Ur. 230. Abomemeitts-Dedingungen: Wbonncmcntä- PretZ pränumerando! Vierteljährl. 3£0 Ml., monatt. I.lv M!.. wöchenllich 28 Pfg. frei wz Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntag»« Nummer mit illufirirler Sonntag»« Beilage«Die Neue Welt" 10 Pfg. Pofi« Nbonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Pofi- Zeitung». Preisliste für 1S97 unter Sir. 7437. Unter lkreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da« übrige Ausland 3 Marl pro Monat, Srschrlnl täglich mistet»onkng«. 14» Jahrg. Di« Inftttions- Kcbiihr beträgt für die fechSgefpaliene Kolonel« «eile oder deren Raum»0 Pfg., für verein»- und PerfammIungS-Anzeigen, sowie ArbeiiSmarlt 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bi» » Uhr nachmiiiag» in der Erpedition abgegeben werden. Die Erpedition ist an Wochentagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festlagen b!» 0 Uhr vormittag» geöffnet. Vevlinev VolKsblakt. Fernsprecher: Nmt I, Nr. 1508, Telegramm-Adresse: „Solialdemokrat Verlin". Dentvalorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Wed.lktion: 8V. 19, ZZeuly-Straße 2. Sonnabend, den 2. Oktober l89'7'. Spedition: 8V. 19. Zt-ttty-Straße 3. Die �Nphusseurhe in Obeefthlesion. Aus Beutheu i. O. kommen immer ungüustigere Nach richten. Alle Versuche, die Typhusgefahr für den ober schlefischeu Judustriebezirk abstreiten zu wollen, werden durä, die Nachrichten über die fortwährende Ausbreitung der Krankheit widerlegt. In Beuthcn selbst mit seinen 1238 Wohnhäusern bat die Seuche im Durchschnitt schon jedes Hans heimgesucht Denn die Gcsammtzahl der Erkrankungen betrug bis Mitte September schon 1448 mit 62 Todesfällen. In der Zeit vom 11. bis 17. September lagen in Beuthen allein 136 Personen an Typhus darnieder. Allein am 16. September, nachdem der Magistrat von Beuthen die bisherige Wasserleitung schon gr sperrt hatte, werden 32 Neuerkrankungen gemeldet. An ein Zurückgehen der Seuche in Beuthen ist also bei den dortigen Wohnnngsverhältnissen vorläufig nicht zu denken. Wohl aber schreitet die Krankheit in den Nachbargegendcn Bcuthcn's fort Zunächst wurden die Nachbarorte mit ihrer starken Arbeiter- devölkerung ergriffen, so Birkenhain und Scharley, deren Beivohucr an dem Streik in der Jennygrube bethciligt waren. Ganz besonders günstigen Boden findet die Seuche in den vielen Schlafhäuscrn des Jndnstriebezirks, deren sanitäre Bcr Hältnisse sie oft geradezu zil Brutstätten der Seuche machen In„Eintracht"- wie in„Friedenshütte" waren es jedes Mal die Echlafhäuscr der Arbeiter, in denen der Typhus ans gebrochen ist. Aber auch schon in fernere Gegenden ist die Seuche gedrungen, was aus den Erkrankungen in Königshütte und in Gleiivitz hervorgeht. Kurz, es ist nicht zu zweifeln, daß die Typhnsscuchc in Oberschlcsicn einen Umfang angenommen hat, die der Auf mcrkjanlkeit der Behörden in dringendstem Maße bedarf. Es ist auch seitens der Regierung in Oppeln sofort ein- gegriffen und im Einverständnisse mit dem Beuthencr Magistrat die bisherige Trinkwasserleitung gesperrt worden Aber man täusche sich über die Wirksamkeit dieser Maßregel nicht: Wasser allein ist nicht an den zahlreichen Typhus erkra», kungcn Schuld. Ter Grund liegt tiefer. Die obcrjchlesische Arbcitcrbcvölkerliug ist nicht mehr im stände, sich eine ausreichende Ernährung zu verschaffen. Die Sperre der deutschen Grenze vor russischen Schlachtthieren, der daran sich schließende Flcischmangel, die Theuernng der Fleischprcisc führten jene Nothlagc der Bevölkerung herbei, die sie sür das Eindringen des Typhus gewissermaßen präparirte. Diese Ansicht könnte äußerst„ketzerisch" erscheinen, aber sie ist es nicht, es wäre denn, daß die Fabrikanten OberschlesienS heutzutage auch schon zu den Hetzern gezählt werden müßten. Denn die Vertretung des obcrschlesischcn Uutcrnehmcrthums hat schon vor Monaten sich veranlaßt gefühlt, die Regierung ans die unausbleiblichen Folgen der Schiveinesperre ansmerksam zu machen. Ans einer Versammlung des„Obcrschlcfischcn Berg- und Hüttenmännischen Vereins" berichtete der Generalsekretär Dr. Wolly, daß es angesichts des im preußischen Landtag und außerhalb desselben immer von neuem erhobenen Verlangens zahlreicher Landivirthe, die Einfuhr russischer Schweine nach Obcrschlcsicn zu verbieten, wünschenswcrth erscheine, daß die Stellung der Montanindustrie in einer durch eine Deputation persönlich au den Reichskanzler zu überreichenden Eingabe dargelegt werde. In dieser Eingabe wird unter anderem nach gewiesen, daß in Oberschlcsicn die infolge einer Grenz sperre eiutreteude Verthcuerung in den Preisen für Schivcinc fleisch, Schmalz»nd Speck alsbald auch eine entsprechende Preissteigerung für alle übrigen Nahrungsmittel zur Folge habe, und daß die sehr bedeutende Verthenerung der Lebens Haltung von der obcrschlcsischen Arbciterbcvölkcrnng ohne erhebliche Beeinträchtigung ihrer Arbeitskraft und Gesundheit unmöglich getragen werden könnte. Also das Untcrnehnierthum hat die Regierung schon vor Monaten auf die gesundheitsnachtheilige» Folgen anfmerksam gemacht, die eine Schiveinesperre nothwendig im Gefolge haben müsse. Aber die im agrarischen Interesse erlassene Verordnungen nimmt man nicht so rasch wieder zurück. Man hörte nicht ans die Warnungen seitens der Unternehmer, man berücksichtigt nicht die Stimmung der Arbeiter. Die Streikbewegung, die zur Zeit unter der oberschlcsischen Jndnstriebevölkerung herrscht, ist ein deutliches Symptom für die bedrohliche soziale Lage derselben. Gerade in Beuthen und nächster Umgebung gährt und brodelt es schon seil Monaten. Kaum ist ein Aufstand nieder- gcknntct, da bricht an einer anderen Stelle ein neuer los. Und solche Gährung macht sich unter einer bisher so geduldigen, lenksamen und sparsamen Arbeiterschaft mit elementarer Ge- ivalt als Reaktion ans die verzweifelte Nothlage des Augenblicks geltend. Im Elend, angesichts des drohenden Typhusgcspenstcs, greisen die Arbeiter zu einem letzten Hilfsmittel, zum Streik, um wenigstens ihre Löhne bei der zu- nehmenden Verthenerung der Lebensmittel etwas in Einklang mit den Preisen zu bringen. Aber das patriarchalische Re- gimeilt hat auf diese Beivegnngen keine andere Antwort als Maßregelung und definitive Entlassung. So bleibt den Ar- bcitern nichts übrig, als den Typhus ungerttstct und un- widcrstandsfähig an sich herankommen zu lassen. Regierung und Unternchmcrthnm thun nichts, um die Epidemie erfolgreich zu bekämpfen. Denn die einzig wirksame Abwehr wäre die Beseitigung des Nolhstandes, der eine schwächliche, sofort sür Krankheiten empfängliche Bevölkerung schafft. Alle Maßregeln, wie Beschaffung besseren Trinkwassers, Absperrung der Kranken, Schließung der Schulen nützen nichts, wenn damit nicht eine Beseitigung der augenblicklichen Theuernng Hand in Hand geht, wenn in diesem Falle nicht durch sofortige Aufhebung der Sperrmaßregeln die Versorgung Oberschlesiens mit billigen Nahrungsmitteln ermöglicht wird. Es kann kein Zweifel sein, daß, um den Typhus wirksam zu bekämpfen, erst der Hunger gestillt sein muß. Und Hunger herrscht zur Zeit berschlesien. Die Preise für alle Lebensmittel steigen ist die Fleischnoth. Zum in Benthe» zur Zeit weil kein Antrieb von Und wenn einmal Vieh die Schweine; so z. B in rapid und geradezu unerhört theil können die Viehmärkte gar nicht abgehalten werden, Schlachtthieren vorhanden ist. markt ist, dann fehlen sicher ans dem Schlacht- und Fettvichmarkte in Beuthen vom 16. Septeniber, wo ganze 26 Rinder, 9 Kälber und 40 Schöpse, aber nicht e i n Schwein, zum Verkaufe standen. Aber solche» Thatsachen gegenüber verhüllt die Regierung ihr Haupt. Die Agrarier haben es erreicht, daß ihre Interessen um jeden Preis in erster Linie berücksichtigt werden, mögen dabei für die übrige Bevölkerung die uachtheiligsten Folgen entstehen. Sie haben die Sperrmaßregeln gewollt, der Landwirthschaftsministcr wie der Reichskanzler haben dem Drängen der Herren Plötz und Konsorten nachgegeben und die Folge ist zum mindesten die Hart näckigkcit der Typhnscpidemie in Oberschlesien. Und dabei ist das Verhalten der Regicrnngsbehörde der Krankheit gegenüber noch so eigenthümlich zurückhaltend. Anstatt die Bevölkerung über ihr Verhalten, über die Diät und die beste Art der Vorbeugung in der Presse zn belehren, beschränkt man sich darauf, nur die allcrnothwendigsten Schritte zn thun, zn denen die Wasserleitnngsspcrre bis jetzt allein hört. Es ist das Verhalten um so auffallender, als die gicrung zu Oppeln und die Polizeiverwaltuligen der ober- schlefischeu Städte just in der nämlichen Zeit, wo in Benthe» die Typhnscpidemie herrscht, ausführliche Belehrungen über die Eeflügclcholcra erlassen. Zum mindesten ebenso wichtig wie die Abwendung der Gcflügelcholera dürfte wohl die Beseitigung der Typhnsepidemie sein, denn hier handelt es sich um Menschen, dort aber nur um agrarische Günstlinge aus dem Thicrgcschlecht. Hat man aber über Haupt in den zuständigen Ministerien in Berlin nähere Kcnntniß über die Ausbreitung der Typhnscpidemie in Ober schlcsicil? Will man gegen ihr weiteres Wüthcn die geeigneten Maßregeln ergreifen, will man namentlich die Schiveinesperre möglichst rasch aufheben? Rasche»nd durchgreifende Maßnahmen sind nothwendig, hoffentlich erfolgen sie bald, ohne Rücksicht ans die engherzige» Interessen der agrarischen Volksaushiingercr. Dov Attsfall dev fiichfisrijen Uandknjiswahlcn endet bei denjenigen sächsische» Parteigenoffe», welche von vornherein gegen eine Wahlbeiheiligung waren, eine andere Auslegung, als sie der Vorwärts" und die meisten«»serer Parteiblälter zum ülusdruck gebracht haben. Sie stellen es so dar, als ob wir de» Wahlaussall als zn günstig angesehen hatten und als ob der Versuch, sich unter dem Dreiklasseu-Wahlsystem an der Wahl zu betheiligeii, mißglückt wäre. Weniger auffallend ist hierbei die Haltung der„Leipziger Volks zeltuug". Sie sagt:„Danach steht das eine sest, daß es der sozial- demokratischen Partei nicht einmal möglich gewesen ist. in der dritten Abiheilung ihresämmtlicheuWahlmänner durchzubringen." Sonderbarer ist die Lesart der Burgstädter„Volksslimme", ivelches Blatt früher stets 'ür Wahlbclheilignng eintrat, aber seitdem es unter neuer Redaktion leht, eine Schwenkung vollzog; sie schreibt:„Daß wir in der dritten Klasse gesiegt haben, verdanken wir lediglich demjenigen Theile unserer Genossen, die auch sonst ihre Pflicht thun. Die„hellen Haufen" aber, welche die„Vorwärts"-Rednkiion von Spree-Athen ans gesehen hat, lassen fünfe gerade sein und beiheiligen sich nicht. Im übrige» wäre es noch schöner, wenn wir im„rothen" Sachse» bei einer geheimen Abstimmung in der Klasse, wo die Arbeiter doittiniren, noch nicht einmal den Sieg erringen wollten Die Masse hat» i ch t m i t d e m S t i m m z e I t e l gegen die Drei- klasseuwahl protestirt, sondern durch die Nichtbelheiligung, indem sie von dem„Kuddel-Muddel", wie die Landleute sagen, nichts mehr wissen will." Hierauf ist folgendes zu sagen: Niemand konnte verständiger- weise erwarten, daß unsere„fämmllichen Wahlmnnner in der dritten Abtheilung" hätten durchgebracht werde» können. In der dritten Wählerklasse befinde» sich ungefähr 7S— 60 pCt. aller Wähler. Hätten wir die Majorität dieser Wähler für uns, so wäre doch— nach altem Wahlrecht— beinahe der ganze sächsische Landtag in unseren ■iände» gewesen. Thalsächlich aber gab es in den Kreisen, die jetzt zur Wahl standen, bei der vorigen Wahl im Jahre 1391, eine große Anzahl, besonders ländliche, wo wir so gut wie gar keine Stimmen erzielt hatten. Daß wir i» solchen Kreisen plötzlich die Majorität der Wähler und sämmtliche Wahlmänner hätten erhalten sollen, war ganz ausgeschlossen und es ist sehr einsichtslos, ans grund der Thalsache, das, dies nicht erreicht wurde, den Wahlanssall herabzu- setzen. Glaubt die„Leipz. Volksztg." damit etwa den Mißerfolg ihrer Taktik beschönige» zn können? Wenn die Burgstädter„Volksstimme" einen Unterschied niacht zwischen den Parteigenosse», die gewählt hätten und den„hellen Haufen", die zu Haus geblieben seien, so ist daS eine ganz nichtige Unterscheidung. Die Thatsacke ist. daß wir in den Kreisen. wo überhaupt eine stärkere Partei-Organisation besteht, die dritte Wählerklasse, die Masse der Wähler, ganz oder zum größte» Theil sür uns gewonnen haben. Sagt doch unser Burgstädtel Parlei-Orga» selbst und zwar in derselben Nummer, i» der es die obige schiefe Auffassung dieser Dinge ausspricht: „Aber so viel läßt sich sagen, daß im großen und ganzen d,e Sozialdemokratie die dritte Klasse beherrscht. Allerdings war die Belheiligung an der Wahl, besonders auf dem Lande, sehr gering »nd sank die Ziffer der Belheiligung oft unter 2ö pCLr., Jedoch, das eine ist zur Gewißheil geworden, daß die Majorität der Wähler, soweit sie zur Urne ginge», sich sür die Sozialdemo- kratie und gegen die Wahlentrechtler erklärt hat." Wir meine», daß dies ei» schöner Erfolg genannt werden darf, um so mehr, als auch bei früheren Wahlen die Wahlbeiheiligung nur eine verhältnißmäßig geringe war und nur i» ganz vereinzelten Fällen bv pCt. überstieg._... Wir können deshalb auch die Ansicht de?„Sächsische Volks- blatts" durchaus nicht theilen, welches schreibt: „Die Wahl in der drilte» Abtheilung hat fast überall da, wo es unseren Genossen gelang, Wahlmnnner aufzustellen, zu leidlichen, stellenweise z» sehr guten Ersolgen geführt, im übrigen ändert aber selbst das beste Resultat in der dritten Abtheilung nichts daran, daß es sich bei dieser Klassenwahl um die Wahl der Hoffnungslosigkeit für die Arbeiter gehandelt hat. Daß dies konstalirt wurde, war nach unserer Meinung nothwendig, die Probe aufs neue Gesetz mußte gemacht werden, sie i st ganz und gar gegen uns aus- gefalle n." Und die„Leipziger Volkszeitung" fügt diesem Urtheil hinzu: „So wird wohl bei vernünstiger Betrachtung der Situation überall, auch in den Kreise» der Partei genrtheflt iverden, die sich diesmal noch an der Wahl betheiligt haben. Für die große Masse der Wähler ist die Klassenwahl die Wahl der Hoffnnngs- losigkeit, das haben wir von Ansang an betont. Was in aller Welt aber hat dann die Betheiligung an den Wahlen unter diesem Wahl- system sür eine» Zweck?" Diese Frage kann die„Leipz. Volkszeitung" nur stellen, indem sie die Zwecke, welche die Majorität der sächsischen Parteigenossen mit der Wahlbelhciligung verfolgt, beharrlich zu ignorire» beliebt hat. Es kam nicht nur daraus an, eine Prohe auf das neue Wahlrecht zu machen. Alle Genossen i» Sachsen, höchstens mit verschwindenden Ansnahmen, waren, gleich der„Leip- ziger Volkszeitung" und dem„Sächsischen Volksblatt", überzeugt. daß Mandalsersolge nicht erzielt werden würden. Die Gründe der Betheiligung waren andere. Wir können hier nur ganz kurz noch- iiials daraus hinweisen. Einmal sollte die wichtige Gesetzgebung, die dem einzelstaallichen Parlament unterliegt, nicht der Aufmerksam- keit des Volkes entzogen werde»; die Dinge, welche die Ordnungs- Parteien im Landtage treibe», sollten dem Volk nicht gleichgiltig werden. Dies ist durch die Wahlbetheiligung thatsächlich erzielt worden und konnte nur durch eine Agitation, die auf die Wahl- belheiligung lossteuerte, erzielt werde»; in Leipzig, im besten Land- tagswahlkreise, hat ivährend der Wahlbcivegung nur eine einzige Protestversammlung stattgefunden, die Angelegenheiten des Land« tages sind dort in keineswegs genügender Weise propagirt worden. Dies macheu wir niemandem zum Vorwurf, es war bei dieser Taktik nicht anders möglich. I» Chemnitz und Dresden hatten wir dagegen eine monatelange inlensive schriftliche und mündliche Agi» tatio», wir sind mit der Masse eng und nachhaltig in Berührung gekommen. Bei der Länge der Reichstags-LegiSlaturperiode» ist dies gewiß von großer Bedeutung sür die Verbreitung und Befestignng unserer Ideen im Volke. Ferner aber hat unsere Partei mit der Betheiligung den Zweck verfolgt, daß die gewählte» Ordnungs- Abgeordnelen von vorn- herein stigmatisirt werden sollten als Abgeordnete nur der kleinen Gruppe der Wohlhabenden und Neichen, nicht des Volkes. Auch dieser Zweck ist i» den Kreisen erreicht worden, wo überhaupt unsere Partei schon eine gewisse Stärke erreicht hatte. Es ist ohne Zweifel ei» moralischer Erfolg ersten Ranges-- und die Erfolge der Moral spielen in der Politik doch auch ihre Rolle—, daß unsere Vertreter im Landtag den Erwählten der beiden Geld- sacks-Klasse» die Schimpflichkeit ihrer Herkunft bei jeder passenden Gelegenheit vorhalten können. So finden sich nun infolge der Wahl- belheiligung Anknüpfungen in Hülle und Fülle, um de» Kampf gegen das Dreiklassen- Wahlsystem wirklich fortzuführen. Wen» man, nach Leipziger Muster, so gut wie nichts thut gegen daS geschehene Unrecht, sondern Landlag, Negierung und Ordnungs- Parteien sich selbst überläßt, nützt man den Gegnern und erreicht nichts sür sich selbst. Wir sind daher der Meinung, daß der Nussall der sächsischen Laiidtagswahlen einen wirkliche» Erfolg für unsere Partei bedeutet. Hätte nicht Leipzig durch die Nichtachtung der Beschlüsse der Landes- konferenz eine große Verwirrnng in weiten Kreisen der sächsischen Genossen hervorgerufen und so die gcsnmmte Wahlbetheiligung in hohem Maße gestört und beeinträchtigt, hätte Leipzig vielmehr sich in Reih und Glied gestellt, so wäre die Bewegung noch weit bedeut» sanier geworden. Immerhin sind trotz der außerordentlichen Schwierigkeiten, die nicht nur von gegnerischer Seite bereitet worden, sondern selbst von seilen der eigenen Genossen, in den Bezirken, wo man ernsthaft in die Wahlagitation eintrat, sehr schöne Resultat« erzielt worden. Es ist eine bedeiitende Demonstration gegen die Einführung deS Dreillassen-WahlsystemS erreicht worden und es ist erreicht worden, daß in viele» Kreisen die bürgerlichen Wahlmänner ans der dritten Wählerklasse. der Klasse des arbeitenden Volkes, hinausgeworfen sind. Was aber hat man in Leipzig erreicht? Man hat erreicht, daß die Knrtellivahlmänner mit kleinen Wählerzisferu gewählt worden sind. weiter nichts! Etwas Positives, eine Aufrüttelung des Volkes ist nicht erreicht, die versprochene große Protestbewegung ist aus- geblieben. Alles in allem: Die Taktik der Majorität der sächsischen Landes« konferenz hat sich als die unter de» obivaltende» Umständen best« Taktik erwiesen. politische MebeeMzk. Berlin, 1. Oktober. Tcks Morinc-Septeuunt stößt auf recht energischen Wider- spruch natürlich nicht bei den Nationalliberalen, die sich ja sofort die Rnckzngslinie zu der Armee der unter allen Um- stanken Ja sagenden offen gehalten haben. Ernsthafter, wenn auch nicht zn ernsthast, ist der Widerspruch der Zentrums« prcssc zu nehmen. Dcisiießt doch bis zur Cchlußabstimmung des Reichstags über das Mariue-Scplcuuat noch geraume Zeit. so daß die Lieber, Bachem, Hertliug ihre Meinung ganz ivohl noch ändern können. Trotzdem ist es wichtig, festzuhalten, was jetzt die»Köln. Volkszeitung" schreibt: „Daß das Zentrum sich auf eine solche Vorlage einlassen sollte, halten wir für völlig aufgeschlossen.... Ei» solches Septennat wäre ein ctalsrcchllichcs Unikuin, trotz des Militnr-Eeptennats und Qninquennals. Für die einmaligen Ans- gaben auf sieben Jahre hinaus ein Pauschquantmn bewilligen, hiesie de» Reichstag an der wichtigsten Stelle um das Budgetrecht kürzen. Denn wenn er streichen und sparen ivill, so kann er daS im wesentlichen nur an den einmaligen Ausgaben lhun. Das Eepleimnt würde auch ein sehr einseitiger Verlrag sein; der Reichstag könnte nicht zurück, aber die Regierung wäre nicht gehindert, nach ein paar Jahren schon wieder mit neuen Forderungen zu kommen. Die Technik des Schiffsbaues macht ja noch fortgesetzt Fortschritte� nach kurzer Zeit wären vielleicht die Schiffe, die wir für das Jahr 1900 bewilligt hätten, schon wieder veraltet; es käme ein neuer Typ und ein neuer Kvslen-'llnschlag. Es genügt vollkommen, wenn alljährlich beivistigt wird, was nöthig und finanziell möglich ist.... Man wird keinem Einstchtigen wesdisputiien, daß die Rechnung des Herrn Tirpitz bedeutend größer ist als die seines Vergängers." In gleicher Meise äußerte sich die Korrespondenz für Zentrumsblätter. Wichtig ist auch, daß das heute mehr denn je einflußreiche Organ des Bundes der Landwirthe sich recht entschieden ab lehnend zu den Tirpitz'schen Plänen äußerte: Mit einer solche» Verstärlung unserer Flotte aber würden wir«in Mittelding zwischen einer Flolt« dritten und zweite» Ranges erhalten, welches unfehlbar auf die Ergänzung zum vollen ziveiten Range und somit zur vollen Stärke der französische» Flotte hintreiben würde. Eine Vorlage von dieser Bedeutung und Tragweite ist daher unseres Erachtens nnbedingl abzulehnen und das bisherige Maß der Bewilligungen für die Flotte völlig für deren Ausbau ausreichend.... So aber, wie die Dinge heute liege»,»ud»ach de» Hinweise», die i» der osfiziöseu Agitation für die Floltervermehrung statlgefnndcn haben, kann man mit größtem Recht ans das Auftreten iuiiner wieder neuer Pläne und Forderungen schließen. Das Reich aber hat mit seinen derzeiligen Ueberschiissen weit dringendere Forderungen zu be friedige». Erst wenn jene dringenderen Forderungen befriedigt und dauernde starke Ucberschnsse in einer Reihe von Jahren zu registriro» sind, vermag zu einer bedeutenden Eriveitcrung der Flotte geschritten z» werden. Bis dieser Moment eingetreten ist. ist das bisherige Tenipo der Flottenbeivilligungen ausreichend.»- Mit größter Energie wendet sich die„Frcis. Zeitung" gegen die finanziellen Experimente der Miqnel und Tirpitz. Wir entnchmcn diesen Anssnhrnngcn die folgenden Stelle» „... Ebenso unvereinbar wie mit den Verhältnisse» der Marine ist ein solches Seplennat mit der Finanzlage. Das Bild der Reichsfiiianzc» ist infolge der wechselnden Erträge der in direkten Stenern ein sehr veränderliches. Roch im Jahre lSSS verlangle die Regierung durchaus eine Tabalsabrikalsteuer von Mindestens SV Mlll, Mark, um die Ueberweisnngc» ohne Ptairiknlar- beiträgt nur bilauciren zu können. Di« neue Steuer wurde abgelehnt und im nachfolgenden Jahre habe» die Ncberivetsungen trotzdem Ueberschüsse ergebe» über die Matriknlarbeiträge... ... Gewiß, die halbe Milliarde, welche Herr Tirpitz verlangt, kau» schließlich durch Vermehrung der Reichsschntden gedeckt werde». Aber solche Abwälzung ans die künftige Generation ist am wenigsten angebracht bei Answendnngen für Schiffe, die in durchschnittlich 1ö bis 20 Jahre» wieder ihren Wcrlh vollständig etnbüße». Wohin mit der Abstchi des Marinc-ScpiennatS die Reife gehen kann, auch das hat seiner Zeil die„Nordd. Allgemeine Zeitung" offen enthüllt. Sie erinnerte an die historische Thatsache, daß man heule die Männer preise, welche in den sechziger Jahren„mnth voll a» die Durchführung ihrer Pläne entgegen der Bolls vertretmig gingen und es der Zukunft überließen, den parlamen- tarischen Streit z» schlichten". Damit deutele die.Nordd. Altg Ztg." eine Perspektive an, daß, wenn der Reichstag nicht willig der Marinevcrwaltimg folge, die Beschreitung eines verfassnngs- widrigen Weges, d. h. der Staatsstreich, nicht allsgefchlosseii sein dürfte. Bei den nächsten Reichslagswahlen wird es in der Haupt fache sich handeln im» den Kampf wider den Absolnlismtts, um den Schutz der bestehende» Siechte der Volksvertretung." Tie einhellige Verurtheilung der Mcirinc-Septeimats-Jdeeu scheint in Regieruiigskreiseu ernüchternd gewirkt zu haben, iveuigstcus spricht eine offiziöse Auslassung im„Hamb. Korr." dafür; instäudigst wird da gebeten, leine staatsrechtlichen Fragen anfzuiversen, und die ganze Sachlage so harmlos dargestellt als möglich. Freilich wer ans solche Worte etwas giebt, nachdem die in öffentlicher Reichstngs-Sitznng gegebenen Versprechungen des Reichskanzlers unerfüllt geblieben sind, der muß sich gefallen lasse», als nnersahrener Neuling in der Politik behandelt zu werden. Wie wenig Vertrauen in die Stabilität unserer Verhältnisse selbst das Organ des Herrn v. Bennigsen setzt, geht ans den sehr bemerkensiverthcn, hier folgenden Anssührungen des übrigens marinesrenndlichcn„Hannoverschen Korrespondenten" hervor: „In Herr» Tirpitz ist anscheinend der Staaissekreiär des Reichs-Mariiic-Amls gesunde», den Deutschland braucht. Sollte die Regierung wirklich, ivas wir nicht glaube», ein„Marine- Seplennat" im Sinne des Enge» Richter'schen Schreckgespenstes verlangen, dann müßte auch Staatssekretär Tirpitz s e in e B e st a l l n» g gleich bis 1S0S u n w i d e r r n s I i ch erhalten. Das ist nicht im Scherz, sondern i» bitterem E r ii st gemeint. Denn der Verbranch an Minister» wächst bei uns»ach ausländischen Mustern von Jahr zn Jahr, und das gilt sogar von dem Minisierinm, in dem eine stetige Enlwickelnng ohne häufigen Personenwechsel traditionell— sein sollte, vom Kriegs- »Nlilslcrinm..., Alles in allem genoininsit, die Gefahr, die dem Floilenplane des Slaalssekreiärs Tirpitz droht, liegt nicht in den von ihm ans- gestellten Fordcrniigcu, sondern in der Unsicherheit der gesammlen innerpolilischen Lage und i» dem in allen Parlcilager» vor- handene» Mangel an Vertrauen zur Regierung. Eine Vermehrung der vorhandenen Schwierigkeiien durch Forderung eines„Marine- Septennats" würde zweifellos zum Konflikt führen. Daß n ltrakonservalive Kreise ans einen solchen h i n- st e n e r», ist eine Thatsache, die sie selbst nicht mehr verheimlichen. Auch die weilergehendeu>Pläne und Hoff- nnnge», die man von dieser Seite an einen Konflikt und dessen Folgen knüpft, werde» ziemlich u n g e n i r t erörtert: e s w i r d eine Aenverung des Reichstags-Wahlrechts an» gestrebt. So lange Fürst Hohenlohe Steichskanzler bleibt, werden wir keinen Konflikt haben. Dies Eine steht fest. Aber eben deshalb drängt sich immer von neuem die Frage ans:„Wann wird er zurücktreten und wer wird sein Nachfolger sein?" Agrarier«ud Natioualliberale in trantein Verein zeigen in nmuschensiverthcr Deutlichkeit ihre wahre G e- s l.n n u n g über die Grundrechte des Volkes bei Gelegenheit des sächsischen Wahlergebnisses. Wir wollen über die Behauptung der„Deutschen Tageszeitung", daß die Sozialdemokratie schlecht bei dieser Wahl abgeschnitten habe, weiter kein Wort verlieren. Bezeichnend für die Leute um Plötz ist nur, daß sie den„Sieg" der Kartcllparteien auf grnnd des Dreiklassen-Wahlsystems mit Jubel begrüßen, sie, die kürzlich pathetisch ausriefen, daß sie st r e n g auf dem Boden der Verfassung stünden. Nun be- deutete aber die Aenderung des sächsischen Wahlrechts geradezu eine Veränderung der Grundlagen der sächsischen Verfassung, zu stände gebracht auf schein gesetzlichem Wege. Mail sieht also, was man von den„verfassungstreuen' Bnndlern in Hin- ficht auf das Reichslags-Wahlrecht zu erwarten hat. Und die preußischen Nationalliberalen stehen hinter den Agrariern nicht zurück. Mit Schmunzeln verzeichnen„National- Zeitung",„Magdeburger Zeitung" und andere, daß ihre Partei in Sachsen Mandate gewonnen. Ebenso sagt die„National- liberale Korrespondenz":„Mit berechtigter Genug- thuung verzeichnen die sächsischen Blätter als sicheren Ge- winn, daß dies nationallibcrale Fraktion von 16 auf 19, die konservative von 43 auf 48 Mitglieder steigen wird." Die nationalliberalcn Blätter reden dabei nicht von de» schimpflichen Bedingungen, unter denen allein jene Mandate gewonnen wurden. Sie zeigen damit aber zugleich ihr still- schweigendes Eiuverständniß mit solchen an Staatsstreich greuzenden Vergeivaltigungen der Volksrechte, wie sie in Sachsen verübt worden sind. Es ist recht gut, daß die arbeitenden Klasse» bei dieser Gelegenheit wieder einmal sehen, wessen sie sich von jenen Leuten, die vor den Reichstagswahlen von ihrem Respekt vor den Volksrechten reden, nach den Wahlen zn versehen haben könnten!— Wnnn finden die NcichStagSwahscil statt? lieber diese Frage ist ohne genügende Unleciage in der Presse sehr viel debatlirt worden. Veachtnng verdient jedenfalls die Meldung aus Altona, daß dort schon jetzt an die Ausstellung der Wahilisten für die Reichstngswahle» gegangen wird; sollte dies ans grnnd einer all gemeinen Anordnung der Oberbehörden geschehen, so muß man an eine» frühzeitigen Termin für die Wahlen gesaßt sein. Man mag mit einem solche» vielleicht andere Parteien unangenehm überrascheii uns sicherlich nicht. Zur ftsrage deS europäische» Gscichgewichtcs find die folgenden ÄuSführnuge» eincs angesehene» russischen Blattes von großer Bedeutung: Die Moskowslija WiedomoSki bespricht in einem Leitartikel das V e r h ä l t» i ß O e st e r r e i ch- U» g a r u S zum Zwei und z u ni Dreibünde und führt aus, daß die E» t w i ck e l n n g der s l a v i s ch e n Elemente in Oesterreich a l I in ä l i g z n e i» e r E n t s r e m d u n g v o m Dreibünde führen werde. Zwischen Oesterreich und dem Zweiblind« herrsche über die Baltanfragc leine dlvergirendeMeinung. Oesterreich sei ein Land des Friedens, das alimälig dem Zwei bnnd zugeführt werden dürste. Erwägt nian dabei, daß seit der Heirath des italienischen Kronprinzen mit der Tochter des von Rußland anSgehaltenen Fürsten von Montenegro die italienischen Beziehungen zu Ruß land eine bisher nie gekannte Wärme angenommen haben und auch das Verhältniß Italiens zu Frankreich sich erheblich verbessert hat, so muß man auch einen Austritt Italiens aus dem Dreibünde in den Kreis der Kombinationen ziehen. Unsere Militär- und Mamefanatiker werden ans diesen Erwägungen vielleicht den Schluß ziehen, daß eine solche militärische und politische Jsolirung des Deutschen Reiches die Pläne ausschweifendster Phantasie auf dem Gebiete des Militär- und Mariiicweseus als berechtigt erscheinen lassen müsse. ein größerer Jrrthnm, als«in« der Das Deutsche Reich muß gegen einen kontinentalen Großmächte unter allen ziehen. unter solchen Umständen das schon ohnedies über- Nichts wäre freilich artige Schlußfolgernng. Bnnd der vier anderen Umständen den kürzeren Ein weitsichtiger Poliiiker muß seine Gedanken nicht darauf richten, spannte System des Militarismus und Marinismns auf die äußerste Spitze zu treiben, sondern mit dem Systeme zu brechen. Und dies wäre keine gefährliche Politik, würde doch die Be völkeruiig aller unter den Lasten des Militarismus schwer cnszenden Völker eine solche Politik mit Freuden begrüßen. Freilich weitsichtige Politiker haben die herrschenden Klassen nicht nichr. Tic Situation in Spanien ist schwer zu entwirren. Selbstverständlich will niemand die undankbare Aufgabe über- nehmen, für die verfahrene innere und koloniale Politik die Verantwortung zu übernehmen. Die Konservativen möchten natürlich gerne den Liberalen das undankbare Geschäft, den Staatsbaukrott auch formell einzngesteh«» und auS den Nieder- lagen auf den kolonialen Kriegsschauplätzen die un- abwendbaren Konsequenzen zu ziehen, überlassen. Die Liberalen haben ebenso wenig Sehnsucht, alle Schuld auf sich zu nehmen, als sie im stände sind, in den Körles die Politik der bisherigen Regierung zn billigen. Da die eiserne Faust Canovas' die zahlreichen Fraktionen, in die die spanische konservative Partei zerfällt, nicht mehr zusammenhalten kann, da ferner die Mißstuiimnng gegen die Politik der Regierung eine allgemeine ist, so kann das Kabinct Azcarraga sich in, Parlamente nicht halten. Ein anderes konservatives Kabinct habe aber bei der Uneinigkeit der zahlreichen Führer dieser Partei keine besseren parlamentarischen Aussichten. Da nun die Liberalen genug Leute haben, die trotz der fürchterlichen Situation in Spanien noch immer nicht die Begierde nach Ministerportcsciiillcs unterdrücken können, dürfte wohl ei» Kabinet Sagasta zu stände kommen. Die ersten Thaten dieser neuen Regierung würden sein die Abberufung des unpopulären Generals Weyler aus Kuba, die Verbannung der konservativen Parteiführer nach wohldotirten Botschafter- postcn in den europäischen Großstädte», die Anstösnng der in hrer Majorität konservativen Cortcs und die Äusschrelbung von bald vorzunehmenden Neuwahlen. MiuisterkriflS in Athen. In der Sitzung der griechischen Depinirlenkammer am Freitag legte Minineipräsidenl Natt i die Friedensbedingnngen vor. Dieselben, so sühne er ans. seien sebr schwere; die Kriegsentschädigung übersteige die Kräfte des Landes »nd die wirklichen Ausgaben des Feindes. Durch den Vertrag werde eine Finanzkontrolle eingesübrt, die Privilegien der gricchischen Unlerlhanen in der Türkei würden durch be» Vertrag beeinträchtigt, und, um dem ganzen die Krone anfznsetzen, seien die Vertragsbedingungen vollstreckbar ohne Rücksicht ans vorherige Rati- ikaiion derselben durch die Kammer und den König. Wen» die Stunde der Verantwortung schlagen werde, werde das Ministerinm zn seiner Rechlfertignng nur anführen, daß die Bermiltelung der Mächte unumgänglich war, weil die vorherige Annahme dieser Vermiltelnng als Bedingung für die Niederlegnng der Waffen gestellt war. Nach Larissa hätte nur noch ein Wahnsinniger die Fort- etzung des Krieg«? wollen können. Nachdem die Vermittelnng der Mächte angenommen gewesen sei, seien die Feindselig- leite» bei Vclestino, Tomoko und Gribovo wieder aufgenommen worden, wofür der Türkei die Verantwortung zufalle. Ralli ver- langte nicht, daß die Kammer den Verlrag annehme, aber daß sie ein Vertrauensvotum abgebe und ihre Arbeiten vertage. Nachdem das besehte Gebiet von den türkischen Truppe» befreit und der Vertrag vollstreckt sein wird, wird da? Werk des KabinetS beendigt sein. Delyannis unterzieht alsdann die Art, mit der Ralli die Vertrauens- frage stellt, einer Kritik;»nglücklicherweise seien die Friedens- bedingnngen exeknlorisch; der Friedensvertrag sei beschwerlich aber anfgenöthigt; erwürbe wünschen, daß das Ministerinm nicht die Vertrauensfrage stelle, die Ausführung des Vertrages könne Anlaß zu Aerwickelnnge» geben. Wir dürfen nicht die Verantwortlich- keit des Ministeriums ans uns nehmen. Hierauf stellte Ralli die Vertrauensfrage. 41 Abgeordnete enthielten sich der Stimmabgabe, wodurch sie gegen das Hervortreten von Parleizwist in der gegenwärtigen Krise protestiren wollten; 93 Abgeordnete stimmten gegen, nur 30 f ü r das Knbinet. Darauf gab das Ministerium seine Entlassung. Ob Delyannis wieder an die Spitze des neuen KabinetS treten wird, scheint zweifelhaft. Er, der den Krieg erklärt hat, wird nicht gern den traurigen Frieden unterzeichnen wollen. Wahrscheinlich wird einer seiner Anhänger, man nennt besonders Zaimis, den Borsitz des neuen Ministeriums übernehmen. Für den Friedensabschlnß wird die Aenderung in der Re- giernng kaum von größerer Bedeutung sein, da jedes Ministerinm, heiße es wie es wolle, unter de» gegenwärtige» Verhältnissen ge- nöthigt ist. den Frieden abzuschließen. Nach der„Intern. Corresp." veabstchtigt König Georg nach Unterzeichnung des Friedens eine N a l l o» a l v e r s a in m l u n g eiiiznbrrufeii, welche, so wünscht der König, eine neue Ver- f a s s un g beschließen solle. Es besteht der Wunsch, die gegenwärtige Verwirrung zn einer Beschränkung der Macht« Vollkommenheit des Parlamentes und zn einer Ver- mehrung der Kronrcchte zn benutze»; bcsonders soll die Unabsetzbar- keit der Beamten der öffentlichen Sicherheit und der Rechtspflege ver- sassnngsmäßig jeslgelegt werden. Daneben soll der Eniflnb des Paria- mentS auf das Heerwesen und die Flotte völlig beseiligt »nd allen in Dienst stehenden Mililärpersonen das altive und passive Wahlrecht für das Abgeordnetenhaus genommen werden. Auch denkt man daran, nebe» die Kammer einen obersten VertrelungS- lörper, einen Senat oder K r o n r a t h zu setzen. Das griechische Volk dürste sich trotz seiner schwierige» Lage eine solche reaktionäre Ausgestaltung seiner Verfassung nicht leicht gefallen lassen. Die freie Verfassung des kleinen Älaalsivesens trug ivahrlich nicht die Schuld an seinem Unglück.— TentscheS Nclck>. — Ueber unser handetSpolilischesVerhältniß zur Nordamerika nischenUnion schreibt anscheinend ossiziös die„Köln. Jtg.": „Der i» der Form ziemlich unklaren Nachricht, Amerika beabsichtigte. Teutschland den Abschluß eines Gcgeiiseitigkcilsverlrages vorzuschlagen, wird in der Presse zn viel Bedeutniig beigelegt. Allem Anscheill nach kann es sich bei diesem Gedanken nicht in» einen das ganze Vcrtragsgebict umiassenden Vertrag Handel», sondern nur um die Auwendnng der amerikamschen Zollgesetzgebung, nach welchem Stapel geiviffer Artikel Nordamerikas begünstigt werden können. An sich sind diese möglichen Begünsti- gnngen so eng gefaßt, daß sie einen erheblichen Vortheil gar nicht darstellen; nndererseilS ist aber die Slinvendung dieser Begünstigniigs- klauscl an solche Bedingungen geknüpst, daß praktischer Werth ihr kaum zuzusprechen ist."— — Reichskanzler Fürst Hohenlohe und die S o» n t a g s r n h e. Einige Bebientcnbiäiier und andere Zeitungen, die„uiienlivegl" gegen die Sonntagsrnh« kämpfen, kolporlirien unlängst ein Histörchen von einer polizeiliche» Feststellung des Fürsten Hohenlohe und des Stnllgarier Oberbürgermeisters Rümelin, die bei einer Ueberlreinna der Sonntagsruhe mitgewirkt haben. Natürlich wurde daS Gcschichtchen dazu benüht, um zu beweisen, daß man die Sonntagsruhe abschaffen müsse, und daß niemand die erschrecklich vielen sozialpvliiische» Gesetze im Denlschen Reiche im Kopfe be- halten könne. Run ist aber, wie daS„Badeblalt, amtliche Fremden- list« von Bade»- Baden" und die amilichen Eihtbimgen deS Sachverhalies seslstelleli, die ganz« Geschichte von Anfang biS zu Ende— erfunden.— — D e in Verherrlicher der Hohe»zollern. In Dresden ist am Geburlshause Treilschkc's letzlhi» eine Gedenktafel mit Büste von deu Nationalliberalen angebracht worden. Dazu schreibt„Der Kamerad", daS offizielle Organ des sächsischen Militär- vereüis-Bundes:„Heinrich v. Trcilschke ivnrde in Dresden am Id. September 1331 als der Soh» eines hochverdienten sächsische» Offiziers, des späteren Gencrallieulenanls und Festung?- kommandanlen v. Treilschke gebore» und trat 1866 im ganz in preußische Dienste, auch mit seinem Herzen seiner Denk- und Schreibweise— ein politischer Er vertrat nnnmekr— preußischer denn je ein Preuße— mit aller Schärfe seiner glänzenden den schroffste» parliknlaristisch-prenßische» Siandpnnkt. «nd mit Renegat l geborener Darstellung Ohne Rück- ficht aus seinen allen, in hoher Slellung befindlichen Valer und ohne Milleid für sein engeres nnglückliches Vaterland, welches gerade in dieser Zeit so schwer lilt, forderle er in seiner Schrift:„Ueber die Zukunft der norddenlschen Mittelstaaien"(1866) nicht nur die Entthronung des edlen KöiiigS Johann und der ganzen Dynastie, ondcrn auch die völlige Einverleibung Sachsens in Preußen. Da- neben gedachte er des Königs Johann und des Kronprinzen Albert mit so wenig ehrerbietigen Worte», daß die ganze Veröffentlichung den Charakter einer recht bedauerlichen Schmähschrift annahm... Die Treilschkebüste inmitten der sächsische» Residenz ist zugleich ein Denlmal sächsischer vorurtheiisloser— Gemüthlichkeit." Chronik der Eise nbahn-U» fälle. Die„Köln. Zeitung" meldet ans Ohligs: Ans den, Bahnhofe Wald cntgleiste» heule Nacht von«inei» Güterzuge die Lokomotive und 3 Wage». Personen sind leicht verletzt.— — Der Umgang mit Menschen im Postdienste. In der Vteichslags-Sitzung am 30. Januar d. I. ivar Genosse Singer in der Lage, eine Verfügung des Postdirektors in Ober- Hanse», S ch ü ß I i n g, zu pnbliziren, i» der von den Unlerbeamlen ui der denkbar ordinärsten Weise gesprochen wurde. Ausdrücke, wie Ochsen",„stinkend saut",„Lümmelei",„ Stück R i n d v i e h", und ivas dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr ivaren, wurde» von dem Herrn Postdireklor seinen Untergebenen an den Kopf geschlendert. Tie Hoffnung, daß die öffentliche Brand- inarkmig seines Umgangs! ones de» Herrn Posidirektor zu einer Aenderung seines Belragens beivcgen und baß die Postverwailnng de» Herrn sich etwas aufs Korn»ehmen würde, bat sich nicht erfüllt. Die„Deutsche Postzlg." veröffenllichl i» ihrer Nr. 19 vom 1. Oktober eine ganze Kolicklion von iiiusdrncken, mit denen der genannle Herr diesmal seine Beamten belegt hat. In Gegemvart von Beamten« personal»nd Pnblikuni fuhr er am 11. v. Mls. ans dem Bahnhof den Postassistculen I. mit„Rhinozeros".„Dämel", „Schafskops" ii. f.>v. an; dem Aussichlsbeamten Postassisteiiten H. empfahl er an demselben Tage mehr Energie an unler der liebenswürdigen Bezeichnung:„Schlafmühe". Einem anderen Beamten, der die Pausen am Telegraphenapparat zu seiner Weiler- bildniig beii ntzle, drohte er:„Ich hätte große Lust, Ihnen das Buch a» den Schädel zu werfe». Austritte ähnlicher Art drücke wie„Schweinerei' liegen nur so umher. Wird Herr v. Podbielski Handiverk endlich zn lege» i möglich gewesen z» sein.— — In der Beleidigungsklage Leopold's von Belgien gegen den Rcdakienr des„Hamb. Ectio" siebt am ll. Oktober Termin a». Es wird dann i» erster Linie die Frage, ob der Strasautrag rechtsgiltig gestellt ist, zur Erledigiing kommen müssen.— eg«n den Negier ungSentw u rf bezüglich der ärztlichen Ehrengerichte, der im nächste» Winter an den preußische» Landtag gebracht werde» und den bisher freien Arzt einem Disziplinarrecht unterwerfe» soll, nach ivelctiei» iu leizler Instanz abhängige Regiernngsbeamte entscheide»,»t»»»l die„Voss. ig." in eindringlicher Weise Stellung: solle» sich häufig wiederholen. Au?» .alle San",„altes Ferkel" Veranlassung nehmen, dem Herrn daS Herrn v. Stephan scheint es nicht ..Wer sich«mbildek, die Sler.zti seien über die Gefahr er- habe», ivege» ihrer politischen Gesinnung von einein Beauftragten eines Oberpräsidenten angeklagt und von einem Ehrengerichtshof, dessen Mehrheit vom Minister ernannt ist, vernrtheilt z» werden, für den enthält die Geschichte, allerdings keine Lehre». Mit iiiecht aber ist gesagt worden, Gesetze habe man nicht im Gesnhl der Ver- tranenssetigkeit, sondern mit schlechten Zeiten und schlechten Men- fche» vor Äugen zu machen. Man soll auch die Regierung nicht in Versuchung fähre». Man soll ihr nicht die Mittel geben. Mit- glieder eines freie» Standes zu verfolgen. Es können Zeiten kommen, in denen eine Regierung schwach ist und sich der an sie hcrantretendcn Anforderungen nicht zu erwehre» weiß. Die Aerzte, die jetzt nach Ehrengerichten schreien, binde» sich eine Ruthe, mit der sie vielleicht selbst einmal gezüchtigt werde»; denn die Welt ist rund und muß sich drehen, und niemand iveisi, wer in zehn Jahren am Ruder und an der Gewalt ist. Niemals war es nöthiger, die Freiheit vorsichtig zu schätze», als heute. Wenn aber wirklich die Aerzte, statt sich«in- »uiihig gegen diesen Gesetzentwurf auszusprechen, seine Annahme förderten, dann träfe auf sie das Tacitei'sche Wort zu, daft sie wetteiferten, ihre Freiheit preiszugeben: Huers in senritium(stärzeu sich selbst ins Joch)."— — Agrarisches Knownothingthu m. DaS Organ („Korrespondenzblatt") des„Bundes der Laudivirthe", richtiger der Grobkornwucherer, schreibt in beziig aus unseren»enlicheu Artikel „Nieder mit dem Grosikornwucher!': Aus dem Umstand, daß die Getrcidepreise in Deutschland eine Zeit lang sich nicht so rasch gehoben hätten, wie ans dem Welt- markt, namentlich in Cbikago, erhelle, daß der Termin- Handel, der jetzt in Deutschland verboten ist, in Chikago zc. aber noch besteht, an dem Steigen der Gelreidepreise schuld sei. und nicht die Kornzölle. O heiliger Plötz.' Aber haben die Herren Großkornwucherer nicht gerade deshalb den Terminhandel abgeschafft(oder abschaffe» wollen), weil er, ihrer sinnreichen Vorstellung»ach. ans jüdischer Bosheit gegen die edelherzigen. an der Börse höchstens versuchsweise spekulirenden Junker die Gelreidepreise künstlich herab drückte! Hätte die Börse das vermocht, was jetzt das ostelbisch« Jnnkerhirn sich von Chikago einbildet, das heißt hätte sie die Gelreidepreise z» Thenernngshöhe hinaufgetrieben, die chrisllich-germanischc Plötz- Garde wäre den Terminhändlern mit inbrünstiger Zärtlichkeic»m de» Hals gefallen. Nein— es ist, wie wir sagten: nur die eghptische Finstcriiib m de» Junkerschädeln schuld daran, daß agrarische Demagoge» und die von ihnen genassührten Laiidwirlhe eine Zeit lang unter dem Weltniarklpreis ihr Getreide verkaufen iniißlei,. Das ist übrigens ei» Pech, das manchmal auch den bürgerlichen Klein kornwnchcrern zustößt. Herr Plötz kann sich also trösten. Was endlich die Wirkung der Kornzvlle betrifft, so hat dieser Herr von seinen„Versuchs".Börse»sperulationcn ivohl noch so viel übrig, daß er einmal»ach Brüssel fahre» ka»». Dort Halle er sich acht Tage lang ans und notire seine Wirthshaus- rechiinngen sowie sonstige» Ausgaben und vergleiche sie mit den Berliner Preisen. Er wird finden, daß in Brüssel alles, und besonders alle Lebensmittel billiger sind als in Berlin und andere» deutschen Städten und zwar im Betrag von mindestens L0 pCl. Was hier eine Mark, kostet dort einen Frank. Die Differenz — das sind die LebenSmittel-Zölle, welche die Belgier sich nicht haben aufhalsen lasse». Begriffe». Herr Plötz?— Die AmtS-ntsetzung deS O r t 8 v o r st e h e r s Schultz- in Nahniitz wegen..Begünstigung sozialdemokraiischer Bestrebungen" findet Billigung bei de» Organen, welche alleS gul befinden, was gegen die Sozialdemokratie unternommen wird, gleich- gütig, ob es gesetzlich ist oder nicht, ob es den verfolgten Zweck er- reichen kann oder nicht. So sagt die„K r e» z- Z e i t n n g": „Ein öffentlicher Beamter hat die R e ch t S p f I i ch t. jede Handlung zu vermeiden, die der Würde seines Slmtes nicht enl- spricht, und wenn er dieser Pflicht nicht genügt, so hat das Disziplinargericht die Aufgabe. Remednr eintreten zu lassen." Vernünftige Blätter urlheilen natürlich anders, so schreibt z. B die„Germania": „Soll in solcher Weise etwa der Kampf gegen die Sozialdemokratie geführt werden, daß man die Leute obdachlos zu macheu sucht? Und dann bedenke man einmal die Kons«- q Uenzen einer Auffassung, wie sie das Urlbeil des Kreis- ausschusses enthält. Die Stadt Berlin ist Eigenlhümmn einer größeren Anzahl von Gebäuden, in dene» durch den Magistrat Wohnungen vermiethet werden; es ist nicht zu bezweiseln. daß unter den vielen kleinen Leuten, die zu den Mietheru gehöre», auch Sozial- demokrale». vielleicht sogar sozialdeuwkratische Agitatoren sind. Will man deshalb gegen de» Berliner Magistrat oder den betreffende» Dezernenten desselben ein- Disziplinaruntersuchung einleile»? Hal Nicht auch jeder Prion tm an n Nachtheile zu sürchten. der durch Bermiethen von Wohnungen an Sozialdemokraten sich wegen Be- günstigung der Sozialdemokratie bei der Behörde„politisch ver- dächlig" macht? Kann nicht auch der Wirlh mit' Konzessious- entziehung bedroht werden, wenn er«inen Saal zur Abhaltung von sozialdemokratischen Versammlungen vermiethet? Solche Art des Kampfes gegen die Sozialdemokratie laust schließlich auch ans eine Förderung derselben hinaus, und da müßte man, wenn mau die letzten Konsequenzen ziehe» will, auch die B e a in t e n disziplinarisch zur Rechenschafl ziehe», welche durch Mißgriffe der Sozialdemokratie förderlich sind." — P r e u ß i s ch e G e m« i n d e f r e i h e i t. Verschiedene deutsche Städte, darunter auch einige preußische, haben zur Untersuchung der Lage der ärmeren Bevölkerung ihres Berichts fogeuaunte soziale Kommissionen eingesetzt, die den Gemeiudekollegien bei Er- örterung sozialpolitischer Angelegenheiten der Gemeinde mit ihre» Ersahrnugen zur Hand zu gehen haben. In der Rheinprovinz ist die Bildung solcher Kommissionen von Regicrungswegeu einpiohlen worden. Was drüben am Rhein und' in Süddeutschland die Rechts- und Gesellschaftsordnung nicht aus den Fugen bring», das ist aber in der P r o v i n z Sachsen gesetzwidrig. In Naumburg an der Saale eiklärte der Oberbürgermeister Kraatz die Einsehung einer Kommission zur Vor- und Durchbcralhung sozialpolitischer Angclegcnheite». soweit diese die Stadt betreffen, für ungesetzlich, weil die Stadtverordneien-Bersamnilung sich mit Politik nicht zu befassen habe. Der Stadlverordnete S ch w a rz- dach, der die Sache angeregt hatte, wandle sich nun an den Ober. Präsidenten Herrn v. P o in m e r- E s ch e und dieser antwortele nach vier Monaten zu Ungunsten des Anfragenden. So geschehen in demselben Slaate, der bekanntlich einst„an der Spitze der Sozialreform" marschirt«! — D e r bayerische Etat bilanzirt mit 872 167 Sgö M., d. i. gegenüber dem Budget für die 24. Finanzperiode mehr 26 611 090 M. Die Einnahmen sehen sich zusammen nnS 24 000 M. außerordentlichen und 372 143 595 M. ordenilichen. Unter letzteren beziffern sich die direkten Stenern auf 32160 006 M.(-1- 538 000 M). Erbschaslestenern und Stcmpelabgaben 28 508 200 M.(+ 2 040 000 Mark). Zölle und indirekte Stenern 36 699 530 M.(-1- 4 643 430 M.). Bergwerk?-, Hüllen- und Salinenaefälle 7979973 M.(-s- 470911 Mark), Staats- Elsenbahnen 143 694 690 M.(-i- 17 698 469 M.). Post- und Telegraphenverwaltnng 31022 606 M.(-1- 3 993 793 M.), Leistungen der pfälzischen Eisenbahnen 300 000 M.(4- 300 060 M.); Mnidcreinw'hmen ergaben die Grundgefälle von 6 028 800 M. s— 1 136 808 M). Forst-, Jagd- und Tristgefälle 30550800 M. (— 714 200 M.) nnd der Etat für Oekonomien und Gewerbe 2 206 771 M.(- 140 412 M.). I Die Ausgaben setzen sich znsauunen auS 861 604 532 M. ordentliche» und 16 563 063 M. außerordenllichen. Mehransgaben erfordern insbesondere die Siaatseisenbahne» mit 99 121 879 M. (4- 13 437 869 M.), Post« und Telcgraphenverwaltung 28 657 895 M. (->- 3 743 350 M.), die Etats des Juflizmiuisterinms 16 819 929 M. (4i I 284 630 M.). des Ministeriums des Innern 24 402 377 M. (4- 1020 641 M.). des Kultus- Ministeriums 27 782 974 M. (4- 1452 530 M.), der Etat für Reichszwecke 56537 960 M. (4- 4 603 654 M.). der Pensionsetat 10 232 316 M.(4- 1 316 638 M.). Minderausgabe» ergeben sich für de» Etat der Staatsschuld, der sich aus 47 845 410 M.(- 3 113 340 M.). stellt.— — Den Spitznamen Maulkorb-Präsident verdient wohl der von Liberalen und Klerikalen gemeinsam gegen die Stimmen der Sozialdemokrale», Banernbündler und Freisinnigen erwählte Präsident der bayerische» Zlbgeordnetenknmmer, Walther; hat er doch in seiner Daukesredc nach seiner Wahl gesagt: „Die bayerische Kammer dürfe sich glücklich schätzen, eine Geschäftsordnung zu besitzen, die es ermögliche, Ausschreitunge» vorz»b«llgen." Ein Gmdarmerie-Korporal hätte daS auch nicht besser treffen können.— — Die bayerischen Banernbündler haben einen Antrag ans gänzliche Aushebung der Bodenzinse eingebracht.— — Chronik der Ma j e st ä ts bel e id i g un gS- Prozesse. Wegen Majcsiätsbeleidignng verhaftet wurde in Potsdam bei Ankunft des Zuges Berll'n-Brandenbiirg ei» Passagier, der mit einem andern Reisenden während der Fahrt in einen Wortwechsel gerathe» war und sich im Verlause desselben einer Majestcktsbcleidigung schuldig machte.—_ — Der Kolon talrath dürfte voraussichtlich Ende dieses Monats, spätestens in den ersten Tagen des Novembers, zu einer Sitzung einberufen werden.— Oesterreich. Wir», I. Oktober. Der dem Neiclisralhe heute unterbreitete Stanisa n schlag für 1893 weist«in Gesuinmtersordcrniß von 715 920 827 st.(ca. 1200 Millionen M.), eine Gesamnilbedeckung von 719 900 282 fl, somit eine» Uebersctniß von 8 979 455 fl. ans, ivelcher de» vorjährigen lleberschnß um 8 963 017 fl. übersteigt. Hierbei ist die voraiissichlliche Steigerung des Ansivandes für gemeinsam« An- gelegrnheiten bereits»ach Möglichkeit berücksichtigt. Das Gesammt- crforderniß nbelsteigt das vorjährige um 26 776 126 fl. die Gefammt- bedeefimg erhöhte sich gegen das Vorjahr effektiv um 30745 I43fl.,>vovo» ans die Erhöhung der direkten Steuern 8 762 900 fl, auf die Er- höhnng der Zölle 4 122 344 fl. und aus die Erhöhung der indirekieii Abgaben 9 234 266 fl. enlfalien. Die Einnahmen ans dem Lotto verminder» sich um 349 000 fl., dteienlge» auS dem Staalsbahne»- Bclriebe erhöhen sich»in 5 562 280 fl. Das Jnvesliliviis- Präliinennre für 1893 beansprucht»ello 27 655 730 fl., gegen das Voijahr mehr 2 363 540 fl. Unter den Jnvestitioncpoften sind hervorzuheben: für Kasernenbanle» für die Landwehr in Talmatien und Gnlizie» und für neue Elsenbahnlinien insbesondere in Galizieu und Dnlmaiie» 6 803 000 fl. und für Fahr- bcirieb-inatcrial(erste Rate eines Gefaminterfordernisses von 10 220 000 fl.) 8 407 300 fl.— Wien, 1. Okiober.(Magdeb. Zlg.) Das klerikale Zentrum hat den andein KlnbS der Reckten einen Antrag ans Einsetzung eines parlamentarische» Ehrengerickls unterbreitet, vor welcke» Abgeordnete, die beleidigende Aenbernugen thn» oder fonstivie die Würde des Pnrlainenles verletzen, zu stellen wäre». I» besonders schweren Fälle» soll das Ehrengericht den MandalLvertiist aussprechen könne». Der Vorschlag hat wenig Änssicht ans Verwirklickiing.— — Eine du in nie Mystifikation. Die„Wiener All- gemeine Zeitung" brachte Samstag aiis Lemberg ein Telegramm, wonach„der Obmann dxs sozialdeuiokralischen Vereins, Dr. Dianiand, dem Ministerpräsidenten Grasen Bade»! anläßlich des Duells seine liefst« Theilnahnie ausgesprochen Halle". Di« Nachricht war, wie für jeden denkenden Mensche» klar ist, selbliverstnndlich ersunde». Da eine Reihe sonst vernünftig redigirler Zeilnngen im Reiche auch diese falsche Millheilnng gebracht haben, nehmen wir Anlaß, vor- stehendes Denienli zu reproduziren.— Frankreich. ParlS, 80. September.(Eig. Ber.) Nach mehrmonallichem Schivaiiten hat sich endlich die Regierung enlschlofsen. de» General- g o u v e r n e u r v o» Algerien. Jules C a>» b o n, des Amtes zu enthebe n. DaS ist ein Erfolg der korrupte» opportunistische» Abgeordneten Algeriens»nd der algerische» Phosphatschwindlcr, welch' letztere gleich nach dem Regierungs- antritt des KabinclS Meline vor dem Sirasrichter gerettei worden ivareu. Cambon ist ei» weißer Rabe ii» opportnnistiichen Beamte»- personal. Während seiner sechsjährigen Verwatlung kämpfte er lapfer gegen die Machl des algeiiichen Ülbgevrdiicie». Klüngels, der sich in der Hauptsache auf die»nknltivirte jüdische Wäiilerschaft nützle. Die Mißwirthschaft hat schließlich innerhalb der ein- gewanderten franzvflichen Bevölkerung eine stalle antifemitisch- radikale Strömling hervorgernie», was i» den letzten Jalpen i» der Wahl von drei opposilionelleii Adgeordnelen nnd eines opposiiioiiellen Senators zum Ausdruck kam. Tie Wiederivaht der vier nnuilleriell- phosphalistischen Abgeordneten im nächste» Frühjahr war um so ernstlicher bedroht, als Cambon die Eiuschmuggelnng einer großen Anzahl nicht nnturalisirtcr Juden i» die Wählerliüe» rückgängig gemacht balle. Nu» mird der ehrliche Beamie und mit ihm die Jnieressen der algerischen Volksmasje dem Wahliiileresf« einiger ministerieller Depnlirte», worunter die auch im Südbnd»- Schwindel kompromitiirlen Abgg. Elienne und Thomson, geopfert... Herr lvteline wollte nun eine brutale und dabei doch willig seine» Befehlen gehorchende Faust an die Spitze der algeri- sche» Verwaltung setze». Er ernanme, nnd zwar ganz oistziell durch ein im Amtsblalte veröffentlichles Dekret des Präsidenle» der Republik, znm neuen Generalgonvernenr Herrn Lvzs, den ehe- maligen stupid-brulalen Polizeipräfeklc» vo» Paris(Tödlung Rnger's 1893 während der Attacke der Zentralbrigade» auf die rada»- machenden Stndcnle»), der selbst von einem Dlipuy abgesetzt werden »ilißte. Seither hal er sich, zum Bolschaslervoste» dinansgeschnellt, auch als total unfähiger Diplomat gezeigt. Thnt nichts! Ilm die Wiederwahl der Etienne und Tbouiso» mit de» schäbigste» Mitteln zu sicher», ist Loze gerade der richtige Mann. Nun ist aber der ganz erstannliche Fall eingetreten, daß Herr Lozo»ach der Publikation im Amtsblatle sich weigert, den ihm zu- gedachten Posien auch anzniiehnnui. Also selbst einem Lozo märe die ihm vo» Melius zugedachle Aufgabe zu schimpflich und zu»»ehren- Haft. Das Kabinel Meline ist so a»fs gründlichste blainirt. Die Freunde des Kabinels fürchte» die algerischen Debatten in der Nationalversammlniig. Jedenlalls hat Herr Lozö seinem Meister den schlechtesten Dienst getha»!— PariS, I. Oktober. In der Näh« der kürzlich vom Geniekorps nenerbaute» Adour-Brücke bei TardeS explodirt« eine Bombe. Der Sachschaden ist unbedelitend. Polizeiseelen vermulhen wie iminer einen anarchistischen Slnschlag. Die hlukendeu Bolen stelle» solche Dinge in der Regel weit harmloser dar.— — Der französische Minister d«S A e n ß« r n H a n o t c>» x hat dein Premierminister Lord EaliSbnry voigeschlage», wiederum Konunissnre zur Prüfung aller zwischen Frank« reich und England noch schwebenden westafri- l a» i s ch e n F r a g e n zu ernennen, um diese Fragen der«nd- giltige» Erledigung zuznführe». Die britische Regieriing ist gleichfalls vo» dem Wunsche einer befriedigende» Lösung dieser fragen beseelt nnd es ist ivahrscheinlich, daß die beiderseitige» Koni- missare an einem nahen Zeilpnnkie zusanniieiilrete». Italien. Ron», 28. September.(Eig. Ber.) Da? M i n i st e r i n m R ii d i n i neigt iimuer mehr nach rechts. Der Anstritt des Unter- Staatesekretärs R o n ch e t t i und der G a l t b« r t i s aus dem Ministerium und die Ernennung Codron chis zum Unterrichts- iiiiilister sind die Marksteine dieses Zuges nach rechts. I» eine günstigere Position hal Rudini sei» Ministerilim damit nicht gebracht, denn die Gruppen Zanardelli nnd C a v a l l o t t i sind dadurch gestärkt worden, sie werde» sofort bei Eröffnung der Kammer de» Kampf beginnen. Die Uedernahine des Unterichtsministeriums durch Codronchi, eines»»gebildeten, brutalen Kraftmenschen. hatsehrbösesBliit selbst in den Reihe» der Konservative» gemacht. Wen», wie es heißt, die beiden oben genannten Slaalsminister durch I n s i n a t o und I a n i er- setzt werden sollten, dann wäre der Marsch R nd in i's nach recht? ein vollständiger nnd»nverhnllter. Die letzte i» Beziehung zum Ministeriilm noch verbleibende linke Gruppe besteht darauf, daß das Unterrichtsministerinm an Prof. M a r i n e l l i abgetreten werde, an einen Mann, der sich durch großes Wissen auszeichnet. Andererseits muß zugegeben werde», daß der iiiiwisseiide, brutale Codronchi, der geeignetste Vertreter des in Italien herrschenden Unterrichts- Systems ist. I in b r i a n i' s Znstand ist hoffnungslos, für den polttlfchen Kampf ist er für immer verloren.— Spanien. — Der spanische Kreuzer„Destructor" wird während der Dauer der Verhandluiige» über die durch die Riss- piraten bervorgerilfene» Schwierigkeilen zur Verfügung des spanischen Gesandte» in Tanger gehalten werden. Wie ans maurischer Quelle gerüchtiveise verlautet, sind die auf Freilassung der Gefangere» gerichteten Unterhandlungen des Gonverueur' Stell- Vertreters erfolgreich.-- Asten. - Vom indischen Kriegsschauplatz. Nach einer Meldung des„Reuter'schen Bureaus" ans Simla hat der Emir von Afghanistan Befehl erlheilt, alle Führer des Afridi- Stommes, die in Kabul erscheinen sollten, festzunehmen.— Aus P e s ch a>v u r wird dem„Reuter'schen Bureau" gemeldet, die Afridis hätten ans eine bengalische Kavallerie-Patrouille in der Nähe von Barra geschossen; ein Mann der Patrouille sei getödtet worden.— Afrika. Mombasa, 1. Oktober. Die ersten 100 Meilen der neuen Ugauda-Eisenbahn find ausgebaut.— Amerika. — DieVerein igte»Staate ilundderknbail ische A u f st a n d. Mac Kinley soll gegenüber einem ihn befragende» Senator erklärt haben:„Bisher habe» wir an Spanien weder ein Ultimati»» gerichtet, noch ihm die Zeit vorgeschriebe», binnen deren es auf Kuba den Zustand des Friedens wieder herstellen soll. Unser Vertreter in Madrid. General Woodford, war angewiesen, den Spaniern die eiserne Hand vorläufig noch in einem S a in m e t h a n d s ch u h darzureichen. Wir werden also abwarten, ob man in Madrid den Wink verstanden hat." Be- zngiich der Stimmung in de» Vereinigten Staaten erklärte der Präsident:„Es war mir gelungen, daL Repräsentantenhaus und den Senat während der letzten Session von weitergehenden Veschlüssen bezüglich Kuba's noch zurückzuhalten, ob mir das noch ein zweites Mal gelingen wird. erscheint mir zweiselhast. Bereits aus 19 Staate» liegen mir Erklärunge» vor, wonach man eine fernere Zilrückhaltnng gegenüber den kubanischen Wirren als eine Un- erträglichkeit ansehen würde." ei- IT fcrfi«m* Für de» rhen, Ische» Wahlkreis Krefeld wurde in einer Parteiversamiulung in Krefeld der Genosse Molke»buhr mit großer Mehrheit als R e i ch s t a g s- K a n d i d a t aufgestellt Bei der Landtags, vahl in Snalfeld.siegte der Gegner über unseren Genossen Hofmann mit nur �6 Stimmen Mehrheit(bei der vorige» Wahl mit 13 Stimme»). Wie unser dortiges Bruder- orga». vns„Vvlksbl.'tt" millheilt. haben ca. 120 Arbeiter. die in der List« stände», nicht gewählt, und mindestens 500 Arbeiter hatten versäumt, die meiningische Slaatsangehörigkeit zu erwerben. Um- gekehrt liegt die Sache in G r ä s e n t h a l- L e h e st e n und S l e i n a ch. L a u s ch a, wo unser Kandidat mit wenig Stimmen Mehrheit den Sieg errang. Bekanntlich entscheide» auch bei den Reichstag? wählen oft»ur wenige Stimmen den Sieg. Da die Zllsauimensetznng des nächsten Reichstags für die politischen Verhältnisse von besonderer Wichtigkeit sein wild, so empfiehlt es sich, bei der Agitation schon jetzt daS Hanpigewicht mit darauf zu lege», daß, wenn der Wahltag gekommen, keiner unserer Anhänger der Urne fernbleibt, Polizeiliches, Gerichtliches:c. — Was die beutsche I u ft i z alles fertig bringt. Das Schöffengericht i» Cchlawe(Hinlerpommcrn) hat den Schuhmacher Herrinann ans Kösli» wegen gewerbsmäßiger Verbreitung von Dructschrislen(er halte in verschiedenen Orlen den„Pommer", eine periodische Drilckscheisl. verlheill) zu drei Wochen Haft ver- nrtheilt. Ist schon die B.ruriheilung zu Haflstrase befremdlich, da nach§143 der Gewerbe-O>d»»»g»nr ans Geld straf« erkannt werden darf, sür welche im Unvermögeiisfalle Haststrafe tritt, so iiiiiß noch mehr Staunen die eigenartige Begründung des Urtheils erregen. Bei Abmessung der Straf«, so beißt es in dem Uriheil, war als erschwerend zu denickfichligen, daß der Angeklagte im Dienst einer Partei steht, welche auf be« Umsturz der bestehenden Gesellschaft mit allen erlaubten nnd unerlaubten Mitteln hinarbeitet, nnd daß die vertheille Drnckschiifl sich offen als eine sozialdemokratisch« bekennt, serner ganz besonders, daß der Angeklagte, der in Kösli» wohnt und dort da? Schnhiiiachergewerbe betreibt, eS u»ter»ommen hat, daL Gift der Sozialdemokratie in einer bisher noch»in berührt gebliebenen Stadt zu verbreite». Der Angeklagte erscheint somit als ein gewissenloser und geni ei»gefährlicher Agitator, der, anstatt seinem Gewerbe» a ch z u- gehen, Unfrieden nnd Gehässigkeit in ruhigen Bevölkern ngsklassen verbreitet. Mag er selbst auch von der Vortreffiichleit seiner Partei überzeugt sein, soll er doch die Bevölkerung einer Stadt, die nichts von fein«in Treiben>v i s s e n will, i» Ruhe lasse». Daß ma» jeniand, schreibt der Steltiner„Volksbote" mit Recht, der nichts weiter getha» hat, als eine sozialdemokratische Druck« schrift zu verlheite», die im übrigen gar keine» strafbare» Inhalt hat, als einen gewissenlosen Und geineingesährlichen Agi- lator bezeichnet, daS ist einfach unerhört. ES gehl das Gericht auch garnickls an, ob Heriman» das Schnhmachergeiverbe betreibt oder das„Gist" der Sozialdemokratie in der noch unberührten Stadt verbrettet. Unberührt ist Schlawe aber nur nach Annahm« des Ge- richis. I» Wirklichkeit sind schon bei der letzte» ReicbStagSwahl in Schlaive soziätdeinvkratische Schrifle» abgegeben worden, und wir köiinen versichern, daß auch jetzt die Bevölkerung die sozialdemo- kratischen Schriften sehr gern genommeii»nid noch mehr verlangt bat. Das Geucht ist also aus dem Holzwege, wenn es glaubt, die Be- völkenuig wolle von dem Treibe» nichts wissen. — Im Prozeß der Venvallmig der Böllberger Mühle gegen da? ,.V o l k s b l a l t für Halle" war der verantwortliche Re- daktcnr Genosse M a n n i g e l wegen Beleidigung zu einem Jahre Gefängniß vernrtheilt, der als angeblich eigentlicher Thäter mit- angeklagte Redakteur Genosse Adolf Thiele freigesprochen woroen. Mannigel legte gegen seine Vernrthsilnng und die Staats- anwallschaft gegen die Freisprechung Thiele's Revision beim Reichs- gericht ei». Das Landgericht in Halle hatte festgestellt, daß Thiele nicht der Redakteur war, der die gesetzliche Berantivortlnig für die Artikel gegen die Böttberger Mühle zu trage» hatte. Bei der Revision des Staats a» ival ts handelte es sich nun um die Frage, ob sür den Inhalt einer periodischen Druckschrift strafrechtlich derjenige verantivortlich ist, der seinen Namen als den des verantwortliche» Redakteurs auf das Blatt drncken läßt, oder derjenige, der die Redaklionsarbeit regelmäßig oder zeitweise besorgt. Der Ober-ReichLanwalt beantragte die Verwerfung beider Revisionen. Di« Frage sei noch immer umstritten, ob ver- antivortlicher Siedakteur der sei, dessen Name mit seinem Willen ans dem Blatte steht, oder der, welcher thatsächlich redigirt. Er, der Ober-S!eichsaiiwalt, würde sich für die erste Alternative«nlscheiden, de»» es fei sehr schwer zu entscheiden, wer die verantwortliche Redallion wirklich ausgeübt hat. Nach dem Zusammenhange des Preßgesetzes werde"im§ 7 unter dem veraiitworllichen Redakteur etivaS anderes verstanden als im§ 20. Wen» der EtaatSanivalt in[eiiici RevisionS• Schrift meine, als verantwortlicher Redakteur habe der zu gelten, der maß- gebenden Einfluß aus die Zusammenstellung des Blattes ausübe, der die meisten Artikel schreibe so komme man damit ins Nebel- hafte. Ein Plenarbeschluß über die Streitfrage sei jetzt nicht er- forderlich, da die thalsächliche Feststellung, daß Mannigel verant- wortlicher Redakteur sei, nicht beanstandet werden könne. Wenn Maunigel in seiner Revision rüge, daß der Rechtssatz ne bis in idem (wonach mau nicht zweimal wegen derselben Sache bestraft werden kann) verletzt sei, so gehe diese Beschwerde fehl, da die Beleidigung, wegen deren der Angeklagte jetzt verurlheilt ist, eine andere Thal sei als die Boylottirung der Böllberger Mühle.— Das Reichs- gericht verwarf beide Revisionen, indem es sich in der Hauptsache den Ausführungen des Ober- Reichsanwalls anschloß. — Durch eine Miltheilung über die Behandlung von Dienst- mädchen sollte der verantwortliche Redakteur der„Sächsischen Arbeit e r z e i l u n g". Genosse N i tz s ch e in Dresden, den Wildprethändler S u ch y beleidigt haben. Das Schöffengericht er- kannte aus Freisprechung, da Genosse Nitzsche den Wahrheitsbeweis führte. Dagegen ivurde er wegen Beleidigung des Wander-Theatcr- Direktors Unger zu SO M. Geldstrafe und tOO M Buße ver- urtheilt, iveil er»ach dem„Pirnaischen Anzeiger"— einem Amts- blatt— mitgetheill halte. Unger, der im Konkurs ist. fei durch- gebrannt.— — Wegen angeblich öffentlicher Verbreitung eines Fliigblatls hatten die Parteigenossen!k l e in e n t, Breede und B r a ch in Kaiserslautern Strafmandate empfangen, die für ersteren aus 6 Tage Gefängniß und 30 M. Geldstrase, für die beiden letztere» aus je ta M. Geldstrafe lauteten. Das Schöffengericht sprach alle 3 Gc- noffen frei. GemevKfi�Aftlidies. Berlin nnd«mgebnug. In dem Rechtsstreit der Buchdrucker Gasch. Seliserth, " r e s s i». H» t h und K» n a t h gegen deii Zenlralvorstand des Verbandes der Deutsche» Buchdrucker betreffend den Ausschluß der Genannten aus dem Verband wurde gestern das Urtheil publizirt. Die Kläger, welche ihren Ausschluß für statutenividrig und soivohl formell wie materiell für unzulässig halten, wollten bekanntlich im Wege der Zivilklage den Verbands- vorstand zwingen, ihre Mitgliedschaft anzuerkennen. Das Gericht wies die Kläger ab. Es hielt die formellen Einwände der- selben für unbegründet und erachtete de» Ausschlnß aus materielle» Grüudeu für gerechtfertigt, indem es sich namentlich auf de» fj 1 des Verbandsslatnts berief, welcher u. a. sagt:„Zur Erreichung des Verbandszwcckes dienen insbesondere:.... strenge Durchführung und Aufrechterhaltung der vom Vorstand des Verbandes als maß- gebend anerkannte» Bestimmungen in bezug auf Arbeilspreisc und Arbeitszeit."— Eine solche Bestimmung im Sinne dieses Para- graphen sei die Tarifgemeinschaft. Indem die Kläger gegen dieselbe agilirt haben, hätten sie den Zwecken des Verbandes zuwidergehandelt, und sei der Ausschluß also ein rechtmäßiger. Die Zuschrift der Firma Bcswa»«. Knaner wird von den Rabitzputzer» dahin richtiggestellt, daß ei» Theil der dort Beschäftigten, denen die Forderung bewilligt worden war. die Arbeil doch mit niederlegten, um ihre» schlechter gestellten Kollegen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Das Spandauer GemerkschaftSkartell beschloß in seiner letzten Sitzung, die für den letzten Banarbeiterstreik ausgegebenen Listen wieder einzuziehen, da der Streik beendet ist. Die englischen Zlchl- stundentag« Kämpfer sollen nach Kräften unterstützt und zu diesem Zwecke Sammellisten herausgegeben werden. Regelmäßige Sitzungen sollen a» jedem Dienstag nach dem 8 stattfinde»: aiisterdcm sollen Exlrasitzungen jederzeit je nach Bedarf einberufen werden. Mit Enl- fchuldiguug fehlte der Dclegirte der Brauer. TcntschcS Reich. Eine Zentralhcrberge beabsichtigen die Nürnberger Gewerk- schafte» demnächst nach dem Muster des Stuttgarter Gewerkschafts- hauscS ins Leben zu rufen. Als Platz ist die Gegend dicht am Bahnhof im Zentrum der Sladt in Aussicht genommen. Bei der GcwcrbcgerichtSwahl in Debschwitz erhielten die Kandidaten der Arbeiterpartei in der Klasse der Zirbeitnehmer sämml- liche abgegebeneu Stimmen. Die Arbeitgeber brachten es in ihrer Gruppe auf drei Stimmen. Schwerste Strafe dem. der seinen Nächsten an freier Arbeit hindert. Unter dem Eindruck dieses Ausspruchs ivird der Kampf gegen die Gewerkschaste» geführt. Die eine» wolle» das bischen Koalitionsrecht, das den Slrbeitern zusieht, durch neue Gesetzes- bestinunungen verkümmern, die ander» suchen die gleichen Ziele durch kniffliche Auslegung der bestehenden Strafbestimmungen gegen die Arbeiter zu erreichen. Infolge von Denunziationen seitens Arbeitgeber hat jetzt die Hamburger Staalsamvaltschaft, die be- kanntlich während des großen Hafenarbeiterstreiks großes in freiheitswidriger Auslegung des§ ISZ der Gewerbe- Ordnung leistete. Anklage» ans diesem famosen Paragraphen gegen gewerkschaftlich organisirte Arbeiter erhoben, die von ihren Mitarbeitern forderten, sie sollten dem Geiverkschaftsverband beitreten, nnd, falls sie sich weigerten, dem Arbeitgeber er- klärten, mit nnorganisirtcn Arbeitern wollten sie nicht zusammen arbeiten, sondern lieber auf die Zlrbeit verzichten. Die Hamburger Staatsanwaltschaft deduzirt dabei: der Zivcck der Gciverkschaften ist die Erstrebung besserer Lohn- und Arbeitsverhältnisse. Dieser Zweck ist von den Mitgliedern verabredet. Wenn die organisirte» Arbeiter nun sagen, sie lvotten mit Unorganisirle» nicht arbeiten, so ist das eine Herabsehung der Unorganisirle» in der Zlchtung derMit- menschen, also eine Ehrverletzung. dnrchdiedieUnorganisirtcuveranlaßt werden sollen.andenimStalutderGcwerkschafle» sixirten Verabredungen theilznnehmen, was nach tz 153 Gewerbe-Ordnnug strafbar ist. Nta» darf begierig sein, ob dieser, zumindest recht moderu-jilristischen Jnterprelationskunst der Anklagebehörde die Hamburger Gerichte beitreten werden. Bisher sind von den erhobenen Anklagen noch keine zur gerichtlichen Verhandlung gekommen, jedoch steht für Ende Oktober schon Termin in einer solchen Sache an, so daß der Richter, der über die Eröffnung des Hauptverfahrens zu be- schließen hatte, der Auffassung der Staaisanwaltschafl beigetreten fei» muß. Das hailscatischc Obcrlandcögcricht hatte über eine Revision zu verhandeln, die von den» verantivortlichen Redakteur des„Hain- burger Echo", G. Wabersky, gegen ei» Urlheil des Landgerichts Hamburg eingelegt ivar. Wabersky»var»vege» Vergehens gegen tz 153 der Geiverbe-Ordnung zu 14 Tagen Gefängniß vcrurtheilt. Die Verurtheiluug»var erfolgt ans grund eines»vährend des Hafen- arbeiterslreils aus dem Leserkreise eingesandten Sprechsaal-Artikels, in dem den Söhnen einiger Hamburger Schausteller vorgeivorfen»vnrde. sie machten Streikbrecherarbeit. Das Obcrlandesgericht verrvarf auf Autrag des Oborstaatsamvalls die Revision als unzulässig mit der Begründung, daß zivar die thatsächliche Feststellung deS landgericht- licheu Urlheils, für die»veitere Gründe nicht angegeben seien, zu Be- denken Anlaß gäbe, da aber die Feststellung genüge und das Urlheil auf thalsächlichem Gebiet einer Nachprüfung des Nevisionsgerichls nicht unterliege, sei auf Verwerfung der Revision zu erkennen gewesen. Die Streikenden der S t ö w e r' scheu Fahrradfabrik in Stettin haben in einer Versammlung beschlossen, dem Fabrika»>ten einen ausgearbeiteten Lohntaris vorzulegen. In diesem Tarif sind die bisher gezahlten Löhne um 10— 15 pCt. herabgesetzt. Die Streikenden sind aber geivillt, aus diese Forderung zu beharren. Der Fabrikant halte für einige Theilarbtile« Älbzüge bis z» 50 pCt. angekündigt. Wie nnmotibirt oft Lohnabzüge gemacht iverden, zeigt wiederum der Ausstand der Arbeiter in den„Vereinigten Gummi- waarensabrikcn" in Harburg. Im letzten Geschäftsjahr erzielte ! die Gesellschaft einen Reingeivinn von 1 300 000 M., d. h. pro Ar- beiter berechnet, Halle ieder 1000 M. zu diesen Geschäflsrcveuuen beigetragen. Damit scheine»- nun die Leiter des Unternehmens, vor allen» Herr Senator M a r e l, nicht zufrieden zu sein, denn den " Beranlivorllicher Redakteur: Anglist Jarobry in Berlin. Für i Arbeitern der Abtheilung, in der die Fahrrad- Mäntel hergestellt werden, wurde eine Lohnreduktion von nahezu 48 pCt. zugemnthet. Den Arbeitern»vird deshalb in der Ablvehr dieser Zumuthnug in iveite» Kreise» der Bevölkerung lebhafte Sympathie entgegen- gebracht. Tie Kammmacher der Firma Dentrich u. Purfiirft in M o h s d o r s bei Burgstädt haben die Arbeit eingestellt. Die Ar- beiter verlangten 30 Pf. Stundenlohn,»vährend ihnen von» Fabri- kanten nur 25 Pf. gewährt wurde». Zuzug ist fernzuhalten. Ans dem schlcsischr» Bcrgrebicr. Der Ausstand auf der Hohenzollerngrube endete mit einem Siege der Arbeiter, denen die geforderte Lohnerhöhung beivilligt ivurde. Die Belegschaften anderer Gruben verlange» dieselbe Lohnzulage und sind entschlösse», diese durch Ausstände zu erkämpfen. Veranlaßt ivurde die Beivegung durch die rapide Steigerung der Lebensmittelpreise. Wie»veiler gemeldet»vird, ist auf der Grube„B a» k o w a" bei Sosnowice ein allgemeiner Ausstand ausgebrochen. Anstand. Zum Kampfe der englischen Maschinenbaner. Die Aus- sichten aus eine Verständigung der streitenden Parteien sind»vieder einmal näher gerückt. Die Maschinenbauer haben sich zu Ver- Handlunge» auf Anfrage des Arbeitsamtes bereit erklärt. Di« Unter- nchmer befinden sich in einem Dilemma: die eine Richtung neigt dem Frieden zu, die andere, an deren Spitze der Hauptmann D y e r und der d e u t s ch e R e s e r v e l i e u t e n a n t Siemens, möchten gern den Kamps»och eine Zeit lang hinziehen, um die Geiverk- schafl verbluten zu lafsen. Jedenfalls scheint Neigung vorhanden zu fein, in Unterhandlung zu trete», aber unter geiviffen Be- dingungen. Die Unternehmer»vünschen, daß die Frage der Arbeitszeit und des Lohnes in der Provinz ganz unberührt bleibe und nur verhandelt»verde über die Bedingungen, unter denen die Londoner Arbeiter»vieder zur Arbeit zurückkehren sollen; i» der Provinz soll zu den alten Bedingungen die Arbeit»vieder auf- genomine» iverden. Der„Daily Chronicle" nach zu urlheilen, herrscht unter denjenigen Unternehmern,»velche den Achtstundentag beivilligt haben, große Erbitterung gegen die großen Betriebe, iveil diese iede Firma boykvtliren, die deu Arbeilersorderunge» nach- gegeben habt. In C a r l i s l e haben eine Anzahl Firmen ihren Arbeitern gekündigt. Im ganzen befinden sich jetzt in» Ausstand: Maschinen- baner 24 000; Mitglieder anderer UnionS 10 000, Nichtorganisirte 8000 und Hilfsarbeiter 14 000, zusammen 56 000 Mann. Der Malcrstrcik in Christiania nimmt eine» für die Gesellen sehr günstigen Verlauf, indem 67 Meister ihre Forderunge» an- genommen haben und diesen jetzt die ganzen Herbstarbeiten über- iviesen sind. Die übrige», eliva 100 Meister, haben vergebens ver- sucht, aus dem Auslände Arbeitskräfte herbeiznziehe». Da sie aber fehr kapitalkräftig sind, iverden sie den Kampf noch eine Weile aus- halte» könne». In Lord Penrhyn'S Steiubrnchc» in B e t h e s d a droben neue Unruhen ansznbreche». Bei dem nach elsmonaligem Streik erfolgten Friedensschluß hatte sich der Unternehmer verpflichtet, alle früher bei ihm beschäftigt gewesene» Arbeiter wieder anfziinehmen. Von seinen Aufseher» sind aber jetzt einige Arbeiter znrückgeiviese» wordeu. Eine Deputation der Arbeiter»vird sich zu Lord P e n r h y» begeben, um mit ihm zu unterhandeln. Soziales. Schwere Schäden für die Arbeiter kann auch eine Periode wirthschaftliche» AufschivungeS mit sich bringen, das merken eine ganze Reihe von Arbeiterfamilie» jetzt in Brandenburg a. H. Von dort»vird uns darüber geschrieben: Eine ganze Anzahl von Fabriken haben schon seit einige» Jahren sehr guten Geschäftsgang, so daß fortgesetzt der Betrieb erweitert und ganze Schaar«» von Arbeitern herbeigezogen ivurde». Daneben sind mehrere nene Fabriken errichtet»vorden,>vo hunderte von Arbeitern mit der Herstellung von Fahrräder» beschäftigt»verde». Da aber Zlrbeilerivohnungen >n größerer Zahl nicht gebaut sind, sind die früher leer stehenden Wohnungen längst vermiethet und es ist jetzt ein so fühlbarer Mangel an Wohnungen, daß von einer schiveren Wohnungsnoth gesprochen iverden kann. Die miserabelsten Kellerlöcher, Beischläge auf den Hausbödcn u. f. w.»verde» hock bezahlt; eine Anzahl Wohnungen, deren Räumung die Polizei vor mehr als Jahresfrist verlangte,»veil sie außerordentlich ungesund sind.werden noch immer beivohnt, nnd die Be- Hörde duldet es, iveil sich die Bewohner ein anderes Unterkommen nicht beschaffen können. Mehrere Familien Hausen in leerstehendei» Ställen. Aber selbst so»niserable, menschenunwürdige Unterkommen haben nicht einmal alle Familien erhalten können. Im letzten Quartal »vare» zwölf obdachlose Familien von der Behörde in einer den» Fiskus gehörigen Reitbahn untergebracht, Ivo man eine Anzahl Bretterverschläge hergestellt hatte. Da alle Familie» sehr stark waren—»veisen doch die Hanspaschas zu- meist Leute mit vielen Kinder» ab— diente der nur mäßig große Rnun» mehr als 80 Menschen zum Aufenthalt. Ein Beweis, daß man es hier mit unverschuldeter Roth zu lhun Halle, ist, daß sämmtliche Männer in Arbeit standen. Zum I. Ok- tober verlangte iiiin die Militärbehörde die Räuniung der llleiibahn. Jnsolge dessen ist de» Leuten, die bis dahin keine Wohnung ge- siinde» habe», ein aller Pferdestall zur Wohnung angewiesen. Da die Zahl der obdachlosen Familien gewachsen ist, müfsen sich 18 Familien in dem Rani» znsainnienpserchen lasse». Auch hier sind Verschlüge hergestellt. Dieselben sind aber so eng, daß die Leute kaum Platz haben, ihre Sache» und Betten auszustelle». Um den Verschlag zu erwärmen, muß sich jede Familie einen Ofen beschaffen, für dessen Abzugsrohr sie sich ein Loch durch die Wand schlagen kann. Der Stall ist bis vor einigen Tagen für Arlillerie-Pserde benutzt worden; da er für diese zu schlecht war, sind die Thiere in die Ställe einer von einem Privalunlernehiner gebaute» neuen Kaserne gebracht ivorden. Eine Belegung des Bodens mit Brettern findet nicht statt, vielleicht um de» Leuten den Anfeilt- halt nicht zu angenehm zu machen, so daß sie im Suchen nach einer Wohnung nicht»achlasse». Der auS Manersteinen bestehende Fußboden»veist tiefe Riffe auf»nd ist, wie das bei einem fort- während benützten, inindcsiens 50 Jahre stehenden Stall selbst- verständlich ist, vollständig durchjanchl, so daß im Raum ein sckienß- licher Geruch herrscht. Wird erst in einer Anzahl von Oese» geheizt, ist es sicher vor Gestank darin kaum anszuhalte». Es»väre geradezil»vunderbar, wenn nnter den viele» Kindern, die i» deni Stall Hansen müssen, keine Krankheiten ausbrächen. Für diese„Wohnung" muß jede Fainilie monatlich 10 M. Miethe zahlen. Für das Mitgefühl, welches Angehörige der besitzenden Klasse solchem Elend entgegenbringen, zeugt der Umstand, daß trotz lebh'ster Be- mühungen der Polizei mehrere der reichsten Einwohner große Fabrik- räume, die seit Jahren unbenutzt leer stehen, auch für Miethe nicht als Wohnung hergebe». Ein Projekt des Sladtbanrnths, von der Stadl Wohnungen bauen zu lassen, fand so heftigen Widerspruch bei den Hausbesitzern, die im Stadlverordnelen-Kollegium die große Majorität haben, daß der Magistrat gar keine Vorlage ausarbeitete. So ist denn, da auch jetzt noch meist größere Wohnungen gebaut werde», au ei» Verschwinden der Wohnungsnoth an» Ort vor Juli oder Oktober nächsten Jahres nicht zu denken; und es erscheint sogar zweiselhast, ob es dann der Fall sein»vird. Llttkevnvlzntrv-Dcvbiindo. Tor Verein zur Wahrniig der Interesse» der Tuch- und Schncidcrartikel-Branchc in Teutschland beschloß, daß die En- gros- und Versandtgeschäste nicht mehr von solchen Fabrikante» ihre Waaren beziehen dürfen, die unter der Hand an Private verkaufen. TaS russische Petroleum hat durch Tarifvergünstigungen auf deutschen Eisenbahnen eine nicht unbedeiitende größere Konkurrenz- sähigkeit gegenüber dem amerikanischen Petroleum erhalten. Die Maßiiahme erhält dadurch eine besondere Bedeutung, daß sich die russischen Interessenten von de», amerikanischen Trust ferngehalten haben. Somit»vird der willkürliche» Preisbildung dieses Trustes eine geivisse Einschränkung geboten._ en Jnseratenlheil verantwortlich: Dh. Glocke in Berlin. Druck und Gerichts Leitung. Gegen die Stadtperordueten- Wahlen in Seehanfen war mit der Begründung Einspruch erhoben ivorden, der Magistrat habe einige Personen in die Wählerlisten aufgenommen, die nicht hinein- gehörten, und außerdem seien zwei Postbeamte von ihrem Vor- gesetzten durch Drohungen beeinflußt worden. Die Stadtverordnelen- Versammlung erklärte die Wahlen auch später für ungillig. Ihr Beschluß ivurde aber von» Bezirksausschuß»vieder umgestoßen, nnd auch das O b e r- V e r»v a l t u n g s g e r i ch t hat jetzt die Wahlen für giltig erklärt. Ans der Begründung seines Urtheils ist folgendes bemerkenswerth. Die angeblich falsche Eintragung in die Wähler- liste könne gegen die Wahl uzcht geltend gemacht iverden, da die einmal festgestellte Liste eine unabänderliche Grundlage für die Wahl bilde. Es bleibe also nur die behauptete Beeinfluffung der Postbeamten. Für eine solche sei nun garnichts beigebracht. Es stehe zivar fest, daß der Vorgesetzte zu den beiden Beamten gesagt hat, sie sollte» zur Wahl gehe», sie hätten sich sonst die Folgen selbst zuzuschreiben. Das sei indeß nur eine Mahnung, ihre staatsbürgerlichen Rechte auszuüben, und dazu sei der Vorgesetzte durchaus berechtigt. Ein Nachtwächter- Prozeß spielt sich, ähnlich»vie seinerzeit in Berlin, gegenwärtig in Slargard i. P. ab. Dortselbst kominen mit dem I. Oktober insolge Anstellniig von Polizeisergeanten sämmtliche Nachtwächter zur Entlassung. De» dortige» Stadl- verordneten wurde bei Berathung der Resorn» des Nachtivächter- iveseus wiederholt die beruhigende Zusicherung gemacht, die bis- herigen Nachtwächter seien, da sie nicht vom Regieruugs- Präsidenten bestätigt wären. nicht pensionsberechtigt. Die Nachtwächter,»velche durch die Neuregelung der Dinge zun» theil einer schweren Zukunft entgegensehen,»vandten sich nun vor einiger Zeit init der Bitte au den Magistrat, ihnen andenveiüge Beschästigiiiig zu geben. Als aus dieses Ersuchen eine ablehnende Anworl einlief, ginge» zwei der Nachtivächter, die inzivischen bereits entlassen»varen, gegen den Magistrat klagbar vor. Sie stützten sich anf eine Reichsgerichtsenlscheidung, nach welcher jedermann, der von einer Kommune anders beschäftigt»verde, als nur zu vorübergehende» oder rein mechanischen Handreichungen, Gemeindebeamtcr sei. Die beide» Nachtwächter klagten deshalb nicht als Polizeibeamte— denn dazi» fehlte ihnen die Be- stätignng deS Regierungspräsidenten— nns Pension, sondern als Gcmeiiidebeamte auf Fortzahlung des Gehalts. In der ersten Instanz haben die Kläger bereits ei» obsiegendes Urlheil erstritten. Der Magistrat ist vom Stargarder Landgericht vcrurtheilt ivorden, de» beiden klagenden Wächtern ihr Gehalt so lange fortzuzahlen, bis deren Dienftuntauglichkeil durch richterliches oder ärztliches Ur- theil festgestellt sei. Der Einivand, daß die Nachtwächter nicht die Bestätigung der Aussichtsbehörde erhalten hätten, sei iusosern hin- fällig, als dies nicht aus einem Verschulde» der Wächter, sondern auf einem Versehen des Magistrats beruhe. Auf grund dieses Landgerichts- Erkenntnisses beabsichtigen iinnmehr auch die übrigen 14 Nacht- wächter, sobald sie zur Entlassung gekommen sein werde», klagbar gegen de» Magistrat vorzugehen. Ucbcr eine unerhörte Aiisbeiitiiiig der weibliche» Arbeits- kraft»var kürzlich vor dein Schöffengericht i» Augsburg zu ver- handeln. Die Damenkonfektions-Jnhaberin Frau Berger. deren Geschäft als eines der vornehmsten am Platze gilt, war beschuldigt, ihre Arbeiterinne» an mehreren Sonntagen bis tief in de» Nach- mittag hinein und a» Sonnabenden bis morgens 2 Uhr, ja sogar bis'/e 4 Uhr beschäftigt zu haben. Z» denUeberstunden»vurden in der Regel nur bessere Arbeiterinnen herangezogen, welche für die Stunde de» zehnten Theil ihres Tagesverdienstes erhielten, so daß es vor- kam, daß Arbeiterinnen mit 1,30 M. Tagelohn bis lies i» den Morgen hinein um 1 3 P f. pro Stunde beschäftigt wurden. Es kam auch vor, daß die Geschäftsinhaberin der Behörde gegenüber in Fällen, wo sie von der beabsichtigten Ueberarbeil Anzeige er» stattete, falsche Angaben machte. So ivurde in einem Fall fest» gestellt, daß sie. um die behördliche Genehmigung eher zu erhalten. angab, sie n>üffe Trauerkleider mache»; in Wirklichkeit fertigte sie aber ei» Reisekostüm an. Die Berger»vnrde z» 135 M. Geldstrase oder 19 Tagen Haft verurlheilt. Die auserlegte Strafe»vird längst aus den Arbeiterinnen»vieder herausgepreßt sei». DepeMen und lohke Vttchrichken. Dresden, l. Oktober.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Bei den gestern in Dresden vollzogenen Nachwahlen in der dritten Klasse wurden mit relativer Mehrheit gewählt: Im I.Kreis 14 sozialdemokratische, 4 antisemitische und 4 konservative Wahlmännrr. 4. Kreis, erster Bezirk, 4 Sozial- deinokcaten. Das Gesammtresultat der Wahlmänner»vahlen in allen drei Klaffen stellt sich in Sachsen unter Berücksichtigung der schon vorgenommene» Nachwahlen folgendermaßen: Geivählt sind 2030 Wahlmänner des Ordnungsbreies, ca. 350 Sozialdemokraten» 85 Antifemile» und 2 Freisinnige. In 275 Bezirken haben noch Nachwahlen slatlzusinden. Elberfeld,>. Oktober.(W. T. B) Amtlich»vird gemeldet r Am 30. v. M., 10 Uhr 30 Min. abends, entgleisten bei Einfahrt des Güterzuges 1073 in den Bahnhof Wald, Znglokomolive und drei Wage», Zugführer Häßler und Bremser Schröder vom Zugpersonal, beide aus Kupferdreh,»vurden leicht verletzt. Der Betrieb wurde durch Umsteige» an der Unfallstelle aufrecht erhalten und um I Uhr mittags heute i» vollem Uinfange wieder aufgenommen. Ursache der Entgleisung ist noch nicht init Sicherheit festgestellt. Breslau,>. Oktober.(W. T. B.) Der Professor an der hiesigen Universität Dr. med. Leopold Auerbach ist heute gestorben. Kattowiq, I. Oktober.(W. T. B.) Die„Kattoivitzer Ztg." meldet mis Dambrowa(Russisch-Polen): Auf dem Hüttenwerke Hirta Bankowa sind sämmtliche Arbeiter, 4500 Mann, ausständig. Der Gendarmerie-Oberst aus Warschau und hohe Regierungsbeainte sind eingetroffen. Die Menge bonibardirte das Militär niit Steinwürfen, worauf der Oberst Feuer geben ließ. Dabei»vurden zwei Mann sofort gclödtet»md fünf schwer verletzt, von denen einer inzwischen gestorben ist. Sechs Kompagnien Militär sind eingetroffen. Sämmt- liche Arbeiter»vurden von der Hültenverwaltung gekündigt. Das Hüttenwerk gehört einen» Konsortiu»» russischer und französischer Kapitalisten. Miiiichci», 1. Oktober.(„Frankf. Ztg.") Die Zentrumsfraktion brachte bei dem Landtage eine Interpellation wegen Ueber- anstrengung bei den diesjährigen bayerisch-preußische» Manövern ein. Wien, 1. Oktober.(W. T. B.) Abgeordnetenhaus. Sämmtliche Nothstandsnnträge»verde» vom Hause einstimmig als dringlich an- erkannt. Treuenfells(Zentrui») bringt einen Antrag ei» auf Einsehnng eines Ausschusses zlir Schaffung eines parlamenlarischen Ehrengerichts. Sokol(Jungczeche) iulerpellirt wegen Vorkehrungen zuin Schutze der czechische» Minoritäten in de» deutschen Bezirken Böhmens. Pacak(Jungczeche) überreicht einen Gesetzentwurf auf Abänderung des Preßgesetzes»nd der Strafprozeß- Ordnung, sowie auf Üliifhebuug des Zeltiingsstempels. Nachdem Abgeordneter Jro in mehreren Zwischenrufen de» Justizminister»vege» des inhastirten Reichenberger Redakteurs Hofer hestig angegriffen halte,»vird die Sitzung unter großer Unruhe geschlossen. Nächste Sitzung Dienstag. Budapest, 1. Oktober.(W T B.) I»» Dorfe Csava, in» Soproner Komitat,»vurden 23 Wohnhäuser mit den Nebengebäuden durch Feuer zerstört. Die Eulflehungsursache des Brandes ist bisher unbekannt. Athen, I. Oktober.(W T. B) Ministerpräsident Ralli begab sich im Lause des Tages in das Palais und bot dem Könige hi» Enllassnng des Kabinels an, welche angenonime» wurde. Man »veiß bisher nicht,»vcr die Bildung des Kabinets überuehnien»vird. Archangelsk, l. Oktober.(W T.B.) Die Schienenlcg», ig/der neue» Eisenbahn Archangelsk— Wologda ist beendet. Ter rrstk Eisenbahnzug aus Wologda ist hier eingetroffen._ Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 2 Beilagen. Hr. 230. 14. ZchMZ. 1, ViomlttUttAscs. Die Banzeichunnge» zur Errichtung eines Kinder- Asyls rn der Kiirassierstr. 2l/�2, welche voi» Sindtdaurath Hoffum»» in der heutige» Sitzung des Magistrats Kollegiuius vorgelegt worden stnd, hui das Kolleginn, genehinigt. Die Gesainintkosten sind mit 490 000 M. veranschlagt. In dem Asyl sollen S0 Kinder Aufnahme finden. Die Kosten für den Grunderwerb und die Bansaussührung sollen ans dem Rentier Schmidt'schen Verinächtniß entnommen werden, während die Unterhaltungskosten theils aus den Zinsen der Galllsch-Stiftung, den Zinsen der Lewin-Sliflung. theils ans den Zinsen des nach Errichtung des Asyls verbleibenden Restes der Schmidt-Stiftung gedeckt iverde» sollen. . Die Obcrwasscrstrasie hat bis ans die Ecke an der Krenzsiraße eine Zreite von 6 Metern, an der Ecke der Krenzstraße verengt die- selbe sich ans 3 Meter. Der Verkehr in der genannte» Straste hat sich aber durch die in letzter Zeit daselbst entstandenen grosten Kauf- hauser sehr gesteigert, so daß es dringend erforderlich ivlrd, die ganze Straße gleichmäßig ans 6 Meter zu verbreitern. Das Magiitratskollegium hat beschlossen, dementsprechend in der Ober- Wasserstraße an der Ecke der Kreuzstraße vom Bollwerk bis zur Bnnflncht neue Banflnchllinien festzusetzen, durch welche diese gleich- tu» P ige Breite der Straße auf ö Meter hergestellt werden soll. Uolmlcs. Die Partcigciiossc» ,i»d Gciiossiiiiie» deS S. Wahltrciscö werden auf die am Sonntag, de» 3. Oktober, bei Z übe it. Linden- straße 406, statlsindende Versammlung aufmerksam gemacht, i» welcher Gen. Wagner über»Revolution und Evolution" reseriren wird. Um zahlreichen Besuch bittet die Berlrauensperson. Die Freie Volköbiihue bringt für die I. Abtheilung am Sonntag de» 40. Oktober, für die II. am 47. Oktober und siir die III. Abtheilung am Sonntag de» 24. Oktober, Arthur Fitger's Saktiges Trauerspiel»Die Hexe" zur Ausführung und zwar unter Mitwirkung von Frl. Seraphine Detschy, Frl. Thouret und Herrn Oeser vom Deutsche» Theater. Die Aufsnhrungen finde» im Friedrich- Wilhelmstädtischen Theater statt.(Siehe heutiges Inserat.) Da die I. Abtheilung bereits geschlosien ist und für die II. und III. Zlbtheilnng nur noch wenige Plätze vorhanden sind, müssen alle Neuaumeldungen in den Zahlstellen schleunigst angebracht werden. Der V o r st a» d. Eine Konferenz von Vorständen Christlicher Jnngfrancn- Vereine tagt zur Zeit in Berlin. Dieselbe nahm gestern Nach- miltag ihre» Anfang.— Sie setzt sich zusammen ans Pastoren und Dame» der sogenannten guten Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, junge, der Schule entwachsene, ins Leben hinaus- tretende Mädchen dem christlichen Wandel zu erhalten. Natürlich er- freut sich eine derartige Gesellschaft hoher und höchster Gunst. Als Vertreterin der Kaiserin wohnte eine Hofdame der gestrige» Sitzung bei, zu den heutige» Verhandlungen wird auch der Kultusminister einen Vertreter entsende». Das christliche Werk der Herren Pastoren scheint indeß weder in den Kreisen, die man aus geistigerNolh errette» will, noch bei denen, auf deren Mitarbeiterschaft man rechnet, den gehoffte» Anklang zu finden. Die Redner klagten airsnahmslos über geringe Erfolge ihrer Thätigkeit. Es haben sich»nr eine kleine Zabl vo» Dienstmädchen, die vom Lande in die Stadt kamen, in die Obhut der geistlichen Herren begebe», während die Fabrikmädchcn de» christlichen Bereinen fernbleibe». Auch bei den Dame» der„besseren Stände" findet das Werk keine genügende Unterstützung. Die Pasloren — so sagte der Verbandsvorsitzende— sollen alles allein thun. Man unterhielt sich in der gestrigen Sitzung angelegentlichst darüber, wie die Fabrikarbeiterinnen zu gewinnen seien. Be- zeichnenderweise ist es den frommen Damen und Herren nicht etwa um eine in a t e r i e l l e Besserstellung der Arbeiterinnen zu thun. Man will sie nur„von dem Fabrikgeist befreien". Eine Frau v. Bröker ans Dresdeir hat ihrer Angabe nach ans diesem Gebiet „gute" Erfolge erzielt. Sie hat nämlich einen Stamm von 25 biZ 30 Fabrikmädchen um sich gesammelt. Da die genannte Dame an- scheinend ihre Aufgabe mit pädagogischem Verständniß zu erfüllen trachtet, so hat sie natürlich erkannt, daß die Fabrik- mädchen nicht in die Versammlungen kommen, wenn da- selbst nur gebetet wird. Es werden daher, soweit der christliche Geist es zuläßt, harmlose gesellige Unterhaltungen gepflegt, auch auf Anregung aus den Kreise» der Arbeiterinnen populäre Vorträge künstlerischen und wissenschaftlichen Charakters gehalten. Da hat sich denn begreiflicherweise ein kleiner Kreis solcher Mädchen zusammengefunden, die nach des Tages Last und Mühen»ach einer anregenden Erholung lechzen und das bischen Beten als leidiges Uebel mit in Kauf nehme». In anderen Großstädten, namentlich in Berlin, will es aber mit der Gewinnung der Fabrikarbeiterinneu für die Bestrebungen des christlichenJungfrauen-Vereins gar nicht vorwärts gehen, und so zerbrache» sich die Herren Pastore» die Köpfe, wie man in den Reihen der Fabrikarbeiterinnen Eingang finden könne, nm sie »von dem Fabrikgeist zu befreien und dem Heiland znzusühren".— Wir wollen den geistlichen Herren und den vornehmen Damen ver- rathen, wie man die Fabrikarbeilerinnen gewinnt: Wenn man ernstlich auf die Beseilignug ihres materiellen Elends bedacht ist. Mit der Hebung der soziale» Lage der Fabrikmädchen schwindet auch das, was die geistlichen Herren„den Fabrikgeist" nennen. Auch wäre es zu empfehlen, wenn den„Fabrikherren" und ihren An- treibern vorgehalten würde, wie sie sich in sittlicher Hinsicht den Arbeiterinnen gegenüber zu verhalten haben. Auch das wäre ein Erfolg versprechender Kampf gegen den.Fabrikgeist". Heilloser„Krach" soll nach Mittheilung der„Deutschen Tageszeitung" in der Orts- Krankenkasse der Schneider entstanden sein. Der Vorsitzende hat angeblich sein Aint niedergelegt und dem Dr. Weyl droht eine Klage, weil er das Gerücht erzählte, wonach jeder Arzt, der bei der Schneiderkasse Anstellung finden wolle, zuerst bei dem Vorsitzenden einen Anzug anfertigen lassen müsse. Was an dem Vorkommniß die„Deutsche Tageszeitung" für wichtig genug hält, ihren Lesern mitzutheilen, wissen wir nicht, nur müssen wir uns sehr entschieden dagegen verwahren, daß uns der Vorsitzende als Parleigenoffe vorgestellt wird. Es mag den Zwecken dieser Zeitung und ähnlicher Organe, die ohne jede Kenntniß der Arbeiter- beivegnng ihre Aufgabe darin erblicken, jede Drecknoliz mit einer Spitze gegen unsere Partei zu versehen, wohl entsprechen, mit solchen unsauberen Mitteln den Kampf zu führen. Bemerken wollen wir ihnen aber, daß der Vorsitzende der erwähnten Kasse garnichts mit der Partei zu thun hat, unsere Parteigenossen überhaupt bisher keine» Einfluß ans diese Ortskrankenkasse hatten. Wenn aber an den Vorwürfen, die gegen den Vorsitzenden der Kasse erhoben werden, etwas ivahr ist, so ist es das Verdienst unserer Genossen, die Dinge aufgedeckt zu haben. Ter Oktobcr-Umzug hat sich gestern im Berliner Straßen- bilde besonders bemerkbar gemacht. Obgleich der Wohnungswechsel vielfach schon in den beiden letzten Wochen des September vor sich ging, so waren doch am eigentlichen Ziehtage die Straßen so von Möbelwagen belebt wie selten in einem der verflossenen Jahre. Aerger und Mißstimmung bilden die Signatur dieses und der folgenden Tage, denn selbst bei ausreichender Hilfe dauert es immer- hin doch meist eine Woche, bevor die neue Wohnung soweit ein- gerichtet ist, daß einigermaßen von Behagen die Rede sein kann. Soweit man die bürgerliche Presse durchsieht, kehrt sich die Miß- stinimung diesmal besonders gegen die Ziehmänner. Der Fnhrhaltcr, welcher den Möbelwagen stellt, gehört zu jener glücklichen Kategorie von Unternehmern, die ihre Ar- beiler, oder wenigstens den größeren Theil derselben, für te Jotitiiitlö" geleistete Dienste nicht zn bezahlen brauchen. Wenn der Miether sich mit dem Fuhrherrn über die Transportkosten einig geworden ist, so hat er stillschweigend noch etwa 33'/3 pCt. Ausschlag'für Trinkgelder zn machen. Denn die Ziehmänner stehen in keinem festen Arbeits- verhältniß zu dem Unternehmer, sie werden je nach Bedarf von der Straße geholt und arbeiten dann für die Erlaubnis, sich ihren Tage- lohn vom Miether als Trinkgeld erbetteln zu dürfen. Daß dies ein Znstand ist, der dem Arbeiter die Menschenivürde nimmt und dem Mielher in den meisten Fällen heftigen Verdruß bereitet, braucht wohl nicht weiter auseinandergesetzt zu- werden. Und so ist es denn erklärlich, daß der Bürgersmann in seiner Presse des Jammers voll ist über die Unverschämtheit der Hilfsarbeiter; kein Wort natürlich findet sich darüber, daß der Ziehmann von den erbettelten Groschen soivohl sich selber wie seine oft recht zahlreiche Familie zu ernähren hat. Dies wunderliche Arbeitsverhällniß wirst natürlich auf die Berliner Unternehmer, die sich so gern im Eelbstlobe spiegeln, nicht das beste Licht; aber alle Erkenniniß von der Ungerechtigkeit und Widersinnigkeit dieses Zustandcs wird den Fuhrherrn natürlich nicht veranlassen können, eine Aenderung herbeizuführen. Desgleichen ist der Miether, der stets ifolirt handelt, an die eingerissene Unsitte gebunden. Bleibt soniit nur der Arbeiter als der Faktor übrig, der eine Aushebung des Bettelwesens anzustreben hat, so verkennen wir nicht, wie schwer es gerade für Gelegenheitsarbeiter ist, sich zu organisiren. Aber der Versuch sollte doch gemacht werden. Tic Urania-Gcscllschaft erhält gegenwärtig von der Stadt- gemeinde Berlin eine Subvention von 6000 M. jährlich. Die Gesellschaft hat neulich Veranlassung genommen beim Magistrat zn petitioniren, diese städtische Jahrcssubvenlion zu erhöhen, was jedoch das Magistralskollegium in seiner heutigen Sitzung ab- gelehnt hat. Für daS Tcnkmal, das den Märzgefallenen von feiten der Stadt in, Friedrichshain errichtet werden soll, will man drei bis sünflansend Mark auswerfen, vorausgesetzt, daß die angekündigte Besichtigung des Friedhofes durch die zur Vorberathnng dieser 'Angelegenheit eingesetzte Deputation ein positives Resultat er- geben sollte. Unter dem Namen„Frei- Post"(G. m. b. H.) trat, wie hiesige Blätter melden, gestern ein neues Unternehmen ins Leben. Die Gesellschaft beabsichtigt, einem jeden nicht nur Briefbogen und Brief- Umschlag, sondern auch die dazu gehörige 40 Pf.- Reichsposimarke vollständig kostenlos zu liefern. Die Unkosten des Unternehmens sollen dadurch gedeckt werden, daß die Briefbogen, die als Brief- Umschlag zusammengelegt werden können, aus der inneren Seite mit Anzeigen bedruckt iverden. Ter jährliche Geschäftsbericht der Deutschen Gas glüh' l i ch t- A k t i e n g e s e l l s ch a f t Auer u. C o. war noch immer ein Schrislslück von so aufreizendem Inhalt, daß jede auch noch so blutig gefärbte Brandschrist anarchistischen Ursprungs vor ihm zur Harmlosigkeit eines Gesangbuchverses erblaßte. Auch der soeben herausgekommene Bericht für das verflossene Geschäftsjahr enthält sowohl was Verhöhnung der bei der Gesellschaft angestellten Arbeiter betrifft, als auch zur Kennzeichnnng der„göttlichen Weltordnung" in wenigen Worten und Zahlen ein außerordentlich reiches Material. Bei einem Aktienkapital von 4 737 000 M. standen für dies eine Jahr 1 775 263 M. und 35 Pf. als G e w i n n zu Buch. Nach reichlichen Abschreibungen sollen zur Vertheilung kommen 4 389 000 M. gleich 80 pCt. des Aklienkapitals als Dividende für die schivitzenden Aktionäre, 217 678 M. 42 Pf. als Tantieme an Vorstand und Auf- sichlsrath, 77 436 M. 24 Pf. als Vortrag auf neue Rechnung, 40 000 M. als Remuneration für Beamte und— das schönste kommt jetzt— baare 6000 M., das ist etwa ein D r e i h n n d e r t st e l des Gewinnes als Ueberweisung an den Unter st ützungs- fonds für die von der Gesellschaft elend entlohnten Arbeiter! Mit welchen Gefühlen mögen die Armen diese Verhöhnung aus- nehme»? Ter Berliner MichacliS-Jahrmarkt findet vom 6. bis 9. Ok- tober in der Gegend der Frankfurterstraße statt. Rn stelle der gegenwärtig im Gebrauch befindlichen Halte- st e l l e n l a f e l n längs den Straßenbahiieii beabsichtigt die„Sozietät für Gebrauchs-Reklame-Artikel Kommandit- Gesellschaft" solche mit eitungs-Automaten versehen zn errichten. Die Direktion der Großen erliner Pferde- Eisenbahn- Gesellschaft hat infolge dessen an den Magistrat die Anfrage gerichtet, ob städtischerseils die Eenehinigung dazu ertheilt werden würde. Die Auflassung nnd Nebergabe der„Riten Post" in der Königstraße hat am Dienstag, nachdem die Kaufsumme im Betrage vo» 4 900 000 M. erlegt wnrde, an den Käufer stattgefunden. Die „Alte Post" soll voni 4. April k. I. ab— bis dahin bestehen die Miethsverhältniff« in dem Hanse— einem großartigen Geschäfts- hause Platz machen. Damit wird die längst rrwünschte Beseitigung des Engpasfes in der Königstraße zwischen Burg- und Poststrnße eintrete». AcethleugaS- Bclenchtniig bo» Eisenbahiiwagen wird, wie wir in einem auswärtigen Blaue lesen, in der diesjährigen Winter- Saison auf der Berliner Stadt- nnd Ringbahn probeweise ein- geführt werden, nachdem ausgedehnte Versuche, welche in den letzten Monaten angestellt wurden, zur Zufriedenheit ausgefallen sind. Es wird eine Mischung von 75 pCt. Fettgas und 25 pCt. Acetylen zur Verwendung kommen, welches Verhältniß eine nahezu doppelt so starke Veleuchtungskraft ergiebt, als reines Fettgas. Die Anlagen zur Erzeugung des Mischgases sind im Anschluß an die bereits be- stehenden kleinen Fettgns-Anstallen eingerichtet. Die Belenchtnngs- Bestandtheile der Wagen, die Laternen und Regulatoren erfahren keine Abänderung. Vo» cincm 1387 Jahre alten Mammnthbaum hat vor kurzem das Botanische Museum einen kolossalen Block er- halten, der auf der Chicagoer Weltausstellung, zu welcher der Baum im Jahre 4893 besonders gefällt worden war. ein hochinteressantes Attsfiellungsobjekl gebildet hatte. Von der Größe dieser nur in de» Gebirgsgegenden(Sierra Nevada) Californiens vorkomniendeu Baumgattnng, die wissenschaftlich alS soquoia gigantea bezeichnet wird, kann man sich leicht einen Begriff machen, wenn man sie mit derjenigen Berliner Bauwerke vergleicht. Das im Botanischen Museum vertretene Exemplar hatte eine Höhe von 142 Meter, war also um 46 Meter höher als die Petrikirche nnd auch noch 2 Meter höher als der neue Dom werden soll, der nach seiner Fertigstellung mit einer Knppelhöhe von 440 das höchste Bauwerk Berlins bilden wird. Der Umfang des Baumes betrug an seiner Basis 23 Meter, der Holzinhalt 42 320 Kubikmeter. Der dem Museum überwiesene Block hatte ein solches Gewicht, daß man ihn zerschneiden mußte, da man befürchtete, das Kellergewölbe würde ihn nicht tragen. Das ausgeschnittene Stück stellt nunmehr ein Segment dar, welches sämnitliche 4387 Jahresringe des Baumes enthält. Tie erste FortbildniigSschnle für Jünglinge. Wafferthor- straße 34, veranstaltet für die Angehörigen und Lehrherren ihrer Schüler, soivie für alle Freunde und Interessenten des Fort- bildniigsschulwesens vom 3. bis zum 7. Oktober in der Aula des Schulgebäudes eine Ausstellung von Schülerzeichnungeu nnd Modellirarbeiten, welche am Sonntag von 42—5 Uhr. wochentäglich von 42—3 Uhr und 6—9 Uhr abends geöffnet sein wird. Die Unterrichlskurse des Wintersemesters beginnen am Mittwoch den 6. Oktober. Der stenographische Unterricht wird nach dem Einigungssysteii! Stolze-Schrey ertheilt werden. Anmeldungen können wochentäglich von 7 Uhr abends an im Schulgebäude er- folgen. Eine AnSstellnng von Schiilerarbeitc» deS städtischen Gctvcrbcsaals, welche besonders für Kunstschlosser, Maschinenbauer und Mechaniker interessant ist, findet statt von Sonnabend, den 2. Wlllllü. S-ittltbctl). 2. OMolitt 1801. bis Mittwoch, den 6. Oktober, im Schulhanse Hinter der Garnffon- kirche 2(am Stadtbahnhof Börse). Sie ist geöffnet an den Wochen- tagen von 42 bis 3 llhr und abends von 6 bis 9 Uhr, am Sonntage von 42 bis 5 Uhr.— Eintritt frei. Berlincr Tischlerschnle. Die unter städtischer Verwaltung stehende Berliner Tischlerschule beginnt den Unterricht für das Winter-Halbjahr 4397/98 mit dem 6. Oktober: Gegenstände des Unterrichts und der Ucbnngen sind: Freihnndzeichnen, Projektions- zeichnen, Gipszeichuen, Holzverbindungs- nnd Formenlehre, Fach» zeichnen für Tischler, chemische Behandlung der Hölzer, Modellircn, Holzbildhanen, Fachzeichnen für Drechsler und Werkzeug- und Materiatienkunde für Drechsler. Ter Unterricht findet statt: Kraut- straße 49, Wasserthorstr. 34, Zehdenickerstr. 47, Thurinstr. 86, Frucht- straße 33, Reichenbergerstr. 434, Pallasstr. 15, Pulbuserstr. 23. Die Schüler Ahlen pro Kursus im Fachzeichnen 4 M., für den Unter» richt in? en übrigen Kursen je 2 M. für das Halbjahr. Die dies- jährige Ausstellung der Schülerarbeiten findet Krautstr. 49 vom 3. bis einschließlich 10. Oktober in den Tagesstunde» von 9 bis 3 Uhr stall. Tie öffentliche Lesehalle der Tcntschcn Gesellschaft für ethische Kultur, Neue Schönhauserslr. 13, hat in den Sommer- mouaten Juli nnd August 4897 einen regen Besuch aufzuweisen gehabt. Die Zahl der Besucher belief sich im August auf 3954, im Juli ans 4244 gegen 3750 und 3496 in den gleichen Monaten 4896. Die Lesehalle erhält sich, abgesehen von städtischem Zuschuß, nur durch freiwillige Beiträge von Freunden nnd Gönnern des Unter» nehmens. Leider find die bisher gezeichneten Summen noch ziemlich gering, und es ist deshalb der Verwaltung der Lesehalle nicht mög- lich gewesen, diese an Wochentagen zu anderen Zeiten als an den Abendstunden von 6 Uhr ab offen zn halten. Jetzt, wo der Winter herannaht, ist die Offenhaltnng der Lesehalle in den Miltagsstunden besonders wünschenswerth, weil eine sehr große Anzahl von Angestellten, die in der Stadt beschäftigt sind, ihre Wohnung aber an der Grenze des Weichbildes haben, in Verlegenheit sind, wo sie die Mittagspause zubringen sollen. Tie Verwaltung der Lesehalle ist daher in der unangenehmen Lage, itm Beiträge bitten zu inttsseii, damit eine Offenhaltung in der Mittagsstunde ermöglicht wird. Beiträge nehmen die Herren Gebrüder Arons, hier, Manerstr. 34, sowie sämmtliche hiesigen Depositenkassen der Deutschen Bank an. Tie„Kaiismännische nnd gewerbliche FortbilduiigS-Anstalt für die weibliche Jugend" beginnt das Wintersemester am 7, Oktober. Neue Kurse werden in allen Uttterrichtsgegenständen eröffnet. Klassen für Anfänger und Fortgeschrittene sind am Tage und abends vor- Händen. Geschäftsleuten werde» tüchtige junge Mädchen für Buch- führung u. f. w.»achgewiesen. Anmeldungen bei Rektor Patzke, Alte Jakobstr. 427, täglich von vormittags 10 bis 9 Uhr abends. Plötzlicher Tod. Als der Schuhmacher Heinrich Siefert, der gestern noch gegen 2 Uhr nachmittags aus dem Hofe des von ihm >n der Königsbergerstrnße bewohnten Hauses gesehen worden war, nachmittags 4 Uhr auf das wiederholte Klopfen eines Kunden nicht öffnete, sah der Vizeivirlh durch das Fenster nnd gewahrte, daß Siefert im Zimmer neben seinem umgefallenen Schemel am Boden lag. Der sofort benachrichtigte Reviervorsteher ließ durch eine» Schlosser die Thür öffnen nnd fand den Siefert bewußtlos vor. Der hinzugerufene Arzt konnte nur den bereits eingetretenen, wahrschein» lich durch Schlaganfall erfolgten Tod feststellen. Aeußere Verletzungen wurden an der Leiche nicht aufgefunden. Arbcitcrrisiko. Auf dem alten Packhofe wurde gestern Nach- mittag der Arbeiter Hermann Kahnert durch einen von einem Speicher auf einer Bahn herabgleitenden, gefüllten Getreidesack um- geworfen. Er erlitt dabei außer einer Verletzung am Hinterkopfe einen Rippenbruch. Einen räthsclhaftcn Fund hat am Donnerstag der Ober-Post» sekretär R. in Groß- Lichterfelde gemacht. Aus dem Felde hinter seinem Garleu lag ein fast vollstäudiger Anzug, Rock, Hose, Hut und Stiefel, zum theil sehr gute Sachen. R. nahm die Sachen mit in seine Wohnung und benachrichtigte die Polizei von seinem Funde. Diese fand in der Rocktasche mehrere Briefe, die ans einen Friseur H. hinweisen, der bis jetzt in Lichterseide gewohnt hat und augenblicklich nach Berlin zieht. Tie Fortnahme eines KindcS durch eiiien Gerichts» Vollzieher führte am Donnerstag in der Lünebuigerstraße zn einer erregle» Szene. Dort wohnt seit einiger Zeit die Frau eines Büdners und Zimmerers, der seinen Wohnsitz in Stahnsdorf hat. Bei der Scheidung war das der Ehe entsprossene Kind, ein hübscher Knabe von vier Jahren, durch richterliches Urtheil dem Vater zn- gesprochen worden, jedoch hatte sich die Mutler beharrlich geweigert, den Knaben herauszugeben. Nun wandt« sich der Mann an das Vormundschastsgericht, welches die gewaltsame Entfernung des Kindes von der Mutter anordnete. Infolge dessen erschien nun vorgestern der Gerichtsvollzieher in Begleitung des geschiedeneu Galten in der Wohnung der Mutler nnd forderte die Heransgabe des Knabe». Die Mutter warf sich jedoch unter lautem Geschrei über ihr Kind und hielt es mit beiden Armen krampfhaft fest, lind erst als der Vater auf Geheiß des Gerichtsvollziehers seine ehemalige Galtin mit Gewalt von dem Knaben losriß, konnte der Beamte den letzteren aus der Wohnung führen und ihn in eine auf der Straße bereitstehende Droschke setzen. Der Vorgang hatte be- greiflicherwcise unter den Hausbewohnern große Aufregung hervor» gerufen. Tic leidige Unsitte der Mitfahrer von Möbel- und anderen Fuhrwerken, die Beine an der Längsseite des Wagens herunter- baumeln zu lassen, hat vorgestern Mittag einen Unglücksfall zur Folge gehabt. Gegen 44 Uhr kam ein kleiner Möbelwagen der Firma Croner aus der Kronenstraße die Berliner Straße in Nixdorf entlang gefahren. Aus demselben saß der 43 jährige Knabe Bessel aus Rixdorf, der die Füße in oben angedeuteter Weise am Wagen herabhängen ließ. Ein entgegenkommender Steiiiwagen bog zwar vorschriftsmäßig aus, doch schob sich in diesem Augenblicke eine schnell fahrende Chaise zwischen beide Ge- schirre, deren Schuhblech dem Knaben die Waden aufriß. Er mußte nach Anlegung eines Notverbandes in das Krankenhaus geschafft iverden. Erschlage» aiifgefiinden wnrde am Freitag Morgen auf der Tempelhoser Chaussee der am 1. November 4846 zu Brinkendorf- Bruch geborene Droschkenkutscher Wilhelm Gollmert, der eine Droschke 2. Klasse des Fuhrherrn Schnitze aus Reinickendorf ge- fahren hat. Gollmert ist nach den bisherigen Erinittelungen von einem Müllkutscher geschlagen und erstochen worden. Gestern Morgen um 6 Uhr fand ein Arbeiter, der von Berlin nach Tempelhof zur Arbeit ging, auf der Chanssee in der Nähe der Theilslrecken- Tafel der Pferdebahn eine Droschke stehen, deren Pferd ansgespannt war. Der linke Scheerbaum war hoch» gestellt, das linke Schutzblech verbogen. Auf dem Bock saß der Kutscher, den Kopf über die noch brennende Laterne zurückgelehnt. Gollmert hatte einen durch den Hut abgeschwächten Hieb quer über den Kopf und über dem rechten Singe einen kleinen runden Stich in den Kopf erhalten. Der Schlächter Jakob ans Tempelhof, der nach Berlin zur Markthalle fahren wollte, lud mit Hilfe des Ar- beilers Gollmert auf sein Fuhrwerk nnd brachte ihn nach Tempelhof zum Amlshanse. Hier stellte ein Arzt fest, daß der Tod bereits eingetreten war. Die Leiche wurde nun in die Halle des Tempelhofer Friedhofes gebracht. Pferd und Wagen brachte man im Amtshause unter. Die Ermittelung»!! haben ergeben, daß ein Müllkulscher der Firma Gebrüder Krause am Kottbuser Damm 88, mit dessen Wagen die'Droschke wohl zusammengestoßen ist, dem Gollmert zuerst einen Schlag mit einem Stiele versetzt und dann einen Stich mit der Zinke einer Müllgabel beigebracht haben muß. Ein Kutscher Buchholz der bei der Firma beschäftigt war, wurde i>n»ächst verhaftet, doch leugnete dieser bei dem Verbrechen betheiligt gelvescu zu sei». Die Unschuld des Zlnlschcis Vuchholz hat sich denn auch bereits berausgestellt, so daß er enllnsse» werde» konnte. Ein starker Ver- dacht, die That begangen zu haben, hat sich gegen den bei dem gleichen Fnhrherrn angestellten Kutscher Albert Jabe ans der Diefsenbachstrahe 37 erhoben, der gestern festgenommen worden ist. Der Erschlagene, in dessen Portemonnaie S.LV M. gefunden wurden, während er mit 50 Pf. von Hanse weggesahren war, hinterläßt eine Frau mit siiiis Kinder», von denen das jüngste süns Jahre alt ist. Ei» Kind aitS dem Fenster gestürzt. Gestern in der Mittag- stunde stürzte der 2>/ejähr>ge Sohn des im drillen Stock des Hauses Forslerstrahc 33 wohnenden Töpfers Richard Meißner ans dein itnchcufenster auf den Hos hinab und zog sich so schwere Per- letzungen zu, daß er bald darauf im Krankenhause starb. Eine schwere Nnthat wird uns ans der Hasenhaide gemeldet. In der Nähe des Mililärkirck, Hofes und der katholischen Kirche promenirte gestern Abend ein Liebespaar, als plötzlich sechs halb- wüchsige Brrrschen auf der Aildslächc erschienen, die das Paar aus- einanderrissen»nd de» Begleiter des Mädchens in die Flucht schlugen. Während dieser nun de» nächste» Schutzmannsposten auf- suchte, schleppten die Strolche das Mädchen nach einem nahen Ge- büsch und vergeivalligtcn es Ten herbeieilenden Schutzleuten ge- lang es schließlich, die sechs Burschen dingsesl zu mache». Beim Umzüge ist Donnerstag Abend in der Ackerstr. 132 der Maurer Z ü l k o verunglückt. Z. ivar einem in dein betreffenden Hanse wohnenden Bekannten bei dessen gestern Abend statlsindeuden Umzüge behilflich. Bei dem Versuche, eine» Kleiderschrank von der Wand abzurücken, stürzte dieser um und fiel auf de» Körper des Z. Der Maurer erlitt hierbei eine erhebliche Kopfverletzung, sowie auch anscheinend innere Schäden. Er erhielt zunächst einen Nothverband ans der Sanitälswache und mußte dann»ach der Charitcc gebracht werde». � Borzweifliiugöthat einer Borllueriu in Gloga». Ein erschütterndes Famiuendrama hat sich vorgestern Bormiltag in Gloga» abgespielt. Die 31 jährige Witlwe Sommer, welche vor kurzem mit ihrem nennjnhrigen Sohn von Berlin nach dort verzogen mar, versuchte, erst den Knaben und dann sich selbst zu tödlen. Ucber die That selbst liege» folgende Einzelheiten vor: Ter Drechsler Jankoiviak, der die Sommer in Berlin kenne» gelernt hatte, überredete dieselbe, mit ihrem Sohne nach Glogau überzusiedeln, wo er sie demnächst heiralhen wollte. Dort mielheten die Liebenden eine gemeinschaft- liche Wohnung, in der sie in wilder Ehe lebte». Nachdem die Mittel, über welche die Sommer verfügte, zu Ende gegangen waren, kehrte die Roth ein, infolge dessen es öfters zu Slreiligleilen und schließlich zu Thällichleilen zwischen dem Paare kam. Als die Nahrungssorge» der Frau in den letzten Tagen ihren Höhepunkt er- reicht hatten, faßte sie den Entschluß, mit ihrem Sohne freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Vorgestern Vormittag hörte» die Haus- bewohner in der Wohnung der Sommer plötzlich zwei Schüsse falle». Man fand Muller und Kind blutüberströmt auf dem Fußboden liege». Frau Sommer Halle zuerst ihren Knaben tödten und dann sich selbst erschießen wollen. Ter auf das Kind abgegebene Schuß hat dasselbe jedoch nur leicht verletzt, da die Kugel in der Wange stecke» geblieben war; die Verletzung der Iran, welche sich in die Schläfe getroffen hatte, ist dagegen sehr schwer. Nugliieksfälle im Strastcuverkchr. Gestern Vormittag gerielh in der Lothringerstraße der eisjährige Sohn des Handelsmanns Davidmann beim Spielen unter die öläder eines mit Blei beladenen Geschäslswagens und erlitt erhebliche Verletzungen am linke» Bein. — I» der Chausseestraße wurde der Hausdiener Georg Lambrecht von einem Omnibus der Linie Demmincrstraße— Schöneberg am Fuß überfahren und nicht unbedeutend verletzt.— Auf dem Mariannen- platze lief der süiifjährige Sohn des Schlossers Johann Ales gegen einen Leiterwagen, gerielh unter die Räder, die ihm über die Brust hinwegginge», und erlitt so schwere innere Verletzungen, daß er ans der Unfallstation III seinen Geist aufgab.— Bei der Einfahrt in das Haus Köpnickerslr. 72 winde ter vor seinem Arbeitswagen her- gehende Kutscher Johann Wunsch von der plötzlich emporschnellenden Deichsel am Kopf getroffen. Er erlitt dabei außer einer Gehirn- erschütterung eine erhebliche Verletzung au der Stirn. Wege» Urkundenfälschung«nd Unterschlagung verhaftet wurde der ISjährige Buchhalter S., der bei dein'Mnstkauloniatni- Händler H. in der Blumenstraße angestellt, vor einigen Tagen aber eiitlassen war. Völlig mittellos, kassirte er die Beiträge verschiedener Quittuiigeii, die er sich rechtswidrig angeeignet hatte, von den Kunden seines früheren Prinzipals ei», fälschte ander« Quittungen und erhob bei verschiedenen Kunden in Nixdorf erhebliche Geldposlen. Auf telephonische Benachrichtigung hin sandle H. seinen Werkmeister »ach Nixdorf, der den Schwindler In einem llieslauraul in der Knesebcckftraße verhasten ließ. Er wurde in das Amtsgesängniß eingeliefert. No» Kiestliiig'S Berliner Verkehr ist die Wintcrausgabe zum Preise von 30 Pf. erschienen. Sie enthält tu übersichtlicher Zusammen- stellnng die Eisenbahn- und Pserdebahnfahrpläne zc. Desgleichen ist stieß- ling'ä Taschenplan von Berlin zum Preise von 20 Pf. neu erschienen. Fcncrbericht. Donnerstag Abend waren Fr oben st r. 30 und I u n k e r st r. 21 Gardinenbrände zu löschen. K a n o n i e r st r. 13 waren ans unbekannte Weise in einer Klempnerei Kisten und Säcke in Brand geralhen, doch konnte Zug 10 die Gefahr noch leicht beseitige». Freitag früh 4 Uhr brannten Schwedterstr. 230 verschiedene Möbel, wodurch die Hilse des Löfchznges 3 einige Zeil in Anspruch genommen wurde. Kurze Zeit darauf erfolgte eine Alarinirung nach Thurmstr. 77. Hier lag grober Unfug am öffentliche» Melder vor, wie es leider in letzter Zeit häufig zu verzeichnen war. Diesmal gelang es, den Thäter dingfest zu mache». Infolge niedergedrückten Rauches mußte die Wehr nach- mittags ö Uhr nach Weinbergsiveg ö ausrücken. Eine Stunde darauf wurde Feuer von dem Grundstücke der„Slaatsb. Zeitung", L i n d e n st r. 60, aus gemeldet. Die herbeigerufene Wehr ver- mochte aber kein Feuer zu finden und rückte unverrichleler Dinge wieder ab. Beim Verlade» eines Geldschrankes ist gestern, Freitag, Nachmittag um 4 Uhr, der Soh» Wilhelm des Fabrikanten Wunder vom Eukeplatz 2 verunglückt. Ter Schrank fiel ihm auf einen Fuß und verletzte ihn so schwer, daß er mit einem Unfallwagen nach der Station I in der Wilhelmstraße gebracht werden mußte. TaS»e«c Olympia Rieseiitheater(Zirkus Neuz) wird am 1. November erösfuei werden. Die ProszeniuinSöffnung der Bühne hat eine Spannweite von 44 Metern, während sie noch um 8 Meter tiefer ist, als die vorige Olympiabühne in der Zllexauder- straße. Warunt Paula Wirth aufS Brettl geht. Daß die Schauspielerin Fräulein Paula Wirth sich der Spezialilalenbühne widme» muß und sich dem„Wintergarten" verpflichtet hat, wird vom„Börsen-Kouricr" mit recht als«in« schwere Anklage gegen die heutigen Theater- zustände bezeichnet. Fräulein Wirth bezog eine monatliche Gage von 1000 M.; für sich und ihre Ellern, für die sie sorge» müsse, habe sie nicht den vierten Theil ihrer Gage verbraucht, die übrigen Drei- viertel aber reichte» für die enormen Toiletteiiauforderiiuaen der modernen Bühne nicht ans.»ud Fräulein Wirlh sei lief i» Schulde» geralhen. Um dies« bezahlen zu könne», sei sie zur Spezialiläleu- blihiie gegangen, die materiell viel weniger verlangt und viel mehr zahlt. Theater. Im Schiller-Theater wird heute doS Gastspiel deS ScihMcn Märcheii-Euscinbles mit der ersten Aufführung von„Perdita, das verlorene Königolind", Märchenspiel mit Gesang in 3 Alten, fortgesetzt. Die Borstellima beginnt nachmittags 4 Uhr, die Preise sind außerorbcntlich billige, zudem steht jedem Besucher daS Recht zu, ein stind unter 0 Jahren aus seinen Platz nittzuiiehnic». In der heutige» Abciibvorstclliiiig kommen Aiizeiiariiber'S„Die streuzelschreiber" zur Wiederholung.— Da« Schiller- Theater veranstaltet demnächst eine Frei-Borstellnng, d. h. eine Vorstellung, für welche die Besucher keinerlei Entree zahlen sollen. Die Direttion hat dem Herrn Oberdürgermeister von Berlin die Eintrittskarten sür da« ganze Hau« mit der Bitte übergeben, sie an unbemittelte Er- wachsene, Arbeiter und Beamle städtischer Betriebe, an unbemittelte Schüler der städtischen höheren, mittleren und Volksschulen und an Zöglinge der städtischen Waisenhäuser zu überweisen. Glückt dieser erste, gewiß sehr labenSiverthe Versuch einer gänzlich freien Vorstellung, so soll auf diesem Wege fortgefahren weiden.— Im Ostend-Theater findet am Sonntag Nachmittag eine Vollövoistellnng zu halben Preisen statt; zur Aufführung gelangt:„Die Lieder des Riusilaiitcu". Tie Projektionsvorträge über neuere Kunst und Kultur werden wieder in der Urania. Jnvalidcustraße, ausgenommen. In der am Sonntag, den 3. Oktober, abends 8 Uhr, stattsindcnden Eröffnungsvorstellung wird Herr Dr. Köppcn über:„Moderne Malerei" sprechen. Der Bortrag wird zum ersten Male durch farbige Glasbilder, die von Klinger, Liebennann:c. ausgemalt sind, illustrirt. Nixdorf. Den Parteigenossen zur Nachricht, daß am Sonntag, den 3. Oklober, ein Fl n g b l a t t veibreitet wird. Die Genoffen werde» ersucht, sich sriih 7 Uhr bei Thomas, Bergstraße, pünktlich ciiizufinden. Der Vertrauensuiaiiii. Vuufl und LvissettMttfk. — Das„Nene Theater" ist vom 1. September 1803 auf zehn Jahre von Frau N n s ch a B n tz e gepachtet worden.— — Netzhautablösnngen heilbar. Wie ans Hamburg be> richtet wird, ist es dem dort lebenden Arzt Dr. R. Deutsch« mann gelungen, die sogenaiinte Netzhautablösnng durch Einsührung thierischer Glaslörpcriuasse in das erblindende oder bmils erblindele Auge zu heilen.— — Franz Stuck hat eine„S u s a n n a i ni B a d e" gemalt. Das Bild ist von einer Münchener Kunsthandlung erworben worden.— — MaSeaftiii'S neue dreiaklige Oper führt den Titel„I r i s". Die Heldin ist ein junges japanestscheS Bliinieninädcheu.— �„Roseu von Jet ichow". Hauplsüchlich sind es zwei Pflanzen, beide Bewohner des nördlichen Afrika, Arabiens und Palästina, die seit dem Mittelalter mit diesem Namen bezeichnet werden. Nach crfolgler Samenreise krümmen sich bei enilretender Hitze ihre Aesle oder die Hüllblätlcr bogenförmig einwärts, ivodnrch die zahlreichen, biriiförmigen Früchtchen wie von einem festen Gilter nmgcben»nd gegen alle möglichen Angriffe geschützt sind. Sobald dieses Knäuel nun aber bcsrnchtet wird. weichen die Aesle auseinander»ud strecken sich gerade, und hierbei können dann die Same» durch missalleiide Regentropfen aus den Früchten sortgespült werde». Da man nun weiß. daß in Arabien und den angreiizeuden Gebieten während des Sommers kaum einmal ein Tropfen Regen fällt, so wird die Bedciituiig der Eiurollung sofort klar. Beim Eintritt der ersten Winterregen öffnet sicti der Knäuel, die Samiien werden weg« geschwemmt, finden Fcuchiigkeit zur Eiitivickelnug, wachsen rasch heran und wenn die heiße Sonne des solgeuden Jahres sie wieder trifft, besinden sie sich, ganz wie im Vorjahre ihre Stamm- pflanze, im„Noseiistadium", ihre Früchte und Samen vor Gefahren behülend.— — Tic Presse ans der Pariser Weltausstellung. Für die Weltan-slelllllig von 1000 wird eine umfassende Tarstelluug des Zeitiingsiveseus und der Presse vorbcrcilct, und zwar nicht blos zum Ansehe», sondern auch, in Form eines Bucbes, zum Nachhanse- nehmen und zur fort währende» Benühiiiig. Es hat sich bereits ein ans Pariser Jouriialisten bestedendes Komitee gebildet, das die Aus- snhrung des Planes in die Hand genounneu bat; tu jedem einzelnen Laude sollen besondere Komilee's gebildet werde». Ueber den Plan selbst macht ein Artikel Jean Fiuot's in der„Revue des Revues" folgende Millheilungen: Das Werk soll die Geschichte, die Bedeutung und die Verbreitung der Presse darstellen, zur Velehruug des Publikums»ud der Presse selbst. Es cnldäll die Faksimiles der vedeulcudsten und felteusien Blätter, die Porträts und Lebens- beschreibnugeu hervorragender Schriststellcr, die Geschichte der be- deulendsten Zeitungen u. s. w. Die Kosten hofft man durch das Merk selbst reichlich decken zu können.— Gvvuszts�Äeikung. Milde Bestrasuna einer Tuellriipelcl. Wegen Nuffordernug zum Zweikampf mit lödtlictien Waffe» bezw. ivegeii Karlelllrägerei stände» gestern der praktische Arzt Dr. Moritz Meine und der Student Heinrich T diele vor der dritten Eliaskammer des Land- gerichls I. Am 4. Mai fand vor derselben Slraskammer eine Ver- Handlung gegen de» Schwiegervater des Dr. Meine, den Steuer- erHeber Crnmer, statt, welcher der Freiheitsderanbiing beschuldigt war. Zwischen dem Dr. Meine und seinem Schwiegervater»nd dessen Familie bestehen unerquickliche Verhält- niffe, die zu gegenseitiger heftigster Feliidschaft geführt haben. Gelegentlich eines Zusammenlreffens auf der Straße kam es zwischen Cramer und seinem Schiviegersvhu zu einem bösen Zluftrilt, der damit endete, daß der elftere den Dr. Meine zur Wache bringen ließ. Hierin erblickte die Anklagebehörde eine Freiheilsberaubiing. Im Termin wurde Cramer vom Rechts- anmalt Wcrlhaner verlheidigl. Derselbe führte in seinem Plaidoycr ans. daß der imvereidigt gebliebene Zeuge Dr. Meine nicht volle Glaubwürdigkeit verdiene. Dr. Meine betreibe seine ärztliche Praxis in einer Weise, welche man als„fair" nicht bezeichnen könne und daß der Angeklagte Cramer sich des Dr. Meine migenoniinen habe, als derselbe sich in äußerst heruntergekommencn Verhältnissen befand. In diesen Ans- sühningeu erblickte Dr. Meine schwere persönliche Veleidigungeii, er sandte dem Liechtsanwalt Werthauer durch den Studenten Thiele eine Forderung auf Pistolen bei dreimaligeiu Kugelwechsel und zehn Schritt Entfernung. Der Kartcllträger war beaustragt, gleichzeitig eine gülliche Auegleichnng anzustreben auf der Grundlage, daß Dr. Werthauer leine angeblichen beleidigenden Aenßeriiiigen zurück- »ehnicn sollte. Da Rechtsanwalt Werthauer sich weigerte, so blieb es bei der Forderung, die indessen nicht zum Auslrag gebracht wurde. da eine Anzeige ohne Unterschrist bei der Slaalsanwaltschaft einlief, worin ihr von dem Vorkominniß Kennlniß gegeben wurde. Im Termine veistcherle Dr. Werthauer, daß«r iinr seine Pflicht als Verlheidiger gclhan habe, als«r die in Rede stehenden Ausführungen machte' Eine beleidigende Absicht des Dr. Meine habe ihm nalürlick vollständig fern gelegen, obwohl er zu- gebe» wolle, daß«in Laie zu dieser Anschauung gelangen könne. Der Gerichtshof verurtheilte de» Angeklagten Dr. Meine zu drei Tagen, de» Angeklagten Thiele zu einer Woche Festungshaft. Tast die Influenza dazu dienen kann, die Brutalität eines Schutzmanns nngesühnt zu laste», dürft« neu fein. Der frühere Schutzmann Friedrich Geblcr hatte sich gestern unter der Anklage der Körperverletzung vor der ersten Strafkammer am Land- gericht I zu verantworten. Der noch jung« Mann, welcher früher einmal Mnllerbursche war, nach längerer Militärdienstzeit aber zur hiesigen Schutzmannschast übertrat»nd dort über,«in Jahr lhälig war, ist infolge de? zur Anklag« steheiiden Vorganges aus dem Dienst« der Polizei eutlasseii worden. Am 6. Mai, dem Tage, an welchem die beiden Garnilonkirchen in der Hasenhaide in Gegenwart des Kaiserpaares eingeweiht wurden, 'taud der Angeklagte Paste» tu der BcNenNianeeftraße, bei der Tellowerstraße. Die Sonne schien znr Mittagszeit recht heiß, die zahlreichen Mensche», die vorbeifluthele», scheinen ans das Gehirn des Angeklagten auch eiiien übeleu Einfluß ausgeübt zu haben— kurz, der Angeklagte führte bald vor versamineltem KriegSvolke eine Szene ans. bei der er sich nach der gestern vom Vorsitzenden des Gerichtshofes bekmidete» Ansicht„wie ein Rasender" benommen haben soll. Unschuldige Beranlassuiig dazu bot ei» Möbelwagen, dessen Erscheine» an diesem festlichen Tag« den Schntzman» völlig ans dem Gleichgewicht« der Gedanken brachte. Er gab den beide» Begleitern des Wagens, Tietze und Richter, in lautestem»nd aufreizendstem To» Weisungen. und als daraus reagirt wurde, schritt er zur Gewalt: er legte dem einen der auf ihr guteS Recht Pochenden oh»« weileres Fessel» au und versuchte, ihn unter fortwährenden Stößen nach der Wache zu befördern, und als das Publikum sich gegen diese Briilaliiät aufbäumte, wurde er immer gereizter und brüllte tie tollsten Schimpsworte in die Reihen des Publikums hinein. Sein« Kameraden hielten es sür geböte», zum ffievier zu gehen und dort zu melden, wie sich der Angeklagte benomlneu. Die Folge dieser Meldung war, daß ihn der Liculeuaut zum Physikus schickte, um festzustellen, ob der Angeklagte etwa betruukeu wäre; die Uulersuchung hatte aber ein negatives Ergebuiß. Gestern er- klärte der Angeklagte, daß er gar nicht mehr wisse, was au j.-nem Tage mit ihm vorgegangen; er eutsiune sich nur, daß es sehr heiß war, daß er Verdruß mit dem Publikum halte und sich am nächsten Tage krank melde» mußte. Der Physikus Sanitäts- ralh Dr. Becker bestätigte, daß der Angeklagte am nächste» Tage bei ihm erschienen sei und baß er ihn ins Aell habe schicken imisscn, weil sich bei ihn: zweifellos ein— I n f l u e n z a- Anfall habe fest- stelle» lassen. Der Sachverständige bekmidete serner, daß der Beginn der Jnflneuza öfter den Geist des Meiische» unter einen flinken Druck bringe und es nicht uuivahrscheinlich sei, daß sich der Angeklagte bei dem Vorfalle in einem Zustande befunden habe, der die freie Willeuslhäligkeit ausschloß. Mit Rücksicht hierauf hielt es der Gerichtshof sür geboten, weitere Erhebungen anzustellen und außer dem Verletzten noch mehrere Augen- und Ohreiizeugen des Voifnlles vorzuladen. Ter thätliche Angriff, dem der Schriftsteller Joachim Gehlseu am Nachmittage des 10. April V.J. seitens des Aichiufuii Agathou 91 ei in nun ausgesetzt mar, beschäftigte gestern die zweite Instanz. Neiinann ivar vom Schöffengericht der Körperverletzung mittels hinterlistigen Ueberfalls sür schuldig befunden und z» einer Gefäiignißsirase von 14 Tagen verurtheilt ivorden. Dein Ver- urlheillen schien die Strafe zn hoch, dem Verletzte» zu niedrig; beide Parteien hatten deshalb Berufuiig eingelegt. Gehlseu giebt eine Monatsschrift heraus, betitelt„Charlottenburger Laterne". Er zieht darin besonders gegen den Bauschwindel zu Felde. In dem Februar- Heft befand sich ein geharnischter Artikel, der sich gegen die Baufirma Reimann u. Ko. richtete, zu deren Inhabern auch der Augeklagie geHörle. Ter Zeuge Gehlseu bekundete: Ahnungslos sei er mit seinem Be« gleiler, dem Buchhändler Dewald, durch die Passage gegangen, als er plötzlich von einem herkulisch gebauten Herrn, der sich ihm von Hinte» genähert habe, in schneller Auseinauderfolge zwei wuchtige Schläge erhalle» habe, daß er in die Kuiee gesinikeii sei. Daun habe der ütiigreiser ihn ins Gesicht gespien und sich dann entfernt. Er habe eine» anderen Herrn sür den Angreifer gehalten, wohl der beste Beweis, daß er den letzleren nicht zu Gesicht bekomme» habe. Dal noch] ein Zeuge bekundete, daß der Angeklagte mehrere Tage zuvor sich in Charlolteuburg dahin geäußert habe, daß er Gehlseu verhauen wollte, so nahm der Gerichtshof an, daß der An- geklagte dem Zeugen Gehlseu lhalsächlich einen furchtbare» Denk- zeltel habe geben wollen und l ies auch mittels hiutcilislige» Ueberfalls ausgeführt habe. Es wurde» deshalb die beiverseUigeu Beiufiuigen verworfen. Für Vereine, die gelegentlich einmal Tanzbergilügen arraugireu— und das ihn» sie so ziemlich alle— ist eine Eni- scheibnng des K a in m e r g c r i ch t s von Bedenlung. Bekanntlich giebt es in unserem lieben Valcrlande der Gollesfurcht und frommen Sille eine Unmasse polizeilicher Vorschriften Über die äußere Heilig- baltung der Sonn- und Feiertage, die u. a. sür geivisse kirchliche Feiertage jede Tanzlnstbarleit verbieten. So enthält«tue Regiernngs-Polizeiverordnung vom 18. Dezember I8S3, die auch in Barmen gilt, neben anderen Bestiimnnngen die, daß am Aschermittwoch Bälle und ähnliche Lnstbarkeilcn nicht stattfinden dürfen. Hiergegen sollte Herr Ellson, der Vorsitzende der Barmer Karnevalsgcselljchafl, dadurch verstoßen Kaden, daß er es gelegentlich einer Festlichkeit am Aschermittwoch gestatlcle. daß bis zum anderen Morgen um 4 Ubr getanzt wurde. Das Schöffengericht stellte nun fest, daß vor 12 Uhr nachts kein Tanz stattfand, sondern erst später und sprach wegen dieser Thatsache den tllngcklaglen frei. Es nabm an. eine strafbare Handlung oder Unterlaffung liege nicht vor, da die Zeit nach 12 Uhr nachts schon dem anderen Tage, also nicht mehr dem Aschermittwoch angehört habe. Die Stnatsainvallschast legte nach erfolgloser Be- rufung beim Kamniergericht Revision ein. Sie machte geltend, es liege doch eine Verletzung jener Polizeiverordiiuug und deS§ 361 des Reichs-Strasgesctzbuches vor. Ein Ball sei als am Ascher« Mittwoch gegeben anzusehen, wenn an diesem Tage die Theil« nehmer einer Festlichkeit bis 12 Uhr nachts bei Tische säßen und erst nachber mit dem Tanze begännen. Die Festlichkeit sei als Ganzes zu nehmen. Der Oberstaalsanwalt am Kammer- gerichl trat diesen Anssührungen im wesentlichen bei. Maß- gebend sei, wann die Lustbarkeit begonnen habe, in deren Verlauf nach 12 Uhr nachts getanzt wurde. Das Kammer- gericht verwarf aber die Revision der Staatsanwalt- schaft und sprach den Angeklagten ebenfalls frei. Der Vorsitzende führte begründend ans, selbst wenn man daS Fest als ein.Ganzes ansehen wollte, hätte Angeklagter doch freigesprochen werden müssen. Einzig und allein entscheidend sei, daß die verbotene Handlung des TanzenS am Aschermittwoch nicht stattgefnnden habe. Diese Eilt- scheidimg hat sich auch das Berliner Polizeipräsidium sä uotana >u nehmen, welche in den letzten Jahren eifrig bemüht war, den Berliner Arbeitervereinen diverse Oster-»nd Wcihnachts- vergnügeu:c. durch Jnhibirnng des Tanzes nach 12 Uhr zu stören. Für HandlungSrciseude und Geschäftsinhaber ist«ine vom K a m»i e r g e r> ch i getroffene Auslegung des neiigesaßlen§44 Absatz 8 der Reichs- Gewerbe- Ordnung äußerst wichtig. Der Reisende Pclersen und der Maiinsaklurwaareii-Häiidler Olsen waren wegen Verletzung jenes Paragraphen angeklagt worden. weil Petersen im Auflrage Olsen's Bestellungen bei Leuten aufgefucht hatte, welche weder Gewerbetreibende noch Kanflente sind. Schöffengericht»nd Strafkammer sprachen die Angeklagten sreß Sie erachteten sür ausschlaggebend, daß Petersen nur bei solchen Leuten war, die ein Formular etwa solgeuden Inhalts unterschrieben halten:„Bcanslrage Herrn Olsen, mir jetzt und in Zuknifft einen Reisende» mit Proben zum Zwecke der Auswahl und des eventuellen KanscS zuzuschicken." Hierin erblickte die Strafkammer eine Auf- f o r d e r u n g im Sinne des§ 83, 3 der Gewerbe-Ordnnng, wo eS heißt, das Aussuchen von Bestellmigen auf Waare», Druckschriften ans- geiivniuien, dürfe ohne vorgängige a u S d r ü ck l i ch e A u f- > ordern ng nur bei Kaufleutcn in deren Geschäflsränmeu oder bei solchen Personen geschehen, in deren Geschästsbelriebe Waareu der angcboleneu Art Verwendung finde». Die Slaatsauivallschast legte Revision ein und betoute, eine solche Aufforderung dürfe nicht durch den K aus mann erzwungen iv e r d e n. Das sei aber hier dadurch geschehen. daß Olsen de» Kunden die erwähiilen Formulare zngesch.ckt und sie zur Unterschriit veranlaßt habe. Eine Aufforderung im Sinne des Gesetzes könne indessen nur eine freiwillige sei». Der Over-Staats- anwalt trat der Revision nicht bei und das Kammergericht sprach die Augcklagleu ebenfalls frei. Der Vorderrichter habe ohne Rechts- i r r t h u in fesigestellt, es liege eine Aifffordernug im Sinne des § 44, 3 der Gciverbe-Ordiiiing vor, obwohl die Firma Olsen die Anregung dazu durch Utbersendnng der Formulare gegeben habe. Von erzwungenen Anfforderuugeii könne nicht die Rede sei». Ein zweiter Tuellprozeff wird aus L y ck in Ostpreußen ge- meldet. Wegen Herausforderung zum Zweikampf mit tövllichen Waffen wurde von der dortigen Strafkammer der praktische Arzt Dr. A x I aus Augerburg zu e i n e m M o n a t F e st n u g 8« hast verurtheilt, während sein Bruder, der Rechtsamvalt Axt aus Augerburg, welcher als Kartelllräger fiiiigirl hatte, freigespiochep wurde. Es handelte sich hierbei um eine Herausforderung au de» Landralh Dr. Beckmann._ Vevsammlungen. Eine Volksversammlung, eiiibenffc» von der weiblichen Ver- lrauciisperjou, wurde am Dviiucrstag im Berliner Prater abgehalten. Genosse Liebknecht hielt vor einer äußerst zahlreiche» Zuhörer- schalt eine» mit lebhaftem Beifall nufgenoinmenen Vortrag über die Stellung der Frau tu der Sozialdemokratie. Der Redner führte aus, daß die uulergeordnete Stellung, welche die Frau von jeher eiugeuoiitme» Rnbe, weder durch du? Ternwneuthum, noch durch das Christen thum deseitigr worden sn,»nd dost nuch nnser Blirgerlick>es Gesehbuch die viechtlostgkeit der Frau und ihre Unterordnung unter den Man» auircchl erhalt«. Die Sozialdemokratie sei es, welche zuerst für die Meichstelluug der Frau— die politische und rechtliche— eingetreten. Er legte an der Hand zahlreicher Beispiele dar, dnh die Frauen am öffentlichen Leben das gleiche Interesse haben wie die Männer und ihnen daher auch dieselben Rechte zugestanden werden miiffe», die das männliche Geschlecht für sich in Slnspruch nimmt. Er zeigt n. a., dag eine Jlrbeilersran, welch« eine Familie bei einem wöchentliche» Haushalt von It), 15 oder 20 Mark zu erhalten habe, mehr Finanzgenie beweise, als der Finanzminister Johancs von Miqnel.?!achdei» Genosse L ie bkn ech r die Einwände, welche gegen die Gleichberechtigung der Frauen vorgebracht worden, widerlegt hatte, ging er zu der Besprechung der Gegensätze über, die sich ans dem Züricher Kongreß zwischen ten Vertretern der Eozialdeinokralie und den Anhängern der patriarchalischen Anschauung, welche die Frau ausschließlich auf den Wirkungskreis im Hanse und in der Familie verweist, bemerkbar gemacht habe». Selbst die katholischen Demokraten auf dem Kongreß hätte» an- erkannt, daß die Sozialdemokratie weit entfernt sei. die Familie zu zerstören, daß sie dieselbe vielmehr ans eine bessere Grundlage stellen wolle, indem sie snr die wirthschastliche Selbständigkeit der Frau eintrete. Die Fnbrikarbeit der Frau z» verbieten, sei unter der Herrschaft des Kapitalismus nicht denkbar. An sich sei auch die indnstrielle Tbätigkrit der Frarren nichts schlimmes. Es handle sich jetzt nur darum, die Frauen gesetzlich zu schützen vor übermäßiger Ansbentung. Die nach dieser Richtung in Zürich gefaßten Beschlüsse würden wohl nicht ohne Wirkung ans unsere Sozialgesetzgebung bleiben. Der Redner bemerkte zum Schluß, daß es unter den Männern, auch unter den sozialdemokratischen,»och viele gebe, die den Frauen die ihnen gebührende Gleichslellnug nicht zuerkennen wollen, weil sie meinen, daß der Mann von Natur der Frau überlegen sei. Das erkläre sich wohl ans dem Umstände, daß uns von Jugend aus die Anschauung gepredigt worden sei, die Frau gehöre ausschließlich ins Hans. Die Frau habe sich, in gleicher Weise wie der Mann, und gemeinsam mit ihm an der Lösung aller Knlturanfgaben zu bclheiligen. Wie ober nach dem bekannten Ausspruch von Karl Marx die Befreiung der Arbeiter- klasse mir das Werk der Arbeiter selbst sein könne, so müsse auch die Befreiung der Frau wesentlich das Werk der Frauen sein. Dem Vortrage folgte eine Diskussion, die von einem jungen Manne eröffnet «Hirde, der sich als Gegner der Sozialdemokratie ausspielte und einen recht unbedeutenden Versuch machte, die Ans- snhrnngcn des Vortragenden in bezng auf die Frauen- frage als widerspruchsvolle zu kennzeichnen. Der junge Mann wurde von der Genossin Fahren wald und dein Genossen Bartels treffend abgefertigt und ninhle auch vorn Genossen Liebknecht eine hoffentlich nicht ganz unfruchtbare Belehrung hinnehmen. Die Versammlung nahm eine im Sinne des Referats gehaltene Resolution an und wählte dann die Genossinnen Mesch, Lutz und Fahre» wald zu Revisorinnen der Vertrauensperson. Die Vorsitzende schloß die Versammlung mit einem illppell an die Frauen, sich rege i» den öffentlickien politischen Versammlungen zu bethäligen und mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie. In eincr öffcntlichcn Versammlung der Metallarbeiter, die an, Donnerstag in, Lokal„Urania", Wraugelstraße, tagte, wurden die Ursachen des Streiks bei der Firma Georg Drechsler erörtert. Nach den Ausführungen des Referenten Mass a t s cl> nnd auch der übrigen Redner entspricht die im„Vorwärts" bereits veröffentlichte Darstellung über den Ausstand der Schlosser»nd Klempner bei der Firma Drechsler vollständig den Thatsache». Nichts weiter forderten die Arbeiter als die Ausfertigung eines Lohntarifs, der in den Wcrkstältenf ausgehängt werden soll, damit die fortwährenden Streitigkeiten über die verschiedenartigen Preise für ein und denselben Artikel endlich einmal beseitigt werden. Es soll vorgekommen sein, daß der eine Arbeiter für genau dieselbe Arbeit nur die Hälfte Lohn erhielt, als ein anderer Arbeiter. Daß dies zu Unzuträglichkeiten führte, ist selbst- verständlich und deshalb wurde ein einheitlicher Lohntarif, der übrigens de» Arbeitern bereits im vorige» Jahre versprochen worden war, gefordert. Daß die Arbeit überhaupt niedergelegt würde, soll die Schuld des Meisters W o d t k e sein, der, als er von den Arbeitern befragt wurde, ob denn nun der schon so oft ver- sprochene Lohntarif fertig sei, ohne dazu beauftragt zu sein, geantwortet habe, daß diejenigen, welche nicht warten wolle», ein- fach aufhören können. Von allen Rednern wurde das Verhalte» de? Meisters W o d t k e. den auch die Schuld an den vorgekommene» Lohnabzügen nnd sonstigen in der letztern Zeit hervorgetretenen Mißstände» beigemessen wird, ebenso wie das Verhalten des Ar- beilers V o r w e r k, der sich dem Vorgehen seiner Kollegen nicht an- geschlossen hat, einer herben Kritik unterzogen. Außer Vorwerk, der angab, daß ihm seine Kollege» nichts angingen,»ahn, auch der Meister Wodlke das Wort, um der Versammlung in einer längeren Rede auseinanderzusetzen, daß er an allen Mißständen unschuldig und«in guter„Vorgesetzter" sei, der immer die Interessen„seiner Arbeiter" ver- treten habe. Nach einer langen Diskussion, in der alle Redner, außer den beiden letztgeaunten, ihre Verwunderung darüber ans sprachen, daß die Arbeiter gezwungen wurden, wegen einer so ge ringfügigen nnd gerechten Forderung die Arbeit niederzulegen, und nachdem noch bekannt gegeben worden war, daß der Meisler Wodtke eifrigst bemüht ist, Streikbrecher zu werbe», gelangte eine Resolution zur Annahme, in der sich die Versammelten einstimmig (Vorwerk und der Meister Wodtke stimmten nicht dagegen) mit dem Vorgehen der Ausständigen solidarisch erklären und in der alle Kollege» aufgefordert werden, die Werkstatt der Firma Drechsler so lange zu meide», bis der geforderte Lohntarif für die Arbeiter ausgefertigt wird. Nachdem»och ans den Former- ausstand hingewiesen und zur regen Betheiligung an den San»»- lungen ausgesordert worden war, erfolgte der Schluß der Ver- sannnlnng. Zt,b»it«r-KIld»,ig»fchuI». Ter„nlerrtcht beginnt in Natlonalökononite, Gesdilcht- und Eesev' stunde an, 18. Otlober, abends MNhr, Jnselür. ,0, v.i Tr. ThlUnehmer weiden schon jegl aufgenommen in folgenden Stellen: fflonfr. Schul,, Admiraislr.«oa; Re»l.«arnimslr. ea; Schiller, Nosenihalernr. 67; anetnert, Müllerstr. 7»; Pgnl Mitcle, Manleuffelsir. ias! H. Königs, Dtesfenbachstr. so. Alle Znschrisle» find an den Borschenden Paul Mticle it., SO. Man- Icuffelftr. 128, Eeldsendungen an de» klassirer H.« ö» t g s, L. Diefsenbachstr. 80, ,u senden., Lreirelisiiile«Ze,»rinde. Sonntag, den 8. Ottober, vornitttag» ,0'ü Uhr, in Keller's Festsaal,«oppenstraße 29;„Feter der Jugendaufnahme". Die Festrede hält Herr E. Boglherr. Um II Uhr oormtttags u» großen Festsaal der Berliner Nessouice. Kommandantenstr. 67: Vortrag des Herr» Walvecl Manasfe:„Ter Nutze» der Goltlosigfelt". Gaste ivilllommen. Hozialdrinohratifchrr Agiiationovrrein snr den Ulahlltrei« Stralfnnd- F> a,»d»rg-Dliigr». Sonntag, den 8. Otlober, vorm. ,0 Uhr, bei Mörschel, Jüdenstraße 8«: Generalversammlung. Tischlrr-Nrrri».-beule Abend Uhr, Melchiorstraße 15: Versammlung. Vortrag. Dame» haben gntrttt. verein der Snchdrnllier nnd Schriftgieger snr Nirdors-Kriti. Sonn- lag. den 3. Ottober, nachmittag» 1 Uhr, General Versammlung in den„Viltoria- Sälen", Hermannstr. 18—60. verband der i» Kolsbearbeitnng«- Fabrillen»nd auf Aolspläbe» betniäfiigte» Arbeiter Zlentschlaud». Filiale Berlin l. Montag, den«. Olt., abends ssj Uhr, im Lolale des Herrn Wtlte, Andreasstr. 28: Mitglleder- Versamminng. Zstheelilnb..frechstnn", Am 28. Oktober: Konzert in Cohnch Festsälen, Benlhstr. 19 sgr. Saal). Theater-zierei»„Thalia". Heute Abend: Sitzung und Probe bei Pause, Kliftrtnerplag 9._ VovmiMkrs vom Togo. — In R a t i b o r begoß die Frau eines Buchhalters das Kopfhaar m i t B e» z i» und zündete dann dasselbe a». Sie liegt schwerkrank im Spital.— kr. Der Hamburger Hafen- Kriminalpolizei-Osfiziaut v. Würzen wird wegen Meineides, Mißhandlung im Amte, Diebstahls im Amte und Zolldefraudation steckbrieflich verfolgt.— In Harburg ist der P o l i z e i s e r g e a n t Psötta vor kurzem vom Amte suspendirt und ivenige Tage darauf entlassen worden. Er hatte iu der Trunkenheit eine Wirlhstochler in gemeiner Weise beleidigt nnd ihren Vater widerrechtlich verhaftet.— — A b s ch r e ck u u g s t h e o r i c. In der Weihuachtswoche des vergangene» Jahres fand auf dem Cauustaltcr Wasen ein Duell statt. Der el»e der Duellaulc», Gras Uexküll, verbüßt nn» gegenwärtig seine dreimonatliche Haft im Stuttgarter Militär-Arrest- hause in der Weimarstraße. Es geht ihm dabei augenscheinlich aber garnicht schlecht. Von vormittags 11 Uhr bis nachmittags 4 Uhr kann er, wie dem„Stuttgarter Beobachter" mitgethcili ivird, iu der Stadt spazieren gehe», wo er will. Von 4 Uhr au hat er sich iu seinem gut eingerichteten Zimmer aufzuhalten, wobei er sich die Zeit durch Lesen, Rauchen und Trinke» vertreibt. Sein eigener Bursche muß ihm das Essen und Trinken zutrage», und die Schild- ivache inn» noch stramm präseutiren, wen» der Herr Arrestant aus- nnd eingeht.— — Ja Kalk bei Köln stieß ein 15 jähriger Junge ein fünf- jähriges Kind in ein Feldseuer. Das Kind starb an den Brand- w und« n.— — Zum Kapitel„Verminderung des Schreib- werkS" wird der„Alfelder Zeitung" über einen Fall aus der Nähe von Alfeld berichtet. Auf der Bahnstation ist-in Waffer- glas verunglückt. Der Vorsteher beantragt bei der hohen Direktion die Genehmigung zur Anschaffung eines Glases im Werth« von 20 Pf. Daraus kommt die Verfügung. ein Glas für 10 Pf. zu kaufen. Hierauf begiebt sich der Beamte persön- lich zum Kaufmann und fragt an, ob er für 10 Pf. den frag- lichen Gegenstand liefern könne. Auf die bejahende Antwort begiebt sich der Vorsieher zurück in sein Bureau und sucht die nölhigeu Formulare. Er übergiebt zwei davon einein Bahnarbeiler mit der Weisung, dieselben dein Kaufmann zu bringen und das Glas zn holen. Der Kaufmann müsse die Forinnlare aber genau durch- lesen, aussüllen und unterschreiben und sich später seine 10 Pf. von der Staliouskasse abholen. Da derselbe gerade beschäftigt ist, so läßt er das Glas überreichen mit der Bemerkung, der Mann solle das Glas sanunt Formularen nur so mitnehm«», für die vielen Um- stände wolle er das Glas der Bahnverwaltuug lieber— schenken. So geschehen im Jahre des Heils und der EisenbahnuusäNe 1öö7 im Jntelligeuzstaate Preußen.— — In A r r a s brach in einer S ch ä n k e Feuer auS. Drei Personen, darunter der Wirth, kamen iu den Flammen um.— — Im nördlichen Frankreich übersteigt der B r a n n t- w e in- Verbrauch bereits um ein bedeutendes den mittleren Branntweiu-Verbrauch in Deutschland. Es trinken auch Frauen und Kinder. Der Alkohol wird vielfach mit süßlichem Stzrup und sonstigen chemischen Präparaleu vermischt.— c. o. Durch«inen Hauptgewinn r u i n i r t wurde in der Umgebung von Madrid der Besitzer eines großen Etablisse- menls. Er hatte an seine Angestellten eine große ülnzahl Lottericloos- Anlheilscheiue verkaust— weil mehr als er in Wirklichkeit besaß— und sich schriftlich verpflichtet, die darauf entfallenden Beträge aus- zuzahlen. Er gewann bei der Ziehung einen Theil des zweite» Hauptgewinnes im Betrage von 16 000 Pesetas, während er selbst, der eingegangenen Verpflichtung gemäß, mehr als 60 000 Pesetas auszuzahlen hat. Da die Gläubiger ihr Recht verlangten, mußte er ihnen als„Abschlagszahlung" sein ganzes Etablissement übergeben. — Ein Hellseher. In der Nähe W a r s ch a»' S machte kürzlich ein Hellseher viel von sich reden; er gab de» Bauern mit verblüffender Sicherheit den Ort an, wo sich ihre gestohlenen Gegen- stände befanden. Da die Angaben des Hellsehers immer zutreffend waren.'flieg feine Popularität in rapider Weise und damit natürlich nuch sein Verdienst. Jedoch dauerte das Geschäft nicht lange, denn dieser Tage wurde er auf dem Diebstahl ertappt. Es stellte sich nun heraus, daß der Hellseher selbst von den benachbarten Bauern ver- schiedene Gegenstände stahl»nd gegen eine gewisse Entschädigung natürlich mit Sicherheit augeben konnte, wo er das gestohlene Gut untergebracht kalte.— — Die T y p h u s- E p i d e m i e in M a i d st o n e(England) nimmt noch immer zu. Bis jetzt sind 1100 Erkrankuugeu vor- gekommen.— — B o» d e r P e st. In Indien ist die Pest in bedrohlicher Ausbreitung begriffen. In Bombay kamen in der letzten Woche 60 Todesfälle vor. Auch in K ar a ch i ist die Krankheit wieder aufgetreten.— — Für die 800 Frauen seines Harems hat der König von Siarn aus Deutschland seidene Strumpfe mit- genommen. Die Strümpfe wurden nach angegebener Zeichnung in Chemnitz hergestellt und zeigen oberhalb des Knies als„Besitz- marke" den in weißer Seide gestickten Elephanten von Siam.— — N e w- I o r k, 60. September. Der Oberarzt des See- Spitatdienstes berichtet, daß bis gestern Abend in den Vereinigten Staaten 682 Fälle von gelbem Fieber vorgekommen sind, wovon 60 tövllich verliefe«.—_ Briefkasten der Redaktwn. Die juristische Sprechstunde findet für die nächste Woche am Montag, den 4., Dienstag, den 5. und Sonnabend. den g. Ottober nicht von V bis 7>/a Uhr, sondern von 7V, bis g llhr abends statt. <5. D. 100. 1. und 2. Nein. 3. Ja.— Schwarz 22. Soviel ohne Papiere ersichtlich, ist die Steuerbehörde im Nccht.— Rufs, W. B.: Nein. Wcttcr-Prognosc für Sonnabend, den 2. Oktober Zeiliveis« heiler, vielfach neblig bei schwachen nordwestlichen Winden und langsam sinkender Temperatur; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W e t t e r b u r e a n. Tocktes- Anzeige. Meinen Genossen, Freunden und Kollegen die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau, Marie Bruder, am 30. September, nach langen. schweren Leiden durch de» Tod erlöst wurde. 10l4b Ihrem Wunsche gemäß, einfach und schlicht rni Leben, findet die Beerdigung ohne alle Formalitäten am Sonntag. nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle der Zionsgeuicinde m Weißen- see ans, statt. Fritz Bruder, Handschuhmacher und Kinder. Freie yolksbtthne. Deutscher Metallarbeiter-Verband Sonntag, 10. Oktober, nachmitt. 3 Uhr I. Abtheilung " oT*"" z" «»»» 0„ III.„ gelangt im Friedrich Wilhclinstttdtisclien Theater zur Aufführuna (Verwaltunofsstelle Berlin). IMe Hexe Den Mitgliedern- deS Bcr> bandes aller im Handels- und Dransportgewerbe de- schäftigten Hilfsarbeiter die traurige Nachricht,, daß am 29. September unter langjähriges Mitglied, Kollege Friedrich Stransfeld. an der Proletarier-Krankheit verstorben ist. 287/4 Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags 3 Uhr, statt, von der. Leichenhalle des Himmelfahrt-KirchhofS Prinzen- Allee. Die Kollegen, welche dem Tobten die letzte Ehre erweisen. treffen sich bei Wich. Briligimuin, Prinzen-Allee 21, punkt 2 Uhr. Um zahlreiche Betheiligung ersucht Der Borstand. E m cn)d)iiieiimcifiev! Im gestrigen Inserat ist die Ab- fahrt zur Leipziger Ausstellung falsch angegeben. Theilnehmer haben sich Sonnabend 10,30(nicht 11,30) Anhalter Bahnhof, Leipziger- Schalter, cinzilfliidcn. 101Sb Drauor-spisI in b Auszügen von Arthur Uitgsr unter Mitwirkung von Fräulein Seraphine Detschy, Fräulein Emma Thouret und Horm 0 e s e r vom Deutschen Thoater als Gast. Die erste AMlieilung ist geschlossen. Da nur noch wenige Mitglieder für die IL und IU. Abtheilung aufgenommen werden können, müssen sich Interessenten sofort melden. Eine vierte Abtheilung kann erst dann eine Vorstellung erhalten, wenn dieselbe gefüllt ist.— Vorläufige Anmeldungen gegen Hinterlegung des Eintrittsgeldes von 60 Pf. sind daher in allen Zahlstellen schleunigst zu machen. Die Mitglieder der ersten Abtheilung werden gebeten, den Oktober- Beitrag bis Freitag, den 8. Oktober spätestens zu bezahlen. Rubrik VII der Mitgliedskarte hat für alte Mitglieder eine Beitragsmarke, für neue Mitglieder zwei Marken zu enthalten. Dev Vorstand. G. Winkler. Sonnabend, den 16. Oktober, in der Brauerei Friedrichsham(früher Ups), am Königsthor: Vokal- u. Instrumental-Konzert ausgeführt Von Zivllbernfsmiisikcrn unter- Leitung des Herrn Waldemar Gnttniann, sowie dem Berliner Klilunerciuartctt„Harmonie"._ 161/2 Nach dem Konzert: Grosser Ball. Herren, welche an demselben theilttehmen, zahlen 80 Pf. nach. Anfang punkt>/z0 Uhr. Billets 25 Pf. Alles Nähcrc besagt daS Programm, welches beim Eintritt zur Ausgabe gelangt. BilletS sind in allen Zahlstellen, bei den Kasfirern. sowie tm Verbunds-Bureau zu haben. MM- Slu der Kasse wird kein Billet Verkauft.-DW Die Vertrauensleute müssen bis Mittwoch, den 13. Oktober, mit den Kassirern ab- gerechnet haben, andcrnsalls gelten die i» ihren Händen befindliche» Karten alS verkauft und sind demgemäß zu bezahlen. Hie Orttverivaltung. Arbclttr-Msahm-Arelil „Berlin". Sonntag, den 3. d. M.: Tour nach Trebbin. Abf. früh 3 Uhr: Steuer- haus(Kreuzbergl._ 267/10 Riithsel der ganze» Welt! Neu eingettoffeil: Weicher Herrenhut hochelegant! 3234«* Ifdriljift mit 8,301. Wosfinnnn, Gr. Frantfnrterstrasfe 130. Soeben erschien: [3235L* Btrliiier Arbeiter-Killeiiber IV. Jahrg. pro 1808, 88 Seiten, reich illiistrirt, SV ZW- r 1- c I« 15 Ff. � Mleoerverkäuser erhalten hohen Rabatt, und mache ich diese ans McJ leichte Absatzsähigleit meines Kalenders besonders aufmerksam. Maydoter Itockt., Verlagsbuchhandlung, Berlin It., Weinbergsweg 15b Ich wohne jetzt IdndciiMtrnssc 84. I)r. JncohHolin. Augenarzt, Achtung! Neu eröffnet! Rtstamaiit iniö Mrvtckii von 3134L* Paul Zimmermann, Marülinsstr. H, fvüf) Grüner Weg 19. ine. 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Tabake"MW Lindowerstr. 85 an der Müllerstr. Weltsiimkt. tzVitsehenaiierlnaen auf Damen- Oberhemden verlangt gegen Vorlegung von Probearbeit. Gustav Fromberg, Krouenstr. 31, 1 Karto»arb«itertitN«N verlangt Pape. Wassergasse 3. Svöb Marmor-Schleifer verlangt Sasse, Kottbnser Damm 33. Gmtler(ins Wkröm werden Verl. C h a n s s e e st r. 100. Tüchtige Farbigmacher bei hohem Lohn verlangt 1025b IL.«loers, S k a l i tz o r st r. 28. Farbigmacher Verl. Alidrcasstr. 10. Einpacker fitr Goldleisten verlangt Andrcaöstr. 10. 1012V Älchiruinäherinnen für bauin- wollene Schirme finde» lohnende nnd dauernde Beschäftigung. 10l5b Berlin-Cellor Schirmfabrik, Neue Grünslr. 38. Schit-mnäherinnen snr halbseidene und seidene Schiruie finden lohnende und dauernde Beschäftigung., Berltn-Celler Schirmfahrik 1116b Neue Grünstr. 36. Achtung, Holzarbeiter! Sonntag, den Z.Oktober l8g?. mittags 12 Uhr, im Borstiidtische» Kasino, Ackerstrafte 144: Oelfeiitliclie Versa mml im g; 1 fäiiimtiidjct Vtodelltischlcr, sowie aller i» Maschtnenfabrike»»»d »n Eliengtehereicn beschäftigten Holzarbeiter Berlins und Umg T a g e s- O r d>i n n g: . Die Ailsspernmg der Eisenformer und die Stellungnahme der Modelle und Fabriktischlcr hierzu. Referent: Genosse?1iiIIer. Erscheine» säinmtlicher Kollegen ist nothwendig. Z*3'11 Der Elnbernfer. Deutsch. IVIetallarbeiter-Verband (VcrwaUuiiffsstclIc Berlin). Sonntag, den 3. Oktober 1897, vormittags 10 Uhr, int Lokal von Lichdcr, Chart ottenbnrg. Bismarckstr. 74; Bezirks- Versammlung; für* Charlotteuburg u. Spandau. Tageö-Ordnung: 1. Vortrag des Ingenieurs Herrn M. Grempe tibcr: Die neuesten Ernndungen zur Sicherheit deS Eisenbahnbetriebes. S. Disknssson. 3 Ab- rechnung vom Herbstvergniigen. 3. Nerbandsaiigelcgenheiten u. Verschiedenes. ... zahlreiches, pünktliches Erscheinen ersucht ™l3 Die Ortsverwaltnng. Former und Bernfsgenossen. »IN Sonntag, de» 3. Oktober, mittags IL Uhr, im Cösliner Hof. Cöslinerstraste Nr. 8, Gr. öffentliche Versammlung. Tagcs-Ordnnng: D e GeiieralauSsporrnua der Berliner Former und BeriisSgenoffen. Die Streikkonimisston befindet sich Ackcrstr. 123 bei Dlelre. 33/0 Der Vertrancnsniann. 8. Müller. Achtung! Former I Ächtung! Große öffentliche Urrsammlnng Der warmer n. Ii er n isgeu o s seit Montag, den 4. Oktober, abends 8 Uhr, tni I.oiil«eiift>tii/. Uhr. in Fencrsteln's oberem Saal, Alte Jakobstr. 75:_ USp"* Mitglieder-Versammlung. HW T a g e ö- O r d n n n g: 1. Vortrag des Herrn Dr. �Vefz'l über;„Lnngcnhcilstättcn". 2. Verbandsangelcgenhciten und Verschiedenes. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht 28/8 Der Bevollinlielitlxte. Die Villets zur Urania-Borstellnng in der Tailbensirafie sind bis spätestens Sonnabend, den 9. Oktober, abzurechnen; alle bis dahin nicht eingegangenen Billcts gelten als bezahlt._ Verein der Maschinisten, Heizer u. Berufsgen. Berlins und Unigegend. Sonntag, de» 3. Oktober, nachmittags 5 Uhr, Oranlenstr. 51: IPSP V e r s a m m l n n g. Tages-Ordnnng: 1. Vortrag des Herm Jngenicnr G c n z m c r über: Die elektrischen Bahnen in Berlin, Hoch- und Untergrlindbahn. 2. Vierteljähriger Kassen- bericht. 3. Verschiedenes. 4. Anfnahuie neuer Mitglieder. 139/5 Der Verstand. Verband der Möbelpolirer. Montag, de» 4. Oktober, abends 8 Uhr. im Lokale des Herr» Babenselmelder, Hcrmannstrahe 197: PF* Versammlung."DW Tages-Ordnnng: 1. Kritik über Spiritismus. Referent: Kollege Stranini. 2. DiSknsfion. 3. Werkstcllcnangclegenheitcn.— Hierzu find besonders die Kollegen von W i l l e r s, W ache, Spihbcrg(früher Saltscld), Knesebeckslrafie, ein- geladen. UM" Diejenigen Kollegen, welche zum Militär eingezogen werden, werden gebeten, dies H. Schulz, Meinelcrstrahe Lt)a, mitzutlieilen. Die«eneral-VersanunlnnK findet am Ntontag, 18. Oktober, bei ILeller, Koppenstrafte 29, statt. Der Vorstand. Achtung! Rabitzputzer. Montag, de» 4. Oktober, abends 8 Uhr: Oeffentl. Versammlung der Rabitzp,»tzer. TageS-Ordnung: 1. Situationsbericht über den Stand der jetzigen Lohnbewegung. 2. Diskussion._ 252/7 Wirthshans Schmargendorf, Warnemünderstr.<», direkt am Grunewald, mit Garte», Tanzsaal, Vereins- zinitner, KasfcelücheVollene �Festen und Trlcotagcn. Url,««tLai»,na« für Mechaniker, Bildhauer, Maler, sowie für jeden Al-tll-UöUlljlilii Beruf paff.; auch nach Maas; ohne Preisaufschlag. Rexenselilrnie und Herren-Cravatten. | m Brunhilde!»| j Roland Cheviot! j Unverwüstliche u. echtfarbigre Spezialitäten der Firma Carl H. Klippstein& Co., Mühlhausen i.TbOr. No.1l Weberei und Vcrsand-GeschUtt. Unsere reichhaltige Kollektion von Damen- und Hcrrciistoffcn sotvie Portlferen steht auf Wunsch franko zur Verfügung. Zahlreiche, uns unverlangt zugegangene Anerkennungsschreiben bezeugen die Vorzlielichkcit unserer Stoffe. •vA'K;•'/•/ tzi Parteigenossen! 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Dr. Hans Müller: Die Ideen der neuen Genossenschafts- beivegnng.(Septeniberheft der„Neuen deutschen Rundschau".) Bellainy niebt in seinem Roman„Equality" eine lurze Skizze, wie seiner Meinung nacy der liebergang von der kapitalistischen in die sozialistische Prodnktionsiveise sich vollziehen wurde, oder viel- mehr, da seine Ulopie im Jahre 2000 inmitten eines völlig sozia- listisch organifirtcn Gemeinwesens spielt, wie der Nebergang für die rückschauende Erinnerung der Zuknnftsmenschen sich darstelle. Wir waren bei der Besprrchnng des Buches gerade ans diese Aus- sührungen näher eingegangen. Zuerst, so erzählt Dr. Leete, seien die große», ihrer ganzen Bestimmung»ach öffentlichen Anlage» wie Wafserleitnng, Eisenbahnen, Kohlengruben. Petroleuinquclle» n. s. w. verstaatlicht worden nnd hierdurch sei ein innner wachsendes Arbeiter- Heer in den öffentlichen Staatsdienst überführt. Als dann die revolutionäre Partei die ausschlaggebende Gewalt in der Regierung gcivltn», habe sie in allen industriellen Zentren Läden errichtet, in denen die vom Staal beschäftigte» Ar- beiterinassen ihre Lebensbedürfnisse zu billigen Preisen(denn die Aufschläge des Zwischenhandels wurden so erspart) erhielten. Bald fei die Regierung dann dazu vorgegangen, die Waarenvorrälhe, die sie an ihre Arbeiter absetzte, nicht mehr im Großhandel einzn- kaufen, sondern selbst zu produziren. Sie erstand Ackerbangüler, Baumwollpflanzungen und Fabriken in großem Maßstabe. Da sie unter den günstigsten Bedingungen produzirte und keinerlei Profite z» den Produktionskosten schlug, so verbilligten die Preise in den Regierungsläden sich mehr und mehr, und immer größere Arbeilermassen strömten der von der Regirung geleiteten produktiven Organisaüon zu, um der Vortheile derselbe» habhaft zu werden. So sei die Auf- saugung der kapitalistischen Produktionsweise durch diese mit über- kegenen Mitteln für den Konsum der Regierungsarbeilcr arbeitende Regierungsproduktion und damit die Ueberführung der Gesellschaft in eine sozialistische Organisation vor sich gegangen. Sieht man näher zu, so ist es das Prinzip der Komin m- vereine und konsuni genossen schaftlicher Pro- d u k t i o n, auf außerordentlich erweitertem Maßstäbe von einer revolutionär-sozialistischen Regierung angewandt, welches»ach dieser Darstellung die Umwälzung zu stände bringt. Die Konsumtion der großen von der Regierung besoldeten Arbeiterheere soll organisirt werden und so die gesicherte Kundschaft stellen, für welche die R gierung im konsumgenossenschaftlichen Interesse die Güter einkauft und dann selbständig produzirt. Auf dieser Basis ist eine öffenl- liche Regelung der Produktion, wie sie durch bloße Verstaatlichung der großen Betriebe in gleichem Umfang nicht erreicht werden könnte, möglich. Denn die Verstaatlichung an sich brächte zwar «inen Theil der Produktionsmittel in die Hände der öffentlichen Gewalt, hebt aber nicht die Waarenform der Produkte, nicht de» Markt und Handel mit allen seinen unberechenbaren Kunjunkturcn ans. Diese Aufgabe muß von unten ans durch eine Organisation des Arbeiterkonsums in Angriff genommen werden. Beide Bestrebungen ergänzen sich, arbeiten einander in die Hände. Verstaatlichte Betriebe bilden den Hinterhalt großer staatlicher Konsumgenosscn- fchaften und diese entwickeln ihrerseits aus sich heraus die Tendenz zur Gründung iimner neuer staatlicher Betriebe für Herstellung der «rforderten Komsummittcl. Soweit erscheint der Gedanke, dessen nähere Ausgestaltung bei Bellamy allerdings recht phantastisch ist. wohl der Beachtung werth. Wir griffen auf ihn zurück, weil Bellamy bei allem Utopismus darin wenigstens klaren Blick beweist, daß er nicht die Konsumgenosseu- fchaften abgelöst von der allgemeinen politischen Beivegung, als die Brücke bezeichnet, auf welcher die Menschheit in das Znkunstsland hinüberwandern kann. Erst in der Hand einer Arbeiterbeivegung, welche sich die politische Macht erobert hat und diese zielbewußt iu sozialistischem Sinne anwendet, kann ihm zufolge die Orgaui- sation des Konsums, unterstützt von den gewaltigen Mittel» der Staatsmacht, ihre sozialisirende Wirksainkeil entfalten. Der politische Kamps und die Eroberung der Staatsmacht gelten ihm als Voraussetzung und Bedingung dafür. Ja, i» den» richtige» Bestreben, die große Bedeutnug der Staatsmacht i» der Uebergangs-. Periode zum Sozialismus klar hervorzuheben, neigt er dazu, die Initiative derselben zu übertreibe». So ist z. B. nicht einzusehen. warum die öffentliche Gewalt die ganze Organisation des Konsums erst von sich aus schaffen müßte, warum sie nicht ebenso gut an die ganz unabhängig von der Politik bereits ilnter dem kapitalistischen System entstandenen Arbeiter- Konsumvereine anknüpfen und diese, die in ihren fortgeschrittenen Entwickelungsstndien bereits heute ans das Gebiet der Produktion übergreisen, als Hebel benutze» sollte? Sobald Macht und Reichthum der öffentlichen Gewalt planmäßig kür den weiteren Ausbau dieser Gebilde angewendet werden, können dieselbe» iveit über die ihnen im heutige» System gezogenen Schranken hinaus geführt werden und so gleichsalls ei» bedeutsames Moment in der allgemeinen, auf Sozialisirung der Gesellschaft planmäßig gerichteten Bewegung werden. Zu der Taktik der Sozialdemokratie, die mit allen Mittel» in den Besitz der öffentlichen Gewalt zu komme» nnd diese dem Eman- zipationskampf des Proletariats dienstbar zu machen strebt, stehen solche und ähnliche Ansichten in keinem Widerspruch. Ter Wider- spruch beginnt erst, wenn man die allgemeinen nnd insbesondere die politischen Machtverhältnisse, unter denen die Organisation des Kons,, ms zu einem bedeutende» Faktor der Sozialisirung ivcrden kann, als gleichgiltig beiseite setzt und den Arbeitern die schöne Lehre predigt, ohne gcwerkschastlichen nnd politische» Kamps, ohne Er- obcrnng der Staatsgewalt könnten sie durch freien Zusammenschluß zu Konsumvereinen unvermerkt und von hinten herum dem Kapitalis- mus das Wasser abgraben, die Organisation des Konsums sei von vorneherein das entscheidende nnd allein zuverlässige Machtmittel im ökonoinische» Befreiungskampf. -- Dieser ganz einseitige, weit hinter Bellamy's Utopie zurück- fallende Standpunkt, in dem sich unverfälscht utopistische Denkart ausspricht, hat natürlich auch seine Liebhaber und Vertreter ge- fuude». Im Jahre 18S0 erschien eine kleine Schrift von Ernst B u s ch:„Die soziale Frage und ihre Lösung", in der die reine, vom politischen und geiverkschasttichen Kampfe losgelöste Konsul»- vereins-Bcwcgung schlechthin als„die Lösung" präsentirt wurde. Der Verfasser, industriellen nnd kaufmännischen Kreisen angehörig, starb bald darauf. Und seitdem hat Herr Dr. A. Mühlberger, der grimmige, für Proudhon schwärmende Gegner des Marxismus, sich als Agent des neue» sozialen Allheilmittels aufgelhau. Im Jahre 1804 gab er den Nachlaß von Busch»nler dem viel- versprechenden Titel:„Der Jrrthum von Karl Marx" heraus. Erst in einer der letzten Nummern der„Sozialistischen Monatshefte" hat er für die neue Lehre wieder«ine Lanze gebrochen. Und Dr. Hans Müller, in dessen Verlag jenes Schriftchen erschien, hat im Septemberheft der„Ne»en deutschen Rundschau" aus der Busch- scheu Lehre nicht nur den Jrrthum vo» Karl Marx, sondern„die positive Ueberwindung des Marxismus" zurecht dcstillirt. Die Kapitalisten, so kann man die Busch-Miihlberger'sche Arg»- mentation kurz zusammensasse», erzielen Profit nur unter der Be- dingung. daß es ihnen gelingt, die produzirte» Maaren zu ver- kaufen. Ohne Kundschaft kein Profit. Nun aber ist die Kundschaft, die sich nach Busch zum größten Theile ans den Konsumenten der Arbeiterklasse zusammensetzt, nicht gezwungen, von dem Zwischen- Händler, der seinerseits die Maare vom Großkaufmann oder auch dem kapitalistischen Produzenten entnimmt, einzukanfe». Die Ar- beiter könne» von sich ans Konsumvereine gründen, durch welche sie sich von dem Zwischenhändler irnd dessen veriheucrnde» Preisnnfschlägen emanzipiren. Die Konsum- genossenschasten können dann weiter untereinander in Verbindung treten, um g e m e i n s a», große Waarenposte» einzukaufen; und vo» diesem gemeinsamen Einkauf bis zur Gründung eigener Unternehmungen, in denen die bedurften Maaren direkt für die Vereine produzirt werten, ist nur ein Schritt. So beschäftigte z. B. nach den Angaben von Frau Webb die schottische Organisation der Genossenschaften über 1000, die englische fast 2000 industrielle Ar- beiter in großen und gut eingerichteten Beirieben. Bei de» Waaren, die iu de» Anlagen der Konsumgenoffenschast selbst hergestellt werden, fallen aber natürlich nicht nur der Zwischenhändlergewinn, sondern auch der kapitalistische Untcrnehmerprofit und die Gewinnste des Großhandels fort. Ter Eigenthümer solcher Betriebe ist die Konsumgenossenschaft selbst, die keine von den Konsumenten los» gelösten besonderen Interessen hat. Je billiger sie sich die Waaren zu verschaffe» vermag, um so größer ist der Gewinn, der, sei es durch Herabsetzung der Preise oder durch Austheiluug der Ueberschüsse, an die Kunden entfällt. Nun braucht man sich nur mit Herrn Busch zu denken, daß die Arbeiter-Konsum- geuvssenschafteu ins unbegrenzte wachsen und deu Umfang ihrer direkten Produktion für die Klmden unbegrenzt ausdehnen, und der Kapitalismus selbst ist aus de» Angeln gehoben— i» Ge- danke» wenigstens. An stelle der kapitalistischen ist die durch die Konsunigenossenschaften geleitete, von alle» Ausbeutungsgelüsten befreite geselischastliche Produktion getreten— ohne gewerkschast- lichen nnd politischen Kamps. Die politische Sozialdemokratie mit ihrem Klaffenkampse wird durch die unpolitische, friedserlige. alter NM so sicherer den Gesellschaflsbau unlerminircnde Arbeit der Konsumvereine abgelöst! .Fragt sich nur, ob das, waS sich, wenn man von alle» näheren Bedingungen und BestimiNungeu des modernen Wirthschaslslcbens absieht,„denken" läßt, irgend eine reale Möglichkeil für sich hat. Denken läßt sich unendlich viel. In jedem sozialen Organismus giebt es eine Unmenge einander einschränkender, init einander streitender Tendenzen, von denen keine, eben weil sie. von lauter gegenwirkendcn Kräften umgeben und eingeengt ist, sich frei entwickeln kann. Das Wesen utopistischer Denkart besteht aber gerade darin, ans diesen Ansähen nnd Tendenzen willkürlich dieses und jenes herauszugreifen, auszumalen, was, ivenn es eben nicht die Schranken gäbe, aus den Ansätzen und Tendenzen sich entwickeln könnte, und diese durch bloße Abstraktion von der ivirklichen Mannig- saltigkeil gewonnenen Tenkresultaie als reale Btöglichkeilen, als noth- wendige Entwickelungszielc und allein gillige Heilmethode» des sozialen Organismus hnizustellen. Wenn auf die wirkliche Oekononrie zurückgegangen wird, zeigt sich sofort, daß die Organisationen des Konsums, hinter denen noch keine planmäßig ans Verstaatlichung der Produktion hinarbeitende politische Macht steht, ivelchen Nutze» sie der Arbeilerschast immer bringen mögen, bei ihrem Uebergreife» in die Sphäre der Produktion von alle» Seiten gehemmt sind, daß jeder Versuch, durch sie allein das kapitalistische System zu eut- ivurzel», sich als einwirklich außerordentlich harmlosesUniernchmettdar- stellt. Erst im Zusammenhange mit der gcwerkschastlichen und politischen Bewegung sind Möglichkeiten, die Hemmungen zu überwinden, ge- boten. Sobald man aber die Genoffenschaflsbewegung in ihrer Relativität. in ihrer Beziehung zu diesem Hinlergriinde der all- gemeinen Beivegung auffaßt, verliert sie auch ihren spezifischen Reiz, citie„Widerlegung" oder„lleberwindung" des Marxismus zu sein, vielmehr reiht sie sich— ähnlich etwa wie die zu Marx' Zeiten gleich- falls unbekannte» und wenig beachteten Phänomene der industriellen Kartellirung— der Marx'schcn Gesammtansfassung des ökonomisch- politischen Entwickelungsprozesses ganz orgauisch ei». Das ist der Standpunkt, von dem ans K a u t s k y in seiner Schrift„Konsumvereine nnd Slrbeitcrbeivcgnng" Positives und Negatives sorgsam gegeneinander abwägend, vorurtheilslos und realistisch den Gegenstand behandelt. Was fürs erste die Utopie betrifft, daß die Konsumgenosscn- schafleu, da sie einige Waaren in eigener Regie schon beutc produziren, geeignet seien,»ach und nach die gesammle kapitalistische Produktion aufznsattgen, so stellt er diese» Phantasien sehr treffend die nüchternen Beobachtungen von Frau Webb, der besten Kennerin der hochentivickelte» englischen Geiverkschasien, gegenüber:„Ein sehr geringer Theil der von de» Arbeiter» konsiimirten Waaren, erklärt Frau Webb in ihrem Buche über die britische Gcnoffenschafis- beivegung, könnte durch genosseuschaftliebe Produktion beschafft werden." Denn cincrseiis sei es die Einfuhr vo» NahrnngSmitieln und Tabak, welche einen Hanptlheil der Unterhallsmittel für die ar- beitendc Klasse liefere, vor allem werde aber die eigene Produktion dadurch eingeschränkt, daß nur bei großer und konstanter Nachfrage nach den produzirte» Artikeln die Erzeugungskoflcn gedeckt werden können. So sei zum Beispiel die Mannigfaltigkeil der von den'Arbeitern begehrten Baumwollstoffe so groß, daß die englische Großhandels-Genossenschast die Fabrikation dieser verschiedene» Arten nicht habe übernehmen können. Diese Abhängigkeit von dem Umsang der Nachfrage ist„die Mauer, die sich, wie die Genossenschastler bereits erkannt haben, der demokratischen Fabrikation als thalsächliches Hinderniß entgegenstellt". Das sind nur einige der Schranken. Dazu kommt, daß ein gewal- tigcr Theil der Produktion Waaren erzeugt, die gar nicht für den Konsum der Arbe.ilerklassc bestimmt sind, asso, anch von allen sonstigen Schranken abgesehen, ganz außerhalb der genossenschaftlichen Produktion liegt; daß serner selbst im günstigsten Falle doch immer nur ein Theil des Proletariats, nämlich der zahlungskräftige, nicht auf den Borg angeiviesene, genossenschaftlich organisirt werden kann. u. a. m. Natürlich, fügt KantSky hinzu, folgt aus diesen Schranken nicht die Nutzlos ig ke i t der Konsumvereine, ebenso wenig wie man a»S den Schranken der politischen und gewerkschaftlichen Bethätigung ein Argument gegen Nutzen und Nothwendigkeit des politischen Kampfes nnd der Gewerkschaften herleiten darf. Nicht daS Universalmitlel(ein solches giebt es überhaupt nicht), nur ein Hilfs- mittel im proletarischen Enianzipationskampfe könne» die Konsum- vereine sein, und die Verwendbarkeit und der Werth diese? Hilfsmillels stellt sich je nach den allgemeinen sozialen Verhällnissen und der Entwickelungsstnfe der Arbeiterbewegung ganz verschieden dar. Alles ist hier relativ und bedingt. Die Frage, was die Konsumvereine gegenwärtig der Arbeiter- schaft zu leisten vermögen, ist von der anderen Frage, von welcher wir bei unserer Betrachtung ausgingen:„was di« Konsumvereine in Verbindung mit Prodnklivgenossenschaften dort leisten können, wo das Proletariat bereits die politische Macht, wenn anch nur zum Theil, erobert hat, in welcher Weise sie als Embryonen sozialistischer Organisationen dienen können", gänzlich zu trennen. Stach der Zu- rückwcisung der Busch'schen Utopie, die das, was bei gänzlich ver- änderten politischen Machtverhältnissen sich vielleicht vollziehen kann, bereits im gegenwärtigen Staate, wo noch die ivesentlichsten Vor- bediiigungen fehlen, erwartet, wendet sich Knutsky der Untersuchung zu, was gegenwärtig bei nüchterner Betrachtung die Konsum- vereine für die Arbeiterbewegung schon bedeuten. Ihre» demokratisch- erziehliche» Werth schlägt er gegenüber dem Gemeinsinn, den der gewerkschaftliche und politische Kampf entwickelt, nur gering an; dagegen können ihre ökonomischen Leistungen, da sie dem Arbeiter durch Verbilligung des Lebensunterhaltes höhere Knlturansgaben ermöglichen, sür die Emanzipationsbewegung des Proletariats be- denteud sein. besonders wenn die Vereine(wie vielfach in Belgien und England) selbst einen Theil ihrer Ueberschüsse, statt sie unter die Kunden zu verlhcilc», direkt zu Bildungs- und Propaganda- Zwecken oder zur Unterstützung des geiverkschafllichen Kampfes ver- weuden. Den Vortheilen, die so die Arbeiter zu ziehen vermögen, stehen aber die Schwierigkeiten der Verwaltung(die unter Umständen einen Theil der im politischen nud gewerkschaftlichen Kamps viel besser verwendbaren Kräfte lahm legt) gegenüber. Besonders in den großen Städten, wo die Arbeiler'knndschaft verstreut wohnt, ist es für solche Vereine, die hier auch mit der über- mäßigen Konkurrenz der großen Bazare zu kämpfen haben, schwer, Fuß zu fassen. Das günstigste Terrain sür die Konsumgeuossenschaften scheinen die eigentlichen Fabrikstädte mit ihrer dichten Zusammeudrängung der Arbeiterbcvölkerung zu sein.„Die gesetzlichen, die ökonomischen und selbst die geistigen Vorbedingungen einer krastvollen Genossenschaftsbewegung im Dienst des kämpsenden Proletariats" sind, so schließt Kautsky,»och lange nicht überall da vorhanden, wo die moderne Gesellschaft besteht. 'Auch sie müssen erst errungen werden, aber indem das Proletariat gewerkschasilich nnd politisch vorwärts dringt, arbeitet es damit zugleich aiiis wirksamste an der Erzeugung dieser Vorbedingungen, ans deren Grundlage dann die Organisation des Arbeiterkonsums sich erheben kann, und diese Organisation wird neben dem politischen nnd gewerkschaftlichen Kampf ein Mittel sein, die Position der Kämpfer zu verstärken. -- Es liegt ein gewisser Humor darin, daß Hans Müller, dem diese unbefangenen, ganz von realistischem Geist durchdrungenen Anssnhrungen der Broschüre wenig gefallen, Kauisky als„arm- seligen", in Marx verbohrten, wirklichkeitssremden„Theoretiker" an- rempelt, während er selbst mit vollen Segeln in die Busch'sche Utopie bineiustcuert und, als ob es damit noch nicht genug wäre, mit größtem Ernst deduzirl,dieser Knrs,sei der i»i lieferen Sinne wahrhast Marxistische. Die wunderliche Konstruktion setzt bei der Bewegung der„Unab- hängigen", in der Müller seinerzeit eine Rolle spielte, ein. Die alte Behauptung, daß die Taktik der deutschen Sozialdemokratie un- marxistisch gewesen, wird wiederholt, um daraus, daß die Partei sich immer- weiter vergrößerte, während die Unabhängigen mit ihrer revolutionären antistaatssozialistischen, angeblich echt„marxistischen" Taktik, auf keine» grünen Zweig kamen, deu Schluß zu ziehen, in dem Marxismus selbst müsse ein Fehler stecken. Daß die Marx'sche'Ansicht, der Staat sei Ausdruck der gesellschaftliche» Machtverhältnisse und diene daher dem Interesse der ökonomisch starke» Klasse, richtig, könnte nicht angezweifelt werden.'Aber eben darum, folgert Müller, ist das von Marx aufgesteckte Ziel, das Proletariat müsse die Staalsgeivalt erobern und durch ihre Bermilteluiig die Gesellschaft sozialisiren, unerreichbar. So lange die Bourgeoisie ökonomisch mächtiger als das Pro- letariat, kann ihr die politische Geivalt gar nicht entrissen werden. Die Arbeiter haben also, wenn man die Marx'schen Gedanken konsequent zu Ende denkt, überhaupt keine Aussicht auf Emanzipation, es sei denn, daß sie unabhängig vom Staat sich der Produkiionsmillel bemächtigten und so ökonomisch die Stärkereu würden.„Daß sie es köniien würden, war sicher"(!). Beweis: Die Bourgeoisie ist ja auch aus dem ökonomischen Wege hochgekommen. Das Mittel zur Erlösung kau», da Gewerkschasten und Produktiv- genossenschasten als ökonomische Kräfte nichts Wesentliches erreichen, nur die Gc»osfenschaslsbewcgi»ig, fein, die nach Busch'schcm Rezepte den ganzen Kapitalismus verspeist. Die neue Genossenschaflslheorie „löst das Problem einer sozialistischen Sozialreform, einer Sozial- resorm. die des Staats und der politischen Parteien n i ch t b e d a r f nnd sich d a i» i t i in Einklang mit der Marx'schen sozialen E n t w i ck c l n n g s t h e o r i e b e- i i n d e t.... Das Produkt der Eigenlhumsverhällniffe, der Staat, kann diese nicht ändern, aufheben, so ivenig wie die Wirkung die Ursache aufzuhebc», der Ausdruck das Wesen zu ändern vermag." Herr Müller hat bei dieser„Verliesung" der inalerialistischen Geschichtsauffassnug nur eins vergessen. Wenn der Staat das dem Wollen des Proletariats absolut unerreichbare Ding wäre, als welches er ihn darstellt, so würde dieser Phantasieslaat einer Konsninvercins'Bewegttng, bie nach dem Busch'schen Rezepte (die Utopie einmal als möglich angenommen) die Kapitalisten expropriirte, ganz einfach die Steuerschraube aufsetzen. Aber in anderem Maßstab, als es in Sachsen geschehen ist! Der Gewinn für die Konsumgenosseu und damit die Triebfeder der ganzen Bewegung siele fort, und der große Nettungsweg wäre init einer Barriere gesperrt, die nur bei Seite geschoben werden kann, wenn die Arbeiter politische Macht gewinnen. Der politische Klassenkamps, zur Vorderthüre dieser Utopie heraus- geworfen, kommt hinten doch wieder herein. Und ebenso wie die Slaalsmacht, die unter der Herrschaft demokratischer Formen dem Proletariat natürlich keineswegs unerreichbar ist, die ökonomischen Bcstrebuiigen der Arbeiterschaft aufhalten kann. ebenso vermag sie bie Kraft derselben mächtig zu-verstärken. Das ist selbsivcrständlich. Die Auslegung, die Müller der mnteria- listischen Geschichtsanfsassung giebt, übertrifft in dogmatisirender Einseitigkeit ivomöglich noch die Busch-Utopie; sie ist«in kongeniales Filndament für diese. C. S. Uhren m Gold-, Silber- nnd Alfemdewaaren verkauft nur gute Fabrikate zu den bekannten billigen Preisen ST. Ctottsclialk, Miiiralstr. 37, nahe dem Niir den Jiiholt der Inserate überniinnit die Redaktion dem Pnbliknin gegeniibrr keinerlei _ jBti'rtiilumi'liiitfl._ Mlzvttfev. Sonnabend, de» 2 Oktober Lpernhans. Die Afrikanerin. An- fana 1 Uhr. Schauspielhaus. Waidwund. An- fang 7-/- Uhr. Deutsches. Die versunken« Glocke. Anfang 7V, Uhr. Berliner. gh 7V, Mr. ciwisfance. Ansang Goethe. Othello. Anfang 7V, Uhr. Lesslng. Daö Tschaperl. Nnfaiig 7Vz Uhr. Nene». Ascherinittwoch. Vorher: Lieb' tnr Epiel. Anfang 7V, Uhr. Ncsidcnz. Die Einbernsttiig. An- fang?>/. Uhr. Schiller. Die Kreuzelscbrciber. An- fang 8 Uhr.— Nachm. 4 Uhr: Perdita, das verlvrencKönigSlind. Unter de» Linden. Perichole. die Strahcnskingerin. Ansang 7>/zUl!r. Luisen. Wilhelm Tell. Anfang 8 Uhr. Thalia. T as Krokodil. Ansang 7>/, Uhr. Ostend. Jugendbromien. Ansang 8 Uhr. Central. Berliner Fahrten. Ansang 7-/, Uhr. Friedrich■ Wilhelmstitdlischrs. Das Zeichen des Kreuzes. Anfang 8 Uhr. Rlexandcrplah. DaS Liebesdraina einer Sängerin. 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