Mr. 130. Adomrrmtnt« Bedingungen: Bbonnement»-Pret« pränumerando: «ierteljährl. 320 Mb, wonatl. 1,10 Sit., ivöchenlltch SS Psg. frei in» Hau». Einzelne Nummer S Pfg. Sonntag»- Nummer mit tllustrtrter Sonntag»- Beilage.Die Neue Welt» 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitung»- Preisliste für ISS? unter Nr. 7437. Unter»reu, band für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für da» übrig« Ausland 3 Marl pro Monat. Srscheini täglich»»her Wonlag». Devlinev VolKsblAlt. 14. Jahrg. Die Ittstrtions-Geliglir beträgt für die fechSgefpaltene Kolonel- »eile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versanimlungs-Anziigen, sowie Arbeitsmarlt 20 Pfg, Inserate für die nächste Nummer müssen bi» 4 Uhr nachmittag» in der Erpeditton abgegeben werde». Tie Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis a Uhr vormittag! geössnet. Fernsprecher: Sink l, Nr. 150S. Telegramm-Adresse: „Solialdriuokrak vrrlin". Dentvawrgan der sozialdemokratischen Partei Deutschtands. ZtedaKtiott: SW. 19, W-uly-Straße 2. Dienstag, den 25. Mai 1897. K-rpedilio»; SW. 19, Meuly-Straße 8; Dns chvifllilsxe EnropK. Als dieser Tuge die Türkei nach Zertrümmerung dessen was man euphemistischer Weise die griechische Armee genannt hatte, nm sich gegen künstige Angriffe zu sichern, eine„Be richtigung' der Grenze forderte— was in ähnlichem Fal jede europäische Macht gethan hätte,— da ertönte au einmal in der Rcgierungsprcsse sämmtlicher europäischen Länder— voran in der russischen und englischen— der Ruf: das ch r i st l i ch e Europa kann uimnier- mehr dulden, daß ein den Ungläubigen von Christen entrissenes Stück Land wieder in den Besitz der ungläubigen Türken zurückkehre. Bon allen europäischen Regierungsblättern erscholl der Ruf unisono und in so gleichmäßigem Tempo in so voNständiger Harmonie, daß ein Nichteingewcihtcr für einen Moment wirklich an das„europäische Konzert* glauben konnte. Und es gab auch sehr viele Liberale und sogar Temokraten, die den Ruf ernst nahmen und in Verzückung ge riethen. Denn„chrfftlich* das hieß hier türkenfeindlich, und türkenfeindlich ivar griechenfreundlich, und Griechenland ver- trat ihnen den Liberalismus und die Demokratie. Mit dieser letzteren Auffassung wollen wir uns hier nicht befassen. Aber etwas mehr Gedächtniß wäre den verzückten Liberalen und Demokraten, namentlich den englischen„Forward* Leuten, die in besonders hochgradiger Extase sind, doch zn wünschen gewesen. Und gerade die Griechen freunde, oder in klassischer Betitelung: die Philhclleiien hätten bei dem Worte„christlich* bedenklich werden sollen. Denn als der Philhellenismus nach dem Sturze Napoleon's vor Ende des ersten Jahrhundert-Viertels geboren ward, da umstand das„christliche Europa* seine Wiege, trachtend, Kindlein entweder Knechtsdienste» zn weihen oder ihm den Hals umzudrehen. Dieses christliche Europa, dessen christlicher Mnsikdirigent damals scholl wie heute in Petersburg saß, hieß die Heilig Allianz, deren pomphaft verkündetes Ziel es war: die europäischen Staaten nach christlichen Grundsätzen zn leiten— und die Völker zn ch r i st l i ch e r Demuth und in der Furcht des Herr» zu erziehen. Damals hatten«vir das christliche Europa und die Heilige Allianz. Heute steht das christliche Europa wieder au und die Heilige Allianz ist das Ideal der iuternationaleii Pfaffen- und Polizei-Reaktion. Das christliche Europa ist übrigens von dem christlichen Zar Alexander und seiner Betschwester und Buhldirne, der Frau von Krüdener, nicht erfunden worden. Sie nahmen es aus der Geschichte des Mittelalters— ans der schönen Zeit der Kreuzzüge, wo, geführt von betenden und verfluchenden Mönchen, die christliche Ritterschaft das Grab des Heilands vor dem wachsenden Halbmond Muhanied's retten wollte, um das Kreuz Christi über die ganze Erde zu pflanzen. Dieses Europa— betrachten wir es; sehen wir, was es i st. Ein duftender Blumenstrauß von sechs Staaten, in welchen die Blüthe des praktischen Christenthums sich uns dar stellt. Obenan Rußland und seine Muster- Drciherrschafl der Knute, des Popen und des Schnapses. Polen g e- »nordet, Dutzende anderer Nationen gemordet, Protestanten, Katholiken verfolgt, die Inden aus dem Lande gejagt. Dann England: Irland geknebelt, Indien ausgeplündert, drei Millioncil Jndier dem Hungertode überliefert in dem von der Natur so»vunderbar reich ausgestatteten„Garten der Menschheit*. Drittens Frankreich: vor 27 Jahren Zehntausende von Arbeitern geschlachtet,»veil sie an die Freiheit und Gleichheit der Republik glaubten. Und Heka tomben von Menschenleben alljährlich geopfert ans den» Altar der Kolonialpolitik. Panama— Millionen gestohlen. Viertens Deutschland: Sozialistengesetz und Umsturzgesetz. Ent rechtung des Volks. Judenhatz und Militarismus. Orgien des Kapitalismus. Kultnrthaten der Leist, Wehlan und Peters. Fünftens Oesterreich: Arbeiter- Metzeleien; Hunde und Katzenkrieg der verschiedenen Nationalitäten. Sechstens Italien: Pananmio; Crispi-Politik mit Belagerungs zustand, Sozialistenhatz, Raub und Ätordbrennerci im eigenen Land, und in den Kolonien. Zu diesen sechs Mächten die Türken sagen spottend:„die sechs Ohnmächte*, los six impnissances— können wir noch als würdig, dein schönen Bund anzugehören, das allerchristlichste Spanien hinzurechnen, das mit Frankreich um die Wette nach der Ehre geizt, christlicher zu sein als alle anderen christliche» Staaten— in Spanien: Abschlachtung der verhungernden Bauern in Andalusien; die Folter von neuem zur Staatsinstitution er- hoben, Maffenmorv auf Kuba und den Philippinen.— Das ist das„christliche" Europa. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!* heißt's in der Bibel. Und die j ü n g st e n T h a t e n de? christlichen Europa— seine Thaten in den griechisch-türkischen Wirren; zählen wir sie auf: Aiistifhmg des Bürgerkriegs in der Türkei. Armenische Greuel. Kretischer Aufstand. Ströme von Blut vergossen. Und so ziemlich jeder Blutstropfen die Blutschuld des- selben Europa, das die Greuel mittelbar oder unmittelbar hervorgerufen hat. Geschrei nach Reformen in der Türkei, und Veriveigern von Reformen im eigenen Land. Hetzen der Türken gegen die Griechen und der Griechen gegen die Türken. Gezänk um die Erbschaft des kranken Mannes, den möglichst rasch unter die Erde zu befördern die europäischen Aerzte seit den Zeiten der heiligen christlichen Allianz sich redlich abmühen. Brandstiftung auf Kreta; Löschversuche auf Kreta— die Aufständischen kajolirt und boinbardirt. Heuchlerische Friedensbethcnernugcn mit hinterlistigen Kricgszcttclungen; der Krieg zivischen Griechenland und der Türkei, den ein ernstes Wort verhindert hätte, durch Diplo matenkunst zur Nothwendigkeit gemacht. Das sind die jüngsten Leistungen des heutigen Europa Das unglückliche, in sein Verderben getriebene Griechem Iniid mit seinen verwüsteten Provinzen, seinen eingeäscherten Dörfern, seinen tansenden von gctödteten und zu Krüppeln geschossenen Söhnen, seinem auf Jahrzehnte vernichteten Wohl stand ist ein rauchendes Tcnknial der herrschenden Politik in Europa. Noch einmal: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen Und was hat Europa durch sein Thun erreicht? Hat es wenigstens den Weltfrieden gesichert? Eine humane, den Forderungen der Zivilisation entsprechende Lösung der Orient frage angebahnt? Nichts von alledem. Die christlichen Mächte Europa's sind heute von demselben Mißtrauen, demselben Konkurrenzneid gegen einander durch glüht,»vie vorher; und im Märcheu-Lande der Pyramiden, auf den Rosenhügeln der Balkanhalbinscl, auf dem„Dache der Welt* in Mittelasien und im schicksalsschivangcrcn Ostasien in Japan und dem Hhnmlische» Reich, überall glimmen tanseudc von Lunten neben tausende» von Pnlvcrsässern. Jede der Mächte, die in diesem Jntrignenstück»nitgewirkt haben— bei dem Deutschland und Oesterreich mehr die Rolle der Zuschauer und des antiken Chors spielten— hat die anderen Mächte nach besten Kräften betrogen. Und das einzige Erfreuliche in dieser schmachvollen Tragikomödie des Lugs und Betrugs ist, daß die Mächte nicht blos einander, sondern daß sie s i ch selber betrogen haben. Die Türkei, der sie verschiedene Pülvcrchcn zum ewigen Schlaf eingaben, hat die Mixturen ihrer Aerzte merkivürdig gut überstanden sie n>uß trotz ihres Heidenthums einen ebenso guten Magen haben,»vie die christliche Kirche— und sie ist heute»vcit ge- sunder und weit kräftiger als vorher. So könnte die Tragi komödie denn getauft»verde»»— der betrogene Be- trüge?. Oder»vir kennen einen noch passenderen Titel. Als vor einigen Wochen„der b l a m i r t e Europäer in Windthorst'schem Gedankenschritt al»f die Tribüne des Reichstages hinaufstieg, da fragte man sich: Woher stammt der rälhselhafte Ausdruck? Was ist der Ursprung und die eigentliche Bedeutung? Nieniand wußte zu antworten. Heute fragt keiner mehr, denn im grellen Lichtschein beispiellosen Fiaskos und beispielloser Blamage steht heute vor der Welt das b l a»n i r t e Europa. Viv Vermikkelung dev Lttiiäike zwischen der Türkei und Griechenland geht ihren langsamen Gang Am Sonnabend versammelten sich die Botschafter in Konstantinopel zmeimol, ivorauf sie über das Ergebniß der Verhandlungen an ihre Regiernngen benchteten. Sämmtliche Botschafter waren in betreff der türkischen Friedensbedingungen einig. Die Forderung wegen Abtretung Thessaliens wurde ohne weiteres als indiskutabel ver- worsen, die Frage wegen Aufhebung der Kapitulationen»vurde im Prinzip abgelehnt und das Verlange» wegen Abschlusses eines AnsliefernngsvertrageS stillfchiveigeud übergangen. Nur über die Höhe der Kriegsentschädigung fand eine längere Diskussion statt, in ivelcher sich ein Theit der Botschafter für ö Millionen Psund (1 türkisch Psund � lS.S4 M.) erklärte. Eine Ergänzung dieser Mitlheilung kommt aus R o m. Danach haben die Botschafter in Konstantinopel Instruktionen erhalten, der Türkei die Grenzberichtigung strategischen Charakters mit dem Bor- behalt zuzugestehen, daß die abzutretenden Landstriche nicht bewohnt sein dürfe». Bis zur vollen Kriegsentschädigung sollen die Türke» nur Bolo und Larissa besetzt halten. I» Athen verharrt man darauf, so gut»vie nichts dem Sieger gewähren zu wollen. Die Türke», so begründet man diese Haltung, habe» den Krieg vom Zaun ge- krochen. Selbst die Kretafrage wird vom Ministerpräsidenten Ralli in einer Weise besprochen, daß weitere Schwierigkeiten in Aussicht stehen. Derselbe äußerte, wenn»nan den Rückzug der griechischen Truppen nus Kanea, die An- erkennung der Unabhängigkeit der Insel,»in die Friedens- vermittelung der Mächte zu erlange», ohne besondere Erregung hinnahm, so sei dieses nur in der festen Ueberzeugung geschehen. daß dieser Verzicht eine Förmlichkeit ohne endgiltige Wirkung sei. Die Ueberzeugung lebe, daß keine Macht die Vereinigung der Insel mit Griechen- l a u d hindern könne, und daß es den Großmächten nicht gelingen»verde. eine selbständige Ver- waltung einzurichten, selbst»venu Ströme Blut darum ver- gössen würden. Nach der Stimmung in Athen ist anzunehmen, daß das griechische Volk den Frieden nur annehmen»verde, wenn er weiter nichts koste, aber jeder demüthigen- den F o r»n des Friedens»verde es de» Kampf bis anfs Messer, den Volkskrieg, vorziehen; es fehle nicht an Thaten,»velche diesen Gesinnungen Ausdruck geben. Es besteht offenbar ei» starker Gegensatz zwischen der griechischen Regierung und der Volksmasse«inerseils und der Dynastie anderer- seits. Der König will den Frieden, er»vünscht nur Ruhe und läßt die Großmächte alles erledigen. So spitzen sich die Verhältnisse zwischen ihm und dem Kabinet immer schärfer z». Man fürchtet, daß bei Rückkehr der Truppen»ach Athen stürmische Ereignisse ein- treten»verde». Schon jetzt wird mitgelheilt, es habe die Rückkehr von 600 Irregulären aus EpirnS große Bestürzung in Athen hervor- gerufen, da dieselbe» sich eines Eisenbahnzuges bemächtigten und bisher noch nicht entivaffnet werden konnten. Ueber die Herstellung der neutralen Zone und einige andere Vorkommuisse liegen folgende Nachrichlen vor: L a m i a, 22. Mai. Major Carbonnis, Hauptmann Coudoyannis und der französische Militärattachs Hauptmann de Wimpffen, der sich zur Zeit im griechische» Lager besindek, werden eine Abordnung bilden, die in Gemeiuschast mit türlischen Offizieren eine neutrale Zone abgrenzen wird. Athen, 23. Mai. Die Abgrenzung der neutralen Zone ist nunmehr erfolgt. Die nach Lamia zurückgekehrten griechischen Ossiziere berichten, durch die Anordnung betreffend die Errichtung einer neutralen Zone würden die beiderseitigen Heeresabtheilungen an- gewiesen, soweit zurückzugehen, daß ein Raum von 800 Metern Breite zwischen den Vorposten frei bleibt. Die Pässe seien in die neutrale Zone mit einbegriffen mit Ausnahine des Phnrka-Passes, welchen die Türken besetzt hallen. Athen, 23. Mai. Bei Zaverda hat zwischen den italienischen Freiwillige» des Obersten Berthet und Bürgern ein blutiger Zusanimensloß stattgefunden. Zwei Personen»vurden dabei gelödlet und zehn venvundet. Di« italienische Truppe wird unter Be- gleitung zweier Kriegsschiffe nach Italien zurückgeschickt»verde». Wien, 24. Mai.(Privat-Telegramm der„Nordd. Allg. Ztg.") Die Aushebung der Blockade Kreta's, über welche jetzt verhandelt wird, dürfte demnächst erfolgen, jedoch nur theilweise, weil die Landung von Waffen, Munition und Truppen auch ferner unzulässig bleiben muß. Ein Theil der Blockadeschiffe, auch öfter- reichische, werden nach den Häfen von Saloniki und Smyrna dirigirt, um alle» Eventualitäten vorzubeugen. Rußland und England werden ihre Schiffe;von Kreta nicht zurückziehen. Die Ernennung des Gouverneurs für Kreta wird seitens der Mächte erwogen, da sie für die Durchführung der Autonomie dringend ist. Jetzt soll Prinz Battenberg, der auch dem Sultan genehm wäre, in belracht kommen. Für spätere Zeit ist die Entwaffnung der Insurgenten aus Kreta ins Auge gefaßt. Wenn den Mächten hierzu die Mög« lichkeit gegeben, sollen die Kriegsschiffe sämmtlicher Großmächte bei Phaleron in Hinblick aus mögliche Vorkommnisse in Athen ver- sammelt werden. Kanea. 23. Mai. Oberst Sloikos hat sich heute Vormittag mit den letzten griechischen Truppen eingeschifft. K o n st a n t i n o p e l, 22. Mai. Die gegenwärtige Stärke der türkischen Armee in Thessalien beträgt KS 000 Mann Infanterie, lS00 Mann Kavallerie und 204 Geschütze. London, 24. Mai.„Daily Graphic" meldet. Oberst ManoS habe im Gefängniß einen Selbstmordversuch gemacht. Athen, 24. Mai. Die zweite Vertheidigungslinie bei de» Thermopylcn ist formirt. Sofia, 22. Mai. Gegenüber den Meldungen ausländischer Blätter, nach welchen die Stimmung in Bulgarien gegenwärtig keine besonders friedliche wäre, versichert die„Agence Balcaniqne", die bulgarische Regierung und die bulgarische Nation erwarteten un- geduldig das Ende des Krieges, um die Durchführung der für ganz Makedonien verheißenen Reformen kennen zu lernen. In der französischen Kammer wurde am Sonnabend die Re« gierung über die Orientpolitik inlerpellirt. Hierüber verweisen wir auf unsere Korrespondenz aus Paris weiter unten. polikifcho AebevMxk. Berlin, 24. Mai. Nus dt in Reichstage. Wenn es in dem bisherigen Tempo fortgeht, dann ist wirklich nicht abzusehen, wann die zweite Lesung der Handwcrkervorlage zu Ende gebracht werden soll. Die Rechte, welche in dieser Frage Hilfstruppe des Zentrums ist, hetzt Jahr aus Jahr ein hinter den Hand- werkern und stachelt dieselben zu immer weitergehenden zünftlcrischen Fordernngen auf. Liegt aber, wie jetzt in der Handwerkervorlage, ein Ergebniß dieser Agitation vor, dann sind es gerade die Junker von der Rechten, welche durch ihre Abwesenheit von den Verhandlungen beweisen, daß sie in Wirklichkeit den Handwerkerintereffen nur mit dem Gefühle vollständiger Wurstigkeit gegenüberstehen. Wäre diese Gleichgiltigkeit bei den Junkern nicht vor- handen, so hätten sie mit dem Zentrum und den National- liberalen die große Masorität und die der Linken jetzt so häufig vorgeworfene Obstruktion könnte gar nicht geübt werden. Uebrigeus ist das Geschrei über diese angebliche Obstruktion einfach hinfällig. Was thut denn die Linke, daß die Anhänger der Zünftelei sich so toll geberden? Die Linke verlangt, daß die Anhänger der Vorlage anwesend sind und mit ihrer Abstimmung auch die Verantwortung für die Vorlage übernehmen. Haben die Junker nicht so viel Interesse an derselben, daß sie für sie ein paar Sitzungen zu opfern vermögen, dann muß dies eben vor dem ganzen Lande konstatirt werden. Dies geschieht aber durch die Benutzung der Geschäfts» ordnungsniäßigen Mittel der Auszählung und der nament- lichen Adstimmung, wie sie in den letzten Tagen von der linken Seite des Hauses wiederholt gehaudhabt worden sind und wenn uothwendig, auch weiterhin beantragt werden. Die Herren aus dem Zentrum und von der Rechten mögen noch so sittlich entrüstete Reden halten, das hilft nichts. Sorgen ie dafür, daß die leeren Reihen der Rechten besetzt sind, dann verschwindet die Obstruktion von selbst. Nebst bcu endlosen Ceichästsordnunczsdebatten konnte der Ncichstag heute mir zwei Paragraphen der Handwerkervorlage erledigen, worauf sich bei der zweiten namentlichen Abstimmung die Beschlußunfähigkeit des Hauses ergab. Es waren nur 1S3 Abgeordnete anwesend. Der Präsident setzte hierauf eine zweite Sitzung auf eine Viertelstunde später an mit der Vorlage betr. die Aeuderung der Gewerbe-Ordunug und des Krankenkasseu-GesetzeS(Hansarbeiter in der Koufektionsbranche:e.) auf der Tagesordnung. An der Diskussion iiber diese Vorlage betheiligten sich die Abgg. M e r b a ch(Rp.), Q u e n t i n(natl.), M o l k e n b u h r, Rösicke, Richter, Prof. Hitze(Z.) und B a s s e r- m a n n(natl.). Den Herren Liberalen scheint die Vorlage zu weit zn gehen, besonders aber sind sie nicht geneigt, dem Bnndesrath die verlangten Vollmachten einzuräumen. Molken- buhr erinnerte sie daran, daß gerade Herr v. Herst es war, der seinerzeit unter dem Eindruck des Berliner Streiks derKonseklions« arbeiter, namens seiner Partei, viel weitergehende Forde- rungen ausstellte, als sie jetzt in der Regierungsvorlage ent- halten sind. Schließlich wurde die Vorlage au eine Kommission von 14 Mitglieder» verwiesen. Morgen 12 Uhr: Fortsetzung der Berathung der Hand- werker-Vorlage. Die Verhandlungen beginnen mit der nament- l i ch e n A b st i m m u n g über den ß 1001 der Vorlage. DaS preußische Abgeordnetenhaus erledigte heute in dritter Beraihung de» Gesetzentwurf betreffend die Erweiterung des Staatseise n bah»-Netzes und die Betheiligung d e s S t a a t e s an d e in B a u von Kleinbahnen sowie an der Errichtung von l a u d w i rt h s ch a ftl i ch e n Getreide-Lagerhä usern und beschäftigte sich sodann mit dem Antrag Euler(Z.) betreffend Förderung des Fach- schul wesens. Der Antrag verlangt, daß die Regierung Maß- nahmen trifft und vom nächsteu Elatsjahr ab Mittel bereit stellt, wodurch auch das Fachschulwesen der Innungen mehr gefördert, insbesondere solche lllnstalten errichtet und unterhalten werden, in welchen praltisch vorgebildete Hand- «erler als Fachlehrer sich ausbilden. Redner aller Parteien traten für den Antrag ein, dessen Erörterung einigen Jnnungsschwärmern. den Abgg. E u l e r(Z.) und Fetisch(k.) eine willkommene Ge- legenheit bot, ihrem Bedauern über die im Reichstag zur Berathung stehende Handwerkervorlage Ausdruck zu geben. Seitens der Re- gierung wurde die Erklärung abgegeben, daß dem Antrage wahr- scheiulich entsprochen werde, daß es aber weniger aus die Ver- Mehrung der Zahl, als ans den weiteren Ausbau der Junungs- schulen ankomme. Da es sich um die Bewilligung von Geldmitteln handelt, so wurde der Autrag der Budgetkommission überwiesen. Den in die Form eines Geseßenlivurfs gekleideten lllnlrag des Frhrn. v. Gustedt(k.), betreffend Erhaltung des Elchwildes, überwies das Haus nach kurzer Debatte an die Agrarkommission. Morgen beginnt die zweite Lesung des Handelskammer' g e s e tz e s.— DaS Herrenhaus nahm heute eine Anzahl kleiner Vorlagen, meist ohne Erörterung in der vom Abgeordnetenhause beschlossenen Fassung an. Eine lebhaste Debatte entspann sich nur über die Kanalvorlage, welche 15 Millionen zur Vollendung des Dort- m u n d- E m s- K a» a l s verlangt. Wie im Abgeordnetenhause Graf K anitz so machten hier die Herren Frhr. v. Durant und Frhr. v. M a n t e u f f e l Bedenken geltend gegen Kanalbanten im allgemeinen und gegen die Rentabilität dieses Kanals im besonderen, sie bewilligten aber schließlich die Forderung, weil sie es nicht für angängig hielten, noch nachträglich die Interessenten zu den Kosten heranzuziehen. Die Annahme der Vorlage erfolgte in namentlicher Abstimmung mit 49 gegen 26 Stimmen. Zur Annahme gelangte ferner eine Re- solntion, in welcher die Regierung anfgesordert wird, durch zweckmäßige Tarifirnng der Kanalgebühreu der die einheimische Produktion schädigenden Konkurrenz entgegenzutreten. Morgen beginnt die Etatsberathung. Die RnSfichten des KnebelgcsetzeS. Neue Momente sind nicht zn tage� getreten. Am Freitag wird die zweite Lesung im Plenum stattfinden. Wenn die Konservativen dabei bleiben, der in der Kommission zu stände gekommenen Fassung, welche sich Haupt- sächlich gegen die Minderjährigen richtet, nicht zuzn- stimmen, und wenn andererseits die Nationalliberalen sich nicht zu weiteren Schachereien herbeiaffen, so fällt die ganze Vorlage. Nehmen etwa die Konservativen sürlieb mit dem Gebotenen, so müßte der Entwurf nach drei Wochen nochmals zur Abstimmung gelangen, da derselbe eine Verfassungsänderung bedingt. Ueber diese Frage und die Situation im allgemeinen liegen «inige wichtige Preßäußerungen vor, die wir nachfolgend zitiren. Die Konservativen wollen versuchen, im Plenum die Regierungs- vorläge wiederherzustellen, beziehentlieh mit Abänderungen in der Richtung, daß die bedrückenden Bestimmungen nur gegen die Sozialdemokratie zugespitzt werden sollen. So schreibt die„Post": .Allerdings ist ein Erfolg von der unveränderten Wieder- einbringnng der Artikel 1 und 3 nicht zu erwarten. Soweit Aussicht auf einen solchen überhaupt vorhanden ist, hängt er anscheinend d a v o n a b, daß es gelingt, die Fassung der Artikel 1 und 3 direkt oder vermittelst Umschreibung de stimmt auf Bestrebungen zuzuspitzen, welche die Grundlagen de? Staates untergraben oder den Bestand d»S Staatsgebietes bedrohen." Diese Auslassung wird von der.Frankfurter Zeitung" also kommentirt: .Das soll nach Andeutungen, die uns von anderer Seite kommen, nichts Anderes bedeuten als den Zweck, direkt ein kleines Sozialistengesetz in die Vorlage hinein zu amendiren und zu versuchen, auf diese Weise«inige Nationalliberale zu gewinnen. Wir glauben, daß man mit der Form ulirung dieser Anträge heute bereits beschäftigt war." Sicherlich sind die K o m p r o m i ß a n z« i ch e n ernst zu nehmen. Andererseits bemerkt die„Nationalliberale Korrespon» d« n z", das offizielle Organ dieser Partei: .In der„Kreu,- Ztg.", der„Nordd. Allg. Ztg." und der „Deutschen Tagesztg." werden Auslassungen der.national-liberalen" „Rheinisch-Westfälischen Ztg." zitirt als Stimme aus der national- liberalen Partei gegen die Haltung derselben zur Vereinsgesetz- Novelle. Jede Zeitung hat das Recht, ihre eigene Meinung zu haben. Was den vorliegenden Fall anlangt, so konstatiren wir, daß die„Rheinisch-Westf. Ztg." dabei in diametralem Widerspruch steht zu der ein müthigen Auffassung der beiden Fraktionen des Abgeordnetenhauses und des Reichstags und der ausdrücklichen Erklärung der anerkannten Vertretung der national» liberalen Partei Westfalens. Diese Thatsachen werden von den obengenannten Blättern natürlich verschwiegen, und zwar mit Absicht, und dies kennzeichnet die haltlose Quer« t r e i b e r e i zur Genüge." Die.Norddeutsche Allgemeine Zeitung" giebt trotzdem ihre Hoffnungen nicht auf:| „... so wird man es immerhin als ein klärendes Moment auf- fassen dürfen, wenn eine starke Mehrheit der Kommisfion durch ihren Be- schluß wenigstens das eine anerkannt hat. daß nämlich uns erVereins-und Bersammluiigsrecht nach der Richtung der in dem Entwurf ge- machten Vorschläge reformbedürftig ist. Nachdem die Mehrheit der Kommission in diesem Sinne entschieden, trotzdem sich die Vertreter der Konservativen weigerten, für den vorher gegen ihren Wunsch verstümmelteii Entwurf zu stimmen, wird man an der Hoff- nung festhalten dürfen, daß die weitere Plenar- behandln ng dieser Angelegenheit auch weitere Klärung der Meinungen und somit ein besrie» digendeS Resultat schließlich ergeben wird." Die„Konservative Korre sp o n d e n z" wiederum meint: „Dem Koinniissioiisentwurf kann die konservative Partei unter keinen Umständen znstimnien. Tie Verantwortlichkeit für das Scheitern der Vorlage würde ausschließlich auf die iiationalliberale Partei fallen." Hierzu bemerkt die„N a t i o n a l l i b e r a l e Korre sp": „Wir bitten, sich durchaus nicht zu geniren. Die Verantwortlichkeit wird gern getragen." Scharf auf des Messers Schneide steht das Gelingen des Reaktionsplanes!— Ter Tausch- Prozeß hat heute in Moabit seinen Anfang ge- iiommen. Ueberraschungen hat er, zur Enttäuschung der vielen Neugierigen, die erschienen waren, nicht gebracht. Ob die späteren Tage sie bringen werde»? Man wird daran zweifeln können— trotz des großen Aufgebots von Zeugen aus den höchsten Spitzen derBe- amtenhierarchie. Der Vorsitzende zeigte schon heule bei zwei Ge- legeuheiten, daß er entschlossen ist, die Verhandlungen auf das vorhandene, und in seinem wesentlichen Theile bekannte, Material zu beschränken. Herr von Tausch, der beim Leckert-Lützow-Prozeß noch stolz seine Ordensbändchen trug, hat heute auf diesen Schmuck Ver- zicht geleistet; er begnügte sich, mt resigiiirter Miene dem Verlesen feiner langen Ordensliste zuzuhören; im übrigen ver- legte er sich frisch und fröhlich auss Leugnen. Körperlich und geistig sah er frisch aus, am Abend aber, als die für ihn so»nan- genehme S eb a l d'sche Briefgeschichte erörtert wurde, brach er plötzlich geistig und körperlich zusammen und die Verhandlunge» wurden aus seinen Wunsch abgebrochen. Schließlich war seine Ermaltung begreiflich. Noch sicherer freilich trat der vielseitige und vielseitig beschäftigte Edle v. L ü tz o w auf— er that aber in dem Bestreben, seinen„Gönuer, Bruder und Vater" hineinzulegen, des Enten vielleicht manchmal beinahe zu viel. Besonders durch die ewigen Hinweise auf den hochpolitischen Charakter der Tausch'schen„Inspirationen". Unsere Leser dürste am meisten intercssiren, wie Herr v. Tausch und die Polizei über den Charakter ihrer Agenten selber urtheilen und wie, je nach der Abtheilung, denen sie vorstehen, die Herren Kriminaltommissare über Anarchismus und Anarchisten ver- schieden urtheilen!— Morgen Fortsetzung der Veruehmuiig der Angeklagten und Beginn des Zeugenverhörs.— «» Teutsches Reich. — Ein P e t e r s» I ü n g e r. Der Gouverneur von Ost- afrika, Oberst Liebert, hat die Rückberufnng des Lieutenants Wert her nach Dar-es'Salaam veranlaßt, weil sich Werlher U ebergriffe, welche die allgemeine Sicherheit der Europäer in den ihm unterstellten Gebieten gefährdeten, zu schulden k o ni ni e n ließ. Nach einer telegraphischen Meldung aus Dar-es-Salaam hat Lieutenant Werther bereits in„Begleitung" eines Osfiziers der Schntz- truppe auf dem Reichs-Poftdainpfer„Reichstag" am 12. Mai die Heimreise angetreten, so daß seine Ankunft am 3. Juni in Berlin erfolgt. Die Voruntersuchung ist in Dar-es-Salaam bereits ab- geschlossen, und die Akten sind darauf dem Truppentheil des Premierlieutenants Werther überwiesen worden. Da die Verhandlung gegen den werthen Herrn Werther hinter den verschlossene» Thüren des Militärgerichtes vor fich gehen dürfte, so wird die Oeffentlichkeit wohl nicht einmal erfahren, welcherlei „Uebergriffe" begangen worden sind. Es werden noch weitere gelehrige Schüler der Leist und Peters nachsolgen.— — Zwangsweise P e n s i o n i r u n g. A»S München wird geschrieben:„Vor dem Schöffengericht kam am 20. d. M. eine interessante Beleidigungsklage zur' Verhandlung. Ein Schriftsteller, verabschiedeter Offizier, hatte von der Ortsgruppe penstonirter Offiziere eine Einladung zum Beitritt erhalten. Er fand sich auch dort ein, es wurde ihm aber bald bedeutet, er möge nicht wieder kommen, weil seine Verabschiedung nicht als ehrenvoll anzusehen sei. Es entstand eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Herrn, der den Vorwurf bestritt, und den Vorständen der Ortsgruppe. Diese erklärten hierbei, eine kriegsministerielle Verfügung vom Jahre 1834 besage, daß Offiziere, die ans höhere Aufforderung ihr Abschiedsgesuch nicht einreichen, zu verabschieden und diese Verabschiedung dann als eine nicht ehrenvolle zu betrachten sei. Diese Bestimmniig treffe ans den in Rede stehenden Herrn zn. Dieser wehrt« sich energisch und gebrauchte scharfe Ausdrücke, wegen deren die Vorstände der Ortsgruppe Beleidigungsklage stellten. DaS Schöffengericht sprach den Beklagten frei, indem es ihm einerseits den Schutz der Wahrung berechtigter Interessen zu- billigte, andererseits den verschiedenen unter Anklage gestellten Aus- drücken den beleidigenden Charakter absprach. Das Interessanteste an der Verhandlung war. daß das Vorhandensein der erwähnten iriegsniinisteriellen Verfügung nicht bestritten wurde. Also ein neuer Beweis für die von militärischer Seite be- strittene Thatsache, daß Pensionirungen gegen den ausdrücklichen Willen der betreffenden vorgenommen werden. Neu aber ist, daß auch derjenige Osfizier, der nicht freiwillig auf den Wink von oben geht, auch noch einen moralischen Makel angehängt erhält.— Straßburg i. E., 21. Mai.(„Franks. Ztg.") Verboten wurde das in Paris im Verlag von Pion erschienene Werk „L'armee krangaise" durch das reiche ländische Ministerium für Elsaß-Lothringen.— Oesterreich. Wien, 24. Mai. Abgeordnetenhaus. Bei der Ver- lesnng der eingegangenen Petitionen beantragt« die Linke über jede einzelne Petition namentliche Abstimmung, vollinhallliche Verlesung und eine Pause von 10 Minuten zwischen je zwei Petitionen. Diese Anträge wurden angenommen. Man sieht, die Obstruktion wird energisch fortgeführt.— — Verfolgungen derDeutsch-Nationalen. Gegen Redakteur Tins auS Asch in Böhmen ist wegen der Rede, die er am 2. Osterseiertag bei der Kundgebung der Deutsch-Oesterreicker an der Grenze gehalten hat, Anklage wegen Hochverraths erhoben worden. Desselben Verbrechens ist jetzt auch der zweite Redner, Franz Stein auS Wien, angeschuldigt worden.-- Ungarn. Budapest, 23. Mai. Infolge des Verbote? einer Studenten- versamuilung, in welcher gegen die Quotenerhöhung Stellung ge- nommen werden sollte, durchzogen gestern Abend mehrere hundert Studenten die Straßen, indem sie riefen,„Abzug Banffy! Abzug Polizei!" Die letztere zerstreute die Demonstranten, wobei mehrere Verhaftungen vorgenommen wurden.— Budapest, 23. Mai. Heute fand hier eine Volks- v e r f a in m l u n g statt, welch« darüber berieth, ob die G e r i ch t S- barkeit bei Beleidigungen der Privatehre durch die Presse dem Schwurgericht entzogen und den ordentlichen Gerichten überwiesen werden solle. An der Versaminlung nahmen etwa 40 000 Personen theil, welche sich für die Aufrechterhaltung der bisherigen Organisation der Schwur- gerichte aussprachen. Die Ordnung wurde nicht gestört.— Essegg, 23. Mai. In Bosniake fand eine fürchterliche Wahl- schlachl statt. Tie Wähler griffen die zweite Kompagnie des 78. Jnfanterie-Regiments an; die letztere feuerte und 14 Todte und über 30 Verwundete blieben auf dem Platze. Drei Jiisauteristen wurden ebenfalls verwundet.•— Schweiz. Zürich, 22. Mai.(Eigener Bericht.) Ueber die Beschlüsse der nationalrälhlichen Kommission betreffend die Kranken« und Unfallversicherung wird einiges veröffentlicht, wonach die bnudes räthliche Vorlag« zu Ungunsten der Arbeiter erheblich ver- schlechtert wurde. Nach der letzteren betrug das jährliche Erforder- niß beider Versicherungen die Summe von 25 260 000 Fr., wovon 15 530 000 Fr. auf die Kranken- und 9 430 000 Fr. auf die Unfall- Versicherung entfallen und für erste« die Arbeiter 6 545 000 Fr, ebenso viel die Unternehmer, und für letztere die Arbeiter gar nichts, dagegen die Unternehmer 6 547 000 Fr. und der Bund für die Krankenversicherung 244 000 Fr., für die Unfallversicherung 3183 000 Fr. zahlen sollten. Die Kommission hat einmal die Gesammtsuimne herabgesetzt auf 23 660 000 Fr. und sodann die Arbeiter mit 1 624 000 Fr. für die Unfallversicherung belastet, dagegen die Beiträge der Unternehmer au dieselbe auf 4 872 000 Fr. und an die Kraukenversicherung auf 6 462 000 Fr. herabgesetzt, gleich- zeitig auch die Bnndesbeiträge au diese auf 1616 000 Fr. und an die Unfallversicherung auf 2 624 000 Fr. rednzirt. Das Gesammt- fazit ist: nach der bundesräthlichen Vorlage zahlten der Bund an beide Versicherungen 5 623 000 Fr., die Unternehmer 13 092 000 Fr. und die Arbeiter 6 545 000 Fr., oder in Prozenten 22, 52 und 26 pCt.; und nach den Kommissioiisbeschlüssen zahlen Bund 4 240 000 Fr., Unter- nehiner 11 334 000Fr. nndArbeiter 8 086 000Fr., oder in Prozenten 18, 48 und 34 pCt. Das heißt eine Entlastnng des Bundes um 4 pC, der Unternehmer um 4 pCt. und eine Mehrelastuug der Arbeiter um 8 pCt. In diesen Verschiebungen drückt sich der„sozialpolitische" oder„sozialreformerische" Geist aus, der in der Kommission waltete. Ob aber dadurch die Chancen für das Gelingen des Werkes ge- fördert werden, ist eine andere Frage, die man aber heute schon entschieden verneinen darf. Es wird sich zu zeigen haben, ob das Plenum des Nationalrathes die Eozialreform eben- falls so meint, daß Bund und Unternehmer sehr ge- schont, aber die Arbeiter um so mehr belastet werden müssen. Dem Initiativ- Komilee für Gründung eines Schweizerischen Baiiernbundes und Bauern- sekretariates ist bereits die Zustimmung von 15 landwirth- schaftlichen Verbänden und Bauernbünde zugegangen. Die am Pfingstmontag in Bern statlfindende Delegirlenversammlung wird stark besucht werden, da einzelne Verbände 20, 80 bis 40 Delegirte entsenden.— Für die Kosten des im August in Zürich stattfindenden Internationalen 21 r b e i l e r s ch u tz- K o n g r e s s e s hat der Bnndesrath bereits 1893 einen Beitrag von 3000 Fr. zugesagt; nun hat auch die Züricher Regierung 500 Fr. bewilligt.— Frankreich. Paris, 24. Mai. Eine Note des Ministeriums des Auswärtigen meldet, daß der Charakter Madagaskars als fr an, ö- fische Insel nunmehr endgillig festgestellt ist, weil England die Jurisdiklion französischer Gerichte für die dort lebenden Eng- länder anerkannte.— PariS, 23. Mai. Die Depillirkenkaminer erörterte nach der Orientangelegenheit die Interpellation Renon über die mangelnde Respektirung der Arbeitergesetze durch die Unternehmer. Der Interpellant sprach volle zwei Stunden hierüber und pro- testirte gegen die Ausbeutung der Zlrbeiter und gegen die Praxi? der Akkordarbeit. Die Sozialisten, vor allem Vaillant, unterstützten ihn hierbei nach Kräften. Umsonst führte Vaillant ins Feld, daß die zu gunsten der Arbeiter an der Pariser Weltansstellung von der früheren Kammer gefaßten Beschlüsse mißachtet würden, umsonst brachte L a v y eine Menge Material bei, nach welchem die Unter- nehiner die Gesetze umgehen. Justizminister Darlan erklärte, daß nur die Gerichte die beregten Mängel beseitigen könnten, woraus ihm die Kammer mit 373 gegen 156 Stimmen das Vertrauens- votum bewilligte. � Die Interpellation Berry über den Charitee-Bazar-Brand setzte die Kammer auf nächsten Sonnabend an.— Italien. Rom, 23. Mai. Di- Anklageschrift gegen den 2l t t e» t ä t e r A c c i a r i t o. Die Anklageschrift des General- Staatsanwalts beim Appellationshofe von Rom, Comm. Forni, gegen Pietro Acciarito, der am 22. April d. I. ein Attentat auf den König von Italien versuchte, ist erschienen. Die öffentliche Ver- Handlung des Prozesses findet am 28. und am 29. Mai statt. Der Mörder gesteht, daß er die Absicht halte, den König zu tödlen und fügt kaltblütig hinzu, daß er nicht die geringste Reue empfinde.— Asien. - Ueber denAufstand auf denPhilippinen wird der„Kölnischen Zeitung" geschrieben:„Dem neuen Oberbefehlshaber General Primo de Rivera ist thatsächlich die vollständige Rück- eroberung der Provinz Cavite, ohne weitere Verstärkungen erhalten zu haben, gelungen. Auch verdient es erwähnt zu werden, daß die letzten Siege der spanischen Waffen nicht durch Maßregeln unnöthiger Härte getrübt worden sind. Im Gegentheil, der Marschall setzte Taufende, die nur auf Verdacht hin im Gesängniß schmachteten, in Freiheit. Canovas stellte denn auch im letzten Ministerrath den Aufstand als beendet hin und ging bereits auf einzelne Maßregeln ein, von denen er sich eine günstige Wirkung für die spanische Herrschast verspricht. Zur Sicherstellung des Friedens hält er die dauernde Anwesenheit von 6000 bis 7000 Mann spanischer Truppen für nöthig und ferner meint er, daß die Orden allein die Seelsorge in die Hand nehmen und diese nicht lheilweise den eingeborenen Priestern überlassen sollten. Der Ministerpräsident hat damit wohl leise andeuten wollen, daß die Mönche sich künftig etwaS weniger um daS eigene irdische Wohlbehagen und daS An- sammeln von Gütern dieser Welt für ihr« Klöster und etwas mehr um das himmlische Seelenheil der ihnen anvertrauten Herde be- kömmern möchten. Auch Passagiere, die gleichzeitig mit Polavieja von Manila hier eingetroffen sind, und darunter durchaus un» verdächtige Persönlichkeiten, bestätigen aufs neue, daß sich der Haß der Eingeborenen nicht gegen Spanien alt solches, sondern lediglich gegen die Mönche richte, und zwar deshalb, weil sie sich nach und nach alles werthvollen Grundbesitzes bemächtigt hätten und das Volk aussaugten und bedrückten; sie seien die wirklichen Herrscher, die Beamten nur ihre Werkzeuge; ihnen müßten die Krallen beschnitten werden, wenn man größere Uebel vermeiden wolle."— Amerika. — Der Premierminister von Kanada wird im Parlament eine Gesetzesvorlage einbringen, die ein Plebiszit über den Handel mit geistigen Getränken vorschlägt. Zwei Fragen sollen den Wählern vorgelegt werden: 1. Sind Sie für Prohibition(d.� h. daß der Verkauf geistiger Getränke zum Trinken völlig unterdrückt werde)? 2. Sind Sie dafür, daß das Volk direkt besteuert wird, um den auf 3 000 000 M. geschätzten Fehlbetrag in den ElaatS« einnahmen gut zu machen?—_ 230. Sitzung vom 24. Mai 1397, 12 Uhr. Am Tische des BundeSrathS: v. Bötticher, Graf Posa« d» w s k y. Abg. Schneider(frs. Vp) beantragt«inen Urlaub wegen dringender Geschäfte. Präsident v. Bnol will das Gesuch nicht genehmigen. 9Ibg. Richter bittet um die Genehmigung des Urlaubs. Da der Abg. Schneider als Revisor der Genossenschaften seinen Reise- plan eingerichtet habe, weil er nach den Beschlüssen des Senioren- konvents nicht aniiehmen konnte, daß die Handiverkervorlage überhaupt noch auf die Tagesordnung kommen würde. Man müsse doch endlich einmal wissen, woran man sei; denn man habe doch noch andere Tinge zu thun und könne von den Diäten des Reichstags allein(Heilerkeit.) nicht leben. Zlbg. Gröber(Z.): Wenn die Freisinnigen die Verhandlungen der Handiverkervorlage durch ihre Obstruktion nicht verzögert hätten, könnten wir schon weiter sein. Abg. Richter verwahrt sich dagegen, daß die Freisinnigen Obstruktion getrieben hätten. Am Freitag waren noch 160 Vertreter von der Mehrheit für die Handiverkervorlage hier; die Zahl ist aus 100 znsammengeschmolzen, also sind 60 Mitglieder der Stechten und des Zentrums abgereist. Abg. Pirschet(natl.. Schriftführer): Einer der Schriftführer, der am Sonnabend amtirt» und der freisinnigen Partei recht»ad« steht, hat ein Verhalten gezeigt, das man nicht anders als Ob- Uvuliion bezeichnen kann; er hat es mir auch ausdrücklich bestätigt. Nbg. Richter: Es ist eine hübsche Praxis, Kollegen im Schrift- fiibreramt in ihrer Zlbivesenheit zu beschuldigen(Widerspruch rechts) und sich auf private Miltheilmigen zu berufen. Das Zentrum hätte lieber untersuchen sollen, wie viele von seineu Mitgliedern abgereist sind, ohne Urlaub zu nehmen.(Sehr richtig! links.) Adg. Pirschet(nall.): Ich würde nichts gesagt haben, wenn Nicht Herr Richter jede Absicht der Obstruktion weil von sich zurück- gewiesen hätte. Abg. Singer(Soz.): Wir unsererseits müssen die Art und Weise, wie Herr Picschel ein Juternum der Schriftführer und eine Privatunterhaltung hier vorbringt, durchaus mißbillige». Abg. Hermes(frs. Vp.): Der Abg. Pieschel scheint einen Scherz von mir als Ernst ansgefaht zu haben. 'Abg. Gröber: Die Obstruktion der Linke» hat die Berathung der Handwerkervorlage verzögert.(Widerspruch links.) Wir sind vollzählig anwesend; die Freunde des Herrn Richter sind aber nur durch 3 Personen vertreten. Abg. Richter: Die Haudwerkervorlage ist plötzlich auf die Tagesordnung gekommen, nachdem im letzten Seniorenkouvent die Herren v. Levctzow und v. Kardorff sich dagegen ausgesprochen halte», daß sie überhaupt»och zur Verhandlung kommt. Jeder Abgeordnete hat das Recht sich der Abstimmung zn enthalten; das geschieht bei der Zählung des Hauses dadurch, daß man dem Saale fernbleibt. Wenn Sie Gesetze machen wolle», die die Minderheit für schädlich hält, da»» haben Sie die Verpflichtung, für die Be- schlußsähigkeit zu sorgen und nicht auf die Gutmüthigkeit der Minderheit zu rechnen, daß diese das Haus füllt, während die Freunde der Vorlage zu Hause bleibe». Abg. Gröber glaubt, daß man bei der Stimmenthaltung im Saale bleiben müsse, mißbilligt aber die Verwendung von Privat- Unterhaltungen in öffentlicher Versammlung. Abg. Richter: Um falschen Mittheilungen entgegen zn treten, muß ich feststellen, daß mein Freund Hermes bei der ersten Ab- stimmung, welche die Beschlußunfähigkeit ergab, gar nicht fuugirt hat, wohl aber Herr Pieschel. Es kann doch schon aus rein»>ensch- lichen Verhältnissen einmal vorkommen, daß man zur Ab- stimmung nicht mehr rechtzeitig in den Saal kommt. Uebrigens bestimmt die Geschäftsordnung, daß bei der Zählung des Hauses alle Abgeordnete» den Saal zu verlassen haben. Es kann also derjenige, der sich der Stimme enthält, nicht im Saale bleiben. Abg. v. Levctzow(k.): Es sind n>ir viele Fälle bekannt, wo sich die sich der Stimme Enthaltenden bei mir gemeldet haben. ?lbg. Richter(frs. Vp.): Das würde der Geschäftsordnung nicht entsprechen; mir ist davon auch nichts bekannt. Das Urlaubsgesuch des Abg. Schneider wird abgelehnt. Die ziveite Berathung des Gesetzentwurses, betreffend de» C e r v i S t a r i f und die Klaff eneintheilung der Orte, tvird fortgesetzt, und zwar, nachdem am Sonnabend die Klassen- eintheilnng erledigt ist, bestn Servistaris. Die von der Regierung vorgeschlagenen Aenderungen der Servissätze beziehen sich hauptsächlich aus die vorübergehende Qnartiergewährung für Unteroffiziere und Gemeine, für Stallungen von Dienstpferden und für Geschäftszimmer. Die Vorlage will de» Servis für Unteroffiziere um 25, für Gemeine um 93l/8, für Dienft- pserde um 50, für Geschäftszimmer um 75 pCt. in den einzelnen Servisklasse» erhöhe». Die Vndgelkommission beantragt ferner, die fünfte Servisklasse in dieser Beziehung der vierte» gleichzustellen. Die Aenderungen des Sttvistarises werden daraus ohne jegliche Debatte genehmigt. An stelle des§ 3, welcher die Mittel zur Gewährung des erhöhten Servis- und Wohnungsgeld- Zuschusses gewähren sollte, hat die Kommission eine» anderen§ 3 vorgeschlagen, wonach die Klasseneintheilung der Orte ansnahmsiveise nach 5 Jahren statt- finden solle. Auf eine Anregung des Abg. Hammachcr(natl) erklärt Staatssekretär Graf Posadowöky, daß auch im Kreise der ver- bündele» Regiernngen die Meinung laut geworden sei, daß es zweck- mäßig sei, die Frage des Wohnuugsgeld- Zuschusses»ach anderen Grundsätzen zu ordnen als nach denen des persönlichen Servis. Eine Beschlußfassung sei aber noch nicht erfolgt, aber bei Annahme des Beschlusses der Koniniission würden sofort Erwägungen statt- finde», ob in der angedeuteten Weise verfahren werden solle. Die von der Kommission vorgeschlagene Resolution:„Dahin zu wirken, daß für die Bemessung der Höhe des Wohnungsgeldzuschnsses und die entsprechende Ortsklassen- Eintheilung nicht ausschließlich die Eervisklassen als maßgebend betrachtet werden, und daß demgemäß das Reichsgesetz vom 30. Juni 1373 geändert wird, wird ohne Debatte angenommen. Tarauf wird die zweite Berathung der Hand- werker-Vorlage sortgesetzt. Zu§ 100a liegt der Antrag Richter vor, bei Bildung einer Zwangsinnung außer der ortsübliche» Bekanntmachung auch eine persönliche Mittheilnng den Bethel- ligten zukommen zu lassen. Der Antrag wird gegen die Stimmen der Sozialdeinokrate», Freisinnige», Natioualliberalen und einiger ZentrumSmitglieder abgelehnt, und§ 100» unverändert genehmigt. Nach Z 100b Absatz 4 sollen die bestehenden Innungen ge- schloffen werden, wenn für das betreffende Gewerbe eine Zwangs- innung gebildet wird. Abg. Richter beantragt, diese Bestimmung zn streichen, da ja die Zwangsinnung sich blos auf diejenigen beschränken kann, welche Gesellen und Lehrlinge halten. Abg. Gamp(Rp.): Di« Meister, welche keine Geselle» und Lehrlinge halten, können der Innung beitreten; die bisherige» Mitglieder einer freien Innung können gewerbliche Unter- nchmungen fortführen in der Form einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Abg. Richter: Eine Innung kann doch nicht bei der Auf- lösnng so ohne iveitcres ihre Aktive» und Passiven aus eine Genossen- schafl oder Gesellschaft mit beschränkter Haftung übertragen. Das Vermögen der aufgelösten Innung geht ja auf die Zwangs- innung über. Abg. Passerinaun(natl.) verweist auf die KZ 100 k und 100 o, welche die Ausscheidung solcher Gewerbebetriebe sicherstelle». Abg. Richter: Die Vermögensobjckte können aber nicht so leicht ausgesondert werden und jedenfalls wird dadurch der ganze Hypothekarkrcdit für die Jnnungshäuser erschüttert. Große Ver- mögen der bestehenden freien Innungen werden dann den Zwangs- inuungen in den Echooß geworfen. Der Antrag Richter wird abgelehnt und Z 100b unverändert genehmigt. Die Sozialdemokraten beantragen einen Z 100 eo einzuschieben, wonach die Zwangsinnungen an die Handelskammern ihres Bezirks einen Bericht über alle jene Vorkommnisse innerhalb der Innung zu erstatten habe», welche für die Gewerbestatistik von Bedeutung sind. Diese Jahresberichte sind von den Handwerkskammern dem Bundes« ralh und dem Reichstag vorzulegen. Abg. Rcisjhauö(Soz.) hält es für nothwendig, diesen Antrag anzunehmen, da sonst der Reichstag von den Berichten der Innungen und Handwerkskammer» kaum Kenntniß erhalten würde. Abg. Kropatscheck(k.) glaubt, daß durch K 103s dem wirkliche» Bedürfniß nach Berichterstattung an die Behörden genügt wird. Abg. ReißhanS(Soz.) hält die Schwierigkeiten der Bericht- «rstattung für nicht groß. Abg. Richter: Etwas mehr Licht über die Innungen müßte doch geschaffen werden. Der Antrag wird abgelehnt. Bei K 100k wendet sich Abg. Richter(frs. Vp.) dagegen, daß die Gutshandiverker, die in Fabriken beschäftigten Handwerksmeister und die Hausgewerbe- treibenden durch Statut mit Genehmigung der Regierung in die Zwangsinnungen eiitbezogen werden können, ohne daß sie vorher befragt sind. Die Gutshandwerker müßten dann Beiträge bezahlen, ohne an den Einrichtungen der Innung theiluehmen zu können. Die Böttcher in den Brauereien, die Tischler, welche Kiste» zum Verpacken von Fabrilsivaaren, die Klempner, welch« Dosen für Konservenfabriken herstellen, können in die Innungen einbezogen werden, und ihre Werkstätten, die sich in den Fabriken befinden, unterliegen dann der Beaufsichtigung der Innungen. Diesen Punkt halten wir für so wichtig, daß wir darüber namentliche Ab- st i m m u n g verlangen. Abg. Gamp(Rp.) hält diese Bedenken nicht für durch- schlagend. Nach Schluß der Debatte bittet Abg. Bachem(Z.), die Namen derjenigen zu verlesen, welche den Antrag auf namentliche Ab- stimmung tinterstützt haben, damit man ersehe» könne, ob im Hause nicht nnwesende Personen denselben unterzeichnet haben. Abg. Richter: Nur bei namentlichen Abstimmungen über Vertagnugs- und Schlußanträge muß die Unterstützung von gegen- wärtige» Mitgliedern erfolgen. Bei anderen namentliche» Ab- stinnnungen ist die Unterstützung auch abwesender Mitglieder zulässig. (Widerspruch.) Wir haben uns, als die Vorlage auf die Tages- ordnung kam, auf der Linke» dahin vereinbart, daß wir bei wichtigen Frage» namentliche Abstimmung beaulragen, damit nicht ein beschluß- »»sähiges Hans darüber entscheidet. Abg. Singer: Wir halte» es für ein Recht auch eines ab- wesenden Mitgliedes, namentliche Abstimmung über materielle Frage» zn beantragen und zu unterstützen. Die Herren, welche die Gesetze haben wollen, habe» sich hier einznfinde». Abg. Gamp: Bei dieser Vorlage handelt es sich darum, daß Zweidrittel-Majorität vorhanden ist, trotzdem wurde am Sonnabend ein Zweifel laut, und es erfolgte die Auszählung. Abg. v. Cuily(natl.) weist darauf hin, daß durch die Be- schränkung der Unterstützung namentlicher Abstimmungen nur durch Anwesende auf Anträge wegen Schluß oder Vertagung nicht ge- folgert werden könne, daß bei anderen namentlichen Abstimmungen die Unterstützung durch Abwesende zugelassen sei. Abg. Bachem schließt sich dieser Bemerkung an; gegen die namentliche Abstimmung habe er nichts einzuwenden; es müsse festgestellt werden, wer sich der Arbeit entzieht. Was weiter daraus folgt, liegt in unserer Hand.(Zustimmung im Zentrum und rechts.) Abg. Richter: Was daraus folgt, liegt durchaus nicht in der Hand des Abg. Bachem.(Zuruf Bachems: Des ganzen Reichstages!) Welches Stecht haben Sie denn, Herr Bachem, im Rainen des Sieichs- tages zu sprechen? Unser Antrag kommt zum Protokoll, das jeder einsehe» und abschreiben kann. Im Lande, bei unseren Freunde», dankt man uns, daß wir jedes Mittel zur Geschäftsordnnng ergreife», um eine schädliche Gesetzgebung zu verhindern.(Große Unruhe rechts.) Präsident v. Buol verliest darauf die Namen der unterstützen- den Abgeordneten; die Namen der nicht anwesende» Abgeordnete» Langerhans, Schneider u. s. w. werden durch Zurufe begleitet. An der namentlichen Abstimmung betheiligen sich 205 Mitglieder, von denen 143 mit„Ja" und 02 mit„Nein" stimmen.§ 100k wird also unverändert angenommen. Nach K 1001 kann eine Jnnungs-Krankenkasse, wen» eine Zwangsinnung eingerichtet wird, geschlossen werden, wenn dadurch die Leistungsfähigkeit einer Ortskrankenkasse gefährdet wird. Die Sozialdemokraten beantragen, diesen von der Kommission gestrichenen Satz wieder auszunehmen. Unterstaatssekretär Lohma»» empfiehlt diesen Antrag, der von den Abgg. ReißhauS(Soz.) und Richter(frs. Vp.) ebenfalls empfohlen wird, während ihn Abg. Gamp bekämpft. Nachdem auch der Abg. Schmidt-Berli»(Soz.) den Antrag unterstützt hat, wird ein Antrag auf namentliche Abstimmung gestellt. Abg. Bachen«(Z.) beantragt auch hier die Verlesung der Namen der Unterstützenden, was geschieht. Die namentliche Abstimmung ergiebt die Anwesenheit von mir 193 Mitgliedern, von denen 62 mit Ja, 131 mit Nein stimmen. Dis Sitzung wird daher um 4 Uhr 3 Minuten abgebrochen. 231. Sitzung. 4l/« Uhr. Auf der Tagesordnung steht die erste Berathung des Gesetz- cntwurfs wegen Abänderun.g der Gewerbe-Ordnnng und der Krankenversicherung bezüglich der Koufeklions- arbeiter. Abg. Morbach(Rp.): Die Vorlage ist bedingt durch die Arbeiten der Kommission sür Zlrbeiterstntistiküber dieVerhältnisse derKonfettious- arbeiter. Diese Verhältnisse sind nicht so schlecht, alsman sienach den Vorkommnissen in Berlin annehme» sollte. Allerdings besteht eine lange Slrbeitszeil und«nsichere Lohnverhältnisse für diese Ar- beiter; die Gesundheitsverhältnisse lassen bei der sitzenden Arbeits- weise in engen Räumlichkeiten auch manches zu wünschen übrig. Die Löhne der geschickten Arbeiter und Arbeiterinnen sind auskömmlich, ja manchmal sehr gut; aber die schlechteste» Löhne werden bezahlt für die billigsten Maaren. Bei dieser Arbeit herrscht ein Ueber- angebot von Arbeitern und demgegenüber ist jede Maßregel eiul Schlag ins Wasser, wen» nicht der Zuzug»ach den großen Städtest serngehaltcn wird.(Sehr richtig! rechts.) Dazu sollten die Herren von der Sozialdemokratie ihren Einfluß aufbieten, den Arbeitern klar zu machen, daß in den Städten ihr Heil nicht blüht. Wenn die Vorlage aber dem Bnndesrath die Befngniß gebe» will, für „bestimmte Gewerbe" Lohnzettel ,c. vorzuschreiben, so geht das zu weit; es handelt sich nur um die Konfektions- und Mäschebranche. Wir können daher der Vor- läge in dieser Form unsere Zustimmung nicht geben. Bei anderer Geschäftslage würden wir die Verweisung an eine Kommission beantragen. Abg. Quentiu(natl.): Die Vorlage verdankt ja ihren Ursprung den Verhältnisse», ivelche damals Anlaß zn einem Antrage der nationalliberalen Partei gegeben haben. Wir können aber die Vor- läge nicht im Plenum prüfen und wünsche» daher die Ver- Weisung a n e i n e K o m m i s s i o n. Es will uns scheinen, als ob die M u ß r e g e l n nicht durchführbar wären in kleinen Städten. Wir haben noch nicht die genügende Fühlung mit dem Lande nehmen können. Die Lohnzcttel und Lohiibücher würden ja wohl durchführbar sein, aber den Geschäftsleuten selbst würde dadurch eine erhebliche Mehrarbeit zu- gewiesen. Die Vorlage soll ja wohl nur uns die Koufeklions- und Mäschebranche augewendet werden, aber sie läßt einen sehr weiten Spielraum und erleichtert auch die Umgehung des Gesetzes, was man verhüten sollte. Daß die Hausgeiverbetreibenden in die Krankenversicherung einbezogen werden, ist ein durchaus richtiger Gedanke; aber welcher Unternehmer soll zu Beiträgen herangezogen werden, wenn die Hausgewerbetreibenden bei mehreren Unternehmern beschäftigt sind? Abg. Molkenbiihr(Soz.): Man sollte annehmen, daß die Fraktion, welche damals ausführliche Anträge zu dieser Frage stellte, auf ihrem Standpunkt stehen geblieben wäre.(Sehr richtig! links.) Aber die Regierungsvorlage geht den Nalionalliberalen jetzt zu weit.(Widerspruch bei den Nationalliberalen.) Damals wollten sie die Schutzbestinnnunge» der Gewerbe- Ordnung auf die gesammte Hausindustrie des Konfektionsgewerbes auegedehnt wissen. In der ersten Begeisterung, wenn ein helles Schlaglicht auf die schlechten Verhältniffe geworfen wird, dann kommt man zu den besten Vorsätzen, die aber bald aufgegeben würden, wie dies auch beim Hamburger Senat der Fall war, als die Cholera bei ihm gute Vorsätze hinsichtlich der Wohnuugsverhältnisse entstehen ließ, die nachher nicht ausgeführt wurden.(Widerspruch bei den Natonalliberalen.) So wurde man auch durch den Konfektions- arbeiter- Streik zu dem Vorsatz getrieben, die Mißstände zu beseitigen, nun der Streik beendet ist, sind die damaligen Vorsätze vergessen. Dieselben Mißstände, wie bei der Konfektion, bestehen auch bei anderen Hausindustrien, deshalb kann die Vorlage nicht auf die Konfektion und Wäschefabrikalion beschränkt werden. Die schlechte Bezahlung, übermäßige Arbeitszeit und die Ausbeutung der Kinder kommt in der Spielwaarcn-Jndustrie, der Tabakbranche und anderen Gewerben in ebenso himmelschreiendem Umfange zur Erscheinung wie in der Konfektion. Die Ergebniffe der Kommission für Arbeiterstatistik sind vollkommen ausreichend, um schärfer vorzugehen. In Breslau sind für ein ganzes Dutzend Heniden 00 Pf. Rählohn bezahlt worden. Das ist nicht einmal ein Hungerlohn. Aehnliche Verhältnisse existiren in der Mäntelbranche in Erfurt, Stettin und anderen Orten. Einzelne Arbeiter mögen ja etwas besser stehen; die allerclendestcn sind aber garnicht vernommen worden. Die Mißstände in de» kleinen Städten sind nicht minder schwer, nur kommen sie nicht in solchen Streikbrüchen ans Tageslicht.(Sehr richtig! links.) Ter vorliegende Gesetzentwurf genügt uns auch nicht; er bleibt weit zurück hinter dem, was die Nationalliberaleu beantragt haben. Er ist sehr bescheiden und die Unter- nehmer können sich wahrlich nicht darüber beklage». Redner bensängelt noch einzelne Vorschristen und schließt: Die Vorlage ist eine bescheidene Verbeugung vor dem, was damals gefordert ist, aber eine Be- seitigung der zu tage getretenen Mißstände ist sie nicht.(Beifall links.) Abg. Ri'sicke(b. k. F.): Ich stehe auf dem Standpunkt der Vorlage, aber ich kann dieselbe, ivelche tief einschneidet in die ver- schiedensten Verhältnisse, nicht ohne weiteres im Plenum erledigen. Mit der Beseitigung der Mißstände sind alle Parteien einverstanden, es handelt sich mir um die Wege, die dazu eingeschlagen werden sollen. So lange die Konsektionsarbeiter nicht organisirt sind, werden sie schwerlich zu besseren Verhältnissen kommen. Die Vorlage geht immer noch nicht w e i t g e n u g. Die Tarife sollen nicht blos in die Lohnbücher eingetragen, sondern auch durch Aus- hang bekannt gegeben werden. Ferner muß die Beaussichti- gung der Betriebe unter Zuziehung weiblicher Personen erfolgen, und zwar sollte nicht alles in die Hände des Bnndesraths gelegt, sondern gesetzlich vorgeschrieben werden. Ich beantrage die Verweisung der Vorlage an eine Kommission, damit die Industriellen und weitere Kreise Gelegenheit haben, sich darüber zu äußern. Abg. Hitze(Z): Die Vorlage entspricht allerdings nicht dem, was man damals, als die Mißstände hier besprochen wurden, wünschte. Es soll ja aber noch eine Verordnung bevorstehen, wie die Begründung andeuter. Hoffentlich entspricht sie den gehegten Erwarlungen. Ich würde die Vorlage im Plenum er- ledigen, aber de ni Wunsche anderer Parteien auf K o m m i s s i o n s b e r a t h u n g w i l l i ch mich n i ch t w i d e x- setzen in der Hoffnung, daß die Vorlage trotzdein noch in dieser Session zur Verabschiedung kommt, be- sonders, wenn dir Linke nicht solche Obstruktion macht wie heute. Abg. Richter(frs. Vp.): Die damalige Rede des Herrn v. Heyl imterfchied sich sehr wesentlich von der heutigen Stellungnahme der nationalliberalen Partei. Die Regierung hat dreizehn Monate Zeit zur Vorlage gebraucht; man sollte uns auch etwas Zeit lassen zur Prüfung der Vorlage. Wir sind nicht so leicht geneigt zum Erlaß von Zwangsbestimninngen, wir machen lieber gar kein Gesetz als ein schlechtes. Deshalb bin auch ich für eine Kommissions- berathung. Wozu wird denn schließlich der Reichstag gewählt; wenn man in so einschneidenden Fragen alles dem Bnndesrath überträgt? Wenn man die eine Betriebsform beschränkt, treibt man die Arbeiter in eine andere Betriebsform. Gegen die Hausindustrie glaubt man allerdings einschreiten zu solle». Aber dort werden doch viele Leute beschäftigt, die nicht gerade auf diese Arbeit für ihren Lebensunterhalt unbedingt und allein angewiesen sind. Was soll denn aus diesen Leuten werden? Die Hanptursache der Aus- stände liegt in der beschränkten Erwerbsmöglichkeit für das weib- liche Geschlecht; alles drängt sich hier zusammen, und durch das Ueberangebot von Arbeitskräften wird der Lohn herabgedrückt. Abg. Baffer man»(natl.) bestreitet, daß der Eiser bei den Nationalliberalen verraucht sei, und daß das Unternehmerthum einen Sieg davongetragen habe. Daß wir an unserem Standpunkt festhalten, beweist der Unistand, daß Freiherr v. Heyl bei der zweiten Berathung des Etats auf die Frage zurückgekommen ist und die verbündeten Regierungen gefragt hat, wann die in Aussicht gestellte Vorlage kommen werde. Wir halten unsere Anträge noch aufrecht und erwarten, daß uns Gelegenheit gegeben wird, entsprechende Abänderungen der Vorlage zn beantragen, was aber wohl in einer zweiten Lesung im Plenum nicht möglich sein wird. Mein Fraktionskollege bat einzelne praktische Zweifel hervorgehoben, aber keinen grundsätzlichen Widerspruch gegen die Vorlage geltend gemacht. Wenn die Komission für Arbeiterstatistik sich Monate lang mit dieser Frage beschäftigt hat, wollen wir doch einige Tage auf die Koinmisstonsberalhnng verwenden. Nachdem Abg. Molkenbiihr(Soz.) darauf hingewiesen, daß bei laxer Kontrolle allerdings eine Umgehung der Vorschristen möglich sei, auch jetzt in Fabriken häufig stattsindet, schließt die Debatte. Die Vorlage wird an eine Konimission verwiesen. Schluß■53/4 Uhr. Nächste Sitzung Dienstag 12 Uhr.(Hand' werkervorlage, Besoldungsvorlage. V. Mauf-ch � V. Uützom. (Schluß ans der ersten Beilage.) v. Tausch: Herr v. Lützow war einer derjenigen Agenten, die am w e n i g st e n Vertrauen genossen. Es ist doch merk- würdig, daß ich gerade diesem Agenten so viel Vertrauen entgegen- gebracht haben soll. Er ist schon 1895 bei mir des Vertrauens verlustig gegangen und während ich keinem anderen Agenten Zeitungsartikel übermittelt habe, soll ich das auch noch nach 1895 gerade dem Herrn von Lützow gegenüber in so zahlreichen Fällen gelhan haben!— Staatsanwalt Dr. Eger: Warum hat denn der Aiigeklagte diesen unzuverlässigen v. Lützow nicht entlassen?— Angekl. v Tausch: Der Agent v. Lützow war damals schon auf den„ A u s st er b e- E t a t" gesetzt. Wir haben ihn aber nicht entlassen, weil wir nicht wollten, daß er aus der Schule plaudere, da er auch für militärische An- gelegen Helten benutzt worden war. Ober-Staatsanwalt Drescher macht darauf aufmerksam, daß der Angeklagte v. Tausch noch nach 1895 ans Anlaß der Leckert-Lützow-Affäre an seine vor- gesetzte Behörde den v. Lützow als einen sehr vertrauenswürdigen Menschen hingestellt habe.— Angekl. v. Tausch: Das Hab? ich gethan, weil ich im Staatsinteresse nicht in die Lage kommen mochte, über derartige Dinge vor Gericht noch näher Auskunft geben zu müssen. Außerdem schon r man doch auch gern die Agenten, selbst wenn sie sich in einem Falle nicht bewährt hallen. Mein Gewissen läßt es wenigstens nicht zu, auf eine» früheren Agenten später Steine zu werfen.— Präs.: Ging es nicht gegen Ihr Gewissen, Ihrem Vorgesetzten die Unwahrheit zu berichten?— v. T u u s ch: Nein; Lützow war za gegen meinen Willen genannt worden. Und wenn man die Agenten so öffent« lich nennt, ist ja keine politisch« Polizei mehr denkbar. Man könne doch nicht alle Tage andere Agenien haben. � � Sowohl seitens des StaalsanivaltS als auch der beiden Ver- theidiger v. Lützow's werden verschiedene Thatsachen an- geführt, ans denen hervorgehen soll, daß der angeblich vertrauensunwürdige Lützow auch noch nach der Kukutsch- Affäre höchst vertrauliche Austrüge durch v. Tausch erhalten habe, einmal eine besondere Weihnachtsgratifikation von 300 M. durch ihn bezogen habe und in seinem Austrage eine Arbeit über die Organisation einer Feldpolizei habe liesern müssen, v. Lützow erklärt, daß er diesen Aussatz, zu dem der Generalstab den Herrn v. Tausch beauftragt hatte, ganz selbst- ständig und unter Benutzung des geheimen Materials des General- stabs verfaßt und V.Tausch ihn nur abgeschrieben habe. Im übrigen erklärt v. Lützow zu dem schlechten Zeugniß, welches ihm v. Tausch heute ausstellt: Ich sehe immer mehr ein, daß ich durch Herrn v. Tausch aufs perstdefte gemißbraucht worden bin. Er hat entweder im Leckert-Lützow-Prozeß als Zeuge unter feinem Eide die Unwahrheit über mich gesagt, oder er sagt sie jetzt. Ich wiederhole, daß ich infam mißbraucht worden bin. Der Präsident bricht die weitere Diskusston hierüder ab; es sei vorauszusehen gewesen, daß Lützow und Tausch sich gegenseitig als Lügner hinstellen würden; die Verhand- lungen zögen sich damit ungchener in die Länge; man solle sich auf das vorhandene Material beschränken, das zur Klärung der Schuldfrage ausreiche. Enien nubcven atvtüel iiber die Differenzen über die Militär- straf'rozeß-Novelle, rvill v.Tansch anch nicht inspirirt haben,»nährend v. Liitzoiv es behauptet. Tausch habe ihm bei seinen Informationen öfter gesagt: er»volle die Absicht des Kaisers kontrcknrriren, den» der Kaiser reagire auf solche vorzeitige» Veröffentlichungen seiner Absichten und lasse letztere dann fallen. v. Tausch über das Koschcuialiu-Attcutat und die „Anarchisteiiricchm-i". Weiter kommt zur Verlesung ein Jlrlikel, den v. Lützoiv»Iber den Anarchislenprozefs Koschemann und Genosse»» in der„Täglichen Rundschai»" veröffentlicht hat. I» dem Artikel»vird das Bestreben gegeißelt, dem Slltentat auf den Polizei- Oberst Krause mit Ge>valt einen politischen Hintergrund geben zu»volle», v. Tausch bestreitet, diesem alrlikel nahe zu stehen. Er giebt zu, seinen ziveite» Agenten G i n g o l d- S t ä r k ans dessen»viedcrholtes Zlnsuchcn seine und des Polizeiraths v. Mauderode Ansichten über den Fall Koschemann dargelegt zu haben. Er sei mit Herr» v. Mauderode der Ansicht gewesen, daß bei dem Ültteutat auf de» Polizcihauplmauu Krause die Politik nichts zu t h u n hatte. Gingold-Slärk habe dann auch eine» Älrtikel geschrieben, daß die Auarchistenriecherei in» Sande verlaufe»»verde; man habe die Sache von Anfang an ungeheuerlich aufgebauscht. Aus diesem Artikel habe vielleicht v. Lützow Stoff zu seinem SIrlilel genommen. De» Artikel halte er keiuesivegs für einen politischen.— Angell. v. Lützoiv hält de» von ihn» gebrachten SIrlilel für ein Körnchen einer hochpolitischen Materie. Nach Ansicht des Herrn v. Tausch sei Herr Kommissar Bösel, dem die Ucberivachung der Aiiarchistei» obliege, höchst»in geschickt, da er die Annrchistensache in Deutschland nnnütz stark ansbausche. Tausch habe ihm viele Einzelheiten über dieses Un- geschick mitgetheilt, z. B.«ine Londoner Fahrt, dann die E»t- l a r v u u g durch die Leute vom„Sozialist" in der Berliner G e>v e r b e- A u s st e l l u n g. Bisher habe man in Deutschland keine Furcht vor den Anarchisten gehabt, Herr» Bösel's „alnarchislenriecherei" habe darin leider Wandel geschaffen. Nach T a n s ch' s und M a u d« r o d e's?luffassu»g gäbe es hier überhaupt keine richtige» Anarchist« n. Zlber es sei eben die Zeit der Z a r e» r e i s e geivesen; Herrn Bösel that es leid, daß man damals in Belgien und Frank» r e i ch d i e a n a r ch i st i s ch e G e f a h r so e r» st g e n o in n» e n h a b e, n i ch t a b e r s o i n D c u t s ch l a u d. Es sei daher ganz ziveckmäßig,»venu Liitzviv einmal an der Hand der Koschemann- Affäre ettvas über diese Materie schriebe. Weiteres Presttreiben. v. Lützoiv behauptet»veiler, daß v. Tausch ihm noch in viele» Fälle» Jnsorniatione» zu Artikeln gegeben habe, deren Unterbringung ihm nicht möglich war. Er erinnere sich, daß er solchen Artikel auch dem Herausgeber der„Zukunft", Maximilian H a r d e», einmal per lliohrpost ohne Unterschrift übersandt habe, wisse aber nicht mehr, ob es sich um eine persönliche Sache des Ministers v. Bötlicher, um«ine politische Angelegenheit oder um eine Angelegenheit des Grasen Caprivi handelte.— v. Tausch erklärt, das> ihm diese ganze Sache fremd sei. Ter Vorsitzende hält dein Angeklagten vor, daß er im Leckert- Lützoiv, Prozeß eidlich bestritten habe, dem v. Lützoiv dazil benutzt zu haben, um ihn persönlich herauszustreiche», während er dann habe zugebe» müssen, daß er aus Anlaß der Landesverraths-Zlffaire Schoren von Köln aus den» Lützow dies an die Hand gegeben habe. Er habe damals behauptet, daß dies der einzige Fall dieser Zlrt gewesen sei, während nachträglich noch ein zweiter Zettel vorgesunde» worden, der eine ganz ähnliche Anweisung an v. Lützoiv enthalte. In diesem Zettel ivurde v. Lützoiv beauftragt, in die Blätter zu lanciren, wonach v. Tausch in Köln prompt, exakt und geräuschlos ein sranzösischcs Ehepaar, welches der Spionage verdächtig»var, verhaftet habe. I» dein Zettel wird v. Lützoiv gleichzeitig aufgesordert, in einer„An- inerkung der Redaklion" daraus binzuiveisen, daß v. Tausch derselbe ist. der die Landesverraths-Affäre Schoren so vorzüglich de- handelt habe und dann heißt es:„Sie können ja noch Ihren Senf zugeben— aber vorsichtig! Zettel zer- reißen!"— Der Zlngeklagle giebt zu, so„schwach" gewesen zu fein, den v. Lützoiv zu einer solche» Dienstleistling aufgefordert zu haben,»veil diese Landesverraths-Affäre«ine sehr schwierige war. Im übrigen habe er sich in dieser Beziehung mit seinem Eide nicht in Widerspruch gesetzt, denn auch der zweit- Zettel beziehe sich auf diesen selben, einzigen Fall, den er zugegeben habe.—St.-A. Dr. Eger sucht ans dem stenographifchen Bericht über den Leckert-Lützow- Prozeß uachzuweise», daß v. Tausch in diesem Pnnke seine Eides- Pflicht verletzt habe.— ysechtsanwalt Dr. S ch w i» d t ist anderer Ansicht.— Oberstaatsanwalt Drescher: Nach meiner Erinnerung ist der Angekl. v. Tausch seinerzeit aus Wunsch des Oberreichs- anivalts von seiner vorgesetzte» Behörde darüber verilommen worden, wie diese voreiligen Artikel über die Landesverralhsaffäre in die Zeitungen gekomnie» sind. Die vorgesetzte Behörde hat dabei nicht ahnen können, daß er selbst die Artikel veranlaßt halte.— Slngeklagter v. Tausch: Die Nachfrage bezog sich aus ganz andere Artikel. Was ich veröffentlichen ließ, die Verhasliing des Ehepaares:c.( war sofort in Köln allgemein bekannt geworden. Bei einer ganzen Reihe von anderen kleineren und größeren Artikeln und Notizen wiederholt sich dasselbe Spiel: v. Lützow be- bauptet, durch v. Tausch inspirirt, vorbei» zu sei», letzlerer bestreitet eS. Eine Notiz besagte, daß in Breslau der Kaiser de» Fürsten Hatzfeldt sondirt habe, ob er bereit sei, gegebenenfalls den llieichs- tanzler Fürsten Hohenlohe zu ersetzen. Angeklagter v. L ü tz o w erklärt auch bei dieser Gelegenheit, daß er heute annehme, der Zweck v. Tansch's bei der LancirUiig solcher Notizen sei vielleicht der gewesen, e i» er ,v i r k l i ch b e st e b e n d e n A b s i eh t d e s Kaisers zu c o» t r e c a r r i r e».— Präs.: Das erscheint doch»venig glaublich und klingt abenteuerlich. Es ist doch kaum anzunehmen, daß Se. Majestät eine von ihm gefaßte Absicht nnr deshalb ausgebe» sollte, iveil über diese Absicht vorzeiiig eine Miltheilung in die Zeitung kam.— alngeklagter v. L ü tz o>v: Ich möchle aber doch darauf nufnierkfam machen, daß mir v. Tausch eine dahin gehende Mitthei- l n u g gemacht hatte und daß ich letzteren S Jahre hindurch als einen außerordentlich gut unter- richtete» Mann kennen gelernt hatte, der mir wochenlang vorher über viele, ivichlige und intime Dinge Miltheilnngen gemacht, die sich auch stets bewahrheiteten. Sebald, Journalist und l». Tansch'schrr BertrauenSmann. Ei» anderer Punkt der?lnllage betrifft den Joiirnalislen Sc- bald, der früher in der„Deulschen Zeitung" arbeitete und a>i ch mit v. Tausch B e z i e h»» g e» unterhielt. Diesem sott w Tausch ans Herz gelegt haben, dafür zu sorgen, daß sein Blatt sich b i s in a r ck f r e>i» d I i ch halte. Der Angeklagte bestreitet dies, schon aus den» Grunde,»veil Sebald nnr einen ganz untergeordneten Posten bei der Zeitung bekleidete. Er bestreitet auch, dem Sebald, der den A g e>i t e n- N a in e n„ K o» s e n" führte, Anweisung ge- geben zu haben, den Prozeß Leckert-Lützow in dem Sinne zu bespreche»,„daß die eigentlichen Slnkläger die Liga- t i o» s r ä I h e H a ni a n» n n d v. H o l st e i n feie n" Er be- hauptet, er habe nur dem Sebald gesagt, in dem Prozesse Leckert-Lützow sei es mehr auf ihn(Tausch) als ailf die Angeklagte» abgesehen; er habe einen anonyme» Brief erhalte», ivonach die Herreu Hamann und v. Holstein gegen ihn eine Zlktio» plante».— Der Vorsitzende produzirl einen Zettel, in welchem S e b a l d-„Konsen" dem Angeklagten miuheilt, daß er seine» Auftrag in seinem Sinne in der„Deutsche» Zeitung" erledigt habe. Der Vorsitzende läßt aber gleichzeitig die Frage offen, ob es sich hier»m«inen„politischen" Artikel handele. Der Oberstaatsanwalt ist dieser Ansicht, da die beiden Namen Hamann und v. Holstein als die der eigentliche» Zlnkläger genannt worden waren und damit die Meinung verbreitet werden sollte, als ob es sich um eine?lktion des St n S w ä r t i g e n Amtes gegen den Slngekl. v. Tausch handele.— Angekl.».Tausch: Dieser Ansicht wurde auch v o n u» s gehuldigt; der Polizeipräsident Verantwortlicher Redalteiir: Robert Schmidt in Berlin. hat mir sofort gesagt: Dieser Prozeß gilt uuS. Ihm sei es von vornherein nicht zweifelhaft gewesen, daß es sich im Leckert- Lützow- Prozesse in erster Reihe darum handelte, ihn t o d t z n mache», denn daraus hätten die verschiedenen in- spirirten Zlrtikel hingedeutet. Da v. Tausch hierauf erklärt, körperlich nicht mehr im st a n d e zu sein, heule der Verhandlung weiter zu folge», verlagt um 4'/, Nhr der Vorsitzende die Verhandlung auf Dienstag 9 Uhr. PsvlmnvttkAvififzvs. Der lioui Abg. v. Salisch und Genossen im Reichstage ein- gebrachte Antrag über die Eidesleistung ist von den Antrag- stellern in einigen Punkten geändert worden. Der zu drei Para- graphe» erweiterte Artikel III des Antrages lautet jetzt: ß l. Wer vor einer zur Abnahme von Eide» zuständigen Behörde als Zeuge oder Sachverständiger vernommen wird und als solcher wissentlich falsch aussagt, obwohl er von der Behörde auf die Strasbarkeit wissentlich falscher Aussagen hingewiesen worden ist, wird mit Gefängniß bis zu drei Jahren bestraft. Sind mildernde Umstände vorhanden, so kann auf Geldstrafe erkannt iverde».§ 2. Hat ein Zeuge oder Sachverständiger eine nach Z I strafbare Aus- sage gemacht, so ist die an sich verwirkte Strafe auf die Hälfte bis ein Viertel zu ermäßige», wenn 1. die Angabe der Wahrheit gegen ihn selbst eine Verfolgung wegen eines Verbrechens oder Vergehens nach sich ziehe» konnte, oder 2. der Aussagende die falsche ainssage zu giinsten einer Person, rücksichtlich welcher er die Aussage ab- lehnen durste, ersialtel hat, ohne über sei» Recht, die Aussage ablehnen zu dürfen, belehrt worden zu sein. Z 3. Nimmt der Zeuge oder Sachverständige die nach ß l strafbare Aussage zurück, bevor noch ein Wahrspruch oder Endurlheil darauf ergange» ist, so bleibt er straflos.— In die Kommission für die Vorlage betreffend Aenderung der Gewerbe-Ordiinng und des Krankeiikassen-Gesetzes(Konfektionsarbeiter- Schutz) wurden seitens der sozialdemokratischen Fraktion die Ab- geordneten Molke nbuhr und R e i ß h a u s gewählt. Va trte i � ZLstch vichtun» An die Sozialdemokratie im Reichstags- Wahlkreise Wittenberg- Schweinitz. Dainil eine bessere Slgiintion im Wahl- kreise entfaltet werden kann, als das bisher möglich war, ist es dringend nölhig. daß sich möglichst in jedem Orte Parteigenossen bereit erklären. an de» erforderlichen Arbeiten in irgend einer Weise mitzuwirken. Wer dieser Aufforderung zu entsprechen geneigt ist. wird gebeten, seine Adresse an Otto G r e s s« in Berlin 8.W., Straße 17/13, Hans Nr. 9s., Ouergebäude 3 Treppen, gelangen zu lassen. Das„Volksblatt für Anhalt", das„Volksblatt für Halle" und die„Leipziger Volkszeitung" werden uiii Abdruck ersucht. Tie Parteileitnng der österreichischen Sozialdemokratie veröffentlicht in der„Arbeiter> Zeitung" ihren Bericht an de» sechsten Parteitag, der zu Pfingsten in Wien abgehalten wird. Der Bericht beschäftigt sich in der Hauptsache mit der Thätigkeit, die die Parteigenossen Oesterreichs für die Wahlen zum Reichsrath entwickelt haben und die zur Wahl von 14 Vertreter» des iiiiernatioualen Sozialismus und damit zu einem Erfolge führte, der die llassenbewußten Arbeiter aller Länder mit stolzer Freude und neuein Mulhe ersüllle, den Kampf für die Verwirklichung des geineinsanien Ideals fortzusetzen. Da der„Vorwärts" über die österreichische Wahlbewegung in allen ihren Stadien ausführlich berichtet hat, kau» von einem näheren Eingehe» auf den Bericht ab- gesehen werde». Polizeiliche?, Gerichtliches er. — Der Parteigenosse Jaeckh, früherer Redakteur des„Braun- schweiger Volksfreunds", verläßt heute Dienstag die Strafanstalt in Wolfenbüttel,>vo er wegen Preßvergehen vier Monate verweilen »iiißie. Er tritt in die Redallion der Mannheimer„Volks- slinime" ein.__ Gemevkschaftliches. Berlin und lluigebnug. Achtung, Graveure! Die Graviranstalt von ZltlaS, Wafferthorsir. 61, ist wegen Maßregelung gesperrt. Wir fordern die Kollegen auf. de» Zuzug seriiziihallen. Die O r t s v e r w a l t u u g. Tie Putzer Berlins beschlossen in einer großen öffentlichen Versaninilung in KeNer'S Festsälen am Montag, auf grnnd des Resultats der von der Lohnkomniisstou vorgenommenen Urabstini- mung von einer sofortigen Einführung der achlstlindigen Arbeits- zeit Abstand zu nehme», jedoch zu einein geeigneteren Zeitpunkte mit dieser, im Prinzip von allen Putzern anerkannten Forderung an ihre Arbeitgeber heranzutrelen. Von 1886 Putzern, welche aus IIS Bauten beschäftigt sind und der Kontrolle gemeldet wurden, stinnnte» S7S mit ja und 453 mit nein, während 305 Putzer sich der Ab- stimuinng enthielte». Dentscher Holzarbeiter- Berband. Für den Bezirk Osten wurden in der letzten Versammlung die Kollege» Brosinsky, Mölbitz, Köhler, Ernst, Ramelow und Garske in die Werkstatt-Kontroll- kommission gewählt. Achtung, Händler und Häudlerintte«! Um vielfach ge- äußerte» Wünschen zu entsprechen, haben wir Nene Friedrichstr. 20 im Stestaurant Preuß ein Bureau errichtet, woselbst Beschwerden angenommen und Zluskünfte und Rath � ertheilt wird. Auch sind sämmtliche Briefe dorthin zu senden. Das Bureau ist jeden Sonnlag von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Der Vor st and der Freien Ver- e i n i g u n g der Händler und Händlerinnen. Stellmacher Berlins! In aubetracht der in letzter Zeit vor- gekoinmenen Werkslalldifferenzen ist es mehr als je Eure Pflicht, in die Reihen der orgaiiisirlen Kollegen einzutreten, um so geschlossen dem Bestreben unserer Arbeitgeber nach Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse gegenüberlreteu zu können. Wir richten deshalb an Euch die Mahnung„organisirt Euch!" Wir ersuchen Euch, in allen größeren Werkstellen aus Eurer Mitte einen Vertrauensmann zu wählen und durch denselben alle vorkonniienden Werkstatt- differenzen an den Unterzeichneten gelangen zu lasse». Gleichzeitig machen wir aus die am 26. d. M. stattfindende Versaniinlilng aufmerksam. I in Auftrage d e r A g i l a t i o u s k o»i m> s s i o n: K. B a u in. Kastaiiien-Allee 33 III. Achtung, Korbniachcr In der Werkstatt von Julius Fechner in F r i e d r i ch s b e r g haben 8 Mann die Arbeit niedergelegt. Die Vorlegung des neuen Tarifs beantwortete Herr Fechner damit, daß er von dem alten noch zu recht bestehenden Tarif Abzüge machte. Wir mache» hiermit auf die Versammlung, welche am 26. d. M. in Moser's Lokal, Dorsstr. 2 stattfindet, aufmerksam. Pflicht ist, daß jeder Kollege erscheint.(Siehe Jnseratentheil.) Der V o r st a n d. I. A.: Emil Marti». In PotSdam ließen sich nach einem Referat des Töpfers Mittag 16 Berussgenossin in de» Zentralverband der Töpfer ausnehmen. Deutsches Reich. Die Miiuchener JnnnngSmcistcr der Schuhbrauche be- abfichtigen, den Arbeitern ihre durch den Streik errungenen Erfolge , nieder illusorisch zu machen. Durch Maßregelungen einzelner Kollegen»nd durch Zlbzüge an dem Lohntarif find die Gehilsen ge- zwungen gewesen, die Arbeit zu verweigern. Es ergebt desivege» an all« Schuhmacher, besonders an die besseren Arbeiter, das Ersuchen, München bis auf weiteres zu meiden. Da die Münchener airdeit vermuthlich answärts augefertigt werden soll, wird gebeten, vorkommendenfalls sofort die Münchner Kollegen davon in Kenntniß zu setzen. I. Zl.: Zl. D a n g u i l l i» i» M ü n ch« n, Eendlinger Straße 10. Tie Töpfer in Plauen i. B. befinden sich wegen Lohn- differenzen im Streik. Soll der Kampf zu gunsten der Zlrbeiter beendet werden, so ist strenge? Fernhalten des Zuzuges erforderlich. Druck und Verlag vru Von Berlin aus sollen der Firma Lehman n Ersatzkräfte ange« boten sein, die bereits am Montag, den 24. Mai, in Plauen ein- treffen sollten.— Desgleichen ist mitzutheileii, daß ebenfalls am Montag die Töpfer in Rostock in den Streik eingetreten sind. Zuzug ist streng fernzuhalten. Die hiesigen Kollegen wolle» bieranf achten. Der Vorstand des Zentral-Verbandes der Töpfer u. Ziegler Deutschlands. Zu den Differenzen im Tischlergcwcrbc Breslau's berichtet die„Volkswacht", daß bei den Verhaiidliiiigen am Freitag die Unternehmer nicht die Oi/sstündige Arbeitszeit bewillige» wollle», während die Vertreter der Zlrbeiler uiibedingt darauf bestanden. Eine Versammlung der Streikende» beschloß ebenfalls, daß a» dieser Forderung unbedingt festgehalten werden soll. Nach Mittheilungen bürgerlicher Blätter soll es am Sonnabend zu eiiiem Vergleich gekommen sein, infolgedessen der Generalstreik beendet wäre. Die Bestätigung dieser Nachricht bleibt abzuwarten. Aus Mecklenburg. Das Polizeiamt in Rostock hatte in den Monate» März und April d. I. alle zur Vorbereitung einer Lohn- bewegiing einberufenen g e iv e r k s ch a f t l i ch e n B e r f a m m- l u n g e n unter Berufung auf das mecklenbiirgische Sonntagsgesetz verhindert, das in seinem§ 4 geräuschvolle Z u s a»i in c n- tünfte während der Zldvcnls- und Fastenzeit vcrbielet. Schneider Saß, der gegen diesen Punkt verstoßen haben sollte und ein Strafmandat erhalte» hatte, rief richterliche Entscheidung an, die denn auch von Erfolg war. Das Schöffengericht erkannte auf Freisprechung und billigte Saß auch den Ersatz aller uolh- ivendigen Zluslagen aus der Staatskasse zu. Begründet wurde das Urtheil wie folgt: Das Gericht ist der Ansicht, daß der§ 4 des mecklenburgischeu Sonntagsgesetzes nicht anwendbar sei, weil es unstatthaft wäre, eine gewerkschaftliche Versammlung, ivo ernste Männer ernste Sache n behandeln, auf eine Slnse zu stellen mit Tanz, Musik und anderen Lustbaikeilen; eine derartige Versammlung sei also nicht eine„geräuschvolle Zu- saiinnenkunft" im Sinne jenes§ 4. Aber selbst wenn die»lecklen- burglsche Sonntagsverordniing in der Fastenzeit das Abhalten von gewerkschaftlichen Versanimlunge» habe verbiete» wollen, so sei dies Verbot hinfällig; durch den§152 der G e w e r b e- O r d- n u n g würde ein s o l ch e s A e r b o t aufgehoben sein. Da der Augeklagte ganz unschuldig zu dem Slrafbesehl gekominen sei, so wäre ihm die Erstattung seiner»othwendigen Auslagen ans der Gerichtskasse zugesprochen. Auf dem Hofe T o d d i n bei Hagenow legten sämmtliche polnische Arbeiter und Arbeiterinnen am 21. Mai die airbeil nieder, weil ihnen vorgeworfen wurde, sie hätten nicht genügend gearbeitet. Trotzdem sie zum Bleiben erinahnt und gebeten wurden, sind sie sammt und sonders mit Sack und Pack weiter gereist. Bei den neuerlichen Differenzen in der J»tespin»erei und Weberei Bremen handelt es sich darum, daß die Arbeiter und Arbeilerinne» sämintlicher Zlbtheilungei, nach dem Ausbruch des Streiks in der Abtheilung Weberei gleichfalls Forderungen gestellt haben, worauf die Direktion erst mündlich, dann schriftlich eine Üteihe Zugeständnisse unter der Bedingung gemacht hat, daß das streikende Personal der Abtheiliiiig Weberei bis spätestens Montag, de» 24. Mai, die Zlrbeit„zu den ihm vor Eintritt in den Streik ge- machte» Lohnerhöhungen" wieder ausnähme. Das Gesamuil- personal der Fabrik faßte nun in einer Versammlung am Donnerstag einen Beschluß, worin es die ihm„von der Direktion ge- machte Zumuthung. durch Aiinahnie der völlig uliznreichenden Be- willigungen die streikende» Weber, denen nichts bewilligt worden ist, zur Wiederaufnahuie der Zlrbeit zur bedingungslosen Unter- iverfung zu zwingen, also ihnen in den Rücken zu fallen", zurück- wies und iveiter erklärte, es erblicke in der Antwort der Direktion eine Beleidigung seines Arbeiter-Ehrgefühls und den Beweis, daß die Direktion den hauptsächlichen Wunsch des Gesamintpersonals, die Forderungen des Weberei-Personals zu bewilligen, nicht erfüllen ivolle. Ein zweiter Be- schluß der Versammlung ging dahin, daß am Freitag die Fein- und Vorspinner, die Anspinn er und Abschneider die Arbeit einzustellen hätten und daß alle streikende» Abtheilunge» bei den entscheidenden Abtheilungen der Direktion für die Forderungen des Gesannutpersonals solidarisch eintreten sollten. Als nun am Freitag von den genannte» Ablheilunge» niemand zur Arbeit erschien, mußte die Direktion auch in den übrigen Zlbtheilnngen der Fabrik bei» Betrieb einstellen, und am Nachmittag machte sie durch Slnschlag bekannt, daß die nicht streikenden Arbeiter nndalrbeiterinnen aufFreitag den 26. Mai gekündigt seien, daß aber die Fabrik wegen der Betriebs- störuug zur Zahlung von Lohn bis dahin laut alrbeitsordnung nicht verpflichtet sei. Infolge dessen ist nun bis auf wenige Personen das ganze Personal außer Arbeit. Wie schon in der Sonntagnnmnier des„Vorwärts" mitgelheilt ivurde, handelt es sich um zirka 1500 Arbeiter und Arbeiterinnen. Eine Versammlniig des Gesammt- Personals beschlob, daß die Gekündigten wegen der Nichtzahlung des Lohnes für die Kttndignngszeit das Geiverbegericht anrufen sollen, da die Auffassung der Direktion durchaus willkürlich sei. Zuzug ist streng sernzuhalten. Briefe tc. sind zu adressiren an Simon Dreyer's Volksgarten in Bremen. AuS Wiesbaden wurde uns am Montag telegraphirt: Hier legten heute 800 Maurer und 200 Bauarbeiter die Arbeit nieder. Die Arbeitseinstellung ist allgemein und umfaßt Wiesbaden und Umgegend. Gefordert wird unter anderem: Verkürzung der Arbeitszeit von 11 auf 10 Stnnden, 40 Pf. Minimal- loh» für Gesellen und 37 Pf. für Junggesellen. Der Lohn schwankte bisher zwischen 32 und 37 Pf. pro Stunde. Bei der Unterhandlung am vorigen Freitag sagten die Unternehiner 36 Pf. Maximallohn zu, lehnten aber alle anderen Forderungen ab. 90 pCt. der Streikenden sind im Zentralverband der Maurer organisirt. Zuzug ist sernzuhalten. Ter Töpferstreik in Miiuchc» steht, wie uns von dort ge- schrieben wirb, gegenwärtig für die Gehilfen außerordentlich günstig. Die Nichtinnungsmeister, die die Forderungen der Gehilfen bewilligt haben und deshalb seitens der Meisterinnung hinsichtlied des Bezuges von Kachelwaaren aus innungsfreundlichen Osenfabriken und Ofengeschäften boykollirt ivurde», haben eine„Freie Vereinigung" gebildet, um die brutale Aninaßnng derJnnuug kräftig abzuivehren. In einer öffentlichen Töpferversauimlung, Ivo der Vertreter des entralvorstandes deS deutschen Töpferverbandes, K a u I i ch ans erli», referirte, wurde einmülhig beschlossen, an den gestellten Forde» rungen festzuhalten und dieselben mit allen gesetzlichen Mittel» zu vertreten. Dezteschen«nd letzke NAchvichken« Hamburg, 24. Mai.(W. T. B.) Ueber die Dyiiamit- Explosion der Geesthacht ist bisher noch nichts Näheres zu er» fahren gewesen, weil die Telephondrähte zerstört sind. Di« erste Explosion soll in einer der Menginühlen stattgefunden haben und durch die zweite soll der Lagerschuppen mit einer sehr großen Menge Dynaniit— die Zlngaben schwanken zwischen 500 und 5000 Pfund— in die Lust geflogen sein. Geesthacht selbst und die Orte an der hannoverschen Seite sollen ziemlich ge- litten habe», dagegen sollen die Ortschaften in Lauenbnrg nicht stark beschädigt sein. In Bergedorf sind viele Scheiben zersprungeu. Hamburg, 24. Mai.(W. T. B.) Der Postdampfer„Areadia". der bei Kap Ray(West-Neufoundland) strandete, ist nach einem der Rhederei der„Hamburg- Amerika- Linie zugegangenen Telegramm gestern Morgen um 3 Uhr wieder abgekommen und um 7 Uhr nach dem in der Nähe von Kap Ray gelegenen Port Basqne eingebracht. Erfurt, 24. Mai.(Privatdepesche des„Vorwärts"). Aus sämmtliche, i Bauten wurden die Maurer ausgesperrt. Budapest, 24. Mai.(B. H.) Nach den letzten Meldungen sind bei den Exzessen in Bosniake(Kroatien) 29 Militärpersonen getödtet und 56 verwundet worden. Max Babing in Berlin. Hierzu St Beilagen u. Uiiterhaliungsblatb» Für den Jnseratentheil verantwortlich: Dh. Glocke in Berlin. it. m h. wmn. i, griliip des ,|»ti»iiits" fnlin« KlKsM»!'<»!. W.».i m. 5». triutfvri— u. Untzoio. Das lauge erwartete Schauspiel zu dem Prozeß Leckert-Lützow. der im Dezember v. I. die dritte Strafkammer beschäftigte, hat gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts I seinen Ansang genommen. >. bn �"tersilchnngshaft vorgesnhrt nehmen auf der Anklage- dank Platz: der königliche Kriminalkommissar am Berliner Polizei- Präsidium Enge» Karl Theodor v. Tausch und der Schriststeller Karl Christian Herbert Ferdinand v. Lützoiv. Es sind zwei Anklagesache», die mit einander verbunden sind. Veno® vflte"-Tausch allein wird beschuldigt, im Dezember 1336 vor der dritten Straskammer in der Auklagesache wider �.«aert, v. Lützow und Genossen den vor seiner Vernehmung gelenleten Eid wissentlich durch ein falsches Zeugniß verletzt zu haben. In der beiden Angeklagten gemeinsamen Anklagefache geht die Anklage dahin: I. v. Lützow: im November 189S z» Berlin durch zwc: selbständige Handlungen I. den Reichs-Militärfiskus um 50 M. betrogen zu haben; 2. eine Quittung 6. 6. Berlin, 10. Novbr. 1895 über 50 M. mit der Unterschrist„Knkulsch" fälschlich angefertigt und von derselbe» zum Zwecke der Täuschung Gebrauch gemacht zu haben.— II. v. Tausch: nach dem 10. November 1895 zu Berlin als Beamter, welcher vermöge seines ülintes bei Ausübung der Strafgewall mitzuwirken hat. in der ülbsicht, den Mitangeschuldigten v. Lützow der gesetzlichen Strafe rechtswidrig zu entziehe», die Ver- folgung der zu I bezeichneten strafbaren Handlungen unterlassen zu habe».(§8 263, 267, 316. 71 Sl.-G.-B.) Der den Angeklagten v. Tausch allein angehende Theil der Anklage behauptet, daß der Angeklagte bei der Verhandlung des Prozesses Leckert-Liitzoiv am 3. Dezember v. I. und folgende» Tagen seine Eidespflicht in verschiedenen Beziehungen wissentlich verletzt babe. Insbesondere soll er nnwahrerweise behauptet haben: 1. daß er nicht Politik getrieben und niemals politische Artikel inspirirt habe; 2. daß er den ihin amtlich zugewiesenen v. Lützoiv nicht zu persönlichen Dienste» herangezogen habe; 8. daß er bezüglich der von dem Angeklagten v. Lützow begangene» Urkundenfälschung(»n- befugte Benutzung des Namens Kukntsch zu einer Quittung) wider besseres Wiflen unrichtig ausgesagt und 1. daß er unter seinem Eide die Angabe des Chefredakteurs Dr. Arthur Lcvysohn bestritten habe, wonach diesem Tausch gesagt haben soll, Leckert werde im Auswärtige» Amte als Mitarbeiter der.Täglichen Rundschau" empfangen. Tie Anklageschrift iivcr daS Wirken des Herrn v. Tausch. Die Anklagebehörde hebt in der sehr umfangreichen Anklage- schrift hervor, daß der Angeklagte, der früher bäuerischer Offizier gewesen, im Jahre 1879 als Anwärter bei der Berliner Polizei ein- getreten und im Jahre 1392 als Kriminalkommissar bei der politi- scheu Polizei angestellt worden ist. Seil 1889 bestand seine Dienst- thätigkeit nebe» der Leitung der Gasthofs- und Fremvenpolizei vor- nehmlich in der Anstellung von Ermittelungen auf dem Gebiete der Presse. Daneben hatte er an dem Sicherheitsdienste für de» deutschen Kaiser theilznnehmen, feil mehrere» Jahren war er auch dem großen Generalstab, dem Kricgsministerium und dem Neichs-MarineanU gegen Gewährung besonderer Bezüge zur Erledigung sckreter Aufträge uberwiesen. Nach Ansicht der Anklagebehörde hat v. Tausch da? ihm in besonderem Maße entgegengebrachte Vertrauen und die ihm eingeräumte Machtvollkommenheit arg geniißbrancht und ans Herrschsucht, Eitelkeit und Mißgunst sich zu Jntriguen und Zettelnngen sogar gegen die höchsten Beamten des Staates verleite» lassen. Es wird ihin zum Vorwurf gemacht, daß er mit seinen Agenten, die aus solchen Leuten bestehen,„welche in ihrer Ehrenhaftigkeit zurückgegangen sind und diese anrüchige Beschäsligung übernehmen, weil sie bereits im Leben S ch i s f b r u ch gelitten haben", in intimster freundschaftlicher Weise verkehrt und sich sogar ihrer Hilfe bei Aufnahme von Wechseldarlehen bedient habe. Unter seinen Agenten nahm eine besonders hervorragende Stellung in früherer Zeit der berüchtigte N o r in a n n- S ch u»> a» n ein, der die Presse zu den schamlosesten Verleumdungen und Verhetzungen nüß- braucht hat, und in neuerer Zeit der Angekl. v. Lützow, der wegen seiner gehässigen Erfindungen über die höchsten Würdenträger ini Staate und am Hofe zu 1 Jahr 6 Monaten Gesängniß ver- urtheilt worden ist. Tie Preßthätigkeit deS Herr» v. Tausch. Ii» Gegensatz zu der eidlichen Bekundung des Angeklagten im Prozesse Leckert-Liitzoiv behauptet die Anklagebehörde, daß v. Tausch mit Hilfe seiner Vertrauensmänner vielfach politische Artikel in die Presse lancirt und damit seine persönliche» Interessen, seine Neigungen und Abneigungen zu verfolgen gesucht habe. Es wird da zunächst verwiesen auf Artikel, die Normann-Schumann im„Berliner L o ka l- A n z e i g er" vom 4., 6. und 8. Oktober 1395 über die Strafsache gegen Schoren und Genossen wegen Verraths militärischer Geheimnisse veröffentlichte, v. Tausch war damals mit der polizei- lichen Bearbeitung dieser Untersuchung betrank. Weiter wird bezug genommen auf das Verhalten v. Tausch's dem Journalisten Hans Krämer gegenüber. Diesem soll er an, 17. März 1391 allerlei Miltheilnngen über den angeblich Besorgniß erregenden Zustand des Kaisers, über eine Unterhaltung des Kaisers mit der Kaiserin Friedrich, über eine durch Geheimrath v. Bergmann in Abbazzia vorzunehmende Ohr-Operation des Kaisers»e. gemacht haben. Ans die erstaunte Frage Krämer's, woher er die Details so genau wisse, soll er gesagt haben: der Kaiser sei von ihm mit einem Nctz von Spionen umgeben, die alles berichteten, was im Schlosse vorgehe. Krämer hat die Nachricht von der Erkrankung de? Kaisers auch in die Presse bringen wollen, ist aber schließlich bedenklich geworden und hat davon Abstand ge- nommen. Hierzu kommt die von dem Angeklagten v. Lützow ans- gestellte Behauptung, daß er in einer große» Anzahl von Fällen von v. Tausch direkt aufgefordert sei. nach seiner Information politische Artikel abzufassen und in die Presse zu lancire». Das sei namentlich der Fall gewesen bei einem im„Berk. Tageblatt" vom 15. September 1393 erschienenen, von ihm verfaßlen Artikel „Ein Rückblick a»f die Kaisernianöver in Elsaß-Lolhringen", i» welchem er im Austrage Tausch's Maßregeln der Polizei bei den Manvövern abfällig kritisirt habe. Ebenso behauptet v. Lützoiv, daß ein von ihm in der„Deutschen Warte" vom 2. August 1896 veröffentlichter Artikel„Ans der Gesellschaft", der sich in ab- sprechender Weise mit dem Coburgischen Kamnierherrn Grafen Griebenow beschäftigte, ans Wunsch v. Tausch's veröffentlicht ivorden sei und daß dieser selbst ihm aus den Akte» des Polizeipräsidiuius die Information über das Vorleben des Kammerherrn ertheilt habe. Auch den in der„Welt am Montag" vom 27. April 1396 er- schienene» Artikel„Zu de» Krisengernchten" will Lützoiv im Auftrage Tausch's zum Abdruck gebracht habe». Ebenso sollen vier durch Leckert bei der„Täglichen Rundschau" angebrachte Artikel, die sich mit den Kriseugerüchten, mit dem Generoloberst Frhr» v. Loö und mit der Strafsache Noscheman» beschäftigte»(„Anarchisten- riecherei'), auf einen Anstrag v. Tausch's zurückzuführen sein. Auch der bekamite Agent Tausch's, Journalist G i» g o l d- S t ä r k. hat einen ganz ähnlichen Artikel über die A n a rch i st e n r i e ch er e i bei der„Deutschen Warte" untergebracht. In einer Reihe weiterer Fälle soll dem Angeklagten v. Lützoiv die von v. Tausch geivnnschte Lancirung bestimmter Nachrichten in die Presse nicht ge- Inngen sein; so die Nachricht von der Erkrankung des Kaisers, ferner Nachrichten, die sich gegen den Grasen Caprivi und Herr» v. Böllicher richteten re. Bekannt ist aus den, Leckert-Lützow- Prozeß, daß v. Tausch von Köln ans, wo er sich ans Anlaß der Untersuchung gegen Schoren n. Genossen aufhielt, den v. Lützow über den Gang der Untersuchung unterrichtete lind ihn aufforderte, seine V e r d i e n st e in der Sache in der Presse gehörig herauszustreichen. Auch nach der Becndi- gung des Prozesses Schoren soll v. Tausch den v. Lützow Informationen über Mißstände in der Heeresverwaltung zur Be nntznng in der Presse ertheilt und als Lützoiv sie nicht schnell genug unterbringen konnte, sie durch Gingold- Stärk a» das„Berliner Tageblatt" haben geben lassen. Auf direkte» Auftrag v. Tausch's führt die Anklagebehörde ferner einen Artikel zurück, den Gingold- Stärk im„Berliner Tageblatt" vom 16. Sepleinber 1896 veröffent- licht hatte. Er betras die Ersetzung des Fürsten Hohenlohe durch den Fürsten Hatzfeld!. Ebenso soll er den Journalisten Max Sebald, den er dahin instruirt habe, stets in bis»> a r ck- freundlichem Sinne zu schreiben, veranlaßt habe», zwei Artikel in die„ D e n t s ch e Z e i t u n g" zu lancire». Schließlich führt die Anklagebehörde noch an, daß v Tausch im Jahre 1390 dem damaligen Redaktenr der„Freisinnigen Zeitung", Walt her(jetzt Chefredakteur der„Königsberg er Härtung' scheu Zeitung") gelegentlich einer Ver- nehmung Mittheilunge» über den Chefredakteur der„ B e r- l i n e r Politischen Nachrichten", S ch w e i n b n r g, und dessen Beziehnnge» zum Zentralverbande deutscher I n d n st r i e l le n gemacht habe. Herr Walther soll der Auf- fordernng, diese Mitlheilnngen in die„Freisinnige Zeitung" zu bringen, nicht nachgekomme» sein. Kurze Zeil darauf sind aber diese Mittheilunge» in genau demselben Gedankengang durch Normann-Schumann, den damalige» Agenten Tausch's, der„Saale Z e i t u n g" übermittelt worden. Herr t>. Tansch alö Bismarckpolitiker. In dieser Weise hat v. Tausch nach Ansicht der Anklagebehörde in, Gegensatz zu seiner eidlichen Aussage und unter Mißbrauch der ihm dienstlich zur Verfügung stehenden Mittel, unter Bruch s e i n e s A in t s g e h e i in» i s s e s sich der Presse bedient. Außer persönliche» Motiven, dem Streben, mit Erfolgen z» glänzen und sich ein gutes Fortkommen zu sichern, sollen auch politische Gründe hierbei maßgebend geivesen sein. Nach dem Rücktritte des F ü r st e n Bismarck war er von einem ganz besonderen Groll gegen die leite» de n Staats niänn er erfüllt und soll gegen seinen eigenen Chef, den Minister v. Köller, den Staats sekretär v. Marschall und die Beamten des Auswärtigen Anites arg intriguirt und auf eigene Hand Politik getrieben habe». So soll er den v. Lützow u. a. veranlaßt haben, an de» Minister v. Köller eine» anonymen Brief zu schreiben und diesem darin ganz bestimmte politische Direktiven zu geben. Auch soll v. Lützow lülter einem Pseudonym sich den» Polizeidirektor Eckar dt habe» nähern müssen. Ueber den Staatssekretär v. Marschall soll sich v. Tansch in der absälligsteu Weise Jouinalisteii gegenüber ans gelassen habe». Aus dem Leckert-Lützow-Prozesse ist bekannt, wie v. Tansch den» KriegSininister von B r o n f a r t beziehnngsweise den, Obersllieutenant G a e d e den Glauben beigebracht hat, daß zwei Slrtikel der„M ü n ch e„ e r Neueste» Nach- richten" und des„H a n» o v. Courier" über Beralhungen des Staatsniinisterinms über die Militär-Slrasprozcß-Ordnniig ans direkte Veranlassung des Ministers des Innern v. Köller ver- öffentlicht seien, der sich hierzu des Polizeidirektors Eckardt bedient habe. Es wird noch bekannt sein, wie v. Tausch dem Oberst- lientcnant Gaede gegenüber behauptet hatte, diese befremdliche That fache sei dem v. Lützoiv durch den im Literarischen Bureau deS Ministeriums des Inner» beschäftigten Herr» Knkulsch verrathe» ivorden, der gegen eine Belohnung von 50 M. wohl schriftliche Beweise erbringen könnte. Man erinnert sich wohl auch»och der Komödie mit der an den Knegsniinistcr gerichtete» anonyme» Karte mit dem schönen Vers:„Wollen Sie wissen, wer gegen Sie hetzt »nd putscht, so sragen Sie Hoina»», Eckardt, Sachs und Kukntsch" und unvergessen dürfte auch noch der Vorgang sein, daß»inn schließlich einer Quittung über 50 M. fälschlich den Namen Knkulsch untersetzte. Der Urheber jener Nach- richt, die gar nicht ans Berlin flammte, soll in München gesessen haben und die Prcßmiltheilung in Form einer Depesche aus Berlin einen nnversäl, glichen Eingang in die Presse gesunden habe» Als der Minister v. Köller von dem ganz unberechtigt ans ihn ge- fallenen Verdacht Kenntniß erhielt, ließ cr Tausch zu sich kominen und trug ihm eifrigste Recherchen nach dem Verfasser auf. Dabei verschivieg Tausch gänzlich seine bisherige Thätigkeit in dieser Sache und befolgte dieselbe Taktik bei einem im November 1896 von ihm erforderten schriftlichen Bericht, in welchem er nur erwähnte, daß Lützoiv den Verdacht ans das Literarische Bureau gelenkt, er(Tausch) aber dieser Nachricht von vornherein keinen Glaube» geschenkt habe. Ter Kaisertoast. Noch ganz frisch in der Erinnerung sind die politische» Jntriguen, die nach den Ergebnissen des Leckert-Llitzoiv-Prozesses aus Anlaß des vielbesprochenen Kaisertoastes in Breslau gegen den Freiherr» v. Marschall aiigezellelt worden sind. Es ist bekannt, wie die Mär beharrlich verbreitet wurde, daß die betr. Artikel der„Welt am Montag", die da behauptelen, der falsche Wortlaut des Zarentoastes sei vo» dem Hosmarschall Grasen zu Enlenbnrg absichtlich in die Presse lancirt worden, um Ver- stilninung zwischen Deutschland und Nnßland zu erzeugen, rührten aus dem Auswärligen Amte her. Thatsächlich ist in jenem Prozeß klar gelegt worden, daß Tausch de» Lützow aufgeputscht hatte, dem ersten Artikel noch andere folgen zu lassen,„dainit sie endlich den Marschall dein, Wickel haben könnten" und daß Tausch bei der endlich erfolgten Verhaftung v. Lützow's in Heller Angst geivesen ist und diesen wiederholt ermahnt hat, gerade so„dicht zu halten" wie seinerzeit Schumann. Sein Schuldbeivnbt sein folgert die Anklagebehörde auch aus folgender Thalsache: Kurz vor der Hanptverhandlnng. gegen Leckert und Lützow soll der Angeklagte v. Tansch den Korrespondenten der„Leipziger Neuesten Nachrichten" Dr. Liinail zu einer Unterredung ein- geladen und dabei den bevorstehenden Prozeß berührt habe». Er soll sich dabei als getreuer Anhänger des Fürsten Bismarck gerirt, sich vor ihm gegen Anschnldi- giiiige», die bis dahin noch niemand gegen ihn erhoben hatte, ver- lheidigt und gebeten habe»,„wenn alles ans ihn losbacke, es mit ihm nicht so schlimm zu machen". Fast zu gleicher Zeit hatte er dem Geh. Regierungsrath Friedhei», versichert, daß es ihm sehr an- genehm sei, als Zeuge vernommen zu werden, und nun öffentlich darlegen zu könne», daß die politische Polizei keine Politik treibt. Herr V. Tausch und die Eideöpflicht. Nach alledem hält die Anklagebehörde die eidliche Behauptung Tausch's, daß er politische Jntriguen nie gesponnen, für falsch. Sie erinnert weiter an die Ziirückhaltnng, welche v. Tausch im Prozesse Leckert-Lützow bezüglich seiner ganzen Wissenschaft zur Sache äußerte, wie er mit seinen Antworten auf die ihm vorgelegten Fragen auswich, wie cr den Angeklagten v. Lützoiv in seinen Zeugenaussagen zu- nächst zu schonen suchte, wie er eidlich in Abrede stellte, geivußt zu haben, daß der Zlrtikel der„Kölnischen Zeitung" über die„Flügel- adjntanten-Politik" vom Hauptmann a. D. Hönig verfaßt sei«.:c. Direkte Verstöße gegen die Eidespflicht findet die Anklagebehörde darin, daß v. Tansch alle Einzelheiten des von Lützow schließlich abgegebenen Geständnisses eidlich in Abrede stellte, mir die That- sache zugab, daß er thalsächlich einen Artikel der„Welt am Mo». tag" a» den Botschafter Grafen Eulenburg in Wien eingesandt habe, alles übrige aber als Erstndungen des Lützow bezeichnete. Er hat damals zugeben müssen, a» den Grafen Enlenburg geschrieben zu haben: er habe ihm interessante Mittheilungen, ins- besondere bezüglich der Provenienz der Sache z» machcn und gerade hieraus folgert die Anklagebehörde, daß es nicht wahr gewesen, wenn er unter seinem Eide bekundete, er habe de» Berichten Lützow's keinen Glauben geschenkt und sie für lächerlich gehalten. Ein fernerer Punkt, bezüglich dessen sein Zeugniß als unwahr hin« gestellt lvird, ist die Erörterung des ihm von dem Kriegsniinisteriuin ertheilte» Auftrages, den Urheber des Berliner Telegramms in den „Müncheuer Nenestei, Nachrichten" zu ermitlelu. Es wird behauptet, daß, obivohl er schriftliche Beweise von der Schuld Lützow's in der Kiikutsch-Affäre in Händen hatte, vor Gericht damit völlig zurück- hielt. Er hat die Beweisstücke am nächsten Tage zu seiner eigenen Verlheidigu/z ans freie», Antriebe vorgebracht und damit eine Stra', barkeit wegen seines Verschiveigens am Tage vorher ausgeschlossen. Dagegen wird ihn, als strafbarer Bruch des Zeugeneides der Umstand ausgelegt, daß er eidlich bestritten hat, gelegentlich einer Unterredung dem Chefredakteur Dr. Levysohn gesagt zu haben: Leckert werde im Auswärtigen Amte empfangen. Wegen dieser eidlichen Ableugnung der Behauptung des Dr. Levy- soh» erfolgte f. Z. bekanntlich Tausch's Verhastnng. Dr. Levysohn hat sofort die Angaben Tausch's in einem ülrlikel verwerthet und gerade hieraus folgert die Anklage, daß jeder Jrrthum auf Seite Dr. Levysohn's ausgeschlossen sei, während sich v. Tausch ans mehrere Zeugen beruft, denen er sofort nach den, Erscheine» des Artikels im„Berl. Tagebl." mitgetheilt haben will, daß Dr. Levysohn etivas gemeldet habe, was er garnichl gesagt habe. Ei» falscher Eid soll auch in der Tausch'schen Aussage liegen, „daß er Lützoiv niemals den Austrag gegeben habe, seiner rühmend in der Presse zu gedenken", während ihm seine eigenen Briefe vor- gelegt werden konnten, wonach er in der Landesverrathssache Schoren und Genossen einen solche» Liebesdienst von Lützow ver- langt halte. Ein ähnlicher Brief, in welchem Tausch den Lützow Stoff zu einem seine kriminalistische Thätigkeit verherrlichenden Artikel zustellt, ist»och in der gegenwärtigen Untersuchung ans Tageslicht gekommen. Die Anklagebehörde verweist auch darauf, daß v. Tausch, als die Stelle des verstorbene»«» Polizeiraths v. Mauderode zu besetze» war, einen Brief an Lützow geschrieben und diese» gebeten habe, ein Gerücht, daß e r Nachfolger des Verstorbenen lverden würde, zu dementire». Die Anklage- behörde meint, daß dieses Dementi nur gewählt sei, um die Ansmerksainkeit der vorgesetzten Behörde auf v. Tansch zu richten.— Im Leckert-Lützow-Prozesse hatte Tausch auf wiederholtes eindringliches Befragen der Vertheidigung unter seinem Eide ver- sichert, daß er„nie i» seine», Leben jemand mit politischen Artikeln inspirirt habe". Nach Ansicht der Anklage ist diese Behauptung nach allem vorher Angeführten wissentlich falsch aufgestellt, denn sein Verhalten gegenüber dem Minister v. Köller und gegenüber dem Freiherrn v. Marschall bezweckte nichts weniger, als den Sturz dieser Minister herbeizuführen. Dieselbe Richtung haben seine wiederholten Anschivärzungen des Auswärtigen Amtes gehabt, vor allem aber die Treibereien des Normann-Schnmainl in der„Saale- Zeitung" und anderen Blättern. Mit Normann-Schnmann habe er in vollem Einvernehmen gelebt und noch bis in die neueste Zeit in Verkehr gestanden. Als Normann- Schumann 1895»ach längerer Slbiveseuheit wieder auftauchte, habe er ihn mittels zweier durch Lützoiv geschriebener anonymer Briefe vo» hier wegbugstren ivollen— wohl iveil Schumann zu viel von ihm wußte. Letzterer soll auch stets genaue Kennlniß von polizeilich bevor st ehe„den Maßregeln gehabt haben und in niehreren Fällen in der Lage ge- wesen sein, Redakteure vor bevorstehen den Hans- such lin gen zu ivarue». Als der Redakteur Brentano den, Adjutanten des Grafen Caprivi, Hauptmann Ebmeyer, mitgetheilt halle, daß die Skandalartikel in der„Saale-Zeitnng" von einem Angestellten der politischen Polizei herrührten und diese Angelegenheit den, Polizei-Präsidinni überwiesen war, besaß Normann-Schumanu schon am nächsten Tage Abschrist des Brentano'schen Brieses. Hieraus folgert die Anklage, daß v. Tausch bei de» Treibereien deS Normann-Schnmann die Hand mit im Spiele gehabt habe» müsse. Daß die oben erwähnten, von den, Angekl. Tausch inspirirten Artikel des Lützow, Sebaldt, Gingold-Stäik politische Artikel waren, hält die Anklage für zweifellos und somit wiederum die eidliche Be- Häuptling des Angeklagten, daß er nicht Politik getrieben und die Presse nicht mit politische» Artikeln inspirirt habe, für völlig wider- legt. Als Schnldbeivllßtsein des Angeklagten hebt die Anklage schließlich noch hervor, daß dieser am Abend des 5. Dezember, nach- de», Lützoiv seine Enthüllungen gemacht, sich durch den bekannten Caspari Roth-Rosfi bei dem ihn, ganz fern stehenden Schriftsteller Maximilian Harde» habe anmelden lasse», diesen, seine Roth gellagt und schon bei dieser Gelegenheit eingehend den Fall Dr. Levysohn besprochen habe, obgleich diese Angelegenheit in der Ver- Handlung bis dahin»och nicht mit einen, Worte berührt worden war.— Soweit die Beschuldiguugen, die gegen v. Tansch allein erhoben werden.— Die gegen v. Lützoiv und li. Tausch gemeinschaftlich gerichtete Anklage beschuldigt denAngeklagten v. Lützow des Betruges gegen den Militärfiekus und der Urkunden- f ä l s ch n n g, den v. Tansch aber des A n, t s v e r b r e ch e n s. Dem letzteren wird vorgeworfen,„als Beamter, welcher vermöge seines Amtes bei Ausübung der Strafgewalt mitzuwirken hat, in der Absicht, den Angeklagten v. Lützoiv der gesetzlichen Strafe rechts- widrig zu entziehen, die Verfolgung der von v. Lützow begangenen strafbaren Handlungen nnlerlassen zu haben".— Bei dieser Anklage handelt es sich um die sattsam bekannten Vorgänge bei der durch den Kriegsminister dem v. Tausch in Auftrag gegebenen Eriuitteliing des Verfassers eines Berliner Telegramms der„Münchener Neuesten Nachrichten" über eine Staatsniinisterial-Sitzung in Sachen der Mililär-Strasprozeß-Ordnmig. Völlig ohne Grund ist der Kriegs- minister in de» Glauben versetzt worden, daß der damalige Minister von Köller das Telegramm in das Münchener Blatt lancirt habe. Wie schon erwähnt, hat nach vorheriger Vereinbarung zwischen Tausch und dem Oberstlieutenant Gäde der Angeklagte v. Lützoiv die anonyme SÜarle mit dem Knittelvers an das Kriegsministerium gerichtet. Daraufhin erfolgte die Vernehmung des Schriftstellers Knkutsch und der übrigen in der Karte genannte» Beamten, welche ergab, daß der Verdacht gegen Herrn v. Köller vollständig unbegründet war. Oberstlienlenant Gäbe erklärte hierauf dem Tausch, daß sie wohl von Lützow dupirt worden seien. Tausch gab dieses zu und be- merkte, er wolle nun feststellen, ob v. Lützow überhaupt mit Knkutsch verhandelt habe und von ihm verlangen, daß er Quittung über die an Knkulsch angeblich gezahlten 50 Mark beibringe. v. Lützow hat dann die gefälschte Quittung über 50 M. produzirt. Oberstlieutenant Gäde hat sofort Bedenken gehabt, ob die Quittung echt sei»nd dem Angeklagten v. Tausch erklärt, die An- gelegenheit werde im Kriegsministerium als erledigt erachtet; er sei er von seinen Agenten dupirte Kriminalbeamte, was er thiin oder lassen wolle, sei seine Sache. Von seilen Tausch's ist aber in der Angelegenheit nichts weiter erfolgt. Die Anklage steht auf dem Standpnnkle, daß nur v. Lützoiv ein Interesse an der Urkunden- fälschung gehabt habe, daß Tausch der Fälschung selbst völlig fern stand und daß lediglich v. Lützow die Verdeckung des voranfgegangenen Betruges bezweckt und in dieser Absicht die Quittung gefälscht habe. Nach Ansicht der Anklage hat aber v. Tausch von dem Betrüge und der Urknndensälschnng des Lützoiv eine der vollen Gewißheit gleich kommende Ueberzeugung gehabt, gleichwohl aber von den ganzen Thatsachen seinem Vorgesetzten kein Wort mitgetheilt, sondern Lützow so lange als nur irgend möglich geschont— weil er ihn eben fürchtete. Er wird deshalb beschuldigt, bewußt und widerrechtlich die schuldige Strafanzeige und Verfolgung des Lützow unterlassen zu haben. Bcgiuu der Vcrhaudliiiigcn. Die Verhandlungen finde» in, großen Schwurgerichtssaale statt. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor R ö s! e r, Beisitzer sind Landgerichtsrath M nnkel und Landrichter Hirsch, Ersatz- richter Assessor Dr. v. R ö h l. Die Anklage wird vertreten durch Obevstaatsamvalt Drescher und lStciatsniiivalt Dr. Eger, die Vertheidigung führen die Rechtsainvülle Dr. S e l l o und Dr. S ch w>» d t(für v. Tmisch) und Dr. Lubszznski und Dr. Holz(für v. Lützow), Prolokoliführcr ist Aktuar Dulke. An eincin besoudcren Tische sitzen Stenographen des Polizeipräsidiums und des Auswärtigen Amte s. Mit Rücksicht auf die lange Dauer der Verhandlungen rvcrden außer den 12 Geschworene» noch 3 Ersatzgeschivorene ansgeloost. Die Geschworeuenbank wird gebildet ans den Herren Wein- Händler Franz Zicgler, H o l z h ä» d l e r Bröderderp. Rentier Johann Schmidt. a» f in a n n Gustav v. Lazar, Rentier Gustav Kühne. Buchhändler August Herbig. G e o m e t e r Adolf Felix. Kaufmann Amandus Jasper, Hotelbesitzer Karl Wtllnoiv, K a u s in a n n Max Höppner, B a n m e i st e r Olto Schröder, Hotelbesitzer Otto Förstenau. Als Ersatzgeschworene werden auSgeloost: Kunsthändler Karl Ran. Konditorei- besitzer Oskar Müller, Steppanstaltsbesitzer Albert Böttcher. Der Vorsitzende richtet vor Eintritt in die Verhandlungen die Ermahnung an die Geschworenen: ausschließlich das. was bei der Verhandlung vorgeführt wird, zu berücksichtigen und ohne jedes Vorurtheil an die Sache heranzutreten. Unter den aufgerufenen Zeuge» befinden sich Staatssekretär Freiherr Marschall v. V i c b e r st e i n, Staalsminister v. K ö l l e r. Polizeipräsident v. W i n d h e i m, General v. G o ß l e r, General Bronsart v. Schelle ndorff, Oberst G a e d e, Legationsralh Dr. H a>» a n n, Abg. Bebel, zahlreiche Polizeibeamte und viele Journalisten, unter ihnen auch Lecker t und der famose G i n g o l d- S t L r k. Auch der Vertheidiger des Angeklagte» v. Lützow, Dr. Lubszynski ist als Zeuge gelade», aufsein Zeugniß wird aber seitens des Oberstaatsanivalls verzichtet. Ebenso ist der Stenograph Cohnen, der die Verhandlungen des Leckerl- Lützow-Prozesses stenographirl hat, als Zeuge vorgeladen. Da das Ans- wärtige Amt wünscht, daß er die Ver handlunge» stenographisch aufnimmt, wird ihm gestaltet, dieses seines Amtes zu walte». Die Ver- theidigung verzichtet auf die Vernehmung des Kriminalkommissars v. B o d u n g e n. Nicht erschiene» waren Staatssekretär V.Marschall, General v. Alven sieben, der wegen un- aufschiebbarer Dienstreise erst am Freitag erscheinen könne, ebenso der Wiener Botschafter Graf v. Eulen bürg und der frühere Kriminalkommissar(sozialistengesetzlichen Andenkens) v. Haake. Nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses führt der Vorsitzende den Geschworenen vor: Durch die Verbindung der zwei Strafsachen mit einander sei es unmöglich, den Angeklagten v. Lützow als Zeuge gegen den Angekl. v. Tausch zu vernehme». Das hindere aber die Geschworenen nicht, den»neidlichen Bekundungen des Angeklagten v. Lützow Glauben zu schenke», wenn sie ihnen glaubwürdig erscheinen. v. Tausch giebt zu seinen Personalien an: Er heißt Eugen Karl Theodor mit Vornamen, ist am 12. Dezember 1844 in München geboren, katholisch, verheirathet in kinderloser Ehe, Premierlieutenant a. D., Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Klasse, des Ritterkreuzes des bayerische» Militär-Verdie»storde»s, des Rothen Adlerordeus III. Klasse mit der Krone, der österreichischen Eisernen Krone III. Klasse, des österreichischen Franz JofephSordens. des russischen Stanislausordens, eines Koburger Ordens und der Kricgsdenkmünzen von 1866 und 1871. v. L ü tz o w heißt Karl Christian Herbert Ferdinand, ist am 17. März 18S6 in Schwerin i. M. geboren, evangelisch, von seiner Ehefrau geschieden. Lieutenant a. D. und am 7. Dezember in dem Prozesse Leckert-Lützow wegen Beleidigung zu 1 Jahr 3 Monaten Gefänguiß verurtheilt. Der Präsident richtet sodann an den Angeklagten v. Lützow die Ermahnung, gegen seinen Mitangeklagten nicht mehr auszusagen, als er verantworten könne. Es wäre eine Ehrlosigkeit und Gewissen- losigkeit sondergleichen, wenn er sich ans Rachsucht oder Gehässigkeit dazu bewegen ließe, den Mitangeklagten z» unrecht zu belasten. Er möge sich genau prüfe», man wolle nichts anderes von ihm hören, als die Wahrheit, die r e i n st e Wahrheit. Tausch wird dernomme». Der Präsident läßt das Antritts- und Vereidigungsprotokoll verlesen, wonach Tausch beschwört, vor leichtsinnigem Schuldeumache» Und Wechselverpflichtuugen sich zu hüten. Tausch erklärt sich in vollem Umfange für unschuldig. Am 26. Januar 1882 wurde er der politischen Polizei überwiesen; vom Jahre 1887 ab hatte er vornämlich die Presse zu beaufsichtigen und den persönlichen S i ch e r h e i ts- dienst beim Kaiser.— Präs.: Habe» Sie nun Ihrem Chef von jedem Austrage, de» Sie erhielten, Mittheilung gemacht?— Angekl.: Nein, das konnte ich nicht, ich bekam Aufträge von den verschiedensten Behörden, beispielsweise auch vom G e n e r a l st a b e. Ueber jede» dieser Aufträge meinem Chef Vortrag zu halten, war mir nicht möglich.— Präs.: Sie hatten auch die Ausgabe, die Verfasser von Artikeln zu erniilleln, welche die Aufmerksamkeit der Behörden erregten?— Angekl.: Jawohl.— Präs.: Dazu be- dienten Sie sich geivisser Personen, die„Agenten" genannt wurden und zu diesen gehörte auch der Angeklagte v. Lützow?— Angekl.: Jaivohl.— P r ä s i de n t: Wie kamen Sie zu diesen Agenten? v. Tausch: Das ist verschieden. Bei anderen Ablheilungen nehmen Wachtmeister und Schutzleute ihre Agenten an; in meiner Abtheilnng nahm nur i ch sie an. Im allgemeine» wendet man sich nur an solche, von denen man annehmen kann, daß sie a k z e p t i r e n.— Präs.: Wurde den Agenten auch Unsittliches zugemnthet? Sie stellten ja in Ihrer ersten Ver- nehmung diese Aufträge als harmlos hin. Meistentheils bestehen ja die Leute, die sich zu Polizei- Agenten hergeben, aus solchen, die Schiffbruch gelitten haben.— v. Tausch: Wenn auch nicht gerade Schiffbruch gelitten; wir haben auch schon anständige Agenten gehabt; in der Regel gilt der, welcher zum Polizer-Agenten sich her- giebt, nicht als Gentleman. b. Tausch und Norma>m-Schuma»it. Den Agenten Normann-Schumann habe er(Tausch) selbst ange- Nommen und ihn 9 Jahre hindurch bis zum Jahre 1692 als Agent beschäftigt. Von dessen Treiben habe er keine Kenntniß. Normann- Schumann habe vorzügliche Verbindungen gehabt, er sei für ihn der werthvollste Agent gewesen. Die politische Polizei frage mit Absicht nicht nach diesen Ver- b i n d u n g e n. sie kümmere sich um deren politische Tendenzen nicht. Wenn wir sie aus ihren Kreisen heraus ziehen, sind sie für uns nicht mehr brauchbar. Wir begnügen uns damit, die Leute zu verpflichten, daß sie nicht provoziren und über das, was sie von der Polizei erfahren. Diskretion bewahren.— Präs.: Kann da nicht unter Umständen das von der Polizei er- strebte Heilmittel schlimmer sein, als der Uebel- stand selber. Ich denke daran, daß so ein Mensch, der beauftragt wird, den Verfasser eines Artikels zu ermitteln, selbst der Verfasser ist. Haben Sie das bei dem Normann-Schumana nicht gewußt?— Angekl.: Ich habe es erst später erfahren.— Präs.: Ist Ihnen nicht bekannt gewesen, daß Normann-Schumann in der auswärtigen Presse Artikel veröffentlicht hat, wegen deren Anklage auf Majestätsbeleidigung eingeleitet werden könnte? Er ist auch der Verfasser eines Artikels im.Memorial Diplomatique" gewesen.— v. Tausch: Das war uns ganz unbekannt; ich habe es auch erst später erfahren, als er schon weg war. Ich hatte den Normann-Schumann beaustragt, den Verfasser eines Artikels der „Saale-Ztg.", deren Chef damals der Schriftsteller Brentano(jetzt Redakteur im„Berliner Lokal-Anzeiger") war, zu ermitteln. Ich habe dann aus gewisser Schreibweise den Verdacht erhalten, daß Normann-Schimiann selbst den Artikel geschrieben habe und er hat es mir dann auch zugestanden.— Präs.: Es fleht aber doch aus, als ob Sie befürchteten, durch Normann-Schumann Unannehmlich- keilen haben zu können, weil dieser zu sehr in Ihren persönlichen Verhältnissen eingeweiht war.— v. Tausch: Das ist durchaus nicht der Fall. Normann-Schumann hat später, als die Verbindung gebrochen, versucht, wieder Beschäftigung bei uns zu erhalte», was aber natürlich unmöglich war. Ich habe das persönlich sehr bedauert, denn Normann- Schuniann war ein äußerst lhätiger, sehr talentvoller Mensch, der für die Polizei ganz Kolossales geleistet hat. Er hat mir noch öfters geschrieben, ich habe ihm auch noch vier bis fünf Mal ein Rendezvous gegeben. Was er wollte, war mir nie recht klar; vielleicht wollte er blos zeigen, daß er noch immer mit der Polizei in Verbindung stehe; ich nahm deshalb immer einen Wachtmeister ni i t, der forschen sollte, ob man uns nicht beobachte. Seine Thätig- keil war mir noch immer interessant. Schumann war zwar sehr vorsichtig. doch auch sehr gesprächig.— Präs.: War Schumann etwa im Besitz von Geheimnissen, die Ihnen oder der Behörde gefährlich waren?— v. Tausch: Nein.— P r ä s.: Sie wissen aber doch, daß S i e noch nach Abbruch der Verbindung mit Normann-Schumann durch eine heute hier vor- geladene Zeugin an Normann-Schumann einen anonymen Brief haben schreiben lassen, worin auch die Drohung war, man werde seine früheren Vorstrafen bekannt geben. Der Zweck dieses Briefes war doch offenbar, ihm klar zu machen, daß der Boden unter seinen Füßen sehr heiß sei und er sehr gut lhäte, das Weite zu suchen. Sie haben über diese Dinge die Aussage verweigert.— Angekl.: Ich kann nur versichern, daß der anonyme Brief keine Dinge betraf, die mich persönlich angingen, ebenso wenig politische Dinge. Ich habe dem verstorbenen Herrn v. R i ch t h o s e n das Versprechen gegeben, daß ich über diese Angelegenheit Stillschweigen beobachten werde und ich halte mich an dieses Versprechen um so mehr gebunden, als Herr v. Richthofen gestorben ist. Ich habe mich aber selbstverständlich bereit erklärt, meinem Vorgesetzten Herrn v. Windheim Mittheilung über diese Angelegenheit zu machen, mit dem Vorbehalt, daß darüber hier nicht gesprochen werde. Dieser Vor- behalt konnte mir nicht zugestanden werden. Ich bedauere es per- sönlich am allermeisten, daß Normann-Schumann nicht z u r S l e l l e i st. Er ist am Tage meiner Verhaftung außerhalb Teutschlands gegangen. Wie das zusammenbäugt, wird sich vielleicht im Lause der Verhandlung aufklären. Daß ich ihm nicht das Geld gegeben haben kann, um nach Italien und der Schweiz zu gehen und dort sechs Monate leben zu können, dürste klar sein. Leider ist auch die Bernehmung seiner Ehefrau unmöglich geworden, da sie inzwischen auch in die Schweiz gegangen ist. Ich bedauere das sehr lebhaft. Herr v. Tausch und die Politik. Präs.: Sie habe» in dem Prozesse Leckert-Lützow unter Ihrem Eide ausgesagt, daß weder Sie noch die Polizei- behörde je Politik getrieben und auch nie politische Artikel i n s p i r i r t h a b e n.— Angekl.: Das habe ich auch nie gethan, ich habe nie persönliche politische Interesse» durch meine Agenten betreiben lassen.— Präs.: Dann müssen wir uns zu- nächst darüber verständigen, was sie unter„inspiriren" und was Sie unter„politischen Artikeln" verstehen.— An- geklagter: Unter„Inspiriren" verstehe ich, einem Menschen das Gerippe zu einem Artikel mitlheilen, mit der Anweisung, es nach bestimmter Richtung hin auszusüllen und in der Form eines Ar- tikels in die Zeitungen zu bringen. Das habe ich nie gethan. Ich mußte natürlich, um meine Pflicht zu erfüllen, mit den Leute», die meine Agenten waren, auch über die Politik hier und da sprechen. Um das Vertrauen der Leute zu gewinnen, mußt« ich, wenn ich darum angegangen wurde, ihnen auch hier und da Mittheilungen machen, nicht, damit sie sie in die Zeitungen brächte», sondern um auch die Schleusen ihres Mundes zu öffnen, damit ich auch von ihnen Mit- theilungen erhielt. Politische Artikel nenne ich solche, wie sie hier und da in der„Zukunft" erscheinen. Ich rechne dazu nicht kurze Nachrichten oder Notizen, sonder» längere Artikel, die sich mit den Einrichtungen des Staats beschäftigen, sie sorgsam verfolgen und kritisiren. Ich bleibe dabei, daß ich niemals in diesem Sinne Politik getrieben oder politische Artikel inspirirt habe. Bei meine» Agenten war es von vornherein bedungen, daß sie solche Mitlheilungen nicht weitergeben; bei anderen Journalisten habe ich jedes Mal vorausgeschickt:„Aber das bleibt unter uns! Das sage ich Ihnen nur i m Vertrauen." Uebrigens halte ich in meiner laienhaften Auffassung solche kleinere Notizen wie gesagt nicht für poli- tische Artikel. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt der Angeklagte, daß mehrere zur Verlesung gebrachte Artikel des Berliner„Lokal- Anzeiger", die von N o r m a n n- S ch u m a n u herrühren und sich auf die Landesverraths- Affäre Schoren bezogen, von ihm sicher nicht inspirirt seien, da sie ja ganz Unzutreffendes enthielten. Es sei ihm auch nicht bekannt, daß Normann-Schumann der Verfasser sei, übrigens seien das keine politischen Artikel, fondern höchstens„ P o l i z e i- A r t i k e l". Zum Beweise dafür, daß die Verbindung zwischen N.-Sch. und den: Angeklagten nicht im Jahre 1892 abgebrochen worden, sondern noch bis ins Jahr 189S und 1896 andauerte, werden mehrere Briese der Fr«» Schumann an den Angeklagten ans dem Jahre 189S und des Normann-Schumann selbst aus dem Jahre 1896 verlesen. Nament- lich letztere, die stets als„vertraulich" bezeichnet und mit dem nom de guerre„Brandt" unterzeichnet sind, enthalten viele Mit- theilungen über politische und Preß-Angelegenheiten, sind vollgepfropft mit sehr kräftigen Worten und spielen mit Ausdrücke» wie„Schufte", „pumpe",„Gesindel". In einem dieser Briefe heißt es auch:„Im Kaiserhof(wo viele Journalisten verkehren) wird behauptet, daß die politische Abtheilung der Polizei ruinirt werden würde. Der Wortlaut dieser Briefe konnte im Zu- schauerraum nur sehr unzusammenhängend und undeutlich ver- nommen worden. In einem andern Briefe erhielt v. Tausch von Normann-Schumann den Dank dafür ausgesprochen, daß er einen Paß erhalten habe; in einem ander» wurde behauptet, daß der famose Hofralh de Grahl zweimal an die„Snale-Zeilnng" [ich gewandt habe; serner daß Stöcker an der Hetze gegen ihn lheilnehme. Oberstaatsanwalt Drescher: Aus dem November 1896 liegen noch weitere Briefe vor. Erstens einer, worin bezng genommen wird auf eine Unterredung, die Norinann-Echnmann mit c. Tausch noch um jene Zeit gehabt habe; zweitens eine e i d e s- lattliche Erklärung N o rm a n n- S ch u Ma n n's zu gunsten v. Tausch, worin er diesem ans Tausch's Veranlassung bestätigt, daß er(Normann) niemals an v. Tausch ein Dar- lehen gegeben habe. v Tausch betrachtet diese Schriftstücke sehr lange und bemerkt dann zögernd und stockend: Es sei ihm einmal zu Ohren gekommen, man habe verbreitet, daß er von dem Normann-Schumann Geld darlehusweise erhalten habe. Das habe er für eine große Un- Verschämtheit gehalten und deshalb einen Kollegen zu Normann- Schuniann geschickt, um jene»ides st ältliche Erklärung von ihm zu erhalten. Im übrigen habe er jene Briese nie beantwortet, ondern sie seiner vorgesetzten Behörde gezeigt, da er gar nicht wußte, was der Mensch denn eigentlich wolle. Erhöbe ihn geradezu mit Briefen bombardirt und er habe de» Eindruck gehabt, als ob Schumann daran gelegen war, den Ver- dacht einer engen Verbindung mit ihm zu bekräftigen. Präs.: Ein Mann, der zu derselben Zeit jene eidesstattliche Ver- sicherung zu Ihren Gunsten gab, dürfte doch schwerlich ein Interesse daran gehabt haben, Sie zu schädigen.— v. Tausch: Ich kann niir aber keine Vorstellung davon machen, was Normann- Schumann mit seinen Briefen bezweckte. Er war noch am Tage vor meiner Verhaftung in meinem Hause und verlangte Zutritt zu mir, ich habe ihn aber nicht vorgelassen. Ich bedauere, daß Schumann nicht hier ist, und daß Frau Schumann von der Abgabe ihres Zeugniffes entbunden ist.— Oberstaatsanwalt Drescher: Das ist ein ganz grober I r r t h u m des An- geklagten. Frau Schumann konnte nicht hier vernommen werden, weil sie in die Schweiz gegangen ist. Die Staatsanwaltschaft hat nicht etwa Herrn Schumann verschwinden lassen, sondern sie hätte das allergrößte Interesse daran, diesen Manu hier zu haben. v. Tausch über den Gesundheitszustand des Kaisers. Präs.: Nun sollen Sie sich noch in einer anderen Sache sehr verfänglich benommen haben. Im März 1894 solle» Sie mit dem Journalisten C r ä m e r in Verbindung getreten sein, um von ihm Mittheilungen betr. die Redaltions- und Verlagsverkältnisse der Harden'sche„Z u k u n f t" zu erhalte». Crämer soll erklärt haben, daß er dazu außer Stande sei, er wolle aber Horden fragen. Dann solle» Sie das Gespräch ans Se. Majestät de» Kaiser gelenkt und dabei erwähnt haben, daß das Ohrenleide» des Kaisers in verstärktem Maßstabe wieder aufgetreten sei, Sie wüßten das genau, denn S i e hätten den Kaiser mit einem Netze von Spionen umgeben. Der Kaiser müsse müsse sich durch Professor von Bergmann in Abbazia einer Operation unterziehen.— von Tausch: Dies bestreite ich entschieden. Ich habe Crämer sofort gesagt, daß er Verschwiegenheill bewahren inüffe, bevor ich die Frage betreffend die„Zukunft" an ihn richtete. Als er mir dann sagte, daß er außer stände sei, mir Nnsknnsl zu geben, war dies Tbema erledigt. Das Gespräch kam dann, ich weiß nicht ivie, ans Se. Majestät und Crämer erzählte mir, daß er die Mittheilung von einem Herrn habe, der mit Prof. von Berg- mann befreundet sei. Wie sollte ich dazu kommen, einem wild« fremden Menschen gegenüber eine solche Aeußerung zu thun? War ich doch überzeugt, daß kein Blatt der Welt, wenigstens in Deutsch- land, eine solche Notiz über des Kaisers Gesiindheilszustand ans- nehmen würde.— Präs.: Wenn Sie nun doch diese Absicht gehabt hätten, würden Sie denn nicht derartige Artikel für politische halten?— v. Tausch: Vielleicht.— Präs.: Nun, Sie haben unter Ihrem Eide beschworen, daß Sie niemals Artikel politischen Inhalts inspirirt haben. Polizei-Slgcnt gcge» Polizeikoitimissar. Dem Mitangeklagten Lützow, so behauptet v. Tausch, habe er nie politische Inspirationen ertheilt. Die Mit- theilungen, die dieser vorher schon in der„Welt am Montag" über den Gesundheiisznstand des Kaisers veröffentlicht habe, beruhen ans den- jenigen Thatsachen, die Lützow von Crämer erfahren habe. Er habe Lützow schon seit 188S überhaupt keinen Glauben mehr geschenkt; Lützow habe das alles nach und nach erfunden, u»i sich zu rächen; er habe ihm nie einen solchen Auftrag gegeben. — Angekl. v. Lützow behauptet dagegen, daß er von Tausch den ganz b e st i m m t e n Auftrag erhalten habe, die Nachricht über das aufgetretene Ohrenleiden des Kaisers unter der allergrößten Vorsicht in die Presse zu lanciren, fodaß man weder auf ihn selbst noch auf Herrn v. Tausch als de» Verfasser schließen könnte.— Präsident: Welche Zwecke hat denn wohl Herr v. Tausch mit der Lancirung einer solchen Nachricht über den Kaiser versolgt?— Angeklagter v. Lützow: Herr v. Tausch war mir mit solchen Anträgen, ähnliche Notizen über das Befinden des Kaisers, im Laufe der letzlen Jahre schon 3—4 mal gekommen. Ich habe ihn nie danach gefragt, ivelche Zivccke er damit verfolgte und auch in diesem Falle habe ich es nicht gelhan. Ich vertranie Herrn v. Tausch, wie e i n Bruder de m Bruder oder ei» Sohn dem Vater vertraut. Ich glaubte ja auch nicht, daß die Nachricht unwahr sei, glaubte vielmehr, daß ich— wie immer nach meiner Meinung— auch diesmal nicht Herrn v. Tausch, sondern den Staatsbehörden mit meiner Thätigkeit diente. Erst später habe ich ihn gefragt; da war er immer kurz angebunden und sagte: Sie thun es im Interesse der Polizei; wenn Sie nicht wollen, können Sie cs ja bleiben lassen.— Präs.: Hat der Angeklagte v. Tausch Ihnen einen Grund zu der angeblichen Erkrankung Se. Majestät angegeben?— v. L ü tz o w: Ja wohl! Er sagte, cs sei eine Erlranknng auf krebsiger Grundlage. Se. Majestät habe den Krebs von seinem Vater geerbt und die Krankheit influenzire auch den Geisteszustand des Monarchen.— Präs.: Sie bleiben also dabei, daß Sie den ausdrücklichen Auf- trag von Herrn v. Tausch erhallen haben, cs in dieser Weise in die Presse zu bringen?— v. L ü tz o w: Jawohl, ich habe die bestimmte Weisung erhalten.- Präs.: Nun, Herr v. Tausch, was fagen Sie dazu? v. Tausch: Was der Angeklagte v. Lützow vorgebracht, ist mir gänzlich fremd.— Präs.: Was sollte wohl der Angeklagte v. Lützow für ein Interesse daran haben können, Sie wider besseres Wissen zu beschuldigen?— v. Tausch: Der Angeklagte hat auch bei seinem fogenanuten Geständnih, als ihm von dem Anstallsgeistlichen ins Gewissen geredet worden war, sälschlich behauptet, daß ich von seiner Fälschung des Namens Kukutsch Kcnnlniö gehabt hätte. Dem Manne ist alles zuzutrauen.— Präs.: Auf jene Angelegenheit kommen wir später. Jetzt will ich nur noch einmal hervor- heben, daß der Angeklagte v. Lützow sich mit Ihne» in direkten Widerspruch gesetzt hat.(Zu v. Lützow): Haben Sie denn Anstrengungen gemacht, jene Notiz über Se. Majestät in die Zeitung zu lanciren?— v. L ü tz o w: Ich ging damit zur Redaktion der„Welt am Montag", deren Redakteur v. Plötz ein ehemaliger Arzt ist. Dieser sagte mir sofort, daß die Sache medizinisch nicht stimmen könne.-- Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t: Hat der Angeklagte sich weiter gar nicht bemüht, den Artikel ander- iveitig unterzubringen?— Angellagter v. Lützow: Nein. Ich merkte damals aus Gründen, die mir nun ja bekannt sind, daß mir immer weniger Zeitnngeu zugänglich waren und mir eigentlich nur die„Welt am Montag" blieb, um Notizen zu lanciren. Man hatte anderwärts eben schon in Erfahrung gebracht, daß ich Polizeiagent und also ein Mann war, der mit Vorsicht zu behandeln war. (Mittagspause.) d. Tausch über seine Kollegen von der elsässischeu Polizei. Nach Wiederaufnahme der Sitzung befragt der Vorsitzende den Zlugekl. v. Tausch über einen im„Berliner Tageblatt" erschienenen Artikel(vom 1ö. September 1893) unter der Ueberschrisl„Rückblick aus die Kaiser-Manöver". zu welchem dieser den Angekl. v. Lützow inspizirt haben soll. Der Artikel geißelte die Schwierigkeiten, die de» Besuchern der Manöver im Elsaß seitens der Polizei bereitet ivurden und verhöhnt die angeblid>en Mißgriffe der Sicherheitspolizei.— v. T a n f ch: Ich habe diesen Artikel nicht veranlaßt, er ist mir ganz neu.— Präs.: Haben Sie denn de» Angekl. v. Lützow überhaupt angewiesen, die Handhabung der Sicherheitspolizei einer Kritik zu unterwerfen?— Singt- klagt er: Nimmermehr. Er sollte die französischen Jonrnalisten überwachen, deren einer im Verdacht der Spionage stand.— Präs.: Würden Sie diesen SUtikel für einen politischen halten?— Sl n g e kl.: Nein, ich halle ihn für einen f e u i l l e t o» i st i s ch e n, für Manöverbetrachtungeu, nicht aber für etwaS Politisches.— Präs.: Es wird behauptet, daß es überhaupt Ihr Bestrebe» war, Ihre eigenen Verdienste herauszukehren und die Ihrer Kollegen herabzufctzen.— Sl n g e k l.: Das lag mir ganz fremd, ich Halle speziell in diesem Falle gar leine Veranlassung dazu, da der betreffende Herr im Elsaß, dem die politische Polizei unterstand, mein Bekainiter war.— Präs.: Slus der früheren Verhandlung wird Ihnen bekannt sein, daß ei» Brief von Ihnen aus Köln bei den Slkten ist, in welchem Sie Herrn v. Lützoiv auf- fordern, Sie und Ihre Thätigkeit hecauszu st reichen?— Angekl.: Ich war vollkommen zufrieden mit meiner Stellung und hatte keinerlei Interesse daran, durch Kleinlichkeiten andere Beamte herabzusetzen. Das liegt auch garuicht in meinem Charakter.— v. Lützow. Ich war mit Herr» v. Tausch in den Rheinlanden, besonders in Koblenz gewesen. Früher stand die Polizei bei den Manövern untcr Leitung des Herr» v. Tausch. Er erzählte mir wiederholt, oaß der Große Ecneralstab nicht zusriede» sei mit der Polizei in den Reichslanden und ich weiß genau, daß er den Namen des P o l i z r i r a t h S Zahn nannte. Als Herr v. Tausch nach Berlin zurückreiste, beaustragie er mich, mein Augenmerk auf die Thätigkeit der politischen Polizei in den Reichslanden zu richten und ihm darüber Bericht zu rrstalten. Ich habe denn auch von Straßburg und von Metz aus an ihn berichtet. Nach meiner Rückkehr nach Berlin erzählte ich dem Herrn v. Tausch meine Erlebnisse. Er erklärte mir daraus„das ist gut, das bringen Sie nur, ziehen Sie ordentlich über die dortige Polizei her, ich werde den Artikel dann dem Großen Generalstab unterbreite n." Infolgedessen verfaßte ich den Artikel, der im„Verl. Tagebl." Aufnahme fand. Ich muß es als eine Unwahrheit bezeichnen, wenn Herr v. Tausch bestreitet, dem Artikel nahe zu stehen.— Präs.: Welche Gründe mag denn nun der Angeklagte V.Tausch gehabt haben, diesen Artikel zu inspiriren. Hallen Sie es für persönliche Eitelkeit?— Angekl. v. Lützow: Nein, das weniger, ich hielt es für sachliches Jnter- rsse; v. Tausch wußte, daß der Große Generalstab gegen die Journalisten sehr zuvorkommend zu sein pflegt und wollte nun wohl die Gegensätze hervorheben. Ich halle den Artikel für einen hochpolitischen. Oberstaatsanwalt Drescher: Ich mache darauf auf- werksam, daß der andere Agent des Angeklagten v. Tausch. Normann- Schumann in der„Saale- Zeitung" einen Artikel ver- öffeutlicht hat, der einen ganz ähnlichen Inhalt hatte, die Mangel- hastigkeit der politischen Organisation in de» Reichslanden be- leuchtete und namentlich das Fehlen einer politischen Polizei daselbst beklagte.— Rechtsanwalt Dr. Lub sc zynski: Ist es dem'Angeklagten v.Tausch nicht bekannt, daß zivischen der hiesigen Polizei und der von Elsaß-Lothringen eine peivisse Spannung herrschte?— Angekl.: Nein.— Slechtsanwalt Dr. Lubsczynski: Ist dem Slngellagten bekannt, daß er bei der Erledigung von Aufträgen, die in das Gebiet von Elsaß-Lothringen siele». Schwierigkeilen begegnete?— A n g e k l.: Nein. Graf Gricbcnow. Zur Verlesung gelangt hieraus ein Artikel der„ D e u t s ch e u Warte" vom August ISSö, der sich über die Vergangenheit des Grasen Griebenoiv de Paderno, der seine Standes auszeichnung aus Sa» Marino bezogen habe und nun als kvbnrgischer Kammerherr Hofchargen-Dienste thue, aus- läßt.— Präs.: Auch dieser Artikel soll auf Ihre Ver- anlassung. Angeklagter v. Tausch, durch den Angeklagten v. Lützow veröffentlicht worden sein.— v. Tausch: Ich habe Herrn Hofmarschall Prinz v. Ratibor einmal ge- legentlich einer Ziviesprache ans seine Fragen allerlei über die Personalien des Grasen Grivenow erzählt Herr v. Ratibor habe aber mehr wissen wolle». Ich habe dann später dem Angeklagten v. Lützoiv eine Abschrift aus einem humoristischen älteren Artikel des„Berliner Tageblatts" über die exotischen Ordensverleihungen des Grafen Griebenow gezeigt. v. Lützoiv hat sich daraus Notizen gemacht. Ich habe mir wohl gedacht, daß er die Notizen zu einem Artikel verwenden wollte, und dann gedacht, auf diese Weise komme auch Herr v. Ratibor zu seinem Zweck. Den lürtikel selbst halte ich keinenfalls für einen politische». �-Angekl. v. Lützow: Richtig sei es, daß der Angekl. v. Tausch ihm einen älteren Artikel des„Tageblattes" gezeigt und ihn darauf „scharf gemacht" habe, etivas über den Grafen Griebenow i» die Zeitung zu bringen. Er habe sich die Auszüge aus den Akten g e m a ch t. v. Tausch habe ihm dabei gesagt, der H o f m a r s ch a l l Prinz Ratibor habe ein Interesse daran, Informationen über den Grase» Griebenow zu erhalten, der xsrsova xrat.» sei. v. Tausch habe ihm auch ganz bestimmte Ergänzungen zu dem Artikel des„Tageblatt" gegeben und als er mehrere Wochen ver- streichen ließ, ihn drei bis vier Mal gefragt, ob er denn den Artikel überhaupt noch bringe, er wolle ihn nach Gotha schicken, der Regierungsassessor Samter dort habe Interesse daran. Als er den Artikel dann in der„Deutschen Warte" unterbrachte, sei der Prinz von Ratibor schon todt gewesen. Auch v. Lützoiv bestreitet den politische» Charakter dieses Artikels. Die Krisciiaeriichte in Tausch'scher Bearbeitung. Hierauf wird ein in der„Welt am Montag" veröffentlichter Artikel:„Krisengerüchte" verlesen, dessen Verfasser v. Lützow war. v. Tausch bestreitet, daß er den Artikel vor seinem Erscheinen gekannt habe.— v. Lützow: Ucber die Materie, welche jener Artikel behandelte, hat mir Herr v. Tausch wiederholt An dentnngen gemacht und Jnsormatiouen ertheilt. Diese gingen nur darauf hinaus, daß aus Anlaß der Militär-Strafprozeßreform zwischen dem K r i e g s m i n i st c r und dem Reichskanzler, bezw. dem K r i e g s m i n i st e r und dem Kaiser und zwischen General H a h n k e und�B r o n s a r t v. Schellendorfs schroffe Gegensätze bestehe». Er hat mir über dieses Thema mehr als ein Dutzend Mal Mittheilungen gebracht und wiederholt gesagt:„Bringen Sie daS, es wäre gut, wenn das mal in die Blätter käme, ich habe meine Jnforniatioiien direkt au S dem Kriegs Ministerium!' Er that immer so, als hätte er bestimmte Verbindungen und ge wissermaßeu eine Sonderstellung im Kriegsmiuisterium und so hatte ich die Ueberzeugung, daß ich mich ans seine Mittheilungen unbedingt verlassen konnte und daß es sich hier für Tausch um Staatsinteressen, um A in t s p s l i ch t c n handle. Ich halte stets den Eindruck, als ob Tausch seine Nachrichten entweder vom Kriegs minister selbst oder vom Oberstlieutenant Gäbe habe. Erhatmirauchösler Vorwürfe darüber gemacht, daß ich diese und jene Notiz nicht brachte. Er meinte dann fast immer:„Es hat ja gar keinen Zweck, daß ich Ihne» etwas erzähle, Sie bringen ja doch nichts in die Zeitungen, Sie nehmen meine Interessen nicht wahr, Sie haben ja gar keine Zeitungen mehr."— Auf weiteres Befragen des Vorsitzenden erklärt v. Lützoiv immer wieder: er habe stets geglaubt, daß die Informationen, die ihm Herr v. Tausch gab, die allerbesten seien. v. Tausch bestreitet alles energisch. Man brauche»ur Liitzow' Berichte an das Polizeipräsidium nachlesen, da werde sich zeigen, daß Lützow sich oft ans Freiherrn v. Manteuffel als Quelle berufe; Lützoiv sei ja auch beim Wahlbureau der konservativen Partei angestellt gewesen, habe konservative Wahlreden geHalle», auch eine Broschüre gegen Stöcker ge- schrieben. Sluf Befragen giebt v. Lützoiv zu: Er sei allerdings zuerst nur zur Anstellung von Recherchen engagirt worden, nach einem halben Jahre, als inan Vertrauen zu ihm gefaßt habe, sei das Ver- hällniß aber schon ein wärmeres geworden und nach dem Ans- scheiden des Schumann sei er allmälig in dessen Fußstapfen getreten, habe Jnforinatioiien erhalten und der Polizei auch selbst erzählt, was er selbst wußte und auf der I o u r n a l i st e n t r i b ü n e und s o n st w o i n E r f a h r u» g g e b r n ch t h a t t e. Er habe sogar auch Geldgeschäfte für Herrn v. Tausch besorgt.— Rechtsanwalt Dr. L u b s z y n s l i: Ich bitte doch, den Angeklagten v. Lützow zu befragen, welche Ansicht er jetzt über das Interesse hat, welches der Angeklagte v. Tausch verfolgte.— v. Lützow: Herr v. Tausch hatte die Aufgabe, die Verfasser von solchen Artikeln zu ermilteln, welche geeignet waren, politische Verwirrung hervorzurusen, oder welche sich uiil der Person des Kaisers beschäftigten. Herr v. Tausch halte nun ein Interesse daran, derartige Artikel erst in die Zeitungen zu bringen, er erhielt ja dann Aufträge zur Recherche und konnte dann sich als großer Polizeimann hinstellen. Herr v. Tausch verrieth dann wahr- scheinlich den wahre» Verfasser nicht, sondern beschränkte sich auf Andeutungen und Verdächtigungen.— Präs.: Es liegt ja anch ziemlich nahe, daß der Angeklagte v. Lützow schon früher zur Ansicht gelangt sein mußte, die er jetzt hat. Wenn wir hören werden, daß der'Angeklagte o. Tausch ein lebhaftes I n t r r e s s e daran hatte, Zlrtikel gegen den sogenannten„n c u e n K u r s" in die Presse zu lauciren. so mag dies vielleicht seinen Grund darin haben, daß der neue Kurs der politischen Polizei nicht sehr zuge- thau war. WaS v. Dausch mit diesen Artikeln bezweckte. Zur Erörterung gelungen hierauf eine Reihe von Artikeln, in denen nach der Ansicht der Anklage v. Tausch bezw. Lützoiv. des Leckert bedient haben soll, um sie in die Zeitung zu lauciren. Dazu gehört zunächst ein Artikel in der„T ä g l i ch e n R u n d f ch a u", der de» Abgang des Freiherrn v. Loe und seinen Ersatz d u r ch G e n e r a l v. H a h n k e behandelte, v. Tausch behauptet. daß er dem Artikel ganz fern stehe, ihn außerdem nur als eine Personal Nachricht ansehe, v. Lützow dagegen erklärt, daß er die Jnfouuationen dazu direkt durch Herrn v. Tausch erhalten habe. Er.'- habe ihn dann durch Leckert m die«Täg- liche Rundschau" gebracht, weil er selbst nach und nach den Boden bei den Zeitungen verloren und sich den Leckert als Mittelsmann zwischen ihm und den Zeitungen heranziehen wollte, v. Tausch habe ihm wiederholt versichert, diese Nachricht sei politisch interessant, weil sie den Gegensatz zwischen Bronsart und Hahnke zeige. Es wäre nicht gut, wenn ihre Ber- öffentlichuiig jetzt unterbliebe, der Kaiser habe jetzt diese Idee, er reagire aber auf solche frühzeitige Preß- Meldungen und lasse sie dann fallen. Der Präsident fragt v. Lützow, wieso er sich bei allen diesen Artikeln immer auf die Einzelheiten besinnen könne, worauf Lützow erwidert, er habe ein vorzügliches Gedachtniß, e r habe aber auch alle diese Dinge, wenn sie ihm jsweile» eingesalle», täglich n o t i r t. (Schluß im Hauplblalt.) Uolmles« Znr Akademiker- Versammlung. Der„Verein deutscher Studenten zu Berlin" erläßt ein Flugblatt, in welchem er die Studenten und Akademiker zur Störung der sür heute (Dienstag) Abend in den Feenpalast von sozialdemokratischer Seite einberufenen Versammlung auffordert. Wir halten es nicht für nöthig, auf die aus der„Post" übernommenen Redensarten des Flugblattes über die„unmonarchische, unnationale" Sozialdemo- kralie«. irgendwie einzugehen. Eigenartig dünkt»ns nur, daß die Herren deutschen Studenten in den Vorträgen der Professoren Schmoller und Wagner gelernt haben wollen, daß ein Fichte nicht in„die an muthige Gesellschaft von Marx und Lassalle" zu bringen sei! Wenn die„deutschen Studenten" zeigen wollen, daß akademische Jugend nie für den revolutionären Sozialismus z haben sein wird, so ist dies eine Frage, die in sachlicher Erörterung erledigt werden soll. Aber die Herren wollen eine sachliche Er- örterung offenbar nicht. Sie fordern ihre Anhänger auf, möglichst früh zu erscheinen. Was daS bedeutet, ist klar. Aber die Herren werden mit diesen Allolriis kein Glück haben. Denn wir sind über- zeugt, daß die sozialistischen Akademiker durch zahlreiches und frühzeitiges Erscheinen unserer Partei» genossen geeignete U n t e r st ü tz u n g gegen jede Ungezogenheiten finden werden. Die früheren Bemühungen der sozialistischen Studenten sind— im Gegensatz zu den Behauptungen des Flugblattes— keineswegs erfolglos geblieben und die jetzigen werden sicherlich neue Freunde sür die Idee des Sozialismus gewinnen! Wahlverein des dritten Kreises. Heute Abend 8»/- Uhr spricht Genosse Waldeck Ma nasse in Schmiedel's Salon über unseren Programmpunkt„Erklärung der Religion zur Privat- fache". Gäste haben Zutritt. In der Versammlung gelangt M. S ch ip p e l' s Broschüre„Die Währungsfrage" zur unentgell- lichen Vertheilung an die Mitgleder. Zahlreiches Erscheinen er- wartet der Vorstand. Die Mitglieder dcS Wahlvereins wie auch alle anderen Parteigenossen des 4. Berliner Reichstags-Wahlkreises Süd-Osten werden hierdurch aufmerksam gemacht, daß in der am 18. d. M. staltgefundenen Versammlung vom Wahlvereiii ein Familienausflng am Himmelfahrtstage beschlossen wurde. Wir glauben hiermit einem Bedursniß insofern entsprochen zu haben, als es dazu dienen soll, die Geselligkeit und nähere Bekanntschaft unter den Parteigenossen zu fördern. Dirjenigen Parteigenossen und ihre Familienmitglieder, welche an dem Abmarsch früh 8 Uhr von Otto's Lokal, Vor dem Schlesischen Thore nicht theilnehmen können, werden aus die Vorort- Züge ab Schlesischer Bahnhof nach Köpenick aufmerksam gemacht. Früh 8,4, 9,10, 9.42, 10,45, 11,45, 12,88 und nachmittags 1,38, 2,8, 2,30, 8,20, 3,41, 4,4 und 4,48. Um recht rege Betheiligung ersucht der Vorstand des Wahlvereins IV. Süd-Osten. Die Parteigenossen von Treptow und Banmschitlcnwcg werden aus die öffentliche Versammlung aufmerksam gemacht, welche am Mittwoch Abend 8'/- Uhr bei Herrn Schulz, Baumschulenstr. 89, stattfindet. Reichstags-Abgeordneter Zubeil wird über die reaktionären Anschläge durch das Vereinsgesetz sprechen. Jeder Parteigenosse hat die Pflicht, am Platz zu sein. Der Vertrauensmanii. In bezug anf de» Erwerb des Botanische» Gartens durch die Sladtgemeinde hat nunmehr der Magistrat, nachdem der von ihm eingesetzte Ausschuß den bedingiingsiveisen Erwerb des in Frage kommenden Geländes empfohlen hat, die Stadlverordneten-Versamm- lung ersucht, mit ihr über diese Angelegenheit in gemischter Deputation zu verhandeln. Ju Sache» dcS Verfahrens in Schulvcrsäiimniß-Sachcn hat nunmehr der Magistrat die Stadtverordnelen-Versammlung er- sucht, sie möge sich damit einverstanden erklären, daß bei der königl. Staatsrcgierung der Antrag gestellt werde, der Stadtgemeinde Berlin bezw. dem Oberbürgermeister die Schulpolizei auch insoweit zu über- tragen, daß die Straffestsetzung und Strafvollstreckung wegen un- entschuldigter Schulversäumniffe nach Maßgabe des Gesetzes vom 23. April 1883 durch den Oberbürgermeister oder seinen Stell- Vertreter erfolgt. Ter berühmte„ständige Korrespondent" deS„Lokal- Anzeiger" hat wieder einmal einen recht bedenklichen Bock ge- schössen. Der Korrespondent, der an allen Orten der Welt, sowohl in der Mandschurei, wie in Posemnckel vertreten ist, hat diesmal eine„Mission" in N e w- A o r k zu erfüllen gehabt. Dort ist der Professor Andrew D. White zum Gesandten der Vereinigten Staaten am Berliner Hofe ernannt worden. Daher das Interview, — pardon— die„Unterredung". Professor White wird nach dem „Lokal-Anzeiger" als Autorität in allen Dingen, Deutschland betreffend, angesehen. Die Autorität hebt nun in der im „Lokal- Anzeiger" abgedruckten Unterredung schmerzerfnllt vor dem „ständigen Korrespondenten" folgendes Klagelied zu singen an:„Wo ist der alte große Kaiser, wo Professor Helinholtz, wo Mo in ms e n, Windthorst, Lasker?" Daß Moniniseu irotz seiner 80 Jahre noch recht fröhlich unter de» Lebenden weilt, hat, wahrscheinlich aus Re- spekt vor der Autorität des Gesandten, weder der ständige Kor- respondent noch die Redaktion des Blattes zu bemerken gewagt. Woraus der Gesandte, falls er überhaupt den unwahrscheinlichen Schnitzer begangen hat, entnehmen kann, daß man im Lande der Dichter und Denker ein großes Thier ganz anders einschätzt als im Lande der„Gleichheitsflegel'. Ju der Untersiichliugssache gegen den Anarchisten Koschemann wegen Verleitung zum Meineid kommt, wie wir schon mittheiltcn, auch die Attentatsangelegenheit in ihren Einzelheiten noch einmal zur Erörterung. Es sind in der letzten Zeit vom Untersuchuugs- lichter auch mehrere neue Zeugen namentlich darüber vernommen worden, wer an jenem Tage in Königs-Wufterhausen das Packet mit der Weckeruhr gelragen habe. Diese Zeugen, Arbeiter einer hiesigen Metallivaaren-Fabrit, haben aber nichts von Bedeutung bekunden können. Sie erinnern sich nicht mehr, ob jemand, oder gar wer ein Packet getragen hat, oder ob darin«ine Weckeruhr sich befand. Sie wissen auch nickt mehr, zu welcher Tageszeit sie damals Koschemann in Wusterhausen getroffen haben.'Frau Gürtler hatte sich an die Staatsanwaltschaft um Herausgabe der bei ihr beschlag- »ahmten Sachen gewandt, besonders auch einiger Briese, die ihr Mann ihr während ihrer Nnlersuchungshaft geschrieben hat und die man sie wohl lesen ließ, ihr aber nicht aushändigte. Die Staats- auwaltschaft hat jedoch die Herausgabe der Sachen mit der Be- gründniig abgelehnt, daß sie als Beweismittel Bestandtheil der Akten geworden seien. Trotz der erfolgten BetriebSeiustellu»a der Berliner Ber- kchröaustalt werden deren Brieskästen vom Publikum noch immer benutzt, obgleich dieselben mit dem in die Augen fallenden Berinerk Geschlossen" versehen worden sind. Eine Revidirmig der Briefkästen in etlichen Straßen des Nordens ergab die Thatsache, daß in manchen Kästen sich noch Briefschaften befanden, z. B. in der Deinminer- straße, in der Badstraße und Grünthalerstraße. Diese Briesschaften werden niemals«xpsdirt, sind also verloren. an- s«"' ei!# diejf zuvfolcl Gegen die uene Polizeiderordnung betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln und D r o g u e n protestirte eine stark besuchte Versammliiiig der Droguisten, welche am gestrigen Sonntag im großen Saale des Vereins junger Kanfleute stattfand. Die Durch- führung der neuen Polizeiverordnimg ist nach den übereinstimmenden Ausführungen der sämmtlichen Redner durchaus unmöglich, da hierzu einerseits bedeutende Kapitalien erforderlich, anderer- seits die Berliner Drognenhändler vollkommen ruinirt wür- den. Reichstags-Abgeordneter Kopsch rieth znr Absendiing einer Petition an den Reichstag und Bmidesrath. Die Versammlung nahm schließlich einstimmig nachstehende Resolution an: „Die Versammlung selbständiger Drogniste» protestirt gegen die Verordnung des königl. Polizeipräsidenten vom 10. Mai 1397 betreffend /oeu Berkehr mit Arzneimitteln) Droguen:c. Sie erklär: diese Verordnung für einen weder rechtlich, noch sachlich begriiiidelen polizeilichen Eingriff in die ge» werbliche Freiheit und das Eigenthum der Bürger, und sie bedauert, daß der Magistrat von Berlin eine so un- gerechtfertigte einschneidende Polizeimaßregel genehmigt hat, ohne anch nur geeignete Sachverständige oder die Betroffenen selbst gehört zu haben. Tie Versammlung spricht deshalb die Erwartung aus, daß die dem königl. Polizeipräsidium vorgesetzten Behörden die uiiansfähr- bare Berordnniig ziirücknehmeii; sie beauftragt die Droguisten- Innung zu Berlin, die hierzu geeigneten Schritte zu thun. Des- gleichen wird der Vorstand der Droguisten- Jnnuiig ermächtigt, im Namen der von 500—600 selbständigen Droguisten besuchten Ver- sammlnng den Reichstag und Bnndesralh um Schutz gegen Polizei- kür durch Erlaß eines Reichsgesetzes zu ersuchen. Der Säbclschuiidt begnadigt! Die Reihe der Begnadigungen olcher Polizisten, welche sich im Amt vergangen haben, ist durch einen neuen höckst beachteiisiverthen Fall ver- mehrt worden. Die Beguadigniig ist jetzt nämlich auch über den früheren Amlsdiener Schmidt aus Ntixdorf aus- gesprochen, der unter dem Namen„Säbelschmidt" weithin bekannt ist und im vorige» Jahre vom Laudgericht II Berlin wegen grober Ausschreitungen im Sicherheitsdienste zu 1 Jahr 9 Monate» Ge-. sängniß veruriheilt worden war. Schmidt, welcher am SomiabeuW' auf freien Fuß gesetzt wurde, hat von seiner Strafe nur 3 MomjßT und 14 Tage verbüßt. Polizcirath Po» Bo»i», der bisher be! der IV. Abtheilung des Polizeipräsidiuins in der allgemeiiieu Sicherheitspolizei be- schäftigt war, ist einem hiesige» Blatte zufolge zur II. Abtheilung, Gewerbepolizei, versetzt worden. Eine Sonntagsfahrt. Ein Leser schreibt uns: Am Sonntag Abend wollte ich von Lichtenberg mit dem 10 Uhr 22 Min. ab- gehenden Zuge nach Berlin fahren. Ans dem Bahnhof angelangt, wurde ich jedoch mit meinem Billet dritter Klasse zurückgewiesen, angeblich weil alle Wagen dieser Klaffe besetzt seien und nur noch Passagiere mit Billets zweiter Klasse zugelassen würden. Dies srappirte mich umsomehr, als ich ganz genau weiß, daß Lichtenberg einen Nangirbahnhof besitzt. Nichtsdestoweniger löste ich ein Billet zweiter Klasse und hatte iiuii das Vergnügen, meine Fahrt stehend in einem Wagen vierter Klasse zurückzulegen. Ucber das Treibe» der Zuhälter in der Gegend der Wrangel- straße berichtet ein Hausivirth einem hiesigen Blatte:„Die Bürger- steige werden in der ganzen Breite, namentlich abends von 6 Uhr ab, von Trupps zu 10 bis 15 dieser Sorte eingeiiomme», und an den Straßenecken ist es schon längst Brauch, daß die Passanten auf den Fahrdamm gehe», da ein Durchgehen der Trupps sehr gesähr- lich werden könnte. Anständige Frauen und Mädchen können sich a» warmen Abenden nicht au ein offenes Fenster setzen, um frische L»fl zu schöpfe»; denn die Unterhaltungen und Balgereien dieses Gesindels sind derartig, daß diese Erholung unmöglich wird." Vor- Haltungen beim Polizeirevier hätten nichts geholfen. Beim Aufhalte» eines durchgehenden Pferdes von einem Wagen der eleklrischen Straßenbahn gefaßt wurde gestern, Montag, Nachmittag um 1 Uhr, in der Markgrafenstraße der 48 Jahre alte Rohrleger Friedrich S chicinaiiii aus der Markgrafenstr. 84. Als Schiemann nach ber Mittagspause wieder auf seine Arbeitsstelle in der Rttterstraße gehen wollte, stand gegenüber dem Hause 86, das abgerissen wird, ein Milchwagen, dessen Pferd beim Herabfallen von Bauschutt scheute. Er sprang rasch zu, um das Thier au- zuhalten und sah dabei nicht, daß ein Wagen der elektrischen Bahn angefahren kam. Der Führer dieses Wagens klingelte nicht; er rief zwar„Vorsicht!", aber in deinselben Augenblick hatte der Wage» Schiemann auch schon gefaßt. Der Unglückliche wurde Hingerissen und gerieth zwischen das Schutzblech und die Räumer. Die Aerzte der Unfallstation I, die zu Hilfe gerufen wurden, glaubten zwei Rippenbrnche feststellen zu können und ließen den Verunglückten wegen der Schwere der Verletzungen mit einem Unfallwagen nach der Charitee bringen. Der Unfall ist lim so bedauerlicher, als Schiemann eine Familie besitzt und nach langer Arbeitslosigkeit eben erst wieder Beschäftigung erhalten hatte. Ein räuberischer Ucbcrfall wurde Sonnabend Abend von einem angeblich eben erst aus Graudeuz hier zugereisten, arbeits- und wohimngsloseii Kausmann gegen den Lehrling Ernst Löbel im Jndustriegebande, Beuthstr. 20, verübt. Der Attentäter halte die Absicht, dem Lehrling einen Beutel mit 2000 M., den dieser im Auftrage seiner Firma abzuliesern hatte, zu entreißen. Er schlug den jungen Mann im Treppenhaus mit einem Spazierstock nieder, wurde aber durch das Hilfegeschrei des Ueberfallenen in seinem Vor- haben gehindert und auf der Flucht verhastet. Zum Messer gegriffen hat am Sonnabend Abend ein „Student" der Bersuchs- und Lehrbrauerei in eiueui Wirthshaus im äußersten Norden der Stadt, nachdem er vorher wiederholt Streit angesangen hatte und auf sein Verlangen eines Kartcnwechsels an die Luft gesetzt worden war. Draußen angekommen, setzte sich der „Student" zur Wehr und zog sein Messer. Als er aber sah, daß noch mehr Gäste dazukamen, zog er es doch vor, davonzulaufen, bevor er von dieser Waffe Gebrauch gemacht hatte. Es war daher auch nicht mehr möglich, den Raufbold der Polizei zu übergeben. Theater. DaS Schiller- Theater bringt heute die erste Auf fühnmg von„Deutsche Schlviiiile aus vier Zeitaltern":„Die ehrlich Bäckin mit ihren drei vemieinten Liebsten" von JakobuS Ayrer;„Hanswurst, der traurige Küchelbäcker and sein Freund in der Noth" von Gottlieb Prehauser; „Schneider Fips" oder„Die gefährliche Nachbarschaft" von August v.Kotzebue; „Fräulein Wittwe" von Ludwig Futda. Den Prolog spricht Herr Max Laurence. In den beiden erste» Stücken sind in den Hauptrollen beschäftigt die Damen: Levennaim, Kroll, Meyer, Heinsdvrff, die Herren: Elchen, Walden, Nenert, Voigt. Die beiden letzten Stiicke haben folgende Besetzung: Schneider Fips Alfred Schmasow, Lieschen Anna Heinsdorsf, Madame Zephir Agnes Werner, Hollmann Otto Pahlau, Johann Adolph Joseph. „Fräulein Wittwe" Emilie Reichard Grete Meyer, Dr. Furck Eduard von Winterstein, Abu Abdallah Alfred Schmasow, Fatima Else WannoviuS, ein Kind der kleine Leynert. Sl,is beii Nnchbarorteii. Die Ersatzwahl für de» Gemeiiiderath i» Rixdorf«ndeltt gestern mit eineni vollständigen Sieg unserer Partei. Abgegeben wurden für unseren Kandidaten Karl Keller 610 Stimmen. Die Gegner erhielten eine Stimme. Eine» überaus traurige» Ausgang»ahm, wie u»S ein Augenzeuge mittheilt, Sonntag Abend um T1/* Uhr im Vergnügungslokal„Sternccker" in W e i ß e n s e e eine Kmiftschießerei. Der Kunst« schütze E. G. Krüger produzirte sich zu Ansang mit dem Zerschießen von Gipssternen, die seine Braut, Frl. Bertha Witte aus Charlolteiiburg, in der Hand hielt. Hier machte sich schon im Publikum ein beängstigendes Gefühl bemerkbar, da der Schütze zu Anfang der Vorstellung mehrer» Fehlschüsse that. Die zweite Produktion, ein mit Wasser gefülltes Glas von dcni Haupte des Mädchens zu schießen, verlief auch nicht besser. Die dritte Probe bestand darin, eine Glaskugel von dem Kopfe der Dame zu schießen und zwar drehte der Schütze dem Mädchen hierbei den Rücken zu und suchte seinen Zielpunkt durch einen Spiegel. Der Schuß krachte und inan sah Frl. Witte plötzlich wanken u»d, ohne einen Laut von sich zu geben, zusammenbrechen. DaS Giebeumillimeler-Geschoß hatte, anstatt di» Glaskugel zu treffen« bcm Mädchen die untere Kinnlade, Zunge und de» Halswirbel durch- bahrt, wobei nach Aussage des sofort herbeigerufenen Arztes wohl das Gehirn»>it verletzt worden war, so daß der Tod schon nach wenigen Minuten eintrat. Fassungslos stand der Schütze vor de», Opfer seiner Kunstfertigkeit. Während man sich daran machte, die Reiche nach dem Leichenhause in Weißensee zu schaffen, wurde Krüger samint seinen Utensilien von dem Amtsdiener Bär abgeführt. Es wird leider nicht anzunehmen sein, daß dieser Vorfall das Publikum dazu bekehren wird, sein Vergnüge» an minder todtbringenden Produktionen zu suchen. Ein an die Zustände in den Abrnzzen erinnernder Raub' «»fall, bei dem ein Ränder seinen Tod fand, ist am Sonntag Morgen um fp/, Uhr im Grunewald verübt worden. Ueber den Vorfall wird berichtet: . n?" Überfallene, ein Herr Blücher, der in der Johanniterstrahe rn Berlin wohnhaft ist. begab sich Sonntag schon sehr früh nach Spandau und von dort nach dem Döberitzer Uebungsplatze, von wo� er über Pichelsdorf und Pichelswerder die allen Berliner Ausflüglern wohlbekanule Chaussee erreichte, die am linken Ufer der Havel von Spandau über Schildhorn nach Beelitzhof führt. Die zirka zivei Kilometer lange Strecke von Pichelswerder nach Schildhorn mochte Herr Bl. wohl znr Hälfte zurückgelegt haben, als sich ihm ans der sonst so belebte», zu dieser frühe» Morgenstunde aber völlig menschenleeren Straße plötzlich zwei Strolche entgegen stellten und Herrn Bl. mittels Schlagringen zn Boden streckten. Der Ueberfallene hatte glücklicherweise die Besinnung nicht verloren und setzte sich heftig zur Wehr. Er lag unten, und es entspann sich ei» heftiger Kampf zwischen den Strolchen und Herrn Bl. Ter Schirm hielt mehrere Schläge ab, bis er zerbrochen war. Der eine Strolch riß nun Uhr, Uhrketle, Börse aus den Taschen des Herrn Bl. und steckte sie ei». Sogar der Trauring mußt« in den Händen der Räuber ver- bleiben. Herr Bl. konnte die Zeit der Ausraubung benutzen, um sich von seinen Angreifer» soweit sreiznmache», daß er aus die Beine springen konnte. Jetzt begann ein Kampf auf Lebe» und Tod. Der eine Räuber zog ein Messer, aber auch der Beraubte war i» der Lage, sein Messer in der Nothwehr noch ziehen zu können. Der zweite Räuber ergriff mit den geraubten Sachen die Flucht. Herr Bl., ein ge- schickler Turner, wandte bei der ersten Umarmung einen Kunstgriff hinter dem Nacken des Gegners an und schmetterte ihn gegen einen Baum. Doch von neuem nahte sich der Strolch mit gezücktem Messer, und beider Messer bohrten sich nun in die gegnerische Brust. Aber während sich die Mordwaffe des Räubers an der Kleidung des Ueberfallenen brach und dessen Brust»nr leicht verletzte, fuhr das Messer des um sein Lebe» kämpfenden Herrn Bl. dem Räuber ins terz. Seine Schwäch« niederkämpfend, schleppte sich Herr Bl.»ach childhorn, wo er dem Gendarm Schmidt das Vorgefallene melden konnte. Mail begab sich an den Ort des Kampfes und fand— eine Leiche. Dieselbe war nicht zu rekognoszire» und wurde mittels reqnirirlen Wagens weggeschafft. HerrBl. wurde nach eingehendem Verhör entlassen. Geraubt sind ihm goldene Kette, silberne Uhr und Portemonnaie mit etwa 20 M. Inhalt. Gekentert ist am Sonntag Nachmittag auf dem Woltersdorfer See ein Boot, in dem sich der Kaufmann Müller aus Berlin mit seiner 19 jährigen Tochter und einem Buchhalter Steinert befand. Das leidige Schaukeln soll den Unfall veranlaßt haben. Die drei verunglückten Jnsaffen wurden durch Berliner Ausflügler gerettet, die unter eigener Lebensgefahr sich in den See stürzten und die bereits Bewußtlosen nach dem Restaurant Schulz, Woltersdorfer Schleuse, brachten. Die beiden Herren kamen nach kurzer Zeit wieder zum Bewußtsein, während der Znstand der junge» Dame wenig hoffnungsvoll ist. Ju Nowawes hatte der Kaufmann L. am Sonntag das Unglück den 13jährigen Schüler B. mit seinem Fahrrad zu überfahren. Der arme Knabe brach den rechten Unterschenkel. Wie berichtet wird, trifft den Radfahrer insoweit keine Schuld, als er mehrfach laut das Glockenzeichen gegeben hat. Von mehreren Seite» werden wir darauf aufmerksam ge- macht, daß am Sonntag in der Nähe des Denkmals bei Schild- hör» eine Leiche am Strande lag, die allem Anschein nach schon recht lange dort gelegen hat. Unsere Gewährsleute fragen mit recht, ob es denn nicht möglich war. die Leiche in einem Schuppen unterzubringen._ Gerichts-Seikung» Abermals ei» prügelnder Polizist. Die Strafkammer Posen verurtheille am Sonnabend den Schutzmann Barlkowiak wegen vorsätzlicher, unberechtigter Vornahme einer Verhaftung und Körperverletzung im Amte zn vier Monaten Gesängniß und einer an den Mißhandelten zu zahlenden Geldbuße. VerscunmluttZen. In« Verband der Graveure und Ziseleure(Filiale Berlin) hielt am Dienstag, den 18. Mai, Genosse Waldeck Manasse einen beifällig aufgenommenen Vortrag über„Glaube und Vernunft". Im Geschäftlichen erledigte die Versammlung die eingelaufenen An- träge zur Generalversammlung des Verbandes und machte dieselbe» zu Anträgen der Filiale Berlin. Als Telegirle wurde» gewählt die Kollege» T h u r o w, B u ch h o l z und B e r g n e r. Des weiteren wurde mitgetheilt, daß die Kollegen Hecht, Strungk und Schröter als ansgeschlossen zu betrachten sind. H»>>d der xestlligr» Ar>>»it»ru»rei»«»nd der zli»a«g«»d. Vor- sitzender P.«ent, Dretzdenerstr. I07/I0S. Alle Zuschrislen, den VeretuSkaleiider belreffend, sind an H. Beadir, Alerandrinenstrave ICH), Jit richten. Jlntiomile banfmnnnifcht tzkraiikeii-«11b Stertieliasie. Bureau: O., Hotzniarllstrabe«7. Heule, abend« sjj Uhr, im Restaura»! Stühler, Neue Grünstr. ss, Borstandssitzung und Aufnahme neuer Mitglieder. Wetter-Prognose für Dienstag, de» 23. Mai l8!>7. Ziemlich kühl, vorwiegend trübe bei schwachen nördlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W e t t e r b u r e a u. An alle Ku» iin# Rtchn Min#! Elch sltüWkchmliW m Diniste«, dt» kö. Mai, aMs 8 Uhr, bli Lips(Kraurrri Fried« ichohaiu). Tages- Orduuilg: 1. Das reaktioiikire Vereinsgesetz. Neferentm Frau Vlttva Ietkitt(Stuttgart) 2. Diskussion. Da diese Versammlung des neuen Knebel- Gesetzes wegen sehr wichtig ist, wird um b e- sonders zahlreiches Erscheinen der Frauen und Mädchen gebeten. 2is/l_ Fran Vengels. SMaldemokraMer Mahlverein für de« 3. Berliner Reichstags- Wahlkreis. Dienstag, de» 25. Mai 1897, abends 8«/- Uhr, Ii» lAcIunleder« Fewtx&Ien, Alte Jakobati-utiMe Xo. 82: BV Vevsttinmlung."WS Gäste habe» Zutritt.— Neue Mitglieder werden aufgeiioimnen. 210/18 Der Vorstand. Saziatdemokratischer Wahlverei« im 4. Kerl. Reichstags-Wahlkreis(Siid-Oft). Den Mitgliedern deS Wahlvereins zur Nachricht, daß ain Donnerstag, de» 27. Mai ein Familien-Ausflug nach der l�oi-debuclit bei Köpenick stattfindet. Der Abmarsch ist aus präzise 8 Uhr uiorgeus von Otto'S Lokal, Vor dem Schlestfchen Thor, aus festgesetzt. Diesenigen Mitglieder und Familienangehörige derselben, welche ou der gußpartie nicht theilnchmen könne», machen wir auf die fahrplanmäßigen Vorortzüge ab Schlesischer Bahnhos aufmerksam. Um rege Bethciltgung ersucht Der Vorstand. SoMldemoltnWer Wnlilliemti des ll.BM. Relchstags-MMmsks. Dienstag, den 25. Mai, abends 8«/- Uhr, in Raabe's Talon, Kolbergerstrahe No. LS: AuHevorvontliche General- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Abrcchuuilg des Kafsirers. 2. Er- gSnzuugswahl des Vorstaudes, sowie der Abtheitungssührer. 3. Vereins- angelegenhciteu. 216/2 Zahlreichen Besuch erwartet Itev Vorstand. Achtung! Wilmersdorf und Umgegend. Achtung! Mittwoch, den 26. Mai, abendS 8«/* Uhr, im Lokal« des Herrn lillnsonborx, Berlincrstraste 40: Gr. öffentlicht Urottst-Vkrsammlung gegen das neue Kereinsgesetz. Referent: Reichstags-Abg. VUdelm I-tedKnecdt. Diskussion. Verschiedenes. Es ist Pflicht eines jeden Genossen, in dieser Versammlung zu erscheinen. 201/13__ Der Vertrauensmann. Achtung! Achtanj; t Berein der Former. Zu der am HirnmelssahrtStage stattfindenden Herreupartie sind die Mitglieder hierdurch eingeladen. Abfahrt S Uhr 11 Minuten vom Tchtestsche« Bahnhof. Bitte pünttlich zu erscheinen. Vor Vorstand. 61/16 I. A.: Albert Mew es, Vorsitzender. Arbeiter! Achtung! AittdemiAer! Dmßilg, hen 25. Mai, MM S't llhr: Große öffentliche Versammlung m zttll-Palllst, Burg- n. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Rechtsanwalts Wolkgavg Heine über: Die Sozialdemokratie und die Schichten der Studirten. 2. Freie Diskllssiou. 26ö/is Um zahlreiches Erscheinen bittet»or Einberufer. Große öffentl. Vrolest-Uersllmmlnng der Asusektiöllgarbeiter u. Arbeiterilliltn Berlins ll. lwg. findet am Mittwoch, 26. Mai. abends 8Vz Uhr tu Joei's Salon, Andreasstr. 21, statt. Tages-Ordnung: 1. Die Lohnverhältnisse der Firma Heiueman» und das Verhalien des Fräulein W a» s c l o h, das Benehmen der Konfettionäre gegenüber der Ausknnftskommission und wie leicht können die Arbeiterinnen ihren ehrlichen Name» verlieren. Referentin Frau Gnbela. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 2273b Arbeiter, Genosse»! Der wichtigen Tagesordnung wegen macht Euere Frauen auf diese Versammlung ausrnerksani. Fräulein W a n s e l o h und die Firma sind brieflich eingeladen. Auch die Herren Schneidermeister werden auf die Versammlung aufmerksam gemacht.— Zur Deckung der Ullkosten 10 Pf. Enttee. Um zahlreiches Erscheine» bittet Die Konimlssion. Zentralverein der Bildhauer. Vem-altnngssstelle Berlin. Heute Dienstag, abends 8'/- Ehr, Annen-Strosse 16: HHST* Versammlung."WG Tagesordnung: Die Tarifgemeinschaft der Buchdrucker und unsere prinzipielle Stellung zu einer solchen. Eeferent: Kollege Dnpont. 26/19 Kollegen aller Branchen, besonders StelnbiidHaner, sind eingeladen._ Der Vorstand. Achtung, Maler! Am Hittwoch, den 26. Mai, abends 81/} Ehr. in den Arininhallen, Koimnandantenstrasse 20: AlljttMtlltliche Minirte Mgliedn-Bechmlllllg. Tageö-Ordnuiig: 1. Wahl der Agitalionskounnisflon. 2. Wie stellen sich die Kollegen zur Verschmelzung der Filialen Berlins? 3. Verschiedenes. 125/4 Es ist Pflicht jedes organisirten Kollegen, zu erscheinen. Mitgliedsbuch legitimirt. Der Einbcrufer. Tapezirer! Mittwoch, den 26. Mai, abends 8'/- Uhr. in Cohn's gr. Taal, Benthstraste 20: kroße öffeutlilhe Bnsgmllllllng der Tapezirer-kthilfen. Tages-Ordnung: 1. Einigung der Tapezirer Berlins. 2. Wahl von Delegirten zu dem am 3., 4. und 5. August in Leipzig stattfindenden Kongreß der Tapezirer Deutschlands. 3. Sonstige Anttäge. 4. Bericht der Arbeitvennittelungs- Kommission.— Der wichtigen Tagesordnung wegen werden alle Kollegen aufgefordert, in dieser Versammlung zu erscheinen. 2267b Der Ginbernfer: Adolf Franke. SkellmAcher! Mittwoch, de» 86. Mai, abendS 8V- Uhr, in den»ArminhaUen», Kommandantenstraste 20: vetifen'U. Versammlung« Tages-Ordnung: 159/15 1. Vortrag des Stadtv. Bruns über:„Die Arbeiterbewegung einst und jetzt." 2. Diskussion. 3. Gctverkschaftliches und Neuwahl der Agitattons- Kommission.— Zu dieser Versammlung sind die Herren E. Dittmann, Betriebsdirektor Schulz von der königl. Hos-Wagensabrik von E. Kühlstein, H. Engel, Demminerstr. 5, und F. Eckert, Scharnhorststt. 7a, schriftlich eingeladen. Die Agitatious-Koinmisnon. Im Erscheinen begriffen ist: GeMichke �5� der DtuWtN SMMmMMe von Jfcmtf Mehring. Erscheint in wöchentlichen Lieferungen k 20 Pf. I T— Buchhandlung\ Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW., Beuthstr. 2. Bei Anlaß des Tausch-Prozesses empfehlen wir: Die politisciie Polizei in Preussen Bericht über die Verhandlungen im Prozeß Leckert-Lützow-Tansch. Breis 25 Bf. Borto 5 Bf. Zun, Vcrständniß des jetzigen Prozesses gegen v. Tausch ist die Kenntniß dieser Verhandlungen, die ja nur die Folgen jenes Prozesses waren, nothwendig. Stach dein stenographischen Bericht bearbeitet, mit einer Einleitung und einem Anhang versehen, enthält die Broschüre die ganze Vorgeschichte jenes interessanten Prozesses. Verbiutd der in Buchbindereien ete. etc. beschäst. Arbeiter u. Arbeiterinnen Deutschlands(Mitgliedsch. Berlin). Aehtunzx! Achtung! Donnerstag, den 27. Mai(Himmelsahrtstag), Landpartie(Familien- Partie) von Nieder-Schöncweide über Sadowa nach der Pferdebuckit bei Köpenick. Abfahrt Görlitzer Bahn 7 Uhr 35 Min. und Schlesischer Bahnhof 7 Uhr 21 Min. Treffpunkt: Restaurant„Zum Kurfürst"(Hanisch). Abmarsch 8>/, Uhr. Um zahlreiche Betheiligung ersucht 26/19_ Das Vergnügungs-KoMitec. Achtung: Achtttug: DWklkkr und Dmfsgenofftn! Am Donnerstag, den 27. Mai 1807, mittags präzise 12 Uhr, im Lotale des Herr» Feiudt, Wcilistraste 11: Grotze öffentliche Verfammlung der Dachdecker und verw. Verufsgeuosseu Berlins»nd Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Vortrag. Berichterstaitmig des Gewerbegerichts- Beisitzers. 2. Unser Rescrvesondö. 3. Berichterstattung des Gewerlschasts- Delegirten. 4. Verschiedenes.— Um zahlreichen Besuch bittet dringend 54/8_ Der«inberufer. Hiermit erfüllen wir die ttaurige Pflicht, allen Sangessrcundcn mit- zutheilen, daß uns unser Sangesbrudcr Franz iniese am Sonnabend, den 22. Mai, durch den Tod enttisscn wurde. Der linterzcichnete Verein wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Der Gesangverein „Deutsche lßiehleife." Die Beerdignilg findet arnMitwoch,, den 26. Mai, von der Leichenballe des Sedwigs- KranrenHauses nach dem lisabeth-Kirchhof, Prinzen-Allee, aus statt. 2281b Dankfagnng. Für die zahlreichen Beweise liebe- voller Theilnahme, die uns aus Anlaß deS Hinscheidens meiner lieben Frau, unserer gnten Mutter, Schwieger- und Großmutter, Frau 2263b BmiUc Boitin geb. Herrfurth, von allen Seiten envieien worden sind, spreche Allen hierdurch unfern innigsten Dank auS. Beinrieb Boitin Namens d.trauetiiden Hinterbliebenen. L Blatt Kranzdiuderet - nltUi,». Blui»cnl»andl»»g, 6. Landsbergerstr. 6, Ecke Hächstestr., (früher Kvnigsbergcrstraße) empf. Widmungölränze mit Schleifen, Guirlanden, Bouquets je. Mlumeuhandluttg A\ �P.AbromeitÄÄ u Krfinze, Bonqncts, Topf gewUclisc, Bnlrlanden etc. Billigste(Markthallen) Preise bei geschmackvoller Ausführung. Bransbinderei u. Blnmen- hundlung von 1643S* Robert Meyer, Mo. 2. Marianncnstr. Xo. 2. Widmungs-Kränze, Guirlanden, Ball- sträußchen, Bouquets jc. werden sehr geschmackvoll und Preiswerth geliefert. Hiermit erkläre ich, daß der Nestau- rateur Robert Kaul, Husfiten- sttaße 29, kein Spitzel ist. Ernst Krüger. Bauarbeiter, Lychenerstr. 10. Stuckateure! Donnerstag, 27.,(HimmelfahrtStag): Herren�artie nach Kirkenwerder. Treffpunkt morgens 8'/, Uhr Stadt- bahnhof, Beniauerslraßc. Stachzügler 1 Uhr mittags Birkenwerder, Paradies- garten�___ Unbemittelte Kranke, welche an F,npns(fressende Flechte) leide», findenden unentgeltliche Behandlung. Genaue Adressen unter I-. P. 30 an die Expedition. 1830L« Künftliche Zähne. F. Stesfeils, Nosciithalerstr. 61, 2 Tr. «j Theilzahlung pr. Woche 1 M. f Steppdecken, Gardinen, llllll SommcrpaletotS, Anzüge, sen, Rciseloffer, Regulatoren, Re- montotriihren, Wasch e, Goldwaarc» spottbillig Pfandleihe, Ncandcrstr. 6. Die beste Cigarre kaufen Sie Schillingstr. 36 bei Viiiiieböse.[21206 Ein gutes, gangbares Restau- rantiousgeschäft ist krantheitsh. zu verkaufen. Ripdorf, Jägersir. 66. Psillld Brot siir 3ll Psg. liefert 1645L« Albrecbt's Biickerel. Wrangelstr. 8. Lnngestr. 26. Falckeiisteinstr. 28. 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Wir laden die Mitglieder des Vereins, ,vie auch alle Parteigenossen des Kreises ei», sich recht rege daran zu belheilige». Mit diesem Arrangement glauben wir einem Bedürfniß entsprochen zu haben, da es sich darum handelt, die Gesellig- keit und die nähere Bekanntschaft damit zu fördern. Der Abmarsch ist festgesetzt auf präzise 8 llhr morgens von Otto's Lokal vor dem Schlesischen Thor. Diejenige» Parteigenossen, sowie auch die FamiliengliederZderselben, denen es nicht möglich ist, an dem Abmarsch zur festgesetzten Zeit theilzunehme», machen wir aus die folgenden Vorortzuge von dem Schlesischen Bahnhos nach Köpenick aufmerksam. Früh: 8,4, 9,10, 9,42, 10.45, II.4S und 12,38. Nachm.: 1,38, 2,8, 2,30. 3,20, 3,41, 4,4, 4,48 u. f. w. Nochmals bitten wir die Parteigenossen um rege Betheiligung. Der Vorstand. Neber Streitfragen in der Arbeiterbewegung sprach der Redakteur Dr. G o l d s ch m i d t am Sonnabend in einer Versamm- luug des Ortsvereins der Maschinenbau- und Metallarbeiter. Die auf die Agitation der Sozialdemokraten zurückzuführende Ueber- schStzung der politischen Bethätigung ist»ach Ansicht des Referenten schuld daran, daß die deutsche Gewerkschaftsbewegung in ihrer schon früher von den Hirsch- Duncker'schen Gewerkvereinen ins Leben gerufenen gesunden Entwickelung gehemmt ist. Gleich der englischen müsse auch die deutsche Gewerkschasts- bewegnng die Politik ans dem Spiel lassen. Der Redner berief sich in dieser Hinsicht auf die in letzter Zeit mehrfach genannte Broschüre von Bruno Pörsch, welche ein erfreuliches Zeiche» dafür sei, daß auch in sozialdemokratischen Kreisen avmälig die Erkenntniß auf dämmert, man müsse, wenn man die Lage der Arbeiter besser» wolle, hauptsächlich ein guter Gewerkschaftler sei». Streiks hätten erst dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Mehrheit der in Frage kommenden Berufsangehörigen organisirt sei. Bis dahin könne man eine Lohuaufbesscrung nur durch Ber- einbarung mit den Arbeitgebern erziele». Ein Prinzip, welches von de» Gewerkvereinc» befolgt werde. Auch die Buchdrucker hätten ja mit Erfolg diesen Weg eingeschlagen, wofür sie allerdings von de» sozialdemokratische» Arbeitern verketzert würde». Ueber die in der Maifeier zum Ausdruck kommende Demonstration für den Acht- ftundkiitag äußerte sich der Redner mit wegwerfender Ironie. Der ganze Achtstundenrummel könne nicht ernst gemeint sei», weil er nutzlos ist. Die Forderung des Achtstundentages habe die Frag« der Arbeitszeitverkürzung sehr in Mißkredit gebracht. Nicht im Wege der Gesetzgebung, sondern mit durch die Berufs- vereiue könne eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden. Die Diskussion gestaltete sich dadurch zu einer sehr anregenden, daß unser Parteigenosse Former M a s s a t s ch als erster Redner das Wort nahm, und ebenso schlagfertig wie durchaus sachlich den Versuchen des Referenten, die gewerkschaftliche Thätigkeit der sozialdemokratischen Arbeiter herabzusetzen, entgegentrat. Er wies darauf hin, daß wir Sozialdemokraten in der Gewerkschafisbewegung nur ein Mittel sähen, um innerhalb der heutigen Wirthschaflsordnung die Lage der Arbeiter zu verbessern, daß die Unternehmer, vor allein die Metall- industriellen, den gewerkschaftlichen Bestrebungen der Arbeiter und deren Organisation mit den brutalsten Mitteln entgegentreten, daß also auch der gewerkschaftliche Kamps ein Klassenkampf sei und eine Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeiter nicht bestehe. Der Referent möge die sozialdemokratischen Arbeiter nicht mehr für so dumm halten, daß sie glauben, sie könnten allein durch die Maifeier den Achtstundentag erreichen. Für dieses Ziel werde nicht nur am 1. Mai demönstrirt, sondern auch das ganze Jahr hindurch gekämpft. Ein Theil der Versammelten begrüßte mit lebhaftem Beifall die Ausführungen unseres Parteigenossen, der später noch einmal Gelegenheit nahm. den nachfolgenden Rednern, sämmtlich ältere Hirsch-Duuckerianer, treffend zu antworten. Eine öffentliche Bauarbeiter» Berfannnlnng fand am 23. d. Mts. im„Englischen Garten" statt, behufs Stellungnahme zur Lohnbewegung der Maurer. Das einleitende Referat gab Renn thaler. Dieser sowohl als auch die zahlreichen nach folgenden Redner hielten eine Lohnbewegung der Bauarbeiter infolge der schwachen Organisation für aussichtslos. Lille Redner betonten zugleich die Nothwendigkeit einer energischen Agitation, viele derselben beklagten sich auch bitter über die mangelhaite Bc thätigung der Solidarität seitens der gelernten Banhaudwerkcr gegenüber de» Bauarbeitern. Namentlich kamen die Putzer schlecht weg, von denen Wernau behauptet, daß selbst diese im vorigen Jahre nicht einmal Stellung genommen haben zu dem Lohntaris der Bauarbeiter. Es wird sodann die nachstehende Resolution einstimmig angenommen:„Die Versammlung der Bauarbeiter Berlins erkennt alle die Schäden vollständig an, welche� heute noch infolge dcs unter den Bauarbeitern herrschenden Jndifferentismus unter diesen vorhanden sind. Die Versammlung ersucht alle An» wesenden, mit aller Kraft gegen den Jndifferentismus vorzugehen und verspricht alles aufzubieten, um die Bewegung der Bau» arbeitet zu dem zu machen, was sie sein soll und fein muß. Ferner verpflichlen wir die Maurer Berlins, das Solidaritäls» gefühl uns gegenüber in der Weise zu bethätigeu, daß sie uns hilf- reich zur Seile stehen, um auch den niedrig gestelllen Arbeitern zum Siege zu verhelfen." Herr Pörsch sendet uns ein Schreiben, in welchem er uns de» Borwurf der inkorrekte» Berichterstattung macht. In unserem Be- richt über die Sattler-Versammlung vom 19. d. M. hieß es am Schlüsse des durch Pörsch erstatteten Kassenberichts wörtlich: „Dcchnrge konnte nicht erlhcilt werden, da die Revisoren noch über einen Posten von 44 M. näheren Bericht erstatten müssen." Diesen Thatbestaud leugnet Herr Pörsch durchaus nicht, sondern macht uns nur den Vorwurf, nicht auch die nähere Erläuterung der Angelegen- heit, wie sie durch die Revisoren geschehen, zum Abdruck gebracht zu haben. Diese„Erklärung" der Revisoren läuft aber. wie Hm- Pörsch selbst schreibt, darauf hinaus, daß ein Belag fehle über eine Llusgabe, die„nirgends gebucht ist".„Sollten, so bc- richteten die Revisoren,(immer nach Pörsch's eignem Schreiben an uns) weiter, die Angaben Pörsch's den Thatsachen entsprechen, so würde dadurch fast vollständig das Manko gedeckt, welches P. bei den letzten Streiks gehabt hat."— Wir haben Herrn Pörsch den Gefallen gethan, seine„Berichtigung" zu bringen, verstehen aber nicht, wieso er aus der Form des fraglichen Satzes einen Verdacht herauslesen kann, den auszusprechen auch gar nicht in unserer Llbsichl gelegen hal. Wir haben durch die Wiedergabe der Thatsache lediglich unseren journalistischen Pflichten genügt. Herr Pörsch sieht also Gespenster, wenn er am Schlüsse seines Schreibens von unserer„Kampsesweise" spricht, die uns„keine Ehre mache".— Von der in derselben Versammlung angeblich geübten Kritik über unsere Rezension der P ö r s ch' sehen Broschüre haben wir keine Notiz genommen, weil nnser Berichterstatter leider davon nichts geschrieben hatte. Dieser Punkt ist aber, wie wir nachträg- lich erfahren, nur von einem Redner und ganz nebenher gestreist worden. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantmortuiig. SBmmmamBBBSsmamm D Herker. Dienstag, den LS. Mai. cpernhaus. Don Juan. Tchauspielhaus. Coriolan. Deutsches. Die versunkene Glocke. Berliner. Die Maschinenbauer. Lessing. Die Geisha. Westen. Onkel Bräsig. Neues. Trilby. Residenz. Der Besuch nach der Hochzeit.— Im Pavillon(Ls Parfüm). Schiller. Deutsche Schwanke. Linden. Der arme Jonathan. Thalia. Rothe Zettel. Ostend. Hasenfuß. Alexanderplah. Alle stlnfBarrisons. — Eine tolle Prinzeß. 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TageS-Ordnmig in allen 6 Veisammliingen:_ 1. Bericht der Lohttkouimissiott über unsere jetzige Lohubewegnug. 2. Diskussion. 3. Gewerkschaftliches. MF- Die Wichtigkeit obiger Tagesordiniiig erfordert das Erscheinen jedes eknzelnen Kollegen! 280/15 Mit kollegialem Gruß: _ Die Xo siuftounttil l\ o n den iHmu'cu Vevlins. Achtung!"NE-ME MF" MF- Achtnng! Brauerei- und Werverlass-Mfsarbetter. Am Mittwoch, den SK. Mai 1897. abends 8 llhr, im Englischen Garton, Rlexanderstrafte 27c: Grotze öffentliche Verfammlnng aller Brauerei- und Bierveriags-Dilfsariteiter. Tages-Ordiiung: 1. Bortrag. Referent wird in der Bersammlnng belannt gemacht. 2. Diskussion. 3. Mißstände in den Brauereien. Zu dieser Bersannilliulg werden besonders die Flnschcnbier-Arbeiter, Stallleute, Hofarbeiter u. s. w. eingeladen. Um rege Betheiligung ersucht Hie Verglelehs-14on>n>lsslon 41/18 der Brauerei- und Bicrvcrlags Hilfsarbeiter Berlins u. Umgegend. Achtung! Untzer. Achtung! Am Donnerstag, den 27. Mai d. M., findet von der Zahlstelle I des„Zentral-Verbandco der Maurer Deutschlands" eine Herrcn-Fußpartie statt, wozu sämmtliche Mitglieder und alle übrigen Kollegen eingeladen werden. Treffpunkt: Köpenick(Bahnhof). Abfahrt vom Schlesischen Bahnhof früh 8 Uhr. 134/17 Frühstückspause Hirfchgarte».-MQ Mann zur Stelle I l»le örtliche Terwaltnng. »Kollegen, alle Cli arlottenburg*. Mittwoch, den 26. Mai, abends 8 Uhr, im Lokale Bismarckshöhe, Wilmersdorfcrstrafte 3g: Nilikglieber-Drvjnntttttnn« des Soalaldeinokr. Wahlvcreins l'iir Teltow-Bceskow- Storkow-Charlottenbnrg. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Neieinsaiigelegenheiteii. 4. Berichterstattung des Bibliothekars und Ncliwahl desselben. 5. Versdiiedenes. SW NichtMitglieder als Gäste haben Zutritt. Die Mitglieder werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. 250/8__ Der Borstand. MuMr Nol;arlltitkr-Vtr!»ani». (Dahlstelle Berlin.) Donnerstag, den 27. Mai(Himmelfahrt): 100/2 WM- IScrtcujrnvlic."WE Abfahrt 7 Uhr 44 Min. vom Potsdamer Bahnhof nach Baiensee. Um 0 Uhr Frühstückspause in Sehmargendorl'(„Sanssouci")- - ilfll Von hier nach Beelftzhof nach dem Lo Um zahlreiche Betheiligung ersucht der Wittwe Ullrich. Die Ortsverwaltung. BerckS-GeM Max Ricliter, Grüner Weg 65. Graftes Lager von Bilder», Büsten(diverse Größen) von Barx, l-assalle, Engels. Stocklaternen. Bildereiurahmnng. Snal- dekorationeu. Billigste Preise für Händler und Vereine. I782L» Neuer Krug. Station Ntn-Raljilshors bei Hessemviiikel. Schönstes und gröfttes Lokal an der Ober-Sprce inmitten von Wald und Wiesen. Durch seine idvllische Lage besonders für Vereine und Gesellschaften geeignet. Tanzsaal, Kasfeekiiche, Volksbelustigungen aller Art. IVclss- u. Balrlsch-Bler, AT. Weine, exquisite Ktiehc. DM- Riescn-Schtnkcn-Stnllen.-MM s2280hj Bax Prlcin. Oleander dillig zu verlausen,! Getragene Stiefel sind billig zu Görlitzerstr. 0g im Bierlokal. L27kd I haben. 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