Einzelpreis 30 Pfg. 3. Jahrgang Donnerstag, den 12. August 1920 Nummer 326 • Die Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags wur einmal. Der Bezugspreis beträgt bet freier Buftellung ins Haus für Groß- Berlin 10,-. im voraus zahlbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 m. Für Poft bezug nehmen fämtliche Bostanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und Desterreich 16,50 m., für das übrige Ausland 21,50 m. zuzüglich Baluta- Aufschlag, per Brief für Deutschland und Defterreich 30,-. Redaktion, Expedition und Berlag: Berlin C&, Brette Straße 8-9. Morgen- Ausgabe Die achtgespaltene Monpareilleseile oder beren Raum koftet 5,- M. einschließlich Teuerungszuschlag. Kleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2, M., febes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien Anzeigen und Stellen- Gefuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen Gesuchs Wort Anzeigen: bas fettgedruckte Wort 1,50 m., jebes weitere Wort 1,- M Serafprecher: Bentrum 2030, 2645, 4516 4603, 4635, 4649, 4821 greiheit Berliner Organ Der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands Die Hoffnung der Entente General Wrangel als Retter ( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) Kopenhagen, 11. August. In der„ Prawda" spricht Meschtscherjatom über die Bernichtung der polnischen Magnatenherrschaft und weist auf die Hauptursachen des russischen Erfolges hin. Den Sieg verdante das russische Bolt in erster Linie dem Enthusiasmus im Kampfe gegen den niederträchtigen Ueberfall der polnischen Magnaten. Die Zahl an Kommunisten, die das ZentralKomitee der Partei stellen mußte, wurde sehr rasch erreicht, ja es meldeten sich sogar anderthalbmal mehr Freiwillige, als die erforderlichen 100 000 Mann. Meschtscherjakow weist dann auf die große vom Süden her brohende Gefahr durch den General Wrangel hin. Dieser habe die Tatsache ausgenugt, daß alle Kräfte an die polnische Front geworfen waren. Mit Hilfe der Entente schuf er seine Armee, bewaffnete sie vorzüglich und machte einen Ausfall aus der Krim. Wrangel sei der allerreaktionärste von allen weißgardistischen Generälen. Er werde der„ Chan" der Krim genannt. Seine rechte Hand in den Verwaltungsangelegenheiten ist der frühere zaristische Minister Kriwoschein, jein geistiger Führer der bekannte Führer der Reaktion Schulgin. Wrangel will die zaristische Selbstherrschaft, die Macht der Großgrundbesizer, der Bourgeoisie und der Generale wieder herstellen. Er habe schon ein Gesez veröffentlicht, wonach das Land, das die Bauern sich nach der Ottoberrevolution angeeignet haben, den Großgrundbesizern zurüdgegeben werden soll. Eine große neue Gefahr schwebe über den russischen Arbeitern und Bauern. Deshalb sei zur Abwehr der Wrangelbanden derselbe Enthusiasmus und dieselbe Begeisterung notwendig wie beim Kampf gegen die polnischen Magnaten. ,, Ein Strom von kommunistischen Freiwilligen muß an die Südfront", fährt Meschtscherjatow fort- bas Zentral- Komitee muß sofort eine genügende Anzahl von Kommunisten stellen. Die Arbeiter und Bauern müssen über Wrangel und seine Ziele sofort aufgeklärt werden. Wenn die Bauern und Arbeiter verstehen werden, worum es sich handelt, so erhalten wir von ihnen neue Freiwillige, die zusammen mit den Kommunisten die ganze Armee zu Heldentaten entflamen werden. Dann wird Wrangel rasch und endgültig vernichtet sein." Die russische Regierung wendet sich gegen die Breffenachrichten, daß Brussilo w Oberbefehlshaber an der polnischen Front sei. Die polnische Front zerfalle in zwei Armeegruppen, in eine westliche und eine südwestliche. Mit der Führung der südwestlichen Gruppe sei der 27jährige ehemalige Leutnant der Zarenarmee, Genosse Tuchatschewsti, betraut. Die Führung im westlichen Abschnitt liege in den Händen des Genossen Segunow. Paris, 11. Auguft( Savas). Die französische Regierung beschloß, angesichts der militäri schen Erfolge, der festen Stellung der Regierung des Generals Wrangel und der erhaltenen Versicherungen bezüglich der demokratischen Form der Verwaltung als staatliche Regierung von Südrußland anzuerkennen. Ein französischer diplomatischer Vertreter wird nach Sebastopol mit dem Titel eines hohen Kommissars geschickt werden. Die Entente wird mit General Wrangel denselben Reinfall erleben, wie mit Koltschat, Denitin, Judenitsch und all den anderen zaristischen Verschwörern. Pflicht der englischen und französischen Arbeiter wird es aber sein, die Transporte nach der Krim zur Unterstützung des Wrangelschen Abenteuers zu unterbinden. Je schneller das Unternehmen zusammenbricht, besto cher wird in Europa der Friede einkehren. Die russischen Friedensbedingungen In Ergänzung unserer geftrigen Mitteilung teilen wir laut Daily Herald" den Wortlaut der von Lloyd George im Unterhause bekanntgegebenen russischen Waffenstillstands bedingungen für Polen mit. Sie lauten: Die polnische Armee darf in Zukunft fein höheres Jahrestortingent als 50 000 Mann haben. Der polnische Generalstab, sämtliche Offiziere und alle Verwaltungsbeamte dürfen zusammen höchstens 10 000 Mann start sein. Die polnische Armee wird sofort nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes demobilisiert. Alle Waffen und Munition, die für die Armee nicht erforderlich find, werden an Sowjetrußland und die Utraine ausgeliefert. Die Waffen- und Munitionsindustrie wird sofort stillgelegt. Weder Waffen noch Kriegsmaterial darf aus dem Auslande nach Bolen eingeführt werden. Die Eisenbahn Wolfowist- Bialystok- Grajewo wird Rußland zum Zwecke des Handelsaustausches von und nach der Ostsee zur Verfügung gestellt. Die Familien aller in diesem Kriege verwundeten oder gefallenen Soldaten erhalten vom Staate Land. Gleichzeitig mit der Demobilisierung des polnischen Heeres ziehen fich die russischen und ukrainischen Truppen aus Polen zurüd. Die polnische Armee zicht sich 50 Werst hinter die in der Note Lorb Curzons vom 20. Juli bezeichnete Waffenstillstandslinie zurüd. Die endgültige Grenze des zukünftigen unabhängigen polnischen Staates wird ungefähr dieselbe sein, die in der gleichen Note feftgelegt worden ist, jedoch soll Bolen besonders im Osten neues Gebiet erhalten, hauptsächlich in der Gegen von Bialystok und Cholm. Die Lage Leichte Entspannung in England Amsterdam, 11. Auguft. Dem„ Telegraaf zufolge find die englischen Blätter in ihren Artikeln über die Rede Lloyd Georges optimistisch gestimmt. Sie nennen die russischen Friedensbedingungen zwar streng, halten fie aber für eine geeignete Grundlage, auf ber ehrliche Friedensverhandlungen geführt werden könnten. Au gemein wird die Hoffnung ausgesprochen, daß eine Einigung zustande tom men möge und eine endgiltige Regelung der europäischen Fragen an einem Konferenztisch, an dem die Alliierten, Rußland und die anderen Staaten ihre Pläge haben. Times" lobt die Darlegung Lloyd Georges und nennt seine Berteidigung des Standpunktes ber Alliierten offen und flat. Das Blatt gibt zu, daß Sowjetrußland das Recht habe, Bürgschaften zu verlangen, um gegen die Möglichkeit eines neuen polnischen An griffes geschützt zu sein, fügt jedoch hinzu: Rußland hat aber fein Recht, das freie und unabhängige Bolen von der Erde zu vertilgen. Lloyd George als Vermittler Amsterdam, 11. Auguft. Nach Berlefung ber bolschewistischen Friedensbedingungen im Unterhause bemerkte Lloyd George: Sofort nach Empfang der Bedingungen habe ich die Note Frankreich und Italien zur Kennt nis gebracht. Wir haben der polnischen Regierung unsere ersten Einbrüde mitgeteilt. Ich halte es aber nicht für angebracht, darüber hinaus weitere Bemerkungen zu machen, da dies bedeuten würde, daß wir der polnischen Regierung die Verhandlungen aus der Hand nehmen. Ich bin aber der Meinung, daß eine neue 2age entstanden ist. Rotterdam, 11. Auguft. Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet aus London: Bei dem Empfange der Arbeiterabordnung durch Lloyd George wurde bie Frage an ihm gerichtet, ob es eine Verlegung der von den russischen Delegierten übernommenen Verpflichtungen darstellen würde, wenn Kamenew Besprechungen mit der englischen Arbeiter: abordnung über den polnischen Frieden, sowie Besprechungen mit polnischen Vertretern haben würde. Lloyd George wies darauf hin, daß Kamenew und Krassin nach London zugelassen seien, auf die bestimmte Versicherung hin, daß fie feine Propaganda treiben würden. Es würden deshalb Schwierigteiten entstehen, wenn ihnen die Regierung jegt erlaube, sich mit politischen Parteien in Berbindung zu sehen. Die Russen würden vollständig als diplomatische Vertreter behandelt und solche Vertreter würden niemals daran denken, Vertreter einer politischen Partei des Landes, wo fie fich befinden, zu empfangen. Im übrigen erklärte Lloyd George, daß er den Wunsch der Deputation, für den Frieden zu wirken, zu würdigen wisse. Er sagte, er würde teine Bedenken dagegen haben, wenn die Abordnung ihre Ideen schriftlich zur Kenntnis Kamenews brächte. Der ruffische Heeresbericht ( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) Kopenhagen, 10. August. Der russische Seeresbericht vom 10. meldet: In der Richtung Novo- Georgiewit erreichten wir nach hartnädigen Rämpfen einige Ortschaften 10 Werft östlich von Matow. Beiderseits bes Bug rüden unsere Truppen, den feindlichen Widerstand brechend, vor. Sie erreichten fämpfend eine Reihe von Ortschaften wests lich des Bug. Am 9. August befegten wir Biala. Wir fämpfen um den Besitz von Wlodawa. Jm Abschnitt Konst überwestlichen Ufer des Flusses. Nordwestlich von Brody warfen schritten wir den Bug an der Bahnstrecke und fämpfen auf dem wir die Polen zur Ortschaft Radziwillow zurüd. Am Se rethfluß fämpfen unsere Truppen um den Besitz der Stadt Butschatsch. Auf der ganzen Krimfront finden für uns gün ftige Rämpfe ftatt. Mlawa genommen! Königsberg, 11. Auguft. Ueber die Lage auf dem russisch- polnischen Kriegsschauplay an der Grenze Ostpreußens wird hier berichtet: Mlawa ist endgültig von den Bolsche wisten genommen. Die Polen haben sich auf Solbau zurügezogen, in dessen Umgebung fie Befestigungen ausheben. Finnland mobilisiert HN. London, 11. Auguft. Daily Telegraph meldet, daß ble finnische Regierung die a II. gemeine Mobilisation angeordnet hat. Die Eisenbahnverbindung zwischen Wiborg und dem übrigen Teil des Landes ift abgebrochen. Wahrscheinlich wird diese Mobilisation nur bezwecken, ür alle Gefahren gerüftet au sein. Weitere Nachrichten fiehe Seite 2.) Der Boykott gegen Ungarn Aus Wien wird uns geschrieben: Der Internationale Gewerkschaftsbund hat den Beschluß gefaßt, den über Ungarn verhängten Bontott aufzu heben. Der Bontott sette am 20. Juni ein und wird abs gebrochen, ohne sein Ziel voll erreicht zu haben. Das offen auszusprechen, ist sehr wichtig. Der Bontott sollte das System des weißen Terrors stürzen und die politischen und wirts schaftlichen Freiheiten für die ungarische Arbeiterklasse wiederherstellen. Seine Kraft genügte aber dazu nicht, hauptsächlich darum, weil der Boykott gewissenhaft und lüdenlos nur von dem notleidenden Proletariat Deutschösterreichs ausgeführt wurde, von den anderen Grenzländern Ungarns dagegen, vor allem der Tschechos Iowakei, vom Proletariat wie von der Regierung. nicht mit diesem Nachdrud geführt wurde, der allein den Erfolg sicherstellen konnte. Während Desterreichs und Wiens Proletariat tatsächlich jeden Verkehr unterbunden hat und die ganze Wucht des ungarischen Gegenboy fotts zu tragen hatte, was bei der darbenden Wiener Bevölkerung ein Opfer ohnegleichen war, während die Wiener Arbeiterbevölkerung, um den ungarischen Brüdern zu helfen, auf billiges Obst und Gemüse freiwillig verzichtete und mit ihrer ganzen Macht die staatlichen Behörden dazu zwang, alles zu unterlassen, was eine Erleichterung für Ungarn bedeuten würde, fonnte die ungarische Regierung ihren Nachrichtenverkehr über Prag und Preßburg bes forgen und bei der in der Slowatei liegenden Grenzstation gingen unbehindert große Transporte von Grüs benholz, Salz und Rotationspapier nach Ungarn, deren Auss bleiben innerhalb eines Monats die Terrorregierung zur Kapitulation gezwungen hätte. Die Entbehrungen der Tschechoslowakei, welche nicht einmal dazu bewogen werden Wiener Bevölkerung, der Durchbruch des Boykotts in der tonnte, die nach Ungarn nicht gelieferte Kohle Wien zur Verfügung zu stellen, dessen Elektrizitätswert seine Kohle aus dem auf ungarischem Boden liegenden Werk 311. lingsdorf bezog und durch den Gegenboykott von seiner Kohle abgesperrt wurde, die ungeheure He ze, die die ganze österreichische Horthypresse entfaltete, die Ent mutigung, die durch das Gefühl der Vereinsamung die sich der deutsch österreichischen Arbeiterschaft bezüglich des Boytotts bemäch tigte, ließen teine andere Lösung übrig, als den Bontott a ba zubrechen Auch eine Erklärung des Obersten Weg dwood, der ber Borsigende der nach Ungarn entsandten britischen Arbeiterbelegation" war und sich prinzipiell gegen den Boykott wandte, hat viel dazu beigetragen, um die Stimmung für die Einstellung des Boykotts herbeizuführen. Wenn er sein Ziel nicht ganz erfüllen konnte, so wäre es trotzdem ein großer Irrtum anzunehmen, daß er wir fungslos war und daß der Boykott als eine Waffe der internationalen Politik des Proletariats nicht angewendet werden kann. Der Boykott hat Ungarn einen großen Scha ben zugefügt und hat dazu beigetragen, daß die Aufmerksam feit der ganzen Welt auf die Zustände Ungarns gelentt wurde. Es hat die bäuerliche Bevölkerung durch die Sperrung der Obst- und Gemüseausfuhr und eine Sen kung der Preise zu den leidtragenden des heutigen Systems gemacht, er hat sie belehrt, daß sie für die Kosten der Terro riftenherrschaft aufzukommen haben. Das alles hat die poli tische Unzufriedenheit der Bauernschaft gegen das heutige System gestärkt. Der Boykott hat das Gefühl der Verlassenheit, der Vereinsamung der ungarischen Arbeiterschaft behoben. Er gab ihr das Gefühl, daß fie trotz ihrer heutigen Ohnmacht, ein Glied der Inter nationale der Arbeit ist und behob dadurch ihre Entmutis gung. Die Arbeiter führen heute in Ungarn eine mutigere Sprache, als vor dem Bontott. Nach verläßlichen Berichten haben die freien Gewerkschaften fehr viele neue Mit glieder gewonnen und die chriftlichen Gewerkschaften haben infolge des Boykots ihre spärlichen Mitglieder zum großen Teile eingebüßt. Wenn man noch in Betracht zieht, daß die Senkung der Preise hauptsächlich den Arbei tern zugute fam und diese auf Kosten der reaktionären Kreise herbeigeführte Besserung ihrer Lage auch zur Hebung ber Stimmung beitragen mußte, so fann man feststellen, daß das ungarische Proletariat bei dem Boykott nicht schlecht gefahren ift. Die terrorfeindlichen Kräfte in Ungarn haben durch den Bontott an Einfluß und Zuversicht gewonnen und wenn eine Hilfe von außen nicht kommt, dann ist nur mit einer allmäh lichen Sinüberleitung der blutigen Konterrevolution in ge Jegliche Bahnen zu rechnen und dann sind eben solche Teilerfolge auch von Wert. Diese Hilfe von außen hätte in einer von der Entente durchgeführten Entwaffnung des konterrevolutionären Militärs bestan den; die neueste Wendung der Ententepolitik, welche Ungarn als Vortrupp gegen die Sowjetmacht verwenden will, be deutet aber feine Entwaffnung, sondern Aufrüstung des fonterrevolutionären Ungarns. Die andere Art der Hilfe von außen sind die militärischen Kräfte der Sowjetrepublit. Wenn die nicht eingreifen fönnen oder wollen, wird das Broletariat Ungarns noch lange das Joch der Konterrevolu tion tragen müssen, wenn auch eine allmähliche Ueberleitung in weniger blutige und vielleicht weniger grausame Metho ben nicht ganz ausgeschlossen ist. Das Proletariat hat zum ersten Male mit dem Boykott über Ungarn diese internationale Waffe angewendet. Es wäre weit verfehlt, aus dem Ausbleiben des vollen Erfolges den Schluß zu ziehen, daß diese Waffe unbrauchbar sei. Wie«in Streik, der an der ungenügenden Organisiertheit der Arbeiterschaft scheitert, nichts gegen die Waffe des Streiks aussagt, so ist die Lehre dieses ersten internationalen Boy- kotts vielmehr die, daß der Ecbrauch dieser Waffe noch sehr v e r v o l l k o m m n e t werden muß..Eine der Voraus- setzungen ist die größere Stärke des internationalen Gefühls, eine straffere Zusammenfassung der den Wirtschaftskrieg führenden Kräfte und eine bessere Vorbereitung, wie diesmal möglich war. Aber die verhältnismäßig kurze Dauer, denn ein Boykott muß, um alle seine Wirkungen entfalten zu können, monatelang dauern, hat auch gezeigt, daß diese Waffe sogar in dieser unvollkommenen Art und gegen ein Land angewendet, welches in dem Weltverkehr noch sehr wenig verflochten ist, denn Ungarn kam eigentlich aus dem Zustande der Blockade feit 1915 gar nicht hinaus, sine fürchterliche Waffe ist. Eben weil er eine der schärf- sten Waffen in der Hand des Weltproletariats fein kann, wenn fein Gebrauch ausgebaut und vorbereitet ist, muß und kann man freimütig über diesen erston Versuch sprechen um die nötigen Lehren daraus zu ziehen, wie er künftig mit einem durchschlagenderen Erfolge angewendet werden soll. Die deutsche Schuld am Mißerfolg Herr Lindow und der Verbindungsmann Wir gaben die Wiener Meldung der„Roten Fahne" wieder, worin gesagt wurde, die geringe und schlappe Beteiligung der deut- fche« Gewerkschaften trage die Schuld daran, daß der Boykott gegen llngani nicht zu einem durchgreifenden Erfolge führte. Wir forderten Erklärungen vom A. D. E. V., damit dieser Wtoerc Vorwurf nicht auf der deutschen Arbeiterschaft sitzen bleibe. Jetzt meldet sich im„Vorwärts" Karl Lindow vom Transport- arbeiterverband zum Wort, um Dinge oorzutragen. die als eine Bestätigung der erhobenen Anklag« wirken müßten, wenn für L - die Auslassung Lindows nicht der mildernde Umstand völliger Unzulänglichkeit gelten mußte. Herr Lindow ist vom Ab- bruch der Bewegung überrascht worden. Die Amsterdamer Internationale habe den Boykott schlecht organisiert. Räch der Veröffentlichung des Aufrufes habe man nichts mehr aus Amsterdam vernommen. Dann habe man in Deutschland— gewartet. Das heißt doch, dag man nichts getan hat. Lindow deutet an, daß man nicht gewußt habe, was man tu» solle, weil man von Amsterdam keine Parolen bekommen habe. Auch über die Wirkung des Boykotts habe man kein Wort gehört. Da man in Deutschland zu gut zentralistisch diszipliniert sei, konnte man der Streikleitung in Amsterdam nicht vorgreifen. Also konnte man keine selbständige Entschlüsse fassen. Zu allem übrigen Unglück sei auch noch der„internationale Verbindungsmann" des Deutschen Transportarbeiter-Berbandes in Genua gewesen. Und ohne ihn ging es nicht. In solchen Plaudereien gefällt sich Herr Lindow. Der Mann scheint sich der Bedeutung der ganzen Angelegenheit nicht be- wüßt zu sein. Die Arbeiterschaft Europas wartet auf Antwort auf die erhobene Anklage und der Mann trägt einen Schwatz vor, der eine Verhöhnung des gesamten Proletariats darstellt. Die Geständnisse des Herrn Lindow bedeuten, daß man im Deutschen Transportarbeiter-Perband den Aufruf von Amsterdam und die Aufforderung des A. D. G. B. zur Beteiligung der Deutschen tsiüin Boykott gehört hat, um dann die ganze Geschichte auf locsich beruhen zu lassen. Das ist das Unerhörte, was wir von Bureaukraten mit unbeweglichem Sitzfleisch bisher vernom- haben. Die Arbeiterschaft Europas über- nie» nimmt einen Kampf gegen die schli mjn st c Reaktion, die sc dagewesen ist, und der Deutsche Transporiarbeiter-Verband tut so, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Weil der Verbindungs- mann nicht da war und weil Herr Lindow und die Seinen nichts ohne strenge Anweisung der Streikleitung tun wollten! Da soll doch.....! Aber wir wollen nicht heftig werden. Wir wollen hoffen, daß wir Herrn Lindow nicht ernst zu nelfyien brauchen. Nachdem er aber selber das Belastungsmaterial gegen feine Orga- nisation, die bei dem Boykott mit im Vordertrejfen hätten stehen nriijsen, ungemein vermehrt hat, fordern wir nrit noch stärkerem Nachdruck eine sorgfältige Untersuchung des Falles durch den Gewerkfchaftsbund und«ine befriedigende Aufklärung über die Angelegenheit. Die Gewerkschaften in Horthy- Ungarn Die Berliner Verwaltung des Deutschen Metallarbeiterver- bandes veröffentlicht in der letzten Nummer ihrer. Wochenbetlage «inen Auszug aus einem Bericht des zweiten Sekretärs der Un- garischen Eewerkschaftskommission, Genossen K i r a l y. Genosse Kiraly gibt in dem ersten Teil seines Berichtes einen Ueberblick über die Entwicklung der ungarischen Gewerkschaften während des Krieges und der Revolutionsepochc. Ende 1017 be- trug die Zahl der gewerkschaftlich organifierren Arbeiter 100 000, sie veräppelte sich im Laufe des folgenden Jahres, erreichte während der Karolyi-Regierung eine halbe Million und schwoll drei Monate nach der Errichtung der Rätediktatur, Ende Juli 1S10, auf fünfviertel Millionen an. Roch dem Sturz der Rätedirtatur loste die konterrevolutionäre Regierung fast sämtliche Gewerkschaften. Angestellten- und Beamtenverbände auf. Im Ol- tober 1919 erschien eine Regierungsverordnung, die sämtliche nach dem 31. Oktober 1918 gegründeten Bereine und Ge- «erkschaften verbot und ihre Per mögen beschlagnahmte. Diesem Sturme der Gegenrevolution konnten nur die alten kämpf- erprobten Arbeitergewerkschaften standhalten. Di« weißgardistischen Offiziere machten«s sich zur Aufgab«, diese Gewertfchafien ebenfalls zu zerstören. Terrorifti,che Offiziere warben ch r i st l i ch- s o z i a l e A g e n t e n. die den Boden der freien Gewerkschaften unterm, meren sollten. Nachdem der Versuch, eine dem Horthyungarn genehme Gewerkschaftsbewegung zu schaffen, mißlungen war. wurden mit den Mitteln der brutalen Gewalt die Gewerkschaften zerfrort. Alle Funk- tionärc der Gewerkschaften. L-rdandssekretäre sowie bekannte Vertrauensleute wurden zu Hunderten totgeschlagen, ge- prügelt, eingesperrt oder inte r n i e r t. Nach einer Statistik der ungarischen Gewerlschaftszcntrale sitzen etwa 7 0 P r o- zentderEewerkschaftsfnnktionarc hinter Schloß und Riegel oder sind dem weißen-uerror auf andere Weise zum Opfer gefalle«. In der Provinz wurden fast alle Ortsgruppen und Zahlstellen aufgelöst, ihr Vermögen beschlag- «ahmt, die Bibliotheken verbrannt und die Lokale entweder demo- * llert oder zu irgendwelchen klerikalen Zwecken verwandt. Da«ine der ersten Handlungen der Konterevolution, die Ab- schaffung der Arbeitslosenunterstützung, das große Heer der ArebUslostn dein Elend preisgab, mußten die Eework- schcste» durch außerordentliche Unterstützungen helfend eingreife«. Das hatte zur Folge, daß die Eeldbestände aller Organisationen aufgebraucht wurden. Die Lage der«rbkiterschast ist geradezu trostlos geworden, wenn man bedenkt, daß in den einzelnen In- duftrien bis zu 50 Prozent Arbeitslose vorhanden find. Am Schlüsse seines Berichtes wendet sich Genosse Kiraly mit einem ergreifenden Hilferuf an das Proletariat der ganzen Welt und fordert für die schrecklich leidenden ungarischen Proletarier die geistige und materielle Hilfe der internationalen Arbeiterklasse. Im Anschluß an seinen Bericht gibt Genosse Kiraly die Schil- derungen eines Genossen wieder, dem es gelang, aus der ungari- schen Folterkammer zu entrinnen. Der Genosse zeigt an Hand von Einzelfällen, mit welch furchtbaren Martern die Opfer der ungarischen Heuler gepeinigt und zu Tode gequält werden. Viele dieser Opfer verfallen dem Wahnsinn. Mit allen möglichen Marterwerkzeugen, wie sie schrecklicher und grausamer im Zeitalter der Inquisition nicht angewandt wurden, arbeitet das„christliche" Banditentum, um jede sozialistische Regung spur- los auszurotten. Dos Ungarn, wie es heute ist. ist der Ideal- staat der deutschen Reaktion geworden. Die Arbeiterklasse kann daraus ersehen, welches Los ihr blühen würde, wenn diese Gesell- schaft bei uns ans Ruder käme und als Alleinherrscher die Ge- schicke des Volkes bestimmen könnte. Glückliche Putschisten Im sächsischen Vogtland hat letzter Woche der frühere Reich»- wehrostizier Be r g e r, der jetzt im Dienste einer Spitzclzentrale steht, einen sogenannten kommunistischen Putsch inszenieren wol- len. Er hatte sich einige gedankenlose Arbeiter gedungen, sie mit Waffen versehen und wollte sie gen Chemnitz führen. Flug- blatter mit gefälschtem Inhalt, Aufrufe zur Proklamicrung des „roten" Terrors, Organisationspläne für die Bildung einer„roten' Armee hatte er in großen Massen anfertigen lassen. Seine m i l i- tärischen Auftraggeber erlebten aber einen bösen Rein- fall. Sie gedachten schon im Stillen mit Kanonen und Maschinengewehren eine praktische Schießübung auf wehrlose Arbeiter veranstalten zu können, sie wollten das Vaterland wieder einmal vor dem„Umsturz" retten, den sie selber zu provozieren gedachten — Da wurde der Schwindel entdeckt, Berger in Haft gesetzt und Herr S e e ck t kam nicht in die Lage, billige Lorbeeren zu ernten. Aber gemach! Die schätzenswerte Kraft des Putschfabrikanten Berger durste seinen schwarzweißroten Auftraggebern nicht ver- loren gehen. Wir haben in Deutschland eine sogenannte Justiz, die für Gerechtigkeit sorgt. Und so geschah es denn, daß das Ge- richt in Klingenthal, allwo der Leutnant Berger in Haft saß, kurzerhand seine Freilassung anordnete, ohne die sächsische Regie- rung, die die Haft angeordnet hatte, zu befragen. Die Regierung, sichtlich betroffen, ob der Sabotage ihrer Richter, droht eine „strenge Untersuchung" an. Dabei wird natürlich nichts heraus- kommen. Wohl aber wird Borger seine Tätigkeit von neuem auf- nehmen. Er kann sich, sollte er wirklich verfolgt werden, eines falschen Namens bedienen, da ja die Reichswehr allen Spitzeln und Provokateuren, auch wenn sie, wie in Magdeburg, Zuhälter oder unter Polizeiaufsicht stehende Berussver- brecher sind, die notwendigen Ausweise besorgt. Glückliche Putschisten! Der Internattonale Gewerkschafts- Kongreß HR. Haag, 11. August. Der Sekretär des Internationalen Gewerkschaftsverbandes teilt in„ H e t Volk" nähere Einzelheiten über den Kongreß mit, der in der letzten Hälfte des November in Prüssel stattfinden soll. Mit Rücksicht auf die Wahlen in Amerika wird der Kongreß nicht am 8., sondern am 23. November zusammentreten. Auf der Tagesordnung steht an erster Stelle die Verteilung der Roh- stoffe für die Industrie. Die langsame Arbeit des Völkerbundes in bezug auf den Wiederaufbau Europa» wäre besonder» durch eine bessere Verteilung der Steinkohle zu fördern. Außerdem ist eine bessere Regelung des Transportwe'sens zu Wasser und zu Lande notwendig. Daher wird der Kongreß die S o z i a- lifierung der Erzeugungsmittel und der Welt- transportunternehmungen verlangen. Drittens wird der Kongreß sich mit der Valu tafrage beschäftigen, weil der niedrig« Stand der Wechselkurse einer der Hauptfaktoren der Arbeitslosigkeit ist. An vierter Stelle wird die Verfolgung der Arbeiterbewegung in den einzelnen Ländern be- handelt werden. In Griechenland. Spanien und teilweise auch in Italien und sogar/ in Frankreich wird die Arbeiterbewegung von neuem unterdrückt, weil die befitzende Klasse es be- dauert, den Arbeitern seinerzeit, während des Krieges Zugestand- Nisse gemacht zu haben. Der internationale Gewerkschafts- kongreß wird sich daher mit einigen internationalen Bureaus verständigen, um Mittel zur Bekämpfung der Reaktion ausfindig zu machen. Zur Förderung der Sozialifierung der Be- triebe im allgemeinen wird der Kongreß ein Programm aufstellen, das für die sofortige Durchführung in Betracht kommen kann. Frankreich im Saargebiet , Frankfurt a. M., 11. August. Der Frankfurter Zeitung zufolge hat sich im Saar gebiet die Lage dura) vre drakonischen Maßnahmen der Regierungskom- mission noch verfaiarft. Nachdem auch die Bergleute den Streik beschlossen haben, erwartet man nunmehr den Beginn des G e- neralstreiks. Die Besatzungstruppen werden an- dauernd verstärkt._ Die Haussuchungen bei verdächtigen Personen werden fortgeie-zt Die„Eaarbrücker Zeitung", die ..Saarbrücker Landeszertung. d,e„Volksstimme", die„Volklinger biachrichten" und andere Zeitungen wurden für vier Wochen ver- «-I. ff.. ♦mirVlÄ*»•Ision durch eine wirklich neutrale erse-ien werde, da die jetzige Kom- Mission nur französische Annex, onspolitik treibe. PPR. Saarbrücken, 1«. August. Die französische Besatzungsbehörde hat den streikenden Beam- ten anbefohlen. Dienst zu tun. Alle Beamten, die sich weigern. sollen verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Viele sind flüchtig. Die Arbeiter der Post-, Telegraphie und Eisenbahn haben sich mit den übrigen Beamten solidarisch er- klärt und sind in den Streik eingetreten. Durch das französische Militär werden weitere Verhaftungen vorgenommen. Es sollen verschiedentlich Mißhandlungen der Verhafteten vorgekommen sein. Kavallerie und Jnfauterie vor! SNaiitz, 11. August. lieber den Streik im Saargebiet wird direkt aus Saar- brücken belichtet: Bisher ist die Stadt vollständig ruhig gewesen. Französische BesatzuugStruppen durchziehen in großen Tau kS und Panzorautos in großen Trnpps init Kavallerie, Infanterie und Maschinengewehren die Stadt. Die Eisenbahner sind requiriert wordeu. Diejenigen, die nicht zum Dienst«rschienon. wurden in ihrer Wohnung aufgesucht, es wurden sehr wenige vorgefunden. Immer» hin ist eS den französischen Behörden gelungen, einige Kohlen- zöge zusammenzustellen: auch die internationalen Erpreßzüge fahren. Der Post-, Telegraphen- und Telephon« dienst ruht immer noch vollständig. Di» Bergwerksbeamlea, die Sonntag dem Sireik steig, trrtco wäre», kehrte» Montag an ihre Arbeitsstätten zurück. Im Laufe der Sonntags wurden verschieden« Verhaftungen in Verbindung mit dem angeblichen Komplott vorgenommen. Im Saargebiet erscheint nur noch die sozialdcmo« kralische Volksstimmc. * Das von Foch regierte Frankreich kopiert im Saargebiet sehe schlecht und mit starker Uebemeibung die deutschen Herrschaftsmethoden in Elsaß-Lothringen. Wenn die Herren Frankreichs glauben sollten, das Saargebiet in der fünfzehnjährigen Be- satzungsperiodc abstimmungsreif zu machen, so dürfte ihnen einst dortselbft die gleich« wohlverdiente Enttäuschung blühen, die das wilhelminische Säbeldeutschland in Lothringen immer wieder erlebt hat. Dr. Wirth über die Finanzlage HR. Paris, 11. August. „I o u r n a 1" bringt eine Unterredung mit Finanzministcr Dr. W i r t h, der sich ausführlich über die wirtschaftliche Lage Deutsch- lands und die Haltung der deutschen Arbeiterschaft inbezug auf die bevorstehende Genfer Konferenz äußerte. Er sazte, die deutsche Regierung habe klare Beweise dafür gegeben, daß sie wünsche, den Friedensvertrag auszuführen und Zahlungen für die Wiedergutmachung im Bereiche der Möglichkeit zu leisten. Er wies gleichzeitig auf das bedeutende Defizit der deutschen Landwir? schaft und in der brachliegenden Industrie hin, die heute ihrer beiden Grundpfeiler der Kohle und des Eisens, beraubt sei. Dir Versaillcr Vertrag verpflichte Deutschland finanziell zur Zahlung vonllOMilliardenEoldmartabl. Mai 1921. Die deutschen Vertreter würden in Genf nachweisen, daß diese Summe be- reit? durch den Wert der Gruben des Saargebiets, der ausgc- lieferten Schiffe, des Eisenbahnmaterials und der Kohlenlieferun- gen erreicht sei.' Auf die Frage, welches Angebot die deutschen Vertreter in Genf machen würden, erklärte Minister Dr. Wirth, wenn die Lage sich nicht bedeutend geändert haben werde, könne deutscherscitZ k�in ehrliches Anerbieten vorgelegt werden. Die Durch- führung des Friedensvertrages in der gegenwärtigen Form hotte zur Folg«, daß auf jeden Kopf der Bevölkerung 1000 Eoldmark oder nach dem heutigen Stand der Wechselkurs« 10 000 M. entfielen. so daß beispielsweise eine vierköpfige Familie in Deutsch- land bei einem sechsprozentigen Zinsfuß mit Einschluß der Steuer jährlich 4400 M. Zinsen zur Amortisierung zahlen müßte. DieDurchführungdesVortrageswürdedenBank- rottDeutfchlands bedeuten, ebenso aber auch den Sturz Frankreichs herbeiführen. Deutschland wolle wiedergutmachen, aber um ihm dies zu ermöglichen, dürfe es nicht zum Ruin geführt werden. Internationale Solidarität Der..Populaire", das linksfozialistischc französische Parteiorgan, veröffentlicht in seiner Sonntagsnummer folgenden Aufruf der französischen sozialistischen Partei: Die Ständige Verwaltungsrommission der Partei hat sich in ihrer letzten Sitzung mit den Ereignissen beschäftigt, die sich in Oft«Europa abspielen und mit der Ausdehnung die eventuell der Krieg, den die polnisch« Regierung aus Befehl de» britisch« französischen Imperialismus führt, annehmen kann. Di« VerwaltungskommiMon hat beschlossen, sich mit der Zentrale der Gewerkschaften in Verbindung zu setzen, um mit ihr eine sofor«» tige und kräftige Aktion gegen das Plünderung»» 1 unternehmen, das gegen die russisch« Revolution gerichtet ist.- »nd das auf« neue ganz Europa in Brand setzen kann, zu unter« nehmen. Außerdem hat die Berwaltungskommisfion die Veröffentlichung eines Manifestes beschlossen, da» unverzüglich in der „Humanite" erscheinen wird. In der Voraussetzung, daß die de» adsichtigt« Aktion beginnt, werden die Sektionen und Federationen aufgesordert. schon jetzt jede Agitation zu organisieren, damit die öffentliche Meinung auf dir verbrecherischen Pläne unserer Re» gierenden und die Folgen, die daraus entstehen können, hin« gewiesen wird. KeinenMannl K ein e n S ros ch en l Keine Kugel für da» reaktionäre und kapitalistische Polen! Es lebe die russische Revolution! Es lebe die Arbeit er-Znternationale! Die Aktion der englische» Arbeiter London, 10. Augnst.(Reuter). Der Aktionsausschuß der Arbeiter, der von Lloyd George? Rede nicht befriedigt ist, hat beschlossen, für Freitag ein« national« Kon« serenz der Gewerkschaften einzuberufen, um über die von der orga- nisierten Arbeiterschaft zur Bekämpfung eines GegenkriegcS mit Sowjet-Rußland zu befolgende Politik, die nötigenfalls auch die Proklamlerung deS Generalstreiks umfassen wird, zu beraten. Die Friedensbemühungen der Londoner Delegierten A m st e r d a m. 11. August. „Times" meldet,-daß zwei Mitglieder der russischen Handels« delegation eilig nach Moskau abgereift feien, um im Namen von Kamenew und Krassin bei der russischen Regierung darauf zu dringen, daß die englischen Bedingungen in Sachen der polnische» Frage angenommen werden. Sie begeben sich an Bord eines Zer« störers zunächst nach Kopenhagen. Frankreichs Friedenssabotage Paris, 1l. August.(Havas.) Die französische Regierung hat den französischen HaudelsattachS in London angewiesen, weder Beziehungen noch Be« sprechuugen mit Kamenew und Krassi», den Ver» treter» der Sowjetregierung, zu haben. Der Sündenbock lEigene Drahtmeldung der„F r e i h e f t".) Paris. 11. August. Der Rat der nationalen Verteidigung in Warschau erläßt eine» großen Aufruf an alle, in dem er alle Schuld an dem bisherigen Nichtzustandelommen des Waffenstillstandes der russischen Regie- rung beimißt und in langen Ausführungen die polnische Politik verteidigt. Der Ausruf berichtet weiter von dem gewaltigen Zustrom der Freiwilligen zur Verteidigung des Heimat- lichen Bodens. Handelsbeziehungen mit Kanada lEigener Drahtbericht der„Freiheit") Paris, 11. August. Au» New York wird mitgeteilt, daß der Vertreter Sowjet-Ruß-' lands, Mertens, einen Vertrag mit einem Vertreter ein» kanadischen Firma über die Lieferung von landwirtschaftlichen Maschinen u»ch Eisenbahnmatcrial abgeschlossen hat. Der Vertrag VUrde von itx kguadisch-n Regierung brWizt, � Aus dem Spitzelsumpf der Republik Die Lügenfabrik der Reaktion Bapieren ging hervor, daß Eismann in kurzer Zeit für Spigel( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) Magdeburg, 11. August. Die Aufbeckungen über die hiesige Spigelzentrale haben in allen Magdeburger Bevölkerungstreifen, und vor allem in der Presse, lebhafte Erörterungen hervorgerufen. Unser Parteiorgan, die ,, Magdeburgische Boltszeitung", weist darauf hin, daß, wenn die Behörden die Aufhebung dieser Spikelzentrale gewollt hätte, dies auch schon früher hätte geschehen tönnen. Das aber sei ja gerade der traurige Ruhit der verflossenen rechtssozialistischen Koalitionsregierung, daß sie dem Spikelwesen den Boden für seine volfs: vergiftende Tätigkeit vorbereitete, indem sie wahllos alles Material zusammentragen ließ, um ihren glorreichen Feldzug ge= gen das sozialistische Proletariat zu führen. Es ist eine unum stößliche Tatsache, daß die rechtssozialistischen Minister Seine, Hirsch, Noste es waren, die ihre in dem Parlament gehaltenen Brandreben gegen die USPD. auf Spigelmärchen aufbauten. Auch in Magdeburg ist das Spigelwesen nicht erst neueren Ursprungs, ganz abgesehen von den Zeiten vor der NovemberrevoIntion des Jahres 1918. Schon vor mehr als Jahresfrist waren unsere Genossen genötigt, auf das sonderbare Treiben des De tettiobureaus Gerbig u. Eismann, An der Stefanbrüde, aufmerksam zu machen, das 15, Rechercheure" suchte, die die Aufgabe hatten, politische Spigeleien in den radikalen Arbeiter parteien zu vollbringen. Weiter fonnten unsere Genossen feststellen, daß der vor längerer Zeit in der„ Bolfsstimme" veröffent lichte Artikel„ Neue Putsche?", elende Spigelmache war. Wie die Spigeleien in Magdeburg vor sich gehen, darüber liegen folgende Tatsachen vor: Die Hauptzentrale ist begründet von der ehemaligen antibolichemistischen Liga. Bald nach der Revolution erhielt ein hiesiger Rechtsanwalt den Auftrag, eine sogenannte Nachrichtenstelle, d. h. Spigelzentrale, einzurichten. Er gab den Auftrag an einen Polizeispiel, der An der Stefansbrüde ein Detektivbureau betrieb und schon während des Krieges für das Generalfommando Spigelarbeit geleistet hat. Der Leiter war Paul Eismann. Eismann machte sich aber bald selbständig. Er erhielt einen neuen Chef, der die Berbinbung mit der Hauptzentrale in Berlin und den Zentralen in den wichtigsten anderen Städten unterhielt. Dem Herrn es ist der Rechtsanwalt Schaper, dessen Wirken in der demokrati. schen Partei sehr merkwürdig ist- war der direkte Verkehr mit der Zeit zu läftig und unangenehm. Darauf übernahm Referen bar Funt, ein Sohn des Studienrates Funt vom Domgymnafium, den Geschäftsführerposten. Später übernahm die Leitung der Lehrer Otto 3iese wik, der den Betrieb im Zusammenarbeiten mit dem demokratischen Rechtsanwalt Schaper bis heute noch weiter führte. Er ist der Redakteur des„, Stahl= heim", der selbst einige Zeit eine Spigelzentrale eingerichtet hatte und heute aus der gleichen Geldquelle gespeist wird, welch: die Spigel Eismann u. Co. unterhält. Raffierer ist ein Kaufmann Weidermann. Ziejewis erhält seine Aufträge aus Berlin, und zwar aus dem berüchtigten Hause Oranien burger Straße 67, in welchem die Deutsche Wirtschaftshilfe und ihre zweigunternehmungen, wo der Deutsche Auslandsdienst, die Berliner Zentrale der Orgesch usw., untergebracht sind. Mit der Orgesch besteht ein besonders enges Zusammenarbeiten. Die hervorragendsten Mitarbeiter Eismanns find: " 1. Gefreiter Arno Friedrich, Schönebed, Kundschafter im Nachrichtenzug der Reichswehrbrigade in Magdeburg. Friedrich ift Spezialist in Sachen der roten Armee und Verfasser einer gro Ben Anzahl erfundener Berichte. Er ist auch der Verfasser des großen Aufmarschplanes der roten Armee, der von der reaktionären Bresse in schreienden Lettern der Oeffentlichkeit übergeben wurde und unbedingt echt sein sollte. 2. Mertens, Kundschafter der Reichswehrbrigade, ein getreuer Kumpan Friedrichs und Bursche bei Leutnant Fuhrmann. Mertens und Friedrich sind seit einigen Tagen unsichtbar. Ihrem Vorgesezten, dem Hauptmann Na gel, find sie angeblich gänzlich unbekannt, während der Feldwebel sie sehr gut tennt, denn sie kommen pünktlich zum Löhnungsempfang. 3. 2öwenthal, Leutnant der Reserve, ein überaus eifriges Mitglied des„ Stahlhelm". Er gehörte früher zur Militärpolizei und hat hauptsächlich die Kommunisten be= Spigelt. 4. Feiling, Mitglied der KAPD., Spezialist für Nach richten über Syndikalisten, die er teilweise aus dem„ Syndikalist" abschreibt, sonst aber frei erfindet. 5. Robert Meyer, arbeitet auf allen Gebieten, besonders der Betriebsspigelei. Referent für Bersammlungsberichte. Auch ein Mitglied der USPD. und der KPD. wurde als Spiel entlarmt. Die Spigel übergaben Eismann ihre Berichte. Er zahlte für die kleinen 20 bis 30 M. für größere mehr. Geld stand ihm in jeder gewünschten Höhe zur Verfügung. Aus den beschlagnahmten Produktive Erwerbslosenfürsorge Beratungen im Reichswirtschaftsrat Der Sozials und der Wirtschaftspolitische Ausschuß des Reichswirtschaftsrates verwiesen am Mittwoch das neueingegangene Mietssteuergeset an den gemeinsamen Unterausschuß, nachdem ein Antrag des Oberbürgermeisters Dr. Lutter auf Ueberweisung an einen besonderen Ausschuß ab= gelehnt war. Sobann trat der Ausschuß in die Beratung des Berichtes des Unterausschusses über den Erwerbslosen- Antrag des Reichswirtschaftsministers a. D. R. Wissell ein, die in zwei Lesungen stattfinden soll. Abgeordneter Reinath: Die Industrie erzielt bei vermehrtem Bersonal eine verminderte Leistung. Die übermäßigen Fabritations- und Handelsgewinne tann man durch die vorge schlagenen Maßnahmen nicht beseitigen, denn es sind dieselben Mittel, die fchon bisher nicht geholfen haben, als die Staatsges walt noch start war. Die hohen Breise sind ferner auch auf vor= sichtige Ralfulation, infolge der unsicheren Verhältnisse zurüdzuführen. Die Preissteigerung ist zu einem erheblichen Teile durch den Ausfall infolge von Streits veranlaßt. Der Riesenapparat der Zwangswirtschaft ist eine ungeheuerliche Belastung. Wir können die Spannung zwischen der Kauffraft der Bevölkerung und den Warenpreisen nur durch eine Herabdrückung der Löhne und Gehälter beseitigen. Wir müssen unseren Inlandsverbrauch bedeutend einschränken. Bei der Pirmasenser Schuhindustrie wollte man durch Versagung ber Ausfuhr einen Drud auf die Inlandspreise ausüben, die Folge war die Absazstodung und Betriebsstillegungen. Der Rebner will den Vorschlägen nur zustimmen, wenn sie umgearbeitet werden. Dem entgegnete der Abgeordnete Wissell: Herr Keinath habe sich kaum an der Beratung des Unterausschusses beteiligt, obwohl er stellvertretendes Mitglied war, sonst hätte er gewußt, daß die Borschläge nicht nur den Anschauungen der Arbeiterver= treter entsprechen.( Hört! hört!) Das haben auch die berufe nen Bertreter des Wirtschaftslebens in Eingaben bestätigt. Go schrieb uns die Handelskammer Brandenburg, daß die ungeheuren Preise für Rohstoffe und Halbfabritate die weitere Produktion ganz unrentabel machte.( hört! hört!) Die Rohstoffe machen Danach jest neun Zehntel der gesamten Gestehungstoften aus. Die 162 Streittage des Herrn Keinath kommen nur dadurch zu zwede 175 000 m. ausgegeben hat. Eismann hat gestanden, daß er nicht nur Organisationspläne der Roten Armee für Sachsen und Miteldeutschland erfinden ließe, sondern auch einen großen Kampfplan für Chemnik anfertigte und ihn als Original dokument der reaktionären Bresse übergab. 3wischen den beschlagnahmten Papieren des Eismann sind auch die Urschrif ten des von der Magdeburgischen Zeitung" veröffentlichten Ge= heimabkommens von Meme I gefunden werden. Die Berichte gingen an die Zentrale in Berlin, an die Nachrichtenstelle der Reichswehrbrigade im Domgymnasium, an die Nachrichtenstelle der Magdeburger Sicherheitspolizei, ferner an verschiedene Offiziere und an eine Anzahl Personen und Firmen, welche Geldmittel für den Spizeldienst zur Verfügung stellten. Der Spizel Eismann ist ein wegen Betrugs, Unterschlagung, Erregung öffentlichen Aergernilles, Zuhälterei und Beleidigung vorbestrafter Mann. Er hatte ebenso wie 3iese wiz Ausweise von der Magdeburger Reichswehrbrigade, stand mit deren Offizieren in engster Fühlung und fonnte zu jeder Tag- und Nachtzeit die militärischen Gebäude betreten. Generalmajor Ribben= trop hat den Verbrecher erst im Juni neue Ausweistarten auss stellen lassen und eigenhändig unterschrieben. Das in Magdeburg ausgehobene Nest ist nur eine Zweigstelle der Deutschen Wirtschaftshilfe" in Berlin, Oranienburger Straße 67. Alle Ableugnungsversuche, die von dieser Seite unternommen werden, sind wertlos, denn es steht fest, daß die Wirtschaftshilfe, an deren Spize die früheren Nachrichtenoffiziere Jülich. Major Berndt, Major Hoffmann u. a. stehen, alle Nachrichten fartmelt, die ihr vor den Zweigstellen im Reiche aus zugehen. Die Wirtschaftshilfe hat es auch verstanden, rechtssozialistische Barteimitglieder in thre Dienste zu stellen. Der Parteisekretär Willy Nejler aus Neu haldensleben hat beträchtliche Gelbmittel von ihr empfangen und ihr dafür Lügenberichte über die U. S. P. D. und K. P. D. über mittelt. Pinkerton und Wirtschaftshilfe arbeiten Hand in Hand. Sie stehen im Dienste der Rechtsparteien. Ihre Aufgabe ist es, burch Lügenberichte über die Arbeiterschaft die Butschpläne der Monarchsten zu verschleiern. Die bestochene Presse Die reaktionäre Presse ist von der Lügenfabrik der Deutschen Wirtschaftshilfe genau unterrichtet. Sie hat trotzdem alle Berichte gebracht, weil sie wir wollen es offen sagen sich von den Pinkertons politisch bestechen ließ. Ein solcher Bestechungsversuch sollte auch bei der Bossischen Zeitung" unternommen werden. Das geht aus folgendem Brief her vor, den Ziesewig von Magdeburg aus nach Berlin schidte: Magdeburg, den 9. 8. 20. Herrn E. Beder, Berlin W. 35. Nach unserer Ansicht hätte es der Berliner Zentrale ber Nach richtenstelle möglich sein müssen, den Leitartikel der„ Bossischen Zeitung vom Freitag, den 8. August 28, Morgenausgabe, „ Landeshauptmann Escherich", zu verhindern. Gerade ein solcher in der Form fachlich gehaltener Artikel schadet uns mehr als Hezartikel der sozialistischen Presse. Tageblatt" Einfluß zu gewinnen, so wäre es doch ein leichtes ge Wenn es auch vielleicht nicht möglich ist, auf das„ Berliner wesen, durch ein demokratisches Vereinsmitglied Georg Bern hard bis zu einem gewissen Grade einzuweihen. Da die Bresse der Deutschen Boltspartei und der Deutschnationalen Boltspartei ohnehin einges weiht ist, wäre es die besondere Aufgabe Berlins gewejen, dafür zu sorgen, daß die Zentrums- und die gemäßigte bemokras tische Presse nicht gegen uns leitartikelt. Hochachtungsvoll Ziejewig. Die Blätter der Deutschen Volkspartei und der Deutsch nationalen find denn auch recht still geworden. Sie haben die Lettern ihren Lesern vorgesetzt. Die Wahrheit verschweigen betrügerischen Nachrichten der Pinkertongauner in großen fie jetzt, weil es Pinkerton- lies: Stinnes- so wünscht. Und weil die rechtsstehende Presse fäuflich ist, deshalb verdemokratischen Presse glüden werde. Sie haben sich, wie die muten die Gauner, daß ihnen dasselbe Manöver auch bei der Bossische Zeitung" nachweist, verrechnet. Die rechtsstehenden Blätter aber ftellen sich durch ihr Verhalten auf die gleiche Stufe mit 3iesewitz aus Magdeburg: Sie sind wie dieser die Zuhälter des Herrn Stinnes und seiner Trabanten. stande, daß alle Streiftage voll gezählt werden, wenn auch nur eine ganz fleine Arbeitergruppe in einem tausendköpfigen Betriebe ftreift. Das ist eine objektive Beweis: führung! Wir haben nicht genug Waren, um dem Auslande bie eingeführten Lebensmittel zu bezahlen. Wie soll uns da der freie Handel ein genügendes Angebot der zum Leben notwendigen Waren schaffen? Wir müssen unseren Export sogar ein= schränken, weil wir die Waren, die wir erzeugen, zur Wiedergutmachung an die Entente brauchen. Wir haben es durch das Exportverbot für die Schuhindustrie dahin gebracht, daß wieder Schuhe produziert und gekauft werden können. Ich habe den Arbeitern immer auseinandergefekt, daß eine Lohnsteigerung ihnen nichts nutt, sondern nur eine Mehrproduktion, weil dann etwas mehr zur Verteilung da ist. Was jezt vielfach im westlichen Deutschland vorgeht, daß man den Unternehmer unter Drohungen zwingt die vom Gesetz auferlegten Steuerabzüge nicht vorzunehmen, ist geradezu ein Standal, der unter feinen Um ständen gebilligt werden kann. Der Unterausschuß fonnte nach den Sachverständigen- Gutachten zu gar feinem anderen Ergebnis tommen.( Lebhafter Beifall.) Abgeordneter Kommerzienrat Wallerstein: Die Zeit für einen Lohnabbau ist noch nicht gekommen; zum Ausgleich für den Steuerabzug tommen sogar neue Lohnforderungen. Gegen den Vorschlag des Unterausschusses, daß ein Sachverständigen Ausschuß prüfen soll, ob eine Betriebsstillegung nicht zu vermeiden sei, läßt sich nichts einwenden. Abgeordneter Kaufmann- Hamburg( Vertreter der VerbraucherIchaft) bezeichnet es als eine Lebensfrage für die deutsche Wirtschaft, daß die Notenpresse eingestellt wird, wenn man es nicht zum Staatsbanterott treiben wolle. Die Löhne könnten so gar noch erhöht werden, ohne uns wettbewerbsunfähig dem Ausland gegenüber zu machen, weil im Ausland die Löhne höher als bei uns seien. Vor allem müsse die 3 mangswirtschaft abgebaut werden. Die Zwangswirtschaft habe mit Sozialismus nichts zu tun. Der Bau von Wohnungen müsse von den Gemeinden vorbereitet werden. Staatssekretär Dr. Hirsch bestreitet, daß die Aktion für die Pirmasenser Schuhindustrie gescheitert sei, die Dinge nähmen jegt ihren richtigen Verlauf. Geheimrat Weigert( Vertreter des Reichsarbeitsministeriums): Das Ministerium würde sich freuen, die Vorschläge bei dem Wirts schaftsprogramm beachten zu können. Die Reichsregierung habe beschlossen, das Zweieinhalbfache der ersparten Erwerbslofen unterstützung für Rotstandsarbeiten zu verwenden. Die Rurzarbeiter sollen von jest ab noch stärker unterstützt wers den als bisher. Die Erwerbslosenunterstügung werde, von Ausnahmen abgesehen, über 26 Wochen hinaus ausges dehnt. Abgeordneter Dr. Roefide( Vertreter der Landwirtschaft) vers mißt in dem Bericht des Unterausschusses zwei Ursachen der Preissteigerungen, die mangelnde Ernährung und den für die Warenpreise als die Arbeitszeit verkürzt sei. Dies Kohlenmangel. Die Löhne spielten eine umso größere Rolle fei ein Fehler gewesen, man hätte damit höchstens vorgehen fön nen, nachdem Wohnungen für neue Arbeiter hergestellt worden wären. Abgeordneter Tornow( Arbeitervertreter der Industrie) führt aus, daß es nicht nur Meinung des Unterausschusses, sondern ein Ergebnis der Sachverständigen- Feststellungen fei, daß nicht die Löhne, sondern die Rohstoffpreise die hohen Warenpreise verursacht hätten. in Deutschland In keinem Lande habe die Profitfucht solche Orgien gefeiert wie Bom Standpunkt der Arbeitnehmer boten die Vorschläge des Unterausschusses herzlich wenig. Abgeordneter Dr. Zeitlin( Schutzverband deutscher Schriftsteller) ersteht aus dem Ausschußbericht leider wenig Möglichkeiten für praktische Arbeit. Abgeordneter Redakteur Feiler weist darauf hin, daß, produks tive Erwerbslosenfürsorge" nur ein neues Wort für Rotstandss arbeiten sei, daß aber Notstandsarbeiten, wie Kanalbauten, mit unserer Finanziage nicht vereinbar seien. Das beste Mittel sei bie Umstellung der Produktion auf den dringend notwendigen Bedarf, damit nichts Ueberflüssiges produziert werde. Wenn die Industrie nicht selbst dazu kommen fönne, folle sie mit dem Mittel der Kohlenzuteilung dazu veranlaßt wer den.( Abg. Wissell: Also Planwirtschaft! Seiterteit.) Abgeordneter Prof. Dr. Endres- München wendet sich gegen die im Ausschußbericht empfohlene Sozialisierung der Holzwirtschaft. Abgeordneter Schumacher( Arbeitnehmervertreter des Handwerts) spricht sich im Sinne der Vorschläge des Unterausschusses aus. Abgeordneter Bankdirektor Dr. Schwarz wünscht, daß nicht die allgemeinen wirtschaftsprogrammatischen Beschlüsse des Unteraus schusses, sondern nur die praktischen Vorschläge für die einzelnen Industrien zum Beschluß erhoben würden. Damit schließt die erste Lesung. Die zweite Lesung findek am Freitag um 1 Uhr statt. Ein erster Schritt Sozialisierung des Bergbanes in der Tschechoslowakei einem Schritt entschlossen, der schon längst notwendig gewesen Endlich hat sich die tschechoslowakische Regierung zu wäre. Durch eine Regierungsverordnung vom 15. Juli wird den Bergwerksbesizern bas freie Verfügungsrecht über die Gruben genommen und die Oberhoheit über den gesamten Grubenbesis der tschecho= [ Iowatischen Republit übertragen. Jede Besitzänderung, Betriebseinstellung oder reale Belastung der Betriebe ist an die vorherige Genehmigung des Ministeriums für öffentliche Arbeiten gebunden. Diese Verordnung entspricht jener vom 9. November 1918 über die Sicherung des Großgrundbefizes. Man hat sich also reichlich Zeit gelassen, um den Bergwerksherren ja nicht allzu nahe zu treten, nun ist aber doch endlich der Schritt gewagt worden, der als erste Maßnahme zur Enteignung, resp. Sozialisie rung der Gruben anzusehen ist. Da die große Gefahr besteht, daß die Grubenbesiger durch fingierte Verträge, die auf die Zeit vor dem 15. Juli vordatiert sind, noch schnell retten, was zu retten ist, ist vorgesehen, daß alle berartigen Berträge vor ihrer Eintragung ins Bergbuch ebenfalls durch das Arbeitsministerium genehmigt werden müssen. Jede Uebertragung des Förderungsrechtes muß durch das Repierbergamt dem Arbeitsministerium gemeldet und erst nach dessen Genehmigung vollzogen werden. Das Gesetz gilt in gleichem Umfange auch für Karpathorußland und die Slowakei. Man darf füglich behaupten, daß es höchste 3eit ist, wenn man endlich auf dem Gebiete der Sozialisierung etwas energischer arbeitet als bisher, denn verschiedene Ereignisse der legten Zeit zeigen deutlich, daß die Unzufriedenheit des Volkes über die Hinausziehung der Enteignung des Grundbefizes und der Realisierung der Bodenreform, sowie die völlige Untätigkeit auf dem Gebiete der Sozialisierung der Bergmerte und großen Industriebetriebe immer mehr an wächst und sich be reits da und dort in drohenden Rundgebungen äußert. Statt mit Militär und Bajonetten wird die Regierung schon mit anderen Mitteln die Bevölkerung beruhigen müssen! Die steigenden Lebensmittelkosten Neben den Veröffentlichungen des Statistischen Amtes der Stadt Berltu über die Kosten des Existenzminimums weisen auch die Statistiken R. Galwers über die Lebensmittelpreise ein dauerndes und scharfes Anziehen der Kosten des Nahrungsbedarfes nach. Galwers berechnet die Kosten des wöchentlichen Nahrungsmittelbes barfes einer vierköpfigen Familie, indem er als den Verbrauch die dreifache Friedensration eines deutschen Marinesoldaten zugrundes legt. Für den Monat Mai 1920 ergibt sich danach aus dem Mittel aller berücksichtigten deutschen Städte die Summe von 224,63 Mart. Gegenüber den Kosten im Januar dieses Jahres sind dies 94 Mart mehr, gegenüber Februar 77 Mart, März 57 Mart und April 85 Mart. Im Vergleiche zum Monat Mai 1919 beträgt die Steigerung fogar 150,93 Mark. Insgesamt entwickelten sich nach den Calwverschen Juderziffern die Rosten für ben Nahrungsmittelaufwand einer vierlöpfigen Familie wie folgt. Es tostete pro Woche Mark: Jahresdurchschnit 1896 19,01 1905 22,02 1912 25,28 1914 24,70 1915 36,49 1916 57,30 1919 78,70 1920 224,63 Jm einzelnen sind die Rosten für den Nahrungsmittelaufwand auf der Grundlage der Calwerschen Berechnungsmethode in den verschiedenen Gegenden Deutschlands sehr differenziert. Sie betrugen pro Woche im Cöln. Monat Mai Durchschnitt der Jahre 1896 1912 1919 1920 20,76 27,88 74,58 887,65 Frankfurt a. M. Berlin 19,86 24,78 83,19 806,12 • 18,03 24,70 70,17 269,28 Leipzig 19,88 24,40 71,10 258,.7 Dresden 20,13 24,73 85,53 217,68 Hamburg 17,43 24,70 77,43 216,72 München 20,97 25,20 68,54 200,01 19,74 25,66 66,15 162,18 Friedensvertrag. Paris Breslau Solzlieferungen gemäß Verhandlungen Ein deutüber dic Solzlieferungen haben auf Grund des Friedensvertrages begonnen. sches Angebot über die Lieferung von 1440 000 Festmeter Rundholz jährlich für einen Zeitraum von vier Jahren wurde pon der Gegenseite als unzureichend abgelehnt, desgleichen eine zweite Offerte, welche unter Festhaltung an der Gesamtmenge von viermal 1440 000 Festmeter Rundholz dahinging, die auf die ersten sechs Monate entfallenden Raten auf 240 000 eftmeter pro Monat zu erhöhen. Eine Einigung fonnte vorläufig nicht erzielt werden. Reine Unterbrechung des Bahnverkehrs mit Ditpreußen. Wie uns die hiesige Eisenbahndirektion mitteilt, sind die Meldungen über eine unterbrechung des Eisenbahnnertehrs mit ftpreußen völlig unrichtig. Bisher hat keinerlei Zugausfall stattgefunden, Preis: Lebensmittel werte Margarine Plund 1050 Cocos- Fett Plund 1295 Speise- Oel 12.50 Pfund Diverse 12 Flasche Flasche 5 Flaschen Dessertweine 1400 2750 12500 einschliesslich Flasche ohne Stener 135 Neue holländ. Kartoffeln..... Pfund 65P. Camembertkäse ..... Plund 60 Pl. Weisskohl......... Grosse blaue Pflaumen...... Plund Kochäpfel......... Rhabarber Essäpfel...... Essbirnen. Haferflocken Tafel- Reis Pfund 15 Pf. Grüne Gurken............ 20 Mohrrüben...... ... Pfund Pfund 120 120 Pfund 15 Pf. Stück 140 an Pfund 25 Pf. Holländischer Rotkohl......... Plund 45 Pl. 15 Weisses Maismehl( Backmehl).... Piund 495 Plund 215 Pfund 500 Mandel- Rosinen- Pudding% Plund 10 Frischer Schellfisch Plund 200 Frischer Goldbars.. Plund 250 TIETZ Theater und Bergnügungen Bolksbühne 7½ Uhr: Der Kuhreigen Großes Schauspielhaus Stariftraße 7% Uhr: Julius Cäsar. ( 36. Abteilung, V. Abend) Direktion: Mar Reinhardt Deutsches Theater Täglich Weibsteufel BUhr: Kammerspiele 8 Uge: Die Notoride. Kleines Schauspielhaus 71%, lhr: lchfe der Pandora Theater des Westens 8 Uhr: Der ehemalige Leutnant. Direktion Carl Meinhard Rud. Becauer 1/28 Theater i. d. Röniggräger Straße Geständnis Berliner Theater Der legte Walzer. br: Leffing- Theater Sommerspielzeit Allabendlich 8 Uhr: Leopoldine Konstantin in Das Glas der Jungfrau Sommerpreise: 1.80 b. 25. Deutsch. Künfil. Thenter Allabenbi. Clubleute 8 Uhr: mit Mar Adalbert Neues Bolkstheater Köpenicker Str. 68. 7% Uhr: Familie. Neues Operettenhaus Direktion Jean Kren Allabendlich 71 Uhr: Prinzessin Fried! Trianon Theater E ( Bahnhof Friedrichstraße) Allabenblic) 8 Uhr: Hansi Arnstädt in Untreu Komödie von Rpberto Bracco. Sonntag nadm. Der Strenfried Refidenz- Theater ( Stadtbahn Jannowitbrücke) Untergruntbahn Klosterstraße. Der große Erfolg Säglich. Die Raschhoffs 18 Uhr: Sonntag Ser gute Auj nachm. 4U.: Ehemaliges Voigt Theater Babstraße 58. Sommerbühne: Täglich nachm. 5 Uhr: Bunter Teil 7%: Hoheit der Franz Ballschmieders Rose- Theater 7%, Uhr: Ein Walzertraum. Gartenbühne Täglich 7, Uhr: Süße Sufe. Casino Theater Wiedereröffnung Freitag, 13. Aug. mit dem neuen Bolksftlick Knorp's fel. Witwe Apollo Theater Friedrichstr. 218 Alabendlich 72 72 Sonntags 3% 1. Unübertreffliches Barietee- Programm! Walhalla- Theater 71%, Uhr: Die Internationale. Sommerth ,,, Groß- Berlin" ( Kliems):: Safenheide 15 Täglich 8 Uhr: Courths Mahler! Vom andern Ufer Schauspiel von Courths Mahler nach dem gleich namigen Roman in der Berliner Hausfrau. Ab 5½ Uhr Konzert und Spezialitäten Borverkauf ab 10 lihr an der Kaffe. Kammer- Tanzspiele Bülowstr. 6, am Mollendorfplat Tägl. 8 Uhr: Orientalisches Ballett Stiki Miami Bey. Berliner Brater Raftanien- Allce 7-9 12 Barietee- Genfallonen 12 In der ste Großer Ball Anfang 25 Uhr NEUE WELT Arnold Schols Hasenheide 108/114 Jeden Donnerstag Großes Schlachten- u. Fronten- Feuerwert. Außerdem: Ronzert, Borstellung u. Tang Bonitändig nenes Brogramm Anfang 5 Ühe Das Fuerwerk wird ausge führt vom Pyrotechniker E. Mielandt. Theater a Kottbus.Tor Tel. Moritzplatz 14814. Täglich 7%, Uhr: Elite Sänger Ruthgen- Konzert Vorvk. 11--1% 1.4-6. Cirkus BuschGebäude Täglich 7, Uhr: Gr. Spezialitäten- Vorstellung ? Perlas? | Friedrich- Wilhelmstädt. VARIETE- GARTEN Badstraße 16 Chauffeestraße 30 Das große Elite- Barlete- programm= Seden Mittwoch FEUERWERK Jeden Donnerstag Proletarier! Heraus mit den bürgerlichen Zeitechriften aus Euren Häusern. 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Auguft 1920, nachmittags 4 Uhr Branchen- Versammlung aller in der Geldschrank- Industrie beschäftigten Kollegen in der Aula des Schiller- Eyzeums, Bankstr. 14, Eing. Böttgerftr. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zur Teuerungszulage und zum Tarifs vertrag. 2. Branchenangelegenheiten 3. Berschiedenes. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. Jn Anbetracht der wichtigen Tagesordnung wird es allest Kollegen, besonders denen der Kleinbetriebe, zur Pflicht gemacht, diese Bersammlung zu besuchen und recht rege dafür zu agitieren. Die Ortsverwaltung. Achtung! Achtung! Vorbestrafte und Angeklagte Öffentliche Bersammlung Freitag, den 13. Auguft, abends 7 Uhr, im Lehrer Vereinshaus, Alexanderplay 1. Wir Borbestrafte und die Klaffenjuftig. Referent 5. Reich, Hamburg, M. b. M. 2. Aufbau unserer Organisation. Referent E. Grischket, Hamburg Vorbestrafte und Angeklagte esscheint in Maffen. Wahret Eure Rechte. Gesellschaft fürVolkswohl Am Freitag, 13. Auguft, findet abends 8 Uhr im Kaifers Friedrichs Realgymnasium von Neukölln, Kaiser- Fried rich- Straße 208-210, eine öffentliche Versammlung ftatt. Bur Berhandlung kommt das Thema: Laffalle's Lehren und die Geburtenbeschränkung. Referent: Dr. Goldstein, prakt. Arst aus Steglig. Bur Deckung der Unkosten wird ein Eintrittsgeld von 50 Bf. erhoben. * Blatin Goldbruch Silberbruch * 11.50 Bahngebisse bis 1000 m. Quecksilber 10.50 kauft zu höchsten Preisen für eigene Fabrikation 5.75 Schubert, Bärwaldstr. 53 bei Männer u. Frauen, Blutunterfuchungen, nerv. Schwäche. Be Blei, Zink... 3.handig, schnell, fcher, mögl. ohne Berufsstör. Auskunft kostenlos. Kühn, Andreassir. 75, L., Ecke Breslauer Str.( dicht a. Schl.hf.) Anehlber Sprechz. 10-12, 5-7%- Gonnt. geschlossen. Phorosan- Heilinstitut für Haut- und Geschlechtskranke Lessingstraße 39. Sprechst, 8-18 außer Dienstag. Großbeerenstr. 67. Sprechst. 11-5 Sonntag 10-12. Gonorrhoe- Behandlung nach dem neuen schmerzlosen PhorosanVerfahren. 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Sozialistische Literatur erhält man in ber Buchhandlung Freiheit" Breite Straße 8-9. 13 393 Nr. 326 Der Gildensozialismus Von Otto Bauer Im Berlag ber Wiener Volfsbuchhandlung hat Otto Bauer unter dem Titel„ Bolschewismus oder Sozialdemokratie" eine eingehende Würdigung des Bolschewismus als tattische Methode sie als Form der politischen Herrschaft des Proletariats ers heinen lassen. Bauers Buch erscheint uns als außerordentlich achtenswerter Betrag zur Beurteilung des Bolichewismus. Um sere Leser mit der Denkart und Darstellung des Verfassers be nnt zu machen, bruden wir den nachfolgenden Abjanitt über en englischen Gildensozialismus aus dem Buche des Genossen Bauer ab. I. Jit Rußland der eine Bol der zivilisierten Menschheit, so ist England der andere. In Rußland ist eben erst die feudale Arbeitsverfassung zerschlagen, die bürgerliche Eigentumsordnung auf dem Lande hergestellt worden; in England ist die Fronarbeit schon im 14. Jahrhundert durch Geldabgaben ersetzt worden, aber auch die noch halb- feudale copy- hold schon im 15. und 16. Jahrhundert durch die rein bürgerliche lease- hold verdrängt worden, schon im 17. Jahrhundert waren die lehten Reste und Ueberbleibsel der feudalen Arbeitsverfassung verschwunden. In Rußland ist eben erst der Absolutismus durch zwei gewaltige Revolutionen überwunden worden; England hat nur unter den Tudors, im 16. Jahrhundert, eine furze Entwidlungsphase des Absolutismus durchlaufen, seit der Revolution des 17. Jahrhunderts hat es die parlamentarische Regierungsform stetig weiter entwidelt und ausgebaut, im 19. Jahrhundert hat sich sein alter oligarchischer Parlamentarismus ohne gewaltsame Revolution, durch eine Reihe friedlicher Reformen in einen demokratischen verwandelt. In Rußland ist der Kapitalismus eine neue, vom Ausland importierte Erscheinung gewesen; der englische Kapitalismus hat sich seit dem 14. Jahrhundert, seit der Entwicklung des fapitalistischen Schafwollhandels und der kapitalistischen Schafzucht stetig, organisch entwidelt. Rußland ist heute noch ein Agrarland, in dem die Bauern die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bilden; England ist ein Industriestaat, in dem das industrielle Proletariat die Masse der Bevölkerung darstellt, und auch seine Landwirtschaft wird nicht von Bauern, sondern von Kapitalisten und Lohnarbeitern betrieben. Rußland zeigt uns das Bild einer proletarischen Revolution in einem Agrarland, das sich erst jetzt von der feudalen Agrarverfassung und von der absolutistischen Staatsverfassung be freit und in dem ein junges, vom Ausland importiertes Kapital und ein junges, eben erst aus der Bauernschaft herausgelöstes Proletariat inmitten einer riesigen bäuerlichen Umwelt ihren Kampf führen; England zeigt uns das Bild einer proletarischen Bewegung auf dem Höhepunkt der tapitalistischen Entwicklung, auf der Basis der bürgerlichen Eigentumsordnung und der bürgerlichen Demokratie, im Kampfe gegen ein Kapital, das seit Jahrhunderten schon alle Zweige des gesellschaftlichen Lebens seinen Daseinsbedingungen angepakt hat. In Rußland stand der Kapitalismus im Gegensatz gegen die Gesellschaft. Die Arbeiterbewegung entwidelte sich von Anfang an unter dem Einfluß des revolutionären Sozialismus, aber auch die Intelligenz, das Kleinbürgertum und die Bauernschaft standen dem Kapital feindlich gegenüber. In England dagegen hat der Kapitalismus nicht nur alle besitzenden Klassen für sich gewonnen; er hat ein halbes Jahrhundert lang selbst das Proletariat geistig beherrscht, selbst die Arbeitermassen sich versöhnt. Wohl hat auch das englische Proletariat seine revolutionäre Epoche erlebt; es erlebte sie in der Zeit, in der das Fabritsystem in England so jung war, wie es heute in Rußland ist, in der Zeit des Chartismus. Aber seit dem Zusammenbruch des Chartismus von 1848 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts- beherrschte das Kapital nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch die Seelen der Arbeiter. Die Arbeitsbewegung erschöpfte sich im Ausbau eng beruflich abgegrenzter, durch teine gemeinsame Klassenideologie verbundener Gewerkschaften, im friedlichen Ausbau tollektiver Arbeitsverträge, in der Entwidlung von Silfstassen und Genossenschaften. Die einzelnen Arbeiterschichten wahrten ihre Sonderinteressen innerhalb der tapitalistischen Gesellschaft; aber die Arbeiterklasse stürmte nicht gegen die tapitalistische Gesellschaft an. Erst seit dem Burentrieg erwachte die englische Arbeiterschaft aus der tapitalistischen Hypnose. Seitdem die Lebensmittelpreise auf dem Weltmartt stiegen, während die straffere Organisierung der Unternehmerschaft und der verschärfte Wettbewerb der deut schen und der amerikanischen Industrie auf dem Weltmarkt die Durchsehung von Lohnerhöhungen erschwerten, sant der Reallohn der englischen Arbeiter. Die wachsende Unzufriedenheit weckte das Schlummernde Klassenbewußtsein. Die Unzufriedenheit mit den Erfolgen der Gewerkschaften drängte zur Bolitik. Die Gründung des Labour Representation Comitee( 1900), seine Umbildung zu einer selbständigen Partei( 1903), der erste große Wahlsieg der Arbeiterpartei bei den Parlamentswahlen von 1906 waren die ersten Anzeichen der Wendung. Sie wurde mit den überschweng lichsten Hoffnungen begrüßt. Der wachsende Einfluß der Arbeiter partei flößt den befizenden Klassen einen Schrecken ein, an dem gemessen der Schrecken des Streits aufgehört hat, eine Macht im industriellen Leben zu sein."( Frant Rose, The coming force. Manchester 1909. Seite 116.) 88] Die schwere Stunde Roman DOR Bictor Banin Du hast mich nicht richtig verstanden, Kolja", sagt Nifitin, ,, ja, wir trauern tief über die Leiden der anderen und auferlegen uns selbst deshalb das schwere Kreuz der Qualen, den unsere Kräfte übersteigenden Kampf des Gewissens, wir verstehen es nicht, bewußt grausam zu sein und dabei von dem Recht unserer Grausamkeit überzeugt zu bleiben. ,, Kann denn aber ein solches Recht überhaupt existieren? Kann denn überhaupt ein einziger denkender, fühlender Mensch damit einverstanden sein, und nicht gegen diese Bacchanale von Grausamkeiten und Gewalttaten protestieren, die augenblicklich verübt werden? Das ist ja eine Art von Utropie jeglichen Gefühles der Menschlichkeit,... es ist das Erwachen der dunklen, atavistischen Instinkte in den Menschen. Und, weißt du, wieviel ich darüber auch nachdenken mag, ich fann mich weder mit dem Verstande noch mit dem Herzen dreinfinden, ich kann es eben einfach nicht fassen... Glaubst du aber, man müsse sich über diese Exzesse, die augenblicklich im russischen Leben herrschen, wundern? Man muß sie bloß aufmerksam, unparteiisch betrachten, um ihre völlige Natürlichkeit zu erkennen. Glaube mir, wir Führer der Revolution, wir grämen uns am meisten über diese Er zesse und über diese fürchterlichen Aeußerungen der wahnfinnigen Rache. Wenn man auch die humanitäre Seite der Frage außer Acht läßt, so brauchen wir, um etwas Neues zu schaffen, unbedingte Ruhe. Und all diese Brandstiftungen, Morde und unbändigen Racheszenen hindern uns an unserer schöpferischen Arbeit. Alle diese Exzesse, dieser Fanatismus fallen auf diejenigen zurüd, von denen sie geschaffen worden Find und noch geschaffen werden. Auf den ersten Blick erscheint es natürlich wie ein Parador: töten, rauben, Innchen denn jetzt alle diese Bourgeois, Militär, Geistlichkeit jemanden? und können sie denn ähnliches überhaupt wünschen? Tatsächlich ist es aber so. Man muß sich nur das eine überlegen, wer alle die Greueltaten und Berbrechen verübt? Nicht das russische Volk, nein, nicht das Bolt, das ein so großes, feinfühlendes Gewissen hat, Beilage zur„ Freiheit" Die Enttäuschung mußte tommen. In dem Parlament, das der Kampf zwischen Schutzöllnern und Freihändlern beherrschte, konnte die Labour Party nicht mehr sein als ein Anhängsel der großen liberalen Partei. Ihre sozialpolitischen Erfolge fonnten, so bedeutend sie an sich auch waren, in einer Periode schnell fortschreitender Teuerung, schnell sinkender Reallöhne die Massen nicht befriedigen. Ihr engstirniger Reformismus fonnte feine Begeisterung wecken. Gerade in dem Augenblid, in dem die herrschenden Klassen einander beglückwünschten, die parlamentarische Arbeiterpartei glücklich absorbiert zu haben, bricht mit dramatischer Wirfung und explosiver Kraft die Unruhe der Arbeit im ganzen Lande aus."( Henderson, The labour unrest. London v. J. Seite 131.) Die Kampflust der Massen ist erwacht. Eine Welle von Streifs ergießt sich über das Land. Die Streiks fonzentrieren und steigern sich zu Riesenkämpfen, wie denen der Eisenbahner, Hafenarbeiter, Bergarbeiter in den Jahren 1911 und 1912. Die Initiative der Bewegung geht von den Führern auf die Massen über: die Massen lehnen sich gegen die Gewerkschaftsleitungen auf, sie fassen Streitbeschlüsse gegen die Gewerkschaftsregeln. Zugleich zeigt sich in den Massen verstärkte intellektuelle Regsamteit. Hat die Gründung und Entwicklung der Labour Party die englische Arbeiterbewegung zum ersten Male unter die Führung von Sozialisten gestellt, so macht die Enttäuschung über die Labour Party die Massen für die Lehren des französischen Syndikalismus und des amerikanischen Industrial Unionism empfänglich. Sozialismus und Syndikalismus ringen um die Seelen der Arbeiter. In dem Drängen nach der Umbildung der Gewerkschaften, nach der Demokratisierung ihrer Verfassung und nach der Radikalisierung ihrer Kampfmethoden, Werbt für die„ Freiheit"! nach der Ueberwindung des„ Settionalismus" durch die Verbindung der Berufsvereine zu Industrieverbänden und durch die Aufnahme der ungelernten Arbeiter in diese Verbände, in der Verdrängung der älteren Generation der Gewerkschaftsführer durch den jungen, unter starkem Einfluß des deutschen Sozialismus und des französischen Syndikalismus erzogenen Nachwuchs- in alldem offenbart sich die Gärung in den Arbeitermassen.( Macdonald, The social unrest. London 1913.- Cole, The world of labour. London 1913.) Die Enttäuschung über die Labour Party hat die Massen auf die gewerkschaftliche Aktion zurückgeworfen. Aber die revolutio= näre Massenstimmung füllt die gewerkschaftliche Attion mit neuem Geist. Die Massen sehen im Streit nun nicht mehr bloß den Kampf um die Verbesserung dieses oder jenes Paragraphen in einem tollettiven Arbeitsvertrag, sondern eine Schlacht im Kriege gegen die Kapitalsherrschaft selbst.„ Das bemerkenswerteste ist," sagt Hodges, der Sekretär der Bergarbeiterföderation, daß die Menschen, die in der Industrie beschäftigt sind, sich dessen bewußt geworden sind, daß sie und vor ihnen ihre Väter während ihres ganzen Lebens gar feinen Einfluß auf die Leitung der Industrie gehabt haben."( Hodges, Workers' control in the coal mining lichen Aktion erscheint den Massen nicht mehr die Verbesserung der industry. London 1919. Seite 2.) Als letztes Ziel der gewerkschaftArbeitsbedingungen, sondern die Kontrolle der Industrie selbst durch die Gewerkschaften. In diese Entwicklungsphase fiel der Krieg. Die britische Regierung war gezwungen, die allgemeine Wehrpflicht einzuführen und die ganze Industrie dem Kriege dienstbar zu machen. Die gelernten Arbeiter mußten Frauen und Ungelernte zu Arbeitsstellen zulassen, die bisher ihnen vorbehalten gewesen waren, und sie mußten auf viele Gewerkschaftsregeln, die die Steigerung der Arbeitsergiebigkeit hinderten, verzichten. Die Arbeiterschaft in den Kriegsbetrieben mußte ihre Freizügigkeit und ihr Streitrecht preisgeben. Die britische Regierung fonnte es nicht wagen, all das den Arbeitern aufzuzwingen. Sie mußte vor jedem Schritt der Kriegsgesetzgebung mit den Gewerkschaften verhandeln, mit ihnen Kompromisse schließen; das Parlament fonnte nur beschliezen, was mit den Gewerkschaften vereinbart worden war. Diese Braris, während des ganzen Krieges täglich geübt, hat das Selbstbewußtsein der Arbeiter gewaltig gestärkt. Anderseits hat der Krieg das Gefüge des englischen Kapitalismus völlig verändert. Der Staat hat die Kontrolle über die Kriegsindustrie, über die Eisenbahnen und den Bergbau übernommen, er hat den Geld- und Warenhandel reglementiert und den Vertrieb von Lebensmitteln und Rohstoffen organisiert; an die Stelle des individualistischen Kapitalismus ist der Staatskapitalismus ge= treten. Die Tatsache, daß der Staat die Volkswirtschaft beherrscht, wedt in den Arbeitermassen das Bedürfnis, den Staat zu beherrschen; sie führt also die Massen zum Sozialismus. Aber die Erfahrungen der Kriegswirtschaft zeigen zugleich, wie wenig befähigt die staatliche Bureaukratie ist, die Volkswirtschaft zu organisieren, und sie erfüllen die Massen mit Haß gegen den allmächtigen, sondern seine Dunkelheit, seine Unwissenheit, seine Schüchtern heit, sein jahrhundertelanges Joch, seine Erbostheit, die durch jene Vergewaltigungen hervorgerufen sind, die Tag für Tag an ihnen verübt wurden. Und wer tat dieses alles? Die gleiche Zaren- und bürgerliche Tyrannie, die jetzt die Früchte ihrer jahrhundertelangen Arbeit in vollem, bitterm Maße schonungsloser Grausamkeit an den Regierungen für die verernten muß; vielleicht hat sich die Geschichte nie mit so Unter den Greisen der hundert Millionen zählenden Volksübten Freveltaten gerächt. Man braucht nur umherzublicken. Unter den Greisen der hundert Millionen zählenden Volks: masse treffen Sie Millionen von Menschen, die noch die Zeit der Leibeigenschaft erlebt haben, die sich dessen erinnern, wie sie gekauft und verkauft wurden, die sich erinnern, wie sie ihrer Frauen und Mütter geschändet wurde, und alles gegen Hunde oder Pferde ausgetauscht wurden, wie die Ehre und alles Anekdote, sondern es sind erlebte Tatsachen.. dies ist, merken Sie wohl, nicht eine Legende, nicht eine Und nun, seiner Rechtlosigkeit und dem Drud ber ewigen Gewalt sich wo dieser dunkle, unwissende Sklave nach so langen Jahren Sinn tommt: frei fühlt, ist natürlich der erste Gedanke, der ihm in den Ginn fommt: Rache, schonungslose, bittere Rache." Meine leichte Bewegung mit der Sand merkend, glaubt er, daß ich etwas erwidern will, und eilt, dem vorzubeugen: weiß, ich weiß, ich habe es auch schon von anderen gehört, du wirst sagen, daß ja ein Teil der Intelligenten gleichfalls an diesen Gewalttaten und an diesem Fanatismus feilgenommen hat; es war zwar ein sehr kleiner, mikroskopischer Teil, aber es stimmt wohl, ich gebe es zu, es sind auch folche Erbitterte. Als Studenten wurden sie mit Kosatenpeitschen geschlagen, monate- und jahrelang in Einzelhaft gehalten, in talten Karzern geprügelt; viele von ihnen kämpften in dem entfernten, verlassenen, sibirischen Taiga gegen ein überwältigendes Elend, gegen Storbut und andere Krankheiten; dort in den rauhen Tundren waren sie Augenzeugen des Todes ihrer liebsten Freunde und Verwandten. Es gibt Menschen darunter, die das unsagbar Schreckliche erlebt haben, zum Tode verurteilt gewesen zu sein. Manchmal hielt man sie hin, mit dem wochenlang über ihnen schwebenden Todesurteil, und weidete sich am Anblick ihrer Qualen, ihrer Todesangst. Nachdem man die Seelen so ver= müstet hatte, fesselte man sie in Retten und verurteilte sie zu lebenslänglicher Zwangsarbeit. Diese Leute sind es jetzt, die sich rächen. Man wendet ein, daß der gebildete Mensch als Donnerstag, 12. August 1920 alle Lebensäußerungen des einzelnen reglementierenden, alle pers sönliche Freiheit beengenden Staat; so stärken sie die syndikalis stischen Strömungen in der Arbeiterbewegung. Die„ Unruhe der Arbeit" brach selbst während des Krieges immer wieder hervor. Sobald der Krieg vorüber ist, wird sie mit verstärkter Kraft wirksam. Doch trägt die Bewegung jezt etwas anderen Charakter als vordem. Die politische Aktion der Labour Party und die von revolutionärer Kampflust erfüllte gewerkschaftliche Attion erscheinen dem Massenfühlen nun teineswegs mehr als Gegensäge. Das Wachstum der Labour Party, die unmittel bare politische Machtwirkung der Gewerkschaften, die direkte Aktion der Streifs all das sind nun bloß verschiedene Seiten derselben Entwicklung. Und die Vereinigung der politischen und der ges werkschaftlichen Aktion findet ihren Ausdrud auch in der Ideologie der Bewegung, die den reformistischen Staatssozialismus der Labour Party mit dem Syndikalismus der revolutionären Ele mente in den Gewerkschaften zu höherer Einheit verschmilzt. Die Synthese beider ist der englische Gildensozialismus". Aus Jdealen des älteren kleinbürgerlichen Sozialismus entstanden, hat der Gildensozialismus im letzten Jahrzehnt eine Entwicklung durchgemacht, die ihn befähigt hat, allmählich zur stärksten geistigen Macht innerhalb der englischen Arbeiterbewegung zu werden. Der englische Gildensozialismus zeichnet uns als sein Jdeal eine sozialistische Gesellschaft. Die Arbeitsmittel sollen Eigentum des Staates werden. Aber der Staat soll sie nicht durch seine Bureautratie verwalten, sondern ihre Verwaltung den Arbeitenden selbst übertragen. Jede Gewerkschaft verwandelt sich in eine„ nationale Gilde", das heißt in eine das ganze Staatsgebiet umfassende Produttivgenossenschaft, und diese übernimmt die Verwaltung ihres Industriezweiges. In der inneren Verwaltung ihres Industries zweiges bleibt die nationale Gilde vom Einfluß des Staates frei. Wo aber die einzelne Industrie der Gesellschaft gegenübertritt, dort treten der Staat, Iotale Selbstverwaltungskörper oder Kons fumgenossenschaften ihr als Sachwalter der Verbraucher gegenüber; ein gemischtes Komitee aus der Gilde und der zur Vertretung der allgemeinen, der Verbraucherinteressen berufenen Körperschaft zusammengesetzt, entscheidet über die Beschafenheit und über die Preise der zu erzeugenden Waren. So überläßt der Staat jeden Industriezweig in seinen inneren Angelegenheiten der Selbstverwaltung seiner Arbeiter und in den Angelegenheiten, die die Verbraucher mitberühren, der gemeinsamen Selbstverwaltung der Arbeiter und der Verbraucher. Der Staat selbst aber gleicht die Anteile aller Arbeitenden am gesellschaftlichen Arbeitsertrag einander an, indem er als Eigentümer der Arbeitsmittel von jeder nationalen Gilde eine Rente einhebt und durch die Abstufung Dieser Renten die Unterschiede zwischen den Arbeitseinkommen ausgleicht. Dieses Jdeal wird nun unmittelbar zur bewegenden Kraft. Die Bergarbeiter vor allem leiten, von der ganzen Arbeiterschaft unterstügt, einen grandiosen, das ganze Land aufrüttelnden Feldzug ein, in dem sie die Nationalisierung des Bergbaues und die Organisierung seiner Verwaltung durch den Staat und die Bergarbeiter zusammen durchzusehen versuchen. Die Eisenbahner, die Post- und Telegraphenbeamten sehen sich ähnliche Ziele. Indessen rechnet der Gildensozialismus damit, daß in absehbarer Zeit zunächst nur die Sozialisierung des Bergbaues und der Eisenbahnen durchgesezt werden könne. Die Industriealisierung anderer Industrien glaubt er auf anderem Wege tommen zu sehen. Die Unternehmer, durch die Unruhe der Arbeit" immer mehr bedrängt, werden, so meint er, sich schließlich gezwungen sehen, der Arbeiterschaft Teilnahme an der Verwaltung der Industrie anzubieten. Wie der einzelne Kapitalist einen junior partner", einen jüngeren Gesellschafter in seine Firma aufnimmt, werde die Unternehmer schaft den Arbeitern eine Art junior partnership", eine Art Beteiligung an der Verwaltung der Industrie an zweiter, untergeordneter Stelle einzuräumen bereit sein. Man werde industrielle Selbstverwaltungstörper, gemischte Komitees aus Unterneh mern und Arbeitern bilden, um die Arbeiter an der Verwaltung und Verantwortung teilnehmen zu lassen. Aber damit dürfe sich die Arbeiterschaft nicht bescheiden. Sie müsse, auf ihre gewerkschaftlichen Machtmittel gestüht, ihre Kontrolle über die Industrie immer mehr ausdehnen, eine Funktion der Unternehmer nach der andern an sich reißen, bis schließlich dem Unternehmertum feinte Funktion in der Industrie mehr übrigbleibt und die Arbeiterschaft zur Verwaltung der Industrie reif geworden ist. Dann werde es möglich sein, die funktionslos gewordenen Kapitalisten aus der Industrie gänzlich auszuschließen. Denn jede Klasse stirbt ab, die feine gesellschaftliche Funktion mehr hat.( Cole, Selfgovernment in industry. London 1920. Seite 85 ff., 97, 281 f.) Es fehlt dem Gildensozialismus nicht an revolutionärem Geiste; hat er sich doch unter startem Einfluß des revolutionären Syndi falismus entwickelt. Auch seine Wortführer heben immer wieder hervor, daß die schließliche vollständige Ausscheidung der Kapitalisten aus der Industrie wahrscheinlich nur auf revolutionärem Wege möglich sein werde. Aber er seht die Revolution nicht an den Anfang, sondern an das Ende: erst müsse die Arbeiterschaft durch stetige Ausdehnung ihrer Kontrolle über die Industrie diese Kontrolle prattisch erlernt, die Fähigkeit zur Verwaltung der Ins duſtrie erworben haben, ehe sie diese Verwaltung übernehmen könne.( Cole, a. a. D., Geite 93.) | Sieger sich über alle persönlichen Interessen stellen müsse, über jedes Rachegefühl erhaben sein müsse; das stimmt, aber auch er ist ja ein Mensch aus Fleisch, Knochen und Blut! Auch er ist Stiave seiner Leidenschaften, was wollen Sie, eg ist ja so verständlich!" Er schweigt, und auch ich schweige. Was soll ich auch sagen? Das ist alles wahr, ich weiß es, da ich das russische Leben lenne, aber... ,, Weißt du, worüber ich mich wundere", fährt er fort ,,, nicht über diese Erzesse, diese Mord- und Raubtaten, nicht über das von der Kette losgerissene Tier der Rache, nein, ich wundere mich in diesen furchtbaren Augenbliden über die Größe der russischen Seele. Dieses Volt trägt in seiner Brust ein großes, feinfühliges Gewissen, es ist zwar noch ungebildet und grausam, aber ein Gewissen hat es troßdem! Es genügt, umherzubliden und zu horchen: sie töten nicht alle, sie bringen nicht alle an den Bettelstab, sondern nur diejenigen, die ihr Blut getrunken haben. Diejenigen aber, die feit bewiesen haben, die werden geschont, versteckt vor der ihnen gegenüber bloß das geringste Fünfchen von MenschlichVergewaltigung anderer geschützt. Ist das nicht Erhabens heit? Die Menschen vergessen immer eins, daß jeder Krieg immer, bei jedem Volke, eine Periode psychopathischer Epidemie mit sich bringt. Der Krieg stumpft in den Men schen das moralische Gefühl ab; in einer Ekstase des Wahnfinns werfen die Menschen ihre Arbeit weg und wollen das Leben zerstören, vernichten, da es jeglichen Wert für sie ver loren hat. Und wie war denn der russische Zarenkrieg? Wußte denn das Volt, wofür es auf dem Schlachtfelde Millionen von Leichen zurückließ? Mußten denn die Entbehrungen, der Hunger und die Leiden, welche die Familien der Zurüd gebliebenen erlitten, nicht die Herzen mit bitterem Hasse ers füllen? Mußten die überall herrschenden, schamlosen Bac chanalien des Diebstahls das Volt nicht in noch höherem Maße erbittern? Ja, was wollen Sie denn dann? Die Revolution ist ja das Resultat der furchtbaren zaristischen und bürgerlichen Regierung. Im Laufe einer langen Reihe von Jahren wird die Revolution auf ihren noch nicht ge= festigten Schultern das schwere Erbe des alten Regimes tragen müssen. Und dabei herrscht im allgemeinen verhältniss mäßig ein Mangel an Arbeitsfräften, an vorbereiteten, ehrs lichen, selbstlosen Menschen." ( Fortsetzung folgt.) Gewerkschaftliches Wozu ist die Polizei notwendig? Der Verband der Gastwirtsgehilfen schreibt uns: Am Sonntag, den 8. d. M., wurden in Potsdam vom Verband der Gastwirtsgehilfen Flugblätter verteilt. In denselben wurde das Publikum aufgefordert, nur diejenigen Lokale zu besuchen, welche den Tarifvertrag anerkannt haben und deren Inhaber nicht mehr von den Gästen 10 Prozent durch die Kellner erheben lassen. Von dieser Flugblattverteilung hatten fünf in Potsdam be= schäftigte Kellner, die sich von diesen 10 Prozent nicht trennen tönnen, sowie einzelne Arbeitgeber einige Tage vorher Wind befommen. Diese edle Gemeinschaft machte nun an die zuständige Behörde eine Eingabe, die Flugblattverteiler verhaften zu lassen. In der Tat waren dann an diesem Tage in Potsdam sämtliche Kriminalbeamten sowie Sicherheitspolizei und die blaue Polizei auf den Beinen. Wir fragen hiermit: Ist es zulässig, daß die ganze Staatsgewalt aufgeboten wird, damit die einzelnen Unternehmer das Publikum schröpfen tönnen? Wir allerdings stehen auf dem Standpunkt, daß diefe Polizeiorgane in der gegenwärtigen Zeit andere Aufgaben zu erfüllen hätten, als sich in legale Kämpfe der Arbeiterorgane hineinzumischen. Es ist zu erwarten, daß die vorgesetzte Behörde sich nicht einseitig im Interesse des Unternehmertums in Zukunft informieren läßt und ihren untergeordneten Beamten ein nächstes Mal Anweisung gibt, dort ihre Kräfte anzuwenden, wo sie notwendiger sind, nämlich bei Schleichhändlern und sonstigem lichtscheuen Gesindel. Im Namen des Fürsten! Wir erhalten aus Gewerkschaftstreifen folgende Zeilen: Fürst Blücher von Wahlstatt besitzt am Bariser Play 2 ein Grundstück, welches vom„ Invalidendant", Unter den Linden, ver waltet wird. Der Portier dieses Hauses erlaubte sich nun, Bezahlung nach dem für die Wohnhäuser abgeschlossenen Tarifvertrag ( allgemeinverbindlich seit 15. 10. 19) zu fordern. Erfolg? Prompte Kündigung, trot vierjähriger, einwandfreier Tätigkeit. Der Betroffene ruft den Schlichtungsausschuß an und läßt sich in zwei Instanzen bestätigen, daß er tarifmäßige Entlohnung zu erhalten habe und die Kündigung unwirksam sei. Nebenher flagt der Invalidendant auf Räumung der Wohnung und dringt vor dem Amtsgericht Berlin- Mitte mit der Klage durch. Amtsgericht und Invalidendant Arm in Arm zur Entrechtung des Portierberufes. Wir suchen nunmehr unser Recht in der Deffentlichkeit und Schreien es heraus, daß wir nicht nur materiell zum Lumpenproletariat gehören, sondern auch von Amtswegen in dieses hinabgestoßen werden. Wie allgemein bekannt, ist Arbeitsstelle und Wohnung im Portierberuf untrennbar miteinander verbunden. Wenn nun der Schlichtungsausschuß entschieden hat, daß das Arbeitsverhältnis fortbesteht, weil Gründe zu einer Kündigung nicht vorgelegen haben, sollte man annehmen, das Amtsgericht wird fich diesem Urteil nicht verschließen und die Klage auf Räumung ber Dienstwohnung fostenpflichtig abweisen. Aber weit gefehlt. Unsere Herren Richter pfeifen auf diese„ bolschewistischen" GeJetze und Urteile, wie sich einer dieser Herren kürzlich so schön auszudrücken beliebte und sprechen im Namen der Republik oder sollten wir uns auch hierin irren Recht", indem sie den armen Portier mit zum Teil zahlreicher Familie, furzerhand auf die Straße fezen. Wir fragen: ist es der Wille des Fürsten Blücher v. Wahlstatt in diesem speziellen Falle, daß der Portier feines Hauses, welcher nachweislich seine Funktionen tadellos ausführte, durch den Invalidendant aufs Pflaster geworfen wird, nur weil er die in unserem Beruf übliche, färgliche Entlohnung verlangt? Wir fordern, daß die Richter bei derartigen Räumungsklagen endlich beweisen, daß wir in einem Rechtsstaate leben und nicht. daß Gefühl in uns aufkommen lassen, als wären wir Menschen minderer Qualität. ... Achtung, Zimmerer! Die Lohnbewegung der Zimmerer im Tiefbaugewerbe von Groß- Berlin ist, nachdem die Ortsgruppe Berlin des Tiefbaugemerbes unsere Lohnbedingungen anerkannt hat, beendet. Die Sperren über die bestreitten Firmen sind aufgehoben. Am Dienstagvormittag nahmen die Streifenden in ihrer Streitversammlung den Bericht entgegen und nahmen dann die Vereinbarung an, mit dem Beschluß, daß, wenn die Löhne und Zu schläge nicht voll zur Geltung tommen, fie sofort den Kampf wieder aufnehmen. Der rückständige Lohnzuschlag vom 29. Mai ab pro Stunde 80 Pfg. und 10 Bfg. Werkzeuggeld bis zu dem Tage, an dem der Streit begann, ist umgehend von den Arbeitgebern, spätestens bis 31. August abzuheben resp. zu fordern; später gestellte Forderungen aus der Lohnbewegung werden nicht mehr berücksichtigt. Der Lohn beträgt jetzt ab 1. Juli im Tiefbau 6,80 M. pro Stunde. Differenzen sofort melden. Zentral- Verband der Bimmerer Deutschlands, Zahlstelle Berlin u. Umg. Achtung! Buchdruder! Die Vertrauensleute ber berech nenden Handsetzer des Bereins der Berliner Buchdrucker werden gebeten, am Freitag, den 13. August, nachm. 5 Uhr, bei Rathmann, Wilhelmstr. 118, zu erscheinen. Die Kommission. Achtung, Töpfer! Am Freitag, den 13. Auguft, abends 7 Uhr, findet im Rosenthaler Sof", Rosenthaler Straße 11/12, eine Versammlung der oppositionellen Verbandsmitglieder statt. Diese Versammlung soll sich mit dem bevorstehenden Verbandstag beschäftigen, und wird deshalb eine rege Beteiligung erwartet. Friseurgehilfen der Opposition. Bersammlung Donnerstag 8 Uhr in Krumbachs Vereinshaus, Warschauer Straße 61. Auto- Reparatur- Betriebe Groß- Berlins. Die Funktionärsizung findet am Freitag, den 13. d. M., abends 6 Uhr, bei Schwarz, Reibelstraße 39, statt. Aus der Parteipreffe Die von der USPD. Herausgegebene Zeitschrift für Frauen und Mädchen des werttätigen Bolles" Die Kämpferin", veröffentlicht soeben die Nr. 14 mit folgendem Inhalt: Zusammenfassung der Betriebsräte. Nieder mit dem Wucher. Bernichtung teimenden Lebens.Gegenwart und Zukunft.Ferien.( Gedicht.)- Die Reichsschulfonferenz.( Schluß.) Feldarbeiterinnen.( Gedicht.) Frauenabend in der Heimvoltshochschule Tinz. Bücherschau. Kinderbeilage: Was dich die Pflanze lehren kann. Die Mondharfe. Im Moltenreich. Dat Koffedrinken.( Gedicht.)- Der Preis der Nummer beträgt 50 Pf., das Bierteljahrsabonnement burch die Post ohne Bestellgeld 1,30 M. und Kreuzband 2,40 M. DIE GUTE " Sozialistischer Erzieher", Seft 24. Jnhalt: Sozialistische Erziehungsgedanken. Zum Fall Siemsen. Proletarier und sozialistische Lehrer, schüßt die Volksschule! ( Gegen das Diensteinkommengejeg.) Ein sozialistisches Schulprogramm. USP. Bragramm.) Kritit Zur Beachtung der geistigen Eigenart in der Schule. einer Kritik. Zur Neuwahl des Berliner Magistrats. Für unsere Elternbeiräte. Kollegiale Fehme und behördliche Ohnmacht. Neue Bücher und Zeit: fahriften. Verbandsnachrichten. Der„ Sozialistische Erzieher" tämpft für die Durchführung des Sozialismus auf dem Gebiete der Erziehung; er ist die Wochenschrift der sozialistischen Lehrer und Elternbeiräte. Bezugspreis 6,50 m.( ohne Bestellgeld) vierteljährlich. Verlag„ Der Sturm", Berlin. 9. Groß- Berlin Die Aufbau- Schieber Soll weiter geschoben werden? Wie es scheint, fühlen sich die Hauptschuldigen der Schwindelorganisation 3wedverband Oberschlesien" außerordentlich sicher außerordentlich sicher und wohl, denn die Herren May und Oberleutnant Kraz haben bereits wieder ihren Einzug in die Räume gehalten. 3u den Gründern dieser Schwindelgesellschaft gehörten außer den beiden obengenannten Ehrenmännern die Herren Göz( Bruder des Verlagsdirektors von unstein), Dr. Paul Rumpel, Assessor Wolter und Meurer. Für einen normal veranlagten Menschen ist es außerordentlich schwer, sich durch den Rattenkönig von Unternehmen, die von den Herrschaften gegründet wurden, durchzufinden. Jedenfalls find die Geschäfte dieser Schiebervereinigung so verworren, daß die Gründer und Leiter wohl selbst Mühe hatten, sich durchzufinden. Merkwürdig erscheint, daß der Zwangsverwalter, Herr Maerder, die Privatfonten des May und Kray freigibt und sich mit diesen Herren in Verhandlungen einläßt, um die Aufbau- Zentrale in Form einer Attiengesellschaft neu erblühen zu lassen, ja sogar seine Mitwirkung dabei zu= zusagen. Am allermerkwürdigsten aber erscheint es, daß May und Krak, denen die Bergendung von Geldern auf Schritt und Tritt nachzuweisen ist, von der Staatsanwaltschaft unbehelligt bleiben und weiter Auto fahren und Seft trinken können. Auch die früheren Untersuchungen gegen May und Genossen ruhen unabgeschlossen bei der Polizeibehörde. Es ist dringend erforderlich, daß dem Publikum wegen dieser großen Rüdsichtnahme an solchen gewissenlosen Schiebern gegenüber Aufklärung gegeben wird. Scheinbar wird gefürchtet, daß hohe und höchste Herrschaften bei einer ordnungsmäßigen Untersuchung sehr tompromittiert werden. Der ehemalige„ Borwärts"-Redakteur 3idler hat nach unseren Unterlagen für den Zweckverband in Oberschlesien gegen den pol= nischen Imperialismus" getämpft, natürlich gegen Bezahlung. Daß er schließlich zu seinem Gelde gekommen ist, kann er wohl feiner recht energisch aufgetretenen Frau verdanken. Gegen den polnischen Imperialismus für Bezahlung aufzutreten, ist auch wesentlich angenehmer, als gegen den deutschen Imperialismus während des Krieges aus Jdealismus aufgetreten zu sein. Der ahnungslose Wohnungsverband Zu unserer gestrigen Notiz über die Auslegung der Höchstmietenverordnung wird uns von zuständiger Seite mitgeteilt: Durch Beschluß des Wohnungsverbandes ist die Miethöchstgrenze von 20 auf 30 Prozent erhöht worden. Auf laufende Verträge findet diese Abänderung nach den Bestimmungen der HöchstmietenanordDiese Bestimmung bedeutet, daß für nung feine Anwendung. laufende Verträge die Höchstgrenze von 20 ro= gent maßgebend bleibt. Bei Berlängerung alter Verträge oder bei Abschluß neuer Verträge tann aber mit Zustimmung des Mieteinigungsamtes bis zu 30 Prozent gesteigert werden. Zweifel an der Auslegung dieser Bestimmung fönnen nicht entstehen und find bisher auch nicht aufgetaucht. Die Reparaturpflicht der Vermieter In der legten Zeit häufen fich die Klagen darüber, daß Sausbefizer ihrer Reparaturpflicht vielfach überhaupt nicht mehr nachtommen, und zwar mit der Begründung, daß sie hierzu nicht verpflichtet seien, nachdem der von dem Wohnungsverband GroßBerlin ursprünglich beschlossene Reparaturzuschlag von 15 Prozent der Friedensmiete nicht aufrecht erholten worden sei. Auf eine Anfrage hierüber hat der Wohnungsverband Groß= Berlin, wie wir erfahren, folgende Auskunft erteilt: Die erwähnte Auffassung einiger Vermieter ist durchaus irrig. Der Vermieter ist zu sämtlichen ihm fraft Gesetzes oder Ver trages obliegenden Instandsetzungen nach wie vor in vollem Umfang verpflichtet. Der Umstand, daß der Vermieter teinen besonderen Reparaturzuschlag erhält, ändert hieran nichts. Glaubt der Bermieter, mit der Miete die Reparaturtosten nicht bestreiten zu tönnen, so bleibt ihm nur übrig, den Weg des§ 10 ber Höchstmietenverordnung zu beschreiten und beim Mieteinigungsamt den Antrag auf zubilligung entsprechender Zuschläge zur Miete zu stellen. Im Anschluß hieran sei darauf hingewiesen, daß dem Mieter die Möglichkeit zusteht, den mit der Vornahme von Reparaturen fäumigen Vermieter zur Abstellung unter Sehung einer Frift aufzufordern und nach fruchtlosem Ablauf dieser Frist die Reparaturen selbst ausführen zu lassen und dann gemäß§ 8 der Höchstmietenverordnung, die aufgewandten Beträge von dem Mietzins in Abzug zu bringen. Wo bleibt der Einmachezucker? Bor einiger Zeit wurde amtlich bekannt gemacht, daß von der Reichszuckerstelle eine Sonderration von Pfund Einmachejuder für den Kopf zur Verfügung gestellt worden sei und außerdem noch ein besonderes Quantum von% Bfund. Bisher haben unsere Hausfrauen noch nichts davon bekommen. Jetzt werden sie mit folgender Notiz der Reichszuderstelle vertröstet. Die Verteilung des ersten Quantums ist im größeren Teile des Reiches bereits durchgeführt worden. In manchen Gegenden hat die Belieferung allerdings Verzögerungen erlitten. Die Anlieferung der Mengen für Groß- Berlin erfolgt durch die Zuderausgleichsstelle, die ihre Läger in Hamburg, Köln, Riesa und Magdeburg hat. In Riesa wurden Ueberstunden von der Arbeiterschaft verweigert, so daß sich die Verteilung langsamer abwidelte, als ursprünglich vorauszusehn war, doch ist das Verlabequantum in jüngster 3eit gesteigert und die restlose Erledigung der Berteilung in kürze zu erwar= tent. Mit dem Sonderquantum aus den Ueberschüssen der Marmeladenfabrikation stelt es allerdings weniger günstig aus. Diese Mengen sind bereits im Befige der Fabriken und müssen aus diesen Betrieben erst wieder herausgezogen werden, um dann durch die Verteilungsstellen den Gemeinden überwiesen zu werden; ein Weg, der naturgemäß sehr langwierig ist. Es ist heute bereits damit zu rechnen, daß dieser Zuder seinem ursprünglichen Zweck in diesem Jahre taum mehr wird zugeführt werden können.(!!) Bisher steht nur fest, daß er zur Verteilung vorhanden ist und verfügbar gemacht wird. Unsere Leserinnen werden diese Beschwichtigungsnotiz mit sehr gemischten Gefühlen lesen. Aber sie haben sich schon so vieles bieten lasjen müssen; warum nicht auch noch dieses Verlegenheitsgeftammel Konstituierung des 4. Kommunalwahlbezirks( Prenzlauer Tor). Am Mittwoch, den 4. d. M., fand die Konstituierung unserer Fraktion des 4. Verwaltungsbezirks statt. Es wurden gewählt: Als 1. Vorsitzender: Gen. Gehrke, 2. Vorsitzender: Gen. Sendte, Schriftführer: Gen. Schenk und Genossin Anna Blaube, Kassierer: Gen. Zachert. Als Vertreter der Groß- Berliner Kommission wurde Gen. Gehrke gewählt. Die juristische Sprechstunde findet am Freitag dieser Woche auss nahmsweise von 3%-5% Uhr nachmittags statt, nicht wie sonst üblich von 5-7 Uhr. Sonnabends fällt die juristische Sprechs stunde aus. Die Abwidlungsstellen des ehemaligen deutschen Heeres braus chen nicht nur eine recht lange Zeit zur Erfüllung ihrer Aufgabe auf Kosten der deutschen Steuerzahler, fie arbeiten zum Teil auch recht fehlerhaft und bereiten dadurch manchem früheren Heeresangehörigen viel Scherereien, unnüze Zeitvergeudung und Unkosten. So berichtet eine Zuschrift an uns, daß der Einsender vier Tage versäumen mußte und 7 Mart Straßenbahnfahrkosten hatte, um seinen berechtigten Anspruch auf Entlassungsbekleidung zur Geltung zu bringen. Stets stellte sich heraus, daß seine Ents laffungspapiere nicht in Uebereinstimmung waren, was eine Folge davon war, daß die Abwicklungsstellen unforrette Eintragungen gemacht hatten. Die Frage des Einsenders, wer ihm die entstan denen Unkosten zu erstatten gedenkt, wird er sich wohl selbst bes antworten fönnen. Unsere Behörden machen wohl Fehler, aber für die Folgen lassen sie andere aufkommen. Die neue Nummer der Freien Welt" ist besonders reich aus gestattet. Das Titelbild bringt eine ergreifende Zeichnung aus Amerita, dem Lande des reinen Kapitalismus. Der aftuelle Teil dieser Nummer zeigt Bilder von der Friedensdemonstration am 1. Auguft im Berliner Lustgarten, vom schlewig- Holsteinischen Bauerntag, vom brandenburgischen Feuerwehrtag und ein hübsches Bild von dem tschechoslowatischen Sportfest in Prag. Aus dem Textteil ist ein Artikel„ Seine und der Sozialismus" besons ders erwähnenswert. 3wei illustrierte Artikel,„ Kunst und Dich tung unserer Gefangenen" und Neue Sorgen der Bourgeoisie", der Roman, das Notizbuch, Winke für die Hausfrau, die humo ristische Rubrit Spaß muß sein" und Karitaturen ergänzen das vielseitige Heft. Preis des Heftes 60 Pf. Bluttat auf einem märkischen Rittergut. Auf dem Rittergut Schönholz bei Rhinow in der Mart ist es anläßlich eines Streites zwischen polnischen Arbeitern und den beiden Söhnen des Rittergutsbesizers von Thun zu Tätlichkeiten gekommen, in deren Vers lauf der Arbeiter Pa ch erschossen wurde. Bon den polnischen Ar beitern, die auf dem Rittergut Schönholz beschäftigt waren und sich vertraglich verpflichtet hatten, bis zum November auf dem Gute tätig zu sein, wollten mehrere die Arbeit vorzeitig aufgeben und auf einem der benachbarten Güter sich verdingen. Als diese Arbeiter mit einem Fuhrwert ihres neuen Arbeitgebers vom Gute Schönholz abgeholt wurden, tam es zwischen ihnen und den beiden 22 und 19jährigen Söhnen des Rittergutsbesigers von Thun, die der Meinung waren, noch ein Recht zur Zurüdhaltung der nach ihrer Ansicht vertragsbrüchigen Arbeiter zu haben, zu einer ers regten Auseinandersehung. Der Streit artete schließlich in Tätlichteiten aus. Der 50jährige polnische Arbeiter Josef Bach schlug mit einem diden Knüppel auf den älteren der beiden Brüder, den 22jährigen Landwirt Klaus von Thun ein, worauf dieser aus einem Revolver mehrere Schüsse auf seinen Gegner abgab; eine Kugel traf Pach in die Brust und führte seinen sofortigen Tod herbei. Das Amtsgericht Rathenow hat sofort eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet, die erst ergeben muß, inwieweit die Bes hauptung des Täters, er habe nur in der Notwehr gehandelt, in der Tat zutrifft. Die Leiche des Erschossenen ist inzwischen bereits obbuziert und zur Beerdigung freigegeben worden. Ablershof. Anmeldungen für die am 19. September stattfindende Jugendwethe nimmt Genosse Thielmann, Bismarckstraße 31 ent gegen. Aus den Organisationen Berlin- Stadt. Diftrift- Oblente ber tommunalen Kommissionen, Sigung, am Freitag, 13. 8., abends pünktlich 5 Uhr, Schicklerstr. 5-6. 3. Kommunalwahlfreis. Elternbeirate aus dem 11., 13., 16., 17. und 18. Diftritt, Freitag, den 13. Auguft, abends 7 Uhr, bei Grunert, Pantstr. 59, Sigung. Jeder Distrikt entsendet die brei dazu gewählten Genossen. 5 Diftritt. Freitag, 18 Uhr, bei Güttler, Alexandrinen Str. 98, Jugendver Jammlung. Die Eltern werden ersucht, die Jugend auf diese Versammlung aufmerksam zu machen. 17. Diftrift, 1. Abteilung. Freitag, 7 Uhr, in der Schulaula, Ruheplatstr. 5-7, Abteilungsversammlung. Charlottenburg. Freitag, 13. August, abends 7 Uhr, Mitgliederversammlung im Boltshaus, Rosinenstraße. Tagesordnung: 1. Die politische Lage. 2. Bericht von der Bezirksgeneralversammlung. 3. Bericht der Schiedskommission. Neukölln. Freitag, Fortsetzung der Generalversammlung bei Kliems, Hafen Heide. Anfang 7 Uhr. Treptow- Boumulenweg. Freitag, 7 Uhr, politische Kommission, Räte- unb Gemertschaftstommiffion, Sigung bei Mügel, Reue Krug- Allee 58. Reinidendorf O. Käte und Gewerkschaftskommiffion, Sonnabend, 7 Uhr, Sigung im Jugendheim. Vereinskalender Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände. Sämtliche Afa- Gruppenräte, Bersammlung Donnerstag, Jugendfäle", Rojenthaler Str. 36, abends 7 Uhr. Arbeiter- Gruppenräte, die den freien Gewerkschaften angehören, find als Gäste willkommen. Deutscher Transportarbeiter- Berband. Deutscher Metallarbeiter- Berband. Ben tralverband der Maschinisten und Heizer. Versammlung aller beim Magiftrat Groß- Berlin beschäftigten Kollegen am Freitag, den 13. August, nachm. 5% Uhr, in Böltes Festfalen, Weberstraße. Stellungnahme zu dem letzten Magistratss beschluß vom 10. August 1920. Zentralverband der Angestellten. Versammlungen am Donnerstag: Fach gruppe 135 und c( Chemische Industrie und Großhandel). Mitgliederversammlung, abends 7% Uhr in den Mufiterjälen, Kaiser- Wilhelmstr. 31. Fachgruppe 14g ( Beleuchtungstörper). Mitgliederversammlung, abends 7 Uhr im Verbandslolal, Belle- Alliance- Str. 7-10. Jugendgruppe. Jugendliche Vertrauensleute, abends 7 Uhr im Verbandslokal, Belle- Alliance- Str. 7-10. Gastwirtsgewerbe. Donnerstag, den 12. August 1920, nachts 12 Uhr, vier Ver Sammlungen aller Angestellten: Residenzfestfäle", Landsberger Str. 31, Cafe Stern", Oranienburger Tor- Friedrichstraße, Armin- Hallen", Kommandanten Straße 58, Cafe Corso", Charlottenburg, Hardenbergstr. 27. Ohne Mitglieds buch oder Karte der fartellierten Verbände fein Zutritt. Berband der Gastwirtsgehilfen. Bund der technischen Angestellten und Beamten. Mitgliederversammlung Nor ben 1, 7% Uhr, im Restaurant Schwart, Felbstr. 3( am Gartenplah). Berein sozialistischer Aerzte. Sizung am Montag, den 16. Auguft, abends 74 Uhr im Deutschen Zahnärztehaus, Bülowfir. 104( am Rollendorfplat). Tages ordnung: Die Rationierung der Aerzte. Ueber die Abschaffung der Paragraphen 218, 219 bes Strafgesetzbuches. Gäste willkommen. Arbeiter- Clterabund, Gruppe Moabit. Freitag, 7 Uhr, außerordentliche Ge neralversammlung in der Aula Turmstraße 88. Ohne Mitgliedsbuch fein Zutritt. Deutscher Arbeiter- Theater- Bund( Bezirk 3 Groß- Berlin). Große öffentliche Versammlung am 12. Auguft, abends 7 Uhr, in der Aula Weinmeisterstr. 15. Referat des Genoffen Hinze über„ 3wed und Ziel des Deutschen Arbeiter- TheaterBundes". Sämtliche Theater und theaterspielenden Geselligkeitsvereine sind hierzu eingeladen. Berband Bellsgesundheit. Donnerstag, 28 Uhr, Vortrag des Genossen Saase über Wanderungen durch Italien". Gäste willtommen. Sonntag, Beteili gung am Arbeitersport- Kartellfest im Stadion. Treffpunkt: Reichskanzlerplat mittags 12 Uhr. Dafelbst ist unsere hygienische Ausstellung in der Kaiserloge. Arbeiter- Wanberverein Berlin". Sonntag, den 15. Auguft nach Rahnsdorf Kalfberge- Ertner. Abfahrt 6.03 Saleficher Bahnhof. Mittwoch, den 18. u gust, abends 7 Uhr, Vereinsfigung, Staliger Str. 22. Bollzähliges Erscheinen notwendig. Berantwortlich für die Redattion: Emil Rabolb, Berlin. Verantwortlich für den Inseratenteil: Ludwig Komeriner, Karlshorst, Verlags genossenschaft Freiheit" e. G. m. b. H., Berlin. Drud der Freiheit" Druderet 6. m. b. 5., Berlin C. 2, Breite Straße 8-9. MASSARY ZIGARETTEurieilen Sie selbst