gestellle» Plätze zum Ausladen und zur Feilhaltmig des Obstes jährlich 20 000 M. zahlen müssen, wollen denn Berliner Magistrat dahin vorstellig werden, daß diese Summe ans wenigstens 15 000 M. ermäßigt wird, da Werder mit den amerikanischen Aepfeln, die seit kurzer Zeit in großer Menge ans den Berliner Markt geworfen werden, bei dem hohe» Pachtpreise nicht mehr konlnrriren könne. Eine unerwartete Erbschaft im Betrage von dreißigtausend hölländischen Gulden ist dieser Tage einem hiesigen Einwohner, dem früheren Gastivirth, jetzigen Privatier Fritz H., zugefallen. Die Erblasserin ist niemand anders, als H.'s vor Jahren mit einem belgischen Kaufmann durchgebrannte Gattin, die vor einiger Zeit in Java gestorben ist. Unter Anzeichen von Bcrgiftuug ist vorgestern Abend gegen S Uhr der Kellner Auto» Pollack, der bei dem Schneidermeister Teskatz i» der Sebastin>!»raßt> 50 wohnte, gestorben. Pollack aß am Montag Vormittag geräucherte Flunder», die er sich ans einer Fisch- Handlung nach seiner Arbeitsstelle, Nestaurant Watzeck an der Ecke der Kommandanien» und Alte» Jnkobst-aße. hatte holen lassen. Nachdem er zum Abend noch Käse genossen hatte, begann er in der Nacht gegen 1 Uhr sich unwohl zu fühlen und über Mageuschinerzcn zu klagen. Es wurde ihm so schlecht, daß er sich im Geschäft hinlege» mußte und erst am andern Morgen um 7 Uhr nach Hanse gehen konnte. Zn Hause verschlimmerte sich sein Befinden noch und trotz ärztlicher Hilfe starb Pollack schon am Abend desselben Tages gegen 8 Uhr. Als der be- handelnde Arzt gestern Morgen den Todlenschein ausstellen wollte. fand er Anzeichen dafür, daß Pollack an Vergiftung gestorben sei. Die Polizei des 27. Reviers beschlagnahmte daher die Leiche und auch die Reste der Arzneien. Die sechzehn Jahre alte Näherin Konstanze Pudrihke aus der Fehrbellinerstraße wurde gestern Morgen vor dem Hause Chauffeestr. 85 besinnungslos und mit durchnäßten Kleidern auf- gesunden. Sie soll wegen ihres Lebenswandels von de» Ellern Vorwürfe erhallen und daraus versucht haben, sich zu ertränken; doch ist sie aus dem Wasser gerettet worden. Ein Schutzmann brachte sie in ein Krankenhaus. De» Tod durch Ueberfahren erlitt gestern Vormittag der Schönhauser Allee 88 wohnhafte Tischler Gustav Nteiuhold. Der- selbe kam auf dem Grundstück Fricdrichstr. 24 in Weißensee, auf dem gebaut wird, beim Ausweichen vor einem herannahenden, be- ladene» Möbelivagen zu Fall und gerieth unter die Räder. Mit gebrochene» Beckeuknoche» wurde der Verunglückte nach dem Kranken- Hanse Friedrichshain gebracht, woselbst er bald nach seiner Ein- lieferung verstarb. Umgefahren wurde gestern Abend gegen 6 Uhr an der Ecke der Alexander- und Holzmarktstraße eine Equipage von einem Brot- wagen. Die drei Insasse» stürzten auf das Straßenpflaster, kamen jedoch ohne erhebliche Verletzungen davon. Vollständig zertrümmert wurde gestern Morgen kurz nach 9 Uhr in der Fnedrichftraße beim Apollo-Theater die Anzeiger- droschke Nr. 1282 bei einem Zusammenstoß mit einem Bierwage» der Vereinigten Werderschen Brauereien. Der Kutscher stürzte vom Bock und lag unter dem Wage». Er wäre auch noch überfahren worden, wenn nicht jemand hinzugesprungen wäre und das Pferd angehalten hätte. Der Kriminalpolizei ist es gelungen, die Einbrecher, die in letzter Zeit den Osten der Stadt durch Einbrüche in Uhren- lüden beunruhigte», zu ermitteln und fesizunehme». Es sind die mehrfach mit Zuchthaus vorbestraften Einbrecher Wilhelm Kadach und Hans Nietiedt. Als Hehler sind festgenommen der unter Polizeiaussicht stehende, wegen Hehlerei mit Zuchthaus schon vor- bestrafte Schneider Ziems und die bei ihm wohnhafte, ebenfalls wegen Hehlerei mit Zuchthaus bestrafte verwitlwete Bertha Nietiedt, die Mutter des Hans Nietiedt. Ein Theil der gestohlenen Uhren ist bereits ermittelt worden. Warnung. Eine Firma W. Gunther u. Co. in London WC., 10 Fealherftone Buildings, Holborn, versendet nach Deutschland gedruckte Prospekte i» deutscher Sprache, wonach sie„große, zu ihrer Versügung stehende Kapilalien" a» Personen, die sich in Geld- Verlegenheit befinden, gegen einfache Unterschrift und 5 pCt. Zinsen bei vorheriger Einsendung einer Provision von 2 M. auszuleihen sticht. Form und Inhalt des Prospekts, in den, sich zahlreiche Sprach- und Schreibfehler finden, lassen, wie der„Staats-A»z." schreibt, keinen Ziveifel darüber bestehen, daß es lediglich daraus abgesehen ist, leichigläubige Personen um die Provision von 2 M. zu schädigen. Da sich immer wieder Leute finden, die sich durch solche handgreisliche» Betrügereien bethö.en lassen, so kann vor An- erbietungen dieser Art nicht dringend genug gewarnt werden. Einem schweren Verbreche», das in das Jahr 1886 zurück- datirt, ist man jetzt durch die Selbstbezichtigung des Thälers auf die Spur gekomme». Es wird darüber folgendes gemeldet: Ein im Zuchthaus zn Halle a. S. befindlicher schiverlranker Straf- gefangener S. hat dem dortigen Aiistallsgeistlichen die Mit- theilung gemacht, daß er am 4. Februar 1838 in oder westlich von Berlin in Gemeinschaft eines gewissen M. ein etwa 17jähnges Mädchen mit Vornamen Anna in einer Droschke betäubt und ver- gewaltigt habe. Das Mädchen sei, nachdem es wieder zum Bewußt- sei» gekommen, davongelaufen und schließlich von einem Kahn aus in Charloltcuburg ins Wasser gesprungen und ertrunken. Personen, welche Über diesen Vorfall irgend welche näheren Angaben machen können, wollen sich in den Vormiltagestunden von 9 bis 12 Uhr im Polizeipräsidinm am Alexanderplatz. Eingang IV von der Stadt- bah», Zimmer 35, einfinden. Slraßensperrungen. Die Charlottenbnrger'Ehauffee von der Siegcsallee bis zum Kleinen Stern ausschließlich der Straßen- kmiznugen an beiden Enden dieser Strecke wird behnss Asphaltirung vom 17. d. M., die Oranienstraße vom Elisabethuser bis zur Adalbertstraße vom 13. d. M. und die Scharnhorstslraße von dem Südtheile der Kieler Straße bis zur Pauke behufs Umpflasterung ebenfalls vom 13. d. M. ab bis auf iveileres für Fuhrwerke und Reiler gesperrt. Theater. Die erste Aufführung von„Madame Bonivard" im Schiller-Tbeater mußte wegen Erkrankung des Herrn Patry von heute auf Montag verlegt werden. Der Spielplan erfährt demnach folgende Aendcrung: heute Donnerstag, und morgen, Freitag, finden Wiederholungen von Anzcngruber s Bancrnlomödie„Der G wissenswurur" statt. Sonnabend wird Mosert Lustspiel„Der Bureaulrat" gegeben, Sonntag Nachmittag kommt„Maria Stuart", Sonntag Abend„Bauernehre" und Molieres„Der eingebildete Kranke" zur Aufführung.— Am nächsten Sonntag findet im O st e n d- T h e a t c r die Erstaufführung des Schwankes„Der Hasenfuß", frei nach Barnischef, von Adolph Garbell, statt.„Der Hasenstib" erlebte die Feuerprobe int Barmer Stadt- theater.— Im Bolks-Theater sind nunmehr die Borbereitungen zu der neuen Sommer-Spielzeit so weit gediehen, daß die Eröffnung am Sonnabend, den 1ö. Mai, stattfinden kann. Im neu eingerichteten Gatten finden Konzerte statt. Die neue Saison auf der Bühne beginnt mit der Neu- Aufführung des Bolksstücks„Aus eigenen Füßen" von Pohl und Wielen mit den populären Komposttionen von August Conrad t. Aiis de» Nachbarorte». Mit einem bedauerliche» Nngliitköfakle schloß der in Britz abgehallene 5. Untervcrbandstag der freiwilligen Feuerwehren des Kreises Teltow ab. Zn Ehren der erschienenen 48 Delegirten, welche 23 Wehren verlrate», hatte die Britzer Wehr nach Schluß der Be- ralbniige», die hauptsächlich Statuten betrafen, eine Schanübung ver- anstallet, bei welcher der Steiger Zonchi durch einen Sturz von einer Leiter sich so erhebliche Verletzungen zuzog, daß er die Hilfe des Kreiskrnnkenhauses in Anspruch nehmen mußte. AuS RunttnelSburg wird uns zu dem Attentat, welche? ein Strolch am 6. d. M. a»f die Gastwirthsfrau Gnbisch verübte, nach- träglich geschrieben, daß die Gegend der Lanfbrücke zwischen Stralau und Treptow äußerst mangelhaft beleuchtet und auch nngeungend bewacht sei. Es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß dort»och ähnliche Uebersälle verübt werden. Vielleicht beachtet die Behörde diese Zeilen. Der II Jahre alte Knabe Otto Loppoch aus Wilmer-dors, welcher am 8. d. M. die elterliche Wohnung, Siginaringenstr. 33 verließ, um zur Schule zugehen, ist seit der Zeit verschollen. Das Kino war bekleidet mit einem graukarrirteu Jaquet, einer graugesireikten Hose und schwarzen Turnschuhen. Etwaige Angaben über den Verbleib des Knaben bitten wir au die Wilmersdorser Polizei» behörde oder an die oben erwähnte Wohnung gelangen zu lassen. Der VolköbildnugS- Verein für Britz und Umgegend feiert am Sonnabend, de» 15. Mai, im Lokal von Lange, Ch'ufsse» straße 97, fein 8. Stijtungssest. Ein reger Besuch ist dem Verein zu wünschen._ Gerichts Ein Studcntcukrawall beschädigte gestern die neunte Straf- kammer des Landgerichts I in längerer Sitzung. Die Anklage lautete ursprünglich aus gemeinschaftliche» Hausfriedensbruch, Sach- beschädigung und Körperverletzung, in der Verhandlung, die derzeit vor dem Schöffengerichte stallfand, traten aber so erschwerende Umstände zn tage, daß der Gerichtshof Landfriedens b r u ch als vorliegend erachtete, sich für unzuständig erklärte und die Sacke vor die Strafkammer verwies. Es hatten die Studenten Adolf W i l l n 0 w, B e r n h a r d W i l l n 0 w, D i e tz, G i e s e, Kühl, Bi n z e und H a m a n n auf der Anklagebank Platz zu nehmen. auptbelaftnugszenge war der Restauraleur Mcyhofer, weläer die der Anklage zn giuude liegenden Vorfälle folgender Weise schilderte: In der Nacht zum v. Februar v. I. gegen 2 Uhr feien vier Her«» in sein in der Nosenthalerstrnße gelegenes Lokal gekoiinuen. Sie hätten sich im Gänsemarsch und in gleichem Tritt durch das ganze Lokal begeben und keinen Platz genommen, obgleich Tische genügend frei waren. Der Zeuge habe bald bemerkt« daß es Ctudenten waren und um einer Geschäftsstöruug vorzubeugen, ver- wies er ihnen das Lokal. Die Aufgesorderten leisteten Folge. Nach etwa anderthalb Stunden seien wiederum vier Herren gekommen, von denen er ganz bestimmt die Angeklagten Adolf Willnow und Dietz als zwei von den vier Personen, die vorhin dort gewesen waren, wiedererkannte. Der Zeuge habe den Herren gegenüber seine Verwunderung ans- gesprochen, daß sie trotz der erfolgten Hinansweisung wieder- gekommen seien. Sie wurden wiederum zum Verlassen des Lokals aufgefordert. Dietz sei der letzte gewesen, welcher sich dem Aus- gange zuwandte. Am Windfang angelangt, habe Dietz sich plötzlich umgedreht, den Zeugen mit einer Hand an der Brust gepackt und mit der anderen zum Schlagen ausgebolt. Er habe den Schlag aufgefluigen, in demselben Augeublicf sei auch der Portier hinzugefprungen, habe den Angeklagten Dietz gepackt und ihn zur Thür hinausgedrängt. Bei diesem Akt sei der Stock des Dietz in den Hände» des Zeuge» zurück- geblieben. Vor der Thür hatte sich dann eine bedeutende Menschenmenge angesammelt, welche lärmte und rief, daß der Wirth den Stock herausgeben solle, sonst würde das Lokal gestürmt und alles demolirt werde». Der Zeuge Mayhofer glaubte weiteren Störungen vorzubeugen, wem« er den Stock auf die Straße hinaus- warf, er hatte aber kaum zu diesem Zwecke die Thür ein wenig ge- öffnet, als von dem draußen stehenden Angeklagten Dietz mit einem andere» Stock ein Schlag durch den Spalt geführt wurde. Der Zeuge habe sich schnell zurückgezogen und die Thür zugeschlagen. Gleich darauf sei eine größere Anzahl Menschen niit Gewalt in das Lokal gedrungen. Sie waren zumeist mit Stöcken und Schirmen be° rvaffuet, womit sie auf de» Wirth und dessen Angestellte einschlugen. Hierbei wurden mehrere Spiegel sowie die Thürscheiben zer- trüninrert und verschiedenes Geschirr wurde in Scherben ver- wandelt. Di« Angegriffene» schützten sich dadurch, daß sie eine Art Barrikade von Tischen und Stühleu herstellten, bis die erschienenen Schutzleute dem Krawall ein Ende machten.— Der Gerichtshof verurlheilte Dretz zu fünf Monaten und die Brüder Adolf und Bcruhard Willnow zu je einem Monat Gefäugniß. Sämmtliche übrigen Augeklagte» wurden freigesprochen. £ Der Ricsendiebstahlö-Prozeß, welcher seit drei Tagen die Strafkammer des Landgerichts I beschäftigt hat gelangte gestern .f Nachmittag zum Abschluß. Die Gesammtstrafen, die der Staats- anwall beantragte, betrugen 69 Jahre 6 Monate Zuchthans und S Jahre 1 Monat Gefäugniß. Der Gerichtshof sprach 12 der Angeklagte» frei. Zu gunste» der Angeklagten Jacobi wurde an- genommen, daß sie sich nur der einfachen Hehlerei schuldig gemacht habe; sie kam mit einen« Jahr Gefäugniß davon. Dagegen wurde die Angeklagte Neuhoff wegen gewerbs- und geivohnheitsmäßig Hehlerei zu 4 Jahre» Zuchthaus verurlheilt. Von den Dieben wurden die meisten zu Strafen vernrtheilt, die sich zwischen sieben Jahren Zuchthaus und zivei Jahren Zuchthaus beivegte», neun Angeklagte erhielten Gefängnißstrafeu von anderthalb Jahren bis hinab zu einem Monat. Die Gesammtsninine der erkannten Strafen belies sich ans S2 Jahre 6 Monate Zuchthans und 7 Jahre 8 Monate Gefäugniß. Die Verurtheilten«vurden unter einem großen Aus gebot von Gerichtsdienern und Schutzleuten nach den Zellen zurück geführt. jä Wie der Inhaber rineö Welthanses sich amiisirt. D?m Miigliche» Hofiieferanten Herrn Rudolph Hertzog jr., dem Mtzige» Chef des bekannten Welthanses, mögen gestern nicht«venig oie Ohren geklungen habe». Sein Name wurde mehr als zivanzig Mal vor dem Ober«Ver>valtungsgericht genannt, allwo nmn eine gegen Herrn B a r t o n, dem Inhaber eines Sammel- Platzes für die goldene Jugend, gerichtete sskonzessions-Entziehungs- klage verhandelte. Das Berliner Polizei-Präsidium warf Herrn Barton vor, er habe in seinem berühmten Lokal an« Schiffbauer dämm 1»eben anderen Gäste» auch Herrn Rudolph Hertzog tüchtig zur Ader gelassen, und z>var«nit Hilfe von Barlo» senior, den« seinerzeit voin Ober-Verivalrnngsgericht«vegen„betrügerischer Ausbeutung seiner Gäste" alle für eine» Gastivirth erforderliche» Eigenschaften abgesprochen»vovde» sind. Nach den Angaben des Polizeipräsidiums hat Herr Hertzog dort an eine in Tage e l s h u» d e r t Mark für konsnmirte Getränke bezahlen müsse». Vater Barton soll darauf geäußert habe», heule habe er, nieder ein gutes Geschäft gemacht. Es>v«>rde nun dem Konzessions inhaber zum Vorivurf gemacht, er habe sich die Getränke in betrügerischer Absicht init ganz außerge»vöhnlich hohen Preise» bezahlen lassen und die Gäste in jeder Beziehung animirt. Der Bezirksausschuß erhob Beiveis. Ein Kriininnlschutzniann«vill gehört haben, daß Barton senior sogar in der �riedrichslraßc Leute an- gesprochen und veranlaßt habe, in die Kneipe Schiffbauer-Damm 1 z» gehen, da es dort für 12 M. eine gute Flasche Wein gebe. Der frühere Zählkellner des Beklagte» sagte aus, Herr Hertzog habe eine zeillang täglich bei Barton verkehrt und jedesmal eine Zeche fvou 120 bis 140 M. nemacht. Zeuge hat auf Veranlassung des alten Barton nianchiual das Glas Kognak mit I.dv M. berechnen müsse». Das Bezirksgericht entzog darauf Herrn Äarton jr. die Konzesston, wogegen dieser Berufung einlegte. Sein Vertreter, Rechtsanivalt Mendel, suchte die Vorwürfe besonders dadurch zu entkräften, daß er die Wohlhabenheit eines betheiligten ungarischen Magnaten und auch die leidlichen Verhältnisse des Herrn Hertzog betonte. Die Leute könnten es sich leisten, das Geld mit vollen Händen auszustreuen. Wenn sie anderen etivaS spendirten, wie es meist geivesen sei, dann thäten sie das alis eigene»« Entschlüsse. So bedeute es nichts,»ven» Herr Rudolph Hertzog einmal 1100 M. für Getränke zahle. Vom Stand- punkte der Fainilie sei das ja bedauerlich;«venu sich aber so nn- geheuren Kapitalien,«vie sie sich in den Händen der Familie Hertzog aligesaniinelt haben, kein A b z u g s k a n a l eröffnen«vürde, da»» «vär« das doch auch nicht gut. Wenn ein a r in e r Zl r b e i t e r am Sounabend 3 M. vertrinke und schließlich noch im Trünke die Wirthfchaft zerschlage, so sei das Völlerei. Mache sich aber Rudolph Hertzog einmal für 1100 Mark einen vergnügten Tag, da»«« möge indessen könne bei einem so vollen« Be>vußlsein handele(!?), redet«verde».— Regierungsrath Hoppe als Vertreter des Polizei Präsidiums machte noch geltend, daß der Beklagte inzlvischen vierzehn- mal«vegen Uebertretung der Polizeistunde bestraft«vorden sei. Auch empfahl er, eventuell noch die„Barton-Auna"(Auguste Hernuau») darüber zu vernehinc», daß sie als Geliebte des jugendliche» Konzessionsiuhabers diesem iinnier aus dem C a f ö National Herren zugeführt habe, damit sie in seinen« Lokal ge- rupft«verde» konnte». Der dritte Senat des Ober-Verivaltungsgerichts bestätigte die Konzessionsentziehung, weil nach den« ganzen Charakter des Lokals dort Förderung der Völlerei zu befürchte» sei. Hoffentlich öffnen sich jetzt dem Chef des Hauses Hertzog nunlnehr neue»Abzugskanäle". Sollte dies aber nicht der Fall sei, so rathen wir ihm, in der Roth sich seines Personals etwas mehr als bisher anzunehmen. Gerade in letzterer Zeit sind recht oft Beschiverden an uns ergangen, die sich namentlich ans die neuerdings erfolgte Aendernng und Verkürzung der Tischzeit in seinen« Geschäft erstrecke««. Auch«vird es als besonders hart empfunden, daß Verspätungen von »llr siins Minute» in, erste» Falle mit einer Mark, in« ziveiten Fa"� aber gleich init drei Mark geahndet«verde«,. das ja nicht solide sein reichen Manne, der«nit hier nicht von Völlerei ge en Fall� Person Gin jugendlicher Durchgänger stand gestern in der des sechszehniährigen Komptoirschreibers Ernst Müller vor der L. Strafkammer hiesige«« Landgerichts l. Der Angeklagte war i» den« Bankgeschäft von Priester u. Co. in der Kanonierstraße be- fchästigt. Am 13. März er. erhielt er den Auftrag, die Suunne von 13 000 M. bei der Preußischen Piandbriefbank einzuzahlen. Der junge Bursche hat sich durch den Besitz einer so großen Summe verleiien lassen: er führte den Auftrag nicht aus, sondern suchte das Weite,»achdeiu er mit Hilfe des Ankaufs eines größeren Postells von Brief», arkeu einen Tansendlnarkschein auf der Post hatte' »mwechseln lassen. Etiva vierzehn Tage lang war der junge Mau» verschwunden! da gelang es seinen« früheren Prinzipal, seine Spur zu entdecke». Der junge leichtsinnige Mensch«vurde in Köln festgenonune». In seinen» Besitz«vurden noch 2000 M. vor- gefu«ldcn. Er behauptet, daß ihn« eine Summe von 9000 M. von einem Kellner, der mit ihm zusammen logirt, gestohlen«vorbei, sei; den, Dieb sei es gelungen, ins Ausland zn entkommen. Der Gerichtshof verurtheilte den Angeklagten zu 1 Jahr Gefäugniß. Unter der Anklage der versuchte» Erpressung stand gestern der gtcisende Friedrich Wilhelm August S ch«« b e r, vor der achten Strafkamnier. Der schon wiederholt vorbestrafte Angeklagte hatte in Plötzensee den Reisenden Hoffmai», kennen gelernt und später erfahren, daß dieser in einem kaufmännischen Geschäft eine Stellung gefunden hatte und nach Unterschlagung einer größeren Summe flüchtig geworden«var. Als Schubert ans den« Gefäugniß entlassen«vorden-«var, gelang es ihn, nicht, eine Beschästignng zu finde», er gerieth in mißliche Verhältnisse und verfiel nun auf den unfinnigen Plan, die Strafthat des Hoff- mann zu benutzen, um sich Geld zu verschaffen. Er begab sich i» das Geschüft, in welchen« dieser angestellt geivesen war, ließ sich den ltzjährigen Lehrling Hoppe herausrufe» und drohte diesen«, «venu er ihn, nicht 3 M. gäbe, würde er den, Prinzipal mittheilen, daß der Lehrling niit dem stüchtigen Hoffmaun unter einer Decke steckte. Der in dieser Weise Bedrohte hatte" aber ei» reines Gewissen. Er erklärte den, Angeklagten, daß er das Geld herbeiholen wolle, i» Wirklichkeit aber verständigte er den Prinzipal und dieser ließ den Erpresser verhaften. Vor Gericht ver- suchte er es vergeblich mit der Ausrede, daß er de» jungen Mann nur väterlich habe ivarne»«vollen. Der Gerichtshof «var der Meinung, daß der Angeklagte selbst einer ernste» Warnung in Gestalt einer empfindlichen Strafe bedürftig sei und verurlheilte ihn deshalb zu e i n e n» I a h r d r e i M o n a t e n G e f ä n g n i ß bei sofortiger Veichastung. I« der nächste,» Tagung des Schivurgerichts an, Landgericht l «vird außer dem Prozeß v. Tausch»och eine andere sensationelle Anklage zur Verhandlung komme«: die Anklage wegen Mordes, die sich gegen den Hausdiener Hennann W o l f f, de» beschäftigungs- losen Hern, an» Müller, i» Verbrecherkreiseu unter dem Spitz- »amen„Schornsteinfeger- Hermann" bekannt, und die Verkäuferin Martha Krause richtet. Es handelt sich um den räuberischen Ueberfall, der an, 29. Dezember v. I. abends gegen 10 Uhr auf den Pfefferknchc'nhändler Isidor Brock in den» Keller des von ihm gemietheteu Ladens Alexanderstr. 14e ausgeübt«vordeu ist. Der von den Verbrechern mit kt'nütteln zu Boden geschlagene Brock hatte schwere Verletzungen erlitte», an denen er»ach qualvollem Kra«>ken- lager gestorben ist. Der Termin z>lr Hauptverhandlung ist auf den 2. Jilni anberaunlt«vorden. Ter Roman von Hcegermnhle, dessen Mittelpunkt die Gräfin Perponcher und der Dr. rnea. Voigt bildeten, ist vor etiva zivei Jahren Gegenstand eingehender Berichte i» de» Zeitungen geivesen. Wie erinnerlich sein«vird, hatte sich in Heegermühle eine Danie eine Sominerivohnnng gemiethet und sich unter ihren Mädchennamen angemeldet,»vährend sie thatsächlich eine Gräfin Perponcher «var. Ueber die Beziehungen,«velche diese Sonnnergästi»«nit dem .msä. Voigt, der vo» seiner Ehefrau getrennt lebt, unterhielt, entstand ld ein Dorfgeklalsch,«velches schließlich zur Verhaftung der beiden und zur Eröffnung des Strafverfahrens führte. Als letzteres vo» aints «vegen eingestellt«vorden war, veröffentlichte das„Berliner Tagebl." einen von den, Berichterstatter Bugarski' verfaßten Artikel, der gegen die Schiviegereltern des Dr. Voigt, das Lehrer Wiegand'sche Ehepaar zu Mühlhausen,««»dagegen die Ehefrau des Dr. Voigt schivere Be- leidigungen enthielt, die sittliche Qualität der Ehefrau bemängelte und alle drei Personen beschuldigte. Versliche gen«acht zi« habe», Zeilgen zum Meineide zu verleiten. Bugarski ist seinerzeit «vege» dieses Artikels zu 400 Mark Geldstrafe vernrtheilt «vorden. Die Beleidigte» strengten aber auch die Privat klage gegen den Schriftsteller Max Kahlenberg an, der damals für die betreffende Rubrik des„Tageblattes" veranlivortlich«var.— In» heuligeu Ter»»!» vor dem Schöffengericht beantragte Justizrath Munckel in« Auftrage der Kläger eine Gefängnißstrafe, da seine Mandanten durch diesen schiver beleidigenden Artikel, an«velchen« kein«vahres Wort sei, aufs äußerste geschädigt und ihre Existenz in ihren, Heiinathsorte fast unmöglich geivorden sei.— Rechtsanwalt Masse machte den, gegenüber geltend, daß der Beklagte sich a>tf de» Berichterstatter verlassen und de» Beleidigten auch den Verfasser genannt habe.— Der Gerichtshof hielt die Beleidigungen für so schwere, daß er den Angeklagten zn d00Mark Geldstrafe event. 100 Tagen Gefäugniß verurtheilte. Eine polnische Theaterauffiihruug, verbm«de» mit Deklamation und Gesang, war seinerzeit siir den«vestpreußischen Ort Lessen ge- plant«vorden. Ter Ortsansässige Porzyck kam beim Amtsvorsteher nu« die Erlaubniß ein. Er erhielt jedoch die polnisch gedruckten Texte mit den, Bemerken zurück, daß den« Gesuch erst nähergetreten iverden könne, wenn er deutsche Uebcrsetzungcn einreiche. Der Rcgierliiigspräsidcnt hieß dies Verhalle» unter der Begründung gut, daß nach den« Gesetz über die Geschäftssprache der Behörden die Polizei berechtigt sei, nicht nur die Eingaben in deutscher Schrift z«« verlange», sonder» auch alle dazu gehörigen Anlagen. Porzyck bestritt dies und verklagte den 3Iegierl,ngspiüside»tei, bei». Ober. V e r«v a l t u n g s g e r i ch t. Trotz mehrstündiger Verhandlung vermochte dessen I. Senat noch nicht zu einer Entscheidung zn konnnen. Das Urtheil i» der sehr wichtige» Angelegenheil«vird de» Parteien schriftlich zugestellt«verde». Das Schwänze» der Fortbilduugsschnle in Knrnick trug dem jugendliche» Szeffner ein Strafmandat ein. Er beantragte darauf richterliche Entscheidung«lud behauptete, das Ortsstatnt, das in betracht käme, sei uugiltig. Ferner meinte er, er könne in der Schule nichts Neues«»ehr lernen und er sei auch nicht Lehrling und deshalb nicht zu ihren« Besuch verpflichtet. Schöffeugericht und Strafkammer verurtheilten ihn aber. Sämmtliche Einivände «vurden für unerheblich erklärt. Die Gerichte betrachteten Szeffner deshalb als"Lehrling,«vcil er in« Geschäft seines Vaters alle Thätigkeiten eines Lehrlings verrichtete. Es«vurden neue» selbständige Unterlassungen angenounnen, für deren jede der Verurtheilte eine Strafe zahlen sollte. Der von« Angeklagten ein- gelegten gievision schloß sich der Oberstaatsanivalt an, weil ein Lehrliugsverhältniß nicht enviese» sei. Zur Abschließnng eines Lehr- Vertrages gehörten zivei Kontrahente» und der»ninderjährige An geklagte künne'inicht als selbständiger Kontrahent Zun« Abschluß eines Lehrverhältnisses«nit die Mitivirknng eines Pflegers nöthig Kamniergericht nah», aber ebenfalls an, verhältniß vorliege. Ein formell giltiger vertrag, sswie ihn der Oberstaatsanivalt fordere,'sei nicht die unerläßliche Vorbedingung für das Znstandekonnnen eines Lehr- Verhältnisses, es genügten dazu konkludente Handlungen. Der Strafsenat wies aber die Sache in die Vorinstanz zurück, damit diese nachprüfe, ob nicht de»« e»„ Handlungen e i n geineinsamer Entschluß zu grmide liege,«ind ob sie nicht als eine Handlung anzusehen seien. Ei» für alle Stadtvertvaltungeit beachtcuswerther RechtS- streit hat jungst nach dreijähriger Dauer durch Reichsgerichts-Ent- scheidung sei» Ende gesunde». In einer thnriiigischcn Stadt«var ein Dienstmann beim Tragen eines Schrankes ans der Straße ge- fallen uild hatte sich dadr.rch einen mehrfachen Bruch der linken Kniescheibe zugezogen, so daß er nach der Heilung dauernd in seiner Eriverbsthätigkeit beeinträchtigt blieb. Der Dienstina»«« führte den Un- fall ans die schlechte Beschaffenheit des Straßenpflasters zurück, das an der betreffenden Stelle ein Loch hatte, und verlangte daher vo» der Stadt nebe» dem Ersatz der Knrkoste» eine Entschädigung von über b000 M. Da die Stadlverwallnng sich keines Verschuldens beivnßt war und die Feststellung einer Haftpflicht nur ans dem Grunde, weil der Straßeudamn, kleine Unebenheiten besaß, für nn- «vahrscheiulich hielt, ließ sie sich auf den Rechtsstreit ein,«vurde aber in allen drei Instanzen, Landgericht, Ober-Landesgerichl und Reichsgericht, für haftpflichtig erklärt. Die Tragiveite dieses Urtheils ist vor der Hand noch gar nicht abzusehen, denn ähnliche Unfälle auf schlecht gepflasterten städtischen Straßen dürften garnicht so sehr selten sei»._ £> v t Va m tttlu n gvtt. angesehen«verde». den« Vater wäre gctvese». Das daß ei» Lehr- klagbarer Lehr Die Konditoren setzten in ihrer Versammlung vom 6. d. M. die Diskussion fort über den Verbandstag. Die alsdann erfolgeilden Abrechniliigen vom Stiftungsfest, vom Hamburger Hafenarbeiter-. Streik und den Kra»zspe>«del» wurden vo«« den Revisoren für richtig anerkannt. Einiges Befremden ruft ein Spruch des Geiverbegerichts hervor, nach«velchem eine Arbeiterin der Konfitürenfabrik von Pötter wegen Kontraktbruchs verurthcilt«vorden«st, weil sie sich geweigert hatte, eine Arbeit(Auskehre««) zu verrichten, die nach ihrer Meinung nicht zu den ihrigen gehörte. Die nächste Versa»,»«- («mg findet au, 20. Mai statt. Der Fachvereiu der Mnsikiustruuienten-Arbeiter hielt aiu 8. Mai eine Bereinsversaiumlung ab, iu welcher Genosse B l a u r o ck einen beifällig aufgenommenen Bortrag über„den Werth der Lokal- organisatiou und wie stellen wir u»s zu den, Kongreß aller lokal- organisirten Ge>verkschafteu" hielt. Sämmtliche Redner sind der Ansicht, daß es Pflicht der Jnstrumoutenarbeiter sei. sich dara«, z» betheilige», doch wurde die event. Sendung eines Delegirten einer öffentlichen Versammlung überlaffe». Die Hausdiener, Kutscher«ud alle im Verkehrsgewerbe beschäftigte» Arbeiter hatten a»> 9. Mai in Moabit eine Wander- versannnlnng. Kollege Schultzke referirte über tinsere Arbeitsverhältnisse, derselbe kritisirte mehrere hiesige Firmen. Es folgt hierauf eine rege Disknssion, an der sich mehrere Kollege» be- theiligte». Rixdorf. Die Bauarbeiter der Zahlstelle Rix- do rf-Britz hielten am 2S. April ihre Geueralversammlnug ab. Ehe in die Tagesordnung eingetreten, wurde das Andenken des verstorbenen Genosse» Rod. Schulz durch Erheben von de«, Plätzen geehrt. Nachdem erfolgte die Abrechnung von, 1. Quartal 1397. Kassenbestaiid vom 4. Quartal 33,02 M., Einnahme vo», 1 Quartal 38.85 M., Ausgabe 83,81 M., bleibt somit ein Kassenbestand von Summa 10,06 M. Die Revisoren bestätigten die Abrechnung»nd «vurde den« Kassirer Decharge erlheili. Beschlossen«vurde, jedem verstorbenen Mstgsiede einen Kranz zu widmen. In betreff des im Juni stattfindenden Stiftungsfestes wurde ein Festkonritee von sechs Mitgliedern geivähll. Nachdem noch von«nehreren Mitgliedern die Mißstände aus verschiedenen Bauten scharf kritisirt wurden, erfokgle Schll«ß der Versai»nllu»,g. Wilmersdorf. Der Arbeiter-B i'-b-d u» g-s v e r e i n be- schloß in seiner letzten Versammlung vom S. Mai, das Stiftungssest des Vereins an« 22. Mai bei K l i» g e» b e r g, Berlinerstr. 40, zu feiern. Gleichzeitig«vilrde die Abrechnung zur Maiseier gegeben, die Einnahme betrug 191 M. 60 Pf., die Airsgabe 54 M. 50 Pf., verbleibt somit ein Ueberschuß vo» 137 M. 10 Pf., welches zn gleichen Theilen auf Wilmersdorf und Schöneberg fällt. Die nächste Vereins-Versainiillung findet am 19. d. M. statt. Acbcitrr-Kildnngsschul». Di« Bibliothek in dir Nordschule, B r u n n e n st r. es, ist für dt« Mitglieder an folgenden Tagen geöffnet« Sonn- tags, vorinttiags von«o— re, D te nst ag S und Fr e tt a gs, abends U biS 10 Uhr. Mitgliedsbeiträge werde» an diesen Tagen in der Nordschule enlgcgen- genommen, ebenso in folgenden Zahlstellen: Soitfr. Schulz, Admiralftr. coa; Schöning. Köpntckerstr. 68; Reul, Barniinstr. e»: Babtcl, Rosenthalerstr. 67: Sleiner«, Müllerftr. 7»! Burghause, Puibuserstr. Si! Blanlenfeld, Stephairstr. a»: Werner,«ülowstrahe 59! Grübe, Mariendorferstraße 6; jkaßler, Junlerstraße 1; H. Kölligs, Diesfenbachstr. 89.__ Alle Zuschriften find a» den«orfitzenden Paul Mücke jr., SO. Ran- teusselstr. rio, Geldsendtingen an den«asstrer H. Königs, L. Dteffenbachftr.»o, zu sende»._ Arbeiter zi>»g«»b«»d Berlin«»»d Umgegend. Borsttzender Ad. Neuinan», Schmedenslr.«8, v. r Tr. All« Aenderungen im BereinSkaiender stnd zurichte» a» Friedrich Kortui», Manleusselslr.«9, o. a Tr. Arliriter. Un»ch«rbnnb Kerlin»«nd Dluigegend. Acudernilgen im Bereiilslalender stnd zu richten an Lerinann Braunschiveig, Dresdener- strahe 80, a. Hos,« Tr. � Kund der geftNige» Krdeiterverrl«» Kerli«« und zlinsegend. Alle Zuschriflen, den Bnnd belressend, stnd zu richten an H. B«» d t r, Merandrinen- strahe Kid. verband deuscher Karbier-, Friseur-»nd perriistienmircher-slestilf»». Henie Bersanunlung bei Babiel�iRofeiNhalerstr. 57. verein Czarda»(ehern. M. Kiihn'sche Tanzschüler.) Heut« Abend 8 Uhr, Weberstr. so», Resiauranl Lange, Sitzung, Zentral-Kranken- und Kterbekahs» der Tischler und anderer gewerb- licher Arbeiter, Die Ortsverwaliungen versammeln stch a>n Freitag Abend ejt.Uhr, Köpntckerstr. 68 bei Schöning._ Die Agitation zur Reichstags-Wahl i» Königsberg i. Pr. «vird von unseren Parteigenossen eifrig betrieben. Am Soniitag «vurden 40 000 Exemplare eines Flugblattes vertheilt,«vorin die Bestrebungen der Sozialdemokratie erörtert sind. Ans Preetz«var mitgetheilt«vorden, daß bei der Maifeier vor dein Festlokal ein Gendarm mit blankgezogener Waffe postirt geivesen sei. Das Landrathsamt in Plön erklärt nun in einer Zu- schrist an die„Schlesivig-Holsteiitsche Vvllsztg.", daß diese Meldung auf Erfindllng beruhe. A«S Leipzig«vird uns geschrieben: In einer von etiva 350 Personen besuchte» Parteiverfamnilung des l2, und IS. Reichs- tags-Wahlkreiscs berichtete Genosse Grenz über die Lairdes- versauunlung in Sachsen»»d empfahl eine Resolution, an den früheren abtehuenden Beschlüssen hinsichtlich der Bethetligung a» den Landtagsivahlen festzuhalten, dagegen niit den übrigen Partei- genossen im Lande geuieiiisam den Kainpf für die Beseitigung des Dreiklassen-Wahlrechts zu führe««. Obgleich i» der Debatte diese Resoliitio«« von« Genossen Geyer und einen» anderen Partei- genossen bekäinpst«vurde, fand sie gegen 15 Stimme» Annahme. Ii» Stuttgart ist der Parteigenosse I. Geiger mis der Rodaktiou der„ S ch>v ä b i s ch e u T a g»v a ch t" ausgetreten, um eine andere Stelle in dem Dietz'schen Berlagsgeschäft zu übernehme«. Er gehörte der Redaktion seit dem nunmehr 17 jährige» Bestehen der„Schiväb. Tagivacht" au und hat zum Gedeihen des BlattcS «vesentlich beigetragen. Der Landesvorstand der Sozialdemokratie Württeiubergs hat ihn, in Uebereinstinunung mit der Redaktion den Dank der Parteigenossen für soiue viele Mühe und treue Hingabe znin Ausdruck gebracht. An seiner Stelle hat die Verantwortung für den schwäbischen Theil der„Tagivacht" der Parleigeposse Wilhelm Keil übernommen, Gentvvltsrlznftliches. Berlin und Umgebung. Achtung, Holzbildhauer! Seit Wochen befinden sich die Holz- bildhauer der Firuia Julius Köhler in Chemnitz iu, Streik. Die Firma versuchte mul bei Chemnitzer Klein- meisteru die Arbeiten herstelle» zu lassen, was zum theil durch das Eingreifen der dortigen Kollege» scheiterte. Neuerdings «vurde eine Kiste mit Pausen nach Berlin nach einer im Osten befindliche» Werkstatt gesandt, doch«vegen zu niedrigen Preis- augebots retouruirt. Betreffender Julius Köhler«vill nu» „selbst" nach hier komme», um,«vie er«ueiiit,„die Arbeiten schon uulerzubriiigen". Es liegt daher a» den Kollegen, anfzupafsen! Achtung daher auf Barock- und Renaissance- Arbeit. D i e D e l e g i r t e n k o m in i s s i o n der Bildhauer. Ter Vorstand des Verbandes der Barbiere, Friseure und Perrnrkenmacher ersucht uns un« Veröffentlichung folgenden Auf- rufs an die Geiverkschaftskartelle: Gegenivärtig dürfte der beste Zeitpunkt für die A g i t ati o n u n t e r den Barbieren eingetreten sein. Die Geschäftslage ist günstig, die Arbeitgeber plane» eine allgemeine Preiserhöhung,»nd es ist Aussicht vorhanden, daß die von den Barbiergehilfen un den Reichstag und Bundesrath gesandte Denkschrift nebst deren Nachtrag «n, Reichstage zur Besprechung gelangt. Bei der dringend noth- «vendigen Agitation ist der Verband der Barbiere jedoch aus die Hilfe der örtlichen Geiverkschaftskartelle a»ge«viese>i. Der Mangel an rednerischen Kräften aus den, eigene» Kollegeulreise, sowie die wenig günstige Finanzlage ves Verbandes machen für diesen die Hilse der örtlichen Korporationen zn einer Nothwendigkeit. Die Kartelle können und werden wohl nnch, dieser Anregung solgend. die Verbreitung der vom Verband herausgegebenen Flugblätter übcniehmcn und bei kleineren Agitationslouren materielle Beihilfe leisten. Wohl ist der Verbandsvorstand sich der Schwierigkeilen, die einer Organisirnng so junger, ungeschülter Leute, wie es die Barbiere sind, entgegenstehe», bewußt, doch müssen diese Schwierigkeiten über wunden werden, und sie lasse» sich bei gutein Willen seitens der vrganisirten Arbeiter überwinden. Mehr als in irgend einem anderen Gewerbe kann die Arbeiterschaft durch energisches Eintrete» den Barbiergehilfc» das Koalitionsrecht sichern. Wenn dies geschähe und damit gleichzeitig die agitatorische Einwirkung ans die Barbier gehilfen verbunden würde, so wäre der Verband besser gestellt, als das gegenwärtig der Fall ist. Wohl hat der Verband eine große Zahl Kräfte für die Arbeiterbewcgrnig gewonnen. Mitglieder, welche durch die Verhältnisse gezwungen waren, selbständig zu werden, sind zwar ans der Organisation ausgeschieden, durch die Schule der Organisation aber für die Arbeiterbewegung gewonnen und in ihr thätig. Der Verband selbst aber hat in den sieben Jahren seines Bestehens kaum eine Zunahme von Mitglieder» erfahren. Hier müßten die Gewerkschaftskartelle energischer mit der Agitation einsetzen, als dies bisher geschehen ist. Besonders noth- wendig ist die Agitation in S n d d e n t s ch l a n d, da im nächsten Jahre der 5ko»greß der Barbiere in München stattfinde» soll. Bade», Bayern, Hessen und Württemberg sind allgemein auch als ein gutes Agitalionsfeld zu bezeichnen, weil dort bereits Verbands- Filialen bestanden haben und der Jnnungsbnnd dort immer mehr an Boden verliert. Deswegen richten wir die dringende Bitte an die örtlichen Ge werlschaftskartelle dieser Landestheile im besonderen und a» alle Kartelle im allgemeinen, der Agitation unter de» Barbieren mehr Aufmerksamkeit zu schenken und dem Verbandsvorstand in der schwie- rigen Agitationsarbeit unterstützend zur Seite zu stehen. Um Aus- kunft und Material wende man sich an K. W e s ch e in B r a u n schweig, Rosenhagen 5. Deutsches Reich. Ans Hamburg wird uns geschrieben: Bekanntlich verlangten nach Beendigung des großen Streiks die Stauer, die Schauer- leute sollte» sich von dem Bureau der Stauer sog. Arbeits- karten holen. Nach einigem Sträuben mußten die Schauerleule darauf eingehen. Damit war die Sache abgelhan und die Arbeit ging, wie vor dein Streik. Plötzlich verlangten aber die vereinigten Stauer, die Schauerleute sollte» die damals gelösten Karten wieder abliefern und neue Karten in Einpsang nehmen. Einige Schauerleute willfahrten dem Begehren. Dabei stellte sich jedoch heraus, daß dem Begehren ein Hintergedanke innewohnt Verschiedene Ilmstände deuten nämlich darauf hin, daß das Bureau der Stauer, das die neue» Karte» ansgiebt, ein Maß- regelungs-Bureau werde» soll, welches nach Art der Bureaus der Ewers iihrer-baase und der Eisenindustriellen„mißliebige Ar beiter" abschieben soll. Wie gefährlich und verderben- bringend solche Maßregelungs- Bureaus den Arbeitern sind, haben die Ewerführer und Metallarbeiter Hamburgs seit ISSV zur genüge erfahre». Arbeiter, die sich hier>n Hamburg in irgend einer Weise mißliebig gemacht hatten, kamen auf die schwarze Liste und bekamen in ihrer Branche nirgends, weder in Hamburg,»och anderwärts Arbeit wieder. In Erkenntniß der ihnen drohenden Gefahr haben nun die Schanerleute beschlossen, unter keiner Betängung neue Karten zu lösen und, soweit solche schon gelöst si>r-o. dieselben a» den Vorstand des Verbandes der Hafenarbeiter, Erektion der Schanerleute, abzuliefern und durch diesen an den Berein der Stauer wieder zurückzuschicke». Da die Stauer vcr- .langen, daß sich die Arbeiter bis zum 17. Mai neue Karten gelöst haben sollen, widrigenfalls niemand von ihnen eingestellt werde, wird es am Montag, falls nicht bis dahin eine Einigung erzielt wird, wieder zu einem Konflikt kommen.— Von einem Eingreife» der Senatskominifsivn verlautet bisher noch nichts. J» Hannover steht ei»'Streik der Steinsetzer und Berussgenossen iwhe bevor. Die Arbeiter der Firma Bauch sind fest entschlossen, falls die aufgestellte» Fordernuge» bis Sonnabend nicht bewilligt sind, die Arbeit niederzulegen. Jedenfalls werden sich diesen die bei den übrigen Meistern beschäftigten Arbeiter an schließe». Der Obermeister der Innung hat für seine Person die Bewilligung zugesagt, jedoch um eine Frist von zwei Monaten gebeten. Zuzug ist ans jeden Fall streng sernznhalten. Zentralvorstand des Verbandes der Steinsetzer. I. A.: A. Knoll. Die Lohnbctvcgung der Tischler Kassels ist durch gütliche Verhandlung»>it den Meistern in der Hauptsache beendigt. Erreicht ist»eben einer Regulirnng der Lohnverhältnisse die S Ve ständige Arbeitszeit. Die Abmachungen werden gedruckt und in jeder Werk stelle ausgehängt. Der Ausstand der Holzarbeiter in Geringswaldc i. T. dauert nuveränderl fort. Während der sechswöchigen Dauer des Streiks ist die Zahl der Ausständigen von 326 auf 137 gesunken. da 73 Mann bisher abgereist sind und 82 Mann in den Nachbar- orten oder am Platze selbst andere Arbeit genommen haben. 28 Mann sind fahueuflüchlig geworden. Die Fabrilauten haben ihre Betriebe nur mit höchstens 20 pCt. der früher in den Fabriken be- schäftigten Arbeiter besetzt. Zuzug von auswärts ist gar nicht zu verspüre». Die angestrengten Klagen auf Heraus- gäbe der Werkzeuge sind gewonnen worden, die'Arbeitsbuch- Klage» hat aber das Amtsgericht Rochlitz abgewiesen. Die minder- jährigen Arbeiter sind infolgedessen seil 6 Wochen ohne Legitimations- papierc. Die Verhandlungen unter der Leitung des Bürgermeisters baden nur zu einer Aussprache über die strittigen Punkte, aber zu keinem Resultat geführt. Bei weiterer kräftiger Unterstützung der deutschen Arbeiterschaft kann ein Sieg der Streikenden nicht aus- bleiben. In Leipzig wollte der Inhaber der S i l b e r iv a a r e n- Fabrik von G. B e r n d t u. Co., Herr R e e ß, den Lohn um zirka 20pCt. herabsetze», was aber mißlang, da seine Slrbeitcr ein- müthig widerstanden. Er sucht nun auswärts Arbeitskräfte, und man nimmt an, daß er dies nur thue, tun seine jetzigen Arbeiter entlassen und die Lohnrcditktio» doch»och durchsetzen zu können. Die H>i t in a ch e r stehen seit Mittwoch im Streik. Die Aussperrung der Former und Gießerei- Arbeiter ist durch Vergleich ausgehoben. Am Montag und Dienstag haben die Ausgesperrten die'Arbeit wieder ausgenommen. An dem Fabriksrhnhuiacher-Ansstand in Waldheim i. S. sind insaesammt 74 Mann und 3 Arbeiterinnen betheiligt. Die Mehrzahl der Slnsständigen ist verheirathct und hat ins- gesamnit für 38 Kinder zn sorgen. Die zu vorigem Sonntag geplant gewesene Versammlung der Streikenden wurde ans grnud von tz 5 des Bereinsgesetzes verboten. Die Begrün- dring lautet:„Nachdem in den hier bestehenden Schnhwaaren- sabriken eine große Anzahl von Arbeiter» ohne vorausgegangene Kündigung die Arbeit eingestellt, also den Arbeitsvertrag gebrochen hat, ist anzunehmen, daß seitens dieser Arbeiter und ihrer Führer in der geplanten Versammlung der Versuch gemacht wird, die in der Arbeit verbliebenen Personen gleichfalls zum Ausstände zn bewegen. Da nun der Bruch des Arbeitsvertrages «ine dem Gesetze widersprechende und, insofern dabei Treu und Glauben verletzt wird, eine unsittliche Handlung ist und daher der fraglichen Versammlung ohne weiteres die Absicht unterstellt werden darf, daß sie bezwecke, zu Gesetzesübertretungen und unsittlichen Handlungen aufzufordern oder doch wenigstens dazu geneigt zu machen, so sind die Voraussetzungen für Anwendung des angezogenen§ 5 gegeben." Gegen das Verbot wird Beschwerde geführt. Eine H o l z a r b e i t e r- V e r s a m m l n n g ist übrigens ohne'Angabe des Grundes verboten worden. Ii« Miilcm im sächsischen Vogtlande hatten die streikenden Maurer den Unternehmern das Anerbieten gemacht, gemeinsam mit ihnen das Gewerbegericht als Einigungsamt anzurufen. Die Unternehmer lehnten das ab. I Auf einer Konscrenz der organisirte» Lederarbeiter Thüringens, die am 9. Mai in Erfurt tagte und welcher der Vor- sitzende des Zentralverbandes der Lederarbeiter Deutschlands, Busse ans Verlin, beiwohnte, wurden die Arbeitsverhältnisse der Leder- arbeiler Thüringens als äußerst traurig geschildert. Als hauptsäch- liche Ursache bezeichneten alle Redner den Jndifferentismus der Ar- beiter, die, trotzdem die Lederindustrie in Thüringen stark vertreten ist, nur in sehr geringer Zahl der Organisation angehören. Namenilich sind die Lohgerber sehr schwer siir den Verband zu gewinnen Um die Organisation zu stärken, beschloß die Konferenz die Ein- sctzung einer Agitationskommission, die ihren Sitz in Arnstadt hat und dort zn wählen ist. Tic Maurer in Rudolstadt i. Th. stehen seit dem 3. Mai im Streik. Sie fordern den Zehnstnndenlag und 32 Pf. Minimal- Stundenlohn. In Souucberg i. Th. und Umgegend beträgt die Zahl der st r e t k e u d e n Maurer 176. Der Streik begann am 3. Mai. Gefordert wird, wie schon mitgetheilt worden ist, 35 Pf. Stunden- lohn(für jüngere Arbeiter 32 Pf.) und der Zehnstnndentag. Die Arbeitszeit war bis jetzt elsstündig und der Lohn betrug 24—33 Pf. die Stunde. In Mannheim legten von 25 kündigslos angestellten Arbeitern der'Aktiengesellschaft für R h e i n s ch i f f f a h r t und Seetransport am Montag 24 Mann die Arbeit nieder, weil ihnen, entgegen den Vorschriften der Arbeitsordnung, ohne vorher- gehende Mittheihliig die Stunde von 6-7 am Sonnabend Abend, die bisher seil langen Jahren zum Auszahlen benützt und den Ar- beitern bezahlt worden war, plötzlich abgezogen worden ist. Auf Unterhandlungen ließ sich die Direktion nicht ein. Tie Spengler und Installateure Heidelbergs fordern den Zehnstnndentag und 30 Pf. Mindest-Stundenlohn. Ausland. AnS Dänemark. Der M a l e r k o n f l i k t in A a l b o r g ist beendigt. Nach siinswöchigein Kanipf haben die Meister auf ihr Verlangen verzichtet, daß es den Arbeitern verboten sein sollte, zur Frühstückszeit den Arbeitsplatz zu verlassen und während der Arbeits zeit zn rauchen. Gleichzeitig wurde eine Lohnerhöhung erreicht. Der Lohn beträgt jetzt 38 Oere die Stunde, vom 1. April 1803 30 Oere und vom 1.'April 1890 40 Oere. In Liukvpiug in Schweden ist ei» V r a u e r e i a r b e i t e r- Streik ausgebrochen. Ursache des Konflikts ist die zu lange?lr beitszeit, die jetzt vielfach 17 Stunden beträgt. Alle Brauerei arbeiter am Plötze sind Mitglieder des Fachvereins. Sie verlangen I3stündige Arbeitszeit bei gleicher Löhnung wie bisher. Die Brauereien lehnten jede Verhandlung mit dem Fachverein ab. Anö Frankreich. In Lyon haben sämmlliche Maurer die'Arbeit eingestellt. Alle Bauplätze sind wie ausgestorben. Tie Zahl der Ausständigen belänft sich auf mehrere Tausend. Sic ver- langen von den Banunternehmer», daß der Stundenlohn von 55 ans 65 Cts. erhöht werde. In Marseille streiken die Kupfer schmiede, etwa 400 an der Zahl. I» den Kohlenbergwerken von La Grand' Combe sollen angeblich 1653 Bergleute wieder arbeiten. AnS Rom wird uns gemeldet, daß die Bauern und Landarbeiter der Gegend um K r e m o n a, die, wie wir vor einigen Tage» mitgetheilt haben, von den Gutsherren die Bezahlung der Arbeit ihrer Frauen forderten, nun in den Ailsstand getreten sind, weil ihre Forderungen abgelehnt wurden.— Nach einer Depesche an die„Franks. Ztg." werde» die Dörfer militärisch besetzt. Soziales. Krankcnkassenwesen. Das preußische Handelsministerium hat der Freiwilligen Krankenkasse für Seidenweber und Wirker zu Kre- seid(E. H), der Kranken- und Sterbekasse zn Ginnheim(E. H). der Brühler Kranken- und Sterbekasse(E. H.), und der Kranken- und Sterbeknsse„Victoria" zn Friedrichsseide die Bescheinigung er theilt, daß sie, vorbehaltlich der Höhe des Krankengeldes, den An sordernngcn des{j 75 des Kraukeuversicherungsgefctzes genüge». Tie Dnrchschnittsprcisc der wichtigsten Lebensmittel bc trugen im April 1897: für 1000 leg Weizen 154(im März 1897 156) M.. Roggen 115(116) M.. Gerste 126(128) M.. Hafer 128 (128) M.. Kocherbsen 206(206) M.. Speisebohnen 265(265) M., Linsen 403(409) M.. Eßkartoffelu 47,7(48,2) M.. Richtstroh 42.9 )42,3) M., He» 58,6(57,4) M., Rindfleisch im Großhandel 1035 (1023); für 1 leg Rindfleisch von der Keule 134(133) Pf., 5Hi»d- fleisch vom Bauch 113(III)Pf., Schweinefleisch 127(126) Pf., Kalb- fleisch 123(123) Pf., Hammelfleisch 122(122) Pf., geräucherter Speck 146(146) Pf.. Eßbntler 225(216) Pf., Schweineschmalz 150(150) Pf.. Weizenmehl 29(20) Ps., Jtoggenmehl 23(23) Pf.; für ein Schock Eier 294(315) Pf. Tic„Zcntralstellc für Arbciter-WohlsahrtSeinrichtuiige» hielt ihre diesjährige Konserenz anr Montag und Dienstag in Frankfurt a. M. ab. Dieselbe war von etwa Ivo Vertretern der verschiedensten Behörden und Körperschaslen beschickt. Zur Begrübung der Bcrfammlnng namens der Staatsregierung war Oberpräsident Magdeburg aus Kassel erschienen. Einen Gruß der Stadt Frankfurt brachte der Bürgermeister Dr. Heussenstamm dar. Dr. Flesch Frankfurt sprach über komninnale Wohlfahrtspflege und trat für die Pflichten der Gemeinde ein, der Sozialgesetzgebung vorzuarbeiten. Ueber das Thema„H e i l st ä t t e n für lungen- kranke Arbeiter" sprachen Dr. P an n>v i tz- Berlin und Dr. L i e b r c ch t- Hannover. Aus Fürth wird uns unterm 11. Mai geschrieben: Die Re- giening von Mittelfranken hat dem Beschluß der beiden städtischen Kollegien, den Angestellten in Bank- und E n g r o s- geschäften für 4 Monate des Jahrcs vollständige Sonntags- ruhe zu gewahren, ihre Zustimmung versagt. Wir leben im Laude der„Sozialreform".— I» heutiger Sitzung des Gemeindekolleginms wurde auf eine sozialdemokralische Interpellation hin mitgetheilt, daß am I. Mai 65 F a m i l i e n k e i n e W o h n u n g erhalten konnten. Sie wohnen nun theils im Asyl für Obdachlose, theils i» den während der Hamburger Epidemie«rdauten Cholera- b a r a ck»», Waldprrtvüstnng in Amerika. Dem Bundessenat der nord amerikanischen Union ist vom Ackerbausekretär ein Bericht des Chefs der Forstabtkeilung vorgelegt worden, worin mitgetheilt ist, daß, wen» das Ausbauen von Kiefernwäldern in dem bisherigen riesigen Umfange fortgesetzt wird, der Borralb an Holz ans dem Stamm schon in den nächsten fünf oder sechs Jahren die Nachfrage nicht mehr decken kann, selbst wenn Kanada einen Theil des Bcdarss an Kiefernholz liefert._ DepeMen«nv letzte Asicheichten. Budapest, 12. Mai.(B. H) Die Antwortnote der öfter- rcichischeu Regierung in der Quoiensrage traf heute früh hier ein. Mit dem Inhalt derselben wird sich der Ministerrath hente Abend beschäftigen. Athen, 12. Mai.(B. H.) Die türkischen Truppe» rücke» fort- gesetzt gegen DoniokoS vor. Athen, 12. Mai.(W. T. B.) Die Presse urtheilt über die Vermilletung der Mächte verschieden.„Asty" billigt den Entschluß der Regierung und fordert die Presse, die so viel Unheil in der lnialen Frage angerichtet habe, zur Ztuhe und zum Gehorsam auf.„Akropolis" sagt, die Beschlüsse der Mächte müßten geachtet werden und bespricht die Chancen Griechenlands, einen ehrenvolle» Frieden abzuschließen.„Scrip" schreibt, der Waffen- stillstand werde nicht nur mit der Türkei, sondern auch mit Europa abgeschlossen, Delyannis habe die Politik eines Tartäri» gegenüber dem europäischen Konzerte gelrieben Rairi" greift den Ministerpräsidenten'Ralli an» der nur für de» Frieden arbeite. Die übrigen Blätter dringe» daraus, die Regierung »löge die Vertheidigung derart organisircn, daß wen» sich der Ab- 'chlnß des Friedens als unmöglich erweise» sollte, der Kampf uiiter möglichst gute» Bedingniigc» fortgesetzt werden könne. Wclter-Prognvsc für Donnerstag, den 1Z. Mai 1H97. Zeitweise heiter, vielfach wolkig mit etwas Regen, mäßigen west- liche» Winden»iid wenig veränderter Temperatur. MlhvtttM dkl IoIj-ii Jrrtlfrtriisjfr Berlins und Umgegend. Sonntag, den 1«. Mai 1897, vormittags 10 Nhr, im Lokal von Zlndrcasstraste 26; Mitglieder-Versammlung. Tages-Ordnnng: 1. Abrechnung vom 1. Quartal 1897. 2. Vereinsangelegenheiten. Z. Verschiedenes. 619 Neue Mitglieder werde» aufgenommen. Um zahlreiches Erscheinen er- sucht_ Der Borstand. Freie Volksbühne. Sonntag, den 16. Mal er., naelimittagR 3 dir, im Belle- Alliancc-Theater, Belle-Alliancestr. 7/8, 2. Vorstellung für die 2. Abthellunjf und diejenigen Mitglieder der 3. Abtheilan�-, welche die Vorstellung am 9. Mai nicht besucht haben. Zur Aufführung gelangt das Schauspiel n« Die Mütter in 4 Akten von Georg Hirschfeld unter Mitwirkung von Frl. Bllli Krause, Schauspielhaus, a. G.; FrauDr. Cala, a. G.; Herrn Harlan vom Berliner Theater; Fr. HUftel; Frl. Zacbau und Horm Brilhm, Stadttheater in München. ]>ie Monatsschrift„Freie Volksbühne" von I>r. C. Schmidt mit dem Theaterzettel ist nur in den Zahlstellen zu haben. Da die 3. Abtheilung erst zur Hälfte gefüllt ist, kann eine besondere Vorstellung für- dieselbe nicht gegeben werden; deshalb machte sich zur Erhaltung des finanziellen Gleichgewichts im Vereinsetat die Zusammenlegung der drei Abtheilungen in zwei für den Monat jflai-Jnnl nöthig, welchen Umstand wir den Mitgliedern zur Berücksichtigung empfehlen. I>er Vorstand. I. A.: G. Winkler, Kassirer. Die Ordner der„Freien Volksbühne" veranstalten am Himmelfahrtstagc einen Ausflug nach den Eüdersdorfer Kalkbergen mit Damen. Treffpunkt 8 Uhr morgens am Sohlesischen Bahnhof.— Stationen werden in Erkner und stVoltersdorfer Schleuse gemacht.— Gäste herzlich willkommen. 231/4 Die Ordncrkommisslon. verloren. Sämmtliche Krankenkassen- Bücher mit Belegen und Abrechnung vom l. Quartal 1897, eingeschlagen in ein Wachstuch, sind in der Ngcht vom 16. bis 17. April in der Lindenstr. 52 verloren gegangen. Der ehr- liche Finder wird gebeten, die Sachen an Unterzeichneten einzusenden. 259/12 Der Vorstand. A. Gruse, Barnimslr. 41 a. Medizinal-Verein für Berlin und Umyegend. Zionnabend, den 15. Mai 1897: FamillcnkrUnzchen, verbunden mit humoristischen Borträgen im„Englische»(garten«, Vlexauderstraste Rr. 27 c, ob. Sans. Anfang 8V2 Uhr. Des wo hlthätigen Zweckes wegen ladet zu zahlreiche»! Besuche ein 2026b Has Komitee. Einlaßkarte» sind bei den Bertrauensleuten zu haben._ pimii.Hflturlirlluprfiii Hente, Donnerstag, den 13. Mai, ab. 8'/, Uhr, spricht Mwedintr GuKzeil bei Jo«I. Andreasstrasie Nr. 21 über: Naturhrilkunde für Leib, Seele, Moral und Gesellschaft. Männer und Frauen willkommen. Eintriit 15 Pf. Um zahlreiches Erscheinen bittet _ Der Vorstand. Alcxanderssr. 8. Redakteur-Gesuch. Für ei« täglich erscheinendes wird ein geübter Redakteur gesucht, welcher uiiter Umständen das Blatt selbständig leiten kann. Offerten mit Angabe von GehaltS- ansprüchen unter JT. W. 561«7 befördert Rudolf Mossc, Berlin. Wer kaust eingebund. freireligiöse u. sozialdemokr.Broschürcn? Antw. 11. L. Y. 5600, Postamt Marienstraße. Mit-SüniK SÄ" *», 2" Hermann Kate, 2027b LandSbergerstraste 71. Künstliche Zähne. F. Steffens, Rosenthalcrstr. 61, 2 Tr. Thcil, Zahlung pr. Werbe 1 M. Ein Bereinsziulmer zu vergeben Kaiser Fricdrichstr. 8, Schönrberg. Ein Mchl-.Vort»st- U.Grünkram- Geschäft zu verkaufen. 2009b Hoppe, Gräscstr. 78. lödel auf Theilzahlune.* .T.Kcll ermann, NcucJakebstr.26. grösttrS Lager. oilligste Preise» auch Thcilzahlung, V. Holze, Lranienstraste 3. Fspr.-AnitIV,99bg. 19716 Materialw.-Geschäft, gutgehendes, sofort od. späterhin preis- werlh zu oerk. Sichere Existenz nachweislich. Jährl. Miethe n. W. 500 M' Z. crfr. Reichenbergerstr.14S, H. 1, 1 Tr. l. I AK. Hrantkieldern. 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Sriliijc te Jorairls" ßttlinft NcksdIM.!I»»».I.I-.MIM. zk>>-r»Wfchr Grfä»gniSst«ktAik. ""'s. der soeben erschienenen nmtlichen Publikation Über das "esSnanißivese» in Preußen bringt die„Berl. Korresp." einen Aus- Zug. welchem wir die hauplsächlichsten Angaben entnehmen: „Tic Verwallnng des Gesängnißwesens ist in Preuße» zwischen dein Mininerium des Innern und dem Justiznunisminms getheilt. 3» der Verwaltung des Innern stehen 3a Sirafanstalten ziir Aufnahme der zu Zuchthausstrafe Verurtdcillen und 17 größere Gefängnisse zur Aufnahme von Gesängniß-, Haft- und Unter- fnchungs- Gesungenen Von diesen Anstalten enthielten am 31. März 1396: 1009 Geianaene und mehr 1, 900 bis 1000 Geianpene 1, 800 bis 900 Gefangene 3, 700 bis 800 Ge. fangenc 6, 600 bis 700 Gefangene 3, 500 bis 600 Gesungene 10, 400 bis 500 Gefangene 13, 300 bis 400 Gefangen- 5, LOO bis 300 Gefangene 4, 100 bis 200 Gefangene 5, 50 bis 100 Gefangene 0, unter 50 Gefangene I. .Dem Justizministerium waren unterstellt 1016 Anstalten. Diese dienen znr Ausnahme von Untersnchnngsgefangenen und Straf- gefangene»(Gcfängnißstrafe, Haft und geschärfte Haft). Dagegen sind Zuchlhaussträslinge gänzlich ausgeschlossen. Die Zahl der in diesen Anstalten detinirlen Geiangenen betrug: a»i 1 April 1395 34 645, am 31. Btärz 1896 31853, im täglichen Durchschnitt des Jahres 1895/96 32 222,20. Außerdem unterstehen dem Ministerium des Jauern 4 Zwangs- Erziehungsanstalle» für Jugendliche im Alter von 12 bis 13 Jahre», die nach Z 66 des Sirafgesetzbnchs für das Deutsche Reich wegen mangelnder Einsicht freigesprochen und der Zwangserziehung über- wiesen sind. Darin ivare» am 31. März 1896 561 Zöglinge unter- gebracht. Der Minister des Innern führt die Aussicht über die Zwangserziehung der Kinder, welche vor dem vollendeten 12. Lebens- jähre eine strafbare Handlung begangen haben und nach Z 55 des Slraigcsehbuchs und drm Geseke vom 13. März 1373 den Pro- vinzialverbände» zur Zwangserziehung überwiesen sind. Ferner sührt der Minister des Innern die Aufsicht über die Provinzial- Korrektionsanstalten. Die Gesninmtzahl der Zuchthau s-Gefangenen betrug im Jahre 1395/96 24 582 gegen 30 531 im Jahre 1881/32 und 28 577 im Jahre 1869, und war die geringste in dem Zeitraum seit 1869. Der tägliche Dnrchschuillebestaud betrug 17 556, die Zahl des Zugangs 6817. Auf 10000 Köpfe der 13 Jahre und darüber alle» Bevölkerung des preubischen Staates kamen in Zugang 3,77. Es ergiebl sich ans der Statistik des Bestandes au Znchlhansgcfangene», daß die schwere Kriminalität vom Jahre 1369 bis 1371 gesunken, dann ziemlich konstant bis zum Jahre 1831/32 gestiegen und dann ebenso konstant gefallen isl, so daß sie im Jahre 1395/96 um 20,3 pCt. günstiger steh! als im Jahre 1869 Midlum 37,3 pCt. günstiger als im Jahre 1881/82. Auch die ahl der Vorbestrasten unter den Zuchthausgefaugenen ist gegen die orjahre gesunken, sowohl die Zahl der Vorbeslrafien überhaupi als die Zahl der i»ehr als dreimal und mit Freiheitsstrafen von mehr als einem Jahre Vorbestrafte». Einzelz-llen waren vorhanden in den Strafanstalten 4322, für durchschnittlich 17 556 Geiangene oder 24,6 pCt., in den Gefäng- nisse» 2871, für dnrchschniltlich 8635 Gefangene oder 33,3 pCt. Seit dem Jahre 1369 ist die Zahl der Zellen vermehrt von 3247 auf 7193. Bon der Gesammtzahl der 21 037 männlichen Zuchthaus. gefangenen wurden 9007 oder 43 pCt. bestraft, 57 pCt. bliebe» straffrei. Unter 22 519 Strasfällen befanden sich 17 ivegeii lhät- licher Widersetzlichkeit. Von der Gesammtzahl der 3495 weiblichen Zuchthausgefaugenen wurden 1672 oder 48 pCt. bestraft, 52 pCt. blieben straffrei. Für Zuchthausgefangene, die von Zivil- gerichten verurlheilt waren, wurden 153 Anträge aus vorläufige Entlassung gestellt, davon wurden 41 oder 27 pCt. genchmigl, für Militärsträslinge wurden 14 Anträge gestellt und 12 oder 86 pCt. genehmigt. Von 7039 Entlassungen von Zuchthausgefaugenen kamen 53 vorläufige Entlassungen oder 0,75 pCt. Was die V e r p s l e g u n g der Gefangenen anlangt, so verhält sich in der täglichen Kost das aniinalische zu dem vegetabilischen Eiweiß ungefähr wie 1: 3. Die Kosten der Gefangeneuverpflegnng betragen für den Kopf und Tag 30,9 Pf. Ans den Arbeits- belohnnngen können sich die Gefangenen Znsatznahrungsmittel be° schaffen, doch darf der dafür aufzuwendende Betrag nicht mehr als 5 Pf. für den Tag betragen. Aufgewendet sind im Durchschnitt für den Kopf und Tag 1,10 Pf. Für die Beschäftigung der Gefangenen gelten folgende Grundsätze: Alle Bedürfnisse sowohl der einzelnen Anstallen als der gesammte» Gefängnißverwallung sind soweit irgend möglich durch Arbeit der Gefangenen zu befriedigen. Alle Hausarbeit in den einzelnen Anstalten wird durch Gefangene verrichtet; die Herstellung der Kleidungs-, Lagerungs- und sonstigen Bedarfsgegenstände geschieht durch Gefangene; in den Anstalten zu Wartenbnrg, Jnsterburg, Brandenburg, Sonnenburg, Nauaard, Ralibor, Halle, Rendsburg, Lichlenburg und Celle sind Webereien eingerichtet zur Anfertigung der Gewebe für Bekleidung und Lagerung. Die bau- lichen Reparaturen, größere Umbauten und Ergänznngsbaute» werden durch Gefangene ausgeführt. Die Herstellung von Gebrauchsgegen- ständen für Reichs» und Staatsbehörden, namentlich für die Militär- Verwaltung, gewinnt mit jedem Jahre größere Ausdehnung. Zu landwirlhfchaftlichen Kulturarbeiten für Staats- und Kommunal- Verwaltungen sowie für Private können Zuchlhausgefangene ver- wendet werden, wenn diese mindestens ein Jahr ihrer Strafe verbüßt, sich gut geführt haben und der Slrafrest nicht mehr als ein Jahr belrägt; Gesängnißgesangene mit ihrer Zustimmung, wen» sie sechs Monate ihrer Slrase verbüßt, sich gul geführt haben und der Strafrest nicht mehr als zwei Jahre beträgt. Zuchthaus» und Gesängnißgesangene dürfen nicht zusammen arbeilen, von freie» Arbeitern müssen sie getrennt geHallen werden. Um eine Schädigung der freien Arbeiter zu ver» hindern, darf diese Verwendung von Gefangenen nur dann statt- finde», wenn die Arbeiten unterbleiben würden, weil freie Arbeiter dafür nicht zu haben sind oder die hohen Löhne der freien Arbeiter die Anlage unrentabel machen. Mit solchen Arbeiten ist auf de» Domänen Lichlenburg und Gorrenberg in der Provinz Sachsen be- gönnen. es werden dabei etiva 80 bezw. 36 Gefangene der Siros- anstatt Lichlenburg beschäftigt. Meliorationsarbeiten auf den Elb- werdern bei Bleckede und auf dem Kehdinger Moor bei Stade, Provinz Hannover, sind so weit vorbereitet, daß damit im Sommer 1897 begonnen werden kann; etwa 100 Gefangene werden dabei Belchäftigung finden. Der Minister für Land- wirthsckaft. Domänen und Forsten hat sich bereit erklärt, diese Bestrebungen möglichst zu fördern. Die übrigen Gefangenen werden im öffentlichen Anspebol an Unternehmer zur Ausführung von Jndnstrie-Slrbeite» vergeben. Dabei wird Rücksicht ge- nommen, daß nicht einzelnen Unternehmern eine zu große Anzahl von Gefangenen überlassen wird, und daß nicht in einzelnen Industrien eine im Verhnllniß zur Zahl der darin thätigen freien Ardeiter unverhällnißmäßig große Zahl von Gefangenen beschäfiigl wird. Seit dem Jahre 1369 ist die Zahl der in Unternehmer- Betrieben beschäftigten Arbeiter von 73 aus 52 pCt. herab- gemindert. Die Gefangenen unter 30 Jahren erholten in der Regel Unter- r i ch t in den Gegenständen der Volksschule, soweit sie dessen»och bedürfen. Die Jngenduchen haben wöchentlich mehr Schulstunde» als die Erwachsenen. Jeder Gefangene bat eine Bibel oder ein Nenes Testament mit Psalmen, ein kirchliches Gesangbuch, die Schüler außerdem die eingesührlen Schulbücher in ständigem Besiße; dazu wird lhnen wöchentlich wechselnd ein Blich belehrenden oder unterhaltenden Inhalts verabreicht. Die Fürsorge für die Eni lassenen ist durch den gemeinsamen Erlaß der Minister des Innern, der Justiz und des Kultus vom 13. Juni 1395 geregelt. Nach den eingegangenen Berichten wächst das Interesse für die Fürsorge. Im ganzen waren an verbrecherischen Personen Ende März 1396 untergebracht 30 260,»»d zwar in den Strafanstalten des Ministeriums des Inner» 17 493, in den größeren Gefängnissen des Ministeriums des Innern 8575, in den kleinen Gefängnissen des Ministeriums des Innern 366, in den Gefängnissen der Justiz- Verwaltung 31 855, in der Zwangserziehung»ach Z 55 10 650, in der Zwangserziehung nach Z 56 561 und in den Korrektions- Häusern 10 757."— Wir brauchen wohl bei Wiebergabe dieser Statistik nicht näher auszusühre», in wie großem Gegensatz wir zu dem ganzen heutigen Syste in der Behandlung der Gefangenen stehen. Ueber 80 000 ins Gefängniß gesperrte Menschen, welche Unsnnime von Leid und Elend sind da zusammenpehäust! Welch' schmähliche „Ordnung" der Gesellschaft, die solche Zustände zeitigt! Mnternrhmer-VevbÄuve. Das sächsische Oberlandesgericht hat einen Holzstoff- Fabri» kanten, der den Satzungen des Kartells, das 61 Firmen ge- schlösse» haben, entgegenhandelte, dem Slrasantrage gemäß zu 5203,11 M. verurtheilt. Jedes Mitglied hatte auf de» Selbst- verkauf verzichtet und sich verpflichtet, die von ihm hergestellten Waaren— deren Menge alljährlich vom Kartell festgesetzt wurde— an die gemeinsame Verkaufsstelle abzuliefern, bei einer im voraus bestimmten Strafe für den Zuwiderhandlnngsfall. DaS Reichsgericht verwies zwar die Sache ans prozessualischen Gründen an de» genannten Gerichtshof zurück, erkannte aber, wie die„Deutsche Jnristen-Zeitnng" niittheilt, im Prinzip das Urlheil a». Ein solcher Vertrag verstoße nicht gegen das Prinzip der Gewerbefreibcit, es würden dadurch weder die Jntercssen der Gesammtheit verletzt»och die Freibeil des Einzelnen unzulässig geschmälert. Daß in einem Gewerbszweige die Preise nicht so lief herabsinken, daß dadurch der gedeihliche Betrieb des Gewerbes unmöglich gemacht werde, liege auch im Interesse der Gesammtheit. Derartige Syndikate könnten nur dann beanstandet werben, wenn sich im einzelnen Fall aus be- sonderen Umständen Bedenken ergeben, namentlich wenn es ersichtlich auf die Herbeiführung eines thatsächlichen Monopols und die wucherische Ausbeutung der Konsumenten abgesehen ist oder diese Folgen durch die getroffenen Vereinbarungen und Einrichtungen thatsächlich herbeigesührt werden. Die Gewerbe-Ordnung biete keinen Anhalt, im vorliegenden Falle den Rechtsschutz zu versagen und§ 152 finde auf Verträge dieser Art keine Anwendung. Die Allgemeine deutsche Zauclla- Vereiniguug, die ihren Sitz in Verlin hat, beschloß infolge der niedrigen Baulnwoll- und Wollpreise eine 5— 7prozc»lige Herabsetzung der Preise für die der Vereinigung unterstellten Zanellastoffe. Die Salinen- Kartelle sind im Stadium der Anflösnng be- griffe». Das Elsaß-Loihi ingische Salinen- Syndikat und die Süd- deutsche Salinen- Vereinigung habe» sich bereits aufgelöst, der Mitteldeutsche Salinen- Verein ist von einer Seite für Ende Mai d. I. gekündigt, und ob die Norddeutsche Salinen-Bereinignng bestehe» bleibt, ist vorderhand auch noch fraglich. Die Ursache der Gefährdung dieser Kartelle scheint hauptsächlich in der Errichtung neuer Salinen zu liegen, die sich den Kartellen nicht anschlössen und billiger verkaufen als diese. Gegen die Kartelle bat im österreichischen Abgeord- n e t e n h a n s e der Jungczeche P a c a k und Genossen folgenden Antrag gestellt: Die Regierung wird aufgefordert, in der allernächsten Zeit einen Gesetzentivnrf gegen die Kailelle einzubringen, i» welchem folgende Grundsätze zum Ausdrucke kämen: I. Alle Karlellverbindnnge» überhaupt sind der staatlichen, event. Landesaussicht zu unterziehen; die wirthschaftlich scbädliche» Kartelle sind hintanzuhalle», deren event. Begründung durch Strasbestimmungen zu treffen. II. Zur Beurtheilung der Schädlichkeit oder Nützlichkeit der Kartelle und zur Entscheidung über deren Znlaß oder Bei bot sind Kartellrälhe zu konstiluiren, und zwar rücksichtlich der das ganze Reich betreffenden Kartelle ReichS-Kartellrälhe, rücksichtljch der die ganzen Königreiche und Länder betreffenden Kartelle Landes- Kartell rätbe. III. I» den Reichs» Kartellrath sind als Vertreter zu berufen: 1. die Vertreter des HandelSministerinins und 2. des Ackerbau- ministeriums; 3. Vertreter der Handelskammer», in deren Umfang das bezügliche Kartell seine Wirksamkeit hat; 4. Vertreter der Landes-Knltnrräthe, eventuell ähnlicher gleichlautender Institute; 5. des Obersten Gerichtshofes; 6. der Industrie, um deren Kartellirung es sich handelt; 7. jener Kreise, eventuell Landwirth- schast, welche die Rohprodukte dem bezüglichen zu karlellirende» Industriezweige liefern. IV. In de» Landes-Kartellrath sind zu berufen: 1. die Vertreter der Handelskammer», 2. des Landes- Kulturratbs, 3 der Stgtl- halterei, 4. des Lnndesausschusses, 5. des Ober-Landesgerichts, 6. der zu karlellirende» Jndnstrie, 7. der das Robmaterial der bezüglichen Industrie liefernde» landwirthschafllichen Kreise. V. Die Reichs- und Landes- Kartellrälhe entscheiden endgiltig, ohne Znlaß einer weiteren Berufung nach sreiem Ermessen mit Stiinmenmehrheit. Die Kartellrälhe sind auch berechtigt, über Anzeigen von unberechtigten Kartellen Untersuchungen einzn- leite», und alle Staats- und Landesbehörden sind verpflichtet, diese Untersuchungen ans Ersuchen der Kartellrälhe zu leiten. ur Leitung dieser Erhebungen sind bei den Kartellrälhe» einige ersonen ständig zu ernennen. 6. Behufs Hintaichallnng der Schädigung der Landwirthe beim Auswüchse der Zuckerkaclelle im Rayonverlrage sind gesetzlich Schieos- gerichte speziell dann zu errichten, um über die Rübenliesernngs- streite zwischen Znckersabrikanten und Landwirthen im kurzen Wege nach freiem Ermessen entscheiden zu können. 7. In sormcller Rücksicht wird beantragt, diesen Antrag an den landwirthschaftliche» Ausschuß(von 36 Mitgliedern) zu leiten." Vevssminlungen» Der Wahlverein für den sechsten Berliner Reichstags- Wahlkreis tagte am Dienstag Abend das erstemal nach emcinhalb- jähriger unfreiwilliger Pause, hervorgernien durch de» Köllerionp. Der Kassirer des Vereins, Genosse K r ö h n, der die Versammlung «löffnete, bedeutet, daß der Vorstand Einbuße erlitten habe; es be- kleide der ehemalige erste Vorsitzende, Genosse Eugen Ernst, daS Amt eines Vertrauensmanns und der zweite Voisitzende, Genosse I a c o b e y, verbüße eine Freiheitsstrafe ivegen Preßvergehens. An- schließend widmet Redner dem Soziatistentödler Koller einige Worte, darauf hinweisend, daß der Sozinldewokralie bereits un- zählige Schläge versetzt wurden und solcher auch noch viele zu er- warten sind; zum Leidwesen der Reaktionäre blieben jedoch alle Ver- nichlllngsversnche wukniigslos und so auch der Koup des Herrn Köster, denn groß und mächtig stehe die Partei des arbeitenden Volkes da, »ach wie vor. Die Verjainmlltng ehrt nun das Andenken der wäh- rend der verflossenen Zeil verstorbenen Mitglieder durch Erheben von de» Plätzen. Da Genosse Ledebour, Referent,»och nicht anwesend, erledigte man den Punkt„Verschiedenes" Hierbei be- merkt der Kassirer, daß es ihm bis dato nicht möglich war, eine ge- na»e Abrechnung zu liefer», indem ihm bei Zllstellung der früher konfiszirien Utensilien verschiedene Schriftstücke nicht wieder ckiis- gehändigl wurde»; er werde die»othwendigen Schritte thll» und sich bemüheii, alsbald ei» klares Bild der Kassenlage vorlegen zu können. In der»un folgenden Debatte wurde von einiaen Rednern die Frage gestreist, ob der Verein„Vorwärts" neben dem Wahlverent bestehen solle, wozil der Vorsitzende bemerkt, daß es unzulässig sei, diesen Punkt hier zu verHandel». Genosse Arendsee hält für nothivendig, dem Vorstand Direktiven für sei» ferneres Wirken zu ertheilen. Da während dessen Genosse Ledebour erschienen, erhält dieser das Wort zu seinem Vortrag, in dem die Nothivendigkeit polititischer und gewerkschaftlicher Bethätigung der Arbeiter das Leitmotiv bildete. Arendsee und Kiesel sprachen kurz in gleichem Sinne in der anschließenden Diskussion. Schließlich nimmt die Versammlung einen Antrag an, nach welchem der Vorstand in Bälde eine Generalversammlung einzuberufen hat, in der die Ersatzwahl zum Vorstand, die fernere Agitation«. erledigt werden sollen. Der Zentrakverband deutscher Maurer(Filiale II) wählte in seiner letzten Versammlung zum 2. Kassirer Koll. Schwenk. Zwei arbeitslosen Kollegen wurde eine Unterstützung zugebilligt. Die Vorwürfe, die gegen den Kollegen Blätter mann in einer Parteiversammlung erhoben worden waren, wurden als zu unrecht gemacht znrückuewiesen. Bekannt gegeben wurde, daß am 16. Mai Wanderversammlungen im Westen und Wedding abgehalten werden. Die Drechsler hielten am 5. Mai für Süd-Osten und Westen eine Bezirks Branchenversammlung ab. Eingeleitet wurde dieselbe durch einen Vortrag des Kollegen Kunze über:„Soziale Kämpfe". Als weiterer Punkt kamen Werkstätlenverhältnisse zur Sprache, namentlich wurde» diejenigen Betriebe bekannt gemacht, wo am 1. Mai Maßregelnngen stallfanden. Es sei hierbei die Werkstätle des Herrn Völker, Nene Jakobstraße, erwähnt. Ferner kamen »och verschiedene Mißstände: als Ueberstnnden, Dampfgeldnbzug k. znr Erörterung. Gleichzeitig wurde auch von der Kommission über de» verhältnißmäßig schwachen Besuch Beschiverde geführt. Haupt- sächlich betrifft dies die Kollegen in den größeren Werkstätten des Süb-Oslens itnd Westens. Die Herren Unternehmer wissen diese permanente Lauheit anss vortrefflichste auszunützen. Wollen die Berliner Drechsler nicht, daß sie auf ein noch tieferes Niveau hinabgleiten, so ist es ihre Pflicht, sich mehr als wie bisher um die Organisation zu bekümmern. Die Kommission rechtet deshalb an die Kollegen den dringende» Appell, die erkämpften Vortheile aus keinen Fall mehr preis zu geben, und bei etwaigen Differenzen der Ortsverwaltung unverzüglich Mitlheilung zu machen. Eine öffentliche Arbeiter- und Arbciterinnen-Versamm- lnng, die am 10. Mai bei Henke, Nnnnynstraße 27, tagte, beschäf- ligle sich mit der Frage der Beschickung des Haller Kongresses, ver- anstaltet von den lokalorgauisirten Gewerkschafte». Die Be- schicknng wurde befürwortet nnd Schüler als Vertreter der Arbeiter und Arbeiterinnen nach Halle delegirt. Voran ging ein recht beifällig aufgenommener gewerkschaftlicher Vortrag des Ge« Nossen Alt a s s a t s ch. Zum Schluß bedauert Frau G u b e l a, daß der Dclegirte mit einer so geringen Stimmenzahl(24) gewählt wurde, giebl außerdem die Schuld zur Einberufung des Hallcr Kon- gresses der Zurückweisung der Vertreter lokalorganisirter Gcwerk- schaften von dem znletzt stattgehabten Kongreß der Vertreter der zentralorgnnistrten Gewerkschaften,»nd macht schließlich bekannt, daß in nächster Zeit eine Versammlung ihrerseits einberufen werde, die sich mit den Zuständen der Orts-Kraukenkasse der Schneider und Schneiderinnen beschästigen werde. Eine öffentliche Schuhmacher- Versammlnng tagte am Montag Abend bei Eberl, Kommandanlenstraße, i» der Frau Rohr lack über„Die Nothivendigkeit der Erweite- rung des Fabrikinspcktorats" reserirte, tvelche Aus- führungen mit großem Beifall aufgenommen wurden. Eine DiS» knssio» wurde nicht beliebt und erstattete nun Diener Bericht über die Verhandlunge» der Einigungskommission in der Streikangelegen- heit der Firmen Stolzenberg und Reis. Redner betont, daß die Agitaliouskomniissto», als sie Verhandlungen mit den Unter« nehniern, bei welchen wegen Lohndifferenzen gestreikt wurde, an- knüpfen wollte, kurzerhand abgewiesen wnrde; erst durch Zu« thll» des Herrn Obermeisters Bierbach sei es gelungen, eine Kommission, bestehend aus je zwei Personen der belheiligten Unternehmer und Arbeiter, je ein Mitglied der Schuh- macher- Innung und des Vereins„Hans SachS" und zwei Mitgliedern der Agilationskoinmission, zu substituiren, der es in einer Sitzung am 6. Mai gelang, ein für die Arbeiter günstiges Resultat zu erzielen, wie in der Sountagsausgabe des„Vorwärts" bereits mitgetheilt. Referent verliest das von allen Betheiligten unterzeichnete ausführliche Protokoll betr. Verhandlungen und be- tont, daß man mit dem Errungenen gewiß zufrieden fein könne nnd empfiehlt, weitere Differenzen nur aus diesem Wege zu erledigen. K a t t bemängelt an dem festgelegten Tarif, daß für Damenarbeiten veihältnißmäßig geringe Preise angenommen wurden, während sämmtl.che weiteren Redner mit dem Resultat der Verhandlungen sich einverstanden erklären nnd wünschen, daß in bälde in allen weiteren Betrieben in gleichem Sinne verfahren werden möge. Unter Verschiedenem verweist Diener auf die in nächster Woche stattfindenden Schuhmacher- Versammlungen, welche sich mit der Versicherung von Hausindustriellen befassen werde». Die Former nnd Girflerei-Arbeiter hielten am Dienstag eine öffentliche Versammlung ab, wo zunächst die Aussperrung der Former in Leipzig und Berti» besprochen wurde. Wie K ö r st e n berichtete, sind in vier Leipziger Fabriken zusammen 195 Former aasgesperrt worden, und hatte es den Anschein, als ob aus diesem Anlaß ein allgemeiner Ansstand ausbrechen werde. Das ist jedoch nicht eingetroffen, vielmehr haben die dortigen Kollegen nach mehr- fachen Unterhandlungen mit den Unternehlnern die Arbeit wieder aufgenommen. Wenn die Leipziger Former die beabsichtigte Vrovokation der Unternehmer nicht gebührend beantworteten, so liege das an den dortigen nicht günstigen Organisationsverhältnissen, was wiederum beweif«, wie nothivendig es sei, eine Einheitlichkeit in der Organi- sation z» schaffen. Im Anschluß daran theilte Rät her mit, daß auch in Forst 13 Former durch den daselbst allsgebrochenen Streik der Metallarbeiter in Mitleidenschaft gezogen sind. Ueber die in Berlin aus Anlaß der Maifeier stattgehabten AuS- sperrungen von Melallaibeitern berichtete Litfin, daß bei der Firma Heber, wo die Maifeiernden einige Tage aus- gesperrt wurden, ein Kollege jetzt dauernd gemaßregelt iverden soll. Da die übrigen Kollegen llnter diese» Umständen die Arbeit nicht wieder anfnehine» wollen, dürfte es bei Heber zu einem allgemeinen Ansfland kommen, wenn der Fabrikant die Maßregelung des betreffenden Kollegen nicht znrücknimlNt. Bei Ziegler sind die Ausgesperrten wieder eingestellt, doch solle» sie jetzt, weil durch die fünf Tage andauernde Aussperrung die Arbeiten in Rückstand gelomme» sind, Ueberstunden mache», was aber entschiede» abgelehnt wird. In der Werkstatt von Gossen sind an stelle der Schlosser, welche den r. Mai gefeiert haben, andere Arbeitskräfte eingestellt, die jedoch nicht leistungssähig zn sein scheinen, da der Unternehmer einem Theil der Ausgesperrten wieder Arbeit angeboten hat, was diese aber ablehnen, wenn nicht alle Kollege» wieder eingestellt werden. Das wird allerdings nicht geschehen, und ist damit die Angelegen- heit bei Gvsseil als verloren zu betrachten. In der Fabrik von Sentker ist die Differenz im Sinne der ausgesperrt gewesenen Kollege» erledigt. M a s s a t s ch theilte mit, daß in der Werkstatt von Kaufmann den Formern Lohnabzüge angekündigt wurden, Als die Kollegen diese» Slreilpnnkt durch die Organisation regeln lassen wollten, billigte ihnen der Unlernehmer die bisher gezahlle» Lohn- sähe auch ferner z». In der gleichen Weise find auch Differenzen, ivelche in der Werkstatt von Kueisel schivebten, beigelegt worden. Diese beiden Fälle ließen deutlich erkennen, daß Konflikte verhindert werden, sobald der Unternehmer sieht, daß die Arbeiter einen Rück- halt an einer guten Oiganisalio» haben. Hierauf gab der bisherige Pertraueiismanii S t o p s a ck cinen kurzen Bericht über seine Thätigkelt und wurde dann Jrrgang mit dem Amt des. Vertrauensmannes bekleidet. t¥uc de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berantwortnng. Gheskev. Donnerstag, den 13. Mai. Opernhaus. Undine. TchausPielhauS. Biel Lärm um nichts. Deutsches. Die Weder. Pcrliner. Renaissance. Hessing. Die Geisha. sPchiller. Der G'wissenswurm. lReues. Trilby. Arsten. Hanne Nüte'S Adschied. Müller Boß. Jochen Peisel, wat büst Dn vor'n Gsel. Dhalia« Die schöne Helena. Linden. Der Vogelhändler. Friedrich- Wilhelmstiidtisches. Trilby. Belle-Zllliance. Trilby. Residenz. Vaterfreuden. Der neue Ganymcd. Alcxanderplah. Endlich allein.— Eine tolle Prinzeß. Ostend. Der deutsche Michel. Passagc-Panoptiknm. 32 Mädchen aus Samoa. Apollo. Venus auf Erden. Sch rllev-T hettkev (TV allner-Xlicater). Donnerstag, abends 8 Uhr: Der G'wissenswurm. Freitag, ab. 3 Uhr: Der G'wisfens- wurm. Volks-Theater St. Relchenbcrger> Straße St. Sonnabend, den 15. Mai 18V7: Eröjfnung der Sommer- Saison. Mit neuer Ausstattung. Ans eigenen Wen. BolkSstllck mit Gesang in 6 Bildern von E. Pohl und H. Willen. Musik von A. C o n r a d i. Vor der Vorstellung: Vro88eL Gartenkonzert. Kassencröfsnung KV- Uhr. Ans. 8 Uhr. Entrce 30 Pf. bis 2 Marl. Ostend-Theater. Gr. Franrfurterstr.132. Dir.«.Weift. Zu erinäbigren Preisen: Parquet l M. Zum 120. 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Konzert 7 Uhr. Anf.d.Vorslellung8Uhr. ScMzer-Garten Arn Königsthor. Arn Friedrichshain. selten Sonntag: Extra-Vorstellung und Garten-Konzert. MP- Im Saale: Itall.-9 �uffang 4Vj Uhr. Entrce 30 Pf. An Wochentagen im Mai ist Garten und Saal zu Privatfesten zu ver- geben. 15552* Thalia-Theater. (vorurals Adolph Ernst-Theater). Gastspiel von Frau Julie Kopaczy-K arczag. Die schöne Helena. Operette in 3 Akten v. I. Ofsenbach. Morgen und folgende Tage: Die schöne Helena. KonzöUliaus Sanssouci, Kottbuscrstr. Jnh. H. Pierry. ikliulame Sans Gene. Der Lnni|icnball. Der Gliickllchniach er. Dadc zu Hanse. gy Gr. Spezialitäten.-PW Ans. d. Konzerts 7 Uhr, d. Vorst. 8 Uhr. m Gutree 30 Pf.■■ Passe-partouts gelten. py Bei günstiger Witterung im 1500 Personen fassenden gänzlich neu renovirten Garten. Bei ungünstiger Witterung im gr. Saal. Vorn 0. Juni (1. Pfingstfeiertag) täglich. Passepartouts sind schon heute zu haben. Fee»-Palast.„Ä. Direktion TVInklcr A. 1, übel. Arn 17. Mai: Letzte Vorstellung. Dbeater nn«1 Gpezlalitiiten Künstler ersten Ranges. Durchweg neues Programm. Kolossaler Lacherfolg.'9$ 8V2 Uhr Eine S/z Uhr TlhrtlkeilsillllljtimGl'UWvald. Hauptrollen: R. Winkler und Wilh. Fröbel. Anfang 7Gz Uhr, Sonntags 7 Uhr. Entree 30 Pf. Ebren- uml Freikarten sind noch bis 17. Mai gilttg. Oonconiia Variete-Theatep Hrnnacnstr. 154. Grosse Theater- und Spe'/.lttlttliten-Vorstellnng. Groftartiges April- Programm! ?t c n! Gran«1.Attraktion. Gebr. Forr£, Jnstrnmentalist. Neil! Hertha I.orcnzl, brillante Kostiimsoubrette. Knospe und Stengel. Posse in 1 All. Anfang Wochentags T/, Uhr. SoinitagS 6 Uhr. Umtausch- Billcts haben Giltigkeit. �alln-Vlinilr. Künstl. Zähiie in tadelloser Aus- sührnng v. 3 M., Plomben v. 2 M. an. Schmerzlos. Zahnziehen mttt. Cocain, Clorsthol, Chloroforni und Lachaas unter Leitung eines prakt. Slrztes. Bei Bestellung v. künstl. Zähnen Zahnziehen, Zahnreinigcn umsonst! 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Kur die Gewinne über Litt Mark sind den betreffeadev Nummern in Porentbese beigefügt (Ohne Gewähr.) 66 186 229[500] 49 349 67 681 749 903[3001 5 SS 1050 105 69 207 343(300) 96 13001 423 37 576 95 086 734 70 81 2817 421 790 887»121 36 226 350[300] 650 736 51 93 899 979 4022 33 47 220 55 87 338 54 629 11500] 738 94 6060 151 64 267 412 752[300] 862 77 [300] 96(5001 941«1252 344 80 611 57 606 14 29 70M) III 264 341 94 429 747 859 8102 87 449 556 625 0033 293 412 15 67[1500] 522_____ 10150 202 92 794 819 11126 213 307 38 406 585 609 40 10182 226 37 556 81 607 16 66 704 870 914 32 13244 86 379 656 58 786 874 77 97 1 43o3 42/ 62 502 67 686 771[300] 895 926 41 15106 2« 36 238 70 472 77 97 588 968 1« 122 44 234 43 862 478[500] 98 726[3000] 82 846 1 7125 460 534 628 772 906 1 8020 62 64 125 65(3000) 72 381 515(15001 622 41 92 707 830 41 10177 503 8 87 673 778 81 901 43 «0245 342 64 402 613 55 977«1013 117 71 82 90 92 271[5001 504 87 604 702 849«0005 92 270 386 472 507[3000] 48 710 37 971«3046 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VeramivortUcher üteCatwur; Robert Gchuiidt in Berlin. Kür den Jnseraleutheil veranlworllich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max««ding in Berlin.