9tr. 40, (Ittter^altmg^beilage, 1931. Wettaefmimle um einen Edelstein Jahrmillionen lang hatten geheimnis- volle Mächte der Natur gewirkt, Materie mischend und trennend, unter unvorstellbarem Drucke sich gestaltend. Was sie ge- schaffen, betteten sie unter ungeheure Lasten, in abgründige Tiefen. Und wieder dauert es Myriaden von Jahren, bis das Werk vollendet ans Tageslicht trat. Ein Rubin ward gesunden in einem jener Steinbrüche Ceylons, die so reich sind an jenen funkelnde», geheimnisvoll gleitenden Naturwundern, di« die gierigen Menschen Edelsteine nennen. * Er war schon durch viele Hände gegangen, als er die Stirn des Königsohnes schmückte. Der hatte das Juwel an jenem Tage erhalten, als ihn sein Kater zum Mitregenten machte. ■ Unruhig war das Herz des Königsohnes. Mitten in Glanz und Pracht, in Verschwendung und üppigem Genuß kam er nicht zum Frieden, nicht zur Ruhe. Die fand er erst an dem Tage, als er im gelben Mönchsgewand sich einreihte in die Schar der Jünger des Vollendeten, des Buddha. Einem persischen Kaufmann überließ er den Rubin; mit deffen Erlös errichtete er einen Rastplatz für kranke Pilger. Hell schimmerte im Tempel der Aphrodite in Alexandrien go8>-elfe»beinerner Standbilder Prunk. Weihrauchwolken umwogten die Säulen. Blüten streute das Volk, Harfen erklangen. Im Allerheiligsten stand die Göttin. Zu ihren Fähen dufteten die Wohlgerüche Asiens. Bor ihr kniete ein« Frau in königlichen Schmuck. Ihre rosablaffen Lippen lächelten gerade so grausam-betörend wie die marmornen der Gattin... Lange betete die Frais; Schauer um Schauer liefen über ihre zart« Gestalt. Dann löste sie von ihrem Hals ein Geschmeide— purpurhell funkelte es im Lichte der duftenden Oellampen. Um die schmalen Knöchel Aphroditens schlang Äleopatra, di« in höchster Not um Hilfe flehende Königin Aegyptens, eine Perlenkette— und der Abschluß deS schimmernden Bandes war der Rubin. Jahrelanger Arbeitsfchweiß einer Provinz klebte an dM> »on»ebba Wasner Juwel. Aphrodite sah noch immer lächelnd auf den Rubin herab, als längst schon Kleo- pana im Bitz der todbringenden Ratter die letzt« Hilfe gesucht und gefunden hatte.. Wütendes Geschrei gellt durch Roms Gaffen. Paläste brennen, Triumphbogen splittern. Blinde Barbaren stampfen über eine uralte, morsche Kultur und all ihre Schönheiten hinweg. „Heil Alarich!" jauchzt die siegesberauschte Horde. Und greift nach Weibern und Pferden, nach kostbaren Gewändern und Goldvcchern, nach edlem Hausgerät und Geschmeide. Ein paar Tage später wird die Beute eines Weltreichs verteilt. Ein gotischer Ebeling hält seinen Reitermantel mit einer Spange zusammen, an der cs blitzt, wie frisch verkieselndes Blut: ein Rubin ist's, groß wie eine Haselnutz. Und wieder eine Zeit— und die letzten Goten sind gefallen. Syrisch« Händler streifen über das Schlachtfeld am Berg Vesuv; mustern die Leichen, wollen Gewinn ziehen auS Todesnöten. Bon der erkalteten Brust eines Toten wandert die Spange mit dem Rubin in den Beutel des Kaufmannes. Er weiß bereits einen Kunden dafür; der junge byzantinische Hofherr zieht jetzt heim zu den Tänzerinnen, die sich ihre Liebeskünste um kostbaren Schmuck abkaufen kaffen. Da ist ein Geschäft zu machen, denkt der Alte, indes er wohlgefällig den tiefroten Stein abzuschätzen beginnt. Ein Mann sitzt in einer Klosterzelle. Grau mü> schlicht ist sei« Gewand, grau wie der Nebel draußen, der um Schottlands Berge wogt und wallt. Bon seiner Rechten geht eia sanftes tiefrotes'Leuchten aus: dort funkelt der Rubin, in goldenen Ringreifen geborgen, als Zeichen seiner Würde als Abt. Der Mann ist geheimer Kunst ergeben. O, wüßten sie, sein« frommen Milbrüder, WaS er in stiller Kammer treibt— ausstoßen würden sie ihn aus ihrer Mitte. Zum Scheiterhaufen würden sie den Magier schleifen. Bor vielen, vielen Jahren, da hat ein Landfahrender, ein Zigeuner aus »Jndienland, es ihn gelehrt, wie man sich in Schonung versetzen kann tm Spiegel eines Edelsteines— und wie dann bunt«, wirre, wüste und lockende Bilder der Vergangenheit wie leibhaftig an einem vorbeiziehen. Und wenn die Brüder meinen, daß ihr Abt inbrünstig betet oder in gelehrten Schriften studiert— dann hat er sich in jenen tiefroten sanften Glanz versenkt und schaut. Schaut heidnische Göttinnen, stolze Frauen, nackte Tänzerinnen, Paläste in Flammen, Schatzkammern, wo in verschwiegener Stille die Schätze des Morgenlandes gehäuft ruhen, schaut und träumt. Und dann, mühsam erwachend, greift er zum Schrcibrohr und Pcrgamentblatt um Perga- mentblatt füllt sich mit Versen, mit Liedern, mit den halb unbewußten Schnsuchtsträu- men eines gefangenen Lebens, das in dump- fer Klosterzelle vcrküntmern mutzic, weil seine Erzeuger allzu heiß nach weltlicher Macht und nach Kronen gesehnt haben. Hart ist es, das Los eines geächteten Fürstensproffes... In der Werkstätte des berühnitesten Goldschmiedes von Paris tvird»och lauge nach Feierabend gearbeitet. Große Bestel- lmrgen von Hofe gilt cs auszuführe», und der Meister schmunzelt, wenn er den zu erwartenden Gewinn überrechnet. Hochzeit gehalten hat des Sonnenkönigs Bruder mit des englischen Königs Schwester. Und di« blonden Edcldamcn aus dem lustige« England, die init Madame Henriette nach Paris gekommen sind, wollen ihre altmodischen Familicnjuwclen nach neuesten! Geschmack umgcfaßt haben. Der Meister hebt einen Ring prüfend ans Licht. Er ist ein uraltes Stück und der Schimmer des Steins vou magischer Schönheit.- Er hat ihn umgcfaßt— schnral und zierlich ist jetzt der Reif, der das Juwel hält, und Zeichen sind cingeritzt: ein Frauenname, eine Jahreszahl. Wie schön wird die weiße Hand der blonden Lady fein, wenn dieser Ring sie schmückt, denkt der Meister. Er hgl die Dame gesehen, als sie ihre Bestellung machte: holdselig war sie— aber traurig blickten ihre Augen. — 2 Arme Leute ziehen um... Bon Kurt Rudolf Neubert. Ein Wagen steht vor dem Haus. Hier müssen Leute ziehen. Die Möbel sehen nach gar nichts aus. Der Wagen ist geliehen. Die Möbel sind ja wirklich nichts wert. Doch schimpft jemand:„Vorsichtig tragens" Mißtrauisch äugt das einzige Pferd. Bor dem hochbeladenen Wagen. Man bleibt ein bißchen neugierig stehn Und bedauert dir armen Leute. In den Spiegel hat schon die Großmutter geseh'n. Nur die Lampe, die ist von heute. Di« Bettstelle ist aus rohem Holz, Der Mann hat sie selbst gezimmert. Auf den Schrank, der jetzt kommt, ist die Frau aber stolz. Sie trägt einen Säugling. Er wimmert. Die Frauen blicken zum Fenster hinaus Und schätzen die Fracht auf dem Wagen. Bald schafft man das letzte Stück aus dem Haus, Dann kann man„Auf Wiederseh'n!" sagen. Sie kommen aber niemals zurück. Wer weiß, wo die Leute wohnen! Vielleicht haben sie Pech, vielleicht haben sie Glück In den neuen, fremden Zonen... Eine Woche später trägt den Ring ein landflüchtiger Mann. Weit, weit weg von Paris, dorthin, wo in Deutschland wilder, verbissener Kampf wütet, wo die Pfalz in flammen aufgeht. Dort wird sich auch für rhn die Kugel finden, die ihn zur Ruhe bringt. Immer wieder preßt er di« Lippen auf den Ring, den seine braune Rechte trägt. Den ihm eine kleine blonde Lady gab, ehe man sie zwang, einem abgelebten Höfling, der reich und mächtig ist, zum Altäre zu folgen. Und den sie dem Geliebten eines einzigen schönen Festtages zum Geschenk gab. Serenissimus lächelt: Zwischen steifen Taxushecken schreitet er dahin, am Arm die gepuderte, geschnürte, kokett lächelnde Baronin. Serenissimus ist zwar ein geistlicher Fürst. Aber das tut nichts. Man kann sich doch amüsieren, wie man will und mag. Wenn auch von drüben überm Rhein schon bedenkliches Wetterleuchten kommt. Wie heißt das Sprichwort, das Wahrwort dieser Zeit?„Nach uns die Sintflut!" Und Serenissimus zieht eine kostbare Emaildose aus den Falten seiner seidenen Soutane— drin blitzt Und funkelt es in roter Lohe: eine Rubinspanac. Eigenhändig befestigt er sie auf dem ÄPitzengeriesel, das die zarte Büste seiner neuen Mätresse umgibt. Der Rubin hat ihn den Jahresertrag zweier Dörfer gekostet. Tut nichts: Donna Olympia ist zu verführerisch. Und da sie nun, um bei Hofe bleihen zu können, seinen Jägermeister heiratet, muß er der Braut des Barons doch ein Hochzeitsgeschenk machen?!* Echter Rokokoschmuck ist modern. Er kostet zwar sehr viel, aber eine Dollarprin- sessin kann sich auch solche Gelüste leisten. Wohlgefällig dreht Miß Jessie das gepreßte Lederetui mit der Rubinagraffe zwischen den manikürten Fingern. Pa kauft ihr alles, was sie will: Schmuck, eine Jacht, iin| Schloß in Frankreich, den dazu gehörigen Marquis. Also ist das Leben schön! Besonders wenn man es mit der nötigen Dosis Sensation würzt. In Europa ist großer Krieg? Es ist prickelnd, jetzt mit einem Dampfer hinüberzufahren. Es soll verdammt gefährlich sein. Eben darum hat sie Plätze auf der^usi- tania" belegen lasten.. Man wird etwas erleben für sein Geld. Die Rechnung des Dollargirls stimmt nur allzugut. Die„Lusitania" fliegt, fliegt hinab ins schaurige Wellengrab— mit allem, was an Bord gelebt hat, auch mit Miß Jessie in Fuß und Dreß, die Rubinspange am tiefen Dekolletö ihres Abendkleides.* Auf dem Meeresgründe ruht der Rubin aus von seinen Wanderungen durch die Jahrhunderte. Göttinnen und Königin- Jn den Abendstunden eines Julisonntags im Jahre 2571 wurden die Kaninchen des Barewaldes zum erstenmal seit Kaninchengedenken durch das Geräusch menschlicher Schritte aufgejcheucht. Und das ging folgendermaßen zu: Als der junge Ehemann an diesem Morgen erwacht« und aus dem Bett sprang, zeigte seine Frau," einer schläfrigen Nymphe gleich, noch keinerlei Luft aufzustehen. Nachdem er gebadet hatte, zog er sich rasch an und schnallte seine Flügel um. Zum besseren Verständnis mutz hier bemerkt werden, daß etwa seit dem Jahre 2000 das Fliegen zur wichtigsten Fortbewegungsart der menschlichen Raste geworden war, die nun fast ausschließlich in der Luft lebte, nachdem die Eisenbahn von Passagierluftschiffen, di« Automobile von Aeroplanen und die Beine von Flügeln verdrängt worden waren. Diese Flügel, die man ablegte, wenn man sie nicht mehr benötigte, wurden mittels eines kleinen, aber überaus leistungsfähigen Radinmmotors betrieben, der zur Zeit da diese Geschichte spielt, eine derartige Vervollkommnung erreicht hatte, daß er nur eineinhalb Kilogramm wog und in einer Lederkassette von der Größe einer Zigar- renschachtel untergebracht werden konnte. Jedermann besaß solche Flügel, und es gab Men- chen, die den Gebrauch der Beine fast verges- «n halten. Der junge Ehemann unternahm heute einen etwas längeren Ausflug als sonst, denn es war ein strahlend schöner Sonntagmorgen. Zurückgekehrt konnte er feststellen, daß seine Frau bereits mit ihrer Toilette begonnen hatte. Ihr Flugkostüm aus pclzbesetztem Satin stand ihr ausgezeichnet. „Fliegst du. aus?" frug er. Sie nickte. „Ja, die Meyers haben mich für heute zum Lufttennis«ingeladen. Willst du nicht mitkommen, Teddy?" „Danke, bin zu solchen Späßeir nicht aufgelegt." Davonfliegend winkte sie ihm Abschiedsgrüße zü. Teddy fühlte sich heute nicht wohl. Er nahm einige vitalitätssteigernde Pillen zu ich, durchmaß«ine Zeitlang nachdenklich das Zimmer und entschloß sich dann,«inen langen Flug zu unternehmen, um sich aufzufrischen. Er durchmusterte den Aeroplanbestand feiner nen, Buhlerinnen und Dollarprinzcssinnen hat er geschmückt. Männer haben um ihn geblutet, der Wahnsinn hat mit ihm gespielt, Verrat und Tücke haben ihn umlauert. Und nur allzu selten durfte er Mittel sein für edles Tun. Jetzt ist er heimgekehrt zu den dunklen Gewalten, die ihn schufen. Auf dem Meeresgründe mag er liegen und rasten, lange, vielleicht wieder einmal Jahrhunderte lang. Vielleicht, daß ihn sein Karma wieder einmal an Ceylons Küste spült. Vielleicht, daß dann endlich das rastlose, hassende, liebende, nach Lust und Macht gierende, niegesättigte Menschengeschlecht eingegangen sein wird zur ewigen Ruhe. Und dann walten wieder nur die dunklen Urkräfte, die Form und Farbe bilden — ohne Zweck, ohne Ziel, jenseits von Menschensehnen und Menschenleid. Rennwagen. Er wählte diesen und schoß wie ein Meteor in die Lüfte, als hoffte er, durch «ine solch rasende Geschwindigkeit seine üble Laune zu verdrängen. Dank der Tätigkeit der Hitzeausstrahlungsstationen, die für eine gleichmäßig« Erwärmung der Luftschichten sorgten, war es auch in zwölftausend Meter Höhe recht warm. Auch kein unangenehmer Wind machte sich bemerkbar; dafür sorgten schon di« Luft- strömungs-Kontrollstationen. Die Wissenschaft war. der Natur völlig Herr geworden. Daran dachte Teddy, während er mit 550 Kilometer Geschwindigkeit über, den Kanal flog. Alles schien so nutzlos und langweilig. Er hätte gern in jener längst vergangenen Zeit gelebt, da das Leben noch nicht so mühelos und geebnet gewesen war. Damals gingen die Menschen noch lange Strecken zu Fuß auf dem Erdboden, wurden schrecklich müde und fanden Geschmack daran. Sonderbar, wirklick sonderbar! In diesem Augenblick sah er wieder Land unter sich. Er schaltete die 800-Kilometrr- Geschwindigkeit ein, nahm Richtung zum Mit- trlmeer und wollte über di« Jonischen Inseln nach Port Said und von dort zuut Aequator stiegen. Er befand sich jetzt in der Rennfahrerzone, dem höchsten aller üblichen Luftwege. Achthundert Meter unter ihm rasten die Postflugzeuge nach Osten und Westen, weitere tausend Meter tiefer zogen die riesigen Aeroplane des Pastagierdienstes ihre stetigen, ruhigen Bahnen. Unter diesen flogen die Privatflugzeuge und bloße zweitausend Meter über dem Meeresspiegel bewegten sich gemächlich, im Schneckentempo von-hundert Kilometern die Stunde, die gewaltigen Lastflugzeuge fort. Es war streng verboten, mit Flügeln in«ine Höhe von mehr als 1500 Metern aufzusteigen. Ueber Capri fliegend, gewahrt« er den riesigen Vergnügungspark der Lüft«, der an vielen Tausenden von Ballons befestigt war In Gedanken versunken achtete er nicht der Richtung und befand sich auf einmal über der Wüste Sahara. So raste er den ganzen Tag nach Süden, Osten, Norden und Westen hoch über der Erde umher und als er sich endlich zur Heimkehr entschloß, war es bereits 5 Uhr nachmittags geworden. In eineinhalb Stunden war er zu Hause angelangt. Da seine Frau noch nicht zutückgekehrt war, legte er seine Flügel an. und flog zum Lusttennisplatz der Meyers. Di««ntergehende Sonne färbte den > r v r v«yTTT'VT rrrrrryv'T vvrvvrrvvrrv»v t» v j Erdenweh. Eine Zukunftsgcschichte von C. Patrick Thompson. Garage— den zwölfsitzigen Touren-Luftonmi-1 Himmel mit seltsam-rötlichen Farben. Und bus, den smarten kleinen Zweisitzer und dxn f kaum hatte er sich recht versehen," war seine Frau an{einer Seite. Sie war müde geworden und freute sich, daß Teddy sie gbholte. Aber Teddy war verdrossen. Als sie über dem Barewald dahinflogen, so niedrig, dah die ganze wilde Schönheit dieses Moorgebietes deutlich wahrgenommen werden konnte und sein herber Dust an ihre Nasen drang,- empfand Teddy einen heftigen Schmerz. Er griff an seine Kehle und lieh seinen Blutkreislauf stocken. Unwillkürlich stieß er einen Schrei aus, schloß die Augen, Mang seine Arme um seine Gefährtin und hörte auf zu fliegen. Sie landeten in einer Flut von dürren Blättern— unversehrt. Die Kraft der Flügel der jungen Frau hatten ausgereicht, um beide vor Knochenbrüchen zu bewahren. Und da sahen sie nun lange und starrten einander an, er allzusehr erschreckt, sie allzusehr verwundert, um ein Wort sprechen zu können. Erst nach langer Pause sagie er: „Ich weih, was schuld daran war. Es tvar die Luft, zuviel Luft... Ich hatte Sehnsucht nach der Erde. Ich hatte Erdenweh.' Und so kam es, dah im dämmerigen Barewald die Kaninchen aufgeregt und verängstigt durcheinander liefen, zum ersten Mal in ihrem Leben durch das Geräusch menschlicher Schritte aufgescheucht. Denn die beiden Menschen gingen tatsächlich am Abend dieses Sonntags zu Fuß hurch die Wälder und tauigen Felder nach Hause— drei ganze Kilometer zu Fühl Und sie waren beide ganz unbegreiflich glücklich! Erlebnis mit dem Lobe. Jahre und Jahre find vergangen, seit während des Weltkrieges eine Bombe in einen Kindergarten fiel und junges, frisches Blut den Boden tränkte. Boll Schaudern denkt jeder an diese Zeit zurück. Unfaßbar scheint sie, ein Zerrbild der Kultur und Menschlichkeit. Man breitet Vergessen darüber, um nicht an der Menschheit und sich zu verzweifeln... Ein strahlender Frühlingstag. In der mageren Wiese der Stadtperipherie kugeln Kinder herum. Alle lachen, jubeln Sonne und Jugend entgegen. Eltern stehen vor ihren Siedlungshäusern und sehen hinüber, ob die Schützlinge auch brav find. Frieden liegt über der Stadt. Ueber dem Land. Wuchtet in Menschen. Sie haben Ziele der Arbeit vor sich, Frieden in sich. „Vater!" Die zwei Kleinen umfaflen die Beine des Mannes. Er hebt sie empor, küßt die blühenden Wangen und jauchzenden Lippen. Dann geht er an die Arbeit. Mille fliegen durch die Luft. Kinderfüße steigen und stolpern über kleine Erdhügel. Blumen grüßen zum Blauhimmel empor. „Schau!" Kinderfinger weisen zum Firmament auf. Ein Surren wellt über die Erde hinweg. Das stolze Flugzeuggeschwader fliegt zur Parade aus. In" der Formation eines spitzen Winkels. und wie herrlich schwer und kühl und rund sie die Hand fühlte! So muh. meines Erachtens, der Apfel der Eris gewesen sein, der in den Saal der Götter geschleudert wurde und um den dann der Trojanische Krieg ausgefochten worden ist. „Nehmen Sie doch lieber eine von den dünnschaligen Apfelsinen!" sagte der Delikaies- senhändler.„Die sind zwar unscheinbarer, schmecken aber gerade so gut und sind um die Hälste billiger." „Mer ich will keine unscheinbaren Orangen", sagte ich.„Lieber Herr Meyer, eine Orange ist ja nicht dazu da, die Hälfte billiger zu sein. Und sie soll auch nicht besonders gut schmecken. Meistens schmecken die Orangen ja überhaupt nicht, sondern schön soll sie sein in der großen Kristallschale; das Gold im Eisen!" Damit nahm ich die große Orange und trat von dem Tisch weg, um zu zahlen. Und in diesem Augenblick ereignete sich die Katastrophe. * ISie schwere, eiserne Rollgardine des Ladens hatte sich gelöst und schlug mit einem furchtbaren Donner gerade dort ein, wo wir beide eben gestanden hatten, der.Herr Meyer und ich, und zerschmetterte den Tisch, daß alle diese Orangen zerfetzt-in die Höhe sprangen. Der Herr Meyer und ich sahen uns an und waren still. Der Tod hatte nach uns gegriffen und sich nur um eine Sekunde geirrt. Aber wäre es nicht vielleicht gut so g. wesen? Daß der Tod mich traf, während ich Worte der Weisheit sprach? Eine goldene Frucht in der Hand wäre ich durchs elfenbeinerne Tor des Schattenreiches geschritten; und Arm in Arm mit einem Delikatessenhändler wäre ich vor Gottes Richterstuhl getreten. Ganz abgesehen davon, dah ich allen meinen Freunden und Bekannten Gelegenheit gegeben hätte, zu bemerken:„Na natürlich! Wie gelebt, so geendet! Wo sollte er anders.sterben als in einem Delikatessenladen>" Schimmernden der Sonnenluft, kokett wie Libellen. Männer und Frauen blicken finster empor. Erinnerungen greifen zurück, reihen Angst und Schmerzen auf. Vergleiche zum Heute,- zum Weltkrieg. Männer, Hände in Hosentaschen, setzen den Weg fort. Es ballen sich Erinnerungsfäuste. „Heute ist es anders!" sagen die Alten. Doch die Kinder werfen ihr Staunen empor, strecken die kleinen Arme, jauchzen auf. Phantasie spielt, rankt sich um Ungewisses, Ahnunngslosigkeit, Richtverstehen. Run sind die Flieger über der Wiese. Doppeldecker. Massiv. Stolz. Bewimpelt und frisch lackiert wie Schiffsleiber vor dem Stapellauf. Die Kinder starren mit offenem Munde und aufgerissenen Blicken empor. Mit pochendem Herzen, fiebernden Wangen. „Oh... schön... Im Krieg", sagt der Vater,„haben sie Bomben abgeworfen. Und Menschen sind gestorben... oh!..." Ein Strich löst sich los. Jagt senkrecht herab, denn es ist windstill. So rasch, daß niemand ihn bemerkt, diesen Strich. Es hätte auch wenig Sinn», denn. ein Augenblick kennt keine Verkleinerung im Menschenerleben. Man hat ihn bereits vergessen, diesen Strich, er liegt Jahre zurück... Mitten in die Wiese jagt der Strich hinab. Augenblicksschnell. Sekundenhaft. An den Kindern vorbei. Donnerndes Aufbrechen... ein Krachen, Zerschmettern, Zerfetzen... ein Knall... Erdfetzen rundum. Rauch, Staub, Erde in der Luft Helle Kinderflecke mitten drin. Zerrissene Schreie ertrinken im Drunter und Drüber^ Furchtbares, lastendes Schweigen. Stille. Mütter laufen herbei. Fallen, springen auf, lausen vorwärts. Fallen wieder. Väter stürmen von der Arbeit fort. Mit geballten Fäusten vor sich, Krämpfe in Hirn Herz. Eltern stehen vor zerfetzten Kindern, zersetztem Glück, zerfetzter Hoffnung, zermalmter Zukunft, zertretenen Zielen... Die Zeitung berichtet: „... Ein furchtbares Unglück hat sich gestern bei der Parade des Luftgeschwaders an der Peripherie unserer Stadt ereignet. Bon einem Flugzeug löste sich aus bis jetzt noch ungeklärten Gründen eine schwere Ekrasitbombe und schlug in eine Wiese ein, auf der Kinder spielten... Der Präsident der Republik ließ sofort die Parade abbrechen und begab sich erschüttert an die Unglücksstätte... Zwölf Kinder...." Wozu diese Erschütterung eines Präsidenten? Die Erschütterung und Entrüstung der ganzen Menschheit! Aber niemand hat sich entrüstet. Man beließ dieses Geschehen bei der Erschütterung und einer abgebrochenen Parade. So geschehen über ein Dezennium, nach- em der Weltkrieg Millionen Menschen zerbrach. Mitten im tiefsten Frieden. Trotz Weltabrüstnngskonferenzen! , Unter der Lupe". Gerne sagen wir von uns„so bin ich nun einmal". Tas soll eine Rechtfertigung sein. Statt daß wir die Frage auswürfen. ob wir denn auch so sein dürfen? * Wir werden gut daran tun, jeden uns im Scherz gemachten Vorwurf auf seine Berechtigung hin zu prüfen und, statt ihn übelzu- nehmen, als Wink zu betrachten, dem zu folgen ost ratsam ist. * Nichts, weder einen Menschen noch seine Arbeit, Sport, Sammlung oder was es sonst sein mag, darf man so lieben, dah man sich an sie verliert. Denn dann lieben wir nicht mehr, sondern wir sind besessen, sind Sklaven, für die es noch nicht einmal Feierstunden gibt. * Wenn wir unter den Schlägen des Schicksals fürchten zusammenbrecheu zu müssen, tun wir gut daran, uns vor Augen zu halten, daß es kurz vor Sonnenaufgang am kältesten ist. * Es ist nicht ratsam, ein Unrecht mit einem anderen heimzuzahlen, weil man damit seine Trümpfe aus der Hand gibt. * Unglücklich sind die meisten lediglich,- weil sie zu viel von anderen oder vom Leben, aber zu wenig von sich selbst fordern. Sie treten mit Ansprüchen in die Welt, statt an die Gegenleistung zu denken. Würden sie sich fragen, worauf sie denn ihre Forderungen begründen, wodurch sie sich Leuten überlegen fühlen, denen er noch weit schlechter geht, dann wäre:» sie bei einigem Gerechtigkeitssinn mit ihrem Lose recht zufrieden. * Unseren Mitmenschen fügen wir weit mehr Böses durch Fahrläfligkeit und Gedankenlosigkeit als durch Bosheit zu. Bon Victor Aubnrti«. In der Tür des luxuriösen Geschäftes lagen die südlichen Orangen zum Verkaufe aus. Kleine behende Mandarinen. Gelbe und düitnschalige Apfelsinen aus Valencia in Spa nien. Und die großen goldroten Kugeln, die von der Insel Sizilien kommen. Ich trat hin und nahm die größte unter den Sizilanerinnen. Wie fest sie sich anfühlte; r nvvi v v w» v r re vv r w vo v vry'T»Ti Kinder um Frieden. Bon Pierre Lorrent. All« Feigen sind grausam, fast all« Tapferen human. Davon macht nur Vas Urteil über uns.selbst eine Ausnahme. M Woran man den Müßiggänger erkennt? Daran, daß er keine Zeit hat! Das wird wohl auch der Grund dafür fein, daß er sie unk mit seinem dummen Geschwätz so gerne stiehlt. Mr haben diese.Betrachtungen' dem Buch «Unter der Lupe' von Dr. Max Kemmerich entnommen, das kürzlich im Albert Langen-Berlag in München erschiene» ist. Dergistung der Pflanzen durch OroßftadNust. Die Ausdünstungen der Großstadt, dir einmal in großen Staubmassen verschißener Art, Worunter der Kohlcnruß«ine große Rolle spielt, und ferner in mancherlei Gasen bestehen, sind nicht nur für die menschliche Gesundheit schädlich, sondern auch für die Pflanzenwelt. In Ortschaften, die durch eine besonders lebhaft« Fabriktätigkeit ausgezeichnet sind, schwemmt der Regen ziemlich beträchtlich« Mengen von mineralischen Salzen und teerigen Stoffen herab, unter denen sich auch Säuren in verhältnismäßig großen Mengen zeigen. Der Regen in Städten, wo wenig Fabriken sind, ist viel reiner, aber, doch noch längst nicht so frei von derartigen Beimischungen wie«in Regen auf dem Lande. In diesen Unterschieden prägt sich deutlich dir Beschaffenheit der Luft aus, da sie vom Regen gleichsam, gewaschen wird. In einer wissenschaftlichen Bereinigung für Landwirtschaft in England sind Untersuchungen beschrieben worden, die sich auf die Behinderung des Pflanzenwuchses durch die Verunreinigungen der Großstadtluft beziehen. Dir Studien bestanden teils in Versuchen mit der Zucht von Pflanzen in Töpfen, teils in Beobachtungen in Gärten und Parks. ES stellte sich heraus, daß die Wirkungen der Luftverunreinigungen von mannigfacher Art sind. Vor allem werden di« Poren der Pflanzen dadurch verstopft, namentlich wenn sie in Vertiefungen liegen wie bei den Koniferen. Außerdem leidet aber auch die Zusammensetzung des Bodens. Tie Folgen können verschißen sein und bis zum völligen Absterbeu der Gewächse gehen. Auch die überlebenden werden zum mindesten schwer gejchä- higt, wenn die Berunreinigung der Luft einen erheblichen Grad erreicht. Besonders bemerkenswert ist noch die Ermittlung, daß der durch die Luft verunreinigte Regen sowohl den Ertrag wie den Eiweißgehalt des Grases herabsetzt, dagegen seinen Fasergehalt vermehrt, so ! daß sein Wer» als Futter sehr vermindert wird.’>■