Nr. 197. Abonnements• Kedingungen: «bonnement»»Preis pränumerando: «isrleljährl. 3,30 3J!l, monatt. 1,10®»., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. TonntagS- Nummer mit illuftrirter Sonntag»- Beilage„Tie Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,80 Mark pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitung«- Preisliste für 1397 unter Dr. 7437. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Erscheint täglich nutzer«onkng«. Vevltnev VolksblÄtt. 14. Jahrg. Die Inftrtions-GebLtfr beträgt für die sechSgespaltene Kolonel» »eile oder deren Raum 40 Pfg., für verein»- und Persammlungz-Anzeige», sowie ArbettSmarlt 20 Pfg. Inserat« sür die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittag» in der Expedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochentagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis o Uhr vormittags geössnet. Fernsprecher: Sink I, Qr. 1503. Telegramm-Adresse: „Sotiardenwkrak Verlin". Dentrawrgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. ZlednlUiott: SW. 19. Meuly-Straße 2. Der 1896 97. Der kürzlich veröffentlichte Rechnungsabschluß für das am letzten 31. März abgelaufene Finanzjahr 1896/97 bietet ein be- sonderes Interesse, weil die lex Lieber mit den sich an si schließenden Bestimmungen die sonst üblichen Beziehungen zwischen Reich- und Einzelstaaten nicht unwesentlich verschob und zwar zu gunsten des Reiches. Ehe wir jedoch darauf eingehen, mögen die Unterschiede zwischen den wirklich erfolgten und den bei der Etatsfest stellung veranschlagten Einnahmen und Ausgaben kurz wiedergegeben werden. Beim Reichsheer waren(das bayerische Kontingent mit seinen 54,3 Millionen Mark ausgenonimen) an Ausgaben ausgeworfen: fortdauernd 425,25 Millionen und unter den Pensionen 53,22 Millionen— einmalig im ordentlichen Etat 45,27 Millionen, im außerordentlichen Etat 24,79 Millionen. Der Bedarf hat sich schließlich bei den fort- dauernden Ausgaben um 7 Mill, bei den einmaligen um 1,90 Mill. geringer herausgestellt. Aus diesen 8,90 Millionen sind die 5,3 Mill., die nach dem Nachtragsetatj eventuell der Anleihe zur Last gelegt waren, bestritten werden, so daß eine Minderausgabe von 3,59 Mill. Mark verbleibt. Da auch die Einnahme der Militärverivaltung(Miethen, Grundstücks verkaufe u. f. w.) gegen den Voranschlag ein Mehr von 786 000 M. aufweisen, so stellt sich demnach beim Reichsheer das Gesammtergebniß gegen den Etat um 4,37 Millionen günstiger. Der offiziöse Bericht im„Reichs-Anzeiger" führt als Gründe an: An der Notnralverpflegnng und der Geldverpflegung der Truppen, bei der VerivaUung des Neinonledepols und bei dem Militär-Medizinalivesen sind erheblichere Ersparnisse peniacht; auch beim allgemeinen Pensionsfonds ist ein namhafter Betrag unvcr- ivendel geblieben. Demgegenüber sind Mehrausgaben hauptsächlich eulstandeu: bei den Zteisekoften, Tagegeldern, Vorspann- und Transportkosten, bei der Verpflegung der Ersatz- und Reserve: Mannschaften und bei dem Ankauf der Remontepserde. Früher wurden bei der Marine die bewilligten Summen, besonders für Schiffsbauten, öfter nicht voll verbraucht. Daran ist bei dem jetzigen Eifer für die Vermehrung der deutschen Seemacht natürlich nicht mehr zu denken; nahm doch der Admiral Hollmann vom Reichstag Abschied mit der Ver- sichernng, daß in Zukunft auch der letzte beivilligte Pfennig stets verbaut werden solle. 1896/97 haben die Ausgaben der Marine, einschließlich ihres Anthcils am allgemeinen Pensions fonds den Voranschlag um 454 000 M. überstiegen. Im Etat standen: fortdauernd 55,38 Millionen, dazu 2,69 Millionen unter dem allgemeinen Pensionsfonds— einmalig im ordent liche» Etat 25,05 Millionen, im außerordentlichen Etat 5,83 Millionen Mark. Das Rcichsamt des Innern schließt mit einer Mehrausgabe von etwas über 1 Million ab, besonders infolge Steigerung des R e i ch s z n s ch u s s e s zur I n v a l i d i t ä t s- n u d Altersversicherung. Bei der Kolonial- und der Post: und Telegraphenverwaltung sind die Mehrausgaben von 1,97 und 1,13 Millionen Mark mehr scheinbar wie wirklich, da in beiden Fällen die zunächst ans Anleihe verwiesenen Tcckungs betrüge in Anleihesorm nicht geleistet worden sind. Ein Weniger an Ausgaben gegen den Etatsanschlag zeigt der Reichs-Jnvalidcnfonds mit 110 000 Mark und die R e i ch s s ch u l d e u- Verwaltung und-Verzinsung mit 3,64 Millionen Mark, weil das Schnldenmache» des Reiches infolge der vorsichtigeren Haltung des Reichstages nicht in dem vorausgesetzten Maße eintrat. Bei den Einnahmen ist das Bild dasselbe wie in.den letzten Jahren; der gute Geschäftsgang treibt die wirklichen Einnahmen hoch über die veranschlagten Summen hinaus. Der Ertrag an Zöllen und Tabaksteuer war auf 367,34 Millionen Mark geschätzt; der Mehrertrag beläuft sich auf die enorme Summe von 78,19 Millionen. Die Branntivein- Verbrauchssteuer, im Etat 99,06 Millionen, ist um 2,48 Millionen überholt, dagegen ist die Maischbottich- und Materialsteuer, im Etat 17,97 Millionen betragend, um 2,35 Millionen hinter dem Ansatz zurückgeblieben. Ebenso hat die Stenipelabgabe für Werthpapiere, Kaufgeschäfte und die veranschlagte» 51,08 Ältillioneu ger eingebracht, ivesentlich mit infolge des öörsen. Die Zuckersteuer(Etat 80 Mill.) mehr erbracht, die Salzstener, die un- gerechteste aller Stenern.(44,54 Millionen) 2,33 Millionen mehr, die Branstcuer(25,75 Mill.) 2,29 Mill. mehr. Ferner haben alle Betriebsverwaltungen Mehrüberschüsse ge> liefert: die Post- und Telegraphenverwaltung also nicht blos 33,91 Mill., sondern 2,42 Mill. mehr, die Reichsdrnckerei nicht nur 1,53 Mill., sondern 99 000 M. mehr; die Reichs- Eisen- bahnen statt 23,46 Mill. 3,29 Mill. niehr. Ferner sind gegen den Etat mehr ausgekommen: ans dem Bankwesen 3 271 000 M. (die Schätzung betrug 5,62 Mill. Mark); bei den verschiedenen Vcrwaltnngs-Einnahmen(mit Einschluß der oben angegebenen eigenen Einnahmen der Militärverwaltung) 398 000 Vlark; ans der Veräußerung ehemaliger FestungStcrrains 112 000 M., an Brennsteuer mit einem nur vorläufig der Rcichskasse ver- bliebenen Betrage von 1 001 000 M. Nun hatte nach Z 8 des Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 1379 die Reichskaffe gegenüber dem Ertrage der Zölle und der Tabaksteuer nur ein Anrecht auf 130 Millionen Mark. Der Antrag Lieber, bezw. des daraufhin vom Bimdesrath selber angeregte Gesetz„wegen Anwendung überschüssiger Lotterieloose gegen 3,37 Millionen wcni Kampfes gegen die! hat 13,22 Millionen Reichseinnahmen zur Schuldentilgung" stellte dem Reiche noch weitere 13 Millionen, also insgesammt 143 Millionen von vornherein zur Verfügung— wohlgemerkt, nur für das eine Elatsjahr 1895/96, also unter Wahrung der vollen Bewegungs- freiheit des Parlamentes auf diesem Gebiete. Das Gesetz vom 24. März 1897 hatte dann für das uns beschäftigende Etats- jähr 1896/97 diese Summe„behufs Verminderung der Reichs: schuld vou 130 Millionen Mark auf 180 Millionen erhöht." Das Reich hat zu diesen niehrreservirten 50 Millionen im ganzen noch 26,47 Millionen an seinen(dem Reiche von vorn: herein verbleibenden) ordentlichen Einnahmen gegen den Etat mehr zufließen sehen. Mit den fast genau 2 Millionen Minder ausgaben ergiebt das für den Reichshaushalt von 1896/97 einen Ueberschuß von 28,47 Millionen Mark. Von diesen 28V, Millionen Mark Ueberschuß sind 8V4 Millionen zur Verminderung des Anlcihebedarfs sür später festgelegt, der Rest von 19�4 Millionen Mark wird nach der örtlichen Finanzpraxis als Einnahme dem zivcitnächsten Etat, also dem von 1898/99 gutgeschrieben, dessen Berathnng der Reichstag im nächsten Winter beschäftigen wird. Im Etatsjahre 1896/97 selber standen die 50 Millionen zur Schuldenverminderung bereits zur Verfügung; an stelle der vorgesehenen Schulden- Vermehrung von 26 Millionen ist so in dcr That eine wirkliche Schuldentilgung von 24 Millionen zu erreichen gewesen. Die E i u z e l st a a t e n haben dabei auch ganz gut ab: geschnitten. Trotzdem sie von den zu„Ueberweisnngen" be- stimmten Abgaben 50 Millionen fahren lassen mußten, sind ihnen rund 27 Millionen mehr, wie erivartet, verblieben; statt 11 Millionen an Matriknlarbciträgen mehr heransznzahlcn wie an Ueberweisnngen zu erhalten, haben sie 16 Millionen ihrem Staatssäckel einverleiben können. Für Preußen allein macht das einen Neichszuschnß von 9 Millionen. Dieses Bild der Finanzen ist ja ein ziemlich befriedigendes für die herrschenden Klassen, die ihre Staalsmaschinerie gut geölt erhalten wollen und die von dem Drucke der Zölle und Ver brauchssteuern wenig spüren. Natürlich benutzen unsere Marine schwärmer dieseZiffern sofort, um die weiter noch erfolgten und zu erwartenden Ueberschüffe sofort in Panzern und Schiffskanonen an- zulegen. Die Gefahr, sich durch vorübergehende günstige Einnahme- Verhältnisse zu früher mißbilligten Mehrausgaben verleiten zu lassen, liegt bei unseren Mchrheitsparlcien zweifellos nahe. Jndcß, im laufenden Etatsjahre hat man diesem OptimismnS bereits schwer genug geopfert. Das lausende Etatsjahr 1697/98 ist mit 81 Millionen Anleihen nenbelastet, es nimmt einen Zuschuß der Einzelstaaten an das Reich von 31Vs Millionen in Aussicht. Gewiß sind die Einnahmeanschläge abermals viel zu niedrig gehalten, die Zölle z.B. um 61 Millionen geringer, als sie nach dem Abschluß 1896/97 bereits sich herausstellte»; nach dem bisherigen Verlaufe der Einfuhr iverden sie 1897/98 beträchtlich höher stehen wie 1896/97. Aber ivas kann groß übrigbleiben zur wirklichen Schuldentilgung und zu einem wirklichen Neichszuschnß, wenn 112'/s Millionen wirklichen Mehreinnahmen gegenüber den Etatsichätzungen lediglich hin reichen, ein neues Anwachsen der Schuld und eine wirkliche Inanspruchnahme der Einzelstaaten für das Reich zu ver- hindern? Die eben erschienene Ucbersicht über die Einnahmen an Zöllen und Verbrauchssteuern während der ersten vier Monate des lnnfendcn 1897) scheint in der bis »fendcn Finanzjahres(April bis' Ende Juli manchen Theileu bereits auf einen Stillstand isher anhaltenden Bewegung nach oben zu deuten. Selbst die Mehrheitsparteien werden daher gut thnn, sich in Plänen nicht zu übernehmen, wenn sie nicht bald Wiederau den Wassern des Defizits weinend sitzen wollen. polikifche Mrbppflchk. Berlin, 24. August. Ter interuatiouake Arbeiterschutz-Kongrest hat eine eigenthümliche, von allen früheren internationalen Kongressen abweichende Physiognomie. Es liegt dies in seiner Zusammen- setznng, die verschieden ist von der aller früheren inter- nationalen Kongresse. Die zahlreichen, cinom bestimmten wissenschaftlichen oder allgcmein-praktischen Zweck geivid- nieten Kongresse— Anthropologen- Kongresse, Turisten- Tage, Hygienische Kongresse, Fricdens-Kongresse u. s. w.— be- tehcn aus Personen, die entiveder durch ein gleiches Ziel jusammengebracht sind, oder, sofern sie in ihren An- chaunugen und Bestrebungen von einander abweiche», doch nicht einander entgegengesetzte, einander auf politischem Gebiet feindliche Organisationen oder Parteien vertreten. Und was die sonstigen internationalen Kongresse betrifft, die politische Parteiziele verfolgen, so sind dieselben nur aus Mitgliedern und Vertretern einer bestimmten politischen Partei zusammengesetzt. In diese Kategorie fallen gcivisse Katholikenkongresse, die trotz des religiösen Anfpntzes politischen Zwecken gewidmet waren— und vor allem die bisherigen internationalen Arbeiter- Kongresse, die sämmtlich ans Per- tretern einer bestimniten Partei, und zwar fast ausschließlich der sozialistischen Partei bestanden haben. Der gegenivärlige Kongreß ist der erste, auf welchem Vertreter verschiedener politischen Parteien, die einander im politischen Leben bckäiypfen, zusammengetreten sind, um sich über bestimmte, ihnen ganz oder theilweise ge- meinsame Forderungen wo möglich und soweit als möglich zu verständigen.' Diese Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit der Mitglieder giebt dem Internationalen Arbeiterschntzgesetz- Kongreß sein K/rpeditistt: 8V. 19. Uenty-Stfriße 8; Gepräge. Er umfaßt— wenn wir von einigen, nur sich selbst oder kleine Gruppen vertretenden Theilnehmern absehen— Vertreter politischer Parteien, die einander zu bekämpfen ge- wohnt sind und sich zu dem Versuch geeinigt haben, eine ge- meinsame Arbeit zu verrichten. Es sind Feinde, die sich ent- schloffen haben, zur Verrichtung eines Werkes der Hinnanität die Waffen für kurze Zeit ruhen zu lassen— wie dies manch- mal auf dem Schlachtfeld des blutigen völkermordenden Kriegs vorkommt. Nur, daß es sich bei dem Waffenruhen im Krieg meistens darum handelt, die Tobten zu begraben, während es sich hier darum handelt, Millionen vom Tod zu erretten, der Arbeiterklasse und überhaupt allen Opfern des Kapitalismus, das heißt: der großen Mehrheit der Menschen in allen söge na nuten Kultur- staatcn Schutz zu verschaffen gegen die, für Leib und Leben verderblichen, die Grundlagen eines menschenivürdigen Daseins zerstörenden Wirkungen der kapitalistischen Produktion. Und wie bei einer Waffenruhe auf blutgetränktem Kriegs- Schlachtfeld die Feinde von soeben und von morgen achtnngs- volle Rücksicht gegen einander zu beobachten, so macht sich auch auf diesem Kongreß bei allen Parteien sichtlich das Streben bemerkbar, den Gegner nicht zu verletzen. Ob diese Stimmung bis zum Ende des Kongresses aushalten wird, das bleibt aller- dings abzuivarte». Wenn wir von„allen" Parteien reden, so sind damit wesentlich zwei Parteien gemeint, welche zusammen nenn Zehntel des Kongresses ausmachen: die Sozial dem 0- k r a t i e und die k a t h 0 l i s ch e A r b e i t e r p a r t e i. Die Vertreter der Sozialdemokratie bilden, was ja den wirklichen Verhältnissen entspricht, die absolute Majorität des Gesammt- Kongresses, und auch der einzelnen nationalen Delegationen, mit Ausnahme von Deutschland und der Schweiz. Ans Deutschland sind, neben der Sozialdemokratie, die heterogensten Elemente znsammengckomiuen: katholische und protestantische Sozialreformer, eine überaus gemischte Gesell» schaft von Philanthropen und politischen Eigängern, die keine Partei hinter sich haben. In der schweizer Delegation sind die katholischen Sozialreformer sehr zahlreich. Und obschon im Augenblick, wo wir dies schreiben, die Anmeldungen zum Kongreß noch fortdauern, so steht doch so viel bereits fest, daß neben der sozialdemokratischen Partei die katholische Arbeiterpartei die einzige Partei ist, ivelche auf diese in Kongreß ins Gewicht fällt. Ter protestantische Arbeitersang hat sehr wenig Er- trag geliefert. Was immer der jetzt in Zürich versammelte internationale Arbciterschutz- Kongreß beschließen und was immer das praktische Ergebniß seiner Berathnngen und Beschlüsse sein- wird— darüber kann kein Zweifel obwalten, daß der. sozialistische Gedanke den Kongreß beherrscht, und daß der demokratische Gedanke ans die katholische Arbeiter» Partei, so ivie sie in dem Kongresse vertreten ist, einen starken Druck ausübt. Daß die Vertreter der katholischen Arbeiterpartei einstimmig sich für die sozialistische Fassung der Resolution betreffend die Sonntags- ruhe entschieden, und daß sie auch fast einstimmig— unter den 386 Telegirten war»nr einer gegen den Antrag!— eine Sympathie-Erklärung an die für den Ä ch t- st n n d e n t a g kämpfenden englischen Masch i neu- Arbeiter annahmen, ist immerhin eine bedeutungsvoll? Thatsache. Genug— der Anfang des Kongresses war gilt. Möge unser Urthcil am Schluß lauten können: Ende gut, alles g« t!— Habe»»vir nicht das herrlichste KriegSheer? Schon wieder wissen patriotische Blätler von einer„mißverstandeneu" Rede des deutschen Kaisers zu berichten. Diesmal ist das „Mißverständiiiß" um so fataler, als die Rede, die ihm zu Grunde liegt, dahin aufgefaßt wird, daß sie gegen nichts Geringeres als gegen das herrliche prcußisch-dculjche Kriegs- Heer gerichtet sei. Und der Nnaunchmlichkeit wird die Krone aufgesetzt dadurch, daß jetzt ein amtliches Organ, nämlich das „Militär-WochenblnU" wesentlich zur Verbreitung des angeb- lichen Mißverständnisses beigetragen hat. Wie die niißverstandene Sache sich verhält, möge ans folgender Mitthcilnng eines patriotischen Blattes entnommen werden: Einiges Erstaunen muß«S erregen, daß daZ„Militär-Wochenblatt" über die Porade in Kraßnoje-Sselo auS dem„Russischen Invaliden" einen Bericht anstandslos übernonnne» hat, in dem sich folgende Stelle findet: Alsdann wurden sännntliche Offiziere de?(Myborgschen) Regiments Seiner Majestät vorgestellt und durch Hand- reichung und Worte des Dankes allsgezeichnet. Kaiser Wilhelm äußerte dabei u. a. z» dein Regilnelitskoininandeilr Oberst Becker, er würde s i ch f r e u e n, w e n n« i n R e g i m e n t s e i n e r A r m e e s 0 glänzend bei der B e s r ch t i g n n g abschnitte, ,v i e heute sein R c g i in e n t W y b 0 r g. Durch diesen Bericht fühlte sich natürlich mancher Philister, der lebhaft darauf bauen mag, daß das herrliche Kricgshcer sowohl dem Erbfeind, wie der„hvchvcrräthcrischen Schaar" wehre, im Innern seines Herzens tief bekümmert. Um nun dem Philister die Angst zu benehmen, dreht ein anderes Blatt die Geschichte wie folgt zurecht: „In dieser Fassung enthält die Aeußerung nicht sowohl einen Tadel der deutschen Paradeleistungen, als vielmehr ein höchstes Lob sür das russische Regiment, dessen Haltung als eine solche bezeichnet wurde, welche den Kaiser sogar an einem deutschen Regiment«rsreue» würde." Ob der Philister sich nun beruhigen wird, mag dahin stehen. Vielleicht beutet die offiziöse Presse dieses„Miß verständniß" am Ende aus, um den neuerdings etwas wider- haarigen Philister abermals für iviehrfordernugen zu Militär zwecken geneigt zu machen.— Nttentatsabfichten gegen den deutschen Kaiser suchen einige Blätter in der Eisenbahn-Katastrophe bei Celle. Alles freilich bis auf die Absicht gewisser Leute spricht dagegen, so vor allem der Umstand, daß der Hofzug des Kaisers ein anderes Geleise als das angeblich aus verbrecherischer Absicht zerstörte benutzt hat und dann daß das Unglück acht Stunden nachdem der Hofzng des Kaisers die spätere Unglücksstätte passirt hatte. erfolgt ist. Bei den bekannten peinlichen Vorsichtsmaßregeln bei Hofzügen ist als sicher anzunehmen, daß zur Zeit, wie der Zug des Kaisers Celle berührte, die Geleise in vollster Ordnung waren. Für die Propaganda der Ausnahmegesetzgebung mag Stumm'schcn Organen die Geschichte vielleicht genügen.— Zum iutevnatioualeu Polizeikampfe gegen den Anarchisums wird aus Brüssel dem„Haimo». Kour." telegtaphiri:„Falls alle Mächte den Vorschlag betreffend eine internationale Anarchisten konvention annehmen, wird die diplomatische Konferenz darüber in Brüssel oder Haag zusammentreten; bisher widerstreben noch England und die Schweiz." Hiernach hat es den Anschein, als wenn der verflucht gescheite Gedanke einer internationalen Verständigmig über die Bekämpfung des Anarchismus noch nicht aufgegeben ist. Wieder kein Wort von Allianz ist in den zwischen dem Zaren und dem Präsidenten der franzosischen Nepnblil gewechselt Triuksprüchen zu finden. Der des»Zaren hat folgenden Wortlaut: „Ich empfinde ein ganz besonderes Vergnügen, Sie willkommen zu heißen, Herr Präsident, und Ihnen für Ihren Besuch zu danken, welchen ganz Rußland mir lebhafter und einmülhiger Freude aufnimmt. Die reizvolle Erinnerung der zu kurzen, im vorigen Jahre in Frankreich verbrachten Tage bleibt unauslöschlich in meinem Herzen, wie in demjenigen der Kaiserin eingegraben. Gerne hoffen wir, daß Ihr Anfenthall unter uns und die Aufrichtigkeit der Gefühle, welche er erweckt; die.Bande der Freun» schafl und der tiefen Sympathie nur noch enger werden knüpfen können, welche Frankreich und Rußland vereinigen. Ich trinke auf Ihre Gesundheit, Herr Präsident, und auf die Wohlfahrt Frank reichs." Präsident Faure erwiderte nüt folgendem Trinksprnche; I„Ew. Majestät hatten die Güte, an die zu kurzen Tage zu erinnern, welche Ew. Majestät mit Ihrer Majestät der Kaiserin im letzten Oktober in Paris verbracht hat. Ganz Frankreich hat seinerseits die wärmste Erinnerung daran bewahrt. Dem tiefen Gefühle der ganzen Nation entsprechend, kommt der Präsident der Republik in die Hauptstadt des Reiches Ew. Majestät, um die so mächtigen Bande zu bekräftigen und noch enger zu knüpfen, welche unsere beiden Länder vereinen. Indem ich den Boden Rußlands in dem Augenblick betrete, wo das Herz der beiden Völker im Einklang schlägt in dem gleichen Ge- danken der gegenseitigen Treue und des Friedens, erhebe ich mein Glas zu Ehren Seiner Majestät des Kaisers aller Reußen, Ihrer Majestät der Kaiserin und ganz Rußlands." I» den FriedeuSverhandlunge» liegt heute folgende Meldung anS Konstantinopel vor: Die Botschafter beschlossen i» der heute früh stattgehabten Versammlung, in Athen Schritte in dem Sinne zu thnn, von der griechischen Regierung die Angabe derjenige» Staatseinkünfte zu erlangen, welche für den Dienst einer zur Zahlung der Kriegsentschädigung aufzunehmenden Anleihe bestimmt werden könnten. Ergänzt wird diese Depesche durch die nachfolgende von gestern datirte„TimeS"- Meldung aus Konslantinopel: Die Botschafter glauben und besttzen anscheinend auch deutliche dahingehende In- formation, daß die Ottoman-Bank die ganze Kriegsenlschädigniig beschaffen würde, wenn die Kontrolle der griechischen Finanzen g* sichert würde.— «• • Deutsches Reich. —„U n g l a n b l i ch". so bezeichneten wir die Meldung, daß das preußische Staatsministerium für die vom Hochwasser Geschädigten blos 500 000 M. bewilligen wolle. Unglaublich, aber doch im wesentlichen wahr! Herne schreibt die„Nordd. Allg. Zeitung": „Von verschiedenen Blättern ist die Nachricht gebracht, das Staatsministerium habe 500 000 M. für die Ueberschweimnten in Schlesien bewilligt. Unserem Vernehmen nach hat es sich hierbei nur um die Bereitstellung von Mitteln gehandelt, welche zur Ab- wendung dringlicher, insbesondere auch sanitärer Gefahren schleunig gebraucht werden. Daß der Staat damit seine Aufgabe nicht als erfüllt ansieht, dürfte selbstverständlich sein. Die Knickrigkeit des preußischen StaatSministerininS, das Dutzende von Millionen an Ueberschüssen heransgewirthschaftet hat, wird peinlich illnstrirt durch die folgende Meldung der„Post" ans Hirschberg i. Schl.: „Nach momentanem Befund der Sachlage bleibt die Noth im Ueberschwemmungsgebiet trotz der zufließenden reichen Mittel sehr groß. Schnelle Hilfe mit Geld, Kleidern, auch Möbeln ist dringend nothwendig. Besonders nothleidend ist die Schmiedeberger Gegend, Arnsdorf. Giersdorf. Typhus ist nicht bemerkbar; dagegen werden die Herbstwetter befürchtet.— — Zum Zeremoniell. Beim Eintritt höchster Beamter in den llieichs- und preußischen Staatsdienst gehört jetzt und noch einige Wochen weiter eine Hnldigungsfahrt zum Herzog von Lauen- bürg. Nach Herrn v. Bülow ist nun der„uferlose" Konlre-Adiniral Tirpitz in seiner Eigenschaft als Staatssekretär des Reichs-Marine- Amtes in Friedrichsruh gewesen. Ob ihm die Ehre des Handkusses zu theil geworden ist, meldet der Telegraph nicht.— — Von Gneist, der als Autorität des englischen, preußischen und deutschen Staats- und Verwaltnnqsrechtes angesehen wurde, ging, nachdem er sich ans einem radikalsten Konfliktsmann zu einem mit Bismarck durch Dick und Dünn gehenden Gou. vernementalen umgehäutet hat, da? Wort:„Gneist, der alles beweist", Gneist ist todt, aber die Gneiste, wenn auch nicht an wissenschaftlichem Genie und bewunderungswürdiger Weile und Tiefe der Kenntniffe, so doch an Fähigkeiten, alles zu beweisen, was in Ministerbnreans gewünscht wird, sind unter den deutschen Staatsrcchtslehrern nicht ausgestorben. In erster Linie unter diesen steht der Verfasser des vielbändigsten„Deutschen Staatsrechts", der Slraßburger Professor Laband. Er hat die Theorie aufgestellt, daß der Reichskanzler auch ohne Etatsfestsetzungen deS Reichstages Ausgaben machen könne, er hat im Lippe'schen Erbfolgestreite sein Gutachten im Gegensatz zu dem späteren llrtheilssprnche im Interesse des Prinzen Adolf von Lippe- Schaumburg, eines Schwagers deS Kaisers, abgegeben. Herr Laband soll nun zu Größerem auserfehen sein. Er ist telegraphisch aus der Schweiz, wo er seine Ferien verbrachte, zum Kaiser nach Wilhelmshöhe berufen worden. Eine der höchsten Be- amlenstellen im preußischen Justizministerinm soll ihm in Aussicht gestellt sein. Zum Schönstedt, den er zwar au Wissen und Keimtniffcn überragt, paßt er sonst vortrefflich.— — Zur Umwandlung der„Sozialen Praxis" liegt heute ein Schreiben des Slaatsministers von Berlepsch an die „Voss. Ztg." vor. das nach diesem Blatte lautet: „In der„Voss. Ztg." vom 18. d. M. wird der Nebergang der Wochenschrift„Soziale Praxis" an eine neugegründete Gesell- schaft m. b. H., deren Ausstchtsrath ich Vorsitze, als ein Akt der Rache gegen den bisherigen Redakteur der„Sozialen Praxis", Herrn Dr. Jastrow, aufgefaßt. Diese Auffassung ist nicht zuireffend. Einem so kleinlichen oder, richtiger gesagt, gemeinen Motiv würde ich nicht zugänglich sein. Ter Fall Jastrow ist für mich mit der gerichtlichen Bestrafung und der Erklärung abgeschlossen, die dieser in der„Sozialen Praxis" vom 2. Juli 1896, anknüpfend an den Artikel„Das Ministerium Berlepsch" am Schluß abgegeben hat, wenn ich diese Erklärung im übrigen auch nicht für zutreffend halte Das Disziplinarverfahren vor der philosophischen Fakultät der Universtlät Berlin habe ich weder beantragt noch gewünscht. Der Hergang bei Errichtung der Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht „Soziale Praxis" war der, daß ursprünglich die Heransgabe einer neuen Wochenschrift oder Zeitungskorrespondenz beabsichtigt war. Das Institut für Gemeinwohl zu Franksnrt a. M. war ge- neigt, sich hieran zu betheiligen. Die eingeleiteten Verhandlungen führten dazu, daß dieses die bestehende Wochenschrift„Soz. Praxis" der Ge sellschaft anbot, die das Angebot annahm. Bei der Auswahl eineS Re daktenrs war lediglich der Gesichtspunkt maßgebend, daß dieser nicht nur zur Führung der Redaktion wissenschasllich und journalistisch geeignet sein, sondern sich auch mit den Gesellschaftern in voller Ueberenistiimnung der Auffassung über sozialpolitische Fragen befinden müsse. Ein weiterer Jrrthum in der Notiz der„Voss. Ztg." vom 18. d. M findet sich in der Bemerkung, daß in dem Rundschreiben, in dem die Veränderung, die mit der„Soz. Praxis" vorgeht, angekiindigt wird, die künftigen Mitarbeiter des Blattes genannt werden Dr.Jastrow sei nicht darunter. In dem Rundschreiben sind nicht dieMid arbeiter, fondern die Gesellschafter genannt und diejenigen Personen, die das Unternehmen durch pekuniäre Beiträge unterstützen." Heute wird auch der Inhalt der Eintragung der G. m. b. „Soziale Praxi?" im amlsgerichtlichen Gesellschaitsregifler bekannt. Hiernach ist die Gesellschaft eine Gesellschaft mit beschränkler Haftung. Der Gesellschaflsvertrag datirt vom LI. Jnrn 1897. Gegenstand des Unternehmens ist der Verlag und die Herausgabe von Druck schriften sozialpolitischen und volkswirlhschaftlichen Inhalts. Das Stammkapital beträgt 76 000 M. Geschäftsführer ist der Sekretär Karl Rathmann zu Berlin. — Zur Affäre Tausch schreibt heute die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung": „Gegenüber der neuerdings wieder in der Presse aufgetaucht-n Behauptung, dem Kriminalkommissar».Tausch sei ein zeitlich unbeschränkter Urlaub ertheilt worden, können wir als zuverlässig mittheilen, daß der dem Kriminalkommissar v. Tausch gewährte Urlaub aus grnnd ärztlicher Atteste allerdings verlängert ist, aber unter der Bedingung, daß Herr v. Tausch diesen Urlaub unterbricht, sobald seine Vernehmung in der gegen ihn be- kanntlich schwebenden Disziplinaruntersuchung erforderlich sein wird. Bis jetzt hat, wie wir hören, eine solche Vernehmung nicht stattfinden können, weil die dazn unentbehrliche», beim Reichsgericht befindlichen Gerichlsakten der die Untersuchung führenden Behörden noch nicht zugänglich sind." — Chronik der Majestätsbeleidigungs-Prozefse Wegen Majestätsbeleidignng hatte sich heute der Diener Herrmann Emil E i y l e r vor der ersten Ferienstrafkanimer am Landgericht II zu verantworten. Der Angetlagte, der ans dem Fürstenthum Reuß j. L. stammt, scheint ein Partiknlarist zu sei», der sich mit der deutschen Reichseinheit schlechterdings nicht befrennden kann, den» obwohl er eist 32 Jahre alt ist, hat er schon vier Vorstrafen wegen Beleidigung des deutschen Kaisers erlitten und zwar zweimal sechs Monate, und zweimal ein Jahr Gefängniß. Daneben hat er schon den größten Theil der Paragraphen des Straf- gesetzbnchs verletzt und ist deshalb bestraft worden. Gegenwärtig ist er auf zwei Jahre im Rnmnielsburaer Arbeitshanse internirt. Am 30. Juni d. I. entfloh er aus dieser Anstalt und kam in seiner Gefangenenkleidung in das Restaurant Berlinerstr. 66 in Weißensee, wo sich znsällig der Amtsdiener Zerpin-ki befand, der den Ans- rcißer an der Kleidung erkannte und festzunehmen suchte. DaS ge» lang ihm aber nicht, denn der Flüchtling wehrte sich mit rasender Wnth gcjscn seine Festnahme. Auch einem hinzugerufenen Gendarme» gelang die Abführung nicht, eS mußte ein Wagen reqnirirt werden, um ihn zum Amisbureau zu bringen. Dabei beleidigte er nicht allein die Beamten, sondern auch den Kaiser, und erhielt dafür und für den Widerstand zwei Jahre Gefängniß. Oesterreich. Prag, 23. August. An der heute hier'abgehaltenen Ver» s a m in l n n g der deutschen R e i ch s r a t h s- und Land» tags» Abgeordnete n Böhmens nahmen etwa 60 Personen theil. Der Obmann des Klubs der deutschen Landtags-Abgeord- neten Schlesinger theille mit, daß er infolge Erkrankung seiner Gattin genöthigt sei, Prag zu verlasse». Hierauf wurden Abg. Lippert(dentsch-fortschritllich) zum Vorsitzenden, Karl Schücker(denlsch-national) zum Stellvertreter des Borsitzenden, Wolf (dentsch-national) zum 1. und Eppinger(deiitsch-forlschrittlich) zum Schriftführer gewählt. Lippert verlaß sodann das Einladniigs- schreiben des Ministerpräsidenten Grafen Vadeni zur Theilnahnie an der Konferenz in Wien und theille mit, daß in der heute Mittag stattgehabten Sitzung des vorbereitenden Komitees e i n st i in in i g eine Entschließung gefaßt, worden sei, welche aus den nach- folgenden sechs Punkten bestehe: Der erste Punkt besagt, daß die Abgeordneten an der Rechts- ai>scha»u»g festhalten, daß nur im Wege der Gesetzgebung die sprachlichen Verhältnisse geregelt werden können. In dem zweiten Punkte wird die Forderung nach Zurück- z i e h ii n g der S p r a ch e n v e r o'r d n n n g e n für Böhmen und Mähren wiederholt. Es werden darin die Gründe, welche die Zurückziehung erheischen, entwickelt. Unter anderem wird angeführt, daß die S p r a ch e n v e r o r d n u n g e n der Bildung eines czechischen Staatswesens Bor- s ch n b leisten und dadurch die Einheit und die Macht der Monarchie bedrohe». Der dritte Punkt beruft sich auf die übereiiistiiiimenden Kundgebungen des Volkes, welche die Zurückziehung der geiiaiinten Verordiniiigen fordern. Der vierte Pmikl enthält die Erklärung, daß die Ab- geordneten in unverbrüchlicher Treue zu dem Volke stehen, welches ungebeugt trotz der Unterdrückiitig seiner Meinniigsäußerungen für die Zurückziehung eintritt. Der fünfte Punkt konstatirt die Erkenntniß der deutschen Abgeordneten, daß die Regierung nicht gewillt ist, einen neuen Boden für dieVerhandlungen zu schaffen. daß vielmehr durch die Anfrechterhalluiig der Spracheiiverordnniigeu ein Zustand geschaffen ist, welcher es den Gegnern leicht macht, alle Aeiidermigen zu verhindern. Im sechsten Punkt wird die Uebirzeugung ausgesprochen, daß die Frage nicht m e h r e i n e nur böhmische sondern eine österreichische ist und die Stellungnahme sämmtlicher Deutschen Oesterreichs erfordert. Infolge der angeführten Gründe sprachen sich die Abgeordneten egen die Beschickung der Konferenz ans, wobei sie überdies auf die Treulosigkeit der anderen Vertragsparteien von 1890 hinwiesen und ans die bitteren Entläuschnngen, welche dem denischen Volke damit bereitet wurden. Ferner wurde hervor- g> hoben, daß die Eiiiladmigen zu der Konferenz einen Hinweis ans die der Konferenz vorzulegenden Entwürfe enthalten, welche Eilt- würfe die czechischen Wünsche berücksichtigen, die deutschen Wünsche aber, welche schon in den Ausgleichs- Konferenzen von 1690 zu- gestanden worden waren, nämlich Abgrenzung der Bezirke und des Kurien-Veto nicht. Dagegen aber wäre dasjenige zu günsten der Czechen in den Entwürfen enthalten, was der Statthalter in seiner im Landtage abgegebenen Erklärung schon zugesagt und sofort, schon im Landtage, den Widerstand der Deutschen hervorgerufen habe. Diese Eiilschließiing wurde«inftimmig angenonimen. Sodann wurde beschlossen, dieselbe mit einem Begleitbriefe sofort an den Ministerpräsidenten zu schicken. Die Versaniniliing nahm hierauf noch zwei von Schücker und Kittel vorgelegte Resolutionen an. Wie die Wiener Blätter aus Prag melden, richtete Graf Oswald Thun, der zu den Ausgleichskonfereiizen eingeladene liberale Groß- grniidbesitzer, gestern an den Ministerpräsideiiten Grafen Badem ein Schreiben, in welchem er erklärt, daß die Vertreter des verfassnngs- treuen Großgrundbesitzes, falls die für den 26. d. M. anberaumte Konferenz auch ohne die Vertreter deS deutschen Volles abgehalten werben sollte, an de» weiteren Verk/aiidliiiige» nicht theilnehmen kömieju— — Der M i n i st e r k o n s n m in Oesterreich. Das Wiener Extrablatt erhält eine statistische Zusammenstellunng des Minister» konsums in Oesterreich vom Negieruiigsaiilrilt des Kaisers Franz Joseph(1843) angefangen. Nach dieser Berechnung hat es feit dem Jahre 1843 i» Oesterreich(außer Ungarn) insgesainint 170 Minister ge- geben. Man zählte 19 Ministerpräsidenten, 19 Justizmiiiister, 18 Unter- nchtsniinister, je 17 Minister des Innern, Finanz- und Handelsniiuister, dagegen gab es nur 10 Ackerbau- und 9 Laiidesvertheidignngs- minister. Seit 1867 gab es 9 Minister des Aeußern, 11 Reichs- Kriegs- und 5 Reichs-Finaiiziiiinister. Unter den 170 Ministern gab es gerade 17 bürgerlicher Abkunft. Am meisten Minister, deren 26, hat das Jahr 1848 gesehen.— Jtali«»». Rom, 23. August. Unter den L a n d l e u t e n in einigen Gegenden Latinm's macht sich eine Beivegung bemerkbar, welche dahin abzielt, die A u ft h e i l im g der großen, nn b eb autrn L ä ii d e r e i e n der P a t r i z i e r f a m i l i e n durchzusetzen. Heute früh begaben sich etwa 700 Landleule mit Frauen und Kinder.! ans Marino nach dem Grundbesitz des Fürsten Colonna in Fraltocchie, in» denselben unter sich zu vertheilen inid zu bejnen. Dem Zuge ging die Nationalfahne und eine Musikabtheilung vorauf, welche den Königsinarsch spielte. Es gelang den Behörde», die Leute zur Rückkehr nach Marino zu bewegen, wo sie sich ohne Unordnung zer- streuten. Vier Kompagnien sind nach den Oertlichkeite», wo die Bewegung auftritt, abgegangen, um etwaigen Rnhestörnngen zu begegnen; bis jetzt herrscht indessen überall Sinhe.— Spanien. — M i t der Ernennung desGenerals Slzcarraga zum Ministerpräsidenten an stelle des eriiiordelen Canovas ist, wie man ans Madrid schreibt, noch immer kein Definitivum ge- schaffen. In Kreisen, die als unterrichtet gellen dürfen, giebt man vielmehr dem unter neuer Flagge segelnden alten Mmisteriion höchstens bis zum Oktober Lebensfrist, d. h. bis zur Einberufung der Cortes. Dann erst wird das politische Problem vollständig aufgerollt werden. Daß die Konservativen am Ruder bleiben, ist nicht sehr wahrscheinlich, und zwar hauptsächlich darum, weil in ihrem eigenen Lager Haß und Zwietracht herrschen. Schon heute weigert sich eine„Rotte von Abtrünnigen" dem aufgefrischten Kabinet Heersolge zu leisten; hierbei ist nicht so sehr an die konservativen Tissidenleii unter Silvela's Fübrnng als an die„Romeristeii", d. h. die Freunde des ehrgeizigen Ex-Minisi-rs Slomero Robledo zu denken. Dieser alte„Hnsarenchef", wie man ihn hier spöttisch nennt, hatte schon zu Lebzeiten Canovas' nur schwer seinen Ehrgeiz und seine Kampfliist unterdrückt und sich der Führer- schaft eines Begabteren unterworfen; jetzt aber hält er sich für den einzigen berufenen Retler seiner zersplitterten Partei und weigert sich, die Autorität anderer aiizuerkeniten. Der neue Miiiisteipräsident General Azcarraga ist ein achtbarer. «hrenwerther Mann, aber ein Staalsmaiin ist er nicht und Harum wird er den großen Kladderadatsch im konservativen Lager nicht aufhalten können. Es darf also als ziemlich sicher gelten. daß in wenigen Monaten die Liberalen die„Erbschaft antreten" werden; Sagasta, der alte Fuchs, liegt bereits auf der Lauer und wartet nnr den geeigneten Augenblick ab, um aus seiner Reserve herauszutreten und die Würde und Bürde der Ministerschnst auf sich zu iichmen. Ob er unter den gegenwärtigen kritischen Verhält» iiiffen viel Freude dabei erleben wird, ist sehr fraglich.— Barcelona, 23. August. Nach Meldungen ans G r a e i a sind dort einige D y» a m i t b o m b e n entdeckt worden.— Türkei. Konstantinopel, 24. August. Die Zahl der seit dem Bomben. a t t e n t a t am letzten Mittwoch verhafteten Armenier wird von türkischen Kreisen auf 124 geschätzt. Gestern wurde eine Frau in polizeilichen Gewahrsam gebracht, in deren Wohnung ein umfang» reicher Schrittwechsel mit dem armenischen Komitee, sowie drei Kanlschulstempel mit den Initialen desselben gefunden worden waren.— Afie». AnS Indien und den Nachbargebieten liegen heute wieder zahlreiche Nachrichten vor: Nach der„Bombay Gazette" sind in Beliitschistan drei hervorragende Hänpiliiige unter dem Verdachte verhaftet worden, gegen die indische Regierung zu intriguiren. AnS S i in l a wird lelegraphirl: Die Anffiändischin dringen durch den Khaiber-Paß vor, Artillerie ist vorgegangen, um sie zu beschießen.— Ter Emir von Afghanistan hat wiederum ein Schreiben an die indisch« Regierung gerichtet, in dem er seine Verantwortlichkeit für den Ans- stand bestreitet und den religiösen Führer» verschiedener Slämine alle Schuld beimißt. Der Mullah von Haddah soll die MohmandS zum Angriffe auf Michni Shabkadar gesammelt haben. Es wurden weitere Truppen nach Kohat beordert. Eine amtliche Depesche aus Peschawur meldet, daß die Afridis heute früh Ali-Musjid angegriffen haben und um 10 Nhr früh zum Angriff aus Fort Mande schritten, während eine andere Ctreiimacht gegen Kadam vorrückte. All« Afridi- Stämme sollen sich erhoben haben. Offiziellen Depeschen zufolge haben die englischen Truppen im Distrikt Peschawur zwei Forts räuiiien müssen.— Eine Batterie Feldartillerie fuhr im Eingang des Khaiber- Passes auf und eröffnete das Feuer ans 3200 Meter Entfernnng, worauf sich der Feind sofort zurückzog. Die AfridiS haben gestern Abend das Fort Mande eingenoniineii und Niedergebrannt; die aus eingeborenen und irregulären Truppen zusamniengesetzte Garnison zog sich mit einem Verlust von drei Mann zurück. Die Parteikonferenz für den Wahlkreis KottbuS-Sprem- berg, die am Sonntag in Kottbns abgehalten wurde, faßte folgende Resolution:„Die Konferenz erklärt nach einem Lieferat des Genossen Antrick-Berlin über das preußische Landtags» ah Ire cht, in anbetracht des immer reaktionärer und Volksfeind» liehet werdenden Berhaltens der preußischen Junkerpartei eine Be- theiligung der Sozialdemokratie an de» preußischen Laiidtagsivahleu 'ür zweckmäßig. Die Belheitignng der einzelnen Kreise soll aber der Entscheidung der Genossen in den einzelnen Kreisen überlassen bleiben." Als Delegirter für den Parteitag in Hamburg wurde Ä n t r i ck gewählt. Tie Parteikonferenz für den erste» pfälzischen Wahlkreis LudivigShafc» stellte als Reichstags-Kandidate» einstimmig wieder den Genossen Franz Jos. Ehrhart»nf und wählte den Genossen H a» ck als Delegirten für den Hamburger Parteilag. Ter Anregung der Magdeburger„Volksslimme", im Anschluß an den Hamburger Parteitag einen preußischen Parteilag abzuhalten, nin dort die Enlscheiduiig darüber zu treffen, ob an den preußischen Landtags wählen theilgenommen werden soll oder nicht, stimmten von pieußischen Pnrleiblättcr» zu: Die Breslau er„Volksmacht", das„Bolksblatt für Harburg", die„Märkische V o l k s st i m in e Die Breslauer„Volks wacht" bemerkt speziell zu der im„Vorwärts" veröffentlichien Notiz über die Ansicht unterer Parleileitnng') zu dein Vorschlage der Abhaltung eines preußisa ea Parteitages:„Wir meinen, daß den iiichlpreußischcn Genoffen aus- reichende Gelegenheit, ihre Meinniig zu sagen, gegeben sein dürfte bei der Erörterung der den Gesammtparteitag beschäjtigenden Frage, ob der *) Die Parteileitung, nicht die Fraktion, wie eine Anzahl von Parteiblättern konsequent verwechseln, hat dieAdhaltniig eines besonderen preußischen Parteitags wedex abgelehnt noch be- schlössen, sondern die Entscheidung dem allgemeiiieii Parteilag vor- behalten, der es„jederzeit in der Hand habe, einen bezüglichen Be- schluß zu fassen. Red. des„VorivärtS". Kölner Beschluß ausgehoben werden solle. Die eventuelle End scheidung darüber, ob die Partei in Preußen sich an den Wahlen betheiligen und in welcher Weise'dies gescbehen soll, mußte man dann aber doch wohl billigerweise den preußischen Delegirten über lassen. Und da erscheint uns die von der Magdeburger„Volks stimme" vorgeschlagene Abhaltung eines besonderen preußischen Parteitages im Anschluß an den Gesammtparteitag als durchaus praktisch und sowohl im Interesse der Geschästsabmickelung des Gesammtparteitags wie der Parteigenossen i» Preuße» zu liegen." Das„Volksblatt für Halle" dagegen erklärt die Haltung der Parteileitung für richtig. Derselben Meinung ist von den nichtprenßischen Blättern die„Mainzer Volkszeitung" und die„Sachs. Arb.-Ztg.« Die„Thüringer Tribüne" in Erfurt schreibt:„Selbst verständlich hat das erste Wort in der Wahlbetheilignngssrage der Hamburger Parteitag, da einerseits den preußischen Genossen erst durch Aufhebung des Kölner Beschlusses die Freiheit in der Behandlung dieser Angelegenheit wieder eingeräumt werden muß, und anderer- seits eine aliseilige theoretische Erörterung auch seitens der Dele- flirten der Bundesstaaten nur förderlich sein kann. Hat aber der Hamburger Parteilag entschieden— und nach unserer Meinung kann er sich nur für oder gegen den Kölner, die preußischen Ge- Nossen bindenden Beschluß aussprechen, so ist ein preußischer Parteitag nöthig, auf dein diese Sache erörtert werden muß, ob überhaupt, bezw. in»vclcher Weise eine Betheiligung an den preußi- scheu Laudlagswahle» zu erfolgen hat. Daß ein solcher Parteitag im direkten Anschluß an den Hamburger stattfindet, würde gar nicht rathsani sein, da zunächst euimal in unifassendster Weise die verschiedenartigen Anssichlen auf einen Erfolg auf grnnd statistischen und sonstigen Materials, nicht auf bloße Vermuthnttgen und Annahmen hin festgestellt werden müßten. Danach könnte dann erwogen merdeu, ob eine allseitige Betheiligung praktisch, ob Koiuprcmisselei mit bürgerlichen Parteien zur Erlangung eigener Mandate, ob Unterstützung der bürgerlichen Opposition, oder ob nur in einigen wenigen Kreisen, in denen unsere Genossen thalsächlich die Entscheidung in der Hand haben, Vetheiligung an der Wahl z» empfehlen ist. Diese speziellere Frage ist nicht Sache des Hamburger Parteitages, sondern eines preußischen, sobald der Hamburger den Kölner Beschluß aufgehoben bat. Durch eine Beschränkung des Hamburger Parteitages auf diese Entscheidung würde auch am ieich testen eine Einigung zu erzielen sein. Sonach sind wir für die Ein bernfung eines selbständigen preußischen Parteitages." Die Mannheimer„ V o l k s st i m m e" erklärt die Magde- bnrger Anregung„als durchaus gegenstandslos" und führt dann aus:„Eben iveil es sich um die Aushebung beziehungsweise die Be< lassung eines Beschlusses handelt, der ans dem Kölner Parteitag. also einem allgemeinen deutscheu Parteitag gefaßt worden ist, kann für diese Frage nur wieder ein deutscher Parteitag kompetent sei». Llnderufalls hätte man auch de» früheren Beschluß einer Nicht betheiligung seinerzeit nicht auf einem allgemeinen deutschen Partei tag fassen dürfen." Eingehend besaßt sich die„Sächsische Arbeiter Zeitung" mit dieser Angelegenheit. Sie sagt, die Frage ob wegen der preußische» Laudlagsu'ahlen ei» preußischer Parteitag zusammentreten solle, sei ihres Erachtens nur eine Frage der „praktischen Zweckmäßigkeit" und meint dann:„Leider ist zu be- fürchten, daß sie mit Dingen vermengt werden wird, die eine» ganz anderen Charakter trage» und andere Tragweite besitzen. Ist doch schon jetzt seitens einiger bayerischer Genossen der Versuch gemacht worden, die Revision des Kölner Beschlusses zum Präzedenzfall zu erheben, indem von ihnen der Grundsatz aufgestellt wird, über die An- gelegenheiten der einzelnen deutsche» Bundesstaaten haben die Genossen jener GebietStheile allein zu entscheiden, und in Zweifel gezogen wird, ob der Kölner Parteitag überhaupt das Recht hatte, einen Beschluß über preußische Landtagsivahle» zu fassen. Dem muß nun mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Die Sozialdemokratie ist kein Staatenbund, sondern eine einheitliche politische Partei. Wenn sie auch genöthigt ist, sich in ihren einzelnen Theilen der politischen Gliederung des Landes anzupassen, so ist sie doch himmelweit davon entfernt, die politische Zersplitterung Deutschlands, welche sie be- kämpft, auf sich selbst zu übertragen. Der beste Beweis dafür, daß es sich bei der Verlheilung der sozialdemokratischen Organisation auf die einzelnen Bundesstaaten nur um eine formelle Uebertragung, nicht um«ine Uebernahme des sörderalistischen Grundsatzes Handell, liegt darin, daß es für den größten Bundesstaat Deutschlands, eben für Preußen, gar keine besondere sozialdemokratische Organisation giebt. Die einzelnen Provinzen resp. Wahlkreise Preußens haben ihre Organisationen, zu einer gemeinsamen Organisation für Preuße» sind sie aber nicht vereinigt. Es giebt keine„preußische Sozial- demokratie." Deshalb gab es auch nie eine» preußischen Parteitag... Für uns nnterliegt es keinem Zweifel, daß der Kölner Parteitag die Besugnisse hatte, seine» Beschluß über die preußischen Landtags- wählen zu fasse», und daß auch der kommende Parteitag das Recht hat zu den weitgehendsten Beschlüssen bezüglich preußischer Wahl- taktik. Es ist jedoch damit für nns die Frage der Zusammen- berufnng eiueS preußischen Parteitages»och keineswegs erledigt. Wir haben darauf verwiese», daß es eine Organisation der Partei für ganz Preuße» nicht giebt, und ein preußischer Parteitag ein Novum ist. Das liegt aber gerade daran, daß man sich bis jetzt in Preußen an den Landtagswahleu nicht belheiligte. Denn die Betheiligung a» den Laudlagswahle», wenn sie all gemein ist, erfordert auch eine einheitliche Organisation im ganzen Lande und führt infolge dessen zur Konstilnirnng eines besonderen Parteitags des betreffenden Landes. Es ist deshalb voll- kommen logisch, daß mit der Frage der Wahlbetheiligrnig in Preußen auch die der Ziisammenbernfnng eines preußischen Parteitages ans- tauchte. Diese» Zusammenhang dürfen wir nicht ans den Augen verlieren: es handelt sich um Organisation der Wahlen, nicht um die Entscheidung über die Wahlbeiheiligung. Ueber die Wahl- belheilignng entscheidet der Parteitag. Dazu ist er befugt und es liegt keine Veranlassung vor, ihm diese Befuguiß streitig zu mache» Beschließt min der Parteitag eine allgemeine und selbst ständige Belheilignng, dann ist ein preußischer Parteitag augebracht, um Bestimmungen über einheitliche Organisation der Wahlen zu treffe». Wenn aber der Parteitag blos die Kölner Resolution aufhebt und die Entscheidung über die Wahlbetheiligmig den einzelnen Wahlkreisen überläßt, dann liegen für einen besonderen preußischen Parleiiag gar keine Aufgaben vor, die er z» erledigen hätte. Aber selbst im ersten Falle, wo ein preußischer Parteitag ziveckmäßig ist, braucht man doch keineswegs den Wahlapparat aufs neue in Bewegung zu setzen und sich neue Zeit- und Geldausgaben aufzuerlegen, sondern es wird genügen, wenn die preußischen Ab- georduelen bcs Parteitages im Anschluß an diesen zu einer be- sonderen Sitzung zusammentrete», um die einschlägigen Beschlüffe zn fassen. Darum sind wir mit dem Verfahren der Parteileitung ein- verstanden, die vorläufig von der Zusamnienbernfnnz eines vreußischen Parteitages absieht, diese aber nölhigensalls in Aussicht stellt." Die Parteikonfereliz für den Wahll'reiö Forft-Sora», die am Sonntag in Gassen abgehallen wurde, erllärle sich auf An- trag des Geiwffen Dr. Lux in Beziehnug auf die preußischen L a n d t a g s w a h l e n dafür, daß der Kölner Beschluß ausgehoben und es den Parteigenossen der einzelnen preußische» Wahlkreise über- lassen wird, ob sie sich an der Wahl belheiligen wollen oder nicht. Als R e i ch s t a g s- K a n d i d a l wurde Dr. Lux aufgestellt; derselbe hat den Kreis auch auf dem Parteitag in Hamburg zu vertreten. Polizeiliches, Gerichtliches ie. — Die Nr. 194 der„B olksstimme" von Magdeburg ist angeblich wegen Majestätsbeleidigung niit Beschlag belegt worden. — Aus Dresden wird uns geschrieben: Ueber eine» un- erhörten Vorfall ist zu berichten. Die bis vor kurzem selbständige Gemeinde Pieschen hat im Orle die üblichen Anschlagsäulen für Bekanntmachungen aufgestellt. Auch unsere Parleigenossen benutzten dieselben natürlich bisher so gut ivie jeder andere. An diese Säulen wurden in den letzte» Tagen wieder in der bis jetzt üblichen Weise Plakate angeklebt, welche die Bekalintmachnng einer Versammlung enthalten, in der der Reichstags' Abgeordnete Geyer sprechen soll. Diese Plakate sind jetzt auf Veranlassung der Behörde wieder heruntergerissen worden, weil die Plakatsäulen nunmehr Eigenthum der Stadtbehörde geworden und weitere Verfügungen für den Anklebemodus noch nicht getroffen seien.— Es genügt diese neueste Leistung sächsischer Verwaltungspraktik zu registriren Der Zentralvorstand des Uerdaitde» der Deutschen Buchdrucker hat«in vom 14. August datirtes Zirkular versandt, worin die Ver bandsmitglieder aufgefordert werden, Donnerstag den 26. August über folgende zwei Fragen niit Ja oder Nein abzustimmen: I.Halten Sie die ans grnnd der Beschlüsse des Leipziger Pfingstkongresses e»t wickelre Thätigkeit der sogenannte» Opposition gegen das Vereins interesse gerichtet? 2, Wünschen Sie, daß seitens der Verbands- leitung gegen die Verbandsschädiger nach Absatz a»nd b im§ 5 des Statuts vorgegangen wird?— Diese beide» Vorschriften des Statuts lauten:„Ausgeschlossen kann werde», wer a) den Bestimmungen des Statuts und den stalutgemäßen Anordnungen des Verbands- resp. Gauvorstandes nicht Folge leistet, b) Handlungen begeht, welche die Interessen des Verbandes schädigen und den Grundsätzen desselben zuwiderlaufen" Diese Ausschreibung der Urabstimmung begründet der Zentralvorstand wie folgt: „Die derzeitige» Veihältnisse in unserer Organisation machen es dem Vorstande zur Pflicht(gestützt auf ß IS Absatz 6 des Statuts), die Mitwirkung sämmllicher Mitglieder in Anspruch zn nehmen, um in«»anfechtbar demokratiscber Weise eine von allen Mitgliedern z» beachtende Richtschnur zu erhalten, obgleich eine solche bereits durch die Beschlüsse der Generalversammlung gegeben ist. Ueber ein Jahr lang versucht nun bereits die sog. Opposition. jede Thätigkeit der Berbandsfnnktionäre zu diskreditiren und deren statutarische Wirksamkeit niit der Herabwürdigung der betreffenden Personen zu beantworten; Statut und Genernlversammlungs- Beschlüsse existiren für diese Herren nicht! Wiederholte dringende Aiifforderungen an jene Mitglieder, ihr verwerfliches Treiben ein- zustellen und gemeinsam n»t der großen Mehrheit an der Stärkung des Verbandes zn arbeiten, fand nur Hohn und Spott! In ihrer „Bescheidenheit" fordern die Herren um Gasch„nur" den Stücktritt der Verbaudsleitung, Errichtung einer Preßkommissson, in welcher sie vertreten sind, um de»„Correspondeul" einer einzelnen Person zur beliebigen Verwendung ausantivorten zu können, und Rückgängiginachnng der nothweudig gewordenen und auf grnnd des Statuts vollzogenen Ausschlüsse. Zur Erreichung dieser Ziele hat sich die Opposition auf dem sogennniile» Pfiugstkongreß in Leipzig in aller Fori» organisirt, damit sie„innerhalb des Verbandes" um so wirkungsvoller für ihre Bestrebungen thälig sei» kann. In pflichtgemäßer Weise hat der Verbandsvorstand die Ganvorstände befragt, ob dieser Thätigkeit der Gaschianer weiter Spielraum gelassen oder endlich auch'von jener Seile Respekt vor den selbslgegebenen Gesetze» verlangt werde» soll. Fast einstimmig ging die Meinung der Gauvorstände dahin. daß es die Würde und die Selbsterhaltnng der Organisation verlange. diesem Treiben energischer enigegenzutrelen iind falls eine»och- malige Aufforderung zur Disziplin unbeachtet bliebe, zum Ausschluß der. Verbandsschädiger zn schreiten, deren zerfetzende Thätigkeit un> so unheilvoller für die Organisation ist, als die Herren—»mlhvoll, ivie sie nun einmal sind— i» Versammlungen, wo sie zur Rechen- schafr gezogen iverden solle», fortgesetzt und entschieden das ver- leugnen, was ihnen an zerstörender Arbeit, diktirt von persönlicher Gehässigkeit, nachgewiesen iverden kann. Sie oppelliren an das Mitleid und das Gefühl der Kollegen, um alle Welt über ihre ivahre» Ziel« zu täuschen. Dieses Mauöver gelingt ihnen auch hier und da! So nahm z. B. die Miigliedschast Dresden von einem energffchen Schritt Abstand; die Onittung besteht darin, daß einer der Oppositionellen jetzt im Lande herumzieht und de» Verband so- wie den Vorstand in der gehässigsten Weise verdächtigt. Der Vorstand ist fich längst darüber klar, daß derartige Rück- sichten im Lager der Opposition als Schwäche ausgelegt und zu neue» Angriffe» gegen die Verbaudsleitung benutzt werde». Letztere muß endlich wissen, ob sie in ihrem Kampfe für die Verbands- intereffen die Mitglieder hinter sich hat oder ob es im Wille» der selbe» liegt, jedem zu Überlassen, Statut und Generalversammlungs beschlösse nach seine»! Geschmack auszulegen. Unter solchen Verhältuissen wäre jede agitatorische Thätigkeit im Verbände unlerbimden; von Leipzig ausgegebene Direklive» orgen dafür, daß in den einzelnen Versammlunge» dem anständigen Theil der Mitglieder das Vereinsleben verleidet wird. Wenn es auch keinem Zweifel unterliegt, daß die große Mehrheit diese jkaiiipfesweise mißbilligt, so können wir doch mit dem Vorwurf nicht zurückhalten, daß der Opposilion gegenüber zu wenig Energie bekundet und der Wille der Mehrheit nicht in der nolhwendige» Weise zum Ausdruck gebracht wird. Wir stehe» ganz skrupellosen Gegnern gegenüber, wo deren Einfluß hinreicht, giebt es keine Rücksicht l So wurde Kollege Eichler wegen Wahrnehiniing des GeiverkschaflSprinzips in Leipzig ans den, Wahlverein ausgeschlossen und in der„Leipziger Volkszeitung" ver- langt ein„sozialdemokratischer Buchdrucker" die Enllassung der Setzer, die nicht auf dem Standpunkt der Geschästsleitiing stehen, eine Drohung, deren baldige Verwirklichung sehr wahrscheinlich ist. An Euch, Kollegen, wenden wir nns jetzt,»m jedem Gelegenheit zu geben, seine Meinung z»m Ausdruck zu bringe», dainit nicht wieder die Behaiiptung aufgestellt werden kann, daß nur der Wille einzelner Personen zur Durchsührnng gelange. Wir ersuchen Euch daher, durch Beantworlung der untenstehende» Fragen mizweifelhaft zn dokumentire», ob Ihr den Verband seine» gewerkschaftliche» Zivecken und Aufgaben erdalten und nicht einer sog. Opposilion preisgeben wollt, deren offensichtliches Bestreden nur darauf gerichtet ist, durch fortgesetzies Skaudaliren jede Vereins- thätigkeit zu lähme» nnd Eure V/2 Millionen Bereinsgelder ihren dunkle» Plänen dienstbar zu mache»." So weit das Zirkular des Vorstandes. Daß der Zentralvorstand des Verbandes der deutschen Buch- drucke« die Gesammtheit der Mitglieder im Wege der Urabstiminmig darüber befragt, welche Meinung sie über die Zwistigkeilen habe», die»un feit Jahr und Tag in der Bnchdruckerorganisation tobe» und sowohl innerhalb wie außerhalb derselben zu den dedailerlichste» Borkommnisse» geführt haben, dagegen läßt sich absolut nichts Be- fründeles einwenden. Die Mitglieder des Verbandes der deutschen Buchdrucker habe» es nun in der Hand, ihren Willen mit un- z weiselhafter Deutlichkeit knnd zu thun. Unterrichtet über die Sach- age ist jedes einzelne Mitglied ausreichend durch die Fachpresse. Von einer Ueberriimpelung durch die Urabstiminung kann also nicht wohl die Rede fein. Wenn es aber dein Zentralvorstand darauf ankommt, ohne Be- elnflussung die Ansicht der Mitglieder zu erfahren, weshalb stellt er die Vehauptung auf. daß das Bestrebe» der sogenannten Opvosilio» offensichtlich»nr darauf gerichtet sei, die„l'/e M i l l i o» e» Bereinsgelder ihren dunklen Plänen dien st bar u machen?" Wenn wirklich eine derartige Absicht unter ider Opposition be- 'iände, so könnte es sich doch nur um eine Handvoll Leute Handel». Aber auch nur eine»» Theile der Opposition einen solchen Vorivurf zn inachen, dazu gehören Beweise und diese werden in dem Aufruf a» die Mitglieder nicht geliefert. Man hat es in dem Himveise auf die VJ» Millionen lediglich mit einer nicht entschuldbare» Unterstellung zu thun, die die Mit- glieder bestimmen soll, aus Angst vor dem etwaigen Verlust des Vereinsvermögens im Sinne de, Zentralvorstandes zu stimmen. Da die Opposilion ihre Bestrebiingei, für sozialdemokratisch ausgiebt nnd ihre Gegner als kvnservativ verschreit, so ist es logisch. daß die Feinde der sozialdemokratischen Partei die Be- hauptung des Zsntralvorstandes in dem Sinne auslege» werden, die Opposition in der Buchdruckergewerkschast sei eine Mache der Sozialdemokratie, um dieser das Vermögen der Buchdrucker in die Hände zu spielen. Älehnliches wird in der Stumm'schen„Post" und anderen Blättern dieses Schlages ja von jeher behauptet. Der Zentralvorstand wird hiernach selbst die Verpflichtung fühlen, über den Sinn seiner Aenßerung die Oeffeutlichkeit nicht im unklaren zu lassen. Auch die Schilderung des Ansschlufles Eichler's in Leipzig ist unrichtig. Der Ausschluß wurde nicht„wegen Wahr- nehnmng des Gewerkschaftsprinzips" vorgenommen, sondern weil Eichler die Buchdrucker Leipzigs aufgefordert hatte, nicht auf Sammellisten zu zeichnen, die zn gunsten oer streikenden Bauarbeiter ausgegeben waren. Eichler handelte damit entsprechend dem Beschluß einer allgemeine» Buchdruckerverfaininlung. die als Antwort auf den Ausschluß der Tarifgemeinschaftsanhäuger aus dem Gewerkschafts- kartell dem Sinne nach erklärt hatte, die übrigen Leipziger Gewerk- schaften nicht eher wieder unterstützen zn können, bis der Ausschluß der Tarifgemeinschaftsanhänger aus dem Gewerkschaftskarlell rück- gängig gemachr sei. Eichler hat also in Wahrnehiniing eines Be- schliisses seiner Fachgenosse» gehandelt und desivegen wurde er aus dem Bezirk Osten der Leipziger Partei-Organisation alisgeschlossen, aber man kann nicht sagen, daß der Ausschluß wegen Wahrnehmung des Gewerkschaftsprinzips an sich erfolgt sei. GemerKslsMftlirfjes. Berlin»nd tt»igcb»»a. Achtung, Stetuarbciter! Bei der Finna Sperling in Frankfurt a/O. habe» an» Montag, den 23. d. Mts., 7 Stein- rnetzen die Arbeit niedergelegt. Da die Löhne sehr niedrig sind, fordern diese eine Lohnerhöhung von 25 pCt. und eine Verlürzung der Arbeitszeit von II.auf 10 Stunde». Die Firma sucht im „Steinbildhnuer" Steinmetzen bei andauernder Arbeit. Möge jeder Kollege, welcher auf die im„Steinbildhauer" erscheinenden Arbeits- angedote rcflektirt, erst bei der Geschäslsleitnng anfragen, ob auch diesem nichts im Wege steht. In Magdeburg dauert der Streik der 30 auSständischen Kollege» fort, dagegen finden in H o f zwischen den ausgesperrten Arbeitnehmern und den Arbeitgebern Verhandlungen betreffs Wiederaufiiabnie der Arbeit statt. Die Geschäftsleitung der Stein arbeiter Deutschlands. I. A.: R. Mitschke. Arbeilerfreundliche Blätter werde» um Abdruck gebeten. In der Kistenfabrik Lindenstr. 33, ist wegen Lohndifferenzen ein Streik ausgebrochen. Zuzug von Tischlern und Stellmachern ist streng seriizuhalte». An die Mitglieder deS Vereins der Berliner Buchdrucker und Schriftgieher. Die am Montag, de» 23. August, im Louisen. städtischen Kouzerthaus abgehaltene, vo» 240 Vertrauenspersonen be- suchte Bersannuluiig»ahm, nach kurzer Debatte, gegen wenige Stimmen folgende Resolution an:„Die Berliner Vertrauensmänner erblicken in der Thätigkeit der sogen. Opposilion eine schwere " e r b a n d s s ch ä d i g u n g. Sie begrüßen die beabsichtigte Nr- abstimiiilliig als den einzigen Weg, eine endgiltiae Klärnng herbeizuführen, erklären sich daher mit den Maßnahmen des Gauvorstandes einverstanden und empfehlen de» Kollegen, sich nicht von iliiaugebrachtem Milleid gegen die Verbandszerstörer leite» zn lassen, sonder» für energische Durchführung der General- versaiuinlnngs-Beschlüsse sich zu entscheiden.— Die Einberusiing einer Vereiiisversairnnlung durch unberufene Personen erklären die Vertrauensmänner als ein Bestreben, das Programm der Gaschianer, die Einigkeit des Verbandes zn zerstöre», z» verwirkliche», und erwarten von de» Mitgliedern, daß sie derartigen Versammlungen fernbleiben." Der G a u v o r st a» d. Deutsches Reich. De» Mufikinstrumeuteumachern Teutschland» zur Nach- richt, daß der vor vier Wochen bei der Firma Traugott Schneider u. Co. in Magdeburg, Wilhelmstadt, auS- zebrochene Streik fortdauert. Bis jetzt ist es gelungen zu verhüten, Zaß gelernte Arbeiter(Bälgemacher, Guffn, acher und Reinstimmer) dort i» Arbeit treten. Da Ecsatzkräfte auch nicht durch Zeitungs- annoncen zu beschaffen sind, reist jetzt ei» Vertreter der Firma umher und wirbt Leute an. So am Somitag in Berlin, wo sich 4 Mann aiiwerbeu ließen, die aber wieder abreisten, als sie i» Magdeburg über de» Stand der Dinge unterrichtet worden waren. Die Streikenden bitten ui» strenge Fer»halt»ng des Zuzugs. Der Werftarbeiterstreik i» Flensburg hat, soweit die Mit- glieder des Werftarbeiterverbaudes i» belrachl kommen, eine Ans- gäbe von 77 195,69 M.(inklusive 1300 M. zurückgezahlter Darlehen) verursacht, ivvvon die Strelku»terstützn»g während der W/i Wochen 71 546,65 M. ausmacht; hinzit komme» kleinere Posten für die Uiiterstiltzimg Zugereister, für Gericklskosten, Inserate, Reise- kosten«. s. iv. Die Sammlungen am Orte brnchlen 10 343.69 M., sonstige Einnahmen(Beiträge ans Gewerkschaflskassen u. s. w.) 5697,04 M.; von auswärts gingen ein 39 131,95 M. nnd durch Anleihen wurde» 22 000 M. aufgebracht(wovon durch den Werft- arbeilerverband zur Zeil bereits 5200 M. zurückgezahlt sind). Die vo» den Zentralverbänden der Metallarbeiter, Holzarbeiter, Former, Schiffszimmerleute, Schmiede nnd Knpierschiuiede an ihre Mitglieder bezahllen Unterstützungen sind in dieser Ausstellung nicht mit in betracht gezogen. Leider steht, wie dem„Hamb. Echo" aus Flensburg geschrieben wird, das durch den Streik errungene zu den Rosten in l einei» richtigen Berbältniß. In Köln am Rhein stehen seit 20. August die Arbeiter der ronzegießerer von Jos. Louis im Streik. Sie fordern: bessere Bchmidlimg; loprozentige Lohilerhöhung, für Neberstimden und Sonntagsarbeit 25 pCl. Aufschlag: neunstündige Arbeitszeit an den Zahltagen, ohne Lohnabzug; Regelung der Ruhepausen. Es wird gebeten, den Zuzug von Former», Gürtlern und Ziseleure» 'ernziihallen. Der Leipziger Manrerstreik dauert iniverändert fort. Die Strafmandate, unt denen solche Maurer, die auf den Bahnhöfen etiva ankommende„Arbeitswillige" von der Lage des Streiks unter- richte» wollen, bedacht iverden, lauten jetzt auf 40 M., anfänglich nur auf 3 M. Zuzug fremder Maurer ist indessen seit Sonnabend »ichl zu verzeichne» gewesen. J» München beträgt die Zahl der Schuhmacher, die wegen Richtanerkennung des Jnnungslariss ausgesperrt sind, bereits 30. Zuzug ist streng senizuhalteii. Ausland. Ei« Verband der Schiffchensticker ist in der Schweiz mit dem Vorort S t. G a l l en gegründet worden. Der Verband strebt a. an die Durchführung des Zehustundentages, Vereinbarung eines Minimallohnes für die Tagelohnarbeiler u. s. w. Die Gtrcikbctvegnng der Bndapester Bauarbeiter hat riesige Dimenstonen augeiionnnen. Zur Zeit sind daran zwanzig- tausend Maurer, Handlanger u. a. betheiligt. Am Montag soll es. wie der Telegraph berichtet, zn blutige» Zusammenstößen gekommen 'ein; viele Polizisten und Arbeiter seien verwundet. Die Polizei konstatirt in einem Bericht, daß im ganze» 410 Verhaftungen vor- genommen wurden, zahlreiche Personen schwer und etwa 50 Personen leicht verletzt worden sind. Der Bnchdrnckerstreik in der serbischen Staatsdruckerei in e l g r a d ist beendet. Nach heldenmüthigei» Kampfe nnd nachdem 29 Mann in den Arrest gesetzt wurden, haben die Unterhandlungen zu de», Resultat geführt, daß der Kultusminister die meisten Forde- rrmaeir zu bewilligen versprach, wenn vorher die Arbeit anfgeuonrlnen werde. Wenn er nur sein Verspreche» auch einlöst! Ter englische Gewerkschaftskoiigrcst wird am 6. September in B i r»r r n g h a m zusammentrete». Das parlamentarische Komitee wird dem Kongreß eine Resolution zur Annahme empfehlen, welche 'ich im Prinzip für das in letzter Session angenommene Gesetz be- treffend die Arberler-Uufallenlschädigniig ausspricht, aber dessen Un- znlänglichkeit bemängelt. Große Debatten dürften sich auch wieder entspinnen über die Resolutionen, durch welche die Gewerkschaften ihren Standpunkt zu der Frage der Nationalisiruug(Vergesellfchaslung) der Produktionsinittel kennzeichnen. Zum Ausstand der englischen Maschinenbaner berichtet die Londoner„A. K.": Die Bailgemerk« in Edinburgh nnd Leith haben nach siebzehnlägigem Slusstaud den achlstiindigei, Arbeitstag be. willigt erhalte». In Edinburgh ist sogar«ine Lohnerhöhimg ein- getreu». Sozwles. Ferien für Arbeiter. Hiesige Zeitungen berichten: Die op- tische» Werkstätten der Firma C. P. Goerz, Schöneberg bei Berlin, in welchen etwa 300 Optiker und Mechaniker beschäftigt werden, sind diese Woche über geschlossen, da allen Angestellten und Ar- beitern eine Woche Urlaub, unter Zahlung des Lohnes, gegeben worden ist.— Bisher war es fast nnr in einigen sozialdemokratischen Buchdruckereie» üblich, dem gesammte» Arbeitspersonal unter Zahlung des vollen Lohnes einen achttägigen Urlaub zu geben. Dieser Brauch hat in kapitalistischen Kreisen bisher nicht allzuviel Beifall gefunden, und wir fürchte», daß, wie so manche Verbesserung, so auch die seinerzeit von den Arbeitern erst im gewerkschaftlichen Kampf späterer Jahre errungen werden muß. Wiederum ei» Unglück iu der Kleophnögrnbe, dem leicht eine Anzahl Menschenleben zum Opfer hätte» fallen lönnc». Aus Kattowitz wird vom 24. August gemeldet: Heute früh 9'/2 Uhr getiech in der Kleophasgrube die Zimmerung im Querschlage der 162 Meter-Sohle zwischen dem Frankenberg- und deui Reckenschacht in Brand. Das Feuer wurde rechtzeitig bemerkt und zunächst die .Verbindung nach dem Walterschacht abgedämmt. Die tiefer arbeitenden Bergleute konnten an das Tageslicht gefördert werden. Verschiedene Grnbeu-Feuerwehren konnte» wegen der großen Ranch» entwickelung nichts ausrichte». Mcnschenverluft ist glücklicherweise nicht zu beklagen und dürfte die Förderung voraussichtlich morgen wieder in vollem Betriebe sein. Dem prenhischcu Eisenbahn- Ministerium znr Nach- ahmung zu empfehlen ist ein Erlaß des belgische» Eisenbahn- Ministers. Ourch diesen werden die Dienstvorstände der Staats- bahnen ermächtigt, an die Arbeiter aller Gruppen den gewöhnlichen Tagelohn für den ganzen oder einen Theil des Tages auszuzahlen, wenn die betreffenden aus folgenden Gründen abwesend sein müssen: um an einer Wahl theilznnehmen; sich an der Bewerbung um ein Amt der Eisenbahn, Post, Telegraphen u. f. w. zu be- theiligen; einen ärztlichen Besuch zu empfangen; in einem Kranken- Haus oder bei einem Arzt Rath zu suchen; einen, Begräbniß, einer Hochzeit in der Familie(bis zu einem bestimmten Verwandtschasts- grade) beizuwohnen; eine Ehe zu schließen; ein Laos zu ziehen; vor Gericht zu zenge»; vor dem Miliz- oder Revisionsrath zu erscheinen; seiner Pflicht als Bürgerwache zu genügen; einer Firmung, einem ersten Abendmahl beizuwohnen; als Taufpathe eines Kindes zu er- scheine»; eine Wohnung in einem neue» Wohnort zu suchen; der Besichtigung der Milizen oder deren Einstellung beizuwohnen; endlich um von» Minister in Audienz empfangen zu werden. Die ärztlichen BezirkSvercine Sachsens, die infolge der von, Landtag geschaffenen ärztlichen Standesordnung errichtet ivorden sind, hatten die V e r t r a g s v e r h ä l t n i s s e d e r A e r z t e mit den Orts-Kranken lasse» zu beeinflussen gesucht, um da- durch eine Erhöhung der Arzt Honorare zu erreichen. Auf der letzten in Leipzig abgehalteneu Versammlung des sächsischen Orts- Kraukeukassen- Verbandes ivar beschlossen worden, dagegen beim Ministerium Front zu machen. Die Eingabe hat den Erfolg gehabt, daß das Ministeriun» des Innern an die K r e i s h a u p t m a n n s ch a s t e» ein Rund- schreiben erlassen hat, worin es heißt: In§ IS der mit Ver- ordnuug von» 12. August 1896 hinansgegebenen Standesordnnngen für die ärztlichen Bezirksvereine ist vorgeschrieben worden, daß Ver- träge der Aerzte mit gewissen Kassen, Gesellschafteck oder Anstalten unter gewissen Voraussetzungen vor endgiltigem Abschlüsse dem Bezirksoereine zur Genehmigung vorzulegen seien. Der Zweck dieser Bestimmung ist lediglich der, zu verhindern, daß eiuzelne Aerzte Vereinbarungen eingehen, die der Stellung eines Arztes uu- würdig sind, beziehentlich die Slandesehre verletzen, keineswegs aber hat hiermit den Bezirksvereinen an sich eine Einflußnahme a'u s d ie Höhe der Gebühren eingeräumt werden sollen. Wenn nun im Publikum vielfach die Ansicht verbreitet und auch bereits in Eingaben an das Ministerium des Innern zum Ausdruck gelangt ist, daß die Bestimmung des§ 15 der Standesordnung dazu benutzt werde, um namentlich de» Krankenkassen gegenüber höhere Forderungen zu stellen, so sieht sich das Ministerium veranlaßt, aus den eigentlichen Zweck dieser Be- ftimmung hiermit noch besonders hinzuweisen und darauf ausmerk- sam zu mache», daß seitens der Bezirksvereine alles vermieden werden muß, was de» Anschein erwecken könnte, als ob der ihnen durch das Gefetz von» 23. März 1896 gebotene Einfluß auf ihre Mitglieder benutzt»vürde, uu» auf andere Kreise einen Druck auszuüben. Bestrebungen dieser Art»vürde seitens der Aufsichtsbehörde entgegenzutreten sei». Soziale VechkspfleZv. Unfall eiueS Fabrikarbeiters ans der Straffe. Der Metallarbeiter Mnfial, der in einer Fahrstuhlfabrik beschäfligt»var, sollte eines Tages geineinsain mit einem Kollegen eine» Fahrstuhl repariren. Die beiden rüsteten sich in der Fabrik mit den» erforderlichen Werk- zeug und Material aus und begaben sich dann auf den Weg znr Arbeitsstätte. Hierbei mußten sie den Durchgang einer Markt- halle passtren. Als sie dort einbiegen»volllen, stürzte gerade vor ihnen ein Pferd und M.»vnrde von den» hochschlagende» Scheerbanm des Wagens, den das Thier gezogen hatte, in» Gesicht verletzt. Er beantragte demnächst bei der nordöstlichen Eisen- und Stahl-Berufs- genossenschaft eine Unfallrente; die Berussgcnossenschast und das Schiedsgericht wiesen aber seinen Anspruch zurück. Sie machten für ihr Verhalle» geltend. Kläger habe sich»vährend des Unfalles nicht im versicherten Betriebe befunden. Besonders betonte» sie, daß nach den» polizeilichen Protokoll M. im Moment des Unfalles an den Wagen herangetreten kei,»»»» dem Kutscher beim Auf- helfen des Pferdes zi» helfen. Kläger bestritt dies entschiede» und setzte beim Reichs-Versicherungsaint eine gründliche Beiveiserhebung durch. Das Rekursgericht verurtheilte darauf die Bernfsgenoffenschast zur Rentengewähruug und führte auS: Ziveifellos habe sich der Verletzte bei sein«« Gange durch die Straßen in, Betriebe befunde>,.- Sein Auf- trag habe ihn den» Gefahrenbereiche des großstädtischen Straßen- getriebes mlsgefetzt, die Versichernngspflicht habe sich deinnach auch auf den Gang erstreckt. Allerdings»väre die Versicherung in dem Moment erloschen,»vo er sich durch irgend eine Handlung außer- halb des Betriebes gesetzt hätte. Das»väre geschehen,»venn er dem betreffenden Kutscher geholfen hätte oder ihm hätte helfen »vollen. Das sei aber nicht unziveidenlig uachge>viesen. Da es sich nur un» Sekunden und Schritte handelte, so sei nicht ansgeschlosse», daß sich in das polizeiliche Protokoll ein Jrrthin» eingeschlichen habe. Ohne den unanfechtbaren Nachiveis des Gegentheils müffe angenommen»verde», daß Kläger den Betrieb nicht verlasse» habe. Die Berufsgenosseuschafl sei somit entschädigungspflichtig. Geviltzks-Jettunlg. Wegen Beleidigung in Jdealkonrnrrenz mit groben Unfug war der Journalist Josef Petrzilek vom hiesige» Schöffengericht I zu einer Woche Gefängniß vernrlheilt, Vörden. Ans die von dem Angeklagten eingelegte Berufung hatte gester» die neunte Ferien- Strafkammer des Landgerichts I eine erneut« Prüfung vorzunehme». Dabei wurde folgendes festgestellt: An» 4. Mai d. I., abends gegen 11 Uhr, kam die Frau Rentiere L.»>it ihrem 14jährige» Sohne aus der Philharmonie,»voselbst ein Schaufrisiren stattgefunden hatte. Als beide Personen auf der rechten Seite der Anhaltstraße dahingingen, kam der Angeklagte von der linke» Seite der Straße quer über den Dainm auf sie zu und blieb nun immerzu vor sich herredend ai» der Seite der Dame bis z»lr Friedrichstrabe. Die Dame»var der Meinung, daß die Worte an sie gerichtet seien und daß sie einen unsittlichen Antrag enthalten— obivohl sie die einzelnen Worte nicht verstehen konnte. An der Ecke der Friedrichstraße, nachdem der Angeklagte die Frau L. auch noch angerempelt hatte— wie er sagt, aus Versehen—, trat endlich der vierzehnjährige Sohn mit den Worte» dazivischen:„Das ist ja >' Verantwortlicher Redakteur: Aiigiist Jacobey in Berlin. Fttr den? meine Mutter". Ter Knabe wurde aber barsch angefahren und zuriickgestoßen. Ebenso»vurde der Angeklagte gegen einen Herrn, um dessc» Hilfe Frau L. bat, ausfallend. Der Angeklagte bestritt seine Schuld, er sei eine sehr aufgeregte Natur, die oft vor sich hinspreche u. s. w. Sein Bertheidiger. Rechtsanwalt Lubzynski b e- stritt außerdem, daß ein grober Unfug darin gefunden werde könne,»ven» in jener Gegend eine anständige Frau des Abe»ids von eine»» Manne angesprochen »verde; zu jener Zeit ginge» dort eben zumeist nur»veibliche Per- sonen,»velche angesprochen werden wollen! Das Schöffengericht halte bei der Strafabmessung in betracht gezogen, daß anständige Frauen gegen ein derartiges Benehmen geschützt»verde»» müßten und außerdem zugleich groben Unfug angenommen, da anständige Per- sonen durch ein solches Benehinen geängstigt»vürden. Das Be- rufungsgericht schied de» grobe» Unfug a»ls und änderte das Urtheil auf 30 M. Geldstrafe ab. Der Knnstschütze Karl Steinert aus Berlin, der,»vie seiner- zeit gemeldet, iu Rom am 8. Juli ans Unvorsichtigkeit hinter der Bühne eine Säugerin erschoß,»vurde Montag ivegc» unfrenvilliger TödUmg zu 20 Monaten Gefängniß und SOv Lire Geldstrafe ver- urtheilt._ Vevpsmmluttlgen. Die zentralorganisirte« Zimmerer hielten am Mittwoch, den 13. d. M. eine Mitgliederversaimnlnng ab, in»velcher Genosse P ö tz s ch über das Zwangsinnungs-Gesetz referirte. Eine Tis- kussio»»vurde nicht beliebt. Alsdann gab der Vorstand seine» Be- richt. Abgehalten sind sechs.Versammlungen mit und sechs Ver- saminlungen ohne Vorträge, außerdem fünf Agitationsversaminlunge» nlit Frauen, in de» einzelnen Bezirken»vurde», auch in diesen Vor- träge gehalten. Ferner hat der Vorstand 2S Sitzungen abgehalten. Briefe und Karten sind S32 ausgegangen, soivie eine Depesche. Einen» Mitgliede irmrden 20 M. beivilligt. Nachdem noch interne An- gelegenheiten geregell u>»d erledigt»varen, erfolgte Schluß der Ver- smnmlnug. Die anffcrordentliche Gcncralversanimlniig dcS Vereins der graphischen Arbeiter(Lithographen, Sleindrucker:c.) vom 19. August beschäftigte sich mit der Beitragserhöhung. Eine solche wurde von Schöpke in eingehender Weise begründet. Es sei notbivendig, einen Kampffonds zn sammeln und die obligatorische Arbeitslosen-Unterstützung einzuführen. Ohne ersterei»»väre eine Organisation werthlos, letztere dagegen biete den Mitglieder» eine» wichtigen Halt. Ein tüchtiger FondS sei auch für die Arbeitgeber eine Warnung vor Bedrückung der Arbeiter, ebenso»vachse dadurch die Freudigkeit der Letzteren zur Sache, es gehe also der Kanipfescharakter der Geiverkschaften nicht verloren, sondern er»verde sogar gestärkt. Nach eingehender Diskussto» e»t- schied sich schließlich die Mehrheit der Versammlung für einen Woche»»- beitrag vo» 50 Pf.— In die au» 29. August stattfindende Branden- burger Provinzialkonserenz wurden Schöpke und Fisch delegirt.— Als 2. Vorsitzenden dcs Hanptvorstandes»väblte die Versammlung Eisen, als Beisitzer in den Filialvorstand Benneivitz. Schließlich »vurde» noch die Grundsätze bei event. Wiederanfnahine von Streik- blechern besprochen und beschlossen, die„Urania" an einen» Sonntag in» Januar zu belegen. In, Fachpcreii» der Mnfikinstrnmenten-Arbclter»vurde am Sonnabend, den 21. August, nach einein Vortrag Hoffniann'S über den Streik i» der Pianofabrik von Psaff. Landsbergerftr. 109, ver- handelt. In dieser Fabrik sind ans eine besondere Art von Fronte» Abzüge gemacht»vorden; die Fronteninacher legte»»,»achden» die Wcrkstatt-Kontrollkomiuission des Vereins hinzngezogei»»var, die Arbeil nieder. Die llinleinier erklärten sich mit denselben solidarisch, und dank dieses einnittthigen Verhaltens der Umleimer»mirdei» von feiten des Fabrikanten die alle» Preisen»vieder zugestanden. Ferner ersucht der Vorsitzende bei eiiilretenden Differenzen oder Unregelmäßigkeiten in den Fabriken der Koinmission auf dein schnellsten Wege Nachricht zukommen zu lassen und bittet die Kollegen dringend, bei eintretender Arbeiislosigkeit doch mehr den Arbeitsnachiveis zn besuchen, damit dies sinnlose und direkt ichädigende Nachfragen nach Arbeit in den Fabriken endlich aufhöre. Nachdem noch ein Antrag, die Werkstattdelegirte» zu ermächtigen neue Mitglieder auszunehmen, angenoniuien»vurde, schloß der Vor- sitzende die Versammlung um 12 Uhr. Eine Mitgliederversammlung des Verbandes deutscher Maurer, Zahlstelle II, fand an» Sonntag Vormittag in ver Berliner Bockbranerei statt und»var von el>va 1500 Personen be- »cht. Der Reichslags-Abgeordnete Genosse Auer hielt einen inter- essanten Vortrag über die Nothivendigkeit der geiverkschaftliche» Organisation der Arbeiter, wobei er besonders auf die geschichtliche Enlivickelung der Maurerorganisation einging. Nach A u e r' s Aussührnnge» fallen die ersten geiverkschaftliche»» Aktionen der Berliner Maurer im Sinne der moderne» Arbeiter- beivegung in die Jahre 1869 und 1371. Dainals hatten die Maurer noch vielfach 11—12 Stunden effektive Arbeitszeit; durch Ansstands- beivegnngen in den beiden Jahren sollte eine zehnstündige Arbeitszeit und ein Tagelohn von 1 Thaler 12>/2 Silbergroschen(4,25 M.) errungen»verde»», und vielfach hatte nian auch damit Erfolg. Djese Forderunge» der Arbeiter»vurden jedoch von den Unleriiehmern für »ingeheuer gehalten, uiid 1872— in der Zeit der größten Wohuungs- noth, als vor den» Kottbnser Thor infolge des Mangtls an regulären Wohnuuge» eine improvisirte Bndeiistadl entstanden»var—»vurde von den vereinigte» Uiiteruehmern sogar eine regelrechte Arbeiter- Aussperrung vorgenommen. Wegen der damaligen regen Bau- Ihätigkcit und der großen Nachfrage nach Arbeitern koniiten die Unternehmer jedoch nichts ansrichten, trotzdem die Behörde» auch damals schon häufig Partei gegen die Arbekter nahmen.— Wer die damalige mächtige und energische Bauarbeiter- Beivegung gekannt hat, für de» ist es schiver verständlich,»vie der spätere Rückschlag hat eintreten könne». Es »»acht einen sehr traurigen Eindruck,»vcin» mit jeder ueuei» Bau- mson Versammlungen mit der Tagesordnung angekündigt»verde»» »»üffen:„Wie stellen»vir uns zur diesjährigen Lohnbeivegung?"— »vobei eS in der Regel daraus hinaiiskomnit, das,»vaS in früheren Jahren bereits errungen»var, aufs»eue zu erringe». Wenn die Unternehiner immer und iminer wieder versuchen, von de» längst eingeführten Tarifen und Arbeitsbedingungen zu un- gunsten der Arbeiter etivas abznzivacken, so liegt dies nicht üiuner nnr am bösen Willen, sondern ist oft durch den Druck der Konkurrenz verursacht. Die Unternehmer »vürden jedoch diese Versuche aufgeben,»venn die Bauarbeiter- Organisationen in ihren» Mitgliederbestand gefestigt»verden und »venn nicht viele Bauarbeiter nur zur Zeit von Loh»be»vegnnge» die Organisation anfsnchen»vürden,»in sie mit deren Ende sofort »vieder zu verlasse».— Auch die niemals endenden Verhandlunge» über die Organisationsform sollten endlich aufgegeben»verde»». Wir habe» heute»vichtigeres zu thlin. Die Periode der socialen Reformen scheint vorbei zu sei»; wir leben im Zeichen deS Herrn von Stnm»», der unsere Arbeiterbevölkerung unter ein elivaS»»odernisirtes feudales HerrschastSverhältniß der Unternehmer zivingen»vill; Ver- eins- und Versauimlungsrechl sollen unbedingt beschränkt»verde»; Ausbeuterkunststücke durch die Unternehmer,»villknrliche Auslegung der Gefetze, unberechtigte Eingriffe der Polizei sind an der Tages- ordnung. Da sollten unsere deutschen Arbeiter doppelt fest zu- sammeuhalten und sagen: Nun erst recht: Einer für Alle und Alle für Einen! Ein Arbeiter, der das nicht einsieht»nd danach handelt, versündigt sich an seiner Klasse und kann sich nicht wunden», wenn es ihn» schlecht geht.(Lebhafter Beifall.) In der Diskussion macht Silberschmidt darauf ansinerk- sam, daß es jetzt doch nicht mehr so schlecht mit der Maurer- Organisation stehe,»vie noch vor»venigen Jahre», und er hoffe be- stimmt, daß die jetzige starke Beivegung nicht»vieder im Sande ver- laufen werde,»vie es nach den» Rnfschivung der Jahre 1885, 1339 geschehen sei. In» laufenden Jahre hat die Maurerorganisation in etiva 60 Orte» Verbesserungen erreicht und für Sireikunterstütznug sind ca. 300 000 M. aufgebracht»vorden. Es sei in diesen» Jahre »nehr geleistet ivorden, als 1886—1339, in»velchen Jahren ebenfalls »seratevtheil verautivortlich: cth. Glocke in Berlin. Druck und Verlag vor ein Aufschwung stattfand, zusammengenommen. Trotzdem entspreche- allerdings die Zahl der Organisirten noch lauge nicht der Zahl der- vorhandenen Maurer und es sei deSivegen noch ein ernstes Stück Arbeit zu leisten. Sodann»vird noch beschlossen, eine Tellersmnmlung für die Familie eines uuschnldig verurtheilte»» Kollegen vorzunehmen und die Versammlung liiit eiliem Hoch auf die Maurerbewegung ge»; schloffen. Eine öffentliche Versammlung der Leder- und Galanterie-! Arbeiter tagte an» Montag iin Lokal von Rautenberg, Oranien-� straße, die sich»nit den Orgaiiisationsverhältnisien in dieser Branche beschäftigte. Aus den einleitenden Ausführungen vo» Heinke »var zn entnehmen, daß die Leder- und Galanterie-Arbeiter sich zu»» großen Theil von der Organisation fernhalten oder von derselben zurückziehen. Die von der Organisation einberufenen Branchen- versamnilungen, die beim Anschluß ai» den Verband der in Bilchbmdereien, der Papier- und Leder- Galanterieivaaren-Jndustriei beschäftigte» Arbeiter und Arbeiterinuen gefordert wurden,»varen so mäßig besucht, daß dieselben aufgegeben»verde»» mußten. Als Ursache der Theilnahmslosigkeit an den Organisationsbestrebungen »vird der hohe Beitrag, den der Verband erhebt, bezeichnet und des- halb die Herabsetzung des Beitrages von 35 auf 25 Pf. pro Woche allgemein gefordert. Der Redner, der die Jnteressenlosigkeit seiner Kollegen, durch»velche auch die Errungenschaften der vorjährigen Lohnbeivegung gefährdet sind. einer Kritik unterzog,»vünscht, daß seitens des Verbandsvorstaudes Konzessionen gemacht und die Bei- lräge in der angeführten Weise ermäßigt»verde»» und demnach die Gründung einer Sonderorgauisation, die auch von An- gehörigen anderer Branchen verschiedentlich als»othivendig erachtet»vird, unterbleiben kann. Der Verbandsvorsitzende Dietrich- Stuttgart erörtert in längere» Aussührnnge» die Vorlheile der Zentralisation, durch»velche die Lederarbeiter und andere Branchen i» mehreren Städten in» vorigen Jahre die Erfolge erzielten und »vendet sich gegen die Herabsetzung der Beiträge von 35 ans 25 Pf.. indem diese Erniederung vom letzten Verbandstag»nit großer Majorität abgelehnt»vorden ist und eine bedeutende Minder- einnähme für de» Verband bedeuten»vürde. Die Erhebung der Extrabeitrage während der Lohnbeiveginigen veranlaßte die Fest- setzclng des Beitrages in dieser Höhe, um damit den Verband i» jeder Beziehung aktionsfähig zu erhalten»nd die Lohn- kämpfe, die auch in diesen» Jahre an»nebreren Orten eintreten »verden, genügend unterstützen zu können. Der Redner veriveist so- dann auf die Nachlheile,»r-elche die Gründung einer Lokalorgani- sation für die betheiligte» Arbeiter nach sich ziehen»vürde»nd giebt der Meinung Ausdruck, daß eine erhebliche Mitgliederzahl sich»vohl auch nicht finden dürfte, sonder» nur eine Zersplitterung durch die Abziveiguug, und zivar zur Freude der Nnternehuier, herbei- geführt»vird. Wenn auch der Verbandsvorsta>>d sich nicht für eine Herabsetzung des Beitrages auf 25 Ps. im Interesse des Verbandes erklären könne, so»vürde er aber geneigt sei», den Verhältnissen der Berliner Kollegen Rechnung zn tragen, eine Urabslimuning vorzunehiue» und die Herabsetzung auf 30 Pf. bei den Mitgliedern befürivorlen. Nachdem der Redner im »veiteren die Nothivendigkeit des Zusammenschlusses aller Branchen in» Verband betont hatte, forderte er die Versaminellen zur regen Agitation für denselben auf. An der»veiteren Diskussion, in der auch das Mitglied des Ausschusses Harder-Ha», nover sich für eine Urabstimmung znr Regelung der Beiträge in» Sinne des Vorredners«»»ssprach und die Gründung einer Sonderorgauisation bekämpfte, betheiligte» sich Hahn.s Brückner und Wunsche ck. Von allen Rednern»vurde eine Urabstimmung gutgeheißen»ind von«iuer Neugründung abgerathen. Dem Vorschlag, eine Urabstiunnnng vorzunehinen,»vird zugestimmt und— da die Leiter versprechen, ihren Einfluß auf- zubieten, um die Herabsetzung der Beiträge herbeizuführen— ver- pflichte»» sich die Anweseuden. dein Verbände tre»» zu bleiben. Hieraus hielt Genosse A. H offin an»»«inen iiltereffauten Vortrag, »wer„Der Kampf ums Dasein", der von den Versainmelten mit lebhaften» Beifall aufgenommen wurde. Zum Schluß»vrirde bekannt gegeben, daß die nächste Versammlung am 6. September stattfindet.- Eine Versammlung der Gürtler und Drücker tagte ain Montag i» Cohn's Saal. Der Referent Litfin beleuchtete die Lohn- und Arbeitsverhältnisse dieser Branche und betonte, daß er an der Zeit sei. eine Aufbesserung der oft recht elenden Löhne herbei- zuführen. Das Interesse für die Organisation und die Bestrebungen der Arbeiter,»velches leider bei den Gürtlern und Drückern sehr lau! sei, müsse jetzt geiveckt»verden, damit es gelinge, in der bevor» stehenden Saison»venigstens gegen die am schlechteste» zahlenden Werkstelle» vorzugehen. Wen» diejenigen Unternehiner, welche die elendesten Löhne zahlen, nicht bald zu einer e»t- sprechenden Anfbesstrung gezwungen, verden. so»vürden auch die besser zahlenden Geschäftsinhaber ans Konkurrenz» rücksichten zu einer Lohnhernbsetznng geuöthigt sein. Um dieser Ge- fahr vorzubeugen, müsse noch in diesen» Jahre eine Lohnbeivegung durchgeführt»verde»»,»nd soll zu diesen» Ziveck in nächster Zeit eine energische Agitation entfaltet»verde». Verschiedene Diskussions- redner sprachen sich in gleichem Sinne aus und illnstrirten die' schlechten Lohn- und Arbeitsverhältnisse an zahlreichen Beispielen. Nachdem R o h r l a ck, der bisherige Vertrauens»»»»»» der Drücker, seinen lliechenschaflsbericht erstattet,»vurde an seiner Stelle B e r e n d t zun» Vertrauensmann geivählt. Ii» einer Holzarbeiter- Versanimlung in Charlotteuburg berichtete der Geiverbegerichts-Beisitzer Vogel über sein« Thälig- keit. Die St ininen der Arbeitnehmer seien bei den letzten Wahlen um Hundert(1400 gegen 1500) zurückgegangen, die dir Arbeitgeber aber von 76 auf 92 gestiegen. In» Berichtsjahre kamen im ganzen 690 Streitfälle znr Aburtheiluug. Hiervon entfallen 50pCl. ans das Baugeiverbe, 4pCt. auf Fabrikbetriebe und 46pCt. auf das Handiverk und Kleingeiverbe. 76 Klagen»vurden zurückgezogen; von den verbleibenden fanden 34pCt. ihre Erledigung durch Vergleich. An den Bericht schloß sich eine lebhaste Diskussion,»vobei bekannt gegeben»vurde, daß bei Dörre, Krnminslr. 19, ein Aus- kuustsbureau errichtet sei. za»d«,n>,»»rchast fc»c Schl-oinlg- riolfl-in-r. Heilte, abends Uhr': Zusammentun» Im VereinSlotal. sssuelstetn'S fleflfSte, All« Jakobstrabe 75.— Sonnlag, den 29 August, nachulNlags i Uhr: BemüthticheS Beisauimensei» in der Spree-Terrasse, Brückenstr. 7. N-rein für Körper-»»p M»t»rI>eIII«„>de. Heute Abend Nbr. Badftrabe»a: Bartrag des prakt. Nalu, heilkundigen H-rr» O. Grunvmann über Das. Nervensystem, Wehtrn und Neraeukrankhelten. Temonsuirt an grabe» LichlbNdern. Gäste, Männer und Frauen ivillkanlmsn. ?Il«at»r.»»d z>rro»üon»g»»rr«!u..Hrlgaland". Heut« Abend« Uhr, Ackerstr. Itt: Eihnng._ Vepesichen«nv letzte Ztenheichlen. Leipzig, 24. August.(Privaldepesche des„Voriv."). Eine von 2500 Personen besuchte Versammlung sollte znm Maurerstreik SleNmig nehme». Als der Reichslags-Abgeordnete Schönlant er- klärte, daß mit dem sächsische» VereinSgesetz»»»liebsame Regungen niedergehalten»verde», entzog ihm der überivachende Beainie dnS Wort und löste infolge stürmischer Beifallsrufe die Versammlung auf. Verlin, 24. August.(Verl Korr.) Znr Beseitigung der dnich die Hochwasserkatastrophen des vorigen Monats in de» Provinz» Schlesien, Sachse» und Brandenburg berbeigeführten iiius„»g. reichen Zerstörungen bedarf eS außerordentlicher Arbens« kräste, deren Beschaffung ans Scbimerigkeile» stößt. Mit Rücksichs hierauf hat der Minister des Inner» beschlossen, zu oei» erforderlichen Arbeiten ans den zu seinem Ressort gebörige». in den vorbezeichneten Provinzen»»d auch in der Provinz Posen de- legenen Slraianstaltei» und Gefängnissen unter Wahrung der noib- »vendigei» Sicherheitsvorkehr»,»gen zur Verfügung zn stellen. Die Abgabe soll auf Antrag a» Gemeinde» und andere Korporationen, 'o>vie an Private erfolgen. Pari», 24. August.(W. T. B.) Baron Mackan hat gegen das Urlhell dcs Zuchtpolizeigerichts die Nichligkeilsbeschwerd« er- hoben. Max Vadiug in Berlin. Hierzu 1 Beilage u Iliiterhaltmigslilatt./ jir.i97. u, ZchWng. Deilllge des Amlirts" Kerlim WlksblM U».Wch.2s A«gB,8S7. InkevnÄksone»lvv Vongvetz fuv e ite vschniz. Zürich, den 23. August 7897. II. Heute Vormittag um 3 Uhr trat der Kongreß zu seiner ersten Sitzung zusanime». Bei der Eröffnung füllte sich der prächtige Saal der„Tonhalle" nur etwa zur Hälfte. Eine große Anzahl Delegirter wird erst in den Nachiniitagsstunden eintreffen. Erschienen sind, wie der Generalsekretär des Kongresses, Greulich, später mitlhcitte, 336 Delegirte und 163 Gaste. Die Gallerien des Saales sind von zahlreichen Zuhörern besetzt. Der Präsident des Organisationskomitce's, Kantonsrath Heinrich Scherrer aus Ct. Gallen, eröffnet die Verhandlungen niit folgender Ansprache: Hochgeehrte Versammlung! Es ist mir die Ehre zu theil geworden, diesen Kongreß zu eröffnen. Dem Zu- falle, nicht einem persönliche» Verdienste habe ich dies zu verdanke». So heiße ich Sie denn, meine Herren, namens des Organisations- komitee's hier in Zürich, als dem Mittelpunkte schweizerischer Arbeit und schweizerischen Verkehrslebens willkommen. Seien Sie will- kommen, als die berufensten Vertreter der großen Idee des inler- national organisirten Arbeiterschutzes. Besonders begrüße ich die offiziellen Vertreter, die von den Arbeitsämter» Frankreichs, Belgiens, vom schweizerischen Jndnstriedepartement sowie von einer Reihe von Kantonsregiernngen der Schweiz ent- sandt worden sind. Das rege Interesse, das diese Regierungen dem Kongreß zollen, ist uns eine werthvolle Bürgschaft dafür, daß sie den Gedanke» einer internationalen Einigung auf dem Gebiete der in- dnstriellen Produktion nicht aus dem Auge laffen wollen. Ich bc- grüße die hervorragenden Männer der Politik und der Preffe, und die Fachgelehrte» und die Beamten des Arbeilerschntzes, die uns Führer sein werden i» dem schwierigen Gelände, das wir zu bc- gehe» habe». Und endlich vor allem begrüße ich die Vertreter des arbeitenden Volkes. Sie sind herbeigeeilt ans allen Staaten und ans alle» Parteien, um aus der eigenen Erfahrung heraus und durch die Wucht der Massenwirkung die Größe des Bedürfnisses nach einer völkerrechtlichen Ordnung des Arbeilerschntzes zu demonslriren. Durch das Wachslhum von Handel und Verkehr haben sich die � Rechtsverhältnisse der Völker zu einander verändert, die Berührung der Knltnrstaaten ist vielseitiger und inniger geworden. De» Freundschasts- und Niederlassungsverträgen sind die Handelsverträge gefolgt; es scheint natürlich, daß sich ihnen die Jndustrieverträge anschließen. Schon bestchen Ver« einbarnnge» der Staaten in bezog auf Lebe» und Gesundheit der Staatsangehörigen, das internationale Sauitätswcsen mit seinen Quarantänemaßregeln, seinen Kontumaz- und Desinfektionsanstalten; Bereinbarnngen mit bezog auf die Landwirthschaft insbesondere der Weinbau und die Viehzucht; über das Gewerbewesen, namentlich der Betrieb der Fischerei, in bezug ans den Postverkehr, das Telegraphen- und Eisenbahnwesen, über das Autor- recht in Kunst und Wissenschaft; Vereinbarungen über das internationale Privatrecht und die internationale Rechts- Hilfe. Schon spricht man ernstlich von einem internationale» Transportrecht, einem internationalen Handels- und Wechselrecht; hunderte von Verhältnissen harren noch der Ordnung von Staat zu Staat und da sollte es unthunlich sein, gewisse Verhältuiffe der wilden Gülerproduktio», unter deren Druck alle gleichmäßig leiden, zur allgemeinen Befriedigung zu regeln?(Sehr richtig!) Wir verkennen nicht die enormen Hindernisse, die sich der Aus- führnng entgegenstellen: die Verschiedenheit der Kultur, der Gesetz- gebong, der Staatseinrichlungen, der Produktionsdedinaungen und der industriellen Entwickelung. Unverkennbar stehen wir aber vor einem großen Wendepunkt der Geschichte. Die Erde ist erobert und gelheilt. Die Kolonialgebiete machen sich wirihschaftlich selbständig und während die Prodnktionsmiltel immer leistungssähiger werden, fängt der Waarenabfluß an zu stocken; der Welt- markt scheint sich verengen zu ivollen, und jedes größere Staatswesen sucht sich durch Zölle wieder den eigenen Markt zu sichern. Wir glauben, daß der mächtige Strom der natürlichen Ent- Wickelung dieser ökonomischen Well unseren Bestrebungen fördernd zu Hilfe komme. Das Bedürfniß»ach einer gewissen Organtsirung der Produktion wird immer stärker hervortreten und dem fort- schreitende» Ausgleich der Zustände muß eine Verständigung der Staaten folge», die zum ersten Ziele die Beseitigung der krasiesten Uebel- stände nimmt, etwa das, was wir internationale Fabrik-Gesetzgcbung nennen. Der Fortschritt wird freilich auch hier nicht im Produkt des freien Willens' der Regierenden, sondern das Resultat der zwingenden Roth sein. WaS Arbeiter, Sozialpolitiker und Hygieniker, was der Bundes rath der Schweiz in wiederholten Anläufen erstrebt haben, das soll von unserem Kongresse in Form einer internationale» Verständigung der interessirten Kreise aus festem Grunde aufgebaut werden. Eine Schwierigkeit mag vielleicht die Zusammensetzung deS Kongresses aus verschiedenen sozialen Richtungen verursache». Die von den Referenten gemeinsam mit dem Organisationskomilee vor- geschlagenen Resolutionen haben eine Vermittlnng zwischen diesen Gegensätzen versucht. Sie zeigen große, bedeutende Ziele, wie die Linke unseres Parlaments sie wünschen wird, aber sie weise» auch— wohl im Sinne unserer Rechten— überall auf den langen beschwer- lichen Weg bis zu ihrer Verwirklichung hin. Wir habe» nicht ein internationales Uebereinkommen zu be- rathen, das morgen von den Vertretern der Mächte unterschriebe» wird, wir haben die Frage des internationalen Arbeiterschntzes und der Jndustrieverträge in ihrer ganzen Ausdehnung zu untersuchen. WaS im Momente praktisch durchführbar ist, das zeigt die Forderung eines internationalen Amtes für A r b e i t e r s ch u tz. Wollten wir aber nur die erreichbaren Forde- rnngen des Augenblicks aufstellen, dann hieße das die Fundamente ohne einen Bauplan legen, hieße es, die Frage selbst aufgebe». Der Gegenstand des Kongresses ist keine Parteisrage, der Kongreß darum kein Parteikongreß. Alle sind geladen, die die Rothwendigkeit des internationalen Arbeilerschntzes anerkennen, alle die eines guten Willens sind. Der schweizerische Arbeitertag, der den Arbeiterbund repräsentirt und das Arbeitersekretariat wählt, gab das Vorbild. Auch er ist ein Parlament, in dem die Vertreter der verschiedensten Parleirichtungen friedlich über Arbeiterfragen berathen. Wo es sich nicht blas um die Aufstellung politischer oder sozialer Theorien handelt, sondern der Grundriß entworfen, die erste Hand angelegt werden soll zur Verwirklichung eines großen Werkes, da ziemt sich gemeinsame Arbeit. Der geschlossene Vormarsch der sozialen und politischen Gegensätze zeigt am klarsten daS a l l g e- meine Bedürfniß nach einer Lösung und übt deshalb auch den stärksten Einfluß ans die Regierungen. Die Frage des internationalen Arbeiterschutzes als Partei- frage behandeln, hieße mit dem Beginn der Ausführung warten zu wollen, bis die betreffende Partei an die Staatsgewalt gelangt wäre. Die Hanptvoraussetzung deS internationalen Arbeiterschutzes ist die Weiterentwicklung des nationalen Arbeiterschutzes. Wir schädigten unsere Ziele schwer. wenn wir mit de» heimlichen Gegnern allen Arbeiterschutzes sagen wollten, daß nur durch internationale Vereinbarungen der Boden geschaffen werde, aus dem eine Fortbildung des nationalen Arbeiter- schutzes möglich sei. Es ist nicht wahr, wenn versteckt und offen behauptet worden ist. die Schweiz befinde sich mit ihrem scharfen Fabrikgesetz in einer Nothlage; es schädige ihre Konkurrenzfähigkeit ans dem Weltmarkt und darum eben trete sie für eine internationale Fabrik-Geletz- aebung ei», um das Joch, das sie bedrücke, auch andere um den Hals zu legen und die Gleichheit der Produktionsbedingnnge» wieder herzustellen. Keiner unserer Anhänger de? internationalen Arbeiterschutzes hat so gedacht. Das Schweizer Volk betrachtet das Fabrikgesetz heute als eine der schönste» Probe» feiner Bundesgcsetz- gebung; auch bei den Unternehmern hat es sich, nachdem eS längst zur allgemeinen Durchführung gelangt ist, eingelebt. Eine starke Strömung für eine umfassende Weiterbildung des Ge- setzcs ist vorhanden, und sie wird in einem wesentlich erweiterten Fabrikgesetze Ausdruck finden, wohl bevor wir internationale Arbeitersctmtz-Verträge haben. Das vermag die Schweiz, die ein Industrieland ist, trotz der Ungunst ihrer geographischen Lage und des Mangels an eigenen Rohstoffen, weil sie einsehen gelernt hat, daß die Konkurrenzfähigkeit eines Landes von gar vielen Bedingungen abhängig ist und sie Arbeiterschutz-Gesctzc nicht beeinträchtige». Um wieviel eher vermögen es die großen Industrieländer! Nachdem der Redner sodann die Wahl des vorgeschlagenen Bureaus und die Annahme der fertigen Geschäftsordnung empfohlen hat, erklärt er den Kongreß für eröffnet.(Lebhafter Beifall.) Zur Frage der Bureanwahl ergreift hierauf Liebknecht das Wort: Wir habe» gestern in unserer Vorverfammlnng einstimmig den Beschluß gefaßt, das Bureau, wie es das Organisationskomitee vorgeschlagen hat, en bloo anzunehmen, um zeitraubende Debatten zu vermeiden. Wir verlassen damit die Gewohnheit früherer inter- nationaler Kongresse, aus denen, um nationale Vornrtheile und Empfindlichkeiten z» schonen, ans jeder Nation ein Ehrenpräsident gewählt wurde. Die Erfahrung hat gelehrt— und gerade wir haben ja große Erfahrung ans diesem Gebiete— daß diese Einrichtung sich auf dem Papier zwar sehr schön macht, i» der Wirklichkeit sich aber nicht bewährt. Das Präsidium muß in festen Händen bleiben. Unser Vorschlag ist derartig, daß ihn jeder, der den ruhigen und geordneten Verlans des Kongresses will, annehmen kann. Ich bitte die Versammlung, den Vorschlag durch Akklamation anzunehmen.(Beifall.) Es erhebt sich kein Widerspruch, die Geschäftsordnung wird be- stätigt und folgendes Präsidium gilt als gewählt: Vorsitzender: Kantonsralh Heinrich Scherrer ans St. Gallen. Vizepräsidenten: Nationalrath C. Dccnrlins(Truns) und Nalionalrath Th. Sonrbeck(Bern). Generalsekretär: Arbeilersekretär Hermann Greulich(Zürich). Sekretäre und Uebersetzer: A. Blum, Zürich; Paul Brandt, St Gallen; Prof. Jean Brnhns, Freibnrg; L. Hsritier, Lausanne; G. Mnggli, Zürich; G. Sieiniann, Biel; Heinr. Scheu, Zürich und Jean Sigg, Genf. Hilfssekreläre: R. Mors, Zürich und A. Merk, Zürich. Nach einem kurzen Danke Scherrer's für das Vertrauen, das dem Bureau geschenkt wurde, wird sofort in den ersten Punkt der Tagesordnung: Die Sonntagsarbeit eingetreten. Das Referat hält Prof. Dr. Jos. Beck von der katholischen Universität in F r e i b» r g(Schweiz): Das Resuilat, das die internationale Arbeiterschntz-Konfereuz(vom 16. bis 29. März 1896 in Berlin) in Sachen der Sonntagsruhe erzielt hat, war durchaus »»genügend, die Frage der Sonntagsruhe blieb auf die geiverbliche» Anlagen beschränkt: weder der Handel, noch die Verkehrs- austaltcn, noch der Bergbau,»och das Handwerk sollte durch die Beschlüsse beiührt werden. Sodann ist die für die Festsetzung der Ausnahme»»ach gleichartige» Gesichtspunkten geforderte Verständigung zwischen den auf der Konferenz vertretenen Staaten seither in keiner Weise erfolgt. Die von de» Freunden der Sonntagsruhe ans die Berliner Konferenz gesetzten Hoffnungen sind daher gescheitert. Wohl habe» seither einzelne Staaicn, so Deutsch land, die Schiveiz, neuestens auch Rußland, aus dem Gebiete des gesetzliche» Sonntagsschutzes nennenswerthe Forlfchritie er- zielt, aber internationale wirksame Schritte wurden nicht gethan. Es ist daher an der Zeil, daß die hier erschienen Delegirten der Arbeiterorganisationen die möglichste Ausdehnung der Sonntagsruhe für alle Gruppen der Lohnarbeit auf grnnd inler, nationaler Gesetzgebung ins Auge fassen und die Beschlüsse in ihren Ländern zur Durchführung zu bringe» trachten. Um die Nothweudigkeit einer internationalen Lösung der Sonntagsfrage nachzuweisen, giebt Redner ei» eingehende Uebersichl über die vielgestaltige Sonntagsgesetzgebung in den einzelnen Staaten. Aus ihr geht hervor, daß in den allermeisten Staaten der gesetz- liche Schutz gegen Sountagsarbeit durchaus ungenügend ist. Redner unterbreitet dem Kongreß folgenden Autrag:„Der internationale Kongreß für Arbeiterschutz in Zürich erklärt als zu erstrebende Zielpunkte: 1. Daß das Verbot der Sonntagsarbeit nach Möglichkeit und unter wirksamen Strasbestiuimunge» aus alle Arle» der Lohn- arbeit ausgedehnt werde, also sich erstrecke ans die'Arbeit in der Industrie, im Bergbau, im Handwerk, in de» Verkehrsanstalten (Eisenbahn-, Post- Telegraphen- und Telephonwesen), im Schaut, gewerbe, im Groß- und Kleinhandel. 2. Daß Ausnahmen im Gewerbewesen nur gestattet werde» dürfen für Betriebe, die ihrer Natur nach kontinnirlich sind und für solche Fälle, wo sie nicht die Bestimmung haben, eine» durch Sonntagsruhe bedingten Produktiousaussall zu decken, sonder» wo sie einzig bezwecke», die Wiederausnahme des vollen Betriebes am Montag zu sichern. 3. Daß die Ausnahmen vom Verbot nicht durch die diskretionäre Willkür von Behörden und Beninten aufgrund vager Andentungen im Gesetze bestimmt, sondern soiveit es irgend geschehen kann, im Wortlaute des Gesetzes selber genau präzisirt und umschriebe» werden sollen. 4. Daß der Grundsatz, den ausnahmsweise am Sonntag zu beschäftigenden Arbeitern wenigstens jeden zweiten Sonntag frei zu geben und für den ausfallende» Frei- Sonntag einen Ruhetag unter der Woche zu substituiren, einheitlich auf allen Arbeits- gebieten durchgeführt werde. 5. Daß eine eigentliche Verpflichtung zur Sonn- und Festtags- arbeit seitens der Betriebsinhaber den Arbeitern gegenüber aus keinen Fall geltend geniacht werden dürfe und daß vertragliche Abmachnnge» dieser Art für den Arbeiter rechtlich unverbindlich seien. Zur Begründung dieser Forderungen, die international erhoben werde» müßten, weil die unbegründete Furcht vor der Konkurrenz- Unfähigkeit der Industrie ans deur Wellmarkte in deui Gedanken- kreise der Staatsmänner noch imnier eine große Rolle spiele, weist Redner darauf hin, daß der Sountagsschutz das erste, vitalste Postulat der internationalen Arbeiterschutzgesetzgebnng sei. Der gesetzliche Schutz des Arbeiters aus diesem Gebiete sei der Angelpunkt der staatlichen Sozialreform. Die Eountagsfrage sei für die Wohlfahrt des Einzelarbeilers wie für das Gedeihen der menschlichen Gesellschaft«ine Lebensfrage. Redner erinnert an de» Nachweis der Hygieniker, daß die Sonntagsarbeit die Lebensdauer des Menschen abkürzt. Die Sonntagsruhe ist eine unabweisbare Forderung der körperlichen Gesundheit, das haben zahlreiche hygienische Kongresse anerkannt. Die moderne Sonntagsarbeit ist nicht? anderes, als ein Attentat des kapitalistischen Eigennutzes auf die menschliche Natur, ein auf Kosten des Menschenlebens sich voll- ziehender Wucher, eine Raubwirthschasl, deren Gegenstand der Mensch, mit einem Worte, ein fortgesetzter, langsam aber sicher wirkender Giftmord am besten, würdigste» Theil der Gesellschaft. (Lebhafter Beifall.) Es ist nicht mehr zu früh, daß wir als inter- nationale Versammlung von Arbeitervertretern erklären: Wir dulden nicht ferner, daß dem Arbeiter sei» Sonntag ge- raubt und durch die Eonntagsarbeit sein bestes Natur- gut, seine Gesundheit und Lebenskraft zerstört werde.(Lebhafter Beifall.) Redner bespricht sodann die Wirkung der Sonnlagsarbeit aus die geistige Ausbildung und die religiöse Freiheit des Arbeiters. Wenn sich der Lohnherr zwischen den christlichen Arbeiter und das zweite Gebot stellt, dann vergewaltigt er das christliche Gewissen und vergreift sich in ruchloser Weise an der rcligiöseu Freiheit derArbeiler. (Beifall.) Wir sind als überzeugle Deinokrnten enischiedeue Anhänger des allgemeinen Stimmrechtes. Nun aber fordert der vernünstige Gebrauch politischer Rechte auch eine politische Schulung und eine politische Organisation. Nur wenn am Sonntag die Handarbeit ruht, kann der Staatsbürger über Wohl und Wehe des Staates und Volkes nachdenken und sich unterrichten. Die Sonntagsarbeit ist ein direktes Attentat auf die politische Freiheit des Arbeiters. (Bravo.)„ Man wird in neuester Zeit von verschiedenen Seiten nrcht nmde, dem Sozialismus vorzuwerfen, er zerstöre die Familie. Darauf haben Marx, Kanlsky u. a. mit guten Gründen geantwortet: Wer die Familie zerstört, vor unseren Augen thatsächlich seit Jahrzehnten zerstört, das sind nicht die Sozialdemokraten, sonder» die Kapitalisten. (Bravo.) Die Abschaffung der Frauenarbeit am Sonntag ist� besonders dringend geboten, außerdem aber die Freigebung des Sonnabend- nachmittags für die Arbeiterinnen. Redner faßt seine Anssührungen in folgenden vier Thesen zusammen: ... I. Die Beschlüsse der Berliner Konferenz von 1896 zur„Re- gelnng der Sonntagsarbeit" waren in sich ungenügend und in der Ausführung ohne irgend welchen praktische» Erfolg. II. Der Stand der Gesetzgebung in den einzelnen Kultur« ländern auf dem Gebiete der Sonntagsruhe ist ein höchst ver- schiedener; in den meisten Ländern ist der gesetzliche Sonntags« schütz entweder gar nicht vorhanden oder nur ans gewisse Kategorien von Lohnarbeiter» beschränkt, so zwar, daß die thalsäch« lichen Zustände in den meisten Staaten im höchsten Grade traurige sind. III. Die Zlrbeiterschaft muß die Durchführung einer möglichst umfassende» Sonntagsgesetzgebnng in allen Staaten entschieden verlangen, weil die Sonnlagearbelt die körperliche Gesundheit und Lebenskraft zerstört, die soziale Gerechtigkeit und Gleichheit ver- letzt, der Arbeiterklasse ihren Antheil an den Kulturgütern ent- zieht und der Gewissenssreiheit widerstreitet; und weil die Sonntagsarbeit de» Nationen durch die Verelendung ganzer Volks- masse» die Lebensfähigkeit raubt, die Preiswnrdigkcit ihrer Arbeits- Produkte auf dem Wellmarkte schädigt, durch Vergewaltigung der in Gewerbe, Handel und Verkehrsanstalte» Arbeitenden das Volks« leben vergiftet und der politischen Schulung und Organisation der'Arbeilerschasl schwere Hindernisse bereitet. IV. Die besonders dringende Nothwendigkeit der vollen und ganzen Sonntagsruhe für die Arbeiterinnen mit Rücksicht auf das persönliche Wohl und aus das Familienleben bedingt die Forde- ruug, daß den Arbeiterinne» in Gewerbe, Handel und Verkehrs- anstalle» der Sonnabend Nachmittag ohne Lohnabzug zur Be- sorgung der Hansgeschäste durch Gesetz freigegeben werde. Redner schließt mit der Aufforderung zu energischein Vorgehen gegen die Sonntagsarbeit. Mit ihrer Beseitigung wird der Sonntag erst wahrhaft wieder ein Sonnentag werde». Und mit dem Sonntagsfriedcn, der über gesunde, geistesfrische und lebensfrohe Menschen gebrecket ist, wird das Morgenroth der wahren Völker- sreiheit über Länder und Meere ausstrahlen.(Stürmischer Beifall.) Bevor in der Verhandlung fortgefahren wird, erhält das Wort zit einem Antrage außerhalb der Tagesordnung Dr. Victor Adle r(Wien). Werlhe Versammlung, wir sind hier versammelt, nm für gesetzlichen Arbeiterschutz einzutreten. Vertreter der ver« schicdenstcn politischen und sozialen Richtungen sind hier, wie schon der Präsident in seiner Eröffnungsrede hervorgehoben hat, gewillt, alle Mittel miznwenden, um der Arbeiterklasse gesetzlichen Arbeiter- schütz zu verschaffe». Aber wir ivollen nicht verschiveigc», daß wir gesonnen sind, nicht erst darauf zu warten, bis der gesetzliche Ar« beilerschutz überall möglich und durchgeführt ist. Wir wünschen nicht, daß der Gedanke entsteht, ivir ineiute», blos durch die Parlamente lasse sich der Arbeiterschutz erreichen. Der wichtigste Aorkäuipser für de» Arbeiterschutz, der eiiizige, der wirklich etivas durchgesetzt hat, das ist die Aibetterschafl selbst, die käinpfeude, mit Bewußtsein des Zieles kämpfende Arbeiterschaft!(Bravo!) Aus diesem Grunde glauben wir, daß die Herren aller Parteien mit uns libcrcinstiinuion, wenn wir den Käuipfern im mächtigste» Kampfe um den Achlstnndeutag, wenn wir den englischen Maschinen- baucrn Glück und Erfolg wünsche».(Lebhafter Beifall). Es ist ein Kampf, der 66—30 660 Arbeiter umfaßt und geführt wird gegen die mächtigste Ausbenlerklasse Europas. Indem ivir den kämpfenden Arbeilerorganisatione» Erfolg wünsche», dienen ivir nur unserin Prograniin. Den» so wichtig dieser Kongreß für den internationalen Arbeiterschutz ist,»iiid ich bin der letzte es zu bezweifeln, ei» Sieg der englischen Maschinenbauer im Kainps nnr de» Achistilndenlag würde bedeutend nicht für den Arbeiterschutz be- deuten, als dieser Kongreß.(Lebhafter Beifall.) Ich schlage Ihnen folgende Resolution vor: „Der Internationale Kongreß für Arbeiterschutz hält es für seine Pflicht, am Beginne seiner Thäligkeit des gewaltigen Kampses zu gedenke», den die Maschinenbauer Englands in diesem Augenblick für die wichtigste Forderung des Arbeiter- schutzes, den Achtstundentag, sichre». Der Kongreß wünscht den Borkänipfern baldigen vollen Sieg! Stürmischer Beifall folgte dieser Rede. Das Wort wurde nicht weiter verlangt und die lliesolution gegen 2(ultraniontane) Stimmen bei einigen S:in»nene»thaltungen aiigeiionnnen. Das Wort erhielt hierauf der Korreferent, Redakteur Brandt, aus St. Gallen. Er beschränkt sich ans einige kurze Bemerkungen. Die Sonntagsruhe halte er nicht, wie der Reserent, für den Ülngelpnnkt des Arbeiterschutzes. sonder» ihm sei die Reduktion der täglichen Arbeits- zeit das, was dem Referente» die Sonntagsruhe ist. Durch die E order» ii g nach i n t e r n a t i o n a l c r Regelung der o n n t a g s r u h e d a r f d e r K a in p f» m die nationale Sonntagsruhe nicht zurückgestellt werden. Wir lassen uns nicht vertrösten. Für uns sind die Motive für die Forderung der Sonntagsruhe nicht dieselben wie für den Reserent«» und seine Glaubens- und Gesinnuiigsgenosseii. Wir sind für den gemeinsameii wöchentlichen Ruhetag. Der Sklave der Arbeit soll einen Tag wöchentlich in Geineinschaft mit seiner Familie, seinen Berufs- und Gesinnungsgeiiossen verleben. Nachdem er sechs Tage lang Arbeitsthier war, soll er sich einmal in der Woche als Mensch fühlen.(Bravo!) Deshalb betonen wir, daß wir uns nichr begnügen mit einem bloßen Sabbath, mit einem Ruhetag für das Arbeitsthier, sondern daß wir fordern einen Sonntag, d. h. eine» Frcudentag für den Menschen. Alle öffcnt- lichen Museen. Sammlungen und Bibliotheken sollen am Sonntag dem Volke offen stehen.(Bravo.) Der Staat soll dafür sorgen, daß den Massen Räume zur Versügung stehen, wo sie ftnde», ivas des Menschen Kopf und Herz bedarf. Ich denke an öffentliche Konzerte. Vorstellungen, öffentliche Lesesäle. Auch der Eingang der Thesen muß geändert werde». Der Berliner Kongreß wählte die Form der Einleitung seiner Vorschläge:„Es ist wünschenswerth". Bein» Wünsche» ist es denn auch geblieben.„Auch die zu erstrebende» Zielpunkte" des Referenten klingen zu platonisch; es sollte heißen: Der Kongreß erkennt die Pflicht des Staates an, folgende Forde- rungen der Arbeiter zu erfüllen".(Lebhafter Beifall.) Nach einer kurzen Pause werden die Berathungen fortgesetzt. Das Wort nimmt der bekannte konservative Sozialpolitiker Dr. R n d o l f Meyer(Prag). Vor 30, 40 Jahren betheiligten sich an den Bestrebungen soziale Reformen herbeizuführen auch konservative Elemente. Danials waren für sie religiöse, menschenfreundliche und staatSmännische Gesichtspunkte iiiaßgebend. Seitdem ist daZ anders geworden. Mächtige Jnleressen- grnppen haben sich in den Vordergrund geschoben und Interesse»- kämpfe entscheiden. An erster Stelle steht das bewegliche Kapital und zu ihm hat sich ein Theil des immobilen Kapitals ge» f�Ingen. Meine konservativen Freunde haben zum großen Theile die Forveruugen der Religion und der Humanität zurücktreten lassen und sich auf dem kapitalistischen Standpunkt gestellt. Sie empfehlen,>vas sowohl im Jnleresse des Arbeiters wie in dem des Kapitals liegt Der Arbeiter schätz liegt nun aber auch im Interesse des Kapitals. Es steht längst fest: die schlechte Behandlung des Arbeiters ist eine geschäftliche Dummheit.(Sehr richtig!) Im Interesse des Kapitals liegt es, eine tüchtige. leistungsfähige Arbeiterschaft zu be> sitzen. An den Ausführungen des Referenten, die mir sehr sympathisch waren, ist eine Arbeiterklasse nn berücksichtigt geblieben, die Klasse der Landarbeiter. Europa hat seit 2l) Jahren die heftigste Konkurrenz des Ackerbaues der überseeischen Länder zu bestehen. Ein Dutzend Jahre noch, und es kommt die Konkurrenz der gelben Rasse hinzn. Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, daß der amerikanische Land- arbeiter den englischen, der englische den deutschen schlägt. Wir können die gelbe Konkurrenz nur bestehen, wenn wir der Masse der Kuliarbeit die bestgeschulten, bestgenährten europäischen Arbeiter entgegenstellen.(Sehr richtig!) Die Sonntagsruhe ist ein kirchliches Vermächt, itß. Wir wollen den Schutz, den die Kirche dem Arbeiter geivährt, wieder herstellen. Auf die Motive konimt es nicht an, wir könneii daher mit den Sozial- deniokraten Hand i» Hand gehen. Der Sonnabend Nachmittag muß frei bleibe»; das ist besonders für den Landarbeiter wichtig. Ein Theil seines Lohnes besteht nach der altüberkommeuen Arbeits- ordnung in dem, was er sich selbst erarbeitet. Hat er nicht den Sonnabend Nachmittag frei, so benutzt er den Sonntag dazu... Redner muß abbrechen, da seine Redezeit abgelaufen ist. Vorsitzender S ch e r r e r weist darauf hin, daß die Resolution ausdrücklich die Freigabe des Sonnabend Nachmittags fordere. Engelbert P e rjn e r st o r f e r(Wien) bringt hierauf im Namen der sozialdemokratischen Gruppen folgenden Abändermigsantrag znr Resolution des Referenten ein: Der inten, ationale Kongreß für Arbliterschutz in Zürich fordert l. Das Verbot der Sonntagsarbettunter wirk- kamen S t r a f b e st i in in u n g e n für alle Kategorien der Lohnarbeiter und Angestellten. 2. Ausnahme» dürfen nur gestaltet werden für die Verrichtung jener Arbeiten. die nothwendig sind, nm die Wiederaufnahme des vollen Betriebes am Montag zu sichern, oder bei denen der Produktionsprozeß aus technischen Gründen nicht unterbrochen werden kann, sowie für jene Arbeiten und Beschäftigungen, deren Weiterführung nöthig ist, damit da? Volk den Sonntag zu seiner Bildung und Erholung benutzen kann. Keinesfalls aber darf die Sonntagsruhe unterbrochen werden unter dem Vorwande, einen Produkiionsausfall zu decken. 8. Das Maß der Ausnahmen vom Verbot der Sonntags- arbeit soll nicht durch diskretionäre Willkür von Behörden und Beamte» auf grund vager Andeutungen in, Gesetze bestimmt, sondern im Wortlaut des Gesetzes genau bezeichnet werden. 4. Arbeitern und Angestellten, die auf grund der angesührten Ausnahmen am Sonntag beschäftigt werden, ist je der zweite Sonntag freizugeben und es ist ihnen für den ausfallenden freien Sonntag je ein Ersatz-Ruhetag in der Woche zu gewähren. b. Unter Sonntagsruhe und Ersatz-Ruhetag ist eine ununter- brochene Ruhezeit von mindestens 38 Stunden zu verstehe». In der Begründung hebt P e r n e r st o r f e r hervor, daß Passus 2 seiner Resolution im Jnleresse der österreichischen Arbeiter liege. Wir haben, sagt er, in Oesterreich sehr schöne Fabrikgesetze und werden deshalb auch vielfach bewundert.(Heiterkeit.) Die Gesetze lesen sich aber nur sehr schön im Auslände, im Jnlande werden sie nicht durchgeführt. Die diskretionäre Willkür der Beamten ist eine österreichische Spezialität, um die uns iiieinand zu beneiden braucht. (Heiterkeit.) Wir verlangen die Festtagsruhe, wobei wir Sozial- demokraten nur den Wunsch habe», daß nicht nur kirchliche Fest- tage, sondern auch unser erster Mai als Festtag gilt.(Beifall.) Die Sonntagsruhe ist in der Kette jeuer Einrichtungen, die ivir schaffen wollen, um aus der heutigen Gesellschaft herauszukommen, ein wichtiges Glied.(Lebhafter Beifall.) Landgerichtsrath Kuleman»(Rraunschweig) beantragt, Punkt b in der Resolution zu streichen, so wie es in der Resolution Perner- storfer's bereits geschehen ist. Wenn die Verträge sür unverbindlich erklärt werden, die die Sonntagsarbeit vorschreiben, dann ist auch die Sonntagsarbeit in den Betrieben unmöglich, wo sie aus technische» Rücksichleu unbedingt erforderlich ist. Die Gegner unserer Thätigkeit, die engherzigen Uurernehmerkmse und ihre Presse, würden sofort einen solchen Beschluß herausgreifen, und behaupten, daß wir praktisch»nmögliches beschlossen hätten. Damit würden sie unsere ganze Thätigkeit hier verdächtigen.(Zustimmung.) Oesierreichischcr ReichSraths- Abgeordneter Bielchlawek- Wien(Antis.): Ich erkläre mich im allgemeinen niit der Reso- lution Pernerstorfer einverstanden, der Punkt S muß aber bestehen bleiben, denn solche Verträge werde» oft gemacht, um die Ge- setze zu Hingehen. Wir Vertreter der christlich-sozialen Partei wollen aber auch den religiösen Etandpunkt wahren. Wir wissen, es glaube» noch nicht alle Menschen, daß der Mensch vom Affen abstammt. (Lachen.) Gerade in der sozialen Frage tritt die Hunianiläts- Heuchelei stark hervor.(Lachen.) Da thut man mit Bazaren groß, wo man sich verbrennen kann.(Heiter- keit.) Es müssen aber präzise gesetzliche Bestimmungen geschaffen werden, um die Sonntagsunruh« zu beseitigen. Wir sind für Reformen, die sich auf dem Boden der heuligen Gesellschaft er- füllen lassen. Das Individuum soll nicht beschränkt werden. Es geht nicht, daß man mit Wünschen kommt, daß alles verproletarisirt werde» soll.(Lachen.) Auch in Ziiknnst müsse es jedem un- benommen bleiben, einem Ideale nachzustreben.(Lachen und Beifall.) Queich- London(Sozlaldemvcratic Federation) bringt eine Gegenresolntion ein, die sich gegen den englischen piiritani- scheu Sonntag richtet. Die Zustände in England seien unhaltbar. Der Reiche könne sich Sonntags im Klub vergnügen, der Arme stch aber nicht erholen, er dürfe höchstens den Rausch ausschlafen, den man ihn» Soiinabeuds sich aiizuiriiiken gestaltet habe.(Heiterkeit.) Er fordere eine 88 stündige Arbeilsruhe in der Woche, sür die große Gruppe der Jndustrie-Arbeiter könne diese Ruhe am Sonntag ein- trete», für die Arbeiter in dem Transport-»nd Schankgewerbe ec. an einem anderen Tage der Woche. Es ist inzwischen I Uhr geworden und es entsteht die Frage, ob die Verhandlungen fortgesetzt werden sollen oder in diesem Stadium die Diskussion geschloffen werden sollen. Professor B e ck bittet um Schluß der Debatte und erklärt sich unter l e b h a f t e m B e i f a l l mit den Abänderungen seiner Anträge durch Pernerstorfer einverstanden. Denselben Standpunkt verlritt Abbö D a e n s(Belgien). Die Debatte über den Punkt„SomitagSarbeit" wird geschloffen. Mit großer Mehrheit wird die Resolntlon Pernerstorsser an- genommen. Dagegen stimmen die Engländer, die sür die Re- solulioii Queich eintreten. Der Nachmittag bleibt für die vorbereitenden EektlonS- berathniigen iiber den 2. Punkt der TageSordniing„Kliiderarbelt" frei. Die Plenarverhandlniigen werden mit diesem Gegenstande Dienstag früh wieder anfgenomm»». Zürich, 24. August.(Privatdcpesche deZ„Vorwärts".) In feiner heutigen Plenarsitzung berielh der Kongreß die Frage der Kinderarbeit. Zwischen den sozialdemokratischen und den klerikalen Delegirten kam es zu überaus lebhaften Debatten über die Frage des Schulzwangcs und über die Altersgrenze der Beschäflignng jugendlicher Arbeiter und endlich über den Ein- fchluß der jugendlichen Landarbeiter in die Kinderschuh-Gesetzgebung. Schließlich wurde im Gegensätze zu der vom Organisationskomitee vorgeschlagenen Resolution eine von den radikaleren Vertretern vor- geschlagene mit 1S2' gegen 75 Stimmen angenommen. Dieselbe besagt: Gewerbliche Arbeit von Kindern biS und mit 13 Jahren sei zu unlersagen. Bis zu lö Jahren sei der Schulbesuch obligatorisch. Jniige Leute und Lehrlinge von 15-18 Jahren dürften nicht länger als 8 Stunden täglich beschäftigt werden mit einer Pause von 1�2 Stunden nach 4 Stunden Arbeitszeit. Die für den Bc- such der Fortbildungsschulen erforderliche Zeit sei in dieser Arbeilszeit einzubegreifen. Jmigen Leuten und Lehrlingen sei die produktive Arbeit an Sonn- und Feiertagen ohne Ausnahme zu verbieten._ Uoksles. Zur Lokalliste. Am 12. September veranstalten sechs Berliner Gesangvereine in der Philharmonie ein Fest und suchen unter den Arbeitern dazu Billets abzusetzen. Da die Philharmonie(sowie das Konzerthaus in der Lcipzigerstraße und Kroll's Theater) als Kuiist- institut nur für den persönlichen Verkehr frei ist, Vereine also nicht Veranstaltungen dort treffen können, werden die Arbeiter besonders ersucht, solche Billets zurückzuweisen. Die L 0 k a l k 0 m m i s s i 0 n. I. A.: Osk. Mahle._ Herr Kiihnemanu hält die Mitglieder des Verbandes der MetaNiudustriellen in strenger Zucht. Die Verbaiidslettung belegte die Firma Gronauer u. Ko. mit einer Koiiveiitioualstrafe von 1000 M., weil sie es gewagt hat, ohne die Mitwirkung des Verbandes mii ihren streikenden Arbeitern Frieden zu schließen. Eine gleich hohe Strafe wurde einem Fabrikbesitzer Arndt zudikiirt, weil er Herrn Gronauer bei dem unbefugten Friedensschluß Bei- Hilfe geleistet haben soll. Herr Knhiieiiianu und seine Freunde handeln also auch nach dem Grundsatz: Wenn zwei dasselbe thnn, so ist es nicht dasselbe. Während sie in Streitfällen nur mit„ihren" Arbeitern verhandeln wollen und jede Einmischung einer Lohn- kouimisston oder der Arbeiterorganisation entschieden bis dahin ab- gelehnt haben, zwingen sie ihre eigenen Klaffengenoffen, nicht ohne Ziithnn der Unteriiehmerorganisalioii eine» Konflilt mit den Ar- beitern ihres Betriebes beizulegen. Wenn zwei dasselbe thnn, so ist es nicht dasselbe. So denken die Kühiiemänner nnd so denkt auch die Regierung des Staates der Sozialreforin, die die starke» Unter- nehmer in allen Streitfällen mit den Ausgebeiiteten vor diesen mit Polizei und Staatsnnwalt schützt und selber z. B. durch Beitritts- verböte zum Eisenbahiierverbaiid ängstlich darauf hält, daß auch „ihre" Arbeiter sich nur ja nicht des ihnen gesetzlich zustehenden Koalitionsrechls bedienen. Uebrigens brauchen derartige Konveiilional- strafen nicht bezahlt werde», wenn die betreffenden Fabrikanten nicht freiwillig blechen wollen. Der§ 152 Abs. II der Gewerbe-Ordnung hat da einen Riegel vorgeschoben. Die Mordthat in der Königgrätzcrstraste erinnert lebhaft an gewisse Partien aus Dostojewski'S berühmte» Roman„Raskolnikow". Hier wie dort fallen einer surchlbaren Blutthat zwei weibliche Wesen zum Opfer, deren Wirken im sozialen Organisnius von de» meisten Leulen für völlig nutzlos, iveun nicht gar für schädlich gehalten wurde. Auch hier ist diese Hauptperson eine Frau, von der man nichts weiter weiß, als daß sie ans dem sauren Schweiß von Hunderten ihrer Mitmenschen Schätze zusammenraffle, nur»in der krankhaften Lust halber, diese Schätze vor sich aufgehänfl zu sehen. Infolge von Nmstäiide», wie sie nur in der Widersiiinigkeil einer von Heuchlern nnd Thoren imiiier noch als göttlich an- gepriesenen Weltordmiug möglich sind, koiniiien die beiden weidlichen Sonderlinge zu Vermögen, welche selbst unter der Aera des Groß- kapitallsiniis als hochrespeklabel gellen; und der Gebrauch, den die Geizhälse von diesem Riessiireichihnin machen, wird unter ihrer gierigen Hand zum verächllichsten Mißbrauch. Sie raffen zusaiiimeii ohne vernünftigen Zweck, ja ohne sich vielleicht in manche» Stücken das zum behaglichen Leben uolhweudige zu gönne», und in diese lhönchte Raffarbeit fallen sie unter de» Streichen eines raffinirt handelnden Mörders. Hier ist freilich die Analogie mit Destojewski's Roman zu Ende; es sei denn, daß auch in diesem Falle die grauüge That nur erschreckte, ohne irgend einem Menschen ein Thränchen des Milleids zu entlocken. Die weiteren Umstände der fürchterlichen Wirllichkeit weichen betrnchllich ab von dem meisterhaften Scelengcinälde des russischen Schriflstellers. Der iniith- mähliche Mörder Goenczy wird als ein Mann geschildert, den keinesfalls verzweiflimgsvolle Nolh zur Mordthal trieb. Er soll ein geschickler Arbeiter im modernen Schiihwnareiibetriede gewesen sein; man berichtet, daß er bei dem hiesigen Filzschuhfabrikanle» Schlihweg am Louise»- Ufer 84 mit einem Moualsgehalt von 250 M. als Werksührer angestellt war. Goenczy hat zweifellos Ersparnisse gemacht, welche jedoch größleiitheils durch die Vorbereitungen zu dem Morde, sowie durch die hiermit verbuiideiien späteren erheblichen Reisespesen verbraucht sein dürften. Ob der Raub, den der Mörder im Hause der„Gips- Schulzen" gemacht hat, von beträchtlichem Werths ist, steht dahin. Die beiden Opfer des Mordbubeu werden als außerordentlich sparsam, ja als geizig bezeichnet. Thatsächlich hatte die Polizei mit der HaiiSivirlhiu viel Schwierigkeiten, da Frau Sch. die Ausgaben für Reinigung des Bürgersteiges n. s. w. scheute, sie erhielt infolge dessen auch vielfach Strasmnndate. Das Elnkomme» der Schulze war bedeutend. Sie halte große Summen ans den Zinsen ihrer Hänser a»S zahlreichen Hypotheken, ferner auS den Erträgnissen ihrer GipSdrücht und be- deutender Wieseiiländereien in der Gegend von Zossen z» verzehren. In noch einer Beziehung dürfte ein Unterschied zwischen Dosto- jewskt's Roman und der Berliner Wirklichkeit zu finden sein. Die Ersahruugeii, die wir bisher mit der königlich preußischen Polizei gerade in Berlin gemacht haben, sprechen leider nicht dafür, daß sich unter ihr ein Genie finden wird, das mit dem Aufgebot einer beivmidernswürdiaen Geisteskraft die That anfzukläreii und den Mörder zu entdecken vermöchte. lieber die That und deren Begleitiimstäiide wird noch berichtet, daß Goenczy von Hannover aus am 13. d. M. ein angeblich von Frau Schulze abgesandtes Telegramm an den Verwalter des eben- falls der Ermordeten gehörigen Hause Prenzlauer Allee 85, den Kohlenhändler Schlecht adressirt hat. Die Depesche hal folgenden Inhalt: Ich fahre auf längere Zeit nach Paris, bitie die Micthe an Josef Gvcnczy abzuführen. Grüße Sie, Ihre Familie und die Haiisbewohner. Auch den Hnns-Maiirermeister hat G. längere Zeit von dem Grund- stücke in der Königgrätzerstraße fernzuhalleu und mit Arbeiten in der Prenzlauer Allee zu beschäftigen gewußt. Allem Anschein nach Halle der Mörder die Absicht, möglichst bis Okiober in Berlin zu bleiben und sowohl die ziveimaligeii Mielhon ans dem Hanse in der Prenz- lauer Allee mit ca. 2800 Mark, sowie die am I. Oktober fälligen Vierteljahres- Mielhen aus der Königgrätzerstraße mit zirka 8000 Mark einzuziehen. Zn diesem Zwecke hielt stch G. jede»- falls in Berlin vd»r Umgebung versteckt. Daraufhin deutet auch eine wichtige, gestern der Polizei zugegangene Mitiheiluiig. Hiernach ist Goenczy, den der betreffende Zeuge genau kennt, am Sonntag Abend auf deni Lehrter Bahnhos gewesen. Der Schuhinacher, der sich iy großer Erregung befand, erzählte, daß er eigentlich nach Wien fahren wollte. Eine ihm plötzlich zugegangene Nachricht aber mache seine schleunige Abreise nach Hamburg erforderlich. That- sächlich befand sich der Ungar im Besitz einer Fahrkarte nach Hamburg und bestieg auch einen Wagen des um II Uhr 25 Minuten vom Lehrter Bahnhof abfahrenden, um 5 Uhr 33 Min. morgens in Hamburg ankommende» Personenzuges. Hiernach muß der Mörder unbedingt davon Kenntniß erlangt haben, daß die Polizei Nachforschungen nach de in Verbleib der beiden v e r s ch w n n d e n e n D a in e n a n g e st e l l t h a t. Es wird ver« niuthet, daß sich G.»och am Moätag in Hamburg eingeschifft, um einen überseeischen Hafen zn erreichen. Ob er jedoch in ordnungs- mäßiger Weise als Passagier einen Dampfer bestiegen, erscheint zweifelhaft, da sich Goenczy im Besitze eines Auslandspasses nicht zesunden haben soll. Seine angebliche Frau dürfte wahrscheinlich ich im Osterreichischen versteckt halten. Der etwa 40jährige Goenczy wohnt seit dem I Oktober 13S2 in Berlin. Gebtirtig aus Kronstadt in Siebenbürgen erlernte er in Wien die Filzschnhfadrikation. Etwas abweichend von dieser Berichterstatter- Meldung lauten 5u.11 theil die amtlichen Mitiheiliingen über den Mord. Das P 0 l i z e i- P r ä s i d i u in theilt in der Angelegenheit mit: Die Ermordung der Wittwe Auguste Schnitze geb. Lutze und ihrer Schwiegertochter Klara hat wahrscheinlich am Morgen des 14. August, und zwar nicht in ihrer Wohnung, sondern in dem von dem Schuhinacher Joseph Goenczy in dem Hause Königgrätzerstraße geniietheleu Keller stattgefunden. Am Abend des 13. August ist die Klara Schultze noch von Hausbewohnern gesehen und am nächsten Morgen sind die Stimmen der Frauen noch gehört worden, auch wurde die„Morgenzeiinns" des 14. Älugust noch abgenommen, während dem Milchmanns nicht mehr geöffnet wurde. Am Morgen des 16. hat Goenczy durch den Schlosser Pfluginacher ein Sicherheitsschloß an seiner Kellerthür anbringen und au demselben Tage durch zwei Arbeiter von der Straße aus Erde i» den Keller werfen lassen. Am Abend des 18. ist er mit seiner Frau vom Bahnhof Friedrichstraße abgereist, anscheinenv zu« nächst nach Frankfurt a. O., denn dort ist er nachts zwischen 2»nd 3 Uhr von einem Bahuhofsarbeiter, der ihn persönlich kennt, auf dem Bahnsteig gesehen worden»nd hat erzähl!, daß er über KottbnS nach Dresden wolle. Die Beute des Raubmörders ist jedenfalls nicht annähernd so groß gewesen als er gehofft hat, da Frau Schultze ihr Baarvermögen— etwa 400 000 M.— einem hiesigen Bankhanse in Verwahrung gegeben hatte. Nach An- gäbe des letzteren verwahrte sie in ihrer Wohnung nur 2 Aktien des Müiichener Branhanse- über je 1200 M. und 3 Stück 1393 er 8 pCt. Mexikaner über 20 Pfund mit den Nummern 92 96 93, 11 307, 10 756, 7303. Die beiden Aktien des Münchener Brauhauses hat Goenczy am 16. d. M. dein Tischlermeister Stiller, der ihm die Ladeneinrichtung geliefert hatte, in Zahlung gegeben. Am folgenden Tage hat Goenczy von S. ein Darlehen von 400 M. gegen Schuldschein erhalten. Nm Abend des 15. kam er, als S. schon im Bette lag, in die Wohnung desselben, verlangte dringend ein weiteres Darlehn, da er sofort verreisen müsse, erhielt dasselbe aber nicht. Von dort aus ist er zweifellos direkt zum Bahnhof gefahren. Die Millheilung eines hiesigen Blatte?, daß Goenczy noch am Sonntag Abend in der Werkstätte von Pflugmacher gewcseu sei, beruht auf einem Jrrihum. Goenczy ist in Pflugftadt in Siebenbüraen gebore», 45 Jahre alt, l 65 groß, hat diinkelblonden melirlen Schnurr- und Backenbart und ist besonders kenntlich durch eine kropfartige Geschwulst an der rechten Halsseite, die von einer Schußwunde herrühre» soll. Ueber das Leben der Sonderlinge verlautet noch allerlei. Mutter und Tochter waren gleich geizig, ließen sich jedoch an körper- licher Nahrung nichts abgehen, sondern aßen und tranken gut. War einmal ein Brölchen nicht ganz frisch, so mußte Frau Morowski, die früher die Pförlnerstelle versah, eS sofort zum Bäcker zurück- tragen und umtauschen; ebenso wurde mit anderen Maaren ver- fahren, die den Damen nicht gefielen. An der Kleidung wurde von oeiden Damen alleS gespart. Sie gingen stets in dem schlechtesten abgetragensten Zeug und hielten sich oft darüber auf, daß andere Frauen im Hause, auch die Reinemachesrau, viel zu gut gekleidet gingen, während diese meinte», die Tracht der beide» Damen sei gerade noch gut gsniig für die Müllgrube. Sliefelputzen kannten beide nicht. Die Schürzen sparten sie sich dadurch, daß sie den Oberrock iimgewandt hochnahmen. Um sich die Kosten für eine öftere Reinigung der Müllgrube zu ersparen, schöpften sie diese immer wieder zum theil aus und schütteten den Unralh in den Senkkasten der Kaiialisalion, oder in einen neben der Grube stehenden Kasten, so daß die Grube nie voll war, wenn die Polizei revidkrle. Damit die Treppenläufer nicht abgenutzt wurden, halte Frau Schultze ein Schreiben an die Postverivaltimg geschickt, daß den Briefträgern der Vorderaufaan.z streng verboten sei. Deshalb war ai ch»iitcii im Flur an der Wand angeschrieben, daß Briefkästen für sämmtliche Wohnungen an der Hintertreppe sich befänden. Das Schneeschippen besorgten im Wimer Mutter»nd Tochter selbst. weil es sonst Geld gekostet hätte. Mit Handwerkern und Arbeitern und den Miethern ihrer Wohmingen lag sie beständig aus dem Gericht. Mit welcher Sicherheit Goenczy nach dem blutigen Werke ans- geirelen ist, obwohl seine Lage einmal höchst kritisch war, zeigt ein Vorfall beim Anfahren der Erde. Wer auf dem Wege etwas abladen will, soll das eigentlich vorher der Revier« volizei anzeigen. Als min Goenczy, der daS nicht ge- than hatte, mit den beiden Kutschern dabei war, den Sand durch das Fenster an der Straße in de» Keller zu schaufeln, kam ein Schiitzmaiin dazu und fragte ihn. wie er dazu koinnis, Erde abzuladen, ob er dazu Erlandniß habe. Di« Lage war iiini für Goenczy höchst gefährlich. Es wäre leicht niög- lich gewesen, daß der Schutzmann sich das Hlneiiischaffeii von Erde in eine Kellerivohiiiiiig, daS doch auffallen mutzte, einmal näher angesehen hätte. Dann hätte die Eiildeckung de? Verbrechens sehr nahe gelegen. Trotzdem bewahrte der Raubmörder die größte Ruhe. Er erklärte dem Beanilen, er sei der neue Verwalter des Grundstäcks und brauche die Erde im Keller, well er Wein einlegen wolle; der Schutzmann beruhigte sich dabei ebenso wie alle anderen Leute, denen er von seinem Wein erzählte, obwohl es doch nicht �anz gewöhnlich ist, daß ein Hausverwalter und Schuhmacher stch einen Weinkeller einrichtet. Bezüglich ocr angeblichen Stieftochter des Goenczy wird berichtet, daß das Mädchen die ledige Martha Raffalsky, eine geborene Berlinerin nnd Tochter eines Kutschers RaffalSky ist. Sie steht in absolut keine», Verwandlschafls-Verhältiiiß zu Goenczy, sondern lernte ihn erst in dein Müller n. Schlitzweg'schcn Geschäft keimen, wo er ein Liebesverhältniß mit ihr anfing. Er nahm sie dann, als sie infolge dessen von ihrem Bater verstoßen wurde, alS Chambreganiistin in sein HauS ans. Der Chef der Firma entließ 11111 dieses Verhältnisses willen die Raffalsly, und als Goenczy doch nicht von ihr ließ, auch diesen. Nach seinem Wegzug ans dem Hause Luisen- ufer 34 gab Goenczy die Raffalsky in allen seinen anderen Wohniingen für seine Stieftochter ans, lebte aber in Geineinschast mit seiner Frau mit ihr weiter. An der Börse erzählt man, daß die ermordete Wittwe Schultze an derselben Eiigagemiitts h la daisse unterhallen habe, welche zur Zeit noch laufe». Die Zustände i» gewissen Bnchdruckcreibetrlcbe» werden durch folgendes L e h r l r n g s g e s u ch gekcnnzeichnet, das in der Soiiiitagsnummer des„Lokal-ZlnzeigerS" zn finden ist: „Buchdriickerlehrling, in 2 Jahren gewissenhafte Zliisbildinig (Satz und Maschine) gegen kleine GeschäflLeinlage. Offerten R. 4338 Haiiptexped. d. Bl. Zimmerstraße." Wie mögen unsere Jniiungsbrüder von dein patriarchalischen Verhällniß erbaut sein, da? sich auf so solider Geschäslsbasis zwischen Prinzipal und Lehrling entwickeln wird! Ilmfaugrcichc Slbsperrungen sind auS Anlaß der am 23. ülugust, vormittags 9 Uhr, ans dein Tempelhoser Felde statt- siatisindenden Parade in Sicht. Die Tempelhoser Chaussee wird von 3 Uhr an bis zur Beendigung der Parade für jeden Verk-Hr gesperrt. Die Belle-iZllliaiiceftraße nnd die Lichierfelderstraße dürfen von Lastwagen während der Zeit vom AuSrücken der Truppen bis nach dem Einmarsch derselben in die Siadt nicht befahren werden. Der Betrieb der Pferdebahn- und Omiiibiisliiiien wird auf der Tempelhoser Chaussee und den ans Berlin nach dem Tempelhoser Felde führenden Straßen(insbesondere auch in der Friedrtchstraße) niit dem Beginne deZ Ausniarsches der Truppe» (etwa von 7 Uhr ab) bis zur Aufhebung der Absperrung eingestellt bezw. eingeschränkt oder abgelenkt. Das Polizeipräsidium theilt alSdann»och mit, daß Marketendern»nd Restaiirationebetrieb auf dein Tempelhoser Felde nicht geduldet werden»nd daß den Anordnungen der SchUtzmaun» schuft über das Verhallen ans dein Tempelhoser Felde im Interesse der Nufrechterhaltiing der Ordnung u n w e i g e r l i ch Folge ge- leistet werden muß.— Wen» das„Zivilvoll" der Parade fern bleibt, wird die Ordnung in keiner Weise gestört werden! Der Fernsprechverkehr mit Ntiimlinster, Eckeniförde, Flens- bürg, Schleswig und Rendsburg ist eröffnet worden. Die Gebühr fiiv ein giwShuliche? Gespräch biZ zur Dauer von drei Minuten betrugt je eine Mark. Gustav Landauer, der Fiihrer der hiesigen Anarchisten, Welcher, wie gemeldet wurde, in der vorige» Woche in Wien vor- haftet wurde, ist nach einer der„Voltsf-Ztg." zugehenden Mil- > Heilung gestern ans der Haft eiillajsen und von der Polizei nach Teutschland.abgeschoben" worden. ?aS letite Erntefest ist vor einigen Tagen in der großen intevcisautcn Laubenstadl am Viehhof gefeiert, die theilweise bereits bebaut wird und zum l. Oktober völlig verschwindet. Alle Lauben waren a»fs Festlichste geschmückt. Abends wurde ein großes Feuer- werk abgebrannt, außerdem waren alle Laube» erleuchtet und bis in die späten Nachtstunden hinein ertönte Gesang und frohes Ge- plauder über das weile Feld. Einen grobe» Exzeß verübten in der letzten Nacht drei Sol- baten, indem sie mit gezogenem Seitengewehr in eine Damenkneipe an der Jerusalemer Kirche eindrangen und die Insassen belästigten. Die Polizei nahin die Emedenten, die auf einen Pferdebahmvagen geflüchtet waren, in der Oranieustraße fest und brachte sie nach dem Militärarrestlokal in der Lindenstraße. Wegen Fundunterschlagung ist gegen die in einem westlichen Voro.te wohnende Beaintensrau H. das Strafverfahren eingeleitet; dieselbe halse eine Tasche mit etwa 600 M. Geldinhalt in einem Wagenadiheil der Stadtbahn gefunden, de» Fund auch anderen Mit- fahrenden gezeigt, schließlich aber, als der Besitzer des Geldes, der ihre Adresse erfahren hatte, sich an sie wendete, diesem gegenüber den Besitz geleugnet. Uniforinirte Schutzleute auf dem Zweirade sieht man in Cbarloitenbnrg. Sie sollen besonders darauf achten, daß die Rad- sahrer de» über das Fahren mit Zweirädern erlassenen Bestimmungen genau nachkommen. IkugliiltSfätte im Straßenverkehr. Vor dem Hause Linden- straße 101 wurde daS Pferd eines dort hallenden Schlachterwagens, nachdem es mit einem Fuße über den Scheerbaum gerathen war, scheu und ging durch. Der vor der Markthalle II dienftthuende Schutz- mann Kösling warf sich unerschrocken dem Thiers entgegen, wurde eine Strecke weit mitgeschleift und vor dem Grundstücke Lindenstr. 45 gegen einen Wagen geschleudert. Hierbei erlitt er mehrfache Verletzungen und mußte sich in ärztliche Behandlung begeben.— Nachmittags wurde in der Alvenslebenstraße der fünfjährige Sohn des Schneiders Franz Krüger durch einen Flaschenwagen der Viktoriabranerei über- fahre» und am Kopfe arg verletzt.— Vor dem Hanse Bernauer- straße 70 wurde nachmittags die achtjährige Tochter des Statious- Aspiranten Sandmann durch den auf seinem Zweirade fahrenden Geschäftsreisenden Rsinhold Thiele überfahren. Das Kind erlitt dabei einen Bruch des rechten Unterschenkels. � Theater. Direktor Brahm hat für die am I. September be- ginnende neue Spielzeit des.Deutschen Theaters" folgende neue Werke erworben:„M utter Erde", Drama von Max Halbe z.Agnes Jprdan", Schauspiel von Georg Hirschfeld; „Johannes" von Hermann Sudermann;„Jugendfreunde", Lustspiel von Ludwig Fulda;„M ädchentrau m", Lustspiel in Versen von Max Bernstein; auch von Gerhart Hauptmann und Arthur Schnitzler stehen neue Dichtungen in Aussicht. Als Neu- einstudirungen sind u. a. Hauptmanu's„Biberpelz".„König Lear" mit Emanuel Reicher in der Titelrolle, und„K ä t h ch e n von H e i l b r o n n" in Aussicht genommen. Alle diese Werke sollen auch in den vierzig Abonnements-Vorstellungen gegeben werden, deren erste am Donnerstag, den 2. September stattfindet. Atts den Nachbarorten. Der Stralauer Fischzug ist gestern mit dem üblichen Klimbim begangen worden. Der„Hauptfeez" bestand in einem Aufzug, der ein Bild vom Volksiebe» rn— TranZvaal darbieten sollte. Aller- Hand Publikum, das seine Zeit nicht todtzuschlagen weiß, hatte sich eingesunden, um beträchtliche Quantitäten Bier zu vertilgen. Pas harmlose Vergnügen wird den Thsilnehmeru gewiß gerne von jedermann gegömit sein; nur sollte man sich nicht den Scherz er- lauben, den Stralauer FsichZUg als eine Art Volksfest hinzustellen. Die Zeiten sind doch vorbei. Tie diesjährige Obsterute in der Umgebung von Berlin ist, einer Lokalkorrespondenz zufolge, so gut wie vernichtet. Die Bäume bieten eine» traurige» Anblick dar; infolge der anhaltenden Reaeu- güsse sind tausende von Früchten verfault. Am verhängnißvollsten für die Obstbäume waren die schweren Gewitter dieses Monats. Di« Preise für gutes Obst sind in den letzlen Tagen schon bedeutend gestiegen. Mit ihrem Zweirad in die Havel grstiirzt ist vorgestern eine junge Dame. Diese übte auf einem freie» Platz au der Havel in Tegelort daS Auf- und Abspringen an einem Herrenrade. Dabei kani st« dem Ufer, das an dieser Stelle abschüssig und glatt ist, zu nahe, konnte ihr Rad nicht rechtzeitig anhalten und stürzte kopfüber ins Waffer. Glücklicherweis« kam in diesem Augenblick der Hufs- jäger Gronert aus Spandau am Ufer entlang, er hatte de» Vor- gang beobachtet, warf schnell Hut, Rock und Stock von sich und sprang der Dame nach. Es gelang ihm, sie am Gürtel zu erfassen und ans Ufer zu bringen. Obgleich das junge Mädchen außer einer leichten Kopfwunde keine Verletzungen erlitten hat, war sie von Schreck und Aufregung so angegriffen, daß sie ohnmächtig wurde und in ärztlich« Behandlung gebracht werd«n mußt«. DaS Fahrrad ist noch nicht aufgefunden worden. Zwei Kinder vor den Augen der Elter» ertruuken. Am Dienstag früh in der achten Stunde fuhr, demZ„Fremdeilblnit" zufolge, auf der Dahme in der Nähe des sog. Ostwerders bei Grünau der Maschinist Gottschalk aus Köpenick in Begleitung seiner beiden Enkel, des 12 jährigen Emil Jonas und dessen Iljäbriger Schwester Bertha, Kinder» des mit seinem Fahrzeug am obige» Werder liegenden Frachtschiffers Jonas ans Malisch a. O, in einem kleine» Handknhn nach dem am jenseitigen Ufer belegene» Kantinenlokal, um daselbst Ein- känfe zu machen, während die Eltern bereits in letzterem warteten. Kurz vor der Einbiegung in das offene Fahrwasser gewahrte nun der Maschinist zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß der Kahn sich»ach und nach mit Wasser füllte und zu sinke» begann; er war plötzlich leck geworden. Gottschalk sprang nun schnell über Bord und rief seinen Enkeln zu, sie möchten ruhig aushalle», er würde ihnen sofort Hilfe bringen. Dieselbe kam aber leider zu spät, denn der Kahn war, als niau herbeieilte, bereits versunken und hatte die beiden Kinder mit herabgezogen, sie fanden ihren Tod in de» Wellen. Arbeikerrisiko. Durch einen eisernen Ständer wurde der 23 Jahre alte Ardeiter Emil Schulz anS Köpenick tödtlich verletzt. Der Unglückliche war bei dem Transport von Sand, welcher nahe am Mllggelthurm, an der sog. Sandschnnr, mittels Drahtseilbahn bewirkt wird, thätig Kurz vor Feierabend räumten die Arbeiter auf und trügen auch einen etwa vier Zentner schweren eisernen Ständer. Dabei strauchelte einer der Leute, die Last verschob sich, brachte auch Schulz zu Fall und quetschte ihm die Brust. Im Krankenhause wurde«in Darmriß fesigestellt, der trotz sofort vor« genommener Operation den Tod des Mannes herbeiführte, Briefkasten der Redaktion. Die juristische Sprechstunde findet vom Montag, den 30. August ab am Montag, Dienstag«nd Sonnabend von S bis 7lJi Uhr statt. H. K.. Piicklerstraße. Wenden Sie sich an die Speditionsfirma Jacob u. Valentin, Holznmrktstr. 65. Heilo. Ein solcher Verein tagt fast wöchentlich bei Cohn, Beuthstr. 20. Dort erflchrcn Sie das Nähere. M.»., Dreesen. Wir können Ihren Wunsch anS verschiedenen Gründen nicht erfüllen._ Wetter-Prognose sllr Mittwoch, de» SS. August lstK7. Wwm und vielfach heiler bei mäßigen südlichen Winden und etwas Neigung zur Gewitterbildung. Verein der Berliner Buchdrucker und Schriftgiesser. Stimmzettel zur Urabstimmung sind für diejenigen Personale, welche dieselben noch nicht in Empfang genommen, ans der Verwaltung zu haben. Die Stimmzettel müssen btS sptttestens Sonnabend, den 28. August, kouvertirt und verschlosien und mit Aufschrist versehen, auf unserem Bureau, Ritterstr. 88, abgeliefert werden.— Auf die im redaktionellen Theil« des„Vorwärts" abgedruckte Resolutton der Vertrauensmänner- Versammlung machen wir die Mitglieder besonders aufmerksam. 36/11 Vev"Vorotand, Deutscher Holzarbeiter-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Mittwoch, de» 2S. Angnst, abends Punkt 8V- Uhr, bei voNn, Beuthstr. 20/31(oberer großer Saal): Wtitgliedev-Vevfoi»nmlttNlg fUr die Branche der Jflnslkinstrnmenten- Arbeiter. TageS-Ordnuna: 292/9» 1. Die Interessen der Musikinstruinenten- Arbeiter an den Handels- Verträgen. Referent: Reichstaas-Abgcordneter und Stadtverordneter Frlte Zabcll. 2. Bericht über die beigelegten Differenzen bei der Finna I. P fasse, Landsbergerstraße. 3. Verschiedenes. Jeder hat die Pflicht, zu erscheinen. Gäste haben Zutritt. Beiträge werden in der Versammlung entgegengenommen. Ble Ort. Verwaltung. Metallarbeiter! Donnerstag, den 20. August, abends 8 Uhr, in AhrrnS' B Thurmstrasie 2S/S0: z? Oeffentliche Versammlung. TageS-Ordnung! Der Streik der Former und Kiesterei> Arbeiter der Firma .A. Borslf;. Zahlreiches Erscheinen ist nothwendig. Der BrrtrauenSmann der Berliner Metallarbeiter. ______ O tto Näther, N., Anklamerstr. 44. Achtung! Achtung! Maurer! Achtung! Mittwoch, dm 25. August 1897, abends s'l, Uhr, im Etablissement Sttttsfonci» Kottbuserstr. 4a: Grosse öffentliche Versammlung der Maurer Berlins und Umgegend. TageS-Ordnung: I Die Arbeitsniederlegung auf der städtischen Gasanstalt in der Fichte- strafte und wie lange gedenken Magistrat und Stadtverordnete es mit a« zusehe», das, ans den Magiftratsbauten der niedrigste Lohn gezahlt wird. 2. Diskussion. 3. Bericht über den Stand der Lohn- bewegimg. 4. Verschiedenes. Zu dieser Versammlung fordern wir hiermit die Stadtverordneten auf, zu erscheinen. Kollegen: Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert Eure Anwesenheit in der Bersammlung. 396/1____________ Die Ijolinkonimlsslon. Töpfer. Achtung! Freitag, den 27. August, abenbS 0 Uhr, In» Lokale des llorrn Wllke, Andreas-Strasse SO: General-Versammlung des vrrems der Töpfer Verliiis u. zlmMpd TageS-Ordnung: Vereins und Statutenberathung W. W ich etheiligiing ersucht I. Die Umgestaltung des BtF' Mitgliedsbuch legitimirt. �Bethei''' schastliche«. Um rege 2. Gewerk- 190/8 Ter Borstand. Achtum! Kistenmacher. Acht««»! Souuabeud, dci, S8. Zlugust, in de» Zlruiii, Halle», Kommandanleustrafte 20: 15. Stiftungsfest s» verbunden mit Souimernachts-Ball unter Mitwirkung deS Arbeiter-GefangvereiuS Vlnet»(M. d. A.-S.-B) Anfang 8 Uhr. Ende? Billets sind bei alle» Verstandsinitgliedern zu haben. Gäste sind herz- lich willkommen. Den geehrten Damen zur Kenntnißnahme, daß die Kaffeeküche von morgens 5 Uhr an geöffnet ist. 94/19 __ Der Vorstand. I. A.! Franz Schulz, Swineinündttstr. 2. Moabit! Moabit! VI. Wahlkreis. Kronen-Brauerei", Alt-MM Nr. 4W. Eounabeud, dcu 28. August 1897: Lassalle-Feier veranstaltet m heit sezilOemkratlschen Partelgellchn MM bestehend in Konrert, Theater, Turnerischen Aufführungen, Gepangs�Vorträgen deS Gesangsvereins„Vereinte SangeSbrüder Moabits". Im Saale: tfanz. Herren, die daran theilnehmen, zahlen 50 Pfennige nach. Die Kaffeeküche"W« steht den Damen von S Uhr an zur Berfügung. Dritte AbiiMung zum Statut der Lrts-KrMenW kt Hntmulher, Hntfournituren und Filzwaaren- Berfertiger zu Berlin vorn 2b. April 1897. Der§ 12 erhält folgenden Zusatz: „Für Feiertage, welche in der Woche fallen, lvird das Krankengeld gewährt." DrtS'Krnnkeiikasse d. Hntmachcr,.Sntfonrnituren-«. Filzwaareuverfertiger zu Berlin. H. Ate ck. Vorstehende Abänderung wird hier- durch genehmigt. 178b Berlin, den 0. August 1897. L. S. Der BczirkS-AuSschuft. F r e» S b e r g. Von äsr Hoiss zurückgekehrt Dr. Bradt, 105b Wienerstrasse 20. Bierlokal billig 182b» zu verkaufen iredowstr. 37. Wohnungen von 3, 2, 1 Stube, Küche, Zubehör, eluzelne Stuben, Stallung, Remisen, Lagerkeller, billig i Frankfurter Allee 10. l3419v Möbl. Schlafstelle an Herrn z. verm. 174bj Fechlcr, Mittenwalderstr. 23. Arbritsmarkt. Adjtiülg, Solzarbtiter! Zuzug fernhalten von Drechslern und Tischlern von Lasel, Dcmmiucrstr. 5. 292/15 Die Ortsverwaltung.. Die Former Nd Kernmalher der Firma KM" Borst. baben Montag, den 23. d. M., wegen Lohndifferenzen die Arbeit eingestellt. Zuzug»ach betreffender Firma ist streng feruzuhalte»! L. Müller, Gcrichtsstr. 31. 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Reichcnbergerstrafje 34. ErttfTnangs- Vorstellung Mittwoch, den 1. September. Zum 1. Male: Geschwister Fiebig. Modernes Volksstück in 3 Akten von Oscar Wagner und Hugo H a b k c r l. Musik von Fritz Krause, Billetverkanf im Jnvalidendank, Unter den Linden 24 und im Theater- iureau, Ostend-Theater. Gr. Franksurtcrsir, 132, Dir, C. Weist Unsere Neichspost. Anfang 8 Uhr, Ii« Garten: Anfang 5'/, Uhr: Auftreten sämmtlicher Spezialitäten. Hugo Schulz. Paula Grigattl, Henriette Ferry. Lebende Photographien. Prof, Alfrcdi, Sonnabend: Gr, Sommemachtssest, Kknti'gi-sliestei' Alte Jakobstr. 3«. Direktion Richard Schnitz. Mittwoch, den 25. August 1897; WH" Sehte Woche:"WS Emil Thomas a, G. Zum 98. Male: tili fldeler Abend. Burleske dramatische Revue in einem Vorspiel und 3 Bildern von Julius Freund und Wilhelm M a n n st ä d t, Musik von ver- schiedenen Meistern, arrangirt vom Kapellmeister Julius Einödshoser. Anfang V-8 Uhr. Morgen und die folgenden Tage: teilt sideler Abend Apollo-Theater und Konzert-Garten. Friedrichstr. 218. Dir.1. Glück. Nur noch bis 31. August Uenus anf Erden. Vits Reutter, Else Arevalo, Mr. Rudinoff und das erfolgreiche Programm. Kaffeneröfstning 61/, Uhr. Konzert 7 Uhr, Vorstellung 8 Uhr. Mittwoch, den 1. September: EröftllilgiierWlnttr-Tllisoll. Pollstündig neues austergewöhn- liches grostartiges Programm. Beginn TVa Uhr, Viktoria-Brauerei EUtzow- Strasse IU IIS nahe Potsdamer Platz, (Garten resp. Saal)! Täglich: Stettiner Sänger (Meysel, Pietro, Britto». Steidl, Krone, Röhl, Schneider und Schräder.) Zum Schluß: S t r a m p e 1 b r ü d e r. Ensemble vou Mcyscl. Anfang 8 Uhr, Entrec 30 Pf, Billets ä 40 Pf, und Familien- Billets k 1 M. nur im Vorverkauf. (Siehe Plakate.) Fahrräder können ein- gestellt werden, lls.8ininieI,NA� Spezialarzt f. Haut«.Harnleiden. 10-2, 5-7. Sonntags 10-12, 2-4, niblnisnn'z Vaudeville-Theater Schönhauser Allee 148, K a st a n i e n- A l l e e 97-99. Täglich: Im Reiche der Sirenen. Große Ausstattnngsburlcske mit Gesang und Tanz in 3 Abtheil, Ludwig Glaser, Humorist. Robert Dill, Operet.t-Sänger, Little Nannon, Miniat.-Soubr. Geschwister Erncsto, dopp. Seil. Barbarina's Ballet, Mrs, Trudy, Luftpotpourri. Kineiilatograph!(lebende Photogr.) neue Serien, Großer Ball. Anfang 4 Uhr. Entree 30 Pf. Gebr. Herrnfeld's I. Original- Budapester Possen- u. Operetten- Theater i verbleibt nach wie vo in Kaufmann'sVariete. Erzielt zur Zeit die grössten Triumphe und ausverkaufte Häuser mit dem Saison• Schlager |„Himmel auf Erden!' Montag, 6. September in Kauifmann's Variete | Eröffnung der Winter-Saison mit der hochaktuellen Posse „Im Wintergarten" sowie mit dem an Situationswitz unübertroff. Lustspiel „Im Atelier". Konzerthaus Sanssouci, Kottbnserstr. 4a, Jnh, H. Pierry. Heute, Mittwoch: Neui SingVögelchen. Neu: Singspiel iifl Alt von Jacobsohn. Musik von Hauptner, Ferner: Spezialitäten 1. Ranges. Anfang 8 Uhr. Entree 30 Pf. ADM"- Passe-partouts gelten,"TÄä Avis! Vom 1. September ab finden diese Vorstellungen Dienstag, Donnerstag und Sonntag statt, Msedr'LVsriete-'nisster Oranicnstr. 24. Mittwoch, den 1. September 1897: Eröffnung der Winter-Saison. Täglich: Theater- und Spc.zialitäten-Vorstellung. Der Galeerensklave. Schauspiel mit Gesang.. Die Mutter der Kompagnie, Schwank, Geschw, Bohrer, die besten Ver- wandlungsduettisten, Mr, Walther, Ncgcr-Excentric und andere, Anfang Wochend. 8 Uhr, Sonnt. 6 Uhr, Entrec in der Woche 25 Pf,, rescw, Platz 40 Pf, Sonntags-Entree 40 Pf,, _ rcfervirter Platz 60 Pf. 180b Schweizer Garten. Am Königsthor.(Haltestelle der Pferdebahn.) Am FriedrichShain. genes Riesen-Programm! Ein Sport-Fest in Wusterhausen. Gr, Ausstaitungs-Operetten-Burleske, Sarrasani's urkomisch dressirte Thier-Familie. Im Saale: Grosser Hall. Volksbelustigungen aller Art, Anfang 5 Uhr. Entree 30 Pf. ,|iy Im September ist nur noch ein Sonnabend zn vergeben. Loneertdilus Iieipzigerstr.Zi0.d8. SET Täglich;-WS Hoffmann's Quartett und Humoristen. Anfang Wochentags 8 Uhr. Entree: Saal und H, Rang 30 Pf., Sperrsitz 50 Pf,, Logen u, L Rang 1 M, W. Noack's Theater Brunncp-Strassc 10. Täglich: Konzert. Theatervorstellnug. Auftreten Svezialitätenküllstl.I.Rllngts Keuk Ken! Rosen ans dem Süden. Original- Burleske mit Gesang von _ W, G e r i ck e. DW- Jeden Sonntag, Montag, Dienstag und Donnerstag: im Saal: Grosser Hall. Medding-Park Müllerstrastc 178. G r. Garten- L-okalitäten, verdeckte Sommer-Kegelbahnen, Franz, Billards, Belustigungen aller Art, Kaffeelüche täglich geöffnet. � Jeden Donnerstag: Gv. Kindevfept mit Gratisverloosung. Jeden Sonntag: Frel-Konzert und Ball. M?uw°ch- Gesellschastsabellh. Auftreten des Konzertsängers Herrn Kroll, sowie deS Konzertpianisten Herrn A. Patsch.— Entrec frei. _ Wilhelm Trapp. Ostbahn-Park Am Küstriner Platz Eermann ImbS, Am Küstriuer Platz DS?- Täglich:-Wß Ksnzert, Theater- iinD Tpezialitäteil-Varstellinig. Heul Der Skummo uutr feiu Affe. 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