Otr. 32 UntereoiiunnMeilaoe. 192a. Angft. Vo» VantaleiMon'Ttomanoto. Nahe beim Friedhof, am Dorfrand«, neben einer verwahrlosten leeren Hütte mit herausgebrochenen Fensterrahmen, sichen zwei Bauern in KomelotS, rauchte» Pfeifen und unterhielten sich mit leiser Stimme: Neben ihnen lagen Knüttel, mit welchem nian zur nächtlichen-Hut auszufahren pflegt. Das war die Woche, die eine Lckche be- tvachte: in dieser leeren Hütte hing ein Erhängter. „M, rs ist das ärgste. Tote zu bewa- chen" sagte einer der Wächter, ein Bauer, unt einer großen, zottigen Mütze auf dem Kopfe. Sein- Partner, ein hochgewachsener hagerer Bauer mit einer Tuchkappe auf dem Zwpf schwieg zunächst, dann sagte er wider- wMg: „Dafür haben wir es ruhiger; es läuft wenigstens nichts weg." „Laufen hin, laufen her, doch..." er blickte sich nach allen Seiten nur und sprach nicht zu Ende. ES rückte ei« kalter.Herbstabend heran. Vom Dorfe kamen Lieder herüber. Es war irgendein Fest und das Volk lusNvandclte noch. „Gut, daß uwn noch die Leute hörr, — es ist lustiger", sagte der Bauer mit der Blühe.„Da ist voriges Jahr der Müller er» soffen im See. Nun, was glaubst du, wenn man in der Nacht an der Stelle dorbeigmg, da packte eine» das Gruseln." „Wird er dich denn auffressen oder wie? Von ihm sind nicht einmal die Därme geblieben". sagte der hochgelvatHscne Bauer: er saugte an der Pfeife und schaute nach der Seite, wo unter dem schwarzen, dichten herbstlichen Gewölk am kalten Abendhimmel ein hellgelber Streifen erlosch. „So? Nichts geblieben!"... Wirft du aber an dieser Stelle abends baden?..." Der hochgewachsenc Bauer antwortete nicht. „Ich weiß schon selbst, daß die Seligen nicht umgeben und nichts machen können, doch packt«inen Angst— sonst nichts." „über nchmcn wir das: wie ich ihn gestern angeschaut habe: da hängt er in der Hütte über der Pritsche, die Augen aufgesperrt, die Zunge hemnsaesteckt, das Gesicht bla« wie ein Kessel, nachmr hatte ich Angst, in den dunklen Flur himruszutreten. Die Schwiegenochter mußte mich schon hinausbegleiten— s'ne Srbande zu sagen. Tas hier ist Pflicht, sonst wäre ich um kein Geld gegangen." Der Streifen am Abendhimmel ist erloschen. Es wurde auf einmal dunkler und kälter. Es erhob sich ein Wind und rauschte in den Ztveigen der runzligen niederen Fichte, die neben der Hütte wuchs. „Taziu das Pech, das ein Wirch aufsteigt", sagte der Bauer mit der Mütze. „Nein, cs gibt nichts ärgeres als diese Fichten. Der Mnrd rauscht, pfeift, heult immer sä unangenehm drin....Hinter dem Dorf, neben der Kapelle, gibt's auch Fichten. Wenn man nachts vorbeikommt— sie rauschen— da wird einem so unheimlich daß man sie umgehen möchte." „Was hast du dich da auf ein und dasselbe gelegt, sagst einem nur Angst ein!" Der Bauer in der Mütze antwortete nichts, er sich sich nur nach allen Seiten und der Hütte nm. »Laben bei Tag nicht daran gedacht, die Türe ak^ufperren... Man müßte sie halt wenigstens mit einem Pfahl unterstützen." '»Weshalb?"... »Immerhin besser... Sonst wenn etwa- passiert, werden wir schuldig sein." „Was kann schon passieren?..." „Weiß der Teufel, in der Welt ist alles möglich. Na, es gibt nichts Aergeres als das... Wenn ich's gewußt hätte, wäre ich in die Stadt weggegangen." ,Was ist das? Hast du geklopft, wie?" „Nein, ich nicht." „Was ist das dann?" »vielleicht vom Wind." „'Stimmt— der Wind." Nach einer kleinen Weile sahen sie er schrecken auf dir Tür der Hütte, in der der I Erhängte hing. Deutlich ist ein gedämpftes Geräusch.zu höre», wir wenn jemand durchs Fenster hinein- oder herausgerrochen wäre. Die Banern sahen einander an und sag-! ten nichts. Dann standen sie auf, nahmen I chre Knüttel und setzten sich weiter von der' Türe weg. Plötzlich erscholl ans der Hütte ein Seufzer, gleich, als hätte ein müder Mensch, nachdem er sich niedergelegt und seine star-! ren Glieder gestreckt, aufgeseutzt. I Beide drehten den Kopf nach der Hütte zu und fühlten, daß sich ehre Haar» sträubten. „Da rauscht die Uchte, daß sie der Kuckuck..." „Man weiß, daß nichts passieren kann, und doch wird man sich die ganze Nacht hi« und her toenben. Und dazu der Friedhof nebenan. Nein, es gibt nichts Aergeres... Es fing an dunkel zu werden, als cÄr lumpiger, sehr hoch gewachsener Mann mit zottigen Haaren auf den Weg neben dem Friedhof heroustrat— einer von jenen, di« nach der Vernichtung der Weißen stch nach ihren Wohnorten durchschlugen und cS daher vorzogen, bewohnte, volkreiche Orte zu umgehen. Er saß«ne Zeitlang im Graben beim Friedhof, wartete, bis es ganz dunkel geworden war, dann schlich er sich zur letzten Hütte. Er blieb vor dem herausgebrochenen Rahmen stehen, wollte Licht machen, doch tat ihm das Zündhölzchen leü>, so daß er im Dunkeln in die Hütte hineinkroch. Tappend fand er so etwas wie eine Pritsche und legte sich darauf. Er war schon im Einschlafen, als er plötzlich vernahm, daß eine Stimme in der Ecke etwas sagte. Er öffnete weit die-lugen und setzte sich erschrocken auf der Pritsche auf. Sonst- vernahm man nichts. Er horchte gespannt. Irgendwoher von oben kam ein dünnes, pfeifendes Geräusch, b.'ffcn Ursache er schlckckiterdings nickt begreifen konnte. Er legte sich wieder aus Len Rücken und schloß die Angen. Dabei streckte er die Deine aus, und seufzte geräuschvoll auf. Sein Fuß stemmte sich gegen irgendeinen Gegenstand, der dem Druck seines Fußes ein wenig nach- eab. Dann stieß ihn jemand in die Sohle. Dm Mann überlief es kalt. Er streckte noch einmal das Dein aus, wieder begegnete er etwas airf seinem Weg und im nächsten Augenblick stieß es ihn wieder in die Sohle. Er nahm Zündhölzer heraus und zündete mit zitternden Händen an. Bein in Stiefeln, die über der Pritsch« hinjstu, sprangen ihm in die Augen. Er erhob den Kopf und stürzte sich plötzlich, nicht mit Geschrei, sondern mst wildem Geheul nach der Richtung, wo die Tür fei« mußte. — s— Die Tür Prallte krachend zurück, und schlug gegen die Wand an, wäh- rend er wüt einem Alaftersatz hinaussprang, wobei ihm die Haare zu Berge standen uud es ihm eiskalt über den Rücken lief. Mer es schien ihm, daß nicht er schreit, sondern hin. ter ihm daS schreit, waS über der Pritsche gehangen, und daß es ihm nachseht. Und in dem Augenblick, da er hinaussprang,«tt- wuchsen der Erde noch zwei gespensterhafte Wesen— das eine hochzewachsen, das andere niedrig, unterseht— und mit flalterden, schrecklichen Haaren jagten sie mit wildem Geheul vor ihm dahin. Ter Mann kreischte wild auf, stürzte sich zur Seite und setzte sich auf die Erde, dann kauerte er sich ungeschickt zusammen. Seine Kiefer zitterten, seine Augen starrten wild vor sich hin. W'eviel Zett verstrichen ist. Wußte er nicht, denn für ihn gab es keine Zeit. Tie Augen lvarrn wider Willen noch der Richtung geheftet, wohin die gespenstcrhasten haarigen Wesen entschwun« den sind, er konnte' sich nicht abwendcn, konnte weder Hand noch Fuß rühren, konnte nicht einmal nut den Augen zwinkern und den Speichel Hinunkerschlucken. Und plötzlich bemerkte er das. was er gleichsam erwartet hat: von der Seite her, wohin d'e Haarigen davongejagt waren, kam «in beuleikder Ton. als wenn schon ein ganzes Rudel von Haargen daherjagte. Und am Hcrbsthimmel, der durch seine Helle von der Schwärze der Erde sich etwas abhob» flirrten bereits ihre Köpfe vorbei. Er wollte lausen, doch vermute er lein Glied zu rühren. Und er wußte, daß' er doch nicht entk Ulmen kann. In einer Minute werden sie ifjn doch finden! Er saß in der früheren Lage, die Beine untergeschlagen, die flachen Hände gegen die Erde gestrnmtt, so daß er so aussah, als schicke er sich an, einen Sprung zu machen. Tabci klapperte er fortwährend mit den Zähnen, die er durchaus nicht zurückhalten konnte. Er hörte Worte, verstand sie fast, doch war es wie im Traum und antworten konnte, er nicht. Konnte nicht einmal seine Lage ändern. Und er wußte, daß«s nutzlos ist, zu antworten. „Das ist los?" schrien die Stimnien der Heranlaufcnden. „Ter Tote hat sich losgcrisscn...!" „Da ist er?! Da ist er!..." Ter Haufen strömte heulend uirück. „Daß man kein Osterei hat... Ein Osterei mußte man hintverfcn. Zieht einen Kreis!., Einen Kreis!..." „Man muß Strich rings uni ibn anzünden!" schrien von allen Seiten Stnnmen. „Mit deni Knüttel nmß mau draufhauen; ist es er, macht es ihm nichts, der Knüttel wird zurückspringcn!" „Schi ihr, Teufclsbuben, denn nicht. Ida sitzt ein Mensch!" schrie eine Stimme. „Wir sehen schon, daß es ein Mensch ist, was für ein Mensch aber, das ist die Frage." „Schaut! di« Zähne! die Zahne!..." schrie eitle Frauenstimme^ und die Menge wich heulend zurück. o „Rückt, rückt heran! gafft nichl!" „Wartet ein bißchen, vielleicht doch ein Mensch." „Ein Mensch!... Schaut, die Tür von der Hütte ist offen! Ein sauberer Mensch!... „Ohne Ei kackn man nichts machell." „Wer käst du? He, sprich!" Der Mann wußte, daß man ihn fragn, begriff, worüber man ihn fragte, konnte sich aber nicht zwingen, die Kiefer auscinalldcr- zureißcn und klapperte nur mit den Zähnen. Ein Haufen Stroh, das jemand angezündet, beleuchtete mit grauenhaftem, sprengendem roten Licht seine wilde Gestalt, die auf der Erde saß. „Geh, geh. von hinten heran! Keine Altgst! Han>mr zu! Auf den Scheitel!" Der Mann hörte das und doch konnte er nicht den Kopf umdrchen. indes ein rüstiger Bauer sich von der Menge gelöst hat und mit einen« Knüttel in der-Hans vorsichtig von hinten hcranfinn uud sich ihnl näherte. ,4jft das er, muß der Knüttel zurück- springcn!" sagte«ine Stimme. Ter Bauer schlich sich bis auf zwei Schritte an den mlf der Erde sitzenden heran. Alle erstarrten, als sie sahen, wie si-st der schwere Knüttel bob. S awttche Lieder, slowakisches Volkslied. Lieber Gott» lieber Goti Den wir Vater heißen Wenn du uns schon Zähne gabst Gib uns auch zu beißen! Wenn man uns die Schnitte gibt, Ast sie karg bemessen, Denn man uns die Schnitte gibt, Weinen wir beim Essen. Mährisches Volkslied. Orechooer Herren, Euch wird Gott brstrasen: Erst beim Abendläuten Laß: ihr ruhn und schlafen. Auch an euch, ihr Herren. Kommt einmal die Reihe: Eine- Tages schmeckt euch Roch rin Kloß aus Klei« (Beides aus„Tschechische Lieder". Mal.k- Berlag.) Der erste Unterricht. Von Kurl Schubert. Der Arbeiter Berthold legt« die Zeitung zusammen. .Komm her, Hans." Ter achtjährige Hans folg:« der Aufsor« derung ohne besonderen Schwung, denn er wollte soeben durch die Tür auf die Straße schlüpfen. Denk Berthold war das nicht entgangen. „Ich habe dir einiges zu sagen, wenn du «S gui behältst, kannst du dann meinetwegen verschwinden." Hans erwiderte nicht, aber er setzt« sich an den Tisch. „Ich, dein Vater, bin Arbeiter. Mein Baler war auch Arbeiter, aber er schämt« sich, darüber nachzudenken, oder es mir zu sogen. Das war falsch. Hans, du darfst es nicht vec- gesseu, daß dein Vater Arbeiter war und daß er c£ dir schon sagte, als dn acht Jahre alt warst. Hast du verstanden?" Hans nickte stumm „Der Arbeit«! muß Tag für Tag in die Fabrik gehen, muß an Maschinen stehen oder sonst eine Arbeit machen. Es gibt sehr viele Arbeiter in der Welt, aber nicht alle Menschen sind Arbeiter. „Die nicht, die wie Karls Vater, in ein Bureau gehen," sagte Hans und bekannte, sich selbst unbewußt, daß er für das Gespräch des Balers zugängig war. „Auch die sind Arbeiter, Hans. Sir haben bessere Arbeit als wir, aber auch sie muffen etwas tun, um ihr Leben zu erhalten, um daS Esten und die Dehnung zu bezahlen. Hast du es verstanden?" Hans nickte stumm. „Gut", fuhr Berthold fort,„ich sagte vorher, nickt alle Menschen sind Arbeiter. ES gibt viel« Menschen, dir verhungern nicht, auch wenn sie nicht arbeiten; die würden auch nicht ans dem Haus geschmistcn werden. Diese Menschen haben Geld." „Das sind die, welche in Antos fahren" sagte Hans wichtig. Berthold nickte, und seine Augen leuchteten. „Es gibt viele solche Leute, die Geld haben, so viel«, daß sie zusammen eine ganze Klasse bilden Diese K laste nennt man die Klaffe der Besitzenden oder mit einem anderen Romen, die Kapitalisten. Hast du verstanden?" „Jo", antwortet« Hans. „Gut, dann merke dir,«in Arbeiter und«in Mann in einem Auto können nie Freunde werden." „Franz, das versteht doch der Junge noch nicht", mischte sich Frau Berthold hinein, die bis jetzt schlveigcnd zugehört hatte. „Ich habe«S ober verstanden", protestierte! Hans und wurde rot vor Eifer.„Wenn ich groß! bin mid Arbeiter, dann sind meine Freunde auch Arbeiter. Richt wahr?" „Gut", sagte Berthold, dem es warm bei dem Interesse seines Jungen wurde. „Sie können nicht Frennde sein, weil der Arbeiter schwer arbeiten muß, und fir soviel Geld haben, daß sie nicht zu arbeiten brauchen. DaS ist der Unterschied, der zwischen beiden keine Freundschaft auflomnlen läßt. Das nennen wir den Klaffenunterschied.' Hast du verstanden?" Hans nickt« stumm und erwartete. daß sein Vater weitrrredcn sollte. „So, das ist genug für heute", jagte Berthold,„vergiß nicht, was wir soeben geredet haben und mach, daß du ans die Straße kommst." Hans verschwand. „Ter Anfang ist gemacht", sag:« Berihold zu seiner Frau, als sie allein lvarrn. „Ich dachte, du wolltest Hans noch mehr sagen", antwortee darauf seine Frau. „Morgen ist auch noch ein Tag, es sind noch viele Tage bis Hans an der Maschine stehl, und bis dahin habe ich ihm alles gesagt." Frau Berthold schwieg und hatte nichts mehr«inzuwenden. Vflanzen, die explodieren. An dem in Sudeuropa und Asien einheimische» weißen Diptaul(Dictaiuus albus), einem strancharrigcn Gewächs mit Weißen oder rosarot« Tranbenblüten, kann man an ivar- men, windsttllen Tagen eine seltsame Erscheinung ivahniehmen.^Nähert man sich Plötzlich dem Strauch nm einem brennenden Licht oder Zmrdholz, so zischt plötzlich ein unerwarreleS Feuerwerk auf: der Strauch ist in Flammen emMhültt. Ist das Feuer aber ausgebrannt, so steht er wieder ganz unversehrt da u:id nur ein cigeittümlicher Geruch zeugt noch von dem Feucrspicl. Als Ursache dieser Explosionen har man ein in den Blüte» des Diptam enthaltenes älherischeS Qrl sestgestrlll, das dir Eigeu'chaft besitz», unter tan Ein flach der Wärme bren» bares Gas aivszustvichlen. An heißen Tagen, wen« der Diptam in voller Bk'üv steht, ist die „ui 7. d.'ndc Luft ost so stark mit GaS füllt, daß«S monchmrck, vor Geloftrern, zu einer Leidstcntzündimg Knnrnen kann. Beim Menschen har Vas Einatmen der Gase ost UedelKit nnd saidst BewußÄosigkeil zur Folge. Keine feurige Explosionen kann man auch an tau in Wcstin» dien und Südamerika vo^kommenden Acajou- schichten, die mit einem brennbaren und leicht seine Früchte, die Acajoanüsie, enthalten Zellen, schichten, die mit einem brennbarem und leicht entzündlichen Oel gefüllt find. Entzündet man in der Nähe einer Acajoumch eine Flamme, so daß die Nuß erwärmt werd, dehnt sich die Lust unser der Samenschale aus und preßt nun das Oel aus der Frucht heraus. Im stikben Augenblick emtziiirdvr sich das Oel und umbAtzt die Nuß mit einem kleinen Funkeitfouerwerk; man be» Zeichner daher dir Früchte des Acajoitbaumes ost auch als„Fencrwerksnüsse". Drei rote Nofen. Bon Michael Erdödi. 1. Der herbe SpitalSgcrnch legte sich ihm auf die Kehl«, als er«intrat. Schwindlig blieb er vor der Tür des Krankcnsaalcs stehen. „Wen suchen Sie?" Die sanften Augen der Pflegerin hafteten an ihm wie ein Verband ans einer Wunde. Er atmete tief auf. „Meine Frau... Fran Elisabrch Kiß.. bitte..." „Dritter Saal, Beit sechs." „Ich danke." Er trat«in. Das fahle, gelbe Gesicht seiner Frau frischte sich;u einem Lächeln auf. Und die zwei mageren Arme erhoben sich. Andreas Kiß bückte sich und Preßte seinen kalten Mund auf die aufgesprungenen Lippen der Kranken. „Fühlst du dich Wohler?" »Ja." „Gott sti Dank!" „Noch... fünf... Wochen..." 2. Die erste Woche verging stnurpf, leer. Im Bureau rauchte er nervös seine Zigaretten, er war zerstreut, die Arbeit ging ihm langsam von der Hand. Er könnte kaum den Nachmittag erwarten. Er speiste gar nicht zu Mittag, sondern eilte, um nur rechtzeitig im Spital zu fein. Er kam als erster und verließ als letzter den Saal. Die Pflegerin sagte auch: „Der beste Gatte der Welt." Der Frühling nahte heran. Der feuchte A'phalt glänzte im Sonnenschein. Die hoff- nunaslose Häuserreihe der Spiralsgasse legte sich ihm anft Her; wie eine blnmengeschmückte Bahre. „Es ist Frühling... Frühling..." Heiß durchlief es ihn, sein Blut brauste und er erhob srineu Blick zu den Gesichten« der vorbeigeheuden Frauen. Aber rasch wendete er ihn wieder ab. Der Spilalsgernch kratzt« ihn noch in der Kehle. 8. Zu Beginn der ztveiten Woche begegnete er Liselotte. Sein erstes Gefühl Ivar, daß diese Fran ihn nock immer interessirre. Er hatte ihr einmal sogar di« Eh« versprochen. Damals war sie noch eine Theatereleviir. Sie lachte ihn aus. Jetzt, wo ihn das Schicksal mit ihr zusammenführte, schämte er sich, einzugestrhen, daß er verheiratet sei. Er verleugnete es. „Ich habe ans Sie... gewartet..." Liselotte erwidert« mit einem klingenden Lachen: „Sie siird zu spät gekommen." Andreas Kiß errötet«. Er dachte an seine Frait. Erschrocken r«ichtr er Liselotte die Hand: „Leben Sie wohl..." Und«r eilte nach Hause. Aber am nächsten Tage erkundigte er sich schon im Theater nach Liselottes Adresse. Und er ging vom Spital aus direkt in die Straußgasse. Sein Blnr trieb ihn dorthin. Dieses Blut durchlief brausend seinen Körper, mrd so oft es in sein Herz kam, empfand er eine heftige Scham. Er trat vor Liselotte. „Welch«in Zufall!" Liselotte verzog di« Augenbrauen. „Sie sind cs?" 4. Mit geschloffenen Augen sank er über das Belt der Fran; er getraute sich nicht, der Kranken in die Angen zu kchaucn- „Noch zwei Dochcu..." „Ztvei Wochen... ja..." Die bis au die Knochen abgeulagrrten Schultern erbebten. Die Hoffnung des neuen Ledens machte ihre Wangen erglühen. Dem Druck der ansgerrockneten Hand entströmte eine tröstende Därulc. „Mein armer Mann..." Am Toniierstag entfernte sich Andreas Kiß «wch vornnttags ans dem Bureau. Er eilt« nach Hause, kleidete sich um. Auf seinem frisch rasierien Gesicht brannte der Durst. Ans der Straße sog er den Glanz, den Frühling in sich«in. Bor dem Klnincngcschäft blieb er st«he». Er ivählte drei rote Rosen. Er hob sie zu seine»« Gesicht, atmete den Duft«in. Er erschaudert«. Als würde den Kelchblättern ein Spitalsgernch entströme««. Er zahlte und tan- :i«elte auf di« Straß« hinaus. Die drei Rost«« bracht« er Listloite. Er läutete. Liselotte nahm mit nervöser Grimasse den einfach««« Strauß. Sie warf ihn gelaugtveil» ai«f den Tisch. „Sic habe«« sich sehr ailgestrcngk, lieber Freund..." Andreas Kiß sticg das Blut in de>« Kopf. „Na, hören Sie? Drei Rose«« bringe«« Sic mir;«« meincm Namensiag?" Sic nahm ärgerlich die Rose«« nnd warf sie ihm hin. Andreas Kiß bück«« sich:«r hob die drei Roscn auf und wankte mit glühender Stirn hinaus. Ohne sich;»« verabschieden. 5. Bon« weißen Bolster lächelte ihn die Fra«« schon durch die Tür an. Sic richtet« sich im Bett auf. Di« Freude trieb ihr die Farbe des Lebens ins«Besicht zurück. Sie klatscht« i«« die Hände: „Dir Süßer... du Gnrcr... Roscn hast du«nir gebracht... mir hast du sie gebracht..." Andreas Kiß schnürt« es die Kehle zusammen: »Ja...* Die Frau nahm den Sirauß enlgegen. Darm küß«« si« ihren Mann: „Wie nett..." Ans ihren« Blick sprach inniger Dank: „Daß du an mich gedacht hast.. Andrcas Kiß wendet« sich ab. Die blühend« Farbe der Rosen blendete sein« Augen. Dies« drei Rosen hat Liselottes parfümierte Haird weggeworstn. klick» als hätte ihn« jedes einzelne Kelchblatt inS Herz gestochen. Hier ist«S ein Geschenk, was«ine ander« mit Füßen getreten, waS die Sünde weggeworfen hat... Andreas Kiß' Augen wurden feucht. Trä nen brannten darin. Die Frau streichelt« di« Rosen: „Ich dank« dir-..." Dann blickte sie auf ihren Mann. Si« staunte: „Dn... weinst?"■ Der Denunziant. Mair fuhr im D-Zug. Erster Klasse. Richtung: Gehldichnichtsan. Damen und Herren. Die Damen elegant««nd schön. Die Herren foigniert«md versnobt. Aber alle«varen von einer gcmcinsamcu Nervosität und Wortkarghcit an lustiger Unter» haltimg gehiildcrt. Nur der junge, besonders soignienc und versnobte Mann am Fenster fiel durch sein fröhliches und unbcknmmerres Gesicht auf. Plötzlich, als es niemand erwartete, sprach „Meine Damen und Herren. Wir spicken voreinander Komödie. Wo;««? Wir hab««« alle eine«« gculciusanicn Feind: die Zollkontrolle. Machen sie keine«rstaunten Gesichter, mein« Herrschaften. Wir sind Brillantenschmugglcr. Sie zum Beispiel, gnädige Fran, führen ihr ganzes Perniögen, in-Brillanten verivon« delr, mir sich- Und Sic, entznckendcs Fräulein, jenes kostbare Pcrlenkollier. daß Sic in Paris, bei Fourdies, erwarben. Bon den Herren will ich nicht sprechen. Es sind Kollegen. B'ile, lasten Si« sich von m:r beiatrn, wo man am besten den Schmuck verbirgt. Ich bin Experte ans diesem Gebiet." Und er beriet die Damen und Herren. "Seine Ratschläge«varen Gold wert. Ein herrlicher Mensch. Im Eoilpö wurde umu übermütig. Die eiusilbigcn Damen wurden gesprächig. Man überbot einander an Liebenswürdig» keit. Alles sür ihn. Und es erschienen die Gesürchtcten. .Haben die Herrschaften etwas zu verzollen?" Wie nach einer stummen Vereinbarung, scholl«s von allen Seiten, laut nnd fest: „Rein". „Pardon", sagte der junge Mann,„bevor die Hecrei« zu suchen beginnen, die Dame hat ihren Schmuck iin Strnuipf versteckt. Ter Herr nebenan, hält feine Bril'Pntcn in der Hand. Die«ntzückendc junge Dame..." Er verriet alles. Die Franc«« fielen von einer Ohnmacht in die andere. Die Männer«vurden blaß und bleich. Tic Zollbeamien verschlvanden. Die Ber» ratprämie<10 Prozent) bekam er schriftlich. Die Fahne des Stationsvorstehers hob sich zi«m Signal der Abfahrt. Und der junge Mann befand sich noch immer im Zug. Aber cs kam nicht zur Katastrophe. Während der Zug weitrrfuhr, erhob sich der junge Mann und sprach: — 4— „Verzeihen Sie, mein« Herrschaften, wenn ich zum letzten Mal stör«. Aber ich bitte Sie, ihren Schaben zu be» zifsern." Mit barem Gelb beglich er bi« Ansprüche seiner Mitreisenden. „Sie werden meine Handlungsweise billigen," sagte«r noch zum Schluß,„wenn ich Ihnen mitteile, daß ich für 2,000.000 Dollar Brillanten' führe." Das waren übrigens di« letzten 9B^t«, die er mit ihnen sprach. Renato Mondo. Begegnen mit Bianca. Bon Otto R. Gervais. „... und um noch eins bitte ich Dich, bevor wir uns nennen: Sollten wir uns fällig begegnen(das Schicksal hat eS ja stets"gütig mit uns gemeint), so gehe nicht wie ein Fremder au mir vorüber. Grüß mich, gönne mir einen Blick, sprich einige liebe Worte zu mir. Ich könnte es nicht ertragen sonst..." (Aus dem letzten Brief Biancas an Lucian.) * ,,D» dünst mich um Unmögliches. Es wäre Wahnsinn, wollte ich Dich bei einem zufälligen Begegnen ansprechen. Dich anblicken, Deine Stimme hören. Deinen Atem spüren. Ich gehöre zu den Menschen, deren Seele verbluten kann... Verlass: Dich darauf: wir werden uns nie mehr wicdcrschen. Und ob wir uns auch Ange in Auge gcgcnübcrständcn: ich werde Dich nicht mehr sehen" (Aus dem letzten Brief Lucians an Bianca.) Sic frandcu voreinander. Plötzlich. Die aus der Erde gewachsen. Zufällig oder absichtlich — es war jetzt Einerlei, sie standen sich gegenüber. drei Schritte voneinander gerrenn:. Drei Schritte, deren Raum rincn großen Abschied barg, ein unüberwindliches Gelübde, eine gefährliche Liebe, eine dyonistischc Leidenschaft, die nur vom Verstand, von der zweckmäßig denkenden Vernunft übcrlänbr war. Bleich sahen sie sich beide au. erstarrten Gesichts, fiebernd, erwartungsvoll,— in sich hineinbörend, iaurrnd aus des anderen erste Geslc, aus eine Miene, die vielleiw: das Inner: verriet. Schwäche, Freude. Trotz. Ernst oder gemarterte Trauer. Sekundenlang starrten sie einander an. Richi wie beim ersten Begegnen, als sic fühlten, daß sie ineinander gehönen. Damals war der Raum zwischen ihnen innig verbunden, jctzr'chautc Fremdes auf Fremdes. . Lucians Körper entspannte sich, er fiihlre wohlige Schiasshrit. zog den Hut. Sie neigte den Kops, unmerklich saft, so wie ein Windbauch daß Schilf sanft bewegt. Lucian, dachte an seine letzte» Zeilen:„.. und ob wir uns auw Aua: in Äuge gcgenübrrständcn: irb werde Dich nicht schc::.." O wic lächerlich inutete ihn in diesem Augenblick die schöne Phrase an. Sic reichte» sich die Hand, ihre Gesichter belebten sich, bekamen wieder Farbe Die ersten Worte fielen. Bange, tastende Worte.' nur nm zu hören, obgleich ihre Stimmen noch kalt war:::, ohne eigenen Klang, nicchanisch gesprochen. unsicher und lridbeschwer:. Aengstlich vermieden sic cs an Vergangenes zu rühren, noch ängstlicher mi:d man die Zukunft. Es waren so banale Fragen und langweilige Antworten, als unterhielten sich reisende Mcwcden im Wartesaal, die wissen, daß sich ein tieferes Gespräch nicht lohnt, weil mau in einigen Minuten mit dem Zug abfäbrt und sich:sie mehr wirdersieht. So gingen Lueian»ab Bianca die Landkraße nach Monrepos entlang, lange schweigend, «och deutlich hörend, daß nichts sie mehr miteinander verband, weil chr« Liebe durch das Fremde, das sich zwischen Abschied und Begegnen in ihr Leben gedrängt hatte, erstickt war. Sir versuchten sich zu täuschen, sprachen von gleichgültigen Dingen, schritten di« Straße zurück, reichten sich di« Hand, grüßten und trennten sich. Alles war tot in ihnen, gestorben durch die lebendige Zeit, die selbst das zeitlos Scheinende auf ewig vernichtet. 9HMM. Ein« Statistik drr Religionsbekenntnisse. Bon den 1816 Millionen Menschen, di« nach den neuesten Erhebmigen di« Erde zählt, gehören 684 Millionen einem christlichen und 1132 Millionen einem nichichristlichen Bekenntnis an. Bon den 684 Millionen Chrssten sind 330 Millionen Katholiken, 210 Millionen Protestanten und 144 Millionen griechisch-orthodoxe, orientalische und andere Chrssten. Die 1132 Millionen Nichtchristcn setzen sich zusammen aus 15 Millionen Juden, 225 Millionen Mohammedanern, 200 Millionen Buddhisten, 217 Millionen Hindus, 300 Akillioircn Anhängern des chinesischen Gelehrten Konfuzius, 140 Millionen Heiden und Raturanbetern. Im Jahre 1810 betrug die Gesamtbevölkerung der Erde 653 Millionen. Darunter waren 228 Mil- limicn Christen und 425 Millionen Nichtchristen. Was tut man gegen den Kreu^tterbiß? Zunächst verlier« man nicht die Ruhe! Em Grund zu übergroßer Ängst oder gar zur Ber^veif- lung liegt nicht vor, denn, wie man heut« weiß, ist der Biß der Kreuzotter bei Erwachsenen im allgemeinen nicht so gefährlich. Kinder können allerdings, wenn viel Gift in die Wunde eingedrungen ist, und der Tag recht heiß war, tödlich erkranken. Man binde vor allem das gebissene Glied mit einem staken Bindfaden, einem Band oder Gürtel ab. damit daS Gift nicht oder wenigstens nur zum Teil in die Blutbahn gelangt. Dann versuch« man die Bißstelle mit einem Streichholz anszubrennen. Das Aussaugen kann nicht so sehr empfohlen tverden, weil der Helfer durch ein« klein« Verletzung an den Lippen oder der Schleimhaut des Mundes leicht das Gift in den eigenen Körper aufnehmen kann. Dos volkstümliche Mittel, die Verabreichung alkoholischer Getränk« in großen Mengen, ist, wie neuere Erfahrungen ergeben haben, wirknngslos. Dr. Brazil in Soo Paulo(Brasilien), der sich seit vielen Jahren mit der Behandlung der Schlangenbisse beschäftigt, spricht dem Alkohol jegliche Heilwirkung ab. Auch die Breslauer Professoren Pohl und Küttner bestreiten ebenso wic früher schon Dr. Holitscker, daß der Alkohol da? Gift drs Kieuzorrerbisses zu binden oder zn zerlegen imstande sei. Selbstverständlich muß so bald wie möglich einem Arzt die weiter: Bchcnrd- luna des Bisses übertrage» werden. Mäonerüberschnß in Amerika. Wenn man hört, daß Europa 27 Millionen neiratsfäbige Frauen zu viel hat, daß aber in den Vcreinig- :«» Staaten ein Ucberslbuß an Männern von 4 Millionen herrscht, daun wird man sicb sra- gen, wie das kommt? Amer :ka ist eben«in Ein- ivanderungsland, nnd nur ■ daraus erklär t