3**« 46 Untrröaltun^btilagr. 1929. Die Itevotte im ÄuGWmi-s. Das^suchthaus lag auf einer Anhöhe, unweit dcS Bahnhofe». Die Reifenden, die vorüberfuhren, blickten teilnahmslos auf das graue, viereckige Gebäude, das einer drohenden Festung glich. Ab und zn deutete wohl einer der Fahrest« auf die Anstalt und munnelte:„Die|inb gut aufgehoben." DaS glich dem Rülpser eines Satten, der sichtlich interessiert zusah. wie sich zwei Hungrige nm ein Stückchen Brot balgten. An einem Wintertage, Schnee fiel vom Himmel, wurden drei männliche Personen in einen vor dem Bahnhofe haltenden Wagen geladen. Sic zogen ihre abgetragenen Sommerpaletots fest an die Glieder»nd rückten dicht aneinander, denn kalter Wind fegte durch die Kalesche. Der Aufseher» das Gewehr zwischen de» Knien, blätterte im den Akten.„Zehn Jahre Zuchthaus wegen Totschlages."„Fünf Jahre Zuchthaus wegen versuchten Raubmordes."„Drei Jahre Zuchthaus wegen Aufruhr." Der Beamte nnlrmclte die Zahlen gleichgültig vor sich hin. Dann stampfte er ungeduldig mit den Füßen auf. Der Wagen hielt. Als der Kutscher nrit der Peitsche knallte, öffneten sich die schweren eisernen Türen, und knirschend fuhr die Kalesche durch Len Torweg. Die Gefangenen wurden m den Auf- nahmeranm geführt. Ihre froststarren Züge lösten sich. Dunrpfige, aber warme Lust schlug ihnen entgegen. Ein langer Beamter trat anf sie zu. Bellas ihre Raulen. Als er den kleinen, Pockennarbigen Gefangenen sah, kniff er ein Auge zusammen.„Na, auch wieder hier? Hast es draußen nicht lange ansgchalten." Der Kleine grinste.„Ach, Herr Jnspekta, de anständjn Leite kommen alle widda siurück!" Der Beamte tat, als hätte er die Antwort überhört. Er ließ die Gefangenen abführen. llm die Mittagsstunde schlug die Glocke auf dein Gang. Die Auffcber raffelten init den Schlüsseln.Der Kalfaktor schleppte mit «inenl anderen Gefangene» den Eßkübcl herbei. Der Aufseher öffnete die in den Zellentüren befindlichen Klappen, ein Arm mit einem Napf, in den die dünne Suppe geschüttet wurde, kam zum Borschein. Sie gingen weiter. Bon Zelle zu Zelle. Mainh- mal ein Fluch, der durch den Knall der ^schlagenden Klapp« erwürgt wurde. Vww 9arbw norm. Am Nachmittag wurden die Gefange- ncn in den Hof gefiihrt. Es tvar jeden Tag dasselbe trostlose Bild: In der Mitte die Aufseher mst den Schußwaffen. Um sie herunt die Zuchthäusler in den gestreiften Kitteln. Sie hinten die kahlgeschorenen Köpfe geneigt. Trotteten wie die Tiere einher. Der Helle Schnee schmerzte ihre Augen, lieber ihnen stand der Himmel in durchsichtigem Blau. Die Sonne schien grell. Als einer der Aufseher einen Zuchthäusler an schrie, ging eine Delle des Unwillens über den Hof. Flüche wurden zer- biflcu. in den Schnee gespien. Die Beamte» schrien nach Ruye. Aber die Gefangenen verlangsamten ihren Gang, Feindliche Blicke flogen den Auffehern ins Gesicht. Blicke, die stachen und beunruhigten, daß einige Uniformierte die Waffen hoben und schußbereit hielten. Da ging ein Gelächter über den Hof. Ein verächtliches Gelächter, das bie_ Mauern emporklettertc, durch die Gitterstäbe kroch und die anderen Gefangenen an die Fenster rief. Die Frei- stunde wurde vorzeitig abgebrochen, der Borfall deut Anstaktsdirektor gemeldet. Der fuhr sich nervös über die Glatze.„Da ist etwas nicht in Ordnung. Tja, da niüffen Se genau aufpassen. Die Rädelsführer aussuchen. Tja."„Die Leute beklagen sich seit einigen Tagen über das Effen, Herr Direktor! „Ach was, da» Effen ist vorzüglich. Wir können doch den Kerls keinen Gänsebraten vorsehen, hähä. Dann gingen sie überhaupt nicht mehr raus, Tja, was ick noch sagen ivollte— sorgen Sie doch dafiir, daß morgen alle zum Kirchgang antretcn. Da muß den Kerls'n bißcheu ins Genüssen geredet werden." Jawohl, Herr Direktor!" Am Abend wurde» die Gefangene» aus ihre» ArbeitSräume» in die Zellen geführt. Sie schlangen gierig ihre Suppen herunter. Als sie auf den Matratzen läge», bohrte» sich ibre Blicke durch die Mauern des Zuchthauses. Sie sahen schneebedeckte Felder. Rote und grüne Lichter auf der Bahnstrecke. Sic blickten in durchwärmte Wohuräuine, wo Mensche» friedlich nebeneinandersaßen. Sie sahen Balksäle, in denen junge Mädchen tanzten. Ach, wie lang« hatten sie kein Mädchen in den Armen gehalten. Ware» nicht auch sie einmal jung? Hatten eine Mutter, die sich um sie sorgte? Da lag mancher Gefangene tränenüberströmt. Da biß mancher Atththäusler in die Decke. Biele aber konnten nicht mehr weinen. Als die zwölfte Stunde vorüber war, löste sich im Flügel A ein Sträfling aus einer Nische. Er schlich an die Zellen, schob leise die Riegel zurück, öffnete die Schlöffer. Die Gefangenen schnellten von den Lagerstätte» hoch. Blieben lauschend an den nur angelehnten Türen stehen. Ihre Pulse flo- geu. Ihr Mund war trocken. Als der Arrf- scher wieder die Galerie betrat, flog eine Gestalt anf ihn zu, ein würgender Griff legte sich um seine Kehle, langsam fiel er zusanliueu. Die Leiche des Wärters wurde in eine Zelle geworfen. Langsam, wie die Katzen, schlichen die Sträflinge den Gang entlang.„Langsam... langsam... hinlegen... ist schon vorbei.. du nimmst den Ober... du Telephon... still", und dann flogen sie vorwärts, würgten den Oberaufseher, der auf der Brücke des Mittelganges saß, drangen in die Wachstube ein, schlugen die schlafenden Beaniren nieder, zerschnitten sämtliche Tclcphonleitungen und bemächtigten sich der Schlüffel und Waffen. In allen Flügel» des Zuchthauses brach der Aufruhr ans. Einige noch im Gebäude befindliche Auffeher wurden zertreten. Einigen gelang es, zu entfliehen, lieber die Treppen raste» die Befreiten. Alle schrien wild durcheinander. Die Klei- dcrkanimer wurde erbrochen. Einige rannten iu die Küche und stürzten sich auf die Vorräte. Sic schlugen aufeinander- ein. Es war, als stände das Zuchthar.- iu Flämmen. Als die ersten Sträflinge vor Sen Toren des Zuchthauses standen, blieben sie eine» Augenblick verroirri stehen. Dich; fiel der Schnee. Sir standen im Taumel d-r Flocken und wußten nicht, wohin sie sick- wenden sollten. Biele rannten in die nahe gelegene Waldung. Gestrüpp legte sich um ihre Füße. Sie schlugen hin, rafften sich auf und rannten weiter. Gegen Morgen traf«in Militärkom» ,_ 0 mando ein. Ws dir Soldaten in das Zuchthaus eindrangen, fanden fie viele Sträflinge, die wieder zurückgelehrt waren. Und viele, die gar nicht die Zelle verlassen hatten. Ws sie gefragt wurden, warum fie nicht mit den anderen geflohen seien, machten fie eine hilflose Gebärde. Rein, sie wollten nicht fliehen. Sie hätten Angst vor dem Lebar da draußen. Sie paßten nicht mehr unter I die Menschen. Und einer sagte, die erlösche-1 »en Augen gegen den Direktor wendend: „Die Menschen sind zu gemein!"... Der Direktor aber fuhr sich mit zitternder Hand an den Kragen und sagte zu dem Kommandoführer:„Sehen Sie, die Kerls Hains hier viel zu gut. Die woll'n gar nicht wiärer raus. Das muß anders werden. Ich werde ein Exempel statuiere»." As er über die Leiche eines Aufsehers swlperte, verlor er den Zwicker. Gedanke« für Düh. Manchmal lasse ich im Saal dir Maschine Rümmer siebeanndvierzig danner» und knirschen und«eine Hände sind an der Kurbel, und«eine Auge« lesen den Manomrterstand, dennoch sind meine Hände weit weg, eine saht dich in unaussprechlicher Lieb« in deiuem Herzen, und hebt die Hand aus in beschwörender Bittgebärd« um Freiheit und durchstößt den Maschineasaal«ach Blau— dennoch sind meine Augen weit weg in dem Sonutaa von gestern, aus dem kärglichen Hügel gestern, in Kuß und Umarmung! Horch, die Maschine rast der Explosion zu, höre, ich sage dir im zwanzigsten Jahrhundert unvergetzliche, zarte Borte. Entnommen dem neuen Buche„Kameraden, zu euch spreche ich", von Walter Bauer(Verlag Kaden u. Co., Dresden, Preis Mk. 3.—). Es enthält auf 112 Seiten Gedichte von wundervoller Gestaltungskraft, zartester Innigkeit, dann wieder voll herrlichen Kampfgeistes. Es ist das Werk eines der besten der deutschen Arbeiterdichter, eines wirklich Könnenden, noch nicht restlos Erfüllendes, aber siir die Zukunft Vielversprechendes. Kleine Lügen, »ialag sfBiWcN Güeleuie«. Bo» Hermann Au gar. Ter bekannte deutsch-tschechische Schriftsteller Dr. Hermann Ungar, der neben guten Romanen u. a. das in Berlin erfohreich gespielte Trotzki-Trama„Der rote General" geschrieben hatte, ist an den Folgen einer Blinddarmoperation, 36 Jahre , alt, in Prag gestorben. Hier folgt von ihm eine kleine bourgeoise Ehetragikomödie. Er, Sie.— Er sitzt am Schreibtisch.— Sie tritt ein. Boni Ausgehen gerötet. Betont lebhaft. Sie: Du bist zu Hause? Ich dachte, daß du heute im Klub bist.— Guten Abend!— Schade, daß du mir das nicht gesagt hast. Ich hätte den Wagen gut brauchen können. Wie lange bist du da? Er. Eine Stunde. Liebling. Sie: Du Armer! Eine Stunde. O Gort, man hat dir keinen Tee gegeben. Ich konnte doch nicht ahnen, daß du schon da bist. Er: Zu Fuß gegangen? Sie: Ja. Das Wetter ist doch so herrlich. Ich habe mir Schaufenster angesehen. Ueberall wundervolle neue Sachen. Man zeigt schon die Frühlingsmode». Du mußt morgen mit mir gehen, ja, versprichst du es mir? Er(sicht fie lange an). Sie(rückt den Hut zurecht, zieht den Spiegel ans der Tasche): Was sichst du mich so an? Was ist denn los? Gch, du bist komisch! Aergerst du dich, daß ich nicht zu Hause war, du...(sie neigt sich übrr ihn. Er wehrt höflich ab.) Bitte! Rur Innen Zwang. Ist dem Herrn etwas über sie Leber gekrochen? Gott, ich kann doch nicht ahnen, daß du heute aus dem Büro nicht in den Klub gehen wirst, aber mir kann es recht sein, bitte! Ich werde dich gewiß nicht mit Zärttichkeite» belästigen. Er: Ich verstehe deine Aufregung nicht. Sonderbar... Sie: Ich... ich aufgeregt... hahaha ... Du bist aufgeregt, mein Kind, weil ich nicht dasitze und warte, bis der gnädige Herr kommt. DaS gute Weib! Gott, was ist daS für ein Leben, das ich führe! Zu Hause sitzen und warten, immer nur warten!— Aufgeregt, sehr gut, warum sollte ich aufgeregt sein ... Was pich das für Einfälle... Da ist gar nichts sonderbar, mein Lieber. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir sagen würdest, was du da sonderbar findest. Er: Bor allem— wie gesagt— deine Aufregung, Liebling. Sie: Bor allen«! Und dann... Es folgt doch etwas nach, wenn ich richtig verstehe. Er: Sinn, eine Kleinigkeit. Eine optische Merkioürdigkeit, sozusagen. Sie: Optische? Ich verstchc wirklich nicht mehr! Du bist krank, sehr krank!(Sie hat sich gesetzt.) Ich bin ernstlich besorgt. Aber erkläre dich näher, was für eine optische Merkwürdigkeit... hahaha. Er: Bitte, gerne. Du sagtest doch:„zu Fuß gegangen", war es nicht so? Und mir war, als ob ich dich vom Fenster ans einem Auto... Sie: So, dir war so? Das ist ja herrlich. Also, ich soll wohl bi? hierher zn Fuß lausen? Bei diesem Werter! Ter Herr fährt in seinem 86-?8-Wagen, und ich soll mir die Lunge aus dem Leib rennen. Er: Habe ich das je verlangt, Liebling? Sir: Es wäre mir auch im Ochsten Maße I gleichgültig, wenn du es verlangt hättest, mein Freund. Ich habe mir ein Auto genommen, an der Uhlondstraße, wenn du rS genau wiflen willst, es hat zwei Matt sechzig gekostet bis hierher. Er: Wieso weißt du daS? Sie: Woher wird sie. das wiflen, die Kleine? Nun, denke doch,'denke mal angestrengt nach, woher! Ich will das Geheimnis verraten. Beim Aussteigrn zahlte ich. Ich gab fünf Matt und der Chauffeur gab mir zwei Matt vierzig heraus. Ich habe ihm zwanzig Pfennig alS besonderes Trinkgeld gegeben. Bist du zufrieden? Er: Merkwürdig! Wie das Auge mich getäuscht hat! Ich sah dich die Tür deS AutoS zuschlagen und geradeswegs auf das Haus zugcherl. Sic: Dieser Scharfsinn! Ich habe durch das Fenster gezahlt, mein Geliebter. Ich liebe es nicht, auf der Straße zn stehen und zu warten. Er: Oh, verzeih! Ich habe an diese Möglichkeit nicht gedacht, wirklich: Aber diese Chauffeure sind auch zu dumm. Kein Wunder, wenn fie auf keinen grünen Zweig kommen. Sie: Die Chauffeure? Er: Warum hat er denn den Taxameter nicht wieder auf„Frei" gestellt? Er fuhr weiter ohne nmznschaltrn. Ich konnte rS genau sehen. Bei„Frei" leuchten die beiden kleinen Laternen links und rechts vom Chauffeur auf. Der Wagen wendete an der nächsten Ecke und fuhr auf der anderen Seite der Straße noch einmal an mir vorbei, ich konnte ihn also »och einmal sehen. Sie: Ein Verhör!... Das gehl zu weit! Ich kaffe mir das einfach nicht bieten. Ber- standen? Ich verlange, daß man mir glaubt! - Er: WaS denn, daß du zn Fuß nach Hause gegangen bist? Sie: Ich bitte: keine Ironie! Ich weiß nicht, wer von un8 beiden mehr Grurid hat, ironisch zu- werden! Ich lasse keinesfalls ein Verhör mit mir anstelle«,(mir tieffter Ber- achttrng in der Stimme) Detektiv! Er: Ich habe nicht die Absicht, dich zu Verhören, mein Liebling. Aber gehört besondere Delekiivbegabung dazu, anznnchmen, daß du nicht allein im Auto warst? Sie: Großartig! Ich bin nicht allein im Auw gewesen! Selbstverständlich nicht. Ich sehe nicht ein, warum ich das verheimlichen sollte. Er: Ich auch nicht, mein Liebling. DaS ist es ja gerade, WaS ich nicht einsehe. Sir: Ich habe Dwin unterwegs getrosten, er bat mich, mich nach Hause bringen zu dürfen. Ich verstehe dich nicht, wirklich nicht, ... Du warst doch sonst nicht so.(Sie führt das Taschentuch an die Augen.) Kann es etwas harmloseres geben, als sich nach Hause bringen zu laffcn, wenn man einen Bekannten trifft, einen guten Freund? Kann es einen Grund geben, das zu verheimlichen? Er: Gewiß nicht, wenn cs Edwin gcive- en ist. Sie: Ich verbitte uiir jeden Zweifel. Er: Warum? Weil du von vornherein die Wahrheit gesagt hast? Sic: Du bist komisch. Du siehst doch, daß ich nun nicht mehr lüge. Er: Du kannst ganz ruhig sein. Ich habe in daS Innere deS Autos nicht hineingesehen. Ich könnte höchstens jetzt Edwin anklingeln... Sie: DaS wirst du nicht tun(sie ist aufgestanden). DaS verbiete ich dir. Er: Warum verbietest du es mir? Sie:... Ich will verhindern, daß du — 3— sciiS Häuser- » angejtellt haben, das gefährlichste Kis- Welches ist das gefährlichste Alter in dem man die meisten Dumm- dahintergekom- Du, weißt du, ausgesprochene d» dazu? Rock lteht dick. der Lebewelt aller Großstädte und darüber hinaus gefeierte Anita Berber zugrunde Sie war die Tänzerin der Le- ein Produkt der Nachkriegszeit, berühmt z» werde» auf dem Trottoir; und dieses Blut ist ! schwärzlich, grünschillernd. Um Anita beginnt alles zu kreisen, dobrony kann sie gerade noch in den Armen auffangen.„Ich will nach Hause! Bringe:: Sie mich nach Haust!", jammert sie und ist auf >einmal ei» verlorenes Kind, das Furcht hat. Im Hotel beim Nachtmahl. Kisdobrony .'hat s'ine sprühende Laune zu rückgewonnen, I erzählte von Bekannten und Freuiwen. dekre« I tierte,-vie sich die weitere politische Entwicklung tollziehen müsse, verriet das Gebot der Stunde: Das gefährlichste Aller? C. K. im Leben, heilen macht? Gewöhnlich hält man dafür die Jugend mit ihren„holden Eseleien" aber die englische Dichterin Ursula Blomn hält das für einen schweren Irrtum.„Rach meiner Meinung", schreibt sic,-„muß man sich am meisten in acht nehmen und hat die größten Gefahren zu befürchten, wenn man 45 ist." Ein Mann wacht auf mit der Erkenntnis, daß cr 45 Jahre alt ist, nnd ihm kommt;um Bewußtsein, daß cr irgend etwas in seinem Lebe» nicht erreicht hat. etwas, das er unbedingt hätte haben wollen. Jede Romantik ist aus seinen« Dasti» gewichen. Seine Frau ist ihm zum„bequemen" Lebensgefährten geworden; sie bat es längst aufgegebeu, in ihm besondere Liebesgrfühlc zu erwecken; die Kinder sind herangcwachsen und nennen ihn„alter Herr". Run ist er 45; eS ist daS Alter der letzten Gelegenheit. Ihn ergreift die„Panik vor dem Torschluß": er muß noch etwas unternehmen! Mag cs sich dabei nm Liebe handeln oder um gesellschaftlichen oder um geschäftlichen Erfolg. Mag er noch einmal eine letzte Anstrengung unternchmen, reich oder — 4— „Geld bedienen!" Für ihn war das eine ganz neue Entdeckung, auf die er sich nicht wenig einbildete.„Man mutz Selb machst, schnell, meine Gnädigste! Und man kann Geld machen, ich sage Ihnen—!" Er sagte nichts mehr. KiSdobronY, Rittmeister, Aristokrat, Herr über Bauern und Knechte auf seinem Heinen Gut in der ungarische» Tiefebene, von dem nur'bte Schulden ihm gehörten, KiSdobronY hatte— Leder. Er hatte auch Sacharin.„Jeden beliebigen Posten, gnädige Frau." Er zog kleine Zettel Papier aus der Tasche, ganz berauscht von dem neuen Beruf, den er da plötzlich für sich entdeckt hate. Er machte gar kein Geheimnis aus seinen Erfolge«, rechnete Anita vor, daß„an diesem Lder— warten Sie einmal— ja, 3000 Kronen zu verdienen sind. Denken Sie nur! Äst ja auch prima Kernleder! Aber ich habe auch Tuch, wollen Sie scheu?" Anita hörte kein Wort, überlietz es der Tante, die neuui Talente KisdobronyS zu bewundern. Anita sah immer nur das Bild der Erschossenen vor sich und die kleine Blutlache auf dem Trottoir. Sie hatte nie gewußt, daß Blut so dick und schwärzlich ist. Neue Bücher ifir die reifere Äugend. Seit vielen Jahren erscheint in Loew es Berlag Ferdinand Earl, Stuttgart, alljährlich eine Reche von Jugendbücher», eine Sammlung, die bereits schr stattlich ist und in sorgfältiger Auswahl, wie bester Ausstattung ideale Geschenkbücher zur reichsten Auswahl bietet. Nachstehend seien einige der neuesten Bände besprochen: „Dreitausend Kilometer barfuß durch Afrika." Erlebnisse eines jungen Deutschen in der französischen Fremdenlegion von Walter Meyer. Mit 8 Tonbildern.(Mk. 4.80.) Es sind die eigenen Erlebnisse des Verfassers in der spanischen Fremdenlegion während des Krieges mit den Rifkabylett, die das mitreißend geschriebene Buch enthält. Walter Meyer wurde unter falschen Borwänden tm Jahre 1824 in Hamburg von einem Spanier für Marokko angeworben. Seine Leichtgläubigkeit verschuldete, daß er vier Jahre seines Lebens unter den jammervollsten Verhältnissen als Frcmdenlegionär verbringen mußte, ein furchtbares Schicksal, dem er und zehn andere junge Kameraden sich nur durch die denkbar mühseligste und abenteuerlichste Flucht entziehen konnten. Das Buch befriedigt alle Leseansprü- che der romantischen Jugend, ist aber auch Waritnng und Lehre zugleich für alle, die glauben, daß ihrer irgendwo in der Ferne das Glück wartet. „Tah-gah-jn-lah." Roman ans oen indianischen Freiheitskriegen von Fritz Strauß. (Mk. 3.80.) Bevor die weißen Eroberer kamen, lebten die Indianer, glücklich auf ihren Jagdgründen. Sie tourden Opfer der überlegenen Waffe» der Räuber ihrer Heimat, die sie bis auf winzige Reste ansrotteteu. Tiefe untcrge- gaugene rote Menschenrasse brachte Männer hervor, vor deren Wirklichkeitsgröße, wie der Verfasser schreibt, jede Phantasie verblaßt. Es waren große Führeruaturen, Märtyrer der Freiheit. Darunter war auch Tah-gah-ju-tah, der Ärokeseithäuptling, iu dessen erschütternder Lebensgeschichte sich die Tragödie seines unglücklichen Volkes widerspiegelt. Hochherzig, Äelmütig, treu wie keiner wird er schandbar verraten, zermalmt von jenen, denen er alles hingab. Fritz Strauß, als ausgezeichneter Erzähler bekannt, gibt in dem Buche von dem großen indianischen Helden ein lebenswahres Bild von packender Wirkung. „Kimckerlein und Kuackeriucheu." Und andere T^.rgeWchten von Egon v. Kapherr. (Mk. 3.80.) Rach der ersten Erzählung, der Geschichte Kveier Eichhörnchen, ist da» Buch benannt aber es enthält noch zwölf andere, eine davon entzückender als die andere. Liebe, Keine Tiergeschichten, die geeignet erscheinen, die Liebe zu den Tieren zn erwecken und zu schüren. Löffelmanns Abenteuer werden erzählt, vom Bussard, vom Murmelchen, vom Frosch und anderen Tieren ergötzliches berichtet und auf für den jugendlichen Leser ange- nehme Weise werden ihm manche naturkund- liche Kenntnisse vermittelt. „Die glitzernde Welle". Eine Erzählung auS den Wäldern Südamerikas von Fritz Strauß.(Mk. 3.80.)„Die glitzernde Welle" ist ein indianisches Mädchen, das einstmals seinen Stamm verlassen hat. um einem aus den llrwäwern znrückkehrcnden Forschungsreisen- den zu folgen. Drei Deutsche, die Abenteurersinn nach dem Jntiern deS Landes treibt, nehmen die„glitzernde Welle" als Führerin mit, ohne die, wie sie bald wahrnehmen, sie den Tücken der Wildnis ball» zum Opfer fallen würden. Bon ihren Stammesgenossen gefangen genommen, soll sie als Abtrünnige getötet werden, aber die gegen sie gerichteten Pfeile treffen nicht und als sie darauf den Kaimans zum Fraß vorgeworfen werden soll, kommt die Rettung. An der fesselnden Erzählung wird sich jeder Junge erfreuen, aber auch der Erwach- sene wird sie mit Vergnügen lesen. Was mancher nicht weiß. Die Interpunktion, die Kleinen und Großen so inanchcs Kopfzerbrechen verursacht, ist erst im 10. Jahrhundert von Buchdruckern Venedigs eingeführt worden. Mancher Schuljunge wird diesen Buchdruckern kein freundliches Gedenken widmen. Wie groß die Erfindungsgabe der Dichter ist, beweist der Umstand, daß in Charles Dickens Romanen 1425 verschiedene Personen auftreten. Gold läßt sich in so dünne Blätter auswalzen, daß ntan 170.000 Blätter übereinander legen muß. wenn man die Dicke von einem Zentimeter erreichen will. Die Ziehharmonika ist ein verhältnismäßig neues Instrument. Es wurde erst 1888 von dem Wiener Damian erfunden, feiert affo jetzt sein hundertjähriges Jubiläum. Die Auster ist im Verhältnis zu ihrer Größe eines der allerstärksten Tiere, die eS überhaupt gibt. Nm ihre Schale zu öffnen, ist eine Kraft erforderlich, die dreizehnhundert- nial so groß ist wie das eigene Gewicht des Tieres. Ein alter Junggeselle, der kürzlich in Farnham in England in einem Mer von 78 Jahren starb, hat sich in seinem ganzen Leben nicht weiter als eine halbe Meile von seinem Geburtsort entfernt. Er war nie nnt der Eisenbahn gefahren, ja hat nicht einmal einen berühmten Ausflugsort besucht, der nur eine halbe Stunde von seinem Hause entfernt liegt. ! Tas kann man bodenständig nennen. Die PeterSkirche in Rom faßt 54.000 Menschen, der Mailänder Dom 37.000 und die Paulskathdrale in London 25.000. Der höchste Baum der Erd« findet sich unter den Gummibäumen Australiens. Hizr trifft man Bäume, die mehr al» 180 Meter hoch sind. einerlei. Parfümierte„Hexen». Anno 1770 hat das Pariser Stadtparlament ein Edikt erlassen: „Wer einen männlichen Untertan Seiner Majestät mit Hllst von Rot oder Weiß, Parfüms. Essenzen, künstlichen Zähnen, falschen Hüsten utü» dergleichen in die Batche der Ehe lockt, wird wegen Hexerei verfolgt, und die Ehe wird für nichtig erklärt." Europa, wie hast du dich verändert: Wäre dieser Erlaß der biederen Pariser Etadwäter heute noch gültig, so müßten 99,9 Prozent der holden Weiblichkeit den Scheiterhaufen besteigen! Elm Pflanzenwachstumtmesser. Bor kurzem hat der Botaniker Guha der Physikalischen nick Naturwissenschaftlichen Gesellschaft in Genf einen Apparat vorgelegt, mit dessen Hilfe das Wachstum von Pflanzen genau gemessen werden kann. Diesen Apparat nennt der Erfinder„Mierocreseometer". Mit seiner Hilfe können die Dachstumsbewegungen um fünftausend» bis vierhunderttausendmal vergrößert werden. Hierdurch können die feinsten Bewegungen im Wachstum der Pflanzen festgestellt werden. Eine Reihe interessanter utch lehrreicher Versuche wurde bereits durchgeführt, die die Anwendbarkeit des Apparates bewiesen. Unter anderem wurde beobachtet, daß beim Haferkorn das Wachstum zwischen 10 und 12 Uhr vormittags am größten war. Wo sähet man am billigsten mit der Kraftdroschke? In Paris! Hier kostet der Kilometer nur 22 Pfennige, dagegen in Brüssel 20, in Oslo 29, in Kopenhagen 34, in Amsterdam und Vern 34, in Wien 35, in Madrid 43, in Stockholm 48, in Bersin 50 und in Rom sogar 62 Pfennige.— Die billigsten Straßenbahnen hat ebenfalls Paris. Der Kilometer kostet hier 7 Pfennige, in Tokio 12, in Berlin 13, in Oslo 14 und in Genf 20 Pfennige. Frühzeitiges Ergrauen. Die Anlage zum frühen Ergrauen der Haare wird vielfach vererbt. Der engsische Forscher H. I. Harr von der Universität Cambridge hat diese Erfahrung wissenschaftsich bestätigt, indem er in einer Familie das frühzeitige Auftreten von weißem Haar durch fünf Generationen hindurch feststellen konnte. Die sonst durchaus gesundett Personen begannen bereit» im Mer von 17 oder 18 Jahren zu ergrauen und hatten schon mit 28 Jahren vollstättdig weißes Haar. Testamentarffcher Humor. Das Testament eines Lehrer» in Hörde begann mit den vielsagenden Worten:„Die» ist mein letzter Wille und zugleich der erste, den meine Fra« Anna Margarethe, geborene Lüttschwanger, mir gelassen hat."—— In dem Testament eines Rentners sand sich der Satz:„Sm der modernen Leichenverbrennung halte ich nichts. Ich möchte so begraben werden, wie ichs von Jugend auf gewohnt bin!" Der Ausgleich. Pfarrer:„Hören Sie mal. wir haben festgestellt, daß Sie am letzten Sonntag einen Hosenknops in den Opferstock getan haben!"—„Jo, mei, Herr Pfarrer, man nimmt ja auch Ihre Predi' net immer für bare Münz'!" siebe»flüssig.„Ich würde Ihnen doch raten, diese teureren Hemden zu nchmen, sie halten für ein ganzes Leben", riet die Verkäufe- rin.—„Aber da» habe ich doch gar nicht mehr nötig, ich bin ja schon über füntzig", wehrte der Kunde ab.