Jir. 21 UnterOalttmstf&etlage. 192s. Begegnung nach dem Kriege. 3)0(0 einer Sttzze von Suido Tnilanefi, Aalte, Schitee und Regen hatte» ihn, der unlängst ans seiner Heimat hierher gekommen, von den dunklen, unfreundlichen Straßen der Hauptstadt vertrieben. In den zu ebener Erde gelegenen Saal des Hotels hatte er sich geflüchtet, wo. obgleich es erst vier Uhr war, das elek- trische Licht wie in einer.ununterbrochenen Nacht brannte. Auf der bunten Marmorimitation der Wände, avis dem an der Decke verschwendeten Gold, glitzerten thea- terhafte Lichtwirkungen; an der Seite befand sich ein Orchester neben einer Ga- Jene, von welcher eine Treppe zu einer Ar! Basilika führte, die man zu Ehren der Göttin der Ernährung errichtet batte. Man Höne Puecini im Verein mit einer Musik, die von den Rothäuten oder ans dem Innern Argentiniens stammte. Der einsame Gast rauchte Zigaretten; vor ibm stand ein sarkastisch als Mokka bezeichnetes Koffeesurrogat und eine tveiße Flüssigkeit. welche— o Ironie!— Milch bedeuten sollte. Die immer gleiche und doch stets sich wandelnde Szene dieses Menfchetrmeeres kesselte den Fremden. Fs war nicht scknver zu mutmaßen, ans nxlchen Elementen die Mehrzahl die .ser Menge, die sich einer sogenanmen mondänen Zerstreuung hingab, sich zu- fammenfetzte. Man sah aus Amerika zu- rückgekehrte Deutsche, die auf Kosten der in einen Abgrund versuickenen Mark ein vergnügltckes Dasein führten: hier und da amüsierten sich Schieber überlaut, sie schienen sich in ihrem nnhestrittenen Do- Mit einer Binde über dem Auge hinkte ei» Kellner vorbei; zwei an einen Stich! gelehnte Krücken redeten gleichfalls eine deutliche Sprache. Gin paar Krücken! Ihr Besitzer saß nahe dem Gast, im Umkreis der Stühle desselben Tisches. Er sah den Mann an. Ein blasser, blonder ab, uut das stet- wechselnde Bild zu gen!«»., ßen; sie glichen zwei Inseln des Schweigens! in einem Ojeatt von Stimmen. Aber plötzlich geriet der Krüppel in Bewe. gung. An den Tischen vorbei drängte sich ei» Herr auf ihn zu, mit der Hakt eines Mensche^ der einen langen nicht gesehenen Freund findet. Der mechanisch Zeitung durchttätterude Italiener beobachtete die herzliche Begrü». ßung, die zwischen den beiden staltsaud. Ter Troff des zwischen seinen Nachbarn sich entwickelnden Gespräches weckte bald sein Interesse; er las nur scheinbar- um unauffälliger zuhöreu zu können. Die beiden hatten sich seit 1917 nicht mehr gesehen; seit der Zeit, wo der später Gekommene ein deutsches Unterseeboot befehligte, während der Verstümmelte der österreichischen Marine angehörte. Der Italiener vernahm die Fragen: ,Mas führt dich nach Berlin?".. „Bei welchem Kampfe wurdest du verwundet?" Ein grausige? Lächeln mit dem entstellten Kiefer ging der Beantwortung der Fragen voraus. Der Krüppel reiste über Berlin nach Hamburg, um in Amerika eine Stellung bet einer Sckiif'ahrts- gesellfchaft anzutreten. An Bord der Novara war es.„Es ist die Art der Blessierten, Zeit und llm- ständ.» ihrer Verletzungen auf das genaueste anzugebe» So erzählte der Oesterreicher:„Es war der Morgen deS 28. November 1917..." minium zu befinden, froh darüber, daß ihnen Spekulationen während des Todes-„l kampfes der deutschen Mark geglückt waren. Es fehlten auch die schimmernden Sterne von Damen nicht, deren weitgeöffnete Augen von unendlich schönen Verheißungen und winzigen Anopineinträtffelnngen zeugten; sie warteten aus den ersten, sie fixierenden Blick, der in einem stunitnen Gespräch arithmetischer Natur sich an sie wendete. Auch die Arislokratie tvar vertreten; in den minder beleuchteten Ecken sahen Repräsentanten vornehmer Abkunft; sie waren gekommen, um eine Stunde Freude nach dreiundzwanzig Stunden finsterer Entsagung zu genießen, in düsterem Schweigen verharrten sie, vielleicht hatte mancher soeben eine schadhafte Stelle an seine» gutgepflegten Schuhen entdeckt. Auch Spuren des Krieges mangelten nicht. fine italienische Granate hat mich getroffen., der Mensch war es, mit zertrümmerten, unglücklich ersetztem Unterkiefer. Eine starre Grimasse! Vielleicht einer aus den Argonnen, von Verdun, vom Chemin des Dames.... Auch er war ein Einsamer, auch er beobachtete die Anwtzwndeu, vielleicht aus keinem anderen Grund, als die durch unseren Organismus bedingte Stunde — die des Essens— zu erwarten. Da geschah es, was einem mysteriösen Gesetz zufolge zwischen Mensch und Mensch immer zn geschehen pflegt; der Veistümmeite sah:.. dem anderen Vereinsamten hinüber, sekundenlang hafteten ihre Blicke ineinander, ohne daß ein anderer Ausdruck darin lag als Ser völliger In- disferenz. Darauf wandten sich beide voneinanDte Zettuna zitterte in den Hande» •“ des Zuhörenden. Der Name dieses Schiffes und die Daten!.. Eine der Novara voransahrende Flottille aus sechs Dorpedobootszerstörern War im ersten Morgettgrauen anfgetanch:. nut unsere »rüste zu attackieren bei...... in einer Einbuchtung südlich der Ponüittdttngen— zwischen Po di Primr.ro und den Finmi Haiti", fuhr der Oesterreicher sott Ironie des Schicksal?! Es war kein Zwei- I fei möglich! Unter seinem Kommando geschah es! Die Telemeter der Batterien tasteten dett Raum mit unsichtbaren Händen ab nach den feindlichen Schiffszielen und die Telephone übermittelten längs der Feuerlinie den Besthl, auf die Novara zu halten; es war nichts zu hören als der Rhyth- — 2— gleichsam ein Abstraktum: weder eines Gesichts noch einer Stimme achtet man und vor allem schwindet jeder Glwissensvorwurf. Mer wenn Dtt Italiener spähte hinüoer zu dem Mann, dessen Krnp« pcltnm und verzerrte Maske er unter seinem Kommando veranlaßt hatte! man dann mitten im Leben des Friedens, im ermus der Entsernungsschätzung, der alle hnndert Meter fixierte. Die Mstände feststellend, hatte er mit klopfendem Herzen gezählt: 6900.... 800... 700... Oh, er erinnerte sich ganz genau! Bei 6700 Metern kom- mandierte er:„Feuer!" Die Erde hatte um chn gebebt und durch dar Fernglas sich er ein mit Rauch ver- milchies Auswogen des Wassers, da? stch mit den Feuerblihen des Feinde? vermengte. ,Me Italiener richteten i>lle ihre Geschütz? auf uns. Einer der ersten Treffer schlug unter unserer Kommandobrücke ein. Ein Granaispliter zertrümmerte mir das Knie, ein anderer den Kiefer..." „Das hast du Aermster durchge- macht!" Der Oesterreicher zuckte die Ach seln, wie einer, der weiß, daß eS nichts nützt, über sein Unglück groß zu reden. „Auf die Nachricht, daß ich fchtver, vielleicht tödlich verwundet sei, starb meine betagte und kranke Mutter! Meine Braut— und kann ich es chr verargen?— schickte mir einen regelrechten AbschiodÄrief. verließ Wien.. Dos ft alles, mein Freund!" Tas Orchester spielte einen ge- räuschvollen Foxtrott. Unterm Schutz der Zeitung spähte der Italiener hin- Äber zu dem Mann, dessen Krüppel- Ium und verirrte Maske er veranlaßt hatte... Abgelegt war die Kriegsllniform, die Willen und Denken so lange erhitzt, bis chr Träger sich nur noch sagt:„Ich oder du, du oder ich!" Er war jetzt wieder ein friedliches Geschöpf geworden, chn schauderte vor diesem Bild der Zerstörung und des Jammers. Gesund an Lech und Seele, vermag man ohne große Betrübnis an jene zu denken, die man niedermetzelt oder nie dermeheln läßt. Der Tod wird in diesem Fall hellten von vergnügten Menschen wimmelnden Saale, wo Tanzweisen erklingen— wenn man da neben einen Mann zu sitzen kommt, der von seiner Verletzung spricht, von der in einen Lri- densabgnind geschleuderten Existenz— und dieser Mann weiß nicht, daß sein Ver- stümmler vor ihm sitzt und chm zuhört, so fft das eine Situation, die man als eine der-tollsten Kaprizen unseres launenreichen Menschenlebens bezeichnen muß. War es Pflicht gewesen? Gewiß! Letzte Notwendigkeit des Krieges? Gleichfalls...! Raubt der Krieg alles Mitgefühl?... Zweffellos!... Aber das war tveltenweit, spurlos verschwunden. So sehr er sich mühie— er sand nicht dahin zurück und konirte das Damals nicht mehr herausbeschtvörcn. So kann ein vom Fiebertraum Genesener sich seiner Delirien nicht mehr entsinnen. Die schreLiche Gegenwart aber war da: das Menschetuvrack, Laer verursacht hatte, lind er empfand eine unerträgliche Oval, der er keine!» Namen zu geben wußte. Er legre das Journal beiseite. Wieder begegnete er dem Blick seines Opfers, er konnte darin ein raum wahrnehmbares Aufblitzen erkenneil, das rasch verlosch in einem unerklärlich. verworrenen Ausdruck. Nervös winkte der Gast dem Kellner, zahlte, stand ans und wollte rasch der Türe zustreben. Aber die Krücken des Oesterrnchers dielten ihn zwischen zwei Stühlen auf. Er streckte die Hände nach ihnen aus, zog sie wieder zurück, stand unentschl-is» sen da:„Bitte!" sagte er zu dem Verwundeten. Dieser sah ihn erstaunt an, richtete sich mühsam hoch, um die Krücken zur Seite zu schieben. Er entfernte sich mit einem eiligen „Tanke schön!" Gepreß: kam es von seiner Kehle. Berwunderi blickten der Deutsche und"er Oesterreicher ihm nach. „Ein ungeschickter Mensch!" sagte der Verwundete. Und das vom Schich'al heraufbeschworene, stumme Schauspiel ging in einer wüsten Foxtrottmusik unter. Autorisierte Uebertragmig ans dem Italienischen von Johannes Kunde. Das Lied vom Hunger. Ein Mann gar sehr am Hunger litt; wo er auch ging, auf Schritt und Tritt, der Hunger, der ging mit. Er ließ ihn keinen Tag allein; kroch selbst ins Bett zu ihm hinein und ließ den Armen schrein. Der Arme floh und eilte sehr; der Hunger, der lief hinterher und quölle ihn noch mehr. Und was der Arme auch ersann, er doch dem Hunger nicht entrann, der arme Mann. Verzweifelt drehte er sich um und drehte ihm den Hals herum. Ta war der Hunger stumm. Erich Grisar. Mein Besuch bei Edison. Von Anton Tschechow. Ich besuchte Thomas Edison. Er ist ein sehr lieber und anständiger Kerl. Alle seine Zimmer stehen getürmt voll Telephone, Mikrophone, Pho- tophone und dergleichen mehr„Phone" „3$ bin Russe!" stellte ich mich Enson vor „Habe schon viel von Ihren Talenten gehört. Ihre Erfindungen sind zwar noch nicht in den Lehrplan unserer Mittelschulen ausgenommen, nichtsdestoweniger aber wird Ihr Name in den Zeitungen unter„Vermischtes" häufig erwähnt. ^Das freut mich sehr, doch mache ich Sie von 1 vornherein darails aufmerksam, daß ich Ihnen wahrhaftigen Gottes kein Geld pumpen kamt!" „Oh, ich bitte Sie auch nicht darum!" Ich war ganz verlegen über diese unerwartete Ehrenkränkiing. „Sie entschuldigen, doch habe ich gelesen nnd gehört, daß es eine nationale Eigentümlichkeit der Rnsien sei, jedermann anzupumpen." „Aber ich bitte Sie!" Plaudernd saßen wir eine Weile da. „Nirn, waS haben Sie Schönes erfunden?" fragte ich.„Sicher eine Teufelsmenge von allerhand Dingen! Was ist denn zum Beispiel dies hier für ein Anhängerchen?" „Das ist ein Gastronomophon.. Bor diese Oeffnung hier stellen Sie eine glühende Kohle... drehen dieses Schräubchen auf, drücken am dies Ding hier, schallen den Strom ein— nnd hundert bis zweihlindert Meilen von hier entfernt entsteht ein Spiegelbild dieser Kohle in vergrößerlem Maßstab Und aus dem Spiegelbild können Sie alles, was Sie nur wünschen, kochen und braten." „Ah... was Sie nicht sagen! Und was ft daS hier?" „Das ist sür Reifende ein ganz unentbehrliches Ding. Ich empfehle es Ihrer Beachtung. In unserem Gelde kostet eS nur einen Zliibej, in Ihrem— drei. Angenommen, Sie reisen ans Rußland nach Amerika und lasse» Ihre Frau zu Home. Sie befinden sich ei», zwei, drei Jahre auf Reifen... Wer garantiert Ihnen dafür, daß Ihnen unterwegs nicht der Wunsch kommt, einen Sohn zu haben, dem Sie Ihren guten Jiamen vererben könnten? Sie brauchen dann nur sich vor diesen Draht zu stellen, einige Manipulationen vorznnehmen— und schon am nächsten Tag erhalten Sie ein Telegramm: Sohn geboren." „Bei uns in Rnßlaird, Thomas Iwanowitsch, macht man das viel einfacher. Man fährt nach Amerika und läßt einen Hausfreund zurück. Ein Telegramm bekommt man selbswerständlich nicht; kchrt man aber nach Hause zurück, so findet man nicht nur ein, sondern gleich drei bis vier Kinder vor. die einem„Guten Tag. Papa- chen!" sagen. So wurde bei uns ein Arzt zu einer wissenschaftlichen Dienstreise ins Ausland beordert, und als er zurückkam. batte er nenn Töchter."„Und was tat er?" „Gar nichts! Er fand eine wiffetischafiliche Erklärung dafür: Flimmerepithel. Blutdruck und noch allerhand. Und was ist daS hier für eine Mantiphonie?" „Das ist eine Platte zum Gedankenlesen. Man braucht sie bloß an die Stirn der Ber- sitchspersoit zu halte», den Strom einzuschaiten — nnd schon sind die Geheimnisse enthüllt." Bei uns in Rußland wird das übrigens viel einfacher gemacht. Man greift in den Schreibtisch, öffnet zwei bis drei Briefe— und alles liegt klar auf der Hand" Auf diese Weise besichtigte ich alle neuen Erfindungen Edisons. Meine Lobreden gefielen ihm derartig, daß er beim Abschied es sich nicht nehmen ließ, zn mir zu sagen: „Ach Gott, ja, ich will mal»ich. so jein! Hier gebe ich Ihnen etwas Geld aus Pump!" Der ausgediente Xorero. Bon VlaSco Ibanez. DK gesammelten Romane des jüngst verstorbenen große» spanisch« Dichter» und politische« Revolutionärs vkaSc» Ibanez beginnen bei Orell Fühl! in Zürich und Leipzig in deutscher Sprache zu erscheinen. Au« dem erst« Bande dieser Ausgabe, dem berShmtrn Etierkämpferroman„Dir Arena", geben vir hier mit Erlaubnis des Berlag» eine besonders schöne Stelle vieder, dir einmal nicht von den üblich« Trimphrn der ToreroS erzählt. Ein weißhaariger Mann näherte sich, um den Ma'ador ehrerbietig zu grüßen. Seit vielen Jahren mit der Säuberung der Plaza betraut, Halle er alle berühmten Matadore seiner Zeit gekannt. Er ging ärmlich gekleidet, Loci, manchmal blitzten an seinen Fingern«chle Ringe, und mn sich zu schneuzen, holte er aus den Ticscn seiner Bluse ein kleines Spitzen- taschentuch dervor. dem noch ein letzter feiner Dusr enlströmte. Niemals klagte er über die gewaltige Arbeit, zu der er nur ein halbes Dutzend Kassenjungen heranzog, die dafür am Sonntagnach- niillag hinter einem zum Patio führenden Gitter der Corrida zusehcn dursten. Bei der Verteilung der Arbeit ging der Alte sehr geschickt vor. Die kleinen Bengel nuißten die von Apfelsinenschalen und Papier, hüllen überschwemmten Tribünen aus der Sonnciiseitc säubern. „Vorsicht mit dem Tabak!" ermahnte er sie.„Wer einen einzigen Zigarrenstummel behält, darf am Sonntag nicht zur Corrida." Er selbst aber widmete sich geduldig wie rin Schatzgräber den Logen, um manchen schönen Fund in seine Tasche verschwinden zu kasien— Fächer. Ringe, Taschentücher, Münzen— alles, was eine Invasion von vierzehn- tansend Menschen zurückläßt. Eine Gevatterin, die eine kleine Pfandleihe in der Vorstadt besaß, besorgte alles tveitere. Doch auch die Zigarreirstummel wurden zu Geld. Zerschnippelt und an der Sonne getrocknet, verkaufte er sie als„Tondcrauslesc" an feste Abnehmer. Gallardo, der für seinen Gruß mit einem freundlichen Nicken gedankt hatte, schenkte rhm eine seiner Havannas. Als der Espada in den Hof zurückkehrte, bemerkte er einen hochgewachsciicn, mageren Mann von dunkelbrauner Gesichtsfarbe, dessen Haar schon weiße Fäden durchzogen. „Pescadcro!" Was machst du denn hier?" rief Gallardo, aufrichtig erfreut die Hand des ebenialigen Toreros schüttelnd, der in seiner Jugend glorreiche Stunden erlebt und sich, auf den südamerikanifchen Platts mehrfach verwund«. mit seinem ersparten Geld ein« Weinschenke in Madrid gekauft hatte. „Was soll mau niachen?" antwortete der nielancholisch.„Die alte Liebe zum Handwerk treibt mich manchmal her." Und das war der große Pescadern. der so of- des kleinen Gallardos Bewunderung erregte, wenn er im Samthut, weinsarbenen Jäckchen und bunter Scidcnbinde, unter dem Arm ciueti elfenbeinernen Stock mit goldenem Knauf durch die Straßen Sevillas schritt? Ein gewöhnlicher, von allen vergessener Kneipwirt! „Konnn und sich dir mein Lokal an, wenn du nichts anderes vorhast," bat er Gallardo, der ihm bereitwillig folgte. Wie alle andcrcn zeigte seine Taverne eine rolaiigestrichene Front, auch Vorhänge von der gleichen Farbe. Ein Fenster war mit panierten Koteletts, kaltem Geflügel und Essiggurken dekoriert. Drinnen standen vor einem mit Flaschen und Fäßchen beladenen Schairktisch aus Zink runde Tische und höl- zerne Schemel. An den Wänden hingen zahlreiche Buntdrucke, aufregende Kampffzenen berühmter Toreros. „Bring zwei Glas Montilla!" rief der Pescadero einem jungen hinter dem Ladentisch stehenden Manne zu, der Gallardo vertraulich zulächelte. „Den kenne ich doch," meinte der Matador, austnerkfam das Gesicht und den leer von der Schul'er herabbaumelndcn rechten Aermel musternd. „Natürlich kennst du ihn," unterbrach der Wirt.„Es ist Pipi." Mit dem Spitznamen kam Gallardo sofort die Erinnerung, wie diesem tapferen Burschen, der seine Banderillas meisterhaft aiibrachte, eines Tages auf der Plaza von Madrid ein Toro den einen Arm zerschmetterte. „Da ich kinderlos bin," fuhr der Pescadcro fort,„habe ich chn nach dem Tode meiner Frau zu mir genonimen und beirachre chn als nieinen Sohn. Auch im Unglück kann man sich ja ein bißchen gutes Herz bewahren, stimnn's? Aber glaube nur nicht, daß es uns besonders gut geht. Schlecht und recht schlagen wir beide uns durch, dank den alten Kameraden, die hier nachmittags ihr Spielchen machen. Am meisten hilft uns noch die Schule." st^illardo lächelt«. Er halte von dieser Stierkampfschule des ehemaligen Espadas schon reden hören. „Was willst du, mein Junge!" meinte der, sich halb und halb entschuldigend.„Man muß sich zu helfen wissen. Meine Schüler verzehren mehr als alle mein« Stammgäste zusammen. Und feine Leute kommen: Seno- ritos, um sich als Amateure auszubilden-, auch Ausländer, di« in der Begeisterung für Corridas fest an ihr Talent zum Torero glaube». Augenblicklich habe ich einen Franzosen, der jeden Nachmittag Unterricht nimmt. Komm und sieh cs dir an." Neugierig geworden folgte ihm Gallardo quer über die Straße zu einem cingezäunien Grundstück, über dessen Tor ein mit Teer beschriebenes Schild hing.„Esruela de Tau- romaauia." Das erste, was Gallardos Aufmerksamkeit erregte, war der Stier: ein auf Rädern laufendes Tier aus Hotz und Weidengeflecht, mit einem aus Werg fabrizierten Schwanz, strobgeflochtenem Kopf, einem runden Stück Kork an Delle des Halses und ein paar echten Riesenhörnern, die den Schülern Entsetzen einflößten. Inmitten des Hofes stand in Hemdärmeln, hochrot in» Gesicht,«in korpulenter Herr mit gesträub'em weißen Schnurrbart. Seine Hände unckrampsten zwei Banderillas. Sesttvärts saß, die Arme gekreuzt, eine umfangreiche Dam«, die nach jedem Gang so lebhaft applaudierte, daß die Rosen auf ihrem Hut zusaimnen. mit den falschen Locken mutwillig hin- und hcrtanzten. „Die beiden sind schon überall in der Welr herumgekommen," klärte der Pescadcro feinen Freund auf. ,Mic er mir erzählte, hat er in Afrika Bergbau betrieben, auf den Süd- secinseln Plantagen bearbeitet und in Amerika wilde Pferde mit dem Lasso eingefangen. Jetzt will er mit Gewalt Torero werden. Denk dir. mit der Figur! Und dabei ist er gut und gern keine fünfzig Jahre alt. Aber er zählt anständig!" Als der Schuler die beiden Männer bemerkte, ließ er die erhobenen Arme finken. Auch die Dame im Rosenhut zupfte schnell das Kleid zurecht. „£Sj, cher maitre!" „Guten Tag. Mossiu... schönen gute« Tag, Madame," berußt« sie, den Hut lüftend, der Mastr«.„Bitte weiter, Moffiu, aber vergessen De nicht, was ich sagte: ganz ruhig stehen bleiben, den Stier zum Anlauf reizen und komnien lassen. Steht er vor Ihnen, werfen Sic den Körper zur Seite, wobei Sie ihm gleichzeitig die Banderillas rechts und links in den Nacken stoßen. Sind Sie fertig? ... Achtung!" Das letzte Wori gatr dem Toro oder i vielmehr dem Burschen, der, mit den Händen' anr Hinterteil des fürchterlichen Sucres, be-[ reitstand. „Eeeeh!... Boüvärts, Brauner!" Mit schauerlichem Gebrüll und wütendem Stampfen reizte der Pescadcro oas wilde Tier, das räderraffelnd näher brauste, lind auch die berühm'este Zucht hatte noch nie einen Toro erzeugt, der sich mit diesem hier an Intelligenz messen konnte. Beim j Schüler angelangt, schwenkt« er ein wenig> zur Seste, um ihn ja nicht mit den Hörnern zu berühren, und zog sich dann nut den bei»■ den Banderillas im Korkhals langsam wie-! der zurück. Lauter Beifall ertönte, während der j Banderillero, der auch nicht einen Zoll breir zur Seite gewichen war, sich Hosenträger und Manschetten wieder in Ordnung brachte! „Meisterhaft, Moffiu!" rief sein Lehrer.' „Kein Matador könnte cs besser machen."> „Ich habe eben das, worauf es an»! kommt: Mut, sehr viel Mut," antwortete\ Moffiu bescheiden und ließ eine neue Flasche> Wein— die vierte— bringen. „Salud! Noch ehe zwei Mona:e um, sind," sagte der Pescadcro ernst,„stehen Sie auf der Plaza von Madrid und Beifall. Geld und— mit Ihrer Erlaubnis, Madame—! Frauen, alles gehört Ihnen." Gallardo brach auf. von seinem Freund bis ans Ende der Straße begleitet. „Mos, Juan," verabschiede'« sich der■ Pescadcro. ,Letzt weißt du, wohin es mit! mir gekommen ist. Bon solchem Schwindel! und Hanswursterei muß nrau leben!..■ Die Letzten ihres Stammes Die letzte Wandertaube, di« es in Ser. Welt gab, starb vor einiger Zeit in hohem Alter im New Aorker Zoologischen Garten; sie war die einzige Ueberlebende eines Stammes, der noch vor 50 Jahren so zahlreich war, daß seine Schwärme den Himmel verdunkelten und die Zweige der Bäume durch ihre Last zerbrachen. Dieses Beispiel ist eine besonders bezeichnende Warnung, mit der Ausrottung der Tiere einzuhalten, die immer mehr Arten bedroht. Der amerikanische Büffel oder Bison fft dem Schicksal der Wandertaube nur mir knapper No! entgangen. Nachdem die riesigen Büfsekherden, die die Prärien Amerikas bevölkerten, fast voll- stärrdig vernichtet waren, Hal di« kanadische Regierung für die wenigen Ueberlebenden ein Schutzgebiet rm Wainwrighi Park eingerichtet, und dorr vermehren sich diese Tiere, die einst ein Wahrzeichen der Neuen Welt bildeten, in steigendem Umfang, und die zunächst kleine Herde fft jetzt bereits wieder auf 8000 Stück I angewachscn. Ein noch prachwollercs Tier, der europäische. Büffel oder Wisent, der einst di« edelste Jagdbeute der alten Germane« war, wurde bis vor dem Jtriege auf dem Kontinent wenigstens noch in Polen und Oberschlesien in freier Wildbahn gehalt««. Aber der Krieg und die nachfolgenden Wirren haben diesen Tieren rin Ende bereitet, und der einzige Ort, wo der Wisent heute noch in wenigen Exemplaren in Gefangenschaft lebt, ist der Wildpark deS Herzogs von Bedford zu Woburn, wo sich di« Tiere vermehren und doch« vielleicht gerettet werden können. Die Elefantenrobbe von Guadeloupe findet sich nur auf dieser Insel und sonst, nirgends. Auch dort gibt ei nur noch wenige dieser eigenartigen Tier«, und wenn nicht Schutzmaß- nahnien ergriffen werden, so wird dir Welt bald 'den letzten Vertreter dieser Gattung verloren haben. Die Meerotter von Alaska, ein schönes und anmutiges Tier, dessen Fell wohl di« herrlichsten Pelze der Welt liefert, ist von"den Pelz- jägern so unbarmherzig verfolgt worden, daß sie fast völlig ausgerottet ist. Sie ist die einzig« Otter, dir noch im Meerwaffrr lebt, und eS besteht sehr wenig Aussicht, daß sie noch erhalten werden kann. Auf den Galapagosinseln in der Nähe der Nordwestküstr von SAmmerfla findet man die Riescnschildkröte, die unter allen bekannten Tieren das längste Leben haben soll. Diese trägen Riesen find die letzten Überlebenden einer Art, die sich aus fernen Urzeiten bis in unsere Gegenwart erhalten hat. Aber da jetzt wiche Hunde in großen Rudeln di« Inseln bevölkern und die Eier sowie die Jungen dieser Tiere fressen, so werden sie immer weniger zahlreich, und die Zeit ist nahe, da sie völlig von der Erde verschwunden sein dürften. Eine merkwürdige Möwenarr, dir an der Küste deS Stillen Ozeaus lebt, ist erst kürzlich von den Eierräu- bcrn ganz ausgeroltet worden, und das große Walroß ist der Gier der Jäger im nördlichen Stillen Ozean zum Opfer gefallen. Wer weiß das? Die erste Uhr, die ein richtiges Uhrwerk aufivies, ist um das Jahr 1000 von einem französischen Mönch mit Namen Geroert erfunden worden: bis dahin kannte man nur Sonnenuhren. » Sicherheitsnadeln gab es schon vor zwei Jahrtausenden. In Mittelsranken wurden kuuswoll gearbeitete Nadeln gefunden, die aus der Zeit nm 500 v. Ehr. stammen. * Aus elf Äubiksuß Wasser werden zwölf Knbikfnß Eis. * Im Indischen Ozcan zwischen Madagaskar und Indien liegen 15V00 Inseln, aus denen cS nicht rin einziges menschliches Wesen gibt. Diese Inseln sind nickt groß. Einige haben nur eine» Flächrnumsang von ein bis zwei Hektar, andere sind fünf bis acht Kilometer lang und einen Kilometer breit. Ein Teil der Inseln besteht aus Granitfclsen, die sich schroff aus dem Meere heben, mit Urwald bedeck! und wenig fruchtbar. * Das Eisen ist dos>oich::ct'te und auch am mcistcii verbreitete Metall; ohne Eisen gäbe eS kein rotes Mm, kein grünes Blatt, die braune oder gelbliche Farbe des Bodens. Sie rot« der Ziegel rühren ebenfalls vom Essen her. Di« Apfelsine ist südckinrsffchen Ursprungs. Al-ri schsn vor mehreren iaiisrnv Jahren kam sie nach Indien und von da jo allmählich in baS südliche Europa. Der erste Apfrlsinrnbaum in Eurrpa wurde Mitte deS 16. Jahrhunderts in Lissabon gepflanzt. 0eftanfra-6pKtter. Au» Gottfried Keller» Wirten. Ja Zetten des Umschwunges, wenn rin neuer Geist umgeht, hat die alt« Schale deS gewohnten Rechte» keinen Wett mehr, da der Kern heraus ist, und ein neues RechtSdewußtsein muß erst erlernt und angewöhnt werden, damit „rechtlich am längsten wahres daS heißt, so lange der neue Geist lebt und wähtt, bis er wiederum veraltet ist und das Auslegen und Zanken mn die Schale deS Recht» von neuem angeht. (Frau Regel Amrain und ihr Jüngster.) Habt ihr noch nie gesehen, wir einen gleichgültigen Mann, der an nichts in der Welt teilnehmen mochte, als war feinen Bauch anging, diese Teilnahmslosigkeit noch stet» zur Selbstverachtung führte? DaS heißt, um seine Laster, wie er meinte, zu beschönigen, sagte er zuletzt: ES fft eben mit allem nicht» und mit mir auch nicht! Gerade so endet« die träge Teilnahmslosigkeit eines BolkeS immer mit der Mißachtung seiner Einrichtungen und mit dem Verluste feiner Freiheit.(Der Wahltag.) Qlflerlet. Lebt der Mar»? Schon der berühmte Astronom Schiaparelli in Italien deutete aus dem fast unveränderlichen Liniennetz der sogenannien Marskanäle die Existenz intelligenter Wesen auf unserem Nackcharplaneten. Er behauptete, daß die Kanäle das SchmelUvasser der Polar-Eis- kappen nach den dürren Flächen des verhältnismäßig wasserarmen Mars leiteten, und so der landwirtschaftlichen Kultur und dem Leben der Marsbetvohner überhaupt dienen. Dies« Ansicht st später, besonders heute, stark umstritten worden. In den letzten Mei Jahren haben ztvci Gelehrte auf der bekannten amerikanischen Sternwarte des Mount Hamilwn sich eingehend mit dem Studium des Mars befaßt. Durch viele wertvolle Wotograschien in dem 36zölligrn Refraktor konnten sie u. a. das Vorhandensein von Wolken über der Marsoberfläche festsicllen, die den Wolken unseres Luftnrrere» vollkommen ähnlich sind. Sie glauben daher, daß auch die Atmosphäre des Mars ein Leben von allerlei Wesen und Pflanzen auf der Oberfläche unseres Nachbarplaneten ermöglicht. Die Leute haben Sorgen. In der„Chroni- que des Gens de lettres" wurde kürzlich, wie die „Literarische Welt" zitiert, mitgeieilt. daß das schwerste Buch der Welt dir„Geschichte von Ithaka" sei, die ein Erzherzog Salvator von Habsburg am Anfang dieses Jahrhunderts veröffentlicht hak. Das Buch ist in graues Leinen gobuitden, trägt«inen Titel„Pargo", und umfaß: 475 Seilen von 50 Zentimeter Länge und 87 Zentimeter Breite. Die Jllnstrationrn sind farbig, Spezialzrichnungen und Aquarelle; sie stellen antike Denkmäler, Landschaften, Fa- milieltbilder dar. Dos ganze Buch wiegt 48 Kilogramm. Es wurden von diesem Werk bei Mercy iu Prag 100 Exemplare it! deutscher, italienischer und griechischer Sprache auf LuxuS« papier gedruckt. Die Auflage soll 300.000 Kronen Fviedenswähvung gekost« haben. UebrigenS wurde das Buch nur fiir gekrönte Häupter anf- gelegt. Welches sind die zähesten Menschen? Rach der Anfich, von Bölkrrkundigrn mutz man die Chinesen als den zähesten Menschenschlag bezeichnen, obschon sie uiefft hager imd schmächtig I auSsehen In den körperliche» Arbeiten sind die Chinesen die leistungHWgsten. Auf den Ozeandampfern arbeiten die Chinesen als Heizer sogar in den Tropen 12 Stunden lang und befinden sich wohl dabei, während deutsche und englische Heizer, die nur 8 Stunden arbeiten, krank und dienstunfähig werden. Englischer Humor. Der Sohn, der eine Schauspielerin liebt: „Vater, fie ist ein Engel! Ich bete sie an und ich duld« nicht, daß du auch nur ein Wort sprichst, das sie kränken könnte!"„Fällt mir ja auch gar nicht ein, mein Junge", sagte drr Vater,„als ich so alt war wie du, habe ick sie auch so angehimmclt!" * „Hast du schon einmal ein Esscnbahuunglück erlebt?" ,La, als ich einnial auf einer Fahrt durch einen Tunnel den Vater statt der Tochter küßte!" Während der Visitationen einer Sonntagsmädchenschule richtete der Vikar die Frage an die Klasse:„Denn alle guten Menschen we'ß und alle bösen Manschen schwarz wären, sür welche Farbe würdet ihr euch entscheiden?" Tie mrstcn Schülerinnen wählten natürlich die weiß« Farbe, aber eS fehlt« auch nicht an Mädchen, die der schwarzen den Vorzug gaben. Ten Vogel schoß aber dir Keine Mary ab, die er- klätte:„Ich möchte scheckig sein." * Ein Londoner Rechtsanwalt empfing den Besuch eines Chinesen, und es entspann sich folgendes Zwi^rspräch:„Ihr seid RrchtSanwal:?" „Ja. womit kann ich Ihnen dienen?"„Seid Ihr ein gu-er Rechtsantvalt?"„Ich will cs hoffen." „Wieviel kostet es, wenn Ihr«inen Chinesin, der einen anderen irmgebrach! hat, frei bekommt?"„Ich pflege fiir die Verteidigung einer Person, die des Mordes ongeflogt fft, rund hundert Pfund zu berechnen." Einig« Tag« später sprach der Mann wieder in der Sprefffti.^e vor, legte eine Hunderlpfnndnote auf den Tisch und sagte grinsend:„Alles in Ordnung, jetzt habe ick ihn umgebracht!" Als ich nach London kam, hat!« ich nur einen Schilling in der Tasche. Damit hab« ich meine Karriere begonnen.—„Urck was tatest du mit diesem Schilling?"—„Ich telegraphierte nach Hanse, mir mehr zu schicken.^, —» Abbau. Ein freundlich Städtchen im Tiroler Land, am Bickcrffe« gelegen.— Und nimmst du ihm nun Kopf und Fuß, dann kommt's zu Nicder- ichlägen,— Versieh' mit Mantel dich und Schirm, ich rat'S dir, mcrk dir daS,— DaS Städtchen ohne Kopf und Fuß macht dich sonst schrecklich naß Auflösungen der Rätsel ans der vorigen Nummer: Silbensuchräffel: Schiffs