Nr. 134. Kbsimemtnt»• f rtrtnpnjtB: Sbonnementt-Prei» rnSnumnanbo; Bierteljährl. 3�0 Mk. monatt l.XOSRl., wöchextltch 23 Pfg. frei inZ Hau». Einzelne Nummer 3 Pfg. Sonntag»- Nummer mit tlluftrirlsr Sonnlag»- Beilage„Die Neue Welt" lo Pfg. Post- Abonnement: 3Z0 Mark pro Quartal. Singelragen in der Post- Zettung»- Preisliste für 1327 unter Dr. 7437. Unter Kreuzband für Deutschland und Oefterrelch< Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 14. Jahrg. Dt« ZnstrtwM.«tMhr betragt für die fschSgefpaltene Koloner- zetle oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlung«-Anzeigen. sowie ArbeitSmarN so Pfg. Inserat« für die nächste Nummer müssen bt» 4 Uhr nachmittag» in der Expedition abgegeben werden. Die Expedilio» ist an Wochenlagen bt« 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festlagen bt»« Uhr vormittag« geöffnet. Erscheint tiiglich»utzer«l anlag«. Vevlinev Volksblstk. Fernsprecher: Sml l, Er. 1508. Telegramm-Adresse: „»»lialdemokrat verlin". Dentrawrgrrn der sozialdemokratischen Uartei Deutschlands. N>«u!»V. l». Nenty-Stroße i.\ Soillinficnd. de» 13. Juni 1897. I gjprtldoit; SW. 19, ZZ<«th-S!r>ch- 3. Sstchfen in nener Gloriole als Klassenstaat. Ter„Vorwärts" bat bereits letzten Herbst wiederholt und llachdrücktich Stellung daiiu genonimen, daß zahlreiche sächsische Geiiieiuden, n»ter dem Namen einer sogenannten Umsatzsteuer, be» Konsninvereinen zu Leibe gehen wollten, die einem großen Thcit des Krämeithums eine verhaßte Einrichtung sind. Der Feldzng wurde unternommen unter der Firma: Schutz dem Mittelstaude.?llleidiugs sollte diese sogcnaunte Umsatzsteuer auch kapitalistische Großbetriebe und deren Filialen treffen, die im Tetailgeschäst Lebensmittel, Genußmiltel, Bekleidungs- gegenstände und ähnliche dem täglichen Verbrauch dienende ÄuiM verkaufen. Thatsäch�ich vertreibt das ganze kaufmännische Detail- gcschäfl nur Artikel für den täglichen Gebranch und so könnte eine Spezial-Besteuerung aller Betriebe eintreten, die tägliche Bedarfsartikel vertreiben, sobald sie durch kapitalistische Groß- betriebe, Konsumvereine:c. vertrieben werden. In der Praxis gestaltete sich aber die Sache so, daß, so- weit die Gemeinden Umsatzsteuern einzuführen beschlossen sie sich n u r gegen die v o n A r b e i t e r n g e g r ü u d e t c u Konsumvereine richteten, weder dw Osfiziers- und Beamten-Konsnmvereiue trafen, noch die großkapitalistisch bc- trieben«» Tetailgeschäfte und Waarenbaz rc:c. Damit trat der Klassencharakter dieser Maßregel in gc- häßigster Form zu tage. Eine solche Steuererhebung ist aber zweifellos ungesetzlich. Sie widerspricht dem Landes- wie dem Reichsrecht, insbesondere der Reiche. Gewerbe-Ordnung. Wohl läßt die Ziffer 6 des Z 7 der Gewerbe-Ordnung auch eine Besteuerung der Gewerbe zu im Jiitercsie der Gemeinden. Aber niemals kann die Gemeinde eine Steuer einführen, die nur einen D h e i l einer bestimmten Kategorie von Gewerbetreibenden zum Nutzen des anderen T h e i l s trifft. Wird z. B. eine besondere Gemeindesteuer für den Handel mit Kolonialivaarcn eingeführt, so muß diese Steuer alle K o l o n i a l w a a r e n b ä n d l e r treffen, sie kann nicht einem b e st i m i» t e« T h e i l derselben nur auferlegt werden. Das gilt zuni Bei- spiel ailch von der Schankbetriebsslcuer, die vielfach existirt und die nian zu gunstcn der in Sachsen geplanten Umsatzsteuer ins Feld zu führen versuchte. Ter Vergleich ist unzutreffend. Die Schankbelriebssteucr trifft alle Wirthe ohne Ausnahme, wenn auch verschieden hoch nach Größe ihres Betriebes, sie kann also als eine Ergänziliigssteuer zur Einkommensteuer angesehen werden, die einem bestimmten Gewerbebetrieb auferlegt wird. Die in Sachsen geplante Umsatzstener ist dagegen eine S o n d e r st e u c r, ein Wort, das der sächsische Bundes- kommissar Dr. Fischer bei Gelegenheit der von nnserer Fraktion gestellten Interpellation im Reichstag, am 26. No- veinber vorigen Jahres gebrauchte, ohne sich wohl über die Tragweite dieses Wortes ganz klar zu sein. Das heißt, eine Steuer, die nur einzetne beliebig herailsgegriffene Betriebe aus einer Reihe gleichartiger Betriebe trifft und soniit ungerecht und parteiisch ivukt. Als die elwähntc Interpellation im Reichstage erörtert wurde, erklärte der sächsische Bundestonimiffar, daß eine Umsatz- stcuer nur insoiveit gerechtfertigt sei, als sie die betreffenden Betriebe nicht cristenznufähig mache. Das ist eine ganz w i l l k ür l i ch c Annahme und eine willkürliche Anslegnilg der gesetzlichen Vollmachten. Der Zweck der Steuer zeigt auch, daß ein Gewaltakt damit beabsichtigt ist. Nian will durch die Steuer gewisse Betriebe lebensfähig erhalten und andere gleichartige Betriebe auf die Grenze der Lebens- sähigkeit herabdrückcn. Das w i d e r s p r i cht den einfachsten Grundsätzen der Gerechtigkeit, die doch auch für eine Regierung exislircn sollen, und hebt das gleiche Recht ans, das die Rcichs-Gcwcrbe-Ordnnng für alle Betriebe einer b e st i nr nr t e n Kategorie gleichmäßig g e iv ä h r t. Die preußische Regiernng bat von diesen Gesichtspunkten ans ähnlichen, ans der Mitte des Landtags an sie gestellte» Verlangen widerstanden, wie aus den Erklärungen hervorgeht, die der Generalstenerdirektor Bnrchardt in der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 9. Juni 1896 abgab, und ähnlich in der Koniiiiission über den bezüglichen Antrag v. Bcockhailsen abgegeben hatte. Anchl die bayerische Regierung hat bis jetzt einem gleichen Verlangen ihres Lnildtages widerstailden, wenigstens sind bisher keinerlei Maßregeln ähnlicher Art wie die sächsische Umsatzstener an- geregt worden, man hat nicht einmal gehört, daß solche Maß- regeln geplant seien. Nach den Erklärungen des sächsischen Komnnssars am 26. November v. I. im Reichstag hatte es den Anschein, als , verde die sächsische Regierung sich die Angelegenheit noch einmal recht gründlich überlegen und wahrscheinlich Abstand nehmen von der verlangten Maßregel. Lange kam sie auch zu keinem Entschluß und erfuhr deshalb eine Fluth von An- griffen ans den geärgerten Kränierkreisen. Aber schließlich konnte ihr kleinbürgerliches Herz nicht mehr widerstehen; ihr Hang zu allem, was rückschrittlich und arbeiterfeindlich ist, geivann die Oberhand, sie entschied sich für die Umsatzsteuer. An den Stadtrath zu Wcrdan ist nenerdings eine Ber- prdnung des Ministeriums des Innern ergailaeu. deren ,;»- halt wir letzter Tage schon kurz wiedergaben und in der es unter anderem heißt: „Noch ist für den Begriff eines bei der geplanten Be- steuernng in bctracht kommenden Gewerbebetriebes im allge- meinen die Größe und sonstige Bedeutung des Geschäfts- betriebs als ausschlaggebendes Momeilt anzusehen, dabei aber im Hinblick auf die Verschiedenheit der örtlich en Verhältnisse nicht überall ein gleicher Maßstab anziiwenden, vielmehr für jede Gemeinde besonders zu erwägen und regnlativmäßig fest- zusetzen, welcher Geschäftsnmfang— nach dem Umsatz oder sonstigen Merkmalen bemessen— für die Annahme eines Großbetriebes vorauszusetzen ist. Auch bei der sogenannten Umsatzstener soll sowohl nach Form und Art der Bestenernng als betreffs der Waarengattungen, die der Sonderstener unter- worfen werden sollen, das weitere der eigeilcn Entschließung der Ecmeindeu unter Berücksichtigung der örtlichen Bedürfnisse überlassen bleiben. Es soll jedoch dabei nicht außer acht gelassen werden, daß die bei den letzten Landtags-Verhandlungen zum Aus- druck gekommene Meinung darauf gerichtet ivar, eine Sonder- bestcnerurig nur derjenigen Filialen und Großbetriebe zuzulassen, ivelche„im Tetailgeschäfte Lebeusmittel.Gennßniittel, Bekleidungs- gegeustände und ähnliche, dem täglichen Verbrauch dienende Artikel verkaufen." Endlich soll, so lange nicht die gemachte» Er- fahrungen ein anderes rechtfertigen, ein Höchstmaß der Be- stenerung von 2 pEt. nicht überschritten werden." Das Krämerthnm hat also gesiegt. In Konsequenz dieses Standpunktes können künftig die Droschkenkuticher ver- langen, daß sie durch eine Umsatzsteuer von der vernichtenden Konkurrenz der Pscrdebahnen gejchützt werden, oder können Klempner, Schloffer:c. verlangen, daß die ihnen tödtliche Kon- kurrenz verursacheiiden Fabriken durch Sonderstenern gebührend lahm gelegt werden. Ztllerdings handelt eS sich hier nicht, wie bei den Konsnm- vereine», um A r b e i t e r n n t e r n e h m« n g e n, was der Sache ein wesentlich anderes Gesicht giebt. Ter Schritt der sächsischen Regierung ist, ganz abgesehen davon, wie hoch sie die sogenannte Umsatzsteuer im Maximum ben.ißt, ein ungesetzlicher Schritt. Der Charakter dieser Umsatzsteuer qualifizirt sich nicht als.Gewerbesteuer", sondern als„Sonder als A u s n a h m e st e u e r,»nd, da Gefahr besteht, daß das Vorgehen der sächsischen Regierung auch von anderen Regierungen nachgeahmt wird, so ist nothwendig, daß sich der Reichstag abermals mit dieser Frage besaßt, und zwar diesmal nicht in Form einer Interpellation, sonder» eines Antrages, der das Vorgehen der sächsischen Regierung gebührend qualifizirt. Doch empfiehlt es sich, mit einem solchen Antrage bis zur Herbstscssion zu warten, um, an der Hand der Beschlüsse der Geiiieiuden, auf grund der Ministerialvcrordnnng, mit weiterem Niaterial bewaffnet, vorgehen zu können. Die sächsische Regierung wird immer mehr die Banner- trägerill der Reaktion im Reich.„Krenz-Zcilnng" und Junker- thnm seufzen schon seit langem nach sächsischen Zuständen in Preußen. Dieser neueste Schritt der sächsischen Regierung in der Aliltelftandsretterei wird nicht nur ungetheilten Beifall der Junker und Jiinkergeüosscu finden, er wird ihre Sehnsucht nach iächsischen Zuständen noch erhöhen. Klar ist aber auch, daß mit diesem Akt der sächsischen Regierung ein neuer Schlag gegen die Reichseinhcit geführt wird. Nach der Rcichsverfassung geht Rcichsrecht vor Landes- recht, in der Praxis geht einzelstaatliche Rcgicrnngspraxis vor dem Rcichsrecht. Das werden aus die Dauer unhaltbare Zlistänve. Wie sich der Schritt des sächsischen Ministeriums des Innern in der Praxis gestalten wird, dafür folgendes: Ein Konsumverei», der 10 000 M. Kapital besitzt und von 100 000 Ast. Jahresumsatz an Waaren 10pCr. Dividende gewährt, hat außer 300 M. Einkommensteuer an den Staat»nd etwa der gleichen Siimiiic an die Gemeiilde noch 2000 M. Umsatzstener zu bezahlen, falls diese aus 2 pCt. festgesetzt wird. Er zahlt also, abgesehen von der regulären Einkommenstcner von 3 pCt.,»och 20 pCt. vom Einkommen, in Sninina 23 pCt. Würde eine gleich fhohe Steuer auch von dein Eillkomnle» der Privatpersonen bezogen, diese Bo>,r- geois erklärten dies für einen Raub an ihrem Einkomme», für eine»»qnalisizirbare Uilverschämtheit der Gemeinde oder des Staats, und wie die Titel alle lauteten, die sie Staats- und Gemeindebehörden an den Kopf werfen würden. Eine solche Steuer, von Staats wegen allgeniein eingeführt, be- deutete eine bürgerliche Revolution. Als seiilerzeit Herr Miqnel die Vermögenssteuer in Preußen einführte mit ca. 50 Pf. von je 1000 Mark Verniögen, drohte die„Kölnische Zeitung": das Bürgerthum werde seine inon- archlsche Gesinnung revidiren. Bier Prozent Eiiikommenstener von einem Jahreseinkommen Über 100 000 Mark erscheint diesen Bourgeois als eine nnerschwingliche Last. Aber einem ans armen Arbeitern besteheiidenKonsiimverciil niiiimt inan kalte» Blutes 20 und mehr Prozent ab, iveil Schmarotzerexistenzen unter der Konkurrenz dieser Arbeiter-Kousumvercine leide». Das tollste aber ist, daß derselbe Staat, der solche Maßregeln gegen die Arbeiter- Konsninvereine duldet, 2Vs Millioneil zu 2�/s pCt. an die bäuer- lichen Genossenschaften aus der Staats- kasse als Darlehen gewährt, damit diese möglichst gut p r o s p e r i r e n. Staatshilfe für den Bauer— der in Sachsen meist in gilten oder leidlichen Verhältnissen sich befindet— und die zehnfach angezogene Steuerschraube für den Arbeiter. Wahrlich, schroffer kann der Klassencharakter des Staates nicht in die Augen springen. Wer ihn da noch nicht sieht. bleibt ewig blind._ Vom Veveinsgesetz. Der Gothaische Landtag»ahn» e i» st i m m i g den Antrag a», daß der Bnndesraihs- Bevollmächtigte für Koburg, Gotha im Blliidesrath für das Vereins-Nothgesetz stimme» solle.— Bei der La»dtags-Wahl in Westpreuße»(Bereut- Pr. Etargardt-Dirschim) am 9. Jnni, wo ein Freikouservaliver gegen einen Polen stand, fehlten bei der Abstimmung vier d e» t s ch e W a h l m ä n n e r. Man niiiimt an, daß die- selben sich deshalb der Stimmabgabe enthielte», weil st« siircht«>en. Herr Arndt(der s r e i k o n s e r v a t i v« Kan» didat) werde für die Vereinsgesetz-Novelle der Regiernng stimme», was bei der geringe» Mehrheit der Weg»« im Abgeordnetenhaus«»>öglicher>veise für das Schicksal dieser sehr bedenkliche» VoUage cnlscheidend sei» könnle. Der Pol« wurde infolge dessen mit einer Stiilime Majorität ge- wählt. Recht so! Köstlich. Die„ N o r d d. A l l g. Z t g." läßt folgend« AuS- führui'g«» vom Stapel: „In den breiten Massen der Wähler findet dai Verlange» der Siaaisgeivall nach ve>stätile» Biachtmilleln, um der Aukbeuimig de« Vereins-»nd Versa»n»l»ngsrechtZ zu um- stürzlerische» Zwecke» wirksam eolgegentrelen z» kö»»en, V e r st ä» d» i g» u d Z» st i ni m u» g... Infolge der parlameiitariichen Ferieu ist de» Volksvertretern Gelegenheit geboten, in i t ihren Wähler» in unmittelbare Berührung z» komme». Co mancher dürste da von den Sliinnnliigen und Urtheilen im Lande draußen ein wesentlich anderes Bild einpfange». als er sich während drs parlamentari« scheu MeinungskampfeS»»ter dein treibeuden Einflüsse vernieint, licker Fraktion siniereffe» zurcchlgemacht hat. Bei Ausnutzung der kouimende» Wochen zu gründlicher Jasormaiio» seitens der Ab- geordneten in die Hoffnung ans eme andere Gestaltung der Novell« noch keineswegs ausgeschlossen." Zwei Warle genüge» als Antwort ans dies Geschwätz: Wies« b»d«ii— Königs der gl Und wie denkl die famose„Nordd. Allg Ztg." über folgendes? Der» a t i o» a t l i b e r a l e„Rhein. Cour.", welcher i» Wiesbaden für den Nnlionallibernlen Bariling unenlwegt eingelretcii ist, schreibt jetzt nach der Wahl» örtlich, es habe bei der Re'ichslagsivahl an einem Zivischenfall nicht gefehll, der de» Nationalliberalen große» Abtrag gethan bat:„Wir meine» den großen Jrrthum, den»ach viel- seiliger Meinung die iialionalliberate Landtagsfraktion be- ging, indem sie die Novelle zum Vereinsgesetze im Aogeordncteiihaus« nicht kurzer Hand abwies, sondern auf die lange Bank der Berfafsungsäiiderungen und Herrenhaus-Korrekinren schob. Für de» Augenblick und für unseren Wahlkreis läßt sich die Folge diese? Vorgehens deutlich erkennen."— Polikische Mebevstchk. Berlin, 11..Juni. Glänzend über alles Erwarte», im ersten Ansturm haben wir den Sieg in Königsberg errungen. Drei Parteien machten uns den Siog streitig. Zu den Nationalliberale» und sreisinnige» Volksparteilern gesellten sich die Liebermann'schell deutsch- sozialen Autisemitlinge als neue Partei auf dem Kampfplätze, anftretend, wie ihre Ge- wohnheit, mit großen Worten und betänbeiidem Lärm. Aber ihr Phrasenklang ging am Ohr der Königsbcrger Arbeiter- klaffe vorbei, ebenso wie der Schein-RadikaliSmils der Volks» partei und die natioiialliberalen Lockgesänge. Alle bürgerlichen Parteien erlitten schivcre Verluste. Die freisinnige Volkspartei ging von 5952 auf 5008 Stiimnen zurück. Die Nationalliberalen— trotz ihres günstigen Kau« didatcn, des Rcckc-Bekämpfers Dr. Krause— gingen schier völlig ein; sie sanken von 7296 ans 4049 Stimmen. Der Rcforiiiparteilcr erhielt 2160 Stimnlen. Spaimt man auch den NatiollaUiberalen mit den konservativ- antisemitischen Reformer zusainmen, so ergiebt sich immer noch eine Abnahme um weit mehr als 1000 Stimmc». Nur die Sozialdemokratie ging uicht rückwärts, souderu vorwärts. Von 10 963 Stimmell erhob sie sich auf 11 917 Stimmen. Ende der 70er Jahre hatte unsere Partei in Königs- bcrg erst 1108 Stiininen, 1881 nur 248 Stimmen. Von 1884 begann der Anfschwnng, wir erhielten bei der Wahl in diesem Jahre 4351 Stimmen, wir kamen schon in die Stichwahl, die aber aussichtslos ivar. Bei der Faschingsivahl 1887 erhielten wir 7987 Stiinincil, wir waren die stärkste Partei geivorden; die nationalliberale Partei hatte 7408, die Fortschrittler 6427 Stimmen; in der Stichwahl blieben wir um mehr als 2000 Stiminen hinter dem Natioiialliberalen zurück. 1890 siegtenwirzuin ersten Male, unser Schulze zog in den Reichstag ein. Aber 1890 wie 1893 bedurfte es der Stichwahl, bedurfte es sreniden Zuzugs. Jetzt bedürfen wir keinerlei Stütze mehr, jetzt stehen wir der Eesanimtheit aller anderen Parteien überlegen, sieg» reich gegenüber. Wahrlich eine große E n t w i ck e l n>l g! Und die Zukunft wird vollenden, was die Vergangenheit begonnen!-»» Marineenthiisinstrn nud Kolonialliebhaber lärmen in« ganzen Lande herum. In Leipzig lagt der„Aldeutsche Verband", Ivo der nationalliberale Professor Hasse»nd der Anlisemitm« Häuptling Ziinmernia»» um die Welle in„Patriotismnö" schtvelgen, In München sitzt die Denlsche Kölonialgesellschast und biilt flaniinende Reden für„Deutschlands Größe" ans dem Erdenrund, für„starke Flotten" und„nuuhtige Kolonien". Man redet sich ein »mb sucht den, CoIW einzureden, daß man hochherrliche Ziele«er- folge, daß man die Zukunft Deutschlands sichere und fördere. Und Tirpitz ist schon in Berlin. Er soll nicht einmal au Urlaub gehen, er soll arbeiten und fleißig sein. Denn eS giebt viel zu ihn». Der nächstjährige Marine-Etat soll von besonderer Bedeutung sei». Dieser Etat muß vorbereitet werden und Michel muß bearbeitet werden, ans daß im nächsten Herbst viele neue Panzerschiffe, Kreuzer und Torpedos bewilligt werden. Aber läßt flch Michel so leicht bearbeiten? Läßt er sich von, Korpbantenlärin der Nldentschen und Kolonialgesellschaftcr zum Tirpitz bekehren? Wiesbaden und Königsberg— das ist das Omen. Königsberg, die Seestadt, wo das meiste„Verständniß für Marinefragen" herrschen soll, hat Herrn Tirpitz den rechten E in pfäng auf deutscher Erde bereitet!— AnS Mittelafie» kommt unerwartet eine Nachricht von höchster Wichtigkeit: Sinila, II. Juni.(Meldung deS„Rcnter'schen Bureaus".) Eine Ablheilung indischer Truppen von drei hundert Mann mit zwei Geschützen, welche dem eng lischen polilischen Kommissar G-e znr Bedeckung diente, wurde im T b a l e des Flusses Tochi nahe der afghanischen Grenze während der Mittagsruhe in vcrrätberischcr Weise angegriffen Dabei wurden drei englische Offiziere, dar� unter ein Oberst und 25 Mann getödtet, und ebenso viel O f f i.z i e r e und. Mannschaften ver w u n d e t. Afghanistan und das Nachbargebiet ist den Engländern schon oft verderblich gewesen. Dort am Thore Indiens wohnen noch nnbczwuugenc Völkerschaften, und Afghanistan selbst ist seit Jahrzehnten das Kampffeld russischen und englischen Einflusses Vom„Dach der Welt", wie der H i n d u k u s ch mit seinen riesigen Bergen und wilden Schluchten von den Eingeborenen genannt wird, ist schon manche Lawine verheerend au die Engländer niedergebraust und erst vor wenigen Jahren hatten sie in T s ch i t r a l einen gefährlichen Aufstand zu dämpfen. Damals niußten sie den über- wundenen Stämmen noch eine gewisse Unabhängigkeit lasten der jetzige Aufstand— denn um einen solchen handelt es sich offenbar— scheint mit dem damaligen zusammenzuhängen. Doch wir müssen weitere Berichte abwarten. Die Frage ist: haben wir es niit einem spontanen Aus- bruch zu thun, oder steckt Rußland dahinter? Im ersteren Fall würden die Engländer bald durch eine Strafexpedition ihr Ansehn wieder hergestellt haben. Im anderen Falle wäre die Sache allerdings sehr ernst. Wir haben wiederholt nachgewiesen, daß das Zentrum der O r i e n t f r a g e in Mittelasien ist, und die beiden Flügel aus der Balkan- Halbinsel mit Kleinasien und in China- Japan. Auf dem kleinasiatisch- europäischen Flügel scheint jetzt Ruhe eintreten zu wollen— desto kritischer wird die Lage in Mittel- und Ostasien werden; der uiciste Zündstoff aber ist in Mittelasien aufgehäuft, wo Rußland seit Jahrzehuten an den Thoren Indiens rüttelt, und dieses Fundament des britischen Weltreiches emsig zu unter wühlen bemüht ist.- Die Friedensverhandlunge». Nach einem Konstantinopeler Telegramm der„Morning Post" vom 9. Juni glaubt man, Tewflk Pascha werde in der nächsten Sitzung der Friedens- Unter- bändler solgende Zugeständnisse vorlegen: Die Türkei beläßt de» Griechen Thessalien mit Auiuahine des Bezirks nördlich vom Peneus; sie stimmt den Kapitulationen im Prinzip zu. verlangt aber die Ernennung von Experten zur Erwägung dieser Frage und willigt ferner ein in ein« Prüfung der Finanzlage Griechenlands aus die Fähigkeit hin, eine angemessene Kriegsentschädigung zu zahle». In K o n st a n t i n o p e l treten noch kriegerische Strö- mungen hervor. In den Stambul-Moscheen wurde» Plakate, welche die Fortsetzung des Krieges verlangen, angebracht. Das g r i e ch i s ch e F i n a n z in i n i st« r i u in hat die Hilfs- quellen Griechenlands einer Prüfung unterzogen, welche als Grundlage für die Zahlung der Kriegsentschädigung dienen wird. Das Er- gebniß wurde dem englischen Finanzattachö Loew in Konftantinopel nntgetheilt, d«» der Botschafter Currie dringend aufgefordert Halle, Ermittelungen über die Finanzlage Griechenlands anzustellen. Diese Nachricht und diejenige von der Ernennung einer Militär- kommission zur Regelung der Grenzfrage werden als dem Abschlüsse des Friedens günstige Anzeichen betrachtet. Ferner erfährt der„Standard" aus Athen, bei der griechischen Regierung feien befriedigende Nachrichten von dem Verlaus der Friedensverhandlungen eingelaufen. ES heißt, die Mächte seien darin einig, keinen Punkt Landes an die Türken abzutreten; des- gleichen hätten dieselben sich einstimmig für eine sofortig« Räumung Thessaliens ausgesprochen. Die von der Türkei verlangte Kriegs- kostenentschädigung von sechs Millionen Pfund wollen die Mächte auf vier Millionen Pfund herunterdrücken. Aus K a n e a wird gemeldet: Die Insurgenten von Kreta statteten dem Admiral Caneraro einen Besuch ab, wobei dieser ihnen den Rath ertheilte, sie möchten ihre Freunde in Griechenland warnen, nach Kreta zu kommen. Die Insurgent«» baten den Admiral um die Erlaubniß, ein Schiff mit Lebensmitteln nach Kreta kommen zu lassen, welches Gesuch der Admiral gewährte. Das Schiff wird in der Sndabay zugelassen.— *** Deutsches Reich. — Die Abrechnung! Der Zug nach link?, so schreibt die „Freisinnige Zeitung", hat sich in der Nönigsberger Ersatzwahl wieder bestätigt.„Meine Herren," so sagte Minister v. d. Recke bei der Verhandlung Über die Novelle zmn Vereinsgesetz im Abgeordnetenhause,„die Bevölkerung würde auch eine Ablehnung der Vorschläge der königlichen Staatsregierung nicht nur nicht verstehe», sondern sie wird— dessen bin ich sicher— zu gelegener Zeit auch dieserhalb Abrechnung halten". Nun, seitdem haben zwei Reichstags- Ersatzwahle», in Wiesbaden und in Königsberg, stattgefunden. Wie ist die Abrechuntig ausgefallen? Nicht eine einzige Stimme ist im Sinne der Novelle der königlichen Staatsregierung oder auch nur der konservativen Vorschläge zu derselben abgegeben worden, ans dem«infachen Grunde nicht, weil man über- Haupt garnicht gewagt hat, einen Anhänger dieser Ein- schränkungen des VereinsrechtS als Kandidaten anfznstellen. Ter nationalliberal« Kandidat in Königsberg, Landtags-Abgeordncter Krause, ist von der konservativen„Ostpreuß. Ztg." in Königsberg noch unmitlelbar vor der Wahl charakierisirt worden als ei» Mau», der„in Berlin wie ein Barrikadenhrld gegen das Vereins- gesetz gedonnert habe". Auch in Wiesbaden hat der Kandidat der Nationnllibcralen und Konservativen Bartling sich nicht zum VereinSgesetz bekannt, der antisemitische Kandidat Störmer in Königsberg erst recht nicht. Die„Abrechnung" ist also ausnahmslos zu gunsten der Gegner der Vereins- gesetz- Novelle ausgefallen.— — Den Bö ifenner n geh t's an den Kragen. Der Berliner Polizeipräsident von Windheim hat heute an de» Vorstand des Vereins der Berliner Getreibe- und Produktenhändler die solgende Verfügung erlassen: „Wie dem Vorstande des Vereins der Berliner Getreide- und Produklenhändler in dem Erlasse des Herren Oberpräsidenlen vom II. Mai dieses Jahres mitgetbeilt worden ist, tragen die von dem Vereine in dem Feen-Palast regelmäßig, werktäglich, zur Börsenzeit veranstalteten Versammlungen den Charakter einer Börse und bedürfen deshalb gemäß Z I des ReichS- bSrsengeseheS vom 22. Juni 1396 der Genehmigung der Landes- regierung. Da eine solche Genehmigung weder ertheitt, noch nachgesucht worden ist, so untersage ich die Fortsetzung dieser nicht genehmigten Börsenversammlungen und drohe für den Fall der Zuwiderhandlung gegen diese Verfügung unniittelbar Zwang an." — Fürst Hohenlohe scheint sich noch üble Gewohn- Herten zulegen zu wollen. Wegen Beleidigung des Staats- Ministeriums hat er gegen die„Gazeta Grudziadna" in Graudenz den Strafanlrag gestellt.— — Den ungünstigen AnSfall der Wahl in Wies- baden bespricht die Frankfurter„Volksstimme". Sie weist ans die Schwierigkeiten, welche die Gegner bereiteten, hin— z. B. gab es nur in 5 von den mehr als 199 Ortschaften des Wahlkreises Versammlungssäle—, belont aber besonders, daß die Arbeiter der Sladt Wiesbaden nicht ihre Schuldigkeit gethan hätten. Sie sagt hierüber: „Die Wahlbctheilignng der Wiesbadener Arbeiter war miserabel, und der Ausfall von 890 sozialdemokratischen Stimmen in der Stadt war der schwerste Schlag, der den sorlschreilenden Landbezirken versetzt werden konnte. Dieser Rückgang ist überhaupt ein Unikum. Er läßt sich durch nichts erklären, als durch die sträflichste Sanmseligkeit in der persönlichen Agitation von Mann zu Mann und durch die unglaub- lichste Gleichgiltigkeit bei der Wahl selbst. Viele sollen gesagt haben: „es giebt ja doch Stichwahl, dann sind wir bei der Hand, für'' Erste ist es nicht nölhig." Eine solche Mißachtung des einzigen wirksamen staatsbürgerlichen Rechts, welches Arbeiter und kleine Leute noch besitzen, straft sich biller und lehrt de» Säumigen, daß auch die Siege der Sozialdemokratie sich nicht von selbst ma-ven, daß das Zujubeln in Versammlungen, das Vertrauen auf d«» Ruf und die Redegewandtheil des Kandidaten und hervorragender Genossen sowie ans so viel Zehntausende von Flugblättern die fleißige, stille Arbeit der Privatagitation in Haus und Werkstätte nicht ersetzen. Daran hat es aber offenbar in Wiesbaden sehr gefehlt, ebenso wie die Vev breilung der Piene dort noch so viel zu wünschen übrig läßt. Eine bittere Lehre— aber hoffentlich eine heilsame Lehre! Wir empfangen sie gerade noch zeilig genug, ein Jahr vor den allgemeinen Wahlen, nm sie bis dahin gründlich zu beherzigen. Das kommende Jahr wird zeigen, ob die Wiesbadener Arbeiter den Ernst imd die Kraft besitzen, sich eine stramm- politische Organisation zu schaffen, um die Scharte von 1897 im Jahr« 1898 auszuwetzen." — Ein antiagrarischer Graf und Gutsbesitzer wird von der liberalen Presse weidlich ausgeschlachtet. Im land- wirthschaftlichen Verein zu Rostock hielt der Ehrengast Graf zur Lippe eine Rede über die agrarischen Forderungen. Er sagte u. a.: „Es fei der Vorschlag gemacht worden, den Gelrcidchandel z» monopolisiren. Er müsse es aussprechen, daß die Landwirthe, wenn sie alle ihre Produklionspreffe von einem Zentner Roggen genau kennen würden, nicht zum Antrage Kanitz gekommen sein würden. Redner habe in den 18 Jahren, seitdem er sein Gut bewirthschafte, in sorgsamster Weise Buch geführt und kenne die Prodnklionskosten seines Roggens ganz genau. Danach haben in diesen 13 Jahren die Produktionskosten im Durchschnitt 5,63 M. betragen, der durchschnittliche Preis des Marktes war 7,64 M. Redner habe also ans grund dieser Biichfühnmg pro Zentner Roggen e i n- n P r o f i t von 1,96 Vt. erzielt. Würde nach dem Antrage Könitz der Roggenpreis mit 3 M. angenommen werden, so würde Redner dadurch 2,32 M., also durch- schnittlich ans den Zentner 36 Pfennige mehr als bis jetzt profilirt haben. Redner wolle hervorheben, daß er ans dem Standpunkt eines entschiedenen Agrarierthnms nicht stehe, unsere Aufgabe sei eine weitere. Wir müßten unsere Äugen ans die gesammte Eni- Wickelung des Handels, der Industrie und der Landwirthschaft richten. Redner habe das Empfinden, daß wir ein Volk und nicht eine Partei sein müßten. Im weiteren Verlause seines Vortrages verbreitete Redner sich über die Frage: Was können wir thnn, nm der Ungunst der Zeit entgegenzutreten? Das sei nur weniges, aber sehr wichtiges. Redner lege sehr bedeutenden Werth darauf, daß die jüngeren Landwirlhe. welche kaufen, beachten, daß das Geld, welches sie als Bodenkapital aus der Hand geben wollen, den ge- ringst«» Zinsfuß gebe. Wir müssen mit dem Bodcnkapital sehr sparsam umgehen.' Wir dürsten nicht zu hohen Preisen die ' ii sen kaufen und nicht zu hohen Preisen in die achtung eintreten, denn sonst kommen wir schließlich dabin, wohin Irland leider jetzt schon gekommen sei. Das Kapital, welches wir in den Boden legen, rentire naturgemäß am niedrigsten, weil es am sichersten sei." Das ist alles recht schön und nett und manches nicht ganz falsch. Aber«inen Werth für die Benrlheilung der Lage der Landwirth- schast hat es fast gar nicht. Weil Herr zur L>ppe vielleicht unter günstigen Verhältnissen rentabel gcwirttzschaftet hat, darum braucbt dieser Erfolg keineswegs allen Landnurlhen erreichbar sei», die uiiter den verschiedensten anderen Bedingungen ihren Besitz be- wirthschaflen. 1 wäre sehr thöricht, sich mit solchen Einzelbeobachtnngen über die große Frage der AgrarkristS hinweghelfen zu wollen.— — Gewerbe-Jnspektion und Polizei. Das„Hamb. theilt mit, die Polizei in Hamburg dringe darauf, daß i h r und nicht der Gewerbe-Jnspektion die vom 1. Juli an beginnende Aussicht über die Werlstälten der Kleider- und Wäsche- konfeltion übertragen werde. Die Hamburger Polizei will sich auch dieses Gebiet aneignen, wie sie sich vor einem Jahre die Aufsicht über die Ausführung der Bestimmungen der Bäckereiverordnung angeeignet hat. Was die Polizei, sagt das„Hamb. Echo", dazu veranlaßt, in solcher Weise die SlnSgcstaltnng der Gewerbe-Aufsicht u verhindern, ist uns vorläufig noch unerfindlich. Jeden- alls aber verdienr diese Praxis die schärfste Zurück- Weisung: sie widerspricht geradezu der Bestimmung im§ 13flb der Gewerbe-Ordnung, wonach die Aussicht mindestens uebeu den ordeullicheii Polizeibehörden den desonderen Anssichtebcamten zu über- tragen ist. Unser Hamburger Parteiorgan fordert daher die Behörde auf, daS seither beobachtet« und jetzt wieder drohende System der Theilnng in der Gewerbe-Aufsicht vollständig aufzugeben und diese Aussicht gänzlich den gemäß§ 1S9b der Gewerbe-Ordnung berufenen Beamten zu Äverlassen,— und das umsomehr, als diese Beamten in Hamburg das wohlverdiente Ver- tränen der Arbeiterschaft und aller anständigen Unternehmer ge- nießen, während ans leicht erklärlichen Ursachen den inspizirend»« Beamten der Polizei mancherlei Mißtrauen entgegengebracht wird. Freilich würde eS dann nöthig sein, das Personal der Gewerbe-Aufsicht entsprechend zu ver m ehren; es inüßten noch örtliche Assislenlen, Burcaubeanile ic. angestellt werden. Für die»u deni Institut komuiandirte» Schutzlente wird die Polizeibehörde za wohl andere Verwendung haben.— Gesindehatz. Die sächsische LandwirthschaftSkanimer klagt sehr über die Zunahme der Konlrnklbrnche seitens deS Gesindes und der ländlichen Arbeiter und empfiehlt dagegen nicht nur den Zusammenschluß der Landwirthe und die Ausschließung Kontrakt- brüchiger von jeder Arbeitsgelegenheit, sondern wünscht auch, daß die Ortsbehörde öfsentliche Aufrufe zur Angade des Aufenthaltsortes kontraktbrüchiger Personen erlassen solle. Durch vermehrte Jagd auf die Landarbeiter sucht man sie in den Dienst zu fesseln, der ihnen mehr und mehr überdrüssig wird.— — AuS de in Leben der Sachsengänger. Der in G l o g a n erscheinende„Niederschlesische Anzeiger" berichtet über «inen höchst peinlichen Vorgang, der sich am ersten Feiertage auf dem dortigen Bahnhofe abspielte. Galizische Arbeiter, sogenannte Sachsengänger, hatten sich in der Nacht vom Sonnabend zum Sonn- tag von dem Rit'ergute Ottendorf im Kreise Sproltau, wo sie in Arbeit gestanden, entfernt und waren zu Fuß über Sprottau nach Glogau geiommeii. Dieselbe» hatten bereits Fahrkarten gelöst, um mit dem 10 Uhr 44 Minuten nach Breslau abgebenden Zuge die Heimreise aiizulretcn, als der Ansseher des Gutes, der die Aussicht über die polmfchen Arbeiter führt, erschien und mit Hilf« eines Polizeibeamten die Leute am Abfahren hinderte. ES entwickelten sich stürmische Szenen. Die Frauen weinten und weh- klagten'in herzzerbrecheuder Weise; ein polnisches Arbeitermadcheu hatte sich in ein Knpee zweiter Klasse gefluchtet, wurde aber entdeckt und auf den Perron gebracht. Die Arbeiter klagten, daß sie ans dem Gute Ottendorf schlecht behandelt und ebenso schlecht ver- pflegt worden seien; deshalb wären sie kontraktbrüchig geworden und wollten nach Hause. Die Reden, welche die den Flüchtlingen nachgesandten Gutsbeamten führten, waren nicht geeignet, den Glauben an die Berechlignng jener Klagen zu erschüttern. Deim Verlangen der Ottendorfer Gulsbeamten. die Arbeiter zu verhaften, wurde seitens der Gloganer Polizeiverwaltnng nicht entsprochen, da kein Haftbefehl vorlag. So konnten die Arbeiter mit dem nach- mittags 2 Uhr 59 Minuten»ach Breslau gehenden Zuge ungehindert ihre Heimreise antreten.— — Duell oder Mord? Ein Zweikampf in Bonn, von dem wir schon kurz berichteten, verdient wegen seiner Nebenumstände be- sondere Beachtung. Das Duell fand statt zwischen zwei Assistenten an der chirurgischen Klinik, Dr. Nensing und Dr. Fischer, lieber die Veranlassung erfährt man, wie die„G e r in a n i a" schreibt, ersierer habe letzterem vorgeworfen, durch seine Schuld sei eine Operation mißglückt. Ob dieses Vorwurfes kam es zunächst zu einer Auseinandersetzung und dann zur Forderung, lieber das weitere sind in Bonn die bcsremdlichsten Einzelheilen verbmiet. Danach war in dem vorhergehenden Ehrengericht Vorsitzender der Professor der Chirurgie Schede. Unparteiischer beim Duell war ein Assistenz- Arzt des Bonner Husarenregiments; Sekundanten der außerordentliche Professor der Chirurgie Dr. Rieger und der Assistent an der Augenklinik Dr. Gras v. Vissing. Dr. Reusing streckte den Dr. Fischer durch einen Schuß in die Brust sofort t o d l n i e d e r. Der Beleidigte hat sein Leben«in- gebüßt- seine„Ehre" ist aber„gerettet", und das ist ja die Haupt- fache! Ueber die Vorbereitung des Siegers wird erzählt, er habe sich wochenlang i m P i st o l e n s ch i e ß e n geübt, bis er es so weit gebracht hatte, daß er auf fünfzehn Schritte Entfernung- die Enlsernnng beim Duell— daS Herzaß aus einer Spiel- karte herausschoß! Noch mehr; um ganz sicher zu sein und durch nichts beim Duell erregt und in der Treffsicherheit gestört zu werde», mußten Freunde von ihm während dieser Hebungen d i e Duell-Kommandos rufen und gar Pistolenschüsse dazwischen abgeben. Dr. Reusing hat durch diese Uebungen in einer auch für Juristen nnzweiselhaften Weise die Absicht kundgegeben, seinen Gegner zu tödten. DaS ist vorbedachte Tödtung, von langer Hand vorbereiteter Mord! Man kann gespannt sein, welches Nrlheik das Gericht über diesen Menschen fällen wird.— — D i e Konservativen wollen den Lützow ab« schütteln. Die„Konservative Korrespondenz" sagt, die behaupteten Beziehungen zwischen v. Manteuffel und v. Lutzow beruhen auf Erfindmig, auch habe v. Lützow keinen Auftrag erhalten, Broschüren gegen Slöcker zu schreiben. Dagegen muh die �konservative Kor- respondcnz" selbst zugeben, daß das konservative Zentralbureau dex Tauschagenten an auswärtige WahlkomiteeS gewiesen h«H- die nach rednerischen Kräften verlangten.— — In der Jahresversammlung deS Verbandes deutscher Raiffeisen-Vereine, welche gestern in Berlin tagte, theilte der Generalanwalt Eremer mit, daß der Verband zur Zeit 2366 G-noffenschasten umfaßt, die sich in 25 Verbandsbezirke und 152 Unterverdände gliedern. Die weitaus größte Zahl(2564) gad Spar- und Darlehnskassen. der Rest vertheikt sich aus Molkerei-, bstverwerthnngs-, Pferdezucht-, Fettviehverkaufs-, Rohstoff-, Tabak- Verkaufs-, Spiritusverkaufs-, Kornhans-, Ein- und Verkaufs-, Konsum-, Brennerei-, Wohlfahrts- Genoffenschasien, Winzervereine und ein« Schlächterei vereinigter Landwirthe. Die Berichte der einzelnen Berbandsanwälte betonten durchweg das überraschend schnelle An- wachsen der Organisation und der Umsätze, wie auch das Entgegen- kommen der Behörden.(Bei Arbeiler-Genossenschaften versahren die Behörden ganz anders!) Der nächste VerbandStag soll 1899 zugleich mit dem 59jährigtn Jubiläum der Gründung von Raiffeisen- Vereinen und der Enthüllung des Raiffeisen-Denkmals in der Rhein- provinz stattfinden. — Heitere W a h l e p i s o d e. Bei der KömgSberger Wähl bemühten sich auch die antisemitischen Deutsch-Eozialen. Sie ließen sich den Herrn I s k r a u t holen, damit er die Soziakdemokratie vernichte. Die Königsberger Arbeiter aber erinnerten sich, als sie den Namen„JSlrant" lasen, sogleich jener Affäre im August 1891 in Spenge, wo der Pastor Jskraut sich an die Spitze eines TruppS trunken gemachter Bauern stellte und in der rohesten Weise die zur Agitation aus der Stadt gekommenen Genossen mißhandelte, so daß sich eine größere Anzahl derselben nur schwer verletzt wegschleppen konnte. Die Arbeiter Königsbergs empfanden es als eine Schmach, diesen Prügelheldeu, der sich an ihren Genossen so vergangen hatte, in Königsberg sprechen zu lassen. Sie begaben sich znr Versammlung und verlangten bei Eröffnung derselben Bureau- mahl. Das wurde nach antisemitischer Gewohnheit nicht gewährt. worauf die Arbeiter ihren Unwillen in so lauten Ausdrücken kund- gaben, daß der Pastor gar nicht zum Worte kam. Ganz starr wurde er aber, als ans der Mitte der Versammlung aus einmal die mächtigen Attorde der Marseillaise erklangen und ein Dresch- s l e g e l ihm a l s E in b l e m überreicht wurde. Da war es mit seinem Mnlh zu Ende, schleunigst schwang sich der tapfere Prügelheld durch das Fenster in die Kolonnade, und bald entsührt« unter Hohnaelächter und ironischen HochS eine Droschke die Herren nach der Burgerressonrce, wo sie vor ca. 159 Epießerchen ihre Galle ausschütteten. So rächten die Königsberger Arbeiter ihre miß- handelten Genossen von Spenge.— —„Sozialdemokratische Rührigkeit" wird in den Ordnuiigsdlättern mit Hinblick auf die zahlreichen Kongresse der letzten Wochen bemerkt.„Ans allen Gebieten," so sagt man, „sehen wir die Sozialdemokratie die größte Rührigkeit entfalten, und wenn auch hier und da Schläge z« verzeichnen sind, es läßt sich nicht bestreiten, daß eS vorwärts geht. Das sollte den aitti- sozialistischen Parteien ein Sporn fein, ihre Gegenagitalion zu ver- doppeln." Thnl's nur, wenn Ihr könnt!— — Die württembergische Einkommensteuer, Reform beschäftigt seit gestern, Donnerstag, von neuem die zweite Kammer. Der vorliegende Kommisfionsentwurf beruht auf einem Kompromiß der Parteien. Tie Hauptpunkte desselben sind folgende: Der Beginn der SIeuerpflicht wurde ans der Höhe von b99 M. belassen(Preußen 999, Baden 599, Sachsen 499 M.). Eine Er- leickterung soll in der Weise eintreten, daß bei der Einschätzung die Berheiralheteii mit«in oder zibei Kindern um eine Stufe, diejenigen mit drei u»d mehr Kindern nm zwei Stufen niedriger gehalten werden sollen. Gleichzeitig soll die ungerecht wirkende Wohnsteuer der Gemeinden aufgehoben oder wenigstciis bis auf den Betrag von 1 M. ermäßigt werden. Durch die Herabsetzung des Existenz- minimumS darf eine Beschränkung der staats- und gemeindebürger- lichen Wahlrechte nicht eintreten. Den Rahmen des steuerbaren Einkommens hat die Kommisston theilweise enger, theilweife weiter als der Entwurf gezogen. So dürfen außer den indirekten Abgaben auch die direkten StaatSsteuern (ausgenommen die Einkonimensteuer) abgezogen werden, während auf der andern Seile Lotteriegewinne als steuerbares Einkommen gelten sollen. Bedauerlich ist es, daß die Kominisston bei der Abziehuug der Geschästsnnkoslen nicht noch den Schritt weiter gegangen ist» auch die Beiträge zur Kranken-. Unfall- u. f. w. Versicherung eben- fall? frei zu lassen, die doch schließlich auch nichts anderes als gesetzlich vorgeschriebene Geschäftsunkosten darstellen. Gegenüber den Konsumvereinen, die der Einkommensteuer unterliegen, wünschte das Zentrum auch die Heranziehung der Dividenden der einzelnen Mit- glieder; die übrigen Parteien haben aber dies« Doppelbesteuerung abgelehnt. Die Steuerprogrsssion wird in folgenden Sätzen vorgeschlagen: 8 ooo an. Einkommen 10 000„ 20 ooo„. 50 000„„ 100 000. 200 000 Steuern 252 M. 850. 820„ 2 500 M 5 300. 12 000 Stenern M. Einkommen 2 M. . IS.. a000•, 42_ 4 000,. SO' SOOO.„ 124' «000„ 164'.„ Von 200 000 M. an ist die Höchstgrenze des Einheitssatzes mit ie 6 M. für 100 M Einkommen erreicht. Die Ansätze der Re- gierung, bei denen die Progression schon bei 15 000 M. aufhören und der Höchstbetrag des Steuersatzes nur 4 pCt. betragen sollte. sind also wesentlich in die Höhe gezogen worden. Zum Vergleich möge beigefügt iverden, daß z. B. tu Preußen und Sachsen die Höchstgrenze 4 pCt. bei 100 000 M. beträgt. 6 pCt. haben nur Hamburg und Lübeck, und zwar bei 50 000 bezw. 100 000 M.: Baden hat für 200 000 M. nur 3�/3 pCt. In der K a m»» e r der Stau desHerren wird diese Normirung sicher erheb- lichen Schwierigkeiten begegnen.— Schweiz. »» Der Nationalrath begann am Freitag die Berathung des Gesetzentwurfes betreffend die Unfall» und Krankenversicherung. Im Name» der Koinmission erstattete Comtesse(Neuenburg) und Forrer(Zürich) Bericht. Frankreich. PariS, 10. Juni. Janräs brachte einen Antrag auf Ein- schränkung der Bestimmungen über den Ausschluß Deputirter von den Sitzungen ei» und führt aus. der Antrag solle die Deputirte» gegen Vergewaltigungen durch die Majorität schützen. Redner verlangt die Dringlichkeit für seinen Antrag, die- selbe wird aber mit 370 gegen 110 Stimmen abgelehnt. Die Kammer fetzt hierauf die Berathung über den Gesetzentwurs betreffend die Bank von Frankreich fort. Paris, 11. Juni. Der Deputirte Lokroy brachte ein Amende- ment zum Budget für das Jahr 1893 ein, wonach der Staat Grnnd- stücke und Besitzungen bis zum Betrage von 260 Millionen Franks verkaufen solle, welche zur Kostendeckung der projektirten Flotten- Vermehrung dienen sollen. Pelletan wird einen Znsatzanlrag zu dem Bank-Privilegiumsgesetz stelle»: nach dem Antrag soll die Re- gierung im Falle einer feindlichen Invasion das Recht haben, die Baarbestände und die Druckplatten für die Bankbillels der Bank von Frankreich in Anspruch zu nehmen.— Italien. Rom, 10. Juni. Der„Osservatorc Romano" veröffentlicht eine Note, welche die Weisung des Papstes einschärft, daß in Frank- reich alle Katholiken unabhängig von dem, was sie theoretisch bevorzugen, die bestehende Regierungssorm anerkennen und unter Benutzung der gesetzlichen Mittel die Gesetzgebung allmälig zu ver- besser» suchen. Der Papst richtet i» dieser Beziehung seinen Mahn- ruf an alle unparteiischen Männer jeder Schatlirung. Der Papst hat seinen Frieden mit der Republik gemacht.— Amerika. — DaS Schicksal der Auswanderer, lieber das Geschick eines große» Theils der Italiener, die nach den Ver- einigte» Staate» auswandern. sind bemerkenswerthe Enthüllungen von den, italienischen Amerikaner Cesare M o r e n o gemacht worden, welche sich im neuesten Bulletin des Arbeiter-Departements von Washington finden und von einem römische» Korrespondenten der „Frankfurter Zeitung" bekannt gegeben werde». Dort wird mit schonungsloser Offenheit aller Schwindel, alle Ausbeutung und Aus« Wucherung geschildert, denen die des Lesens und Schreibens unkundigen italienischen Arbeiter in den Vereinigte» Staaten ausgesetzt sind. Herr Moreno führt schon seit Anfang der siebziger Jahre einen Kainp gegen die Ausbeuter, und vom 29. Juni 1874 ab. wo die An Werbung italienischer Knabe», die als herumziehende Säuger ver- wandt werden sollte», gesetzlich verboten wurde, erließ der Kongreß auf seine Anregung eine ganze Reihe von Schutzgesetzen für die unglücklichen italienischen Analphabeten. Aber die Mißbräuche haben noch immer nicht aufgehört, da der Süden Italiens immer neue Opfer, von gewissenlosen Agenten angelockt, nach Amerika entsendet. Es ist unglaublich, was diesen naiven Kindern deZ Südens alles versprochen wird, frei Land, Goldmincn, und dabei der- artiger Verdienst, daß in wenigen Jahren Riesenerspan, isse ge macht werden können u. f. w. Die Reise nach den Vereinigten Staate» wird ihnen gratis gewährt. Drüben angekommen, werden sie von ihrem Agenten, der ein Landsmann ist, nicht als Arbeiter verwendet, sondern als Drehorgelspieler.i- Bettler, falsche Krüppel auf die Straßen geschickt. Sie bleiben natürlich von ihren Herren stets abhängig. Einwanderer, die Ersparnisse mitbringen, haben kein besseres Schicksal. Ohne Kenntniß der Landessprache und ohne die Kenntniß de? Lesens und Schreibens bleibt ihnen natürlich nichts anderes übrig, als sich dem ersten besten italienischen Arbeit- agenten,„xsclrvne" oder auch„boss" genannt, anzuvertrauen. Von diesem Augenblicke an sind sie Sklaven; denn falls sie auch, wenn sie es vermöchten, sich dem xaärone entziehen wollten, hält sie doch die Furcht vor der vonäetta zurück; denn die sauberen Herren paärone bilden einen Ring, der mächtiger ist als manche camorra oder masta in, Heimathlande. Der xuclrons ist gewöhnlich ein italienischer Erz- schurke, der mit allen Eisenbahn- und Dampfschifsgesellschaften, so- wie mit den Großunternehmer», die Arbeiter suchen, in Verbindung steht. Kann er einmal nicht die bestellte Zahl Arbeiter liefern, so wendet er sich an„seinen" Bankier, der natürlich auch Italiener ist, theilt ihm mit, wie viele Arbeiler gewünscht werden, wie hoch der Lohn, wie lang die Arbeitszeit, und vor allein wie hoch die„bossa- tura" d. h. die Prämie für dir Vermittlung ist. Nun hilft ihm der Bankier, und die nöthige Zahl von Arbeitskräften ist bald znsanimengebracht. Die„bosaatvira" schwankt gewöhn lich zwischen 5 und 50 Lire, und wird im Voraus und — im Geheimen bezahlt, weil der xadron« weiß, daß feine Forderung ungesetzlich ist. Außerdem läßt sich der Herr auch das Eisenbahnbillet diS zur Arbeitsstätte stets voll bezahlen, ollschon er i» den meisten Fälle» größere» Rabatt erzielt hat. Natürlich ist der padroae auch Anhänger deS Trucksystems. An den Arbeits- statten unterhält er Läden, in denen„feine" Arbeiter unter An- drohung großer Geldstrafen alle ihre Maaren entnehmen müssen, ja sogar eine bestimmte Menge täglich entnehmen nn'iffen. Abgesehen davon, daß die gelieferten Lebensmittel durchweg schlecht sind, werden sie auch noch zu Wucherpreisen losgeschlagen. Selbst die Freimarken werden doppelt angekreidet: einen Brief schreiben zu lassen kostet 25 Cints u. f. w. Der xadroae erhält zwar die Wohnungen der Arbeiler gratis, nichtsdestoweniger zahlen diese monatlich 1 bis 3 Tollars Miethe; dazu kommen nun noch Beiträg» für ärztliche Pflege, UnsaNversicherung, ja sogar für die Lampe, die das Madonnenbild beleuchtet. Und ohne Murren erträgt der arme Sklave die Bein; denn er weiß, daß der xadroas ihn gar zu gern entlaffen würde, bloS um ein« neue Arbeitsprämie eillstecken zu können. Es gehört schon die sprichwörtlich« Anspruchslosigkeit italienifcherfArbeiter dazu, wenn es trotz alledem manchem noch gelingt, Ersparnisse zu mache». Abersseldst dieS Glück hilft ihm nicht; deunderarbeitSloseWinter zehrt ihm alle? wieder auf. Dann naht sich ihm wieder der freund- liche padroae und giebt ihm frei Quartier und Atzung, fall? er sich ihm wieder verschreibt ansS nächste Jahr. So besitzen manche vadroai in Boston und Ncwyork große Unterkunftshäufer, in denen die armen Arbeiter zusammengepfercht werden, zu je zwanzig biS dreißig ans ein Zimmer. Ist es unter solchen Ilmständen ein Wunder, wenn die italienische Einwanderung in den Vereinigten Staaten nicht gerade gern gesehen wird? Ob man aber die Lehren, welche die Ent- hlillungen geben, auch tu Italien selbst verstehen wird? Sechster österreichischer sozialdemokratischer Karteitag in Wien. Wien, den 10. Juni 1897. Fünfter Verhandlnngstag. Die Debatte wird über den Punkt Partei-Organi- fation fortgesetzt. Vor Eingehen in die Tagesordnung verliest der Vorsitzende Genosse Popp eine Erklärung des Genossen Job/ der gegenüber einzelnen Mißverständnissen konstatirt, daß er lein Anhänger des historischen Staatsrechtes ist, sondern ans dem Boden des natürliche» SelbstbeftimmungsrechteS eines jeden Volke? stehe. Dr. Ellenbogen bespricht die Agrarfrage, die für uns schon wegen der Art unseres Wahlrechts von besonderer Wichtigkeit ist. ES geht nicht an, bei der Agitation bloS die Landarbeiter zu berücksichtigen, sondern man müsse auch unter Bauern agitiren Diese Frage hat bei uns fast in jedem Lande einen anderen Charakter sie muß daher zuerst wohl stndirt werden. Zur Frage der nationalen Organisationen bemerkt Redner: Die bürgerliche Politik besteht darin, den nationalen Hader anzufachen, weil fi« davon lebt Wir aber müsse» es unS zur Aufgabe machen, eine Form zu finden, die durch die Verhältnisse gegebene Separation wieder zusammenzubringen; dieses Mittel haben wir im Gesammt- Parteitag, der neben den nationalen Parteitagen bestehen soll. Dagegen halte ich eine Trennung der Partei Vertretungen noch nicht für möglich. Fischer- Schwcchat wünscht eine Aufklärung, wie die Partei steuer eingehoben werden soll; es möge eine Slatistik über die Wahb resultate angelegt werden, damit die Agitation entsprechend ein- gerichtet werden könne. W i n a r s k y- Wien polemisirt gegen jene, die glauben, durch Annahme der Anträge der Parteivertretung und der czechischen Genossen würde die Gefammtorganisation leiden. Wir können uns den Thatsachen gegenüber nicht die Augen verbinden. Früher war eS ja richtig, daß die Deutschen in erster Linie die Partei repräsentirten. Das hat sich geändert. Der Parteitag kann keine andere Haltung einnehmen, als den einzelnen nationalen Organi sationen die größtmögliche Autonomie zu gewähren. Wo in den einzelnen Wahlkreisen gemischtsprachige Organisationen bestehen, mögen gemeinsame Komitees für die gemeinsamen Angelegenheiten geschaffen werde». Es möge auch für die Ausbildung von Agitatoren inehr geschehen als bisher. Feigl-Wien bespricht die Erklärung der radikalen Rnthenen und erNärt sich von ihr nicht ganz befriedigt. Eine Partei, die sich nicht offen sozialdemokratisch nennen kann, kann man nicht in die Partei aufnehmen. Wir dürfe» dieser Partei aber andererseits keine Hindernifle in den Weg legen. damit man sie nicht in eine andere Richtung dränge. Di« Abgeordneten sollen verpflichtet sein, am Parteitage zu erlcheinen. Die Stellen der zwei Kontrolleure, die in Wien wohnen müssen, sollen jedes Jahr neue Leute einnehmen. Schuster- Linz wünscht, daß sich die Parteivertrelnng mit den Agrarverhältnissen beschäftige. An dem niedrige» Stande der Frauenorganisation sind unsere Genossen zum theü selbst schuld, iveil sie ihre Frauen nicht in die Franenorganisationen schicken. Redner tritt für die Wahlkreisorganisation ein. Eine selbständige Organisation der einzelnen Nationen würde der Tesammtorganisatio» nur Nutzen bringe». Zavertnik-Wien: Man kann unter den Bauern mit Erfolg agitiren. da? beweisen unter anderem Krain und Ungarn. Bezüglich der nationalen Organisation stehe ich aus dem Stand. punkte der czedsischen Genossen. ES geht nicht an, die Agitation von einem Zentrum aus zu leiten, wo man die Sprache der Gegenden, in denen man agitiren soll. nicht versteht. Redner tritt dafür ein, daß in Trieft ein Agitator angestellt werde. Wen» dort die italienische und slavische Bewegung stark sein wird, wird sich auch der nationale Kampf erheblich mildern. R a d i m s k y- Wien vertheidigt die czechischen Genossen gct den Vorwurf deS Chauvinismus. Wir sind national, nur im Sinne des kommunistischen Manifestes. Es ist unmöglich, international zu arbeite», wen» nicht zuvor nationale Organisationen bestehen. An diesem Mangel ist die alle Internationale zn gründe gegangen. handelt sich jetzt darum, daß auch die deutsche» wie die anderen Nationen ihre selbständigen Parteitage abHallen. Redner begründet sodann den Antrag der czechischen Organisationen. Die denlschen Genossen mögen ans diesem Parteitag ihr nationales Exekulivlomite« wählen, das im Verein mit den Exekutivkomitees der anderen Nation«» die Gefamnitpartei-Vertretnng bildet. Dr. Dia m and- Lemberg mißt der Erklärung deS Dr Jarosiewicz große Bedeutung bei. Während der letzten Wahlen halt« ich Gelegenheit, mit den rnthenische» Bauern in Be rnhrnng zu kommen, und habe bei ihnen für unsere Ideen und für die Thntigkeit unserer Partei die größte Sympathie gesunden. Leider waren die riithenischen Radikale» bisher den äußeren Einflüssen anderer rulhenischer Parteien unterworsen, so daß wir bei den Wahlen mit ihr nicht Hand in Hand gehe» konnten. DaS hat sich an nnS beiden bitter gerächt und beiden mehrere Mandate gekostet. Gelingt es uns nun, mit ihnen zu sammen zu arbeilen, so wird das für die ganze Partei von größter Bedeutung sein. Zur gestrigen„Jndendebatte" habe ich noch folgendes zu bemerken: Wir ostgalizischen Delegirlen vertreten eine Reihe jüdischer proletarischer Organisationen, wir lheilen aber trotzdem die Ansicht des Genosse» Brod ganz und gar nicht. Wir haben für die Unterstützung der streikenden Tramwaybediensteten ge sprachen, und es würde die größte Entrüstung in den jüdischen Organisationen GalizienS hervorrufen, wenn wir in einem soldie» proletarischen Kampfe nicht mit aller Energie für die Tramway bedienstetcn eingetreten wären. Unsere jüdische» Genossen wissen, daß sich die Sozialdemokratie niemals dazu hergeben wird, in Philo semitisninS zu machen. E l d e r s ch- Brünn tritt dafür ein, daß die Anträge der Partei- leitung noch vor dem Parteitage bekanntgegeben werden. Bezüglich der Frauenorganisation möchte ich nicht, daß dies« so wichtige An- gelegenheit mit der Annahme des Antrages abgethan wäre; der An- trag solle dann auch durchgeführt werden, und dieParteiverlretung solle ihre Anfinerlsamkeit darauf richten. Bezüglich der Blocks ist durch keinen Parleitagsdeichluß etwas auszurichten; ivo eine Organisation besteht, wird sie sich diese Frage selbst regeln. In Brünn werden die Gelder von HauS zu Hans gesammelt. Redner spricht sich für die Anträge der czechischen Genossen«ms und wünscht weiter, man solle eine Kom inisfio» gründen, die die Ersahrungen bezüglich der Agrarfrage sammelt. Müller- Graz: Die WahlkreiS-Organisation hat sich anS den Verhältnissen natürlicherweise ergeben. Redner wünscht die Cr nchtnng von Rechlebureaus, doch sollen Auskünfle nicht nur an Parteigenossen ertheilt werde». Der Parteitag möge sich weiter auch darüber onSsprcche», wer berechtigt ist, BlockS auszugeben. E m e t a n a- Wie»: Es wäre verfehlt, wenn man der Meinung wäre, daß durch die nationalen Organisationen die Partei zer- splittert würde; eine Zersplitterung tritt vielmehr immer dann ein, wen» man sich der natürlichen Entwickelung nicht anznpassen versteht. Die Absurdität der jetzigen Gattung von Parteitagen würde sich klar ergeben, wenn, wie die Deutschen, so auch alle anderen Nationen mit ihren häusliche» Angelegenheiten herkämen Eh wala-Wien tritt ebenfalls dafür»in, daß die Anträge der Parteivertretung schon vor dem Parteitage bekannt gegeben iverden. Wenn von den Parteigenossen vertangt wird, daß sie ihr« Anträge etliche Wochen früher einbringen, kann man das auch von der Partei- leitung verlangen. A l b r e ch t- Reichenberg: Die czechischen Genossen haben bereits die WahlkreiSorganisation eingesnhrt; der Grund dafür ist, daß sie dort überhaupt keine KreiSorganisaiionen hatten. Anders ist es in lenen Gebiete», die bereits Kreisorganifationen hatte». Bei Durch- führnng der KreiSorganisaiionen müßte die Parteileitung auch überall Leute aufstellen, die die Agitation besorgen. Stephan« Römerstadt: Es wäre angezeigt, wenn Nein« Broschüren über die Agrarfrage sowie auch Anleitungen für die Agitatoren herausgegeben würden. Redner empfiehlt weiter den An- trag der czechischen Genossen. Internationaler Kergarbeiter-Kongreß. Dritter Verhandlungstag. London, den 9. Juni 1697. Den Vorsitz führt an Lamendiu'S Stelle, der verhindert ist, I v i g n a c. Ca von den westböhmischen Bergarbeitern ist ein BegrühnngZ« telegramm eingelaufen. Die Debatte über die„Haftpflicht der Unternehmer' '"�Mö?Ier- Weitmar giebt eine kurze Darstellung der deutschen Unfallversicherungs- Gesetzgebung. Er fordert, daß außer der allgemeinen Versicherung noch eine besondere Hastpflicht der Unter- nehmer für diejenigen Unfälle eingeführt werde, die durch grobe Vernachlässigung der Verhütungsmaßregeln enlstehe». Die Akkord- arbeit, die Hauptlohnform im deutschen Bergbau, verursacht Iii meisten Unfälle. Der Stein- und Kohlenfall, eine direkte Folge der hastigen Akkordarbeit, veranlaßt die größte Zahl der Verletzungen. Wir möchten deshalb die Forderung:„Verbot der Akkordarbeit" in die Resolution aufgenominen haben. Die Bergarbeiter erhalten bei uns keine Entschädigung, wenn ihnen nachgewiesen ist, daß sie sich den Unfall durck, eigenes grobes Verschulden vorsätzlich zugezogen haben. Dasselbe muß auch für die Unternehmer gelten, sie müssen zu einer besonderen Haftpflicht für Unfälle angehalten werden, die durch ihr grobes" Verschulden entstehen. In Deutschland wachsen die Unfallcahlen in den Bergbaubetrieben geradezu er- schreckend, während sie in Belgien und England langsam zurückgehen. Die meisten Unfälle könnten vermieden werden. Daß sie passiren, ist ein wahrer Hohn aus die vorgeschrittene Technik. Die französischen und englischen Bergarbeiter haben bereits Grubeninspektoren anS ihren eigenen Reihen durchgesetzt. Auch in Deulfchland muß diese Einrichtung angestrebt werden, dann würden sich auch die Unfälle mindern, die von 6,59 auf 1000 Beschäftigte im Jahre 1836 auf 12,09,„„„„ 1S96 gestiegen sind. Im besonderen ist die Zahl der Unfälle, die zlt völliger Erwerbsunfähigkeit des Vernnglücklen führten, vo» 0,27 aus 1000 Beschäftigte im Jahre 1386 aus 0.3?„„„„ 1896 gestiegen. Die Unsallsrage schließt alle Bergarbeiterfragen in sich ein: die Lohnsrage, die Achtstnndenschicht, die Behandlung durch die Vorgesetzten, die Entschädigungs- und die Verhütungsfrage. Sie ist die dankbarste für die Agitation unter den Bergleuten, die dankbarste auch, um auf die Gesetzgebung einzuwirken. Der Staat hat die Verpflichtung, die Unfälle zu verhüten. I» diesem Sinne sind_ die sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstage beständig thätig. (Lebhafter Beifall.) Ein englischer Bergarbeiter fragt an, ob die Behauptung englischer Blätter richtig sei, daß sich die Vermehrung der Unfälle im. deutschen Bergbau einmal durch genauer« Slatistik erkläre, und andererseits durch die Unsallversicherung selber herbeigeführt wäre, weil nun Arbeiter und Unternehmer nachlässiger geworden seien. Möller erwidert, daß die frühere Statistik der Knappschasts- lassen ebenso genau gewesen sei, wie die jetzige. ES sei wahnwitzig, zu glauben, daß ein Bergarbeiter mit gesunden Sinnen sich absichtlich einen Unfall zuziehen wolle, nur um die schmale Reute zn genießen, die im Fall« völliger Erwerbsunfähigkeit nur i/t des Arbeitsverdienstes betrage. Die Aerzte konstatirten zudem sehr schwer völlige Erwerbsunfähigkeit. Sie verneinten sie sogar, wenn der Verunglückte noch in anderen Berufen, die er gar nicht ausfüllen kann, erwerbsfähig sei. Auch bei den Unternehmern ist durch die Berufsgenossenschasten die Tendenz zur Unfallverhütung gestiegen. Wenn die Unfälle trotzdem zugenommen hätten, so trügen die Ueberschichten und die Akkordarbeit die Hauptschuld. S a ch s f e- Zwickau fordert bessere Beachtung der Unfall- verhütnngs-Borschristen, die auf dem Papier in großer Vollständig- keit vorhanden wären, in der Praxis aber ganz ungenügend an- gewendet würden. DaS getrennt« Gedingefyftem � führe zur Konkurrenz unter den Arbeitern selber, die ihnen zum Sdzaden gereiche. Beseitigt müsse auch daß Tantieme-- system für Mehrsörderung an die Beamten werden, das eine Prämie für die Nußerachllassung der UnfallverhiitniigS-Vorschrifteii darstelle. Die Kaineraden der anderen Länder sollten darauf achten, daß die Gesetzgebung die Renten für die Verunglückten bei ihnen höher fest- setze, als es in Deutschland der Fall sei; besonders schlecht seien in Deutschland die jugendlichen Arbeiter im Falle eines Unglücks daran, da auch ihre Rente nach dem niedrigen Verdienst berechnet werde. Seit 1889 sei in Dentschland die Arbeitszeit wieder verlängert worden, so im sächsischen Revier von 10 auf 12 Stunden. Die Arbeitsleistuiig sei gestiegen. In den ersten Tagen der Woche kommen viel mehr Unfälle vor, als in de» setzten Tagen, wo der Arbeiter abgespannt sei. F e n w i ck(Northumberland) giebt eine Darstellung des Unfall- versicherungs-GesetzentwiirfeS der zur Zeit im Hause der Gemeinen die zweite Lesung passirt und Aussicht ans Annahme im Hause der LordS hat. Der Entwurf stellt einen beträchtlichen Fortschritt zu dem jetzigen Zustande dar. Der Entwurf unifaßt 6 Millionen Arbeiter. 7 Millionen Arbeiter bleiben noch außerhalb. Die Karenzzeit de- trägt nicht wie in Dentschland 13 Wochen, sondern nur 2 Wochen. Di« Entschädigung bei voller Erwerbsunfähigkeit entspricht dem vollen Durchschniltsverdienst der letzten drei Jahr«; verzichtet der Arbeiler ans die Rente, so wird ihm eine Siitschädigung von 3000 M. gezahlt. Damit schließt die DiSknsflon. Die Resolntio» der MinerS-Federation, die gestern mitgetheilt ist, wird einstimmig von de» Delegirtrn aller aus dem Kongreß vertrelenen Nationen angenonimen. Die Miltagpanse tritt ein. In der Nachniittags-Sitzung wird Punkt 3 der Tagesordnung „Die Arbeitslohnsrage" zur Verhandlung gestellt. Die MinerS Federation beantragt:„Der Zeitpunkt ist ge- kommen, wo für alle auf dem Kongreß vertretenen Bergarbeiter ein Minimallohn festzusetzen ist. Dieser Minimallohn soll, wenn nölhig, überall durch Kampf errungen werden." Die denlfche Delegation regt eine Erörkernng der int er- nationalen Taktik an, die bei Lohnkämpsen zu bevb- achten ist. Die englische Resolution wird von Harwey begründet: Die Frage hat viele Nalionallongresse der englischen Bergarbeiter de- schäftigt; die Miners Federation legt den höchsten Werth ans sie. Als im Jahre 1893 der Riesenkampf der englischen Kohlennrbeiter ausbrach, an dem 400 000 Arbeiter belheiligt waren, riefen die bürgerlichen Zeilungen, die Arbeiter müßten sich die von den Unter, nehiuern geplante 25proze»tige Lohureduktion gefallen lassen, weil sonst die englische Industrie ruinirt würde und ihre Herrschaft auf dem Weltmarkte an Deutschland, Belgien und Frankreich ab- geben müsse. Die Thatsachen haben diese Prophezeiung Lügen ge- straft. Die Lohnreduklion wurde verhindert, die Arbeiter blieben, nachdem sie monatelang gehungert, siegreich, und die im Jahre 1883 erzielt« 40prozentige Lohnerhöhung blieb bis ans 30 pCt. erhalten. 1896 wurden 5 699 389 TonS Kohlen in England mehr gefördert alS 1895. Die Industrie ist also noch nicht ganz vom Weltmarkt verdrängt.(Heiterkeit.) Im vorigen Jahre schlug das Versöhnungskomite« den Arbeitern vor, in eine Lohnredickiio» von 10 pCt. zunächst für zwölf Monate zn willige». Wieder wurden die alten Gründe hervorgeholt und die Grubenbesitzer drohten mit einer GeneralauSsperrnng. Die Delegirten der Bergarbeiter gingen auf de» Borschlag nicht ein. schlugen aber eine Urabstimmung aller Mitglieder vor. Trotz der Drohung der Unternehmer, trotz der Erinnerung an die Leiden von 1893 weigerten sich die organistrten Arbeiter einstimmig, ans die Lohnreduklion einzugehen. Darüber sind 12 Monate vergangen, die Löhne sind nickt herabgesehi und die Gruben storiren noch immer, lieber den angeblichen Gesetzen der politischen Oekonomie steht das Recht eincS jede» Meiischen zn leben.! höher als die Interessen der Börsenjobber steht das Wohl der Arbeiter. Der Kongreß soll sich nur prinzipiell für den Minimallohn aussprechen, die Taktik, wie er zu erringe» ist, bleibt jedem Lande überlassen.(Lebhafter Beifall.) W e i r- Schottland imterstützt den Antrag. Die schollische Bergarbeiter-Organisation lasse noch viel zn wünschen übrig, doch sei zu hoffen, daß sich auch die schottischen Kohlenarbeiter bald ans dieselbe Höhe der Lebenshaltung erheben werden, wie die übrigen englischen Kameraden. M öl ler- Weitmar: Bisher haben die Bergarbeiter dcl tnijetnen Länder ihre Lohniämpfe durchgefochten, ohne Fühlung wir de» auswärtigen Kameraden zu nehmen. Diese Talli° «st auf die Dauer nicht ausrecht zu erhalten. Der Wider- stand der Grubenbesitzer wächst, wir müssen für gegenseitige Hilfe Sorge tragen. Die Lohnfrage ist für die Bergarbeiter brennend. Eine Lohnreduktion in dem einen Lande wird sofort von den Berg- arbeitern in den anderen Ländern gefühlt. Die Lohnbewegung ist jetzt in Deutschland in energische» Gang gebracht. Die beiden Ver- bände, die sich sonst, wenigstens soweit der Verband der christlichen Bergarbeiter in betracht kommt, nicht sympathisch gegenüber- stehen, gehen in der Lohnfrage durchaus Hand in Hand. Im Prinzip sind wir mit dem Antrage der Engländer einverstanden, meine» aber, daß die Erringnng eines Mi» im all oh» es ohne mächtige Organisation fast nnmöglich ist. Wir sind deshalb ans inter- nationale Sympathien angewiesen. Was kann da geschehen? Beiden Lohnkämpfen, die uns bevorstehen, müssen uns die Kohlen- arbeiter der anderen Länder insofern unterstützen, als sie verhindern, daß keine Kohlen ans ihren Revieren in das Streikgebiet gesandt werden,»m den Ausfall zu decken.(Lebhafter Beifall.) In welcher Weife dies geschehen kann, wird die Debatte ergeben. Die erste Bedingung zu einem festen und menschenwürdigen Lohne für alle Bergarbeiter ist der internationale Zusammenhalt, der sich in der angedeuteten Weise zu zeigen hat. Nur so können wir die Berginerksvesitzer zwingen, Nachfrage und Angebot von Kohlen so ans dem Wellmarkt zu regeln, daß unsere Interesse» dabei in erster Linie geivahrt bleiben. (Lebhafter Beifall.) S a ch s e-Zwickau weist auf den Beschluß des Helmstedter Kon- gresses bin, der einen Durchschnittslohn von 4M. als Ziel aufgestellt hat. Ebenso verlangt der christliche Bergarbeiter-Vlrband einen Minimallohn. Die internationale Taktik der Bergarbeiter muß dahin gehen, den Zuzug ins Slreikgebiet zu verhindern und ebenso die Kohlenzufuhr. Das Ziel ist nicht leicht z» erreichen, aber es müssen alle Kräfte daran gesetzt werden. Die Organisation der deutschen Bergarbeiter ist schwach; die 188g erlangte Lohnerhöhung von IvpCt. hat nicht einnial aufrecht erhalten werde» können. Die Löhne sind niedrig, daher können nur geringe Beiträge für die Organisation geleistet werden und die Leistungen der Organisation sind enlsprechend gering. Der deutsche Verband erheb! nur 30 Pf. monatlichen Beitrag, und selbst diese kleine Enmme ist vielen Kameraden noch zu hoch. Wir habe» also noch viel zu thun, bevor wir das englische Muster erreiche».(Lebhafter Beifall.) C a v r o t spricht sich namens der Belgier für die Forde- rung deS Minimallohnes aus. In Belgien besteht eine Art Miuimallohn. aber verschieden für die verschiedene» Provinzen In Flandern wird er»ach den Löhnen der Landarbeiter bemessen, die»m 2 Franks pro Woche niedriger sind, als die der Industrie- Arbeiter. Der Minimallohn wird von einer Art von Arbeits- kammern festgesetzt, in denen drei Unternehmer und drei Arbeiter sitzen. Die Unternehmer sind den Arbeitern aber meistens an Ge- schäftsgewandtheil überlegen und setzen ihre Ansicht durch. Die belgische» Sozialisten fordern deshalb einen gemeinsamen Minimal- lohn für das ganze Land.— Redner tritt dem Vorschlage der deutschen Delegirten bei. L a ni e n d i n(Frankreich) schließt sich gleichfalls diesem Plane und der englischen Resolution an. Aoung(Northumberland) bekämpft unter lebhaftem Widrr- spruch der Kongreßmehrheit die Forderung des M niinallohnes. Er macht auf das Ans und Ab der Konjunktur aufmerksam»nd halt es für ausgeschlossen, daß sich ein Dtlnimallohn dauernd aufrecht erhalten läßt. Die Produktion würde in vielen Gruben dadurch unrentabel iverden; Arbeiterentlassnngen wäre» die Folgen, die Nein«» Grubenbesitzer würden ruinirt.(Große Unruhe.) Die weitere Debatte wird auf morgen vertagt. XV. Kongreß fnr innere Medizin. In der Freitag> Vormitlagssitzung führte Geheiinralh Senator Berlin den Vorsitz. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Au- aelegenheiten hielt Geheiinralh Eulenbnrg-Berlin seinen Vortrag Uber Basedow'sche Krankheit. Die seltsame Krankheit tritt in recht mannigfaltiger Form auf, zum theil zeigt sie eine Reihe ausgesprochener Erscheinungen, wie hochgradiges Herzklopfen, Ver- größerung der Schilddrüse(Kropf), Glotzaugen, Zittern; in anderen Fällen wieder, bestehen nnvoUkoinmene sogenannte rudimentäre Formen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte habe» sich verschiedene Grundanschaunngen über das Wesen und die Eni siehung der Krankheit gebildet, die sich gegenseilig ergänzen. Man sieht danach de» Ausgangspunkt der Erkrankung in einer fehlerhasten Blulmischnng, einer ursprüngliche» Affeklion des Nervensystems und endlich in einer besondere» Erkrankung der stets vergrößert gefundene» Schilddrüse. Wahrscheinlich bestehen alle drei Theorien zu Recht; sie haben denn auch, ihrer theilweiscn Be- rechligung entsprechend, allesammt für die Behandlung der Krankheit schätzbares geleistet. In betracht kommt die Verabfolgung der die Blutbeschafsenheit bessernden Medikamente, mehr noch die An Wendung allgemeiner Kiirmitlel, wie Diät, Warm- und Kallwasser kuren, Höhenklima, elektrische und seelische Behandlung und endlich die in letzter Zeit vielfach befürwortete Voinahuie operativer Ein- griffe. Ueber die theiliveise Ausschneidnng der vergrößerten Eckild- brüst und ihre» Heilwcrth sind die Meinungen noch gelheilt; allzu viel wird die Operation schwerlich leisten. Vollkommen erfolg los ist die Behandlung mit den viel genannten Schilddrüsen Präparaten geblieben. Man muß daran festhalten, daß eine Heilung der Krankheit in vielen Fällen zu erreichen ist, und daß es Sache des erfahrenen Arztes sein wird, unter de» zu Gebole stehenden Mitteln diejenigen anzuwenden, welche dem Einzelfalle am meisten entsprechen. Nach einem in dasselbe Gebiet einschlagenden Vortrage von Dr. Matthes-Jena hielt Geheimrath Liebreiw-Berlin seinen mit einer gewissen Spannung erwarteten Vortrag über die Ziele der modernen medikamentösen Heilkunst. Es giebt— wie Redner ausführt— verschiedene Methoden der Behandlung, die von ganz abweichenden Grundanschaunngen ausgehen. Die Pharmaka- dynamische Richtung beruht auf der Anwendung arzlneiticher Mittel, deren es, dank der Einwirkung der modernen chemischen Anschauung, jetzt eine schier erdrückende Fülle giebt. Ihre An- Wendung geschieht nicht wehr auf der Grundlage zufällig gemachler Erfahrungen, sondern erfolgt nach natnrivsssenschafllichen Grundsätzen. Mögen auch viele von ihnen überflüssig erscheinen, so muß doch ein so gewaltiger medikninentöser Apparat eine gewisse Zuversicht dem Arzt und dem Kranken verleihen.— Eine zweite Richtung will auf die Krankheitsursache einwirke». Welches ist diese Ursache? Sind es wirtlich die viel genannten Bakterien? Liebreich steht hier auf einem ga»z anderen Boden als die überwiegendc Mehrzahl der Forscher. Er sieht in den Bazillen nicht die eigentlichen Krankheit?- erreger. Soll z. B. der Tuberkelbazillus in den Lungen Boden ge- Winnen, so müssen sich i» diesen bereits Vorgänge abgespielt haben, welche eine Ansiedelung des Bazillus ermöglichen. Im gesnude» Körper gedeiht der Bazillus nicht. Mit der Vernichtung desselben ist darum noch nicht dos höchste Ziel erreicht; die Krankheit besteht fort. Erst wen» die kranke Zelle gesundet, kann sie den feindliche» Bazillus ausstoßen. Also die Zelle, nicht der Bazillus bildet in erster Linie den Angriffspunkt. Ans diese» Gründen steht Liebreich den modernen Behandlnngsinelhoden von Koch, Behring u, a. ungläubig gegenüber; auch von dem neu angekündigten Tuberlnlosc- Serum Behring's, welches das neue Tuberkulin Koch's noch weilans übertreffen soll, verspricht er sich nichts. Die Bedeutung des Diphtherie- und Starrkrampf- Serums müßte vor allem durch ein- waudsfreie Thierversuche erwiesen werde»; an solchen fehlt es in» dessen bisher. In der Diskussion zu diesem Vortrage traten die Professoren Goldscheider und A. Baginsky, ersterer auf grund mikroskopischer Befunde, letzterer ans grnnd seiner Erfahrungen am Krankenbelle, ziemlich energisch für die von Behring eingeführten BehandlniigS- Methoden eil» während Professor Behring selbst seine Gegner durch überzeugende Thierversuche, für welche er sein Serum zur Verfügung stellt, zu bekehren hofft. Der dritte größere Bortrag von Professor Benediet-Wien behandelte die Berwendung der Röntgenstrahlen in der inneren Medizin. Bisher haben die X- Strahlen der chirurgischen Wissenschaft wesentliche Dienste geleistet durch Sicherstellung der Diagnose und durch Anleitung für den Operationsweg. In neuerer Zeit hat auch die innere Medizin mancherlei werthvolle Anregung ans der Anwendung der Röntgenstrahlen geschöpft. Insbesondere hat man die Lageverhälb nisse der inneren Organe, besonders in der Brusthöhle mit ihrer Hilfe zu bestimmen vermocht. Die Bewegung des Herzens, seine Be ziehung zu den Nachbarorganen u. a. m. läßt sich oslmals besser als mit anderen Untersuchungsmethoden feststellen. Auch die krankhaften Verhältnisse werden vielfach aufgehellt. Bei den Organen der Bauchhöhle ist man weniger weit vorgeschritten imnierhi» berechtigt die Einführung der vielgenaiuiUn Strahlen in die Unlersnchnngsmethoden der inneren Medizin zu den schönsten Hoffnungen. I» der Diskusston zu diesem Vortrage wurden mehrfach Ver- besserungen der Technik angegeben und auf die Bedenlung der Methode für die Erkenutniß gewisser Brustgeschivnlste rc. hin gewiesen._ Gemevlifchafkliches. Berlin und Umgebnng. Der Redakteur der„Bildhauer-Zrituiig", Gen. Du von in Berlin, ist von dem zweiten Vorsitzenden des hiesigen H i r s ch- D u n ck e r'schen Ortsvereins der Bildhauer, einem Herrn Mohr, bei der Staatsanwaltschaft wegen öffenllicher Beleidigung auf grund von tz 186 des Slrasgesctzlaichs denunzirt worden. Die„Bildhaner-Zeitniig" bemerkt dazu:„Alle Ehre diesen Prinzipien eines Geiverkvereinlers! Wäre es ihm um eine Sühne unseres„Vergehens" zu thun gewesen, so hätte er ein kollegiales Schiedsgericht angernfe» oder eine Privatklage an- gestrengt, aber es lag ihm wohl vielmehr daran, seine Rache zu kühlen." An die Maurer Berlins und der Provinz Brandenburg. Kollegen! Seit 14 Tage» besinden sich die Maurer in Osterburg im Slreik. Sie fordern 2b Pf. Stundenlohn und zehnstündige Arbeils- zeit. Bisher betrug der Lohn 23 Pf. bei elsnündiger Arbeitszeit. Am Ort wird eine Gasanstalt gebaut und sind die Maurerarbeiten in Subinissio» an Herrn Architekt Hempel in Berlin vergebe», der iviederuni den Auftrag an eine» Osterbnrger Meister übergab. Dieser Herr hat nun hartnäckig die Forderungen der Maurer abgelehnt. Da die Arbeit aber sehr dringend ist, so will nun Herr Hempel die?lrbeit der Maurer verrichten lasse». Es erscheinen desKalb fortgesetzt im„Lokal- Anzeiger" und in Provinzialblättcrn Annoncen, in welchen Maurer bei hohem Loh» gesucht iverden. In Berlin besorgt Maurerpolier Kapinsky. klastanien-Allee 63, die Anwerbung, und am 3. Pfinstlag sind bereits 12 Mann in Osterburg angelangt. Wir fordern sänimlliche Kollegen ans, diese Miuheilniig zu beachten, damit die Maurer in Berlin sowie in der Provinz Brandenburg nicht den Streikenden de» Kampf erschweren. Desgleichen ist der Zuzug von Maurern nach Potsdam, Spandau und Forst i. L fernzuhalteii. Die Agilationskommission der Maurer der Provinz Brandenburg H. S i l b e r s ch m i d t. Schöneberg- Berlin, Apostel Panlnsstr. 2. Tie Maurer Berlins beschlossen gestern Abend in einer von etwa 3606 Theilnehmer» besuchte» Bersauimlnng heut(Sonn- abend) an alle Unlernehnier, welche»och nicht den Stundenlohn von 66 Pf. zahle», diese Forderung zu stellen,»nd wo dieselbe nicht be- willigt wird, am Montag, den 14. d. M. die Arbeit niederzulegen. Deutsches Reich. Zum internationalen Textüarbeiter-Kongrrß in Roubaix. Das Schreiben, welches der Nationalrath der französr- schen Arbeiterpartei an die deutsche Parteileitung gerichtet hat, lautet: Der Nalionalrath der französischen Arbeiterpartei wünscht Ihre Aufnierkfnmlcit ans den dritten internationalen Jahres- kongreß der Textilarbeiter zu lenken, der von, 9. b i s 14. A u g n st in R o» b a i x tage» wird. Obgleich schon im Februar von dem Organisationskomitee des Kongresses Einladungen an die deutsche» Arbeileroiganisalionen geschickt worden sind, o zähle» wir doch darauf, daß Sie die Spinner, Weber, Kam in er, Färber, Slppreteure u. s. w., welche der Sozialdemokralie angehöien, an ihre Pflicht »nd an ihr Interesse erinnern, sich zahlreich auf diesem Kongresse vertreten zu lassen. Sowohl von, Gesichlspnnkt einer augenblicklichen Verbessernng ihrer so lranrigen soziale» Lage als vom Gesichlspnnkt der voll- räudigen Emanzipation des Proleiarials durch den Tr'nmph des Sozialismus, ist es von Wickiligkeit, daß die Millionen der Arbeiter und Arbeilerinnen in der Textilindustri» über die Landeegrenzen hinweg die Bande der Solidarität befeftigen. Brüderliche» Gruß! Der Nationalrath: Carnand, Rene Chauvin, Farjet, Fortin, Ferro»!, Jules Guesde, Jonrde, Paul Lafargne, Maussang, Ronssel, Sauvanet, Aline Valette. Zevaäs. Ein Streik der Weber ist, wie schon kurz niitgetheilt, i» Reichenbacd in Schlesien bei der Firma Wey! u. Nassau ansgebrochen. Ma» schreibt uns darüber noch: Als die Arbeiter am Mittwoch nach de» Feiertagen die Arbeit wieder beginnen ivollten, wurde ihnen durch Anschlag bekannt gemacht, daß nach Ablauf der Kündignngssrist eine Lohnherabsetznng von lv— 30 pCt. eintreten werde. Die Weber und Weberinnen, deren Verdienst ohnehin diirchschniltlich pro Woche nnr 8.76 M. beträgt, weigerlen sich des- halb, die Arbeit zu beginnen. Verhandlungen, die mit Hilfe eines Polizeitommisiars»nd des Gewerbe-Jnspekiors stattfanden, führten zu keinem Ausgleich, da die Inhaber der Firma sich nur dazu verstanden, die Lohnherabsetzung um ein geringes zu milder»; ie müßten, so erklärten sie, eine Lohnherabsetzung vor- nehme», da das Geschäft schlecht ginge und auch die Konkurrenz niedrigere Löhne bezahlte als sie. Letzteres trifft aber nicht zu. Das Geschäft kann auch nicht so schlecht gehen, denn die Fabrik wird vergrößert; wie nberhanpt die Fabriken der Textilindustrie im Kreise Reichenbach in Schlesien sorlmährend vergrößert werden. Ferner spricht auch die Thalsache, daß die Finna de» Gang der Webstühle nm 16 pCt. beschleunigen will, nicht gerade für einen chlechten Geschäftsgang. Genügendes Entgegenkommen haben die Weber»nd Wederinnen bewiesen, denn sie sind bereit, sich eine Lohnherabsetzung von 5 pEt. gefalle» zu lasse», falls die Gangart der Stühle eine schnellere wird; außerdem sind sie bereit— falls das Geschäft wirklich schlecht geht—, in eine Verkürzung der Arbeitszeit zu willigen; sie sagen sich ganz richtig, daß sie dadurch weniger als durch eine Lohnherabsetzung gc> troffen werde». Leiderbeharri die Firma aus ihrem kapitalistischen Stand- punkt. 460 Weber und Weberinne» müsse» also versuchen, durch einen Streik, dieLohnherabsehung abzuwehren. DenPfeifelspulern und Maschinenscheerer»— etwa 160 Personen, für die jetzt die Firma keine Arbeit hat— ist erklärt ivorden, daß sie sich nur den Streike»- den anschließen sollte». Diese Arbeiter wollen nun de» Lohn sür die Zeit bis zum Ablauf der Kündianngsfrist einklagen. Die Ausständigen bille» die Arbeiter Teutschlands um Unter- tützniig. Gelder nimnil die Expedition des„Proletariers ans dem Enlengebirge" in Ober-Langenbielan entgegen. Ueber den Tischlcrstrcik in Stettin wird»nS berichtet: Die Zahl der Streikenden hat sich ans 130 Verheirathete, die 206 Kinder haben, und bll Ledige rednzirt. Der Arbeitgeberdnnd arbeitet mit allem Hochdruck, um fremde Arbeitskräfte heranzuziehen. In ihrer letzten Versaminluiig beschlossen die Fabrikanten und Meister, die Hilfe der Polizei m, zurufen, damit die Posten der Streikenden vom Bahnhos entfernt werden, serner die Baupolizei daraus ans. merksnm zu machen, daß i» ganz unvollkommeneii Baute» streikende Gesellen Werkstätten eingerichtet hätte». In einen» letzte» Schreibe» geben sie die Erklärung ab, daß sie jetzt auch eden schriftlichen Verkehr mit der Slreikkomniission ablehnen und bedingnngsloses Aufnehmen der Arbeit verlange». Die Etreikkommtssion ersucht die Berliner K o l l e g en. mehr darai, hinzuwirken, daß der Zuzug nach Siettin»"t-rblerbt. Die Kon, Mission des Arbeitgeber- Bundes versucht hanplsachlich an� Ber>6« Arbeilskräfte zu gewinnen. Also energisch den Zuzug»ach Stella, fernhalten. In Wolgast ist der Tischlerstreik in der Kr»ft' schen Fabrik zu gunst«» der Arbeiter beendet. Samiiitliche �.isch.er haben die Arbeit wieder angetreten. Der Gcschäfissührer Züge der Fabrik hat sich aus unbekannter Ursache das Leben genonunen. Der Prozeß«in die Dcmmlcr'sche Erbschaft, mit dem uch die Gerichte ansi Btranlassmig der Schweriner Manier nno Zimmerer seit mehrere» Jahren zu beschäftigen halten, ist, ivie oer „Grundstein- mittheitt, nun endgiltig entschieden. Das Reichs- gericht hat das Urtheil des meckleubiirgischen Oberlandecgerichies. das de» Klägern nicht günstig war, b e st ä l i g t. Die Aachvereint der Maurer niid Zimmerer sind somit mit ihren aus dem Te>tamenr begründete» Ansprüchen ans die von Baurath Dcmniler sür sie aus- gesetzten Legate endgiltig a b g e w i e s e». Tie Senats- Kommission für die Prüfung der Arbeits- Verhältnisse im Hase» Hamburgs hält, wie das„H iinb Echo millheilt, noch fortlausend. entiveder mit den Unternehmern allem oder mil Unternehmern und Arbeitern gemeinschafllich, Sitzl-nge» ab. In den letzte» Sitzungen hat sich die Kommission mit den Lohn- listen beschäfligl. Die Maler in Gmünd in Württemberg fordern den Z'it- stundentag und 40 Pf. Slnndenlehn. Die Meister wollen bei elf- stnndiger'Arbeitszeil nnr 33 Pf. Slundenlohn zahlen. In Frankcuthal in der Rheinpfalz stehen seil Sonnabend 25 Knser und Hilfsarbeiter der Franke II thaler Faßfabrik im Slreik. Ausland. Tie Errichtung eines schwedischen SteinhanervcrbandcS, nach dem Muster deS dänischen und norwegischen, wuroe auf dem ziveüeii skandinavischen Sieinhauerkongreß in Karlshamm in Schived-n beschlösse». Die übrige» wichtigeren Beschlüsse des Kongresses sind: Es soll überall zunächst der zehnstündige Aibm-tag durchgeseizt werden. Düe Abschaffung der Akkordarbeit wird als wn schensivcrlh bezeichnet. Tie Gründung einer ReisennterstützUngs-Kasse soll so bald ivie möglich vorge»on»»eli werden. Die Gründung einer Slreik- lasse wurde ebenfalls beschlossen. In Zukunft soll in jedem der drei Perbandsländcr alljährlich ein Nationalkongreß und jedes dritte Jahr ein allgemeiner skandinavischer Kongreß abgehalten iverden. Der Kongreß in Karlshamm war von 31 Vereinen beschickt. Soziales. Züricher Arbriterschntz-Kongreß. Die A l l e m a n i st i s ch e Gruppe im Pariser Gemeiuderath hat die Beschickung des " Ü r i ch c r Arbeileischntz-Kongresses abgelehnt, weil dort auch arteien vertreten sein werde», mit denen sie in Frankreich zu kämpfe» hat. Tie Verwaltung der städtischen ArbritSnachweiSstclle in h a r l o l t e n b n r g beruft ans de» 13. September eine Besprechung über die einheitliche Gestaltung der städti- schen Arbeitsnachweise nach Karlsruhe ein. Bon den Kapitalien der deutschen Alterö- und Invaliden- vcrsichcriiiigs- Austaltc» sind, wl- amllich miigclheilt wird. 12 Millionen Mark für den Bau von Arbeiterwohnungen, 13 Mill. Mark zur Befri>-digu»g des landwirthschaftlichen Kredilbcdürfnisses. 6 Millionen Mark für den Bau von Krarke»- und Rekonvaleszenten- Hänser». Herbergen zur Heimath, Volk-bädern, Kleinkinderschulen. sür Spar- und Konsinnvereiile und ähnliche Einrichtungen hergegeben worden. In Bayern gab es Ende 1896 36 404 Wirthschasten gegen 35 987 um die gleiche Zeit des Vorjahres. Somit ist eine Mehrnng von 467 zu verzeichne», die mit wenigen Ausnahmen aus die Slädle fällt. Kakao- und Kaffee-Vei brauch in Teutschland. Der Verband deutscher Chokoladefavrikanlen hat eine Stnlislik über die Aenderung des Verbrauchsverhältnisses zwischen Kakao und Kaffee in Deutsch- land aufgestellt. Das Verhältniß läßt sich ziemlich genau bestimmen nach der Menge des in das dentfche Zollgebiet zum inländilchen Verbrauch eingelührte» Roh-(Bohnen-) Kakaos und Rohkaffees. Hieraus ergiebl sich, daß innerhalb der letzten 13 Jahre(1334 biS 1896) der Kakaoverbrauch in Tenlschland um 3IS pCl., der Kaffee« verbrauch aber nnr nm 17 zCt. zunahm. Der Kalaoverbrauch stieg also 18,»al stärker als der Kaffceverbranch. Während der Naffeever, brauch nur wenig mehr zunahm, als die Bevölkerung wuchs, be- rechnete sich im Zeilraume 1831/36 der Kakaoverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung mil nur 0,01 Kilogramm jährlich, 1891/96 dagegen mit 0,16 Kilogrami», also dem 16sachiN. Depvfitzen und letzte MscheiLtzkett. Frankfurt a.M., ll.Jnni.(B. H) Wie der„Frankfurter Ztg.- aus K, e t Megraphut ivird, ist Otto Barlels, ein bedeutender Bau» materialienhändler daselbst,»ach Ausstellung falscher Wechsel im Betrage von 100 060 M. flüchtig geworden. Wien, 11. Juni(B. H.) Di- Friedensverhandlungen sind, wie hiesige diplomatische Kreise bestätigen, in ein günstiges Siadium getrete». Der Sultan soll sich sehr nach- giebig zeigen und bereits in die Belassniig Thessaliens bei Griechenland eingewilligt haben. Er soll sich mit unbedeulendc» strategischen Grenzrcgnlirungen, in welche nnr Meluna, nicht aber, ivie von englischen Blättern versichert wird, Tnrnowo unc> Trikkala— einbegriffen ist, begnügen. Die Eni« Schädigung für die Kriegskoftcu soll auf vier Millionen P,»»d festgesetzt werden. Die Kapitttlationen bleiben mit einige» Ab- ändernngen bestehe». Eine geniischle militärische Kominission wird mit der Grenzberichligung beanstragl iverden. Wien, 11. Juni.(B. H.) Bei Erdaush-bnngsarbeilen behufs einer Gasrohrlegnug in Favorilen ersolgle cm Erdeinstnrz, wodurch eine Anzahl Arbeiter verschüttet wurden. Zwei der Verunglückten sind todt, mehrere verletzt, zwei werde» noch vermißt. Budapest, 11 Juni.(W. T. B.) Der Finanzansschuß deS Abgeordnclenhanscs nahm eine Vorlage an belreffend die Berlänge» rung der im Vorjahre gewährten Erhöhung der Znckerpräiiii«. Finanzuiiniftcr Lukacs und Koloma» Tisza halte» e>klärl, die Maß« regel entspreche nicht allein den österreichische», sondern hanpisächlich den wirthschaslliche» Jiueressen Ungarns. Bukarest, II. Juni.(W. T. B.) I» den letzten Tagen gingen neuerliche lliegengüsse über ganz Rmiiänicn nieder. Die Ver» bindiiiigen mit der Moldan sind unteibrochen, viele Döcser über» schivemlnt, der Schaden ist sehr beträchtlich. Belgrad, II. Juni.(B. H.) In der Nähe von Knlsckewo wurden der Oberst Vlahovic und der englische Reisende Bliglh von enlspiungencu Slräslingen überfallen. Die Angegriffene» wehrten sich mit äußerster K'asl und schließlich gelang es ihnen mit Hilf« einer Polizeipalrouille, die Räuber in die Flucht zu schlagen. London," Jilni.(W. T. B.) In der henligen Sitzung deS inlernalionalen Bergarbeiter- Kongresses wurde nach lcbhaflcr Tebatle eine 51' iion angenouunc», welche die Anstellung von Bergwerks-J»� u ans den Reihen der Bergarbeiter verlangt. Koustantiuopcl, 11. Juni.(B. H.) Hier wurde ei» Komplott entdeckt, welches die N>cdeniietzrlmig armenischer Chrinen in Castelli plante. Eine Anzahl Muselmanen wurde» verhaflet. New-Dork, 11. Juni.(W.T.B.) Wie eine dem„N.-P Herald" a»> Buenos-Ayres zugegangene Depesche nicldel, soll a» der argenlinische» Küste das»ruguayische Kanonenboot„Suarcz" eine Streiiinachl ge- landet haben, wobei ein argentinisches Schssf zn»> Sinke» gebracht worden sei. Die argentinische Alegiernng habe darauf eines ihrer Kanoiiciiboole mir dem Beiehl ansgesandl, das Kanonenboot„Suarez- zu kapern. Man desürchle ernste Verwickelungen. Buenos-ölircs, II. Juni.(B. H.) Das Schiff„Snarez- wurde an de» argenlinische» Küste von einen» venezolanischen Schiff in den Grund gebohrt. Einzelheiten fehlen. Beranlworllicher Redakteur: August Jarobey in Berlin. Für den Jnscralentheil veraniworilich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Atax Badiug in Berlin. Hierzu Ä Beilage». »-»«■ wi"!- 1. KkilW des„Dmilris" Snliiler WsM--»»»»� i«»» f ev Streik dev AVrvnev �vÄMivAtz� Augelkellten. In der österreichischen Hauptstadt hat während der drei Pfh.�stfeiertage ein Generalstreik im gesammten Straßenbahn- wesen stattgefunden, der für die Arbeiter siegreich beendet worden ist. Anfänglich hatte es geschienen, als wenn sich der Streik auch auf die Wiener General-Omnibus-Gesellschaft und die Ocsterreichische Omnibus- Gesellschaft ausdehnen werde; doch kamen diese beiden Kompagnien den Angestellten mit Zugeständnissen entgegen, sodaß sich der Streik auf die Große Wiener Tramway(theils Pferde-, theils elektrische Bahn) beschränkte. Es handelt sich bei dieser um eine sehr reiche Aktiengescllsäiaft, deren Dividenden von Jahr zu Jahr stiegen, bei der aber die Angestellten in einer Weise ausgebeutet wurden, die noch weit über das hinausgeht, was wir von ähnlichen Gesellschaften im Deutschen Reiche ge wohnt sind. Die Forderungen der Arbeiter, wegen deren in der Woche vor Pfingsten mehrfach mit der Direktion verhandelt wurde, waren die denkbar bescheidensten. Sie verlangten eine Lohn- erhöh ung von 30 Krenzern pro Tag; ihr Hanptstreben richtete sich aber auf die Erringung des zwölf- stündigen Arbeitstages, während sie bisher einen 15-, 16- und mehrstündigen Dienst zu verrichten hatten. Um eine solche Arbeitsleistung ans den Ar- beilcrn herauspressen zu können, hatte die Gesellschaft mit wahrhaft teuflischer Rasfinirtheit den sogenannten„Unter- brcchnngsdienst� geschasten. Dabei arbeitet der Angestellte erst ca. 8 oder 9 Stunden, um dann nach einer mehrstündigen Ruhepause noch einmal den Dienst anzutreten und eine ähn- liche Arbeitszeit zu absolviren. Der Alaun stand bei dieser Einrichtung von 5 Ubr morgens bis 1 Uhr nachts im Dienst, allerdings unterbrochen von einer mehrstündigen Pause, die aber, wie jeder Arbeiter weiß, unter solchen Umständen so ant wie werthlos ist. Das anfängliche Entgegenkommen der Gesellschaft bestand darin, daß sie die Arbeitszeit ans 14 Stunden— verkürzen, den Untcrbrechungsdienst aber bei behalten wollte. Da legte denn am ersten Pfingstfeicrtage früh nach voraust gegangenen fruchtlosen Unterhandlungen das gesammte, über 3000 Mann starke Personal die Arbeit nieder, und die Wiener mußten sich während der Festtage trotz des gesteigerten Per- kchrsbedürfnisses ohne Straßenbahn bchelfcn.— Die Streikenden waren keineswegs Sozialdemokraten. Die Mehrzahl der Tramway- Angestellten ist christlich- sozial (antisemitisch) oder indifferent, während sich nur wenig« Sozialdemokraten unter ihnen befinden. Trotzdem haben natürlich die österreichischen Sozialdemokraten den Streikenden ihre volle Sympathie erwiesen. Auf dem gleichfalls während der Pfingstfeicrtage abgehaltenen österreichischen Parteitage unserer Partei beschloß man eine Sympathie- Erklärung für die Streikenden, beauftragte die Parteileitung, einen Geldbetrag an da? Streikkomitee abziffiihren, und veranstaltete auch gleich auf dem Parteitage eine Sammlung zu gunsten der Streikenden. In die Streikleitung haben sich unsere Genoffen natürlich nicht gedrängt, da das ganze Unternehmen «inen christlich- sozialen Anstrich hatte. Die Antisemiten ver- anstalteten denn auch öffentliche Sammlungen zu gunsten des Streiks. Die Leitung lag wesentlich in de» Händen der anti- semitischen Ageordneten Dr. Geßmann, Axmann, Bielohlawek, Prohazka rc., die auch in den Versammlungen der Streikenden die Referate hielten. Die Unterhandlungen mit der Gesellschaft führte hauptsächlich der antisemitische erste Bürgermeister von Wien, Dr. L u e g e r. Man muß anerkennen, daß sich dieser für die Jntercfsen der Streikenden lebhaft verwandt hat. So sagte er unter anderem in einer Sitzung des Wiener Gemeinderaths am 4. d. M., wo er wegen seiner Stellung zu den Streikenden angegriffen wurde:„Ich erkläre, daß, wenn der Verkehr nicht in der Weise aufrecht er- halten wird, wie es der Vertrag vorschreibt, ich von dem der Gemeinde zustehenden Rechte rücksichtslos Gebrauch machen werde.(Dcnionstrativer Beifall links.) Ich kann nur sagen, daß meine volle Sympathie de» Bediensteten der Tramway�Gesellschaft gilt, und muß es lief bedauern,�daß sich ei» Gemeinderath gefunden hat, dessen Sy»>patkie auf Seite der Gesellichaft ist."(Teinonstrativer Beifall links. Stürmische Bravorufe auf der Gallerte.) Wie iveit diese Stellungnahme von Parteirncksichten diktirt war, wollen wir nicht weiter untersuchen. Alan weiß ja zur Genüge, wie traurig sich die Wiener Christlich-Sozialen sonst bei Arbeiteransständen, aus denen die Parteihäuptlinge kein politisches Kapital schlagen konnten— wir erinnern an die Streiks von Neunkirchcn und Ostrau— aufgeführt haben. Ui d onssollig ist es jedenfalls, daß das antisemitische„Deutsche Volksblott' bei seinem Aufruf zu den Sammlungen darauf hinwies, daß es die antisemitischen Wähler seien, um die es sich handele. Nun, jedenfalls haben sich auch diese Arbeiter im Streik sehr gut gehalten. Sie standen, nachdem am 4. d. M. und am Heiligabend noch fruchtlose Verhandlungen zwischen den Telegnlen der Arbeiter und den Direktoren der Gesellschaft im Bnrcau des Dr. Lnegcr stattgefunden hatten und die Parole zum Streik ausgegeben worden war, wie ein Mann und haben in dieser Haltung auch bis zum Schluß aus- geharrt.— Am ersten Feiertag früh um 5 Uhr versammelten sich die Bediensteten nochmals in den einzelnen Reinisen, nm, nein von seile der Gesellschaft Zugeständnisse erfolgen sollten, sofort in Dienst treten zu können, andernfalls aber die Aus- fahrt zu verweigern. Es wurden keine Zugeständnisse gemacht, — und die Ausfahrt wurde verweigert. Die Gesellschaft setzte— ähnlich, wie wir es beim Hamburger Streik gesehen haben- Himmel und Hölle in Bervegung, um mit Streikbrechern den Verkehr ausrecht zir erhalten. Trotz- dem sie außer dem Tagclohn noch 2 Gulden pro Arbeiter mehr bot, und trotzdem theils die höheren Beamten den Fahr- dienst verrichteten, theils Leute fuhren, die mit Pferden gar nicht umzugehen wußten, gelang ihr dies incht. Es war aber nicht nur der Verdienstentgang, der der Gesellschaft nnangenehm wurde, sondern mehr noch die von der städtischen Behörde in ?l»ssicht stehende Uebcrnahme der ganzen Tramway in die städtische Verwaltung. Der Gemeinde Wien räumen nämlich die Vertragsbestimmungen zwischen ihr und der Tramway- Gesellschaft das Recht ein, wenn letztere ihren vertragsmäßigen Verpfiichtnngen nicht nachkonimt, einen Theil der Kaution oder die volle Kantion für verfallen zu erklären, sowie auch Geld- strafen zu bestimmen. Außerdem ist aber die Gemeinde be- fugt, die S e q u e st r a t i o n über das Unternehmen aus- zusprechen, wenn dasselbe nach vorhergegangener Wiahnung dem Vertrage nicht gerecht wird. Solche Mahnschreiben gingen nun in geharnischter Form an die Gesellschaft ab. Und hatte diese sich anfänglich auch auf das Hochmüthige und Protzenhafte hinausgespielt, den An- gestellten mit dauernder Entlassung, Strafverfolgung und der gleichen gedroht, so genügten doch drei Tage treuer Arbeitersolidarität, um die kapitalistische Gesellschaft zu größerem Entgegenkommen zu bestimmen. Während der Pfingsttage war im Rathhans ein Permanenz dienst eingerichtet. Mehrsach konferirte der Oberbürgermeister Dr. Lueger mit dem Statthalter Grafen Kielmansegg und dem Ministerpräsidenten Grafen Badem in Sachen des Streiks. Und in einer Besprechung, die am Dienstag Nachmittag statt fand und an der sich die Herren Statthalter Graf Kiel- mansegg, Sektionsches v. Wittek, der Rcgierungskommissar der Tramway, Statthaltereirath v. Kutscher«, Bürgermeister Dr. Lueger und Vizepräsident der Gesellschaft Popper betheiligten, hat sich denn die Gesellschaft zu Bewilligungen Herbeigelaffen, die da von den Arbeilern Geforderte zwar nicht erreichten, aber doch von diesen akzeptirt worden sind. Die Zugeständnisse der Trannvay- Gesellschaft bestehen, wie wir bereits berichtet haben, hauptsächlich darin, daß der Unterbrechungsdienst jeden Be diensteten nur einmal wöchentlich trifft, daß alle Kategorien der Bediensteten mit Ausnahme der Kondukteure eine tägliche Lohnerhöhung von 10 Kreuzern erhalten, und schließlich, daß alle Bedienstete nach dem zweiten Dienstjahre ständige und nach zwölfjähriger Dienstzeit definitive Angestellte werden. Wir find weit davon entfernt, die vermittelnde Haltung einiger österreichischer Regierungsmänner und namentlich das Eintreten des Dr. Lueger für die Streikenden zu überschätzen. Die besonderen Parteiverhältnisse, die bei diesem Streik in Frage kamen, haben eben sehr mitgespielt. Aber eigenthümlich berühren muß es uns Reichsdeutsche doch, wenn wir diese verhältnißmäßig anständige Behandlung österreichischer streiken der Arbeiter in Vergleich stellen zu den Vorgängen beim Harn burger Hafenarbeiter-Streik. Wer erinnert sich nicht der damaligen Rede des Herrn von Bötticher mit dem Wort von den„frivolen Arbeiterforderungen"? Und ob unser Berliner Ober-Bürgermeister in einem ähnlichen Fall nicht weit hinter dem österreichischen Antisemiten zurück bleiben würde?_ Achter evangelisch-s-xwler Kongreß. Leipzig, den 10. Juni ISS7. In der Bornnttagssitzung wurde nach Schluß der Debatte sol- gende Resolution angenommen;„Der Kongreß spricht seine Ueber zeuguug dahin aus, daß die christliche Beurlbeilung des Eigenlhuins weder aus asketische noch auf konniuiniftische Ideale verpflichtet. auch ihrer ZIrl nach nicht geeignet ist, ohne weiteres in die Rechts- orduung überzugehen, daß aber das Evangelium es jedem Christen zur Eeivissenspflichl m->cht, Besitz und Genuß des Eigenlhuins prinzipiell dem ewigen Gut nnterzuordnen und in den Dienst der Liebe»nd der genieinsamen sitllicken Ausgabe zu stellen." In der Nachinitlagsfitzung beschäftigte sich der Kongreß mit dem Thema:„Demschland als Industriestaat". Der Referent, Privat dvzenl Dr. Oldenberg(Berlin), äußerte sich tingesähr folgender- mästen: Die Laudbevölkernng gehe in Deutschland immer mehr zurück. Die Ursache liege in der Zunabme der Bevölkerung. Deutschland wachse jährlich um bis«/< Millionen Köpfe. Diese Zr>» nähme der Bevölkermig verlange Untcrtommen. Eine Beschäftigung der ivachsenden Bevölkerung fei nur durch die Vergrößerung der Erport- Industrie möglich. Oflasien und noch einige andere Länder gelten als gute Absatzgebiete. Die Industrie sei rentabler, als die Land- tvirthschast. Daher wende sich das Kapital in erster Reihe der In- dustrie zu. Das Kapital sei die treibende Kraft der Industrie. Frankreich sinke trotz des Rückganges seiner Bevölkerung ebenfalls immer mehr zum Jndnstriestaai herab, während in der Schweiz sich dieser Plvzeß langsamer vollzieh«. Die wachsende Industrie bedürfe möglichster Tiefhaltnng des Lohnes, daher müsse die Industrie darauf bedacht fem, sich eine Reserve-Armee z» tchnffen. Das Kapital wirke deshalb verheerend ans die Landwirthschaft. Das Kapital sorge nicht für die Zukunft, es lebe von de» glänzenden Augenblickserfolgen. Die Jndifftrieprodnkle seien bester und billiger geworden, nicht so aber die Nahrung und Wohnung. Der wirtbschastliche Fortscbritt, der verzeichnet werde, gehe nicht Hand in Hand mit dem Glück und Wohlergehe» der Menschen. Während die Industrie blühe, müsse» lausende von KoniekliovSarbeiler» sür einen Schandlohn arbeiten und zwar nicht im Interesse deu sicher Bolksbekleidung, sondern in dem einiger Antipoden. Das Leben sei konsiortabler, innerlich seien aber die Menschen änner geivotden. Er habe bereits er>väh->t. daß das Kapital nur Angenblickspolitil treibe. Selbst die großen Banrnwoll- fadiiken amorlisiren ihr Kapital schon während der Lebenszeit des Besitzers, wer amorlisire aber die Arbeiter? Je späler mm ein Staat Judnstriestaat werde, desto schlechter sei wegen der Kon- kurrenz, die er vorsiade, seine Lag«. Die Konkurrenz werde sür die Industrie immer größer, das Absatzgebiet innner kleiner. Die Bereinigten Slaalen haben längst aufgehört, für die Industriestaaten Europa'» Absatzgebiet zu sein, da sie nicht nnr selbst genügend produzire», sondern anch exportiren und sich mit einem Wall von Schutzzöllen umgeben. Dazu komme der Rückgang des EisenbahnbaueS, das de» Jndnstriestaateit Enropa's z» denke» geben sollte. Das Kapital sei aber international, es be- g-ünde iiuustrielle Etablissements im Ausland«. Dies habe zur Eolge, daß ganze Echaaren von deutschen Werk ührern, denlschen »genieuren u. s. w. inS Ausland gehen und gegen ihr Vaterland wirken. Deutschland sei nicht in der Lage, ans dem Gebiet« deS Getreidedandels die Konkurrenz mit Nordamerika anfzunehmen. Der Jndustrie-Export sei trotzdem gestiegen. Ganz besonders fei die Maschinenindustrie geivachseu. Das bedeute aber nur, daß die Industrie sich immer mehr dem Ausland zuwende. Die steigende Maschiueniiidi.ftri« bedeute das Grab der deutsche» Industrie. Aiigenblicklich sei die Lage der Industrie in Deutschland günstig, trotzdem wolle man anch der Exportiudustrie nicht entbehren. Geh. Kommerzienrath Baare fei einmal so offenherzig gewesen, zu sagen, daß die großen deutschen Eisenwerle ein Kartell geschlossen haben, wonach die Etsenwerke an das Ausland bedeutend billiger Eisenbahnschienen rc. verkaufen als an das Inland.(Hört! hört!) Trotzdem sei der deutschen Eisenindtiftri« große Konkurrenz ins- besondere durch England und Amerika erwacbsen. Der Redner resumirte sich dahin, die Esienindnstrie verfahre kurzsichtig, sie treibe die Politik des FortwtustelnS, wie sie dem Kapital eigen sei. Die Export-Jndustrie innsse immer mehr zurückgehen und Deutschland werde infolge des Rückganges der Landwirthschesit nicht so viel Brot produzire» köinien, als es bedürfe. Es werde alsdann uöthig werden, Rußland und Amerika mit Waffe ngeiv alt z u zwingen, uns länger als diese es wollen, Brot zu liefern. Wie das gemacht werden soll«, sei ihm noch nicht klar. Mit diesem Zu- stände iverde aber Hand in Hand gehen die plötzliche Arbcilslosigleit der Jndustriebevöllerung. In der Plötzlichkeit dieser Arbeitslosigkeit liege die Gefahr, denn es tverde nicht möglich sein, das industrielle Gebäude so schnell umzubauen, um einer Katastrophe vorzubeugen Eine Katastrophe von furchtbarer Bedeutung sei es aber, wenn 30 Millionen Menschen plötzlich brotlos werden. Daß dieser Zu- stand eintreten werde, sei nicht nur wahrscheinlich, sondern gewiß. Man könne daher nrcht früh genug mit dem Neubau des industrielle» Gebäudes beginnen. Der Redner empfahl schließlich die Annahme folgender Leitsätze: 1. Die quantitative Zunahme der Judtistrie gewinnt an einem gewissen Punkte die Bedeutung einer qualitativen Aendmmg der Natur des volkswirthschaftlichcu Körpers. Sie wird bt- zeichnet als Fortschritt znm Jndustriestaar. 2. Als treibende Kraft dieses wirlhschastlichcn Fortschritts ist nicht in erster Linie die Zunahme der Bevölkerung an- zusehen, sondern die führende Rolle deS Kapitals in dtt Bolkswirthschaft. 5. Der Werlh des sogenannten wirthschaftlichen Fortschritt? liegt nicht sowohl in seinem Ergebniß, in der vermehrten Konsumtion, als auf dem Gebiete der Prodilktion selbst. 4. Das blinde Drängen zum wirlhschaitlichen Fortschritt(und darum zum Industriestaat) ist eine Willfährigkeit gegenüber dem kapitalistischen Interesse, die geschichtlich verstanden sein will. V. Nur diejenige Nation darf sich auf industriestaatlicher BastS etabliren, die der Zukunft ihrer Position ans dem Weltmärkte sicher ist. Deutschland treibt als Industriestaat in die künstige Knechtschaft einer ivirthschaftlichen Slaatengrupp«. 6. Der Fortschritt zun, Jndttstrieitaat widerstreitet zugleich einer wirthschaftlichen Hebung der Arbeiterklasse. Professor Dr. Max Weber(Heidelberg): Der Borredner Hab« bei seiner scharfen Kritik positive Ideale vermissen lassen. Ohne den Vorschlag posiliver Ideale sei eine solche Kritik nicht berechtigt. Herr Kollege Dr. Oldenberg habe von der Züchtung der Export- Industrie gesprochen. Er habe geglaubt, Dr. Oldenberg werde dabei sprechen von der Exportprämie, die der Zucker- und Branntwein- Industrie und der Landwirthschaft durch Aushebung des Jdentitäls- Nachweises sür Getreide zugebilligt worden sei. Der Vorredner habe allerdings von der latenten Export- prämi« für die Eisenindnstrie gesprochen. Diese Exportprämie der Eisenindustrie lasse sich jedoch nur abschaffen dnrch Einführung de? Freihandels. Er glaube aber nicht, daß der Vorredner die Auf« Hebung der Eiscnzölle verlange. Er sei kein Optimist, sei aber der Ansicht, daß der Vorredner zu schwarz gemalt habe. Er wisse nicht, ob es Herrn Dr. Oldenberg bekannt sei, daß der größte Abnehmet für unsere industriellen Erzengmsse gerade England sei. ES set selbstverständlich. daß eine Verschiebung der Erwerbsverhältnifs« «iit Risiko mit sich bringe. Dies Risiko müsse aber Dentschland ans flch_ nehmen, es möge wollen oder nicht. Diejenigen Theilg Deutschlands, die sür werden Jndtistriestaaten bleibe» Dr. Oldenberg. Roth ihn«, Eigenschaften abstreife, daß die die Industrie prädestinirt seien, trotz aller Vorträge des Herrn daß Dentschland seine feudalen feudale Dnell-Renommage zurück- gedrängt iverde, daß Demschland wieder ein gm bürgerlicher Staat werde. Allerdings setze der Staat durch Verschiebung seiner Erwerbs» Verhältnisse seine Zukmift ein. Der Staat aber, der nicht im stand« sei. seine Zukunft einzusetzen, habe auch keine Zukunft.(Beifall und Zischen.) Redakteur Lorenz führte des längeren aus, daß Deutschland heutg nicht ans dem Kapitaldetrieb zum Eigenbetrieb zurückkehren könne. Der Referent have ein schwarzes Zukunftsbild gemalt, er habe aber anzugeben vergessen, wann dieser Zustand eintreten werde. Geh. Regierimgsrath Prosessor Dr. Wagner(Berlin): Herr Dr. Oldenberg habe nicht blas ein Zukansisbild gemalt, sondern auch in sehr ernster Weise die Gegenwart geschildert. Er(Redner) sei der Ueberzeugung, daß die Gefahr näher sei, als man glaube. Wen» Herr Kollege Weber aus ostelbische Interessen hingedeutet habe, s« müss» er fragen: weshalb seien die Landwirlhe in Frankreich, Italien, Bayern u. s. w. ebenfalls für Getreidezöllc? Er habe an den Getreide- zöllen wahrlich kein persönliches Interesse, er habe weder Aar noch Halm, er innsse aber betreffs derselben sagen: mea res agitur. Er halte eine größere maritime Macht für nothwendig, um der Beob- achlnng der Handelsverträge mehr Geltung zu verschaffen. Er stimme daher dem Kaiser bei, daß Dentschland mehr Schiffe haben müsse Das zu lösende Problem sei die Ueberbevölkeriing. Man köini« sich angesichts dessen auf die Dauer nicht aus die Export-Jndustrie ailem stutzen, sondern man müsse die Kailskraft im Inland« stärke», damit die Industrie- und landwirthschaftliche Bevölkerung in Stadt und Land int Inland« für den inländischen Konsum Arbeit finde.(Beifall.) Professor Dr. Weber: Er erivtdere Herrn Geheimrath Wagner ans dessen Frage: weshalb die Landwirthe in Frankreich, Italien k. sür dl« Getreidezölle seien: weil jeder Mensch das nehme, waS er kriegen könne. Er sei kein Opmiust. er sei aber der Meinung, daß mau dir Gefahr, die die Grvßinduftrie schaffe, nicht entrinnen könne. — Nach einein kurzen Schlußn-orl des Referenten wurde die Vcr- handlmig gegen 7>/s Uhr abeudS auf Freitag vormittags 9 Uhr verlagt._ MonttnunÄles. Zur Errichtung eines Teukinnls für die Märzgefallenen von 1843 hat das detreffend« Komitee an den Magistrat nm«inen Beitrag aus städlischcn Mitteln zu dem angegebenen Zweck« nachgesucht. Das Magiiiratskvllegimn hat zur Vorberalhung die Angelegenh-.it einer Kommission von sieben Mitgliedern aus dem Kollegium überwiesen. Die„Poll", das ungeschickte Organ für Etuuim'sche Scharf» macherei, lärmt od dieses Beschlusses:„Dem köiiigstrenen Berlin soll also thaisächlich aus stät-lischen Mttleln, von einem königsirenen Magistrat zu einem Denkmal für Männer verHolsen werden, di«, tnögen sie zum theil auch in jugendlichem Idealismus sür di« Recht« des Volkes zu kämpfen geglaubt haben, mit der Waffe in der Hand gegen das niigestammt« Königshaus aujgetreten sind?— Welch ein Triumph für di« revolutionäre Sozialdemokratie!"— Zn diesem GS- 1»miiier einer Tcnunziantenseele bemerken wir knrz, daß die Sozial- temokralie der Denkmalsangelegenhett, die ausschließlich von bnrger» licher Seite angeregt worden ist, durchaus kühl gegenübersteht. Wenn wir an sich auch wahrlich nichts gegen die Errichtung eines Denkmals für die Männer einzuwenden haben, denen die deutsche Geschichl« ibre herrlichsten Ehrentage verdankt, so glaube» wir doch, daß Art, wie der Gedanke hier zur hlurfiihrnng gebracht werden soll, dt« sozialdemokratische Arbeiterschaft schwerlich voll beiriedtgen wird. Die Denunziation der„Post" war wiederum sehr deplacirt. Ter Berliner Schwiinmerbund hat an den Magistrat dai Gesuch gerichtet, ihm aas städtischen Mitteln einen jährlichen Bei- trag zu gewähren, um das Schwimmen auch in die Volkskreise einzubürgern. Das MagistratskoIIeginm hat beschloffen, das Gesuch für dieses Jahr abzttlehtten, jedoch in Aussicht gestellt, in den Etat pro 1393.99 eine Stimme zu diesem Zwecke einzustellen. Das Komitee, welches beabsichtigt, eine elektrische Bahn» Verbindung von der Z e n t r a i. M a r k t h a l l e über Pantviv» Nieder-Schöiibausen nach Roseuthat beziv. Schildow, Station der projektirten Nebenbahn R ein icke n do r s— Groß-Schöne- deck herztistelle», hat an den Magistrat das Ersitchen gerichtet, nun» mehr, da der Vertrag mit der Großen Berliner Pserdeeisenbaon» Gesellschaft als gesichert erscheint, dein im Oktober v. I. eingereichieu Bahnprojekt, insoweit es sich um die Benutzung der Berliner Slrane» handelt, zuzustimmen und den Bau und Betrieb dieser elektrische» Bahn zu genehmigen._ Lokales. Die Rcsetbisteu Nebunge», die in den letzten Tagen ab- geschloffen worden sind, bildeten sür zahluiche Arbeiter die Ursach, sorgenvollster Beduickmig. Wir reden nicht von den schwere» Schädigungen, die diese Blüthe des Militärstaales an sich schon fiamoilUd) siir de» verheiratheten Proletarier niit sich bringt. Gewiß ik die Sorge, wie Weib und Kind während der wochenlange» Verdienst- losigkeit des Familienvaters ernährt werde» solle», groß genug, aber sie allein füllt»och nicht das Maß des Elends aus. Die Nachwirkungen der Uebnng zeigen sich erst, wen» der Arbeiter den bunte» Rock ans- gezogen bat und seinen Beruf-pflichtc» wiedergegeben ist. Die staals- erhallende Heuchelei malt sich znweilen das Bild so schön aus, das den Krieger zeigt, wie er vom Kasernenhofe wieder ins Familien- beim und an die Arbeitsstätte zinückkehrt. Mit der idyllische» Familiengruppe mag es sein Bewende» habe», obgleich auch sie gar oft durch die widerwärtigste aller Sorgen eine sehr maltgraue Tünche erhält; aber was das Zurückkehren zu den Berufs- pflichten betrifft, hapert es da häufig sehr bedenklich.„Der Platz i st besetzt," heißt es in zahlreichen Fällen und der Arbeiter, der durch die Reserve-Uebung der Heuligen Gesellschast ei» erdrückend schweres Opfer dargebracht hat, mag nun sehen, wie er sich weiter hilft. Den Staat, der auch vom Proletarier die schwersten Pflichten verlangt, kümmert die Zukunft eines solchen Bürgers nicht im geringsten, und der Unternehmer macht sich erst recht keine Sorge darum, wo der Ausgebentete bleibt, ja er scheint in viele» Fällen überhaupt garnicht zu begreifen, daß gerade vom gesellschastserhaltenden Standpunkte aus zum mindesten eine Art moralischer Verpflichtung für ihn vorliegt, dem Reservisten oder Landwehr»««»» das moderne Elend nicht in seiner schlimmsten Gestalt kosten zu lassen. Zur Illustration der kapitalistischen Denkungsart führen wir aus einer stattlichen Anzahl derartiger Fälle nur zwei an. Ein Klempner legte uns folgindes Zeugniß vor. das ihm von seinem früheren„Arbeilgeber". Eduard S., am 4. Juni ausgestellt worden ist:„Hiermit bescheinige ich, daß der Klempner K N. von.. bis.... bei mir zu meiner Zufriedenheit gearbeitet hat. Derselbe wurde dann zu einer Uebnng eingezogen und mußte die Stelle inzwischen anderweitig besetzt werden/ In einem anderen Falle hat das Dekaturgeschäft von H. in der Reuen Grünstraße einen Arbeiter, der fünf Jahre dort tlstitig war, entlasten, weil er 14 Tage üben mußte. Auch diese Stelle wurde inzwischen„anderweitig besetzt". Derartige Exempcl sind mehr wie die direkte Agitation unserer Partei geeignet, den noch zweifelnden Arbeiter von der Herrlichkeit des Klnssenstaates und von seiner Pflicht, sich der Soziak dcmokratie anzuschließen, zu überzeugen. Unter sittcupolizeilicher Kontrolle standen in Berlin zu Anfang des Jahres I88S: 4647 weibliche Personen, in den 20 Vor- jähren(bis 1875 zurück): 4784, 4663. 4364, 4068. 3713-3382.3063. 3006, 3538, 3724—3768, 3800, 3465, 3186, 3033-2767, 2547, 2336. 2241, 1856. Die Zahl der Kontrolldirnen hat in den letzten be>d»n Jahrzehnten mit einer merkwürdigen Gleichmäßigkeit erst zu dann ab- und dann von neuem zugenommen. Die erneute Zu- nahm« trat nach 1887«in. Sie war so bedeutend, daß 1885»m «1 pCt. mehr Personen unter Kontrolle standen als 1887. Diese Zu nahm« übertrifft die der Bevölkerung Berlins in demselben Zeitraum, auch diejenige nur der unverheiratheten iveiblichen Bevölkerung der hier in betracht kommenden Altersklassen, sehr erheblich. In den letzte» Jahren jedoch ist bereits eine merkliche Verlangsamung der Zu- nähme eingetreten. Diese betrug nämlich 1830—91 noch 9,6 pCt.. aber 1831-32: 7.3 pCt.. 1882-83: 6.9 pCt.. 1883-94: 2.8 pEt und 1894—35 nur noch 1,1 pCt. Für die nächsten Jahre nach 1895 (Veröffentlichungen liegen erst bis Anfang 1835 vor) darf man, ivege» der inzwischen eingetretenen Besserung der wirlhschast liche» Verhältnisse und der Mehrung der Arbeitsgelegenheit, einen Stillstand und wahrscheinlich sogar eine» erneuten Rück- gang der Zahl der Kontrolldirnen— wie schon«inmal in den Jahren 1383— 87— erwarte»; denn die größere oder geringere Schwierigkit des Erwerbes ist von ivesent- lichem Einfluß auf den Umfang der gelegentlichen, ivie der gewerbs mäßigen Prostitution und infolge dessen auch auf die Zahl der Kontrolldirnen.(Außerdem kommt freilich auch die jeweilige Zu- oder Abnahme d«s Eisers, mit dem die Polizei die gewerbsmäßige Prostitution überivachen zu müssen glaubt, als mitbeeinflnstendes Moment in betracht.) Das Auf- und Ab- und wieder Aussteige», das in der oben miigetheillen Zahlenreihe so auffällig hervortritt, läuft in der That ziemlich parallel dem Wechsel des Grades der Existenzerschwerung,»nler der die besitzlose Klasse in dem fragliche» Zeitraum bald mehr, bald weniger zu leide» gehabt hat Es»erhält sich hiermit ebenso, wie mit den periodischen Schwankungen des Umfanges der Bellelplage, des Vagabundenthums, der Eigen- thumsvergehen:c. Die privilegirten Tugendwächter wollen aller dings von einem Einfluß der Existenzerschwerung aus den Umfang der Prostitution nichts wissen. Sie jammern in der Regel nur über die Zunahme der„Unsittlichkeit", wenn sie wahrnehmen, daß die Prostitution wieder einmal im Wachsen ist, und empfehlen ihr All Heilmittel: Mehr Religion. Ein fekteS Jahr ist für die Berliner Packetfahrt. Gesellschaft wiederum das nun abgelaufene 13. Geschäftsjahr gewesen. Die Betriebseinnadme hat sich nämlich von 1612 777 M. in demselben auf 1 713 323 M. vermehrt Gewiß ein erfrenliches Resultat für die Jnleressenten! Doch des Lebens ungemischte Freude tvard bekanntlich keinem Sterblichen zu theil, und so ist auch in den Freudenbecher der Aktionäre ein bitterer Wermuthstropfen hinein- geträufelt. Trotz der vermehrten Betriebseinnahme fällt die Gewinn theilung doch niedriger aus als im Vorjahre. Und daran sind ivieder einmal die bösen Arbeiter schuld. Der Geschäftsbericht führt nämlich als hauptsächlichste Ursache dieser befremdlichen Erscheinung die seit Ansang Mai vorigen Jahres nothwendig gewordene Erhöhung der Löhne an, wodurch eine wesentliche Belastung des Lohn- und Gehaltskontos herbeigeführt worden fei. Dieses Konto ist von 891 655 M. auf 1033 454 M.. also»m 141 609 M. gestiegen. Ans der Bilanz ist zu ersehen, daß die Gesellschaft für die Angestellten an Löhnen und Gehältern 1 033 454 M., an Beiträgen zur Kranken kasse 7344 M., a» Beiträgen zur Jnvaliditnts- und Altersversiche- r»ng 6075 M., a» Beiträgen für die Fuhrwcrks-Berufsgenossenschafl 5521 M.. für Kleidung 17 795 M.. zusammen 1 070 739 M.. das sind ca. 60 pCt. der gesammten Einnahm«, aufgewendet hat. Wie schön wäre eS, wen» die Gesellschaft gar keine Arbeiter brauche» ivürde. Doch die Aktionäre können sich immerhin trösten. Die Arbeitsbienen sammeln ihnen ja den goldenen Honig, und so fließt ihnen trotz alledem immer noch eine Dividende von 20 p E t. zu. Damit kam, man es schon einigermaßen anshalten! Zur Abschaffung des Trinkgeldes im Barbiergewerbe ivird uns ans Gehilsentreisen geschrieben: Die Junungsmeister im Barbiergewerbe betreiben jetzt mit Hochdruck die Abschaffung des Trinkgeldes. Wenn wir, die Angehörigen der aus dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehende» Organisation, uns im Prinzip mit diesem Streben einverstanden erklären, weil das Trinkgeld, ivie jedes Almosen, demoralisirend wirken muß, so müssen mir doch gegen die Art, wie die Reform von den JnnmigSmeiftern betrieben wird, Einspruch erheben. De» Anstoß zur Meisterbewegung haben einige Entscheidungen der Kammer VI deS Berliner Ge- merbegerichts. sowie gleiche Entscheidungen des Gewerbe- gerichtS zu München gegeben, die dahin gehen, daß alles Geld, welches die Kunden über die im Geschäft übliche Taxe hinaus bezahlen, den Gehilfen gehört. Diese Urtheile brachten die Jnnungs- meister ans dem Hänsche», und es fehlte nicht an forsche» Worten über die„sozialdemokratische" Rechtsprechung. Die Herren von der Innung haben es nun vermöge der ihnen zugestandenen Privilegien fertig gebracht, in daS„Attestbiich", das den Gehilfen aufgehängt wird, eine Bestimmung einznflechten. wonach diese gezwungen werde», generell auf Trinkgelder zu verzichten- andere Meister laffen sich herbei. den Gehilfen das Trinkgeld abzukaufen, indem sie etwa 1 oder 2 M. mehr Wochenlohn als üblich gewähre». Solche Maßnahmen zwinge» die elend bezahlten Gehilfen förmlich, eine Lohnerhölmng anzustreben, die um so energischer ins Auge gefaßt werde» dürfte, als die Art der Aufbefferung ihrer Lage, ivelche ihnen vor kurzem bei Ein- führung der Preiserhöhung zugesichert worden ist. manchem die Augen darüber geöffnet ha», was ein Meisterwort gilt. Also Abschaffung des Trinkgeldes, aber gleichzeitige Lohnerhöhung, daS ist die Parole, unter der die BarbiergehUjen Hinsort kämpfe», und die ihnen, wie sie hoffen, die Unterstützung d«S ArboiterpublikumS sichern wird. Die beträchtlichen Mengen von Feuchtigkeit, welche uns der diesjährige„schöne Mai" bescheert hat, werden recht deutlich illnstrirt durch die Zahlen. welche aus der Sorauer fliegeichalion für das königliche Meteorologische Institut zu Berlin festgestellt worden find. Hiernach betrug die Gesammtsumme der Niederschläge für den Monat Mai II3.2 Millimeter. Die größte tägliche Niederschlags- inenge von 29,2 Millimetern fiel am 5. Mai. Es wurden 20 Nieder- fchlagslage und keiner unter 0.2 Millimeter gezählt. Nebel herrschte an 8 Tagen. Schnee wurde nicht beobachtet, wohl aber an 2 Tagen „Graupeln". Gewitter kamen an 5 Tagen vor. Es ist Essig mit der Harmonie. Bürgerliche Blätter melden: Das„Fuhrinnunssest", das alljährlich am Freilag nach Pfingsten die Droschken-Fuhrherren und-Kutscher feiern, fand dieses Mal nur eine sehr schwache Betheiligung. Als Grund dafür gaben die Leute schlechten Verdienst a». Gerade im Droschkenfuhr-Gewerbe ist der Kampf zwischen Angestellten und Unternehmerthum seit einer Reihe von Jahren derart zugespitzt, daß für ein gemeinsames Fest kein Boden mehr vorhanden ist. Ucber den diesjährigen Pfingstverkchr der Stadt- und Ringbahn werden folgende Zahlen bekannt. Am Sonntag wurden befördert r»nd 259 000, im Vorortverkehr 109 000, zusammen 368 000 Personen, gegen 421000 Personen im Borjahre. Am Montag ivurden 237 000 Personen im Stadt- und Ringbahnverkedr und 124 000 im Borortverkehr, zusammen 411000 befördert, gegen 413 000 im Vorjahre. Der Uebergangskricg ans Gesundbrunnen. Uns wird be- richtet: Der Hans- und Grundbesitzer-Verein Gesundbrunnen ist an den zuständigen Stadtrath Voigt mit der Bitte um beschleunigte Durchführung der Christiania- und Bellermannstraße über den allen Bahnkörper der Slettiner Bahn herangetreten. Von der Stadt erhielt darauf der Grundbesitzer- Verein die Antwort, daß Unter- Handlungen dieserhalb bereits mit der Eiscnbahndirektion schweben. Da vertragsmäßig jedoch sofort nach Einstellung des Bahnverkehrs auf der allen Strecke der Stettiner Bahn die genannte» Uebergänge in de» Besitz der Stadt übergehen sollten, so hat die Einwohner- schast des Gesundbrunnens diesen Bescheid gewissermaßen als eine Kriegserklärung aufgefaßt. Die den Uebergang trennende» Planken werden von den Einwohnern in den Nachtstunden beseitigt und durch Arbeiter der Stettiner Bahn am Tage wieder neu a»igestellt. Da man von dem Unwillen der Gesundbrnnner Einn-ohner an- scheinend auch ei» Einreißen der gemauerte» Eselsbrücke befürchtet, so ist dieser Tage das Mauerwerk dieses Durchganges nock besondeis befestigt worden. Hoffentlich wird diesen unhaltbaren Zuständen auf den, Gesundbrunnen nun schleunigst ein Ende gemacht werde». Bei der Neue» Berliner Omnibnsgcsellschaft sind z. Z. sechs Kontrolleure angestellt, eine Zahl, die mit dem 1. Juli d. I. ans die Hälfte reduzirt wird. Grund zu dieser Pe>sonalve»mi»d«rn,ig ist der Umstand, daß bei der Direktion der Gesellschaft zahlreiche Be- schiverden aus dem Pnblikuin einliefen, daß ans de» Fahrten eine zu hanfige Störung durch Fahrkarlen-Kontrolle stattfinde. Wan» iverden die Berkedrsgesellschaften endlich zu der Einsicht kommen, daß die für das Publiki»» wie für die Schaffner im Grunde beleidigenden Kontrollscherereien überhaupt abzuschaffen sind? KonfiSzirt wurde Nr. 20 der illustrirten Wochenschrift:„Der Reporte r", Verlag von Kresse, Lenz u. Co., Berlin 0. 2, Reue Friedrichstr. 56. De» Grund der Beschlagnahme bilden„EiltlichleitS- bedenke»", veranlaßt durch die Verönentlichling von zwei PortrailS, welche die Fürstin Chimay in Trikots darstellen. In Sachen des Attentats auf de» Polizei-Oberst Krause ist. wie die„Post" wisse» will, ein Verfahren über de» Uhrmacher Richard Heiikinaiin eingeleitet worden, welcher seiner Zeit viel in dem Späth'sche» Anarchistenklub verkehrt und dort die Mitglieder z» GewalNhalen und Brandstiftung anfgesordert haben soll. Die Anarchiste» Landauer»nd Spohr hatte» dies im Koscheinanii-Prozeß unter ihrem Erve ausgesagt. Henkmann hat bekanntlich durch Selbstmord geendet. Der Berliner Arzt Dr. Siegfried Rosenthal, der vor einigen Jahren ein Eiulichkeilsverbrechen an einrr Patientin verüble und sich der drohende» Verhasinng durch die Flucht entzog, hat sich jetzt l» Hobole»(Amerika) durch Gist das Lebe» geiiomineii. Rosen- thal, der schon in vorgerücktem Alter stand, war es nicht gelinige», in der»enen Heiinath festen Fuß zu fassen. Er gerielh zuletzt in die drückendste Nolhlage und niachte, nachdem auch ein Versuch, als Lehrer sein Brot zu finden,»ublnnge» war, mittels Strychnins seinem versehlien Dasei» ein Ende. Einen Znsammenstoß aus der Eisenbahn halten, wie„ach- träglich bekannt ivird, zahlreiche Berliner Reisende am Mittwoch Nachmittag um 1 Uhr in Waren in Mecklenburg zu bestehen. Der Personenzug von Warnemünde lief, weil das Einfahrtszeichen z» früh gegeben worden war, auf«ine» rangirenden Gülerzug auf, vo» dem zwei Wagen umgeivorfen wurde». Ei» Rangirer wurde schwer verletzt. DaS Geleise wurde gesperrt, der Verkehr durch Umsteige» ausrecht erhalle». Die Berliner Reisenden kamen hier mit einer Verspätung von 3 Stunde» an. Ueber die Tragödie eines Handwerker- Lehrlings meldet der Polizeibericht: Gestern erhängte sich der l7jährige, elleriilose Drechsler-Lehrling P. auf de»» Bode» seines Lehrherr», iinchdei» er sich heimlich aus der Lehre entsernt hatte»nd nach Rückkehr den Meister vergeblich gebelen hatte, ihn ans der Lehre zu entlassen. Welches Elend mögen diese kurzen Zeilen zudecke»! Von der holländischen Polizeibehörde ausgeliefert wurde der Bankier Otto Hanfs aus Berlin, der von der Slaatsanivaltschaft beim hiesige» Landgericht I wegen betrügerischen Bankrotts steckbrieflich verfolgt wurde, nachdem er sich seiner Zeit der Verhaslung durch die Flucht nach Hofland entzogen hatte. H. wurde zunächst in Emmerich zur Haft gebracht, da sein Transport »ach Berlin durch einen hiesige» Ziviltransporlenr erfolgen soll. Verschwunden ist seit einigen Tagen der 32 Jahre alte Fener- wehrmann Hermann Engel aus der Pallasstraße 8/9. Ueber seinen Verbleib weiß man nichts. Bei der Kartenlegerin wurde am Donnerstag Abend d 34 Jahre alte Fra» des Vergolders Greve, Emilie geb. Dainkel ans der Schönholzerstr. 7 vom Tode Überrascht. Die Frau ging abends gegen 9 Uhr zu einer Frau L. in der Cerichlstraße, um sich von ihr aus den Karlen die Zukunft offenbare» zn lasse». Plötzlich brach sie zusainiiie» und alsbald verschied sie a» einem Herzschlage. Einen kühne» Fluchtversuch unternahm gestern ein schwerer Verbrecher im Polizeiprästdial. Gebäude am Alexanderplatz, Vor einigen Monaten wurde in der Blücherstraße ein„Sonnlagsknacker" auf frischer That ergriffe».„Sonnlagsknacker" werden solche Ei»- brecher in der Verbrechersprache genannt, ivelche des SonntagZ nachinittags in Wohnungen einbrechen, deren Inhaber spazieren gegangen sind. In diesem Menschen hatte man glücklich eine» Eni- brecher gefaßt, dem bereits eine recht erhebliche Zahl schwerer Dieb- stähle zur Last gelegt wurde, obwohl er noch nicht lang« aus den, Znchthanse enllassen worden war. Sei» gestriger Transport vom Untersnchilngsgefäiigiiiß»ach dem Polizeipräsidium war zu dem Zwecke erfolgt, damit er nach dem Bertillon'sche» System geineffen ivürde. Während der Vorbereitungen zn diefem Akte gelang es dem Ge- 'angenen, zu«nlschlttpse». Mit schnellen Schrilten aus eiiiein Korridor in den andern verschwindend, hatte er beinahe den AuS- gang ans dein Gebäude erreicht, als ganz zufällig ein Kriminal- chutzniaii» aus einer Thür trat, der bei der Verhaflung des Ver- brechers mitgeivirkl Halle und denselben genan kannle. Mit schnellem Blick die Situation erkennend, packle er den Flüchtling und brachte denselben wieder»ach„Nummer Sicher". Ans die Frage, warui» er ausgerückt fei, erwiderte der Gefangene:„Herr Wachtmeister, das können Sie mir doch nicht verdenke», da ich 15 Jährchen Zuchthaus 'icher vor mir habe, thut man, was man kann!" Turch seine Mutter aus dem Wasser gerettet wnrd« am Doinierstag Nachmittag um b'/e Uhr das ciiva 3 Jahre alte Söhnche» von Schiffersleuten, die ihre Zille ans dem Humboldt- Hafen durch die Msenbrücke nach der Spree stakten. Die Mutter, die am Steuer stand, hatte zwei Kinder bei sich, während ein drittes, ein Knabe, in dem nachgeschleppten Sicberheitsboote saß und spielte. Der Junge verlor auf eiiimal das Gleichgewicht und fiel aus dem Boot ins Wasser. Das Publikum, daß von der Alseu- brücke der Fahrt des Kahnes zusah, schrie auf und machte die Mutter auf den Unfall aufmerksam. Im selbe» Augenblick war die Frau auch schon vom Steuer i» das Boot hmabgefprungen, faßte den Knaben, der eben wieder hochgekommen war, zog ihn ins Boot, stieg mit ihm auf den Kahn, gab ihm einen Klaps, brachte ihn in die Kajüte und stellte sich wieder in aller Ruhe ans Steuer, als ob nichts vorgefallen wäre. Das ganze Nettungswerk spielte sich so schnell ab, daß der Vater des Kiiade», der mit dem Bootshaken ge- laufen kam, um den Sohn aus de», Waffer z» ziehen, das Werk schon vollendet fand und nichts mehr zu thun hatte. Durch ein umfallendes Gitterthor wurde auf dem Grund- stück der Brauerei Schweizer- Garten am Friedrichshain die 6 Jahre alte Tochter des Schuhmachers Franke schwer am Kopfe verletzt und ihr außerdem ein Bruch des rechten Oberschenkels zugefügl. Kurz vor dem Unfälle soll ein Arbeitswagen hart a» das' Gittcrlhor an- gefahren sein und dasselbe so beschädigt haben, daß, als ein Knabe daran herui» turnte, es unifiel und auf die kleine Franke stürzte. Daö räthselhafte Verschwinde» eines achtjährigen Mädchens ans Krennneii Naiiieus Helene Meinicke beschäfiigt die Behörden. Das Kind wird seit dem 1. Juni vermißt. Anfangs vermnthele man einen Lustmord. Jetzt veröffentlicht die Staatsanwaltschaft eine Bekanntmachniig, ivoiiach augenomme» wird, daß das Mädchen von dein nahezu 60 jährigen Arbeiter Johann Peters e»ls>ihrt sei. Die Staatsanwaltschaft ersucht um Recherchen nach den Geilannten und um Festnahm« des Peters. Theater. Im Deutschen Theater muhte vorgestern„Die ver- simkene Glocke" ivegcn plötzlicher Unpäßlichkeit des Fräulein Stagls noch in letzter Stunde abgesetzt und statt dessen„Einsame Menschen" gegeben werden. Infolge deiscn erreiäit das Stück seine 100. Anflührung erst am Montag, den 14. Juni, zugleich als letzte Borstellung vor den Ferieli,— Im Schiller-Theater findet am Sonntag keine Nachmittags- Bor- stellung statt, in ber Abend-Borstellung geht» die„Deutschen Schwanke aus vier Zeitaltern" in Szene. Ans den Nachbororten. Unser Parteigenosse Rctzeran in Rixdorf verläßt am Sonn- tag das Soinnieridyll am Molleninarkl,>no er wege» angeblicher Gendarmenbeleidigniig, die er bei Ausübung seiner Gemeinde- Vertreterpflicht begangen haben soll, für zwei Monate Platz nehmen mußt«. Wir rufen niiserein Genossen ein herzliches Willkonnne» zu und sprechen de» Wunsch aus, daß das Gefängniß seiner Gesundheit keine» allzu großen Schaden zugefügt haben möge. Auch fernerhin wird Retzcran mit Muth nnd Alisdauer seine Pflicht erfüllen. Die Parieigenosscn vo» Rixdorf. Am Sonntag Nachmittag 3 Uhr findet in den Viktoriasäle» ein gemüthlicheS Beisamniensein statt. Der Bertrailensmann. Eine Entschädigungsklage gegen den Berliner Magistrat will der Besitzer des Wirlhshauscs zum Pankgrafen zn Pankow einreichen. Die Panke ist augenbllcklich angeblich durch undrainirte Abwässer der bei Blankenburg und Falkenberg belegenen Rieselfelder in eine», so hohen Grade verunreinigt, daß das Baden i» der zum Wirlhs- Hause gehörigen Anstalt polizeilich verboten wurde. Anfgehobene Viehinärkte. Wegen der in Raffenheide, Kreis Riederbarnim, eingeschleppten Maul- und Klauenseuche hat der Landrath v o n O p p e n die Abhaltung des für de» 25. d, M, in Werneuchen bcstinimt gewesene» Viehmarktts uiiterfagt. Um einer weiteren Verschleppung der Seuche vorzubeugen, hat auch der Landrath v o» W a l d o w die Biehmärkte am 15, Juni d. I. in Lieben walde und am 22. Juni d. I. in Oranienburg aufgehoben. Eine kaum glanbliche Erheb»»»» der LnstbarkeitSsteuer wurde kürzlich in Forst in der Lausitz einer— Schulklasse gegeiiliber zur Anwendung gebracht. Bor«inigen Tagen wurde bei der Polizei ein Ausflug einer Knadenklaff« nach Muskau angemeldet und zugleich um die Erlaub,>iß nachgesucht, mit Trommeln und Pfeifen vem Schulhose»ach der„Eicht", eine»» bei der Stadt ge« legenen Vergiuigungslokal, wo die Wage» bestiegen werden sollten, zu iiiarschiren. Dem Klassenlehrer wurde jedoch von der Polizei be- veuter. daß die Genehmigung zu einem solchen Ausflng erst nach Erleguiig einer Lnstbarkeilssielier von 1.50M«rtheilt werden könne. Um de» Kindern das Vergnügen nicht zu stören, entschloß sich den» auch der Lehrer, diese sonderbare Steuer zu zahlen. et. jährige Nunpt und Miste nf-chnft. Der Berliner Magistrat hat es abgelehnt, für die dies- Kunstausstellung Preise aus städtischen Mitteln zu bewillige». Im Vorjahr« waren 12 000 M. gegeben worden.— ct. Der verstorbene Berliner Stadtrath Löwe hat dem Museum über 100 von namhasten Künstler,, geinalte Miniatur- bilder vermacht. Die Rahme» der Bilder bestehen aus silbernen mit Filigranarbeit geschmücklen Schnallen, wie sie in Oberbayern, besonders in der Umgebung von Tölz, an Hüten, Gürlel» w, ge- tragen werden.— Wie aus Paris berichtet ivird, soll dort unter dem Patronat deutscher, englischer und französischer Kritiker, wie Archer, BrandeS, Erich Schniidt, Sarcey, Faguet w., ein« P r o b e b ü h n e geschaffen werden, auf der alljährlich ein Dutzend Werke der a n s l ä» v i» scheu, d, h. nichlfranzösischen Dramatik in französischer Ueber- feynng ausgeführt werde» soll.— o. e. Tie GesaiigSsonbrette Fra« Kopacst-Karczag ist von fierrn Conried, Direktor des Jrwing Place-Thcalers in Siciv-Aork, ür hiindert Gaftspielabende engagirt worden.— .. �n- Gevichks Auf einer Polizeiwache arg gemißhandelt worden z« -/behaupten die Schlosser Herma»»» Köppe» und Casptr Brune, welche-sich- gestern wege» Widerstands, versuchter Gefaugeilen- besreiiiiig, Beleidigung, Mißhandlung, grobe» Unfugs und Ricbt- befolgung einer Schntzinainis-Aufforderung vor der t34.Abth des Amis- gerichts I zu verantivorle» hatten. Am 15. Februar er. abends waren die beiden befreiindeien Angeklagiei, i»«ine», Schanklokal in der Pankslraße mit dem Wirth in einen Elreil gerathen, in dessen Verlauf Br»,ie mit einem Billardqneiie einen Schlag über de» Kopf erhielt, daß er blutele. Beide begaben sich aus die Slraße»»d verlangien vo» dem herbeigeholten Ech»tzi»a»i> Gotlschalk die Feslslelluiig des Wi.ihes. Gottschalk erwiderte, das sei nicht nöthig, da er de» Wirlh kenne. wenn sie glaubien. daß ib»e» Unrecht geschehen sei. sollten sie am nächsten Tage auf die Wache koiiunen. Nach der Behaiiptnng des Schutzmanns Gotischalk beruhigten sich aber die Angeklagte» nicht, sondern skandaiirten weiter, sodaß ein großer Menschenanflanf entstand, und versuchten in das Lokal hinei»- zlldringen. Der A»fforder»ng.»ach Hause zu gehen, folgten sie nach der Beknndiing de? Beaniten nicht, sie wollten auch nicht mit zur Wache, deshalb faßte der Sch»tz»>aim den Köppen am Arm. Köppen riß sich aber, wie der Schutzmann bekmidet, los und rief, er würde ihm mit der Kanne aus den Kops schlagen, wie er es schon einem Bcamlen gelhan. Jetzt soll sich auch Brun, dazwischen gedrängt habe», sodaß Gotlschalk seine Roth- pfeife erlSnen laffe» mußte und außerdem einen Jungen um Bei- stand schickte. Dieser wurde ihm durch de» Schutzmann Endrulat, ivelcher Brune Handfeffel anlegle und ihn sorlsührte, während Gott« schall sich mit Koppen zu schaffe» macht«. Köppen soll unterivegS sich mit den Füßen gestemnit, sich zu Boden geivorfen und auf andere Weise Widerstand geleistet habe». Beide Angeklagt« b«« streiten diese Behauptungen der Beamten ganz entschieden, naineullich will Brune, der selbst 5 Mo».>t« bei der Schiitzmannschaft war, sich durchaus ruhig verhalicii haben. Aus der Wache selbst sollen die Angeklagten sich»ach Be« Hauptimg der Schutzleute„flegelhaft" benommen haben, fi« reollten die Sache», die sie bei sich trugen, nicht abgeben u. f. w. Als der Schutzmann Kleuski denn Brune die Sachen abnehmen wollte, wollte letzlerer angeblich nach dem Beamten schlagen, wurde daran aber verhindert. Röppen seinerseits soll den Schutzmann Dettborn mit einer Blechkanne geschlagen, außerdem die Beamten beleidigt haben. Die Angeklagten wurden gefesselt und in Jsolirzellen gebracht. Ganz anders schildern die Augeklagten die Vorfälle auf der Wache. Brune habe zuerst ohne Grund verschiedene Stöße erhallen; das habe er sich verbeten und beim dritten Stoß allerdings vielleicht den Arm gehoben; sofort seien sämmtliche Beamte über ihn hergefallen und hätten ihn so t r a k t i r t. wie wohl schlimmer kein Vieh t r a k t i r t werden kau»; so sei ihm z.B. mit dem Absatz ins Auge getreten worden. Das Hemde wurde ihm von dem Schutzmann Klenskt zerrissen; auch wisse er ganz genau, daß er gerade von Klenski geschlagen worden sei. Kleuski kann sich dessen nicht mehr entsinnen, der Vorfall liege schon zu weit zurück; ebenso könne er sich nicht mehr darauf besinnen, ob er ein Seitengewehr in der Hand halte. Brune be- hauplet dann noch, daß, während er gefesselt in der Zelle lag, und zwar auf dem Gesicht, ein Beamler gekommen sei und ihn mit der Klopfpeitsche geschlagen habe. Auch Köppe» w�' schrecklich gemißhandelt worden sei»; das eine Ohr sei bald abgetrennt gewesen. Thalsache ist, daß Köppen, der vorher unverletzt gewesen war, stark blutete, nach seiner Entlassung die Unfallstation aus- suchte und später die Hilfe eines ArzteS in Anspruch nehmen mußte. Eine etwaige Beleidigung gab Köppe» zu, doch könne dieselbe erst infolge der erlittene» Mißhandlung gefallen sein. Der Staalsanwalt beantragte gegen Köppen 4 Wochen Gefäugniß u»o lS M. Geldslrafe, gegen Brune 20 Tage Gefäugniß und eben falls 15 M. Geldstrafe; was sie hinsichtlich der angeblichen Miß- Handlungen zu thnn Halle», wüßten ja die Angeklagten. So? Der Gerichtshof verurtheilte Köppen nach dem Antrage des Staats anwalis, Brune dagegen nur wegen Uebertretung zu ö M. GeldiMse und sprach ihn im übrigen frei. � Der Lehrer im preusiischen Staat.„Gesinnungsriecherei vor den Thoren Berlins". Unler dieser Spitzmarke erschien am 20. Ja nuar d. I. i» der„B e r l i n e r Z e i t u n a" ein Artikel, der sich mit dem Kreis- Schulinspeklor für Köpenick, Echulrath K o b. be schäsligle. Es wurde darin mitgelheill, daß der Schulrath Kob de« Lehrer Thürling zur Rede gestellt habe, weil derselbe eine Aersamm- luug des freisinuigen Vereins einberufen habe. Die? fei derselbe Herr Sfob, welcher einem Lehrer einen Tag Urlaub crtheilt habe, damit derselbe an der Hochzeilsfeier seines i» Hamburg wohnende» BrnderS theiluehmen könne. Ein Soldat erhalle zu diesem Zwecke drei Tag« Urlaub. ES sei dies serner derselbe Herr Kob, welcher gelegentlich der EinweihungSfeier eines neuen Schulhauses in Köpenick den Ausspruch gethan habe, daß der Bau eigentlich garnicht nöthig gewesen fei. Wegen des Inhalts dieses Artikels stellte die vorgesetzte Be- Hörde des Schulraths Kob Slrafantrag gegen den verantwortlichen Redakteur der„Berliner Zeitung", Georg P u f ch. Gestern wurde die Sache vor der siebenten Straskammer des Landgerichts I unter dem Vorsitz des Landgerichtedireklors Vogt verhandelt. Der Angeschuldigte bestritt, daß in dem Artikel überhaupt etwaS Beleidigendes für den Echulrath Kob zu finden sei, im übrigen trete er den Beweis der Wahrheit an. Der Zenge Kob stellte den Vorfall mit dem Lrhrer Thürling in folgender Weise dar: Es sei ihm die amtliche Miltheilung zugegangen, daß der Lehrer Thürling zu Köpenick eine freisinnige Versammlung einberufen habe. Hieran sei die Aufforderung ge knüpft gewesen, dem Lehrer Thürling dieserhalb V o r sie l l u n g e n zu machen. Der Zeuge habe daher mit Thürling unter vier Augen eine Unterredung gehabt und ihn daraus hingewiesen, daß ein Lehrer, der eine öffentliche Vertraueiisstellung bekleide, sich von poli- ! tischen Agitationen fernzuhalten habe, wie eS ja auch in der kaiserlichen Botschaft(!) zum Ausdruck gelangt sei. Thürling habe erwidert, daß er keine öffentliche Versammlung, sondern nur eine Vorstaudssiyuug des freisinnigen Bezirlsvereins einberufe», habe, dessen Schriftführer er sei. Thürlina habe hinzugesetzt: „was soll ich machen, ich bin nun dock einmal freisinnig". Der Zeuge habe erwidert, daß der Lehrer ja aus seinem Herzen keine Mörder grübe zu machen brauche, er könne wählen, wen er wolle, nur solle er sich n i ch t m i t P a r t e i t r e i b e r e i e n befassen. Der Lehrer Thürling habe dann versprochen, dem Zeugen ein schriftliches Ver- sprechen geben zu wollen, daß er seine politische Thätigkeit einstellen wolle. Da dieser Bries nicht eingetroffen sei, habe der Zenge noch- mals mit dem Lehrer Thürling gesprochen. Dieser habe erklärt, daß seine Freund« ihn abgeratben hätten, etwas Schriftliches von sich zu geben, er sei aber bereit, ein mündliches Versprechen abzugeben. Der Zeuge habe ihn nochmals darauf Hingewiese», daß er ein tüchtiger Mau» sei. der auf eine Stellung als Hauptlehrer Anwartschaft habe, ein solcher würde doch, wenn er B. als s r e i- sinniger Agitator auftrete, bei den Königs. treuen Anstoß erregen. Lehrer Thürling habe dem Zeugen für die väterliche Ermahnung feine» Dank ausgesprochen. Der als Zeug« vernommene Lehrer Thürling gab eine Dar- stellung des Sachverhalts, die sich mit der des Vorzeugen deckte. Er bemerkte noch, daß er der Veröffentlichung durch die„Berliner Ztg." durchaus fern stehe, einer seiner Freunde, mit den, er den Gegenstand besprochen, müsse Verfasser und Einsender �des Artikels sein. In Betreff dcS zweiten Punktes gab der Echulrath Kob zu, daß er dem Lehrer Hämmerling den erbetenen Urlaub verweigert habe, weil von höherer Stelle die Anweisung ergangen sei, den Lehrern, welche ohnehin genug Ferien hätten, nur in dringende» Fällen Urlaub zu crtheilen. Als Lehrer Hämmerling fein Gesuch erneuert habe, seien demselben drei Tage bewilligt worden unter der Bedingung, daß er am letzten Tage für Vertretung sorge. Dies habe derselbe nicht bewerkstelligen können und deshalb nicht die Reise unternehme» können.— Auch der dritte in dem Artikel erwähnte Fall sei nicht wahrheitsgemäß geschildert. Bei der Einweihung eines neuen Schulhauses in Köpenick im Jahre 1593 habe nach der ossiuellen Feier ein zwangloses Zusammensein der Eingeladene» stattgefunden. Da seien denn viele Reden gehalten worden. Stadt- ralh Peters habe auf ihn— den Zeugen Kob— getoastet, worauf er dann erwidert habe. Er habe dabei zum Ausdruck gebracht, daß er sich freue, daß die Stadt Köpenick aus eigenem Antrieb« zum Bau des neuen Schulhauses geschritten sei, um den sie sich vielleicht noch ein paar Jahre hätte herumdrücken können. Die hierüber vernommenen Zeugen. Bürgermeister Borgmann und Stadt- ralh Peters, nnterstützten die Aussage des Zeugen Kob. Staatsanwalt Richter führte aus, daß der ganz« Artikel für den Schnlrath Kob beleidigend sei. am schwersten aber der Ausdruck Gesinnungsriecherei". Das Berhalten des Schulraths Kob sei durchaus korrekt gewesen und ihm in keiner Weile ein Vorwurf zu Knachen. Es sei demselben gar nicht eingefallen, auf die »olilische Gesinnung der Lehrer einwirken zu wollen, nur pfllcht- gemäß und im amtlichen Auftrage habe er vor politischen Agitationen seitens der Lehrer gewarnt. Der Staatsanwalt beantragt« gegen 'den Angeklagten eine Geldslrafe von 250 M. � Ter Gerichtshof hielt«Z für beleidigend, daß der Artrkel von Gesinnungsriecherei" sprach, daß nicht hervorgehoben wurde, daß Ler Schulrath gesagt habe:„Wähle» können Sie. wie Sie wolle», aber halten Sie sich von der Agitation fern", und endlich, daß be- stäuptet worden, die Lehrer würden von dem Schulrath schlechter bebandelt wie gemeine Soldaten beim Militär. Das Urtheil lautete ans 250 M. Geldstrafe event. 50 Tage Gesängniß und PudUlations- besuguiß. I Ob eS eine Beleidig, mg ist. wenn von jemand behauptet hvird, er habe„die Stirn gehabt" etwas zu thun-dies war die Frage, die gestern die achte Strafkammer des Landgerichts I au entscheiden hatte. Der Redakteur I. Neuman» in Gr.-Lichterselde «iebt das„Jahrbuch der Berliner Börse" heraus, welches e», Z�onkurrenz-Nnternehmen zu dem bekannten Saling'schen Börsenvnche »st. Ii» den Reklamen sur das Neumauu'sche Jahrbuch waren die »e- Ulis l,d y Iii Ge lJr hat angeblichen Vorzüge desselben gegenüber dem Saling'sche» hervor: geboben, das letztere als veraltet hingestellt»nd die„Nachträge" desselben waren als ein unliebsamer Mangel hervorgehoben worden. Der Redakteur d«S„Oekonomist", Herr Christians, zog gegen diese Herabsetzung des Saling'ichen Werkes in einem kleinen Artikel seines Blattes zu Felde und sprach dabei seine Verwunderung darüber aus, daß Herr Nenmann„die Stir» gehabt" habe, die Nachträge als einen Mangel hinzustellen Daraufhin strengte Herr Neummin gegen Herrn Christiaus Privat klage an. Das Schöffengericht erkannte aus Freisprechung, indem es mit d in Reckitsanwalt Dr. Hoffniann der Ansicht war, daß jener Ausdruck an sich nicht beleidigend sei, sonder» nach dem allgemeinen Sprachgebrauch soviel bedeute, wie„eine kühne Behauptung auf stellen". Rechtsanwalt Dr. Lubszynski legte hiergegen Berufung ein und bekäinpsle entschieden die schöffengerichtliche Auslegung. Nach dem allgemeine» Sprachgebrauch habe der Ausdruck„die Stirn haben' einen beleidigenden Beigeschmack und bedeute soviel als„die unglaubliche Dreistigkeit haben". Der Gerichtshof war derselben Ansicht; er hob deebalb das erste Urtheil aus und verurtheilte den Angeklagten zu 15 M. Geldstrafe eventuell drei Tage» Gefäugniß Wegen Vergehens gegen die 8ß»52, 153 der Reichs- ewribe-Orduung, sowie wegen Beleidigung und Mißbandluug hatten"ch gestern(Freitag) die Handschuhmacher Robert S t e r» köpf d Lahm an n vor der 139. Abiheilnng des Amtsgerichts zu verantworte». Anfang März d. I. war wegen Maßregelung eines Arbeiters in der Handschuhfabrik von C. Riemer ei» lheit weiser Streik ausgebrochen, an welchem die Handsebuhmacher Schneider, Jacobsen und König sich nicht betheiligten; außer diesen streikten etwa noch 2—3 Mann nicht, während etiva 6 Mann die Arbeit niedergelegt halten. Am 27. März d. I. fand in einem Lokale in der Sellerstraße eine Verbandssitzung fialt, zu welcher Schneider, Jacobsen und König durch Postkarte eingeladen wurden. Uli, was es sich in der Verbandssitzung handeln sollte, wußten die Genannten zwar nicht, ahnten es aber. Zunächst mußten sie, wie sie bekunden, eine Stunde lang am Büffet warten; dann wurden sie in die Sitzung hereingerufen, wo ihnei, die Frage vorgelegt wurde, warum sie weiter arbeiteten. Nach Beantwortung dieser Frage (wobei sie erklärte», daß sie keinen Grund zun, Streiken hätte») mußten sie da? Sitzungszimmer wieder verlassen»»d während der nun folgende» Berathnng draußen warte». Später kamen die beiden Angesagten und einige andere Kollege» heraus und es soll sich nun der Vorfall abgespielt haben, welcher zur Erhebung der Anllage führte. Danach sollen die Angeklagten den Zeugen Schneider einen„Streikbrecher nnd Schufter" genannt haben; Stern köpf soll ihn außerdem durch Stöße mißhandelt und Labniau» dabei geholfen habe». Beide Angeklagte beslritten ihre Schuld Durch die Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß allerdings Stern- kops und Lahmann zu Jacobsen gesagt haben:„Sie Streikbrecher, Schuster!" Doch ist ein Slrafantrag seitens Jacobsen's nicht gestellt worden. Auf die crwäbnten, gegen Jacobsen gerichtete» Worte fragte aber Schneider:„Was. wir sind Streikbrecher worauf Sternkops erwiderte, wie er behanptel und wie durch die Beweisaufnahme erwiesen wurde:„Ja, Sie sind ebenso Einer!" Sterukopf will damit gemeint haben,„so ein Wankelmüthiger, auf den kein Verlaß ist." Daraus soll Schneider eine drohende Haltung aiigenoinmen haben, was er zwar bestreitet, was aber durch den Zeugen König bestäligt wird. Um einem etwaige» Augriffe zuvorzukommen, faßte Sternkopf den Schneider am Halse und stieß ihn zurück. Mehrere andere, unter ihnen Lahmann, lraten dazwischen und trennten sie. Von Lahmann konnte keiner der Zeugen sagen, daß er geHaue» habe. Staats anwalt Dr. Eger verzichtete auf die Vernchmung der Enllastiiugs: zeugen, da ein Gewerbevergehen keineswegs vorliege, aber auch im übrigen der Sachverhalt nicht genügend aufgeklärt fei, weshalb die Angeklagte» freigesprochen werden müßten. Reckitsanivalt Freuden- hak als Vertheidiger der beiden Angeklagten schloß sich diesem A triypil an und der Gerichtshof erkannte demgemäß.> / Ter Streik anf dem Rcnba» Fricdrichstrasic IL, welcher -t- wie wir in der Pfingstiiummer berichtete»— dem Maurer Wenndorff 1 Monat Gesängniß wegen Vergehens gegen die tzg 152, 153 der Neichsgewerbe-Ordniuig in Jdealkonkurrenz mit Beleidigung und Be- drohung einbrachte, führte am Freitag auch die Maurer Engelm an, i und Kroschnick unter derselben Anschuldigung auf die Anklagebank vor der I3l. Abtheilung des Amtsgerichts L Es handelt sich um genau dcnselbeu Vorfall, wir i» dem ersten Weinidorff'sche» Falle. Am Mittag de? 28. April d. I.»varen die 43 Streikenden auf dem Neubau erschienen und forderten, daß der Maurer Stutz, welcher am Tage vorher die Arbeit zu den geforderten und bewilligten Be- dingungen— neunstündige Arbeitszeit und 65 Pfeunig Stunden- lohn— angefangen hatte, diese niederlege» sollte, iveil nicht all« eingestellt worden waren. Slntz weigerte sich, es wnrde angeblich mit Wafferwaaae» aus ihn eingedrungen, er ergriff dann zuerst eine Bierflasche, rief dem Znnächststebenden die Worte zu:„Wenn Du nicht weggehst, schlage ich Dir den Schädel kaput" und warf die Bierflasche ohne weiteres in de» dichlestcn Hause« hinein. Nun folgte ein allgemeines Flaschen Bombardements, wobei Stntz, wie er behauptet, branu und blau geschtage» wurde. Wie Stutz vor der Polizei ausgesagt halte, sollte ihn Eagelmann bei diesem Vorfalle mit einer Wasserwaage geschlagen nnd außerdem gerufen haben:„Den Hnud schlage ich tobt!" Eine ähnliche Bedrohung wurde Kroschnick zur Last gelegt, welcher außerdem den Zeuge» Stutz augespie» haben soll. Am Morgen desselben Tages soll Stutz ebenfalls beschimpjt ivorde» sein; auch in diesem Falle halte er früher vor der Polizei die beiden Angeklagten bestimmt alS die Thäter angegeben. Alle diese damaligen Behauptungen kann er unter seinem Eide nicht aufrecht erhalle»- geschimpst sei worden, er sei auch geschlagen worden, da aber 43 Personen um ihn herum waren, kann er nicht sage», von wem die Beleidigungen und die Thällichkeiteu ausgingen. Auch die anderen Belastungszeugen können nichts Positives angeben. Unter Verzicht auf weitere Bcweisansiiahme beantragten Staatsanwalt sowohl wie' der Vertheidiger Rechtsanwalt Dr. Herzfeld die F r e i s p r« ch» na auf welche der Gerichtshof auch erkannte. j/r Ein nnverbefscrlicher Schlafffellcndirb wurde geftß�i der ersten Strafkammer des Landgerichts I. in der Person des Arbeiters" Karl Flügge ans der Untersuchungshaft vor- geführt. Der Angeklagte ist in den letzten 20 Jahren wenig aus dem Zuchthaufe herausgekommen, von einer Menge Gefängnißstrafen garnicht zu reden. Zuletzt verbübte er eine Zucht- hausstrafe von acht Jabren. Jetzt wurden ihm wiederum 42 Schlaf- stelle, idiebstähle zur Last gelegt, die alle in der Weise begangen wäre», daß der Angeklagte sich unter fremdem Namen eiumielhete und die erste sich ihm bietende Gelegenheit dazu benutzte, mit Werthsachen seiner Vermiether zu verschwinden. Da er sich edesmal eines anderen Namen? bediente, währte es lange, bis es der Polizei gelang, seiner habhaft zu werden. Der Gerichts- dos war mit dem Staatsanwalt der Anficht, daß das Publikum vor dem gemeingefährlichen Treiben des Angeklagte» ans möglichst lange Zeit geschützt werden müsse, der Angeklagte wurde zuzwölsJahrcnZuchthauS, Ehrverlust und Polizei- aussicht venirtheilt. AuS EbcrSwalde wird berichtet: Wege» Verbrechens gegen die Sittlichkeit i» 23 Fällen wurde von der hiesigen Straskammer der Lehrer Liepe aus dem benachbarten Dorfe Heegermühle zu 2 Jahren Gefäugniß verurtheilt. Barrtson-Prozcff in Tiisseldorf. Die Beleidigungsklage, welche die älteste der bekannten„live sisters Barrison", Frau Lona Barrison-Fleuron, gegen den Chefredakteur des Artistenorgans „Artist", Waldemar Olto in Düffeldors, angestrengt hat, wnrde gester» zum zweiten Male vor dem Schöffengericht in Düsseldorf verhandelt, nachdem die erste Verhandlung, die am 9. April dieses Jahres tatlfand, zum Zweck einer umfangreichen Beweiserhebung ver- tagt worden ist. Wie noch erinuerlich sein dürfte, ist dieser eigenartige Prozeß durch einen hefiigcn publizistischen Kampf ver- anlaßt worden, den der Angeklagte Otto seit längerer Zeit gegen Damennunimern" aus den Spezialilätenbühuen und die damit ver- bundene Verdrängung der eigentlichen artistischen Kunst von diesen Bühnen führt. Er hat die Klägerin eines unzüchtigen LebenS. wandelS geziehen und ihren Gatten, Herrn Fleuron als cinei. Mann denunzirt, der in Kopenhagen als Anarchist bestraft sei. Das Ergebniß der Verhandlungen werden wir kurz mittheilen. VevsÄMmlungvn. Di« Holz-«nd Bretterträger wählten in einer öffentlichen Bersammluiig, die am 3t. Mai tagte, Paul Karnal zum Tele« girteil der Gewerkschaftskommisstoi,. Rixdorf. Am 2. Juni fand die regelmäßige Mitglieder- Versammlung des Frauen- und Mädcheii-Bildiliigsvereins bei Kummer, Berlinerste. 54, statt. Frau M e s ch als Refereiitin hielt«iilen Vor- trag über: Die Frau als Sklavin des Kapitals. Die Vortragende erläuterte in eingehender Weise, wie in der heutigen kapitalistischen Produktion die Frauen lind Mädchen bis ailss äußerste ausgebeutet und dabei in eine rechtlose Siellnug gedrängt werden. In der Diskussion sprachen Frau 3t ö n s ch, Schulz und Vieweg im Sinne der Resereiitiii. ZUb»tte».K>It»l»o«sch»I». Die B tblt alhek In der Nord schul« Brun Niiistr S6, ist siir dt« Mitqlieder an folgenixn Tagen geössiiet: Sonn- lagS, voriniuagS von io-is, D i e n st ag S und F r et l a öS, abends M biS 10 Uhr. NtilgliedSbcilräge werden an diesen Tagen in der Nordschule entgegen- genommen, ebenso in solgenden Zahlstellen: BoUfr. Schulz, Admtratslr.«oa, Schöning, Nöpntllerstr. ti«; Neul, Barnimstr.«1; Babiel. Rotenlhalerstr. 67; wleinert, Muttersir. 7a; Bnrghause, Puwuserstr. 32: Tilankenseld, Siephanstr. 29. Werner, Bülowstraße 69; Erube, Mariendorserstraße 6; Bastler, Junlerslraste l, H. Königs, Diestenbachstr. so. Alle Zuschriilen sind an den«orststenden Paul Mücke Ir., 80. Man- teusselstr.>2«, Geldsendungen an den Kosstrer H. Königs, L. Diestenbachstr. so, zu senden. Zlrbiiter-Knngerbnnd Berlin» und Nmgegend. Vorststender Ad. Neuman», Schwedenstr. lg, v. i Tr. Alle Aenderunge» im BereinSsalender stnd zu richle» an Friedrich Karl» IN. Manleustelsir.«9, v. 2 Tr. Kund der g-srUige» Ariiriieru»»,»» Berlin*»»d der Nmgegend. Vorststender P.«eni, DreSdenerslr. 107/ WS. Alle Zuschrisien, de» VereinSialender belrestend, stnd an H. Bcndix, Alerandrinenstraste loo, zu richlen. La»d«ma»»fchaft Zieguii». Sonnabend, den Ii. Juni in Feuerstein'» Fest- säten. Alte Jatodstr. 76: Sitzung. Eischter-zieretn.»Zeule Abend t'i Uhr, Metchiorstr. ,6: Versammlung. Fochverein der Poll- ii»d Kretterträger Berlins und Umgegend. Sonntag«orriitllag lo Uhr bei Ewald, Schönleiirstr.«. Milgliederverfainmlung. Verein der Knchdruiüer und Schriftgiester fnr Kirdorf-#t ii;. Sonnlag, den ig. Juni, nachmittags 1 Uhr, Versammlung in den„villeria- Sälen". Ausgabe der VilletS MI» JohanntSsest. freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den ig. Juni, vormillagS 9 Uhr, im grasten Festsaal der Berliner Ressource, Bomntandanleiistr. 67:„BiisainmIUiig. Frelreltiilöse Vorlesung."— Um u Uhr vormittag» edendaseldst: Vortrag de» Herrn E. Vogtherr:„Der Krieg". Allgemein« Kranken- nnd Sterbeltass« der Metallardeiter,(ffi- H. 29. amdurg.) Filiale Berlin o. Sonntag, den Ig. Junt, vorm. Igst Uhr bei iele, Ackerstr. 138: Austerordentliche Mitglieder- Bersammlung. Vevmifchkes vom Tttge. — Eine» Roggeuhalm mit Aehre hat»»au uns gestern in die Siedaktion geschickt. Der Kerl ist 2 Meter 20 Zentimeter lang und kommt ans Ostclbie». Aus Junker- oder Büudlerboden ist er selbst- verständlich nicht gewachsen. — Das S a g a n e r Wochenblatt schreibt: Im benachbarten —Hausen wurde vor Pfingsten vom dortigen Gesangverein be- schlössen, eine Sängersnhrt nach dein Riesengebirge zu mache». natürlich unter Mitnahme der im vorigen Jahre von den Jung- srauen des Orles gestifteten prächtige» Fahne. Man fuhr über tirschbcrg nach Petersdorf und begab sich von hier in feierlichem uge über Agiietendorf nach der Peterbaude. Die wackeren Säuger übergaben hier dem Wirth ihr VereinSbanncr und wurden von den zahlreich anwesenden Gästen feierlichst und sreundlichst begrüßt. Ein sröhliches Zechen began» nnd wurde beinahe 40 Stunden lang fortgesetzt. Die Begeisterung hatte einen solchen Grad erreicht, daß die Sänger bei», lliückzug gar nicht mehr a» die Fahne dachten, sondern erst in—Hause» ihren Verlust benietktcn. Es wurde nun beschlösse», eine Depulaliou zu wähle», welche in kurzer Zeit das Vereinslleinod zurückholen soll.— —J' I» H a in b u r ist die Frau eines Schiffskapitäns an Bleivergiftung gestorben. Es wird augenomme», daß sie ein Haar- färbemittel gebraucht hat, das giflige Substanzen enthielt.— — y. Ueber Bremen sind im Monat Mai dieses Jahres 5456 Personen ausgewandert. In dem gleichen Zeitraum des Vor- jahres wäre» es 10 733 Personen gewesci,.— — y. Für die Korrektion der Unterweser, von Bremen bis Bremerhaseu, sind in den letzten zehn Jahren 30 975 000 M. ausgegeben worden; 30 880 000 Kubikmeter Sand wurden ge- baggert.— — In W i e s b a d e n ist der bekannte Chemiker Fresenius ge- storben.— — Wien» an die Straßenbeleuchtung spart, die Sittlichkeit hebt und dieHeirathslu st fördert. Der Ortsgewattige des württembergische» Fleckens Ofterdingen ließ vor einigen Tagen durch die Ortsschelle den 1600 Einwohnern kund nnd zu ivissen thun, daß allen ledigen Frauenzimmern künftighin bei I Mark Elrafe»»tersagt sein soll, sich nach«in» getretener Dunkelheit»och auf der Straße ohne Laterne blicke» zu lassen.— — Am 8. Juni fand in E ch t e r n a ch a. Rh. die„Spring» Prozession" statt. Die Zahl der Theiluehmer wurde aus 20 000 geschätzt.— — Die letzttägigen Geivitter i» Frankreich haben den belgischen Brieftauben arg zugesetzt. Von 2500 dieser Thier«,»velche von Brüssel zu Weitflüge»»ach Vendüme(DepartcniciitLoir-el-Cher) und Libourne(Depailemint Gironde) entsandt worden waren, gellen zivei Drittel für verloren.— ce. Das P a st e u r- I„ st i t u t in Paris hat im Jahre 1896 1308 Personen gegen Hundswuth behandelt. Vier Personen sind an der Krankheit gestorben. Im Institut wurden bis jetzt 18 645 Per- 'onen behandelt, darunter 3096 Ausländer.— — In der Provinz B r e S c i a und am rechten Ufer des Garda» seeZ hat ein Wolkenbruch großen Schaden angerichtet.— c. e. In R o m durchschritt dieser Tage ein alter Herr, der einen himmelblauen Sammetrock, mit goldenen Troddeln besetzte Beinkleider nnd zwei verschiedenfarbige Schuhe— einen rothen und einen himmelblauen mit Goldschnüren— trug und eine Fahne mit einem dreisarbigcn Bande in der Hand hielt, majestätischen Schrittes ganz Bargonnovo und kam, von einer ungeheuren Volksmenge be- i, leitet, zur PeterSkirche, wo er einen Vortrag über das moderne Italien hallen wollt«. Die Domwächter ließen ihn aber nicht reden.— ce. In der Nähe von T w e r(Rußland) stürzte ein im Bau befindlicher Fabrikschornstein zusammen. Füus Arbeiter wurden ge. tödtet, drei schwer verletzt.— — Von der Pest. Nach einer Meldung deS„Renter'schen Bureaus" ans Dschedda ist daselbst der Ausbruch der Pest viftziell bekannt gegeben worden. Wetter- Prognose filr Sonnabend, den t». Jnni I8V7. Vorwiegend heiter nnd trocken, bei schwacher Lustbewegnng und zunehmender Erwärmung. Berliner Wetterb«reau. Briefkasten der Redaklion. Die juristische Sprechstunde findet Montag», DienfiaaS Freitags und Sonnabends, abends von 7—8 Nhr statt.' Schäftemacher. Fragen Sie in der Fachschule der Schuhmacher an- Rrederwallstr. 0/1 und Aibrcchtstr. 20. Jntrator. Klassiker nannte man die Bürger erster Klasse im alten Roui Später hat man diese Bezeichmmg aus Schriftsteller ersten Ranges über- tragen und seitdem ist diese Bezeichnung für alles Hervorrage, che in der Literatur gebräuchlich geworden. Sillier. Vielleicht sprechen Sie wegen der Zuschrift persönlich bei uns vor. Das Telegramm war nicht unterzeichnet und konnte deshalb Nicht berücksichtigt werden. W. S. in AP. Wir danken Ihnen, können aber von Ihrer Zusendung kcmen Gebrauch machen. u W. 8. H. 18. t und 2: Nein.— A. Schulz. Schriftliche Antwort ertheilen wir nicht. Die Entscheidungen des Kammergerichts, die nach d« Dichtung bin gemacht stnb, bnd nicht verösienMcht. Die von Ihnen an- gegriffene Begründung der Ablehnung einer Anflagcerhcbung ist nicht stich- haltig; indcff ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen� daff sich das Reichs- »ericht aus denselben Standpunkt stellt. An sich wird ein Meineid dadurch nicht zu seinem Gegentheil, daff die Aussage unaufgefordert gemacht ist und ■für die Prozeffsache ohne Bedeutung ist. Indes; kann aus beide» Unlstnndcn auf Maugel an Dolus geschlossen werden.— M. N. Wird verwendet. — V. K. Keineswegs erhalten nur die ausserhalb Verlins wohnenden Landtags- Abgeordneten Diäten. Alle Mitglieder des Abgeordnetenhauses erhalten vielniehr nach Art. 85 der Versaffiing aus der Staatskasse Diäten und Reisekosten. Ein Verzicht hieraus ist unzulässig. Die Diäten betragen für den Tag 15 M., die Reisekosten i für Reisen ans Eisenbahnen oder Dampfschiffen für die Meile 1 M., sür jeden Ab- und Zugang 3 M.; im übrigen gelten für die Berechnung der Reisekosten die für Staatsbeamte bestehenden Reisekostcn-Vorschristcn. Den am Sitze des Abgeordnetenhauses wohnhaften Abgeordneten keine Diäten zu zahlen, war im Jahre 1849 vom -Herrenhaus vorgeschlagen, wurde aber abgelehnt. Ein später dahin gerichtetes Ansinnen eines Herrn v. d. Hcndt wurde durch Ucbergang zur Tagesordnung erledigt.— Frau 20. 1. Das ist gleichgiltig. 2. Nein.— W. H. Die Pflicht zur Emrcichung der Statuten und des Mitglicderverzeichniss'cs haben nach ,8 2 des Vereinsgesctzes die Vorsteher von Vereinen, welche eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken. Diese Pflicht ist innerhalb drei Tagen nach Stiftung des Vereins zu erfüllen. Innerhalb drei Tagen ist ferner„jede Zlendennig der Statute» oder der Vercinsmitglieder" der Polizei anzumelden...Acnderung der VereinSmitglicder" heißt aus dem .preußischen Kasernenhossstil ins Deutsche übersetzt: Acnderung im Bestände der Mitglieder. Ist die Anzeiaepflicht innerhalb der drei Tage nicht erfüllt. sso liegt nach Ansicht des Kammergerichts doch noch nachträglich die Pflicht zur polizeilichen Meldung vor. Ein Verein, der möglichst Vute Lohn- und Arbeitsbedingungen erstrebt, ist nach zutreffender Ansicht kein solch«, d« ein« SinwWwig«tf Bffnrffiche«ngSegenhefte» bezweckt. Jndeff zwingt lein Gesetz letztinstanzliche Behörden, zutreffende Ansichten zu haben. Das rechts von der Elbe belegene Obcrvcrwaltungsgericht nimmt an. die Polizei Hab« das Recht, sich von allen Vereinen-Statuten und Mitgliederverzeichnisse einreichen zu lassen, um daraus zu ersehen, ob auf öffentliche Angelegenheiten eingewirkt werden soll. Wie aus den Namen von Mitgliedern auf die Zwecke des Vereins ein Schluß gezogen werden kann, das ist Polizeigeheimtiiß, das nicht allein Herr von Tausch zu hüten hat. In Ihrem Falle lehnen Sie die Beantwortung der an Sie gestellten Anforderungen ab, weil kein gesetzlicher Grund sür Sie vorliegt, auf Mehrung polizeilicher Kenntnisse bedacht zu sein.— A. R. Ja.— — H. M. Die Berufung wäre leider erfolglos. Die Unsälle auf dem Wege zur und von der Arbeitsstätte werben im allgenieinen nicht als Un- fälle im Betriebe erachtet. Ein Antrag, der das Gegentheil gesetzlich aus- gesprochen wissen wollte, ist abgelehnt.— Eidechse. Nach erfolgter Kündigung muh sich der Miether die Besichtigung der Wohnung zwecks Weiterveriniethung gefallen lassen. Sind für die Besichtigung keine bc- stimmten Stunden im Vertrage vereinbart, so muh die Wohnung zu an- gemessener Zeit gezeigt werden. Darüber, was angemessene Zeit ist, hat Ortsgebrauch und vernünftiges Ermessen des Richters, das im Streitfalle anzurnscn ist, zu enticheiden. Die Zeit von 8 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags gilt im allgemeinen in Berlin als angemessen. Der Miether darf deni Wirth oder dessen Stellvertreter die Begleitung Miethslustiger nicht wehren. Zur einseitigen Festsetzung der Besichtigungszeit ist keine Partei berechtigt.— M. W.. Köpiiictcrstraffe. 1. und 2. Ja. 3. Nein. — Nt. C. Das Herrenhaus besteht auö den großjährig gewordenen Prinzen des königlichen Hauses, aus Mitgliedern mit erblicher Berechtigung und aus Mitgliedern, die vom König auf Lebenszeit berufen sind. Erb- lich berechtigt zur ersten Kammer sind das Haupt des Hauses Hohen- zollem-Sigmaringen, die Häupter der ehemals reichsständischeu Häuser(das stnd 1«: Herzogflstim Arenberg, Herrschaft AhauS-Bocholt-Anhokt, Amt Braunsels-Greisenstein, Herschait Dülmen, Amt Hohen-SolmS, Giafschaft Horstmar, Herrschaft Rheda und Grafschaft Höhen-Limburg, Graischast Stein- surt, die Grafschaften Slolberg-Slolberg, Stolbcrg-Weniigerodc und Witlgcn- stein, die Herr-chasten Trochtelsingcn und Jungeau in Hohenzollem, Rodel- heim nebst Prancnheimer Antheil und die Aemter Wäckitersbach, Meerholz, Birstein-Langenselbod, und die zur Herrenturie 47 berufenen„Fürsten, Grasen und Herren'", sowie endlich die durch königliche Verordnung mit erb- licher Berechtigung Einberufenen. Die auf Lebenszeit Berufenen besteheu aus 3 Kategorien. Die erste umfaßt diejenigen, die vom König aus be- soliderem Vertrauen berufen sind: mit Hilse dieser Kategorie ist durch sog. Pairsschub stets eine bestimnite Ansicht im Herrcnhause zur Herrschast zu bringen möglich. Die zwcfte Kategorie bilden der Landhoftneister, der Ober- burggraf, der Obermarschall und der Kanzler t Provinz Preußen). Diefell 4 mittelalterlichen romantisch benamietenAeniteni ichtießt sich alsleyteKatcgorie die der„Präsentirten" an. Das Präsentationsrccht steht zu: I. den Domlapiteln zu Brandenburg, Merseburg und Rauniburg, 2. den Verbänden der mit Rittergütern angesessenen Grafen(das sind: von der Gröben-Ncudörschen. von Jtzenplitz, von Schlieffcn, von Kolpath, von Mielzhnsli, von der Schulenburg-Nimpijch und Bcetzendorf, von Korff-Schmiesing, von Hompesch- Rurich), 3. den Verbänden der„durch ausgebreiteten Familienbentz ausgezeichneten" Geschlechter(d. s. die Verbände der Gräflich von Königs- marckschen Familie, der Familie von der Gröbeu-Laugheim, von AlvenS- leben, von Schwerin, von der Schulcnburg, der Pommerschen Schloß- gesessencn Geschlechter von Borcke, von Wedell, von der Osten, der Familie von Bredow, von Arnim, und deS pommerschen Geschlechts von Kleist), 4. den Verbänden des alten und befestigten Grundbesitzes das sind in Preußen 18, in Brandenburg 15, in Pommern 13, in Posen 7, in Schlesien 18, in Sachsen 10, in Westfalen 4, in der Rheinprovinz 5), 5. jeder LandeSuniversität ii und 6, 47 Städten. Fachv. der Musikinstrumenten-Arbeiter. Sonnabend, den 18. Juni, bei Helfer, Oranienftr. 51: Versammlung. Tages-Vrdnung: 1. Vortrag des Herrn Hr. Welheim über:„Die Luft und ihre Verflüssigung". 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten. 142/17 Der Vorstand. Die nächste Mitglieder-Versammlung findet am Montag, de» 81. Jnni, bei Feuerstein, Alte Jakob st raße 75, statt. Diejenigen Mitglieder, welche noch im Besitz von Fortnularen zur Urabstimmung sind, werden ersucht, dieselben schleunigst in unserem Bureau, A n n e n st r a ß e 50, abzugeben. 27/5 Sonntag, den 80. Juni, nachmittags 2 llhr: Hesnch de» Botanischen Gartens.'TSKi Treffpunkt präzise ß-,2 llhr vor beul Haiwtcingang P o t s d a m e r st r a ß e 75.— Nachdem: GeinOthliche* Beisammensein(Rasfeekochen) bei«chUnine, Köpnickerstr. b8. Wegen Neu-Katalogisirung bleibt die Bibliothek vom 4. bis 17. Jnli geschloffen und sind sämmtliche mtliehenen Bücher bis spätestens 3. Juli zurückzugeben.__ Der Bevollmächtigte. Illteressenvemn der Buchdruckerei-Dilfsarbetter Berlins und Umgegend._ 9C- Nonntasr. den 13..1 nni, morgens 7 Uhr"MA bou der Jannow»»- Brücke(Restaurant Spree-Terrasfe): Grosse Dampferpartie mit Musik nach Rauchfangswerder(vis-ä-vis Hankei's Ablage). Freunde und Gönner sind hiermit freundlichst eingeladen. Blllets h 1 Mark, Kinder unter 10 Jahren frei, sind im Arbeits Nachweis bei Jahns, Holzmarktstr. 13, und an der Abfahrtsstelle zu haben. 36/3 Has Conitt£. verein der Mschiniße«, Heizer mid BerOgenchn Berlins und Umgegend. Sonntag, den 13. Jnni, nachmittags 5 Uhr, im Uokale der„Oranienhallen", Oranlenstrasse 51: Netfout mlttuit. Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht. 138/19 Her Verstand. Zentrul-Krtitlken- und Sterbekasse der Tischler und anderer gewerblicher Arbeiter(Hamburg'. 181/10 Hertliehe Verwaltung Berlin A. Montag, de» 11. Jnni, abends 8 Uhr, in« Lokale des Herrn Roll, Adalbertstraffc 81t a*r Tages-Orduung: 1. Bericht über die Abrechnung vom 1. Quartal 1897. 2. Festsetzung der Entschädigung an die Ortsbeamten. 3. Wahl der Ortsbeamten und Beitrag- sammler. 4. Wahl von Beitragsammlerstcllen. 5. Wahl des Vertrauens- Arztes. 6. Verschiedene Kaffenangelegcnhciten. Mff"" Die Sprechstunden des Bevollmächtigten und des Kassirers fallen an dlcfcnl Tage aus."«HZ Der wichtigen Tagesordnung wegen ersucht um zahlreiches und pünlt- liches Erscheinen Die Ortsverwaltung. Allitlim! Kirdorf. Mtuilg! Im Hienstag, den 15. Jnni. abends SV, Uhr, in dei Am Hienstag, „V Iktorla-Sülen Verband der Möbel pol irer. Montag, de» 11. Juni, abends S1/: Uhr, Swinemünderstraffe 35: Z? Versaniinlung. 33 Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Hr. Wey! über: Lungcnkrankheiten. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes.— Die Kollegen werden ersucht, zahlreich zu erscheinen; speziell ist Kollege A. Gräber hiermit eingeladen. Die unentgeltlichen Arbeitsnachweise befinden sich bei Scheere, Blunienstr. 38; Mohn, Oranienftr. 197; Oeike, Swniemünderftr. 26. Daselbst werden heute Abend von 8—10 Uhr Beiträge entgegen und neue Mitglieder ausgenommen._ 147/11_ Ter Borstand. Achtung, Maurer! Lmtag, den 11 d. M., mMG 11112 llhr, m Lokal von M. Cohn, Btuthstraße 20: Mitglieder Mersammlnng der Filiale II. Berlin des Zentral- Berbandes deittscher Maurer. 1. Vortrag lies Cenchil i\\£ t Viskusßoa. 3. Cc- 15. Jnni. abends SV, Uhr, in den Hermannstr.' 10: VI i k g l i e d e v- V e r P« m nr l u n g des soziäldemokrat. Vereins„Vorwärts" Tages-Ordnung: 1. Vortrag:„Was wollen die Sozialdemokraten oder wie agitirt man auf dem Lande"? Referent Genosse Themas-Rixdorf. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes.— Gäste sind willkommen. Die Mitglieder des Vereins werden ersucht, in dieser Versammlung zahlreich zu erscheinen. I232/17j Her Verstand. Möbel« Siegel und Polsterwaaren. 7 Cempl. Wohnungs- Uinrlchtnngen. PratlV Tlitaanor Tischlermeister,[1587S» ZlAUL iliUdlier, Berlin Stzi,.. BlUcherstr. 14. entsche Schuh- F abrik Erfurt Kollegen(Mitglieder)! Sorgt für guten Beftich dieser Versammlung, macht auf den Bauten die größte Propaganda für dieselbe, rüttelt die jetzt noch indifferenten Kollegen auf, sorgt dafür, daß die Reihen unserer Or- ganisation stets und immer gekräftigt werden, macht eS jedem Kollegen zur Pflicht, in dieser Versammlung zu erscheinen. 134/3 _ Hie Uehnlverwnltnng. Deutsch. Metallarbeiter-Verband (Ortsverivaltnng Berlin). Sonntag, de» 80. und 87. Juni 1897, vormittags 9 Uhr: Sonhtt-BorWlllg in der„Urania". TauhenstraKe lS-llh „Der Kampf um den Nordpol". Ewtrittskarten stnd bei den Kasftrcr«, sowie im Berbandsbnrea« Annenstrafte 39 zum Preise von 00 Pf. erhältlich. AM- Die bisherigen Mitglieder des Deutschen Metallarbeiter-Ver- bandes ersuchen wir nochmals, ihre Mitgliedsbücher abzugeben, um dieselben mit der neuen Ortsnummcr versehen zu können: jedes Mitglied muff seinem Buche eine» Zettel mit genauer Wohnungsaiigade beifüge». 122/5__ Die OrtsverN-altung. Achkung l'MÜ mr Achtung! Manm Warlottenbnras! Senntag, den 13. Jnni, nachmittags 1 Uhr, im Uekal „Bismarckshohe", Wilnicrsdorferstrasse 39: Gvccho üffenflichc Cöcner�il- DovlQlnmlung. Tages-Ordnung: 1 Wann wollen wir unsere Forderungen dnrchführen? 2. Diskussion. 134/19 iIM� Kollegen! Da? Erscheinen aller Maurer ist eine dringende Roth- wendigkeit! Der Vertrauensmann: W. Schulze. liefert 158«L«| Schuliwaaren en gros& en detail in eleganter und solider Ausfiihrung. Arbeiter Berlins! Die Fabrikate der ausgesperrten j Schuhmacher in Erfurt werden jetzt, außer in den bekannten Verkaufsstellen, in j den eigenen Niederlagen Beiiesiiianeestrssse 102 und Rosenthaierstrasse 63 64 - verkauft. Weitere Filialen in Deutschland: München, Sendlingerstraße IV. Köln a. Rh., Eigelstein 6«. „ Dachauerftraße 83. Bremen, Faulenstraßc 75. Landsbergerstraße 7. Hannover, KlageLmarkt 7». Frankfurt a. M., Liebfrauen- Hamburg. Wexftratze 8». berg 2K. Leipzig, Zettzerstraßc 37. Düffeldorf, Bismarckftraße 91. Braunschweig. Höhe 4. Jeder Käufer, der einen Versuch macht, wird mit dem gelieferten Fabrikat, das jeder Konkurrenz die Spitze bietet, in Preis lind Qualität zu- friedenge stellt.— Unser«eschüftSgrnndsah ist: Geringer Ber- dienst, rascher llmsatz.— Jedem««serer Freunde kann die Waare bestens empfohlen werden. Hamenstiefel von M. 3,50, Herrcnstiefel»nn M. 5,75. HC* Jtt der Siosenthaler-Ttraße bitte geuan auf Nummer 63/64 z« achtet. Für die Geschäftölcitung: Wilh. Bock. Künstl. Zähne in tadelloser Ans. jührung v. 3 M., Plomben v. 2 M. an- Schmerzlos. Zahnziehen imtt. Cocain, Clorsthhl, Chloroform und Lachgas unter Leitung eines prakt. Arztes. Bei Bestellung v. lünstl. 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Sterbc= kllsst der Tischler und anderer gewerblich. Zlrbriter. Eingcschr. HilfSkasse Zkr. 3 zu Hamburg. Filiale Berlin C. Mitglltdtt-LechMiliill ant Montag, den 14. Juni, ab. 8 Uhr, bei Werner, Bülowstr. 59. Tagesordnung: 1. Neuivahl der Ortsverwaltung, des Vertrauensarztes und der Bei- ttagsauinilcr. 2. Besprechung und Regelung der Zahlstellen. 3. Andere Kassenangelegenheiten. 182/13 Bei der wichttgen Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Mitgliedes, zu erscheinen. Mitgliedsbuch legittniitt. Die Ortsverwaltung. Orts- Krankenkasse der Strnmpfwirker. Montag. 21. Juni, abend« 8Vj Uhr, in Felnd's Salon, Wetnftr. 11: Austerordentliche Cenewi-Versamiillmig. Tagesordnung: 1. Abänderung der§§ 2, 7, 10, 12, 20. 29 und 30 des Statuts. 2. Verschiedenes. 263/2 Die Dclegirten werden ersucht zahl- reich zu erscheinen. Der Borstand. Arbtiter-Radsahrer-Bntm • B .»« „>* e r 1 1 n Sonntag, den 13. Juni; Tour nach Nowawes bei Potsdam. Zusammen!. mit den dottigen Arb.-Radf. Früh- stück Beclitzhok. 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Ich erkläre hiermit das Gerücht, daß mein verstorbener Manu mir ein Svarkassenbuch oder irgend welches Vermögen hinterlassen habe, als völlig ans der Luft gegriffen. Ich selbfl bin seit 20 Jahren trank; schon hieraus ergiebt sich, daß vom„Sparen" kein« Rede sein kann. 2528b Frau Dhrres« BS o b t g Pvt'svka?»» Betteu.StepPdecken. Gardinen, Sommer« Paletots,«uzüge, Hafen, Operngläser, Regnlatoren, Remontotr- uhren, Granatarm biinder spottbillig Psandleih« Reanderstr. 6. 2452b Mandolinen- und Zitherspiel lehrt gründlich L. Werner, Bergstr. IS. «Sine Hefwohnung, 2 St, 1 Küch«, eig. Korrid., sofort zu ver- miethen. Näheres bei Dittmann, Lrunnenstr. 71._ 2521»» Straianer Allee 88 und Caprtvlstp. 8—0, an der Stadtbahn-Haltestelle Warschauerstraße, sind in den neuerbauten Hänsern schöne Wohnungen"VB 283 zu vermiethen 8316 Prinzessinnen str. 29, v. 3 Tr. r, ein möbl. Zimmer für Herm oder Dam«. Möbl. Schläfst. Waßmannftr. 38 IV r. Arbtitsmllrkt. jlciltiinz. sizeiill!!'! 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Tic Kartrlle in Tcntschland;»rr österreichische Kartell. «eseiientwurf.— RuS- und Einfuhr nach Teutschland; Allgemeines über die HaudelSbilance. ,, Die Zählung und die Vergleichuug der Zählungsresultate durch längere Zeiträume hindurch, mit einein Worte die statistische Methode erscheint als einfachstes»ud sicherstes Mittel, um die Mafseuerscheinungen der Gesellschaft in ihrem Umfang und ihrer zu- und abnehmenden Tendenz zu messen. Sie hat aber zur Be- blngnng, daß die statistisch zu messenden Masseuerscheinuugen stch gleichartigen Thatbcftänden zufaminenseheu müssen, da nur solche einer Zählung, die sichere eindeutige und mit eina»d-r vergleichbare Resultate liefern soll, sich einfüge». Wo das nicht oer Fall ist, rvird die Zählung immer durch die Beschreibung, die aus das Konkrete und die innere» Unlerschiedenheiten der Thatbesiände eingeht, ersetzt oder ergänzt und korrigirt werden müssen. So ist z. B. der Fortschritt der Kapital- l o n z e» t r a t i o u, wenn man darunter einfach das Wachsthum der großen Geldvermögeu versteht, ohne weiteres in statistischer Weise zu messe», während die in der Sphäre der Pro- duktio» sich vollziehende, in der wachsende» Anzahl der Groß- betriebe sich ausdrückende Kapitalkonzentration schon um vieles schwerer einer klaren statistischen Darstellung zugänglich erscheint, da b>er die Tbatbeftände sehr komplizirt und darum nicht von vorn- herein vergleichbar sind. Die Zahl der durch die Dampsmaschinen repräsentirte» Pferdekräfte und die Zahl der i» den einzelne» Betriebe» beschäftigte» Arbeiter sind nur ungefähre Anhaltspunkte,»m eine Zählung des in seiner unmittelbaren Wirklichkeit Unzählbaren zu ermöglichen. Roch schärfer treten diese Schwierig- leiten bei derjenigen Art der Kapitalkonzentration hervor, die sich durch de» loseren oder festeren Zusammenschluß der Unternehmer in Kar teil form vollzieht. Kartell ist ein Wort, das die verschiedenartigste» Vereinbarungen deckt. Eine Zusainmenzähluna der bestehenden Kartelle und ein« Vergleichuug dieser Ziffer mit früher gesundenen Zahlen sagt daher über die Art, die Bedeutung und Macht dieser charakteristlsche», in der große» Industrie sich vollziehenden Bewegung noch außerordentlich wenig. Da? schickt auch C a l w e r, der in dem»Handelsumseum* und der„Sozialen Praxis" einen sehr interessanten Ueberblick über die Rartellbewegung i» Deutschland für den Zeitraum von 1891 und 1897 veröffentlicht, seiner Zusa»»»ei>stellliiig voraus. Großmann hatte im Jahre 1891 in ganz Deutschland ISS Kartelle gezählt, die Zahl, zu welcher Ealwer für den März 1897 kommt, ist 196. Das würde also, wenn beide Zahlungen mit gleicher Genauigkeit und nach gleichen Grundsätzen voigenoinmeil wäre», eine Zunahme um 43, oder um etwa 36 pCt., bedeute». Was die einzelnen Braiichen belrisst, so weift gegenwärtig der Kohlenbergbau 8, die Eisemnduftri« 34, die Metallurgie 6, die chemische Industrie 3V, die Industrie der Steine n»d Erden 4S, die Textilindustrie 30, die Papierindustrie und Buchdruckerei 18, die Industrie der Holz- und Schnitzstoffe 7, die Lederindustrie 6. die Nahrungsmitlel-Jndnstiie 6, das Bekleidunasgeivcrbe 1 und Handel und Verkehr 5 Kartelle auf. Viele dieser Vereinigungen sind aber oberflächlicher Art und be- Zwecken vornämlich, die äußerlichen Bedingungen deS Absatzes, die Zahlungsfristen und ähnliches zu regeln, viele bringe» es nur zu losen Preiskonvcntiouen und Abmachungen über die Ausdehnung der Produktion und sind zudem auf verhältnißmäßig eng begrenzte Marktgebiete eingeschränkt. Boll ausgewachsene, die Produktion wie die Verkaufspreise der betheiligten Betriebe dauernd und fest regelnd» und zugleich den nationalen Markt weithin beherrschende Kartelle find erst in relativ geringer Zahl vorhanden. So vor allem im Kohlenbergbau da? 1393 gegründete rheinisch- westfälische Kohlensyndikat, welches im Borjahre allein 39 Millionen Tonnen gefördert hat, und das seit 1896 bestehende«oakssyudikat in Bochum, zwei Vereinigungen, die de» Kohlen- wie den KoakspreiS im ganze» westelbischen Deutschland von sich ans regnliren. Sodann im Eisengewerbe der rheinisch» westfälisch« Roh- eisen-Berband, der gegenwärtig nur noch e i n e zentralisirte Ver- kaufSstelle besitzt, und das im Borjahr gegründete Grobblechsyndikat, sowie etwa noch einige andere Verbände derselben Branche. Hoch. entwickelt ist das BerbandSwesen in der durch die Größe und geringe Anzahl der Betriebe von vornherein zu uionopolistischem Zusannnenschlusse prädisponirten chemischen Industrie; für Kali, Pulver, Dynamit, Thomasphosphalmehl und Petroleum be- stehen hier vollkommen durchgebildete Karlelle. Die In- dustrie der Stein« und Erden weist gleichfalls«ine Reihe straff organisirter Kartelle, aber nur mit beschrankten, Geltungsbereich« auf, während in de» anderen, oben angeführte» Branche» die Bewegung fast überall noch in bloßen Ansätzen, in losen Bereinigungen, die noch des festereu Zusammenschlusses harren, stecken geblieben ist. Die Tendenz hat, wie Kalwer's Rückblick anschaulich hervor- treten läßt, auf den verschiedensten Gebieten während der 9ver Jahre sehr bedeutende Fortschritte gemacht, wenn auch, wie gesagt, das Maß derselbe» zahlenmäßig sich nicht ausdrücken läßt. Der Druck der Konkurrenz und das wachsende Uebergewicht des eigentlichen Großbetriebes wird dafür sorgen, die zahllosen Ansätze immer ent- schiedener nach der Richtung ftraminer Zentralisation und monopo- tistischer Preissetznng weiterzutreiben. Tie Assoziation der Kapitalisten durch den Zusammenschluß in Kartelle» schränkt die souveräne Freiheit de» einzelnen Kapitaliste» allerdings ein, aber nur um durch die Einschränkung den all- gemeinen kapitalistischen Zweck gesicherter und möglichst hoher Profit« um so wirksamer zu verfolgen. Auch die Versuche der Karlelle, die Ausdehnung und Einschränkung der Produktion dem wechselnden Mnrktbedarfe mit möglickst geringen Reibungen an- znpassen, dieuen natürlich diesem obersten Ziele. Je mehr sich die Verbände ihrem Ideal«, einer zentralistisch, nach dem Plane der Kartellleitnng selbstherrlich regulirten Produktion und Preisfestsetzung nähern, je mehr es ihnen gelingt, alle entscheidenden Betriebe in jeder Branche ihrer Organisation anzugliedern, um so erdrückender wächst die Ueberinacht dieser große» Zwingburgen des Kapitals über Konsumenten»lnd Arbeitern an. Je mehr aber die Schutz- wehre» der freien Konkurrenz gegenüber der koalirten Kapital- macht jede» Dienst versagen, um so uothwendiger ist es. die gewaltige» Organisationen durch«ine noch gewaltigere, die unter den gegebenen Umständen nur der Staat sein kann, in gesell- schafllichem Interesse zu überwachen und zu kvntrolliren. Eine Roth- wendigleit, die um so dringender erscheint, als die Staaten durch ihre, die Wirkungen der internationale» Konkurren, abschwächenden Schutzzollpolitik den Boden für die Bildung nationaler Kartelle selbst geebnet haben. Nicht in der Zerstörung dieser Bildungen, deren kapitalistische einer späteren demokratisch-sozialistischen Zentrali- sation des Produktionsprozesses so wirksam vorarbeitet, nur i» der fortschreitenden Kontrolle durch die Staatsmacht kann der Fortschritt liegen. Die i» den Bereinigten Staaten, dem Mutlerlande der Kartell- und Trustverbände gemachten Versuche, auf dem Wege der Straf- gesetzgebung vorzugehen, haben so gut wie gar keine Erfolge gehabt. De» Berbänden gelang es inimer leicht, ihre Korporalrons- formen so zu ändern, daß�ste den engen Paragraphen der Straf- gesetze entgingen; auch zivilrechtliche Anfechtungen durch Personen, welche sich von dein Kartell geschädigt glauben, oder durch öffentliche Beamte, die bei Gericht beantragen, daß die be- treffende Bereinigung als ungesetzlich erklärt und unter Stras- androhnng zur Auslösung verurtheilt werde, wurden in den Ber- einigte» Staaten vielfach versucht, boten aber selbstverständlich noch «venlger die Möglichkeit eines ausreichenden Schutzes. Ter Rartell-Gesetzentwurf, welchen in letzter Zeit die österreichische Regierung dem Reichsrath kurz vor Beendi- giing der Scssion zugestellt hat, würde, auch wenn er an genominen werden sollte, schiverlich irgend erhebliche praktische Konseqnenze» uinnitlelbar nach sich ziehen. Das Bedeutsame dieses Enlivurfes liegt vielmehr in dem prinzipiellen Gedanken, daß die Kartelle, denen ans rechtlichem Wege, wie die Erfahrung gezeigt hat, nicht beizukoinmen ist, einer einschneidenden staatlichen Ober- a u f s i ch t unierstelll werde» solle». Die freie Willkür der Eigenihümer, die durch den Kartellvetband im Interesse der Eigen lhüiner beschränkt war, soll nun— das ist der in der Gesetzgebnng neue Gedanke— durch die Staatsmacht im öffentlichen Interesse neue, den geheiligtsten Uebcrlieferungen widersprechende Beschränkungen erfahren. Allem Anscheine nach hat gerade die Exportprämienpolitik, durch ivelche wie in Deulschland so i» Oesterreich die Zucker- i» d n st ri e auf Kosten der Slenerzahlcr gefüttert wurde, zu dem Gegenschlage gedrängt. Di« Wirkung dieser Prämien ist, ebenso wie in Teutschland, daß die inländische Bevölkerung den Konsum- zncker zu einem Preis bezahlen muß, der um de» Betrag der Prämie über dem Weltmarklpreise steht. Aber diese Verthenerung. heißt es in den Motiven des Entwurfes, wird über das gegeben« Maß noch hinauSgclricbcn, indem die Znckerrafstneure sich zu weiterer Preis- steigenrng verbinde»,„wodurch die voiksivirthschaftlichen Zwecke der gesetzlichen Zoll-»nd Prämienpolitik wesentlich beeinträchngl worden sind, trotz der der Allgemeinheit hierfür aufgebürdeten Lasten." Die Agitation gegen das durch die Prämienwirthschasl hegünstigte Zucker- kartell hat d,e Regierung, die zudem ihre Sienermtereffen durch eine solche Art Extraansbeninng bedroht glaubte, vorwärts gelrieben. Da« tritt auch in der Forimilirnng des Gesetzes selbst hervor, dem- zufolge nur solche Unlernehmerverbände, die vom Staat in irgend einer Weise indirekt besteuerte Gebranchsgegen- stände, ivie Zucker, Branntwein, Bier, Salz, Petroleum, produziren und vertreiben, der Etaaisanssicht unter- stellt werde» solle». Um giltig zn sein, müssen derartige Kartelle Statuten, welch« die Grundzüge des Vertrages enthalte», der Rc gierung einreichen. Die Staatsaufsicht führt da? Finanz- »i i n i st eriu ni. da? zn diesem Zwecke Einsicht in alle Geschäfts bücher des Kartells nehme» kann, und von wichtigen Beschlüssen der Kartelle sofort in Kenntniß gesetzt werden soll. Ihm stehtauch — das ist die weitestgehend« Bestimmung— das Recht zu, die Ausführung der über die Feststellung der Preise, der Produktions»»engen und Absatz- Verhältnisse gefaßten Kartellbeschlüs.se zu untersagen. wenn sie„in einer die objektive»virth- schaftliche Lage deS betreffenden Industrie- zweiges nicht begründeten" und die Steuer« und Konsumtionskrast„offenbar schädige lldenWeise" den Preis des Kartellprodultes steigern oder de» Preis deS von den Berbänden zu verarbeilende» Materials(hier ist wohl an die Rübenbauern gedacht) herabdrücken. Vor der Untersagnng ist das Gutacht«» einer vom Ftnanzniinifter aus Ministerialbeauitcn und Fachleute» znsammeiizufetzende» zivölfgliedrige» Kommission einzuholen. Auf Uebertretunge» des Karlellgesetzes»verde» Geld- und Arreststrafen gesetzt, auch ist das Finanz- ininisterium jederzeit befugt, den Karlellen eine Kaution bis zum Betrage von 206 000 Gulden abzuverlangen. Ferner sind Verabredungen der Kartellmitglieder auf Einstellung de? Betriebes oder Entlassung von Arbeitern behufs Erzivingung einer Lohnverringernng oder ungünstigeeer Ar- beilsbedlngungen verboten,»nd auch hier soll die Uebertretung mit Geld- und niit Gefängnißstrafe, die bis zu 8 Monate» aus- gedehnt»verden kann, geahndet»verde». Für Oesterreich ein sehr kurioses Gesetz, das»vohl auch nur als Schaugericht dem Volke vorgesetzt werden sollt«! Dieselbe Regier»»ng, die sonst vor der brutalsten B«rge»valtigu>ig der Arbeiterschaft nicht zurückscheut, die vor»venige» Monaten erst,»vi« die Wiener„Arbeiter- Zeitung" erinnert, die Eisenbahner-Organisationen zertrünimert hat, spielt sich auf einmal hier als Gegnerin kapitalistischer Willkür, als Echützerm der Arbeiter auf! Sie verlangt Vollmachten für sich, für deren sachgemäß« Anssnhrnng die Vorbedingungen einstiveilen noch gar nicht ausgebildet sind, denn nach»velche» Kriterien»vill da« souveräne Finanzlninifterium sammt seiner Kommission darüber entscheiden,»van» die Feftstellung der Preise durch die„objektive,»virthschaftliche Lage" nicht begründet ist und„schädlich"»virke»,»vird? Vollmachten, die,»venu mit ihnen Ernst gemacht werde» soll, dieses durchaus pliitokratische feuda- listische Regiernngssystem in den schärfsten Gegensatz zur Kapital- »nacht hineintreiben»nüßte»! ES ist schiver zu glauben, daß die Regierung selbst die Stnuahm« ihres Ei>t,v»rfeS wünschen sollte! Immerhin,»vi« unreif die österreichischen Verhältnisse für«ine solche Politik sein mögen, wie widerspruchsvoll sie erscheint, welche ge- Heimen Absichten und Zivecke sich hinter den» Entwurf verstecken »nöge», die Thatsach«, daß«in solcher Entwurf„,it Ausficht auf fepularilät eingebracht werden konnte, ist ein weithin sichtbares eichen der Zeit, ei» Zeichen, wie unter den» Drucke der Verhältnisse die alten Vorstellungen sich auflösen,»vie der Gedanke iminer unwiderstehlicher sich anfdrä»»gt, daß im gesellschaftlichen Jniereffe der Staat in die Kreise der dem Monopole zueilenden großinduftriellen Produktion einzugreifen haben»vird. Die Keime znr gesellschafllicheu, durch de» Staat vermittelten Kontrolle der Produktiv» sind»veithin in dem sozialen Erdreich verstreut, und niit ihnen»vachsen neue, wenn auch oft noch»vunderbar mit Aitern verquickt« Vorstellungen Hera». Wer kann sagen, ob die Zeiten fern sind,>vo daS in diesem wunderlichen Gesehenlivnrfe ausgesprochene Prinzip, ausgebildet, erweitert, von bureankratifche» Schranken be- freit, vielleicht in den vorgeschritUnste» Rationen zu fruchtbaren» Lebe» erivache»»vird? Ausfuhr wie Einfuhr Deutschland» weisen im ersten Quartale dieses Jahres gegenüber dem ersten Quartal« des Jahres 1896, daS freilich im Berhältniß zu de» Vorjahre» eine sehr bedeutende Steigerung zeigt«, bereits ei» Nachlassen auf, obgleich auf vielen Gebieten, vor allem im Koblenbergbau, die lebhaste in- dustrielle Thätigkeit deS JahreS 1896 sich noch fortsetzt. Der Werth der aus Deutschland im ersten Quartal 1897 ausgeführte» Waaren belies sich aus 836 Millionen Mark und blieb hinter dem entsprechenden Ausfuhriverthe des Jahre« 1896 um 24 Millionen Mark zurück, der Werth der deutschen Waareneinfuhr im ersten Quartal 1897 betrug 1114 Millionen Mark und blieb ebenfalls hinter dem entsprechende» Einfnhnverth« des Borjahres, um LS Millionen, zurück. Eine Ver- gleichnng der Aus- und Einfuhriverlh« zeigt, daß im letzten Quartal allein für 283 Millionen Mark inebr Waaren nach Deutschland ein- als ausgeführt»vorbei, sind. Und dieses kolossale Uebrr- wiege» der Einfuhr»st nicht die zufälligt Erscheinung eme« Vierteljahres, die«tiva durch ver,»ehrt« AnSfuhr- ziffern in den andere» Jahreszeiten ausgeglichen»vird, sondern ein ständiges Berhältniß. Das Jahr 1887 war daS letzte, in welchem der Werth der deutschen Ausfuhr den Eiufuhrwerth noch einmal um eine Kleinigkeit, um l1/« Mill. Mark, überholte, gleich das nächste Jahr zeigte bereits ein Uebenviegei» der Siniuhr, eine„M« h r e i n f u h r" von 83 Mill. Mark, und seitdem bleibt die Handelsbilanz dauernd passiv, d. h. weist einen dauernden Ueberschuß der eingeführten über die ausgeführten Waarenwerth« auf. Die jährlich« Mehreinfuhr betvegt sich seitdem j, vischen 821 und 1284 Mill. Mark. In Frankreich und England ist da« VerhäUniß ganz dasselbe, dort schwantt die Mehremsuhr während der letzte» 9 Jahre zwischen 346 und 11SS Millionen Franks, hier zivischen 140 und 261 Mill. Pfd. Sterling. Gerade diejenigen Länder, in denen der Kopilalreichthui» besoiider� entivickelt ist, haben dauernd eine stark„passive" oder„ungunstige Handelsbilanz! freilich nicht sie allein, mehr oder weniger zeigt eine bunte Reihe anderer europäischer Staaten, wie die Schweiz, Italien, Spanien und Poriugal, die Niederlande, Belgien. Dänemark, Schivcdei» und Norwegen dasselbe Symptom. Eine„günstige tandelsbilanz weisen dagegen Rußland und Oesterreich und lin urchschnitt auch die hochentivickelte» Vereinigten Staaten auf. Bei der große» Verschiedenartigkeit der Länder, denen eine „günstige" resp.„ungünstige" Handelsbilanz genieinsam, liegt es auf der Hand, daß die wirihschaftliche» Ursachen, die das Ueberwiegen des Einfuhr- resp. des Ausfuhrwerlhes in ihre», Außenhandel be- stimmen, gleichfalls sehr verschiedener Art sein müssen und sich nicht unter eine einheitliche Formel bringen lassen. Die Vorstellmig, daß ein Ueberwiegen der Einfuhrwerthe«ne „ungünstige" Handelsbilanz sei— was durch die kapitalistische Blüthe der die größten Einfuhrüberschüsse aufweisenden Staaten heute so drastisch widerlegt wird—»veist ans»>» er k a» t ili st i sch e Vor- stellungsreihe» zurück. die in der Vermehrung der nationalen Baar- gelber eine der wichtigsten Aufgaben nationaler Handelspolitik sehe». Die Waareuaiisfnhr, konnte man von diesem Standpluikt aus danach mit einigem Rechte räsonniren, bringt durch den Verkauf im Aiislanve neues Geld ins Land, wogegen die Einfuhr Geld ans deui Lande herauszieht. Halten sich Ans- und Einfuhr das Gleichgewicht, oder balanzirt der Außenhandel, so gleichen sich die zu zahlende» Sumnie», ohne daß wirkliches Geld ab- oder zuzu- ströme» brauchte, durch Kauf»nd Verkauf von Wechseln gegen- scitig ans. Sobald einer dieser Posten aber bedeutend überwiegt >i»d keine Ausgleichung stattfindet, muß»oth»ve»dig eii»« Vermehrung oder Verminderung des nationalen Geldbestaudes eintrete». Beun Uebenviegen des eingeführten WaarenwerlheS muß der an das Aus- land zu zahlende Beldüberschuß»othivendig dorthin abströmen, wogegen beim Ueberwiegen des ausgeführten Waarenwerthes cm entsprechender Ziifluß von Geld»ach den» Julande stattfindet. Dieses»st»ach»lerkantilistischer Ansicht eine günstige Handels« bilanz, da es de» nationalen Baarbestand erhöht, jenes eme ungünstige, da eS ihn mindert, und diese Minderung noth- wendig eine Einbuße a» nationalem Reichthun» bedeutet. Daß der kapitalistische Neichthmi» nicht von der Anhäufung von Edelmetall und Baargeld in dieser Weise abhängig ist, gehört seit langer Zeit zu den verbreitetfteu Einsichten. Die Entwickelung des Bankwesens deinoustrirt es anch dem kurzsichtigsten Auge vor, daß die Entwickelung von Handel und Industrie, so»venig sie auch einen Fonds von Baargeld vermisse» können, keineswegs a» die möglichst hoch gesteigerte Anhäufung solcher Geldmasse» gebunden ist, daß vielmehr das System der Geldzeichen und Anweisungeu ihnen eine vo» jener Schranke»veit loSgelöste Bewegung gestalte». Und ebenso wenig ist es richtig, daß der Ab- und Zustrom des Geldes zwischen den Nationen durch die Handelsbilanz allein geregell wird. Wäre das der Fall, so hätten ja gerade die kapitalistisch vorgeschrittensten Staaten Enropa's, die eine enonne Mehreinfnhr Jahr für Jahr zu bezahlen haben, ihre gesanunte Baarschaft längst au das iuiportirende Auslniid abgeben müffen. Oder vielmehr, ehe es soweit gekommen wäre, hätte die Nachfrage»ach Wechseln, um im Auslande die Schulden zu btjahle». dem Waarenexport aus diese» Ländern einen so starke» Antrieb gegeben, daß durch die vermchrt« Aussuhr»ach dein Auslande der srnhere Einfuhr-Ueberschuß bald«ingeholt wäre. Unter dem Druck der Verhält, iisse hätte, ehe es zur Auswandernng des Geldes kam. die Handelsbilanz ihre„ungünstige" Gestalt bald verliere» müsfe». Die Wirkungen, welche die Handelsbilanz aus die Bewegung des Geldes ausübt, werden vielmehr durch daS, was Sölbeerdie„Zahlu»gs- bilanz" genamit hat, ergänzt und korrigirt. Gerade die kapita- listisch vorgeschrittensten Länder haben Schnldsorderniigen an das Ausland nicht allein aus den Waare», sonder» ebensowohl aus dem Kapitale, das sie dorthin aussühren. Dem Geldüberschuß, den sie nach dem Stand« der eigentlichen Handels- bilanz scheinbar herauszuzahlen habe», entsprechen die Geldsorde- rungen, die sie von» Ausland als Zins für die enormen ihm ge« liehenen, oder als Gewinn aus den im Ausland augelegten Kapi« talie» beziehe». Das ist der einfachste Modus,»ach dem sich hier der BiiSgteich vollzieht. Di« Engländer, sagt nia», solle» z. B. jährlich ein« Milliarde Mark im Ausland« anlegen, und auf hunderte von Millionen werde» die jährlichen Zinsen geschätzt, die das Aus- land au die deutschen Kapitalisten zu entrichten hat. DaS Aus- strömen des Kapitals aus de» reichen Staaten in das Ausland, dessen Staatsschnldscheine und Anlagepapiere höhere Zinsen, dessen Fabrikgrtiiidungen höhere Gewiimste versprechen,»st eines der charakteristischsten Symptome hochentwickelter Kapitalwirthschaft. Waaren- imd Kapitalaussuhr»virke» zusammen, um die zurück- gebliebene» Länder möglichst rasch und gründlich in den Strudel kapitalistischer Veivegung hineinzuziehen und das internattonale Reich der Bourgeoisie zn erweiter». Nicht jede„ungünstige" Handelsbilanz,»vohl aber die der reichsten Länder ist ei» Syntploin dieser Beweg»»»-. Di« kürzlich erschient»« kleine Schrift von Mit land:„Die Handelsbilanz"(Berlin, bei Otto Liebmann, 1897) bringt nichts wesentlich Neues über de» interessanten Gegenstand. Die Er« wartmig, daß der Verfasser der„Sozialpolitik des Vater ii»ser", von dem man nach den abgelegte» Probe» sich jeder i» die Ohre» klingende» Paradoxie versehen kann, die merkantilisttsche Bilanz- theorie in»»oder» agrarischen» Aufputz zu erneuern suche» werde, wird nicht erfüllt. Wenn das ein Vorzug ist, so fehlt den» Büchlein auf der andern Seite jede melhodische Vertiefung und Zuspitzniig, welche das Manko an aktuellem Partei-Jnteresse durch ein Pins von»vissenschastlichem Interesse ersetzen könnte. Man weiß nicht recht, wo der Verfasser mit der zitatennichen Schrift hinaiis�will? Kingeln»«fene Truckschriften. von der„|Uu*n|«H"(Zluttgart, Z. H. W. Dieh' Vertag) tü saeden dal 87. Heft bi»»6. Jahrgang« erschienen. Au» dem Inhalt heben wir hervor: NationalNberale Slaalikunst.- Jndunrte und sttnan,. Von Theodor Kapeiu»,. — Zwei politisch- Programm> Syinphonten. von Ed. Beriistetn. l. Eine sozialislisch« Symphonie— Tie(Srcige Berliner«unsiausflellung Von Johanne» vaulle.— Literarisch« Rundschau.— Noitzen: Zur Slatisitk der S-lvst»>orde. — steutlletoni Tie vrtllauien de» kardinal». Erztihlung von Mi»»» «autsly.< Schlug.) von der«t-ichh-t«, Zeiischrifi für die In,«reffen der«rb«»er>»»en(Slutlgarl, I. H. W. Tieg'«erlag» ist UN» loche» die Nr. 17 de« 7. Jahrgang» zu» gegangen,«u« dem Inhalt dieler Nummer heben wir herror: R-lolution, da»«eretn«- und«ersamnilunggrecht der grauen betreffend.— Deuische Sozial» rcforni.— kritische Bemerfunge» zu«enosstn Braun» Vorschlag. X. Bon Warida Robrlaif-Berll».— Au» der Bewegung.— Da» Elillen. Bon einer «erzitn.— geuilleion: Sevalier Tod. Von Henrik Ponroppidan.(gorisetzung und Schlug.)— Promelheu«.(Sedicht.) Von«oeihe.— Kleine Stachrtchren. Tie„tvlitchhett" erscheint alle i» Tage einmal. Pret« der Nummer lv Ps., durch dt, Pol» dezog«»(«(»getragen in der RetchSpost- Zeilungölifte für ,887 »uler Nr. asoa) deirügt der Adonnemeuigprei» vterleljährlich ohne Bestellgeld 65 Pf.: unter Kreuzband«6 Ps. , i6«iiiil» Pra»i», Zeniraldlatt für SozialpolUif, enthält u. a. in ihrer neuesten Nr.»7 folgende» lettenden Aussah: Der Versainmlung»besuch der Wiliderjährtgen vom pädagogischen Standpuntle. von Privaidoz-nt Dr. I. Jasirvw.— Allgemeine Sozial- und Wtrthschast«polti(t: Enischeidung de» sächsischen MtnisteriumS über die Umsahfteuer dct Kenlumvereine».— Berliner polnische Polizei. Prozcg v. Tausch.— Unteruehmerverbände: Der ösier- reichische»ariellgeseh- Entwurs. von Dr. Ig. Loew.— Zenlralverband der Industrielle» tn Oesterreich.— Arbetterschutz- und Sewerbe-Jnspettion: Bau» ardeilerschuh im Königreich Sachsen.— iSehetmlialiung von Arbeilerschuh» JnftruMonen t» Preugen.— gadrilinsveltion tn«oburg'Solha. »rüiid« ,„>» Al'grlliid». von Theodor Kabelt h. X-Strahlen in da» grauenleden. Schaft, r u-«öffler, iSerlin. CÖ« virfjf ö- 3* if tiufl» DaS ItvHjcit im Prozeß v. Tausch— v. Li'chow ist gegen den AemcheiUen v. Lützow nickt rechtSkräflig geworden. Rechtsanwalt Dr. Holtz und Dr. Lubszynski haben gestern bei der Sä)>vnrgerichtSschreiberei das Recklsmitlcl der Revision eingelegt; sie hoffen, falls das Reichsgericht das Urlheil aufhebt, dah alsdann die Vergehen Betrug und einfache Urkundenfälschung von der Straskauuner, die dafür nur zuständig ist, eine andere Be- urtheilnng finden werden. Znr Verbnßnug seiner IVejährige» Gefängnißstrafe wegen Beleidigung des Staatssekretärs Marschall von Bieberstein und des Prinzen Alexander zu Hohenlohe, dere» Rest am 7. d. Mts. noch l Jahr betrug, ist Donnerstag v. Lützow »ach Pl ätzen see gebracht worden. Lcckert ist bei der Album- fabrikation beschäftigt und befestigt die Metallbeschläge ans den Album- decken. DaS Verthcilcit von Druckschriften— eine öffentlich bc- merkbare Arbeit? Die brandenbnrgische Overpräsidial- Ver- ordnung vom 5. Oktober 189t> verbietet für die Sonn- und Festtage jede öffentlich bemerkbare Arbeit. Gegen die betreffende Bestimuning sollte sich unser Parteigenosse Hentschke dadurch vergange» haben, daß er den„Märkischen Landbolen" und die„Märkische Volksstirnme" am Sonntag, de» 13. Dezember>896 in einem Dorfe verlheilte. Die Vertheilnng ging außerhalb der Kirchzeit vor sich. H. erfüllte seine Parteipflicht natür- lich ohne Bezahlung. Das Schöffengericht vernriheille ihn zn 1 M. Geldstrafe; von der SIraskammer wurde das Urlheil jedoch wieder aufgehoben. Sie begründete die Freisprechung damit, daß hier von einer öffentlich bemerkbaren Arbeit im Sinne der Ober- präsidial-Verorduung nichtsgeredet werben könne. Allerdings sei das Verlheilen von Druckschriften eine Arbeit, indessen habe H. sie nicht öffentlich bemerkbar verrichtet, da er die Schriften innerhalb der Häuser abgegeben habe. Im übrigen wolle die Verordnung nur solche Arbeit verbieten, die durch Geräusch öffentlich bemerkbar werde. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein und»lachte geltend, zum Druckschriftenverlheile» gehöre auch das Tragen der Schriften von Haus zu Hans, und das sei doch öffentlich be- merkbar.(!) Ein Geräusch sei nicht erforderlich. Ter Strafsenat des K a m m e r g e r i ch t s wies aber die Revision der Staats- anwaltschaft zurück. Sie scheitere an der Feststellung des Vorder- richlcrs, wonach die Schrifien nur im Innern der Hänser vertheill worden seien und wonach diese Arbeit nicht öffentlich bemerkbar ge- wesen sei. Was das Tragen der Heste von Hans zu Haus betreffe, so könne nian dies ebensowenig eine öffenllick bemerkbare Arbeit nennen, wie wenn jemand ein Packet durch die Straßen trage. DaS uenefte ans der bürgerliche» Rechtsprechung gegen sozialdemokratische Arbeiter. Eine eigenartige Aus- legung ersnhr der Begriff der öffentlichen Kollekte in der gestrigen Sitzung der dritte» Strafkammer des Landgerichts II. Aus der Anklagebank stand der Maurer Mehls, der Zigarren- inacher Pieper und der Tischler Trompeter, sämmtlich ans Spandau. Dieselbe» waren angeklagt wegen Uebertretnng der Negierungs-Verordnnng vom 3. August 1892 betreffend die Veranstaltung öffentlicher Kollekten, waren aber vom Schöffengericht in Spandau freigesprochen worden, welches llrtheil der Amtsanwalt durch die Berufung angefochten hatte. Ain II. Dezember v. I. fand in der Pichelsdorser Brauerei eine öffentliche Versammllmg der Arbeiter Spandans statt, welche von den drei Angeklagten ein- berufe» war und geleilet wurde. Zweck der Versammlung war die Unterstützung der streikenden Hamburger Hafen- a r b e i t e r. Zur Deckung der Unkosten wurde ein Eintrittsgeld erhoben. Das einleitende Referat hielt unser Parteigenosse M e tz n e r. Im Laufe der Verhandlungen machte ein Redner den Vorschlag, das Eintrittsgeld den Hafenarbeitern zu überweisen. Dieser Antrag wurde zum Beschluß erhoben und ausgeführt. I» diesem Thalbestande fand das Schöffengericht keinen ausreichende» Beweis, daß die Einberufer schon von vornherein die Absicht ge- habt hätte», das Eintrittsgeld de» Hafenarbeitern zn über- weisen und damit die Form der Kollekte zn verschleiern. Auf die Berufung des AmtSanwalts fand gestern vor der Straf- kammer eine erneute Beweisaufnahme statt, welche zu derselben Feststellung führte, wie in der ersten Instanz, aber doch ein ganz anderes Urlhcil zur Folge hatte. Der Gerichtshof war der Ansicht, es sei gerichtsnotorisch, daß zn jener Zeit zahllose Versammlungen zu dem Zwecke abgehalten wurden, die Hamburger Hafenarbeiter zu unterstütze». Denselben Zweck sollte auch die Versammlung vom II. Dezember vorige» fJahres haben. Eine Kollekte konnte nicht veranstaltet werde», weil dieS damals strafbar war. Es sei daher nicht daran zu zweifeln. daß ein Eintrittsgeld nur zum Scher» erhoben wurde, daß es sich in Wirklichkeit aber um eine Kollekte handelte, und dazu dieser die obrigkeitliche Genehmigung nicht eingeholt worden war, so haben sich die An« geklagten strafbar gemacht. Die Strafe sei ans je 5 M. bezw. je einen Tag Haft bemessen worden. Alles von Rechtswegen! Wegen eines Vergcheus gegen K 28 des Reichspresi- Gesetzes hatte sich gestern der Buchbruckereibesitzer und Buchhändler Eugen Bartels aus Neu-Weißensee vor der II. Strafkammer am Landgericht II zu verantworte». Ter Angeklagte verlegt eine Menge von Schriften, die sich einem geivissen Publikum durch schreiende Titel empfehlen, daneben auch Traumbücher, Briessteller für Liebende, das 19. Buch Mösts, und endlich auch ein Werk, das unter einer Menge von Titel» erscheint, obivohl der Text genau derselbe und nur die Ausstattung mit Bildern eine wenig von einander abweichende ist. Die Titel sind„Das Menschenspstem",„Liebes- und Geschlechtsleben",„Der erste Blicks „Das Paradies der Liebe und Ehe",„Mann, Frau und Kind" ec. Von diesen« Sammelwerke, das als Verfasser den Name» Dr. Stern» berg trug, wurde» im Dezember 189ö bei der Wittwe des Buchhändlers Hermann Joseph Zopp i» Koblenz S9 Exemplare beschlagnahmt. Im Januar 1896 bestätigt- das Amtsgericht in Koblenz die Beschlagnahme und im April sprach das Gericht wegen des unsittlichen Inhaltes des Werkes die Einziehung und Vernichtung sämmtlicher vorfindlichen Exemplare aus. Obivohl dem Verleger von dieser Beschlagnahme Kenutniß geivorden ivar, hat derselbe im April, Juli und September»och je einige Huiidert Exein- plare der beschlagnahmten Broschüre an de» Buchhändler Roßberg in Dresden geschickt und sich dadurch»ach Ansicht der Staatsaiiwalischal l der Verbreitung einer beschlagnahmten Schrift schuldig gemacht. Durch die Beweisaufnahme wurde der Inhalt der Anklage bestätigt, auch die Kenntniß der Beschlagnahme wurde dem Angeklagle» nachgewiesen. weshalb der Staatsanwalt 50 M. Geldstrafe in Antrag brachte. Der Verlheidiger wies nach, daß das inkriminirte Werk von vielen anderen Gerichten auch beschlagnahmt, in der Hauptverhandlnug jedoch wieder freigegeben worden sei. Alle die sreisprecheuden llrtheile seien rechtskräftig geworden. Es wurde auf 20 Mark Geldstrafe erkannt. Für den Inhalt der Inserate «bernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei BerautNiortnug. Ä�lzeAkev. Sonnabend, den 12. Juni. NeueS kgl. Operntheater(Kroll). Carmen. Schauspielhaus. Die Jungfrau von Orleans. Deutsches. Die versunkene Glocke. Berliner. Die Maschinenbauer. Lessing. Die Geisha. Schiller. Das Stiftungsfest. ReueS. Trilbh. Thalia. Rothe Zettel. Westen. Das Glöckchen des Cre- nuten. Friedrich- Wilhelmstndtisches. Lchnnuui'S Kriegö-Abenteuer im Orient. Belle-Allianee. Konstantinopel. Ostend. 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