Der erwerbslose GGoufpreler. Don Kurt Stuiolf Neubert. Neben dem Schild der Winve Scheller hing eine Bifitenkarte: Karlheinz Eggert, Schauspieler. Man könnte hinzusetzen: Schauspieler ohne Engagement. Eben brachte Frau Scheller den Morgenkasse« mit der Post. „Aus Riga?" dachte Eggert erstaunt, als er das längliche Kuvert in der Hand hielt. Er kannte keinen Menschen in Riga, der ihm hätte schreiben können. In dem gleichmütigen, abgenutzte» Gefühl, mir den» er schon viele Briese von bedauernden Theaterdirektoren und gelegentlichen Freundinnen geöfsnet, riß er den Umschlag auf. Dann sprang er aus dem Bett, lief im Pyjama«in paarmal hin und her und kroch, als sich die erste Ueberraschung gelegt hatte, wieder in das Bett zurück. Ter Brief aus Riga: „Lieber Jugendfreund, auf merkwürdiger» Umwegen erfahr« ich Ihre Adresse, bin ich überhaupt wieder an Ihre Existenz erinnert worden. Ein alter Bekannter war vor einem Jahre in B-rlin und brachte von dort auch ein Programucheft mit, wohl zur Erinnerung an einen besonders schönen Theaterabend. Denken Sie sich, so lange blieb der Theaterzettel erhalten, nun finde ich ihn zufällig und lese Ihren Namen. Ihr Traum ist also doch in Erfüllung gegangen. Sie wollten ja schon in der Sekunda Schauspieler werden. Wissen Sir noch, jener Abend, kurz vor Ihrem Ansreißen in der Prima? Zehn Jahre sind«ine lange Zeit. Kennen Sie noch Tamara? Ihre— lächeln Sie nicht— erste Liebe? Am 1-4. komme ich durch Berlin auf dem Wege nach Paris. Mit demselben Zug muh ich leider weiter. Rach zehn Jahren können wir, wenn Sie wollen, zehn Minuten plaudern. Mehr bleiben uns nicht. Aber über dieses Wiedersehen würde sich Tamara sehr freuen." „Bor einem Jahr..." dachte der Schauspieler ohne Engagement. Karlheinz Eggert, „ja. da war ich kurze Zeit am Tcutschen Theater. In kleinen Rollen. Sehr Keinen Rollen. Man kam zufällig mal auf den Theaterzettel.." Tann sprang er endgültig aus dem Bett und begann seine Toilette. Registrieren wir jetzt, da es noch acht Tage bis zum Eintressen von Tamara sind, die Gedanken des beschäftigungslosen Schauspielers Karlheinz Eggert: „Tamara. Ich kann es noch gar nicht begreifen. Rach zehn Jahren... Wie alt ist sie jetzt? 53 wird sie sein. Immerhin. Aber kein Aller für ein« Frau wie Tamara. Sie wird immer noch wie neunzehn aussehen. Ihr Haar: Schwarz, tiefschwarz.- Einmal halte sie eine weiße Rose im Schwarz der Haare, wie wundervoll sie aussah. Ja, es war doch auf dem Ball, ich hatte mit ihr getanzt. Ich rieche jetzt noch die Rose. Zu Hause lag ich dann schlaflos, sagte immerzu„Tamara" und Heines Berse von dem Asra... Wieviel einem noch einfällt, nach zehn Jahren.... * Wenn diese Nacht vorübcrgeht, dann nur noch zwei Rächte. Aber wie langsam die Rächt geht, jede Viertelstunde schlägt«ine llhr. Warum kann ich nicht schlafen? Wer ist denn Tamara? Eine Frau, die ich vor zehn Jahren zum letzten Male gesehen habe, eine Frau, die in Riga wohnt, eine verheiratete Frau vielleicht. Mit Kindern. Ich wohne in einem möblierten Zimmer und wart« auf ein Engagement. Und selbst, wenn-ich«in Engagement... Zehn Minuten, Tamara. Die Lokomotive wird dampsen. Gepäckträger werden uns anstoßen, sremde Meirichen werden in der Nähe rufen, fragen, Abschied nehmen, wir werden allein stehen im Gedränge, unter dem Dach der Halle und zehn Jahre werden nie gewesen sein. Sie werden nicht länger sein wie diese zehn Minuten, da wir uns in die Augen sehen, uns anlächelu und zaghaft an den Händen halten... Zehn Minuten... Ich habe dein Bild jetzt in meiner Erinnerung. als könne ich es nehmen und aus meinen Schreibtisch stellen. Ich sehe dich an. Wenn ich morgens nach dem Rasieren die erste Zigarette rauche, betrachte ich dich, Tamara. Und abends, beim Schein der Lampe und nachts gehe ich vor dir auf und ab. Und ich gehe vor mir selber aus und ab... Durch zehn Jahre. Und du stehst da und sagst mit einer leis« Stimme, als hält« wir uns wieder heimlich im Park getroffen:„SDu wirst ein großer Künstler, Karlheinz!" Morgen. Morgen ist Tamara da. Meinst du, ich werde dich fvrtlassen, wenn die Lokomotive pfeift? Ich werd« dir einfach die Hand geben und gute Reise! und Lebewohl! sagen und dem Zuge nachstarren? Sabotage des Zufalls. Ich gehe über di« Straße, denke an Tamara und werde von einem Radsahrer umgefahren. Ich habe keinen Gedanken zum Fluchen, nichts tut mir weh im Augenblick, ich liege da und denke„Tamara". Als ich ausstehen will, beginnt ein rasender Schmerz im Unken Fuß. In einer Autodroschke sahre ich nach Hause. Ein Arzt kommt. Ich liege im Bett. Morgen kommt Tamara. Nachts. Ich weiß, ich werde dich nicht sehen, Tamara. ES ist unmöglich, daß ich morgen aufstehen kann. Eine Rolle bleibt ungespielt. Soll ich einen Boten mit Blum« zum Bahnhof schicken? Soll ich dich beschreiben: mittelgroß, schlank, schwarzes Haar und schöne Bein«? Soll ein Mensch mit Blume» an den Wagen«ntlanglaufen und rufen:„Frau Tamara! Frau Tamara!" Ich stell mir vor, wie du die Blumen zu deinem Gesicht hebst. Tic ganze Anmut deiner Jugend ist in dieser Gebärde Ich erkenne dich wieder. DaS bist du. Wie damals. Rein, ich darf nicht daran denken. Ich sind« die schlimmsten Flüche über mein Miß» gcsckick. Der Fuß schmerzt, wenn ich ihn bewege. Ich liege da und hör« den Zug rollen, in dem du sitzt, in dem du an mir vorübrreilst, wie so viele Geschenke des Lebens, ohne Aufenthalt. Jetzt ist der Zug eiugelausen. Die Türm öfsnen sich. Meuschen stürze» heraus. Der Bahnsteig ist voll. Und da seh ich dich, schmal, schlank, doll Erwartung am Coupöfenster. Drin schwarze» — 8— Bildnis der Leit. Heber die gelbschweren Kornährenbrei:«» flieht im Sonnenverbluten ein dunkles Boot... kluf dem Fahrweg zwischen den Feldern reiten Todfeind Hunger mit seinem Freunde, dem Tod... Bord-über neigen sich hungernde Schatten nach Aehren: — Lachend traben di« Herren der gelben Welt vorbei..— CS lebt im purpurbesonnten Brote des stärk- sten Zaubers Wehren: dir Ähren sinken zur Erde, haschende Hände bleiben leer und frei... Im Elendsboote die Masten, gerecht auS Gerippen... Ws Segel die Fäuste Verhungerter kapitalistisch- sparsam gespannt... Les Fahrzeugs Planken find verstärkt durch die Rippen Jener, die nichts mehr«firn... Boot fliegt über Gottesländ— kreist, von brotsrhnsüchligcn Armfkeletten getrieben, über dem Paradies des Satlseins— die Herren zuckeln vorbei— und, als die letzten Strahlen an blauen Bergen zerstieben berstet das Boot der Arbeit in einem einzigen, furchtbaren Schrei... Kokoro Bushido. Haar rüst mich schon herüber. Aber ich liege ja hier, ich humpele hier durch das Zimmer. Du setzt jetzt deine Führ auf die Trittbretter uiü> verläßt den Wagen. Du bist mitten unter den Müschen auf dem Bahnsteig. Du siehst dich um. Manche starren dich an. Herren. Du läufft, schon unruhig, schon von Enttäuschung gepackt, weiter an den Wogen entlang, kehrst um, ratlos, deine Nasenflügel vibrieren, dein« Lippen zucken. Die Minuren vergehen. Zchn Minuten. Leb wohl, Tamara. Steig ein, Tamara. Fahr weiter. Meine größte Rolle bleibt unge spielr... llm diese Zeit lief tatsächlich eine Dame unruhig suchend auf dem Bahnsteig hin und her. Aber ihr Haar war auffallend blond. Ünd sie war auch nicht schlank, sondern beinahe korpulent. Man konnl« annehmen, daß sie ihre Beine mit einem Punktrollrr behandelte. Eie lief also unruhig auf und ab. Sie suchte »ach einem Herrn, den sie sich groß, gepflegt, im eleganten Mantel vorstellte: man sah gleich: Bühne! Tie Minuten vergingen Enttäuscht ging 'die Dame wieder zu ihrem Coupösenster zurück, ein älterer Herr sah hinaus, ein Herr mit Brille und Bart und fragte die auffallend blonde, beinahe korpulente Dame:„Er ist nicht gekommen, Tamara? Tas habe ich dir gleich gesagt. Diese Leut« von der Bühne haben niemals Zeit." Leicht senkend stieg die Dame Tamara wieder ein. Der Zug rollte in dir Ferne. In der Bendlerstroße, vier Treppen links, bei der Witwe Scheller schrieb in seinem Zimmer, desien Fenster auf den Hof hinausgingen, ein Mann an einem Exposö zu einem Hörspiel „Seine größte Rolle". Manchmal stand er auf und humpelt« mit einem verletzten Fuß zum Fenster, sein Blick lag lange auf dem Hof, obwohl es dort außer einer Teppichstangc und einem Müllkasten nichts zu sehen gab. An der Tür hing ein alter Mantel. Dom Rafenring zum zum Lippenfttsit. Uralt ist der Drang der Frauen, sich zu schmücken und der von der Natur begrenzten Schönheit ihrer Erscheinung mit allen möglichen Mitteln und Mittelchen nachzuhelsen. Wie die Koketterie in ihrem flüchtigen Wechsel des Zuneigens und Abwendens, des Gewährens und des Versagens, der Erlaubnis und des Berbotos, durch den Reiz des Verhüllens zu Enthüllen anlockt, so soll durch künstlich« Ver- schönerungsmittel die Aufmerksamkeit auf bestimmte, besonders schöne oder besonders schön gemachte Teile der Erscheinung hingelenkt werden. Wenn sich die Negerin einen Pflock durch die Lippen steckt, so ist das im Grund« genommen nichts anderes, als wenn sich eine abendländische Dame in irgendeiner Gesellschaft noch etwas Rouge auflegt. Der ursprüngliche Trieb ist der gleiche, nur das angewandte Mittel ist durch die jeweilige Kulturhöhe verschieden. Das Dorado des Kosmetik ist und war immer der Orient. Hier haben die Frauen in der Muße und im Gleichmaß ihres Daseins alle diese Mittel und Rezichte in seltener Vollendung erfunden. Von den Orientalinnen lernten es die Frauen der Griechen und Römer, und von diesen übernahmen es die allmählich zu höherer Kultur«mporsteigenden anderen Völker des Abendlandes: zuerst die romanische Raff«, ihrem Naturell nach in diesen Dingen gewandter, später die Germanen. Der auf niedriger Kulturstujc stehende Wilde tätowiert sein Gesicht und mach: es mit grellen Farben schreckhaft. Narben bringt er sich künstlich bei, um den Ausdruck drohen- und imponierend zu machen und sein« männliche Stärke zu beweise». Die Schmisse unserer Studenten gehören in die gleiche Linie. Das ist die derbste, primitivste Form. Die Frau dieses Mannes steckt sich einen Ring durch die Nase, einen Pflock in die Lippen und bunte Drähte ins Ohr, um zu zeigen, was sie alles Schönes hat. Uralt ist auch der Brauch, die große Wirkung der Augen auf das ganze Gesicht zu unterstützen. Schon drei Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung brachten die Semiten nach Aegypten eine schwarze Augenschminke, di« sich in ihrer Zusammensetzung kaum von der späteren der Römerinnen unterschied. Auf alten Bildwerken sieht man Schminkszenen, und später singen die Dicht«! von den«n, die„wissen, künstlich der Brauen haarlose Grenze zu füllen"(Ovid). Schon im alten Rom war es Mode, die Augenbrauen ineinander übergehen zu lassen. Die Araberinnen benutzten für diesen Zweck Tusche; die Russinnen liebten cs, eine Haselnuß oder Mandel anzukohlen; die Frauen in Turkestan färbten sich mit Indigo, das sie sich aus einer Pflanze bereiten; di« Tatarinnen träufelten sich eine Kupferanreibung ins Auge, um ihm den blauen Glanz zu verleihen. Daß man auch bei uns vielfach Belladonna(Tollkirsche) verwandt hat, damit die Pupille sich erweitert, ist bekannt. Aber nicht nur die Augen, auch das ganze Gesicht schminkten sich schon die alten Orientalinnen. Darüber hinaus färbte man die Nägel und Zähne mit Henna rot oder silbern, golden und in allen Farben. Mit Salben des Körpers, Baden und Waschungen verbrachte man die Mehrzahl der Stunden des Tages. Je mehr«in Volk vom Kulminationspunkte seiner Kultur erschlaffend und verweichlichend wieder zuriickfällt, eine desto größere Rolle spielen Kosmetik und Körperpflege, und desto mehr beginnt auch der Mann sich dafür zu intcrefsie- f ren und daran teilzunehmen. Rur der auch in dieser Hinsicht geheimnisvolle Orient hat sich stetig auf gleicher unerschütterter und unerschütterlicher Basis gehalten. Bon den in lleppigkeit und Luxus schwelgenden Römerinnen, denen sie als Sklavinnen dienten und denen sie ihr in Rom modisch gewordenes langes, blondes Haar opfern mußten, lernten die Germaninnen die ersten Anfangsgründe dieser geheimnisvollen Kunst kennen. Als dann durch die Kreuzzüge der Orient in Deutschland Mode wurd«, drangen mehr und mehr orientalische Schönheitsmittel auch bei unseren Urahninnen rin. Später übernahm dann die Französin die Rolle der Lehrmeisterin und fie hat sie auch heule noch so ziemlich in Händen. Dadurch sind alle die französischen Worte und Bezeichnungen dieses Gebietes in unsere Sprache eingedrungen und haben sich in ihr erhalten. Bon Zeit zu Zeit tauchen immer wieder einige alte, vergessen« Mittel neuentdeckt auf. Das berühmte Schönheitspflästerchen des siebzehnten und auch noch späterer Jahrhun- derte zum Beispiel, die Mouche, geißelte und verspottete schon der alte, gallige römisch« Satiriker Martial; davon erzählt auch in seiner „Liebeskunst" schon der beschauliche Ovid. Menn heute also di« Frauen des Bürgertums in allen Ländern sorgsam die Lippen mit Rot nachziehen und sich die Augenbrauen rasieren, um sie noch schöner malen zu können, so ist das nichts Neues. Das alles hat man vor Jahr- tausenden schon getan Mario Morh. Don echtem Schrot und Korn. Lang« Zeit habe ich nicht recht gewußt, was«in Mann von echtem Schrot und Korn ist. Aber jetzt weiß ich es ganz genau! Ich ging mir dem Jagdherrn von Z. durch die Rübenseldcr, und er erzählte mir von seinem letzten Kampfe mit den Frlddieben. Zwei Arbeitslose hatten in seinem Revier einen Handwagen voll Rüben gestohlen. Mit List und Tücke gestellt, waren sie obendrein so frech gewesen, den Jäger herausfordernd zu fragen, ob er nicht auch so etwas unternehmen würde, wenn er ein Jahr lang keine Arbeit gehabt hätte.„Freßt ihr Rüben?!" hatte«r sie äuge- brüllt.„Wir nicht," hatte der eine schlagfertig geantwortet,„aber unsre Karnickel, die wir fressen wollen!" Diese Antwort hatte den guten Man» ganz rebellisch gemacht. ES gab ein««twas massive Auseinandersetzung, wobei der eine Arbeitslose «in« Gchirnerschüttrrung davontrug und der Gewehrkolben des JägerL in Stücke ging. Ich versuchte, dir Haltung der Arbeitslosen zu erklären. Aber da schiinpfte der Mann von echtem Schrot und Korn erbittert und fragte, wohin wir kommen sollten,»>«nn jeder sich nehmen dürfte, was er gerade brauchte. Wir gingen weiter durch die Rübrnfelder. An einem großen Feldsteinhausen hielten wir und machten es uns auf einer Schütte Stroh bequem. Ter Jäger legte den Finger auf den Mund, um mir anzuzeigen, ich sollte jetzt nichts mehr sagen und so warteten wir dann. Es wurde jedoch nichts aus dem frischfröhlichen Jagdvergnügen. Das Hühnervolk war wie verhext und mrgends zu sehen. Wir gingen writer, und nun gab mir der gut« Mann auS echtem Jägerswlz seine Schliche Preis: In einer Pflanzung hatte er an vielen Stellen Futter gestreut, um di« Fasanen vom Nachbargut in sein Revier zu locken. „... die werden sich wundern, wo ihr« Fasan«» bleiben!" schloß er triumphierend. Aber — s— ich konnte nicht lachen, denn mir fielen gleich wieder di« zwei Arbeitslosen ein, die einen armseligen Wagen voll Rüben gestohlen hatten. Ja,«in Mann von echtem Schrot und Korn bestraft einen kleinen Diebstahl mit Gewrhr- kolbenschlägen und freut sich seiner eigenen Diebereien! Wir wollen seiner nicht vergessen! M a r i m. Der eiferne Bogel. Bon A. Sorokin. Aitym, Sapyrga/s Lohn, der beste Schütz« der. Steppe, tötete einen»och nie gesehenen eisernen Bogel. Tas begab sich auf folgende Weise. Aitym, der Kirgise, ntt aus seinem Kabardiner-Roh Kawahai durch die Steppe; hinter ihm her trottete sein Hund Macho. Aitym sah empor zum azurfarbenen Himmel: da flogen Kranich«, schreiend zogen sie dahin in spitzem Winkel, strichen nach sernen Ländern. Und dann sah Aitym noch einen Bogel am Himmel, der krächzend den Schnabel im Kreise drehte. Immer tiefer senkte sich der Bogel, es war ein Riesenvogel, größer wohl als eine Jurte, ein Kirgisenzelt. In seinen runden Fängen hielt der Bogel zwei Menschen. Aitym erhob sein Gewehr und schoß. Da schrie der Bogel laut auf, loderndes Blutt troff herab, und der Bogel stürzte nieder auf die Erde. Sein Gefieder brannte, und sein Schna-1 bel drehte sich im Kreise, und es wurde so heiß I ringsum, daß man sich ihm nicht nähern konnte— und plötzlich stieß der Bogel einen gellenden Schrei aus,«ine Rauchsäule stieg au aus seinem Herzen, und seine Federn stoben nach allen Seiten. So starb der unbekannte Bogel. Aitym lrar heran und wunderte sich: die Eingeiveide des Bogels waren aus Eisen, sein Herz hatte acht Enden, und in seinen runden Fänge» lagen zwei tote Männer. Aitym wunderte sich, es wunderten sich dann auch di« anderen Kirgisen, die nieilenweit herritten, den toten Bogel zu sehen. Später kamen die Kosaken des Ataman Durow in die Steppe geritten, erblickten den eisernen Bogel und fragten: „Bon wo kam dieser Bogel geflogen und wer hat ihn gerötet?" Da sagr«n die Kirgisen: „Gepriesen sei Allah, diesen Bogel tötete der Jäger Aitym, Saphrgajs Sohn..“ Die Kosaken sahen sich den Bogel genau an, sanden«in Paar Achselstück« und sagten: „Es ist eines unserer Flugzeuge, und euer Aityni wird erschossen werden..." Und vor den Augen des Balers Sapyrgaj, vor den Augen der Mutter Kaffain töteten sie den Sohn Aitym, plünderten das Gezelt aus und brannten es nieder. Da geriet auch die Steppe in Brand, das Feuer fraß sich schnell weiter bis zum Flusse Tachir, es brannte die orangefarbene Steppe, oiannshoch standen die Flamnnu, und der Rauch reicht« als schwarzweiß« Wolke empor bis zum Himmel.. Me«Kefeyteyte von Sen onenf cfjenfrefterti Bon Jaroslav Ha Sek. Wenn wir wissenschaftlich sprechen wollen, dann sind wir genötigt, die Menschenfresser in drei große Gruppen rinzuteilen: in die Menschenfresser im Stillen Ozean und rings um Australien, in die Menschenfresser in Afrika, unter denen einst di« Dahomeher eine große Rolle spielten, deren Erbschaft auf die Boto- kuden überging, und schließlich kennen wir di« große Gruppe der Inselbewohner rings um den südlichen Teil des Feuerlandes in Amerika. Alle diese Liebhaber von Menschenfleisch haben sich, dank dem Einfluß des Christentums, die Missionare gut schmecken lassen. Die Art der Zubereitung der Missionare war allerdings recht verschirden. Ein Fehler ist, daß alle diese Gruppen von Menschenfres- sern keine Zeitungen herausgeben, in denen die „Wochenspeisekarte für eine anständige Familie" «ine ständige Rubrik gebildet hätte. AuS diesem Grunde ist uns ungemein viel verloren gegangen und wir müssen uns daher ausschließlich auf gewiffe Berichte stützen, die uns in der Form von recht unklaren Aussprüchen jener bedauernswerten Opftr menschlicher Unersättlichkeit überliefert wurden. Diese Berichte sind sehr unvollständig, denn eS mangelt ihnen an jederlei Esprit, was vom psychologischen Standpunkt aus nur begreiflich ist. Wenn jemand gebraten w«rden soll, ist er seiner Sinne nicht mehr vollkommen mächtig. Dennoch wissen wir mit voller Bestimmtheit: Auf Neu-Guinea brät man dir Missionare am Rost, mit Cukalyptusblättern und Gewürzen von den Molukkeninseln gespickt.— Und ohne Fett. In Zentralafrika: Der Missionar wird sorgfältig zerschnitten, von den Knochen gelöst und in einem Kessel mit Tomatensoße gesotten. Dank dem Einflüsse der Kultur wird«r zuweilen auch auf einer Art Sandwichs serviert. Die drinr Menschenftessergruppe bereitet dir Missionare aus die primitivste Art zu. T«r Missionar wird ohne jrdrs Gewürz gebraten. Er ist ganz gcschuracklos. Es steht daher nur noch dir Frage offen, welche Sorte von Missionar«« die schmackhafteste ist. Wen führt Europa zu den Wilden aus? Jesuiten, Toininikaner, Benediktiner. England schickt ebenso wie Deutschland gewiffe Arten von Pfarrern, ans Schweden kommen Priester verschiedener Sekten. All« diese Arten sind nicht von erstklassiger Qualität. Sir sind so mager, daß ihnen nicht einmal die Seekrankheit etwas anhaben kann. Daher hat der Häuptling auf der Insel Roroto bei Reu-Guinea den deutschen Konsul gebeten, nicht so mager« Pfarrer zu ihnen zu schick«». Dies mag als knappe Reminiszenz an die Kochkunst der primitiven Völker im Stillen Ozean sowie in Zcntralasrika und im Feuerland genügen... Das Christentum zerfällt bekanntlich in drei große Gruppen: in den Katholizismus, in den Protestantismus und die Orthodoxie. In Moskau leb:r zur Zeit, als sich folgende traurige Geschichte abspielre,«in Mann naniens Alexej Dimitrij Knrilowitsch, Pope in dem großen Dom der heiligen, rauhhaarigen Genoveva. Alexej Dimitrij Kurilowitsch. Ehre seinem Andenken, war ein guter Pope. Er wirkte vierzehn Wunder, und weil er bei diesem Anlaß-»80.000 Rubel verdiente, suchte ihn der Polizcikommandant auf und sagte nichts andres als:„Ei, dn Sau, als der selige Panurlov, dein Vorgänger, lebte, gab er uns von jedem Wunder die Hälfte und von jedem Pogrom 30 Prozent. Nnd du, Sa» und Priester, hast keine einzige Kopeke gegeben." Alexej Dimitrij Kurilowitsch erschrak und begann sodann zu feilschen. Der Koinmandant sagte zum Popen Kurilowitsch:„Feilsch nicht viel, du Sau. Weißt gut, daß du die Witwe Prakowna erschlagen hast, um dich chrcs Vermögens zu bemächtigen." „Gott befohlen,' seufzte Kurilowitsch.„Ich habe es getan, aber du hast doch die HAste davon bekommen, Iwan Jlvanowitsch."- „Stimmt, das hab ich. Aber was hatte ich davon? Tausend Rubel da, tausend Rubel dort, und geblieben ist mir nichts. Und als du die Statue der heiligen Jungfrau Staniflowa ihres Halsbandes beraubtest, Pope Kurilowitsch, hast. du mir nur drei kleine Perlen davon gegeben.", —„Aber du hast doch den Juden Aperko, dem du diese Perlen verkauftest, nach Sibirien schik- ken lassen und sein Vermögen beschlagnahmt." Hierauf folgte ein längerer Streit, in dessen Verlauf«s zutage trat, daß Kurilowitsch Pilgerinnen schändet«. Der rechtgläubige Pope wollte jedoch nicht flinfzig Prozent von jedem Wunder hergeben, und daher ging der Kommandant zum Archi- mandrit. Armer Alexej Dimitrij Kurilowitsch! Der Archimandrii teilt« das Vermögen des guten Popen unter sich und dem Kommandanten auf und gab Befehl, Alexej Dimitrij Kurilowitsch möge verreisen, um die Wilden im Stillen Ozean für die orthodox« Kirche zu gewinnen. Alexej Dimitrij Kurilowitsch war rin fetter Bissen. Er wurde vom seligen Großfürsten selbst in Audienz empfangen. Der war es auch, der ihm an viertausend Stück Ikonen verschaffte, und so schickte man denn den dicken Alexej Dimitrij Kurilowitsch in die Fremde, damit«r die Wilden der orthodoxen Kirche zuführe. Unterwegs ging es dem Popen rcchr gut. Er war sich seiner Zwangslage bewußt: ent- wrder Sibirien oder die Wilden taufen. Auf dem Schiff sang er„Kyrie eleison", und die Haifische wichen dem Schiff ans. Und plangemäß setzte man ihn samt der Ladung von Heiligenbildern auf per Insel Roramuro aus. Kehren wir nun zum Beginn unserer Geschichte zurück. Auf der Insel Roramuro l«b«n Menschenfresser der ersten Sorte die die Missionare, mit Eukalyptusblättern und Gewürzen von den Molukkeninseln gespickt, am Rost braten. Der orthodoxe Glaube war ihnen jedoch etwas Neues, insbesondere ein so dicker Missionar wie Alexej Dimitrij Kurilowitsch Sir hatten bereits einen Jesuiten verspeist, einen Dominikaner gebraten, hatten auch schon «inen evangelischen Pastor zubereilet, kannten bereits alle Glaubensbekenntnisse. Sie waren katholisch, waren evangelisch, nur der orthodoxe Glaube fehlte ihnen noch. Sir stellten Alexej Dimitrij Kurilowitsch in einen Käfig und fütterten ihn. Er ergab sich in den Willen Gottes, predigte den vor dem Käsig Versammelten den orthodoxen Glauben und wurd« von Tag zu Tag fetter, bis er schließlich platzte. Er hatte das schmackhafteste Fleisch. Die Bewohner der Insel Roramuro wurden daher so fanatische Anhänger der orthodoxen Kirche daß sie kürzlich sogar einen Missionar, bevor sie ihn auf den Bratspieß steckten, zwangen, den orthodoxen Glauben anzunehmen. (Aus dem„Volksbuch 1930", 236 Seiten, 160 Photos, Großoktav, kart. 3 Mark. Neuer deut« scher Verlag, Berlin.) 4 Was mancher nicht Weitz. Der Erfinder des Mikroskops ist der holländische Türhüter Anthony von Leruvauhork, Delft, der Mitte des 17. Jahrhunderts so viele seltsame Dinge durch seinen selbstzusammenr gestellten Apparat sah, daß seine Zeitgenossen über seine Verrücktheit nicht genügend lachen konnten. Wollte eine Dame im 18. Jahrhundert zu einer Festlichkeit gehen, so mußte sie sich schon am Tag« vor dem Fest dem Friseur überliefern, der bis zu 2000 Lockenwickeln in ihren Haaren anbrachte. Keine der Rokokokarossen war geräumig genug, diese ungeheuren Frisuren in sich aufzunehmeu, und so mußten denn die Damen während der Fahrt am Loden der Karosse knien und den Kopf zum Fenster hin- ausstreckenan: Lippert Georg. Eoer: Beutel Wilhelm, Arnsdorf bei Tetschen: Ilern Franz. Uoinvtau: Tinnebier Emil. Tetschen: Weigel Josei. Loosdor?: Etüntlzer Karl, Krochwih: Setlmacher Arthur und Matcch» Rudolf. Jweltnih: Ulbert Rudolf, Prosscdih. B. Wilhelm, Arnsdorf: Tie schw. Tame kann den Lp. nickst sch lagen da der Bei» da;wisck»en steht. L. cheorg, Eger: Treizüger an E>en. Hhna übermittelt für Schachmitteilnnasblatt, da ich nur Zwei-Züger verwende. 8. Karl, Krochwitz: Bellen Dank tür di« Ten- düng, hatte leider noch kein« Zeit, dein« Artrit zu prüfen. Lch. Josef, Solan: Zn 91 r. 91. nach b-b< folgt st-bi en passant, also kein Matt im t. Zug«.