Ltnteryattungsveilage. 1933, Ist Auswanöem Rettung? Don William Darren. Wissen sie, lvas„A w a ja" ist? Oder „Bedifa"? Man hält einen Prospekt in der Hand, liest, daß die Arbeitslosigkeit wütet und daß einig« Millionen Menschen nie mehr Arbeit bekommen werden. Wozu steht das hier? Maßt sich jemand an, aus diesem Unglück einen Ausweg zu weisen? Dann muß es«in wirklicher Aus- toeg sein! Man spaßt nicht mit dem Thema. „Nun, die„Alvaja" ist kein« Betrügerin. Ji« ist ein„Arbeitsausschuß zur Wahrnehmung der Zicülerinteressen im Auslande". Die„Bedifa" heißt ausführlich „Bund der Interessen für Auswanderung". Und jetzt sind wir schon weiter im Bilde: das geistert schon seit einiger Zeit durch die Qeffentlichkeit. Der Menschenkopf nicht stets nach einem Ausweg, rin Glück, daß er es tut! Aber«r geht viele Irrwege. Aber vielleicht geht es anderswo? Man will gern ein bißchen Urwald in Kauf nehmen Man braucht Reisegeld, und man braucht Anfangskapital. Da- Fahrgeld in den fremden lockenden Erdteil kostet 50V bis 600 Mark. Ehe man an Land gelassen wird, muß man jedoch weiter« 1000 bis 2000 Mark vorzeigen können. Und mit Recht. Land gibt es nirgends auf der Erde mehr umsonst. Sirülungsland befindet sich meistens in den Händen privater Kolonisationsfirmen, di« es nun weiter verkaufen. Man kann für 700 Mark ein Stück Urwald haben im Süden Amerikas, meilcn- tveit von jedem TicdlunaSor:. ohne jede Straße, jeden Weg dahin. Ein richtiges Stück Urwald! Man braucht für ein Stück Land, mit dem es anzufangen lohnt, 3000 bis 5000 Mark. Urwald, Afrika und Südamerika aber bedeutet: Malaria. Ein w o h l m c i- wer von den Auswanderern aus Not kann das?—:„Heute muß ich Ihnen viel Trauriges berichten. Seit einigen Wochen kommen hi«r ganze Schwärme zerlumpter und abgemagerter, vom Fieber ausgedörrter Die Entwicklung der Menschheit. Bon Erich Kästner. Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Bifage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt bis zur dreißigsten Etage. Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, in zentralgeheiztrn Räumen. Da sitzen sie nun am Telephon. Und eS herrscht noch genau derselbe Ton wie seinerzeit auf den Bäumen. Sie hören weit. Sie sehen fern. Sie sind mit dem Weltall in Fühlung. Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern. Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspülung. Sie schießen die Briesschasten durch ein Rohr. Sie jagen und züchten Mikroben. Sie versehn die Natur mit allem Komfort. Sie fliegen steil in den Himmel empor und bleiben zwei Wochen oben. Was ihre Verdauung übrigläßt, das verarbeiten sie zu Watte. Sie spalte» Atome. Sie heilen Inzest. Und sie stellen durch Stilunirrsuchungen fest, daß Cäsar Plattfüße batte. So haben ne mit dem Kops und dem Mund den Fortschritt der Menschheit qeschanen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer dir alten Äffen. Menschen an. Es sind auch viele Deutsche darunter. Es hat schon im Frühjahr furchtbar vieles Moskitos gegeben, so daß die Ansiedler durch die ewige Quälerei ganz ver- Mit den Moskitos ist aber auch die Malaria gekommen. Es ist jetzt kein Mensch mehr in jenem latcknvirt- schaftlich doch so schönen lkrwaldswinkel." Zweckspartassen wollen oem Auswan» derungslustigen nun die Sorg« für das Anfangskapital abnehmen. Auch sie wissen, daß man ungefähr 5000 Mark jur das Siedel» im fremden Erdteil braucht. Sie verlangen zunächst nur Beträge, dann losen sie aus, schießen vor— und verlangen Rückzahlung. Wenn man an der Malaria zugrundegegangen ist, ist man diese letzte Sorge auf alle Fälle los. Andernfalls ist sie groß. Die ganze Welt krankt an Ueberproduktion. Wer lvartet auf die spärlichen Dinge, die der Siedler tageweit durch den Urwald zum nächsten Stadtplatz geschleppt bringt? Wer im Heimatland kann es sich leisten, diese Produkte zu kaufen, selbst wenn er es möchte? Di« großen Gesellschaften mit den großen Pflanzungen und Farmen liefern billiger, sie werden stets jede Konkurrenz weit unterbieten. E i n Projekt aber, das wahrscheinlich alle anderen erst wachgerufen hat, scheint von einer geradezu gigantischen Phantasie ins Leben gerufen: das Projekt des Generals K u n d t. Wir kennen den Namen aus den Kriegen um den Gran Chaco. Der General kennt also Südamerika immerhin persönlich. General Kundt ist«in moderner„sozialer General". Er will Hilf« für Hundertrausende von Arbeitslosen schaffen. Er will das unerforschte Amazonen- quellgebiet besiedeln. Bis jetzt gibt cs seit einiger Zeit die „Inter- Continental« Arbeitsgemeinschaft Agro-Industri-". Ein Büro mit einem Dutzend von Mitarbeitern, mir einem Dutzend Stusiengesellschaften, von denen berichtet wird, daß sie dabei sind, das Gebiet zu erforschen. Es sollen schon rund d r e i- viertel Millionen Mark für die B o r a r b e i r ausgegeben worden sein. Wer hat so viel Geld für so ettvas übrig? fragt man sich. Dann muß doch etwas daran sein! sagen die Vorsichtigsten. ES gibt auch in schlechten Zeiten noch Menschen mit überflüssigem Geld, ja die nender Bericht aus Afrika sagt:„Da beste Mittel gegen die Tropeukrankheiten ist die Borbeugung, die darin besteht, daß der Europäer alle zwei Jahr«.Heimaturlaub nimmt und seine Gesundheit in der ge mäßigten Zone wieder anffrischt." Der Brief eine- Auswanderers ans Südamerika schildert das Schicksal derer, di« sich den Heimaturlaub nicht leisten können— nndf rückt wurden. — L— □tifHa pumpt fiep eine Ottilffion. Bon Harro Essingh. 2b diese Geschichte erlogen ist, weiß ich nicht. Wenn ich ehrlich sein will, must ich gestehe», daß ich meine Hand nicht dafür ins Feuer lege. Doch wie nebensächlich ist das! Ist nicht so ziemlich alles irgendwo erlogen, was uns als Wahrheit eingctrichtert wird? Aus die Musik kommt es an! Und Musik hat die Geschichte in sich; wahrlich, sie klingt nach Tonauwellen und Balkanmelodien. Im übrigen, was kann ich weiter tun, als sie zu erzählen. so wie sie mir zu Ohren gekommen ist? sitzt da also vor dem Kriege in Montenegro der König Rikita, der wohl jo eine Art Eulcnspirgcl des Balkans gewesen sein mag. 2b er's wirklich war, fragt sich; die Menschen sind ost viel bester oder schlechter als ihr Ruf. Rikita sah in Cetinje; das war seine Hauptstadt. Ein paar Straßen mit niedrigen Häusern, ein« Kirche, ein Kloster, ein Gasthof — alles in bescheidenen Ausmaßen; und dementsprechend eine Billa, die Königliches Palais hieß, und in der Nikita den Schlaf des Gerechten schlief. Daß es'tyni gut ging, dafür sorgten die Bewohner der beiden bisher noch nicht genannten, weil luxuriösesten Bauwerke Cetinjes: der österreichischen und der russische» Gesandtschaft. Dir beiden Gesandten hatten von ihren Regierungen die Ausgabe, sich gegenseitig dir Butter vom Brote zu stehlen. Diese Butter war Rikitas Wohlwollen. Nikita trieb Realpolitik; er lebte von den kleinen Geschenken, die die Freundschaft erhalten. Bor Rußland ein Dutzend Kanonen, io lieferte Wien die Pferde dazu. Nikita akzeptierte. Und fuhr wohl dabei. Eines Tages hauen die Ocsierrcichrr ihn so weit, daß er der Einbeziehung Montenegros in den k. n. k. Postsparkassenvcrkchr seine hohe Znstimmung verlieh. In jener schönen Vorkriegszeit nannte man das eine weitere glückliche Verstärkung der freund- schaftlichcit Beziehungen zwischen beiden Ländern. Natürlich nur in Wien; in Petersburg dachte man anders darüber. Mit dem Post- sparkaffenvrrkehr verhielt es sich so: Saß jemand in Montenegro und wollte Geld nach Oesterreich schicken, so bedurfte es keines Wertbriefes, noch einer Postanweisung mehr; man beauftragte die montenegrinische Post mir der Ueberweisung, was diese durch eine einfache Anweisung nach Wien bewerkstelligt«. Umgekehrt ebenso. Bon Zeil ju Zeit würde man abrrchnen. Am Schlüsse des ersten Jahres rechnete man ab, und siehe da: es war so gut wir kein Umsatz festzustellen! Die Montenegriner, die Schulden hatten, zahlten ohnehin nicht; und die Ocslrrreichrr ließen es bleiben, da sic sich mit den Außenhandelsmöglichkeitcii Montenegros erst gar nicht befaßten. So daß die neuzeit- schlechtcn Heiken sind Hut für sie: sie haben ein Feld für ihren Betätigungsdrang. * Das in Frage kommende Gebiet liegt am Fuße der Aröen, aber die Anden fallen voll- wmmen steil in die Amazonas-Ebene ab. Und in dieser Ebene sind schon einmal, vor dreißig Jahren, sämtliche an einem Bahnbau beschäftigten europäischen Arbeiter zu- grundcgegangen. Die Sichler sollen sich dafür, daß sie in diesem Fall kein eigenes Geld auszubrin- gen haben, verpflichten,fünfzehnJahre auszuhaltcn und ohne Bezahlung, für Kleider, Wohnung und Nahrung, zu arbeiten. Ohne Erholungsurlaub all« zwei Jahre zur Auffrischung der Gesundheit! Abgesehen von der Malariagefahr herrscht am Amazonenstrom ständig«in« Temperatur von 50 bis 60 Grad, nickt noch kein Europäer hat eS länger als ein halbes Jahr ertragen. Dw Arbeitsgemeinschaft des Gerierals spricht von Flugzeugen, die die Sumpfgebiete mit Giften gegen die Moskitos belegen sollen. Sie spricht von Drahtseilbahnen,-!! die Arbeiter täglich zu Wohnstätten auf die Anden hinanfbefördern soll. Mit einem solchen Austridnd kann man die Kris« auch in ihrem Muttcrlande beheben. Ein Programm aus Utopia. Eine Wildwest-Romanze. Einig« Reiselustige machen Erpeditionssahrten. föiriofmiten aus xappianö. aus venr Hatzen Norven. Dir Sprrchmoschinc. Als Aufnahmen zum Film„Zuii Alask, der Lappe"(späterer Titel:„Am Rande des ewigen Eises") im Gebiet von Kiruna—Jukkas- järvi und weiter nördlich gemacht werden sollten, da nahm die deutsche Expedition außer dem Stationsbcamteu Per-Erik Holmquist(Dolmetscher) und der lappisch-schwedischen Lehrerin «Fräulein Svomy(Filmstar) auch eine Sprechmaschine und derlei esfekwolle Gegenstände als Geschenk für dir nomadisierenden Lappen mit. Im Lappenlager wurde dir Sprechmaschinr In Gang gesetzt; rin billiger Warenhausapparai für ein paar Mark. Dir Mrkung auf die Lappen war bezeichnend für den Herzenstakr und die Artigkeit der Lappen. Denn ans die Frage, ob noch mehr gespielt werden solle, antworteten die Lappen: „O, bitte, noch mehr? Gewiß— wenn Sic Freude daran haben!" Maria Pappita. Durch Krrnzsragen kam als Ursache dieser unglaubwürdigen Roheitstat der friedliebenden Lappen heraus, daß er versucht hatte, ans einer Herde einige Rcnnlicre zu stehlen! Das Renntier ist der einzige Besitz der hernmziehenden, in Zelten lebenden Lappen, und ein Lappe muß eine ganze Anzahl dieser Tiere besitzen, um existieren zu könne». Die Renntierkuh gibt kaum einen Becher Milch am Tag, und der Preis für ein Tier ist kaum höher als 25 Mark. Der Alte, der kein Rcnntier sein eigen nannte, lebte auf Kosten der übrigen Lappen und der finnischen und nordschwedischcn Bevölkerung. Der Renntiermasicntod. Eine Rennticrherde der Lappen besteht aus vielen hnnderlen, ost über tausend Tieren. Im Sommer bleiben die Lappen mit ihren Herden nördlich des Polarkreises. Bei starkem Frost und reichem Schnee gehen sie bis nach Jämt- land hinunter, in die Nähe des Fremdcnplatzes Are. Beim Ueberschreircn der Geleise der nördlichsten Bahnlinie der Welt, Lulea-Rarwick, und beim Ueberqneren anderer Bahnen, werden jedesmal zahlreiche Tiere getötet, obwohl die elektrischen Lokomotiven der großen, schweren Erzzüge beständig schrille Signale beim Sichten einer Renntierherde geben. Der Lappe ist sas- sungslos erschüttert über de» blutigen Tod seines Tieres. Aber ersaßt sich rasch. Er stellt den Schaden fest; eilt zur nächsten Station und — läßt sich den Schaden in blanken Kronenstücken ersetzen. Pro Tier 20 bi? 25, selten 30 schwedische Kronen Der Lappendichter. Johann Turi hat ein Buch geschrieben: „lieber Lappische Leute"(Muittalus samid birra); es erlangte in Schweden, dem Heimatland des Dichters, eine Auflage von 3000 bis 1000. Dir deutsche Ucbersetzung brachte re binnen kurzer Zeit auf 20.000. Trotzdem ist Herr Turi nicht deutschfreundlich, überhaupt nicht frcmdenfrcundlich. Richt einmal Schweden ist er zugetan. In der Tiefe seines Herzens ist er Nomade, der jedem Kulturmenschen mißtrauisch grgenüberstrht. Und doch ist Turi der Inlrivrerteste Lappe, der einzige Intellektuelle sozusagen. Er ist nicht nur Dichter, sondern auch Maler. Seine Darstcllungsart ist natürlich dort wie hier primitiv. Seine Zeichnungen ähneln den Höhlenmalereien des Strinzeitmenschcn. Er sicht seltsamerweise beim Haus drei Seiten und zeichnet sie. Zelle, Hütten und Renntiere; sonst zeichnet er nichts, da sonst nichts für ihn existiert. Die Natur ist der große Feind, für sie gibt es kein Wort im Lappischen. Wen» er es ausdrücken will, dann sagt er: der Wald— —(das karge Gestrüpp, da§ sich nur drei bis vier Monate im Jahr unterin Schnee hervorwagt). K. L- K. In Jukka sjärvi, ein paar hundert Kilo Meter nördlich vom Polarkreis, steht am User des 800 Meter breiten Tornea das Hotel Juk- kasjärvi; das heißt, Hotel ist Uebertrcibnng, selbst Gaschof und Herberge wäre zu viel gesagt. Ein altes HolchauS, einstöckig, mit drei Räumen, von dem der erste Küche und Restau- rationsraum, Schlafzimmer und Speisekammer, der zweite Salon, Tpeisrsaal, Postamr, Telephonamt und Schlafzimmer, und der dritte große Festsaal, gute Stube und Schlafzimmer ist. Tie Herrin dieses Etablissements ist die Finnin Maria Pappila. Nachdem ich sie mit„Priwe" begrüßt halle, sprach sie in einer Sprache auf mich ein, von der ich durch meinen Begleiter hörte, daß es Deutsch war. Die Alte war vor 20 Jahren mit 25 Lappen in Berlin, im Zoo. Ob hinter Gitter? Aber nein! Die Berliner waren nett und höflich, und dir Untergrundbahn das größte Wunder. Aber noch bester sei das Bier Hhhh, machte sie genießerisch, und sie sag» znm Abschied verschämt weggewandt:„Grüßen Sir Berlin!" Der Lopprn-Bettler. In Kiruna, im Hanse meines Bekannten, «schien eines Tages ein Lappenbettler, steinalt, zwerghaft, verkrüppelt. Er hatte sich seine Lebens- und Leidensgeschichte aus einem abgegriffenen Zettel in ein paar lapidaren Sätzen niederschreiben losten Im Jahre 1892 sei er durch Lappen so verprügelt worden, daß er sechs Finger rinbüßte, Beinbcschädignngen und Gesichtswunden davontrug. Alle 30 Sekunden! Alle 30 Sekunden wird in Deutschland ein Kind geboren. Man kann es nachlesen im Statistischen Jahrbuch. Man kann es nachrcchnen. Aber was kann man vor— rechne»? Was weiß man weiter? Alle 30 Sekunden wird in Deutschland ein Kind geboren. Alle 30 Sekunden stellt das Schicksal der Frage: Wird der Himmel ihm strahlen? Feld und Wiese ihm leuchten? Dir Arbeit ihm Leben sein? Und wird rS arbeiten dürfen? Oder mutz es stempeln, stempeln Tag um Tag? Alle 30 Sekunden wird in Deutschland ein Kind geboren. Alle 30 Sekunden! Alle 30 Seknuden wird in Deutschland ein Kind geboren. Alle 30 Sekunden stellt das Schicksal die Frage: Wird es klug? Mrd es gut? Hat es Glück? Oder gerät es in die Maschine von Lehrern, die es quälen? Bon Richtern, die es strafen? Bon Fratzen, die es hassen? Bon Fabriken, dir es töten? Alle 30 Sekunden wird in Deutschland ein Kind geboren. Alle 30 Sekunden! Alle 30 Sekunden wird in Deutschland ein Kind geboren. Alle 30 Sekunden stellt das Schicksal der Frage: Wird es ein enger, böser Spießer? Wird es rin Genie? Wird es ein Mensch wie du und ich? Wird es ein Kämpfer für sich, für dich, rin Kämpfer für uns alle? Alle 30 Sekunden wird in Deutschland rin Kind geboren. Alle 30 Sekunden! WMWlIMIIllllMWMWlIIIIllllilllldlIlMllllMIIWMIllMWIlllW lichr Einrichtung einstweilen noch weniger als I nichts, nämlich nur eine politisch-moralische Eroberung bedeutete. Tabri blieb es jahrelang. Da brauchte Rikita eines Tages dringend eine Million Kronen und harte sie nicht. In Montenegro suchte er nicht weiter; das war aussichtslos. Also Petersburg oder Wien. Das Unglück wollte, daß er Petersburg erst kurz vorher empfindlich angepumpt und zu diesem Zwecke vor der ganzen europäischen Oesfentlichkrit sehr süße Blicke nach der Newa geworfen hatte. Ob Wien wollen würde?„Versuchen", sagte er sich,„immer versuchen!" Kaiser Franz Joseph holte ihn in einer verwegenen montenegrinischen Uniform in Wien vom Bahuhof ab. Aber Geld gab er nicht. Er verwies ihn an die Minister. Und die berirscn sich auf eine Bcrsteifung der Börse. „Recht gern später einmal", meinten sie.„Und dann: Schau, Rikita, der Draht von Cetinje nach Petersburg kommt uns in letzter Zeit so gesprächig vor; das müßte auf alle Fälle anders werden, bevor wir.. Nikita schnauzte seine Umgebung an, und alles dachte angestrengt über dir große Frage nach: Wie kriegt unser gnädigster Herr sofort eine Million Kronen? Bis endlich einer den glänzenden Einfall harte. Wozu gab es die Postsparkasfen-Konven- tion? Wozu, in Teufelsnamen, war das Ding nütze? Achtung: Nikita ließ von der montenegrinischen Postverwaltung eine Zahlungsanweisung über eine Million Kronen ausslellen, und sein Adjutant präsentierte sie bei der Postsparkasse in Wien. Wie, Sir meinen, das ginge nicht? Aber warum nicht? Die Konvention war da, dir Unterschriften stimmten— Nikita bekam sein Veld! Als am Jahresschlüsse verrechnet werden sollte, bedauerte man in Cetinje sehr, nicht zahlen zu können. Man wolle recht gern, aber es sei kein Heller in der Kasse... Sie meinen, Oesterreich hätte Truppen eiirrückeu lassen können? Ach, mein Herr, da kennen Sie die Vorkriegszeit schlecht! Es hätte ein Geheul gegeben in ganz Europa! Und durfte Wien den Russen erlauben, Nikita endgültig zu kapern? Auf keinen Fall! Niemand wußte das besser als Rikita. Und was sind schließlich im Spiel der hohen Diplomatie eine Million Kronen, mögen es hundertmal echte goldene Friedenskronen gewesen sein? Geschäftsunkosten! Sehen Sie, so behielt Nikita die Million Kronen, indem er einfach nichts weiter rat, als so zu tun, als wüßte er von nichts... V m f yiv?n Geharh in$ort 6oi6. Bon K. Eschler. Ich lernte ihn kennen in einem Straßenkaffee in Port Said. Er hatte rin Schachspiel vor sich stehen und spielte, wie man zu sagen pflegte, mit sich selbst. Hatte da englische, deutsche und französische Zeitungen liegen, in denen komplizierte Schachproblrme der Auflösung harrten. Mr siel an dem Manne auf, daß er, was man heute selten findet, richtig türkisch aussah. Weißes Untergewand, brennend roter» langer Rock mit Goldstickerei, perlengesticktr Sandalen an den nackten Füßen. Er war nicht mehr jung; durch den braunen Bollbart zogen sich weiße Streifen. Er kaute an seiner Nar- gileh, und feine Augenbrauen waren im Nach- deirken über die Schachaufgaben zusammengezogen. Sein Blick sah aber nicht finster auS, nur nachdenklich. Schon am Tage vorher hatte mir der französische Wirt, ohne daß ich ihn gefragt hatte, mitgclcilt, wer der Türkei sei. Es war Hassan UrtaS, ein ehemaliger Diener des Sultans. Man hatte ihn nach dem Umsturz in der Türkei pensioniert, und er verzehrte seine Pension, nach deutschem Gelde etwa 100 Mark, in Kairo oder Port Said, wie es ihm gerade gefiel. Er mußte während seiner Zeit am Hofe des Sultans sich ein kleines Vermögen erworben haben, denn er besaß, wie mir der Wirt mitteilte, ein Haus und einen Diener, einen taubstummen Neger, der stets mit untergeschlagencn Beinen vor dem„Cafö" in Port Said saß, und an seinem Herrn hing wie eine Klette. Nun wollte ich doch einmal gerne mit diesem interessanten Menschen eine Partie Schach spielen. Eines Abends— der Türke hatte sich zwei Tage nicht sehen lassen, nahm ich, als er kam. Platz an seinem Tische. Er blickte mich erstaunt an, verneigte sich aber dann und führte seine rechte Hand zu Stirn, Mund und Brust. Ein Zeichen, daß ich ihm wenigstens nicht unwillkommen war. Im Hintergrund der Gaststube saßen Leute, dir uns verwundert anblickte». An einigen Tischen, an denen türkische Matrosen saßen, murrte man sogar. Man ärgerte sich dort scheinbar, daß ich mich an den Tisch dieses Mannes gesetzt hatte, dem man allgemein einen hohen Grad von Achtung ent- gegenbrachte „Eine Partie Schach gefällig?" sagte ich auf französisch und bot dem ehemaligen Diener eine Zigarette an. Er dankte mit erhobener Hand. Es war eine ganz feine, kleine, weiße Hand, wie die einer Dame. Tann winkte er, und die braune Dienerin aus dem Sudan brachte das Schachbrett. Menschen kamen in das Lokal. Matrosen, Fremd« aller Rationen, Auslader von den Dampfern, eine Unmenge Frauen, aber sie wagten sich nicht an unseren Tisch. Tie drückten sich in die Ecken, denn der französische Wirt lief, die Hand am Mund, wispernd umher und erzählte den Leuten, daß hier der größe und bedeutendste Schochkampf ausgefochten werde, der überhaupt jcuials auf Erden ausgcfochtcn worden sei. Ich wurde verlegen und unsicher. Beim Ausstellcn der Figuren setzte ich die Pferdchen falsch, obwohl ich sie in meinem Leben tauserrd- nial richtig gesetzt hatte. Rus purer Liebenswürdigkeit setzte Hasian Urtas seine Pferdchen auch falsch. Ich ärgerte mich darüber, weil es unangebrachte Höflichkeit war, zog den falschen Bauer an, manövrierte mit einem Springer als wie ein eben aus einem Irrenhaus unheilbar Entlassener, verpfuschte meinen rechten Eckturm und war nach sieben Zügen niatt. Ter Türke halte gewonnen. Er hatte einen ganz I eigenartigen Ausdruck um die Augen herum. Da waren zwei riefe Falten, die zogen sich' gegen das Kinn, und er hatte eine galt; eigentümliche An mit dem linken Auge zu blinzeln. Aber die zweite Partie gewann ich nach einer Viertelstunde. Hasian Urtas hatte einen Damenzug übersehen. Hatte seine Dame im Bereich meines rechten Läufers einfach stehen lasten. Und dann gab er das Spiel auf. Es war spät geworden. Auf dem Podium des Lokales hatte sich eine Musikkapelle niedergelassen: Jazzband, drei Nigger darunter Polizei kam ins Lokal Ter Wirt verneigte sich dreimal vor den großen und kräftigen Kerlen. Sie hatten hohe, rote Feze auf den Köpfen und Kricgsmedaillen an der Brust, „Roch ein Spiels sragte Hasian Urtas, hinter besten Stuhl sich ein taubstummer Diener aufgepflanzt halte. Und wir spielten noch eilt Spiel, das ich nach einer halben Stunde verlor. „Ich spiele seil mcineni sechsten Lebensjahr Schach!" sagte Hasian Urtas leise und nahm endlich eine meiner Zigaretten.„Ich war Harenisdieuer dreißig Jahr« lang, eine lange Zeit, und habe dort mit den Damen den ganzen Tag Schach gespielt. Sie haben entschieden Talent, das beweist Ihr Läuferzng von vorhin. Aber Sie spielen zu wenig Schach." Im Hintergrund des Lokals war eine Keilerei im Gange. Eine Stimine brüllte auf deutsch um Hilfe. Ich eilte hin. Aber schon hatten die Polizisten Ordnung geschaffen.— Als ich zu unserem Tisch zurückkam, war Hassan Urtas verschwunden, mit seinem Diener. Und wie mir der französische Wirt unter großen Beileidsbezeugungen mitteilte, hatte er vergesten, seine Zeche zu bezahlen. Und ich, der' ich sogar gegen ihn gewonnen hätte, möge doK so gut fein, und die Kleinigkeit begleichen. Kaum 12 Mark 50 mache die Sache auS. Und e» fei doch int Grunde genommen ein armer Mann, der Hassan llrtas. Als ich mich weigerte, zu bezahlen, erhob der Wrt ein großes Geschrei, woraus sich die ägyptischen Polizisten näherten. Und ich bezahlte sofort. Auf der Stelle. Wer einmal nach Port Said kommt, möge sich vorsehen. Nicht etwa allein vor Hassan Urtas. Der war noch der Harmloseste von der Gesellschaft, aber ich fürchte, auch er war ein Gauner! Trotz seines guten Schachspiels. Bloß war matt bei mir nicht ganz an die richtige Adresse geraten. Was mancher nicht weiß. Ein französischer Ingenieur tiameuS Thomas hat zusammen mit seinem kriegsbliudeit Landsmann Coblaux einen Apparat konstruiert, den er Photoelektrograph nennt und mit dessen Hilfe ein Blinder gewöhnliche« Schwarzdruck auf weißem Papier lesen kann. Amsterdam und Antwerpen, die lauge Zeit die Mittelpunkte des Tiamanleithaudel» waren, Haven je etwa zwanzig Schleifereien, und eine bezw. zwei besondere Tiamantbörsen, in denen »ie Diamautenhäudler und Juweliere der ganzen Aeli zitsamuienkommen. Hier werden rohe wie auch geschlissene Steine umgesetzt, außerdem große Posten Perlen. Große Brillanten haben 58 Facetten, kleinere Diamaitten in Brillantform 34 oder 18, kleine Steine, die einfüuftel Milligramm wiegen und für das btoße Ange kanm sichtbar sind, haben nur drei Facetten. Kürzlich starb in Loudon einer der be- kanntesre» Hehler und hinterließ ein Bermögen von etwa V Millionen Mark. Der Polizei war seine Tätigkeit bekannt, aber es war nur ein» mal gelungen, ihn zu überführen, und dann auch nur wegen eines geringfügigcit Bergehens. Auf den Karibischen Inseln gibt es den sogenannten Ansternbaum, dessen Slamut und Zweige buchstäblich mit Austern bedeckt sind. Es ist der Mangrovenbaum, einer der wenigen Bäume, die in Salzwasser gedeihen. Bei Flut heilen sich die Austern an die unteren Teile des Baumes. Das beste Konservierungsmittel der Welt ist dernstein. Es wurden bei Untersuchungen mikroskopische Zuckerausammlungeu gefunden, die seit der Urzeit in dem Bernsteinstück ein- gekapselt waren. Bor sechzig- bis achtzigtauseud 'Jahren haben Insekten diesen Zucker von .Pflanzen gesammelt. Tann hat er sich mit Har; gemischt, das zu Beritstein erstarrte. Eine rasche Czeanfahrt har kürzlich eine Flasche gemacht, die bei Washington ins Meer "geworfen wurde..">2 Tage später kam''ie in Europa an. Eolumbus brauchte doppelt so Lange Zeit, um von Spanien ttoch Haiti zu stellt. Tie älteste Zeitung der Welt sind' ie Peginger Nachrichten. Diese Zeitung ist seit mehr als l 1l!O Jahren ununterbrochen heraus- gegeben worden. Die erste Rnnnner erschien etwa«00 Jahre nach unserer Zeitrechnung. In Jugoslawien haben die Friseure eine Petition an Sie Negierung gerichtet, den Besiv do« Rasiermessern zu verbieten oder ans diesen-eit Personen zu beschräukett. denen das Waffentragen erlaubt ist Dadurch, daß sich heule so viele Männer selbst rasierett. würde ihnen, erklären sie, daS Geschäft verdorben., Bon dem verstorbenen Edison wird glaubwürdig erzählt, er habe, als er an der Fertigstellung einer Erfindung arbeitete, sechsundneunzig Stunden hintereinander ohne die geringste Ruhepause durchgearbeitet. Diese Arbeitszeit dürfte das Höchstmaß menschlicher Leistung darstellen. Der häufigste Vorname in der ganzen Welt ist Mohammed. Der Ban des St. GotthardtunuelS hat insgesamt 877 Menschen daS Leben gekostet, während 877 weitere bei verschiedenen Unglücksfällen verletzt wurden. Ein alter Schotte, der mehrere heiratsfähige Töchter hat, trifft einen jungen Schotten, von dem er weiß, daß er sich für eine seiner Töchter interessiert.— Schweren Herzens, aber dem guten Zweck znliebe, lädt er den jungen Schotten für den nächsten Sonntag'zum Mittagessen ein:„Sie nehmen also die Elektrische, steigen an der fünften Haltestelle ans, biegen dann links ab, dann geradeaus,... und Sie brauchen nur die erste Gartentür mit dem Fuße aufzustoßen."— Ter junge Schotte unterbricht ihn:„Wieso mit dem Fuß? Man öffnet doch die Tür mit der Hand?"—„DaS werden Sie nicht können," murmelt der Alte,„benn Sie tverden die Hände voll Geschenke haben." Schlingel. Kurt ist ganz auf Sachlichkeit eingestellt. Außerdem ist er ein großer Schlingel.„Mllst du jetzt artig sein", sagt die Mutter streng zu ihm,„oder willst du eine Pudding zu Bett gehen?"— Kurt denkt nach. Schließlich meint er:„WaS für ein Pudding ist eS denn, Mutti?" Letzte Rettung. Sie:„Jetzt, da wir verheiratet sind, kannst du mir ja sagen, was du gemacht hättest, wenn ich dir einen Korb gegeben hätte!"— Er:„Dann hätte ich pleite gemacht!" Der(leine Fritz bohrt sich in der Olafe. Sein vornehmer Onkel sieht das und fragt vorwurfsvoll:„Soll ich dir vielleicht noch meinen Finger dazit leihen?" Darauf Frihchen:„Dein Finger paßt in deine Olafe!" Ironie. Sie hatte vier Koffer, drei Hand- tasckell und vierzehn Hutschachteln mitgenommen, die er natürlich schleppen mußte. Schweißtriefend kam er auf dem Bahnhof an und keuchte:„Ich wollte, wir hätten auch noch den Flügel mitgenommett..." Sie, die rosig, gepflegt, unbelastet neben ihm schritt, runzelte die Brauen:„Du brauchst gar nicht ironisch zu werde»..„Ironisch?" stöhnte er,„keine Spur. Aber auf dem Flügel liegen unsere Fahrkarten" Mister Pitz, ein Schotte, kotitrolliert die Ansgabebüchcr seiner Frau.„Hier steht Mei Schilling für Tadlettcu gegen Oieuralgie. fünf Schilling für zweimal Zahnziehen— ja Betty, das geht natürlich nicht, daß du jeden Monat sieben Schilling zu deinem Vergnügen ausgibst." Ein anderer Schotte bittet einen anderen um Rat, was er wohl seiner Frau zum Geburtstag schenken könne.—„Schenk' ihr doch Geld, darüber wird sie sich am meisten freiten." —„Soviel wollte ich eigentlich nicht anlegen." Eine Londoner Sargsabrik teilte in einer Anzeige mit, sie werde zu Reklantezwecken 15 Särge gratis und franko an Jnteresfenten verschenken.— Aut gleichen Abend meldete man 30 Selbstmorde aus Aberdeen(Schottland). Schach-Ecke. Alle Anschriften und Anfragen an Ben. Wenzel 8 charoch. Zwettnitz Nr. sb bei Teplitz-Echönau. Allen Anfragen ist Aelourmarke beizulegen. Schachaufgabe Nr. 136. Voa Joset illcke, Markersdorf. Schwarz: Kg8; Bt2.£7(3). a beritt t e h 8 «S TCJp V - 7 E S 7 6 N® 6 ö " b sa a 5 1 Z U« A 4 ü Z W 5Z W 2 B B U * 1 1 a beritt 1 et» Weiß: Ke6: Dc3; LcS(3). Matt in 2 Zügen! Lösungen sind bis längstens 14 Taxe nach Erscheinen der Aufgabe an Gen. Wenzel Schar och. Zwettnitz. ein- znsenden. Lösungszug zu Pir. 133: 9—®—I! Richtige Lösungen sandten nachfolgende Genossen ein: Walter Ludwig. Robek Franz. Michel Rudolf, Schmied Ferdinand., alle aus Kwitkau; Beutel Wilhelm, Arnsdorf bei Tetschen; Schöbel Franz. Straußnitz; Klein Edmund. Algersdorf: Skulpa Erwin und Schwarz Raimund. Klostergrab: Dinnebler Emil. Tetschen; Wenzel Adolf. Arnsdorf bei Haida: Hteke Josef. Markersdorf; Böhm Heinrich. Jonsbach: Qube Wenzel. Kaiserswalde: Mildorf Adolf. Tischau: Grimmer Emil, Katharinaberg; Triltsch Gustav, Wisterschan. la der 1. Rande des Jnblllumsturniers der Schachsektion Zukmantel gewann..Atus“ Zukmantcl gegen Wisterschan mit 5^i: 4’ j Punkten. Mit dem gleichen Ergebnis siegte DTJ. Zukmantel gegen Eichwald. Ala Kampfrichter fungierten die Gen. Webcrsinke und Böhm ans Sobrusan.— Die 2. Runde gelangt am 28. Mal zur Austragung: es spielen: Wisterschan gegen Elchwald und Sobrusan gegen„Atus" Zukmantel. beide Kümpfe in TepUtz beim..Botlik“ um 9 Uhr vormittags. Kampfrichter stellt DTJ. Zukmantel. Partie Nr. 34. Gespielt im Klubturnier der»Sozialdemokratische« Schachfreunde** in Wien am 3. Dezember 1925. Weil: J. Kotri. Schwarz? P. Meist. Spanisch. 1. e2—e4 c7—e5 8r!-» SM—«6 3. Lfl—b5 a7—a6 4. LbS— a4 Sg8—16 5. d?—«13 07—06 6. Sbl—cJ Lf8—e7 7. Lei—«5 0—0 8. h2—h3 V. Li5Xe7 Sc6«