Einzelpreis 20 Pfg.• 3. Jahrgang s..... fl? Lf'�lHClCfl WMKiM»-« Nummer 413 Abend-Ausgabe Mi aftiriftrit*«Milul■»m«» ob»ich«lU«G», eamtsg* nb M«>rtas« ms •famoi. 9a Veplgsprei» beträgt brt freitr Zustellung w» Haue sik Droh-Berli« iOr— M. t» sottm: zahlbar, von fctt Spedition selbst abgeholt 8,S) M. Zür Post» bezog nehme» sämtliche Posta nstaltm Desiellonzen entgegen. Unter Streifbemb bezogen Wr Deotschlenb mtd Oesterreich lg,M M., sät das übrige Ausland 21, so M. zuzüglich Paltua-Ausschlag, per Pries sür Deutschland und Oesterreich 20,— M. n«d«aaw«' Berli»«A,»reite Stenh««.«. Die achtgespaltene Nonpareille, eile oder deren Nanm kostet 5,— M. einschlieststch renerungszuschlag. Klein- Anzeigen! Da» settgedeurkle Wort 2,— M., sebr, meitm» Wort 1,50 33!., ewschließlich Teucrnnzsznschlag. Lausende Anzeigen laut Tarist. Fannlien-Anzeigen und Slellen-Geiuche 2,20 Di. netto pro Zeile, ötellen-tbesoch» m Wort-Anzeigen: bae(tltgebruduc Wort 1,60 22t., jedes tc eitere Watt st— Ast gOT|)»te(S«r gfttttt'iB 2030, 2645, 451« 4603, 463� 404«, ilSL berliner-Orffon ber Vnabfiämlßen Styialömiofmtie SeatTcdtants Kritische Tage in Litauen Die Krise in Wilna tEigene Drahtmeldung der.�reihei t".) Wilna, 30. September. Die Lage in Wilna war zwei Tage lang höchst kritisch. Die litauischen Ministerien liehen ihr Bündel geschnürt und Kisten und Koffer verpackt. Nur die diplomatischen Vertretungen Esth- lanbs, Englands und Rußlands waren in vollem Betriebe. Die Polen hatten die schwachen Verbindungen zwischen Litauern und Bolschewisten zerrissen und waren nordöstlich und östlich vorwärts gedrungen. Da das Gebiet von litauischen Truppen frei war, so fanden sie keinen Widerstand. Niemand wußte, ob ihr Lormarsch mehr den Bolschewisten oder der Besetzung Wilnas galt. Als sie an der Bahnlinie Wilna-Erodno, nicht viel mehr als 60 Kilometer von Wilna entfernt, waren, ohne dag eine Kundgebung über ihre Absichten vorlag, hätte der kleinste Umstand in Wilna eine Panik hervorrufen können. Noch am 27. September traf eine Note Sapiehas ein. die die Situation klärte. Die Polen erklären nochmals, daß sie die Linie vom 8. Dezember anerkennen, dag sie alle Gebiete östlich dieser Linie als litauisches Territorium respektieren werden. Um ihren Einmarsch in litauisches Gebiet zu rechtfertigen, beschuldigen sie die Litauer der Ne.utralitäts- Verletzung. Auf der Bahn Wilna— Grodno wollen die Polen auf der Station Marcinkauce einen Transport bolschewistischer Soldaten abgefangen haben. Das ist eine durchaus denkbare Tat- fache. Die Zahl der aus Deutschland flüchtenden Bolschewisten ist ziemlich groß. Diese überschreiten die litauisch« Grenze, gelten hier als lästige Ausländer und werden nach der Grenze abgeschoben, da sie das selbst fordern. Das ist ein völkerechtlich absolut einwandfreies Verfahren, dad nicht im geringsten eine Neutralitätsverletzung darstellt. Anders Berbindungen dürften die Litauer in der Tat kaum mit den Bolschewisten haben, da sie mit ihrem eigenen Lande genug zu tun haben und nicht geneigt sind, sich in Intriguen- und Ränke- spiele einzulasien. Die Polen verfolgen offenbar mit ihrem Vorgehen den Zweck. den rechten Flügel der Bolschewisten zu umgehen. Diese Flan- kierung ist ihnen in großem Maße gelungen. Die Bolschewisten haben infolge dieses Druckes Grodno räumen müssen und werden jetzt ihren linken Flügel so umbiegen müssen, daß dort eine nach Norden gerichtete Front entsteht. Diese polnische Ope- ration droht, die Verbindung zwischen Litauen und Sowjetrußland überhaupt zu zerreißen. Das wäre auch für die deutschen Znter- essen von großer Tragweite, da dann der eben gewonnene Weg für den Abtransport der Kriegsgefangenen, der jetzt schon zum Teil gestört ist, völlig unterbunden würde. Die polnische Note enthält zum Schluß den Vorschlag einer neuen K-onserenz am 20. September in Suwalki. Die litauische Regierung hat sich zu Verhandlungen bereit erklärt und ihre Delegation bereit» abgesandt. Die Anerkennung des Verzichts auf Wilna durch die polnische Regierung hat in der hiesigen polni- fchen Bevölkerung großen Eindruck gemacht, zumal die polnische Agitation bisher hier mit großen Mitteln arbeitete und an allen Ecken in roter Farbe„Es lebe Pilfudski!" zu lesen (Copyright for Airerika by Chicago Tribbune.) Die Leiden von Wilna (Eigene Drahtmeldung der„Freiheit") Konmo, 80. September. Di« KriegDsagen erzählten von einer vollständigen Aus- vlünderung der Stadt Wilna durch die Bolschewisten. Es war nicht nur Sage, sondern Märchen. Die Stadt ist unversehrtL, w allen Juwelierläden prangen die Auslagen, die Drogerien strömen von Mcdikavienten nnd Parfümerien. Selbst wertvolle medizinische Jnfttumente sind in Berkaussläden unan- getastet geblieben. Mögen in der Tat einzelne Plüiidcrunge« vor- gekommen sein, so sind sie keineswegs systematisch oder auch nur von «mschneidcnder Wirkung für das WntschaftSlcben gewesen. Ebenso ü bet Mär über die vielen Hunderte von Hin- 'htiteu. Gerüchte erzählen von mehreren Tausend reichell tn of« rbte Bolschewisten verhaftet und hingeschlachtet haben m wö t»«!!?.b aber btS jetzt kaum einige dreißig exhumiert worden. Gew ß in Wtlna öbe u> d tot. Das ist aber utät die Folge der Bollchewistenherrschaf� sondern das Resultat der Lechen, die diese Stadt unter den dauernden Wechseliällen des Krieges zu tragen ge- habt hat. Erst drei Iah, g deutsche Okkupation, dann die Polen und nach ihn«! die Bolichewisten, dann wieder die Polen und nach Jahresfrist schon wicher Boischeivtsten nnd jetzt die Litauer, und noch immer keine Gewitzheil, ob damit das Spiel beendet ist. TaS hat die prächtige alle Stadt nicht ertragen können. Das aesellschaft'iche Lesen tst tot, der Puls des wirtschaftlichen Lebens schlägt matt und matter. Ans Hunderten von palastähulichen Laute» gähnen schwarze Fensterhöhlen; die reichen Polen haben vor den Bolschewisten zumeist da? Feld geräumt. Jetzt stehen Taufende von Wohnungen uod Hunderte von Häusern leer. Gänze Straßcnzüge sind unbewohnt. Man kann die Häuser, deren Türen weit offen stehen, vom Keller bis zum Dach durchsuchen. Nur scheu lugt hie und da der Kopf eines Pförtners, der im versteckten Winkel haust, u« die Ecke. Es tst schade um die Stadt. Ein Stück alter Kultur beginnt hier zu Grunde zu gehen. Gin Blick von den steilen Höben hart am Uicr der Bilctka, noch im Weichbilde der Stadt, zeigt weit mehr alS 20 Kirchen nnd Käthe- ' drale». Die Goldzwiebel der russischen Kirchen gleißt m der i Herbstsonne, gelb, scharf und stechend. Brett wölben sich die ! Kuppeln der Kathedralen in hätzltchem Schwarz, und auS dem ! Grau und Gelb der Kirchtürme und Häufet maffen hebt sich der rote � romanische Bau der St. Annen-Kirchc. Ans dem enge» Raum deS Talk-sselS, in den die Stadt hineivgedrängt ist, und der bereits von ihr rtüllt ist, haben sich die Kultutperioden dicht nebeneinander Denk- mäler gesetzt. Dicht neben dem romanischen prangt gotischer Stil, Barock wechselt mit Rokoko und Renaissanee. Und damit das Bild auch über die modernen Kasmtenbauten der Regterungspaiäste zur letzten Bolleudung komme, fehlt nicht daL schokoladefarbenc Wohn- Haus im Stil des Leipziger Völkerschlachtdenkmals. Ist es nicht immer schön, so ist es doch interessant. Das alle? ist dem langsamen Verfall anheimgegeben. Der Ber- kehr innerhalb der Stadt ist längst eingeschlafen. 'Außer Droschken gibt es kein Verkehrsmittel. Die Schteuen der Straßenbahn sind bereits zum Teil zerstört. Tagelang durchquert lein Lastwagen als Zeichen wirlschaftlichen Verkehrs die Straßen. Es wird ein schweres Stück Arbeit für die litauische Regierung sei», diese Stadt wieder zum Lebe» zu erwecken. Der Bahuverkehr bis zur deutschen Grenze ist zwar schon völlig geregelt. Es verkehren täglich zwei Züge von Eydtkuhneu bis Wilna und zurück. Aber sowohl der Bahnhof W'lna, als auch die Strecke von Kownv bis Wilna ist durch gesprengte und nur sehr unvollkommen wieder her- gestellte Brücken stark behindert. Trotzdem wird, sobald Handels- Verträge mit Rußland vorliegen und auch die Traustffrageu geklärt sind, ein st arker Berkehr über Wilna»ach Rußland einsetzen, der der Stadt wohl einen neuen Aufschwung bringen könnte. Tie jüdische Bevölkerung WilnaS, die wohl mehr asS. die Hälkte der Einwohnerzahl ausmacht, dürfte die litauische Regierung in ihrer Ansbauarbeit unterstütze». Dagegen macht sich jetzt schon eine passive Resistenz der in großer Zahl in Wilna ansässigen Poleu geltend. Demgegenüber wird die litauische Regierung keinen leichten Stand haben. Bor allem die Bauer« in. der Umgebung WtlyaS t echnen so stark auf die Wiederkehr der Pole«, daß sie die Annahme de? litauischen Obcrostgcldcs veiwetgern. Die litauische Regierung hat bisher viel Geschick tu der Behandlung fremdstämmiger Völksteile bewiesen, so bei der Gewährung der Autonomie an Juden und Weißrnthenen. Vielleicht gelingt es ihr auch hier, deS polnischen Widerstandes Herr zu werden. ior �mencs by„Chicafd Trlbonc".) Polnischer Frontbericht Baranowitschi genommen TU. Warschau, l. Oktober 1820. Amtlicher Heeresbericht vom 30. September 1020. Nach der Vernichtung der Sowjettruppcn, die im Abschnitt Lida konzen- triert waren, setzten unsere Truppen die restlose Verfolgung de? FeiudeS in östlicher Richtung fort. Der Fewd zieht sich in p a u i k- artigerUnordnung zurück, wobei er vou allen Seiten einkreisende Vorstöße unserer Abteilungen abzuwehren hat. Eine Sowjetdivifion ging vollständig zu uus über, nachdem sie vorher die K o m m i s s a r e. die sie»um Widerstand zu zwingen suchten, ermordet hatten. Nach Aussagen vou Gefangenen hatte der Befehlshaber der dritten Sowjetarmee, als er die drohende Situation erkannte. Selbstmord begangen. Die Gefangenen und die Trophäen, die der nachträgliche Gcneralstabsbericht vom 20. September<12 000 Gefangene, 30 Ge- schütze) erwähnt, sind von der l. Legionärdiviston nnd von der l. litauischen weißrussischen Diviston gemacht worden. Die grob- polnische Gruppe, die sich vou Slonim aus vorwärts bewegt, eroberte am 30 d.MtZ.imheldsnniütigen Angriff Baranowitschi. Südlich deS Pripet zog sich der Feind unter unserut Druck auf die Linie des Flusses Sluez zurück. Unsere Kavallerie besetzte Z w i a ch e l, wobei sie Gefangene machte und 6 Geschütze erbeutete. Die Monarchisten in Oesterreich TU. Wie«, l. Oktober. Die Aussichten der monarchistischen Bewegung in Oesterreich, die in Wien von dem früheren Bevollmächtigten Minister Wiesuer. dem Verwalter der ehemals kaiserlichen Fonds Dr. S ch a g e r. dem Geueralstabsobcrsten B i d a l e und dem ehemaligen polnischen Prä- sidenten G 0 r a p geführt wird, können als minimal bezeichnet werden. Daß sie sogar tu Tirol nicht besonders gut sind, geht daraus hervor, daß der republikanische Landeshauptmann Schraffl auf republikanischer Basis gegen den monarchistischen Hosrat Dr. Schöpfer kandidiert. Schraffl dürfte ohne jeden Zweifel gewählt werden. Die Beamtenschaft in Oesterreich ist vorwiegend deutsidnattonal und iür den Anschluß an Deutsch- land, der nur ans dem Boden der Republik möglich ist. Der größte Osst ierSvervaud tst deutjchuattonal. viel schwächer ist der christlich-soziale Offitiersverband. die wenigsten Mitglieder hat der sozialistische Offiziersverband. In der monarchistischen Parteileitung herrscht gegenwärtig eine Differenz, da sie mit dem persönlichen 2'uftr-ten Dr. Schagers nicht einverstanden ist. Da» vo« der ungarischen monarchistische« Partei nach Prangin« geschiente Geld wird für Zwecke der monarchistischen Be- megung in Wien verwendet. Das in Prangius gefallene Wort. „Der Weg«ach Budapest führt über Wien", hat in Buda- pcst nachhaltige Berstemmung hervorgerufen. Versammlungsverbot in Solingen. Die britische Behörde hat in Solingen sämtliche Beesammluiigen und Kundgebungen vcr- boten und gegen Zuwiderhandelnde strengste Bestrafung in Aussicht gestellt. Aiilaß dazu gab die Absicht lommunistischer Kreise. wieder eine Knndgebueg zu veranstalten, um die aufgebobene loo-Zgige Erhöhung der Bantntersiütznng für Erwerbslose wieder in Kraft zu fetzen. Selbstentmündigung? Von Cduard Weckerle.~f"* Es ist keine zufällige Erscheinung, daß die bei weitem über« wiegende Mehrzahl unserer in führender Stellung stehende» Parteigenossen gegen die Aufnahmebedingungen ist. Nicht wenige sind darunter, die bisher Rußland rückhaltlos unter« stützt haben und die auch nicht einmal nennenswerte Aus«. stellungen an dem Organisationsstatut der Kommunistische« Internationale erheben. Ihre Haltung mit angeblicher Furcht um ihre bisherige Stellung zu begründen, wäre nied« rig und ermangelte überdies �eder Logik, denn es kann nie« mand entgehen, daß die Massen teilweise sich schon rein ge« fühlsmäßig heute für Moskau erklären und gar nicht erst de« Versuch machen, tief und klar den sich aus dem Allschluß er» gebenden Folgen ins Auge zu sehen. Nichts wäre also leichter, als eine Anpassung an diesen Massenwillen, der weniger Ausfluß eines bewußten W i l l c n s als vielmehr eines u»>' b e w u ß t e n U n w i l l e n s der Massen über den bisheriges* qualvollen Verlauf der Revolution in Deutschland ist. Psychologisch ist dieser Unwille nur zu leicht begreiflich. Alle erhoffen von dem Anschluß an Moskau, diesen einzigen Proletarierstaat, einen neuen frischen Impuls für die pro« letarische Revolution in Deutschland. Sie übersehen dabei vollständig, daß dieser Impuls weniger von Moskani als vom deutschen Proletariat selbst aus« gehen muß. Wie aber soll dieser Impuls eine Perleben« digung erfahren, da der Anschluß an Moskau nicht eine revo« lutionäre Tat, sondern eine Ohnmachtserklärung. und Selbstentmündigung zur Voraussetzung macht? Aus eine solche Forderung laufen die Artikel 7, 11 und 21! der Aufnahmebedingungen, genau besehen, doch Hinaue. Artikel 7 fordert den Bruch mit dem„Zentrum", als dernr Repräsentanten in Deutschland beiläufig nur K a u t s k n und H i l f e r d i n g genannt werden. Mit dem Ausschluß dieser beiden Genossen würde es aber sein Bewenden nicht haben, denn in früheren Flugblättern der Kommunistischen Partei sind auch Männer wie Ledebour, Henke u. a. als Glieder dieses Zentrums bezeichnet worden, wie über«' Haupt die gesamte Agitation der deutschen Kommunistischen Partei darauf hinauslief, unsere Partei in ihrer Führung als einen faulen Zentrumsbrei hinzustellen, der schleunigst ausgetilgt werden müßte. Im Wesen dieses Parteikampf« der K. P. D. lag es, daß er sich immer nur gegen unsere Parteiführer richtete und daß gerade diese immer wieder mit dien niedrigsten Anwürfen belegt wurden. Nun verlangen die Aufnahmebedingungen, daß unsere Führer sich der Entschei« dung just jener selben Instanzen unterwerfen, von denen bisher diese ganzen Anwürfe ausgegangen sind. Kann ihnen eine solche Demütigung irgend ein Parteigenosse im Ernste zumuten? Könnte noch ein Parteigenosse Achtung vor einem Führer haben, der heute im Biißergewand zu der deutschen Kommunistischen Partei schleicht um dort entscheiden zu las- sen, ob er Revolutionär oder Konterrevolutionär sei?, i Es scheint, daß die Parteigenossen, die heute blindlings die Moskauer 21 Punkte annehmen, sich gar nicht bewußt werden. daß sie damit nur selbst vor der deutscheu Kommunistischen Partei kapitulieren und ihre eigene bisherige Haltung ver- werfen. So verlangt Artikel 11 die Revision des persön- lichen Bestandes der Parlamentsfraktionen. Aus den Mit» teilungen C r i s p i e n s wissen wir, daß diese Klausel etwa den Ausschluß von mindestens drei Viertel unserer heutigen Reichstagsfraktion bedeutet. Dabei ist noch kein halbes Jahr verflossen, daß unsere Parteigenossen doch selbst ihre Parla- mentsvertreter nominiert haben. Merkt die Masse nicht, wie sie sich selbst ohrfeigen, sich selbst das veriuchteildste Urteil sprechen und wie sie sich selbst entmündigen würde, wenn sie heute ihre eigenen vor fünf Monaten gefaßten Beschlüsse einer Revision unterwirft? Denn sie wäre doch außerstande, die Notwendigkeit eines solchen Schrittes anders als durch die Forderung der K. P. D.— das ist doch die entscheidende Znstanz im Exekutivkomitee der Dritten Internationale— zu inotivieren. Die Befürworter der Aufnahmebedingungen verschweigen geflissentlich deren praktische Auswirkungen. Sie halten diese teilweise für nebensächlich und einige erklären gar. diese Bedingungen hätten keine Geltung für unsere Partei, son- dern nur für die übrigen noch geeinten Parteien des Aus- landes. Wie muß doch diese Genossen die Erklärung unseres französischen Genossen L o n g u e t beschämen, der mit Eni- rüstuna die Zugehörigkeit zu einer Internationale zurück- gewiesen hat, welche„Genossen wie H i l f e r d i u g, wie K a u t s k y, wie Ledebour. der revolutionäre Kämpfer" ausschließe. Solidarität hat bisher immer als erhebendster Aus- druck proletarischen Klassenbewußtseins gegolten. Die Mos- kauer Bedingungen verlangen vou den in unserer Partei ver- einigten Massen, daß sie diese Solidarität ihren Führern ge- genüber brechen und über sie als über schnöde Verräter hinwegschreiten. In den Augen der deutschen Parteikomm»« nisten hat bisher noch kein Unabhängiger etwas getan oder unterlassen, was nicht auf einen Verrat hinausgelaufen wäre. Jetzt sollen sich plötzlich die Massen der U. S. P. D. dem Verdammungsurieil der K. P. D. anschließen? Wohl oft hat ein an führender Stellung befindlicher Unabhängiger anderen Beschlüssen zustimmen müssen als seine eigene Ein«� fiiht und fem eigenes Wollen ihm«omezeichnet hätte, denn nicht diese, fondern der Reifegrad der Massen entscheidet legten Endes über die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten einer Aktion. Wie dieser Reifegrad von den Kommunisten selbst noch vor kurzem beurteilt wurde, zeigt die von dem Kommunisten P ick nach dem Kapp-Putsch in der Vollversammlung der Betriebsräte abgegebene Erklärung, wonaq damals nur eine sozialistische, von Unabhängigen und Rechtssozia- listen geleitete Regierung dem Reifegrad der Massen entsprochen hätte und in Deutschland der Weg zur Räterepublik überhaupt nur über dieses Zwischenstadium führen würde. Bei einzelnen Befürwortern der Bedingungen haben wir freilich wundersame Wandlungen erlebt. So hat Wilhelm Herzog, der heute jeden Gegner des Terrors von vorn- herein als Konterrevolutionär behandelt, gerade zu jener Zeit am eindringlichsten nach einem Savonarola ge- schrien, als Noskes Garde ihre blutigsten Orgien feierte. Noch bei E i s n e r s Ermordung bekannte Herzog, dag Sozia- lismus nicht töten, sondern nur aufrichten dürfte. Werfet die Waffen von euch, rief er weiter, unsere Zeit bedarf keines Napoleon. Napoleonideen hätten im Zeitalter Wil- fons und der aufgeklärten Arbeitermassen keine Lebens- kraft. Wir bedürften eines Savonarola, der mit den Waffen des G e i st e s die Welt sich unterwerfe.(„Republik" vom 22. Februar 1919.) Wilhelm Herzog steht in dieser Hinsicht durchaus nicht vereinzelt da. In allen Städten und Bezirken gibt es heute Parteigenossen, die ihre eigenen Irrtümer und Halbheiten einfach der Partei ankreiden und sich unschuldig unter die Fittiche der Kommunistischen Partei begeben. Zu welchen Urteilen hinsichtlich des Eyarakters dies bei Anlegung eines Maßstabes im einzelnen Falle führen könnte, mögen die be- treffenden Genossen selbst ermessen, jedenfalls"bleibt die Tatsache bestehen, daß diese mit argem Geräusch verbundene Flucht aus einem Haus ins andere als Eesamterscheinung die lebhaftesten Befürchtungen hinsichtlich einer aus solchem Abfluß entstehenden Partei wachrufen muß. Leider aber auchi m Hinblick« ufdasgesamtedeutschePro- letariat und den ferneren Gang der Revo- lution überhaupt. Aktionsprogramm der Scharfmacher Ein interessantes Eeheimzirkular eines Arbeilgeber- Spitzen- Verbandes läßt erkennen, in welcher Weife ge- arbeitet wird, um zu dem gesteckten Ziel zu gelangen, den vor- revolutionären Zustand wieder herbeizuführen. Dieses Geheim- zirkulär zeigt zugleich, wie die Unternehmer über die Tätigkeit der behördlichen Stellen, und die Möglichkeit, diese in ihrem Sinne zu beeinflussen, denken. Wir geben dieses Eeheimzirkular nach dem„Vorwärts", der e, zuerst veröffentlicht», nach- stehend wieder: „Die Lohnpolitik der nächsten Zeit muß in erster Linie ein weiteres Steigen der Löhne verhüten. Die von der Bereinigung ausgegebene Parole, keine Lohnerhöhung zu be» willigen, ist im augemeinen befolgt worden, auch Behörden und Schlichtungsausschüsse haben sie sich zu eigen ge- macht. Seitens der Arbeitnehmerschaft ist die Resolution natür- lich heftig bekämpft worden, jedoch waren größere Streiks als Folge abgelehnter Forderungen selten. Gegen Teilstreiks wird die Aussperrung der Arbeiterschaft eines Bezirkes an- geraten. Sollten auch jetzt noch Schlichtunasausschiisse Lokner- 'köhungcn bewilligen, so wird dringend empfohlen, den Schied». spruch mit eingebender Begründung, unter Hinweis auf die der- zeitige wirtschaftliche Lage abzulehnen und gleichzeitig dem Dämobilmachungekommissar Kenntnis von der Ablehnung und ihren Gründen zu geben. Ein materieller Grund für weitere Lohnerhöhungen be steht nicht, da nach statistischen Erhebungen die Ernährungs- und gesamten Ledensunterhaltungskosten in den zwei letzten Mo- naten erheblich gefallen find. Reue Tarife sollten keinessallsu abgeschlossen werden, ohne der Akkordarbeit genügenden Raum A schaffen, volle Ausnutzung der ISstündigen Arbeitswoche ist dringendes Gebot. Auch das Reichsarbeitsmini st erium empfiehlt, Vor- und Abschlußarbciten außerhalb der regelmäßigen Arbeitszeit vornehmen zu lassen. Ein« Reihe von Demobilmachungskom- missarrn erteilte bereits generell die Genehmigung für diele lleberschreitung der achtstündigen Arbeitszeit. Hingewiesen wird ferner auf die Einführung von Qualitätsprämien, Ersparnis- Prämien für Rohstoffe. -Auch die Vergrößerung der Differenz zwischen der Entlohnung gelernter und ungelernter Arbeiter ist anzustreben. Sie ist im Jahre 1319 teilweise bis zu 30 Prozent verringert worden; so stieg z. B. in der Berliner Metallindustrie der Lohn des ungelern- ten Arbeiters von 69.2 Prozent im ersten Vierteljahr 1919 vom Lohn des gelernten Arbeiters auf 92, S Prozent im ersten Viertel- jähr 1929. Zur Vorbereitung des Lohnabbaues, mit dem am besten der Bergbau und die chemischen Industrien be- ginnen würden, sind Propaganda in der Presse. Einwirkung auf die Gewerkschaftsführer und auf die Be- tricbsräte sowie Ueberweisung einschlägigen Materials an die Vorsitzenden der Schlichtungsausschüsse empfohlen. Der Abbau hat zunächst bei den Löhnen der Jugendlichen und ll n v e r- bei rateten zu beginnen, deren Löhne relativ zu hoch sind. Die Bereinigung der Deutschen Arbeitgcberver- bände wird vorausstchtlich den Verbänden noch eine genauere Darstellung dieser Fragen zugehen lassen." Das Programm ist reizend. Abbau der Löhne, begin- nend beim Bergbau und in der chemischen Industrie, bei den Zugendlichen und Iknverheiraieten; Aussperrungen im Falle von Teilstreiks; kein Abschluß von neuen Tarifen, es fei denn, daß sie zur Einführung der Akkordarbeit dienen; Verlängerung der Arbeitszeit. Zu diesem Zweck Kirremachen der Gcwertjchastsführcr und Betriebsräte und das Beugen der Schlichtungsausschüsse und Demobilmachungskom- missare unter das Gebot der Scharfmacher, eine Methode, die be- reits mit Erfolg geübt worden ist. Das ganze Programm aber hat zur theoretischen Grundlage— wenn man so sagen darf— eine Lüge! Nämlich die, daß die Lebensunterbaltungskostcn „erheblich gefallen" seien. Das wagt diese Sippschaft zu behaupten, während täglich alle Preise steigen. Das Ganze überrascht uns nicht. Beobachtet man die Gewerk- schaftsbewegung genau, so findet man, daß das Unter- nehmcrtum schon seit Einsetzen der Krise nach diesen Anweisungen handelt. Selbstverständlich nicht. indem in jedem Einzelfalle das ganze reiche Programm in Anwendung gebracht wird. Aber es geht doch keine Einzel- lohnbewegung vorüber, ohne daß der eine oder andere Punkl des ganzen gemeinen Plans durchzusetzen versucht wird. Das Rund- schreiben ist aber um deswillen interessant, weil es zeigt, daß die Ausnutzung der Krisennot vom Unternehmertum planmäßig von zentraler Stelle organisiert wird. Das zu wissen, ist wichtig. Wichtig für eine Regierung, die die Erhaltung des Wirtschaftsfriedens auf ihr Programm geschrieben hat. Sie weiß nun, wo die fitzen, die den „Wirlschaftsfricden" nicht nur, fondern das Wirtschaftsleben über Haupt in die Gefahr schwerster Erschütterung, ja völliger Verwahrlosung bringen. Und alles das. um engste privat- wirtschaftliche Interessen wahrzunehmen. Die politischen Agenten jener Gruppe aber, die hier ihren Zynismus so brutal offenbart, nennen das— Wiederaufbau. Wichtig zu wissen ist es aber auch für Gewerkschafter» die den milden Glauben hegen, der Wirtschaftssrieden sei zu wahren durch innige» Beisammensein der Gewerkschaftsinstanzen mit diesen Unternehmern in den„Arbeitsgemeinschaften", und die ferner vortäuschen sollen, in den„Arbeitsgemeinschaften" be- tunde sich die— Selbstbescheidungspolitik des Kapitals", üm dieses Wort von Schippe! zu gebrauchen, das nicht oft genug in Erinnerung gebracht werden kann. So fleht sie also aus, die Selbstbescheidungspolitik. Interessant ist dieser Aktionsplan der Scharfmacher ferner in Verbindung mit der in Aussicht stehenden Reform des Schlichtungswesen», die mit dem rühmlichst bekannten Entwurf für eine Schlichtungsordnung eingeleitet worden ist. Zu diesen Schlichtungskörperfchaften soll die Arbeiterschaft Vertrauen haben? Ihnen sollen sie ihre Streitfälle auf Treu und Glauben anvertrauen? Die netten Plaudereien der Scharfmacher über die Schlichtungsausschüsse und Demobilmachungskommissare beweisen, daß alle Voraussetzungen für eine strikte Ab- l e h n u n g eines Schiedsgerichtswesens, das auch nur den g e- lindesten Zwang auf die Gewerkschaften ausüben soll, gegeben sind. Genau wie vor dem Kriege. Gegen den Lebensmittelwucher! TU. Leipzig, 1. Oktober. Der Landesvorstand der Unabhängigen Sozialdemo- kratifche« Partei Sachsen«, erläßt einen Aufruf an die � Arbeiter und Arbeiterinne«, in der nächsten Woche in allen ' Orten Sllaffenversammlnngen gegen de« Leben«mittelw«cher ] zu veranstalten. Di« Unruhe« in Irland. Die Stadt Mal low, in der Graf- schaft Cork, wurde au mehreren Stellen iuBrand gesteckt. DaS Rathaus uud Fabriken, darunter«ine Butterfabrik, wurde» zerstört. Die Brüffeler Konferenz Finanzdalles in allen Länder» ZU. Brüssel. I. Oktober. In de? gestrigen Bormittagssitzuug erstatteten die Vertreter de? Delegationen von Armenien und Ungar» die mündliche» Be« richte über die Finanz- und Wirtschaftslage ihrer Länder. Der ehe« maüge Gouverneur der Oesterreich-Ungarischen Bank nnd Finanz« mimster Povowitz entwarf das trostlose Bild der Wirt- sch a f t s l a g e U n g a r n S. Ter ungarische Staat, der durch zwei schwere Revolutionen mitgenommen sei, lebe nur durch die Notenpresse. Früher kavien 69 Kronen des Nolenuntlanfes auf den Kop' der Bevölkerung und heute lK0c> Krone». Die Trostlosigkeit der Lage des Landes erhellt die Tatsache, daß vor dem Kriege ei» Budget von 21!i Milliarden Kronen dem hentigen Budget von 23,2 Milliarden gegenübersteht. Der Außenhandel ist infolge der beschrankenden Maßnahmen der umliegende« Staaten nur zum Teil möglich. Es besteht kein Zweifel, daß ohne eine Hilfe von außttt das Land nicht hochkommen kann. Frankreichs Bericht TU. Brüssel, i. Oktober. Der der Finanztonferenz vorliegende Bericht über die Wirtschaft» liche und finanzielle Lag« Frankreichs betont, daß die Staatsaus» gaben vom 1. August 1311 bis zum 11. November 1918 299 Mil- liarden Franken betragen haben. Davon wurden 32 Milliarden durch Steuern gedeckt. 51 Milliarden durch konsolidierte innere Anleihen. 32 Milliarden durch ausländische Anleihen und 50 Milliarden durch kurzfristige Bankanleihen. Die Steuern be- tragen 751 Franken für den Kopf der Bevölkerung gegenüber 129 Franken 1913. Die Steuern aus die großen Vermögen stiegen auf 379 Prozent. Für dieoerwüstetenEeblcte sind 29 Milliar- den ausgegeben, davon 19 Milliarden feil dem 1. Zanuar dieses Kalenderjahres. 77 Prozent der vernichteten Industrien sind wie- derhergestellt oder teilweise dem Betrieb zurückgegeben. 299 Pro- zent der Arbeiter von vor dem Kriege sind wieder tätig. Die gegenwärtige Kohlenproduktion beziffert sich in den ersten sechs Monaten des Jahres 1929 nur auf 6 Prozent der gleichen Pro- duktion des letzten Friedensjahres. In den verwüsteten Gebiete» sind 599 999 Häuser zerstört und davon 399 999 glatt verschwunden. Die Staatsschuld beträgt 236 Milliarden. Die ausländische Schuld ist wesentlich verringert worden. Der englische und der ameriku, nische Staat haben jedoch noch immer große Forderungen. Der Bericht schließt mit einem Appell an die Konferenz, Frankreich durch Erfüllung des Friedensvertrages in seinem Bestreben nach Wiederaufbau zu schützen. Die Sabotage des Reichsgerichts Di««»schuldige« Kappisten TU. Kiel, L Oktober. Dos Verfahren wegen Hochverrat» gegen den Kontreadmiral a. D. v. L e v e tz o w, den früheren Leiter der Kieler Sicherheit»- Polizei Major a. D. v. Winterfeldt, Bürgermeister a. D. Lindemann(Kiel), Landrat a. D. Freiherr Loew von und zu Steinfurth in Hadersleben und gegen den früheren Regierungs- Präsidenten v. P a u l i(Schleswig), vor dem Reichsgericht ist ein- gestellt. Die angeordnete Bermögensbefchlagnahm« i st a u f g e h o b e n. In der Begründung heißt es, daß nach de» angestellten Ermittelungen die Angeschuldigten weder Ur« Heber noch Führer eines Hochverratsunterneh« mens im Sinne des% 1 Absatz 2 de» Gesetze» über die Getoäh- rung von Straffreiheit vom l. August 1929 gewesen find. Dem Antrag des Angeschuldigten v. Winterfeldt auf Wiederaufnahm« des Versahrens konnte nach Ansicht des Senates nicht stattgegebe» werden. Die bürgerlichen Gerichte verstehen es gut, die Gesetze so auszulegen, daß den Kappverbrechern kein Haar gekrümmt wird. Räch der Spruchpraxis des Reichsgerichts wird der eigentliche Urheber des Kapp-Putsches am Ende eine geistes« schwache Scheuerfrau des Herrn Lüttwitz gewesen sein. Di« deutsche Denkschrift für die Brüsseler Konserenz. Wie der Statssekretär Hirsch im Volkswirtschaftsausschutz des Reichs- tage» miteilt«, beabsichtigt die Regierung die Denkschrift, die für die Brüsseler Konferenz hergestellt worden ist, zu veröffent». ltchen. Die Denkschrift enthält unter anderem die amtlich« Außenhandels statt st it. Abstand Eine neue Polizeioerordnung über den Straßenhandel tritt am 1. Oktober in Kraft. Polizeiverordnungen waren von jeher ein schönes Spiel der Stützen von Thron und Altar, das ihnen viel Vergnügen und Zer- streuung auf dem langweiligen, lahmen Amtsschimmel schuf. Besonders aber Polizeiverordnungen, die die Straßenhändler straften, waren im Schwange«nd wurden mit vollen Händen ausgeschüttet. Und das war auch gut so und gerecht, damit die Straßen- Händler nicht üppig und übermütig wurden, denn man weiß ja zur Genüge, wie schnell st« zu Macht und Millionen gelangen! Nun hat die Republik das alte Requtflt der Polizeiverordnungen über den Straßenhandel wieder hervorgeholt, und die neue Ver- ordnung ist eine vollendete Delikatesse für Feinschmecker. Da heißt es zum Beispiel: Straßenhandel darf nur getrieben werden, zwan- zig Meter entfernt von jeder Straßenbahnhaltestelle, von jedem Zugang zu einem Bahnhof, sowie zur Hoch- und Untergrundbahn. und es wird weiter sehr wtise dekretiert, daß die Wagen der Straßenhändler drei Meter Abstand untereinander haben müssen. Ja, die Republik hält auf Abstand! Das ist richtig, namentlich gegen Straßenhändler. Aber wie nun, wenn so ein Straßenhändler neunzehn Meter vom Zugang zum Bahnhof oder einer Haltestelle entfernt steht, oder gar 3� Meter Abstand vom Nachbar nimmt? Dann wird er eben bestraft, mit Geldstrafe bis zu 69 Mark oder mit Haft bis zu vierzehn Tagen. Warum mißt der elende Kerl nicht genau die zwanzig Meter oder die drei Meter nach? Was hat diese Sorte denn sonst für Sorgen?! Abstand halten ist die Hauptsache! Diese neue Polizeivewrdnung ist geboren aus dem großen Geist des Militarismus, den wir längst vergessen und verwunden haben. wie man das wenigstens von uns so oft behauptet hat! Unser Feldwebel sagte uns immer:„Kerls, die Hauptsache ist. daß Ihr vorschriftsmäßig Abstand hält, auch draußen im Feld. wenn Euch die Handgranaten um die Fresse fliegen! Immer Ab- stand! Verstanden?" Und als ich im L a z a r e t t lag. da hatten wir einen ,ehr freund- lichen Oberstabsarzt, der sich im Saal nicht um die Kranken kümmerte, sondern nur darauf kah, daß die Nachttische zwanzig Zenti- meter Abstand hatten von den Betten; und wer diesen Befehl nicht befolgte, bekam drei Tage Kasten. Das habe ich mir«ingebämmert nnd weiß heute, daß Abstand- halten die Hauptsache ist. Und wenn nun die Straßenhändler schön und sauber ausgerichtet, drei Meter Abstand, am Rand der Straße stehen, und der Schutz- mann kommt, und der älteste Straßenhändler ruft:„Achtung! Alles steht Herrn Schutzmann an!" dann, ja dann wird alle» wieder gut! Ä- „Proletkult» Der durch sein tatkräftiges Porgehen bekannte russische Volks- tommissar A. Lunatscharski veröffentlicht«inen Aufruf des Exekutivkomitees des Internationalen Bu- reau» de«„Proletkult"(dessen Präsident er ist), an das Proletariat aller Länder. Es heißt darin: „Es ist nicht um der Macht willen selbst, daß das Proletariat die Macht ergreift. Gerade im Segenteil geht es auf die Unter- drückung des ganzen Staates aus; es bedient sich der Macht ledig- lich zur Niederreißung aller Schranken zwischen den Menschen und zur Schaffung der Bedingungen, die die Errichtung des Kam- munismus und die Unterdrückung jeder Macht des einen Wien- fchen über den anderen ermöglichen. Di« politische und ökonomische Befreiung der proletarischen Massen wird die Bedingung ihrer intellektuellen Erlösung sein. Dank der historischen Entwicklung nähert sich das Proletariat seinem Endziel: dem universalen Kommunismus, eingeleitet durch den politischen und wirtschaftlichen Kamps. Es ist vom histori- fchen Gesichtspunkt gleichialls unvermeidlich, daß sich eine neue proletarische Front bildet. An dieser Front wird die schöpferische Macht der proletarischen Kultur zur Entfaltung gelangen... Die Bewegung der proletarischen Kultur, die dem Proletariat er- lauben muß. seine schöpferische Tätigkeit zu zeigen, muß vom akti- ven Geist des Kommunismus durchdrungen sein. Ihr Zweck ist, das Proletariat mit den neuen Kenntnissen auszurüsten, seiner Bewegungen durch die neue Kunst zu organisieren, sein Leben mit proletarischem, kommunistischem Geist zu erfüllen. Die Kunst, die proletarische Dichtung, der Roman, das Lied, die musikalische Schöpfung, das Theater, alles kann als ein mächtiges Mittel der Propaganda dienen. Die Kunst leitet die Gefühl« so wie die Propaganda das Gewissen und die Stimmungen ent- wickelt und wie die Gedanken den Willen bestimmen. In Rußland wurde am Vorabend der Oktoberrevolution die erste Konferenz der Organisationen proletarischer Kultur einbe- rufen. Es wurden daselbst die Grundlagen des„Proletkult"(die proletarische Kultur) genannten Organisation geschaffen. Eine neue Form der Arbeiterbewegung, ist der„Proletkull" mächtig In die Halme geschossen, sobald da? Proletariat in wiiten Landen ans Ruder gelangt war. Di« Einladung des 2. Kongresse, der 3. Internationale i» Moskau sich zunutze machend, hat das Zentralkomitee de»„Prolet- kults" ganz Rußland gemeinsam mit einer Gruppe der Delegier- ten ein internationales provisorische» Bureau des„Proletkull gegründet. Dieses Bureau hat sein Exekutivkomitee gewählt. Das Exekutivkomitee schlägt den Proletariern vor, in jedem Lande eine Konserenz zu organisieren, die der proletarischen Kultur gewidmet fei.. Es ersucht, diese Frage in der Presse und in öffentlichen Versammlungen zu erörtern. Schließlich macht es den Proletariern zur Pflicht. Organisationen des„Proletkult" ins Leben zu rufen, damit später ein Weltkongreß einberufen werden könne." Das proletarische Theater Man schreibt uns: Das Proletarische Theater der revolutio- nären Arveiter Berlins ist gegründet und wird geleitet von Ar- beitern und Künstlern. Es will Genossen zu einer sozialistisch genossenschaftlichen Organisation vereinen, die von feinen Besuchern getragen und verwaltet wird. Das Proletarische Theater spielt ernste, heitere und fatqrisch« Stücke, die dem Willen, der Sehnsucht und der'Qual des Prole- tariat» Ausdruck verleihen, der revolutionären Besinnung und Erregung dienen und Gedanken einer proletarischen Weltanschau ung propagieren. Das Proletarische Theater hat als Mitwir- kende berufen« Künstler. Es will schon heute den Versuch machen, Proletarier selbst zu einer dramatischen Gemeinschaft zu»er- einen, die ohne Rücksicht aus bürgerliche Kunstdogmen ihrem Lebensgesühl unmittelbaren Ausdruck gibt. Es wird im Sinne des russischen Proletkults fortlaufend Studienztrkel bllden, die Arbeiter und Künstler vereinen, um die Gedanken einer pro- letarischen Schauspielkunst zu klären, die Arbeit des Theaters zu befruchten und vorbereitende Arbeit für die Entstehung prole- tarischer Bühnenwerke zu leisten. Das Proletarische Theater wirbt um Einzelinitglieder für eine Theatergenoisenschast. Die Mitglieder verpflichten sich zu einem allmonatlichen Besuch der Vorstellung zu einem Einheitspreise von 3 M. und leisten einen Monatsbeitrag von 9,75 M. Für Nichtorganisierte Personen gel- ten höhere Theaterpreise. Die der Theatergenossenschaft beitreten den Organisationen sind am Reingewinn, der von ihnen bestellten Vorstellungen beteiligt. Zur Aufführung gelangen Stücke von Eorki, Tolstoi, Berhaeren, Sas, Garami, Paul Zech, Rutra, Iwan Göll u. a. Beteiligt sind: die Betriebsorganisation und die Zentrale der Betriebs rate, der Erwerbslosenrat, Turnverein«Fichte". Arbeiterwander- bund„Naturfreunde", Deutscher Arbeiter-Theatcrbuitd. Aus Grund des Ausrufes Hai sich der«Ausschuß der revolutionären Arbeiter Eroß-Berlin» für proletarisches Theater" gegründet. Außer den obenstehenden Organisationen sind in ihm vertreten: die U. S. P. D. durch ihren Bildunasausschuß, die K. P. D., die K. A. P, D.. die Freie Arbeiter-Union. der Deutsche Metall« An die Mitgliedschaft Grotz-Berlins! Der geschöstsfilhrettde Auslchug des Verbandes verlia-vraadeu» Surg macht nachdriiSlichst darauf aufmerksam, dah Borftands-Reu- wählen feinfchlieglich Kafstrer) der Orte, Distrikte und Bezirke nur nach vorheriger Ankündigung in einer hierzu ein« berufenen Generalversammlung stattfinden können. Besonders warne» wir vor jeder unrechtmäßigen Aneignung und Zurückhaltung von Kassen oder Materialien, dir der Gesamt- Mitgliedschaft gehören. Der geschästsführende Ausschuß. gez.: Schindler, Müller, Hesselbarth, Lachmann. Herbst, Bormann, Berger, Linde, Löwenstein, Grün, Rettschlag, Martha Demning. Frida Wulff, Freund, Schneider, Meier. Geheuchelte Entrüstung von Richard Krille. Man mutz schon gestehen, die Befürworter der Moskauer Bedingungen verstehen es meisterhaft, in Entrüstung zu machen, vor allem dort, wo ste sich noch nicht den gewünschten Einfluh sichern konnten. Da markieren sie die Objektiven und Unparteiischen gern. und alles, was sie tun, soll nach äugen hin auch diesen Anschein erwecken. Da ist es doch notwendig, ihnen wieder einmal den Spiegel vorzuhalten und das in diesem Falle sehr schwache Gedächtnis etwas zu stärken. Bor allem in bezug auf mein an mehrere Genossen gerichtetes Schreiben.— Veranlassung dazu gaben mir Berichte, aus denen ich entnahm, daß in einer Reihe von Ortsgruppen m allerletzter Zeit alle wichtigen Funk- tioncn systenmtisch von der Gegenseite besetzt wurden. E t- fahrenc und bewährte Genossen, denen nichts weiter nachgesagt werden konnte, als dag sie Gegner der Aufnahmebedin- gungen sind, wurden einfach beiseite geschoben. Dann kamen mir Aeugerungen zu Gehör, daß verschiedentlich schon die Frage diskunert wurde, an solche Kassierer, die gegen die Bc- dingungen sind, keine Beiträge mehr abzuliefern. Weiter wurde es mit jedem Tage sichtbarer, wie trefflich sich die Gegenseite innerhalb der Partei organisiert hatte und wie systematilch und unduldsam man vorging, vor allem in den Ver- fammlungen, wo es oft andersdenkenden Genossen unmöglich wurde, ihre Ansicht zum Ausdruck zu bringen. Entweder man schrie jeden von vornherein nieder oder machte durch dauernde Zwischenrufe jede Diskussion unserer Richtung unmöglich.(Uebri- gens ganz nette Aussichten für die kommenden Versammlungen der Gegenseite in bezug auf freie Meinungsäußerungl. Es kam weiter hinzu, daß in verschiedenen Orten des Bezirks Teltow- Beeskow(Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf. Cöpenick) nur Anhänger der 21 Punkte als Delegierte zur Bezirks-Ge- neralversammlung gewählt wurden. Aus all diesen Gründen hatte ich die Pflicht, besonders in den Orten, wo der Partei- apparat sich in den Händen der Gegenseite befand, die mit mir die gleiche Ansicht teilenden Genossen auf diese Zustände aufmerk- sam zu machen, sie zu ermuntern, denen mit gleichen Mitteln zu begegnen und der drohenden Zerreißung der Partei entgegenzuarbeiten. Denn die in den Versammlungen hervorgezauderten„Stimmungsbilder"(ä la Genosse Wegmann) konnten mir nicht maßgebend sein, weil ich genau wußte, wie es„gemacht" wurde, um Resolutionen, die sich für die Bedingungen aussprachen, zur An- nähme zu dringen, noch dazu, wo nur stets ein Bruchteil der Mit- glieder anwesend war. Weiter handelte ich nur pflichtbewußt, alle Kassen und Gelder der Partei zu erhalten, die die Mittel der U. C. P. aufgebracht hat. Ich mußte verhüten, daß seitens ein- zelner Funktionäre(Kassierers Gelder ohne Zustimmung der Mit- gliedschasten mit dem persönlichen Uebertritt zur K. P. D. dieser ausgeliefert wurden. Denn es besteht doch wohl heute kein Zwei- sel, daß die entscheidende Frage lautet: Hier für ll. S. P., dort für K. P. D. Die Namensänderung der K. P.-Sektion der 3. kom- munistischen Internationale läßt keine Zllullon mehr zu. Die Mitglieder haben zu entscheiden, ob sie gewillt sind, der Partei beizutreten, deren Politik wir mit Zustimmung der übergroßen Mehrheit unserer Anhänger als verderblich und schädlich für das Proletariat bekämpft haben, deren politisches Wirken uns auch in Zukunft schädigen muß. Auch dem trat ich in meinem Schreiben entgegen und werde es auch weiterhin tun. Aus diesen Gründen fühle ich mich so gar nicht schuldig, zumal ich gestern noch von denen für meine Tätigkeit Anerkennung fand, die mich heute steinigen. SS�SSS,—mymmmwmmmmmmmmmmmmmm arbeit er-Perband, der Buchbinder-Verband, die Sozialistische proletarische Jugend. A u s k u n f t: Durch das„Proletarische Theater", Karlsruher Strage 27.(Tel.: Pfalzburg 4S1S.) Theaterskandal um Pallenberg. Die drei französischen Einakter- chen Courtelines, in denen gestern Max Pallenberg im Theater in der Königgrätzer Straße auftrat, bieten durchaus keinen Anlaß zu irgendwelcher literarischen Erregung. Courteline ist mit seiner satirisch ulkenden Feuilletondramatik immer ein bischen überschätzt worden. Es imd Bagatellen, die das Publikum als spaghoite Füllsel oder Lückenbüßer eines ange- brochenen Theaterabends gern in Kauf nimmt, aber es will sich für sein teures Eintrittsgeld nicht mit drei blanken Nichtigkeiten abspeisen lassen, zumal wenn e» den ganzen Pallenberg sehen möchte. Der spielte nur im dritten Stück, dem schon auf vielen Bühnen bewährten„Gemütlichen Commissar" die fulminante Hauptrolle während er in den beiden anderen„Grotesken", die wehr abgeschmackt als grotesk lind, nur nebenbei figuriert«. So schlug die gute Stimmung allmählich böse um, und die Eni- täuschung machte sich in beßlichem Lärmen und Pfeifen Lust, was den Künstler auf der Bub'- bei seinem glänzend gelungenem Le- mühen, aus seinen Noll-- lies mögliche herauszuholen, sichtlich kränkte und zur?kotwehr einer improvisierten bitteren Bemerkung veranlasste. Der Skandal richtete sich aber anscheinend nicht g e gen Pallenberg, sondern gegen den Mißbrauch seines schon zu mti �vchliegenden Talents, das im Französischen weit mehr bei bei Courteline gedeiht und f ü r dessen unverminderte wohl auch die gestrige allzu hestige Kundgebung Zeugnis ablegen wollte. Die Vorstellung war ein Direktion»- und Regle, ehler. wobei man Kritik und Kritiker ganz nach hinten setzte.- E. B. Da» Neu» Bol»,theater brinat als nächste Neueinstudierung HoffmannSinai»„„E l e t t r a" mit Roie L-chtenstein in der Titelrolle. Dazu die Uraustudrun.g von Leo T o l N o>' S Einakter„Der Fremde uud der Bauer, in der Ucberfetzung von Frieda Rubin«. Im Rofc-Theater wird Else Lehmann im November»ei d« ilraufführui g vo» Helmut Unaer» Schauspiel„Der verloren« Sohn" die Hauptrolle darstellen,„eben ihr als Gäste Ida Orloff and Erich Pabst. Tagung entschiedener Schulreform«. Dr. Anna S i e m s e n, Stadtfchulrätin in Düsseldorf, wird auf der am 2. Ottober begin- »enden Tagung entschiedener ochulreformer in Berlin-Lankwitz, lSemeindefcsthallc,, am Montag. 4. Oktober, nach Prof. Paul Oestrcich(Wirtschaft, Geist- und Btldungsanstalten) und Frl. Hilde Hecker lFröbel-Montessori-Methoden im Kindergarten) lprechen über Möglichkeiten zu wirklichem Aufbau der produktiven Gemeinschaftsschule. Neu«inge- lügt in das reichhaltige Tagungsprogramm ist noch«ine Film- Vorführung über Berufsplychologie mit begleitendem Vortrage von Dr. Beck.. Zur Urwahl für den Parteitag Die Wahlbestimmungen (Ausschneiden und aufheben) Wann wird gewählt? Die Wahl findet am S o n n a b e n d. den 2. Oktober, in der Zeit von 3—9 Uhr nachmittags und am Sonntag, den 3. Oktober, von Iii— t Uhr vormittags statt. Di« Lokale werden Sonnabend früh bekanntgegeben. Wer ist wahlberechtigt? Wahlberechtigt ist jedes Parteimitglied, welche» seine Beiträge einschl. Juni lg2l> entrichtet hat. Ohne Mitgliedsbuch oder Karte darf niemand wählen. Ein Aufnahmeschein berechtigt nicht zur Ausübung des Wahlrechts. Diese Bc- stimmung darf durch örtliche Verfügungen keine Ein» schränkung erfahren. Wie wird gewählt? Zur Stimmabgabe kommt«in Stimmzettel zur Anwendung, welcher aus der linken Halste die Namen der Kandidaten der Befürworter der Bedingungen und auf der rechten Hälfte die Namen der Gegner der Bedingungen trägt. Die Wahl ist eine geheime, es ist also in den Wahl- lokalen dafür Sorge zu tragen, daß den Wählern Gelegen- heil gegeben wird, unbeobachtet von zweiter Seite die nicht zusagenden Namen aus dem Stimmzettel durchzustreichen. Stimmzettel, welche Namen beider Richtungen tragen, sind ungültig. Nach erfolgter Abstimmung muß das Mit- gliedsbuch bzw. die Karte vom Wahlleiter mit dem Vermerk „gewählt" versehen werden. Wie wird das Wahlresultat festgestellt? Die Auszählung der Stimmen erfolgt nach der jedesmaligen Beendigung des Wahlaktes, d. h. also am Sonnabend abend nach 3 Uhr und am Sonntag nachmittag nach 1 Uhr. Das Er- gednis muß jedesmal in das Wahlprotokoll eingetragen werden. Das Resultat der Auszählung muh in de« Distrik- ten zusammengetragen und dem Bureau bis Montag, den 4. Oktober, nachmittags 3 Uhr, nebst Stimmzetteln und Wahlprotokollen eingereicht werdeil. Der geschäftsführende Ausschuß Demokratischer Zentralismus Von M. Hesselbarth. Am 2. und 3. Oktober soll in Bezirken, in denen eine Urab- stimmung technisch möglich ist. durch Urwahl über Annahme oder Ablehnung der 21 Aufnahmebedingungen durch die Mitglieder der U. S. P. D. entschieden werden. Der Zentralvorstand läßt stch von dem Gedanken tragen, daß durch die Urwahl jeder Part«- genösse sein Votum in die Wagschale werfen kann. Dem ist nichis entgegen zu halten. Wenn aber über ein Dokument, wie über das, welches die Aufnahmebedingungen enthält, durch Urwahl ent- schieden werden soll, muß die Garantie geboten sein, das alles getan worden ist, den Mitgliedern den Sinn der LI Punkte klar zu machen. Es wird behauptet, daß in allen Orten Versammlungen stattge- funden haben und somit überall genüge geschehen ist. Das zu de- hnuplen ist Hohn. Es ist unmöglich, daß ein Referent in 1 bis 2 Stunden soviel Klarheit in einer Versammlung schaffen kann, wie im Interesse der Sache notwendig ist. Ich setze voraus, daß alle Parteigenossen die Bedingungen und Thesen zu Gesicht be- kommen haben und knüpfe daran die Frage: Wie kann jemand behaupten, daß der größte Teil der Mitglieder die Bedingungen richtig auszulegen versteht, um dadurch seinen Schlußfolgerungen über die Wirkungen, welche durch die Annahme der Bedingungen für die Arbeiterbewegung Deutschlands entstehen, bilden zu können. Machen wir uns nichts vor und geben wir zu, daß der Kreis unserer Mitglieder, welche als parteipolitische An- alphabeten angesprochen werden können, nicht der kleinste ist, Auch steht fest, daß es in den Reihen der ll. S. P. D.-Mitglieder an Papiersoldaten nicht mangelt, d. h, Genossen, welch« wohl ihre Beiträge entrichten, aber nicht das geringste Interesse für das haben, was in der Partei vorgeht. Wenn aber gesagt wird, daß die Mitglieder verschiedener Orte keine Versammlungen mehr wünschen, weil ste der Auseinandersetzungen müde sind, so trifft das nur insofern zu, als in den Versammlungen die Mitglieder nicht das zu hören bekommen, was unumgänglich notwendig ist. Der Beweis ist aber erbracht, daß selbst über die wichtigsten Punkte die größte Unklarheit besteht und zwar deshalb, weil, wenn dieselben behandelt werden sollen, mindestens für jeden Punkt ein einstündiges Referat erforderlich ist, Punkt 12 der Auf- nahmebedingungen, welcher den Ausbau der Partei auf der Grundlage des Prinzips des demokratijchen Zentralis- m u s fordert, ist einer der Punkte, über den noch am meisten Un- tlarheit besteht. In den meisten Versammlungen, in denen ich in den letzten Wochen referierte, wurde an mich die Frage gerichtet, was der demokratische Zentralismus eigentlich bedeute. Ich will meine Ansichten darüber hier erörtern, um durch eine Diskussion die gegenteiligen Ansichten zu erfahren. Vorbedingung für den demokratischen Zentralismus ist, daß sämtliche Parteigenossen zur Aktivität vervflichtet werden, nicht das Mitgliedsbuch allein soll der Gradmesser revolutionärer Eigenschaften sein. Das System der Papierrevolutionäre muß endgültig beseitigt werden. Jeder Geosse muß s« nach Befähigung, Eignung, Charakter und Ateresse seine bestimmten Funktionen übernehmen. So entstehen Arbeitsgebiete und Zellen eines prole- tarischen Staatsapparates(Arbeitskommission). In allen Ort- ? haften ist die Spezialisierung der Parteiauigaben unbedingt urchzuführen. Di« Genossen zeder einzelnen Zell« wählen, um eine Leitung zu haben, einen Obmann. Ist die konstitutionelle Aufgabe aller Zellen durchgeführt, so treten alle Obleute zu- sammen und bilden den örtlichen Aktronsrat. Der Aktionsrat ist das unterste Glied der illegalen Organisation. Die Aufgaben des Aktionsrates glaube ich nicht besonders behandeln zu brauchen. Sie sind in den Thesen und Anschlußbedingungen ausgesprochen. Jede Nation muß in bestimmte Gebiete eingeteilt werden (Wirtschaftsgebiete. Bezirke). In diesen Bezirken müssen die- selben Aufgaben durchgeführt werden, wie im Ort. Auch die Ver- bindung der im Bezirk liegenden Ort« ist unumgänglich notwendig. Um dies zu ermöglichen, sendet jeder Ort und jede Kom- Mission ein oder zwei Vertreter, Die einzelnen Kommissionen konstituieren sich ähnlich, wie in den Ortschaften. Die Obleute der Bezirkskommissionen bilden den Bezirksrat. Durch die Vertreter, welche von jeder Zelle des Wirtschaftsbezirles nach dem Reich delegiert werden, bilden sich die Reichskommiisionen und au» diesen der Reichsaktionsrat. Die Obleute und Delegierten dieser Organisation sind zu jeder Zeit von ihren Mandatgebern ad- berufdar. Der Ausbau der legalen Organisation vollzieht sich, indem samt- lich« Mitglieder des Ortts in der Mitgliederversammlung den Ortsvorstand wählen. Dieser leitet die örtlichen Eesamtgeschäfte der Partei, auf bureaukratischem und finanziellem Gebiet. Der Bezirksvorstand wird von der Vezsrksgeneralversammlung, der Rcichsvorstand vom Parteitag gewählt. Wir sehen also, daß sich an dem legalen Oraanismu» der Partei in Deutschland fast nichts ändern würde. Was neu ist, ist die illegale Organisation. Diese hat weitgehendste Befugnisse. Die Vorzüge der illegalen sind unbestreitbar darin zu erblicken, daß sie stets durch die Abberufbarkeit von dem Vertrauen der Mit- glieder getragen ist. Durch das Zusammenarbeiten beider Organisationen ist eine ge» wisse Objektivität gesichert. Die Verbindung im ganzen Reiche ist sichergestellt. Die Abberufung von führenden Genossen ist nicht von Zufallsmajoritäten, sondern von«nein kollegialen Kontroll- Itzstem abhängig. Die Parteigenosse» werden durch dielen Partei« apparat für alle Aufgaben interessiert und zu brauchbaren Mit- gliedern eines proletarischen Staatsapparates ausgebildet. Jede revolutionäre Partei ist gezwungen, das Prinzip des demokrati« schen Zentralismus in der Partei durchzufübren. Dieser Apparat ist die Wurzel des Rätesystcms und ist die unerläßliche Bedingung zur proletarischen Revolution. Sic ist die Verwirklichung des Leipziger Aktionsprogramm. Die Spattung in Tschechien Prag, den 3l>. September. Tic Bertreier der io-ialistischen Arb ,-itenmtei hielten heute unter Vorsitz deS Abgeordneter Nemec eine Beratung über die letzten Borgänge tu der Partei ab An der Konferenz beteiligten sich 53 Delegierte anS der ganzen Republik, Von den gefaßten Beschlüsse« sind hervorzuh-ben: Die Nichtanerkennung der jüngst stattgehabte« Kommunistonkonferenz als Partei- k o n g r c ß. Die Abgeordnetenklubs beider Kammern sollen demnächst zusammentreten, um die Anhänger der kommunistischer Internationale auszusch lieben und die Richtlinien de? weiteren Verhaltens festzuietze». Die Veranstalter der kom- munistischenKonferenz inPragwnrdsn. ein st immig aus der Partei ausgeschlossen Weiter wurde die An- regung der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei aaf Schai- fang eines ständigen sozialistischen Kongresses gutgeheißen. Der Vorstand wurde beausirazt. das Nötige zur Verwirklichung dieser Anregung zu unternehmen. statten und Moskau Mailand, 80. September. Nach einer Stefanimeldung wurde die Tagung der sozialistischen Parieileiiung heute fortgesetzt. Der Generalsekretär der Partek G e n n a r i gab der Notwendigkeit Ausdruck. auS Zweideutigkeiten herauszukommen uud die Partei zu reinigen. Serrati erklärte, Moskau fei sehr schlecht über die politische Lage Italien« unterrichtet gewesen. Andere Redner sprachen sich ebenfalls für Reinigung der Partei auS. Gennari brachte eine Tagesordnung ein, welche den Bericht billigte, den Serrati auf dem Moskauer Kongreß üb« die Stellung der sozialistischen Partei Italiens erstattet hat und welcher erklärt, die Beschlüsse üb« alle Leitsätze d«L Kongresses ouzunehme», soweit ste alle der dritte» Internationale angehörenden Parteien verpflichte«. Diese Borschläge sollendem nächsten nationalen Kongreß unterbreitet werden; nament- lich die Frage, welche die parlamentarische Gruppe der Syndikate und die nichtkommuniftischen Elemente behandelt. Diese Tages« ordnung wurde von der Mehrheit angenommen. � Höchstpreise sür Kartoffeln Im 5. Ausschutz des Reichstags gab es in der Donnerstagsttzunz eine scharfe Auseinandersetzung über den K a r t o f f« l w u ch e r. Genosse Eichhorn schilderte die katastrophale Entwickelung, welche die Kartoffelversorgung seit der Aufhebung der Zwangs- dewittschaftung genommen habe: Kartofselmangel, schamloser Wucher, indem Preise von 40 bis 45 M. pro Zentner verlangt werden, und in Verbindung damit eine berechtigte Beunruhigung der minderbemittelten Bevölkerung. Er verlangte sofortige Außerkraftsetzung der Lieferungsverträge, die einen Mindest« preis von SO M. zuzüglich Kommifstonsgebühr von 1,75 M. pro Zentner festsetzten. Ferner gesetzliche Festlegung eines Erzetiger- Höchstpreises in Höhe von 20 M. und Bestrafung jeder Ueberschrei« tnna dieses Preises als wucherische Ausbeutung. Die Agrarier liefen Sturm gegen diese Forderungen, die in einem auch von den Rechtssozialisten mit unterzeichneten Antrag der Unabhän- gigen zusammengefaßt wurden. Dr. Lammler, Dusche, Böhme. einige herangeholte schlesische und bayrische Bauern, alle mußten Klagelieder über die schlechte Lage der Bauern und die hohen Löhne der Arbeiter anstimmen, um die Notwendigkeit der hohen Kartoffelpreise zu deweisen. Der Regierungsvertreter lehnte den unabhängigen Antrag ab, insbesondere die Aufhebung der Lieferungsverträge. Er begnügte sich mit den Abmachungen, die zwischen Regierung und Spitzen- organisationen der beteiligten Kreise getrosten worden find. Ee- noss« Simon und einige Rechtssozialisten kämpften vergeblich gegen den Eigennutz der Agrarier aller Parteien an. In der Ad» stimmung wurde der erste Teil des unabhängigen An» trage, die Aufhebung der Lieferungsverträge, mit 14 gegen 11 Stimmen abgelehnt, mit 13 gegen 12 Stim- men wurde di«Heradsetzungd«sPreisesauf20Mark abgelehnt. Der Eventualantrag des Abg. Käppler, den Preis auf 25 M a r k festzusetzen, wurde sodann mit 15 gegen 10 Stimmen angenommen, ebenso die Forderung, jede Ueberschrei» tung dieses Preises als Wucher zu bestrafen. Petitionen gegen den Kartoffelwucher beantragte Genosse Eich- Horn zur Berücksichtigung zu überweisen, auf Antrag der Abgg. Böhme und Dietz wurden ste indessen nur als Material überwiesen...„ Debattelos wurde schließlich noch die Zuckerverordnung gegen die Stimmen der beiden sozialistischen Parteien ange- nommen. Der 5. Ausschuß vertagte sich sodann bis zum Zusammentritt des Reichstags. Parteitag in Halle 1920 Kandidaten für Teltow-Beeskow-Storkow» Eharlottenbnrg Für Gegen die Aufnahmebedingungen die Aufnahmebedingungen: Berta Braunthal, Thar- lottenburg Paul Wegmann, Charlotten- bürg Richard Müller, Tempelhof Max Sievers, Neukölln Anton Erylewicz, Neukölln Paul Roth, Schöneberg Arthur Jeitner, Friedenau Max Loppuch, Teltow Georg Stolt, Schöneberg Arthur Garzke, Cöpenick Hermann Lange, Wildau Ewald Fabian. Wilmersdorf Fritz Mauritz, Rowawes Fritz Koch, Neukölln Paul Preising, Adlershof Fritz Zubeil, Berlin Kurt Löwenstein, Charlotten- bürg Emil Klodt, Adlershof Max Freigang, Treptow Anna Nemitz, Charlotten- Alfred Freuitd, Neukölln Georg Klaußner, Storkow Richard Krille. Neukölln Emil Barth. Neukölln Karl Schneider. Neukölln Paul Neumann. Nowawes Otto Krause. Königswuster« hausen Georg Mendt, Schöneberg Paul Richter, Mariendorf Gottlieb Karrer, Charlotten- bürg NiiknersiigLN Monnhaon Schwielen u.Wanjcen öeseirfgr schnall, sicher u.»ehrnarzlo» KllKfrol lOOOOOO fach bewährt Preis M.3.-Jn Apotheken u. Drogerien erhglflich Vfcmhf rw-tethsiimunissn, Kukinol steht einzig da», .A............................. Betriebsräte a Achtung! Betriebsräte! Räteschule der Groß- Berliner Arbeiterschaft Am Dienstag, den K. Oktober, begwnen folgende Kurse: Elementar- rechnen um 5 Uhr. Zimmer 28: Wirtschaflsgeographie(Weltwirtschaftliche Beziehungen) um 7 Uhr. Zimmer 28. Am Mttlwoch, den 8. Okiober, beginnen folgende: Die Wissenschaft- licheu Grundlagen des Marxismus um S Uhr, Zimmer 28; Sozialistische Wirtschaftsorganisation um'/,& Uhr, Zimmer 33; Rechte und Pflichten der Betriebsräte um\',0 Uhr, Zimmer 34; Deutsch, schriftlicher und mündlicher Ausdruck um",6 Uhr, Zimmer 35; Klasscnkampfschulung mn 7l/3 Uhr. Zimmer 27. Der Unterricht findet in allen Fällen in der 24. Gemeindeschule, tinter der Garnisonkirche 2. statt. Anmeldungen sofort im Bureau, liünzstr. 24 III, spätestens bei Kursbeginn in der Schule. Lohnbewegung der Töpfer Die Mitglieder des Töpferverbandes nahmen am Mittwoch in den SophiensSlen den Bericht der Tarifkommisston über den Tarif- entwurf, der den Unternehmern unterbreitet worden ist, ent- gegen. Der Beriedtersiaiter Kein nitz legte in längereu Aus- sührungen die Notwendigkeit eines neuen TarisabschlnfseS dar. Der vorliegende Entwurf steht ein« Erhöhung des Grundlohnes für Ofensetzer von 7.50 Mk. auf 8 Mk. vor. Gemäß dem Beschlnffe des Meißener Verbandsiages soll bei diesen Vorhandlungen die Abschaffung des A i k o r d s y st e m s erstrebt und das reine Lohnsystcm eingeführt werden. Ucber diesen Pili. kl entspann sich eine lebhafte Debatte. ES wurde verlangt, die Abschaffung des Akkordsystems ab l. Oktober zu er- zwingen. Sollten die Unterne! mer dem nicht zustimmen, dann soll die Organisationsleitnng den allgemeinen Streik proklamieren. Der Norstfcende Kemnitz verwies daraus, daß für einen allgemeinen Streik gegenwärtig nicht der geeignete Zeitpunkt sei, und ersuchte die Bcrsammwng, statutengemäß in eine Urabstimmung darüber einzu- treten, ob gegenwärtig die Durchführung deZ Sireiks' möglich ist. Die Urabstimmung, die sofort vorgenommen wurde, ergab die Ablehnung des sofortigen Streiks. Von 845 gültigen Stimmen waren 234 für und 11 1 gegenden Streik, so daß die Dreiviertel- Majorität, die im Statut verlangt wird, nicht vorhanden war. Die Ttuifvcrhandlungen mit den Unternehmern werden fortgesetzt. Zum zweiten Pnukt der Tagesordnung gaben die Delegierten zum lebten Meißener Verbandstag, Busemanu, Lem- h ö f e r und Kemnitz, den Bericht vom Berbaudstag. Aus dem Bericht ist hervorzuheben, daß der Bcrbendstag ein« Erhöhung der Beiträge bis»loffen bat, um die schlechte Finanzlage de« Verbandes zu heben. Für Berlin wurde der Beiirag von 2.50 Mk. auf 0.50 Mk. erhöht. Die Streikunterstützung wurde von 16 Mk. aus 20 Mk. pro Woche festgelegt., Staatsfabrik für künstliche Glieder Die Giünduug dieser Fabrik ist eine der wenigen anerkenueus- werten Tatsachen der vergangenen Zeit. Der Gedanke der An- ieriigumg der Prothesen und sonstiger Hilfsmittel für die bedauerns- werten Op�cr des Krieges im Staatsbetriebe unter Ausschaltung irgendwelcher Gewi v- ekulation muß al« rW t'g bezeichnet werden. Um so mehr muß m sich wundern, wen» jetzl bekannt wird, daß dieser Betrieb nichi n Anforderungen, die an ihn gestellt werden müffcu. gerecht wird. Hierzu gehört zweifellos die Unterbringung jiz.., vollständig unzulänglichen Räumlichkeiten und die weite Ent- iernung von de« Haichtverkehrsadern der Stadt, wie dieS bei dem j tzioen Betrieb in Alt-Moabit der Fall ist. Gerade die Schwer- krlegSvcrtctzten haben einen Anspruch darauf, daß ihnen hier alle nur deutbaren Bequemlichkeiten einer guten Berkehrsverbindung zu- gute kommen. Um so erstauvlicher ist es. daß man sich jetzt feiten« deS Reichs«' beitsministertums mit dem Gedanke» trägt, die Fabrik von Alt-Dloabit nach dem Garnisonlazarett Tempelhof zu verlegen. Hiergegen muß schärfster Widerspruch erhoben werden. Man hätte annehmen sollen, daß, wenn schon die jetzigen Räumlichkeiten so unzugänglich sind, daß sie eine Gefärhduug ihrer Besucher darstellen, daun wenigstens Mittel und Wege gesucht würden, um diese im Zentrum der Großstadt unterzubringen; an geeigneten Fabrik- räumen ist im Augenblick kein Mangel. Wenn einerseits in dem Garnisonlazarett Tempelhof für diese Zwecke durch den Umbau von drei Pavillons 66 000 Marl gefordert werden und andererseits die Möglichkeit besteht, die Fabrrt im Zentrum anzulegen, so muß man sich über die Bereitwilligkeit, mit Staatsmitteln so freigebig um- zugeben, einigermaßen wunder». Diese 66 000 Mark, für die innere Durchcrganisierung und den Ausbau des Betriebes verwandt, würden zweifellos den Kriegsbeschädigten i» viel nützlicherer Weise zugute kommen, als mit diesem Umzug in eiue Gegend, die allet« schou durch ihre Berkehrsverhaltniffe einfach unmöglich ist. Demgegenüber besteht die Möglichkeit, durch den AuSba« bei Moschmenhauses im ReichsarbeitSmintsterium die Fabrik dort untrrzubringeu und unter Hinzuziehung aller wisienschaftlichen Er- fahr, ingen lo auszugestalten, daß den Kriegsbeschädigten wenigstens so alle Erlcichterunge« zugute komme», auf die sie Anspruch habe«. Die Fabrikpolizei der Knorrbremse Die Betriebe der Knorrbremse, Berlin-Lichtenberg. haben sich auch seit einigen Monaten ein sogenanntes polizeiliches Wach- kommando zugelegt und zwar in Stärke von 24 Mann. Dieses Kommando soll den Zweck haben, die im Betriebe etwa vorkommenden Diebstähle zu verhindern. So wurde dies wenig- stens bei der Einführung des Wachkommandos dem Arbeiterrat als Grund erklärt. Diese ursprüngliche Tätigkeit, die nur im Be- wachen bestehen sollte, wird seit Wochen in erheblichem Maße überschritten und bildet sich immer mehr als eine empfindliche Schikane für die Arbeiterschaft heraus. Dieses Wachkommando maßt sich Befugnisse an, die weit über den Rahmen des Zulässigen hinausgehen. Es ist rn letzter Zeit wiederholt vorgekommen, daß ehrliche Ar- beiter durch irgendwelche schlechte Elemente bei dem Wochkom- mando denunziert worden sind. Anstatt daß das Wachkommando solchen Angaben erst im Stillen nachgehen sollte, um zu prüfen, ob an den Angaben etwas Wahres ist und dann erst vorzugehen, werden diese Regeln völlig außer acht gelassen. Jede frivole Denunziation wird mit großem Tamtam ver- folgt und die Verdächtigten haben sich hochnotpeinlichen Ver- bören und Vernehmungen zu unterwerfen. ' Es kommt nicht selten vor. daß Arbeiter auf diese Weise des Diebstahls verdächtigt werden und von den Wachmannschaften von der Arbeitsstelle fortgeführt und im Bureau des Kommandos einem längeren Verhör unterwarfen sind. In letzter Zeit wer- den sogar über jeden Fall ellenlange Protokolle aufgenommen und es wird verlangt, daß die in solche Fälle verwickelten Ar- beiter solche Protokolle mit ihrer Unterschrift anerkennen sollen. Auch geht das Wachkommando dazu über, ohne Heranziehung der Kriminalpolizei Haussuchungen rn Arbeiterwohnungen vorzunehmen. Als die Seele dieser neuen Fabrikeinrichtung fungiert ein früherer Staaisanwalt Fischer. Es hat den Anschein, als wenn dieser Herr Staatsanwalt a. D. in seiner früheren Laufbahn keinen Ruhmeskranz errungen hat und nun glaubt, die verpaßte Gelegenheit bei der Knorrbremse nachzuholen. Da die Dinge anfangen, sich zu einem Skandal auszuwachsen und die Wahrscheinlichkeit nicht ausgeschloffen ist, in andere Be- triebe überzugreifen, so ist es notwendig, die Oeffsntlichkeit aus jene Vorgänge zu lenken, damit die Arbeiterschaft beizeiten er- kennen lernt, welchen neuen Gefahren sie sich bei dieser Einrich- tung zu vergegenwärtigen hat. Die Arbeiter der Knorrbremse protestieren gegen solche uner- hörten Belästigungen und werden, wenn diese Schikanen nicht bald unterbleiben sollten, im geeigneten Moment ihre Antwort erteilen. Abbruch der Tarifverhandlungen in der Asphaltindustrie Di« Angestellten di-ffr Brauche, und zwar Handln-gsgchilfen. Techniker und Werkmeister gehören mit zu den schlecht enllohnteste« Augestellten Berlins Der vor einigen Monaten abgeschlossene Tari-verlrag sieh! in den untcsten Gruppen für die drei G'uppm von Angestellten Gebaitssätze vo» 650 und 775 Mark vor. während das Grundgehalt in den hö.osten Gruppen 350 und 950 Mark be- trägt. Die weiblichen Angestellten erhalten anßerdom nur 850/0 dieser Sätze. Angesichts der Verteuerung der Lebensve'hältnisie und der rigorosen Handhabung der Steuerveranlagung gegenüber den Augcsiellicn, haben diese an die Unternehmer d r Brauche das Ersuchen gerichtet, ab 1. Auoust 1920 eine 20% tige Teuerungszulage zu gewähren. Sie haben von der Stellung böhrrer Forde- rungen abgesehen, weil sie lediglich das erzielen wollten, was sie unter allen Umständen erreichen müssen. Bei den Tarisuerhaudlungen am 29. September 1920 waren die Vertreter einer großen F rma auch durchaus geneigt, dieser Forderung der Augestellten voll zu entsprechen, well sie das votwendige Verständnis für die Rotlage der Angestellten aufbrachten. Einzelne rückständige Arbetigeber. darunter besonders der Vorsitzende der Vereinigung, brachten ein solches Berftäudnis nicht auf und lehnten iosolgedeffeu sogar einen noch unter die Forderungen der Angestellten hinuntergehenden Ver- gleicksvorschlag iür die rückliegende Zeit kategorisch ab. Jutereffant ist. daß der Vorsitzende dieser Bereinigung erst zur Einhaltuug deS Tarifvertrages durch die Organisationen veranlaßt werden mußte. trotzdem er selbst die Verbandluugen über den Tarifvertrag geführt und sie auch unterschrüllich anerkannt halte. Die Stadtgemeinden Groß-Berlrns zahlen de» Unternehmern dieser Branche für die Instandhaltung des Straßenpflaster» UnterhalwugSkosten, die t« den nächsten Tagen wieder erheblich erhöht werden sollen. Trotzdem diese Erhöhung rückwirkend geschehe» soll uud voraussichtlich in den nächsteo Tagen perfekt wird, brachten eS die Arbeitgeber fertig, die Fordernugen der Angestellteu mit formalen Gründen abzulehnen. Bei den Arbeitern hat man dies nicht getan, well man die Kampf- kraft der Arbeiter eben böhcr einschätzt alS die der Angestellten. Di« Arbeitgeber in der Asphaltindustrie läiischeu sich indes, wenn sie glaube«, daß die AugZtclllen weiter mit sich spielen lasse» wollen. Sie werden alle Mittel auwenden, um ihre gerechten Forderungen durchzudrücken. Die Vortreter der Arbeiterschaft in der Kommune Groß-Berli» werden bei Abschluß de« Vertrages mit den Arbeit« gebern der Asphaltindustrie über die Eihöhnng der NuterhaltungS- tosten darauf achten müssen, daß diese Arbettgeder veranlaßt werden, den berechtigten Wünsche» auch der Augestellten entgegen zu kommen. ......................................... C Groß-Berlin ....... Ein tragisches Ende Einen alten tapferen Genossen und Kollegen haben die Berliner Former in der Person ihres Vertrauensmannes und Angestellten beim Metallarbeiterverband Karl Müller verloren. Müller hat auf tragische Weile sein Leben eingebüßt. ZSon einer Gewerklchaftsversammlung kommend, suchte Müller e,n be- kannte» Lokal in der Invalidenstraß- auf. Mit Bekannten über die 3. Internationale diskutierend, mischte sich ein Gtft«'s Ee- spiäch. der mit aller Entschiedenheit tm Gegensatz zu Muller für die Anschlußbedingungen sich ms Zeug legte. Dabei benahm er sich in einer Weise, daß er vom Wrt aus dem Lokal verwiesen wurde Bei diesem Renkontre zwischen Wirt und Gast warf sich derselbe, der kriegsbeschädigt war. zu Boden und wurde heraus- getragen. Dabei beteiligte pch auch Genosse Muller. Als er sich bückte, um anzufassen, erhielt er von dem Renitenten von Messerstiche in den Kopf, so schwer, daß er ins Krankeichaus ge« bracht werden mußte. Dort ist er seinen Verletzungen erlegen Am 29. September wurde seine Leiche unter zahlreicher Beterli- gung seiner Kollegenschaft eingeäschert. Es ist betrübend, daß Müller aus diese Weise sein Leben lassen mutzte. Es wäre ver- kehrt, diesen Vorgang zu veralloemeinein und ihn auf das Konto einer Richtung zu schreiben. Aber mehr Toleranz und wenig« Verhetzung untereinander als heute ist schon notwendig. Johanna Peltz. Einen schweren Verlust haben die Genossen de« Nordens zu beklagen. Eine der treuesten, regsamsten Frauen, di« Genossin Johanna Peltz, ist auf tragische Art ums Leben gekommen. Sie hat nur ein Alter von 36 Jahren erreicht. Bei einer häus- lichen Arbeit hat ste sich eine innere Verletzung zugezogen, einige Stunden später erlag ste Ihren furchtbaren Oualen. Drei un- mündige Kinder stehen ohne mütterliche Fürsorge dem Leben gegenüber. Genossin Peltz hat nicht viel öffentlich gearbeitet, aber unermüdlich in der Kleinarbeit seit 13 Jahren im Interesse de« Sozialismus gewirkt. Während des Krieges versah sie lange Zell das Amt eines Bezirkssührers. In der proletarischen Gesellschafts- oraanisation hat sie in der Arbeiter-Iugendbewegung im Sinn« unserer Sache gewirkt. Die Genossen werden ihr ein ständiges, ehrenvolles Andenken bewahren. Die Einäscherung findet mn Sonnabend, den 2. Oktober, nachmittags 2 llhr, in der Gericht« straße, statt. Die Genossinnen des 18. Distrikts treffen sich morgen. mittag 1 Uhr an der Paulsstraße Ecke Pankstraße. Verausgabung von Kartoffeln an Charlottenburger Er« werbslose. In der Woche von, 4. vis 9 Ol over 1920 werden a» alle Unt, rstntzung t">>ieherdfn Charloirenburz>-r ErwerbS'osen un> deren Angehörigen, iür die ZKschlägi- zur E-werbSlosonunterstützunj gezahlt werden, je 3 Psnnd Kanoffeln unenlgeltltch ausg g vea. iPuckmaterial ist mitzubringen). Die Ausgabe erfo'gt in der Zahl- stelle für Erwerbslosenunterstützunq.Syb Istraße 4 iF-rstin Bismarck« schule)»d-mittags von 8'/»— 2 /j Uhr und zwar für jeden Erwerbs« losen an dem Tage, au dem er in der«»gegebene« Zeit seineErwerbslosen Unterstützung erhält. Gut- scheine werden durch die zuständigen Unterstützungskommissione» (Biemarckstraße 51 und Kaiscriu-Augusta-Allee 69) au den leweiligeii Kontrolltagen ausgegeben. Die de» Arbeitnehmerorganisationen zvk Auszahlung der Erwerbslosenunterstützung und zur Kontrolle der Arbeitslosigkeit überw>eseneu Erwerbslosen können ihren Gutschein bis zum 8. Oktober, vormittags von 9—1 Uhr in den zuständige» U terilützw gskommiisioneu erha'ten. Proletarische Unterhaltungsabende. Vom 3. Oktober an ver- anstaltet die Freie Sozialistische Jugend allsomitägliä im Jugendheim, Alte Jakobstraße 136, wieder ihre Kunst- un) Unterhaltungsabende. Es werden Vorträge aus allen Eebieteit der Kunst und Wissenschaft, vom Standpunkte des historische» Materialismus geboten, Rezitationen und musikalische Darbte- tungen. Vorgesehen ist am 3. Oktober: Heiterer Abend. 10. Ol- tober: Russischer Abend. 17. Oktober: Die Kultur der Renaissance 24. Oktober: Volkslied und Proletariat. Der Eintritt beträgt 0,50 Mark. Im S. Sonntsgs-Konzert des Blüthner-OrchcsterS atf 3. Oktober, abends 71/, Uhr, wirlt die Konzcrtjängerin Rose Waltet las So'istin mit. Dirigent: Mcyrowitz. Im Walhallathcater wird„Der Stolz der 3. Kompagnie" mit Wilhelm Hartstein, den Oktober-Spielplan beherrschen. Außer- dem wird ein Varieteeteil dem Schwank vorangehen. Berichtigung. Ju unserem Stadlvcrordnelen-Bcrlcht von heut« morgen Heist es:.Genosse Hirsch weilt an einem früheren Fall« nach, in welcher Weise die Stadt bei solchen Kostenrechnungen übet di« Ohren gehauen weiden kann." ES muß heißen:„Genosse Urich usw." Voraussichtliches Wetter für Berlin und Umgegend a* Sonnabend. Zeitweise etwas neblig, sonst größtenteils trocken uu« «arm bei südöstlichen Winden. Gegen Mittag etwas wärmer.' I Aus den Organisationen t. Distrikt. Di« Abi-ilungrsührel werden aufgefordert, Diftiili-mitgliedei hergestellten gediuckteu Aufsorderungen zur Urwahl heut- nachmittag um 5 llhr vom Genossen Lode. Zeitunzsspedition. Markuostr. 25, ad Molen und durch die Bezirksführer den Genossen und Genossinnen noch heut« z» zustellen. 7. Distrikt. 5.. i. und 7. Abteilung. Am Sonntag, den 5. Oktober, nachmittag» S llhr. Frauen-Leseadend bei König, Lang« Str. SS.. 9. Dtsiittt. Die Sitzung der Räte- und Eelverktchnfisrommisfion fallt die an weiteres aus... 19. Distrilt. Die heute bei Büttner. Schwebter Silage, tagende Mitglieder»«» sammlung ist, um Irreführungen zu vermeiden, nicht vom Borftand-inberusen. 12. Distrilt. Sitzung der Frouenorbeitokommijsion, Freitag, 7 llhr, bei Schmidt Pavstel-Aile« 91. �. 19. Diftri«. Urobstimmung findet statt für alle Disiriktsteilnehmer bei Wendtz 1 Ei« zu heute abend einberufene Bezirk-vcrf-mmlung des 11. Bezilst ist rein privater Natur. Der Bezirksführer.. Neukölln. Heute abend 7 llhr Bezirk-oeif-mmlung de, 9. Bezirks bei We» mann, Berthelsborfer Sil. 7. ZNodlidorf fvftbahn). Die llrabftimmung für die Delegierten zum Barteitos findet am-onnabcnd. 2. Oktober, abends 9—9 Uhr. statt. Abstimmungilokole� Für Süd: Nssiaurant Mielke, Uhlandstr. 18, für Nord, Dorf und Kolonie: R» staurant Billepp, Bahnhosstr. 60=61. Miigliedbbuch legiiimier». Nege Beteliiguat ist geboten. Ns-igentol und Umgegend. Sonnabend, den 2. Oktober, abend» 714 llhr. t» Nontgental bei Dohle, Siemensstratz-, Mitgliedet-Veriammluna. Togeoordnun«- Dtikufsion über die Aufnahmebedinaunaen zur 3. international«. Dortsetbsi aul Urabstimmung. Jede, Mitglied mutz vertreten sein wegen der wichtigen Tage« ordnuna. 2. Disirilt dt,«reife» leltow.Bee»«-». Am S-nntag. den 5. Oktober finde in Grünau, KöpenWer Str. 88, bei Franz, die Konferenz der Nate- und E-weck schaftskommislion um 19 Uhr statt. die für sämtlich» Urwahl Heu» Vereinskalender «rteiier-Durnerinn»»»er Södwest-vororte. Da» für Sonntag, 2. Oktober.» Mariendorf ongeirtzie Turnen findet umständehalber am Donnerstag, den 7. O- tober, in Schöneberg, Turnhalle Berchteögadener Ztratz« statt. __________— j «erantwortlich für die Redaktion: Leo Liebfchütz. Berlin-ZrWdena». Be» antwortlich für den Inseratenteil! Ludwig K o IN e r I n e r, Karlshorst. V--lagsgen-!i°n,ch-ft„Freiheit" t. G m. b. Berlin.- Druck der„Freiheit"- Druckerei 6. m. b. H.» Berlin C. 2. Breite Strage 8-9. MAiMW zu Fabribpreife» dd« 6.30 Mk. an WM stets sonstig Kilo 5.80 Mark KarlGehring 1. Geschäft Weberstratze 32 2. Geschäft Watzmairnftr. 34 Fernruf Kgst. 8074 Die«Gesellschaft zur Förderung valkatiiarlicher Anaeft', Leitung: Walter Tonrad, Berlin SW 47, Srotzbeererrftr-tz- 15, beginnt am 2. Oktober d. Fs. ihre Somtabends-NeiH« der von ihr»eranstaftetan 8 Dolksliunstabend- fBmrter, Konzert», Vortrags-, Heikkm Wunfch-Abcnd) t» der Aula des Friedrichs»Gymnasium», Albrechistratze 27 sRSH« Deutsches Theater). Eintrittsuarten zum Preis«»o» W. 8,50 fiir alle fünf Abende, sowie Ginzelb-rreu fllr M. 3,— das Siüch find abends ab 7 Uhr am Saalernzang»u haben. Beginn VyO Uhr. Mitwirbende u.a.: Armw Äebermonn, Cello; Gbarlofte Lindemann und Hermann Hentfchel von der Staatsoper! Willi Weidemann, Kammermusiber; Lotte Skrvnn-Bcrndt, Koloraturfängeriu. Am Flügel: Komponist Harry Waldau. Vier klug ist, kauft nicht auf Teilzahlung. Schulden untergraben Friede und Glück und Heim i Das Engroslager W. Relnlcke, Sw., Katsbach- atraOe 25, gibt au Prioate reelle, dreiteilige Matratzen mit Keil lOfl.—, prima Stahlmatratzen mit Unterfeder 150.—» Feldbettstellen 70—» Metall- und«inderbettstellen. Dort kaufen Sie »»» aus erster Hand II IM Botenfrauen Spedition Wutzky, Johannisstr. 9. 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