Wie sotten wie Goethe lesen? Dee VoAiaUsi unv vao GoelyeHoye. Bon Walter Ludwig. Als vor 100 Jahreu Gehrimr«!.Johann Wolfgang von Goethe sein greises Haupt zum letzten Scufzer in den, nun seit dieser Zeil nur noch mit großer Ehrfurcht gezeigten Armsessel legt«, soll sein letztes Wort an diese von ihm so durchforschte Welt'„Mehr Licht!" gewesen sein. Hundert Jahre sind seit jencui Sterbetag in Weimar verflossen, die Welt ist geblendet von dem Licht, das jener große Dichter in seinem letzten Atemzuge forderte. Wissenschaft und Technik, Erfahrungen und Erkenntnisse haben eine nie geahnte Höhe erreicht. Und doch dringt heute nach hundert Jahren ein viel millionenfach verstärkter Schrei durch die Welt. Millionen fordern heute„Mehr Brot!" Zu Goethes 100. Todestag dieser Rückfall in die Barbarei der Menschheit! Wer hat da den Mut, weiter seinen„Faust" zu ergründen, aus seinen Lernen tiefe Weisheit zu erfahren, sich seiner geschliffenen Lyrik zu erfreue», den Gehalt seiner Dramen auszuschöpfen. Die Arbeiterschaft kann es nicht, das Bürgertum will es nicht. Die Hunderitausende von Goethebüsten, die Bände, die nie gelesen, jedes Bücherbrett zieren, die zumeist falsch angewandten Zitate, die Berge von Literatur über ihn, sind mehr Ausdruck des Nichtverstehenwollens und Richtverstehen- könnens, als fester Besitz seines riesigen geistigen Schaffens. Goethe Ivar beim Einbruch der kapitalistischen WirtschastSorduung in diese Welt der große geistige Repräsentant dieser aufbegchrendcn Klasse, obwohl er weiter in feudalistische Bezirke hineinragte als die bürgerliche Welt vorausahnte. Darum würde er trotz seiner im Grunde geuvinmen großen Unpopularität recht bald der große „Weltbürger" und seine Dichtungen hatten „Ewigkeitswerte". Die erste Generation der bürgerliche« Klasse schluchzte noch in den„W e r t h e r" ihre eigenen jungen Leiden hinein, denn noch waren für solche zarten Gefühle Raum in dieser Welt vorhanden, aber bald war es nicht mehr der„Welcher", sondern das Epos des bürgerlichen Besitzes und Eigentums, sein„Hermann und Dorothea", das zum Schullesestück über Jahrzehnte hinaus wnrde. Und je Problematischer diese ganze bürgerliche Welt, auch in ihrem Ueberbau, wurde, desto sehnsuchtsvoller ging man an des Dichters reifstes Werk, an den„Faust" heran. Im Zenith der Macht aber überließ man diesen Dichter den zahlreichen„Goethegesell- schaften" und vielen literarischen Kränzchen und Zirkeln. Im Abglanz dieser bürgerlichen Welt aber wird Goethe noch einmal zum großen Geschäft für Verleger und Buchläden. Wird er gelesen werden? Wer kann ihn noch heute lesen? Das ist die entscheidendere Frage. Nicht, daß man ihn nicht verstehe» würde; ist doch kaum ein Mensch und sein Werk so kommentiert worden, als gerade Goethes Dichtung. Wer aber bindet seine„Ewigkeitswerte" an zeitgeschichtliches Geschehen, wer kann sich in den! „Geist der Zeiten" hineiuversetzcn, die An-[ regung gerade zu solchem Schaffen gaben? Wer kann, ohne in seine Dichtungen viel Hineinzugeheimnissen, die Ivahren geschichtlichen Hintergründe erkennen? Wer empfindet heute noch die starke seelische Auslösung durch die Form und die Sprache seiner Werke? Wer kann es tvageu, sich seinem Geist zu unterstellen, ohne seine geschichtliche Aufgabe und Funktionen«ufzugcbeu? Solche Fragen erst einmal klar erkannt zu haben, heißt schon ein icht unbcdcutciides Stück Weg zu ihni getan zu haben. Ist erst so der Weg vorgezeichnet, dann kann er in klarer Sicht begangen werden. Weil sonnd sovielc Konliiientare über fast jede Zeile von ihm erschienen sind, weil eine Unzahl Gelehrter jahrzehntelang über sein Werk getüftelt hat, ist er der Arbeiterschaft immer unverständlicher geworden. Die zauberische Fülle der Gedanken über und un> Goethe lrai die Gehirne mehr umnebelt, als erhell!. Was Mehring in einigen seiner Aufsätze über i Goethe versucht nrid angcdrntet hat, hat bis I heute noch keine Bollcnduug gefunden. So Paradox es auch klingen mag: Wer Goethe verstehen will, muß zunächst einmal Marx begriffen haben. Wer Goethes Weltauffassung erspüren will, muß erst die materialistische Geschichtsauffassung erkannt haben. Zu wissen, wic'die Welt«m Goeche aussah, was sich damals ereignete, in welcher Uih* Welt Goethe lebte, ist eine geeignetere Bor» aussetzling zu seinem Verständnis als dir gedankenreichen Kommentare zahlreicher Philologen. Der historische Materialismus ignoriert nicht das geivaltige Geistesschaffen eines solchen Denkers und Dichters, aber er weist erst diesem Denken den bedingten Raum ein, er schildert nicht flächenhaft, sondern weift in die Tiefe, er gibt nicht nur«ine idcengcschichtliche Deutung, sondern erklärt wahre Ursachen. So gesehen, kann Goethe auch der heutigen Arbeiterschaft noch unendlich viel geben. Eine ungeheure Schöpferkraft war cs, die die eine ganze Welt umspannte, ein Leben ist hier gelebt worden, das alle Leidenschaften und tiefste Erkcnntnisie barg, Weisheiten kamen aus Jahrzehnten mühsamer Arbeit heraus, die nicht nur Generationen und Klassen, sondern zlvei Welten, die feudalistisclze und kapitalistische erfaßten und im zweiten Teil des Faust die kommende und noch nicht erfüllte, die sozialistische, erahnen ließen. Welt, Mensch, Natur und ihre Beziehungen zueinander,— Goethe machte den ersten Versuch, hier eine Einheit zu sinden. Aus- cinandergerijscncr als je sind heute solche Beziehungen. Goethes hohes Persönlichkeitsideal wird heute nur gelebt und ist nur möglich auf Kosten anderer, der„freie Grund" wird heute dem Volke mehr als je entrückt. „Wer strebend sich beniühl", wird heute eher erschlagen als„erlöst". Nicht wahllose audachts und pietä-volle Vertiefung in Goethe« Werk, sonder« bewußte und klare Erkeuntni« seines Wertes und seiner Begrenzung kann uns heute diesen größten Dichter• Deutscylauds näher bringen „Mehr Licht", das ivarcn nicht stlir Goethes letzte Worte, es war auch bald das Fanal der kapitalistischen Klasse;„Mehr Licht" braucht auch die heurige Arbeiterklasse zu ihren« Anstieg. Aber noch sind nickt die Fenster in das Mauerwerk dieser Gcsell- schaftsordnung gebrochen, damit es voll Hinei»strahle» kann. Noch hat die Arbeiterschaft nicht di« Freiheit der Erkenntnis, um — 2— l»arm meoet. Groster Brahma, Herr dar Mächte! Alles ist von deinem Samen, Und jo bist du der Gerecht«! Hast du den« allein die Brahmen. Nur di« Rajahs und die Reiche«, Hast du sie allein geschaffen? Oder bist auch dn's, der Affen Werden ließ und unseresgleichen? Edel find wir nicht zu nennen: Denn das Schlechte das gehört«ns. Und was andre tödlich kennen Das alleine das vermehrt«ns. Mag dies für die Menschen gelte». Mögen sie uns doch verachten; Ader du, du sollst uns achten. Denn du könntest alle schelten. Also Herr, nach diesem Flehen, Segne mich zu deinem Kinde; Oder eines laß entstehen. Daß auch mich mit dir verbinde! Denn du hast den Bajaderen Line Göttin selbst erhoben; Auch wer andern, dich zu loben. Wollen solch ein Wunder hören. I. W. Goethe. Goethes Geisteswelt voll auszuschöpfen. Noch ist das Hauptwerk Goethes Dichtung geblieben und keine Wahrheit geworden. Und der „Ewigkeitswert" seines Werkes wird erst in einer von Klassen und Klassenkämpfen freien sozialistischen Gesellschaftsordnung zu voller Bedeutung gelangen. Was dieser Dichter uns auf dem Wege hierzu mitgeben kann, davon wollen wir Besitz ergreifen. Goethes Geburtöstätte. Ter große Weltbürger Goethe verbrachte seine früheste Jugendzeit in der freien Reichsstadt Frankfurt a. M., die damals noch ein bedeutender Umschlagsplatz für den Warenverkehr zwischen den großen Handelsstädten war und sich zugleich zum ersten Gewmarkt für Deutschland entwickelt«.- In der breiten Straße mit dem schönen Namen„Großer Hirsch- graben" ist noch heut« das vornehm« Palrizierhaus erhalten, in dem er geboren wurde. Im Mittelalter wurden in der Tat in diesem Graben an der Stadtmauer Hirsch« gehalten, damit bei festlichen Gelegenheiten immer Wild- pret für die Tafel der hohen Stadtherren bereit war. Zu Goethes Zeiten hatte sich aber die Stadt schon über die alten Mauergrenzen hinweg bis hierhin ausgedehnt. Dennoch blieb hinter den Häusern noch Platz genug für große, gepflegte Gärten, in denen auch der behütete Sohu Wolfgang des gestrengen Herrn Rates gern mit seiner Schwester und Nachbarskinder spielt«. Noch heute ist davon«in Stück erhalten, wenn auch die hohen Fronten der Geschäftshäuser des neuen Zentrums jetzt bereits hier hcranreichen. Das Wohichans hat die strenge, nach oben sich erweiternde, übereinandergebaute Fassade der Bürgerswohnüngen jener Zeit. Eine schlichte Tafel macht den Fremden aus die hohe Ehr« dieses einfachen Hauses aufmerksam, in dem einer der größten Menschen im stillen Familienkreis« sein« Erziehung genossen hat. Neugierige Gesichter blicken oft durch die unteren. oerglilerwn Fenster, in di« noch aus;ener Zeit her erhaltenen Stuben. An den Wänden des weiten Flures hängen die' italienischen Stiche des alten Goethe, die den Sohn stets sehr interessierten und noch während seiner eigenen Jtalienr«ife in ihm lebendig waren. Goethe schreibt selbst in„Dichtung und Wahrheit": „Das Haus war für eine Privatwohnung ge- räuniig genug, durchaus hell und heiter, di« Trepp« frei, di« Vorsäle lustig und jene Aussicht über di« Gärten aus mehreren Fenstern bequem zu genießen." Der Lieblingsplatz des Knaben zum Spielen waren die großen, freien Korridore und«in hohes Frontfenstrr. von wo aus er das Leben und Treiben auf der Straße beobachten konnte. Di« Zimmer selbst sind sehr einfach eingerichtet. Die alten Musikgeräte, an denen Wolfgang van Privatlehrern Unterricht erhielt, sichen noch an ihrem Platze. Ost wird in den lauschigen Ecken der großen Zimmer Frau Aja dem gespannt zuhörenden Jungen ihre Märchen erzählt haben. Ihr eigentlicher Bereich, die Küche, sieht aus Hat der alte Hexenmeister Sich doch einmal wegbegeben! Und nun sollen sein« Geister Auch nach meinem Willen leben. Seine Wort' und Werke Merkt' ich und den Brauch Und mit Geistesstärke Tu' ich Wunder auch. Walle! walle Manche Strecke, Daß zum Zweck« Wasser fließe Und mit reichem, vollem Schwalle Zu dem Bade sich ergieß«! Und nun komm, du alter Besen, Nimm die schlechten Lumpenhüllen! Bist schon lang« Knecht gewesen; Nun erfüll« meinen Willen! Aus zwei Beinen stehe, Oben sei«in Kopf! Eil« nun und gehe Mit dem Wasfertopf! Walle! wall« Manche Strecke, Daß zum Zwecke Wasser fließe Und mit reichem, vollem Schwall« Zu dem Bade sich ergieße! Seht, er läuft zum Ufer nieder, Wahrlich! ist schon an dem Flusse Und mit Blitzesschnelle wieder Ist er hier mit raschem Gusse. Schon zum zweiten Male! Wie das Becken schwillt! Wie sich jede Schale Voll mit Wasser füllt! Steh«! steh«! Denn wir haben Deiner Gaben Bollgemessen!— . Ach, ich merk' es! Wehe! wehe! Hab' ich doch das Wort vergessen! Ach, das Wort, worauf am End« Er das wird, was er gewesen. Ach, er läuft und bringt behende! Wärst du doch der alte Besen! Immer neu« Güsse Bringt«r schnell herein. Ach, und hundert Flüsse Stürze» aus mich«in!\, wie ein Gijttnischerlaboratorium, mit einem breiten Rauchfang über dem Herde und blankgeputztem Zinngeschirr Das Leben im Hanse bot für einen Jungen genug abenteuerlich« Erlebnisse. Nicht nur, daß sein Vater viele Gäste enrpfing, wurden auch im siebenjährigen Krieg« viel« Offiziere fremder Mächte bei dem hochangesehenen Herrn Rat «inquartiert. Aber auch allerlei lustige Streiche vollbracht« der ausgelveckt« Wolfgang, wenn seine Eltern nicht zu Haus« waren. Als er eines Tages allerhand Geschirr auf die Straß« warf, ermunterten ihn die spottlustigen Nachbarn noch mehr außer seinem Kinderspielzeug aus der Küche zu holen. Dem Jungen gefiel das lustig« Zerkrachen des Porzellans auf der Straße, und so schleppte er nach und nach alles herbei, was er erreichen konnte, bis ihn jemand davon abhielt... Nein, nicht länger Kann ich's lassen; Mll ihn fassen. Das ist Tücke! Ach, nun wird mir immer bange-' Welche Miene! welche Blick«! O, du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen?■ Seh' ich über jede Schwelle Doch schon Wasserströme laufen. Ein verruchter Besen, Der nicht hören will! Stock, der du gewesen, Steh doch wiÄ>er still! Willst's am Ende Gar nicht lassen? Mll dich fassen, Will dich halten. Und das alt« Holz behend« Mit dem scharfen Beile spalten! Seht, da kommt«r schleppend wieder! Wie ich mich nur auf dich werf«, Gleich, o Kobold, liegst du nieder; Krachend trifft die glatt« Schärfe. Wahrlich! brav getroffen! Seht, er ist entzwei! Und nun kann ich hoffen Und ich atme frei! Wehe! wehe! Beide Teile Stehn in Eil« t Schon als Knechte Völlig fertig in die Höh«! Helft mir, ach! ihr hohen Macht«! Und sie lausen! Naß und nässer Wird's im Saal und auf den Stufen: Welch entsetzliches Gewässer! Herr und Meister, hör' mich rufen!— Ach, da kommt der Meister! Herr, di« Rot ist groß! Die ich rief, die Geister Werd' ich nun nicht los. „In di« Ecke, Besen! Besen! Seid's gewesen! Denn als Geister Ruft euch nur zu seinem Zwecke Erst hervor der alt« Meister." De» 3au0erle9rnng. — 8— Der«seist des 49tffen. Novelle von Grazia Deledda. (Schluß.) Er tvandte Plötzlich den Kopf ab, ließ jedoch ihre Hand nicht los, sondern preßte sie immer mehr in der seinen, die heiß und geschmeidig war; dann sagte er mit respektvollem Ton, den eine Erregung zu durchzittern schien:„Ich bitte dich um Verzeihung. Ich klopfte an, weil ich glaubte, daß deine Schwester hier wohne. Wie ich das Haus verschlossen fand, wollte ich mich davon überzeugen, ob es wirklich das Resa- rias sei." Valentina mußte lachen; wenn auch der Druck seiner Hand sie schmerzte— sie brach in ein Lachen aus. Die Glut dieser Hand stieg von ihrem Arm zum Kopf empor; abermals war sie berauscht wie vom Geruch des gärenden Weins: eine grundlose Fröhlichkeit bemächtigte sich ihrer. Sie hatte Lust zu scherzen, den Unoekannten ein wenig zu necken. „Man sicht, daß du aus einem Bergwerk zu uns heraufkommst, und die Welt nicht kennst," sagte sie ihn duzend:„Also ich bin Valentina Lecis» die legitime Frau des Doktors Bitterie Lecis, aber wie du siehst, bin ich eingeschlosien, während meine Schwester Resaria, die mit einem Manne lebt, der gar nicht ihr Mann ist, in ihrem Hause alle Freiheit hat, Gäste zu empfangen und zu tun, was sie will." Der Fremde schien nicht überrascht; er sagte nur philosophisch: „So geht es in der Welt." Er kehrte sich ihr zu und suchte auch ihre Handl zu fassen. Sie hatte große Lust, sie ihm zu geben; aber dachte an ihren Mann, und schämte sich eigentlich, so keck zu sein. Etwas Seltsames. Boshaftes zwang sie trotzdem es zu tun. Der Gedanke ihres Mannes ru spotten erblich Gelegenheit zu finden, sich für die Sklaverei, der er sie unterwarf. zu rächen, bestimmte sie zu dieser Willfährigkeit. Während sie gleichwohl immer wieder versuchte, sich vom Griff des Unbekannten zu befreien, fuhr sie dennoch fort, vertraut und ungezwungen mit ihm zu reden. „Ueberhaupt ist Resaria hundertmal glücklicher als ich. Ich sage es immer mei» nem Mann; ich würde das Los meiner Schwester dem meinigen vorziehen. Wenigstens hat sie ihre Freiheit. Der Mann, mit dem sie lebt, liebt und achtet sie mehr als Ehemänner ihre Frauen lieben und"achten. Sie ist unbeschränkte Herrin des Hauses und hat Geld und Schmuck. Aber das Wertvollste bleibt die Freiheit! Sie ist frei wie die Vögel in der Luft, wenn sie heute oder morgen die Lust anwandelt, auf und davon zu gehen, kann sie es tun, ohne jemand um Erlaubnis zu fragen. Und wenn du heute zu chr kommst, so würde sie dich sicher nicht wie die Frau des Doktors Lecis hinter Eisenstäben empfangen. Wenn du zu ihr gehst, sie wird dir öffnen und dir die Ehre erweisen, die dem Gaste gebührt, dich wie eine Dame— die sie ist— bewillkommen in ihrem schönen Zimmer mit dem Sofa mit dem Seidenüberzug, und— wie eine junge Gattin—■ wird sie Ringe an den Fingern tragen. Geh, geh hin," fuhr sie immer erregter fort,„ihr Freund ist nicht zu Hause; aber wenn er da wäre, sie würde dich ebenso empfangen: Sie ist frei: das ist alles! Das Haus liegt ein Stuck unterhalb der Kirche, Türe urü> Fen-! ster sind grün angestrichen; man kann nicht fehlgehen— es gibt dort kein zweites Haus mit grüner Türe und grünen Fenstern..." Sie schwieg Plötzlich, wie atemlos: in wilder Hast die Worte hervorstoßend, hatte sie sich an die Eisenstäbe geschmiegt, daß der Mann ihre Taille umfassen konnte und sein Gesicht beinahe das ihre berührte.„Wie du mir gefällst!" schineichelte er.„Schade, daß du mich nicht«inlassen kannst!" Sein Atem glühte; Valentina lehnte die Stirn gegen die Stäbe und fühlte ihr Blut fiebern. Niemals hatte sie ähnliche Wonne und ähnliches Weh empfunden. Und der .Hauch des Fremdlings strich über ihr.Haar, die Schultern herab, glitt in ihre Nackenfurche wie ein Sturzbad heißen Wassers, der das Toben in ihren Adern vermehrte: niemals hatte sie eine solche Seligkeit und solchen Schmerz verspürt. Aber Schritt«' näherten sich auf dem Wiesenpfad. Sie fuhr erschrocken auf und sagte leise: „Das ist mein Mann!" Und der Unbekannte wich sofort von ihr zurück, entfernte sich ohne jeden Gruß. Sie schloß das Fenster und zog sich rasch aus. Die Schritte verhallten. Sie verhallten. Es tvaren nicht die ihres Mannes gewesen. Oder vielleicht doch— aber jedenfalls Ivar er weitergegangen. Sie stand reglos mit nackten Füßen vor ihrem weißen Bett, die gelösten Flechten fielen ihr über die Schultern. Sie vermocht« nicht, schlafen zu gehen; tiefe Verbitterung wich nach und nach ihrer Verwirrung. „Was für ein Leben, heilige Maria!" sagte sie abermals— ohne hinzuzufügen: „Immer dasselbe!" Eine süße und gefährliche Hoffnung lebte auf dem Grunde ihres Herzens auf: daß der Unbekannte am nächsten Abend wiederkehren möchte; und etwas Schlimmeres, das gewiß nichts mit ihrem Herzen zu tun hatte, erwachte in ihr: Eifersucht und Neid auf ihre Schwester. Die sah jetzt, wie diese den Gast empfing,— den Herrn, der so schön gekleidet war, wie der Teufel, wenn «r— nach der Legende— menschliche Gestalt annimmt; sie sah, wie sie ihn empfing in ihrem reizenden Gemach mit dem seidenüberzogenen Sofa, ihm guten Wein vorsetzte und ihn mit ihrer gewinnenden, weichen Art, die immer Resarias größten Reiz gebildet hatte, um Nachrichten über ihren fernen Bruder— über das Leben und Treiben im Bergwerk— bat. Und er sah sie, mit dem Glas in der Hand, schweigend an; dann setzte er sich hin und ergriff ihre Hände:„Wir du mir gefällst!" Das lose Haar des Weibes zitterte vom heißen Atem des Mannes; er preßte ihr so die Hände, daß die Ringe ihr in die Finger schnitten. Valentina blieb nichts anderes übrig, als sich immer von neuem das herrliche Leben ihrer Schwester auszumalen: „Resaria ist glücklich: glücklicher als ich. Die Freiheit, die Juwelen, die Liebe, sie hat alles..." Wieder erschreckte sie ein Schritt. Sie richtete den Kopf auf, die gelösten Flechten flogen um sie mit der ungestümen Betve- gung eines die Mähne schüttelnden Füllens. Sie sprang erwartungsvoll aus dem Bett. Var es chr Mann? Sie hoffte es. Er sollte Leveusievre. Geh! gehorche meinen Winken, Nutze deine jungen Tage, Lerne zeitig klüger fein! Auf des Glückes großer Wage Steht die Zunge selten ein; Du mußt steigen oder finke«. Du mnßt herrsche« und gewinnen Oder diene« und verlieren, Leide« oder triumphieren, Amboß oder Hammer sein. I, W. Goethe. nur die Frage wagen, warum sie noch wach war! Es war Zeit, damit ein Ende, zu machen, die Ketten der Knechtschaft zu brechen! Sie war zum Auftrotzen bereit. Aber auch diesmal ging der Schritt vorüber, und sie ivarf sich, nervös weinend, inS Bett. Am anderen Morgen wurde Resaria in ihrem schönen Zimmer mit den Nußbaummöbeln— auf dem Seidensofa— erwürgt aufgefunden. Das Geld und die Edelsteine, worum sie die Schwester beneidete, waren verschwunden. Valentina und ihr Manu lagen noch zu Bett, wie die alte Dienerin, ganz außer sich, die Nachricht überbracht«. Der Doktor erhob sich, ohne ein Wort zu -sagen, während Valentina entsetzt ans ihren Kiffen auffuhr und schrie: „Er ist es getvcsen! Er ist es gewesen!" Und sie erzählte verworren den Besuch des Unbekannten. Der Doktor hieß die Magd hinausgehen, dann faßte er seine Frau bei den Schultern und zivang sie, liegen zu bleiben.„Du bist krank", sagte er mit erzwungener Ruhe.„Du hast geträumt und wirst dich wohl hüten, jemand anzuklagen, und vor allem wirst du nichts davon erzählen, daß du einem Unbekannten das Fenster geöffnet hast. Deine Schwester empfing jedermann. Und jetzt bringe ich auch ein Vorlegeschloß an deinen Fenstern an." Und er zwang sie, im Bett zu bleiben. Sie weinte, besonders weil sie immer daran denken mußte, daß sie das Haus ihrer Schwester dem Unbekannten bezeichnet hatte und sie suchte sich davon zu überzeugen, daß dieser nichts anderes war, als der Geist des Bösen, der sich in einen junaen Mann verkörpert hatte, aber in der Nacht fühlte sie sich in ihrer einsamen Kammer ruhiger, iveil ihr Mann das Fenster mit dem Vorlegeschloß versehen hatte. Aus dem Italienischen übersetzt von Kunde Grazia. Goethe als Prophet. Zu Knebel:„Das Bier mach: das Blut dick und verstärkt die Berauschung durch den narkotischen Tabakdampf. So werden di« Nerven abgestumpft und das Blut bis zur Stockung verdickt. Wenn es so fortgehen sollt«, wir es den Anschein hat, so wirb man nach zwei oder drei Menschenaltern schon sehe«, was dies« Bierbäuche und Schmauchlümmel aus Deutschland gemacht haben. Und was kostet der Greuel! Schon jetzt gehen 25 Millionen Taler in Deutschland in Tabakrauch auf, die Summe kann auf 40, 50, 60 Millionen steigen. Und kein Hungriger wird'gesättigt, und Nackter gekleidet: Watz könnt« mit dem Gelbe geschehen!" — 4— Grziehungsgrdantrn bei Soeihe Di« Jugend ist um ihretwillen h«r. Es wäre töricht zu derlangeu: Komm, ältlr mit mir! * Habe Geduld mit Kindern und last« sie nach ihr«r Weije aus dem großen Born ihr Teil schöpfen nrrt» genießen! * Täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du den Armen Allen Mut iit der Prust, t, Er gehr bei-uns alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Ratur, alle Originalität und all« Wildheit aus« zutreiben, so daß am Ende nichts übrig bleibt als der Philister. Die väterliche Meinung,-aß sich der Sohn nirgends besser entwickel« als in Gegenwart des Vaters, ist ein holder väterlicher Irrtum. Ter Mensch hat verschieden« Stufen, die er durchlaufen muß, und jede Stufe führt ihre besonderen Tugenden und Fehler mit sich, di« in der Epoche, wo st« Vorkommen, durchaus als naturgeniäß zu betrachten und gewissermaßen recht sind. Sobald bei eineni Kinde, jungen Menschen ausfallende, gefährlich« Eigenschaften hervortreten, soll man denken, daß die Eigentümlichkeit«« nicht richtig anfgesaßt seien und das Kind also falsch behandelt wurde._ Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so mache« wir sic schlechter; wenn wir sie l>«handelu, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen„sind. Niemand glaub«, di««rsten Eindrück« der Jugend überwinde» zu können. Das Gebet. Im Vorjahr übernachtet« ich einmal bei eineiu bekannten Bauern und hörte, wie sein Weib betete. Als alles in der Stube still geworden war, ging die Alte auf bloßen Füßen znm Heiligenbild, knietet« hi.n, schlug ein Kreuz nach dem andern und begann zu flüstern: „Allerheiligstc Mutter Gottes, höre mich an und erbarme dich meiner. Ich wohne in der letzten Hütte des Torfes." Lange bekreuzigte sich di« Alte und verneigt« sich vor dem Bilde, betete nm verschiedene Gnaden und gab, bei jedem Mal ihre Adresse an: die letzte Hütte im Dorf«. „Großmutter,!" sagte ich, als sic mit dem Beten fertig getrwrdru war.„He, Großmutter! Ist denn eure Hütte die letzte'? Tie legte Hütt« steht doch hinter eurer." „Nein," erwidert« di« Alt«,„das ist. gar keine Hütte, das isi ein Schuppen, Gott tveiß -ar." „lind doll». Großmutter,", jagte Ich,„kann sich da«ine Unannehmlichkeit auswachsen, lvenu die Adresse nicht d:« richtige ist."' „Glaubst du?" tragt« die Alt«. Und wa«die sich wieder zuui Bilde, kniet« nieder und jagte: -„Allerheiligstc Mutter Gottes, hör« mich an und erbarme dich meiner. Ich wohne,in der letzten Hütte d«s Dorfes. Das daneben ist«in Schuppen." Lichtman-el der Stuben pflanzen. Von Dr. R. H. Frone«. Wer möchte wohl, wen« er sich als Großstädter die Freuden eines eigenen Gärtchens versageu muß, darauf verzichten, sich nicht we»tigst«nS am Fensterbrett oder Balkon ein« klein« grüne Oase in die Staubulliste seines Wohngehäusts zu schaffen, und seien es nur ein paar Pelargonien, ein Stachrlkaktus, ein« Azalee, ein. Topf voll Zierspargel oder ein Efeuslock! Wi« es Hausfreunde unter den Tieren gibt, gleich den Hunden, die dem Mensch«» überallhin folgen, auf di« Hochebeu« Tibets und Perus und in die eisige Polarnacht Grönlands, wo sie kaum die ihrer Art zusagenden Lebensbedingungen finden, so begleiten auch«inige Pflanzen, den Menschen in seine dunklen„Wohnhöhlen", die geivitz nicht geeignet sind, einem nur durch das Licht lebenden Geschöpf als dauernder Aufenthaltsort zu diene».' Einzelne Gewächse, so namentlich der Lorbeer und di« mit unserem heimischen Maiglöckchen noch verwandte Schildblume, welch« aber, die wenigsten der Blumenfreunde unter diesem Namen kennen, da sie die Gärtner als Aspidistra. verkaufen, sind in ihr«m Lichtbedarf so anspruchslos, daß man sie auch in eine völlig dunkle Zimmereck« stellen kann, ohne daß sie«ingchen. Der Lorbeer erträgt sogar monatelang völlige Dunkelheit ohne wei-! teren Schaden. Reben diesen„hartlanbigcn" Gewächsen gibt es aber auch andere, die sich keineswegs in unser« Stube bequemen wollen. Schon die Kapuzinerkresse(Tropaeolum) verkümmert, wenn sie nicht unmittelbar am Fensterbrett steht; ihre vckn Ratur aus langen und! dünnen Blattstiele strecken sich durch Wachstum unwahrscheinlich lang und halten di« merkwürdigerweise in der Mitt« an ihr ange- wachsene Blatischeibe mit einer wahrhaft sehnsüchtig anmutendcn Gebärde gegen das lichtspendend« Fenster hinaus. Sie beweisen damit, daß di« Pflanze den Lichteinsall wahrninim't' und in ihrem Wachstum«in Mitt«! besitzt, um ihr« Lebenslage durch Bewegung, durch Ortsveränderuug zu verbessern. Dem Gärtner war das von jeher bekannt; er nannte eine' solche, durch das„Streben", nach besserer Beleuchtung zn übermäßigem Wachstum angeregte, gewöhnlich auch durch mangelnd« Blatt» grünbildnng blasst und ihrer natürlichen Form entkleidet« Pflanze„v^rgeilt" und wußt« sehr gut, lvarnm er eine«rfolgrriche Zimmer-! blumengärtnerei eigentlich nur in Glashäusern mit Oberlicht unternehmen wollte. Die meisten der von Blumenfreunden gepflegten Zim- j merpslanzen sind mehr oder minder vergeilt und verraten ihren Lichthunger zumindest durch ihr« einseitige,' von der Feusternähe bc- slimune Gestatt. Sehr viel« und gerade die schönsten Gartenblumcn eignen sich daher aus ihrem großen Lichtbedürfnis gar nicht für di« Stubenpflrgc, und so zeigt uns schon die erste Betrachtung unseres Blumenstensters das große pftanzengeographischc Gesetz: Das Licht regelt di« Verbreitung der P f l A.it ze n. i s Es ist freilich' nicht der Lichtmaugel allein, d«r«ine Menge von Pflanzen- untauglich zu unsere»! Stubengenosseu»»acht. An sich ist er Wohl der wichtigst« Faktor, den» wen« der Wiener Botaniker I. W i« s n« r herausg«- f» u d r n hat, daß l% Meter von einem Feufter in einer- Sradlgasse«ntstrnt nur ei» Sechzigstel der Lichrmenge herrscht wie auf einer Wiese im freien Felde, so verrät das Beleuch- tungsverhältnissr, die in der Natur fast nie-- mal? an vegrtationsreichen Orten Vorkommen. Denn selbst au» Boden des dichten Tannenwaldes herrscht noch ein Dreißigstel der Lichtmenge, die«in« Wiese trifft, und es ist jedermann, der auf seinen Spaziergängen auch nur ein wenig auf die Ratur achtet, bekannt, wi« pflanzenleer das Waldesinnrre unter den Bäumen eigentlich ist. Der Riese. Aus dunklen Tiefen tagesempor, sonnen, hungrig, ringt«in Riese. Seine Schläfen triefen von Schweiß. Mühsalheiß durchs Trümmertdr, quadenvälzend, schicksalstrotzig, bricht er sich Bahn. Ehern di« Stirn, Muskeln von Stahl, in seinen Adern kreisen der Menschheit Sehnsucht und Qual. AuS seinen Augen zucken unauslöschlich« Strahlen des Lichts, und ob sie mit goldenen Händen ihn Niederdrücken und schön-, den, der Ries« läßt sich nicht'ducken und Nächst mit gewaltigen Nucken aus dem verachteten Nichts. Karl H e n ck e l l. ewvaaawwaaa ww f yr i GchachGcke. Alle Zuschrlslen and Anfragen an Gen. Wenzel Echo roch. Zwettnitz Nr. Kn bei Teplib-Schöuau. Allen Anira-eii isi Slewnrmarke Seizulegen Schachaufgabe Nr. 77. Von Gen. Gerhard Kraue. Turn. Schwarz: Kd7; TbS, h6; Lf7; Se4: Be6. e7(7), abcde V g h Weiß: Kd4; Df6; Tc8, h7; IJ>5. g3; Sa7. b7j Bd3, f4(18). Matt in zwei Ziijrenl Lösungen sind bis längstens 14 Tage nach Erscheinen der Ausgabe an Wenzel Scharoch, Zwettnitz, oinznfciwen. Lösungszug zu Nr. 74: T»8-48! Richtige Lösungen sandten nachfolgende Genossen ein: Hhna Franz und Hhna Josts, Hosto- mitz; Mikuleekh Heinrich, Arbesan; ProkK Kranz, Schönfeld: Kottsrred Hans unb Utibfl Hans, Holeifchen bei Staab; Hieke Joses, Nlarkersdors; Zeukert Eduard, Schaiba(in der cingcsandtrn Ausgabc dürste es sich nm einen Druckstlster handeln); Wenzel Adolf, Arnsdorf bei Haida: Dinne- bier EmlL Teischen; Münmch Heinrich, Zwickau: Hoher Otto, Saaz; Dotzauer Joses, Seestadtl: Mitdorf Adolf, Tifihau; Walter Ludioig, Rob.-k Franz, Schmied Ferdinand, alle Kwsttau; Kraus iscihard. Turn; Beutet Wilhelm, Arnsdorf bei Tetschrn:«Sriminer Emil, Katarinaberg, Triltsch Gustav und Qual Adolf, Wistcrschan; Ulbert Rudr-if, Prosscditz; Selimacher Arthur, Zwettnitz. Nachtr>>g zu Nr.