3tr. 29, UnterOoltnngobrilage 1932. „Die Kluft". Bm Criiag MrifteNfea. Die Berlobungsfeier war beendet. Die letzte« Gäste hatten das Haus verlassen. Frau Storgaard legte da» Leinentischtuch zusammen und glättete es über ihrem wohlgenähr ten Leib. Jesper rutschte auf einen kühleren Platz der Bank; dort, wo er gesessen hatte» war der Anstrich warm geworden und klebte an seiner Hose. Sein Magen knurrte. Er hatte dem Essen allzu reichlich zugesprochen. Er deutete auf da? Tischende:„Da sah Anna, und neben ihr hätte der Besitzer des größten Hofes fitzen können. Und wer hat da gesessen?— Ein Lehrer— ein Küster!" Er rülpst« und schüttelte den Kopf.„Die Soße war auch viel;u fett!" Es klunkste in seinem Magen:„Aber die Verlobung wird ausgelöst! Auf der Stammtafel von Stor- gaard darf nicht stehen:— Lehrer Jörgen Pedersen.— Niemals in Zeit und Ewigkeit!" Er haute die Bierkann« auf den Tisch, daß der Schaum über den Raiid kroch.— „Vergiß nicht die Liebe, sie haben sich doch so gern," wandt« seine Frau, Mette,«in. »Dir Lieb«— jaja..." Er zuckte ungläubig die Schultern.„Man braucht nicht gerade Küster und Lehrer zu sein, um zu sehn, daß Storgaard«in guter Hof ist; aber da- Ganze wird zu Wasser— darauf kann sich der gut« Pedersen verlassen!"„Es wird dir aber niemals glücken, Anna zu veranlassen, ihn aufzngeben." Jesper erhob sich:„Na— dann werde ich ihn schon so weit bekommen, ste laufen zu lassen. Ich habe mir alles genau überlegt, während der Pastor seine Verlobungsrede hielt." Er taumelte ins Schlas- zimmer und schlief bald ein. Unten am Kreuzweg standen Anna und Pedersen engumschlungen und lauschten dem perlenden Gesang der Morgenlcrche. Sie drückte ihr Gesicht an seine Schulter: „Glaubst du nun auch... nein..." Sie ivandte sich ab.„Sag es doch, Annchen, mir kannst du alles sagen." Sie blickte ihn fest an:„Glaubst du nun auch, daß ich fein genug für dich bin, Jörgen? Wirst du mich nicht satt bekommen?"—„Wie kommst du «ur auf diese Gedanken?" Fast sah er böse auf.„Und das an unserem heiligen Vcr- labungstag. Was fallt dir nur ein?"— „Ja. ich hört« doch, wir du dich mit den Pastorentöchtern so gebildet unterhieltest— da konnte ich wirklich nicht mitrrden."— „Das kannst du ja lernen, Annchen. Ich iverde dir abends laut vorlesen, und wir iverden uns dann darüber unterhalten. Etwas Bildung gehört schon dazu, um in meinen Kreisen zu verkehren. Deshalb wär« es vielleicht ganz praktisch, wenn wir mit dem Bildungsunterricht schon bald anfangen würden."—„Ich weih nicht, wie ich's sagen soll, aber ein armes Mädchen hat stet» den Vorteil, daß cs um seiner selbst willen geheiratet wird."— Er sah in die Lust. „Daran glaube ich nicht, daß sich jemand des Geldes wegen verheiratet— ich glaube es ganz bestimmt nicht. Es ist jedenfalls meinem Charakter so zuwider, daß ich nicht daran glaube." Als Jesper Slorgaard erwachte, befahl er seiner ssrau, ihm den Sountagsanzug zu geben.„Wohin willst du, Jesper?"—^Jhr braucht mit dem Mittagessen nicht auf mich zu warten," grunzte«r und ging, ohne sich zu verabschieden. Es war ein warmer Tag und er schritt fürbah. Sein Freund Niels Westergaard stand vor seinem Haus und hatt« die Hande in die Taschen vergraben, als er Jesper erblickte. „Guten Morgen!" Jespers Stimm« klang sehr deprimiert. Er räusperte sich. Niels tat desgleichen. Beide betrachteten sie«in Kalb, das groß« Grasbündel an sich riß: fast schien cs. als wollten die beiden Männer auspro- bicrcn, tver am längsten schweigen könne. Endlich siigie Jesper:„Niels, kannst du mir Helsen?" Sein Mund stand offen. Tie Unterlippe hing melancholisch herab.„Brauchst du Geld?" Niels produzierte«ine enorme Menge Speichel— er schluckte und schluckte. „Ja— mir scbli Geld. Mein Schwager drüben auf Seeland, für den ich gebürgt habe, ist ausgerifsen." Jespers Unterlippe zitterte wie die cines abgebetzten Hundes. „Und ich gehe mit kaputt. Kannst du mir Geld leihen? Aus alter Freundschaft. Kannst du?" Ricls batte die Hände in die Taschen gebohrt, während ihm Kälteschauer über den Rücken rieselten. Mit den Armen«lachte er Bewegungen, als hätte er Flöhe im Aermel. „Wie gern ich auch möchte— ich kann nicht." — Jesper reichte ihm die Hand. ,Lch kenn- deinen guten Willen, aber ich muh weiter«! Slorgaard, meine GeburtSstätte, soll nichtz^ ohne Schwertschlag fallen." Er schmunzelte vor sich hin und schritt tüchtig aus; denn«v muhte sich beeilen, um die gan^ Runde zu absolvieren. Jesper saß am Tischende und hatt« di« Ellenbogen auf die Platte gestützt, wädrend er groß« Mengen Tabaksrauch ausblies. I« seinen Augen glimmte es lauernd und verdächtig.„Vier!" brummt-«r,„nun woll'u wir mal sehn." Da tauchte jemand auf der Landstraße auf. Jörgen. Anna lies ihm entgegen, daß die Röck« nur so flogen.„Anna!" Er befreite sich aus ihren Armen.„Die benimmst du dich denn nur? DaS kann mau doch nicht!" Sie blickte scheu auf den Weg und hatte ein Gefühl, als wenn ihr die Kleider herabgeglitten und sie nackt und frierend seinen kritischen Blicken ausgesetzt wäre.„Es ist sehr bedauerlich— außerordentlich bedauerlich—" Sie hörte seine Worte wie aus weiter Ferne.„Wir Menschen sind schwache Wesen. Wir können uns irren. Wir haben uns geirrt, Anna. In unserer Verliebtheit haben wir nicht die Kluft gesehen, die uns trennt," seine Stimme nahm Pathos an,„ich bin ein examinierter Mann— und du— ja— ich brauche wohl kein Wort mehr ;u verlieren. Die Kluft— die Kluft, Anna, bedenke die Kluft! Du erblicktest sie bereits, als ich noch mit Blindheit geschlagen war, aber jetzt bin ich sehend geworden!" Er hob die Arme hoch über den Kopf und blickte auf ihren Schatten, der sich scharf im weißen Staub abzeichnete.„Dort oben— wo die Stürme des Geistes toben, wirst du wie ein« Blume des stillen Tales verwelken, die man auf den hohe» Felsen verpflanzt«— und dadarf nicht geschehen, Anna, nein—«s darf nicht sein."— Seine Stimm« wurde weich und tief, als wenn er die Psalmen in der Kirche spräche.„Und wen» ich heule dir und deinen Eltern erkläre, daß ich mich geirrt habe, so sind es dir edelsten Quellen in mir, welche sprudeln. Komm'." Er ging auf den Hof zu. Anna schlich hinterdrein. „Willkommen! Pedersen!" Pedersen pflanzte sich am andern Ende des Tische- auf und legte di« Hände auf die Platte, al- Der Held dieser Zett. Der Held dieser Zeit ist kein einzeln« Mann, kein Marschall und kein General, der Soldaten verlor und Schlachten gewann, weil ein Kaiser den Krieg ihm befahl. Der Held dieser Zeit ist kein Diplomat In SalonS und am grünen Tisch, mit Edelmannshand und geflüstertem Rot, verschlagen und kalt wie rin Fisch. Kein einzelner Mann ist der Held dieser Zeit, kein Bank, und Börsenmagnat, kein Lelbaron, gewitzt und gescheit,- kein Herzog und kein Prälat. Der Held dieser Zeit ist kein Stahlkopitän und kein Herr über Kohl« und Blei: Die goldene Macht dieser Welt wird vergehn, wie ragend und stark sie noch sei. Der Held dieser Zeit ist das riesig« Heer in Werkstatt, Fabrik und Konwr: Der Chinamann über dem großen Meer und der Nigger in Baltimore, und der Mann, der im Hasen die Lasten hebt, der sich plagt mit Verladung und Fuhr, der in Ostrau im Schacht nach der Kohl« gräbt, und der Kumpel an Rhein und Ruhr. Der Held dieser Zeit ist der Arbeitsmann, der in Molinella verging, dessen Blut mit den Wellen der Theiß verrann, der am Galgen in Budapest hing; der in Rom schon die Zukunft des Sieges weiß, der in Warschau von Freiheit spricht, der der Henker und Richter Kerker und Kreis mit nackten Füßen zerbricht. Wenzel Sladek. wollt« er eine Rede halten:„Ich weiß nicht, wie willkommen ich bin; aber seid versichert, daß es mein Feingefühl ist, welches mich heute wie immer hierher getrieben hat." Anna verschwand in der Küche.„Ja, was sollte es anch wohl sonst sein?" Jesper starrte hinaus auf den Hof. Er schraubte an seiner Pfeife, als Mette eintrat und die Hände rang.„Aber mein Gott, Pedersen, was ist das für eine entsetzliche Geschichte, die mir Anna erzählt? Wie kannst du das bloß tun?" Sie ließ sich auf di« Bank sinken:„Das uns so was auch passieren muß." —„Was ist denn los?" Jesper wandt« sich ihr langsam zu.„Pedersen hat sich mit Anna entzweit."— Pedersen griff an die Tischkante.„Ich möchte mich gern näher erklären. Ich hab« mich geirrt, in meiner großen Liebe zu Anna vergaß ich ganz die Kluft..." „Die Kluft?" Jesper sog das Wort begierig ein.„Ja— zwischen ihrem und meinem Bildungsgrad klafft ein« nicht zu überbrückende Kluft. Mein Feingefühl gebietet mir, das Unglück abzuwehren, das für uns beide daraus entstehen könnte." „Ich verstehe nicht recht," sagte Jesper, „beabsichtigst du di« Verlobung aufzuhcbcn?" —„Ja!"—„Soso!" Jesper trommelte auf den Tisch...„Soso..." Im Gang wurde das Klappern von Holzpantinen vernehmlich— dann trat Niels Söndergaard ein und blickt« Jesper verwundert an.„Was zum Teufel beabsichtigst du eigentlich mit diesen Schwindelgeschichten, die du heute allen Leuten aufge- bunden hast?" Jespers Lippen verzogen sich äit einem breiten Grinsen, während er Pr- ersen mit einem Seitenblick streift.„Ja— bei meiner Seele—«8 ist alles Schwindel!" — Niels hielt inne, denn er sah, wie Peder- sen sich erbleichend aus di« Bank nie-erbum- sen ließ. Dann erhob er sich, um in die Küche zu gehen.„Nein, nein— kleiner Pedersen, wenn du hinaus willst, so darf ich dich wohl höflichst bitten, durch diese Tür zu «m, denn mein Feingefühl gebietet mir, an die Kluft zu erinnern." Auch in diesem Jahr fand in S t u t tg a rt rin internationaler Vagabunden-Kongrrß statt, drr allgemeiner und berechtigtes Aufsehen erregte. Hält man«S doch in unserer heutigen, modernen Zeit kaum für möglich, daß«S noch tausende jener Stromer, Chaussecgrabentapezir- rer, Speckjäger und Plattmacher gibt, wi« sie auf dem Stuttgarter Kongreß nun plötzlich aufmarschierten. Alle diese Außenseiter der bür- gerlichen Gesellschaft bilden eine große Gemeinschaft, di« ihre eigenen Gesetz« und Rcgrln hat. Sie haben auch ihre eigene Sprache, das„Rotwelsch", und erkennen sich an Geheimzeichen, wie die Freimaurer. Sie sind bei allen Unterschieden und Abstufungen chres„Berufs",— es gibt auch bei ihnen kleine und große Leute—, doch alle Mitglieder einer großen Familie, deren Heim die Landstraße und deren einziger Feind und Widersacher der Gendarm ist. Sie sind mit ihrer Unruhe, ihrer Erlebnissehnsucht und ihrem unsteten Landstraßendasein dir Zaungäste unseres bürgerlichen Lebens, aber sie sind auch gleichzeitig der letzte Ueberrcst jener Ro- mantik aus Großvaters Zeiten, wo der reisend« Handwerksbursche mit dem Stab in drr Hand auf die Wanderung ging. Allerdings hat schon rein äußerlich der„Kunde" von heute mit jenen «hrbaren Zunft, und Arbeitsgcscllen nichts mehr gemeinsam. Pkattmacher. So nennt man alle jene, die keine„Bleibe" haben. Es gibt deren heute viele tausende in Deutschland. Ueberall findet man sic. Auf Heuböden, in leerstehenden Eisenbahnwagen, auf Trcppenjluren, unter Eijenbahnbrücken, in Ruderbooten und Lastköhnen, im Chausseegra- ben, auf Lagerplätzen, in den Laubenkolonien, in Scheunen, in Neubauten— oder auf den Ruhebänken in den Anlagen, wo sie allerdings am leichtesten dem Zugriff eines Schupos ausgesetzt sind. Gcivöhnlich schlafen diese Plattmacher in diesen Zufluchtswinkeln, weil sie nicht das Schlafgeld für dir Herbergr, zur Heimat oder ein Privatquartier haben. Biele von ihnen aber können keine Wohnung suchen, weil ihre Papiere nicht in Ordnung sind und der Herr Staatsanwalt sich für sie interessiert. Wieder andere von ihnen sind Plattmacher aus reiner Abenteuerlust, die.ganz Deutschland ablau- sen und in ihrem unbändigen Rcisetrieb jede Bequemlichkeit und Ordnung einer bürgerlichen Existenz verachten. Sp-ckjägerl Sie sind sozusagen di« Garde unter den Landstreichern. Es sind alte sturmerprobte Beleranen der Landstraßen, die die Herbergen und Gefängnisie in allen Landesteilen kennen, die einen Polizisten 100 Meter weit gegen den Wind riechen und di« das lebende Adreßbuch für„ihre" besonderen Bezirke sind. Sie wisien in jedem Ort eine mildtätige Seele, wo man etwas erben kann. Sie kenn«» ganz genau die Geheinizrichen der Gaunersprache und hinlcrlas- en in jedem Dorfe und Orte ihre Winke für die Nachfolger. Gleichzeitig sind sie auch oft Hausierer mit Neuigkeiten. Sir hinterlasien in den Herbergen und an anderen Punkten Nachrichten für Kollegen und Bekannte. Sie kennen sich fast alle untereinander. Sie sind fast auf Pedersen schwankte wie rin Fw""-it im Sturm— warf einen ängstlichen Blick auf die Tür— und— ging... (Berechtigt« Uebertragung aus dem Dänischen von Marieluis« Hennigrr.) allen Landstraßen Europas getippelt und sie haben ost«ine besirrr Kenntnis Von d«n Städten und Gegenden, die sie durchwanderten, als mancher hochgelehrter Professor drr Geographie. Monarch«»! Liefen schönen Namen trägt jene besondrre Sorte von Gelegenheitsarbeitern, dir überall in den Städten herumlungern. Besonders dir großen Bahnhöfe sind ihr bevorzugte; Aufenthaltsort. Ihre Tätigkeit besteht im Warten auf irgend jemand, der ihnen für möglichst wenig Arbeit etwas Geld zum Schnaps zukommen läßt. Sie sind die geborenen Alkoholiker. Sie haben nur den einen Wunsch: sich zu br- trinken und ihr Elend zu vrrgcsien. Sie haben keinen Wandertrieb und keine Reisesehnsucht. Das einzige, was ihre müden Geister noch auf- frischen kann, ist der Fusel. Das Ende ist bei ihnen fast immer das Irrenhaus oder rin Armengrab. Doktoren und Ingenieur«. Aus den Berichten der Landjäger und der zuständigen Berwaltungspolizei ersieht man immer wieder, wie viele gescheiterte Existciizcn gerade heute auf den deutschen Landstraßen hcr- umstrolchen. Sehr ost kommt es vor, daß bei einem Bahnbau oder bei anderen Gelegenheitsarbeiten neue Arbeiter eingestellt werden und aus ihren Papieren dann hervorgeht, daß sie früher Beamte, Kaufleut«, Jngemeure, Lrhrer oder sonstige Studierte waren» auch verkrachte Offiziere waren nicht selten unter ihnen. Bekannt war ein alter Landstreicher, der früher ein angesehener Mediziner war und durch das Trinken auf die schiebe Bahn kam. Er trieb sich jahrelang in ganz Deutschland herum und übte überall seine Praxis aus. Neben den lieben Mitmenschen behandelte er vor allem anch das Vieh mit bestem Erfolge, wofür ihm die Bauern dann reichlich mit seinem geliebten Schnaps versorgten. Unzählige Male wurde er aufgegriffen und eingespcrrt. Vergeblich versuchte man, ihn wieder in feinem Beruf untrr- zubringen. Schließlich lieferte man ihn schwer, krank in einem Hospital ein. Der behandelnde Arzt war nicht schlecht erstaunt, als der alt« verlauste Landstreicher ihm eine wisienschastlichr Begründung seines eigenen Lebens gab. Tippelschicksrn! Sie vertreten das schönere Geschlecht unter den Landstreichern. Fast Immer wandern sie in Gesellschaft mehrerer Handwerksburschen. Sehr oft sind es ganz junge, ihren Eltern oder drr Fürsorge entlaufene Mädchen. Das moderne Großstadtlebe» bringt Verführungen jeder Art, gerade für die Minderjährigen nur zu leicht mit sich. Tann kommt es vor, daß so«in Mädel mit ihrem Freund einfach davonläuft, um einer Strafe chrer Eltern zu entgehen oder auch nur, weil sie Abenteuerlust in die Ferne treibt. Doch neben diesen Ausnahmefällen sind di« eigentlichen Tippelschicksen Damen in meistens sehr reifem Alter, die ihren Schnaps genau so unverzagt trinken, wie ihre männlichen Kollegen und lieber einen Zigarrenstummel rauchen als rin Stück Schokolade essen. Biele von ihnen kommen aus dem ländlichen Proletariat. Dir Einrichtung drr landwirtschaftlichen Saison- □Utter von ver Donbftratze. Bon HanS W«ft. — 8— nrbcitcr hat eS mit sich gebracht, daß heute in Deutschland immer größer« Trupps von Männern und Frauen in den Provinzen auf der Arbeitssuche hin- und herwandern. Bei den meisten bleibt es bald beim Wandern. Nach' einer amtlichen Statistik des Preußischen Wohl- sahrtsministeriums wurden ISA 62s weibliche Personen wegen LandstreichenS und Vagabundierens verhaftet. Der Bagabundenkönig! Einer der seltensten Typen unter den Rittern der Landstraße ist der Vagabundenkönig „33". Er ist ein gebildeter Mann, der Berse schreibt und die deutschen Dichter mehr oder minder richtig auswendig hersagen kann. Au dem Bagabundenkongreß in Stuttgart hielt er Heerschau über seine Getreuen ab. Mit seinem langen Haar und dem wallenden Gewaitde sieht er dem Naturapostel Gustav Nagel ähnlich. Die ser Bagabundenkönig richtet manchmal Aufrufe an eine törichte Menschheit, die arbeitet, anstatt zu faulenzen und die lieber in dumpfigen Häusern fitzt, als in der freien Natur herumzuwandern. In diesen Aufrufen, die seine Pennbrüder an.Hauswände kleben müssen, predigt er der bürgerlichen Welt wegen ihrer Lieblosigkeit und Herzenskälte den Untergang. Die ganze Weltanschauung des Landstreichers hat er in folgende Reime gebracht:„O, süßes Nichtstun, schönste der Gewohnheit, wie ruht sich sanft an deiner keuschen Brust! iWe machst du fröhlich hartgesottene Sünder, wie machst du wunschlos den, der keine Arbeit sucht!" Er ist also mit sich selber und seinem Leben zufrieden. Schmetterlings-Gammler. Ter Besitzer der zweitgrößten Schnietter- lingssammlung der Welt, die sich in Privathänden befindet, der Entomologe James John Joicey, ist jetzt in.England gestorben. Der Gelehrte hat sich durch seine Leidenschaft, der er sein ganzes Leben nachging, ruiniert, Tenn als er vor einigen Jahren bankrott machte, erklärte er vor Gericht, er könne nicht mit weniger als 400.000 Mark im Jahre leben, da er die Hälfte davon jährlich für seine Sammlungen ausgebe. Joicey ist mehrfach um die ganze Welt gereist, um den bunten Faltern nachzujagen, die die Leidenschaft seines Lebens bildeten; er hielt außerdem Dutzende von Agenten in allen Teilen der Welt, die ihm seltene Exemplare sandten. Gewöhnlich betrug der Zuwachs seiner Sammlungen gegen 1066 Stück im Monat. So hatte er innerhaib von 44 Fahren mehr als 1.5 Millionen Schmetterlinge zusammen- gebracht, die nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen gesammelt waren. Der Wert der Kollektion ist schwer abzuschätzen, aber man veranschlagt ihn auf etwa 250.600 Dollar. Unter den Seltenheiten befand sich eins von den beiden bisher bekannt gewordenen Exemplaren der Schmetterlingsfamilie Charaxes Fournierae; es ist das seltenste Stück seiner Sammlung und wurde von ihm im April 1931 in den Wäldern des Kongo erbeutet. Joieey hat bereits bei Lebzeiten bedeutende Teile seiner Sammlung dem Britischen Museum zum Geschenk gemacht; so u. a. seine ganze Kollektion von Schmetter- liugen aus Süd- und Mittelamerika, gegen 8000 Stück; 1925 schenkte er dem Museum 40.000 Stück. Darunter befanden sich die riesigen Schmetterlinge von Ost-Indien und Papua, deren Flügel denen kleiner Bögel gleichen und die geschossen werde» müssen, um sie zu erlegen, sodann mehrere der leuchtenden blauen Morpho- Schmetterlinge und viele Seltenheiten aus Neu« Gninea, Buru und Celebes. Unsichtbare Raubtiere. Käfer, Rampe« und Bakterien. Die großen Raubtiere machen Aussehen, von ihrer Schädlichkeit ist jeder überzeugt, aber die allerwenigsten machen sich Aar, daß die kleinen Tiere, die Ratten, Schwaben, Motten, Ameisen eben um ihrer Bielzahl willen einen ungleich größeren Schaden anrichten. Während der Mensch sich auch des bösartigsten Raubtiers mit seiner Waffe erwehren kann, ist er gegen das Äleingetier sozusagen machtlos, ja, meist verübt dieses seilte BernichtungStaten so in aller Heimlichkeit, daß der Mensch den Schaden erst bemerk, wenn es zu spät und nichts mehr zu retten ist. Aus den tropischen Gegenden hören wir wahre Schreckensnachrichten über das Anwesen, das diese Schädlinge treiben. Aus Buenos Aires zum Beispiel berichtet ein Mann, daß die Schwaben sozusagen sein ganzes Haus verzehrt hätten; das Holz des Hauses war vollkommen zerftessen und durchbohrt. Die Gelehrten, die an der Erforschung und Bekämpfung der Bakterien arbeiten, betonen, daß diese Bakterien sehr oft nicht einzeln, sondern immer in Gemeinschaft mit anderen Schädlingen auftreten. So kann zum Beispiel dem Bein einer Fliege, die auf einer Ratte gesessen hat, ein schlimmer Krankheitsbozillus anhasten. Andere Bazillen gibt es, die an den Haaren der Beine einer Milbe hasten. Zu den gefährlichen Schädlingen gehört auch die sogenannte Faseiola, die im Wiesengras vorkommt; aber erst wenn sie in einen Telch und als Schmarotzer auf eine bqtimmte Schneckenart gelangt, wird sie geWrlich, macht eine Verwandlung durch und begibt sich dann an Land, nachdem sie aber vorher die Schnecke zum Dank für die Gastfreundschaft völlig zerstört hat. Wenn die Faseiola dann wieder an Laich ist, setzt sie sich aus einem Grashalm fest, und das unglückliche Schaf, das diesen Gras- Halm frißt, geht rettungslos zugrunde. Das Borkomnien der winzigen Faseiola auf einer Wiese kann ganze Schafherden töten Die sogenannte„Toremrhr", der kleine Käfer, der im Gebälk nagt und tickt, zerstört ganze Gebäude. Dieses winzige Lebewesen ver- wandelt einen starken Eichenstamm in eine schwammähnliche, federleichte Masse. Das schwarmweise Auftreten von Insekten führt Schädigungen mancher Art herbei. So tauchten in diesem Sommer in dem Borort einer Großstadt Grillen in solchen Unmengen auf. daß die Airwohner vor dem Lärm, den sie vollfiihrten, nicht schlafen konnten. Wie entsetzlichen Schaden die tropischen Ameisen, dir Termiten und andere Arten anrichten, hört mait von Zeit zu Zeit. Sie zer- nagen nicht nur die ganzen Gebäude— man kann In der Regel davon ausgehen, daß ein von Ameisen heimgefuchtes Haus nicht mehr zu retten ist—, sondern sie greifen auch Lebewesen an. In manchen Gegenden, wo sie be- sonders gefährlich austreteu, können die Frauen ihre Säuglinge nicht unbeaufsichtigt im Zimmer lassen, da es mehr als einmal vorgekommen ist, daß diese auch nach kurzer Abwesen, heil der Mütter schon ganz zerfressen waren. Das gleiche geschieht mit Tieren, die sich auch nicht gegen die Feinde schützen können. Raupenplagen vernichten ganze Wälder, nitd man muß so einen von Raupe» befallenen Wald einmal geseheit haben, um einen deut- lichen Eindruck von dieser nagenden, gierigen, unermüdlichen Zerstörung zu gewinnen. Die ganzen Baumstämme sind von den auf und ab kriechenden Rmepenscharen bedeckt, ebenso der Boden, und in den Kronen hört man ein! Geräusch wie tropfender Regen: das sind die ewig mahlenden, ewig fteffenden Kiefer dieser so schwer zu bekämpfenden Tiere. Der Schrek- kensvuf„Der Löw ist los" vermag kein solches Entsetzen zu verbreiten, wie der Anblick dieser millionenköpfigen Hydra, vor der der Mensch' seine ganze Machtlosigkeit empfindet. Walter Schwager. Lehrhafte DOdier. JNtiat F«m« D««tschlanbS'. Einfache Tabelle» zum Bestimmen häufiger deutscher Tiere»ach ihre.' Berwond:- schäft, ihre» LedenSkrrrsen oder anderen Merkmalen. Her- auSgegebe» von bkudienrat Dr. R. Noid. 26 Seiten mit 50 Abbildungen. Franckh'sche Berlagshandkrrng Stuttgart. Dreis kart. RM. 1.80.— Die ganze Heinriche Tierwett, Säugetiere, Bögel. Reptilien. Lurch«, Fische, Käfer, Insekten. Weichtiere, Würmer und Glrederriere— kurz alles, was da kreucht und fleucht und was man mir bloßem Auge wahrnehmen kann, findet man wieder in diesem Buch. — Ueberfichrliche Zusammenstellungen erleichtern daS Erkennen und Beninrmen der einzelnen Tiere. Tas Buch iE! so billig und läßt sich dank dem handlichen Format in• feder Tasche bequem unrerbringcn, so daß man es mit Recht als ein Taschenbuch des Tierfreundes bezeichnen kann. »Einkoche« leicht gemacht.- Tabellen und praktische Winke für die gärungSlose Berwerrung von Obst und Gemüse. Bon K. Schlreßmann. Franckh sche BerlogsharÄ- kung, Stuttgart. Dreis RM.—.50. Die zweckmäßige Verwertung unseres einheimischen Obstes und Gemüies ist Heuer mehr als je Notwendigkeit und Pflicht. Es ist deshalb außerordentlich zu begrüßen, daß der sachverständige Chemiker deS Dürttembergischen Landesausschuffes für gärungslose Früchteverwerrung, R. Schließmann, bei der Franckh schen Berlagshandkmg in Stuttgart jetzt Übersicht- tnhe Rezepttabellen für das Cindünften oder Sterilisieren, für die Bereitung von Süßmost und naturreinen Säften, von Marmeladen. Obstmus und G^re. und eine Reih« anderer Berwerrungsarren für Obst und Gemüse heraus- gebracht har. Die Angaben und Rezepte sind in ollen Fällen so knapp wie möglich gefaßt, ober doch vollkommen ausreichend, um ohne weiteres Üar verständlich.zu fein, und wo- die Hauptsache ist, man kann sich auf alle Angaben in allen Fällen unbedingt verlassen. Was mancher nicht weiß. I« England hat kürzlich die Verhängung der Todesstrafe über einen sechzehnjährigen Knaben zu einer lebhaften Agitation geführt, die untere Altersgrenze für die Todesstrafe herabzusetzen. Tatsächlich ist in England seit fünf« zig Jahren kein Jugendlicher unter achtzehn Jahren hingerichtet worden, und auch der kürzlich verurteilte ist inzwischen zu Zuchthaus begnadigt, aber es wird gewünscht, das Gesetz mit der Praxis in Einklang zu bringen, und zwar gehen vielsach die Wünsche dah i, das Alter bis anf einundzwanzig Jahre vorzurücken. Tas heutige Gesetz ist ein Neberbleibjel aus alten Tagen, als die Verbrecher keine Gnade zu erwarten hatten und selhst verhältnismäßig geringfügige Verbrechen mit dem Tode bestraft wurden. Einer der daotaligen Richter, der ein Kind zum Tode verurteilte, bemekte, daß es verhängnisvoll sein würde, wenn der Gedanke Ver- 1 breitnng gewänne, daß Rinder straflos Verbrechen begehen können. Die New Harker, deren Lieblingsgetränk ftüher der Tee war, haben sich jetzt dem Kaffee zugewandt. An vielen Stellen, wo bisher Teepackereien waren, sind heute Kaffeeröstereien- eingerichtet, und zwar im großen Stil Es gibt j Kaffeeröstemaschinen, die 130 Kiko Kaffee auf einmal rösten und in der täglich etwa 4000! Kilo Kaffee geröstet werden können. Wenn man! berechnet, daß aus jedem Kilo 100 Tassen Kaffee bereitet werden können, kann eine einzige Röstmafchine jeden Tag das Material für 400000 Tassen Kaffee liefern. s Der Name Sphinx ist nicht ägyptischen, som der» griechischen Ursprungs. Als Herodot natfi Aegypten kam und das große Steinbild m« Löwenkörper und Menfchenkopf sah, das in der Nähe der Pyramiden lag, fand er, daß es dew griechischen Sphinxen ähnlich fei, wie die BiN» Hauerkunst sie darstellte, und gab ihm dahetz diesen Namen. Die große ägyptische Sphintz stellte aber in der Tai den Sonnengott dar, f — 4— Die wie 55«ft gilt als da» Symbol der Liebe, Freude und Schönheit, während die-5»L iLL 8 7 7? A U H - A A TL L 4 4 3 1 s ±^5 22. Kfl—gl 23. Ldfi-c7 Df6> b» SdS-bS Sgl—eS 8eSXfß BfS—42t 8<12—«4 Se4—W r war d. damit batte Sei immer noch Chancen. 24. Sei—g3 I,fi-d3 S. l f6 gk'kll 27. 8g3—bS Tal 118 Besser war wiederum es 28. Tal—el <*öb 2». Sh5-ret K t»- K J SU. Sf6—hüt Kzl-M 31. ShS kl Khl—gS 32. Sf4• d3 «4>d3 33. Tel—e4 Sa4 bC 34. Te4—g4t Kg>-f5 3S. Kgl—1)2 Sbfi^dSTf Der letzte entscheidende Fehler. Nach IS.. T"di war ea zweifelhaft, wer das Spiet gewinnt, denn Schwarz hat mit eninem Frel- bauern große Aussichten. 38. Tg4—d4 Schwarz gab nach einigen Zagen auf. Ein recht glücklicher Sieg.