1 Einzelpreis 30 Pfg. 4. Jahrgang Die Freiheit erscheint täglich morgens und nachmittags, Sonntags and Montags nur einmal. Der Bezugspreis beträgt bet freier Zustellung ins Haus und durch die Poft bezogen M. 12.-, im voraus zahlbar. Für Boftbezug nehmen jämtliche Postanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland, Danzig, das Saar- und Memelgebiet sowie die früheren deutschen Bebiete Bolens und Luremburg M. 23.-, für das übrige Ausland M. 30.Redaktion, Expedition und Verlag: Berlin C2, Breite Straße 89 Sonnabend, 5. November 1921 Nummer 520 • Abend- Ausgabe Die neungespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum koftet 6,- m. einschließlich Inferatensteuer. Kleine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2, M., jedes weitere Wort 1,50 m. einschließlich Inferatensteuer. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gefuche 3,75 m. netto pro Zeile. Stellen- Gesuche in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50 m., jedes weitere Wort 1.-M. Fernsprecher: 3entrum 152 30-152 39 greibeir Berliner Organ der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands Beilegung des Gasthausstreifs An die arbeitende Bevölkerung Berlins! Arbeiter! Arbeiterinnen! Angestellte! Die Plenarversammlung der Gewerkschaftskoms mission Berlins und Umgegend am 2. November hat bes schlossen, daß, wenn nicht innerhalb drei Tagen zwischen den Streitenden Angestellten im Gastwirtsgewerbe und ihren Arbeitgebern eine Einigung zustande fommt, der Ges neralstreit zur Unterstügung der Streifen. ben proklamiert werden soll. Mit der Ausführung dieses Beschlusses wurde der Ausschuß der Gewerkschaftskommission betraut. Inzwischen find die Bemühungen, den Streit auf dem Verhandlungswege zu einem beide Parteien befries bigenden Abschluß zu bringen, fortgelegt worden. Diese Ver handlungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß sich nunmehr die Unternehmer bereit erklären, vor einem Schiedss gericht mit drei unparteiischen Vorsigen den zu erscheinen und sich dessen Spruch zu unters werfen. Nach dieser so veränderten Situation hat der unterzeichnete Ausschuß beschlossen, zunächst noch mit der Proklamierung des Generalstreits zurüdzuhalten, bis das Ergebnis der Verhandlungen des Schiedsgerichts vorliegt und bekannt ist, ob die Unternehmer ihr Wort, den Schiedsspruch anzunehmen, auch einlösen werden. Der Fall der Mart Große Beunruhigung in Frankreich EE. Paris, 5. November. Der New York Herald meldet, daß Deutschland inoffizielle Vorstellungen in alliierten Kreisen zu machen begonnen habe und erklärte, daß es wünschenswert sei, einen teilweisen AufSchub der Zahlung der am 15. Januar fälligen 500 Millionen Golds mart zu erhalten. Diese Vorstellungen erregen in Frankreich große Unruhe, da man sie mit dem Kurssturz der Mart in Zusammenhang bringt. Es wächst dort die Ueberzeugung, daß Deutschland den Sturz der Mark systematisch fördere(!), um die Reparationszahlungen auf zwei Wegen zu seinen Gunsten abs zuändern. Zunächst hofft Deutschland, den Aufschub eines Teiles ber festen Jahresraten zu erlangen, die am 15. Januar fällig sind. In dieser Sinsicht wird der Sturz der Mart die Zahlung rasch unmöglich machen. Zweitens aber will Deutschland, ohne seine Ausfuhr herabzumindern, bie 26prozentige Ausfuhrtare herabgesetzt sehen, die bekanntlich ebenfalls in Goldmark zu zahlen ist. Man nimmt an, daß Deutschland seine Politit, die Mart weiter zum Sinten zu bringen, fortsetzen werde, bis die Alliierten die Gesamtschuld Deutschlands vermindert haben. In Reparationskreisen sieht man die Angelegenheit immer mehr als afut an und möchte die deutsche Regierung verhindern, einen weiteren Kurssturz der Mark zu ihren Gunsten herbeizuführen. 01 Das Garantiefomitee hat eingehende Untersuchungen angestellt, ob nicht hinter dem raschen Fall der deutschen Mart Spetula tionen stehen. Unangenehm wird es empfunden, daß der Reparationsfommission nicht die Macht zusteht, die deutsche Regierung am Bantnotendrud zu verhindern, da dies eine innere Angelegenheit der deutschen Regierung ist. Man erfuhr, daß zwischen dem 15. September und dem 8. Ottober von Deutsch land für 5% Milliarden Papiermart gebrudt wurden, wogegen bas Garantiefomitee feine Abhilfe schaffen kann. Man nimmt an, daß Deutschland die Absicht habe, einen Teil des fälligen Betrages vom 15. Januar durch eine à- conto- 3ahlung in Geld zu garantieren, das durch eine auswärtige Anleihe aufzubringen wäre. Diese Anleihe sucht Deutschland nun in England und Amerika zu erhalten, und ein großer Teil soll durch Deutschland selber aufgebracht werden, das die Zahlungsfrist bis zum 15. April aufschieben möchte, wenn die nächste erste Jahresrate fällig sein wird. Offenkundig wird Deutschland die Mart weiter finten lassen, um auch die veränderliche Jahresrate, die am 15. Februar fällig ist, herabzumindern. Dies würde Deutschland erreichen, indem es erklärt, die Exportpreise seien in feiner Weise gestiegen, und daß die Alliierten bei der Erhebung der 26 Prozent Ausfuhrtage viel weniger beziehen müßten, als sie gemäß den deutschen Ausfuhrziffern zu erhalten gehofft hatten. In französischen Wirtschaftskreisen wird es als sicher angesehen, daß Deutschland diese Politik verfolgt, und das Garatiekomitee und die Reparationskommission werden heftig angegriffen, weil Die Arbeitnehmerschaft aber rufen wir auf, Gewehr bei Fuß zu stehen und sich bereit zu halten, damit fie fo: fort in Attion treten tann, wenn sie gerufen wird. Halten die Unternehmer nicht Wort, tommt es also zu keiner Verstän digung zwischen den Parteien, dann wird der Generalstreit proklamiert und rücksichtslos durchgeführt. Der Ausschuß der Gewerkschaftskommission Berlins und Umgegend G. Sabath. Das Schiedsgericht, bessen Spruch bie Unterneh mer im voraus als bindend für sich anerkannt haben, soll heute Nachmittag um 4 Uhr zusammentreten. Der Vorstand der Unternehmer wird in der Mittagszeit mit Bertretern der Arbeiter zusammentreffen, um das Schiedsgericht einzusetzen. Ob die Unternehmer ihr Versprechen, sich dem Spruch des Gerichts zu beugen, halten werden, bleibt, wie schon der Aufruf des Ausschusses der Gewerkschaftstommission andeutet, abzuwarten. Die Angestellten im Gastwirtsgewerbe dagegen haben sich mehrfach zur Unter: werfung unter einen Schiedsspruch bereit erklärt, während die Unternehmer bisher alle Möglichkeiten zur Beilegung des Konfliktes in den Wind geschlagen haben. Immerhin muß sich heute im Laufe der Abendstunden entscheiden, ob der Konflikt im Gastwirtsgewerbe beigelegt werden fann oder ob er heftigerentbrennt, und sich zum Generalstreit steigert. Sie ihrer Pflicht bezüglich der deutschen Zahlungen nicht nachkommen, und in Paris wird darauf gedrungen, daß der offizielle Bankrott Deutschlands erklärt werden müßte. Der Stand des Dollars Der Dollar ist an der Börse heute mittag auf 244 Mart gestiegen. In den gestrigen Abendstunden stand er auf 232. Die Enthronung der Habsburger Budapest, 4. November. Die Nationalversammlung behandelte den Gesezentwurf betreffend das Erlöschen der Herrscherrechte des Königs Karl und des Erbfolgerechtes des Hauses Habsburg. Nachdem der Referent des staatsrechtlichen Ausschusses, Abgeordneter Rubinat, den Gesezentwurf beleuchtet und zur Annahme empfohlen hatte, erklärte Ministerpräsident Graf Bethlen, der Gesetzentwurf sei feine Folge der Entwidlung des normalen verfassungs mäßigen Lebens, sondern die Folge der Ereignisse der letzten zwei Wochen. Bei dieser Gelegenheit müsse er gleich namens der ungarischen Regierung und der ungarischen Nation feierliche Ver wahrung gegen jede ausländische Einmischung erheben.( Lebhafte Zustimmung.) Feierliche Verwahrung müsse auch dagegen erhoben werden, daß viel weitergehende, gegen den Vertrag von Trianon verstoßende Forderungen gestellt worden seien. Bezüg lich der Forderungen, deren Folge der vorliegende Gesezentwurf sei, betonte der Ministerpräsident, daß die ungarische Nation den friedlichen Weg wählen müßte. Die Wiener„ Arbeiterzeitung" nimmt in ihrem Leitartikel zu der Entthronung der Habsburger Stellung und weist darauf hin, daß die ungarische Konterrevolution nur unter dem Zwang der Verhältnisse gehandelt und den König aufgegeben habe, um sich zu retten. Den ungarischen Legitimisten sei es gar nicht darum gesetz werde mit teinem Wort davon gesprochen, zu tun, die Habsburgerfrage zu lösen. Im Entthronungs daß die Habsburger nicht zurüdtehren tönnen. Auch die Nationalversammlung habe teine Klärung gebracht. gelüftet. Weder die Freunde noch die Feinde Habsburgs haben ihr Visier Zu der A br üstung Ungarns wird aus den diplomatischen Kreisen der Kleinen Entente erklärt, daß die Kleine Entente nach wie vor die vollständige Durchführung des Friedensvertrages von Trianon fordere. Von tschechischer Seite wird darauf hingewiesen, daß die Wahl des französischen Generals Weygand zum Borsitzenden der Kommission, welche die Abrüstung Ungarns beaufsichtigen soll, einen Erfolg der Kleinen Entente bedeute. Weygand stand bisher in tschechischen Diensten und war zum Obertommandanten in der Slowakei ausersehen. Es sei allgemein be: fannt, daß er kein Freund der Magyaren sei. Der rumänische Ministerrat veröffentlicht ein Communique über die Lage in Ungarn, in dem festgestellt wird, daß die Habsburgerfrage durch die Große Entente erledigt wurde und für Rumänien teine Gefahr mehr bestünde. Die Zeitung der nationalen Partei in Siebenbürgen, Patria", nennt diese Erklärung„ e in e Kapitulation vor Horthy". Ein gewagtes Experiment In Preußen wird noch darum gemächelt, ob Herr Leinerk oder Herr Stegerwald Ministerpräsident werden soll. Die bürgerlichen Parteien verweisen auf die großen Ber bienste, die sich Herr Stegerwald um die Verwirk lichung der großen Koalition in Preußen erworben hat und machen außerdem darauf aufmerksam, daß die Beseitigung Stegerwalds das Ende der Reichstanzlerherrlichkeit bes Herrn Dr. Wirth bedeuten würde. Bei den Rechtssozialisten zeigt sich schon Geneigtheit, auch äußerlich zu beweisen, daß fie nur als dienendes Glied dem Stinnestabinett an gehören wollen; Herr Leinert hatte sich für gestern eine Deputation aus Hannover bestellt, die ihm in eindringlichen Worten vortrug, daß er das Oberbürgermeisteramt dieser Stadt nicht zugunsten der Ministerpräsidentschaft aufgeben dürfe. Der„ Borwärts" meint zwar in seiner heutigen Morgenausgabe, daß die Koalition in Preußen mehr denn je ein Boden sein werde ,,, auf dem Klasseninteressen hart aufeinanderstoßen". Wenn wir uns aber die harmlosen Forderungen ansehen, die die rechtssozialistische Fraktion des Preußischen Landtags für die Regierungsbildung ,, vorläufig" vereinbart hat, so sehen wir sofort, was für jeden Sozialisten selbstverständlich ist, daß die Stinnestoalition in Preußen alles andere als ein Instrument zur Wahrung der Interessen der besiglosen Klassen sein wird Reben wir in dieser Situation ganz fldr und eindeutig, und lassen wir alle staatsmännische Phraseologie beiseite. Die Not der Arbeiterflasse steigert sich aufs höchste. Als Folge der fatastrophalen Entwertung der deutschen Mart vollzieht sich die Verteuerung aller Lebensbedürfnisse in rapider Weise; und dabei stehen wir erst am Beginn dieser Entwidlung, in ihrer vollen Härte wird sich die neue Teuerung erst in den Wintermonaten und voraussichtlich zugleich mit einer Bergrößerung ber Arbeits losigkeit fühlbar machen. Die Staatswirtschaft steht vor dem völligen 3usammenbruch. Jeder Tag bringt eine neue Verschlechterung der öffentlichen Finanzen, und nie mand vermag vorauszusehen, wie das Reich seine nächsten Reparationspflichten erfüllen soll. Den fapitalistischen Kreisen freilich geht es glänzend. Sie verstehen es nicht nur, ihre Gewinne der Entwertung des deutschen Geldes anzus passen, darüber hinaus steigert sich der Erirag ihrer Unternehmungen auf eine Höhe, daß die bisherigen Gefäße für die Gewinnverteilung und die Kapitalsbildung nicht mehr ausreichen, um den Segen zu bergen. Und nun zieht das Kapital die aus seinem eigenen Inter esse gebotene Folgerung. Wenn schon der Weg zur Katastrophe mit Gold gepflastert ist, weshalb dann nicht die Katastrophe selbst herbeiführen, bie vielleicht das bisherige Staatssystem zertrümmern und das Proletariat einer völlig ungewissen Zukunft überliefern, das fapitalistische Wirtschaftssystem als solches aber unangetastet lassen wird? Oder ganz deutlich gesprochen: die fapitalistischen Kreise führen mit voller Absicht den staatswirtschaftlichen Zusammenbruch herbei, um auf seinen Trümmern die eigene Herrschaft um so sicherer errichten zu können. Sie spekulieren darauf, daß die Entente, um nicht selbst in diese Katastrophe hineingerissen zu werden, gewisse Zugeständnisse machen wird, die sowohl im Interesse des ausländischen wie des deutschen Kapitals gelegen sind. Die nationalen Bedenken vor dieser Katastrophenpolitik sind schon längst auf den Kehrichthaufen geworfen worden; die kapitalistischen ,, Belange", die Interessen des internationalen Geldsats triumphieren. Und in dieser gefahrdräuenden Stunde, nicht sowohl für bie deutsche Staatswirtschaft, als vielmehr noch für das deutsche Proletariat, schließen die Vertreter einer Arbeiterpartei ein Bündnis mit der Deutschen Volfspartei ab, verbinden sich die Rechtssozialisten auf Gedeih und Ver derb mit den ausgesprochensten Vertretern der fapitalistischen) Selbstfucht. Und der„ Vorwärts" glaubt sein Gewissen damit beruhigen zu können, daß er beteuert, die rechtssozialistischen Minister würden im Stinneskabinett die Interessen der Arbeiterklasse wahren, und indem er die Parole ausgibt: ,, Nicht Hader und Ohnmacht, sondern Einigkeit und mehr macht." Wie, die Einheit von Stinnes bis Severing soll die Einheit der Arbeiterbewegung herstellen? Die Verbindung mit der Deutschen Volkspartei soll die Macht des Proletariats Steigern? Glaubt man, mit diesen dröhnenden Worten die Arbeiterschaft darüber zu täuschen, welch ungeheuerlicher Betrug an ihr begangen werden soll? Lassen wir doch noch einmal einige Tatsachen sprechen. Die Stinnesfoalition in Preußen bedeutet das Ende des Kabinetts Wirth im Reich; nachdem die Deutsche Volkspartei so leicht in Preußen zur Macht gelangt ist, wird sie fordern, daß ihr auch der entscheidende Einfluß auf die Reichsregierung eingeräumt werde. Die rechtssozialistische Reichs tagsfraktion hat ihr dazu alle Türen weit geöffnet; es ist bein Geheimnis, daß ihre führenden Männer es waren, die bestimmend auf den Beschluß der rechtssozialistischen Landtagsfraktion eingewirkt haben. Dann ade! Erfassung der Sachwerte, vorbei die Heranziehung des Besizes nach seiner vollen Leistungsfähigkeit zur Deckung der Staatslasten und zur Erfüllung der Reparation. Auf dem Rücken der Arbeiterklasse werden die bürgerlichen Parteien die Herrschers gewalt des Kapitals, die es wirtschaftlich bereits errungen hat, auch politisch stabilisieren. In seiner Breslauer Rede und auch zu wiederholten Malen im Landtag hat Herr Severing darauf aufmerksam gemacht, daß wir im Winter mit Ausbrüchen des Volkszorns über die Teuerung zu rechnen haben müssen. Es sei deshalb notwendig. daß das preußische Ministerium des Innern mit einem Sozialdemokraten besetzt werde. Das will nichts anderes besagen, als daß Herr Severing sich bereits als Büttel gegen die Arbeiterklasse angeboten hat. Denn glauben die rechtssozialistischen Arbeiter an das Märchen, daß es dem Polizeiminister einer fapitalistischen Regierung gestattet sein würde, in dem Kampf der Arbeiterklasse um ihre nackte Existenz Partei gegen das Kapital zu ergreifen? Wissen wir nicht aus den Berichten über die Märzkämpfe in Mitteldeutschland, mit welcher Brutalität die unteren Polizeiorgane bei ihrer Beruhigungsaktion vorgegangen sind? Und damals war doch auch Herr Severing Innenminister, amtierte Herr Hörsing als Oberpräsident der am meisten in Mitleidenschaft ge= zogenen Provinz! Der Vorwärts" spricht davon, daß es sich bei der großen Koalition in Preußen um ein gewagtes Experiment handele. Es ist mehr als das, es ist ein Verbrechen an der Arbeitertiasse. Eines tut jetzt not, die Herstellung einer gemeinsamen Kampfesfront des gesamten Proletariats. Wenn die Arbeiterschaft in absehbarer Zeit aus dem wirtschaftlichen und politischen Elend herausfommen will, so muß sie sich endlich zu gemeinsamer Tat zusammenfinden. Die Katastrophenpolitik der kapitalistischen Kreise kann nicht dadurch gebrochen werden, daß man sich mit ihnen verbündet, sondern indem man sie auf Tod und Leben bekämpft. Die rechtssozialistische Koalition mit der Deutschen Volkspartei aber zertrümmert alle Voraussetzungen für die geschlossene Front der Arbeiterklasse, sie schürt aufs neue den Bruderzwist, sie treibt neue Scharen des Proletariats in das Lager der politischen Gleichgültigkeit oder des unfruchtbaren Putschismus. Um des Phantoms der Beherrschung der Schupo willen soll die wirkliche Macht der Arbeiterschaft, die in ihrem geschlossenen Auftreten als Klasse liegt, gebrochen werden. Indem die rechtssozialistische Führung der Stinnespartei die Bruderhand entgegenstreckte, hat sie der Arbeiter= flasse den Fehdehandschuh hingeworfen. Gerade vom Standpunkt der Einigkeit des Proletariats muß jetzt dieser Fehdehandschuh aufgenommen werden. Es geht nicht um das Interesse einer einzelnen Partei, sondern um das Interesse der ganzen Arbeiterklasse. Das gewagte Experiment" wird das Proletariat in seinen Tiefen aufwühlen. Dem Kampfe um eine Gesundung der sozialistischen Politik aber ausweichen, würde nichts anderes besagen, als mitschuldig zu werden an dem Verbrechen, das hier an der Arbeiterklasse begangen werden soll. Der neue Bundesbruder Für die neue preußische Regierung der sogenannten breiten Koalition ist auch der volksparteiliche Abgeordnete Dr. von Campe als Minister vorgesehen. Er soll das Unterrichtsministerium erhalten. Campe war bis zum Kapp- Putsch Regierungspräsident in der Provinz Hannover und wurde dann in den Ruhest and versetzt. Grund: Er hatte in höchst eindeutiger Weise für Kapp Partei ergriffen. Herr von Campe wurde dieserhalb im preuBischen Landtag wiederholt scharf angegriffen und versuchte, sich อน rechtfertigen, was ihm aber nicht gelang, da er in den Kapptagen in der Presse seines Regierungsbezirks Aufrufe erlassen hatte, aus denen einwandfrei hervorging, daß er sich auf die Seite der Kappisten geschlagen hatte. Als dann die Sache für Kapp und Lüttwitz brenzlich wurde und die nach Stuttgart entwichene alte Regierung sich anschickte, wieder nach Berlin zurückzukehren, schwenkte auch Herr von Campe wieder um und erklärte nunmehr: Nachdem die alte Regierung erklärt hat, daß sie den unheilvollen Aufruf zum Generalstreit nicht erlassen hat, Hauptmann: Peter Brauer Uraufführung im Lustspielhaus Ein verblüffend furzes und fomisches Stüd mit einer Hauptgestalt, dem verlumpten Maler, Peter Brauer, die von Humor geradezu glänzt. Der 1. Aft ist ein hübscher Anfang; der 2. ist bester Hauptmann mit seinem Genie, ein ganzes Zimmer von Menschen wie nach einer Grammophonaufnahme reden zu lassen, daß wir nicht nur Beruf und Seele, sondern selbst Atem und Schicksal eines Menschen erkennen. Der 3. Aft wirkt nach dem dichterisch zweiten wie ein leichter, aber reizend gemachter Echwant. Alles zusammengenommen, ist es zwar ein Wert, das unter Hauptmanns 28 Dramen sicher nach dem zwanzigsten rangiert, aber in vielen Einzelheiten durch Schmiß und Glanz und einen schnellen Ablauf der hübschen Fabel wirkt, so daß Hauptmann es nicht nötig hatte, das Werk zehn Jahre liegen zu lassen und unserer bettelarmen Bühne vorzuenthalten. Fürchtete er, man würde das Werk an seinen anderen Dramen gescheiterter Künstlerexistenzen, an Crampton, Kramer, Schilling messen? An Bergleichen und strengen Forderungen war allerdings die deutsche Literaturkritik nie verlegen, wenn sie die Werte großer Männer zu prüfen hatte. In feinem anderen Lande wird Kunstkritik so rüde getrieben wie bei uns. Ein Genie soll in jedem Werke Genie sein, sonst wehe ihm! Unsinn. Auch Homer hat einmal geschlafen, und wenn dieses bei aller Skizzenhaftigkeit wundervoll menschliche Stüd Hauptmanns Erstling wäre, müßte man vor so viel Talent in so talentloser Zeit auf den Knien liegen. Weil es sein breiundzwanzigstes war, soll man die Gabe zurüdweisen? Den Luxus kann sich ein Volk, das der Bühne so wenig von erquidlicher Gediegenheit geschenkt hat, nicht leisten. Beter Brauer tritt im ersten Akt als heruntergekommener Maler auf; aber man glaubt, daß er nicht nur seinem Sohn etwas von seinem Talent vorligt, sondern daß er es einmal hatte. Diese Annahme wird bald erschüttert. Und zuletzt steht Peter Brauer nur als kleines, armes Lümpchen mit viel Herz und viel Lust am Leben da, der aber vermutlich nie etwas anderes konnte als Kaiserbilder en gros zu M. 4,50, Kreideblätter nach Photographien und Zimmeranstreichen in herrschaftlichen Häusern, bestenfalls einen Fries, der aus kleinen Gartenzwergen besteht. Das Etüd sagt nicht ja, nicht nein, es läßt die Grundfrage offen, weil es diesen Erzlügner und Erzlumpen glänzend, aber nur von einer Geite zeigt als Flunkerer, Schmufer und Schnorrer. Ob er Seelenfummer hat, erfahren wir so spät, daß wir nicht mehr Zeit finden, es zu glauben. Natürlich kann eine solche Figur, die kaum zur Künstlertragödie, taum zu einer Eulenspiegelei ausreicht, nicht der Ausgangspuntt ihn im Gegenteil ebenso beurteilt wie ich und wir alle, und daß| sie sich einsetzen wird, ihn züd gängig zu machen, stelle ich mich hinter die alte Regierung, wie ich dies gestern schon amtlich erklärt habe. Diese Erklärung läßt feinen Zweifel darüber offen, daß Campe auf dem Boden der Kappregierung stand. Er blieb denn auch als Kappist gezeichnet. Später hat Herr von Campe in der volksparteilichen Presse verschwommene Gedanken über die Notwendigkeit der Demokratie geäußert. Wer Herrn von Campes Tätigkeit zu beurteilen verstand, wußte, daß diese Aeußerungen nichts weiter als leere Phrasen waren, dazu bestimmt, den Bund mit den Rechtssozialisten anzubahnen. Herr von Campe ist seinem Wesen nach ein verknöcherter Bureaukrat, ein geriebener politischer Fuchs, der im Landtag immer gegen die Demokratisierung Stellung nahm und bei allen entscheidenden Fragen mit den Deutschnationalen zusammenging. Gibt es in der rechtssozialistischen Partei auch nur einen Arbeiter, der des Glaubens ist, mit einem solchen. Manne fönne in Preußen freiheitliche Politik getrieben und der Einfluß der Reaktionäre auf die Verwaltung ausgeschaltet werden? Die Toren, die diesen Glauben nähren, werden in furzer Zeit als die betrogenen Betrüger dastehen! Uniformierte Leichenfledderer München, 5. November. Das Volksgericht München verurteilte den am Gesellen mord im Mai 1919 beteiligten ehemaligen Sujar Latosi wegen schweren Diebstahls zu 10 Jahren Zuchthaus, während die Schulbfrage bezüglich Totschlags mangels schlüffiger Beweise verneint wurde. Latost war am 6. Mai in den Keller eingebrungen, wo sich die gefangenen Gesellenvereinsmits glieder befanden und hatte mit einem Revolver auf die jungen Leute geschossen, mit einem Dolch auf sie eingestochen und den Leichen verschiedene Wertgegenstände abgenommen. Das Leichenfleddern war eine Lieblingsbeschäftigung der Don Roste gegen die Arbeiter aufgebotenen Regierungstruppen". Auch die in der Französischen Straße ermordeten 29 Matrosen wurden ihrer Mäntel, Stiefel, Uhren und anderer Wertgegenstände beraubt. Gegen diese uniformierten Leichenschänder ist nicht eingeschritten worden, sie gehörten der Elitetruppe des Herrn Kessel an, die sich für die ,, nationale Sache" so verdient gemacht hatte, daß eine Strafverfolgung den damaligen zuständigen Stellen nicht angenehm erschien. Und so wurden denn die Helden, die das scheußliche Masaker vollzogen, der Sicherheitspolizei eingereiht. Dem Verdienste seine Krone! Radau in der Mörderpartei TU. München, 5. November. Gestern hat es in München wieder einen großen Ver sammlungsstandal gegeben. Die Nationalsozia Iisten hatten eine große öffentliche Versammlung im Hofbräuhaus einberufen, in der ihr Parteiführer Hitler das Wort nahm. Als er Proklamationen aus dem November 1918' zur Verlesung brachte, tam es zu einem großen Tumult. Es wurde mit Maßtrügen geworfen, Stuhlbeine zerschlagen und auch mehrere Revolverschüsse abgegeben. Landespolizei und Schutzmannschaft mußten den Saal räumen. Die Polizeidirektion hat Erhebungen(!!!) eingeleitet. Was dabei herauskommen wird, läßt sich bei der Wesensart der bayerischen Polizei schon heute jagen: Nichts! Bayrische Provokationen Drahtmeldung unseres Korrespondenten München, 5. November. Unser Parteiorgan, die Münchener Morgenpost", erläßt folgende Warnung an die Münchener Arbeiterschaft: Aus den verschiedensten Nachrichten und den von der monar chistischen Aktion aus Anlaß der Beilegungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Ertönig getroffenen Maßnahmen geht hervor, daß es bestimmte putschlüsterne Kreise der Reaktion auf eine Provotation der Arbeiterschaft und der demokratischeiner dramatischen Dichtung sein. Wir können uns wohl in aller Eile einer Tagestritit schnell bahin verständigen, daß der Unterschied zwischen einem Drama und einem Theaterstück in folgendem besteht: im Drama entwideln sich die Dinge zwangsläufig aus Charakter, Schical und gesellschaftlicher Not. Im Theaterstüd dagegen so, wie der Dichter es gerade will. Die Komödie von Peter Brauer endigt so, wie der Dichter Sauptmann es gerade wollte. Brauer hat sich in ein schlesisches Nest durchgeschlagen, fich dem Stammtisch als Künstler angeschmust und erhält vom Gutsbesizer und Herrenhausmitglied von Behaimb( so viel Grips haben diese Leute) flugs den Auftrag, einen Gartenpavillon auszumalen. Nach 10 bis 12 Wochen sitzt Brauer noch immer trinkend, bramarbasierend und Genie mimend, aber schon wohlgekleidet, in seinem Garten. Und weil Hauptmann es so will, fommen gleichzeitig Brauers Familie und Behaimbs Familie zur selben Stunde zu Brauers Arbeitsstätte. Jene voll Angst, was dieser Jammergatte und vater angerichtet haben mag; diese, um die bestellten Fresten zu besichtigen. Und siche, die Wände sind leer, nur links in einer Ede sind einige Gnome mit weißem Schurzfell und aktertümlichen Medizinflaschen aufgepinselt. Die Gäste halten sich den Mund vor Lachen. Brauers Frau und Tochter fliehen, Behaimbs Sohn überbringt diskret den Auftrag, Brauer möge gehen. Alles Zufallszufammentreffen ist Schwant. Aber wenn in diesem Schwantatt Brauer seiner Frau wie Jbsens Hjalmar feine Künstlermißion und feine Kämpfe für seine Ideen" vorlägt und Frau Brauer einen Augenblick hilflos vor soviel Phrasen den Kopf in die Hand stügt und diesem herabgekommenen Mann beinahe glaubt, weil sie diesen Narren und Nichtstuer, dem sie im ersten Att teine 35 Mart geben wollte, doch noch liebt, dann schlägt wieder Hauptmanns Dichterherz so laut, daß man sein Schwantbild vergist. Wie Balzac und Zola in zehntausenden Romanseiten, hat Sauptmann in seinen 20 Gegenwartsdramen die Gesellschaft des frühen wilheminischen Zeitalters verewigt.( Des späteren fapitalistisch entwidelteren Heinrich Mann.) Auch im Peter Brauer liegen wieder mehrere Menschenschichten wie geologisch übereinander. Hauptmann zeigt jede nicht in einem Einzeleremplar, sonbern in Gruppen. Immer vertreten ganze Familien oder Sippschaften einen Gesellschaftsausschnitt. Und trotzdem ist das Stüd nicht übervölkert. So mangelhaft die Funktionen der Figuren im Drama als Ganzes sind, so flar sind sie als Individuen und Vertreter ihrer Schicht gezeichnet. Wenn das Stück von seinem Helden lebt, erhält sich die Aufführung durch dessen Darstellung. Jacob Tiedtte ist wahrhaft glänzend. Sein fettes Gesicht sieht aus wie eine Sitzgelegenheit, aber mit Gemüt, das die Baden rot färbt. Immer, felbft im republikanischen Bevölkerungsschichten angelegt haben. Man will die Arbeiterschaft zu Unbesonnenheiten aufreizen, um einen Vors wand für die Unterdrüdungsmaßnahmen derjenigen Behörden zu finden, die durch die Aufhebung des Ausnahmezustandes über flüssig geworden sind. Es ist nicht ausgeschlossen, daß man auch weitergehende Dinge im Ange hat. Die Arbeiterschaft durchschaut das Intrigenspiel jener Leute, die noch nicht genug Blut vergossen haben, und die immer wieder den Anfang einer wirtschaftlichen Genesung zerstören. Wir warnen die Arbeiterschaft, fich für die provokatorischen Zwede der Monarchisten mißbrauchen zu lassen und fordern sie auf, die reaktionären Herrschaften bei ihrem Totentanz unter sich zu lassen und größte Zurüd haltung zu bewahren. Ein Deflaffierter Der thüringische Justizminister, Frhr. von Brandens stein, ist wegen seiner Zugehörigkeit zur rechtssozialistischen Partei aus der Adelsgenossenschaft ausgeschlos= fen worden. In der Deutschen Zeitung" finden wit darüber folgende belustigende Notiz: Der Thüringer Presse entnehmen wir, daß der thüringische Justizminister Freiherr v. Brandenstein aus der Adelsgenossen= schaft ausgeschlossen worden ist. Das Sprachrohr des Brandenstein, das mehrheitssozialistische Bolt" in Jena, nennt das einen gleichgültigen Vorgang. ,, Dem" Heimburg beispielsweise, der in der Deutschen Zeitung" sein Wesen treibt, würde natürlich ein solcher Borgang nicht gleichgiltig sein, denn was bliebe ihm und vielen seines Standes noch, wenn sie der Zugehörigkeit zur Abelsgenossenschaft verlustig gingen! Das Attentat in Japan London, 5. November Nach einer in New York vorliegenden Meldung aus Tolio ist der Mörder des Premierministers Hara ein junger Mann aus korea. Eine andere Meldung besagt, in japanischen Kreifen in den Vereinigten Staaben glaube man, daß der Mörder das Werkzeug militaristischer Reaktionäre sei. Laut„ Daily Mail" hätte Sara auf die Washingtoner Konferenz einen mäßigenden Einfluß ausgeübt.„ Daily Chronicle" schreibt, der Mord könne in einer Zeit, wo der japanische Kaiser trant darniederliege und Japan eine Periode voller Schwierigkeiten durchmache, die Lage verwirren. Nach einer anderen Meldung soll der Täter wahnsinnig fein. Kleine Nachrichten Deutschnationale Verleumder. In der Beleidigungsklage des Chefs der Reichszentrale für Kriegs- und Zivilgefangene, Schle= finger, gegen den verantwortlichen Redakteur der Deutschen Zeitung, Herrn von Schilling, hat gestern vor dem Amts= gericht Berlin- Mitte eine Berhandlung stattgefunden, in welcher der Beklagte u. a. die Erklärung abgab, daß er sich davon überzeugt habe, daß irgend welche Grundlagen für seine Behauptungen in der Deutschen Zeitung" nicht vorhanden seien. Et nehme sämtliche von ihm erhobenen Vorwürfe mit Bedauern zu rid. Der Beklagte hat sich auch verpflichtet, die Erklärung in der Deutschen Zeitung", der Deutschen Tageszeitung" und der " Täglichen Rundschau" auf seine Kosten veröffentlichen zu lassen So enden alle und sämtliche gejeglichen Kosten zu tragen. deutschnationalen Berleumdungen, Die neuen Beamtenbesoldungsgefege sind dem Reichsrat und dem Staatsrat zugegangen. Die Vorlagen werden am Montag vom Reichsrat, am Dienstag vom Staatsrat begutachtet werdent und gehen sofort an die Parlamente, die sie noch im Laufe dend nächsten Woche erledigen sollen. Bayern versorgt Tirol mit Kartoffeln. Die bayerische Regierung hat eine Notstandsaktion zur Versorgung von Tirol mit Kartoffeln eingeleitet. Die Befreiung ber ungarischen Revolutionäre. Der erste Transport der ungarischen Kommunisten und Sozialisten 59 an Die ehemaligen der Zahl ist in Mostau eingetroffen. Funktionäre der ungarischen Räteregierung werden, da sie durch die jahrelange Kerferhaft vollkommen entträftet sind, in Sanatorien untergebracht und später in der Landwirtschaft und Industrie Verwendung finden. Die Arbeitslosigkeit in England. Die Zahl der Arbeitslosen in England betrug in der verflossenen Woche 1606 900 gegen 1 423 792 in der Vorwoche. Hemd, wenn fein Bauch in einer einzigen biden Rolle über den Gürtel hinaushängt, sieht er aus, als ob er eine Künstlerjade trüge. Ein Junge soll Künstler werden trüge. Ein Junge soll Künstler werden schwupps, hat er ihm das Haar in eine Künstlerlode gedreht und auf die Stirn hinabgezogen. Er lügt mit einer Saftigteit, schmast jeden erlisteten Bratenbissen mit einem Behagen, daß ihm niemand feinen Erfolg mißgönnt, und wenn er einmal zusammenfnidt, so versichert uns die Feistigkeit, die er sich im Elend bewahrt hat, das schon vor dem ersten Att vorhanden war, daß auch dies nur eine Episode ist und eine ähnliche bald folgen wird. Die Aufführung im Lustspielhaus unter Heinz Saltenburg war bemüht, die naturalistische Tönung der alten Brahm- Bühne wiederzufinden. Natürlich gelang ihr das nicht, umsomehr es höchst zweifelhaft ist, ob dieser Stil, so vollkommen er war, wirklich der einzig mögliche ist. Selbst starke Könner wie Hermann Ballentin versagten. Sie waren in die falsche Rolle gestedt worden. Der Großschieber, nicht der fleine Abzahlungshändler liegt Vallentin, dessen Mimit und Sprache gegen den Berliner Dialett nicht aufkommen fonnte. Glänzend fam Paul Biens= feld als Photograph Schmolte auf die Bühne gewirbelt, mit einer Tol, die im Sturm flatterte und Riesenarmen, die gleich ein ganzes Zimmer zum Bitte recht freundlich" arrangieren wollten. Der Dichter wurde nach dem zweiten Akt stürmisch ge= feiert und zuletzt mit jenem Beifall, der der Ausdruck des Dankes war, für einen anregenden und unterhaltenden Abend. Feliz Stössinger Die Reigenprozesse. Der Prozeß gegen Direktion und SchauSpieler des Kleinen Schauspielhauses wegen der Aufführung des Reigen", die ein Berliner Gericht schon einmal begutachtet und gebilligt hatte, findet heute statt. Das Gericht hat diesmal von vornherein gezeigt, daß ihm Sachverständige piepe find. Als Sachverständige wurden u. a. abgelehnt: Gerhart Hauptmann, Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. Lindenau, Landgerichtsdirektor Bod( dellen Kammer einen Spruch für den„ Reigen" gefällt hatte). Auf Grund alter Urteile von 1913 wird, obwohl ein Urteil von etwa 1919 dem entgegensteht, bei Buchhändlern noch immer der Reigen" be schlagnahmt. Der Schutzverband Deutscher Schriftsteller versucht jezt von neuem, das Werk freizubekommen auf Grund von Gutachten von Liszt, Albert Eulenberg, Simmel, Liebermann u. a. Battistini als Rigoletto. In der Staatsoper fang der große Battistini Donnerstag den Rigoletto. Das Publikum erwartete eine Stimme, deren Größe den Preisen( 21-531 M.) entsprechen würde. So wurde es enttäuscht. Erst nach dem dritten Akti jubelte das ganze Haus dem großen Künstler zu. denn selbst das Stumpfeste Ohr konnte nun den Unterschied zwischen einer voll endeten Gesangskunst und einem vergleichsweise dagegen unartitus lierten Gebrüll vernehmen. Ja, Battistini, dieser 66jährige Greis, der seit 44 Jahren einer der berühmtesten Gesangstünstler dez Wiederaufbau durch deutsche Arbeiter| Der Minifter beauftragte einen feiner Beamten, bie weiteren Berhandlungen der deutschen und französischen Gewerkschaften Ueber den Plan der deutschen Gewerkschaften, einen Teil ber zerstörten Gebiete in Frankreich durch deutsche Arbeiter in genossenschaftlicher, jeden Gewinn ausschließender Betriebsführung wieder aufzubauen, haben wir schon berichtet. Ueber die fortschreitenden Vorberatungen des Planes wird folgendes gemeldet: Auf Einladung des Allgemeinen französischen Gewerkschaftsbundes( Confédération Générale du Travail) und der Gewerkschaftsorganisation der Technifer in Industrie, Handel und Landwirtschaft hat der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, der Allgemeine freie Angestelltenbund und der Bund der technischen Angestellten und Beamten eine aus den Herren Kaufmann, Sassenbach, Silberschmidt und Dr. Wagner bestehende Kommission na chParis entfandt, um über die Wiederherstellungsarbeiten in einem Teile des zerstörten Gebiets zu verhandeln. Der von den französischen Arbeiterorganisationen aufgestellte Plan geht dahin, in der gänzlich zerstörten Gegend zwischen Péronne und Chaulnes durch gemeinsame Arbeit deutscher und französischer Arbeiter und Technifer elf Dörfer, die vor dem Kriege 750 Häuser und 3740 Einwohner zählten, wiederherzustellen. Von feiten der französischen Organisationen ist ein großzügiger Plan ausgearbeitet worden, der mit einer Reuverteilung der Baupläge und der Felder rechnet und bereits die Zustimmung des größten Teiles der Geschädigten gefunden hat. Die Kosten der Wiederherstellungsarbeiten werden auf 60 Millionen Francs veranschlagt. Die Ausführung der Arbeiten soll durch eine von den intereiterten Arbeiters und Techniferorganisationen zu bildende wirts schaftliche Organisation mit Ausschluß von Privatunternehmern erfolgen. Die wirtschaftliche Organisation foll ohne Gewinn arbeiten. Die Geschädigten sollen ihre Wünsche der Organisation mitteilen, wobei die Wünsche nur soweit Berücksichtigung finden können, als sie in den Gesamtplan hineinpassen. Die Regelung der Finanzfrage haben sich die französischen Gewerkschaften in der Weise gedacht, daß innnerhalb des Rahmens der Bestimmungen von London und des Abkommens von Wiesbaben, ohne daß dadurch eine weitere Belastung Deutschlands herbeigeführt wird, die zur Verfügung gestellte Arbeitskraft, ebenjo wie bisher die gelieferten Materialien, Deutschland gutgeschrieben werden. Die Geschädigten hätten zu diesem 3wed die ihnen von der französischen Regierung übergebenen Entschädigungsanweisungen an die wirtschaftlichen Organisationen abzuliefern. Die französischen Unterhändler stimmten mit der von den deutschen Bertretern geäußerten Meinung überein, daß hierzu von diesen teine Erklärungen abgegeben werden könnten, daß diese Finanzfrage vielmehr durch Berhandlungen zwischen der deutschen und französischen Regierung geflärt werden müsse. Im übrigen konnten die deutschen Vertreter erwidern, daß dic deutsche Arbeiterschaft mit Freuden bereit sei, gemeinsam mit ihren französischen Arbeitsbrüdern an der Wieberherstellung der zerstörten Gebiete zu arbeiten, um der obdachlosen Bevölkerung wieder ein Dach zu schaffen und dadurch zur Wiederannäherung und Versöhnung der beiden Völker beizutragen. Von franzöfifcher Seite wurde ausgeführt, daß der Gedante der Wiederannäherung und Versöhnung, gefördert durch gemeinsame Arbeit, auch die Haupttriebfeder der Franzosen sei, und daß die Geschädigten der Mitwirkung deutscher Arbeitskräfte mit Freuden entgegensehen. Den deutschen Vertretern wurde Gelegenheit gegeben, unter fach verständiger Führung die in Betracht tommende Gegend zu be fichtigen und in einer Reihe von Sigungen den französischen Vorschlag zu besprechen. In einer Zusammenkunft mit dem franzöfifchen Aufbauminister Loucheur, bei der auch die deutschen Vertreter anwesend waren, wurde von dem Führer der Delegation, dem Sekretär des französischen Gewerkschaftsbundes, Laurent, an den Minister die Frage ge= richtet, ob er bereit sei, der Verwendung deutscher Arbeitskräfte in dem in Betracht kommenden Gebiete zuzustimmen, ob er die Errichtung einer deutsch- französischen wirts schaftlichen Organisation, für die noch die gesetzliche Form gesucht werden müsse, genehmigen werde, und ob die französische Regierung bereit sei, zusammen mit der deutschen Regierung einen Weg zu suchen, der gestatte, innerhalb der bisherigen Abkommen und ohne daß dadurch eine Mehrbelastung Deutschlands eintritt, die deutsche Arbeitskraft Deutschland in Rechnung zu stellen. Der Minister erklärte, daß er dem Plan das größte Interesse entgegenbringe, und daß er mit den gemachten Vorschlägen durchaus einverstanden sei, daß er aber zunächst die Meinung des Ministerpräsidenten einholen müsse, was sofort geschehen solle. Welt ist, hat noch immer eine Stimme, die alle 3artheiten und alle Stärken der menschlichen Seele in gleich wundervollen Tönen ausdrückt. Sein Gesang ist das Vollkommenste, was sich denken läßt. Die Leidenschaft des Mienen- und Sändespiels steigert den Wohlflang, und die Beseelung dieses Organs, das wie ein herrliches Instrument, wie ein Stradivarius- Cello klingt. Und wie mitleidsvoll ist seine Seele! Hutt versuchte als Herzog, dem Gast zu zeigen, was eine Harfe ijt, aber die Kraft, mit der er loslegte, fonnte seinen Körper nicht frei, fein Gingen nicht schön machen. Sehr traurig war es, daß die Oper als Gilda nur Frau von Catopol zu bieten hatte, die zwar in dramatischen Szenen ganz schön ist, aber vor jeder Koloratur und jedem Kopfton solche Agit hat, daß man sie vor solchen, ihr fernliegenden Aufgaben schützen müßte. Auch wir bitten darum. F. St. Das Museum als Konzerthalle. Prof. Wilhelm Martin, der Direktor der Hager Gemäldegalerie, hat sich jetzt nach der Rücktehr aus Amerita für die Nachahmung der amerikanischen Bersuche ausgesprochen, mit denen eine Schen neue Bindung zwi Museum und Oeffentlichkeit geschaffen werden soll. In den Museen von New York, Chicago, Worcester u. a. hält man Konzerte ab und hat damit große Erfolge erzielt. Einige amerikanische Museen haben auch Hörsäle, so daß Vorträge abgehalten werden können. Tages- Notizen Beranstaltungen der U. S. B. D. 1., 2. u. 3. Dit rift. Revolutions. feier am 9. November, 7½ Uhr, in den Sophienjälen, Sophienstr. 17-18. Bortragsfolge: Männerchor, Waghaltertrio, Ansprache b.our, Gesang, Rezitation, Männerchor. von Lede 5. u. 6. Diftritt u. Charlottenburg. Sonntag. 13. November, 7 Uhr, in. der Aula Zwingliftr. 2 der 1. Kunstabend. Mitwirkende: Ernst Friedrich ( Rezitation), Gela Itau- Stöffinger( Cello), Susanne is ( Klavier). Gerhart Seger( Ansprache). Eintritt 2,50 M. Karten bei den Funktionären und an der Kaffe. gen. Erstaufführungen. Großes Shauspielhaus: 7. Göz von Berlichin Staatl. Sauspielhaus: 11. Othello.- Boltsoperette Walhalla 2h.: 11. Jung muß man sein. Theater. Deutsches Theater: As Montag„ Potash und Perlmutter" mit Güttorff und Gräh. Dienstag Ke a n" mit Baffermann zum legten Mal. Großes Schauspielhaus: Morgen Sonntag Die Räuber" zum letzten Mal. Arbeiter- Runit- Ausstellung( Petersburger Straße 39). Sonnabend, 7½ Uhr. Der Maler- Dichter Rauf Hausmann lieft aus eigenen Werten. Sonntag um 11, 4 und 7% Uhr:" Führungen durch die Ausstellung mit Vortrag. Blüthner- Orchester. Sonntag, 7½ Uhr, im Blüthner- Saal Richard Wag net bend unter Camillo Hildebrand. Bortragsabende. Ludwig Hardt spricht Sonntag, 7½ Uhr, Berliner Segelfion( Kurfürstendamm 232), Seine Zeitgedichte, Deutschland, Romancero, Sebräische Melodien, Matrazengruit.- Karten nur in der Gezession). Elise 3adow Vallentin und Maxim Vallentin( Deutsches Theater) sprechen Montag, 8 Uhr, in der Berliner Gezeffion literarische Werte unter dem Titel Bom Rototo bis heute". Frans Masereel, dessen Bücher in Deutschland so schnell populär wurden( unfere Refer tennen ihn audy aus wirksamen Blättern gegen den Krieg in der Freien Welt"), itellt zum ersten Male in Berlin im Graphischen Kabinett 3. B. Neumann( Kurfürstendamm 282), Original- Tuschzeichnungen aus. Film- Reklame, über ihr Wesen und ihre soziale Bedeutung spricht Dienstag, Uhr, im Kunstgewerbe- Museum, Prinz- Albrecht- Str. 6, Dr. Paul Mahlрега. Verhandlungen mit der französischen Arbeiter und Angestelltentommission zu führen. In dieser ersten Zusammenkunft zwischen den deutschen und französischen Arbeiterorganisationen fonnte der vorliegende Plan nur in großen Umrissen behandelt werden. Es wurde aber vereinbart, in möglichst furzer Zeit, und zwar diesmal auf deutschem Boden, zusammenzukommen, um in die Besprechung der Einzelheiten einzutreten. Der aus der Initiative deutscher Gewerkschafter entsprungene Plan, zu dessen Durchführung das Wies= badener Abkommen den Weg geebnet hat, ist damit um.ein gutes Stück gefördert worden. Hoffentlich ist der Zeitpunkt des Abschlusses der Verhandlungen und des Beginns der praktischen Aufbauarbeit nicht mehr fern. Wie fraß unterscheidet sich doch der hierin zum Ausdrud fommende opferfrohe Wille deutscher Arbeiter zur Tat im Dienste der Menschheit von der kleinen und gemeinen Haltung der deutschen Schieber- Bourgeoisie in allen Fragen der Wiedergutmachung. Die Geschädigten mit der Aftion einverstanden E. E. Paris, 5. November. Aus Amiens meldet das„ Petit Journal": Der Präfekt des Gommegebietes, Morain, versammelte gestern die Bürgermeister und Präfetten der Kooperativgenossenschaft der elf Dörfer in der Gegend von Chaulnes, die wiederaufgebaut werden sollen. Er fragte die Anwesenden, ob die Bewohner dieser Dörfer der Aufnahme deutscher Arbeitskräfte zustimmten. Alle Anwesenden waren damit einverstanden. Am Montag wird Morain das Ergebnis seiner Befragung dem Wiederaufbauminister Loucheur darlegen. B Die Kommiffionen für Oberschlesien Die Genfer Entscheidung über Oberschlesien bezeichnet 11 Kernpunkte, für deren Behandlung 11 besondere Kommissio= nen zu bilden waren. Diese 11 Sonderkommissionen sind nun folgende: 1. Kommission für das Eisenbahnwesen. An der Spize dieser Kommission steht der Geheime Regierungsrat Echolz vom Reichsverkehrsministerium. Innerhalb dieser Kommission werden Spezialreferate für Fragen des Betriebes, der Tarife usw. gebildet werden, die in Händen von Sachverständigen liegen. 2. Kommiffion für Wasser und Elektrizitätsfragen. Zum Leiter dieser Kommission wurde Oberbergrat Schwandtfe von der Bergwerksdirektion Hindenburg bestellt. Für die Elektrizitätsfragen ist noch ein Vertreter des Reichsschahministeriums, von dem diese Fragen ressortieren, hinzugezogen worden. 3. Kommission für das Geldwesen. Die Leitung dieser Kommission wurde dem Präsidenten des Landesfinanzamts Stettin, Ueberschär, übertragen, der sich als Organisator der deutschen Finanzverwaltung in Polen während der Ottupationszeit hervorragend bewährt hat und übrigens geborener Schlesier ist. 4. Kommission für das Postwejen. Ihr Leiter ist der Präsident der Oberpostdirektion Oppeln, Stroh. 5. Kommission für das Zollwesen. In Anbetracht der außer ordentlichen Bedeutung dieser Kommission wurde zu ihrem Leiter der bewährte Spezialist in Handelsvertragsfragen, der MinisterialDirektor v. Stochammern vom Auswärtigen Amte, berufen, der sich bereits bei der Führung von deutsch- polnischen Wirtschaftsverhandlungen praktisch betätigt hat. 6. Kommission für Kohle und Bergwerkerzeugnisse. An die Spitze dieser Kommission soll tein Beamter bestellt werden, sondern eine hervorragende Persönlichkeit des Wirtschaftslebens, mit der noch verhandelt wird. 7. Kommiffion für die Regelung des Verhältnisses zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden sowie für die Fragen der jozialen Versicherung. Es handelt sich hier eigentlich um zwei getrennt aufzubauende Kommissionen, die aber unter einheitlicher Leitung stehen werden, nämlich unter der des Ministerialdirektors Dr. Sizler vom Reichsarbeitsministerium. Es bedarf teiner weiteren Hervorhebung, daß gerade in dieser Kommission Arbeitgeber und Arbeitnehmer weitestgehend vertreten sein werden. 8. Kommission für die Verkehrsvorschriften. Zum Führer dieser Kommission wurde Geheimrat Sering vom Reichsministerium des Innern berufen. 9. Kommission für Arbeitergefeggebung und Schlichtungswesen. Diese Kommission, deren Arbeitsgebiet sich aufs engste mit dem der Kommission 7 berührt, wurde deshalb gleichfalls dem Leiter der Kommision 7, Ministerialbirettor Dr. Sigler, unterstellt. 10. Kommission für Liquidations- und Enteignungsfragen. Mit der Leitung dieser Kommission soll ein noch nicht näher bezeichneter höherer Beamter des Wiederaufbauministerium s betraut werden. 11. Kommiffion für Nationalitätenrecht, Wohnsitzrecht und Minderheitenrecht. Die Führung liegt hier ebenfalls in den Händen des Geheimrats Hering, des Leiters der Kommission 8. Die Teuerung in Sachsen Das Sächsische Statistische Landesamt hat die Teuerungszahlen und Preise wichtiger Lebensmittel in Sachsen nach monatlichen Erhebungen vom Februar 1920 bis Juli 1921 er= mittelt und die Ergebnisse dieser Erhebungen in einer ausführ= lichen Arbeit in der Zeitschrift des Sächsischen Statistischen Landesamtes veröffentlicht. Die Teuerung hat in Sachsen einen be sonders hohen Grad erreicht. Am meisten betroffen wurden die dichtbevölkerten, an ertragreichem Kulturboden armen Industriegegenden des Erzgebirges und des Vogt landes. Auf 100 Heftar( 1 Quadratkilometer) landwirtschaftlich genutzter Fläche( ohne Waldungen) lebten vor dem Kriege in Sachsen durchschnittlich 469 Menschen, und zwar in den Regierungsbezirken Chemnitz 675, 3widau 610, Dresden 457, Leipzig 429 und Bautzen 268. Jm ganzen Deutschen Reiche entfielen auf die gleiche Arealeinheit durchschnittlich nur 107 Bewohner, und zwar in Preußen 176, in Bayern 150, in Württemberg 198, dagegen in Sachsen 469. Auch die Provinzen Rheinland( 443) und noch mehr Westfalen ( 291) hatten eine geringere Bevölkerungsdichte als Sachsen. Die Teuerung hat sich dennoch in Sachsen als natürliche Folge seiner dichten Besiedelung auch in stärkstem Grade geltend gemacht. Das wahre Gesicht der Agrarier Die Agrarier tönnen nicht genug betonen, daß die Verbraucher unter der freien Wirtschaft ausreichend versorgt würden; wie es. aber damit steht, das erfährt man drastisch aus dem, was aus Glauchau berichtet wird: In der letzten Stadtverordnetenfigung in Glauchau i. Sa. tlagte Bürgermeister Dr. Schmidt sehr lebhaft über das mangelnde soziale Verständnis der Erzeuger, das zu schärfsten Maßnahmen führen müßte. Die Stadt habe sich an bie landwirtschaftlichen Vereine in zahlreichen Gemeinden der Gegend gewendet, um 2000 Zentner Kartoffeln für Sozial- und Kleinrentner zu verbilligten Preisen zu erhalten. Nur zwei Stellen hätten dem Ersuchen entsprochen. Bei dieser Sachlage ist es fein Wunder, daß sich die Fälle mehren, in denen die Verbraucher zur Selbsthilfe schreiten. U. S. P. D.- Funktionäre des Deutschen Metallarbeiterverbandes Montag, den 7. 11. 21, abends 7 Uhr in der Schulaula Gartenstraße 25, Humboldt- Akademie, in der Nähe der Invalidenstraße. Erscheinen ist Parteipflicht. J. A.: Holz. Brillanten als Brotbelag Der neueste Schiebertrid Die Kriminalpolizei hatte im März d. Js. davon Kenntnis ets halten, daß der holländische Staatsangehörige Pollad aus Am sterdam im Begriffe war, erhebliche Mengen von Schmudsachen und ungefaßten Brillanten nach Holland zu verschieben. Ein Be amter reiste ihm nach und beobachtete ihn. Bei der genauen Untersuchung an der Grenze in Bentheim fand man 44 lose Brillanten in einem Feuerzeug verborgen. Als P. bei der Durchsuchung in auffälliger Weise zu frühstüden begann, schöpfte der Beamte Verdacht und unterzog das Butterbroteiner Kontrolle. Zur allgemeinen Ueberraschung befanden sich auf dem Brote, in die Butter eingedrückt, weitere lose Brillanten, drei Brillantringe und eine Brosche. Pollack erklärte biefe cigenartige Transportmethode damit, daß er Furcht vor den internationalen D- 3ugdieben gehabt habe. Dies rettete jedoch die Juwelen, welche einen Wert von 1½ Millionen Mark hatten, nicht vor der Beschlagnahme. Da gegen B., der in Holland blieb, teine Anklage erhoben werden fonnte, wurde zweds Einziehung der Juwelen zugunsten des Reichs das sog. objettive Verfahren eingeleitet. Vor Gericht machte Rechtsanwalt Dr. Artur Brandt für den Angeklagten geltend, daß die Schmuckfachen ausschließlich zum persönlichen Gebrauch des B. und seiner Ehefrau bestimmt gewesen und auch schon längere Zeit getragen gewesen seien. Sie seien deshalb nicht als dem Ausfuhrverbot unterliegende und anmeldepflichtige Handelsmate, sondern als Reisegepäd im Sinne des Zolltarifgefeges anzusehen. Das Gericht hob in Anlehnung an das Gutachten des Finanzfachverständigen, Regierungsrat Bandow, dem Antrage bes Verteidigers entsprechend die Beschlagnahme der losen Brillanten auf und erkannte lediglich auf Einziehung von drei Brillantringen, die der Angeklagte nach seiner eigenen Angabe furz vor seiner Abreise in einem Schiebertaffee in der Friedrichstraße gekauft hatte. Der Fahnenraub in Dahme Das Urteil. Im Anschluß an die Verteidigungsrede Dr. Weinbergs trat auch der dritte Verteidiger in einstündiger Rede für den Freispruch Der Angeklagten ein. Darauf wurde von den Geschworenen die Schuldfrage verlesen, über die sie mehr denn 2 Stunden berteten. Der Spruch der Geschworenen: Die Schuldfrage auf Landfriedenss bruch wird bei allen Angeklagten verneint, die Frage auf Nötigung dagegen bei den Angeklagten Göriz, Rothenburg, 3ade, Friz Friese bejaht. Der Anklagevertreter beantragte daraufhin für Gerisch, Rothenburg und Friese je 1 Monat Gefängnis, für 3ade 350 Mart Geldstrafe. Um Mitternacht wurde das Urteil verkündet. Die Angeklagten Carl und Otto Friese, Schumann, Wiltniß, Giesch, Lehmann, Lorenz, Flemming, Priester werden freigesprochen. Die Angeklagten Görig, Rothenburg und Friese erhalten wegen Nöti gung je 1 Monat Gefängnis, Zade 450 Mart Geldstrafe. Die Kosten, soweit sie die Verurteilten betrifft, werden diesen auferlegt, den Rest trägt die Staatskasse. Hiermit hat die Justiz zu all' den Komödien eine weitere hinzu gefügt. Wegen einer zerbrochenen deutschvölfischen Fahnenstange werden mehr als 50 Zeugen aufgeboten, werden 10 000 Mart aus der republikanischen Reichstasse geopfert. Die Geschworenen haben die Lächerlichkeit einer Antlage begriffen, das Gericht fonnte sich allerdings nicht aufraffen zu einem Freispruch, sondern ist noch über die beantragten Strafen hinausgegangen. Für den findigen Antlagevertreter gibt es nur eine Entschuldigung, und zwar, daß er Potsdamer Staatsanwalt ist, der feinen Finger frümmt, um führen. Unsere Forderung am Ende dieses Justiztandals kann einen jener Umstürzler aus den Kapptagen seiner Strafe zuzunur sein: Sofortige Reform der Rechtsprechung, das mit endlich ähnliche Komödien für die Zukunft unterbleiben. Maschinengewehre im Lohnfampf Freispruch aller Angeklagten. Am zweiten Verhandlungstag wurde zunächst die Beweiserhes bung fortgelegt. Die Frage, ob die angebliche Zusammenrottung" der Bittoria- Angestellten auf dem Hof des Bureauhauses in der Lindenstraße, bei der die im Keller aufgefundenen Waffen zer stört wurden, eine„ öffentliche" war, wurde bejaht von einem Aufsichtsratsmitglied, einem Herrn Hartmann, der gegenüber den ihn cramierenden Verteidigern sich sehr frazbürstig gab. Verneint wurden sie aufs bestimmteste durch den Zeugen Rettor Fischer, der im Dezember 1919 Mitglied des Vollzugsrats der Berliner Arbeiterräte war und während des Tumultes telephonisch nach dem„ Viktoria"-Gebäude gerufen wurde. Einige Einblicke in die Verhältnisse der Einwohnera wehr gestattete die Aussage des Majors a. D. Janssen, des früheren Leiters der Zentralstelle der Einwohnerwehren beim Preußischen Ministerium des Innern, der nach dem Kapp- Butsch aus dem Statsdienst entlassen worden ist. Die Einwohnerwehr war ursprünglich eine ganz militärische Einrichtung, mußte auf Verlangen der Entente im November 1919 entmilitarisiert werden und wurde dann ins Ministerium des Innern übernommen. Die Waffen der Einwohnerwehr seien damals fiskalisches Eigentum gewesen. Die Zeugen der Verteidigung befundeten unter anderem, daß die Situation auf dem Hof bedrohlich war, so daß ein Angriff auf die Direktion befürchtet wurde, dem man dann durch Zerstörung der Waffen vorbeugen wollte. Aus der zusammengeströmten Menge der Angestellten fielen drohende Aeußerungen, z. B. die, man solle die zweite Etage( in der die Direktion sigt) mit den M.-G., abfämmen". Danach erst sei die Waffenzerstörung erfolgt. Nach Schluß der Beweisaufnahme erklärten alle Angeklagten, die Zerstörung der Waffen sei nicht schon in dem Augenblick beabsichtigt gewesen, als sie aus dem Keller auf den Hof geschafft wurden. Staatsanwalt Dr. Burchardy eröffnete seine Anklagerede mit dem Eingeständnis, daß er die Anklage auf Landfriedensbruch fallen lassen müsse, weil die Teilnahme an der Zusammenrottung" nicht jedem freigestanden habe, so daß die Deffentlichkeit" fehlte. Dagegen hielt er acht Angeklagte füs überführt der vorsäglichen Sachbeschädigung. Die Berteidiger Dr. Korach, Dr. Ball, Dr. Walter Richter, Dr. Züllichauer bestritten auch vorsätzliche Sachbeschädigung. Es handelt sich um einen Notwehratt, um zulässige Abwehr eines, auf andere Personen beabsichtigten Angriffes. Bei einigen Angeflagten wurde überhaupt die Tat bestritten. Für einen Angeklagten wurde seine Zugehörigkeit zu einer rechtsstehenden Partei betont. Rädelsführer" Haendschte erklärte in einem Schlußwort, es erfülle ihn mit Befriedigung, daß er durch seine Tat, zu der er als Obmann der Vertrauensleute sich verpflichtet fühlte, Unheil verhütet habe. Nach der Rechtsbelehrung durch den Vorsitzenden zogen sich die Geschworenen um 8 Uhr abends zur Beratung zurück. Nach einer einstündigen Beratung verkündete der Obmann, daß sämtliche Schuldfragen verneint worden seien. Damit waren die Ange flagten freigesprochen. Berloren hat ein Genosse am Dienstag abend eine kleine schwarze Wachstuchhandtasche mit Brieftasche und sämtlichen Ausweispapieren der Partei und Gewerkschaft. Abzugeben beim Portier im Verbandshaus Linienstr. 83-85. Vermißt wird seit Dienstag vormittag der Koch Alfred Lep pert. Leppert ist mittelgroß, hellblond, trägt furzen Schnurrs bart und war bekleidet mit gestreiften Hosen, feldgrauer Joppe entgegengenommen: Amt Humboldt 5102 oder auf jedem Polizeiund weichem Hut. Zweddienliche Angaben werden telephonisch revier. Boraussichtliches Wetter für Berlin und Umgegend am Sonntag. Kühl, vielfach heiter, jedoch unbeständig mit geringen Nieders schlägen und frischen westlichen bis nordwestlichen Winden. Gewerkschaftliches Generalversammlung der Berliner Fabritarbeiter Silfe für die Gastwirtsgehilfen. Am Sonntag, den 31. Oftober 1921, nahm die Generalver fammlung des Verbandes der Fabritarbeiter Stellung zu den legten Ereignissen in der Berliner Arbeiterbewegung. Der 1. Bevollmächtigte Reimann wies auf die Bedeutung des Aus ganges des Kampfes der Holz arbeiter um den Reichsrahmentarif, sowie den Streit im Gastwirtsgewerbe hin. Die Verwaltung hat für die Gastwirtsgehilfen 23 000 Mart aus der Lokaltasse zur Berfügung gestellt, sie ist weiter ständig bemüht gewesen, die Stellung der im Kampf stehenden Arbeitergruppen moralisch und materiell zu stärken. An den Stadtverordnetenwahlen konnte nicht interesselos vorbeigegangen werden, und die Verwaltung sezte fich ein, damit sozialistische Kandidaten gewählt wür den. Die Tätigkeit im legten Quartal war, weil alle Lohntarife gekündigt waren, auf den Neu abschluß von Lohnabtommen gerichtet. In vielen Fällen war das ohne Arbeitseinstel Iung nicht möglich. Wiederholt hatte die Verwaltung zu wil den Bewegungen Stellung zu nehmen. Diesen Bewegungen muß im Interesse der Organisation entschieden entgegen getreten werden, eine Sanktion wird unter keinen Umständen erfolgen. Der Kassenbericht lag gedruckt vor und wurde vom Redner erläutert. Die Mitgliederzahl ist um zirka 1500 gestiegen. Ohne den Erfolg zu überschäzen, fann erklärt werden, daß diejenigen, die von einem Bankrott der Gewerkschaften anläßlich des Sintens der Mitgliederzahl sprachen, nicht Recht behalten haben. Ein Antrag, den Quartalsbericht in Zukunft schriftlich zu erteilen, um für andere Diskussionen mehr Zeit zu haben, muß mit dem Sinweis bekämpft werden, daß durch die Annahme eines derartigen Antrages der mündliche Bericht nicht überflüssig würde und die Generalversammlung nicht dazu ba i, um allerhand politische I unentgeltlich) zahlen. Freigewerkschaftliche Betriebsrätezentrale, Kindereien mitanzuhören. Brinzte erstattet ben Bericht der Revisoren und beantragt Entlastung für den Kassierer. In der Diskussion sprachen Adam und Balfe, fritisierten allerlei, ohne jedoch neue und bessere Wege zu zeigen. Sehr wir tungsvoll traten Blaeshte, Gemelom und Raujotat sowie die Kollegin Röder, lettere namentlich den falschen. Ausführungen Adams, entgegen. Im Schlußwort wendet sich Reimann gegen diejenigen, die ledig lich um ihr Parteisüppchen zu tochen, auf der Kriegspolitik der Gewerkschaften herumreiten. Man soll doch endlich einmal den alten Streit begraben und sich der praktischen Arbeit in den Betrieben zuwenden. Die politischen Gegensäge führen dazu, daß der Arbeiterschaft je de Tätigkeit veretelt wird. Der Ausfall der Berliner Stadtverordnetenwahl sollte der Arbeiterschaft eine Warnung sein und dazu beitragen, daß mit Phrasenhelden, mie fie sich leider in der Gewerkschaftsbewegung und auch im Fabritarbeiterverband immer wieder zeigen, aufge= räumt werden muß. Will die Arbeiterschaft im Kampf zwischen Kapital und Arbeit siegen, so ist die Einigkeit des Proletariats die Vorbedingung. Dieser Einigkeit die Wege zu ebnen, ist mit die Aufgabe der Gewerkschaften. Schichtarbeiter! Für Schichtarbeiter, insbesondere für Abendarbeiter, beginnt Dienstag, den 8. November 1921, um 3 Uhr ein Kursus: Der Betriebsrat und seine Aufgaben." Der Kursus findet regel mäßig Dienstags von 3 bis 5 Uhr nachmittags im Sigungssaal der Freigemertschaftlichen Betriebsrätezentrale, Engelufer 24/25, 2. Hof, I, statt. Kollegen, die ohne Unterbrechung an diesem Kurjus teilnehmen können, erhalten Hörerfarten im Bureau der Freigewerkschaftlichen Betriebsrätezentrale, auch können sie direkt den Kursus aufsuchen und bei dem in der ersten Stunde zu wählenden Vertrauensmann den Hörerbeitrag von 6 M.( Arbeitslose Betriebsräteschule. Aufhebung der Sperre.„ Die Differenzen bei der Firms P. Kipp, Koppenstr. 79, sind beigelegt. Die Firma gab die Zusicherung, daß an Gastwirtschaften und Hotels feinerlei Ware geliefert wird, solange der Streit im Gastwirtsgewerbe besteht. Sämtliche Gesellen und Verkäuferinnen werden wieder eingestellt. Demzufolge traten die Arbeitnehmer am Freitag früh geschlossen wieder in Arbeit." Fleischergesellen und Hilfsarbeiter. Zuzug von Fleischergeseller und Hilfsarbeitern nach Westerade i. Holst. zu der Firma Gebr. Raedler ist bis auf weiteres streng fernzuhalten. Zentralverband der Fleischer. Städtisches Elektrizitätswert Charlottenburg. Zur Feier des 9. November wird der Betrieb um 2 Uhr geschlossen. Die Ars beiterschaft des Werkes beteiligt sich an der Demonstration. Die Belieferung mit Strom wird nicht unterbrochen.( Sonntags betrieb.) Parteiveranstaltungen Sonntag, 6. November Echöneberg- Friebenas. Die Genossen, welche an ber Bandagitation teilnehmes, treffen fich früh pünktlich 7 Uhr am Bahnhof Papestraße. Vereinsfalender Sonnabend, 5. November Deutscher Wertmeister- Berband. Nachm. 3 Uhr Versammlung der Wertmeister der Holz- Industrie im Schultheiß, Neue Jakobfir. 24. Bericht über den Etand des Lohnbewegung. Ludwig Berantwortlich für Bolitit und Feuilleton: 2es Liebfit. Berlin- Fries Rube Berlin; für den Inseratenteil und geschäftliche Mitteilungen: Romeriner, Charlottenburg. Berlagsgenossenschaft Freiheit", e. 6. m. b. S., Berlin, Drud der Berliner Druderei 6. m. b. 5., Berlin C. 2, Breite Straße 8-9. 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