M UnterQaltungtf&eiiage. 1929. Vier Neger. man3. cpotfou. Träge zog Glockcnklang drrrch die Luft— King, fläng_— kling, klang— rüttelte an den Fetqterstheiben, Hallte in den dünken Zimmern wider und trieb ihre Bewohner ans den Betten. Sie kleideten sich hastig an und traten vor die Haustüren, horchien schläfrig ans den Mang der durch die kleine Stadt drang rmd immer stärker wurde. Einer fragte den anderen: „Brennt es?" „ Wo-reimt es?" Die vier Neger, welche im Gesangen- banse schliefen, sprangen von chren Pritschen, drückten die Köpfe an die Keinen vergitterten Fenster und fragte einer den arideren: „Feuer?" Ans allen Teilen der Stadt strömten Leute dem Gefangeneichaufe zu, mit Acxten, Stemmeisen und Stricken. Dor Scheriff und einige Polizisten standen mit gsladrnvm Ge- wehr beim Gesängnistor, drängten die Menge zurück und riefen fast flehentlich: „Zluseinandergehen!" „Auseinandergehcn, Leute!" „Wir wollen Gcrechtigfttt!" tönte es von allen Seiten. „23rr ebenso.'" Der Schcriff schlug sich beteuernd an die Brust und deutet« aus die Polizisten.»Wozu«staubt ihr, stehen wir hier? Ein Verbrecher muß dem Arm des Gesetzes überanttvorrrt werden." .Wir sind das Gesetz," unter'brach eine Stimme den Scheriff. „Richtig, wir sind das Gesetz," wiederholten einige Stimmen. „Der Scherirf hat uns betrogen!" „Mit uns»st er den Neger suchen gegangen, den er im Gesangeuöaus versteckt hat!" „Gib uns den Reger heraus!" „Gib uns die Bestie heraus!" Die Reger traten von den Fenstern zurück. Ihre großen, gelblich-weißen Aug- äJ’W ouollcu stark hervor. Sic standen reglos, wie auitzlo'chreckres Wikd, und schwiegen. Der Acktestc unter ihnen, ein Mann mit grauem Haar nahm ein kleines Kreuz vom Hals und kniete nieder. „Das Kreuz wird ihm viel heffen," kirurrte ein junger Reger, während er m'r starrem Blick im Zimmer auf und ab ftnq ii ud ein« Deffimua zu suchen schien, durch| die er entkommen könnte. John, ein junger, riesiger Reger, stand vorgcäcugt, mit gespreizten Fingern, ausge- rifsenen Augen, und rührte sich nicht. Dabei zitiert« die Haut seines Gesichtes, als hätte er eben einen Schlag erhalten. „Hört ihr's, sie wollen Jöbn," warf der junge Reger Hill, während er unaufhörlich im Zinrmer auf und ab schritt. „Wir geben ihn-nicht heraus", erwidert« der Alte. Die zwei anderen schwiegen, sic schienen nicht gehori zu haben, was der Alte sprach. Der Lärm draußen wurde stärker rmd tönte von allen Seiten. Die Menge wuchs, drängt« immer näher an den Schcriff heran und helckie nach der Ausliefcnmg Johns. Sooft die-Häftlinge hörten wie Johns Name, nicht der ihre genannt wurde, strafften sich ihre Gsieder und ihre bekümmerten Gesichter bekamen einen Augenblick lang einen ruhigen Zug, als wäre ihnen mitten in der Gefahr, im nächsten Augenblick von der wütenden Menge in Stücke gcriffcii zu werden, plötzlich eine Hoffnung auf Rettung ausgcleuchtet. Die Menge rückte immor näher ans Toc heran. Frauen mischten sich unter die Männer, stachelten sie auf und ft roch en ihnen Mut zu. Darum wollte jeder sich auszeichnen und zeigen, was er konnte. Der Schcriff.trat mitten unter sie: „Lente ich sorden euch im Namen des Gesetzes aus. gehet auseinander... Bürger, Nachbarn...!" Niemand gehorchte. Jeder schrie e was. die Stimmen übertönten die Worte des Tcheriffs rmd der Home, mir geballten Fäusten, mit Aorten und Stricken, rückte immer näher. Der Sheriff süchlte daß die Menee, die sieb wie eine 23and auf 2>n-msch-ob ftn im nächsten Angmbstck erdrücken konnte,' da er sah, daß er im Guten nichts ausch'cii würde, gab er den Polizisten ein Zeichen und Mötzlich feuerten sie eine Salve in d.c Luft ab. Die Merffchemvand schob sich eftb'.eckt zurück. Ihr Zorn lvuchs. Ein junger Mann sprang zum Tor. E'n Polizist stieß ihn mit dem Kck,hen des Gewehres zurück. Das brachte den Sturm. Mit Indiane gcheul warf sich die Menge auf den Schcriff. „Pftn! Pstii!" „Fesstlt ihn!" „So ist's recht!" „Packt ihn!"„Hängt ihn aus!" Das Geheul wurde immer wilder und mengte sich mit einem Hagel von Steines Flaschen rmd Ho^stücken. Die Neger sonderten sich von John aL und flüsterten miteinander. John, nach vorwärts gebeugt, mit gespreizten Fingern, zitterte an allen Gliedern. In seinen gekblich» weißen Augäpfeln lagen das Leid und die Hilflosigkeit eines Tieres, das zur Schlachtbank geführt wird. ,Wie wird das enden? Wie wird das enden?" Der Alte rauste sein grmres Kraushaar. „Sie wollen i h n!" „Sie wollen John!" „Wenn ihr mir nicht folgt, so werde» wir alle gelyncht!" „Sagt es ihm!" ,W:r wollen es ihm sagen!" „Sie wiffen ja gar nicht, daß wir hiev sitzen!" „Wir müsicn es ihm sagen!" Alft drei stürzten aus John zu rmd blieben plötzlich mit offenem Munde vor ihm stehen; sie schienen darüber nachzndentm, wie sic beginnen sollten. John siel vor ihnen nieder, küßte ihre Füße und weinte und schluchzte jammervoll, daß es alle überlies: „Brüder, lasset mich nicht töten!-Habt Mitleid m t einem Bruder!" Sein Deinen rührte sie. Doch die Angst, Zeit zu verlieren, von ihm m'r hineingezogen zu werden, wie ein Ertrinkender leinen Retter in d:n Strudel zieht— diese Angst über- tän'bte in ihnen Mitgefühl. Aus dem Korridor drangen Stürmen: „Er ist im Keller!" „Die Beste ist im Keller!" „Der Schcriff wird es sich übeftcgen, wieder einmal einen Reger zu schütz:«!" „Hattet die Striae bereit, Jungens!" „Mitten auf der Straße muffen wir ihn hängen!" . T'e Reger waren starr vor Schreck; sie ftheri den Tod vor Augen. Plötzlich stürzten sie sich auf John, öffneten die Tür und schleu- v-.-rt'n ihn hinaus wie ein Kalb oder ein Pferd, das einem Rudel Wölfe b'ng-worsen wird, dcrm.it der Mensch«utsiichen, fern Loben retten kann. — r— Nähe des SeUevlen. Ich denke dem, wenn-mir der Sonin« Schimmer Botn Meere strahlt; Ich denke drin, wenn-sich der Mondes U immer In Quellen malt. Ich sehe dich, weim ans dem fernen Wege Ter Stand sich höbt; In tiefer Tracht, wenn auf-dem schmalen Stege Der Band'rer bebt. Ich höre dich, wenn dorr mit dumpfem Rauschen Die Welle steigt; 8« stillen Haine geh' ich oft zu lauschen, Wenn alletz schwatzt. Ich bür bei dir, du seist auch noch st» ferne. Tu bist mir nah! Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne, £ wälsi du da! (Dorthe.) „Distanz." Bon Hertha Ehrenhaus Ich liebte als füntzehnjöhriges Mädel eine herrlich blonde Frau. Sie saß mir irgendwann in der Bahn gegenüber und ich fühlt« sofort «ine heiße Welle zu ihr hinströmrn. Sie war schmal und groß und sehr elegant gÄleidet— em halber sehr zarter Schleier fiel über ihre serngckoqene Rase.—— Sie sah ernst und zurückhaltend aus und beachtete niemanden. Ich selbst trug keine»: Hur— haue eine Mappe untern» Arm und kam mir ilrin und häßlich vor. O— ich lieble diese schön« Fran vor mir, mid sickald ein einigermaßen Weißhaariger einsneg, gab ich ihm meinen Platz uns stellt« mich vor sie hin, uni ihr näher zu sein. Ta sah sie mich sehr schnell und kurz an... Wir stiegen an der gleichen Station ans— ich lies wie betäubt hinter ihr her. Plötzlich dreht« sie sich zu mir«»<2 sagte: „Sir wollen in rin CafL gehen" Herr» goL— war ich ctnckiich— zählt« heimlich meine Paar Groschen- wir gingen zu Ivfty und bestellten Eis. Sie legte den Schleier über ihren Hur und ich sah große lachende Augen richtige blaue Kinde rangen. Ich war hingerissen. Sie wa r wie verwandelt— sah ja aus wie ein ganz natürlicher Mensch. Ich ging darrt» mit zu ihr— sie hatte am Prager Platz eine hübsche Bicrzimnterwrchnung. Sie küßte mich und ranzte siiitze-ud herum. Plötzlich küngelie das Telephon. Ich hörte sie sehr kurz sprechen, und als sie wieder zn wir kam, sagte sie:„Ich werd« dich in die Lehre nehmen— Sie Hauptsache int&-5eit ist Distanz—. 2a mußt unnahbar«»schein«»- daun kannst du si e alle um de» i Fi»:gcr wickeln — dann sind sie< ille so ttrin". u.-.d dabei zeigte sie ein kleines Maß zwijchri t Daumen n»td Zeigesiu-ur.-. Tann küß:« j tc mich anj dir Nase urJ> machte sich zum F: ir-gcden z-nrcchi. Unten wart« le ein gutaus seheuoer Mann. der ihr die Hand tützre. Mich beachte)« er kaum. Wir liefen zu driir durch die Straßen Er bemühte sich sehr nm sie, schrumpf.«>bce unter ihrer Gleichgültigkeit znw.hcnds znsainm> und rat mir sehr leid. Als sie einmal einen Bekannten begrüßte, sagte er zn mir:„Eine herrliche Frau— wie ich diese Unnahbarkeit liebe— diese Astmtz." Ich sah in eenem Schaufenster meine zerzausten Haare— meine breiten Schuhe— ich hatte plötzlich Tränen und lief weg. Ich habe die beide»» nie wieder gescheit. Ja, ja, Distanz Einmal sagte mein Chef zu mir:„Hören Die. mein Fräulein, Sie müssen mehr Distanz zwischen sich und den Arbeiteri»men halten, ohne Respekt klappt der Betrieb nächt, ich sch Sie immer lachend zwischen den Mädeln, da» gcht nicht." Ich versuchte, mir eine würdige Haltung aiMkignen. Am Abend stchr ich mir«ment der Mädel im Zeichen Abteil. Plötzlich hörten wir ein furchtbares Schreien— rin furchtbares Schreien. Wir sprangen leichenblaß auf, liefen nachfehrit. Eine Frau hatte die Wehen bekommen. Mchrere Männer trugen die Brüllende fort. Dir stieget» mit aus, liefen zitternd durch die Straßen und sielen uns plötzlich weinend um den Hals- „Distanz? Distanz? Teehaus, Bad und Opium. Bon Heinz Schäfer- In Persien ist das Bad meist mir dem Techaus verbunden. Um als Richtmoslom in ein solches Techaus zu kommrir— der Perser ficht den Europäer nicht gern in einem typisch parsischen Techaus«—, muß man vor allem dem Tcesiede'r rin tüchtiges Backschisch(Trink- grlld) geben. Dieser geleitet einen in den Borraum des Bades. Mait stelle sich diesen Bor- raum nicht wie den eines europäischen Bades vor. E» ist weiter nichts als ein urnzäumter Garten mir dem in der Mitt« stehcnden Holz- nodium, welches dem Tcqieder als Arbeitsstätte dient. Man«»Meidet sich, schlingt das von deut BsSLvärter ec-rsichtc große Frottiertuch um den Kö.pcr und btscstigt es mit ein«:»» Gürtel. Unweit des Pod'i»u»s nimmt man aus kleinen Stühlchen-Platz. Ter Teeficder erschein- und serviert ohne Aufsotderumz den Tee und die Wasserpjeifc. Aach dem Tee begib: man sich in den ansioßendcit Garten. Dieser ist wieder durch ein« Bretietwand von«in Borraum getrennt- Man sicht in der Mine«in Bassin mir Wasser gefüllt. Tas Wasser wirb zeitweise abgelassen. Besonders hygienisch ist das Bad ja nicht, doch man befindet sich in Persien, und man niuß jufridben fern Man steigt in das Bassin, das meistens so dicht besetzt ist, daß einem die Möglichkeit genommen ist, sich ganz zu bewegen. Der Europäer verschwindet recht bald aus dem trüben Wasser und begibt sich in ein stabiles Gebäude, in das Schwitzhaus. Ter Raum ist stark geheizt. Auf einem Hohgosiell nimmt man Platz und wirb von deut Badcwärter— nachdem der Schweiß orbentNch an-gebrochen ist'— am ganzen Körper eingoseifr, abgewaschen und frottiert. Rach diesem beginnt die Massage die manchmal so toll ist, daß man dem Wärter zn verstehen geben muß.mir dieser OuÄorei anf- zuhören. In einem kühleren Raume wird nun der Körper getrocknet und mit Rosrnwafler abgekühlt Ein Boy mit Fächer sorgt siir angenehme Frische- Run gcht man wieder in beit Borranm. Hier beginnt die eigenttiche Ruhe des Moffems im Techame. Man sitzt.stoischen den Persern, die die Zeit mit Teetrinken und Rauchen verbringen. Ei»t Märchenerzähler erscheint— ein alter Man-i— und beginnt mit lauter Stimme zu e»zählen. Der Schuhputzer macht sich durch Klopsen »nrt der Bürste auf den Kasten bemerkbar— Bettler in Lumpen gehüllt trachten nach ränein Geldstück— Chawazi lTänqrrnmcn) und Gaukler sorgen für weitere Abwechskimg. Auck» der Briosschreibcr. der die Korrespondenz der Moslems erlcdegt. macht Geschäfte. Den Schluß in dem Techaus bilder die Qpiumpseife. Säe wird voir dem. Wirt an die Gäste vermietet. Ter üble Geruch des Opiums zwingt einen bald, das Teehaus zu verlassen. Man klatscht in die Hände. Der Wirt erscheint und nimmt dem Europäer den doppelten Tarif ab. Beim Verlassen des Techouscs wird man von einer Schar Bettler»mtkreisi, die alle nach einem Backschisch schreien. MeUeitzv». Bon Julius von Hortenau. Nachstehende Stizze ist dem im .-I.nalthea-Berlage, Wien, erschienenen Buche„Silhouetten" von Julius von Hort«»»«» enrnoutmen. Es enthält 38 feingeschliffrnc, ans verschiedenen Zeiten stantinende Skizzen, aus guter Be obachiungsgabo geschöpft: Winter war's; ans dem Karst«»nrt» den Bergkuppen rings nur den Quarnrro lag Neu schnce, so daß es mir nicht sonderlich anfsiel, daß der Mann, welcher nach schüchlcrnent Klopsen in mein Ordinattonszimmer trat,«inen schweren Pelz trug, trotz des warnten Sonnenscheins, der aus Abazzia lag. In scharfem Tcntscb niil dem rasselnden N, das den Nüssen verriet, klagt« er über Herzbeschwerden und bat um eilte Untersuchung. Mit Ausnahme einer brschlennigttn Hcrzaktion war nichts Abnormes;»» finden. Ader s«i»t ganzer Habitus schwächlich, di« Hautfarbe fahl, die unruhig nncherwandrrnden Angen lagen :i«f in den nmslhatteirn Augen Höhlen, der Bart U»üi struppig und ungepslegt, nur die schmale»» »vcißcn Hände vcrrieien den besseren Stand. „Ihr He»; ist organisch vollkommen grsnnd, nur Ihr Ernährungszustand uiid Ihre Nerven lassen z»t wünschen übrig, einig« Wochen der Ruhe und gut« Kost werden Sie schon wieder hoch bringen. Haben Sic in der letzten Zeit—" „Ich danke sehr, Herr Doktor," unterbrach er mich,„ich»voll»« nitr wissen, ob mei>» Her; gesund>si." Er stand aus, reichte mir die Hand zum Ab. schied« und legte«ine schlvcrc goldene Uhr auf meinen Schreibtisch, indem er sich zum Gehen wandt«. Ich vermutete, es mir einem Geistes kranke» zu tttn zu haben und wollte ihm d>e Uhr retournieren.„Ich habe kein Geld, die Un tersuckmng zu bezahlen", replizierte er, bereits an der Türe stchcnd-„Ich hab' ja keines verlangt voit Ihnen, Tie können—" Ta geschah etwas Unerwartet«-. Blinschnrll warf er sich zu Boden, nn»»nein« Knie zu ttm> klamntern.„Neuen Tic ui-ch,-um Gottes Ba-m. Herzigkeit willen, reiten Sie mich!" Meine Aitnahme schien sich zu bestätigen. Ich hob ihn a»tf, versprach alles, lvas in meiner Kraft stünde, für ihn tun zu wollen,»ahm vor- sicktshalbcr seine Neckte itt meine Hände und bemühle mich, ihn zu beruhigen. Scheu iah er sich nach allen Seiten tun.„Ick bitte, Herr Doktor, verstecken Tie tttich." „Aha", dachte ich mir.„Paranoia Persern- toria, Bcrsolgnngswahn." „Nur ruhig, lieber Freund, de! mit geschieht Ihnen»tichtö. Aber schütten Sie Ihr Herz ans tver vepsolgt Sic denn?" „Tie russische Polisti, Herr Toltor. Boc zehn Tagen aus dem Transport nach Sibirien entsprungen— Freunde halfen mir— aber man jucht mich, ich mutz in die Schweiz; ich bin un- schntdig, ich schwöre«s Ihnen, ich bitte, verstecken Sie mich!" stieß er keuchend hervor und erhob slehend die Hände. Der Menschheit ganzer Jammer faßte mich an. WaS wußte ich von Rußland? Wutki, Knute, Sibirien. Ich hatte Turgenjew gelesen, Dosto- jewsti, Tolstoi, in deren Schriften die russische Volksseele schluchzte, und KenanS Buch„Cum durch Sibirien", dessen Enthüllungen in Europa mi: einem Schrei des Eniskhens ausgenommen wurden. In meiner Erinnerung rasselten die Ketten der Teporlicrten, di« im endlosen Schnee wie eine Viehherde, gcpeitschr von entmenschten Kosaken, dahinwanktcn— deu' Bleibergwerken rntgeAen und dem Tode. Schuldige und schuldlos Denunzierte aneinander geschmiedet, verurteilt von betrunkenen Richtern nick», wenn die unterirdischen Kerker der St. Paul-Festung im heiligen Petersburg übergnoüen von gemarterten Menschenlc'bern, um Platz zu schassen für neue Opfer, begnadigt zum weißen Tode, der Deportation nach Sibirien. Schneller als ich es nicderschreibe, zogen diese Bilder an mir vorüber und vor mir saß mit gesenktem Haupte, die Augen flehend auf mich gerichtet, dir Hände gefaltet wie zum Gebet, mein Schutzbefohlener. Bei mir konnte er nicht bleiben, aber— dem Manu muß geholfen werden. Ich griff zum Telephon:„Fräulein M>na bitte, können Sic einen schwer Nervenkranken für einige Tage in ihrem Hotel unterbringen, ohne ihn zu melden und abgeschlossen vo>« den übrigen Gästen?" „Einen Irrsinnigen?" kam die Gegeusrage. „Nein, ich übernehme jede Verantwortung." „Bitte, schicken Sir ihn." Aufatmend strich tch mir über die Stirne- „Auf meine Verantwortung", fiel mir ein, aber ich war jung.—„Ach was, meinetwegen Wöriehöffer, der Reife- und Abenteuer-Erzähler. Jeder tüchtige, gesunde Jimge will Nahmurg für seine Phantasie mid muß, sei es auch nur durch Mit- und Nachoinpfindcn beim Losen bclvcgicn. interessanter Lcbensschicksalc sich sozusagen„die Hörner ablaufen". Diesem Bedürfnis kommen die im Berlage A. An ton u. Co., Leipzig,«rschicncncu Reise- und Abentouvr-Erzählamgen von S. Wö.rishöf- jer entgegen. Es ist dies eine Serie von 1kl Bänden, jeder Band einzeln käuflich, in guter» Druck auf seinem, leichter» und doch festem Papier, in Leinwand gilt gebunden»rnd mit je fünf meisterhaft gezeichneten, farbenprächtigen Bildern geschmückt. Deimoch ist der Preis des Bandes nur mit Mk- 3.50 angksctzi. Zwei dieser Bände liegen uns vor:„Kreuz und quer durch Indien, Jrrsahrten zweier junger deutscher Leichtmatrosen in der indischen Wunder- loelt" und„Im Goldlande Kalifornien". Die erste dieser Erzähluirgcn beginnt in Bombay nn Iahte 1A!>. Dori lieg! die Hamburger Birg „Hansa" im Hasen. Unter der Mannschaft ist Richard Wittenberg,«in frischer sechzehnjähriger Deckssunge, der beim Heritinirreichen im Hafen wahvgenonmren hat, daß auf einer ter vielen dort ankernden chinesischen Dschonken jvniand mißhandelt wird. Er hat deutlich eine klagende Menschenstimmr gehört und noch dazu lvaren es deutsche Worte, die er vernommen har und nun beschäftig: ihn der Gedanke, wie er dein unglücklichen, Menfchenskind Relmng brittgcn könnte. Auf dem Kahn eines Hindus schleicht er an die Dschonke heran, sieht dort eine Gestalt an den Mast gefesselt, klettert au Bord rin» befreit den Gefesselten— gleichfalls ein Hamburger Junge, der Oskar Winter heißt. Boid. müssen flüchten inik mm beginnt fftr sie wird Rußland keinen Krieg führen gegen Oester, reich."„Kommen S'e, Herr...?" ,^Davidosf", sagte er schnell.„Also sehen Sie", ich führte ihn zur Straße und zeigte ihm di« Richtung seines Zufluchtsortes, mit dem Versprechen, alles zu ordnen. Zurückkehrcnd drehte ich mich um und sah noch, wie e-'n« Frau in grauem Pelze, die augenscheinlich Davidoff erwartet halt«, seinen Arm nahm und wie beide die von mir angegebene Richtung verfolgten.„Sollte das Ganze«in Blikff gewesen sein? Wie kommt der Flüchtling zu dieser Begleitung?" fragte ich mich. Ich mußte mir Gewißheit verschaffen. Eine Stunde später stand ich vor seiner Türe, die ich, ohne Antwort auf mein schnelles Klopfen abzuwarten, rasch öffnete. In- einem Dinkel des schon dnrikelnden Zimmers standen eng aneinandergrpreßl, die Augen mit tödlicher Angst auf die Türe gerichtet— Mann und Frau, ihre Verfolger erwartend. Nein, diese Todesangst war keine Mache.„Ich wollte nur sehen, ob Sic gut untergebracht sind." entschul- digi« ich mich,„und Sie fragen, ob Sie irgendwelche Legitimationspapiere haben, uui Ihnen weitcrzuhclfeit."„Keine Pap-cre, kein Gepäck, kein Geld!" Der liebe Golt und Hofrat Kuranda, Generaldirektor der Adria-Schiffahrts-Gesellschaft, der wegen seines goldenen Herzens und seiner schlech. ien Witze weil und breit berühmt tvar, haben tveitergeholfen. Neber Venedig ging die Flucht der beiden in die freie Schweiz. Es ist nun bald ein Lebensalter seither verflogen. Wer tveiß. ob nnt«r den Machthabern des heutigen Rußlands nicht auch Herr Davidoff ist, der Abazzia, seine Todesangst und alles, was er selbst gelitlet», vergesicn hat und eine Welt zertrümmert, um eine neue zu schaffen. Bis jetzt sieht man nur die Trümmer- eine abenteuerliche Reffe in der indischen Welt ohnegleichen.— Die andere dieser spannenden Erzählungen führt den Leser zur Zeit der vierziger Jahre des vorrgen Jahrhunderts in das Goldland Kalifornien. Der Ruf von den reichen Goldfundcn in diesem Lande begann in alle Welt zu dringe» und Millionen von Menschen zogen aus, imu hier Gold nird Glück zu suchen, das ganz einfach„auf der Straße liegt". Damals aber verteidigten die llrcinwohner. die Judiaiwr, noch ihr Land gegen die fremden Eitidringlinge und so gab cs harte Kämpfe- Wörishoffer erzählt in dem Buche die Erlebnisse einiger junger Auswanderer und wir möchten den jugendlichen Leser sehen, der die Geschichte dieser Abenteuer nicht mir heißen» Kopfe läse. — Was Wörishöffers Bücher lesenswert macht, das ist nicht nur die fcffcludr Schilderung der Vorgänge, sondern auch die Kenntnisse von fremden Menschen und ferne» Ländern, die deut Leser durch sie vermittelt werden. Bist Du Kakteenzüchter? „Fehlerbuch des Kaktecuzüchters." TageS» fragen und Ziele neuzeitlicher Kakteen- und Suklulentenpflege. Von Diplomlankwirt Tr. W. von Roeder. Mit 58 zum Teil ganzseitigen Abbildungen.«Franah'sche Vrrlagshandluitg, Stuttgart-) Preis steif kart. RM 350. Fragen aller Art, die für den Züchte: wichtig sind, findett in diesem Buche eine gründ !iche BeaNiwordMtg. Roeder erzählt von den heimatlichen, örlLch.-tt und klimatischen Verhält- nisiert der Kakteen und leitet daraus ihre Le- beusbrdingunge» ab. Er gibt wertvolle Ratschläge uns Fingerzeige, fiihrt Vorsichtsmaß regeln an zitr Verhütung von Fehlern und warnt vor unnötigen Spielereien und Mätzchen, l zu ivelchen em aenüsscr llebereiser am Anfang I verleiten tönrue. Die Vorteile und Nachteile der einzelnen Einrichtungen und Verfahren, der Geräte, des Materials, der Behälter, der Saalkästen werden eingehend erörtert. Wir erfahren, wie die Kakteen am günstigsten aufzu» stellen sind, wieviel Feuchtigkeit und Hitze die einzelnen Kakteen brauchen, wie die Erde zu- saunnen gesetzt sein mich, damit sie am besten gedeihen. Wir werden genau über die Einzelheiten in üer Sämltngsznchi unterrichtet, wissen, wann und wie wir zu pfropfe» haben, lernen die Besonderheiten der Jmporrkakteen kennen mrd vieles airderc mehr. Jeder Liebhaber kaim sich nun je nach Neigung und Geschmack eine den örtlichen und klimatischen Verhältnissen anacpaßte Kakteenfaminlnng entrichten, heranziehen und ausbancn; die Anleitungen von Roeder werden chm Erfolg und Freude brlugen. Zahlreiche, zuün Teil garrzseitige Abbildungen ergänzen den Tex». Was der Bankbeamte erzählte. Jeden Mittag traf ich ihn in der Pension bei Tisch. Er war rin schweigsamer, in sich ver- schlollener Mensch. Erst nachdem wir drei Monate nebeneinander gesessen hatten und uns nur durch ein„Guten Tag" oder„Auf Wiedersehen" kannten, taute er endlich auf. Bei einer Zigarre und bei einer Tasse Kaffee, die wir in der nahen Konditorei genossen, löste sich seine Zunge. Bisher hatte er wohl durch erzwungenes Schweigen zuviel in sich aufgespeichert. Run kam das alles wie ein'Wasserfall heraus. Er war Prokurist in einer kleinen Bank. Vierzig Jahre hatte er nun gelebt und Meinud- zwanzig davon dauernd in dieser selb:» Bank. Langsam, sehr langsam war er in schwerer Arbeit emporgcklettert, bis man ihn schließlich wegen seines Bienenfleißes, seiner peinlichen Genauigkeit und seiner gründlichen Kenntnisse zum Prokuristen machte. Das lag nun schon einige Jahre zurück, aber sein Gehalt war seither nicht um einen Pfennig erhöht worden. Mündliche und schriftliche Bitten halfen nicht. So ging er, einem besseren Angebot folgend, zur Konkurrenz. Ter Herr Chef war darüber ganz entsetzt und sagte ihm: „Aber Sie haben doch wirklich keinen Grund, uns zu verlassen. Ich werde natürlich gern Ihr Gehalt erhöhen." „Doch es half nichts mehr. Ich hatte genug", so fuhr mit sichtlicher Befriedigung der kleine Prokurist fort.„Ich erwiderte meinem Chef gattz kurz: Bleiben? Nein! Sie würden Ihr Wort vielleicht nicht ernst nehmen. Ich aber muß gehen, dcmt ich muß mein gegebenes Wort halten." Und als wir unsere.Mäntel anzogen, schaute er mich plötzlich durchdringend an und sagte:„Ich bin kein Politiker. Dazu halte ich keine Zeit. Aber ivcnn man schon ganze Wirt-' schaslszwcige verstaatlichen will, dann soll man unbedingt bei den Banken aufangen. Mit Licht- rcllame und ellenlangen Spaltenannoncen rufen sie dem Volk dauernd zu:.Sparet, sparet, sparet!' und das Volk gehorcht. Es bringt seilten mühsam erworbenen Verdienst den Banken, die dafür niedrige Zinsen geben, während sie selbst für geliehenes Geld enorm hohe Prozentsätze verlangen, uut ihren Herren Direktoren, Anf- sichtsratsniilgliedern uttd Aktionären große, leicht verdiente Summen in dett Schoß zu werfen. Glauben Sie mir, mein Freund, diese Leute sind, trotz all ihrer Schlauheit und Tnch-- tigkeik, die Drohnen int Bienenkorb. Sie sauge» den Honig der schwer schassenden Arbeitsbiene»."—'K- t r t T'T VT'TT'r'yrv» — 4— Was mancher nicht weiß. iSrinVchiefer entsteht durch die u, o„ k«tenen organischen Beimrngunc I 6ie j Heiteres. «Wertet. Gen. stakt. Vor- EC- die s der fin’ un' t in ihnen rnthak- organischen Beimengungen beim Anschlägen«in unangenehmer Geruch. Gesund« Gemäldegalerien.— Eine Statistik der Bakterien. Eine in Paris an verschiedenen Orten durchgeführte wissenschaftliche Untersuchung des Bakteriengchalts der Luft ergab einen Bakteriengchalt im Ausmaß von 14,000.000 für ein« stark besucht« Gemäldegalerie, 9,000.000 wurden geschäht auf einem Bahnhof um 8 Uhr nachmittags, bis 4,000.000 enthielt dir Luf: in Wareichäusern- Eine belebte Straße im Juli brachte cs für die zugrunde gelegt« Lusteinheil auf 398 Bakterien um 7 Uhr morgens und auf 10.800 um 7 Uhr abends. Das Leuchteu her Latzenangen ist eigentlich kein Leuchten, das heißt keine Erzeugung von Eigenlicht(wir das der Leuch kbaktrrien, die zum Beispiel im Glühwürmchen das Licht erzeugen), sondern«s handelt sich hiernlkalk und| | den Stein Feld gestellt nehmen. Die strenge Re geführt**, sie gegnerischen Steines, den man berührt hat. Das Schlagen eines gegnerischen Steines geschieht in der Weise, daß man zuerst diesen Stein vom Schachbrett entfernt und dann an seine Stelle den eigenen(den schlagenden) Stein aufstellt. Alle Figuren schlagen so wie sie ziehen, nur die Bauern schlagen anders als sie ziehen. Gangart der Schachsteinc. Beginnen wir mit den, einzeln betrachtet schwächsten, aber infolge ihren* großen Zahl überaus wichtigen Vortruppen. mit den Bauern. Die Bauern 1 ziehen alle gleich, .und zwar nach vorne um ein Feld, sch 1 a- I g e n jedoch(zum Unterschied von den Figuren) schräge nach vorwärts, links und rechts. IVom ursprünglichen Stand kann jeder Bauer, nach Belieben des Spielers, um lein oder auch um zwei Felder vorrük- ken. Dieses Vorrecht, vom Grundstand gleich um zwei Felder vorzurücken, kann demnach für jeden Bauern nur einmal im i Partieverlauf ausgeübt werden. Man benützt « auch äußerst häufig in dem Spielan- lfang für die beiden Mittelbauern. Die beliebtesten Eröffnungszüge(die ersten Züge von. Weiß), sind 1. e2—e4 Königsbauerucröffnung 4 und 1. d2—d4 Damenbauerneröffnung. Wenn Schwarz, wie es in der Regel geschieht. die symetrischen Bauernzüge wählt, tennt man die Eröffnungen normal, demnach 1. e2—e4, e7—«5 normale Königsbaucreröff- nung, 11. d2—d4.<17—d5 normale Damenbauerneröft- Inung Das Bild hiezu in der nächsten Fortsetzung.