LrnterhaltunASbeiiage. 1929. Vutoree. ason Henri^otBnffc. I aber bald fielen ihm die i glaubte, die Augen müßten ihm aus dem ■.Kopf treten. Als er die Höhe erreicht hatten welche die Aisnc beherrschte, drang ein fremder Gesang über den Flnß. i Diesen Weg entlang bewegten sich ! Schatten durch die Nacht— es mußte eine i deutsche Patrouille sein. Die Patrouille schlich über die Wölbung . eines großen, schwarzen Gebildes, das die : tintigen Wasser des Flusses überspannte. ES ! war die Brücke von Paslv. Butoire erkannte i sie trotz der dunklen Nacht so deutlich, daß er ihren Namen nur schaudernd anssprach. Ein Frösteln überfiel ihn. Aber plötzlich richtete sich seine gespannte Aufmerksamkeit auf das Geräusch, das er schon vorhin gehört hatte, und das inzwischen herangekommen war. Seine Blicke tasteten durch die Dunkelheit....Da sah er, kaum zwanzig Schritte unter sich, einen Deutschen, der langsam auf den Knien den Abbaug erkletterte. f Der feindliche Soldat hielt sich recht- im unruhigen Schatten der Uferböschung vor den starren Augen ButoireS. Der hatte in- zwischcn das Gewehr angelegt, zielte nur flüchtig auf den näherkvmmcnden Körper \ und schoß. Der Deutsche, der auf allen Bieren vorrvärtsgekrvchen war, sank zusammen und blieb liegen. Der Knall schlug mit langem Echo durch ! die Nawi. Nun fühlte sich Butoire beruhiHt \ und suürle auch, wie der Wcinransch auS seinem Körper wich. Eine Weile lauschte er mit ungehaltenem Atem. Ein paar Kanonenschüsse donner en— jeder Schuß schien eine» '.weiten ausznlösen— und aus den Rohre» blitzte bei jedem Schuß ein roter Strahl. Sonst war alles ruhig. Er eutsaiin sich seiner Pflicht, sich um die Benie ,»kümmern und sie zu durchsuchen. Dan» wollte er zur Stellung zurücklehren. Das war ein Kinderspiel. Butoire keine sich, daß man ihm unter den Bedingungen keinen Borwurf machen würde, die Patrouille verlassen zu haben. Mit aller erdenklichen Borsicht schlich er auf Händen und Knien vorwärts, schob das Gewehr immer vor sich her, überkroch ganz flach an der Erd« die Böschung und stieg auf der andern Seite wieder hinunter. Er gelaugte schließlich zu dem Deutsche». Der Manu war tot. Seine Hirnschale sah au* Butoire schlief auf dem Grund des schmalen Borpostengrobens— zehn Schritte war er lang und nur einen Schritt breit Der Soldo', lag za'c.».uengcro.lt wie rin Murmeltier in seiner Hölle auf dr.'r n.isini Boden. Er war ei» guter Soldat und ein guter Mensch, aber er hatte eine Schwäche für Essen und besonders für Trinken. All« Stunden, bei Tag und bei Nacht, trank er aus seiner Feldflasche, manchmal sogar noch öfter. Natürlich sagte er sich, daß er unklug Handke; aber er sagte es sich erst, wenn seine Feldflasche und infolgedessen, nach den Gesetzen der Logik, auch seine Börse leer war. Wenn er getrunken hatte, tat es ihm immer leid. Er schüttelte den Kopf, runzelte die Augenbrauen und murmelte:„Das war nicht recht!" Seine Zerknirschung war echt. Selbst wenn er einen„Affen" hatte, schlief er niemals ein, ohne reumütig an Adele, seine Fran, und an sein fernes Gärtchen zu denken, in dem rings nur einen Tisch chinesische Astern blühten. Un'erdessen krochen erst Füße und dann der wachthabende Sergeant Mctreure aus dem kleitien, niedrigen Unterstand; der Ein- gang war so e>lg, daß ein Tascheitlllch dazu genügt hätte, ihn zu verhängen. Der Machthabende schlich zu den Soldaten und fragte: „Nun, was gibt's, Kinder'?" Und dann: „Wer kommt beute nackt mit auf Pa Ironillc?" „Zu Befehl, Herr Sergeant!" meldete sich Butoire. Auch andere meldeten sich:„Zu Befehl, ich gehe mit!" Als der Abend sich herabjcnkte, saß Butoire in seinein Grabenloch und begann, sich gemütlich Vorzuberei'en. Er un'-rmckie jein Gewehre n. seine Schnliriemen. Der Himmel war leicht ge rübt und die Stern, leuchteten nur verschwommen. Sie wurden von dem j glühenden Gewirr der Granaten überstrahlt. Feyt schlichen ei» paar.Sckatlen auf den i kleinen Posten zu. Cie hielten sich platt an der vertvüsteten Erde und sckleppten eine! Last mit sich. Bald verbreiiete sick der Gernck von warmer Suppe. Die Abteilung brachte Linsensuppe und auch Wein. Butoire kaufte sich Wein, tveil er die Liilsensuppe nicht mochte, füllte seine Feldflasche und legte si« neben sich. Sie war verkorkt und schien mit ihm;u liebäugeln. raum loieder erwachte, in seinem Cckädel Häm z, und brennender Durst ihn. Er wußte nicht mehr, wo cr Butoire gab nach. Zuerst trank er nur ganz Wenig, eigentlich gar nichts; er berührte die Flasche nur mit dem Munde. Es war eine schöne Feldflasche. Sie faßte zwei Liter; in jener Zeit waren so große Feldflaschen an der Front selten. Sic hatte früher einem Marokkaner gehört. Ein geschickter Kolbenschlag hatte ihr Fassungsvermögen auf zweittndeiuhalb Liter erhöht. Die Kameraden wußten es, iticht aber die Kaufleute, so daß Butoire, wenn es in der Etappe Wein vom Faß gab, immer noch etwas betrunkener war als die anderil. Sergeant Metren re sah sich im Halbdunkel die vier Leute an, mit denen cr auf Patrouille gehen wollte. Butoire lehnte am Rand, hielt sich krampfhaft aufrecht rind bemühte sich um gute Haltung. Der kleine Trupp kletterte ans dem Loch und zog geduckt und mit gebeugten Knien los. Butoire Ivar der letzte. Er fühlte sich unsicher und patschte im Dunkeln durch den Schmutz, als ob er Wasier wäre. Mit zähem Willen hielt er sich aufrecht. Er durfte die Berbiuduiig mit der Patrouille nicht verlieren. Die Tninkenbeit, gefördert durch die fri sche Nachtlnft, umnebelte feilte Sinne. Erl kam sich vor wie auf hoher See. Tic Füßej wurden ihm schwer und zoaen ihn zur Erde. Er war noch keine zehn Minuten gegangen, als ec an das Flußufer kam, das er kannte. Ta merkte er, daß er die andern verloren i hatte, und fühlte voller Angst, wir er im Ge! heu cinscklief. Schließlich trübte» sich seine Gcdaukeii, durch seinen Kopf liefen noch schwache Spuren des Willen Augen zu. und er schlief ein. Als cr ans einem ivüsten brannte sei» Gesicht, merte wilder Schmer peinigte war, und kaum noch, wer er war. Da ließ ihn ein Geräusch aufhorchcn, das durch die schreckliche Ra-.ht an sein Ohr drang. Sein Zustinkt, in mancher Nachlwache geschärft, arbeitete irotz des wirren Durch einanders seiner Gedanken. Er war vielleicht — so sehr war er gewöhnt, stets zu horche» — durch das Geräusch aufgeweckt worden. Er fühlte, daß etwas Gefährliches geschah. Anaeekelt und ächzend kroch er mit eckigen, Mtsicheren Bewegungen vorwärts. Er wie ein roteS, zerschlagenes Ei. Butoire un- tersuchke vorschriftsmäßig die Kleider und Waffen. Plötzlich sprang er auf und stieß einen unterdrückten SHrci aus. Dann lies er wie närrisch im Kreise und schwenkte einen Helm in der Hand. Ohne der Gefahr zu achte», brüllte er laut auf. Jein Opfer war ein französischer Soldat? Butoire hielt im Laufen inne und sank in Schreck» und Angst neben der Leiche zu Bode». Er stützte det! Kopf in die Hände und schluchzte. Ammer wiederholte er dieselben Worte:„Ach habe ihn getötet, weil ich besoffen war. Wär' ich nicht besoffen gewesen, hätte ich ihn nicht getötet!" Beim Blute des Heilands, wer hatte ihm nur gesagt, daß es ei» Deutscher sei? Keiner? Er harte es, ohne nachzudenken, angenommen, weil der Kletterer von dem andern Ufer der Aisne gekommen war. Butoire hatte angelegt, obwohl es kaum möglich gewesen war, in dem huschende» Schatten einen Mensche» zu erkennen. Er war eben besoffen gewesen? Warum? Latz die heil'gcn Parabolen, Latz die fromme» Hypothesen- suche die verdammten Fragen Ohne Umschweif und zu löse». Warum schleppt sich blutend, elend, Unter Krenzlast der Gerechte, Während glücklich als ein Sieger Trabt auf hohem Roh der Schlechte? Woran liegt die Schuld? Ist etwa Unser Herr nicht ganz allmächtig? Oder treibt er selbst den Unfug?" Ach, das wäre niederlrächtig. Also fragen wir beständig, Bis mau uns mir einer Handvoll Erde stopft die Mäuler— Aber fft das eine Antwort? Heinrich H e i» e. Der letzte Verwundete. Der lcyre Verwundete des Weltkrieges wurde dieser Tage aus der chirurgischen Station des Landkraiikenhauscs in Fulda entlasse»!. Er war seit 1!K8 ohne Unterbrechung in ärztlicher Behandlung. Diese kleine Notiz ging kürzlich durch die Presse als Kuriosum. Sie verriet weder den Namen des Kranke» noch Sie Art seiner Ber dundimg.— Ob einer länger darüber nach dachte, als er das las? Ein Reflex des großen WelibrandeS; man rechnet:... da war er ja volle zehn Jahre im Krankenhaus.. Nein, die Rechnung ist falsch. Nicht zehn Jahre war er in jenem Hans, in dessen Räume Hoffnung und Verzweiflung einander täglich degegneii. Es war mehr: er sah zehnmal de» Frühling wachsen und den Herbst verdämmern. Das ist Wohl mehr. Der Krieg sank zurück. Die Schleier trauernder Witwen verschwanden, Mädchen lösten sich von jenem vermeiuilichen Ende: er kommt nicht wieder; Kinder fragten seltener nach dem Baler, dessen letzter Brief im obersten Fach der Kommode liegt und nun allmählich vergilbt. Die Welt rast mit ihrem Maschinengejicht, das sich nicht rückwärtswenden will, in eine neue Zeit. Rur hi» und wieder erblickt dieses Maschinengesicht eine Warnungstafel, die einsam M Kreuzwegen steht:... 2. August 191«.., Er blieb auf der Erde sitzen. Seine schlotternde Angst wuchs vo» Minute zu Minute. Es wurde ihm abwechselnd heiß und kalt. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er kam auf den Gedanken, rasch zur Stellung zurückzukehre» und sich anziizeige». Er stand auf und machte drei Schritte, Auf seinen Lippen formte sich schon der Satz, den er sprechen wollte:„Herr Sergeant, ich bin ein Schuft!" Aber unwiderstehlich kehrte er.zu der Leiche zurück, brach neben ihr zusammen, betastete sie, hob sie auf und umarmte sie. Es wurde immer heller. Lange Banm- stämme lagen um den verfluchte»! Ort. Als es vollends Tag geivorde»»var, saß er aufrecht und unbeweglich auf der Höhe der Böschung. Bald klatschte eine Kugel gegen seinen Mantel. Er stöhnte erleichrerr auf, fiel ans die Knie und sank zurück. Er erwachte, ganz in Weiß gehüllt, in einem kleinen, hellen Schulsaal, der zu einem Hosvitas umgetvaiidell»vorde»»var. Ein Kranker, der schon besser auf dem Posten»var als die anderen, schlurfte in al ten Schuhen umher. Als er sah, daß Buwire die A»igen anfschlng, trat er zu ihm und sprach ihn an: „Na, da guckst du ja wieder. Es gehr dir wohl besser. Weißt d»l denn schon, daß sie dir die Militärmedaille unten an den Strohsack geheftet habe»? Große Eile haben sie damit gehabt, gleich am selben Morgen. Der Boche in französischer Uniform hatte Papiere von großer Wichtigkeit mit. Ich helfe hier ein bißchen. Ach könnte eigentlich mehr mache». Aber es ist halt so im Leben: je mehr du machst, um so weniger giltst du." „Ja," murmelte Butoire. Er schlief wieder ein; denn er war nicht imstande, alles zu verstehen. Soviel auf einmal konnte er nicht kavieren und in seine»» Gehirn verarbeite». Nach nud nach begriff er alles. Die neue Ta'fache veränderte ihm das Bild der Welt, und er drückte das Ereignis in dem einen Wort ans:„Ach war ein Schuft und bin jetzt ein Held?" Ein Held! Er strahlte. Mit Wonne erwachte er wieder znnt Leben. Seine ganze Umgebung schien in sonnrägli- dient Pntz zu leuchleu. Champagueschlachi... Berü.rn... Loiüine ... Npern... Ehareau Thierry... Name» nud Zahle»» gleiten zurück wie ge- swrbeu Immer schwächer ziehen die Reflexe ans jener vierjährigen Mordnacht am Firmament des Weltgeschehens ans. Keiner verweilt. Die Zeit zerpflückt ihn in tanieud Hände, die nach Brot greisen müsse«. Der Verwundete int Laiideskraiikenhans in Fulda harte wohl etwas mehr Zeit. Tag und Rächt sind ihm Geschwister geworden, nicht Zeitbegriffe. Und so wurde er blutsverwandt mit jenen Tagen nud Rächten, in denen er vergessen »nutzte, Mensch zu sein. Die andere»» dachten zrtrück, er fühlte zurück: sein Leiden war der stumme Weggenosse, die Frage: warum? Zehn Jahre— zehnmal Frühling— zehnmal Herbst, da lernt man nachdeulcn. Und vermag es nicht ;n begreifen, wie fern jetzt schon trotz aller Leitartikel, trotz aller Reden, denen diese Zeit des Blitlhnsteus liegt, die sie damals verfluchte»» uud die goldene Altäre gelobten, wenn das Dort Friede in einer linden Nacht Wirklichkeit geworden wäre. Wird ihm die Welt nicht flacher, nicht lächerlicher in all ihrer Tragik geworden sein? Und er stehl: Sie Haftel au Abgründen vorbei. Ein Zug blinden Schicksals? Wer steht au den Weichen? Wer kennt die Haltesignale? Wer brachtet sie? Weiter gehl die Fahrt, und wie wenige achten darauf, wohin der Tchicnenstrang führt. Wer im Speisewagen des Lebens sitzt, fühlt sich am sichersten, bei Katastrophe» werden Speisewagen seilen zertrümmert.... An langen Nächten i'omuie» Verwundete auf quergelagerie t^edaukeu. Die Zeit räumt sie als Hindernisse weg, aber lagen sie nicht in der gleichen Richtung wie vor zehn und mehr Jahren, unsere eigenen Gedanken? Wenn Wunden vernarben, klopft das Bergessen an? O. F. H e i n r i ch „Haben Sie gelesen, baß...? Der Reporter- das war früher der Stadt- reisende in Neuigkeiten. Irgendwo war ein Pferd gestürzt. Dahin stürzte auch der Reporter. Er schrieb aus, wem das Pferd gehörte, nach wieviel Minuten die Feuerwehr aurückte. Er bescheinigte dem Zilschaucr, dabeigrlvesen zu sein und den Lesern, nichts versäumt zu haben, weil sie nicht dabeigeloesen»varen. Dem Reporter gebührten ausgrsranste Ho- jen, grab.- Redallenre Pjenuigzeileuhono» rare. Alts besseren Lachen: Entpsäugeu von Fürstlichkeiien, Ratnrkatastropheu, erstem Schneefall oder christlichen Feiertagen machte der Redakteur eigetthänbig ein Feuilleton. Ein Gebilde, aus Tatsachen, persönlichen Meinungen und staatserhaltender Philosophie kunstvoll zu» samutengedichlet. Ter simple Reporter Platzte vor Reid. Jeder Stand hat seine Schicksalskurve. Ten Reporter hat die Zeit hochgerissen. Das Fenilleton(der Redakteur natürlich nicht?) sitzt auf dem absteigeude» Ast. Die Gegenwart zieht deu Boxer deut Dichter, die Tatsache der besinnlichen spekulativ» vor. Damit hat sie Recht, denn der Dichter dichtete meistens unglaubwürdige Märchen, tvährend die Majestät der Tatsache unangreifbar ist. Der Reporter lviirde jetzt in beisere Spalten eingerückt. Er wurde der Ehronist des nüchternen Weltgeschehens. Damit wuchsen die Ansprüche a»t seine Fähigkeiten. Er mutzte lernen, komplizierte Er» eignisse der Sachloelt mit einem Blick zu übersehen, sie richtig, d. h. ohne Phantaflebeinten- guug, in größere Zusautinetchättge einzugliedern, ihnen das Wesentliche tut Nu auzumerken und alles in eine knappe, gegenständliche, präzise Sprache zu bannen, in der noch das Erlebte int» mittelbar lebendig nachzittern soll. Tas ffl ungeheuer schwer, bedingt eine sou» derbegabnug nnd mancher lernt's nie. Auf den entfesselten Reporter, den nicht mehr die engste Abhängigkeit von Redakteurs» gnaden quält, lanent mancherlei Gefahren. Er kann der«ensationswnt verfallen, indem ihn nur noch Spitzenleistungen des lächerlichen Zn»- falls interessieren, tolle, ausgefallene Lachen, die so unwahrscheinlich sind, wie das große Los in der zwölflöpfigen Proletarierfatnilie. Tau» liefert er feinen Zeitungen zwar knallige SchUigzeileii, aber der zeitchronische Wert der Meldung steht-ahiu. Oder er beginnt planlos;n rasen. Er nimmt den Erdball unter sein Sitzfleisch und rutscht unruhig aus ihm herum, wie ein Schüler, der mal hinan» muß. Natürlich: überall gibt's was besonderes;>i sehen. In China schlachtet man Hühner anders als ans Sumatra, in Leipzig trinkt man anderen Kaffee als in Konstantinopel. Was ist schon daran... — s— Luftige Kurzges«H«Mten Dcr richtige Reporter, wie er sein soll, sieht mit unbestechlichen Augen. Er berichtet unbe- stcchlich, aber die Tinte, mit der er schreibt, ist trotz allem Blut, Blut im Körper eines Menschen. den Gesinnung zum Charakter macht. Es gibt aber heute nur eine einzige wahrhastige menschenwürdige Gesinnung: das ist die sozialistische. Und daher gibt es nur Reporter von Bedeutung, wenn sie zugleich Sozialisten sind. Egon Erwin Kisch und Tucholsky habe» den Typ heransgearbcitct. Jeder ans seine Weise, jeder für sich gültig. Ter junge Rachwuchs muß bei beiden das ABC des zeitgemäßen Berichterstatters gelernt haben, will er selbständig weiterstrebcn. Biele bleiben in der Rawahmnng haften. Tas läuft sich rasch tot. Wenige finden ihre eigene Straße. Dann geht es rasch voran. Zu diesen Wenigen gehört Erich Gottgetreu, von dem der Vertag F. H. Dietz Rachf., Berlin, soeben ei» Buch ge- samnrelter Reportagen unter dem Titel„Haben Sie gelesen, daß..heransgrbracht hat. Die dreißig kurzen Tatsachenberichte, die das Bändchen bietet, springen quer durch Europa »nd auch hinüber nach dem näheren Orient. Stürzt sich Gottgetveu an so verschiedenen Schauplätzen in wilde Fettdruckabenteucr...'? 'Rein. Er steht draußen in der Menge vor dem ttzcsängnistor, als drinnen einer hingerichtct wird. Er sieht zu, wie sich die Irländer am sagenhaften Shannmrfluß ein Kraftwerk bauen lasten. Er ist Passagier eines Tampsers, der vor Helsingfors auf Spritschmuggler jagt laber es gibt keine Toten, es geht ganz gemütlich zu). — Er schlendert am Pier von Marseille entlang gerät unter französische Soldaten, die ins Schiff verladen werden. Er verbringt einige Tage unter den tapferen jungen jüdischen Siedlern in Palästina. Alles das sind keine Sensanoucn, die wie erschreckte Frösche in den Teich des Unwiderbringlichen hupfen. Es sind Situationen, die jedem von uns offen stehen, die jeder nacherleben kann, lvenn er nur will. Man darf sie prüfen. Man darf sic prüfen: sie halte» jede Frage ans! Tas gilt für de» Wert der Reportage. Wie sie dargestellt find, in eindeutiger, knapp sorunliierter und doch klingender Sprache, Ivie sie fast in jedem Satz dir klaffen- kämpferische Energie des Beobachters spüren lassen, ohne daß ein einziges, billigen Erfolg verheißendes Schlagwort durchdringt, das gilt für den Wert des Reporters. Manche dieser kleinen Sache» sind gedichtete Realistik und realistische Dichtung ideal vcrhochzeitrr. Genug Reportage über ein gutes Buch, Las sich durch die Lektüre bester empfiehlt als durch Anpreisungen, die schon ins Feuilletonistifche und inithin ins Unzeitgemäße auszuarien drohen. W. Illing. Kurt Slsner-Worlr. „.. Wenn je in den Menschen der Heldenmut der schöpferische Arbeiter gewesen wäre, der in den letzten Jahren millionensältiz aufgewendei wurde, nm zu zerstören, zu verwüste», zu uwrden, zu verstümmeln, wenn je die Mensche» soviel Hcldemnut, soviel Freiheit aufgebracht Hünen, ivenn je die Jugend, die in nngezablicn Scharen hinanSgeströmt ist, um die Länder zu verwüsten, ihr junges Leben zu opfern, jenen Heroismus besesteu hätte, nm Menschheit zu erkäinpscu, dann wären wir heute eine andere Gesellschaft. fllns der Rede an die Basier Studenten, Itzt9.) a) Glne ausgezeichnete Erfindung. In zenen seligen Kricgszeiten, wo man in den neutralen Ländern nach zwei Seiten Geschäfte niail-eir konnte, hatte es auch in Schweden der eine oder andere Habenichts zu Reich- titnt und Ansehen gebracht. So einer ist nun Herr Kalla Petterson in, nun ja, der Name knt nichts zur Sache. Er hat sich dort ein altes feudales Schloß gekauft und es auf das allermodernfte»nd überladenste eingerichtet. Als chsmaliger Maurer glaubte er nämlich, viel von Architektrir zu verstehen. Wie dem auch sei, bei feine« Millionen brauchte er jedenfalls keine Kenntnisse mehr. Das Schloß steht da, mir allem, was dazu gehört. Neulich zeigte er nun einem eheuialige» Berufskollegen, dem er zufällig nach Jahren wieder begegnete, seinen Besitz. Ter Freund kani aus dem Staunen gar nicht heraus. So etwas Herrliches hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Sic gingen durch das Treivhaus und den großen Empfangssalon, durchquerten das Eßzimmer, besichtigten die Bibliothek und landeten schließlich iur Schlafzimmer. Auf das Schlafzimmer war Kalle Petterson besonders stolz. '„Hier werde ich dir nun eine Erfindung zeigen," sagte er selbstbewußt,„die Architekten sind nämlich alle furchtbar dämlich. Siehst du, dorr die Waild, ist meine persönliche Erfindung." Der Freund stierte hin, kraute sich de» Kopf nrrd konnte an-der Wand nichts besonderes feststellen. „Wirst du gleich sehen. Ich bin natürlich zu faul, morgens ins Badezimmer zu gehen, und sein Bad muß man doch täglich haben— also, hier strahlte der Hausherr,„habe ich das Badezimmer gleich' neben das Schlafzimmer bauen liffsen. Ich drücke auf den Knopf, die Wand geht auf und die Badewanne komuit auf Schiene», verstehst d», bis vor mein Bett gefahren. Ist das nicht großartig'?" Ter Freund gab zn. daß das entschieden großartig loärc,»nd er ähnliches bestimmt noch nie gesehen. .„Schcuial, wie'?" „Jawohl, Kalle, schenial—" „Tu glaubst es wohl nicht, wie?" „Bei deinen Millionen—" „Ich will cs dir aber doch gleich vormachen. Siehst du. und nun—" Tie Wand klappte richtig zurück, die Wanne kam hervorgcglitten, richtig auf Schicuen und gefslllt niik Waller, Loch in ihr lag— dem Hausherrn erstorben die Worte- Frau Petterson, die dies nicht Vorgesehen. W. G. b) Anonyme Briefe. Solange stand sie selbstgefällig vor ihrem Spiegel, bereit nm anszujphcu, als das Mädchen ihr einen Brief brachte, dessen Schriftzüge ihr unbekannt waren. Tie Buchstabe» tanzreu vor ihren Ange», während sic das anonyme Schreiben las. das sie mit Kumuter ans Zorn erfüllte. N>tr die Anlvcfenheit des Möschens veranlaßte sie zur Selbsibehcrrschung. Sie bat sie, sich zu entfernen und gab vorläufig ihren Spaziergang auf. Als sie allein war, durchflog sie noch einmal de» Brief, der ihr schonungslos und in knappen Worten mirteilre, Laß ihr Mann, ihr Fernand, mit dem sie sieben glückliche Jahre zn- sammengelebt halte, täglich zwischen sünf und sichen Uhr ein« junge Dame besuche, deren Adresse sogar ganz genau angegeben wurde. Niemals hatte sie ihrem Manne mißrrani. Er war ihr Abgoll, ihr persönlicher Besitz. Peinlich berührt, ließ sie den Brief fallen. Das mußte eine gemeine Berlenmdung sei«. Einfach eine Beleidigung Fernands. Es war unmöglich, ihm eine solche hinterlistige Handlungsweise zuzntrauen. Nein— sie würde sich nicht so weit erniedrigen, ihu» nachznspionierertz — und trotzdem... nachdem sie der Zerstreuung halber stundenlang die allerverlockendsrew Abteilungen der verschiedensten Warenhäuser!; durchblvnmelt hatte, bcfa'ld sie sich etwas üo?- 5 Uhr in einem kleinen, schäbigen Kaffeehaus, dessen Fenster gerade dem im Brief näher be- zeichneten-Hause gegennbcrlagen Es war eine kleine, enge Straße hinter dem Trocadcro und das Cafö war viertklaffig. Sie bezahlte ihren Tee mit einem Zehu- frankenschein, den dcr Kellner mit außerordentlich vcrställduisloseut Lächeln entgegennahln. Durch die Gardinen der Fensterscheiben versuchte sic irgendetwas von jenem Mysterium zw entdecke», dessen Fäden sic gern entwirren: wollte. Aber— Fernand kam nicht, und Sw- langc war, als rb die Sonne wieder neuenst Glanz bekommen hätte. Schnell verließ sie das^ obskure Lokal, in dem sie wahrlich nicht vor; allerhand unangenehmen Bemerkungen ver-J schont geblieben war. In einem Auto getätigte sie»ach Hans«, wo sie Fernatrd bereits antraf, eher als erwar-- tet. Wie war sie doch glücklich utld beschämt. Sir! küßte ihn außergewöhnlich zärtlich und beklagte j lebhaft, wie müde>i»d ül-eranstrengt er ans--< sähe. „Was schli dir denn- in-.-io Liebster, hast d»' Aergrr gehckdt?"- „Ach— es war nur ein. langer, nngemüt-' kicher Tag, mit Bersamnilnngen und geschäft-j sichelt Schwierigkeiten." sagte er ausweichend.- Er konnte ihr doch uninögtich erklären, daßj! ieine schlechte Laune ans einen kurzen Briests zurückzusührcn war, in dem feine kleine Frenn» s din ihm geschrieben Halle, daß sie heute leid«’ zwisthe» 5»nd 7 llhr nicht zn Haufe sein lörme,! weil sie eilte kranke Verwandle besuchen müsse.I Solange fragie nichts mehr. Sie war vick' zu glücklich. Nie mehr im Lebe!« würde sic auch, mir das geringste auf anonyme Briefe»eben.' F- B.?- Blinder Alarm. Im Jahre IÄlH gab cs in London ein Stück, das einen nncrhörren Erfolg hatte. Es hieß„Die Karawane oder Tex Schäfer und sein Hund" und war von Reynolds versaßt. Das' Stück verdankte seinen Erfolg vielleicht wenige? seinen literarischen Qnalstäten als dcr ein- i schmeichelnden Musik, die dem Text beigegcbcn war. Daneben war eine der HanptanrakiioneN des Stückes... ein dressierter Hund namens Carlo. Eines Abends klopjie der gefeierte Schau- fpicler Charles Dignum, der den Schäfer, die! Hanprrolle des Stückes, spiel«, bei dem Dirck! ior— der übrigens Sheridan war— und sagtö! mit ltiedergeschlagencol Gesicht:„Ja, es ist tief-: bedauerlich, wenn ein solcher Erfolg untrrbro-?' chen werden muß, aber gegen Krankheit find! wir ja alle machtlos." Sheridan sprang aus, in höchilcr Erregung. „Aas jageit Sie, Mensch'?" „Ja," erwiderte Dignum betrübt,„ich bin so krank, daß ich nn'ch kaum noch auf den Beinen hallen iannl" „Ach, Sic sind traak," sagte der Dirckror erleichtert.„Ich habe jl einen so maßlose«. Schreck bekonnnen. Ich h>ibc, weiß Gott, je*" dacht, der Hund wäre krank geworden." — 4— Bücher der Ferne. „Ans Großticrsaug bei Hagenbttk." Selbst» erlebtes aus afrikanischer Wildnis. Bon Ehr. Schulz. Verlag Deutsche Buchwcrkstätten, E. m. b. H., Leipzig.(Preis Mk. 5.50.) Wer «inen zoologischen Garte« besucht, macht sich kaum eine Vorstellung von den ungeheuren Mühen und den großen Kosten, die für die Herbei» schaffnng der Tiere aufgewendet werden müssen. Itur ein großes Unternehmen, wie cs jenes der Firma Hagenheck in Hamburg-Stellingen ist, kann solche kostspielige Expeditionen für den Tiersang ausrüsten. Wie viel Geduld, Ausdauer, Kenntnis und Erfahrung bei der Jagd dieser Tiere und bei ihrem Transport erforderlich ist, -darüber berichtet der Bcrfafler dieses Buche?, der erfolgreiche Ticrfänger Chr. Schulz, an» schaulich und unterhaltend. Nach Ostafrika, inS Mcnigebict, an die Ufer des Rufidsi tief im Innern von Ostafrika führen die Wege dieses Jägers, der nicht mit der Flinte zur Jagd auszog, sondern die viel schioerere Aufgabe zu voll- bringen hatte, lebende Tiere einzufangen. Da heißt es Monate im Urwald oder in unendlichen Steppen verbringen, die Gewohnheiten der Tiere kennen und manches Abenteuer zu bestehen. Der Verfasser berichtet über urehrere seiner Expeditione», über seine Erlebnisse unüber die hiebei gemachten Erfahrungen, die «benfo für den Laien, wie für den Naturwissenschaftler von großem Interesse stick. Die Jagd geht auf Giraffen, Nashörner, Flußpferde, Affen. Raubtiere urck noch viele andere Tiere der Wildnis, darunter Wasscrböcke, Gnus, Zwcrgankilopen urck Schlangen. Auch von den Negerstämmen, lvckchc diese Gebiete Afrikas be- wohnen, von ih>en Sitten und Gebräuchen erzählt der Verfasser. Das Buch enthält etwa 80 nach photographischen Originalaufnahmen hergestellte Bilder. Wer die Natur und Tiere liebt, wird an d;m Buch« Freudc haben. r. «Meine Brüder." Bilderbuch einer langen Fahrt durch befremdliche Länder urck Zeiten. Von Artur Heye. Safari-Verlag. Berlin. Zu den früher erschienenen lebensprühenden urck amüsan en Aberi.eurrrbüchern dieses im besten Sinn« deutschen Weltbummlers ist ein neues hinzuge'ommen. Artur Heye nennt cs„Meine Brüder", unter welchen„Brüdern" Heyes schwarz Reisegefährten gemeint strck, die ihn als Tröger auf seinen unter'chiedlichcn Jagdfahrten begleiteten. In der Tat sind es Jagdfahrten, die Heye hier schildert, wenn auch nicht solche, um die selten geschauten Tier« der tiefsten Wildnis zu erlegen, sondern sie auf die photographische Platte zu bannen. In der langen Reihe der Rei'err durch alle Weltteile, zu deuerr ihn»eiu unrnhvoller, romantinb-aben- tcncrlicher Geist trieb, sind auch solche, die Hey« als Zei uno-riorter im Auftrage der Redak- tinrr ciu»r iksr-strierten Zeitschrift unternahm. Wie er die'? Ainaab» teste, was er dabei erlebte, wie vi»l M"b'al, Gefahren. Leid und Freude dann, kstr ibn verbunden war, wir- hier mit -er van uns'ck>an früher gewürdigten frischen, klüni"«». l'ich'befchwina'e» und gemütvoll-» ErwbIii"->-li,nü, wie sie^eye anszeichnct, berichtet. Ein? wunderlich« W'lk und wunderlich« Menschen P,'?r-che in Glut und Durst, Kannibalismus. all-rlein Anzeichen-afür,baß man nahe vor einer tatsächlichen Erfindung steht. Der Nihiliipanzrr nach Knrd Laßwitz' Utopie ist also vielleicht bald da. WUdledcrhandschuhe reinigt man trocken, indem man sie über die Hand zieht und mit eineni weichen, in Mehl gerauchten Lappen obreibt. Man läßt das Mehl einige Minuten auf dem Handschuh und bürstet cs dann mit einer weichen Bürste ans. Um Eier auf ihr« Frisch« zu prüfen, lasse uian das Ei in ein Gefäß mit Wasser fallen. Steigt das dicke Ende nach oben, so sind die Eier nicht frisch. Obst kocht nicht über, wenn ein klein wenig Butler zngesügr wird. D«id« hält länger, tvcnn man beim Waschen den Stoff nicht cinseifr, sondern nur in Seisen- wasser den Schmutz durch Ausdrücken des Stoffes beseitigt. In lauwarmem Wasser spült man mehrmals gut ans. Fruchtfkecke auS Stofs«« wäscht man, solange sie frisch silck, mit kaltem Wasser aus. Sind sie bereits getrocknet, so verwendet inan heißes Wasser, Hei weißen Stoffen Zitronensaft, benutzt aber keine Seife, da das Alkali in der Seife das Auswaschen der Fruchtflecke nur erschwert. Lackled«r, das rissig geworden ist, behandelt man mit einer Mischung aus Olivenöl unpechschwarzer Tinte. Mit einer alten Zahnbürste wird die Mischung aufgctragen und, wenn nötig, das Verfahren zwei- bis dreimal wiederholt. Beim Waschen do» blonde« Haar benutze man als letztes Spülwasser Kamillentee, bei dunklem Haar Rosmariniee. Zinkeimer scheuert man mit tvarmew Sei- fenwasser, dem nran etwas Parassin beifügt. M'lchkrüge und Milchkanne» sollten tvenig» stcns einmal die Woche mit Salz ausgescheurrt werden. — Heileres. Bosheit.„Man kann auf tausend Arten zu Geld kommen— anständig nur in einer Weise." —„Und di« wäre?"—„Na, das wußte ich ja, daß Sie die nicht kenn«»." Väterliche Ansprache.„Mädels, ihr babt je», das heiratsfähige Alter erreicht, nun seht euch schleunigst nach vernünftigen Männern um. I« eher, desto besser. Und euch Jungens kann ich nur den väterlichen Rat geben— heiratet nie!" Der Freier.„Bevor ich Ihrer Heirat mrr »»einer Tochter zusfimme, Mr. Bcecham— wie groß ist Ihr Jabreseinkommcn?"—„Sechstausend Mark."—„Schön. Das wären mir den sechstausend, die ich ihr pro Jahr geb:...— „Entschuldigen. Das sind ja die sechstausend Mark!" Raritäten. Auf einem Jahrmarkt stellte rin Mann Schädel von berührnten Akännern aus. „Wessen Schädel ist das?" fragte«in Besucher. —„Tas ist der Schädel Bismarcks!"—„Und dieser kleine da?"—„Ebenfalls! Aber das war seilt Kopf, als er noch ein Kind war!" Streng historisch in Moskau.„Und tvie soll die Ausrveisung Trotzkis ausgesührt toerden. Grrwssc Stalin?"—„Laßt euch aus dem Lenin- Museum den historisch plombierten Eiseirtzahn- wagen geben, mit dem die Bolschewisten 1917 ringercist sind!" Auskunft.„Verzeih,! Se gwdigft, Her» Wachruieesr-er, wo sährdn di« Schdraßeirbahn do«* hin?"—„Wenn Sr nicht doir-'n Schien' runder gebn, färd se Ihn' ins Kreize!"