Nr. 138. Adonntments-KediiMngeir: wbonnemenli- Preis pränumerando: Vierteljahrs ZLo Mk.. monatl. I.io Mk., wöchentlich 28 Plg> frei ins Hau«. Einzelne Nummer 6 Pf«. Sonniagi- Nummer mit illustrirter Sonntag«- Beilage»Tie Neue Welt" 10 ipfg. Post- Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitung»- Preisliste sür 1897 unter Dr. 7437. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. «rscheiill täglich außer Moulag«. 14. Jahrg. Die Inftrtions-Gcbllhr deträgt für die sechSgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Psg., sür Verein«- und VersammlungS-Anzeigen, sowie ArbeitSmartt 20 Psg. Inserate sür die nächste Nummer müssen bi« t Uhr nachmittag« in der Erpedition abgegeben werden. Di« Erpedition ist an Wochentagen bi« 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtagen bi« v Uhr vormittag» geössnet. Devliner Volksblstt. Fernsprecher- vmt I, Dr. 1608. Telegramm-Adresse: ..vozialdemokral Berlin". Zentrawrgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Wedusitiott: 8V. 19. Aiettty-Straße 2. gjrpebilioii: SW. 19, Uettty-Struße 3. Vekheiliguttg an den Uandkags-UVahlen. Die giecke'sche Vereinsgesetz-Vorlage hat mit einem Male die Aliftiieiksainkeit der Arbeiterkreise ans de» prenhischen Landtag gelenkt nnd diesen Massen zinn Beivußisein gebracht, ivelche Gefahren eventuell von diesem Dreiklassen-Parlament der Arbeilerbewegniig drohen. Eine Folge dieser Erregung ist die Wiederanfwerfung der Frage: Soll die Sozialdemokratie sich in Zukunft an den Landtags wählen betheilige», oder soll sie auch weiterhin mit Gewehr bei Fuß»»sehen. wie die vom„Allgemeinen Wahlrecht Aus gemusterten- die Sitze im preußischen Landtage unter sich ver« theile»? Diese Frage ist in den Reihen der klassenbewußten Arbeiter- schafl schon wiederholt gestellt inorden— wohl zuletzt durch den G.-nöffen E. Bernstein in der„Neuen Zeit",— stets aber in ver- neineudem Sinne beantivortet worden. So ist speziell der Parteitag in»öln a. Rh. 1893 nach einem trefflichen Referat des Genossen A. Bebel über die Landtags� Wahlrechte zu dem Ergebniß gekommen, in einer Resolution aus- zuspreche», „daß das Dreiklassen-Wahlsystem es der Sozialdemokratie unmög lich macht, sich mit Aussicht auf Erfolg an den Wahlen zum preußischen Landtag selbständig zu betheiligen" und daß, „da es den bisher beobachteten Gnindsätzen der Partei bei Wahlen widerspricht, sich in Kompromisse mit feindlichen Parteien ein- zulassen" es „Pflicht der Parteigenossen in Preußen sei, sich jeder Beiheilignng an den Landtags-Wahlen unter dem jetzt bestehenden Wahlsystem zu enthalten." Dies« Resolution wurde«in st immig angenommen. Es ist das, gewiß sehr wider Willen erworbene Verdienst des preußischen Ministers des Innern, daß heute in den Reihen unserer Partei mit Ernst die Frage wieder zur Diskussion gestellt ist, ob die Partei auf dem in Köln fixirten Standpunkte weiter beharren, oder denselben aufgeben soll.Z Es wird aber in unseren Reihen nicht nur dies« Frage diskutirt, sondern es zeigt sich auch das überraschende Schauspiel, daß, während früher die Für- sprecher der Wahlbetheiligung ganz vereinzelt blieben, jetzt das genau« Gegentheil der Fall ist. Soweit der Unter zeichnete die Parteipresse zu verfolgen Gelegenheit hatte. hat dieselbe, soiveit sie sich zur Frage überhaupt äußerte, fast durchweg sich für Wahlbetheiligung ausgesprochen. Auch in Parteiversammlnngen und auf einzelnen Provinzialtagen (Schlesien-Posen) hat man denselben Weg beschritten. Angesichts dieses überraschenden Stimmungsumschlages erscheint »s doch angebracht, die Frage zu stellen: Haben sich seit dem Kölner Parteitag die Verhällnifl« in Preußen derart geändert, daß sich ein« grundsätzlich« Schwenkung unferer Partei gegenüber dem Dreiklassen- Wahlsystem daraus rechtfertigen läßt? Ueber diese Frage müssen wir uns meines Erachtens vollständig klar sein, wenn wir in: Herbste zum Parteitag nach Hamburg kommen und � dort unsere Entscheidung treffen. Ans dem Parteitag selbst wird diese Klarheit sich nicht erst schaffen lassen; denn, abgesehen von dem Mangel an Zeit, der uns zwingt, die Diskussionsredner ans wenige Minuten zu beschränken, innerhalb deren es bei wichtigen Fragen nur wenigen gegeben ist, das auszusprechen, was sie aus dem Herze» habe», darf auch nicht übersehen werden, daß es sich in der jetzt angeschnittenen Angelegenheit um eine zunächst nur preußische Angelegenheit handelt, z» deren Beurtheilung in praktischer und fach- sicher Beziehung man bei den nicht preußischen Delegirten nicht iminer die nothwendige Spezialkenntniß voraussetzen kann. Hat man es doch im Dreiklassen- Wahlsystem, wie es sür den preußischen Landtag gilt, mit einem ganz besonderen Gewächs zu thnn, das selbst wieder keinen Vergleich mit ähnlichen Einrichtungen in anderen Ländern aushält. So behaupten z. B. unsere sächsischen Genossen, daß daS dort eingeführte Dreiklassen-Wahlrecht trotz alle- dem noch bester sei wie das in Preußen geltende, und bekannt ist ja, daß in Preußen selbst das für die Gemeinden geltende Drei- klassen-Wahlrecht sich dadurch voriheilhaft vom Landtags-Wahlrecht unterscheidet, daß jede Klasse sür sich seine Vertreter wählt. Aber abgesebe» von der Tragweite und den Wirkungen des Dreiklasten-Wahlsystems selbst, dessen plntokratischer Charakter durch die letzten Aendernngen, welche im Anschlüsse an die Miquel'sche Struerreform erfolgten, noch wesentlich verschärft sein soll, fragt es sich sür uns vor allem: Durch wa? ist der Gesinnungsnmschlag in unseren Reihen so plötzlich hervorgerufen worden und was wird mit der nun in Vorschlag gebrachten Taktik beziveckt? Der Grund für de» Gesinniingsnmfchlag ist bekannt. Durch den v. b. Recke'schen Vereinsgesetz-Enlwnrf ist den breiten Schichten plötzlich zum Bewußtsein gekomme», welche Bedeutung der vreußische Landtag unter Uuiständen für die politische Gestaltung der Dinge haben kann, nnd der mit der in Vorschlag gebrachte» Schwenkung verfolgte Zn>eck ist: die Junker- Herrschaft im preußischen Abgeordnelenhaus zu brechen oder viel,»ehr für die Zukunft zu ver» hindern. Angesichts der in der Vereinsgesetz-Novelle jedem sichtbar ge- wordenen Gefahr für die winzige» politischen Rechte, deren sich die Arbeiter und ihre Organisationen noch erfreuen, giebt es wohl nicht «inen einzigen Genossen innerhalb der schwarz-weißen Grenzpfähle. der mit der Losung: Verhinderung einer Juttkermehrheit im Ab- geordnetenhaus. nicht einverstanden wäre. Es fragt stch nur, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Bis jetzt sind zweierlei Vorschlage zur Erreichung dieses Zweckes gemacht worden. Der eine ist lancirt worden von der„Voss. Ztg." nnd ging dahin, daß die sozialdemokratischen Urwähler von Hans aus in der Regel auf die Aufstellung eigener Wahlmänner verzichten und „Personen wählen, die das Vertrauen genießen und verdienen, daß sie nur einem Kandidaten die Slimme für da? Aögeordnetenbaus geben werden, der alle rückschrittlichen Gesetzesvorschläge abzuweisen sich verpflichtet." Dieser Vorschlag ist in unserer Parteipresse mit großer Ent- schiedenheit zurückgewiesen und dagegen der Grundsatz ausgestellt worden, daß „wo immer wir Kandidaten ausstellen, werden eS nur solche sein, die durchaus auf dem Boden des sozialdemokratischen Programms stehen. Es giebt keinerlei taktische Gründe, welche uns dazu veranlassen könnten. Kandidaten mit einer„weniger ausgeprägten sozialdemokratischen Parteistellung" herauszusuchen. Wen» die Partei beschließt, sich an der preußischen Landtags- wähl zu betheiligen, so thut sie es in erster Linie, um sozialdemo- kratische Propaganda zu treiben." Mu dieser Erklärung, welche, wie gesagt, in der Parteipresse ohne Widerspruch akzeptirt wurde, wird ein ganz neues Moment hereingetragen, das in bezng auf seine Richtigkeit doch einer ernstliche» Prüfung bedarf. Erst hieß die Losung:„Zurnckdrängung der Junkerherrschaft" jetzt aber wird uns gesagt, unsere Theilnahme an de» Landtags- wählen erfolge„in erster Li»ie"zu dem Zwecke,„um sozialdemokratische Propaganda zu machen". Man wird zugeben, daß das doch zwei sehr verschiedene Aufgaben sind. Zunächst wäre da die Frage aufzuwerfen: was denn in nettester Zeit geschehen ist, das uns jetzt die preußischen Landtagswahlen zum Unterschied gegen früher als besonders geeignet zur sozial- den, akratischen Propaganda erscheinen lassen könnte? Gilt etwa heute nicht mehr, was in der Kölner Resolution ans- gesprochen ist,„daß das Dreiklassen-Wahlsystem es der Sozialdemo- kralle unmöglich macht, sich mit Aussicht auf Erfolg an de» Wahlen zum preußischen Landtage selbständig zu bethciligen"? Bis jetzt habe ich mich in der Parteipresse vergebens nach einem Nachweis dafür umgesehen, daß in diesem Punkte seit Köln sich etwas geändert hat. Wo in unserer Presse auf die Möglichkeit praktischer Erfolge für unsere Partei aus der neuen Stellungnahme hingewiesen wird, geschieht es immer unter der entweder stillschweigend ingegebenen oder offen ausgesprochenen Voraussetzung, daß Erfolge sür uns in Gestalt von Mandaten nur durch Kompromisse mit gegnerischen Parteien zu erreichen seien. „Wir verlangen bei einem Bündnisse eine, wenn auch kleine Zahl von Mandaten für uns. Darüber wird man uns vor dem Hamburger Parteitage nähere Mittheilung machen müssen, wenn aus der Sache etwas werden soll." So steht in einem weit verbreiteten Parteiblatt zu lese», daS in einem Wahlkreise erscheint, der sozialdemokratisch im Reichstag ver- treten ist und dessen nationalliberal-konservative Beltreluna im Landtage sicher verschwindet, wenn unser« Urivähler bei de» Land- tags-Wnblen erscheinen. Aehnlich, wenn auch nicht immer so offen, lauert der Kom- promib mit den Gegner» überall im Hintergrund, wo der Gedanke an ein selbständiges Eingreifen der Partei in die Landtags- wählen Platz gegriffen hat. Es kann auch gar nicht anders sein; denn, daß unsere Partei auch nur in einen» einzigen Wahlkreise der preußischen Monarchie im stände sei» sollte, die Majorität der Wahlmänner durchzubringe», sür eine solche Annahme ist auch nicht der leiseste Anhalt vorhanden. Ohne Kompromiß ist also jeder Erfolg in beziig auf Mandate ausgeschlossen. Wie aber urtheilt die Kölner Resolution über solche Kompromisse? „In fernerer Erwägung, daß es den bisher beobachteten Grundsätzen der Partei bei Wahlen widerspricht, sich in Kom- promisse mit feindlichen Parteien einzulassen, weil diese nolh- wendigerweife zur Demoralisation und zu Streit und Zwietracht in den«ig»neu Reihen führen müssen, erklärt ic." Glaubt man heute in der Partei diese Sätze, welche das Ergeb- niß gründlicher theoretischer Erwägung und praktischer Erfahrungen sind, leichter Hand über Bord werfen zu können? Ich kann mich bis aus weiteres dazu noch nicht entschließen. Ich bezweifle aber auch, daß die Landtagswahlen«in geeignetes Feld sind,„um sozialdemokratische Propaganda zu treiben". Jede Agitation hat zur nothwendigen Voraussetzung den Erfolg. Wo dieser von vornherein ausgeschlossen ist, da ist auch jede auf- gewendete Mühe vergebens. Oder will man es etwa eine» Erfolg nennen, wenn wir in der dritten Klasse ein Anzahl Wahlmänner durchbekommen, die dann bei der Abgeordnetenwahl einem freisinnigen oder links stehenden Zentrunismann oder gar einem National- liberalen gegen«inen Konservativen ihre Stimme gebe» dürfen? Oder soll das etwa ein Erfolg sein, wenn wirklich wo, auf grund eines Kompromisses und aus die Gefahr bin, dadurch„Demoralisation nnd Streit nnd Zwietracht" in unsere Reihen zu tragen, von d'er freisinnigen Partei uns gnädig ein Mandat zugestanden werden soll?— Bei der in unserer Partei, auch unter den sogenannten Führern allzeit bewährten Opferwilligkeit und Disziplin bezweifle ich ja nicht, daß sich, wenn die Partei es verlangt, Genossen finden werde», welche das Opfer bringen und unter solchen Umständen sich in das Dreiklassen-Parlament wählen lassen. Die Gewinnung einer solchen Zwitieipostiion im Parlament erscheint mir aber alles andere eher, als ein Erfolg sür die Partei. Hoffentlich kommt man hier nicht mit dem Einwurf, daß wir uns ja auch bei den Reichstagswahlen, gelegentlich der Stich- wählen, Unterstützung von gegnerischen Wählern gerne gefalle» lassen»nd sie noch viel häufiger geinähren.— Ich meine, der Unterschied liegt hier auf der Hand. Bei den Reichstagswahlen kommen vor allem zwei Punkte in betracht. die bei dem Treiklassen-Wahlsyftem, wie es für den preußischen Landtag Anwendung findet, sür unsere Partei vollständig ausgeschieden sind; nämlich 1. Der Kampf um den Sieg;»nd 2. das Messen der Parteistärke. Daß wir a»S eigener Kraft keine Mandat» erringen können, wird allgemein zugegeben. Bon einem selbständigen Kampf um den Sieg kann also gar keine Rede sein. Daß aber bei der wirthschaftlichen Abhängigkeit der großen Mehrzahl unserer Anhänger und bei der brutalen Uuterdrücknngs- und Vergewalligungssucht des größten Theils unserer Gegner die ö s f e n t- l i ch e Abstinimnng ein unübersteigliches Hinderniß für Zehntausende sozialdemokratischer Wähler ist, ihrer Ueberzeugung gemäß zu stimmen, wer wird dies bestreiten! Es ist also einfach unmöglich, daß wir bei dem preußischen Dreiklassen-Wahlsystem auch nur annähernd dieselben Erfolge erzielen, welche wir bei den Reichstagsivahlen durch die Taktik einheimsen, in allen Wahlkreisen in erster Linie sür sozialdemokratische Kandi- baten einzutreten. Die soziale Abhängigkeit unserer Wähler hat bei öffentlicher Abstiininung mit Nothwendigkeit zur Folge, daß die Wählerzahlen ein falsches Bild von unserer Stärke geben würden. Liegt es aber im Interesse der sozialdemokratischen Propaganda, uns schwächer er- scheinen zu lassen als wir sind? Und warum sollen wir dies? Um schließlich unsere Wahlmänner doch für freisinnige Kandidaten stimmen zu lasse»? Ich dächte, das können wir billiger habe», und zwar das Wort hier in seiner doppelten Bedeuiung genommen. Ein selb- ständiges Eintreten in die Landtagswahl-Agitation kostet nämlich auch Geld, und so wenig uns dieser Umstand abhalten könnte, wenn dabei für unsere Propaganda ein Erfolg erzielt werden könnte, so wenig ließen solche Ausgaben sich doch rechlfertigen, wenn die- selben nur den Erfolg haben würden, der freisinnigen Partei Landtagsmandate zn sichern. Ich bin also der Ansicht, daß für unsere Partei kein Grund vorliegt, gelegentlich der nächsten preußischen Landtags-Wahlen selbständig in die Wahlagitation einzulreten. Dagegen stimme ich allerdings ans vollem Herzen dem Vorschlage zu, unsererseits nach Kräften mitzuhelfen, daß die junkerlich-reaktionären Mächte aus ihrer dominirenden Stellung verdrängt nnd wenn es möglich ist, ganz aus dem Felde geschlagen werden. Dies zu erreichen steht in unserer Macht; nur müssen wir darauf verzichten, daß uns die Freisinnigen zum Dank für gewährte Hilfe gnädigst ein paar Mandate überlassen. Wir können das erstere Ziel erreichen, ohne daß wir unsere Stellung, welche mir de» linksstehen- den Parteien gegenüber bisher bei den Reichstags- Wahlen ein- genommen haben, im geringsten zu ändern brauchen. Dies geschieht, indem wir unsere Genossen auffordern, den Wahlmänner» jener Parteien ihre Slimme zu geben, welche uns Garantien vieren, daß sie zn weiteren reaklionären Maßnahmen ihre Zn- ftiinmung nicht geben und daß sie für die Beseitigung des Drei« klassen- Wahlrechtes nnd für Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechtes eintrelen werden. Eine solche Siellungnahme unsererseits wird die linke Seite des Abgeordnelenhaufes wesentlich stärken und das Junker-Uebergewicht zurückdrängen; sie wird aber auch der Linken die Bedeutung der klaffenbeivußlen Arbeiterschaft zum Bewußtsein bringen, ohne daß unsere Partei irgendwo in die Rolle des dankbar Eaipfangende» gedrängt wird, oder stch den Unannehmlichkeilcn und Gefahren aus- setzt, die mit jedem Kompromiß verknüpft sind. Gegen das selbständige Vorgehen unserer Partei spricht aber auch noch ein anderer praktischer Grund. Mit recht macht nämlich Franz Mehring in der„Äteneii Zeit" darauf aufmerkjain, daß das preußische Landlags-Wahlrecht förmlich darauf ausgehe, den Wählern die Aneübrnig des Wahlrechts zn verekeln. Wo nämlich mehr als zwei Parleie» bei den Urwahle» um de» Sieg ringen und mit der Möglich- keit einer Slichivahl gerechnet werden muß, sind die Wähler genöthigt, stundenlang im Wahllokale aus den Ausgang zu warten, wollen sie nicht die Möglichkeit riskiren, daß schließlich durch ihre Enlfermmg ans der Mehrheil eine Minderheit wird und bei der durch die Zer- splilterung nolhwendiF gewordenen Slichivahl die Reaktion siegt. Daß aber die Aibeüer sich nicht stunden- oder gar Halde Tage lang im Wahllokal aufhalten können, bedarf ivohl nicht erst eines Beweises. Warum also erst selbständige sozialdemokratische Wahlmänner aufstellen und damit die Gefahren, welche«ine Zersplitterung im Gefolge haben kann, heraufbeschwören, wenn diese Wahlmänner im Falle ihrer Wahl doch keine andere Aufgabe hätten, als dieselben Kandidaten zu wählen, die der frei- sinnige Wahlmann auch wählt. Soll es also dabei bleiben, daß unsere Betheiligung bei den nächste» Landlags-Wahlen vor allein den Z»>eck veisolgt, die Junker- Herrlichkeit zn dämpfen—»nd nur dieser Gedanke hat in unsere» Reihe» eingeschlagen und allgemeiuen Beifall gefiniden— dann ist ein allgemeines, selbständiges Eintreten unsererseits in den Wahl- kämpf durchaus nicht»olhwendig. Diese Rothivendigkeit würde erst platzgreifen, wenn die Partei sich wirklich enlschliepe» sollte, Wahlbündnisse mit anderen Parteien zu schließen. Ehe wir aber dazu komme», müßte» die Bedenken, ivelche in Köln so drastisch zum Ansdrnck kamen und zu den angeführten Beschliissen führte», erst gründlicher widerlegt iverden, als dies bisher geschehe» ist. Ich stehe durchaus� nicht auf dem Standpunkt, in jedem Parteiiagsbeschlnß ein Dogina zu erblicken. unantastbar sür alle Zeilen. Im Gegentheil, so niancher Parteilagsbeschluß hat seine Bedeutnng schon verloren i» dein Momenl, wo er gefaßt wurde. Aber auf den Kölner Wahlrechts-Beschluß trifft dies Urlheil sicher nicht zu. Mag sein, daß man über denselben hinweggehen wird, heute aber soll dies nicht geschehen, ohne das Für und Wider gründlich zn erörlern. Meinerseits dazu einen Thcil bei- zutragen, sind diese Zeilen geschrieben. I. A. Vom Veeeinsgrfeh. WaS werden d i e N a t i o n a l l i b e r a l e n am 22. I u n i ihn»? Wir haben schon verzeichnet, daß i» nationalliberalen Kreisen die Ansicht Platz gewinnt, daß die Partei bei der nächsten, letzten Abstinimnng im Abgeordnelenhanse de» Eulwnrf gänzlich ab- lehnen solle. Jetzt äußert sich auch das Bennigsen- Blatt, der „Hannoversche Courier" in dieser Weise: „Erfreullcherweise scheint der Gedanke, daß eS zweckmäßig fei, bei der zweiten Abstiininung im Abgeordnetenhause die Vereins- gesetz-Novclle durch Ablehnung zu erledigen, in nationalliberalen Fraklionskrcisen immer mehr A n k l a n g z u finden. Es steht eben fest, daß anS der kostspieligen Hinzögernng irgend etwas Ersprießliches nicht herauskommen kann, und die nationalliderale Fraktion hat jedenfalls die Pflicht, keine Hallung einzunehmen, die lediglich die reaktionären Z u k u n s l s- Hoffnungen der Konservativen unterstützen könnte. Allerdings ist es selbstverständlich, daß die Fraktion sich über ein einmülhiges Vorgehen am 22. Juni verständigt. Wir glauben aber bestimmt, daß es dazu komme» wird, denn die Gründe sind t h a I s ä ch l i ch z w i n g e n d,. die gegen eine Verlängerung des grausamen Spiels mit der Vereinsgesetz-Novelle spreche», und zwar vom allgemein liberalen Standpunkte wie von dein besonderen der nationalliberalen Partei.... Wir meinen, unsere Fraklion wird... die Ablehnung am 22. Juni beschließen, wenn nicht Regierung und Konservative formell erklären, daß sie den bisherigen Beschlüssen des Abgeordnetenhauses beitreten. Erfolgen solche Erklärung»« nicht, so ist die weitere Behandlung der Angelegenheit im besten Falle nichts als eine wenig würdige Hinzögcrnng, und es ist mehr als gerechtfertigt, wen» die Abgeorduclen durch ein ver» neinendeS Volum zu erkennen geben, daß sie aus eine weiter« parla- »icntarische Erörterung„keinen Werth legen". Wie das Versa in»ilungsgesetz von gewissen Unterbehörden gebandhabt wird. Aus S t o l p tvird berichtet: Der Amtsvorsteher von Zitzewitz-Muttri», welcher im Ein verstand n iß des Stolper Landraths v. Putt- l a in e r die amtlich- Bescheinigung der rechtzeitig erfolgten Anmeldung zu einer Versammlung des Bauernvereins„Nordost" in Kl. Gänsen wegen n u r e i n e 8 S ch a r l a ch- E r k r a n k u n g s s a l l e s im Orte verweigert hatte, erließ, als trotzdem die Versammlung doch stattfand, aber aufgelöst wurde, gegen Vorsteher. Redner und Lokal- bcsitzer Strafbefehle in Höhe von je 15 M, DaL Schöffengericht in Stolp hat nunmehr die Bestraften von Strafe und Kosten frei- gesprochen, weil, wie in derUrtheilsbegründnng ausgeführt wurde. „von der Ortspolizeibehörde die gesetzliche Bescheinigung sofort hätte «riheilt werden müssen." Die Versammlung ist zu unrecht aufgelöst worden, da dem die Versammlung überwachenden Polizeideamten nachgewiesen wurde, daß die im Z 1 de« VereinsgesetzeS vor- geschriebene Anzeige stattgefunden hat. Ein Beamter, der die Be- scheinignng widerrechtlich verweigert und wegen Mangels derselben die Versammlung auflöst oder auslösen läßt, macht sich des Miß- branchs der Amtsgewalt schuldig und ist nach§ 3S9 deS Reichs- Strafgesetzbuchs strafbar. Wegen der Abstimmung von 4 freisinnigen W a h l m ä n n e r n für den polnischen Kandidaten bei der Land- tagswahl in Pr-Stargardt hat sich ein« lebhafte Auseinandersetzimg zwischen denen erhoben, die in dieser Abstimmung»inen„Verrath des Dentschthums" sehen und denen, welche die Nicht« Wahl eines Anhängers der lox-Rccke als das wichtigst« ansehen. Wir brauchen nicht besonders zu betonen, daß uns 10 Polen, welche gegen die Unterdrückung der Volksrechte stimmen, lieber sind als ein „Deutscher", dessen höchstes Ziel eS ist, seine Vaterlandsaenossen zn knebeln und zn entrechten. Interessant aber ist eS, daß selbst ein konservativer Professor in jenem Wahlkreise das„antinationale" Verhalten der vier Wahlmänner in Schutz nimmt gegen die Angriffe der konservativen Presse, welche sich sogar nicht entblödeten, die Re- gieruug zum Vorgehen gegeu den einen Wahlmann, der Lehrer ist, aufzufordern. Pros. H o l tz iu Dirschau schreibt: „Jawohl, einzig und allein dies Vereiusgesetz ist schuld, daß be- sonuene und überzeugte freisinnige Wahlmäuner ihr Volksgefühl unterdrückten, um nicht mit Veranlassung zu sein, daß noch ein Abgeordneter niehr in die vage komme, f ü r dies Gesetz zu stimmen. Dieselben Herren, welche vor einem Jahr« für Herrn Arndt gestimmt haben, babeu sich diesmal der Stimmabgabe enthalten, weil sich inzwischen durch die Einbringung jener Vorlage d i e Lage völlig geändert hat... Betrachten Sie gütigst diese Zeilen nicht etwa als bestellte Arbeit eines der Herren. Ich habe mit keinem derselben weder vor noch nach der Wahl über die- selbe gesprochen, kenne sie aber zu genau, als daß mir nicht der Gedankengang klar sei»nd daß mich nicht die blöd« Schimpferei gegen die Herren empören sollte. Trotzdem ich ein k o n s e r- vativer Mann bin, so muß ich sagen: Gott sei dank, daß ich nicht Wahlmann war und mir ei» so furchtbarer Konflikt zwischen zwei Pflichten erspart blieb. Ich weiß nicht, ob ich nicht ebenso gehandelt hätte." � P r o t e st k u n d g« b u n g e in Das Gewerkschaftskartell in Halle beschloß eine Protestresolution. Desgleichen die Provinzial- konferenz der S t« i n a r b e i t« r Schlesiens, die in HäSlicht bei Striegan tagte. In B r e m e n finden fortgesetzt sehr gut besucht« Gewerkschastsversammlungen statt; eine von ihnen angenommene Re» solution gipfelt in der Aufforderung an den Senat, dafür einziUreten, daß der Vertreter Bremens im Buudesrath« mit größtem Nachdruck dem vom Reichstage als Gegenstoß gegen die preußische Vorlage angenomme»«» Reichs- NothöereiuSgesetze zur schleunigen Annahme verhelf«.— polikifcho Mebev�chk. Berlin, 16. Juni. Innerhalb der allgeweitie» politischen Krifis haben wir im gegenmärti�en Moment eine Minister- und Re- gierungskrisis. Daran ist jetzt nicht mehr zu zweifeln. Aber— und das ist das Charakteristische— niemand weiß, was eigentlich vorgeht; und niemand hat klaren Ein- blick und Ueberblick. Wir sage» mit Bedacht: niemand! Denn hinter den Koulisien sind so viel Verstecke und dunkele Winkel, und so verschiedene Kräfte arbeiten im Dunkeln gegeneinander, daß auch die sogenannt„Eingeweihten", selbst die, welch« sämmt- liche Fäden in der Hand zu haben glauben, nicht alles wisse«, nicht alles wissen können, waS vorgeht. Der Leckert-Lützow- und Tausch- Prozeß hat uns ja gezeigt, wie im Deutschen Reich Minister gemacht und gestürzt werden. In anderen Ländern gleicht der Versassungsbau einem Bienenkorb von GlaS, der es jedem ermöglicht, die Arbeit der Bienen zu beobachten. Bei uns ist alles verschleiert und ver- dunkelt; und wenn ein Staatsmann, der Licht braucht, sich in die Oeffentlichkeit flüchtet, so schmiedet er sich den Nagel zu seinem Sarg. In freien Ländern vollziehen sich die Personeuveränderungen in der Regierung nach bestimmte« Gesetzen. Jeder verständige Staatsbürger kann, wenn ein Ministerium fällt, sofort nach den Parteienverhältnisien genau berechnen, wie das nachfolgende Ministerium zusammengesetzt ist. Thätig sind dort nur Faktoren, die von der BolkS- Vertretung abhängig find und dauernd vo» ihr kontrollirt werden. Nicht so bei uns. Die Volksvertretung ist ohne Einfluß auf die Zusammensetzung der Ministerien und der Regierung. Der Träger der Krone verfügt nach freiem Ermessen; und die Leute, deren Rath für den Monarchen von Gewicht ist, sind häufig unverantwortlich und unterliegen keiner Kontrolle der Volksvertretung. So bietet Deutschland denn jetzt wieder der Welt das Schauspiel, daß sein Wechsel in dem Personal der höchsten Staatsbeamten vor sich geht, ohne daß das deutsche Volk befragt, ohne daß ihm Gelegenheit geboten worden ist, ein Urtheil abzugeben, geschweige eine Entscheidung. Sil der Türkei, in Rußland kann auf das Volk bei derartigen orkommnissen nicht weniger Rücksicht genommen werden. Das ist tief bedauerlich; es gereicht Deutschland wahr- haftig nicht zur Ehre, erhöht wahrhaftig nicht unser Ansehen. Aber es ist nun einmal so, und ehe das deutsche Volk sich und der Volksvertretung endlich einmal die gebührende Machtstellung zu erober» sich entschließt, wird ti nicht -anders werden. Was nun die jetzige KristS betrifft, so wird von dem Wolff'schen Bureau und der„Norddeutschen Allgem. Zeitung" die Ernennung des Kontre- Admirals T i r p i tz zum Marine- fetretär als ganz sicher gemeldet, scheint also thatsächlich bereits erfolgt zu sein, obgleich der„Reichs-Anzeiger" noch schweigt. Ferner ist gewiß, daß der Exkommunist v. M i q u e l„sich verbessern" wird— die Frage ist blas, ob er gleich an die Stelle des Fürsten Hohenlohe tritt oder erst auf einer Zwischenstation eine Anstandspause zubringt. Gewiß scheint des weiteren, daß die Tage des Herrn v. Bötticher gezählt sind und daß er demnächst die Wege des Herrn v. Marschall zu wandeln hat. Welche neue— oder alte— Gestalten ans der Versenkung auftauchen, das müssen wir ab« warten. Unmöglich ist niemand«»d nicht». Jedenfalls findet in der Regierung eine Verschiebung nach rechts statt, während im Land die Verschiebung nach links geht. Richtiges Konfliktwetter. Die Maulwürfe der„Kreuz-Zeilung" wittern vergnügt Morgenluft— nein Nachtluft.-- Zur Frage, wer de» Präfideuteu deS Reichs-Versicheruugs- amtcö Dr. Vödiker ablösen werde, schreibt man uns: Nach einer auch vom„Vorwärts" gebrachten Noliz ist Geheimrath Wödlke vom Reichsamt des Innern als Nachfolger Bödikers genannt worden. Diese Nachricht dürste sich kaum bewahrheiten. Wödlke ist Direktor dcS Reichsamtes des Innern und nimmt als solcher «ine b S h e r e Stellung ein, als der Präsident des Sieichs- Versicherungsaintes. Er steht an der Spitze einer sogenannten Zentralbehörte, während das Reicks-Versicherungsamt eine solche nicht ist. Wödtke gehört zu den Rüthen I. Klasse, der jeweilige Präsident des Reichs Versicherungsamtes indessen nur zu denen der zweiten Klasse. Es ist nun nicht anzunehmen, daß Wödlke sich im Rang» und auch in anderer Beziehung verschlechtern wolle. Dagegen spricht schon sein Berhalten gegenüber dem Angebot, das Reichs- Patentamt zu übernehmen, das ihm seinerzeit gemacht wurde. Er verhielt sich ablehnend und erklärte sich nur zur vorübergehenden, anshilfsweise» Leitung dieses Amte? bereit. Ihn geneigt zu machen, müßte gerade das Reichs- Versicherungsamt zur Zentralbehörde er- hoben werden. Das ist im Augenblick aber wohl ausgeschloffen, denn eS würde eine unglaubliche Perfidie gegen Bödiker angesichts der Thalsache bedeuten, daß Bödiker ein Jahrzehnt lang hrernach vergeblich gestrebt hat und daß ja gerade in seiner Abhängigkeit vom Reichsamt des Innern der letzt« Grund zur Aufgabe seiner Stellung liegt. Anders»erhält es sich mit unserer neulichcn Mnthmaßnng, daß Direktor Gäbel, Ablheilungschef am Reichs-Versicherungsamt, all« Aussicht habe, Präsident zu werden. In interessirten und den Ver- Hältnissen nahestehenden Kreisen vermehren sich von Tag zu Tag die Stimmen, die ihn den kommenden Mann nennen. Gäbel. der flolz« Bureankrat, erfreut sich ganz besonderer Gunst. Er ist kürzlich zum Geheimen Ober- RcgierungSrath gemacht worden, und zwar soll ihn dazu das Reichs- amt des Innern ohne Vor wissen des Präsidenten Bödiker vorgeschlagen haben. Das wäre so einer der Stiche, mit denen man Bödiker feine Stellung vergällte. Dem Geheimen RcgierungSrath Dr. Sarrazin, dem besten Schüler Bödikers, fehlt dagegen sogar der Titel Direktor, obwohl Bödiker ihn für Sarrazin gewünscht hatte und obwohl Sarrazin thatsächlich schon lange die Thätigkeit eines Abtheiliingsdirigenten ausübt. Dr. Sarrazin wäre übrigens der geeignetste Präsident des Reichs- BerflcherungSamteS nächst dem amtSmüden; denn er ist nicht nur nach fachmännischem Urtheil ein tüchtiger Jurist, sondern er besitzt auch— und das ist die Haupisache— tiefes soziales Empfinden. MajrstätöbeleidigungS- P-ozcß gegen v. Tausch? Mit dieser Spitzmarke brachun wir in unserer Nummer vom 1l. d. M. einen AnSzug aus einem Artikel dcS„Hannover'schen Couriers", in welchem Artikel es für„selbstverständlich" erklärt ward, daß gegen v. Tausch Anklage auf Majestätsbeleidigung erhob«»«erde, und zwar aus gruud der Aussagen d«S Schriftstellers Krämer, von dem es zum Schluß heißt, er habe— allerdings ohne seine Schuld— das Belastungsmaterial gegen Tausch in die Hände der Behörden gelange» lassen, und„per- söulich:« Bekannlen auf Drängen geantwortet": Was Tausch ihm gesagt habe,„sei eine Majestätsbeleidigung gröbster Art". An dies« Mittheiluugen des„Hannover'schen Couriers" knüpften wir ein für die Person des Herrn Krämer nicht günstiges Urtheil. Auf gruud einer Unterredung, die wir mit Herrn Krämer hatte», und nach Einsicht und Prüfung des einschlägigen Materials haben wir unS überzeugt, daß die Darstellinig deS„Hannover'schen Courier»" wesentlich falsch ist, daß Herr Krämer nur getha» hat, wozu er gezwungen war, u»d daß er insbesondere die ihm in den Mund gelegte schwer belastend« Aeußerung bezüglich Tausch'S nicht gemacht hat. Damit fällt der Grund weg, der unser ungünstiges Urtheil über Herrn Krämer veranlaßre. UebrigenS scheint auS dem„selbstverständlichen" Majestät»- beleivigungS-Prozeß des„Hannoverschen Courier" nicht? werden zu wollen.— Tie gestrigen Wahlen in Holland haben gezeigt, daß auch dieses Land eingetreten ist in den Reigen der inter« nationalen Sozialdemokratie. Unter den denkbar schmierigsten Verhältnissen haben unsere Parteifreunde dort gekämpft; nicht nur der kapitalistische Feind trat ihnen entgegen, sondern vor allem auch der anarchistische Störenfried. Erst langsam gelingt es, die Arbeiter Hollands aus den anarchistischen Nebeln in den klaren Tag klassenbewußter praktischer Politik hinauszuführen. 11 000 Stimmen vereinigten sich auf unsere Kandidaten. DaS ist noch nicht sehr viel. Aber eS ist ein Ansang und eS geht vorwärts. Uebrigens ist unser Genosse Troelstra in drei Wahlkreisen in der Stichwahl. Sonst scheint das Wablresultat, wie vorauszusehen war, eine große Verschiebung der Parteiverhältnisse zu gunsten der'.Anti- revolutionäre," der katholischen und protestantischen Orthodoxen, zu bedeuten. Die Ursache hierfür liegt hauptsächlich in den schweren Zerwürfnissen innerhalb der Liberalen. Diese hatten bisher in der Kammer von den 100 Sitzen 60. Jetzt wurden 3ö Reaktionäre, 12 Liberale. 1 Radikaler als gewählt ge> meldet. Erst die zahlreichen Stichwahlen werden über die Stcnckeverhältmsse der Parteien entscheiden. Vielleicht gelingt eS, auch unseren Troelsta als Stimmsührer des Proletariats in die Kammer zu bringen.— Vom Ball«« liegen folgende Nachrichte« vor: Lamia, 14. Juni. Die Türken schoben gestern Abend im Othrys-Tebirg« Geschütze über die neutrale Zone vor und verdeckten dieselben durch Blenden ans Gezweig«.— Türkisch« Artillerie besetz»« gleichfalls das niedergebrannte Kloster Anaselitza. Die von den Türken seit zwei Tagen entfaltete Thätigkeit ruft hier Miß- trauen hervor. Eine türkische Aufklärnngsabtheilung wurde bei Einbruch der Nacht im Dorfe Aryssi beobachtet. Athen. 16. Juni. Di« Vertreter der Mächt« erhoben bei der Regierung wegen der andauernden Abreise bewaffneter Freiwilliger nach Kreta Vorstellungen, worauf die Regierung erwiderte, daß es keine griechisch«» Unterthanen, sondern kretensisch« Flüchtlinge s«i«n, deren Abreise sie nicht verhindern könne. DaS einzige, was die Regierung thun könne, sei, die Abreisenden zu entwaffnen. In dieser Richtung wurden denn auch Befehl« erlassen. Paris, 16. Juni. Die Botschafter in Konstantinopel halten immer noch Besprechungen über die Festsetzung der Friedens- bedingungen ab. Di« Verhandlungen betreffen eine Berichtigung der thessalischen Grenz«, die Kriegsentschädigung und die Frage der Kapitulationen. Neben diesen Konferenzen treten drei technisch? Kommissionen regelmäßig zusammen und werden von den Bot- schaftern über die jeweilig zur Berathung stehende Frage zu Rath« gezogen. Deutsches Reich. — Der Strafvollzug stand auf dem inter- nationalen Kongreß der kriminalistischen Ver- « i n i g u n g, der vergangene Woche in Heidelberg tagte, znr Verhandlung. Diese Frage ist in letzter Zeit besonders dadurch aktuell geworden, weil wiederholt in unserem Gefängnißwesen arge Mißstände zu tage getreten sind. Wir brauchen nur an die be- kannten Anordnungen des Haarschneidens, Verweigerung der Selbst« beschästigung und die Transportirung politischer Gefangener in gefesseltem Znstand«rinnern, Vorkommnisse, die mit recht die ledhaftest« Entrüstung in weiten Kreisen hervorgerufen haben, um die Rothwendigkeit einer Aenderung de» Strafvollzugs darzofegeu. Auch der Prozeß gegen die Frau Reiuhold darf al» ein krasses Beispiel betrachtet werden, wie dringend»in« Reform anzustreben ist. Im Reichstag wurde gelegentlich einer Anregung von unserer Seite von dem Vertreter des ReichsjustizamtS zugegeben, daß sich dieNothwendigkeit eines Reichsstrafvollzngssherausgestellt habe. Wir werden natürlich auf die Erledigung solcher Fragen noch lange warten können, denn die Regierung hat heute wenig Eile bei wirtlich Humanitären Fragen, als vielmehr zu reaktionären Unter- drückungsbeftrebungen. Um so dankenswerther war es, daß von Fachleuten diese Frage des Strafvollzugs venlilirt wurde. Zwar hat man sich mit der Frage politischer Gefangener nicht beschäftigt— ein Gegenstand, der sehr nahe lag— aber die Verhandlungen haben insofern Jutereffe, als sie allgemeine Grundsätze aufstellten, die für den Strafvollzug empfohlen werden. Dr. Krohn«, der langjährige Leiter der Anstalten in Moabit, befürwortete die Einsetzung von Vertrauensmännern durch die Ober« aussichlsbehörde, die mit dem Recht ausgestattet, die Gefangenen ohne Zeugen zu besuchen, namentlich bei den Beschlüssen über Straf- Unterbrechung, vorläufige Entlassung und Begnadigung mitwirken solle». Auch die Frage der bedingten Verurtheilung wurde behandelt und dabei folgende Grundsätze aufgestellt: ,1. Für Erstbestraste mit Freiheitsstrafe von kurzer Dauer sind die Versuche mit dem Strafaufschub und Aussicht aus Straferlaß bei guter Führung fortzusetzen. 2. Für Erstbestraste mit Strafen von längerer Dauer find die Versuche der Strafunterbrechung nach Verbüßung eines Theils der Straf«— etwa der Hälfte— mit Aussicht auf Erlaß des Etrafrestes auszudehnen. 3. Bei wiederholt Vorbestrafte» nnt Strafen von längerer Dauer— drei Jahr« und darüber— bildet die vorläufige Entlassung S>r.-G.-W§ 23 die Regel. Hauptbedingung für die Anwendung dieser Maßregeln sind geordnete Lebens- und Erwerbsverhältnisse der Verurtheilten, welche durch Angehörige oder Fürsorge- Organ« zu beschaffen oder zu gewährleisten find. Auch kann die Befriedigung des durch die Straflhat Geschädigten zur Bedingung gemacht werden. Bei den unter 2 und 3 Genannten ist auch gute Führung während der Hast erforderlich. 4. TaS Fürsorgewelen ist dementsprechend weiter auszugestalten. 5. Von der Ansfllhrung der alS zulässig er- kannten Polizei-Auisicht ist überall da Abstand zu nehmen, wo der Entlaffene der Fürsorg« untersteht, sie hat unbedingt«inzutreten und ist mit Schärfe durchzuführen, wo der Entlassen« die Annahme der Fürsorg« verweigert oder sich der angenommenen Fürsorge — Die„Germania" fordert die Mitglieder ihrer Partei auf, zu den Verhandlungen des Reichstages an> 22. d. M. vollzählig zu erscheinen. Bekanntlich steht die H a» d w» r l« r v o r l a g« auf der Tagesordnung.— — Wahlprotest. Gegen die Siltigkeit der Wahl des eben in Dirschau gewählten polnischen Pfarrer? v. Wolszlegter wurde Widerspruch beim Haust der Abgeordneten erhoben.— — Die Antisemiten Schlesiens hielten in Breslau ihren Parteitag ad. Es wurde beschloffen, bei den nächsten ReichstagSwahlen in 13 schlesischen Wahlkreisen Kandidaten auf- zustellen und in den übrigen schlesischen Wahlkreise««enigstens Zählkandidaten sich zu gestatten.— — Ein unbegreifliches Urtheil. Aus Güstrow in Mecklenburg wird dem„Hamburger Echo" mitgetheilt: Bor dem hiesigen Schwurgericht wurde am 11. d. M. die Tageldhnerfrau Wilhelmine Schultz aus Teschow bei Laaae wegen vierfachen Mordes zum Tode vernrtheilt. Sie lebte mit ihrem Mann« in Unfrieden und stürzte nach vorausgegangenem Zwist mit ihm am 7. März dieses Jahres ihre drei ältesten Knaben im Alter von zwei, vier und fünf Jahren, denen sie die Jackenärmel zusammengenäht hatte, in den Dorsteich. Darauf sprang sie selber mit dem 7 Wochen alten Säugling, den sie in die Schürz« genäht hatte, t» den Teich, wurd« aber mit dem Säugling noch lebend aus dem Wasser ge- zogen. Di« drei Knaben waren aber scho» ertrunken, und auch ver Säugling starb cm den Folgen der Katastrophe. Wir können zwar aus diesem kurze» Bericht die Gesammtlage de? Prozesses nicht überschauen, aber es erscheint doch fast nn- begreiflich, wie die Geschworenen die That der Frau aU einen mit Besinnung begangenen Mord ansehen konnten. Eine Fra«, die ihr eigenes Leben beenden will, kann unmöglich als völlig verantwort- lich gelten. — Im gothaischen Landtage hatte die sozialdemo« kratische Fraktion, wie wir schon mittheilten. verschieden« Anträge gestellt, darunter auch bezüglich der Löhne und Arbeitszeit der unteren Beamten und staattiche» Arbeiter. Dies« bemerkenswerthen Anträge besagen des näheren folgende?: „Der Landtag wolle beschließen: Die herzoglich« Staats- regierung zu ersuchen, dem Landtag noch in seiner gegenwärtigen Tagung einen Gesetzentwurf vorzulegen,»ach welchem I. die GehaltS- und Lohnverhältnifse der unteren Klasse der Staats- beamten und staatlichen Arbeiter«ine Aufbesserung in der Richtung erfahren, daß die Gehälter bezw. Löhne derselben nicht unter 3 M. pro Tag bei 10 stündiger Arbeit betragen. Ii. Bei Bev- gebung von staatlichen bezw. öffentlichen Arbeiten sind, soweit die- selben nicht direkt cm Arbeiterkorporation«» vergeben werden können, den Unternehmern folgend« Bedingungen zu stellen: 1. Dem Unternehmer liegt die Verpflichtung ob. an fem« Ardeiter leinen niedrigeren Lohn zu zahlen, als an gelernt« Handwerker 35 Pf., an Handarbeiter 30 Pf. pro Stunde. Für jugendliche Arbeiter bis zu 20 Jahren und invalid« und alt« Arbeiter kann aus Antrag de? Unternehmers eine Abweichung»ou de» Mimmal- lohnfäyen gestattet werden. 2. Der Unternehmer darf fein« Arbeiter nicht länger als 10 Stunde» pro Tag arbeiten lassen. 3. Die Verlängerung der Arbeitszeit, sowie das Arbeiten an Sonn- tagen darf nur mit Einwilligung der Behörde», weiche die Arbeiten vergeben, geschehen. 4. Bei Verlängerung der Arbeitszeiten müssen kür die erste Uedcrstunde 10 pCt., für die zweite 20 pCt., für die orilte 30 pCt. Lohnzuschlag bezahlt werden. 5. Bei SonntagSarbeit muß der gewöhnliche Tagclohn um 50 pCt. erhöht werden. 6. Die Ruhe- und Mahlzeitpausen werden nach dem örtlichen Gebrauch geregelt. 7. Diese Bestimmung«» sind in der Werkstatt, der Bau« stelle»c. sichtbar auSzuhängen.-- Am Montag wählte der Landtag seinen ständigen Ausschuß. Vor der Wahl schlug Genosse Bock vor, anßer dem Präsidenten und Schriftführer, die auf grund gesetzlicher Bestimmung dem LandtagsauSschuß angehören, je einen Freisinnigen, Agrarier und Sozialdemokraten als Mitglieder zu wählen. Er Hab« erfahren, daß man keinen Sozialdemokraten hineinwählen wolle, diei würde eine„Vergewaltigung seiner Partei" sein. Bock erhielt 3 Stimmen, gewählt wurden die Abgg. Liebetreu, Grübet und Fleischhauer. Die Sozialdemokrat«««erden also im Ausschuß nicht vertreten sein. Sauber« Geschäftsführung der„Ordnungsparieien" l— Dresden, 15. Juni.(Eig. Ver.) Die Generalversammlung des Verbände? deutscher Müller(Unternehmer), welch« heut« und gestern hier tagte, stellte folgende Thesen, die von dem Ausschuß endgiltig berathen und an die Reichsregierung übermittel werde» sollen, auf: Die letzt« Abändern ngSvorlage d«S Alters- und JnvaliditätsversichernngS- Gesetzes kann man akzeptiren, weil sie eine Mehrbelastung der Unternehmer vermeidet. Die Förderung der Ausfuhr von Mehl, ohne Schädigung der nicht anSfüh renden Mühlen kann dadurch erreicht werden, daß das Ausbeute- verhältniß von 75 auf 70pCt. herabgesetzt und der Deklarattons- zwang«ingeführt wird.— Der Mühlenbetrieb ist. so wurde ausgeführt, nur dann noch rentabel, wenn alle technischen und maschinellen Hilfsmittel angewendet werden; auch im Klein- beirieb muß die Handarbeit aus ein Minimum beschränkt sein. lieber die jTarifirung von Getreide sind dt« Meinungen vollständig auseinandergehend. Ter Mittelweg dürfte die Empfehlung der Einführung eines StaffeltariseS sein.— Der Verband zäblt 4000 Mitglieder. DaS Konto balanzirt mit 3S 146 M. Der Ge» halt des Vorsitzenden beträgt 10 000 M., dazu komme« noch 4710 M. Spesen.— — Chronik ber Majestätsb«I«idignngs>Pro- B e f f e. In Brandenburg stand gestern die Gattin unseres Genossen B e l l i n wegen Dtajestätsbeleidignng vor der Strafkammer. Die inkriininirte Sleuperung sollte Frau Belli» gelegentlich eines Wortwechsels niit einer andere» Frau gemacht haben. Schon nach der Vernehmung derselben aber wurde auf die Vernehmung der anderen Zeugen verzichtet und vom Staatsanwalt sowohl wie vom Vertheidiger die Freisprechung beantragt, und auf Freisprechung er- kannte denn auch der Gerichtshof. An, Abend des l. Mai begann der Maurer Paul Strub« mit d-n Gäste» des Gastwirthes Trenn einen Streit, der zur Folge hatte, daß er aus dem Lokale gewiesen werden mußte. Da außerdem»nt der Polizei gedroht wurde, so gericth Strubs derartig in Aufregung, daß er Beleidigungen gegen die Polizei und den Kaiser ausstieß. Bei Ein- tritt in die gestrige Hauptverhandlung vor der 8. Straskamnier Land- gerichts I berief sich Strub« auf feine danialige Unzurechnungsfähigkeit. Wegen Hausfriedensbruches und Majestälsbeleidigung wurde nach dem Antrage des Staatsanwaltes Kanzow auf eine Gefängnißstrafe von 4 Monaleu und 1 Woche erkannt. Der Redakteur der ultramontanen„Westfäli- > ch en Rundschau" zu Warend orf, Collet, wurde dieser Tage von der Strafkammer zu Münster wegen Majestätsbeleidigung zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. Der Angeklagte erklärte, daß der betreffende Artikel, in welchem die auf dem Brandenburger Promnzial-Landtage vom Kaiser gehaltene Rede besprochen wurde, von einem katholischen G e i st l i ch e n«ingesandt sei und er in demselben noch viel schärfere Ausdrücke gestrichen habe.-- Oesterreich. — Der Badenismus geht um. Polizeichikanen aller Art, Versanunlungsauflösungen, Konfiskationen sind an der Tages- ordunng gegen die Gegner der Sprachenverordnung sowohl ivie besonders gegen die Sozialdemokratie, welche die Ge- waltpolitik der Rcgieruiiz scharf bekämpft. So wird zum Beispiel aus Brünn vom 14. d. M. gemeldet: Heute Abend fand eine vom sozialdemokratischen Verein„Volks- freund" einberufene Versammlung statt, in welcher zunächst das Mitglied des deutschen Reichstages, Herr Molkenbuhr aus Hamburg, eingehend die gegenwärtige politische Lage i» Deutschland besprach. Sodann referirte an stelle des verhinderten Reichsraths- Abgeordnete» Berner der Arzt Dr. Morgenstern über die politische Lage in Oesterreich. Als er aus die letzte Konfiskation wegen Reproduktion des jüngsten Erlasses, betr. die Ileberwachung von Vereinen und Versammlungen zu sprechen kam und diese» Erlaß zu kritisiren begann, erklärte der anwesende Polizei- Kommissar die Versammlung für aufgelöst, worauf großer Lärm entstand und Pfiffe laut wurden. Auf Mahnung der anwesenden Parteiführer zerstreute sich dann die Versammlung unter Absingung des„Liedes der Arbeit". Schweiz. � Der Stünderath begann am Dienstag die Berathung der Vorlage betr. den Eisenbahn-Rückkaus. Die Verhandlungen gestalten sich recht komplizirt, zahlreiche Anträge sind eingebracht worden.— Frankreich. PariS, 16. Juni. Die Kammer hat den Antrag Gauthier betreffend die Unverträglichkeit der Funktionen mit 803 gegen 213 Stimmen angenommen. Ferner nahm die Kammer den sozia- lifiischen Antrag Rouanet trotz der Opposition der Regierung mit 803 gegen 221 Stimmen an. Durch diesen letzten Antrag werden auch die Funktionen des Untergonverneurs der Bank von Frankreich mit einem Kanunermandat als unvereinbar erklärt. Die Stellung des FinanznnnisterS Cochery erscheint gefährdet. Die Berathunge» werden am Donnerstag fortgesetzt. Belgien. —- An der Brüsseler Demonstration gegen das jetzige Heersystem Belgiens haben, wie schon erwähnt, unsere Genossen nicht theilgenommen. De« Folge war, daß die Massen gefehlt haben. Das dortige Partei-Organ, der„Peuple". führt aus, die Sozialdemokraten halte» das preußisch-dentsche Heer- system für ebenso verderbltch wie daS bisherig«— ja für noch verderblicher, weil es daS Volk mehr belaste und die Volksfreiheit «och mehr bedrohe. Rur die allgemeine Bolksbewaff- «ung, im Milizsystem organifirt, entspreche den Volksinteressen.— Italien. --Zum G e d ü ch t n i s f e F r a t t i' s, des in Griechenland gefallenen republikanischen Abgeordneten, hat am Sonntag in Rom ein« großartig« Feier stattgefunden. Der Republikanismus gewinnt in Italien den Bode», welchen die Monarchie nicht ohne ihre Schuld verliert. Das Eintreten des König? Uniberto für den Ver- brecher Crispi macht überall einen bösen Eindruck. Man erinnert sich der Prophezeiimg Mazzini'S:„Crispi wird der letzte Minister der Eavoyer Dynastie sein." Zwar nicht ivörl- lich, aber der Sache nach scheint sie sich zu erfüllen. Crispi ver- wickelt die Dynastie in seinen Sturz. Und schließlich hat Mazzini auch vielleicht wörtlich recht, denn das jetzige Ministerium Rudinl ist schon kein vollständig mit der Dynastie verwachsenes mehr.— — Cipriani'S Wunde ist in der Heilung begriffen. Die Entzündung, welche eine Amputation iiolhwcndig z» machen schien, hat aufgehört und die Heilung verläuft normal. Steif wird das Bein ab« bleiben.— — Das Marinebudget. In der Deputirtenkammer führte der Marineminister am Dienstag ans, die Regierung folge der goldenen Mittelstraß«, indem sie die Forderungen für die Marin« mit der Sparsamkeit in de» Finanzen i» Einklang bringe. Da die Regie- rung eine Politik der Sammlung befolge.so müßte die Stärk« der Flotte den Zielen der italienischen Politik entspreche». Kein italienisches Ministerium werde jemals seine Zustimmung dazu geben können. daß die Ausgaben für die Marine nnt« das für die Bertheidigung des Staates unerläßliche Maß herabgedrückt würden. Der Minister schlug die Berm-Hrung der Ausgaben um Vit Millionen für das Gebahrungsjahr 1897/23 und von 10 Millionen für die folgenden Gebahnmgsjahre vor. Diese Vermehrung der Ausgaben sei durch die Verminderung derselben in Afrika ausgeglichen. So könne uuui, ohne das finanzielle Gleichgewicht zu stören, für die unverineidlichen Bedürfnisse der Marine Vorsorge treffen. Der Minister schloß mit einer Aufforderung an die Kammer, die Bor- schlage der Regierung anzunehmen, um den Verfall der Marine hintanzuhalten.(Zustimmung.) Asien. — Aus P e r s i e n kommt die Nachricht von einem neuen Attentat auf den Schah, das mißglückt sein soll. Wir können nichl kontrolliren, ob die Nachricht wahr ist. Fest steht, daß in Persien eine große Gährung herrscht. Durch die Vorgänge im Orient ist die ganze muhamedamfche Welt in Bewegung gekommen. Und auch in Persien giebt e?, ebenso wie in der Türkei und Egypten, eine Reformpartei, welche eine Verfaffung mit Volksvertretung und demokratischen Einrichtungen erstrebt. Ins- besondere fordert die Reformparlei auch die Abschaffung der Vielweiberei und die gesetzliche und rechtliche Gleich-' Peilung von Mann und Frau.— — Der A u f st a n d an der afghanischen Grenze wird in England sehr ernst genommen. So sagt„Daily Chron.cle": „Eine volle Brigade ist jetzt unterwegs nach dem Tochi-Thal, um der Palhan-Slamincsherrschaft ein Ende zu machen. Man kann nur befürchlen, daß die ganze Grenze sich erhebt. Dann müßte eine andere Brigade oder zwei, vielleicht sogar«ine oder zivei Divisionen zur Aersügung Sir George Wolseley's gestellt werden."— VArltttnenkAvifche-s. Ter Bundesrath hat in seiner heutigen Sitzung die Vor- läge, betreffend den Freundschasts- und Handelsvertrag zwischen dein gleiche und dem Oranje-Freistaat», den zuständigen AnSschüffen überwiesen. Der VerufsgenoTenschaftsk«g, der am Dienstag i» Berlin abgehalten worden ist, hat sich mit mancherlei für die Arbeiter wichtige» Angelegenheiten beschästigt. Außer den Berussgenofsenfchaften selbst war die Regierung durch eine Reihe von Beamten vertreten. Der in letzter Zeit vielgenannte Präsident des Reichs-Versicherungsamts, Dr. Bödiker, den die Sache wohl am nächste» anginge, sehltenuch hier. Er hatte sich entschuldigt mit dem Bemerken, daß er in feiner Stellung es nichl für an- gemessen halte, an der Berathung von Gesehen theilzu- nehme», die noch den gesetzgebenden Körperschaften vor- liegen. Auch der Vorsitzende des Berussgenossenschasts-Tages, Direktor R ö s i ck e, beschäftigte sich mit deni Dr. Bödicker. Er sagte i» seiner Begrüßungsrede, es würde sonderbar erscheine», wenn er nicht ein Gerücht erwähnen würde, das durch die Zeitungen gegangen ist, nämlich, daß der Präsident Dr. Bödiker sein Entlassungs- gesuch eingereicht habe.„Sollte sich das Gerücht bewahrheiten, so würden wir das lebhaft bedauern. Wir habe» uns stets gern seiner Leitung gefügt. Er hatte es, wie selten ein anderer, ver- standen, sich das Vertrauen und die Zuneigung der Arbeitgeber und der Arbeiter zu erwerben. Seiner Persönlichkeit ist eS zu danken, daß das Versicherungsamt Vertrauen in allen Kreisen ge- meßt, wie wenig andere Behörden. Wir hoffen aber, daß es de» Bemühungen Sr. Majestät resp. der kaiserliche» Regierung gelinge» werde, den Präsidenten von seinem Vorhaben abzubringen." Die Ver- sammlung nahm diese Erklärung mit Beifall auf, zweifelte aber wohl selbst daran, daß die kaiserliche Ncgierung sich in dieser Richtung bemühen werde. Dem Bericht ist zu entnehmen, daß dem Verbände jetzt 56 Bernssgeiiossenschaften als ordentliche und 122 als außerordentliche Mitglieder angehören. Der Verband hat be- schloffen, sich an der Paris« Weltausstellung im Jahre 1900 zu bctheiligen.— Als wichtigster Tagesordnungspunkt wurde die Ab- ändern,, g der K a r e n z z e i t behandelt. Die Mehrheit der Redner sprach sich dagegen aus, daß die bisherige Karenzzeit von 13 Woche» durch eine solche von vier Woche» ersetzt werde, weil die Berufs- genoffenschaften eine Mehrbelastung nicht vertragen könnten. Er- wähnenswerih ist dieStelliingnahnie desGeh.Kommerzienrath Rösicke, der grundsätzlich für dieBeseitignng jeglicherKarenzzeit cjntrat, weil die Industrie ihre Unfälle vollständig selb st trage» »> ü f s e. Das sei schwierig durchzu führe»; deshalb habe man 1633 bei Schaffung der Unfallversicherung die Karenzzeit eingeführt, aber auch eine Beschränkung der Vollrente auf 66% pCt. des Arbeitsverdienstes. Die Kranke, ckaffen haben die Mehr- last auf sich nehme» müsse»; sie befände» sich in einer schwierigen Lage und müßten entlastet werden. Eine Mehrbelastung der Berufsgenofsenschaften werde nicht eintreten, weil diese ohnehin sich um die Heilung der Unfälle schon in mög- lichst früher Zeit kümmern müßte», was auch Koste» verursach«. Die Genoffenschaften, die«in intensives Heilverfahren vor de», Ende der dreizehuten Woche eingerichtet haben, haben au Renten mehr erspart, als die Kosten betragen. Das Kompromiß des b k werde für die Berufsgenossenschafte,, höchstens eine Mehr- elastung von 70 Pf. auf den Kopf und das Jahr bedeuten.— EL wurde fchkießlich deschloffen, die endgillige Erledigung dieses Gegenstandes einem nach Bekanntwerden der neuen Vorlag« zu be- rufenden außerordentlichen Berufsgeuossenschafts-Tage zu überlassen. Die weitere Beralhnng drehte sich um die vorgeschlagene Um- änderung der berussgenosseiischaftlichei, Schiedsgerichte in örtliche. Hierüber berichtete Dr. L a ch m a n n. Er sprach seine Meinung dahin auS, daß in diesem Punkte eine Aenderung des Gesetzes durchaus zu begrüßen wäre. Die Organisation der Schieds- gcrichte als örtliche hätte ganz außerordentliche Bortheile, nament- lich für die Verwaltung. Oertltche Schiedsgerichte würden aller- dings nicht so sachgemäße, stabile Entscheidungen fällen können wie jetzt die berufsgenossenschastlicheu. DaS wäre vielleicht zu ertrage», jedoch nur unter der einen Bedingung, daß daS Recht der Berufung gegen diese Entscheidungen beim ReichS-BrrficherungSawt nicht eingeschränkt werde. Der Borsitzende, Abg. Rösicke, sprach sich eneraisch für örtliche Schiedsgericht« aus. Im Interesse der Arveitgeder liege eine Vereinfachung der Organisationen nicht so sehr wie in. dem der Arbeitnehmer, die sich aus der Vielgestaltigkeit nicht herausfinden können. DaS Prozeßverfahren muß in erster Sin» einheitlich gestaltet werden; denn jetzt sind 1800 verschiedene Schiedsgerichte vorhanden, trotzdem in den einzelne» Berufs- genosseuschasten nur wenige Schiedsgerichte, durchschmttlich 13, besteben. woraus folg«, daß die Schiedsgerichte vielfach den Arbeitern örtlich unerreichbar sind. Für die auf ganz Deutschland sich erstreckenden Bernssgen offen schaften liegt in de» örtliche» Schiedsgerichten etwas Ungewöhnliches; für die örtlich abgegrenzte» Berufsgenossenschasten ändert sich nichts Erhebliches. Bon den 59 000 Berufungen im Jahre kommen auf jedes Schiedsgericht nur 33; das ist kein« genügende Beschäftigung; die Schiedsgerichte haben daher vielfach, ur viermal, ja nur einmal im Jahre Sitzung fehalten. So lange habe» die Rentenempfänger mit ihre» An- prüchen warten müssen. Leiter der Schiedsgericht« waren daher meist jüngere, häufig wechselnd« Kräfte, die nicht eingearbeitet wäre». Unt« solche» B«hältnissen hat die Rechtsprechung in unverant- wortlicher Weis« gelitten. Bei örtlicher Abgrenzung werden die Vorsitzende» der Schiedsgerichte im Hauptamt beschäftigt werden. Ans die Sachverständigkeit der Beifitzer komnie«S nur in wenigen Fällen an, denn in ihrer Ursache feien die Unfälle zum- größten Theil die gleichen; in den Berufsgenossenschasten sind auch so viel« Gewerbszweige vereinigt, daß keine Sicherheit vorhanden ist, daß die Beisitzer für alle dies« Gewerbszweige fach- »«ständig sind. Für die Entscheidung über die Erwerbsfähigkrit komme auch die Sachverständigkeit in einem bestimmten Erwerbszweige nicht in betracht; soweit das der Fall sei, habe man die Befugniß gelassen zur Bildung besonderer Schiedsgerichte. Bei Ein- richtung örtlicher Schiedsgericht« müffe»tan auf die Betheilignng der Berufsgenoflenschafte» an der Kostenfestsetzung verzichte«. Ein« Durchbrechung de? berufsgenossenschaftlichen Prinzips finde nicht statt, denn auch in der obersten Instanz, dem Reich»- BerficherunaSamt, fehle die berufliche Gliederung, ohne daß daraus darüber Beschwerde erhoben sei. Diese Darlegungen fanden lebhaften Widerspruch. Unter anderm erklärte der Vertreter der sächsischen Vau- Berussgenossenschasten, daß die Konsequenz dieser Auffassung die Einrichtung von territo- riale» Genossenschaften sei. Dann wäre» die Berufsgenossenschaftei, überflüsstg. Redn« trat für die berusSgenofsenschaftlichen SchiedS- gerichte ein. Der Maurer wolle sein« Ansprüche von Maurern, der Tischler von Tischlern ec. entschieden sehen, diese? Verhält«, iß würde bei den örtlichen Schiedsgerichten fortfallen. Zi» einer festen Stellungnahme kam die Versammlung auch in dieser Frage nicht.— Es wurden dauu»och mehrere andere Gegen- stände behandelt.— Der nächste Berufsgenofsenschaftstag soll in Karlsruhe stattfinde»._ Zur Stichwahl in Wiesbaden. Di« Nachricht bürgerlicher Blätter, in Wiesbaden habe eine sozialdemokratische VertraueuS- männer-Bersammlung beschlossen, daß bei der Stichwahl für den Zentrumskandidaten v. Fugger gestimmt werden solle, hat verschiedene Blätter unserer Partei veranlaßt, bestimmte Stellung zu gunften des Kandidaten der freifinnige,, Volkspartei zu nehmen;. dies thun u. a. die„Mainzer BolkSzeitung", die BreS- lauer„VolkSwach t". die„Leipziger volkszeit ung", die Elberfeld er„Freie Presse". Die von Dr. Ouarck redigirte„BolkSstimme" in Frank« f u r t a. M. giebt in ihrer Dienstags-Nummer folgende Mittheilung des„Rheinischen Kuriers" wieder:„DaS Gerücht, wonach unsere Sozialdemokraten gelegentlich einer unlängst stattgehabten Be- sprechung zu dem Beschlüsse gekommen sein sollten, die Kan- didatur de» Herrn v. Fugger zu unterstützen, entbehrt jeder Begründung. Weder die Vertrauensleute der Partei noch dies« selbst haben bisher bezüglich ihrer Stellungnahm« in der Stichwahl irgend welch« Beschlüsse gefaßt, viel« mehr ist auf heute Abend eine Versammlung angesetzt zu dem Zwecke, das zu thun. Weder mit dem Zentrum noch auch mit der jreisin- nigen Volkspartei sind seither in der Angelegenheit irgend welche Verhandlungen gepflogen worden, speziell ist es unrichtig, daß von Seiten des Zentrums das Anerbieten gemacht worden ist, der sozial- demokratischen Partei die für die erste Wahl verausgabten Agitations- gelder zu erstatte» resp. bei einer etwaigen nächstjährigen Stichwahl, an welcher die sozialdemokratische Partei betheiligt ist, eventuell für diese einzutreten. Allerdings herrscht ans Seiten der Eozialdemo- kraten eine große Animosität speziell gegen den freisinnigen Kandi- daten, immerhin aber ist es wahrscheinlich, daß der Beschluß der am Dienstag stattfindende» Versammliing auf S t i u> m- E n t h a l t u n g lautet." Die Frankfurter„Volksstimme' macht hierzu die Bemerkung: „Da zeigt sich recht deutlich das— böse Gewissen der guten Herren Freisinnigen!" Das Abendblatt der Berliner„Volk?-Zeitung" theilt mit, daß thatsächlich die Genossen in Wiesbaden unter Quarck's Befürwortung Wahlenthaltung beschlossen haben; etwa 600 Personen seien einstimmig zu diese», Resultate gelangt. Es ist selbstredend den Genossen des Wahlkreisel überlassen, zu thun, was sie»ach der Lage im Kreis« für richtig halten. Aber sicherlich wird ein solcher Beschluß, wenn er thatsächlich gefaßt ist, in den weiteren Kreisen unserer Partei starke Verwunderung erregen.—* Polizeiliches, Gerichtliches ,c. -- Der Parteigenosse Michels in K ö l n hat am 13. Juni ei»« elfmonatige Gefängnißstrafe angetreten, die ihm als verantwort- lichem Redakteur der„Rheinischen Zeitung" wegen zweier Preß- vergehe» auferlegt ist. Möge er die Hast überstehen, ohne an seiner Gesundheit Schaden zu erleide,,! GemevkMafiliches. Perli» und Umaebung. � Kalkberge-RLdersdorf. Die hiesigen Unternehmer im Maurer- und Zimmerer- Gewerbe haben durch Bekanntmackunge» ihren Arbeitern angekündigt, daß sie am 21. d. M. sämmtliche bei ihnen beschäftigten Arbeiter aussperren werde». Deutsches Reich. Achtung, Textilarbeiter! In der Otto Eelbmann'schen Fabrik in Crimmitschau i. S. droht infolge einer be- deutenden Lohnreduktio», die 1,50 bis 2 M. wöchentlich betrügt,«in Streik auszubrechen. Die Weber und Weberinnen versuchten mit ihren Chefs auf gütlichem Wege auseinander zu kommen, diese lehnten aber jede weitere Verhandlung ab. Bemerkt sei noch, daß infolge schlechten Rohmaterials bei genannter Firma Wochenlöhne von 9,20 M. kein« Seltenheit sind. Die Textilarbetter Crimmitschau's appelliren nun an das Solidaritätsgefühl aller Fachgenossen, den Zuzug streng fernzuhalten, und bitten all« arbeiterfreunolichen Blätter um Abdruck dieser Notiz. I« der bürgerlichen Presse ist die Nachricht verbreitet, daß der Streik in der Jutespin nerei und Weberei Bremen durch Vergleich vor dem Gewerbegericht beendet sei. Diese Nachricht ist falsch, da das Resultat der Verhandlungen den ausständigen Arbeitern noch nicht zur Beschlußfassung vorgelegt ist. Nach der Stimmung der Streikenden zu nrtheilen, wird der Vergleich wahr- scheinlich nicht angenommen werden. Vorläufig dauert der Ausstand fort. Streikbrecher fi»*- /nicht vorhanden. Der Vorstand des Ver- bandes deutscher Textilarbeiter. C. Hübsch. AuS Waldenburg wird gemeldet: Di« Abtheilungen der unter Tage beschästigte» Bergleute der bei Gottesberg gelegenen schlesischen Kohlen- und Kokeswerke, die einer Wiener ANien- gesellschaft gehöre», haben durch ihre Vertrauensmänner bei der Grubcndirektio» die Forderung auf Einrichtung der achtstündigen Schicht einschließlich der Ein- und Ausfahrt und Gewährung einer ISprozentigen Lohnerhöhung gestellt. In Stettin wollen die Unternehmer nur solche Maurer einftruen, die Entlassungsscheine vorzeigen können. Infolgedessen «gten zirka 150 Maurer die Arbeit nieder. In einer Versan»nl»mg wurden Entlassungsscheine vorgelegt, die besondere Keiinzeichen auswiesen. Die Maurer Hauiburg» haben in letzter Zeit eine rührige Agitation zur Stärkung ihrer Organisation entfaltet, und zwar mit sehr gute», Erfolge. Von 900 Mann im Jahre 1896 ist die Zahl der Mitglieder ans 1400 in diesem Jahr« gewachsen. Freilich giebt es im gesammte» Hamburger Gebiet»och immer über 2000 un- organisirte Maurer, so daß der Stand der Organisation vor dem allgenieiiitii Streik im Jahre 1890, wo mit wenigen Ausnahmen alle Maurer i» Hamburg der Organisation angehörten, noch lange nicht erreicht wurde.« Jedoch ist infolge der neulich schon ge- meldete» Grüitduug des LokalfondS, der eben bei Lohn- kämpfen am Orle als Munition dienen soll, allgemein das Interesse für die Organisation gestiegen, so daß ein weiteres Wachsthum derselben zuversichtlich zu hoffen ist. Der Zentral-Verband der Maurer Deutschlands, dem die Hamburger Organisation angehört, hat zur Zeit im ganzen 43 000 Mitglieder. Am 4., 6. und 6. Juli wird in Hamburg die General- versa m»ilung des Verbandes der Hafenarbeiter Deutschlands abgehalten. Ts sind Delegirle aus allen Gegenden Deutschlands, insbesondere aus dem Ostsee-, dem Oder-, Oberelb«- und Rheingebiet angemeldet. Die Verhandlungen werde» voraussichtlich diesmal ganz besonders interessant werden. Die Importeure englischer Kohlen beftehen jetzt entschiede» darauf, daß ihr« Arbetter den Revers unterschreiben, durch den sie sich verpflichten, Mitglied der von den Importeuren «iiigerichtet«»» Spar- und UnterstützungSkasse zu werden, welche Kasse die Arbeiter i» ihrer wuthschasllichen Freiheit beeinträchtigt. In einer Anzahl von Betriebe», ist den Arbeitern die Entlassung an- gedroht worden, wenn sie den ReverS nicht binnen kürzester Frist unterschreiben. In einer öffentliche» Versammlung der K o h l e n- Akkord-Echauerleute Hamburgs ging nun, wie daS„Ham- burger Echo" mittheilt, die Meinung der Redner dahin: Anzunehmen fei daS Begehren deS Vereins der Importeure nicht, darüber f«, gar nicht mehr zu diSkutiren. Aber, was beschlossen würde, niüßle von der Gesammtheit i» geschlossener Einigkeit ausgeführt werden. Entweder solle man geschlossen sich dem Begehren der Importeure entgegenstelle» oder sich demselben insgesammt füge». Für beide Fälle solle man die Folgen ernstlich bedenken. Darauf wurde beschlossen, daß, an den Verein der Importeure schriftlich daS Ersuchen gerichtet werden soll, von Montag, den 21. Juni ab, keine Abzüge für die Kasse mehr zu machen und daS bisher innebehaltene Geld zu diesem Termin auSzukehren. In de» ersten Tagen der nächsten Woche soll in einer Versammlung über daS Resultat dieser Maßnahme berichtet «erden. Der Tischlerstreik in«ant ist am Sonntag für beendet erklärt worden, da sämmtliche noch Ausständigen in den Geschäften untergebracht sind, die bewilligt haben. Am Tischlerstreik in Magdeburg, dessen Fortsetzung in der letzten Versammlung mit 95 gegen 12 Stimmen beschlossen wurde, sind gegenwärtig 128 Mann betheiligt. AuS Leipzig wird telegraphirt: Hier ist am Mittwoch«in allgemeiner Ausstand der Maurer ausgebrochen, an dem nach den bisherigen Feststellungen etwa 2000 Mann betheiligt sind. Sie verlangen«inen Stundenlohn von 55 Pfennigen bei Sstündiger Arbeitszeit. Die Unternehmer wolle» nur 48 Pfennige, bei einer Ivstündigen Arbeitszeit, bewilligen. Der Maumstreik in Altenburg, Jber vor sieben Wochen be- gaun, ist noch nicht beendet, weshalb der Zuzug nach wie vor streng fernzuhalten ist. AuSständig sind noch 46 Mann. Bon den LS» in den Ausstand getretenen Gesellen habe« 120 Mau» bewilligt blkoyuue» uub 90 Man» sind abgereist. Etwa 30 Mam, wurde» fahneiiflÄchtig. Außerdem leiste» 40 von auswärts zugereiste Italiener de» Unternehmern Dienste. Iu Maunhciut haben die Bediensteten der Trambahn durch eiiunüthige» �nsammenhalt die theilweise Bewilligung ihrer Lohnforderungen auf dem Verhandlungswege erreicht. Die Kutscher erhalten in Zukunft einen Miniinallohn von SO M., der bis auf 100 M. steigt; für die Schaffner ist der Minimallohn auf 87 M. festgesetzt worden, er steigt ebenfalls bis auf 100 M. Für die durch das Fahren von Extrawagen entstehenden lieberstunde» erhalten die Schaffner in Zukunft 25 Pf. und die Kutscher 30 Pf. Betreffs des ftleidergeldes bleibt es beim alten. Ausland. Tie Hochöfen-Arbeiter von Clrveland und Durham haben, wie die Londoner„Allgem. Korr." mittheilt. am Montag gekündigt, iveil ihnen die Unternehmer keinen achtstündige» Arbeitstag gewähren wollen. Die Arbeitszeit beträgt jetzt 12 Stunden. Soziales. Die Zahl der Haufircr stellte sich nach der Berufszählung von 1895 für das Deutsche Reich auf 126 885; davon waren etwa �/s männlich und Va weiblich. Von den gezählten Hansirer» waren mehr als 95 pCt. über 21 Jahre alt. Aber die u n- gezählten? Das Statistische Amt selbst schreibt: »Die geringe Zahl der Kinder, welche durch diese Er- Hebung als im Hansirgewerbe thätig ermittelt wurden, begreift natürlich nicht alle Hausirenden Kinder in sich. Die Gesanimtzahl drr letzteren ist iveit größer, weil noch die vielen Hausirenden Kinder solcher Eltern hinzukommen, welche ein Wandergewerbe selbst nicht ausüben." Dabei ist die Vertheilung der Hausirer in den einzelnen Staaten und Provinzen recht verschieden. Während in de» süddeuischen Staaten auf je 1000 Einivohner etwa 3'/, Hausirer entfallen, kommen in Preußen auf 1000 Einwohner nur S'/ro Hausirer. Die Stadt Berlin hatte auf 1000 seiner Einwohner 2V4 Hausirer, die Provinz Posen nur �/s, die Hohenzollernschen Lande dagegen beinahe 9. Die auffallend große Zahl der Hausirer in Hohen- zollern erklärt sich durch das Vorhaudenfein einer Anzahl von Dörfern im Killetthal und im Oberamtsbezirk Haiger- loch, i» denen die Einwohner vorwiegend dem Hansirgewerbe obliegen. Bei dem geringen Umfang der Hohenzollernschen Lande er- höhen diese etwa 10 Hausirerdörfer natürlich die Verhältnißzahl, und es ist erklärlich, daß dort beinahe schon auf 100 Einwohner einer kommt, der durch Hansiren sein Brot erwirbt. Der Magistrat von Güstrow hat das Gesuch der Arbeiter, ein G e w e r b e g e r i ch t zu schaffen, zum dritten Mal abgelehnt. Er ist, ivie es in dem Entscheide heißt,»nach wie vor der Ansicht, daß nach der bisherigen Entwickcluug der Gewerbethätigkcit und den bisherigen Erfahrungen über die vorgekoiniuenen geiverbliche» Streitigkeiten ei» Gewerbegericht eine den auf seine Gründung und Unterhaltung zu veriveiidcnden Kosten und Mühen irgend wie e«t sprechende Thätigkcit nicht finden wird." Tie„Mecklenburgische Vollszeitung" schreibt hierüber:„Daß der Magistrat die Frage, ob für Güstrow ein Gewerbegericht ei» Brdürfniß sei, im Gegensatz zu den Arbeiter» ver- ncint, ist erklärlich; wo giebt es in Mecklenburg einen Magistrat oder eine Behörde, die je als Grundsatz die Berücksichtigung der Wünsche der arbeitenden Klaffe verkündet hätte? So etwas giebt es nicht und kann es ja auch garnichk Prozesi des Mnsik- Schriftstellers W. Tappcrt gegen den Kritiker Dr. Kerr wird am nächste» Montag, 21. d. M., vormittags 11>/« Uhr, vor einer Abtheilniig des Schöffengerichts im Kriminalgerichisgebäude Zimnier 24 zur Verhandlung kommen. Diese wird anscheinend einen bedeutende» Umfang an- nehmen, da etwa 20 Zeugen und mehrere Sachverständige geladen stirb. Unter letzteren befindet sich der Vorsteher der Gesangs- abtheiluna der k. Hochschule für Musik, Prof. Dr. Adolf Schulze and die-Musikschriststellcr Prof. U r b a n und Dr. Krebs. Herr» T a p p e r t wird Juftizrath Kleinholz. Herrn Dr. Kerr Rechts- anwalt Paul Jonas zur Seit« flehen. Deutsches Heldcnthnni. Dur Student Albert Eimony hatte am Mittwoch wegen Mißhandlung vor der 189. Abtheilung des «itsgerichis I zu verantworten. Am 17. Februar d. I., nachts in /€ der zweiten Stunde, verübten mehrere Studenten dadurch groben Unfug, daß sie sich nicht nur im Kreise um eine Laterne stellten und den Verkehr fast vollständig binderten, sondern anch einen jüdischen Herrn, anscheinend eine»» Mediziner, verhöhnten. Im Hinblick hierauf meinte der Jugeuienr Fiedler,»velchem gleichfalls das Weitergeben»mmöglich gemacht wurde:„Aber, meine Herren, das könnten Sie doch>vo anders abmachen." Kaum halte er diese Worte gesprochen, als der elivas angekneipte Angeklagte mff ihn zustürzte und ihm ohne ein Wort zu sage»», seine Karte unter die Nase hielt. Als Fiedler hierzu schivieg, fragte der Angeklagte, ob er nicht»viffe,»vas das zu bedeute» habe. Fiedler erklärte daraus, er»Visse die Bedeutung zwar sehr wohl, sei aber nicht sür derartige Sachen. Auf»viederholtes Drängen des Angeklagten erklärte Fiedler schließlich:„Wenn Sie durchaus ei» Duell»vollen, sollen Sie es haben, aber die Folgen treffen Sie." Ii, dem- selbe» Augenblick gab ihm der Angeklagte mit den Worte»:„Das ist feige!" z,vei schallende Ohrfeigen. Auf der Wache,»vohin sich beide demnächst begäbe», meinte der Angeklagte, als ihn» Moabit in A»lss»cht gestellt wurde:„Aus 100 M. kommt es mir nicht an." Sei» Wunsch sollte inehr als erfüllt»verde», denn»vährend der Staatsanilmlt nur 50 M. Geldstrafe beantragte, erkannte der Gerichtshof auf 150 M. Geldstraie, da den überhandnehttlenden Rohheitsausbrüdien studentischer Kreise energisch entgegengetreten »verde» inüffe. Warum bringt man denn solche Burschen»»cht kurzerhand nach Plötzensee? Freilich,»venn es Arbeiter»vären. DaS Telephon«»tcr juristischer L»lpe. Eine für die Kanfmannswelt bemerkenswerlhe Enlscheidnng über das„Kon t r a h i r e n m i t l e l s d e s F e r n sp r e ch e r s" hat vor kurzem die 24. Zivilkammer des Landgerichts Berlin I getroffen. Die Kammer hat die auch von Staub in seinem Kommentar zum Handelsgesetzbuch vertretene Ansicht, daß ein Kaufmann, der seilen Angestellten die Benutzung seines Telephons gestattet, dieselben dadurch ermächtigt. Dritten gegenüber diejenige» Erklärungen abzugebe», die sie thatsächlich durch das Telephon abgeben, für rechtlich nicht haltbar erklärt. Das Telephon, so sagt die Kammer in den« in den„Bl. f. Rechtspfl veröffentlichten Erkemitmß, bildet eine weit verbreitete, im Berliner Geschäftsverkehr nicht mehr zu entbehrende Einrichtung, dergestalt, daß jeder Berliner Geschäftsmann als ordenilicher Kanfman» die Mängel der Einrichlung ebenso in das Bereich seiner Erwägungen und Bercchnnuge» einzubeziehen hat,»vie die ihn» dadurch geboteile» Vortheile. Die vielfache nnd miSgedehnte Benutzung des Telephons i» Berlin macht es ersorderlich, de» Apparat a» leicht zugänglichen SIclleu anzubringen, um sich seiner jederzeit bedienen zu können. Dies würde aber kam» möglich sein,»venu der Apparat derartig angebracht wäre, daß seine Benutzung anderen Personen als dein Chef, seine» Vertretern oder de» speziell erinächtigten Personen ver- schloffen»väre. Thalsächlich sind denn anch solche Sperr- Vorrichtungen hier in Berlin nicht üblich, im Gegentheil wird die Benutzung des Fernsprechers ganz allgewein anch Kunden und Hausgenossen freigestellt. Daß hierdurch die Zuverlässig keil telcphonischer Erklärungen eine Einbuße erleiden muß, bedarf keiner Erörterung; es ist bekannt, daß schon vielfach ei» Biißbrauch des Telephons durch Unbesngie statlgefimde» hat. Dieser Mißbrauch kann nur dahin führe», das Vertrauen in die Richtigkeit le>epho»ischer Erklärungen im allgemeinen zu erschütiern. Ein sorg sältiger, ordentlicher Kanfman»,»vird daher telephonisch zugegangene Aufträge nicht ohne»veiteres ausführen, er»vird vielmehr, wie dies im telegraphische» Verkehr schon längst üblich ist. durch Rückfrage» oder in anderer Weise zunächst über die Richtigkeit der Oldre sich Geivißheit verschaffe»»nllsse». Unterläßt er dies, so thnt er es auf seine Gefahr. Andererseils erheischt aber die bona kicksL des Handelsverkehrs, daß ein Kaufmann, sobald er von dem Miß- brauch seines Namens durch eine» Augeslellten Kenntuiß erlaugt, dem Getäuschten sofort seinen Widerspruch erkenubar macht,»venn anders nicht sein Schiveigen als Genehmigung aufgefaßt»verde» soll. Ob der Mißbrauch seines Namens mündlich, telephonisch, brieflich, telegraphisch oder durch Vernrittelung eines Bolen erfolgte, ist dabei ebenso gleicbgiltig,»vie es darauf nicht ankomme» kann, ob der Erklärende sich fälschlich des Namens seines Chefs bediente oder 'älschlich sich als dessen Bevollmächtigler gerirte. Ei» besonders schwerer Fall von Bauschwindclei beschäsligt in zweitägiger Verhandlung das Schwurgericht des Landgerichts I. Die Anklage richtet sich gegen drei Personen: den Banunlernehiner Wilhelm S ch>v a n z, dessen Ehefrau Ida Schivanz und dessen Schivager, den Handelsmann Andreas G a tz. Dein erfteren ivnd betrügerischer Bankrott zur Last gelegt, seine beide» Milaugeklaglen solle»»hm Hilse geleistet haben. Wenn auch die Lieferanten und Handwerker die Betrogenen sind, so»veicht doch die Art der Ausführung von den» sonst üblichen Verfahren der Bau- jch»vindler ab. Nach der Anklage ist folgender Sachverhalt zu- sammengestellt: Schivanz, der früher Polier bei der Firma Held»>. Franke ,var, begann vor elwa 2 Jahren für eigene Rechnung zu bauen. Bei den ersten beide» Bauten verlief alles ordiiiingsinäßig, so daß Lieserante,» und Handwerker z» ihm Vertraue» ge»va>>nen. Im Herbst vorigen Jahres erstand Schwanz von dem Bankgeschäft Max Priester u. Ko.«in zu bebauendes Grundstück. Frankfurter Allee 37/38, von größerei» Umfange. Er fing den Bau, z» dem die genannte Firma das Geld hergab, sofort an und förderte ihn derart, daß im Dezember der Rohbau fast vollendet war. Juzwischeii war er gber mit seinen Zahlungen im Rückstaiide geblieben, ivas er Wahrheitswidrig seine» Gläubigern gegenüber deunit entfchuldigte, daß Priefler u. Ko. ihm nicht rechizeitig die fällige Baurate ausbezahlt hätten. Am 18. Dezember hatte er Verpflichtungen i» Höhe von 27 500 M. An diesem Tage erhielt Schwanz bei Priester u. Ko. 13 880 M. Baugelder. Er»erwahrte die Scheine vorsichtig in seiner inneien Westeutafche auf iind cniferiue sich mit de» Worten:„So, nun sollen die Handwerker ihr Geld habe», ich bin nicht so wie andere Ban-Unternehmer, die damit erst in die Kneipe gehen." Er gmg aber doch damit in die Kneipe. Der Agent Weiß balle ihm 600 M. geliehen und Schwanz hatte versprechen, ihm das Geld an,>8. Dezember zurückznzahle». Der Verabredung gemäß begab Schwanz sich von Priester n. Ko. direkt nach einem Bier- ausschank i» der Friedrichstraße, wo er mit Weiß znsamiiieiitraf. Schivanz war sthr vergnügt, zahlie an Weist aber nur 300 M. zurück uiiter dem Vorgebe», daß er von Priester n. Ko. nickt die volle Baurale erhalte» habe. Schwanz überredete dann seinen Begleiter, eine Bier- reise mit ihm zu unternehmen. Weiß begleitete ihn auch nach der Preiißeiikneipe" und von da nach dem Cafe Trinkherr. Hier ver- ließ er ihn. Gegen Mitternacht erschien Schivanz allein in den Palmensäle»" in der Echönhauserftraße. Hier traf er die ihn» von früher her bekannte Hennine Dreys«. Er»ahm bei ihr Platz und schlug vor. znsannnen 100 M. zn verkneipen. Die Dreyse ivar damit einverstanden. Bald gesellte sich ihre Schwester, die verehelichte Arbeiter Ida Müller zn ihnen. Das Gelage begann, aber Schivanz trank Vorsicht igerweis« nur Selters, Kaffee und ei» wenig Giätzer Bier und überließ de» beiden Frauen das Selltrinken. Er bezahlte«ine Zech« von elwa 45 M. Während der Unterhaltung soll Schwanz»viederholt damit geprahlt haben, daß er viel Geld bei sich führe, er soll der Dreyse auch die Scheine— 13 Stück Tausend- und 4 Stück Hundert-Markscheine— vorgezählt haben. Gegen halb drei Uhr verließ Schivanz in Begleitung der beiden Frauen und mehrerer Bedienstelen des Lokals, die er ebenfalls ein- geladen hatte, die Palmensäle. Sie fuhren in einer Droschke nach einem Cafö in der Rosenthalerstraße, wo Schwanz 6 Tassen Kaffee bestellte und bezahlte. Hier schenkte er der Dreyse noch 5 Mark. Gegen 5 Uhr morgens fuhr Schivanz dann mit den beiden Frauen von einem Nachtlokal nach den» anderen, aber für sein« Person vermied er alle spirituosen Getränke. Er soll erzählt haben, daß er Besitzer von drei Hänsern sei. Sein Geldgeber habe ihm anstatt 20 000 Mark nur 14 000 Mark zahlen können,»vodurch er in schwere Verlegenheit gekommen sei. Er soll das Papiergeld in Gegenivart der beiden Frauen noch ein- mal dnrchgezähll und dann wieder in seine innere Westentasche ge- steckt habe». Gegen halb 8 Uhr morgens kehrte Schivanz nach seiner Wohnung zurück. Gleich darauf hört« eine Nachbarin in der Wohnung des Schivanz lantes Jammern und Weinen ertönen. Dies»vurde später dadurch erklärlich, daß Schwanz nach seiner Nachhausekiinft bemerkt haben»vill, daß ihm sei», ganzes Geld bis auf 8 M. gestohlen»var. Die Aliklage beh» plet nun, daß er und seine Frau Komödie gespielt haben. Schwanz habe das Geld bei Seite geschafft uud die ganze nächtliche Heruiulreibere» nur»n Szene gesetzt, um einen an ihm verübten Diebstahl glaubhaft zu»nache». Seine Behauptung, daß er total betrunken»ach Hanse gekonunen sei und daß ihn» alle nächtliche», Vorgang« ails dem Beivnßlsei»» geschivunden seien, sei uiuvahr. Trotzdem sich viele belastende Momente ergaben, veriieinten die Geschworenen sämmt- liche Schuldsrage»,�»vorauf die Angeklagten freigesprochen zjllrden mußten.. Ter gesunde Menschenverstand ist iu löblicher Wciie»> einem Urtheil zur Gellung gebracht worden, das gestern der dritte Senat des Ober-Verivaltnugsgerichts gefällt hat. Eine Hebamme»vurde seinerzeit wegen schwerer Kuppelei zu einem Jahins Zuchlhans»nd mehrjährigem Ehrverlust veruriheilt,»veil sie iiach den gerichtlichen Feststellungen gedulde» haben soll, daß ihre bei ihr»vodnende ver>vitt>vete Tochter sich in der ge- meinsamen Wohnung mit einem Schlasburschen ei>»ließ. Die Veruriheilung erfolgte auf gruud der eidlichen Aussage dieses Menschen. Semer Aussage staub die der junge» Frau gegenüber, ivonach die Mutter von ihren Beziehungen nichts geivnßt habe. Auf Beschluß des Kamniergerichts»vurde dann die Sache»eu ver- handelt,»veil sich Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit des»»zivischen verstorbenen Zeugen herausgestellt hatten. Der Staatsanwalt selbst beantragte jetzt die Freisprechung, trotzdem beließ es die Straf- kammer beim erste» Urlheil. Auf ein Gnadengesuch ivurde die schivere Strafe auf 1 Monat Gefängniß ermäßigt, auch gab man der Frau die bürgerlichen Ehrenrechte. Die Polizeiverwallung ihres Wohnortes konnte es sich indessen nicht versagen, doch noch die Klage aus Eni- ziehung des Prüflingsscheines einzureichen, der da»,» auch der Be- zirksausschuß st a t t g a b. Die Frau hätte sich der Kuppelei schuldig gemacht und es sei ihr somit eine der Eigenschafu» abhanden gekommen, die bei der Eriheilung des Prüfnngsscheines vorausgesetzt ivurden Mit ihrer Berufung, die R.-A. Schöps begründete, Halle die Beklagte beim Ober- Venvaltnngsgericht Erfolg- Der Senatsvorsitzende Rommel führte ans, auch das,»vas die Beklagte nach den» strasrichlerlichen Urlheil gethnn haben solle— die still» sjch»v e i g e» d e D n I d u n g jenes Verhältnisses— sei nach der Ansicht der Mensche» sittlich nicht so schwer- iv i e g e n d, daß die Frau aus ihrem Berufe entfernt werde» müßte. Ein Urtheil, daS Aufsehen erregen wird, hat der erste Senat des O b e r- B e r>v al t n n g s g e r i ch t s in seiner letzten Sitzung gefällt. Der Bürgermeister S ch i r m e r, jetzt in Witten- berg, früher in Buiizlaii, war von der Staatsanivaltschaft auf- gefordert ivorden, in seiner Eigenschaft als Polizeiverwalter von Biinzlau über den Rentier Müller eine Ansknnfl zu ectheilen. Müller, ein 33jähriger lebenslustiger Man», hatte sich nämlich in eine Schlägerei mit dem Kutscher Gras eingelassen, mit den» er in einer„Mädelskneipe" zusainmengetroffei» war. Jeder wollte von dem andern zuerst gereizt und geschlagen worden sein. Bürger- meister Schirmer setzte sich nun hin nnd schrieb. Muller sei ein noch junger, kräftiger Mensch, der den Rentier spiele, besser aber als „Tagedieb" bezeichnet»verde. Müller, der erst einige Monate vorher sein Gut verkauft hatte, suhlte sich hierdurch beleidigt; er strengte deshalb gegen Schiriner die Beleidigungsklage an. Die vor- gesetzte Behörde des Bürgermeisters erhob jedoch demnächst zu Schirmcr's gnnsten den Konflikt. In» Eiilversiändniß mit de» Justizbehörde» hat jetzt das Ober- Verwaltnngs- gericht den Konflikt sür begründet erklärt und dahin cntschieden, daß das Verfahre» gegen s-chiriner einzustellen sei. Der Bürgermeister habe auf grund des gegen Müller vor- liegenden Thaisache,»nalcrials zu seinein Urtheil kommen kömien; es beruhe somit auf pfiichtmäßigcr Ueberzeugung nnd verletze seine Amtspflicht nicht. Müller habe sich als Rentier bezeichnet. Da»>»»» aber angenommen»verde»» könne, daß jemand, der von seinen Renten lebt, ein älterer Mann sei und ein ruhiges, gesetztes Lebe» führe, so sei es Sache des vom Staalsan>valt befrngien PolizeiverivalterS gewesen, dieser Annahme belieffs des PrivatklägerS Müller enlgegen zu treten. Infolge des Verhaltens des Müller gegenüber dem Kiitscher Graf habe der Bürgermeister annehme» lönnen, Müller neige zu Slraßenexzesse» und Schlägereien. Auch habe der angeklagte Polizeivenvalter daraus gewisse Schlüsse ziehe» dürfen, daß sich Müller sehr lebhaft»md unaufgefordert für den Inhaber der frag- lichen Damenkneipe verivandt habe, als dieser auf di« Polizeistunde gesetzt»vurde; und dies um so eher,»veil Müller selber in der Sache interessirt gewesen sei. lieber de» zur Zeit i« Halberstadt verhandelte,» Mordprozeß (siehe gestrige Nummer)»vird vo»>» Mittwoch berichtet: In dem Mvldprozeß Brün ig ivurde heute»ach sehr eingehender Befragung des Aiigellagten mit der Zeugenvernehmung begonnen. Eine große Anzahl Zeugen bezeichnete de» Angeklagieu als einen soliden, ruhigen, bescheidenen und nüchternen Man»». Ein Aliitsvorsteher und ein Orlsvorsteher bekundeten, daß Brünig ein verschlvffener Charakter sei, der oftmals die Unwahrheit sage. Am Nachmittag»vurde» mehrere Zeugen vernommen, welche über die Beziehungen aussagen sollen, die der Angeklagte mlt Frau Bolhe iliiterhallen habe» soll; nur wenige Zeugen vermochte» hier- über elivas zu bekunden. Tie Verhandlung»vurde sodann aus Donnerstag vertagt._ Depeschen und letzke Ancheichken« Frankfurt a. M., 16. Juni.(B. H.) Die ,. Franks. Ztg." melde» ans Konstaniinopel: Aus einer Palastquelle»vird berichtet, der Sultan habe sich direkt an die Souveräne der Groß- »»ächte geivendet, um durch dieselben in anbelracht der ge- reizten Stimmung der»niiselinännischen Bevölkerung eine Aenderung der Grundlagen der Friedensverhandlungen»nd der von den Bolschaslern gefaßien Beschlüsse zu erwirken. Der Minister- ralh ist übereingekoinmen, unter allen Uniständen au der Forderung von 7V- Millionen Piund Kriegsei» schndigung sestzudalte». Cyristiania, 16. Juni.(W. T. B.) Das Storthiug bat heute einstinimig die von der Kommissio» am 29. v. M. vorgeschlagene Adresse an den König ange»o»»»e», in welcher dciselbe ersucht»vird, Schritte znr Errichtung eines Schiedsgerichts für die Beilegung von etlvaigei» Koufliklen Norivegens mit freuiden Mächten zu tb»ln. PariS, 16. Juni.(W. T. B.) Auf dem Place de la Concorde ist gegen 7 Uhr abends vor der Siatue der Stadt Straßbnrg eine Bombe cxplodirt. Es wurde niemand verletzt, auch»vurde kein Schaden angerichtet. PariS, 16. Juni.(W. T. B.) Die durch die Explosion auf der Place de la Concorde hervo» gerufene Delonatio»»var eine sehr starke. Nach den ersten Fiststellungen»var der Behälter, in welchem sich die Explosionsmasse befand, eine Art Kochtopf, die aus demselben geschleuderte»» Geschosse beschädiglen die Balustrade»»velche den Platz»nngiedt; Eiseuslücke wurden am Fuße der Mauer des Tuilerien- Gartens aufgefllnden. Der? PoliieipräsektsLöpine hat die Untersuchung eröffnet. La Graudcvmbc, 16. Juni.(W. T. B) Der Ausstand der Grnbenardeiter ist heule beendet. 1730 Arbeiter suhren heute in die Grube» ein. Kaura, 16. Juni.(B. H.) Die Admirale haben die Verfügung erlassen, daß die Blockade Kreta'S wieder auf's schärfste gehandhabt werde,»veil seit eiuiger Zeit viele verdächiige Individuell auf griechischen Fahrzeugen hier anlangen. Solche Fahrzeuge solle» in Zukunft beschlagnadmt werdeii. Kalkutta, 16. Juni.(W. T. 99.) Die»umnebr ans der Provinz Assam eingegangenen Nachrichten über das Erdbeben geben ein Bild der entsetzlichen Verheerungei», die durch dasselbe hervorgerufen wurden. In ShiUong wurde alles den» Ertboden gleich gemacht und viele Mensche» gelödtet. Auch in Gauhati ivurden große Ver- Wüstungen angerichtet. Die Straßen zeigen klaffende Lücken uud di« Eisenbahn»st völlig verschivuuden. Aehnltche Berhee»u»gen»nd Menschenverlusie»verde» auch aus anderen Orten gemeldet, manche sind von jeder Verbindung abgeschnilten. Lerantwortlicher Nedakteur: August Jocobey w Berlin. Für den Jnseratentheil verantwortlich:»h. Glocke in Bertin. Druck und Verlag von Max Babing in verlin. Hierzu 1«ettage u. Ilnterhaltuugsblatt. 8t. 138. Ii JWöp k0 Jotmirtf Httülttl Jolfelilutf.?«»«?«,. i?. Mi isd?. Zm iutdiilitiioltit Ä91I8K8 fit Wlitltstzi! in 3niill>. DaZ Organisationskomitee des Kongresses, der dekannilich vom 23. bis 23. August stattfinden wird, versendet nachfolgeudes Zirkular: Unsere Einladung bat sehr gute Aufnahme gefunden. Arbeiter- orgauisationen der verschiedensteu Nichlungeu, wie auch auf ganz neutralcm Boden stehende, haben sich znr Theilnahme angemeldet. Arbeitervertreter in Gesetzgednugs- und Verwaltungsbehörden von Staaten»nd Gemeinden werden erscheinen. Aber auch Einzel- Personen, Gelehrte, Freunde und Vorkämpfer für gesetzliche» Arbeiterschutz haben* ihr Erscheinen angekündigt, und nach de» Bedingungen gefragt, unter denen sie am Kongreß theilnehme» könne». Das Organisationskoniitee fand, daß die Theilnahme solcher Personen dem Kongreß znr Ehre und zum Nutzen gereichen könne. Um nun diese Theilnahme zu ermöglichen, dem Kongreß aber doch den Charakter eines Arbeilerkongresses zn wahre», einigte sich das Organisationskomitee ans folgende Bestimmungen: Stimmberechligte Mitglieder des Kongresses sind Abge- ordnete von Verbindungen, die in der Mehrzahl ans Lohn- arbeitern bestebe», sowie Arbeitervcrtreter in össentlichen Behörde», gleichviel ob sie selbst Lohnarbeiter sind oder nicht. Einzelpersonen, die sich beim Organisationskomite« anmelden, erhallen Karten als Gäste des Kongresses und sind zur Theil- »ahme mit berathender Stimme berechtigt. Ausrecht erhalte» bleibt die Bestimmung des ersten Zirkulars, daß nur solche eingeladen sind und zugelassen werden, die grund- sätzlich für staatliche»»nd gesetzliche» Arbeilerschutz sind. Aus Wunsch auswärtiger Arbeiterorganisationen und um Eifer- siichtelcien zwischen verschiedenen Nationalitäten und Richtungen zu vermeiden, hat das OrganisationSkomilee Schweizer verschiedener Richtungen als R eserent en für die Fragen der Tagesordnung aufgestellt und stellt ebenso ei» geschäftsfübrendes Bureau aus Schweizern verschiedener Richtungen dem Kongreß zur Verfügung. Dem Kongreß bleibt überlassen, das Bureau auch anders zu bestellen, insbesondere bleibt den am Kongreß theilnehinenden Nationalitälen und Richtungen vorbehalten, eine beliebige Zahl von Ehrenpräsidenten zu präsentiren. Als Referenten für die verschiedenen Fragen der Tagesordnung wurden ausgestellt: � Sonntagsarbeit: Prof. Dr. I. Beck, Freiburg, und P. Brandt, St. Gallen; Arbeit der Kinder und jungen Leute: Dr. F. G e h r i g, Bern, und G. R e i m a n n. Biel; Arbeit der Frauen: Jean Sigg, Genf, und Frl. Mar- gareth« Greulich, Zürich; Arbeit erwachsener Männer: Otto Lang, Zürich, und Dr. Th. S o u r b e ck. Bern; Nachtarbeit und Arbeit in aesundheitsgefähr- lichen Betrieben: Prof. Dr. F. E r i Z in a n n in Zürich und L. Höritier, Lausann«; Mittel und Wege zur Verwirklichung deS Ar beiterschutzes: Allgemeines Referat: Nationalrath T. DecurtinS, TrunS; Internationales Amt für Arbeiterschutz: Re gierungSrath T h. C u r t i, St. Gallen. Tie Referate nebst den Anträgen sollen am Kongreß deutsch, französisch und englisch gedruckt vorliegen und jedem Theilnehmer persönlich eingehändigt werden. Da über die Sonntagsarbeit kaum Meinungsverschiedenheiten zu gewärtigen sind, halten wir eine Borberathung in einer Sektion für unnöthig und fetzen sie auf die Tagesordnung des ersten Tages. Montag, den 23. August. Für die anderen Fragen sind Vorberalhungen in Sektionen vorgesehen. Die Verhandlungen des Gesammlkongresses finden zeiveilen vormittag? von 8 Uhr bis 1 Uhr nachmittags statt. Die Sektionen be- ratheu je nachmittags von 3 Uhr ab. Demgemäß beantragt das Organisationskomite« folgend« Zeiteintheilung: Verhandlung Sonntagsarbeit. �, Arbeit der Kinder und jungen Leute........ Arbeit der Frauen..... Arbeit erwachsener Männer. Nachtarbeit»nd Arbeit in ge- sundheitsgefährl. Betrieben. Mittel und Wege znr Verwirk« lichnng des Arbeiterschutzes, allgemeines Referat... Internationales Amt für Ar» beiterschutz....... in der Sektion: Montag Nm. Dienstag Nm. Dienstag Nm.». Mittwoch Nm. im Kongreß: Montag Vm. Dienstag Vm. Mittwoch Vm. Donnerstag Vm. Mittwoch u. Donnerstag Nm. Freitag vm. Donnerstag Nm. Sonnabend Vm. Freitag Nm. Sonnabend Vm. Wenn diese Eintheilung dem Kongreß beliebt, sollte ti möglich sein, alle Punkte der Tageeordnnng möglichst gründlich ju erledigen und sich ans geeignete Postulale oder Resolutionen zn eiiuge». Dabei ist freilich die Behandlung weiterer Punkte, wie sie von verschiedenen Seiten beantragt wurden, anSgeschlossen. Gelingt aber dieser Kongreß, dann wird er seine Nachfolger haben, aus denen weitere Fragen be> handelt werden können. Als Kongreßlokal ist der große Saal der prachtvoll am See gelegenen Neuen Tonhalle gewonnen worden. Für die Sekiionsberalhimgen stehen zwei sehr geräumige Säle im gleichen Gelände zur Verfügung. Für alle möglichen Bequemlichkeiten wird gesorgt. Die Gallerien des große» Saales werden für Zuhörer, die Karlen zu löse» haben, geöffnet. Als geschäftsführendes Bureau stellt daZ Organi- salions-Komitee dem Kongieß folgendes zur Verfügung: Präsident: Kantonsiath Heinrich Echerrer, St. Gallen Vizepräsidenten: Nationalrath C. Dekurtins, TrunS; Nationalrath T h. Sonrbeck, Bern. Generalsekretär: Arbeitersekretär Hermann G renk i ch, Zürich; Sekretäre, Ucbersetzer: A. Blum, Zürich; Paul Brandt, St. Gallen; Prof. Jean BruhnS. Freiburg; L. H 6 r i t i e r. Lausanne; G. Muga l i, Zürich; G. Reimann, Biel; Hei» r. Scheu, Zürich; und Jean Sigg, Genf. Hilsssekreläre: R. Mors, Zürich und A. Merk, Zürich. Für die Geschäftsordnung schlägt daS OrganisationS-Komitee folgende Bestimmungen vor: I. Tie Kongreßsprachen sind: deutsch, sranzösisch»nd englisch n»r i» diese Sprache».werden Anträge und Auszüge von Rede» übersetzt. 2. Wortbegehre» sind schristlich dem Präsidenten einzureichen Die Redezeit beträgt für Referenten 30 Minuten, für andere Redner 10 Minuten. Wer über den Gegensiand noch nicht gesprochen hat, hat den Vorzug vor dem, der zum zweiten Male das Wort verlangt, mehr als zweimal wird dem gleichen Redner zum gleichen Gegenstand das Wort nicht ertheilt. Die Redner sprechen von der Tribüne ans. 3. Anträge für den ersten Punkt der Tagesordnung, die Sonn- lagsarbeit, sind dem Präsidenten während der Verhandlung schristlich einzureichen. Zu den andern Punkten der TageS- ordnung sind die Anträge in den Sektionen«inzubringen; bleiben sie dort in Minderheit, so können sie vor den Kongreß gebracht werden, dieser tritt aber nur dann daraus ein, wenn ivenigstens 20 Theilnehmer sich dafür erklären. 4. Jedem Redner wird nach Beendigung seines Votums ein Blatt Papier eingehändigt, auf das er zur Verwendung für das Protokoll sein Volum niederzuschreiben ersucht ist. ö. Abstimmungen finden nur nach Köpfen statt. Erklärungen von Minderheiten über ihre Stellung zum behandelten Gegenstand werden, wenn schriftlich eingereicht, dem Protokoll einverleibt. � Die vorgeschlagene Geschäftsordnung bezweckt leine möglichst allgemeine Betheilignng an de» Debatten und die Wahrung der Rechte'allfälliger Minderheiten. DaS Organisationskomilee hegt zwar die Hoffinnig, man werde zu möglichst vielen«instimmigen Beschlüssen oder Verständigungen gelangen, damit der Kongreß nach außen einen möglichst geschlossene» WillensauSdruck darbiete. Unsere Lokal- und Quartierkommission wird sich bemühen, Quartiere für die verschiedensten Ansprüche, also auch billige, in Bereitschaft zu halten und den Kongreßtheilnehmern anzuweisen. Sie wird von Sonnabend den 21. August an auf dem Haupt- bahnhof Personal stalioniren, um ankommende Kongreßtheilnehmer in Enipfang zu nehmen und nach dem Quarlierbureau zu geleiten. Außerdem wird die Kommission eine Anzahl größerer und kleinerer Säle den verschiedenen Gruppen deS Kongresses für Beralhungs- oder gesellige Zwecke zur Verfügung halten. Der Presse wird im Kongreßlokal genügender und guter Platz reservirt. Ebenso wird«i» Briespostdienst eingerichtet. Wir laden nun nochmals alle Arbeiterverbindungen, sowie alle Vorkämpfer für den gesetzlichen Arbeilerschutz ei», zahlreich am Kongreß zu erscheinen. Um alle nöthigen Vorkehrungen besser treffen zu können, ersuchen wir alle Theilnehmer, bis spätestens zum 26. Juli ihre Anmeldung einzureiche». Möge der Kongreß eine mächtige und wirksame Demonstration für die internationale Arbeiterschutz-Gesetzgebung werden! Namens des Organisationskomitees: Der Präsident: Der S-kretär: H e i n r i ck S ch e r r e r. H e r m a»» G r e u Ii ch. Alle Korrespondenzen an das OrganisationS-Komitee wolle man adressiren: An das Schweiz. Arbeitersekretariat i» Zürich._ Zuv Seeftthrrv-Vemegung wird uns geschrieben: Wen» er nicht schon eingetreten ist, so dürfte er doch nicht mehr allzu fern sein, der Zeitpunkt nämlich, wo der Hamburger Arbeitgeber-Verdand, namentlich aber die Herren Rheder einzusehen beginnen, daß sie auch sind„ein Theil von jener Kraft, die stets da? Böse will und stets das Gute schafft". Viele Jabre lang habe» sich rührige und eifrige Parteigenossen die größte Mühe gegeben, die Ideen der modernen Arbeiter- beweaung in die Reihen der Seefahrer zu verpflanzen, aber der Ersolg stand iinmerdar in einem gar zu schreienden Miß- verhältniß zu der aufgewandten Zeit und Mübe. Der Seemann im allgemeinen ist in jeder Beziehung schweriällig und infolge dessen konservativ in des Wort«? weitgehendster Bedeutung, d. h. zäh am Althergebrachten klebend. Es ist das eine Folge der Eigenart seines Berufes. Heute ani Lande ohne„Chance", auS- gepreßt und auigebeutelt bis auf den letzten Pfennig, mit Schulden überlastet, fühlt er das Elend feiner Lage und ist geneigt, mit seinen Elendsgenosse» Raths zu pflegen über Mittel und Wege zur Abhilf«. Morgen die Planken unter de» Füßen, mit wenigen Mark, die er von der„Vorsckußnote" übrig behalten hat, hängt ihm der Himmel voller Geige». Er hat vergessen. was er gestern gehört, gesprochen, gedacht hat. Die itm völlig in Anspruch nehmende raub«, gesährliche Arbeit läßt ibu nicht mehr juv Ruhe gelange», um daS, was er neue? über die Möglichkeit der Abhilfe seiner traurigen Lage gehört hat. in seinem Gehirn zn ver- arbeite», und wenn er nach Woche» oder Monaten wieder heimkehrt, weiß er kein Sterbenswörtchen mehr von dem, was ihm seine fort- geschritteneren Berufsgenossen früher gesagt haben über die Mittel und Wege, sich selbst und seine» Kollegen ,n helfe». Da kam der große Streik der Hamburg-Altonaer Hase»- arbeiter im November v. I., und die zur Zeit am Lande befindlichen Seelente, welche von den Herren Rhedern als die geeignetsten Slreikbrecker in Aussicht genommen waren machten sofort genieinsame Sache mit den Slreikenden, d. h. sie stellten ihrerseits auch Forderungen zur Ausbesserung ibrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse, und wie bekannt, wurden st« damit ebenso abgewiesen, wie ihr« Arbeitibrüder, großenlheils früher« Bernss- genossen von ihnen. Die Herren Rheder haben mit Ablehnung der äußerst bescheidene» Forderungen der Seeleute den dümmsten Streich gemacht, den sie überhaupt nur machen konnten. Jetzt hatten die an der Spitze der Seesahrerbewegung stehenden, von de» Ideen der modernen Arbeiterbewegung durchdrungenen Ge »osse» Zeit, ihre Kollegen über die Zwecke und Ziel« der Bewegung auszuklären, und die Seeleute hallen II Wochen lang Zeit, das in de» täglich stallfindenden Versammlunge» Ge- hörte in sich aufzunehinen und zu verdauen. Und von Woche zu Woche wncdS die Zahl der von der Nothwendigkeit deS Zusammenschlusses aller zu einem gemeinsame» Ganzen überzengten Seeleute, wuchs die Milgliederschaar der Organisation der Seelenie. Von wenigen hundert schlecht Zahlende» vor dem Streik ili die Mitglieder- zahl des Hamburg-Altonaer SecmannsvereinS auf 2S00 regelmäßig ihren Beitrag«ntricdtende Müglieder angewachsen. Und nicht nur Beitrag zahlende Mitglieder d«s Verein? sind diese 2ö00 Mann, nein. jedeS«inzeln« Milgtied ist zum Agitaior lür den Verein geworden. Wohin sie kommen, wirken sie für den Organisalionsgedanken, für die Vereinigung aller Seeleute zu einem gemeinsamen Ganzen. So ist es gekommen, daß seit dem Streit a» verschiedene» Hafen- Plätzen im Nord- wie im Ostseegebiet dereiis seemännisch« Verein« entstanden sind und daß man in allen diesen Vereinen sich auch schon mit der Frage des Zusammenschlusses, der Zenlralisation der Einzel vereine beschäftigt hat. In der vergangenen Woche hat denn auch bereits i» Hamburg eine Konferenz von Vertreter» der bestehenden Seefahrervereiuigungeii statlgefirnden, welche die Frage der Einberufung eines Kongresses zwecks Gründung eines Verbände? der dentscbe» Seeleute ventilirt hat. An dieser Konferenz nahmen theil Vertreter der drei in Hamburg-Altona bestehenden seemännischen Organisationen: See- leute, Heizer und Trimmer und Slewards und der Seemannsvereine von Bremen und Flensburg; Zustimmungserklärungen waren ein- gegangen vom Verein der Heizer und Koblenzieher in Bremerhaven und de» seemännische» Vereinen in Stettin«nd Rügenwalde Nachdem der Vertreter des Hamburg-Altonaer SeemannSvereinS den Vorschlag gemacht halte, de» Verband nach dem Muster der be- stehenden Jndustrieverbände(Metallarbeiter-Verband) zu organisire» sodaß es den Angehörigen der verschiedenen Kategorien des See- maunsstaiides freistehe, sich einer beliebigen Sektion anznscdließen, war der zwischen den drei Hamburger Vereinen bestehende Streitpunkt beseitigt und sämmtliche anwesende Delegirien erklärten sich mit dieser Organisationsiorm völlig einverstanden. Di« weiteren Fragen wurden nachdem man allseilig die Nothwendig. keit der Zentralisation anerkannt hatte, j gewissermaßen spielend erledigt. Es wurde beschlossen, zum Herbst d. I. einen Kongreß der SeeleuteDeutschlands»ach Hamburg einzuberufen, zwecks Gründung eines EeefahlidilätSaustalt überiviesen und dieser so die„Bedürfnißsrage" in zwingendster Form nachgewiesen werden.— In den Krankenhäusern genese» Schwindsüchtige nicht! Grabowsee ist znr Zeit belegt! Für weibliche Schivindsüchtige giebt es bei Berlin überhaupt noch keine Lniigeiihetlställ«! Es ist da« Bediirfniß nicht nach einer, sondern nach vielen Liuigeiibeilftätlen vorhanden, wen» der Volksgesiuidheit i» Wahrheit Rechnung getragen werde» soll. Jetzt sind alle Hebel anznietzen, um der Bevölkerung Berlins ein solches von der JnvalidilälSanstalt im größten Stile zn erbauendes Sanatorium zu sichern! In dem Befinden der beim Brande der chemischen Fabrik vorm. E. Schering erkrankten 60 Angehörigen der Fenerivehr ist eine Besserung eingetreten. Der Oberseuermaiin Rothe ist ans den, jüdischen Krankenhanse entlassen, kann aber noch keinen Dienst ihiin, ebenso gehl eS den übrigen in ärztlicher Behandlung sich befindenden Feuetwehrmännern, deren Köpergewicht ganz enorm ab« genommen hat. DaS beklageiisiverih« Schicksal eiuer großen Anzahl tapferer Fenerivehrmänner regt eine F>age an, die, soweit wir unterrichtet sind, bisher in der Besprechung des Brandes noch gar nicht in betracht gezogen worden ist. Es ver» dient nach unserm Dafürhalten nämlich erwogen zu werden, ob in dem hier vorliegende» Falle überhaupt eine Nothwendigkeit vorhanden war, Leben und Gesundheit so vieler Mcimier>» der Weise, wie geschehen, zu gefährden. Bei dem Brande der Schering- scheu Fabrik kam die Rettung von Menschenleben aus FeuerS- gefahr nicht in betracht; es ivar einzig das tobte Eigenthum der Gesellschaft zu schützen. Dies ist in so ausgiebigem Maße geschehen. daß die Fabrikleitung sich am Tage nach dem Brande beeilte, eiuer Zeitungsnotiz entgegen zu treten, nach welcher der Verlust sich auf Huiiderttansende beziffern sollte. Der angerichtete Schaden konnte im Ge- gentheil als geringfügig bezeichnet werden; dank der Bravour der Feuer- wehrmänner. Das ist löblich. Bei kühler Betrachtung dergnnzen Sachlage kommt aber doch dem Laien die Frage in den Sin», ob die Summen, die durch eine todeSmnthige Aufopferung den in betracht- kommenden Versicherungsgesellschaften erspart wurden, ob der Beitrag zur Sicherung einer möglichst hohen Dividende. den die Fenerivehrlente in der Unglücksnacht stenerten, in eineni Verhältniß stekt zu der Summe von Lebe» und Et- f u i> d h e i t, die sie hier als proletarische Familienväter eingesetzt und verloren haben. Wir denken, daß es wenige unter Miseren Lesern giebt, die ans diese Frage nicht ein entschiedenes Nein als Antwort hätten. Hätte es gegolten, Mentchenlebe» ans Gefahr zu retten, so würde sich jede Bekrittelung des Falles verboten haben. Auch verkennen wir nicht, daß es überaus schwierig ist, in ähnlicher Lage das Richtige abzuwägen Ties alles schafft jedoch nicht die Anschauung ans der Welt, daß ein Menschenleben aus jede» Fall höher zu bewerthen ist, als eine Aktionärsdividende und daß bei dem Brande der Schering'schen Fabrik vielleicht mehr als geschehen nach diesem Grundsatze hätte verfahre» werden können. Tic Uutvisseiihcit des„Lokal-Anzeigers" in sozialpolitischen Dingen gab sich besonders kraß in de» letzte» Tage» zu erkennen. Vorgestern beging das.unparteiische" Blatt die Thorheit, das viel belächelte Sonntagsaltentat gegen Faure mit den spanischen Anarchisten in Zusainnienhang zu bringen, und gestern brachte es rn einer Theaterkritik die Eselei zu Papier, daß der„Privat- sozialdemokrat" Lassalle heinilich Wein ge- trunken und den Arbeitern öffentlich Wasser gepredigt habe. Unter vielen Geschmacklosigkeiten, die von der sozialistenfeindlichen Presse gegen Laffalle be» gangen worden sind, ist dies wohl«ine der unziem- lichsten. Bisher haben die Gegner es dem große» Todte» immer am ärgsten verdacht, daß er die Arbeiter aufgerüttelt hat, damit sie die„verdammte Bedürfnißlosigkeit" von sich abstreifen, und hier entdeckt der Literaturweise des„Lokal-Anzeigers" das Gegentheil, nämlich daß Lassalle ihnen öffentlich Wasser gepredigt habe. Noch pyramidaler ist aber eigentlich die zweite Entdeckung des„heimliche» Suffs", die der literarische Lockert zum besten giebt. Lassalle, der Mann, der nie ein Hehl daraus gc- macht, daß er in lustiger Gesellschaft gar oft den Becher der Freude bis zur Neige leerte, Lassalle ein Mucker, ein Alkoholiker im siille»! So unempfindlich unser Vorkämpfer gegen die Gemetttheitcn der Tagespresse iin allgemeinen war, diese Ver- dächtigung würde ihn vermuthlich verleitet haben, de» neuesten Leckert im hellen Zorn übers Knie zu spannen. Denn»och zu viel Ehre geschieht solchen geistig Armen mit der in„Julian Schmidt" abgegebenen Charakteristik der Presse und einer bestimmte» Sorte bürgerlicher Journalisten:„Aber mitten in ihre Reihen hat sich, unter demselben Feldzeichen, i» derselben Tracht und Gewandung, eine Bande unwissender und gedankenloser Buben geworfen, zu jeder bürgerlichen Handlirung zu schlecht, zu ignorant zum Elementar- Schullehrer, zu unfähig und arbeitsscheu zum Poslsekretär, und eben deshalb sich berufen glaubend, Literatur und Volks- bildung zu treiben." Der unparteiischen Presse nämlich, die leider auch von Arbeitern noch vielfach gehalten wird, fällt es heute gar nicht mehr ein, auch nur so zn thun, als ob sie solche abgelegten Ideale, wie Verbreitung von Volksbildung, niit sich herumschleppe. Sie verwahrt sich nicht im geringsten gegen den Vorwurf, daß sie nichts ist, als ein Geldverdiennngs-Jnstrument. Um so unveranl- wortlicher aber handeln Arbeiter, die derartige Blätter unterstützen. Vom Kampfe gegen die Anarchisten. KoufiSzirt wurde die letzte Nummer des„Armen Konrad" wegen Abdruck des Herwegh'sche» Gedichtes:„Znkunftslied". Gehaussucht wurde dieserhalb bei den Anarchisten Epohr und Weidner, doch ohne Erfolg.— Dem Anarchisten D e m p w o l f f, her seit längerer Zeit wegen Majestäts- beleidigung und Aufreizung zum Hochverralh in Haft ist, war von deui Landgerichtsrath Brandt jede Unterredung mit seinem Rechtsbeistande verweigert, so lange die Vornntersnchnng nicht ab- geschlossen sei. Sluf eingelegte Beschwerde des Rechtsanwalts Biber hat nunmehr das Reichsgericht entschiede», daß dem Verlangen des Angeklagten stattzugeben sei. Wie erinnerlich ist, wurden gelegent- lich der Zentenarfeier mehrere Anarchistenversammlunaen bei Beginn ihrer Tagung aufgelöst, bei welcher Gelegenheit sich Dempwolff der ihm zur Last gelegten„Strafthaten" schuldig gemacht haben soll.— Ztim Fall Ziethen wird geschrieben: Die Erkrankung de? Abg. Lenzumnn, der die Vertheidigung Ziethen's bekanntlich führt, hat eine unliebsame Verzögerung in dem Tempo der Sache herbeigeführt. Trotzdem ist die Gruppe der Ziethenfreunde nicht müßig geblieben. Neues Veweismaterial, Thatsachen für die Begründung einer Wiederaufnahme, habe» sich in ihre Hand vereinigt. Die Andrack- fache ist zivar noch nicht geklärt, man hofft aber, daß dies nur eine Frage der nächsten Wochen sei» wird. Andrack ist bis zur Stunde in keiner Weise vernommen worden, er stellt bekanntlich bestiinint in Abrede, jemals in Sachen Ziethen vernommen zu sein und kann sich für die damalige von ihm herrührende Aussage nur die eine Erklärung mache», daß seine Unterschrift nachgeahmt wurde. Inwieweit man den RnSsührunge» dieses sonst ganz glaubwürdigen Mannes wirklich Glauben schenken darf, muß abgeivarlet werden. Seine, wie er be- hauptet, angebliche Aussage enthält die Erklärung, er habe niemals mit Augnst Wilhelm, dem früheren Lehrling Ziethen's, Umgang gc- habt, während er in der Thal täglich mit Wilhelm zusammen war und dies seiner Umgebung kein Geheimniß blieb. Der Agitation unserer Parteigenossen in der Mark stellt das hiesige Organ des sachsenwäldlerische» Ärbeiterseindes folgendes Ehrenzengniß aus:„Die Sozialdemokratie macht gegenwärtig von ihrer Thätigkeit so wenig wie möglich Aufhebens, augenscheinlich aus Klugheit, um desto ungestörter im Stillen wirke» zu können. Wie wenig berechtigt die Annahme sein würde, daß sie die Hände in den Schoost lege, beweist eine Mittheiluug vom Gegentheil, die auf eigener Beobachtung beruht. Wer am frühen Morgen sich auf den Bahnhöfen Berlins einfindet, der wird jedesmal sozial- demokratische Agitatoren, bewaffnet mit unendlichen Stößen von Flugblättern und Slgitationsschriften, antreffen. Es giebt kein auch noch so entlegenes Dorf in der Mark, das in den letzten Wochen nicht mit sozialdemokratischen Schriften besäet wurde. Zur Landagitatton sind in erster Linie solche Kreise ausersehen, in denen bei der vorigen ReichstagSwahl die Sozial- demokraten in die Stichwahl gekommen sind; und das sind in der Mark eine ganze Anzahl. Im Frankfurl-Lebuser Kreise wurden am Sonntag vor acht Tagen 31 000 Flugschriften vertheilt. Bon dieser Art der Vorbereitiing für die Reichstagswahlen verspricht man sich in sozialdemokratischen Kreisen große Dinge und glaubt sicherlich, in der Mark auf 2—3 neue Wahlkreise rechnen zn können. So schmeichelhafl das uns wider Willen ausgestellte Zengniß ist, so wird geiviß den meisten Berliner Parteigenosse» dünken, daß in der länd- liche»'Agitation bisher noch viel zu wenig gethan ist. Es wird bis zum nächsten Jahre noch weit energischer als bisher gearbeitet werden niüssen. Dem Mangel au Schutzleuten, welcher sich gegenüber Eigen- thums- und Rohheitsvergehen oft in fühlbarer Weise gellend machen soll, scheint nunmehr gänzlich abgeholfen zu sein, wie aus einer That- fache hervorgeht, über welche»nS wie folgt mitgetheilt wird. In der Angelegenheit deS Leckert-Lützow-Prozesses wurde seinerzeit die Nummer 497 s der„ Staatsbürger- Zeitung" vom 22. Ol- tober 1896 beschlagnahmt. Polizeibeamte wurden damals nach sämmtlichen Gastwirthschaften Berlin?, Lesehallen u. s. w. abgesandt, um dort etwa auSliegende Nummern zu konfiSziren. Allem Anschein nach jedoch ist die betreffende Nummer jetzt freigegeben worden, denn am gestrigen Tage wurde daS konfiszirt gewesen« Blatt den Gastwirthen, Spediteuren ic. durch Schutzleute wieder zugestellt. Aehnlich ist auch bei Koiifiskationen gehandelt worden, die den„Vorwärts" betrafen. UnS ist es unverständlich, warum die Behörde nicht die konfiSzirten Nummer»! per Packetfahrt zurückgesandt hat, anstatt mehrere hundert Beamte, die dock wirklich wichtigeres zu thun haben, zu derartigen nutzlosen Botendiensten zu verwenden. Akademisches. Die Mißstimmung gegen den UniversitätSrektor Prof. Brnnner will sich in einer öffentlichen Versammlung Lust machen, die von den Herren Redakteur v. Gerlach und Magistrats- Assessor Schmieder zum Freitag Abend nach der Tonhalle in der Friedrichstr. 112 einberufen ist. Es soll dort über die Themata .Der Rektor und dt« akademisch« Freiheit" und»Dt« Errichtung allgemeiner studentischer Ehrengerichte" gesprochen werden. Mit sozialdemokratische» Tendenzen steht die Versammlung natürlich in keiner Beziehung. Dafür spricht schon die Person der Einberufer und der Umstand, daß sie in einem der Arbeiterschaft nicht zur Ver- fügung stehenden Lokal abgehalten werden soll. Tic Lbcr-Postdirektiou macht bekannt, daß jedem Anzeiger von Beschädigungen an Telegraphen- und Fernsprechleitungen, die durch Steinwürse, Fahrlässigkeit beim Fällen von Straßenbänmen und Hängenbleiben von Papierdrachen muthwilliger- oder fahr- lässigerweise verursacht sind, eine Belohnung bis zu 15 M. für jeden Einzelfall gezahlt werde, wenn infolge der Anzeige die Thäter zum Ersatz oder zur Strafe gezogen werden können. Daß die Postbehörde sich und das Publikum gegen Schädigungen des Tclegraphenbetriebes zu sichern sucht, ist vollkonime» in der Ordnung. Es fragt sich nur, ob es schon ein strafwürdiges Vergehe» ist, wen» ein armer Junge das Unglück hat, seinen Papierdrachen am Telegraphendrahl hänge» zu lassen. So ein NnirpS ist durch Verlust seines Spielzeugs doch schon genug gestraft. Kirchliches. In dem Bericht der Berlin er Stadtsynode wird ein Antrag erwähnt, wonach ein Ucberschuß von 45 000 Mark zur Serabminderung der Kirchensteuer verwendet werden sollte. ege» diesen Antrag erklärte sich der Synodal« Dr. Evers, wie der Bericht meldet, mit aller Entschiedenheit. Der fromme Man» nannte den Antrag„geradezu monströs". Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß die frommen Leute, die über das geistige Wohl von Sündenbabel beriethen, den„monströsen" Antrag mit Glanz zu Falle brachten. Ucber ei» merkwürdiges Vorkommnis wurde in einer am gestrigen Abend tagenden Versammlung deS Vereins Berliner Molkereibesitzer folgendes mitgetheilt: Bekanntlich hat die Steuer- beHördt versucht, die Molkereibesitzer, welch« Milch in Gläsern ver- kaufen, zur Schanksteuer heranzuziehen- doch hat das Gericht in allen Instanzen entschieden, daß die Milch an Rekonvaleszenten und Kranke verkaiift werden darf, ohne daß hierdurch ein« Steuer- Pflicht entsteht. Vor einigen Tagen erschien nun bei einem hiesigen Mvllereibesitzer in der Novalisstraße ein elegant gekleideter Herr und fragte die allein anwesende Frau des Geschäftsinhabers, ob er ei» Glas Milch erhalten könne. Der Betreffende wurde aus- gefordert, nach einer halben Stunde wiederzukommen, in welcher Zeit frisch gemolken würde, worauf der Kunde antwortete:„Ich ivill gar kein« Milch haben; ich wollte nur wissen, ob Sie Milch in Gläsern verkaufen. Ich bin nämlich ein Angestellter der Steuer- behörde!" Thatsächlich ist auch gegen den betreffende» Molkerei- bescher ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung eingeleitet. Recht unangenehme Zustände herrschen im Hohcnstaufenpark am Kotlbuserdamm. Obgleich die schönen, weitläufigen Anlagen von früh bis spät der Sammelpunkt zahlloser Frauen und Kinder sind, befindet sich doch keine Bedürfnißanstalt für diese darin. Die Folgen dieses Mangels sind nicht nur für die Besucher des Parks, sondern auch für die Bewohner der angrenzende» Bopp- und Lachmann- ftraße sehr unerquicklich. Hoffentlich wird bald Abhilf« geschaffen. Ter mysteriöse Vorfall, über welchen gestern berichtet wurde, dürfte noch ein Nachspiel vor Gericht haben. Herr Dr. K. hat An- zeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Wie ein hiesiges Blatt von betheiligter Seite hört, hat sich die Affäre, die in der Pols- damerstraße und deren nächster Uingebung viel besprochen wird, etwa wie folgt abgespielt: Fräul. St., die hübsche, etiva 24jährige Tochter des in der Winterseldtstrabe wohnende» Sanitätsraths St., fühlte sich im Elternhause in mancher Beziehung zurückgesetzt und zeigte eine »nüberwindliche Abneigung gegen eine von den Eltern geplante Heirath. Vor etwa acht Monaten kam sie mit Einwilligung des Vaters in das HaiiS des Herrn Dr. K. in Pension, um gleichzeitig bei Frau Dr. K.. einer Gesanglehrerin, Gesangunterricht zu nehmen. Nach zwei Monate» stellte der Vater die Pensionszahlungen für seine Tochter ein. Das Mädchen blieb aber doch im Hause ihrer Lehrmeisterin, die ihr vorläufig die Kosten für Pension und Unter- richt stundete, bis sie durch gute Karriere als Opernsängerin oder Gesanglehrerin zur Rückzahlung in den Stand gesetzt werde. Schon einmal versuchten die Eltern das Mädchen wieder in ihre Gewalt zu bekomme» und Fräulein Et. soll damals bei der Polizei ein Schriftstück eingereicht haben, in welchem sie sich über die Behandlung im Elternhause beklagte und ihre Flucht aus dem ver- schlösse»«» Zimmer der elterlichen Wohnung schilderte. Vor einigen Tagen erhielt Frau Dr. K. von einer ihr bekannte» Peiisionsinhabcrin in der Potsdanierstraße für vorgestern Abend eine sehr frenndliche Einladung für sich und Frl. St. zu einem„Kannnermusikabend" und einer Tasse Thee. Der„Kainmermufikabend" wurde recht lustig für die Geladenen, schade nur, daß in dem Konzert die Schlaginstrumente die Hauptrolle spielten. Als die beiden Damen gegen 8 Uhr abends den ziemlich dunklen Flur des Hauses Potsdamerstraße 50, in welchem sich das betreffende Pensionat befindet, betraten� wurde Frau Dr. K. von einem Manne »nd einer Dame zu Boden geworfen und so arg mißhandelt, daß sie ziemlich erhebliche Wunde» davontrug, während sich zwei Männer des Frl. Ct. bemächtigten, sie trotz ihrcS Sträubens nnd ihrer Hilfe- rufe nach einer Droschke brachten und mit ihr davonfuhren. Das intereffante Programm deS„Kammennusikabeiids" muß vorher genau festgesetzt worden sei», den» die„Musiker" hatten bereits seit einer Stunde auf daS Erscheinen der beide» Sängerinnen gewartet, um ihnen mit ziemlich schlechtem Takt, aber gründlich aufz»spielen. In der Mittheiluug über die Beurkundungen des Medizinal- Assessors am Polizeipräsidium war gestern von uns auch der Passus unseren Lesern unterbreitet worden, der da! Eelterivasser aus Rummelsburg als unzulässig bezeichnet. Hierzu theilt uns der Selterwafser-Fabrikant Michael in Rummelsburg mit, daß er der einzige Unternehmer dieser Art am genannte» Orte sei und daher in den polizeilichen Beurkundungen auch wohl einzig in belracht kommen kann. Wie aber verschieden« Atteste bezeugt«», arbeite er nur mit filtrirtem resp. destillirtem Leitungswasser, und daher stehe sein Fabrikat in keiner Weise hinter dem seiner Berliner Kon- kurrenten zurück. Wir fühlen uns bei der schwere» Schädigung, die Herr Michael unter Umständen durch die Bekanntgabe erleide» kann, verpflichtet, seiner kurzen Entgegnung Raum zu geben. Kebcr die AnSuutznng von Schulkindern auf den Riesel- feldern des Berliner Magistrats wird in Großdeere» ernste Klage geführt. Bis 12 Uhr, so heißt es, befindet sich das Kind in der Schule, um IV» Uhr muß es mit der Kiepe auf dem Rücken vor den, Giitshans« antreten und marschirt darauf in der größten Hitze ins Feld, wo es bis zum Abend bleibt. Es fei selbstverständlich, daß die etwa 50 Kinder die Schularbeiten nicht anfertige» und am Bor- Mittage nicht dem Unterricht genügend zu folgen vermögen, zumal da mehrfach schon Kinder verwendet würden, die noch nicht 11 Jahre alt seien. TaS Polizei- Präsidium theilt mitt: In einem Echauk- lokal. In welchem gewerbsmäßige Verbrecher verkehren, ist vor etwa vier Wochen von einer unbekannten Person ein Packet, enthaltend ei» Perlmutter-, ein Elfenbein-, ein rothbraunes Opernglas sowie vier längliche viereckige Weckeruhren, eine Nickel-, die andere» Messinggehäuse, zur Aufbeivahrnng abgegeben worden. Die erstgenannten beide» Operngläser sind werthvoll. Diese Person hat die Sachen bisher nicht wieder abgeholt und rühren die genannten Gegenstände vermuthlich aus Diebstählen her. Geschädigte wollen sich im Polizeipräsidinm Zimmer 36 in den Bor- mittagsstilnden von 9— I Uhr, beHufe Rekogiioszirmig melde».— Am 8. d. M., nachmittags gegen 4'/« Uhr, soll in der Hofjäger-Allee in der Näh« der Friedrich Wtlhelmstraße ein rmbekannl gebliebener Radfahrer durch einen Eiswagen iiberfabren, schwer verletzt und von dort nach seiner Wohnung am Kurfürstendamm geschafft worden sein. Diejenigen, welche über die Person des Verletzten irgendwelche Auskunft gebe» können, werden ersucht, sich an einein Werktage in den Bormiltagsstunde« von 9—12 Uhr im kvnigl. Polizeipräsidium, 2 Treppen, Zinimer 244, zn melden. Verunglückt. Aus der Baustelle, die den Durchgang von der Linden- nach der Friedrichstraße schaffe» soll, verunglückt« gestern vormittag der Hausdiener Hermann Müller dadurch, daß ihm ein eiserner Träger, der auf unbekannte Weise au? seiner ruhenden� Höhenlage fiel, beide Beine am Oberschenkel fast vollständig durch- quetschte. Der Berunglnckte wurde nach der Unfallstation in der Wilhelmstraße gebracht. «ein, Putzen deS Fahrstuhl» ist der Maschinist Deichler im Geschäftshaus Kroncnstr. 41 verunglückt. Ans welche Weise der Unfall geschah, konnte bis jetzt nicht ermittelt werden, da der Verletzte bewußtlos nach dem Kranlenhause gebracht wurde und noch nicht vernehmungsfähig war. Am Biertisch gestorben ist gestern in der Gastwirthschaft von Albrecht, Gollnowstr. 30, ein iinbekannter, etwa 35jähriger Mann. Derselbe hatte sich ein Glas Bier bestellt und trank dieses biS zur Hälft« leer. Gleich darauf sank der Unbekannte auf seinen Eliihl zurück und verstarb. Die Leiche wurde nach dem Schauhause geschafft. Unglücksfälle im Strassenverkehr. Am Dienstag Vormittag fuhr der Kutscher Koslowski so unaufmerksam mit einem beladeneu Arbeilswage» aus dem Thorweae des Hauses Zionskirchstr. 41 heraus, daß sein Geführt auf dem Straßendamme gegen ein« Droschke stieß und diese umwarf. Sie fiel dem Droschkenkutscher Pringell aufs rechte Bein nnd verletzte ihn ziemlich schwer.— In der Pank- straße wurde die Frau des Tischlers Röhn durch einen von dem Kutscher Hippel geführte», nach Angabe von Augenzeugen durchaus vorschriftswidrig fahrende» Geschäftswagen umgestoßen und be- denklich verletzt.— Durch eine Taxameterdroschke wurde abend? auf der Kreuzung der Behren« und Friedrichstraße der Kaufmann Ernst Schulz aus Gardelegen schwer verletzt.— In der Nacht fiel die Arbeiterfrau Weber i» der Adalbertstraße und brach die linke Knie- scheide. Zlits de» Nachbarorte». Militärisches. Eine eigenartige Meldung kommt aus L i ch t e r f e I d e. Tort soll, der„Berliner Zeiiung" zufolge. eine Schwadron der Gardes du Corps den Bürgersteig der Zehlendorfer Straße zu einem Trabmanöver benutzt haben, wobei das Mosaik- pflaster des Bürgersteiges total aufgmsse» sein soll. Die Gemeinde, so heißt es. dürfte vielleicht das Regiment für den verursachten Schaden ersatzpflichtig machen. Eine« kühnen und wohlvorbereiteteu Fluchtversuch unter- »ahmen zwei Mann von der im Fort Hahneberg bei Spandau liegende» Disziplinarabthellung des Gardekorps. Sie waren mit mehreren anderen Schicksalsgenossen zur Arbeit»ach den Train- kasernen in Spandau kouimandirt, wobei sie stet? unter Aufsicht sind. Zwei davon, die beim Garde-Ula»e»-Regi»>ent in Berlin ge- standen und schon wiederholt bestrast sind, wußten sich den Augen des Aussehers z» entziehen; sie gelangten auf den Hof und setzte»»»gehindert über die hohe Umfassungsmauer. Dann begaben sie sich querfeldein nach der Wohnung eines ihnen bekannten Arbeiters, den sie vorher in ihre Absicht eingeiveiht hatten. Zur Ausführung der Desertion hatte» sie sich ihre Ulanen-Exlraanzüge beschafft, die der Arbeiter anfbewahrte. Sie kleideten sich damit an »nd setzten ihre Flucht fort. Geraume Zeit nach ihrem Verschwinden wurden sie vermißt und durch berillene Trainsoldaten ihre Ver- folgmig aufgenommen. Durch Fcldarbeiter wurde ihre Spur ver- rathen und die Verfolger stöberten die Flüchtlinge i» einem Korn- selb aus. Die Deserteure wurden daraus in Uutersuchungshast ab- geführt. Am Zaune deS Heiligkrenz-KirchhofeS hinter Mariendorf ist ein unbekannter Mann erhängt aufgefunden worden. Er ist von kleiner, schwächlicher Figur, 68 biS 72 Jahre alt, hatte weiße Haare und war bartlos. Di» Persönlichkeit hat noch nicht ermittelt werden können. TaS Wannseebahu-Komitee wird in nächster Woche, wie die Blätter meldeu, ein Preisausschreiben für die Verbeffening de? Verkehrs ans der Wannseebahn veröffentlichen, nachdem es gelungen ist, hervorragende Kräfte für das Preisrichteramt zu gewümen und die Zeichnungen für Agitationen und Preise gegen 5000 M. erreicht haben._ Vevsammtungen. Etwa 3000 Maurer waren am Dienstag bei Keller, Koppen« straße, versammelt, um den Bericht über den Stand der Lohn- bewegung entgegen zu nehmen. Da im Gegensatz zu den bisherigen Gepflogenheiten die Gallerie nicht besetzt werden durfte, wurden die Tische e»>fer»t, um der großen Zahl der Versammlungstheilnehmer eiiiigcrlnaßen Platz zu schaffen. Trotzden» wurde bald darauf poli- zeilich abgesperrt, so daß hunderte keinen Einlaß uiehr fanden. Nach dem Bericht, den S i l b e r s ch m i d t für die Lohnkommission gab, ist die Situation eine sehr günstige. Die Forderungen wurden aus fast alle» Bauten gestellt und dort, wo dieselben nicht bewilligt, in imposanter Einheitlichkeit dieArbeit niedergelegt. Daß dieses einmülhige Vorgehen bereiis Erfolge gezeiligt, beiveist, daß nach den Ermittelungen der Kommission bis zu der Versammlung von 6353 Maurern bereits 3229 zu den neuen Forderungen,»euiistnndige Arbeitszeit und 60 Pf. Stnndeiiloh», arbeilen. Als Streikende waren 2044 gemeldet, mithin arbeitete» nur noch 1080 Maurer zu de» alten Bedingungen. Weiler« Bewilligungen stehen in Aussicht, zumal mehrere Miiglteder der Innung, unter anderen die Firmen Haus st ein, MatheuS, Berg, Mitlag, Lachmann u. Zauber, Hein, G l a s e n a p bewilligt, L e u ch n e r und Held u. Franke auf einigen Bauten den Lohn bezahlen, so daß zu erwarten ist, daß die Jnnungsmeifter trotz deS Beschlüsse? die Forderungen an- erkennen werden. Ans einer Reihe von Bauten, wo die Bedingungen nicht erfüllt sind, wird jetzt nachträglich die Arbeitseinstellung er- folgen. Allgemein wurde behauptet, daß bei der gegenwärtigen Be- iveguiig ei» noch viel regerer Geist unter den Maurer» vorhanden ist, als bei der vorjährige». Sämmtliche Redner hielten einen voll- ständigen Sieg der Arbeiler für sicher, indem konstatirt werden konnte, daß sogar Unternehmer, die die Forderungen am hart» nackigsten bekämpft hatte», schließlich bewilligten. In der weiteren Diskussion, i» der eindringlich für die gänzliche Durchführung der Forderungen plädirt und zum festen Zusammenschluß ermahnt wurde, lritisirte» mehrere Redner das Vorgehen der Polizeiorgane gegenüber den Streikenden, deren Verhalte» bereits zu verschiedenen unliebsamen Austritten geführt hat. Beschlossen wurde. Reise- Unterstützung bis zu 3 M. zu gewähren. Tie nächste Versammlung, die auch über die töhe der Streiklmterstützung zu beschließen hat, findet am onnerstag. den 17. Juni, ebenfalls bei Keller, Koppenstraße, statt. Beschlossen wurde noch ans Antrag der Maurer- Hilfsarbeiter, diesen zum Zweck der Agitation in ihrer Branche 200 Mark zn be- ivilliaen. Ferner beschloß man. den Maurern, die infolge des Streiks den Ort verlassen, eine Reise-Unterstütznng zu gewähren. In einer Volksversammlung, die am Dienstag in Zimmer- i»a»»'s Saal in der Badstraße tagte, reserirle Genosse Dr. A r o n s über den preußische» Landtag und dessen Thätigkeit. Der Redner gab einen Ueberblick über die Entstehungsgeschichte de? preußischen Wahlgesetzes, erläuterte die einzelnen Bestimmungen desselben und besprach dann die Ausgaben, welche der gesetzgeberischen Thätigkeit des preußischen Landtages zufallen, wobei er als besonders wichtige diejenigen auf dem Gebiete des Schulwesens. des Eisenbahn- und BergbauwesenS hervorhob nnd an der Hand von Thatsachen ausführlich darlegte, daß das Proletariat an der Wirksamkeit, welche der Landtag auf den genannte» Gebieten ent- faltet,«in hohes Interesse habe, und daß es daher durchails wünschenswerlh sei, wenn auch die Sozialdemokratie im preiißischen Abgeordnetenhaus« vertreten wäre. Ob wir uns unter den gegebenen Verhältnissen mit Erfolg an den Wahlen betheiligen können, da? sei«ine andere Frage. Jedenfalls sollten wir«ine energische Agitation für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus« betreiben und uns mit den Gegenständen, welche zur Kompetenz desselben ge- hören, mehr als bisher beschäftigen. Ueber unsere Taktik bei den Wahlen jetzt schon eine» Beschluß herbeizuführen, ivürde voreilig sein. Das möge dem nächste» Parteitag überlassen bleiben, der sicy zweifellos mit dieser Frage beschäftigen«erde. I« der Diskussion sprachen sich die Genossen Wilke und Hirsch für Wahl« betheiligung au-, letzterer jedoch mit der Maßgabe, daß mir ein Wahlbündniß mit anderen Parteien aus prinzipiellen Gründen zu verwerfen hätten. Der vorgerückten Zeit wegen wurde die Debatte geschlossen, es soll aber zur weitere» Erörterung dieses Themas in der nächsten Woche wiederum eine Versammlung im sechsten Wahl« kreise veranstaltet werden. Eine von Personen bcsilchtc Anarchistcnversammlung befaßte sich am Dienstag im Lonisenstädtischen Konzerthause mit dem Prozeß Tausch-Lützow. Sämmtliche Redner sprachen in wenig schmeichelhafter Weise gegen die politische Polizei, de- sonders gegen die Agenten und zogen Parallelen mit dein Prozeß Kofcheinann. Weißhanpt führt aus. daß das Altentat gegen den Polizei-Oberst Krause mit dem Dynainilficber in Frank- reich zusammenfiel, und daß Leute, die vom Richter als Schurken erklärt wurden, jedenfalls das Zeug dazu hätten, finstere Pläne auszuhecken. Hätte sich Koschemaun mit Mordgedanken gelragen. würde er sicher die Benzinflasche besser verwahrt haben. Stünde ein Anarchist unter Anklage, würde es dem Richter nie einsallen, den Zeugen z» ermahnen:„Jetzt seien Sic vorsichtig!(Lebhafter Beifall.) Polizeikoinmissar Busse habe ja selbst versucht, ihn zu verführen.(Hört! hört!) Das größte Unglück für die Arbeitermasien bestehe darin, daß sich die Parias der Stildirenden, das Literatengesindel und verpfuschte Akademiker in ihre Reihen drängten, aus denen dann leicht sich die Spitzel rekrutirten.(Lebh. Bravo.) Der Werth des Tauschprozesses liege für die Anarchisten darin. daß er wertbvolles Material zur Agitation liefere. Landauer ivar der Ansicht, daß Freiherr vo» Stumm eine geheime Rolle im Prozeß gespielt habe, der ja auch jetzt noch fertig bringe, daß Minister verst»»»nlen.(Heiterkeit.) Der S. Turntag des Arbeitcr-TuriierbuudcS fand unter zahlreicher Betheiligung am 2. und 3. Pfingftseiertag in Leipzig statt. 75 Delegirte aus annähernd SV Orten, der gesammte Bundes- vorstand sowie der Preßausschuß waren anwesend. Montag Bor- mittag 11 Uhr gelangten ca. 30 Glückwunschtelegramme aus dem I»- und Auslände zur Verlesung. Bundesvorsitzender Rauh verweist zum ersten Punkt der Tagesordnung auf den gedruckt vor- liegenden Geschäftsbericht und knüpft einige Erläuterungen daran. Mehrere Redner wünschten bessere Berücksichtigung in der Aufnahme von Jugendliedern in das bereits in S. Auslage erschienene Liederbuch„Der freie Turner". In seinem übrigen Theile wurde der Geschäftsbericht gutgeheißen. Den Kassenbericht erstattete Bach-Gera. Die Einnahme beziffert sich auf 187S,SS M., die Aus- gäbe auf 1I47;62 M., mithin Ueberschuß 730,96 M. Durch das Liederbuch wurden vereinnahmt 784,37 M., verausgabt 353.70 M., bisheriger Ueberschuß 424,67 M. An freiwilligen Beiträgen(für Luckenwalde u. f. w.) gingen 843,93 M. ein, verausgabt wurden 493.60 M.. Baarbestand 350,65 Mark. Die Unfallkasse wurde in 93 Fällen in Anspruch genommen und hierfür die Summe von 851,85 M. ausgezahlt; die letztere Ausgabe ist bereits unter den obenftehenden geschäftlichen Ausgaben angeführt. Die Gesammteinnahme der„Arbeiter-Turnzeitung" beträgt 7202,21 M., die Ausgabe 5922,60 M., Mehreinnahme 1279,61 M. Mit dem Uebertrag vom vorigen Geschäftsjahre beträgt der Kassenbestand der„Arbeiter-Turnzeitung" 1789,30 M. Das Baarvermögen des Bundes beziffert sich(ausschließlich der Außenstände) aus über 3000 M. Ter Geschäfts- und Kassenleitung wird hierauf nach einem Antrag der Revisoren einstimmig Decharge ertheilt. Eine leb- hafte Debatte entspann sich über die verschiedentlich beantragte Abänderung der Statuten. Zum 4. Punkt reserirt Rauh-Leipzig über Organisation und Agitation. Seine für turnerische Ziele trefflichen Ausführungen faßte er ineinerIlesolutionzusammen.dienach interessanter Debatte einstimmige Annahme fand. Beim 5. Punkt, Stellungnahme zum Preisturnen, verzichtete der Turntag auf die angesetzten Referate infolge der in der„Arbeiter-Turnzeitung" gepflogenen Er- örterungen und nahm einstiminig eine das Preisturnen scharf ver- urtheilende Resolutton an. I» den Bundesvorstand werden wiede'-'.bez. neugewählt Rauh und Fromm(Leipzig). Bach, Seifarth und ß��eck (Gera). In den Technischen Ausschuß Pohle-Leipzig, Wohlfahrt-Berlin Stößel-Nürnberg. Nach der Wahl dreier Revisoren wird ein« größere Anzahl eingegangener Anträge erledigt und unter anderm beschloffe», den nächsten Bundesturntag Pfingsten 1399 in Nürn- herg abzuhalten. Tie Bibliothek in der Nord schul« Brun uenstr. es, ist für dt- Mitglieder an folgenden Togen geöffnet; Sonntags. vorntiltags von I0-1Z, T.i e nst a g s und A r e 1 1 a a S, abends U bis Iv Uhr. Mitgliebsbeilräge werden an diesen Tagen in der Nordschule entgegen- genommen, ebenso in folgenden Zahlstellen; Sottsr. Schulz. Admiralftr.«oa, Schöning,»vpniiterftr.«S; Sieul, Barnimstr. er; Babiei, Nofenthalerstr. 67; SUeinert, Müllerfir. 7a; Burghaufe, Putbuserstr. 82 1 Blankenseld, Stephanstr. 2». Werner, Bütowstrahe 6«! Srub«, Mariendorserstrahe 5!»ahler, Junkerftrahe 1. H. Königs, Dieffendachstr. so. Alle Zuschriften sind an den Vorsttzenden Paul Mücke jr., SO. Man- teust-lstr. res,«eldsendungen an den Kasstrer H.» ö n i g.». S. Ttefsenbachstr. so, zu senden. Ari>»It«r ASngerbiind Berlin» und Umgegend. Porsitzender Ad. Neumann. Brunnenstr. 16». Alle Aendernngen im Bereiuskalender sind zu richten an Friedrich Korlu m, Manteustelstr.«»,».! Tr. Kund b-r grsrlligr» Arbeiter»»rein» perlin««nd der hlmgegend. Vor- sitzender P. S-NI, Dresdenerfir. 107/108. Alle Zuschriften, den Vereinslalender betreffend, sind an H. Bendix, Aicrandrinenstrahe Ivo, zu richten. Zentrirlverband der Konditoren sLokalveretn Berlin). Heule Abend»if Uhr; Milgliederversammlung bei Babiel, Rosenthalerftr. 67. zierein„Grarda»"(ehem. M.«ü h n's che Tanzschule r). Heute Abend» Uhr: Sitzung bei Lange, Weberftr. tos. Briefkasten der Redaktion. Teufert. Wir können unsere Ansicht über die Angelegenheit nicht ändern. Im übrigen käme die Sache jetzt sehr verspätet. Wittemiiigöiiber 6 t a 1 1 o it t ii. Swinemünde tamburg. erlin.. Wiesbaden. München. Wien... Haparanda. Petersburg. Cork... Aberdeen., Paris... £ Ü'Sä S S aST l-s Ii ZZZZ icht vom 16. Juni I8S7. Cft I e t- JO IS 763 762 764 763 764 764 744 762 750 762 SO SSW Still O N O NNW NO S Zunächst etwas wärmer mit zunehmender Beivölkung, Gewitter- regen und ziemlich frischen westlichen Winden, nachher aufklarend und kühler. Berliner Wetterdureau. WarenhausFr.Pfmgsl& Co Ecke Neue Friedrichstrassey QO ITnillffcfl�'kCCQ QQ Ecke Neue Friedrichetrassei direkt am Alexanderbahnhofz öiJ« IkUliiy�li Uoou üw« direkt am Alexanderplatz9 empfehlen als ausserordentlioli preis werth folgende Saison* Artikel: a-fsaes-pi aus feinem Elsasser Cachemire, Satin oder Coteline, ausschliesslich nur chike Dessins, aus weissgrundigem Batist, mit den V�IAJLJL Blousen aus hellem und dunklem bedruck- tem Levantine, neue Dessins, öl 65 Pf. 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Venus auf Erden. Bclle-Alliance. Konstantinopel. Passage-Pnnoptiknin. Die Kinder der Allste. Slfeillev-Thesttev ( Walliicr-Tiicater). Donnerstag, abends 8 Uhr: Deutsche Schwanke. Freitag, abends 8 Uhr: Papa Nitsche. Central-Theater. Alte Jatob-Straste SO. Heute letzte Aufführung: jS-ozialaristokraten. _ Anfang 71/2 Uhr. Volks-Theater 34. Reichcnberger< Straste 34. Sviumer- Saison. Abends 8 Uhr: JopftHlitirs Erben. Voltsstürt mit Gesang in 5 Bildern von H. Willen. Musik von I. Michaelis. Vor der Vorstellung von 6V2 Uhr ab: Garten-Konzert. (Sit free 30 Pf. bis 3 M. Pütilmaiin's Vauileville-Tliaater Schönhauser Allee 148, Kastanien-Allee 97—99. TttjrUcii. ItlnnnrdiQft an Wrd. Komische Operette in 1 Akt. Klan«), Verwandlungs- Soubrette. Vanl I'vti'au. Gentl. Jongleur. iUai't4»Iu«, Gesangs- u. Tanz-Duettistcn. Itui»!»:»!-!»», Ballet-Ensemble. Tniw.r.l Kraan, Kostüm-Soubrette. Gebr. Hari-y und William I.atoui'c, Piccolo- Theater. Geschw. Morls, die Planeten d. Luit. A ri Imr Martin, Humorist. I.ittle Charles, Lawinensturz. Metaelty Troupe, Miniatur-Akrobaten. Im Saale: Ball. Ansang 4Vj Uhr. Eutree 30 Pf. Rcservirter Platz 30 Pf. Zckmltts Kalle» �m�önigntdor u. rrisäriollnilitlu. säglleli! ISglieli! Thealer- und SpezialitätenTorstöllung Volköbelustigungen aller Art. Täglich- M. Eiltree U Ps. Zm Züli ßild l Tonitllbtltde frei gtniorhen, welche«««-r- eine zu Sonimerfesten z. verg. sind. Vibtoria-Lrauerei (Garten resp. Saal) e I-Iltnorv. lStrasse 1 11 412 ■ nahe Potsdamer Platz. »Tente sorvle tilgllch: Sielliner Säuger (Mehsel, Pietro, Britton, Dteidl, Krone, Röhl, Schneider und Schräder.) Achtung, Maurer! Donnerstag, den 17. d. M.. abends 7 Uhr: Krasse öttenUieKe Maurerversammlung In Keller's großem Saal, Koppenstraße Ur. 29. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die Lohnbewegimg. 2. Diskussion. 3. Festsetzung der zu zahlenden Beiträge der arbeitenden Kollegen, sowie Festsetzung der Streikunterstützung. 281/1 Der Ernst der Bewegung erheischt die Betheiligung aller Maurer Berlins und der Umgegend an dieser Versammlung. Die Lohukommission. Osteiad-Theater. Gr. Fraiiksnrterstr. 132. Dir.