Wt- 12 UntetOahnngübeliage. 1929. „Er" wird sie führen. »so Äsfrf Dogrl.(»eto^Nasses. Otetv'Hort. 1. Genua. „Hallo! Hier gibt es Pflaumen," bleibt Waffen vor einem Laden stehen. „Aepfel wären mir lieber!" entgegnen ich. „Aber Pflaumen sind entschiede» besser!" meint Waffen.„Achtzehn Tage diese ver- dammten Spaghetti und täglich zivcimal, das vcrstopft dem gefräßigsten Esel die Därme! Der Teufel hole diese italienischen Schisse!" Wir gehen in den Laden. Der Kerl fordert einen Preis, daß wir denken, er wird uns für das Geld einen halben Zentner Aepfel und Pflaumen abwicgcn. Wir sind hilflos ohne die Sprache und zahlen für ein halbes Kilo so viel, wie wir in der Heimat siir eine» halben Zentner bezahlen würden. „Es ist bcffcr, wir beeilen uns zurück. Der Dampfer wechselt heute Rächt seinen Liegeplatz und wir sind zeitig an Bord," sprich! Waffen und kaut mit beiden Backen seine Pflaumen. Auf dem Wege zum Hafen begegnen uns Mädchen und Frauen, die sich bettelnd in unsere Arme hängen.„Wollen Sie nicht einen Augenblick mit uns kommen?" Für ein Spottgcld. für lumpige Pfennige bieten sic uns ihre Leiber an. „Hellie nacht nicht! Wir haben keine Zeit, müffen eiligst zum Dampfer!" machen wir uns frei lind eilen weiter. linier jeder Lampe dieselbe Anrede und Erwiderung, bis uns das Dunkel der Hafenpiers verschluckt. Wir stolpern über Haufen von llnrai und springen über eingesunkene Löcher. Mühsam tappe» wir den halsbrecherischen Weg am Pier entlang. „Dieser Gaukler von Mussolini soupiert jetzt im Schein von tausend.Kerzen, derweil brechen wir»ns hier int Hafen den Hals. Er soll sich seine Maultiere für den Montblanc von den Anden Amerikas allein her- überholen! Heewsliesernnaen. nichts als I Heereslieferungen!" „Was sagst kn von den Maultieren? Für Mussolinis Armee...?" frage ich erstaunt und bleibe stehen,„daran hätte ich nicht im Traum gedacht!" „An was haft du denn gedachr?" brüllt Dassen mich an. ,^Jch dachte, die Mansticre seien sirr die Tour'sie», etwa zur Besteigung des Beftrvs oder so..‘■-■Wl i „Daß du cs weißt, die Maultier« sind für die Besteigung eines Vesuvs, eines Kraters, der eines Tages ganz Italien mitsamt Mussolinis Faschismus verschütten wird. Kennst doch d:c Geschichte von den Städten Pompeji und Herkulamun?" Schließlich komnicn wir dem Liegeplatz unseres Dorfes näher, das Schiff ist bereits weg. „Verfluch;!— Was nun?" schimpft Lassen und kratzt sich hinter dem Ohr. „Bis znm anderen Ende der Stadt habe» wir noch Zeit bis morgen früh," erwiderte ich gelassen und wir finden in der Nähe der Docks einen Park mit Bänken. Ich strecke m:ch lang ans auf der ersten besten Bank und mache cs mir, so gut und so schlecht es gcl>t, bequem zum Schlafe». ,Mas machst du?" fährt Waffen Mich nikwirsch an. „Zum Teufel, was soll ich machen?— Ich be:e. wie du siehst!" „In» Gefängnis wirst du bc cn lernen," belehrt er Mich. Waffen war schon öfters in Genua und muß wohl Bescheid wisse». „Uebernachten und Schlafen ist in den Parks bei Strafe verboten! Wirst du von einer Paironille nachts hier augetrofsen, nimmt man d:r deine Papiere, ganz gleich, ob du mit offenen oder geschloffenen Äugen schlafft." „Lllso gut, dann ruhe ich mich eben im Gofäuanis ans!" entgegne ich stöbernd vor Müd-gkeil. Waffen lack».„Oh, ein iialicnisches G: I fängnis bat nicht seinesgleichen in der Welt. Läufe, dick wie weiße Maiskörner, und ein Gestank nach faulem Knoblauch, daß d>r die Luft ivcgbleibt!" Schiiildernd richte ich mich auf uiid fette mich gerade hin, nm»ich: fest einzufchlakcn. Plötzlich spüre ick eine Hand ans meiner Schuller uird wacke ärgerlich auf. Ein langer, magerer Soldat beug, sich über mich ——— Lassen wird von einem anderen Soldaten geweckt. Sie fordern unsere Papiere und wir-in, als verständen wir kein Wort. „Vielleicht sprechen Sie Französisch?" frage ich und schon fühle ich einen Fußtritt gegen meine Schienbeine. Die Italiener sahen bcnte Mörder, wenn mau das Wort Franzose sprich: und wenn diese klapprige Vogelscheuche annimmt, daß ich«i» Franzose bi», wird er mir im Namen Gatt Vaters und Mussolinis ein Messer rn de« Leib jagen. Aber der andere Soldat erwidert gleich, daß er ctivas französisch ver-- ftehe und so gebe ich Auskunft. „Wir sind Seeleute, erst heute nachmittag in Genna angekommenz unsere Papiere liegen bei der Polizei zwecks Abstempelung und sind in Ordnung. Wir haben einen großen Transport Maulesel für Mussolinis Armee von Amerika hcrübergebrachl. Verstehen Sic nun, weshalb wir uns mit dein verdammten Französisch Hessen müssen?" Ich erinnere nnch, was der grauhaarige Obermaa- auf der„Lucia" immer sagte: Irr dem Augenblick, da Mussolini Frankreich den Krieg erklärt nicldc ich mich mit meinen drei Jungen, vom ältesten bis zum jüngsten, und wir werden cs ihnen schon zeigen! Und am Nachmittag fragte ich eine junge Frair nach dem Wege zur Stadt, da spie sie mich an, weil ich Französisch sprach. Den beiden Soldaten habe ich die Worte geschickt gesetzt und sie geben sich damit zu- fricdrn. Wir sprechen dann über alltägliche Tinge. „Was verdien, ihr so täglich, Kamerad?" frage ich nebenbei. Sie ncuneu einen lächerlich geringelt Betrag. „Wie:sr das möglich, daß der Verdienst so gering ist?" erkundigt sich Lassen, dafür bekommt ihr nicht einmal ein Paar billigste Socken! lind die Frauen und Kinder, die Tag und Rächt auf der 2 i raße liegen und siir Almoien hinter einem her- laufen.. ifllllfCK Leben ist bitter und die Arbeit wird hrud- k-niiserabcl bezahlt. Streiks find gc-.'Ylrch v. rboien!" klagt der-Soldat,„wä- een w'.r d.- .!> auch erst drüben und hcraris au-? diesem Elend! Aber man läßt uns nicht von hier fort!" „Mussolini läßt euch nicht heraus! Er brauch: Soldaten und billig, spottbillig müssen sie'ein. Was kümmert ihn die arbeitende Klaffe?" anrivoret Lassen schlag- Wic der lenchtende Widerschein eines Blitze geht dasWort Mussolinis über die eingefallenen sticfichter der Soldaten und cS — r wirst die beiden Vogelscheuchen in eine k>- mischc. cheatratische Positur. „O, Mussolini ist ein großer Mann. Er hat Wunder vollbracht für Italien. Unter seinen Befehlen wird Italien der reichste und größte Staat der Welt werden. Er wird uns in eine glänzende Zukunst sichren. Die ganze Welt wird er erobern." Mitleidig betrachten wir die klapprigen Vogelscheuchen. L Triest. Drei Tage später werden wir unter mi- liiäriichcr Bewachung an Bord der„Martha Washington" gebracht, obwohl die Cosulich Company sich verpflichtete, für unseren Unterhalt zu sorgen. Als mittags drei Matrosen versuchen, das Schiff w verlassen, um einen Spaziergang zur Stadt zu machen, verwehren bewaffnete Faschisten, die man vor dem Damp, fcr postiert hat. mit Waffengewalt den Weg. Waffen rät, sich mit einem der amerikanischen Zerstörer in Verbindung zu setzen, die zu^tit im Hasen liefen, um mögliche Unruhen wegen der Hmrichtung SaccoL und Banzettis zu unterdrücken. Schließlich, am dritten Tage, spricht ein Bekannter beim amerikanischen Konsulat vor und eine Stunde spä'cr sind die Faschisten wie Gespenster verschwunden. Wo immer wir einen italienischen Hafen anlaufen, überall zeigt der Faschisiims dasselbe Elend, dieselbe Arnmt und Verzweiflung. Männer, die nackten Füße mit Packpapier mnw ckelt. mit scheußlich zerrissenen Hosen und Hemden, kommen an alle Liegestellen der Dampfer, um nur eine Schnitte Brot nach vielen:' Nmherlaiifen zu erbetteln. Der Friseur, der an Bord kommt, flucht i und wettert auf das unerträgliche Dasein. ,La, aber wozu habt ihr einen so gro- ßen Mussolini?" stagen wir ihn. Bei dem Namen Muffolini immer das gleiche Theater. Frauen und Männer, die mit dem«inen Atemzug stöhnen und jammern, jubeln und jauchzen beim nächsten Atemzuge, sobald der Name Muffolini an ihr Ohr dringt. Alle Plackerei ist vergessen, alles Grau des Elends wird zu schillerndem Wortgeschuleiß. Unfähig, die Brücke vom Darm zum Hirn mit einem Gedanken zu stressen, sind alle die Sklaven des„Al:cn Rom". Wie mm Schaustück der Gladia oren im alten Rom leuchten die hungrigen Augen und wölben sich ihre Hungcrmänlcr: „O, Muffosini ist unstr Retter' Alles'st beute besser als je zuvor. Mussolini wirkt Wunder. Er ist der Führer zu unserem Ruhm!" „Er wird sie führen!" spot'et Wallen und stuckt im Bogen durch das offene Kabinen« I fcisster. Die Fabrik. Hingrduckt wie rin Tier, das sein Opfer belauert, liegt die Fabrik und tatzt mit Riesenfängen in den Himmel den sie zersetzt, um mit der Glut der Sterne ihre Oefen zu beflammen, die aber glotzen wie Augen der Hölle. Und ein Maul hat daS Ungctier, riesengroß, das frißt und schlingt dreimal im Tag: Menschen, unersättlich Menschen, und speit auS, dreimal im Tag: Zermürbte Wesen... Erich Grisar. Der Vatriot. Ich harte den Lilian-Gish-Film„Der Herz» Mag der Welt" gesehen und ging durch das Alltagsgedränge mit schmerzendem Kops und fiebrig pochendem Herzen. Bor meinen Augen marschierten unaufhörlich die Stiefelreihen der anszieheuden Regimenter. Trapp, trapp, trapp, trapp, ohne Ende. Trapp, trapp, trapp, trapp, alle in den Tod: Ich sah die lange Holztafel, an der unzählbare Soldaten die Einberufungsbefehle ad- stempelren. In maschinenmäßiger Schnelligkeit sausten die Stempel herab. Und wehmütig erlebte ich noch einmal die Verbrüderungsszene: Nächtliches Schützengrabengelände. Im deutschen Graben hält man eine Tafel empor: „Habt ihr Zigaretten?" Tie Russen antworten: „Habt ihr Fleisch?" Auf beiden Seiten ist erst das Mißtrauen noch zu stark. Alle sind sie ja verhetzt. Da wagen es zwei: Mit zögernden Schritten gehen sie auseinander zu. Endlich! Sie tauschen die Lebensmittel aus. Ein Händedruck. Nun gibt es kein Halten mehr. Aus allen Gräben kommen sie hervor. Hunderte besinnen sich minutenlang, daß sie Menschen sind und revoltieren gegen die Diktatoren, die sie zwingen, ihre Brüder zu morden. Drei Minuten später ist die Hölle wieder losgelassen. Feuer und Dröhnen über den Gräben. Ich schrecke auf. Ein Bekannter hat mich angesprochen. Es ist rin Studirnrat in mittleren Jahren. Ich fordere ihn dringend auf, sich den Herzschlag der Welt" anzuschen. Aber da komme ich schön an. „Was? Diese Hetzereien soll ich unterstützen?! Da ist nun glücklich diese Ausstellung zu Ende und nun soll die Bolkeorrhetzung weiterqehen? Tas ist doch alles vollkommen sinnlos!' Es kommt ja doch kein Krieg wieder. Das ist doch ganz klar. Wozu soll man da die Leu:e aufwiegeln?" „Ach, eS kommt kein Krieg wieder?! Sie wissen das ganz genau. Wozu rüstet man dann? Wozu baut man Panzerkreuzer? Das Buch eines mit deni Pulsschlag des Raturlebens innig vertrauten Mannes: Kornel Schmitt,„Der Raturbeobachter".(Ber- lag Tr. F. P. Tatterer u. Co., Freising-München. Mit 121 vorzüglichen Naturaufnahmen. Geh. 4.50 Mark,»Leinwand 5.80 Mark.) Auf den erste» Blick scheint es, als ob Schmitt sich an die Schuljugend wende, um ihr das Per- ständnis des Raturunterrich:s zu geben; aber je mehr man sich in das Buch vertieft, um so deutlicher tritt zutage, daß er für alle diejenigen schreibt, ob jung, ob alt, sie mit offenen Sinnen in die Welt der natürlichen Vorgänge hinausw rudern. Es ist nichrs vom Schulmeister in dem Puch.'. Durch alle Aufsätze hindurch klingt die Liebe des Verfassers zum Naturwcscn, zu Stein, Tier und Pllanzc, deren Lebcnsbeziehuugen zum Menschen er stets wieder betont. Er wird damit zu'ineni schätzenswerten Borlrmpser ans dem Gebiete des Naturschutzes, den er auf der Grundlage der Achtung vor den Wundern des Lebens aufbaut. Wer einmal mit Aug-n und Ohren, die von Schmitt gei- et und geschult sind, einem einzigen Lebe isvorgang da draußen in Wald oder Feld seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, wird nie wieder achrlos an Pflanze oder Tier vorübcrziehen. Er wird mit Schmitt an der kleinsten Lebcnseinhcit wie an dem lebendigen Riesenbau so viele seff-unde, spannende Neuheiten erleben, daß alle and:-::» Genüsse des Kulturlebens dagegen verblassen. Das ist der Erfolg, den Form und Gedankenfassung des Schmittschen Buches zu erzielen vermögen. Die zwei Löwenzähne. Hier folgen zum Beleg des oben Gesagten zwei Proben aus Kornel Schmitts„Ra- turbeobachlcr": Rur einen Meier auseinander standen die Wozu sind daun Organisationen wie Stahlhelm und Wehrwolf da?" „Das ist natürlich nur zur Verteidigung. Sie würden wohl Ihr Vaterland einfach angreifen lassen? Sie vatcrlandsloser Geselle!" „Gestatten Sie eine Frage? Do haben Sie im Weltkrieg gekämpft?" Der Herr Studienrat wurde etwas kleinlaut. Es stellte sich heraus, daß er sich von 1814 bis 19l8 in Leipzig mit der Erziehung höherer Töchter beschäftigt hatte. Woni. zwei Löwenzähne. Aber eine Welt trennte sie und sie konnten einander nimmer verstchen. Tenn der«ine saß in duftigem, schwarzem Erdreich und der andere duckte sich in die Ritze des StraßenpflasterS. Hoch aufgcrichtet stand der erste in seinem nahrhaften Boden. Sein Aeußcres war wohlgepflegt, fein und dünn und beileibe nicht so abscheulich zerschlitzt wie das des Straßcnbett- lcrs, der sich da mitten in den Straßrnstaub hincingrhockt hatte, als wollte er jeden Borüberkommenden um«in Almosen ansprechen. Und der Reiche strotzte im Saft und trieb lange Schäfte hinauf, blühte auf und guckte bald mit großen swlzleuchtendcn Augen um sich. Was fehlte noch zu seinem Glücke? Aber da fiel sein Blick auf den arnien Tropf: „So steh' doch auf, du Tölpel! Wie kann man sich nur so in den Staub hocken? Mir scheint, du hast keine gute Kinderstube genossen. Aber freilich," lächelte er spöttisch,„auf deine Kleider brauchst du weiter nicht zu achten!" „Spotte nur," grollte der im Schmutz der Straße.„Weil du besser angezogen bist als ich, weil du niehr Glück gehabt hast bei der Platzverteilung! Kann ich dafür, daß ich hier in der Pflastersteinritze gelandet bin? Ein Zufall hat mich hierher getrieben." „Zufälle gibt es nicht," sagte der Fette. „Alles ist eigenes Verdienst. Schufte nur ein bißchen und hocke nicht so faul, dann kommst du leicht in die Höhe." „Ja, ja! So seid ihr Bornehmen! Ihr seht nur die Außenseite. Ihr wißt ja nicht, wie mein« Wurzel tief, tief zwischen die Steine hinablangt, um das bißchen Naß zu rrbohrcn. Ihr fitzt imSchutz vieler Freunde. Ihr ruat sein dicht zusammen, wenn es gilt, eure Interessen zu schützen. Was Hilst es mir, wenn erst in der nächsten Rinne nochmals ein Bettler Wege zur Naturkieve. sitz:'? Er kann mir nicht helfen, den von der Sonne glühenden Stein zn beschatten und mein armselig Brünnlein im Boden zu schützen. Drum hocke ich am Boden, drum presse ich meinen Leib an den Stein, drum find meine i r zerrissen und schmutzig, drum kann ich nicht blühen, drum muß ich freudlos dahinsicchcn. Und»8 ist gut so, daß ich keine Nachkommenschaft hinterlasse. So kann ich ruhig fier>, wenn meine Zeit gekommen ist." Ter Fetie hatte kaum mehr hingehört. Was kümmert einen die Not und das Elend der andern, wenn man satt ist? Da kam ein Knabe die Straße enn..g. Als er den fetten Löwenzahn erblickte, packte er ihn beim Schopf und schnitt ihn glatt"br der Wurzel ab: „Meine Stallhasen werden lachen," sigte er und schob den grünen Busch in den Korb. Der Drautraud. Dem den!sch.englischen Maler Herkomer war ich von Herzen gram, als ich las, daß er in London ein eigenes Theater besitze. Seitdem sind rund zwanzig Jahre vergangen. Und bin reicher geworden, als der reiche Lord Herkomer: er muß sein schwerfälliges Theater hübsch zu Hause in London lassen, ich aber schlage nieins in fünf Minuten dort auf, wo es mir gef.ut. Die Sih- und Stehplätze haben alle den 5'eichen Preis, sie kosten nichts, denn meine Schau- spiclcrtruppe spielt ohne jede Gage, bald Lustoder Trauerspiele, bald Operetten oder i p:rn. Andern mags als ein Nachteil erscheinen: das Perlonal spielt was cs will. Ich weiß nie, wie das Stück heißt. Aber das ists gerade, was mich reizt. Keine ärgerliche Zritungsbesprechung, kein ungereimtes Werturteil meiner Freunde schiebt sich zwischen unS. Ich genieße ohne jede Boreingenommenheit. Io wars gestern. Ich hatte mein Boot durch die enge Oeff- nung des„Leinritts" in ein Altwasser des Mains hineingelotst und vor Anker gelegt. Das Bühnenbild war wundervoll. Ringsum stand wiegender, fiüsternder Schilfwald, der mich vor aller Welt abschloß. Bor mir ausgebreitet ein Teppich runder, glänzender Blätter, mit gelben Mnmmelflammen, goldenen Sonnenkringeln und dunkelblauem Himmel darin. Und schon beginnt drS Borspiel: ieise glucksen die Wellen, im Schilfwalt erwachsen'urrrnd geheimnisvolle, überirdische Töne, Blaukchlchen» und Rohramuierlieder mi'chen sich"rein und plötzlich heben, weithin schallend, die Trompetenstöße der Frösche an. Jetzt kann die Borstellung beginnen. Ungehöri schwebt ein Rohr üng'erchen heran, umschtvcbt tänzelnd meinen Kahn und läßt sich am Bordrand in Greifweile nieder. Grün blau schiimnert das, Kleidchen, durchsichi'g wie silberne Seide, die vier Flüglein. Zierlich bewegen sich die feinglirdrigen Beinchui, und Acuglein hat das Jüngferchcn leuchtend wie Feuer. Tas ist Lestes sponsa. Zweite Szene. Wieder flattert ein blauer Schatten heran und rüttelt kurz über dem Rohrjüngferchcu. Schneller, als ichs hier sagen kann, stürzt sich der Schalten herab, legt die zwei Zangen des schlanken Hinterleibes nm die Vorderbrust meiner Kleinen, reißt sie hoch und saust hinein ins Blaue. Ich bin starr. Ein Brautraub vor meinen Augen. Das Schauspiel läßt sich gut an. Vielversprechend! Wie wird es endigen? Als Tragödie? Als Komödie? Man läßt mir Zeit zum Ueberlegen. Das Jüngferchcn hat gar keine Uebcrraschnng gezeigt, nicht die Spur von Widerstand. Es ist slügelschwirrend hinter dem Gewalttätigen in der Luft vrrschunden. Die Starre meines Körpers löst sich, und ich wage um mich zu schauen. Ei, sieh' da, da schwebt wieder rin solcher grünglänzender Doppeldecker vorbei. Hier noch einer und da läßt sich ein Pärchen auf dem Seerosenblatt nieder. Die dritte Szene beginnt: Das vordere Tier, das blaue Männchen, läßt plötzlich die Füße los und steht mit steifem Hinterleib frei in der Lust auf dem Weibchen.„Ei," lächle ich, „zwei Parterreakrobatcn". Aber mich will bc- düuken, der Mann mute seiner Dame ein bißchen zuviel zu. Da bekommt der Hinterleib des Mannes wieder seine Beweglichkeit, biegt sich einwärts rund ab, so daß sich sein vorletztes und das zweite Hinterleibsglied mit der Unterseite berühren, richtet sich wieder steil empor, ruht einen Augenblick und wiederholt das artige Stück zwei-, dreimal. Nun ist die Reihe an dem Jüngfcrnchcu. Es macht Kopfstand, um Raum für seine Künste zu bekommen, rundet seinen geschmeidigen Hin», terleib auf die gleiche Weise und schiebt ihn zwischen den eigenen Beinen nach vorne. Das Orchester bricht plötzlich mitten im Satze ab und zeigt an:„Jetzt kommt die Hauptattraktion." Der Mann trippelt, seinen Hinterleib zu einem Katzenbuckel nach oben wölbend, einige Schrittlein zurück und umschlingt den Hinterleib des Weibchens, der inzwischen beängstigend weit nach vorn geschoben worden ist. Jetzt'äst ich die Umarmung. Die Frösche plärren nnd die Rohrsänger kreischen Beifall, das junge Paar aber macht sich fort zur luftigen Hochzeitsreise. So hat daS anfänglich wie eine Tragödie anmutcnde Schauspiel sich zur Komödie ge- > TV VV VT Das Gcheidungsparadies. Starville ist eine hübsche kleine Stadt im Territorium Missouri in dm Bereinigten Staaten. Bisher hat sie sich in oer Geschichte noch nicht auffällig bemerkbar gemacht. Welnrschüt- ternde Dinge trugen sich hier nicht zu. Die Starviller Einwohner lebten genau so, wie jeder DurchschnittSamerikaner lebt. Sie schufteten, amüsierten sich ein bißchen und übertraten wohl auch gelegentlich ein wenig das Prohibitionsgesetz. So ging das Leben tagaus, ragcin, und Starville wäre wohl für alle Ewigkeit eins der langweiligsten Rester der Bereinigten Staaten geblieben, wenn—— Mister Abraham Crockson hier nicht zum Richter ernannt worden wäre. Dem Richter Crockson wurde die Erledigung der Scheidungssachen übertrage». Er besaß darin die besten Borkenntnisse. Er selbst ist bereits sechsmal geschieden! Das ist wohl auch der Grund, warum ihn die Scheidungslnstigen Starvilles für kompetent in dieser für alle Amerikaner so wichtigen Lebensfrage hielten. Richter Crockson nahm sofort seine Tätigkeit auf, hörte sich einige Minuten lang das Für und Wider der Kläger an, räusperte sich dann vernehmlich, erhob sich feierlich von seinem Sitze und sprach kurzerhand die Scheidung ans. So ging das täglich wohl ein Dutzend mal und noch häufiger. Der gute Ruf dieses Richters verbreitete sich in der ganzen Umgegend Starvilles mit rasender Geschwindigkeit. Die Hotels der Stadt waren überfüllt. Man mußte neue Wohnungen bauen. Tas geschäftliche Leben der Stadt nahm einen niegeahnten Aufschwung. Ganz Starville schniunzelte. Man mußte nämlich sechs Monate in der Stadt wohnen, um sich das Zuständigkeitsrecht beim dortigen Schcidungstribunal zu erwerben. Zahlreiche Ehepaare haben sich daher schon im voraus in Starville angcsicdelt... Richter Crocksons Berühmtheit ist bereits über die Grenzen Missouris hinausgedrungen. Auch aus den anderen Territorien stürmen die wandelt. Es könnte zu Ende sein. Schon will ich zum Ruder greifen. Da läßt sich rin neues Pärchen am ntchcn Schilfstcngel nieder. Halb, beschämt über meine Unwissenheit halte ichs inne. Wer konnte auch wissen, daß noch ein dritter Akt folgt? Nun hat die junge Frau die Führung RückwärlSschrcitend macht sie ein paar zierliche Schrittlein, biegt den Hinterleib um, betastet angelegentlich den Schilfstengel. Noch ein paar Krebsschrittlein und wieder folgt die gleichet Tätigkeit. Jetzt ist sie am Wasserspiegel ange Urwald— entwerfen. Der Verfasser hat dich spärlich gesäten Menschenansiedlungen in diesen oft undurchdringlichen Wäldern ausgesucht, deren Primitivität ebenso wie die ihrer Bewohner noch auf der denkbar tiefsten Stufe r Kultur stehen, besonders jene der Kubus, eines Urvolkes, dos in diesen—rermeßlichen Urwäldern schon Jahrzehntausende hauste bevor der erste Malaie kam. Ein eindrucksvolles Buch, wie es nicht ost geschrieben wurde. r. „^irise in die Urwelt." Erlebniffe in fünf Erdteilen. Bon Annie FrancH-Harrar. Verlag Scherl, Berlin. lPreis Ganzleinen fünf Mark.) Die Gattin des berühmten Naturforschers FraneL-Harrar hat eine Weltreise gemacht, doch nicht eine Reise auf den üblichen Touristenwrgen, wie man sie, wen» man nur über die nötigen Geldmittel verfügt, jeden Tag von Cook sozusagen fertig ins Haus geliefert bekommen kann. Sic hat vielmehr die entle- gendstcn und vcrschlosiensien Winkel der Welt in allen fünf Erdteilen aufgesucht, wo die Karawanen der zahlungsfähigen Dutzendtou- r•■;.t.v.r.i und sie berich tct in dem vorliegendem vräch'--'f.- ihren^»drücken. Beobachtunqen, Erlebnissen und Forschungen so spannend, daß man bedauert, nicht noch mehr von diesen Schilderungen genießen zu können. Es sind wirkliche Urwelten, in wclckc Annie Franrö-Harrar auf dieser Reise mit ihrem Manne gelangt, wir sehen die „Gärten der Tiefe", hören den Schrei der Urwaldtrommeln, lernen das geheimnisvolle Australien kennen, Städte am Rande der Urzeit, Konibalenvölker und mensckcnstessendc Wasserwäldcr. Man liest von den ausgestandenen Strapazen, von erschöpfender tropischer Hitze, von Wassermangel, SlaubstürtNcn und sonstigen Gefahren und stcut sich, daß nian, in Sicherheit geborgen, au diesem romantiichen Erleben Anteil nehmen kann. Was mancher nicht weiß. Kleine Fadcnwüriner, wie die Weizenälchen, die sich als Larven zu acht bis zehn in sogenannten gichtkranken Weizenkörncrn finde», können im Zustand des latenten Lebens völlig bewegungslos und ohne Lebensäußerung fayrc- lang verharren und dann beim Beuchen niit Wass er wieder zum Ausleben gebracht werden. Nach einem Bericht sogar noch nach 27 Jahren. Auf der kleinen Insel Bornholm(öSO Quadrallilometer) könnte man die gesamte Menschheit der Erde(1700 Millionen» bequem nuterbriugcn Tas Mikroskop wurde zwischen den Fahren 1500 und 1(510 von den beiden Brillcnschleiseru Hans Janßen(Baier) und Zacharias Janßen (Sohns durch einen Zufall entdeckt. Früher nahm man an, daß Galilei das Mikroskop er* fuuden habe, was aber nicht den Tatsachen entspricht. Tic Fliegen vermehre» sich in einem einzigen Jahre um zwölf Generationen. Ein einziges Fliegenweibchen kann cs in einem Jahr? auf 100 bis:0t» Millionen Nachkommen bringen Ter größte Geiser, der„Exzelsior" im Aeklowsioiie-Purk in Nordamerika, wirst seine heiße» Waffcriäuleu 80 Meter hoch empor und fördert bei einer einzige» Explosion 160 Kubik nicter Baiser Währct.c im allgemeinen die Pflanzen auf ganz ander. Art und mit ganz anderen chcmi scheu Borg.">gcn ihre Nahrung aufnehmen, gibt es sogenannte flrischstenendc Pflanzeir(wie l B. der Sonnentau Trosera rotimdifolia) dir Insekten, die in ihren klebrigen Blätter» hängen bleiben, mit einem Berdauungssaft übergießen, der eine ähnliche Zusammensetzung hat wie unser menschlicher Magensaft. —< derlei.— Faschisten müssen vor Bananen geschützt werden. Der Kehrreim des schönen Liedes:„Ja, wir haben wirklich keine Bananen" ist fiir die italienischen Schwarzhemden traurige Wahrheit geworden. Seit Mussolini dekretierte, daß Faschisten keine Bananen essen dürfen, alldieweil diese weder in Italien, noch in einer seiner Kolonien wachsen, wachen die Zollbeamten an den italienischen Grcnzübcrgäugen mit Argusaugen darüber, daß die verbotenen Früchte nicht nach Italien eingeschmuggelt werden. Eine Engländerin, die kürzlich im Auto von Monte Carlo nach San Remo fuhr, mußte an der Grenze eine peinliche Untersuchung ihres Wagens über sich ergehen lagen. Tabci wurden sechs Bananen gefunden, die, in nnschnldigcs Fließpapier gehüllt, in der Wageniasche ruhten. Nach langwierigen Bcrhandlungcn entschied der Kommandant der Zollwache dahin, daß die sechs Bananen nach Frankreich zurücktrausporticri oder auf der Stelle verzehrt werden müßten. Nach kurzem Besinnen entschied sich die Tarne für die zweite Eventualität, worauf ne die Fahrt fortsetzcn durfte. Die Verbreitung der englischen Presie. Tic Londoner Zeitungen werden täglich von vierzig Millionen Menschen gelesen. Tie Morgenblätter haben allein in England einen Kreis von 3.5 Millionen Lesern, die Abcudblärtcr einen solchen von 6.5 Millionen, während die Sonntagszeitnugen 11 bis 12 Millionen Interessenten finden. Tiefe Zahlen werden voni verbände der englischen Presse mit der Benierlnng herausgegeben, daß sic nur fiir das englische Gcsamtreich Geltung haben. Hiezu kommen, die im Auslände vertriebene» Exemplare, die die Ziffern beinahe verdoppeln. Zedoa, ist hierüber eine genaue Zahl merkwürdigcrivcisc nickt fest- zuftcllcn. Der wertvollste Bogel der Welt. Ter wertvollste Bogel der Welt dürste wohl der Komo- ran von Peru sein, der an der südamcrikanifchcn Küste das wirtschaftlich für diese Länder- so wichtige Guano liefert. Tie Produktion der Bögel wird für Peru allein auf 90.000 Tonneu Guano jährlich geschätzt. Selbstverständlich sind die Staaten darauf bedacht, die Tiere nach Möglichkeit;n schützen, und so ist das Betreten der Insel, auf der die Komoraue Hansen, verboten. Disscnschaftlichc Beamte untersuchen dancrnd die Sebcnsbcdiugnngen der Bögel und wachen über ihren Gesundheiiszustand, da die Tiere des öfteren von Parasiten hcimgcsucht werden. Ein nicht nngefährlicher Feind der Komoraue ist eine Gcicrart, die die großen Eier mit Borlieb: fressen. Teppiche und Läufer, die nichi mehr glatt auflirgcn wollen nnd dazu neigen, sich an den Aäudcr» nach oben zu rollen, legt man um gekehrt auf den Boden und bestreicht ihre:>lück jeitc gleichmäßig dünn mit halbcrkaltetem Tischlerleim. Tamii ist der Fehler schnell behoben. Eingebrannte Kochtöpfe. Jeder Topf setzt beim Kochen leicht einmal an. Aus Emailletöpfe» ist dieser Ansatz leicht zu beseitigen, wenn man ein größeres Stück Soda bineinlegt und darüber soviel Wasser gießt, daß der Ansatz bedeckt wird. Ten Inhalt läßt man ru, paar Minuten kochen und der Topf, ist wieder sauber. Aluminiumgeschirr kocht man besser mit Kar- toffclschalen und einem Zusatz von starkem Essig aus, da Soda das Metall angreifen würde. Abwaschbare Tapeten- werden besonders über Waschtischen, in Küchen und Baderäumen angebracht. Man kann gewöhnliche Tapeten, auch wenn sie schon auf die Wände aufgezogen sind, abwaschbar machen, ohne daß die Farbe leidet, indem man sie mehrmals mit einer Lösung aus zwei Teilen Borax und zwei Teilen weißem Stangenschcllack in 24 Teilen heißem Wasser überzieht. Rach dem Trocknen muß man sie immer wieder mit einer weichen Bürste glänzend reiben Speisen halten lange warm, wenn man die Töpfe oder Schüsseln mit mehreren Bogen Zri- tungspapicr umwiecklt und dann noch ein wollenes Tuch herumschlägt. Milchreis, der auf offenem Feuer leicht anbrennt, wird, ans dem Feuer angrkocht, in dieser einfachen Kochkiste ohne Gefahr des Anbrcnncns gar Eine gute Liuolenmwichse lvird ans folgende Weise bereitet: Im Wasscrbade erhitzt man in einem Gesäß Terpentin und gibt soviel geschabtes Wachs hinein, als sich darin auflöst Tic Masse wird sleißig.umgerührt, darf aber nicht kochen. Zum Ausbcwahren gießt man sie in Büchsen. Heiteres..—. Ans der Polizei.„Herr Wachtmeister, ick möchte mich der Behörde stellen: Ich bin derjenige, der den großen Weindirbstahl beim Kommerzialrat Traube verübt hat."—„So! Und der Wein!"—„Tanke, der Wein war vorzüglich." Aus der Schule. Ter Lehrer erzählt die Geschichte vom Mann im Monde und schließt mit den Worten:„Seit der Zeit muß der Holzhacker im Monde stehen und sein Bündel Holz auf dem Rücken tragen."— Da sagt der kleine Willi:„Er kann sich doch selten! IS dock Platz genug!" Berstondcu. Herr Protznickel wird von von einem Bersicherungsagcutcn heimgesucht, der ihn„auf Unfall" behandelt.„Sehen Sie, verehrter Herr Protznickel," führt der redegewandte Bertreter aus,„Sie haben bei uns deit großen Vorteil, die Versicherung auf all« Familienmitglieder ersten und zweiten Grades in absteigender Linie ausdehnen zu können." Woraus Protznickel srirnrnnzelnd entgegnet:„Nichts für mich. Ick hab nur Familienglicdcr ersten Grades in aufstcigendcr Linie, verstanden!'?" Entrüstung.„Als ich den Klucker in der Trinkerheilanstalt besuchte, habe ich ihm heimlich ein Fläschchen zugestcckt."--„Das war unrecht."—„Ich hatte aber nur Wasser hiurin- gcfüilt"—„Tas war eine Gemeinheit." Eisenbahn. Abteil zweiter Klasse. Zn der Ecke sitzt ei» gutgekleideter Herr. In der anderen eine gnlgekleidete Dame. Ein Herr steigt ein nnd setze sich in die dritte Ecke. Aach zwei Stunden hat noch keiner ein Wort gesprochen. Ter zuletzt Eingcsticgene knüpft mit dem Herrn ein Gespräch an. Tie Tame sieht stumm ans dem Fenster. Als der Zug zehn Minuten hälr, gehe» die beiden Herren auf dem Bahnsteig spazieren. Ter zulctzr Ei»gestiegene sagt zwinkernd mit einem Blick auf die Dame am Fenster:„Sie — da wäre was zu machen! Sie ärgern sich gewiß, daß ich eingrsticgcn bin. Wären lieber mit der allein, was?"—„Keine Spur. Meine Frau!"