Einzelpreis 20 Pfg.- 3. Jahrgang Donnerstag, den 1. Jnli 1920 Nummer 2SS Abend-Ausgabe Dre Freiheit- erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags nur �er �kZugspreis betragt bei freier Zustellung ins Haus für Groß-Berlin 10, M. im voraus zahlbar, von der Spedition selbst abgeholt 8,50 M. Für Post- bezug nehmen samtliche Postanstalren Bestellungen entgegen. Unter«rreifbnnd bezogen für Deutschland und Oesterreich 10,50 M.. für das übrige Ausland 21,50 M zuzüglich Valuta-Auffchlag, per Brief für Deutschland und Oesterreich 30,— AT Aedaktion, Expedition und Verlag: Berlin E 2, Breite Straße 8- S« Die achtgespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum kostet 5,— M. einschließlich TeuerunIS?uschlag. Kleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2,— M., jedes weiter» Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Fainilien-Anzeigen und Stellen-Gesuche 3.20 M. netto pro Zeile. 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Herr Huszar. der Christlichste der Christen, zog es vor, die Fragen des offenen Brieses unbeantwortet zu lassen, was ja um so verständlicher erscheint, da ihre wahrheits- getreue Beantwortung einer vcrnichtendenPeru''te!lung des Huszar-Horthy-Systems gleichkäme. Er zog es daher vor. lh einem Interview, das er einem Holl:!'dischen Iourna- listen gab, diesen Brief nur oberflächlich zu berühren und fand zum Schlug, dag eine Ausiprache über eine A m n e- stierung der verurteilten politischen Verbrecher Ungarns "f H t u s g e s ch l o s s e n erschiene, wenn der Eewerk- Ichaftsbund Garantien gewähre, dag die kommunistische Propaganda nicht wieder aufflamme. Herr Huszar, der schlieglich auch ein Gewerkschaftler ist, sollte doch wissen, dag das Internationale Gewcrkschaftsbureau. das dm konservativen Eompers-Eewcrkschaften bis zu den radikalen fran- zösischen Gewerkschaften umspannt, sich von aktiver Politik überhaupt fernhält, dies den politischen Arbeiterparteien Lberlägt, also auf die Propaganda irgendeiner Richtung des Sozialismus keinen Einflug nimmt. Was die Eewerk- schaftsinternationale aber fordern m u h, das ist Cntwicke- lungsfreiheit der Arbeiterbewegung schlechtbin. Diese wird durch Horthy-Huszar erwürgt, daher de? Boykott der Ee- werkschaftsinternarionale gegen die ungarische Regierung. Fimmen weist in seinem Briefe energisch die Behauptung des Huszar zurück, dag der Boykott des Internationalen Ee- werkschaftsbundes den Zweck haoe, Handlangerdienste für den Bolschewismus zu leisten. Der Boykott habe keinen anderen Zweck, als Huszar und die Seinen, die sich als Ehresten ausgeben und die Macht in Ungarn haben, zu Zwingen, nicht nur schönklingende Worte zu gebrauchen, son- dern den hohen und edlen Grundsätzen geinäh zu handeln, die Ire zu vertreten vorgeben, und die Macht anzuwenden, die sie zu beptzen behaupten, um den Greueln, die Ungarn geschehen, ern Ende zu machen, Greueln, die auch Huszar sticht völlig zu »cugnen vermochte. Weiterbin macht Fimmen darauf aufmerksam, dag der Inter- nationale Eewerkschaftsbund erst am 1. November ISIS seine Tätigkeit ausnahm, die Regierung B e l a K u n s aber bereits am 1. August 1919 ihr Ende erreichte, der Internationale Ee- �k>er nicht gut vor seinem Bestehen gegen kmL. m und Marterung von„Christen interessieren rnnül6' uuwon übrigens bis zu Herrn Huszars Behauptung nie- kr c» gewugt habe. Fimmen stellt dann folgende kon- -»s,»ragen an Huszar: e- nicht wahr, dag— obgleich Sie das Bestehen des zu woll.»�?"us in Ihrem Lands zugeben und ihn belämpfen vräsidcnt»�Urechen— zur Zeit als Sie, Karl Huszar, Minister- bat ode' i»?" klngarn waren, Ihre Regierung stets geleugnet �tst /<-? n kseg. dag in Ungarn ein weiher Terror bestehe? aarn waren � 4?"i* �a�ug. als Sie Ministerpräsident in An- zu gebieten?— v"' u"0-ororoen Einhalt 5 ft e 8 u i ch i � n h t dag, als Sie Ministerpräsident von ackmiaen"""" Tausrnde von den Ossiziers- detachements gefangen g kommen und oft auf die grausamste Weise getötet wurden dab Si- eiC Finger guLhrt haben, um die Missetater zu strafen, ohne dag Sie mit oder ohne Christentum, einen Versuch gemacht haben, die ÜngMcklich-n aus den Klauen ihrer be>i,alischen Peiniger zu retten? Ist es nicht wahr- um unter den Hunderten Fällen, die ich vorzulegen bereit bin. mit diese wenigen zu nennen— dag im November 1919 206 brs 360 Einwohner von Keeskemet er- mordet wurden, ohne daß vorher eine gerichtliche Untcrsuchuna stattgesunden hä:le oder ein Urteil gefällt worden wäre? I st e s n i ch t w a h r, dag eine Anzahl dieser Ermordeten von Hauptmann S z e k e l y und Hauptmann S z a b o, beide aus dem Detachement Pronay und versehen mit einer Vollmacht, die den offiziellen Stempel der B u dapester Polizei trug, aus dem Gefängnis örhal�.viurden� bei welchem Werk Leutnant Ivan Hejjas. der Militärkommandant von Kecs- kemet, Assistentendienste leistete? Ist es nicht wahr, dag nachfolgend genannt.- Personen ermordet wurden, nachdem sie vorher den grausamsten Mar- terungen und Mighandlungen ausgesetzt worden waren: Anton . Bakonyi, Josef Bend«, Dr. Desider Buday, Ladislaus Gaios. Johann Ezigany. Mozes Egyeki, Paul Fanigo, Georg Farkas Alexander Farkas. Michael Eabanyi, Josef Hniuik. Dr. Ludwig talmos, Dome Horvath, Johann Hrobar. Arthuc Kampfer adislaus Kosa, Stephan P. Kovacs, Charles �aerovits' Stephan Lugosi, Emmerich Neumann-Stephan n. Orüiky Jnl'us Nolonyi, Dr. Sigmund Stern, Stephan Simon, Eeora Szakonits L.ibmin Szegedi, Mrs. Ludwig Szüg, Ladislaus Tüu-i, Gabriel Stepha- ml"— LMM»""M"" Fritz Ludwig �..... Vcrcse, Stephan Villam, Ludwig Vince, Dr. Rudolf Rudolf Hegedüs, Emmerich Deutsch, Adolf Fekete. Ist es nicht wah r, dag einigen dieser Schlachtopfer die Augen ausgestochen, andere skalpiert und andere lebendig be- graben wurden? Ist es nicht wahr, dag Berichte über diese Greueltaten unbeachtet blieben, trotzdem der Justizminister Stephan Barczy in einem Schreiben vom 1. Februar d. I. an den Ober- defchls Haber Horthy eine strenge Bestrafung der Schul- digcn an dieser Massenschlächterei verlangt hatte? Ist es nicht wahr, dag Sie, Karl Huszar, als Minister- Präsident die feierliche Zusage machten, eine ernste Unter- suchung anordnen und die Täter streng bestrafen zu wollen? Ist es nicht wahr, dag. entgegen diesen Zusagen, Haupt- mann S z e k e lst, Hauptmann S z a b o, Leutnstnt Ivan H e j- jas, ebenso wie Leutnant Patay und der Gendarmerieunteroffizier Michael Ki s s. welch lettztere sich in der Umgebung von Keeskemet ähnliche Greuel haben zu Schulden kommen lassen, stch nicht nur in Freiheit befinden, sondern seither ihre Greuel- und Mordtaten fortsetzen? Ist es nicht wahr, um nur noch einen Fall neuereiz Datums zu nennen, dag die Redakteure der„Nepszaoa" S o- m o g y i und B a c s o von Offizieren verschleppt, in einem Auto weggeführt und ermordet wurden? Ist es nicht wahr, dag die Polizei, durch einen Augen- zeugen, einen Bürger aus Jugojlavien, davon in Kenntnis gesetzt wurde, dag sich in diesem Auto Hauptmann Pronay und die beiden Leutnants B i b o und S e f c z i k befanden? Ist es nicht wahr, dag demselben Leutnant S e f c z i k die Untersuchung über diesen Mord an dem er selbs�beteiligt war, übertragen wurde? I st e s n i ch t w a h r, dag Sie, Karl Huszar, als Ministerpräsi- dem öffentlich erklärt und die Zusage gegeben haben, dag die Mörder Somogyis innerhalb zweimal vier und- zwanzig Stunden verhaftet würden? Ist es nicht wahr, dag die Mörder entgegen Ihrem ge- gebenen Worte sich in Freiheit befinden und straflos neue Greuel- raten begehen? Ist es nicht wahr... Ich könnte fortfahren, Ihnen Fragen zu stellen, die Sie nur bejahend beantworten mügten, da Sic wissen, dag sie ans Wahr- hett beruhen. Ich begnüge mich indes nur noch diese eine Frage an Sie zu stellen: Sind Sie, Karl Huszar, gewesener Ministerpräsident von Ungarn, bereit, dafür Sorge zu tragen, Ihren und den schönen Worten Ihrer Regierung Taten folgen zu lassen? Sind Sie, der Sie derzeit auch Mitglied dos Vorstandes eines Internationalen Eewcrkschaftsbundes sind, der sich selbst mit dem Prädikat„christlich" geschmückt hat— sind Sie bereit, dafür zu sorgen, dag die vom Vertreter der Ententcregierungen, Sir Cunningham, nach dem Fall der Räteregierung gegebencn Zusagen nunmehr eingelöst werden? Dag alle politischen Vcr- folgungcn eingestellt und die Gesangenen aus freien Fug gesetzt werden? Sind Sie bereit, dafür zu sorgen, dag eine allgemeine Amnestie erlassen wird für jene, die noch am Leben sind oder— falls dies den Grundsätzen Ihrer Aioral widerstreiten sollte— dafür Bürge zu stehen, dag die Mörder Somogyis und B a c s o und die der anderen Hunderte und Tausende, die hin- geschlachtet wurden, gesangen genommen und in derselben Weise behandelt und abgeurteilt werden wie jene, die sich an. Missetaten schuldig gemacht haben, bevor Sie an die Regierung gelangten? Wenn ja: sind Sie in diesem Falle bereit, die Regierung Ihres Landes zu veranlassen, E a r a n t i e n z.u g e b e n für das Leben und die Sicherheit all jener, die nicht„christlich" sind? Eine durch Taten bekräftigte Antwort auf diese Frage wäre im Interesse des Landes, das Sie nach Holland gesendet hat. Edo Finimen, Sekretär des Internationalen Eewerkschaftsbundes und der Internationalen Transportarbeiter- Föderation. Die Wiener Verhandlungen Wien. 30. Juni. Die Besprechung ü b e r d i e Voylottfrage un- ter dem Vorsitz des Staätskanzlers Dr. Renne: wurden heute abgeschlossen. Der ungarische Gefgndte G r atz erteilte Aufklärung über jene Punkte, über welche er seit der letzten Sitzung Erkundigungen bei der ungarischen Re- gierung eingeholt hatte. In der anschließenden Besprechung gab Sekretär Fim- m e n der Hoffnung Ausdruck, daß die Grundsätze, zu welchen sich'die ungarische Regierung nach den Darlegungen des ungarischen Gesandten bekannt hat. auf der ganzen Linie ihre praktische Verwirklichung finden werden. Er werde über den Verlauf der Verhandlungen dem Bureau des Internationalen Eewezischaftsbundes be- richtey, Die politische Lage in Sachsen Aus Dresden wird uns geschrieben: Unmittelbar nach dem politischen Umsturz am 9. Ro- vcmber 1918 kamen die Vertreter der Arbeiter- und Sol- datenräte von Dresden, Leipzig und Chemnitz in zwei Sitzungen zusammen, um über die Lage und besonders Uber eine Volksbeauftragten-Regicrung sich schlüssig zu werden. Alle drei sozialistischen Richtungen waren vertreten, die Kommunisten durch Heckert-Chemnitz und Otto Rühle-Dres» den. In der ersten Sitzung herrschte Ucbcreinstimmung, daß nach Lage der Sache die Regierung— sechs Volks- beauftragte— aus allen drei Gruppen zu bilden sei. Für Einbeziehung der Rechtssozialisten trat besonders auch Heckert ein, der sich ebenfalls zum Eintritt in eine solche Regierung bereit erklärte. Am anderen Tage waren die Kommunisten jedoch schon anderen Sinnes geworden. Sie erklärten, das Amt von Volksbeauftragten nicht über- nehmen, das vielmehr der U. S. P. und den Rechtssozia- listen allein überlassen zu wollen. Dieser schnelle Meinungswechsel der Kommunisten be- wirkte eine starke Veränderung der Lage. Denn nun mußte die Volksbeaustragten-Regierung paritätisch von den zwei sozialistischen Gruppen zusammengesetzt werden, während nach der Abmachung am Tage vorher alle drei Richtungen. je zwei Vertreter gestellt und damit die Rechtssozialisten in die Minderheit gedrängt worden wären. Für die Regie- rung wurden bestimmt von der U. S. P. die Genossen Fleißner, Friedrich Geyer und Lipinskif von den Rechtssozialisten Buck(der jetzige Ministerpräsident), Gradnauer (Bucks Vorgänger) und Schwarz(jetzt noch Wirtschafts- minister). Fleißner suchte noch im letzten Augenblick Rühle zu bewegen, an seiner(Fleißners) Stelle eines der Aemter zu übernehmen. Jedoch ohne Erfolg. Inzwischen war von dem Dresdener Exekutiv-Ausschuß ein von Rühle verfaßter Aufruf veröffentlicht worden, der die politischen Verände- rungen proklamierte und an Stelle des Landtags die baldige Berufung einer Nationalversammlung für Sachsen verlangte.(!) Letzteres zeigt, daß in der Zeit unmittelbar nach der Revolution die Ansichten über die nächsten Maß- nahmen noch keineswegs völlig geklärt waren, auch nicht bei den Kommunisten mit einem ihrer extremsten Vertreter an der Spitze. Der Aufruf war von Rühle und Schwarz. den Vorsitzenden des Dresdener Exekutiv-Äusßchusses, unter- zeichnet. In diesem Am ..... und im Dresdener Arbeiter- und Soldatenrat spielten die Kommunisten unter Rühles glorreicher Führung eine nichts weniger als imponierende Rolle. Sie befreiten sich aus der peinlichen Lage sehr bald auf recht einfache Weise: sie traten nach etwa acht Tagen aus diesen Körperschaften aus. Natürlich, mit einer lärmen- den, revolutionär klingenden öffentlichen Erklärung. Und ohne daß sie während der acht Tage auch nur den geringsten Versuch gemacht hätten, die Entwicklung und Gestaltung der Lage nach ihren angeblich einzig nud allein revolutionären Grundsätzen zu beeinflussen. Zu ihrer Enr�chuldigung darf gesagt werden, daß außer in Leipzig damals noch in ganz Sachsen die Rechtssozialisten die Massen hinter sich hatten. Und auch einen großen Teil des Bürgertums, wie besonders die Neuwahl des Arbeiterrates in Dresden Anfang 4. e- zember zeigte. Die Haltung der Rechtssozialisten ichccn dem Bürgertum eine Garantie dafür zu bieten, daß die revolu- tionäre Bewegung nicht weiter um sich gre'se, vielmehr sabotiert werde, um dann in die seitdem vielgcruymte De- mokratie auszumünden, die jedenfalls als das kleinere Uebel gegenüber einer konsequenten revolutionären Ee- staltung der Verhältnisse diesen Kreisen genehmer war. Die Spekulation des Bürgertums hat nicht gelogen, rrne sich m der Folge ergeben hat.— In dieser schwierigen Situation die Dinge im revolutionären Sinne zu meistern, war naturlich schwer! um so bezeichnender muß das oamnliae Per- halten de: Linksradikalen bczeicbnct wc c cn, oie sahnen- flüchtig wurden, um dann in gewohnter und bekannter Weise über die U. S. P. h�zufallen. So dominierten die Rechtssoziausten m den maßgebenden Körperschaften Dresdens, und damit auch im größten Teile des Landes. Unter solchen Umständen konnte von vornherein mit einer längeren Dauer und für die Sache des Proletariats fruchtbaren Arbeit der Volksbeauftragten- Reaieruna nicht gerechnet werden. Nack zwei Monaten kam es zum Krach. Am Ist. Januar 1919 legten die Volks- beauftragten der U. S. P. ihre Aemter nieder. Unmittel- barer Anlaß dazu war das Vorgehen des Dresdener Exekutiv-Komitees gegen die revolutionäre Bewegung in Dresden unter Führung Neurings, der später als Militär- minister von einer erregten Volksmenge von der Brücke in Eewaltmaßnahmen Neurings und Genossen, u. a. gegdn die durchaus willkürliche und völlig unbegrün- dete Verhaftung Rühles handelte.— Am 2. Februar wurde die sächsische Volkskammer gewählt. Die Verhältnisse be- gannen sich bereits zugunsten von links zu verschieben. Die Wahl ergab eine sozial:>u>che Mehrheit mit 42 Rechtssozia- listen und IS Mandaten der U. S. P. von insgesamt 90 Ab- geordneten. Bis zur Wahl waren an Stelle der ausgeschie» denen Unabhängigen drei weitere Rechtssozialisten in die L?»lksbeauftragten-Regierung eingetreten. Nach dem Er-- e dnis der Wahl wurde die Frage der Regierungsbildung v ieder altuell. Die Ncchtssozialisten treten an die U. S. P.: d reu Vertreter des Landes billigten auf einer Konferenz r:n Eintritt in die Regierung unter bestimmten, unzwei- fc nxtigen Bedingungen. Die Rechtssozialisten stimmten teils zu, im übrigen suchten sie zu feilschen und auszulegen. Das Ergebnis mar unsere Ablehnung des Eintritts in die Ne- rierung. Die Fraktion lieh jedoch durch ihren Redner in l er Kammer, Genossen Fleihner, erklären, dah sie bereit fei, cine nach Möglichkeit sozialistische Politik stützen und fördern zu helfen, so dah die Regierung, wenn sie ernst- lich eine solche wolle, stets eine Mehrheit im Parlament finden werde. Co wurde die Regierung zunächst weiter rein rechtssozialistisch zusammengesetzt. Statt sich nun aber in allen ihren Mahnahmen auf die sozialistischen Frak- tionen zu verlassen und rücksichtslos den Kampf gegen das Bürgertum zu führen, nahm sie unter dem Einfluß Grad- nauers, der von vornherein für Aufnahme von Bürger- lichen eintrat, Rücksicht auf das«ürgertum. So reifte auch in Sachsen die bürgerlich-rechtssozialistische Koalition. Vor Eintritt in die Vertagung zu Anfang des Sommers 1919 liehen die Rechtssozialisten erklären, dah ohne eine breitere Basis für die Regierung in Zukunft nicht auszukommen sei. Abermals traten sie dann an die 11. S. P. wegen des Mit- rcgierens heran. Nunmehr war durch die inzwischen be- liebte Politik der Regierung und rechtssozialistischen Frak- tion, sowie durch das Verhalten ihrer Partei im Lande, ein Zusammenkommen noch viel mehr erschwert. Auch deshalb, weil die Zuverlässigkeit der Rechtssozialisten, selbst wenn sie auf unsere Bedingungen eingingen, ftark in Zweifel gezogen werden muhte. Es wurden deshalb unsererseits noch schär- fere Forderungen gestellt, und von einer Landesversamm- uung der 1l. S. P., auf der nur gewählte Delegierte Stimm- recht hatten, gebilligt. Die gegenseitigen Besprechungen chatten ein negatives Ergebnis, da wir uns auf ein Handeln «und Abhandeln nicht einliehen, sondern die andere Seite vor die Alternative: Entweder— oder stellten. Nunmehr wurden neben die fünf Rechtssozialisten zwei Demokraten in die Regierung berufen. Seither ist der bürgerliche uünfluh noch gröher ge- iworden. Es kam wiederholt vor, dah sich diese Koalitions- regierung in wichtigen Fragen sogar in Gegensatz zur rechts- sozialistischen Fraktion stellte. Co z. B. in der des Reli- gionsunterrichts in der Schule. Andererseits fingen aber auch wegen der immer mehr nach rechts gehenden Politik die rechtssozialistischen Organisationen und Arbeiter im Lande an, rebellisch zu werden. In Chemnitz entstand die sogenannte Chemnitzer Richtung, deren Drängen wohl vor- nehmlich der Sturz des Ministerpräsidenten Eradnauer und des J n n e n m i n i st e r s U h l i g zu- zuschreiben ist, die besonders in der Herbeiführung und Handhabung des Belagerungszustandes Proben ihrer Re- gierungskunst gegeben hatten. Diese Veränderung nahm man offenbar vor In Rücksicht auf die Reichstagswahlen. Herr Eradnauer, dessen Einfluh früher bei den Rechts- sozialisten Sachsens mahgebend, geradezu ausschlaggebend war, wurde zur Wahl auf keine Bezirkswahlllste gesetzt,- er hat sich mühsam durch die Reichsliste in oen neuen Reichstag gerettet. Die Wahlsituation lieh es den Rechts- sozialisten wohl auch geboten erscheinen, vor dem Abgang Eradnauers und Uhligs wiederum wegen Umbildung der Regierung an die U. S. P. heranzutreten. Und es imien, ob sie uns diesmal um jeden Preis in die Regierung �paben wollten. So erklärten sie sich öffentlich mit den von unserer Zentralleitung in Berlin nach dem 13. März auf- gestellten acht Bedingungen öffentlich obne weiteres ein- verstanden. Der Plan, der diese Taktik bestimmte, war nicht schwer zu durchschauen: die Rechtssozialisten wollten ihr Wahlagitationsschisflein flott machen. Die U. S. P. aber lehnte eben in Rücksicht auf die durch die Reichstagswahl zu erwartende Veränderung der Konstellation ab. Die Fraktion der II. S. P. forderte deshalb, dah am 6. Zuni mit der Reichstagswahl zugleich der neue sächsische Land- tag gewählt werde. Eine Forderung, für die anfangs auch die Rechtssozialiften eintraten, sie nachher aber, „konsequent" wie immer, unter nichtigen Gründen ab- lehnten. Die Wahl brachte die von jedem politischen Avc- Schützen vorauszusehende Verschiebung. Die Klassen- scheidung nach links und rechts, die Zerniürbung der bür- gerlich-sozialistifchen Koalition, ist besonders stark in Sachsen in die Erfcheinung getreten. Die sächsische Volks- kammer ist daher in ihrer jetzigen Zusammensetzung kein Spiegelbild der Parteien mehr. Aber sie besteht weiter! Der Widersinn der Ablehnung der Neuwahl am 6. Juni ist nun ganz offenbar geworden. Deshalb größte Ver- legenheit im Parlament und bei der Regierung. Vierzehn Tage lang überlegte und beriet man, was zu tun sei. End- lich fand man einen Ausweg dahingehend, dah die Regie- rung die Geschäfte bis zur Neuwahl weiterführt unter Zustimmung der Fraktionen, außer der der U. S. P. In der Etatdebatte der vorigen Woche haben die diesbezug- lichen Auseinandersetzungen stattgefunden. Außer den Etat sollen noch das neue Wahlgesetz und die Verfassung — letztere gegen den Widerspruch unserer Genossen— erledigt werden. Im September etwa ist mit der Neuwahl in Sachsen zu rechnen. Bis dahin wird von etwa dem 29. Juli ab Parlamentsruhe sein, �er Wahl, die sicher wieder eine sozialistische Mehrheit bringen wird, tritt die Frage einer rein sozialistischen Regierung in Sachsen von neuem in das Gebiet des politischen Kalküls. Voraus- gesetzt, dah nicht inzwischen die politische Lage gründlich sich ändert, was jedoch nicht wahrscheinlich ist. Das„kleine Häuflein" der ll. S. P., das noch vor reichlich Jahresfrist speziell von den Rechtsern verspottet und als politisch bedeutungslos hingestellt wurde, ist jetzt schon zur stärksten Partei in Sachsen geworden. Unsere Taktik und Politik hat sich als richtig erwiesen. Das Werk der Lockspitzel Ausnahmeznstand über Lübeck. Auch gestern hat die Empörung der Volksmassen gegen den Wucher, der sich in den hohen Obst- und Eemüseprei'en äußert, in einigen Orten des Reiches zu neuen Unruhen geführt. In L ü b eck durchzogen nach einer Meldung des Wolffschen Telegraphenbureaus, nachdem die Obst- und Gemüsehändler gezwungen worden waren, ihre Waren zu billigeren Preisen abzugeben, plündernde Mengen die Straßen; sie hatten es namentlich auf die Warenhäuser und Schuhwarengeschäfte abgesehen; es wurde viel geraubt. Nach einer Meldung des„Berliner Tageblattes" beträgt die Zahl der Geschäfte, die vollständig ausgeplündert wur- den, nahezu hundert. Wiederholt kam es im Laufe des Tages zu Zusammenstößen mit der Polizei, bei denen es Tote und Verwundete gab. Der Senat hat den Aus- nahmezustand über Lübeck verhängt. Wir könnnen auch heute nur wieder betonen, was wir neulich bereits w a r ne n d feststellten, dag diejenigen, die sich zu Plünderungen hergeben, ob sie es wollen oder nicht d ie E e sjh ä f te der Reaktion besorgen. Auch onj n e" die„Rote Fi warnt heute nachdiücklich, den Real- tionären, die die Lebensmitteluitruhen geflissentlich hervor- zurufen trachten, in das Garn zu gehen. Sie schreibt über die L o ck s p i tz e l e i e n, die in der Verlinc- Zentralmarkthalle zu den erregten Auftritten geführt haben, folgendes: Es ist einwandfrei festgestellt, dag die„Hamburger Agita- toren" sich bereits wieder auf freiem F u ß befinden, daß wohlorganisierte Provolatcurbanden sich an arbeitslose Männer und Frauen vor den Arbeitsnachweisen heranmachen und sie zu Demonstrationen und„Protestaktionen" gegen den Lebensnnttel- wucher veranlassen wollen. Der Plan der Spitzel geht cmbi sich an die Spitze von schnell zusammengestoppelten Demonltra- tionszügen zu stellen, die sie dann in die berühmte Bannweite um den Reichstag führen und dort den Masch. nengewehren und Handgranaten der Sicherheitspolizei ausliefern. Es ist ein teuflisch ausgeheckter Plan. Die verbrecherischen Halunken führen rote Fahnen und Tafeln mit Protest- inschriften mit sich und verteilen sie an belebten Plätzen de- reitwilligst an Kinder und unverständige Burschen. Nur allzu leicht fallen besonders Frauen, die über die immer schwindelhafter in die Höhe kletternden Preise schier verzweifeln und daheim, um hungrige Mäuler, die sie nicht befriedigen kön- neu. besorgt sind, herein. Es ist den Spitz�ibanditen bereits gelungen, am Dienstag nachmittag Demonstrationsziige Unter den Linden und in der Weberftraße zu veranstalten. Viel stä'-ker aber noch, als die Protestzüge waren, folgten merkwürdigerweise Kadres schwerbewaffneter Srcherheitsoolizcr den Demonstranten. Nur dem besonnenen und aufklärenden Zureden vor- übergehender Arbeiter ist es gelungen, die Frauen und Mädchen rechtzeitig zum Auseinandergehen zun bewegen und dadurch das bestellte Blutbad, das in der„neutrale gesetzmäßig fest- gelegten Zone" um den Reichstag vor sich gehen sollte, zu ver- h i n d e r n." Es ist deshalb die Pflicht aller organisierten Arbe-ter, Angestellten und Beamtenn, mit allem Nachdruck in den Kreisen ihrer Berufskollegen darauf hinzuweisen, dah der Protest gegen die Lebensmittelteuerung. gegen Äblieferungsstreik der Landwirte gegen den Wucher der Händler, gegen die Hinaufierzung der Preise durch die Regierung nicht durch Einzelrktionen auf der Straße geäuhert werden darf. Der Wille der min- derbemittelten Bevölkerung muh zufammn.ngefaht und einheitlich zum Ausdruck gebracht werden. Er ist zu führen mit den Mitteln des politischen Kampfes innerhalb und auherhalb des Parlamentes durch die politischen Parcsien und durch die Gewerkschaften, die bei dieser Aufkläru ms- arbeit der Massen durch die Betriebsräte unterstützt wer- den müssen. �. Um dem Protest gegen hie Lebensmittelteuerung Kraft zu verleihen, und den herrschenden Gewalten zu zeigen, daß die minderbemittelte Bevölkerung nicht geneigt i>t, diese drückende Last länger auf sich ruhen zu lassen, hat die Unabhängige Sozialdemokratie für heute abend Massen- Versammlungen einberufen. Sie müssen zahlreich be- sucht werden, damit die Protestbewegung, die- die Unab- hängige Reichstagsfrakhon durch die Interpellation über die Lebensmittelteuerung eingeleitet hat, mit allem Nach- druck unterstützt wird. Der französische Botschafter in Berlin Der neuernannte französische Botschafter Laurent ist heute früh in Berlin eingetroffen und auf Bahnhof Fried- richstraße von den Herren der Botschaft empfangen worden. Das Ende eines Hetzblattes. Der Scherl-Berlag sieht sich ver- anlaßt, infolge der gesteigerten Druckpapierpreise und der Ver- teuerung von Lohnen und Gehältern ab 1. Juli d. I. auf weite- res das Erscheinen der Tageszeituna„Der Abend" einzustellen Damit verendet em Blatt, das stets nur von der übessten Sensationsgier geleitet war. Der Streit der städtische» Arbeiter in Düsseldorf, der über vierzehn Tage wahrte, ist beendet. Umbildung der schwedischen Regierung. Nach einem Tele- gramm aus Stockholm sind im Zusammenhang mit der letzten Umbildung der verschiedenen Ministerien folgende Neuernennun- gen zu der Regierung vorgenommen worden: Der Iustizminister Unden bat seinen Abschied erhalten und zu seinem Nachfolger wurde A k e r m a n ernannt. Ferner wurden ernannt zum Ver- teidigungsminister H a n s s o n. zum Sozialminister Erikson zum Verkchrsminister C v e nf s o n. zum Handelsminister Thor- sson, zum Finanzminister Sandler und zum Minister ohne Portefeuille Linder. Der Friedensvertrag von St. Germain wurde vom französi- scheu Senat mit 193 gegen 93 Stimmen genehmigt. � Ketzereien Nachdenkliches zum Thema Betriedsrätebildnng Wir machen viel in Rätebildung. Räteschulen, Rätekurse. Rätezeitungen mehren sich von Tag zu Tag. Roch nie ist für einen BilduNMweck so viel Ester aufgewendet worden, noch nie hat die Arbeiterbewegung auf dem Gebiete des Bildungswesens eine Aufgabe mit so viel Frische aufgenomm- Eine erfreuliche Erscheinung. Beweist px ooch, daß die Arbeiterschaft Sinn und Bedeutung der Betriebsräte begriffen hat. Die Betriebsräte sind Organe des Kampfes und Macht- faktoren der Arbeiterklasse zugleich. Zum Kampfe gegen über- legene Mächte sowohl wie zur Ausübung von Macht gehört Wissen. Nicht der Besitz an Kapital allein verleiht den biirger- lichen Klassen ihre Ilcverlcgenhett gegenüber dem Proletariat, sondern fast noch mehr der Besitz an Bildung. Der Klassenstaat hütet daher die Schätze des Wissens wohl noch sorgsamer vor dem Zugriff der hungernden Massen, als die Güter, die von Rost und Motten gefressen werden. Das Bürgertum, das den Klassen- staat regiert, weiß warum. Und das Proletariat weiß es auch und folgert daraus, daß jeder Zuwachs an Wissen, den es sich verschafft, ein Zuwachs an Macht ist. Die Betriebsräte sind eine neue(üicho-.nung. Ott sino mehr als Funktionäre von Organisationen oder Beauftragte von Arbeiter- und Angestelltengruppen zur Vertretung von„Arbeit- nehmerintercssen". Sie sind, zu Jndustrickörperschaften zusam- mengefaßt, mitbestimmende Organe der Volks- und Ctaatswirt- stlKife, Keimzellen einer Organisation der gesellschaftlichen Arbeit, bestimmt,«inen neuen staatsrechtlichen Faktor aus sich heraus zu entwickeln. So treten sie neben die alten Organe der Gesetz- gebung und Verwaltung als eine neue Macht im Eefellschafts- leben. Ist dieses Ziel der Rätebewegung auch bei weitem nicht erreicht, so ist das Streben dorthin doch unaufhaltsam, wenn die Organisation der Betriebsräte erst einmal gebildet ist und die Betriebsräte ihre Aufgabe erkannt haben. Daß sie sie erkannt haben, dafür zeugt ihr Büdungseifer. Daß für die Erfüllung dieser Aufgabe Wissen in noch weit höherem Matze notwendig ist. als für die Uebung anderer Funktionen, die in der Arbeiterbewegung bisher erforderlich waren, diese Erkenntnis tritt uns zur Einrichtung einer Räte- schule nach der andern, einer Rätezeitschrist über die andere. Wie gesagt: ein löbliches Beginnen. Dennoch kann man sich eines Gefühls der Bangigkeit nicht erwehren, wenn man dieses üppige Gedeihen aus einer gewissen Perspektive betrachtet. Niemand wird mich— so hoffe ich wenigstens, und darum glaube ich, ein offenes Wort riskieren zu können— für einen Gegner der Rätebewegung oder gar für einen Feind der Arbeiterbildungsbestrebungen halten. Aber ich muß bekennen, daß mir doch dieses und jenes einfällt, wenn ich die Kurse und Schulen für Betriebsräte so dicht gedrängt bei- einander und schweißgebadet arbeiten sehe. Will die Räteschule ihre Existenz rechtfertigen und ihr« Pflicht erfüllen, so muß sie ihre Aufgabe verhältnismäßig eng begrenz'en. Gewiß, der Kreis des Wirkens der Betriebsräte ist groß, er umfaßt Arbeit und Wirtschaft eines ganzen Volkes, ja der ganzen Welt. Die Füll« der Stoffe ist also— scheinbar- unbegrenzt. Aber lassen wir uns durch diesen Schein nicht täu- scheu. Wir werden zunächst alle Hände voll zu tun haben, wenn wir nur das lesen und fruchtbar machen wollen, was an die Bedürfnissedertäglichenvolkswirtschaftlichen und betriebstechnischen Praxis anknüp f t. Aber selbst, wenn es uns gelingt, unsere Tätigkeit in den Rätekursen sehr schnell über diesen Rahmen hinaus weiter zu spannen, so müssen wir doch alles, was wir vor den Betriebsräten lehren, und mag es das All umfassen, unter einem vorausbe- stimmten Gesichts Winkel betrachten. Die Räteschule will ein bestimmt begrenztes Bedürfnis befriedigen. Das heißt, die Räteschule ist Fachschule, und als solche ist sie von vornherein mit einem der häglichsten Mängel des jetzigen staat- lichen höheren Bildungswesens behaftet, das ebenfalls Fachleute erzieht, Beamte, Funktionäre des Staates, für ein bestimmtes �mt und«inen begrenzten Tätigkeitskreis. Ich behaupte sogar, die Räteschule wird ihre Ausgabe um so vollkommener erfüllen, je besser sie diese Be- grenztheit ihres Seins erkennt und danach arbeitet. Stellen wir uns vor, wir lehren einige Jahre hindurch, ge- zwungen durch das Bedürfnis, in Hunderten von Räteschule» vor Tausenden von Betriebsräten nach dieser Methode, die sich in der Auswahl ihrer Stoffe immer in dem gleichen Kreise bewegt und die die Welt immer nur aus de: Perspektive des strebsamen Betriebsrates betrachet. Züchten wir damit nicht innerhalb des Proletariats eine gebildeteOberschicht. eine P r i e st e r- t a st e, die sich im Besitz eines wichtigen Geheimwissens befindet, das sie hoch erhebt über die Massen der Unwissenden? Erziehen wir oamtt nicht„tüchtige Beamte", die ihr Amt genau so treff- lich erfüllen, wie— in der Legende— die altpreußisch-n Beam- ten. die aber auch geistige Eigenschaften zeigen werden, die denen jener Beamtenkaste täuschend ähnlich sind? Mir fällt der neuer- dings so beliebte und gebräuchliche Ehrentitel„Bonze" ein. Ich bin der Meinung, daß er oft zu Unrecht in verächtlichem Sinne gebraucht wirb, und ich fürchte die Bonzengefahr, die manche so schwarz an die Wand malen, nicht sehr. Aber vor diesen Bil- dungsbonzen, die da vor ineinen verängstigten„geistigen Augen" erstehen, würde ich mich doch in Sicherheit zu bringen suchen... Unsere geschätzten Freunde von der engeren Rätezunft wer- den mir ins Wort fallen und erklaren, daß gegen eine solche Bil- dungsinzucht unter den Betriebsräten das Eefetz der Ab- bcrufbarkeit bürgt. Dadurch wird der Kreis der Betriebs- rät« und damit auch der Kreis der Hörer in den Räteschule» wechseln und die in den Kurjen vermittelte Bildung wird sich derart weiter verbreiten, als mein ängstliches Gemüt vorausahnt. Was die Abberufung betrifft, sind sich meines Wissens Ketzereien.----—— die Vertreter aller Rätefysteme vollkommen einig. Das kommt einfach daher, weil dieser alte Brauch der Abberufbarkeit der Funktionäre in der Arbeiterbewegung eigentlich nie gebrochen worden ist. I n d e r T h e o r i e l In der Praxis aber wird es in der Rätebewegung genau so kommen, ivie es in den anderen Zweigen der Arbeiterbewegung immer war: wer einmal ein Amt hat, der wird es sobald nicht wieder los. Ich sehe da ver- schieden« mit xrominenten Vertretern der Räteidee besetzte Kör- perschaften. Sie haben eine bewegte und rühmliche Geschichte erlebt, sie haben sich durch Spaltung vermehrt, haben Ram' und Art gewechselt, aber zu einer Abberufung haben sie es noch nicht gebracht. Nein, das hat zum Glück noch nicht einmal Noske ge- schafft! Ich sage zum Glück, denn ich bin der Meinung, daß die Genossen in den Betrieben sehr bald einsehen werden, wie w c r t v o l l ein geschulter Betriebsrat oder Funktionär der Räte- bewegung ist, und sie werden dann mit der Abberufung sehr zu- rückhaltend sein, obwohl das Recht zur Abberufung ihnen natür- lich bleibt. Und diese Neigung zur Zurückhaltung wjrd sich steigern in demselben Maße, wie sich die Schulung der Betriebsräte entwickelt und damit die Eignung der einzelnen Personen für die Ausübung des ihnen anvertrauten Amtes wächst.-. Auch hier bin ich also, man mag mir verzeihen, ein wenig ketzerisch. Und darum muß ich schon bei meinen Bedenken bleiben. Sollen wir nun darum die Rätebildung unterlassen? Kei- neswegs. Wir können nicht emsig genug auf diesem Gebiete schassen. Aber wir müssen uns auch der Gefahren bewußt sein, die in der notgedrungenen Einförmigkeit dieser Bildungsarbeit liegen. Wir müssen diese Gefahren zu bannen, suchen, indem wir ein Gegengewicht und einen Ausgleich gegenüber der Einseitigkeit der Fachbildung für eine bestimmte Gruppe von Funktionären fchaffen: wir müssen die Bildungs» arbeit pflegen.die sich andi« gesamte Arbeiterklasse wendet und die alle Zweige des Wissens umfaßt. Das Parteibildungswesen muß uns, mehr als bisher und von den höheren Instanzen der Partei stärker gefördert, ein weitgespannte« politisches Wissen vermitteln, und in den Volkshochschulen, die wir durch unsere Mitarbeit zu beeinflussen und zu kontrollieren haben, muß das Proletariat auf den Gebieten der Natur- und Eeisteswissenschasteu nach Ab- rundung seines Wissens und nach Weiterentwicklung der auch die Parteibildungskurse gelegten Keime streben. Die Arbeiterschaft hat auch gar nicht den Wunsch, einseitig in einen bestimmten, sich ständig um einen Mittelpunkt drehenden Gedankenkreis einge- spannt zu werden. Es ist lein Zufall, daß neben den mathema- tischen Kursen(die auch für Betriebsräte nicht unnütz wären) die pfcllosophijchen und kunstwissenschaftlichen Vortragsreihen der VolkshochschuleEroß-Berlin und der Volkshochschulen in d~» meisten Vororten zu den bestbesuchten gehören. Und zwar von Arbeitern! Das zeigt, daß die denkende Arbeiterschaft geistig hinaus will über die Enge des ernsten Alltages, obwohl sie sich des Wertes der Bildung, die, wie die Rätebildung, an diesen Alltag mit seinen Kämpfen anknüpft, vollkommen be- wüßt ist. Wollen wir keine Wesen bilden, die geistig bucklig und schiel- äugig find, wollen wir harmonisch gebildeteMenschen und starke, selbstsichere Persönlichkeiten erziehen. so müssen wir den Rahmen unseres Bildungsstreben« soweit wie möglich spannen. Nicht um das Rätebildungswesen zu verdrän- gen, sondern um es dann neben dem anderen mit größerer Sorg- losigkeit umso emsiger betreiben zu können. Richard Seidel. Die Ostjudenfrage. Ein wesentliches Argument der deutschen reaktionären und antisemitischen Kreise ist die Behauptung, daß die steigende Ein- Wanderung der Juden aus den Ostgebieten eine schwere mate- rielle und psychische Gefahr für die Entwicklung des deutschen Volkes darstelle. In diesem Zusammenhang wird immer wieder an Hand außerordentlichen Zahlenmaterials erklärt, daß diese Einwanderung erst nach der Revolution eingesetzt habe und seitdem immer größeren Umfang annehme. Tatsächlich ist aber die Gesamtzahl der in Deutschland lebenden und seit 1914 eingewanderten Ostjuden auf höchstens«0—73 009 zu schätzen. Ein erheblicher Teil dieser im Verhältnis zur Gesamt- bevölkerung unwesentlichen Zahl der Einwanderer ist nun nicht etwa freiwillig nach Deutschland gekommen, sondern von den kaiserlichen Behörden während des Krieges zwangsweise aus den östlichen Ländern nach Deutschland zur Arbeit in der Kriegsuidustrie verschleppt worden. Außerdem kam der Strom der Amerikawanderer während der ganzen Kriegszeit in Deutschland ins Stocken, wenngleich heute bereits ein großer Teil dieser Letztgenannten Deutschland verlassen hat, wodurch die Neueinwanderung fast völlig paralysiert werden dürfte. Es ist trotzdeni unzweifelhaft, daß die Einwanderung seit dem Herbst 1918 tatsächlich zugenommen hat. Geht man aber den Gründen nach, so findet man auch hier eine beträchtliche Schuld des alten deutschen Regimes: Der schon immer bestehende Gegensatz zwischen Polen und Juden wurde wäh- rcnd des Krieges von den deutschen Militärbehörden liebe- voll geföroert. Als dann die Polen am Ausgang des Krieges ihre volle Freiheit erlangten, konnte dieser von Deutsch- land geschürte Haß seine Früchte trägen. Im Oktober 1918 be- gann die lange Kette von Judenpogromen in Polen, deren Beispiel bald im ganzen von dem Krieg durch- brausten Osten die Signale zu unaufhörlichen Judenversolgun- gen gegeben hat. Außerdem war es vor allem der Wirtschaft- liche Boykott, der die Juden zur Abwanderung nach Deutschland vcranlaßte. Wir wollen nicht darauf eingehen, weshalb Deutschland überhaupt nicht die Möglichkeit hätte, diesen Zustrom abzu- wehren. Wie steht es aber mit der von reaktionärer Seite immer wieder aufgestellten Behauptung, daß diese Einwanderer ausschließlich aus Schiebern, Händlern und anderem„arbeits- scheuem Gesindel" bestanden. Die neueren statistischen �e,t- stellungen des Arbeitsamts über in der zweiten Jahreshälfte 1819 eingewanderte 0000 Ostjuden ergab vielmehr eine unge- heurc Proletarisierung der ostjüdischcn Bevölkerung, die zum allergrößten Teil ihre historische Stellung als unproduktive Sändlerklasse mit Arbeiterberufen vertauscht hat. Nach diesen rhebungen ergab nämlich die berufliche Gliederung der Ein- r>a-rer folgendes Bild: Landwirtschaft..... Industrie und Handwerk. Verschiedene Lohnarbeiter. Handel und Verkehr,-. Freie Berufe..... 3,69 �tozer' 68,30 14,26 11.13 2,62 Also über 86 Prozent der östlichen Einwanderer sind Handarbeiter und der Prozentsatz der Händler und kauf- mannischen Angestellten erhebt sich kaum über 11 Prozent. Nun wird stets ausgeführt, daß der deutsche Arbeitsmarkt durch diesen Pcrsonenkreis in außerordentlichem Maße belastet werde, da er ja nicht einmal in der Lage sei, die einheimischen Arbeitslosen aufzunehmen. Fraglos kann aber die Unter- bringung der höchstens 20 000 ostjüdischen Arbeiter bei der Zahl der deutschen Arbeiterschaft um so weniger ein« Gefährdung unserer Wirtschaft darstellen, als ja das westdeutsche und mittel- deutsche Industriegebiet bereits seit längeren Monaten einen steigenden Bedarf an Arbeitern hat, der durch die infolge ihrer festen Wohnsitze weniger beweglichen deutscken Arbeiter nicht voll befriedigt worden ist und nicht befrieoigt werden kann. Nur dadurch, daß man bisher die Arbeitsvermittlung an diese Flüchtlinge dank der maßlosen Hetze der reaktionären Presse und aus bureaukratifchen Erwägungen unnötig erschwert hat und sie in den Großstädten zusammengepfercht hält, zwingt man die Einwanderer zu einer illegaleir�ßxistenz und zum Schieber- und Verbrechertum. Ein besonderes Steckenpferd der reaktionären Presse bei der Behandlung der ostjüdischen Fragv ist die angebliche Be- lastung des deutschen Wohnungsmarktes durch die Flüchtlinge. Wenn z. B. die„Deutsche Tageszeitung" immer wieder behauptet, daß ein großer Teil der Ostjuden im Berliner Westen große Wohnungen innehabe, die dadurch der deutschen Bevöllerung entzogen würden und andererseits eine Reinigung des jüdischen Scheuncnviertels fordert, so sind diese Unter- stellungen in jeder Hinsicht leicht zu widerlegen. Soweit von, russischen Juden überhaupt größere Wohnungen im Westen Ber- lins bewohnt werden, handelt es sich fast ausschließlich um die «zreunde der„Deutschen Tageszeitung, die ihrem ganzen sozialen Habitus nach zu jenen russischen Kulturkreisen gehören. die zum Teil aus politischen Gründen(Oraanisierung des Kampfes gegen Sowjetrußland) in Berlin Aufenthalt genom- wen haben. Ganz anders aber liegen die Dinge hinsi�tlich der Massen dei ostjüdischen Einwanderer, die man allein im Auge haben konnte, wenn man von einer allgemeinen Belastung des Woh- nungsmarktes durch die Ostjuden spricht. Zunächst muß betont werden, daß das neuerdlngs als stidifch verschrieene Scheunen- viertel keineswegs erst in den letzten Jahren diesen Charakter angenommen hat. Vielmehr ist, wie in anderen Großstädten, die Konzentricrung der Juden infolge der Verfolgungen, der Lebens- Gewohnheiten und der allgemeinen Kulturverhältnisse auch in Merlin vor langer Zeit im Echeunenviertel erfolgt Der enge AUfanlmenhang, in dem die ncueingewanderten Ostjuden mit «■in.6* 0'len astjüdischen Siedlung stehen, hat selbstverständlich ausschlaggebenden Einfluß auf die Wohnungsansprüche und �i-�"6S'Zeryältnisse der Einwanderer, zumal sie wegen ihrer Ib-er rrJ1 finanziellen Lage sehr häufig auf die Unterstützung P i ,,ii ii?." ubensgenossen angewiesen sind. Infolge der eigentlichen r, tii Np.. i be.r Herkunftsländer sind die Wohnungsansprüche der �.6/ � 9 e r als die der entsprechenden deutschen cht. Das geht auch daraus hervor, daß immer «m»nL?c;«uei reaktionären Prep« und gelegentlich auch von 5 durch die schlechten Wohnungsverhältnisse • oiiTpin t!� Berlin drohende Seuchengefahr hingewiesen � iih le �"iiache illustriert schon, daß es sich um im allgemeinen überhaupt incht bewohnbare Räumlichkeiten handelt. durch die die-Bohnungsverhältnisse der anspruchsvolleren deut- scheu Vevvlkerung m keiner Weise berührt werden. Erhebungen des Arbeiterfursorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutsch- lands haben ergeden, daß im Echeunenviertel Wohnungen, be- stehend aus Stube. Kammer und Küche, für sechs und mehr Personen häufig stm». und daß nur in ganz seltenen Fällen die Veleg.zifser von öw« Personen für ein Zimmer unterschritten wird. Wenn trotz der sich aus dieser Beengtheit ergebenden sani- tären Mißstände weder im Kriege noch jetzt Seuchen und epidemi- jchc Krankheiten im Lanzen Ostjudenviertel ausgetreten sind, so spricht das nur für die Reinlichkeit der jüdischen Arbeiter.« Es ist ein altes Privileg der„Deutschen Tageszeitung", alle Juden, von Eisner angefangen, als, E a l t z i e r" zu be- schimpfen. Wir haben nun bereits darauf hingewiesen, daß die die Abwanderung hauptsächlich bedingenden Verfolgungen vor allem in Polen grassieren, woraus sich ohne weiteres eine stärkere Anteilnahme der polnifchen Juden an der Einwanderung nach Deutschland ergibt. Dahingehende Erhebungen, die bei den oben erhebenden tiOOO Einwanderern aus den Ostgebieten angestellt wurden, ergab die Richtigkeit dieser Annahme. Von den 6000 Personen gaben als Gcburlsland an. Polen. Galizien Litauen... Ostseeprovinzen Eroß-Rußland Ukraine... »<»» f««• ft* I• 76,60 Prozent 11,00 3,50 1.00„ 6,00„ 1.5 ,. Daraus geht hervor, daß gerade die an sich verständliche Zu- Wanderung aus Galizien äußerst schwach ist. Wohin man auch bei der Ostjudenfrage blickt, überall stößt man auf systematische Entstelluilgeii und Lügen, um die zahlen- mäßig schwache und volkswirtschaftlich absolut belanglos« Ein- Wanderung zu verhindern. Und doch müßten gerade die reaktiv- nären Zeitungen diese Frage mit besonderer Vorsicht behandeln, da doch gerade sie es ja auch waren, die jene Politik billigten, die Abertausende gahzischer Juden während des Krieges von ihren alten Wohnsitzen vertrieb. Der ganze alldeutsch-antisemi- tische Feldzug gegen die Ostjuden ist nur ein Eingeständnis der eignen Unfähigkeit, auf dem Gebiete des Wohnungswesens und der Arbeiterwanderung mit irgendwelchen positiven Vorschlägen aufzuwarten. Es ist hier genau dieselbe Sache, wie mit dem ganzen Wiederaufbau- Rummel der reaktionären Parteien. Vor den Wahlen konnten sie den Mund nicht voll genug nehmen, nachdem ihnen die Wahlen einen Erfolg brachten, fällt ihnen das Herz in die Schuhs, daß sie in die Verlegenheit gebracht werdpn könnten, ihren demagogischen Reden die Taten folgen zu lassen. Zwar die extremsten Antisemiten, nämlich die Deutsch- nationalen, sind ja in der Opposition geblieben. Sie haben aber die Frechheit, auch die Taten der neuen Regierung als„jüdische Mißwirtschaft" zu brandmarken und weiter nach Herzenslust auf die Juden zu schimpfen. Die Reaktionäre, die die kaiserliche Militärpolitit gebilligt und unterstützt baben, sind dreimal feige und erbärmlich, wenn sie die„kochende Volksseele" geoen �n-- sch"�-aen Opfer der kaiserlichen Behörden hetzen. Sie EMilMrißemg der Polizei. Der preußische Minister dcS Inneren hat an den Reich?minister des Aevßeren eine Eingabe gerichtet, in der er gegen die von der Entente geforderte Auflösung der Sicherhcilepolizei scharfen Protest erhebt. Die Entente babe nach dem Friedensvertrag. Artikel 162, in Polizeifkagen selbst 2 Forderungen gestellt: Die erste betreffe die StürkevcrhältntssederPolizei. Die zweite das Per- bot militärischer Uebungen für die Polizei- truppen. Die Stärke habe die Entente nunmehr selbständig auf 1 6 0 0 00 Beamte erhöbt, da sie eingesehen habe, daß nur ein starkes Polizeiaufgebot die Ruhe und Ordnung aufreckt erdalteu könne Was die zweite Forderung anbelangt, habe die Polizei, ob Sicher- heits- oder Ordnungspolizei niemals militärische Ue- Hungen irgend welcher Art vorgenommen. Run- mebr stelle die Entente eine neue Forderung auf, die inner» O- ganjsation der Polizei beireffend. DirS stelle einen unerhörten Ein- griff in dieHoheitsrechte der einzelnen Länder dar, zu dem a»S dem Friedensvertrag keinerlei Berechtigung vorliege. Die preußische Regimmg Hab« als erste von den Landesregierungen den nach dem Kriege und der Revolution völlig veränderten Sichetheilsverhällniffen entsprechend, eine Umformung der staatlichen Polizei vorgenommen und unter Tren- nuug der Aufgabe» der Polizei eine Scheidung in SicherhettS- und Ordnungspolizei vollzogen. Die Sicherheitspolizei würde aus jüngeren, den Anforderungen entsprechend bewaffneten Beamten zusammengesetzt, während in der Oidnungspolizei der ältere Teil der Beamtenschaft verbliebe. Die Sicherheitspolizei stelle somit ke in e Nc ub ild un g. sondern led gl ch eine Umfor- m u n g bzw. eine Aufgadentrennung in der beziehenden Polizei dar. Der Minister des Innern erklärt sich bereit, Koutrolloffizicrc der interalliierten Regierung bei allen Behörden, denen SiclierheitS- poltzet miteriieht, zuzulassen, um die Verwendung und Bcwass- nung der Stcherheitspoltzet zu beaufsichtigen; wenn die Inneren Verhältnisse tu Preußen sich gebessert haben, werde eine Verhandlung mit diese« Ossiiieren über eine Umformung oder anderweitige Be- wafsuung der Stcherheitspoltzet stattfinde«. Tie Auflösung der Stcherhettspoltzet aber, die sich das Vertrauen der Bevölkerung, insbesondere auch deS größten Teiles der Arbeiterschaft erworben hat, und die die festeste Stütze des Staates und der Verfaffilug und den Hort der Riche und Ordnung des Landes bildet, müsse abgelehnt werden. Die Einwohnerwehren in Preußen seien durch Erlaß vom 13. April anfgelöst. DieOrganisattonbestchesomtt nicht mehr. Zu dieser Eingabe haben wir zu bemerken, daß die Vil- düng der Sicheryeitswehr nicht auf die Initiative der preu- ßischen Regierung zurückzuführen ist, sondern daß der Orga- nisationsplan von dem General st äbler Hauptmann Pabst ausgearbeitet und der Regierung zur dringenden Durchführung empfohlen wurde. Die organisatorische Gliederung der neuen Polizeitruppe ließ sofort erkennen, daß es sich um die Bildunng von streng militärischen Forma- tionen handelte. Ttasächlich ist nach der Gründung gerade von demokratischer Seite auf die Gefahr einer militarisierten Polizer hingewiesen worden, vor allem waren es auch erfahrene p o l i z e i l i ch e F a ch l e u t e, die der neugeschaffenen Formation den Polizeicharaltcr ab- sprachen und vor dem Exempel warnten. Sie fanden aber bei Heine und N o s k e kein Gehör. Nicht einmal das Parlament wurde befragt, sondern die Einrichtung wurde über die Köpfe der Volksvertretung hinweg d i k t a t o- r t f ch durchgeführt. So liegen die Dinge in Wirklichkeit. Wenn sich die preußische Regierung also auf ihre demo- kratischen Pflichten besinnen würde, müßte sie selber für die Entmilitarisicrung der Sicherheitspolizei Sorge tragen. um damit eine alte demokratische Forderung zu erfüllen. Die Beamten— mit Ausnahme der Offiziere-»» werden mit einer solchen Umformierung durchaus einverstanden fein und ihren Dienst um so freudiger verrichten, wenn er von allem militärischen Zwang befreit ist. Wenn Herr Severing schließlich noch behauptet, auch die Einwohnerwehren seien seit dem 13. März aufgelöst, so ist das einfach eine Unwahrheit, denn die Wehren bestehen nach wie vor weiter und sind auch noch in dem Besitz der Waffen. Die Rechtssozialisten gegen das Mißtrauensvotum Das von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Frak- turn eingebrachte Mißrrauensvotum gegen die neue Regie- ryng ist den Rechtssozialisten recht unangenehm. Es zwingt sie zu einer klaren Stellungnahme, die sie gerne vermeiden wollen. Wie der„Vorwärts" mitteilt, hat die rechtssozia- listische Fraktion einmütig beschlossen, gegen das Miß- trauensvotumzu stimmen. Ueber die Bedeutung dieses Beschlusses sagt er: Die Ablehnung des Mißtrauensvotums bedeutet selbltver- ständlich in keiner Weise ein Vertrauensv o tu m. Die Sozialdemokratie hat von vornherein erliärt, daß sie sich bei Abstimmung über ein Vertrauensvotum der Stimme enthalten würde, daß sie aber nicht beabsichtige, der neuen Regierun» von vornherein unüberwindliche Schwierigkeiten zu beretten. Von diesem Gedanken läßt sie sich auch leiten bei der Behandlung des unabhängigen Antrages. Die Fraktion hat ausdrücklich erklärt. daß sie die T a t e n d e r R e g i e r u n g a b w a r t e n w i l l, be- vor sie endgültig zu ihr Stellung nimmt. Vorher durch ein Miß- trauensvotum sich festzulegen, lehnt sie ebenso entschieden ab als die Zumutung der Regierung von vornherein ihr Vertrauen auszusprechen. Diese Stellungnahme der Rechtssozialisten überrascht nicht. So notwendig es ist. daß die Unabhängige Sozial- demokratie der jetzigen Regierung ihr Mißtrauen aus« spricht, weil sie eine gegen die Arbeiterklasse gerichtete Poli« tik treiben muß, so verständlich ist das Verhalten der Rechtssozialisten. Denn die- Politik der Regierung Fehren» bach ist ja die Politik, die die bisherige Koalitionsregie- rung unter der Führung der Nechtssozialisten getrieben hat. Die Zustimmung zu dem Mißtrauensvotum für die Regie»' rung würde also gleichzeitig eine Verurteilung der rechtssozialistischen Koalition spolitlk be- deuten. Flaue Stimmung Die RechtLsozialtsten veranstalteten gestern 28 öffentliche Der- fammlnngeu. Sie hatten sich anscheinend aber zu viel zugetraut, denn wie unS von einer ganze» Reihe von Versammlungen mitge» teilt wtrd, war der Besuch recht gering, da auch in den meisten Fällen die Anhänger nnserer Partei es vorgezogen hatten, die Per- sammlnngen nicht durch ihr« Teilnahme interessant zu gestalten. Fast überall glaubten die Referenten den Anwesenden wetßmachen zu können, daß die Unabhängige» Wähler mit der Taktik der Partei in der Frage der Regierungsbildung nicht einverstanden seien. Ei» durch Zwischenruf eriolgter Hinweis auf den Ausfall der Gemeinde- wähl genügte aber durchaus, rnn die Referenten In dieser Frag» zum Schweigen zn bringen. Die Versaniwlnngeu verliefen deshalb auch fast überall ohne Diskussion recht etntönia. Die Unterbandluuaen mit Kranin H. N. London, 1. Juli. „Manchester Guardian" meldet, daß die Unterredungen zwi- scheu Krassin und Lloyd George nur kurze Zeit dauerten, da der Premierminister vor der Reise nach Belgien stände. Außer Llond George und Krassin war nur ein Dol- metscher und der britische Hnndeleminister anwesend Die Kon- ferenz dauerte kaum eineinhalb Stunden. Die Regierung hat ausgedehnte Maßnahmen getroffen, um nichts über das Ergebnis der Unterredung verlnuten zu lassen, aber es liegt Grund zur Annahme vor, daß wichtiges erreicht wurde. In sämtlichen Fragen mit Ausnahme der Wiederherstellung des Privateigentums, das von Rußland bei.blagnahmt wurde, « wird die Moskauer Antwort als befriedigend betrachtet. Bezüglich der Schadensvergütung an private Eigentümer erfährt das Blatt, daß diese englische Forderung nicht direkt abgelehnt worden sei. sondern daß sich die Sowjetregierung auf den Stand- punkt stelle, die Schadensvergütung n i ch t zur Vorbedingung der Unterhandlungen zu machen., Von anderer Seite wird das Antwortschreiben als unge- nügend bezeichnet und es heißt, Krassin werde oersuchen, sich weiter mit Moskau in Verbindung zu setzen. Bevor nicht eine endgültige Antwort aus Rußland eintrifft, wird es schwer dal- ten, mit Entschiedenheit festzustellen, ob die Handelsbeziehungen wieder aufgenommen werden oder nicht. Die Meldungen über die Londoner Verbandlungeit Krassins sind mit V o r f i ch t zu behandeln.' Während von der einen Seite behauptet wird, die Moskauer Ant- wort auf die englischen Fragen seien völlig unge- nügend und der Abbruch der Verhandlungen stehe bevor«. heißt es von anderer Seite wieder, daß diese Antwort als befriedigend betrachtet wird. Daß bei diesen Mel- düngen ein gut Teil Reporterkombinationen mitspielen,' ist sicher. Denn wenn in der obenstehenden Meldung mitge- teilt wird, daß die englische Regierung ausgedehnte Maß- nahmen ergriffen habe, um nichts über das Ergebnis der Unterredung verlauten zu lassen, so kann es sich bei dem tatsächlichen Inhalt der Meldung nur«um Mutmaßungen handeln, zudem ist als ganz sicher anzunehmen, daß Lloyd George vor der Konferenz in Spaa, die ja indirekt auch diese Dinge berührt, sich nicht festlegen wird. Man tut also gut, wenn man amtliche Aeußerungen von englischer oder russischer Seite über den Stand der Verhandlungen ab- wartet. Amsterdam, 1. Juli..- Wie der„Tclegraaf" aus London erfährt, wird Krassin nach Moskau abreise», um sich von der Räteregierung neue Wei- sungen einzuholen. «w auf der ganzen polnischen Front. H.R. Paris, 1. Juli. Telegramme von der polnischen Front berichten über eine« allgemeinen Rückzug auf der ganzen polni« schen Front von Wilna bi» Kawenew. Ein Tele« gramm desagt, daß die Polen von Wilno nach Kowno zu» rückgedrängt wurden. Das Telegramm ist aber«och nicht bestätigt. Polens Anstrengungen. Haag, 80. Wie aus London gemeldet wird, mobilisiert noch weitere Truppen und hat alle Männer zwisc und 85 Jahren unter die Waffen gerufen. Italien und Albanien Rom, 1. Jon. Die Kammer hat mit 203 gegen 108 Stimmen de« Antrag abgelehnt, die italienischen Truppen s-sort au» Albanien zurückzuziehen. Mailand. 30. Juni. „Avant i" betont, die von G i o l i t t i angekündigte friedliche Lösung der Frage von V a l o n a sei dadurch möglich gewordene daß die italienisch« strategische Basis beibehalten, den Albanesen aber die'Verwaltung der Stadt überlassen würde. Diei strategische Basis solle durch die kleine Insel von S t a f« r n o sichergestellt werden, die die Bucht von Valona beherrsche. Dieser' Vorschlag sei vom militärischen Kommando von Albanien gemacht worden, bevor es zu den Feindseligkeiten kam. -*1 Bodenresorm in Litauen. Wie die„Verlingske Tidende" aus' Kowno meldet, hat die litauische Regierung gestern in der Rationalversammlung den Gesetzentwurf über die große Boden- reform in Litauen eingebracht. Der Gesetzentwurf betrifft die all- mähliche Uebernahme alles größeren Bodenbesitzes durch de« Staat. Ferner wird in ihm verlangt, daß alle Majorat«. Krön- güter, Waldbestände, Seen usw. Eigentum des Staates werden sollen. Innerhalb der Parteien herrschen tiefe Meinung«,! Verschiedenheiten über den Gesetzentwurf. Sieg des englischen Arbeiterkandidaten in Nelson. Bei den Er- satzwahlen in Nelson erhielt der Arbeiterkandidat 14 OOOStimmen. der unabh. Liberale 5800 und der Koalitionsunionist 8500 Stimmen. Getreideausfuhr au» Argentinien. Wie Havas aus Buenos Aires meldet, können nach den Erklärungen des Landwirtschafts- Ministers 813 600 Tonnen Getreide ausgesührt werden. Zeit dem 1. Juni wurden 637 000 Tonnen ausgeführt, Generalversammlung der Bekleidungsarbeiter. In der Mitglieder-Versammlunj; der Schneider, Schneide- rinnen und Wäschcarbeiter, die am Mittwoch in den Germania- scuen stattfand, wurde zunäclist mitgeteilt, daß in der Urabstim- rnung die Einführung der Arbeitslosenunterstützung mit 2134 gegen 1331 Stimmen beschlossen wurde. Auch für die sonstigen Unterstützungen ergab sich eine Mehrheit. Lebensmittel der Kollegenhilfe" in Dänemark wurden an die kinderreichen Arbeitslosen verteilt. Die Neuwahl der turnus- mäszig ausscheidenden Mitglieder der Ortsverwaltung ergab Bestätigung der durch die vorhergehende Versammlung ausge- stellten Vorschläge. Sodann berichtete Gen. Lehmann über den Stand der Ver handln n-gen zwischen Eewerkschaftskom- Mission und Betricbsrätczentrale. Nun, da die Einigung fast erziel, ist, soll die Regelung für das ganze Reich erfolgen, wodurch neue Schwierigkeiten aufgetürmt werden. Folgende Resolution wird zu dieser Frage beschlossen:„Die Generalversammlung nimmt mit Bedauern davon Kenntnis, dah die Verhandlungen in der Frage der Betriebsräte noch nicht abgcschloffcn sind. Um die geschlostene Aktionsfähigkeit der Arbeiter herbeizuführen, die gerade jetzt ein Gebot der Stunde iit. wo sich die Unternehmer inimer fester zusammenschlieszen und immer frecher gegen die Arbeiter auftreten, erwartet die Ver- sammlung, daß die Berliner Gewerkschaftskommission sich nicht dem Willen der Mehrzahl der Berliner Arbeiter widersetzt, sondern mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln die Ver- hitndlun-cn auf der bishcriaen Erunowge zum Abschlug bringt und die kleinlichen Differenzpunkte, die noch bestehen, ausgleicht, damit endlich die grogcil Aufgaben, die uns bevorstehen, ge- meinsam von Gewerkschaften und Betriebsräten gelöst werden können, zum Segen des gesamten Proletariats." Ein Absa wonach„die Gewerischazten maszgebenden Einfluß auf die FlnanUernng erhalten müssen," wurde auf Beschluß der u,cnera.vcrsammlnng gestrichen. 11. Distrikt, 4. Abteilung. Sonntag, 7 Uhr, öffentliche Agi- tations-Versamlung in Kellers Festsälcn, Bergstr. 69. Zum Lohnkampf der Maler Die gestrige Versammlung der Maler und Lackierer in der Vichbofbörse verlief bei grogem Andrang sehr erregt. In dem Bericht der am Montag gewählten Verhandlungskommission wurde mitgeteilt, daß die Unternehmer gewillt sind, Mitte» nächster Woche über die Lohnforderungen zu verhandeln. Durch die neuerliche Verschleppung aufgebracht, forderte ein Teil der Diskussionsredner zum sofortigen Streik auf. Die Abstimmung ergab 668 Stimmen für sofortigen Streik, während 948 Stimmen einem Antrag zustimmten, daß der Streik erst einsetzen soll, wenn die Verhandlungen in«der nächsten-vvoche ergebnislos verlaufen. f Wie Heimarbeiterinnen entlohnt werden Oll Pf. Stundenlohn können Lcimarbcitcrinneu bei der Che- mischen Gcscllschasi Florian u. Co.. Britz, erreichen, wenn sie Waschblanbentcl nähen. Für lOllll Stück erhalten sie 6 M. Da- für müssen die Beutel geknifft, geschnitten, genäht, abgezählt und gebündelt sein. Wie uns von einer Heimarbeiterin versschcrt wird, können nicht mehr als Ol) Pf. in einer Stunde verdient weldcii. Hier besteht die Tatsache, daß eine Frau, die darauf angewiesen ist, ihren Lebensunterhalt von ihre», Arbeitsverdienst zu bestreiten, gezwungen wird, bei voller Arbeit die öffontlicken Uvterstützungschirichtuugen in Anspruch zu nehmen. Sollte die genannte Gesellschaft wirklich daraus angewiesen sein, solche Hungerlöhne zu zahlen? Es iri.d uns-nitgeleilt, daß der Betriebsrat von den Heim- arbeitcrinnen in Anspruch genommen wurde, der jedoch eiklärt haben sollte, in dieser Sache nichts tun zu können. Biclleicht be- müht sich einmal die Aufsichtsbehörde oder Vertreter der Ge- 'mcinde Britz um diese Cache, den» es kann doch für eine Ge- mcinde nicht gleichaültig sein, wenn sse Leute unterstützen muß, die den ehrlichen und guten Willen haben, sich durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren. RLtcschule der Erosi-Bcrliner Arbeiterschaft. Die Kurse Kaufmann, sch Rechnen und Wirtschaftsgeographie sDoz. Fr. W, nielmann), die durch die Reichsschulkonferenz unterbrochen wurden, finden ab Freitag, den 1. Juli wieder regelmäßig statt. —-ter Kursus Rechtskunde(Doz. Gen. Schönbeck) findet am heutigen Donnerstag von'�8—0 Uhr in der Schule Hinter der Earnlsonkirche, Zimmer 28, 2. Stock, wieder statt. Für die Opser des Friseurgehilfcnstreiks gingen bis jetzt bei dem Verband der FnseurgeHilsen aus den angeführten Betrieben folgende Beträge ein: firmen: Ullstein 702,50 M.. E Horn 130,50 M.. Pichatzeck 48 M.. Tschabran 40 M.. Temvophon 43 50 Mark. Fischer». Co. 82,50 M., H. Breuer 70,20 M,. Telschow 133,50 M-, Preuß-Etralau 41 M.. Weiler Aiasch.-Fabr. 20 M,, Motorpflug W. Herkules 57,50 M., Ullstein(Druckerei) 142 M.. Reichsdruckcrei 1484,60 M., Massay Hawies 115,5V M., Dietrich 74 50 M., Scherl 424 M., Dübrings Pat.-Masch. 52 M. Im oa'nien der Betrag von 3676,80 M. Wir bitten, noch ausstehende Listen der einzelnen Betriebe wenn möglich bis Sonnabeno, den 3 Juli 1920, in unserem Bureau Engelufcr 15, Z. 59. 3 Tr., „Ön 9— 5 Uhr. per Post an unseren Kassierer E. Matuschke(die- selbe Adresse) zu senden. Für die Spenden herzlichen Dank. Arbeitnehmerverband des Friseur- und Haargewerbcs, Zweig- verein Eroß-Berlin.'' Deutscher Werkmeisterverband. Bezirk Charlottenburg. Frei- tag: Generalversammlung. Zur Erhöhung der Höchstmieten In den nächsten Tagen wird, wie das„Berl. Tageblatt" er- fährt, der Ausstyuß des Wohnungsverbandes zusammentreten, um über eine Erhöhung der Hoch st mieten zu beschlie- Ken. Das Blatt meint,„eine mäßige Erhöhung dürfte der ge- steigerten Unkosten wegen als gerechtfertigt anerkannt werden. Wenn jedoch, wie verschiedentlrche Presseausfuhrunaen der letzten Zeit beweisen, in der Aiieterschaft lebhafte Befürchtungen über den Grad der Erhöhung der Miete durch den Wohnungs- verband bestehen, so sei darauf hingewiesen, daß die Kommunal- ausiiaitsbehörde gegen nicht gerechtfertigte Be- schlösse auf Grund des Z 4 Absatz 7 und§ 7 Absatz 9 Schlußsatz der Verordnung vom 9. Dezember 1919 außerordentliche Machtmittel in der Hand hat. Faßt der Ausschuß des Woh- nungsverbandes BestMüsse, die nach Lage de: Verhältnisse als nicht gerechtfertigt anerkannt werden können, so wird er nicht wieder mit der Festsetzung der Höchstgrenze betraut werden. In diesem Falle wird vielmebr gegen der erneuten Hochstmieten- belchluß des Wohnungsvsrbandes mit der Maßgabe Einspruch erhoben werden, daß es vorläufig bei der alten Höchstgrenze zu verbleiben hat. Dem am 1. Oktober d. I. an die Stelle des Wohnungsverbandcs. tretenden Magistrat Eroß-Berlin würde dann die Aufgabe zufallen, über die Abänderung der Höchst- grenze zu beschließen." Die Mieter werden gut acht geben müssen, daß ihnen nicht auf Grund„gcreckitfertigtcr" Beschlüsse eine anständige Miet- steigerung aufgehalst wird. Die Hausbesitzerorganisationen sind sehr rührig, um eine Aenderung der bestehenden Hochstmieten- Verordnung durchzudrücken. Die erste Sradtverornnetenversnmittlung Grost-Bcriins. Die konstituierende Stadtverordnetenversammlung von Groß- Berlin findet in ihrer ersten Sitzung Ansang Juli eine große Arbeit vor. Es muß zunächst die Geschäftsordnung vorberaten werden, ferner müssen Wahlen vorbereitet und Kommissionen sowie Ausschüsse gewählt und die Termine für die nächsten Tagungen festgesetzt werden. Die neue Stndrverordnetenver- sammlung kann nach dem Gesetz nur einen ersten Stadtverord- netenvorfteher wählen. Zwei gleichberechtigte Stadtverordneten- Vorsteher, wie bisher, sind nicht wählbar, wohl aber können zwei. auch drei Stelloertretcr gewählt werden. Durch die Schaffung von Groß-Beriin werden mit dem 1. Oktober verschiedene Zweck- verbände in die Stadtgemeinde aufgehen, so unter anderen der Leoensmittelverband, der Verband Groß-Berlin, der Kohlen- und Wohnuimsverband, der Kommunaloerband, mehrere Kana- lisations- und Wasserverbände. Neu zu regeln sind die Befug- nisse der Landesversicherungsanstalt Berlin, der städtischen Fcuersozietät, der Feuerwehren, der Polizeivcrwaltungen und des Nettungswefens. Die Bezirksverordneten der Stadt Berlin. Der Kreiswahlausschuß für die Berliner Wahlkreise 1 bis 6 hielt eine Sitzung ab. in der die Zahl der dort gewählten �..adtverordneten und im Anschluß hieran die Zusammensetzung der sechs Berliner Bezirksversammlungen festgestellt wurde. Im �enoeren Berlin sind auf Grund der Krcisli'ten 93 Stadtverord- nete gewählt, und zwar: 48 ASP.. 17 SPD., 4 Demokraten. 15 Deutsche und 9 Deutschnationale Bolksparteilcr. In Berlin selbst haben also die Unabhängigen alle in die Mehrheit. Recht bemerkenswert sind auch die Ergebnisse der Bezirksverordnetenwahlen. Hier ergibt sich fol- gendes Bild: Wahltreis Berlin 1 tzd » 3 t .. 6 Eiiltige Stimmen III 593 120 516 156 049 137 503 147 694 168 043 IlSP. SPD. 16 16 28 21 24 17 7 0 7 8 8 9 Dem. 4 4 1 3 2 2 Ztr. DPP. Dnat. Wirt. Die Unabhängigen und Sozialdemokraten haben demnach in 5 von den 6 Berliner Bezirksversammlungen die Mthrhcit, die Bürgerlichen nur in Berlin-Tiergarten eine Mahrheit von nur einer Stimme. Die Unabhängigen ollein haben in den Bezirken Wedding und Friedrichshain die Meyrheit. Kleinhaussiedlungen auf dem Tempelhofer Feld Die Tempelhofer Gemeindevertretung wird sich in ihrer Heu- tigen Sitzung mit einer Vorlage des Gemeindeoorstandes über ®,e®* r i ch t u n g von Kriegerhcimstätten auf dem westlichen Tempelhofer Feld und die dadurch bedingte wcsent- i'C®iln9 065 Kaurnreises von 72 auf IV Millionen »nfcV w r-JTn,v?a,'te 1010 vom Militärfiskus festgesetzte Ä. � Millionen für das 150 Hektar"" liche �.emgclhofet Feld, den vie Gemeinde große weft- Tempelhof damals im Wettbewerb gegen die Stadt Verlin zahlen mußte, war vo« der Rücksicht darauf diktiert, worden, daß aus dem Millionen-> erlös dringend notwendige neue Truppenübungsplätze angelegt werden sollten. Dieser Zweck ist mit der EntMilitarisierung Deutschlands hinfällig geworden. Der Tempelhofer Gemeinde» vorstand hat jetzt den Nachtragsvertrag mit dem Reichsschatz» Ministerium abgeschlossen. Die Mitte und der südliche Teil des Feldes soll dem Flachbau zugewiesen werden, insbesondere ist an die Errichtung von Kricgerheimstätten gedacht, die durch eine gemeinnützige Tempelhofer Heimstättengesellschaft m. o. H. ge» baut werden sollen. V>iese Heimstättcngefellschaft wird mit einem Kapital von 5 Millionen Mark vom preußischen Fiskus, dem Wohnungsocrband. dem Kresse Teltow und der Gemeinde Tempelhof mit einer Beteiligung von je 1'» Millionen ge» gründet werden. Die Verwertung des Hochbaugeländes ver» bleibt der Tempelhofer-Feld-Akt.-Ges. Das Schöneberger Wohnungsamt und Mieteinigungsamt bleibt in der Zeit vom 2. bis 6. Juli für den Verkehr mit dem Publikum aus dienstlichen Gründen geschlossen. Nur die Ab- teilung, der die polizeilichen Anmeldungen vorzulegen sind, bleibt geöffnet. Eine große öffentliche Kundgebung der Studierenden der Universität Berlin gegen„Die Not der Studierenden und Akademiker" beginnt am Freitag, den 2. Juli 1920, im Aulagebäude(gegenüber der Universität) um 8 Uhr abends. Interessenten aus allen Kreisen sind zugleich hierdurch zur Teilnahme aufgefordert und erhalten auf Wunsch auch vor» her. Karten beim Ausschuß der Studentenschaft. Zwei Personen verbrannt. Eine folgenickiw-re Benzinexplosion, der zwei Menschenleben zum Opfer fielen, ereignete siib gestern nachmittag in dem Hause Magazinstraße 1— 2 in Egarlottenburg. In den, Äutomooüjchuvpen des Kaufmanns �anne» sollte die Brennstosfleitung eines Kraziwagens durch einen Sauerstoff- apparat gereinigt werden. Während der Äe».,er und zwei Schlosser an dem Wagen beschäftigt waren, zündete sich einer der Arbeiter eine Zigarre an. Vermutlich geriet dade, ein Feuer- funken in den Behälter, so daß es plötzlich eine Explosion mit einer weit hörbaren �etonanon gao und der ganze Schupven wenige Sekunden später in bellen Flammen stand. Die Charlot- tenburger Feuerwehr traf bald an der Unglücksstelle ein und fand in dem brennenden Schuppen zwischen den Trümmern die drei Männer und eine Frau mit schweren Brandwunden am Boden liegen. Nur ein Nkann und die Frau gaben noch Lebenszeichen von sich, während die andern bereits den Vcrbrennungstod ge- funden hatten. Die Toten wurden als der Kaufmann und Be- sitzer I a n n e ck und der Schlosser August K c i t s ch aus Tempel- Hof fcstgrstellt�. Die schwerverlegre orau konnte von Samaritern der Feuerwehr wieder ins Bewußtsein zurückgermen werden llnd gab an die Frau des Besitzer Ianneck zu sein. Sie wurde dann mit dem gleichfalls schwerverletzten Sch.o»er Otto Schröder nach dem Krankenhaus Westend geschalst. Die genaue Ursache des Unglücks steht noch nicht fest. Voraussichtliches Wette: in Berlin und Umgegend am Frei: tag: Zunächst vielfach heiter, am Tage wieder etwas wäriner, beimäßigcn südlichen Winden. Nachher neue Zunahme der Ve- wölkung und Gewitterneigung. Aus den Organisationen g. Dkstrikt. Die gesamte Agitationskomission wird eingeladen bei Rätsch Freitag 7 Uhr. 9. Distrikt. Die Mitglieder der politischen Kommissionen treffen sich am Freitag abends 7 Uhr bei Paul Rößler, Wins« straße 12. 12. Distrikt. 3. Abt. Freitag, 7 Uhr Versammlung in der Aula Senefelder Str. 6. Tagesordnung: Zwangswirtschaft, freier Handel und Konsumgenossenschaft. Lichtenberg. Lanvagitationskommission. Freitag abends 6 Uhr bei' Albrecht, Neue Bahnhofstr. 2. Erscheinen aller Genossen dringend geboten. Iii. Distrilt. Donneistag 7 Uhr, Sitzung der Pildungslornmissurn bei Karfc Oldendurger Straße 10. 17. Dtltrtlt. greitag 6M Uhr, außerordentliche Distiitts-Eeneralversammlnng in den Pharus-Sälen, Miillerftr. 126. Tagesordnung: 1.„Worum tritt die ll. S. P. nicht in die Regierung ein?" und„Die wirtschaftliche Lage in Deutschland." 2. Stellung zur Perbands-Eeueraloersammlung. Z. Wahl der Delegierten zur Verbands-Eeneraloeriammiung. Charlottenburg.' greitag, den 2. Juli, abends 7 Uhr, Sitzung der politl» schen und kommunalen Kommission im Rathaus, Sitzungszimmer l. Verewskalender Bund der technischen Angestellten und Beamten. Vertrauens» männeroersammlung in den Musiker-Festsälen. Kaiser-Wilbelm- Str. 31, Freitag 7 Uhr.— Mitgliederversammlungen: Neuköllni, im Restaurant Bürgersäle, Bergstr. 147, Freitag 7 Uhr.— Potsdam im Restaurant zum Mühlcnpark, Babelsberger Str., Freitag 8 Uhr.— Schöneberg, im Hotel Ebershof, Ebcrsstr. 68, Freitag 7ib Uhr.— Zentrum-Süden im Restaurant Alexandriner. Alexandrinenstr. 37, Freitag ly, Uhr. Eingegangene Schriften Am Merk! Protokoll der 1. internationalen Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen Süd-Ost-Europas in Wien um 16. und 17. Mai 1920. Flugschristen zur Jugendinternatia- nale Nr. 2. Verlag der„Kommunistischen Jugend". Wien 9. � Georg Wismann: Entstehung und Entwicklung des deut- schen Knappschastswesens bis zum Jahre 1920. Herausgegeben im Austrage des Derbandsvorstandes des Verbandes der Berg- arbeiter Deutschlands. pnv. Annahme in allen Speditionen des Verlages Kleine Anzeigen Geschäftsstelle: Derlin E L, Vrcitestr. 8sO Das Treberfchriftsniort 2.—?NK.» jedes weitere Wort im Dext 1,50 SNK. netto. StoUnngsgesuchc: Ueberschr!fto«»ort 1.50 SNK.» jedes weitere Wort im Text 1.— SNK« ! Verkäufe i«tt««MMi»lWv»ii«L«!-t, Froettanzuge, Sommer- ?ole!0ts, chummlmontel, Hosen kaufen Sie am billigsten im Leih- saus Rosenberg, ütosenthalrr Straße 14. snechrcre Iaekettanzlige, Seheoebanzüge, Cutainaijanziiff. Zmokinganzug. Iimglingsa»- une, JLnglingsn>änte>, inott- liiliil, Vftisnirgefchäft, Otritchlin* Iraße 0,_____, 300 Mark und rieht sparen die beim Kauf von Iaeiiett- inziigen, Cutaivans, Polelots, tpftmrun, Mllnleln. Tondee- ingeoot von Pelzmoten oller Krt, setzt ouffnllend billig, im .'eihhous Moritzploß öbo._ Wcrosse Luft, Reicheuberger Str. 16 vorn I, direkt om Kot:. »iser Tor. 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