Nr. 238 Aboilmmkitts.Zedingungcn: AbonneinentS- Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Ml., monatl. l.loMl., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. SonnlagS- Nummer mit tlluftrirter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: SL0 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post-ZeitungS- Preisliste für l»S7 unter Qr. 7437. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 14. Jahrg. Die Inftrtions- Gebühr beträgt für die fechSgefpaltene Kolonel- zelte oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und VersammlungS-Anzetgen, sowie ArbeitSmarlt 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittag» in der Expedition abgegeben iverden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr abends, BN Sonn- und Festtagen btS s Uhr vormittags geöffnet. Erschein! läßlich allster Wonlag». Devltner Volksblerlk. Fernsprecher: Sink I, Hr. 1508. Telegramm-Adresse: »Soiialdeniosiral Berlin". Zentrawrgan der sozialdemokratischen Martei Deutschlands. Ztedulltis»: 8V. 19, R-llty-Swlfj« 2. Die frÄNzöstsche übev HeuntutVjaev Pavfeifjtfl. Paris, 9. Okiober. Kein Parteiiag der deuischen Sozialdeniolratie ist i» der fran zöslschen bürgerliche» Presse so lebhast besprochen ivorden, ivie der� jenige von Haniblirg. Darin ist aber»ur zum geringsten Theil daS Wachsen eines objektiven Interesses für die stärlste Partei Deutschlands zu erblicken. Die Bonrgeoiszeitungen verfolgen dabei vielmehr den doppelten Parteizweck: den Charakter der denlschen Sozialdemokratie im allgemeinen— halb aus Uinvissenheit, halb aus Gemissenlosigkeit— zu entstellen und dann im besondereil namentlich aus dem Zwischenfall Schippe! gegen die franzö fischen Soziali st en und gegen den Internationa l i s m n S der Arbeiterbewegung eine Waffe zu schmieden Sie befolgen übrigens nur das Beispiel der deutschen Bonrgeoispresse, wenn sie Mißtrauen und Zwietracht zwischen den proletarischen Bruderpnrteien diesseits und jenseits der Vogeseu zu säen suchen Der Hamburger Parteilag bot dazu den französischen Sozialistew freffeui eine desto willkommenere Gelegenheit, als die herannahenden Kammerivahle» ein Scharfmachen der abgestilinpste» chauvinistischen Waffen gegen den Sozialismus erfordern. Daß die deutsche Sozialdemokratie zu einer gemäßigten, sozial reformerischen Oppositionsparlei sich nmgemausert habe, daß die Belheiligung an den preußischen Landingswahlen einen Bruch mit den revolutionären Ueberliesernnge» der Partei bedeute, daß die Sozialdemokraten namentlich infolge des bayerischen PartiknlnriSmns mit einer Spaltung bedroht sei, da Bollmar und Grillenberger aus Groll nach Hamburg nicht gegange» seien,— diese und ähnliche A»S sührnugen der auswärtigen Leilarlikler des„Temps" und des �Journal des Dsbats", der beiden angesehensten Organe der Bonrgeois-Republikaner, verdiene» keine weitere Beachtung, da sie ja ein mehr oder minder treues Echo der deutschen Bonrgeoispresse sind, die mit hoehernster Kennermiene orakelnden Leitartikler können sich nicht einmal ans einen eigenen Bericht über den Hamburger Parteitag berufen. Auch die beiden genannten Pariser„Weltblätter" be- gnügen sich mit den knappen und in den wichtigsten Punkten enb flellenden Depesche» der Havas-Agentur. Dieser Umstand kommt eben den Sozialistensressern gerade zu ffatlcii bei dem wichtigsten Theil ihrer Kommentare zum Hamburger Parteitag, beim Umlügen der Echippel-Debatte zu einer formellen Absage der Sozialdemokratie an den Jnler »ationalismns. Und es ist bezeichnend, daß der„Temps" diesem Gegenstand einen zweiten, i n n e r p o l i t i s ch e n Leitartikel widmet mit der Ueberschrist:„Eine zu beherzigende Lehre". Die Lehre wird geradeheraus der Ausmerksam- keit der französischen„Internationalisten" empfohlen. Nachdem der „Temps" Liebknechl's Aeußerung über das Verhalten der Sozial- demokratie im Falle eines Angriffskrieges gegen Deulschland ziemlich richtig iviedergegebe», legt er Schippe! die Worte in den Mund, daß »ran„für die neue n Kanonen stimmen m ü s s e"(!) und fälscht dementsprechend die ganze weitere Debatte, so daß der gesnmmte Parteitag, mit Ausnahme einer„immer mehr zusammenschmelzenden Gruppe treugebliebener Anhänger der internationalen Doktrin des Marxismus", die aiigeblicheAeiißermig Schippel's gebilligt hältej!.. Auf grund dieser Fälschung richtet nun der„Temps" einen jesuilisch-ioarmen Appell an die französischen Sozialisten, endlich doch ihre Illusionen über den Internationalismus der deutsche» Sozialdemokratie auszm geben:„Es ist nicht lange her, daß die Sozialisten von Marseille Lille und Paris Herrn Liebknecht als einen Apostel des unzweideutigsten Internationalismus feierten. Sie sehe» heute, durch welche Klauseln im Geiste des deutschen Sozia- listen seine humanitären Glaubens- Bekenntnisse eingeschränkt waren..... Es handelt sich darum, zu erfahren, ob unsere Sozialisten sich als ebenso gute Patrioten zeige» werden. wie ihre deutschen Freunde... Wir erwarten ihre Antwort aus die uuziveideuligen ErkläruugeKz die uns diesmal von den Ufer» der Eibe kommen." Im gleichen Sinne wird die gefälschte Schippel-Debatte schon bisher von einer Neihe anderer Organe aller Parteirichtungen aus- gebeutet, von den monarchistischen Blättern„Baulois" und„Soleil", vom radikalen„Jour und dem„Eclair", dessen Chefredakteur der linksradikale und zugleich chanviuislische Abg. Alphonse Humbert ist. Dieser möchte, wie der„Jour", von Liebknecht erfahre», ivo nach ihm „die berechtigte Grenze Deutschlands ansauge", ob an den Vogesen oder am Rhein, und schließt mit den Worten:„Das alles enthält «ine Warnung, die ihren Eindruck auf die französischen Sozialisten nicht verfehlen kann." Heute erfüllt nun unser Bruderblatt, die„Petite Röpublique"(in einem Artikel ihres auswärtigen Redakteurs, Louis Dubreuille, eines Mitgliedes des Revolutionären Zentral- komitee's) den Wunsch der„Temps" und Konsorten Nach der Znrücklveismig der Fälschung des Verlaufs der Schippel- Debatte(die Steußernng vom„Stimmen für die Kanonen" häil auch die„P. Röp." für aulhentisch) antwortet das sozialistische Organ mit aller Deutlichkeit:„Es ist richtig, daß Auer, Bebel und Lieb- knecht erklärt haben, daß Deutschland nicht wehrlos einer feindliche» Invasion ausgeliefert werden dürfe. Wozu aber der Lärm? Sind denn die Sozialisten aller Länder, aller Rassen nicht Gegner, bei- läufig, die einzig aufrichtigen Gegner von Jnvastons- und EroberungS- kriegen? Gehört es denn etwa zur Doktrin der Sozialisten, die gerade die volle Emanzipation des Individuums erstreben, eine Kollektivität von Individuen als Nationalität unterdrücken zu lassen? Nein, in dieser Beziehung denken unsere deutschen Kameraden wie wir, und wir wie sie. Sie sind Deutsche, wie wir Franzosen sind; die einen wie die anderen bereit, eine feindliche Invasion, von woher sie kommen mag, abzuwehren. Aber zugleich arbeiten wir, die einen und die andeien, aus besten Kräften auf die Verhinderung einer derartigen Eventua- lilät und insbesondere darauf hin, daß svlche zwei große Nationen, wie Frankreich und Teutschland nicht von neuem in einem blutigen Zusammenstoß aneinander gerathen und sich gegenseitig vernichten." NebrigenS brauchte der„Temps" die Antwort auf feine jesuitische Frage nicht eist abzuwarten. Sic ist seil langem gegeben, namentlich im Ä a h l m a n i f e st der französischen Arbeiterpartei (Juli löllZ) und der von derselben Partei als Broschüre heraus- gegebenen I a n r ö s' s ch e n K a m m e r r c d e vom 7. April 1875. Im W a h l m a n i s e st heißt es:„Die Internationalisten dürfen sich im Gegentheil als die einzigen Patrioten bezeichnen, da sie allein sich Ksrpedlllon: 8V.!9. Peuly-Straße& Rechenschaft geben von den erweiterten Bedingungen, in denen die Zukunft und dieGrößedesVaterlandes.sämmtlicher ansantagonistischen solidarisch gewordener Vaterländer gesichert werden könne» und müssen... Aber deswegen, weil wir Patrioten sind, wolle» wir doch den Krieg nicht, der, ob glücklich oder unglücklich, nur zu beispiellosen Katastrophen führen könnte... Wir wollen den Krieg nicht, weil er— bei welchem Ausgang immer— lediglich zum Nachlheil des erschöpften Westens das Spiel der durch den russischen Zarismus vertrelenen asiatischen Barbarei fördern würde... Wir wollen den Frieden, ireil die BonrgeoiSorvimng daran z» gründe zu gehen verurtheilt ist." Und I a u r ö s erklärte von der Kannnertribnne herab bei Be ralhung des Kriegsbudgets im Anschluß an den gründ lichen Nachweis, daß der Jnternationalismns nichts mit der Zerstörung der historischen Nationalitäten gemein habe: „Wir sind Internationalisten, um die Abschaffung der sozialen Ungerechtigkeiten vorzubereiten, die Ursache der Kriege sind und die Abschaffung der Kriege, die der Borwand der Armeen sind. Aber in Erwartung dieser Verwirklichung des internationalen Friedens durch die sozialistische Einigkeit, ist es die Pflicht aller Sozialiste» in alle» Ländern, ihr respeklives Vaterland gegen alle mögliehen Angriffe zu schützen." Die beiden von berufenster Seile abgegebenen Erklärungen zeigen zugleich,— und deshalb habe ich sie in Erinnerung ge- bracht,— daß die Antwort der„Petite lllöpubligue" wirklich die Meinungen der französischen Sozialisten irieberspiegelt und daß daher der neueste Zuüelrachts-Feldzug der Bourgeoispresse, ebenso wie die früheren, zu schänden werden wird. politische Mebeetrchk. Berlin. 11. Okiober. Die intcniationale Reaktion. Die Verurtheilung »nseres Hamburger Kollegen tvege» Beleidigniig des Königs der Belgier zu 8 Monaten Gefäugnijz erinnert an die Zeiten der Heiligen Allianz, wo alle Fürsten solidarisch waren und jeder in jedem Land als Heiliger sialt, den zn kritisiren Majestätsbeleidigung war. Soll das wieder so werden? Sott es nicht mehr erlaubt seil», wenigstens über fremde Monarchen zu schreiben? Und obendrein war es weit weniger, als in Belgien selbst über ihn geschrieben worden ist. Aber in Belgien klagt der König der Belgier nicht leicht. Denn in Belgien herrscht Preßsreiheit und kann der Beweis der Wahr- heit nicht eingeschränkt werden— und die belgischen Richter sind keine deutschen Richter. Nächstens wird wohl nun auch jeder König der afrika- »ische» Menschenfresser klagen, den irgend eine deutsche Zeitung angegriffen hat. Dentschleind ist das Jdealland der Verfolger von Majestätsbclcidigungen.— Der NcichSeisctibahngedanke scheint jetzt in einer blos für Preußen vorlhcilhaftcn Art verwirklicht zu werden; nach- dem Preußen sich im verflossenen Jahre das hessische Bahn- netz angegliedert hat, sott der vorerst streng geheim gehaltene Plan bestehen, diese Eisenbahngemeinschafl auf die Reichs- lsenbahnen in Elsaß-Lothringen, die pfälzischen Eisenbahnen und die badischen Staatseisenbahnen auszudehnen. Die badisehe Reglernng, der das Bekanntwerden dieser Meldung, die eine Verminderung ihrer Hoheitsrechte bedeutet, gerade jetzt vor den Wahlen höchst unbequem sein muß, läßt sie sehr energisch dcmentirc». Trotzdem spricht die wirthschaft- liche Nothweudigkcit dafür, daß der Gedanke früher oder später, wahrscheinlich sehr bald realisirt werden wird. Im Interesse des Reiches und der breiten Masse des Volkes würde mehr die Durchführung des Reichseisenbahngedankens als die Erstrecknng der preußischen Eiseubahnverwaltung auf jäutmtliche Bahnen im Reiche liege». Große Einnahme-Ueber- schüsse der Eisenbahnen in den Einzelstaaten verhindern den Ausbau des direklen Steuersystems, während das Fehlen dieser gewaltigen Einnahmen mitgewirkt hat bei der bedauerlichen Ansbildnng des indirekten Steuersystems im Reiche. Freilich mnß im Zeitalter der uferlosen iviarinepkäne be- ürchtet werde», daß auch die Ergebnisse einer rationelle» Finanzpolitik dem Görke Aegir geopfert werden. Deshalb chon»»iß man heute noch die klügste und konsequenteste Politik in dein Satze zusammenfassen:„Diesem Systeme keinen Mann und keinen Groschen". Der Diskont der Rcichsbank ist heute ans 5 pCt. der Lombardzinsfiiß ans 6 pCt. erhöht worden. In der unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Koch stattgehabten Sitzung des Zentralansschusses der Reichsbank wurde die Erhöhung des Diskonts auf 5 pCt. damit begründet, daß zum abgelausenen Quartalsschlüsse die Ansprüche an die Bank ganz ungewöhn- liehe waren und daß die Rückflüsse nicht, wie erwartet wurde, in gleichem BerhäUuiß wie in früheren Jahren eintraten, und schließlich, daß vor dem Jahresschlüsse eine weitere Anspannung der Bank in Aussicht genommen werden muß. Die Erhöhungen des Bankdiskonts zeigen, daß man in der Leitung der Reichsbank, der höchsten Warte für das deutsche Geschästsleben, annimmt, daß die Zeit des wirthschaftlichen Aufschwunges ihrem Ende entgegengeht lind die Krise mit ihren Bankerotte», Geschästsziisammenstürze», Werthzerstörnngen, Geschäftsstille und Arbeitslosigkeit herannahen. Die Erhöhungen des Diskonts der Reichsbank sind eine bedeutungsvolle Thatsache, die nicht blos den Unternehmern, sondern auch den Arbeitern zu denken giebt. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß der Eintritt der Krise morgen oder übermorgen eintreten dürfte; sie hat in einzelnen Industriezweigen langsam begonnen, wird in anderen bald folgen, während einige Industrien noch auf längere Zeit des Gedeihens rechnen können.— Deutsches Reich. — Der p r e n ß i s ch e L a n d.t a g. Die„Verl. Pol. Nachr." schreiben: Der Beschluß der Staaisregienmg, die nach st e Landtags- Session von allen gesetzgeberischen Aufgaben frei zu halten, deren Erledigung nicht dringlich ist, bedeutet für eine Reihe von gesetzgeberische» Problenien die Z u r ü ck st e l l u n g in den nächsten Gesetzgebnngs-Ülbschnilt. Dies gilt nicht nur von einer A end er nng des Wahlgesetzes, sondern von einer Reihe anderer gesetzgeberischer Anfgaben, namkNt- lich auch der Reform des E n t e i g n u n g s r e ch t e s. Wenn daher mit einer verhältnißmäßig kurzen LandtagSsesflon zn rechnen ist, so werden die Gründe für diese Ordnung der Sache noch sehr erheblich verstärkt durch den Unistand, daß die Legislatur- Periode im Reiche im Frühsommer abschließt und daß es sich nicht empfiehlt, die LandiagSsession bis z» den Vorbereitungen für die all- gemeinen Wahlen zum Reichsiagc auszudehnen." Bekanntlich gehört die Aendernng des Wahlgesetzes zn den von der Regierung gegebenen Versprechnngen,— über deren Werth im denlschen Volke keinerlei Meinungsverschiedenheit herrscht.— — Die Vorbereitung für den Abschluß»euer Handelsverträge wird innerhalb der Reichsregierimg ans breiier Grundlage in Angriff genommen. Im Reichs am t des Innern hat man, wie die„Berliner Politischen Nachrichten" mitiheilen, bereits eine Sammlung der giltigen Handels- vertrage und aller der Handelsverträge, deren Kenntniß im historifche» Interesse von Wert ist, veranstaltet. Ebenso soll»nser Waarenanslansch, nach Ländern geordnet, von 1899 ab in paralleler Fassung nachgewiesen werden. Eine ver- gleichende Nachweisnng der Zollsätze des Auslandes, nach Waaren- gatlnngen geordnet, in Verbindung mit einer Produklionsstatistik, wird erst eine» sicheren Anhalt dasiir gebe», inwieweit wir für die einzelnen Positionen und für welche Exporlwaaren eine Ermäßigung der bestehenden fremden Zölle anzustreben habe» werden und welche ivlrthschaftliche Bedenlnng der de» einzelnen Waaren unserer Produktion gewährte Zollschnh eigentlich hat. Wird so im Reichsamte des Innern der Älbschlnß»ener Handelsverträge vorzugsweise von der hnndelspolitischen Seite aus vorbereitet, so wird im Reichsschntzamte gleichzeilig der neue Zolltarif von zolltechnischen und finanziellen GesichUpuntlen aus ausgestellt werden,»in demnächst vom handelspolitischen Standpunkte unter Zuziehung des neu gebildeten wirthschafilichen Ausschusses für Vorbereitung der Handelsverträge im Reichsamt des Innern weiter beraihe» zu werde».— — Die Ernennung d e S fromme n Herrn Gäbet zum Präsidenten des R e i ch s- V e r s i ch e r n n g s a in ts wird heute amtlich gemeldet.— — Der antisemitische Parteitag trat in Nordhausen am 19. Oktober zusammen. Die Abgg. Liebermann v. Sonncnberg und Zimmermann»nd die TDr. Giese und Lindström präsidirten. 116 Berlrricr aus 7b Wahlkreisen waren anwesend. Alts dein vom Abg. Zimmermann erstatteten schönsärberischen Berichte haben wir blos die Behauptung zn erwähnen, daß der Austritt Förster'» eine bemerkbare Einwirkung auf die Geschlossenheit der Partei nicht gehabt habe. Da die Partei zn den bevorstehenden Reichstags- wählen auch ein Arbeiter-Programm braucht, so hat Herr Raab- Hamburg über die Arbeiterfrage rescrirt und am Schlnße die folgen» de» Thesen aufgestellt: Der Zusammenschluß aller Arbeiter zur Erringung besserer Arbeits- und Lohnverhällnisse ist z» fördern. An die Stelle des Konlitionsrechtes ist die Koalition s- Pflicht zu setzen, da erst nach ihrer Durchführung der lieber- siUUmg einzelner Berufe gesteuert»nd eine wirksame Versicherung gegen Arbeilslosigkeil geschaffen werden kann. Die heule bestehende Freizügigkeit ist insofern abzuändern, daß zwar jedem das Abzngsrecht gewährleistet bleibt, das Zuzugs- recht jedoch unter Umständen eine Einschränkung erfährt. Für alle größeren Beiriebe sind ständige Arbeileransschüsie anzuordnen, deren Mitglieder gegen Maßregelnngen geschützt sein müssen. Die Verarbeitung giftiger Stoffe ist zu verbieten, insofern für sie ErsatziniUcl vorhanden sind. Arbeitgeber und ihre Stellvertreter sind den Bestimmungen des§ 174 des Strasgesctzbnches bez. der unzüchtigen Handlnngen zu unterstelle». Für die Hansindufirie sind geeignete BestimmungiN zum Schutze der Arbeiter und ihrer Hausgenossen zu schaffen. Mit diesem Programme wird kein Arbeiter zn der Zimmermann u. Licbernimiii-Gcsellschaft gezogen werden.— — Gegen die neue Politik des Soziali st en- g e s e tz e s spricht sich in einer Polemik gegen die„Hamb. Nachr." die„Kölnische Ztg." ziemlich entschiede» ans. Am Schlüsse diese?, wie bei ihr üblich mit schmutzigen Anwürfen gegen unsere Partei gespickten Artikels schreibt das Organ des rheinische» National- liberalisimis: „Von der Erneuerung politischer Gewaltmaßregeln können wir uns nur Schaden für das Reich und den sozialen Frieden versprechen." — Von den kritischen Eise»bahn monaten dieses Jahres wird in den Nachweisen des Neichs-Eisenbahnamtes über die Betriebsunfälle ans deutschen Eisenbahnen nun der'August behandelt. Er brachte 216 Betriebsunfälle, davon waren 35 Entgleisungen, 23 Zusammenstöße; sodann werden 153„sonstige Betriebsunfälle" verzeichnet; 62 Personen wurden gelödiet, davon 11 iiieisende und 35 Bahnbeamte»nd Arbeiter im Dienst; verletzt wurden 162 Per- sonen. Auf 184 km kam ein Betriebsunfall.•— — Chronik der Eisenbahn-Unfälle. Die„Frank' snrter Zeitung" meldet ans Stuttgart: Laut amtlicher Bekanntmachung ist am Sonnabend Abend ans der Station Vaihingen die Vorspann- Maschine eines Zuges infolge Unachtsamkeit des Führers ans einen in der Einfahrt begriffenen Personenzug anfgcsahren. Beide Loko» Motiven entgleisten. Bis 2>/z Uhr morgens waren beide Geleise gesperrt. Lieisende wurden nicht verletzt, zivei Beamte erlitten un- erhebliche Verletznnge».— — Aus Zl n l a ß der häufigen E i s e n b a h n- U» f n l l o hat die königlich preußische und großherzoglich hessische Eisen- bahn-Direktion Mainz angeordnet, daß jämmtliche Einfahrtssignale der Stationen mit neuer Farbe an- gestrichen werde». Veranlassung hierzu haben einige Be- s ch w e r d e» von Lokomotivführern gegeben, nach welchen die jetzigen Signale sehr schlecht zu erkennen sind. Viel- leicht würde eine solche Zluordnung anderwärts auch nicht schaden.� — Tante Voß liefert in dem Artikel ihres heutigen Abendblattes über den Parteitag einen drastisch-koniischen Beweis dafür, wie per- sonlicher Hag das llrtheil verblenden kann. In ihrer kindischen Wnth ans Liebknecht, dem sie vor 8 Tagen alle möglichen Albern- heilen anhängte und alles mögliche Mißgeschick altjüngferlich aus dem Kaffeesatz prophezeite, hat sie den Beschluß des Parteitags in Sachen der preußische» Landtagsivahlen jetzt zu einer persönlichen Niederlage Liebknechl's gemacht, einer so schweren Niederlage, daß seine Stellung am„Vorwärts" und in der Partei erschüttert sei. Taute Voß hat die betreffende Resolution des Hamburger Parteitages offenbar nicht gelesen. Sonst mußte sie wissen, daß durch Annahme(mit erheblicher Majorität) des Amendements gegen Kompromisse und Bündnisse mit bürgerlichen Parteien eine Form für die Wahlbetheiligung gefunden worden ist, gegen die auch die„verbissensten" und„zielbewußtesten" Parteigenossen nichts Wesentliches einzuwenden haben. Und mit Recht konnte in der Schlußrede von Singer gesagt werden:„Wir haben keine Sieger und keine Besiegte."— — Vom Z e u g n i ß z w a n g. Der verantwortliche Redakteur der V o l k S st i m m e" in Magdeburg. Genosse Vahle, hat vom Amtsgericht einen auf Ivo M. lauteiiden Strafbefehl wegen Zeugnißverweigerung erhalten. Er hatte bei einer Vernehmung als Zeuge„wider Unbekannt wegen verlciiinderischcr Polizeibeleidignng", angeblich begangen in einem Artikel über eine Lederindustriellen-Ver- sauimlnug im Cafs Peters, verweigert, den Namen des Artikelverfassers zu nennen. Nachträglich hat-9Zahle aber den Namen der Person genannt, auf grund deren Angaben der Artikel versaßt wurde. Trotz- dem erhielt er das Strafmandat.— — Zluf dem Gebiet« des Vereins- und Ver- s a m m l u n g s r e ch t e s ist das neueste: ein Amlsvoisteher, der eine Versainmlnng des Bauernvereins„Nordost" dadurch unmöglich macht, daß er die ihm per Post zugegangene schriftliche An- Meldung der Versammliing nicht aiininiiut. Es ist das, so schreibt die„L. Korr.", der Amtsvorsteher Schubert in Alt-Gargenow. Nun wäre ja nichts einfacher gewesen, als daß der Herr Landralh, au den der Einbernfer der Versammlung telegraphisch appellirte, den Amtsvorsteher angewiesen hätte, zu thnn, wozu er nach seinem Amte verpflichtet ist. Aber der Herr Laudrath Osleroth in Grimiuen ant- wortele, der„Amtsvorsteher muß erst gehört werden". Vorläufig hat also die Versammlung nicht stattgefunden, und wenn auch bis zum nächsten Male es gelingt, dem Herrn Amtsvorsteher klar zu machen, daß er einen rekommandirteu Brief selbst von dem Bauern- bund„Nordost" annehme» muß, so ist dann auch noch keine Sicher- heit geschaffen dafür, daß das Vereins- und Versammlungsgesetz in „geklärter Weise" zur SInwendung gebracht wird. Hoffentlich wird dieser Fall von Amtsüberschreitung im ge- regellen vcrwaltungsrechtlichen Verfahren klargestellt.— — Eine Ausweisung mit Dampf. Ein ans Scharm- deck in Hannover gebürtiger D e u t s ch- A m e r i k a u e r. der seit Anfang September d. I. bei seiiien dort lebenden Eltern zu Besuch weilte, wurde, ohne daß ihm von seilen der Behörde irgend welche Frist ziim Verlassen des preußischen Staatsgebietes gesetzt war, ver- anlaßt, sofort abzureisen. Der junge Mann, welcher iini 1 Uhr mittags von der Ausweisungsordrc Nenntniß erhielt, wurde gezwungen, den schon um 2 Uhr LS Minuten abgehenden Zug zu benutze,,, mit welchem er in Begleitung eines Gendarmen zunächst nach Bremen befördert wurde.— —„Di- Stimm« deS S t e i„« k l o p f ers auf der L a n d st r a ß e dürfe nicht denselben Werth haben wie die eines Regierungsrathes"— also ließ der Geheimrath D a m b a ch. Professor an der Berliner Universität, t» seiner Vorlesung über Staats- und Verwaltungsrecht sich hören. Auch die Universität ist also nicht mehr sicher vor den Besürworlern des Klassen-Wahliystems. Von Herrn Dambach wundert uns solch Urlheil wenig, der Herr ist Abtheilungsdirigent i», ReichS-Postamt und Kronslindiklis, ein Bureaukrat vom Scheitel bis zur Sohle, dazu noch Exzellenz und Inhaber von mancherlei Orden. Ein so hoher Herr kann natürlich nicht empfinden, daß ein Eteinllopser sein politisches Recht zehnmal nöthiger braucht als ein Regiernngsrath, der von den Stenern der Steinklopser erhalten wird.— — National-soziale Reichstags- Kandidatur. Aus Kiel wird uns geschrieben: Im 7. schleswig-holsteiuischeu Wahlkreis, den der Genosse Legien vertritt, haben die National- Sozialen in einer Versammlung, in der Pfarrer Nauiiiann am Sonnabend, den 9. d. M., sprach, niinmehr auch einen eigenen Kan- didaten in der Person des Herrn Damaschke aufgestellt. Herr Damaschke ist in Kiel für kurze Zeit Redakteur an den„Kieler Neuesten Nachrichten" gewesen. Die Kandidatur dürfte nur als Zählkandidatur anzusehen sein, da ein Erfolg völlig ausgeschlossen ist. Dreöde», 11. Oktober.(Eig. Ber.) Die„Wahl" der Abgeord- tieteu ist nun vollzogen. Ihrer speziellen Parteistelluug nach gehöre» 16 Abgeordnete der konservativen, 9 der nationalliberalen, 2 der Fortschrittspartei an; 4 wissen überhaupt nicht, wozu sie sich rechnen sollen. Im Privatleben gehöre» die 31 folgenden Kategorie» an: 6 Ritterguts- bezw. Gutsbesitzer, 6 Fabrikanten, 3 Gemeindevorstäude, 4 Bürgermeister, 2 Kauflente, 1 Uhrmacher, 1 Geometer, 1 Privatier, 1 Amtsrichter, 1 Kohlenwerksbesitzer und 3 Kvmmerzien- bez. Hofräthe. 18 von den 31 waren bisher noch nicht im Landtage. Von unseren Ge- nosse» verbleiben noch darin: Fräßdorf, Grünberg, Seifert, Colditz, Goldstein. Otto, Slolle-Meerane. Horn. Ausgeschieden sind die Gc> Nossen: Stolle-Gesau, Geyer, Pastell, Horn-Löblan, Schulze. Kaden, und durch Mandatsniederlegung Pinkau. Die Abgeorduclcnivahlen selbst vollzogen sich in allerRuhe. Kein Mensch, der Is nicht wußte, merkte etwas davon. Es war ja auch nichts weiter, als eine ganz einflußlose Formalität. Zweifelhaft konnten höchstens der 10. ländliche und 1. Chemnitzer Kreis sein. In Chemnitz gaben unsere Genossen den Ausschlag— sie hallen die Mahl zwischen einem Lkonservativen und einem Antisemiten; sie haben keinem von beiden auch nur eine Stimme gegeben. So fiel der Antisemit durch. Das war in an- betracht der traurigen Handlungsweise der antisemilischen Leitung auch ganz korrekt gehandelt. Im zehnten länd- lichen Kreise haben acht Antisemiten für uns, einer für den Konservativen gestimmt, so daß letzlerer mit S1 gegen 58 Stimme» gewählt wurde. Ein paar Kuriositäten verdienen noch hervor- gehoben zu werden. So ftiniinleii im 2. städtischen Kreise von 59 Kartellwahlmännern nur 54 für ihren Kandidaten, während der Antisemit statt 19 15 Stimmen erhielt. Im 40. ländlichen Kreise bekam unser Genosse Stolle bei 32 sozialistischen Wahlmännern 34 Stimmen; diese zwei Stimmen verlor der Konservative. — Chronik der MajestätSbekeidigungs-Prozesse. Der Majestätsbeleidigungsprozeß gegen Wilhelm Liebknecht wird morgen vor dem Reichsgericht zur Verhandlung kommen. Die Majefiätsbeleidigung soll Liebknecht bekanntlich in seiner Rede begangen haben, mit der er den sozialdemokratischen Parteitag am 6. Oktober 1895 eröffnete. Am 15. Okiober wurde die Anklage gegen ihn erhoben und am 14. No- vember wurde Liebknecht von der Strafkammer des Landgerichts zu Breslau zu einer Gefängnißstrafe von vier Monaten verurtheilt. Gegen dieses llrtheil wurde sofort Revision eingelegt; während der langen Dauer der letzten Reichstags- Session mußte jedoch das Verfahren ruhen, und so ist das Reichsgericht erst jetzt nach zwei Jahren in der Lage, sich mit dem Urtheil der Breslauer Richter zu beschästigen, das seinerzeit in der Presse sowohl als auch in juristischen Kreisen lebhaftes Aussehen erregt hat. Fand doch in diesem Urtheil zum ersten Mal der dolus eventualis auch aus Majestätsbeleidigung Anwendung! In der schriftlichen Begründung des Urtheils— es dürfte noch in Eriiinerung sein, daß die mündliche Begründung ganz erheblich davon abwich— heißt es u. a.: „Es wird auch einem Zweifel uicht unterliegen können, daß ein so gewandter und erfahrener Politiker, als den der Angeklagte selbst sich hinstellt, bei subjektiver Beziehung seiner Aeußernng aus den Kaiser sich des ehrenkräukendeii Charakters derselben wohl be- wüßt war. Der Angriff der Beleidigung erfordert vorsätzliches Handeln, mithin neben dem auf die äußere Handlung gerichleten Willen die Vorstellung des ThäterS von der Kausalität seines Thuns. Die Majestätsbeleidigung hat die allgemeine» Vorbedingungen der Strafbarkeit mit den gewöhnlichen Beleidignugen gemein, deshalb ist erforderlich das Bewußtsein des Thäters von dem ehren« kränkenden Charakter der Kundgebung gegen die verletzte Person. Aus diesem Grunde muß nicht blos objektiv die Beleidigung sich auf eine» anderen beziehen, sondern es muß auch die Beziehung subjektiv von dem Vorsatz des Thäters umfaßt sein. Läßt sich aber objektiv die Aeußernng auch auf einen anderen beziehen oder mit- beziehen, so kann die Handlung nur dann als gegen den anderen vorsätzlich begangen angesehen werden, wenn sich der Dolus des Thäters auch auf diesen anderen mitbezog. Hiersnr genügt aber schon der sogen. Eventualdolus, das Bcivuhtfein von der Möglichkeit der Beziehung auf einen anderen. Dieser Eventualdolus muß im konkreten Falle als dem An- geklagten innewohnend angesehen werden. Der Angeklagte wußte, daß derjenige Erfolg, von dem das Gesetz die Strafbarkeit ab- hängig macht, das ist die von seinen Hörern ausgehende Ausfassung seiner Worte dahin, daß auch der Kaiser die sozial- demokratische Partei... habe,... durch seine Handlung herbeigeführt werden könne, und er war mit diesem Erfolge für den Fall seines Eintritts— daß der Erfolg lhatsächlich eingetreteu ist, ist ausgeführt— einverstanden, hat ihn eventuell gewollt." lieber die Verhandlung vor dem Sieichsgericht werden wir morgen ausführlich berichte». Bei verschlossenen Thören wurde vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung gegen den Schlosser Wilhelm Ferdinand Lange verhandelt. Aus der llrtheilsverkündigung ging folgender Sachverhalt hervor: Der An- geklagte arbeitel in einer hiesigen Maschineniverkstatt. Am lv. August unterhielt derAngeklagte.sich während der Frühstückspause mit mehreren Arbeitsgenossen über die Steife des Kaisers nach Slußland. Es wurde mit bezug auf einen Zeitungsbericht hervorgehoben, daß die freund- schaflliche Begrüßung der beiden Monarchen durch Händedrücken und Küssen doch ans eine gegenseitige Gesinnung schließen lasse, welche für Deutschland und im Interesse des Friedens nur von Vortheil sein könne. Hieran habe der Angeklagte nun eine höchst nnfläthige und beleidigende Bemerkung geknüpft. Seine Behauptung, daß seineAeußernng sich ans die Ermordung der nnverehelickten Thiele bezogen habe, welcher Fall kurz vorher ebenfalls besprochen worden sei, veidiene keinen Glanben, da dann ein Zusnmnienhang nicht ersichtlich sei. Es möge sein, daß die Angabe des Angeklagten, er sei ein königstrener Arbeiter, ber Wahrheit entspreche; dies könne ihn jedoch nicht entlasten. Leider seien derartig« Bemerknngen, wie die in Rede stehende, in den unteren Schichten nicht so selten und der Angeklagte mußte sich der schwere» Beleidigung, die er seinem Kaiser zufüge, bewußt sein. Er sei zu einer Gesängnißstrase von vier Monaten verurtheilt worden. Die SIrbeitersrau Konstantine Bentkowski aus Charloltenhof wurde von der Slraikaminer in Beuthen O.-S. wegen Majestäts- beleidigung zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Aus Stuttgart wird uns geschrieben: Wegen Majestätsbeleidignng und Beleidignugeines preußischen Unterossiziers. stand am Sonnabend der 30jährige Tagelöhner I. Schl otterbeck vor der Slraskammcr in Stuttgart. Derselbe haltein der Nacht auf den 1. August LI bis 23>/s-Liter Bier und>/» Liter Wein getrunken und kam morgenS 5 Uhr total betrunken in eine Wirlhschaft. Daselbst saß mii anderen ein Unteroffizier. Schlollerbcck wurde gesprächig, die übrigen Gäste reizte» ihn. worauf er über den Unterossizier, militärische Vorgesetzte überhaupt, Bismarck, den Kaiser und den König zu schimpfen begann. Das führt« ihn vor Gericht, wo er angab, sich an gar nichts mehr erinnern zu können und er fein Bedauern über baS Vorlommniß aussprach. Aber daS half nichts. Das Gericht berücksichtigte, daß er gereizt worden sei, verurtheilt« den Angeklagten aber wegen Majestätsbeleidignng zu vier Monaten und wegen Beleidigung des Unterossiziers zu e i n e r W o ch e G e fä n g n i ß. Das war ein thenerer Rausch! Leipzig, 11. Oktober.(Privat-Depesche deS„Vorwärts"). Das Reichsgericht verwarf die Stevision des Reichstags- Abgeordneten L ü t g e n a u, der vom Landgericht zu Dortmund wegen Mnjestätsbeleidigung zu d r e i M o n a t e n G e s ä n g n i ß verurtheilt»vorden war.— Oesterreich. Wien, 11. Oktober.(„Vossi Ztg.") Universitälsprofeffor Hirn in Jnnsbrnck, ein hervorragender klerikaler Parteimanu, wurde ins Unterrichtsministerium, in die St b t h e i l u n g für Volksschulen berufen. Seine Berufung soll mit der in der Thronred« angekündigten Reform der Lehrer-Bildungs- n u st a l t e n zusammenhängen. Die Klerikalen dringen schon seit längerem auf die K l e r i k a l i s i r u n g dieser Anstalten.— — Ein christlich-sozialer„Erfolg" ist die Wieder- wähl des frühere» Abgeordneten Vergani zum Reichstags-Abgeordiieten; bei der gleichzeitig staltgefnndenen Landtagsersatzwahl kam«r in Stichwahl. Herrn Vergani, eine der iiiiiympathischsteii Persönlich- keilen des öffentlichen Lebens, wurde an Gerichtsstclle nachgeiviesen, daß er anillidie Gelder unterschlagen habe und sich auch sonst zahl- reicher unwürdiger Handlungen schuldig gemacht habe. Wenn ein solcher Mann wiedergewählt wird, so beweist dies, daß die christlich- sozialen Zensnsmäb'er des Herrn Vergani moralisch wenigstens ihrer 'Abgeordneten würdig sind.— Nnstarn. — Der Abgeordnete I g n a z Helfy, einer der ältesten Freunde, der langjährige Bertrauensmann Kossnih's in Ungarn und einer der Führer der Partei der äußersten Linken, der durch die Ehe mit einer Italienerin in enge Fühlung niit den Vertretern der italienischen Einheilsidee kam, ist gestorben. Seine demo- kratischen Grundanschanniigen wurden überwuchert durch einen national-magyarischeu Fanatismus.>- Frankreich. R v III i rem o II t(Dep. Vogescu), lv. Oktober. Minister- Präsident M e l i ii e hielt heute hier vor seine» Wählern einiProgranim» rede, in welcher er die Anschuldigung znrnckwies, die repiiblikanische Partei in zwei Theile zersprengt zu haben. Er gab vielmehr den Radikalen an der Spaltung schuld, welche sich den Sozialisten zu- wenden. Redner verwahrte ferner das Kabinet gegen den Vorwurf des Klerikalisniiis und forderte zum Zusaniiiiciischlnsse aller Republikaner auf, deren Programm weder die Reaktion noch die Re- voliitiou zulasse. Redner setzte sodann die Aufgabe der künftigen Kammer auseinander, welcbe in der Dezeiitralisalio» der Verwaltung und in der Einrichtung von Pensionskaffcu»nd Allerversicheriingskasseii zn be- stehen habe. Der Ministerpräsident schloß hieran«ine Vertheidignng der inneren wie äußeren Politik des Kabinels. Bei der Erörterung der äußeren Politik sagte Melin«: Wir sind dahin gelangt, den Brand im Orient fest zn beschränken und, wie ich hoffe, zu löschen dank der unbeugsamen Ausdauer deS Ministers Hanotaux. Der Rettmigsanker des europäischen Konzeits, welches ehemals ein des Sinnes bares Wort gewesen, ist lebendige Wirklichkeit und ei» großes geschichtliches Ereigniß geworden, welches für die Zukunft hoffnungsreiche Ausblicke eröffnet. Das europäisch« Konzert ist vor allem möglich geworden durch die enge Vereinigung und die Gemeinschaft der Anschauungen unserer Diplomali« mit dir mächtig«» befreundeten und verbündeten Nation. Herrn Meline's Lobrede aus das„europäische Konzert" steht auf derselben Höhe wie seine innere Politik. Atolien. Tnri», 9. Oktober.(Eig. Ber.) Italienischer Zick-Zack- Kurs. Das Ministerium Rudiiii bekommt keine» festen Halt, eS wird zwischen links und rechts umhergeworfen. Vergangene Woche neigte es ganz nach rechts, es entledigte sich feines linken Flügels und ersetzte ihn durch reaktionäre Elemente. Jetzt, nach wenigen Tagen scheint alles verändert. Nudini sendet«in geheimes Zirkular an die Präfekten, in dem er sie auffordert, strenge Maß- nahineii g e g e n d i e K l e r i k a l e n zn treffen, die sich des Ein- fluffes der Kirche bedienten, um ihre„valertaudsseindliche" Politik zu fördern. Diese neueste Wendung in der Politik Rndini's wird ans den Einfluß Zanardelli's zuriickgefährt, der gedroht haben soll, dem Ministerium feine Unterstützung fernerhin zu entziehen. wenn dieses nicht den Klerikalismus energisch bekämpfe. Zanardelli, der«in Großwürdenträger des FreimaurerthumS ist, hatte bis vor kurzem in seinem Heiinaihsorte Brescia großen Einfluß. Bei den letzten Gemeindeivahle» sind er und sein« Anhänger von den Klerikalen ans allen Aenitcrn verdrängt worden; im nächsten Jahre sind die allgemeinen Wahlen, und Zanardelli rüstet sich, die Klerikalen bis auf's Messer zu bekämpfen. Rudini wagt es nicht, Zanardelli etwas abzuschlagen, um seine ausschlaggebende Unter- stützuiig in der Kammer nicht zu verlieren. Zur selben Zeit aber, als Rudini das Gebeinizirknlar versandte, stattete der Minister Prinetti, ein sehr konseivaliver Lombards, dem Mailänder Kardinal Ferrari, der als der rührigste, rücksichtsloseste Versechter päpstlicher Jnleresseii bekannt ist, einen Besuch ab. Zwischen Nndliii und Prinetti soll es zu heftigen Szenen gekommen sein. Viel ist ans den ganzen Hiimbng mit den Geheiinzirlularen nicht zu geben; die Klerikalen regen sich denn auch nicht sehr darüber auf. sie wissen, daß die Regierung die Hilfe der Kirche braucht, die Masse» nach ihrem Wollen zn leiten. Spanien. Madrid, 10. Oktober. Der Mmisterrath hat die Noth- ivendigkeit anerkannt, Verstärkungen nach den Phi- kipp in en zn schicken. Tie Abberufung des Generals P r i in o d e R i v e r a von dort wird unmittelbar erwartet. Dem„Jmparcial" zufolge sollen die A» f st ä n d i s ch e n in sechs Provinzen feste Stellungen innehaben. Die„Gaceta" veröffentlicht das Dekret, durch welches General Weyler zurückberufen und General Blanco zum Gouverneur von Kuba ernannt wird. General Blanco wird sich am lS. d. M. in Cadiz nach Havana einschiffen; General Weyler wird unverzüglich zurückkehreii. Bis zur Ankunft Blanco's wird, da auch der zweite Kommandant seine Eilt- lnssmig eingereicht hat, General Castellanos provisorisch den Ober- bcsehl aus der Insel Kuba übernehmen.-- Türkei. Konstautiuopcl, ll. Oktober. Wie verschiedene Blätter melden, hat die persische Regierung die Vorschläge der Pforte bezüglich der Erneimung einer gcmischlen militärischen Kommission und Er- öffiiiing einer Uutersnchnng au der Grenze wegen der jüngsten Zivischeiisälle angeiioinmcii. Koilstautinopel» II. Oktober. Amtliche türkische Kreise erklären die Nachricht von dem Anftmicheii bulgarischer Ansständischer im Bilajet Kossowo ausdrücklich für unrichtig. Griechenland. — Die Lage ans!k r e t a ist nach wie vor eine überaus üble. Selbst der„Temps" erklärt sie für nnbaltbar; es sei die höchste Zeit, daß Europa der Übernommeneil Verpflichtung liachkomnie. gedeihlichere Zustände ans der Insel herbeiziisühren. Das Blatt schlägt vor. die Verivnllnng Kreia's provisorisch einem Kouiliiissar als Tele- girlen Enropa'S anzuvertrauen, etwa einein ehemaligen Diplomaten, welcher in Kairo oder Konstantiuopel die Verhältnisse des Orients kennen gelernt habe. Diesem Komin iffnr wären drei bis vier belgische oder holländische Kolonialbeamte sowie eine aus belgischen oder holländischen Koloiiialtruppeii bestehende Gendarmerie beizu- geben. Englische Blätter melden, daß auf der Insel Kreta ein Streifzug der Insurgenten stattgefunden hat, welcher aber zurückgeworfen wurde, wobei die Insurgenten mehrere Tobte und zahlreiche Ver« wundete hatten. Nfrlka. — Franzosen n« d Engländer im Sudan. Die Londoner Morgenblätler kommentireii die Besetzung der im Niger- winkel gelegenen Stadt Nikki durch die Fraiizosen und sagen. Eng« land müsse eine starke Tmppeiiabtheitnng am Nigerflusse konzentrireii, um. eventuell wie am Obernil. die Franzosen mit Waffengewalt zu verdrängen. Thatsache sei, daß der eugljsche Major Suggart die geilannte Stadt bereits im Jahre 1894 unter englisches Protektorat gestellt habe.— Amerika. Netv-Dork, 10. Oktober. Nach einer dem„Nsw-Jork Herald' aus San Jose(Gnatemala) zugegaiigeneu Depesche sott vorgestern eine Schlacht bei Tolonicapan degonnen haben, die durch eiiieu Angriff der Regierungstruppen eröffnet wurde und mit großen Ber- lilüeii an Tobten und Berwiindeleii verbunden war. Ferner berichte eine amtliche Meldung von einem Einfall im Osten Gnatemala's in der Richtung der Gieuze von Salvador; die Ausstäudischen soll»» mehrere Städte geiioniiileil haben. über den Die gegnerische Presse hat sich sehr eisrig mit den Verhandlungen unseres Parteitages in Hamburg beschäftigt. Wir wollen die be- incrk«nsiv»rlhtsten Urlheile hier wiedergeben. Zwei hauptsächliche Richtungen treten in der Beurtheilung des Parteitages hervor. Recht mürrisch ist im allgemeinen die Haltung der konservativen Presse; sie findet zu ihrem Bedanern wenig Gelegeiiheit, die Ber- handliingeii für ihre„Umsturz von oben"- Pläne ausziiiiiltzen, sie iniiß sich deshalb damit begnügen, sich in kleinlichen Gemeinheiten und persönlichen Verniiglimpsniigeii zn ergehen. In der liberalen Presse findet man vielfach die Meinung ausgesprochen, als ob der Parteitag eine Weiterentwicklung der Sozialdemokratie von einer„revolutionären" zu einer„resormatoriichen" Partei bedeute, eine Auffassung, die nur beweist, daß die be- treffenden Herren niemals verstanden haben und noch iniiner nicht verstehen, welche Bedeutung den Begriffen„Revolution" «nd..Reform" in der menschlichen Geschichte zukommt. Im übrigen treten in vielen Blättern die MetiiungSäiißeriingen über die Ent« scheidung des Parteitages zu der Frage der preußischen Landtags« wählen in den Vordergriind der Bemtheilung. Di«„ K r e ii z- Z« i t ii n g" sagt: „Daß eine rcvolniionäre Partei xar excellence, wen» sie selbst keine Aussicht bat. etwas zu erlangen, ihre Kräfte i» den Dienst einer anderen stellt, die sie sonst bekämpft, ist. wie wir schon früher betont haben, etwas noch nie Dagewesenes, ein« Erscheiiinng, für die wir kein Beispiel kenne». An sich brauchte das ja nichts zn beweisen; das Verkehrte und Thörichte,— imiuer vom Standpunkt der Eozialdemokralie betrachtet— liegt aber in der Sache selbst. Uns wird man das vielleicht nicht glauben. weil es in unserem Interesse liegt, daß die Sozial- demokrati« sich an den Wahlen nicht betheiligt. Wir wollen das weitere deshalb der Erfahrung selber überlassen. Daß diese ein Wörtlei» mit zu reden haben werde, und zwar eins. das den Herren Bebel»nd Auer nicht gefällt, davon sind wir schon heule so ziemlich überzeugt. Die Belheiligiing der Sozialdemokratie an den Landtagsivahlen wird in jedem Falle sehr ungleichinäßig sein,»ind schon daS würde mehr oder weniger nachtheilig wirken." Die„Post", daS Organ des Herr» v. Stumm: „Sie(die Sozialdemokratie) wird nie das preußische Dreiklaffen- Wahlrecht beseitigen, und wenn sie sich überbietet in Lainenlalioiien über dasselbe. Es ist nach allen Erfahrungen mit dem Reichs- Wahlrecht das feste Bollwerk Ver staatlichen Erhaltung. Und selbst wenn daS preußische AbgeordiieteiihanS je die Physiognomie des gegenwärtigen Reichstags aiinehmen sollte, und die vereinte Demokratie ihren Aiistimn dagegen versuchte, würde dieses Bemühen ohnmächtig sein. In Preußen hat glücklicherweise noch das Herrenhaus daS letzte Worl. in dem nicht, wie die„Boss. Ztg" meint, blos junkerliche Anmaßung, sondern, wie die Beralhiiugen über das BereinSgesetz dargethan haben, auch die überlegene staalS- mäiinisch« Einsicht eine Slätte haben. Uni übrigen ist die Betbcili- gung der Sozialdemokratie an den LaiidtagSwahken schon deshalb sehr erwünscht, weil dt« Oeffentlichkeit des Wahlversahrens endlich einmal darüber Klarheit versckiafft. wer denn eigentlich der Sozial» demokralie angehört und de» Math hat, sich offen als Gegner der bestehenden Slaals- und Gesellschaftsordnung zu beleimen." Die a m b u r g e r Nachrichten" zitiren aus der„Deut- scheu V o l k s iv. C o r r e s p." � „Lehrreich ist es, an der Hand der Berichte über den Hamburger sozialdemokralische» Parteitag zu verfolgen, welche groste Rolle der G e s ch ä f t s s o z i a l i s m u s bei den„Genossen" spielt. Alle die kleine», der bürgerlich- demokratischen Press« so pikant erscheinenden Zänkereien, mit denen man sich fast drei Tage lang beschäftigt hat, haben ihre Wurzel im Gefchäftssozialismus. Der Parteitag besteht zwar dem Siamen nach aus den„Delegirten" der Partei, in Wirk- lichkeit aber reprnsenlirt er den Geschäflssozialismus, ein Agitatoren- thum, welches die zeitweilig selbst von Bebel und Liebknecht als «topistisch verspoltelen Ideale längst an den Nagel gehängt und sich dem„Geschäft" zugewandt bat, sich in der einen oder der anderen Weise von dem in die Parteikasse„steuernden" Proletariat" in möglichst bequemer und feller Weise ernähren zu lassen. Aus dem zwischen den einzelnen Geschästssozialisten bestehenden Jnterefsengegeusatz er- klären sich alle Reibereien, welche bei den Parleilagen aus der Krilik erblühen, die seitens der„freien Genossen" an ihren Auftrag- gebcrn geübt wird. Kein Parteiblatt gönnt dem andern seine „bessere" Sletlung; alle andern beneiden die in die bestbezahlten Psründen des Parteivorstandes gelangten„Streber", und sämmtlich streben sie selbst„nach oben", d. h. möglichst nahe an den Punkt, von welchem ans die Berlheilnng der Arbcilergroschen erfolgt Ebenso nalürlich, wie das Streben der noch nicht Gesättigten, ist, daß die Satten die Angriffe jener auf den Parteisäckel und ihre eigene» Stellen und Einnahmen nach Kräften abwehren. Auch dabei geht natürlich der Parteivorstand tapser voran." Der„R e i ch s b o t e", das Pastorenblatt, ist fromm und höflich wie immer: „Mit solchen bombastischen, demagogischen Phrasen sucht man die innere Hohlheit des Kongresses und die Thatsache, daß er so gar nichts zur Berbefserung der Lage der Arbeiter gethan hat, zu ver- tuschen. Worüber hat man alle die Tage geredet? Uebcr nichts, als über das, was durch die Presse nnd Agitation zum Zusaipmen- halt und zur Ausbreitung der Partei geschehen ist und über Wahlen und Wahlbetheiligung. Aber was nützen alle diese Phrasen» drcschereien dem armen Arbeiter? Dadurch erhält er weder Arbeit noch Brot, noch wird seine Lage verbessert, sondern er wird nur verhetzt, verbittert und diese Verhetzung der Gemüther gegen die. von denen er Arbeit und Brot erhält, zerstört auch das Familien- leben." Die„Deutsche Tageszeitung' schimpft allerliebst: „Die ganze Welt sieht in diesen Tagen aus uns!" sagte Genosse Molkenbuhr. Wer die Welt nach der Presse benrtheill, muß ihm recht geben. Mit dein in Hamburg aufgewärmten Kohl und dem dort breitgelretenen Qnark haben sowohl Welt- wie Wurstblätter ihre Spalten eine Woche lang gefüllt. Wann wird unsere Presse endlich einmal lernen, Nichtigkeiten als Nichtigkeiten zu behandeln und der Nenommisterei das Handwerk durch Nichtbeachtung zu legen! Der ganze Parteitag ist Nenommisterei; auch das Waschen der schmutzigen Wäsche." Tie sich unparteiisch nennende„Tägliche Rundschau" bemerkt: „Kurz, die sozialdemokratische Theorie, die die Gewissenlosigkeit gegen das ganze lehrt, stand im Widerspruch mit der Erwägung der Führer, dag sie als Vertreter des arbeitenden Volkes dem ganzen keinen Schaden zufügen dürsten, wenn dieser Schaden auch von den von ihnen vertretenen Genossen getragen werde» müsse. Die Führer waren feige genug, sich der sozialdemokratischen Theorie zu unter- werfen und das als richtig Anerkannte, in diesem Falle die Artillerie- lredile, abzulehnen; aber sie konnten sich nicht zu der Heuchelei aufraffen, dies« Verleugnung ihres gesunden Menschenverstandes nnd der viegungen ihre? Gewissens auch noch zu rühme» oder sie agitatorisch auszubeuten, wie es der Parteimob verlangt«. Sie haben sich dadurch in einen Widerspruch mit sich selbst und in einen Widerspruch mit den blinden Parteimassen gesetzt, aus dem sich immer neue Widersprüche ergeben werden." Die„ 3! a t i o n a l.Z e i t u n g" bemerkt:„Solche Wahl- männer würden bei Stichwahlen auch für bürgerliche Opposilions- kandidaien als Abgeordnete stimmen können; aber die Schwierigkeiten des Wahlverfahreus werden, nachdem die Wahlbetheiligung nicht allgemein beschlossen, sondern nur den Genossen in den einzelnen Wahlkreisen freigestellt worden, vermulhlich verhindern, daß es über- banpt an vielen Orten zur Ansstellung besonderer Wahlmänner der Sozialdemokratie kommt." Die„St ationalliberaleKorrespondenz" schreibt». a.: „... Für die Wahlen selbst ergiebt sich die volle Bedeutungs- losigkeit der ganzen dreitägigen Berathung über diesen Gegenstand, sür die sozialdemokratische Prinzipienfestigkeit aber die Konstalirnng der werthvollen Thatsache, daß jetzt bereits bis in die Führung hinein, eine opportunistische Unterslröinung in die Sozialdemokratie eingedrungen ist.... ...„Umsomehr wird man sich für die nächsten Reichstags- wählen auf eine denkbar intensive, revolnlionäre Wahlagitation einzurichten haben, und zwar auch deshalb, weil mit der schärferen Betonung des agitatorischen Theilcs des demokratischen Sozialismus sich auch die durch die prinzipiellen Gegensätze gefährdete Stellung der 30 großen und kleinen„Tyrannen" am ehesten befestigen und behaupten läßt.... Die„Köln. Ztg.' schreibt: „Wer die bisherigen Verhandlungen des Hamburger Parteitags tn ihrem endlosen Gezänk und in ihrer geistigen Wcrthlofigkeit ver- folgt, hat wahrlich keine Ursache, den Fortschritten der Sozialdemokratie eine allzu große Bedeutung beiznmesse»." Der„Hamburger C o r r e s p o n d e n t" führt aus: „Der Eindruck einer gewissen Mattigkeit, den die VerHand- lnngcn in ihren ersten Stadien uiachlen, war nicht von Dauer; es hat späterhin weder an leidenschaftlich bewegten, noch an politisch bedeutsamen Erörterungen gefehlt, und das Gesannnturlheil wird jedenfalls dahin lauten müssen, daß die Sozialdcyiokratie auch aus dem diesjährigen Parteitag wieder als eine Partei voll warm pulsireuden LebenS, voll jugendlichen Kraftgefühls sich erwiesen hat. Das Vertrauen auf die eigene Sache, auf die werbende Kraft mid den endlichen Sieg der sozialistischen Idee erfüllt dies« Leute alle, von dem im politischen Leben ergrauten Vorkämpfer, der die ganze Entwickelung der Sozialdemokratie von ihren kleinsten Ansängen biS zu ihrer jetzigen Bedeutung an und in sich selbst erlebt bat, bis zn dem jungen Font, den einig« verworrene Ideen nnd einige unklare Triebe zum Anschluß an die Partei ge- bracht haben und der nun mitgeschleppt wird in der Hoffnung, daß auch aus diesem absurd sich geberdenden Most schließlich noch ein brauchbarer Wein werde. In dieser Zuversicht, in diesem Jdealis- mus liegt das Band, das die verschiedenen Elemente der Partei mächtig zusammenschließt und daS sich bisher immer noch stärker erwiesen hat als die verschiedenen divergireuden Kräfte, die langsam aber sicher ans die Sprengung der Partei hinarbeiten." Die„ V o s s i s ch e Zeitung" führt aus: „Durch die Bethciligung der Sozialdemokratie an den Landtags- wählen wird in vielen Kreisen, wo die Wahl sich bisher sehr still vollzog, ein lebhafter Kampf angesacht werden. Besonders büudlerischen nnd antlsemitischen Kandidaten wird die Sozialdemokratie, wenn sie ihre Aufgabe im Sinne der Hamburger Verhandlungen aufsaßt, er- solgreich entgegentreten können. Der Eintritt der Sozialdemokratie in den Wahlkampf aber kann vor allem dazu führen, daß auch solche bürgerliche Wähler, die sich bisher von der Wahl zurückhielten, regeres Interesse für den Landtag gewinnen. Und schon dies ist von großem Belang, da bei der letzten Wahl in der dritten Abtheilung nur 15,21, in der zweiten 32.05, in der ersten 48.13 vom Hundert der wahlberechtigten Urwähler am Wahltisch erschienen sind. Durch die regere Wahlbeiheilignng kann die Zu- sammensetzung des Abgeordnetenhauses durchgreifend verändert werden. I» der Tesebichte der Sozialdemokratie beginnt mit dem Ham- burger B hluß ein neuer Atuchnilt. Es wird an der Partei selbst sei», zu zeigen, daß dieser Befchluß bedentsame Folgen hat. Die Linke aber wird an die Wahlarbeit gehen und sie mit einem Nach- druck betreiben müssen, daß man ihr nirgends auch nur mit einem Schein von Recht vorwerfen kann, sie verdankt ihre Siege nur einer anderen Partei. Und daß auch unter dem„elenden und wider- sinnigen" Dreiklaffen-Wahlrecht, wie es Fürst Bismarck genannt hat, die Opposition siegen kann, hat die Konfliklszeit gelehrt. Vielleicht lehren es auch die nächsten Wahlen." Die„Freisinnige Zeitung' bespricht die Stellung der Sozialdemokratie zu den Laudtagswahleu und saßt ihr Urtheil solgeudermaßen zusammen: „Nach alledem messen wir dem Hamburger Beschluß mehr eine mittelbare als eine unmittelbare Wirkung bei. Diese mittelbare Wirkung erkennen wir darin, daß durch die Verhandlung der Sozialdemokratie die allgemeine Aufmerksamkeit wieder in gebührender Weise den nächsten Landtags- wählen zugelenkt ist. Der Eintritt der Sozialdemokratie in die Agitation vor diesen Wahlen kann nur dazu beitragen, das Interesse an denselben zu stärken. Der ungünstige Ausfall der Landtagswahlen in den letzten 13 Jahren ist in erster Reihe verschuldet durch die geringe B e t h e i l i g u n g der Wahl- berechtigten überhaupt, nicht durch die Stimmenthaltung der Sozialdemokratie. Es sind in Preußen 1393 nur eine Million sozialdemokratischer Stimmen abgegeben worden, es haben sich aber von den fünf Millionen Wahlberechtigten vier Millionen der A b st i m m u n g enthalte n. Wenn es nun vor den nächsten Landtagswahlen heißt, diesmal werde auch die Sozialdemokratie sich betheiligen, so wird auch schon das Neue und Ungewohnte und in seiner Wirkung Unübersehbare dazu beilragen, eine größere Wahl- bewegung insbesondere aus der ganzen Linie des Liberalismus herbei- zuführen. Daraus setzen wir weit mehr unsere Hoffnung, als aus irgend eine Uuteräützung der Freisinnigen Aolkspartei durch die Sozialdemokratie selbst." Das„Berliner Tageblatt" sagt in seiner„Politischen Wochenschau: „Ter Beschluß des soziakdemokralischen Parteitages zu Ham- bnrg, sich unter Aushebung der gegentheiligen Deklaration des Kölner Parteitages fortan an den preußischen Landtagswahlen zu betheiligen, ist deshalb mit Genugthuung zu begrüßen. Die Politik, die darin gipfelte, mit dem Kops durch die Wand zn renne», ist damit von den sozialistischen Genossen ein für alle Mal auf- gegeben, und die erzieherische Wirkung des praktischen Poliliktreibens ist auch de» Schülern eines Maix gegenüber zu ihrem Rechte gelangt. Ohne die Wirkung dieses Beschlusses zn übertreiben, kann man ruhig sagen, daß, wenn auch die sozialdemokratischen Stimmen zumeist nur in der dritten Klasse die Gegner des reaktionären Junkerthnms ver- mehren werden, damit dennoch ein Element in die Wahlschlacht ein- getreten ist. von dem nian hoffen darf, daß es schließlich das Zünglein der Waage nach der anlikonfcrvaliven Seite hinüberziehen helfen wird, nnd das ist schon Gezviim genug." Tie„Berliner Zeitung" spricht ganz sympathisch über den Parteitag und bemerkt zu der Landtagsivahl-Frage:„Wir tragen unsererseits nicht das geringste Bedenken, die' Ue der- l a s s u n g d e s e i n e n o d e r a n d e r e n M a n d a t s in Berlin, Breslau, Frankfurt oder an anderen große» Plätzen an die Sozial- demokralie zu empfehle». Es ist nicht mehr als recht und billig, daß die letzteren a»ch im Älbgcordnclcnhanse vertreten sind, und wenn ihnen die Kl'ssenwahl sonst dies nicht ermöglicht, so sollte ihnen die bürgerliche Demokratie ihrerseits freiwillig darin entgegen- kommen." Die„ B r e s l a n e r M o r g e n- Z e i t u n g" sagt: „Die von lonservaliver Seile stets nbgelengnctc Mauserung der Sozialdemokratie, die sie dahin führt, auf dem Bode» der bürger- lichen Gesellschafisorduniig Reformcu zu erstreben, hat wieder Forlschrille gemacht. Das Utopinische der Partei wird immer faden- scheiniger, ja es hat sich schon neben der„internationalen, Völker- befreienden" wenn anai ganz schüchtern eine„deutsche" Sozial- demokralie hcrvorgeivagt. Diese Symptome werden zwar von den Lenle», die am liebsten mit Flinte und Säbel gegen die„Vaterlands- losen Gesellen" vorgeben möchten, geflissentlich Übersehen werden, eilt« vorurlheilslvse Aeurtheil»i>g aber kann dergleichen nicht übergehen." Tie„Frankfurter Zeitung" nieint: „Die Sozialdemokratie hat bcgotinen als entschieden revolutionäre Partei, sie ist eS aber heute im wesentlichen nicht mehr. Wer die letzten Parteilage zc. aufmerksam verfolgt hat, kann darüber nicht im Zweifel sei», es fehlt nur noch eines: daß die Partei das auch einmal offen undmilKlarheitausipricht. Wohlgcmerkl.keinVernünfiiger wird verlangen, so schrieben wir neulich, daß die Sozialdemokratie ibre letzten Ideale, den kommunistischen Staat, ohne weiteres ausgebe. Sie hat geradeso ein Recht, sich ein Paradies ans Erden vorzn- gaukeln, wie andere ei» Paradies im JenseilS erwarten. Aber sie würde sich selbst den größten Dienst erweisen, wenn sie das, was das Gros der Partei jetzt unzweifelhaft meint und was immer deutlicher Hervorlritt, auch kurz und bündig ausspräche— daß mau nämlich den kominuuistischen Staat nicht von einer„Revolution", sondern von der natürlichen Entwickelung der Dinge erwartet. So- lange das nicht geschehen ist. kann man vor Reaktion, vor Ans- nahmegesetzen w. nicht sicher sei»." Tie„Köln. Volks-Ztg." schließt ihre Betrachtungcil mit de» folgende» Sätzen: „... Haben wir es nun auch nickt gleich mit einem Wende- punkte in der Geschichte der Sozialdemokratie zu thun. so kann man den Beschluß doch nur willkommen heißen, denn je mehr sich die Partei auf den Boden der gegebenen Verhältnisse stellt und praktisch am Ganzen in Reih und Glied milarbeilet, je mehr sie gemeinsam mit anderen Parteien arbeilet, um so mehr verliert sie die Ulvpistereicn aus dem Auge. Wenn aber, die„Post" gar aus dem Beschlüsse Kapital schlage» will für dlS Drcillassen- Wablsystem, das damit prinzipiell anerkannt werde, während man bisher darin«ine Eni- rechtung des Volkes verurlheilt habe, so kann das nur einen erheileruden Eindruck macheu. Auch wir verurtbeilen das Drei- klassen-Systcm entschieden, wählen aber doch; und wenn die Post es als„das feste Bollwerk der staatlichen Eihattung" feiert, das man nie beseitigen werde, so sind wir.staatsfeindlich" genug, da- gegen anzukämpfen, und sind gewiß, daß es in seiner jetzigen Gestalt mindestens nicht bestehen bleiben wird." Leopold von Vrlgtvn und dos»»Homdnvgev Echo". Hamburg, ll. Oktober. Heute kam vor der hiesigen zweite» Strafkammer unter Vorsitz deS Landgerichts- Direktors Dr. R i e ck e der Aufsehen er- regend« Prozeß gegen den verantwortlichen Redakteur des„Ham- bürger Echo", Reinhold Etenzel, wegen Beleidigung des Königs der Belgier zur Verhandlung. Zu Beginn der Verhandlung wird das Schreiben des belgischen Gesandten in Berlin an das deutsche Auswärtige Amt verlesen, in dem er unter Ueberreichung der einschlägigen belgischen Gesetze aus den Jahren 18S2 und 1858 die Bestrafung des Redakteurs des„Hamburger Echo" wegen zweier im Dezember 1898 und im Januar 1397 im genannten Blatte ab- gedruckter Artikel beantragt. In einen» Schreiben des Vor- standes der Hamburgischen Ausivärtigcn Angelegenheiten an den Vorstand der Hamburgischen Jnstizverivaltung, das ebenfalls verlesen»vird, heißt es, cS seien bisher noch nie Fäll« vorgekommen, daß belgische Blätter»vegen Beleidigung deutscher Souveräne und deutsche Blätter»vegen Beleidigung des belgische» Souveräns straf- rechtlich verfolgt seien. Der Angeklagte übernimmt die Veranlivortung für die beiden von ihm nickt verfaßten Artikel. In dem ersten Artikel, in dein». a. der König„der König der Roulette' und „blutiger Gründer" genannt wird, heißt es, der König habe dem berücktigten englische» Oberst North sein Schloß ArdenneS in der Pro- vinz Nainur verpachtet und ihm die Konzessio» für ein maisou äs.jeux (Spielhölle) ertheile»»vollen, sei von letzterem aber infolge deS Drucke? der öffeinliche»» Meinung zurückgekommen. In dem zweile» Artikel heißt eS. daß der König von den trotz der nicht ertheilte» Konzession .„ii ArdenneS eingerichteten Spielbanken große Summen zög.?, Der als Zeuge ans Belgien erschienene Intendant der lönigk. givilliste, C. G offinet, stellt in Abrede, daß der König dem berst North eine Konzession sür eine Spielhölle habe geben »vollen. Das könne der König nicht, sonder» nur die Regierung. Der König habe auch nie die Absicht gehabt, dem Oberst North sei» Schloß zur Errichtung einer Spielhölle zu verkaufe». Die Rede sei stets»»>r von einem Hotel ge» .»vesen, nie von Spielhöllen. Es»vird sodann der Bertrag des Königs»»it dem Oberst North bezüglich der Verpachtung des Schlosses Ardeunes verlesen. Danach erhält der König von den Einkünfte» des alte» Schlosses 10 pCt. und von denen eineZ»cu angebaute» Flügels 5 pCt. Erreichen die Einkünfte eine gelvisse Sninme, so erhält der König von dem Ueberschuß 20 pCt. Auf eine Frage des Staatsauivalls bekundet der Zeuge C. Goffinet, der König habe das Schloß nicht des Gewinnes»vegen an Oberst North verpachtet, sonder»» um die Naturschöiiheitei» der dortigen Gegend der Welt zn erschließen. Auf eine Frage des Vertheidigers Dr. Suse erklärt der Zeuge, es gebe i» Belgien zwei Parteien. Die eine feinde alles an, das der König thue. Der König habe es Millionen kosten lassen, Belgien zn verschöne». Bezüglich der Be- hanptnng eines ,Echo"-A»likeIs, daß der König seinen Einfluß gegen die Gerichte geltend ge, nacht habe, nicht gegen die Spielhöllen vor- zugehen, fragt ein Beisitzer den Zengen iiach seiner Meinung darüber. Der Zeuge sagt: Der König mischt sich nie in etivas, das die Gerichte allein angeht. Es»vird sodann dem Zeugen eine von ihm verfaßte Denkschrift a» de» belgischen Gesandten»n Berlin verlesen, in dem es heißt, daß der König die Ländereie», die er in Nen-Ostende gekaust n»d bebaut habe, nicht«»»vorbei» habe, um dorthin Spieler zu ziehen, sondern, um Neu-Ostende zn einem Vergnügungsplatz sür das belgische Volk zu mache». Sticht habe der König durch die Gründung von Neu-Ostende Stiiumung sür das Spielen machen»volle» Auf die rage der Vertheidigung, ob er»visse, daß außer dem„Hamburger cho"»och andere und nichtsozialistische Zeitungen dieselben Artikel gebracht habe», a»t>vortet der Zeuge, die deutschen Blätter hätten die Nachrichten aus belgischen sozialistischen Blättern überiiommei». Daß auch die„Kölnische Zeitung" und die„Hamburger Nachrichten" die Sache gebracht habe»,»vill der Zeuge nicht»vissei». Nach der Vernehmung dieses Zeugen»vird auf die Vernehmung der Zengen A. Goffinet, Privalsekrelär des Königs, Greyso», Schatz- Meister des Königs, und Simon, �.uirrouier ds la cour(Hof- Alm osenier) verzichtet Codann»vird der Zeuge San» Wiener, Kronsyndikus und Rechtsbeistand des Königs in de» in Frage kommende» Geschästen, vernommen. Derselbe bekundet: Der König habe nie die Absicht gehabt, dem Oberst North die Konzession zu einer Spielhölle zu geben. Rechtlich habe er das nicht könne», ui»d er habe auch nie die Absicht gehabt, ans die Regierung in der bezeichneten Richtung zu»virken. Der König verabscheue das Spiel, weil es demornlisire, nnd habe große Summen geopfert, um dein Spiel i» seine»» Lande entgegen zn treten. Der Bertheidiger stellt an den Zeugen die Frage, ob der König von dein Oberst Noith erwartet habe, daß derselbe in Neu- Osienve sogenannte csrolss prives einrichte, die ja gesetz- lich gestattet seien,»»d ob sich gegen diese Hoffnung die öffentliche Meinung in Belgien gerichtet habe. Der Zeuge erwidert, nur der Depulirle Loraud habe diese Behanplungen i» der Kammer aus- gestellt. Der Vertrag mit dem Oberst North bezüglich Neu-Ostende sei i» beiden Kamme»»» mit großer Majorität genehmigt»vorden. Dkur zwei Dcpnlirte hätten dagegen gesprochen, darunter aber nur Loraud habe dabei den König bezichtigt, er wolle durch Errichtung von Spielbölleu i» Neu-Oüe»de Gewinne erzielen. Ter Zeuge Loraud, radikaler Depntirter, deponirt: Der König kam, Spielböllen nicht konzessioniren. Die Kammer halte über eine» Vertrag zivischen Regierung und de» Oberst North zu berathen. Ich bea»t»agle, die Klausel des Spielverbols i» de» Vertrag auszunehmen. Es ejjistirei» in Belgien die Spielhänser in Form von corolss pnvös, die keiner Konzession bedürfen. Mein Antrag»vurde verivorsen,»veil das Sache der Gerichte sei. Ein bezügliches Gesetz ist i» der Kammer beantragt. Die Absicht des Königs bezüglick des Schlosses Ardennes kenne er nicht. Seine'Ansicht sei, daß Oberst North die Absicht Halle, i» demselben Spielgelegenbeit zu schaffen.— Verth.: Wird Oberst North in Belgien als Freund des Königs betrachtet?— L o r a i» d: In. Bertheidiger: Resultiren diese Beziehungen ans den Kongostaat betreffenden Geschäflcn? Lorand: In. Es »var die Rede davon, daß der König den Kongostaat an eine Privat- gesellschast des Obeist North überlassen»oollte. Der Kongo- siaat ist Privalunternehmei» des Königs.- In diesen» Augenblicke »vidersprichl der Siaatsanwalt der»vcitereu Erörterung dieser Sache, »veil dieselbe mit diese», Prozeß»ichlS zu thuu habe. Der Ver- »beidiger stell» darauf de» formellen Antrag, die Vernehmung des Zeugen Lorand über die Verhältnisse des Kongostaatcs zn« zulasse»,»veil das Kongo-Unlernehmen des Königs, beziehungS- weise die eigenarlig« Verquick»»» desselben mit den staat- lichen Angelegenheile» Belgiens Belgien großen Schaden ge- bracht habe. Der Staatsanivalt»vidersprichl nochmals. Wenn»n dem Artikel des Hamburger„Echo" nur„Gründer" stände,»väre die Frage zuzulassen, so stünde dort„blutiger Gründer". Darin liege keine übele Nachrede, sonder» eine formale Beleidigung. Dns Gericht lehnt den Antrag des Vertheidigers mit der Begründung ab, daß es sich in den» Ausdruck„blutiger Gründer" um eine formale Beleidigung handele, bezüglich deren es eine» Wahr- heitsbciveis nicht gebe. Der Bertheidiger stellt»och folgende Fragen an den Zeugen Lorand: Welcher Partei gehört der Herr Zeuge an?— Zeuge: Der radikal- fortschrittlichen.- V e r-- l h e i d i g o r: Giebt es in Oneude Spielhöllen, zu denen jeder unter geivisse» Bedingungen Zutritt hat?- Zeuge Lorand: ES giebt in Ostende»venigstens drei große Spielhöllen, zn denen jeder Zulrilt hat, der sich zwei Tage vorher meldet und 20 Franken Eintrittsgeld dezahlt.— Verth.: Ist jetzt in der Kammer ein Gesetz eingebracht, in den» alle Spielhölle» in Belgien verboten werden?-- Zeuge Lorand: Der frühere Jnstizniinister, jetzige Abgeordnete Lejenne, hat eine Vorlage eingebracht,»ach der alle Spielköllen in Belgien verboten fein sollen. Dazu»st von der Re-- gierung ein Amendement eingebracht, nach dein dabei die Spielhöllen von Span und Ost ende a» s g e» o in m e n sein sotten.— Auf Antrag der Vertheidigung»verde» sodan» eine große Anzahl von Artikel deutscher und belgischer Zeitiingei» verlesen, die sehr delaillirt über genau dasselbe berichten,»vaS ans den„Echo"-Artik«l» inkriminirt ivorde» ist. Es»verde» Artilel verlese» ans der„Freisinnigen Zeitung", den„Hamburger Nachrichten", der.Vossischen Ztg."»nd der„Kölnischen Zeitung",»veiter»vird konstalirt, daß die inkrtminirte»„Echo"- Artikel,»vörllich in einer großen An- zahl deutscher und belgischer Zeitungen gestanden haben, ohne daß gegen dieselben— niit Ausnahme des„Proletarier ans dem Eulengebirge" strafrechtlich vorgegangen ist. Der Ver- theidiger stellt sodan» den formellen Antrug, noch eine größere An- zahl von Zeitnngsarlikel» zu verlesen, auS denen das Verhältniß deS Königs Leopold zu den» Kongounternehnien, sein Verhältniß zn den Spielhöllenplänen deS Oberst North und der Umstand hervor- gehen soll, daß»«Belgien s e l b st die Person des Königs den schärfsten Sin griffen ausgesetzt ist, oynednß gegen d ie'Angreifer jemals st r» f r e ch t l i ch vor« gegangen wäre. Der StaalSamvalt»vidersprichl. Erstens sei durch Zeilungsartikel nichts j» beiveisen, sondern nur durch Zeuge» nnd Sachverständige. Zweitens könne ans dem Umstände, daß der König tn Belgien ungestraft angegriffen»verde, zu gunste» des Angeklagte» nichts gefolgert»verde». Der Bertheidiger besteht darauf, daß die Zeitungsartikel verlese»»verde»», mindestens sei das »vichtig sür die Etrasausmessnng, wie die öffentliche Meinung über den König und seine Fmanzoperalionri» denke. In einer der Zeitungen sei z. B. ein Facsimile eines Briefes des belgischen Königs abgedruckt, und daS fei doch»»indestenS eine Beweisurkunde. DaS Gericht lehnt den Antrag des Vertheidigers ab, weil die Verlesung der Zeitungsartikel für die Sache irrelevant sei. Der Verlheidiger stellt sodann nochmals formell den schon früher gestellten Antrag, de» belgischen Gesandten Baron Greindel in Berlin»nd den belgischen Preimeimiiiister bezüglich der Korrektheit de? Straf- unlrageS zu vernehmen. Der Vorsitzende stellt darauf die Frage, ob der Ve» theidiger behaupten»volle, daß der belgische Gescmdte wissriitlich oder miS Fahrlässigleit einen objektiv nicht vorhandene» Auftrag seiner 3!egierung ausgefiihrt habe> Der Vcrtheidiger verweigert die Auskunft, was der Vor sitzende protvkolliren läßt. Slls das Protokoll fertig stellt worden ist, erklärt der Vertheidigcr, daß er zweifele, daß der belgische Gesandte von seiner Regierung den Auftrag zur Stellung des Strafanlrages erhalten habe. Der Staatsanwalt beantragt, den Antrag abzulehnen. Ter Baron Greindel sei beglaubigter Vertreter seiner Regierung und als solcher berechtigt, Strasantrag zu stellen. Das Gericht lehnt den Autrag des Verthcidigers ab. Damit ist die Beweis ausnähme geschlossen. Nach einer einstiindigen Pause nimmt»in 4 Uhr nachmittags der Staatsanwalt Heinichen das Wort. Hierauf folgen die Plaidoyers des Staatsanwalls und des Verthcidigers. Der Staatsanwalt beantragte gegen Genosse» Steuzel sechs Monate Gesa» gn iß, das Gericht er- kannte aber auf acht Monate G e s ä n g n i ß und ließ den Ver urtheille» sofort verhaften. Zum Partcitagöbcricht bittet uns Genosse Haenisch mit zntheilen, daß der Schlus, seiner in Nr. 233 des„Vouvärts" wiedeo gegebenen Rede heiße» soll: „Dazu kommt noch eine größere Reihe zum theil sehr hoher Geldstrafe». Ich ersuche Sie um einstimmige Annahme des Leipziger Antrags." Sodann erhielt Frau E i ch h o r n- Dresden das Wort. � Diese beiden Sieden sind wahrscheinlich durch eine Telegramm Verstümmelung mit einander verquickt worden.— A» dru Gräber»«iiscrcr Vorkämsifcr Gcib nud 9)orI in Hamburg wurden am Sonnabend Nachmittag im'Austrage des Parteitagcs und im Beisein vieler Delegirlen prachtvolle Kränze mit rochen Schleifen niedergelegt. Aus der Partcivcrsaniuiliina für den Wahlkreis Ostcrblirg Stendal, die am 3. Oktober in Tangermünde tagle, wurde «nie Koinmisslon gewählt, die in Gemeinschaft mit dem Kreis- verlrauensmanii die Vorbereitungen für die Wahlagitation zn treffen hat; serner erhielt die Kommission den Austrag, falls der durch ein« stimmigen Beschluß zum Reichstagskaudidnten proklamirte Genosse E d. Adler aus H a l b e r st a d l ablehnen sollte, sich an die Partei- leituug zu wenden. Dem Wunsche eines polnischen Parteigenossen, es möge für Verbreitung einer polnische» Zeitung Sorge getragen werde», ivird entsprochen werve». Dem Vergoldcr D. G ö r g e s in Stendal wurde die Zugehörigkeit zur Partei ab gesprochen. Der Sozialdemokratische Verei» i» Gera hat jetzt eine lrbliolhek von über 1000 Bänden. Polizeiliches, Gerichtliches ee. — Der verantwortliche lliedakieur der„B o l k s st i m m e" in Magdeburg, Genosse Vahle, hat sici, an, S. November vor dem dortigen Gcrichl wegen Majestätsbeleidigiuig und wegen Be- leidiguug der Direktion der Buckauer Maschinenfabrik zu ver antworte». Groben llnfug erblickte die Staatsanwaltschaft in Breslau ln dem Worte„ M o r d s p a l r i o l daß mit Beziehung au gewisse SedauseierlichkeiU» in einem Artikel der Breslauer„Volks- wacht" gebraucht war. Ein großer Theil der Bevölkerung sollte dadu rch beschimpft und verletzt worden sei». Das S ch ö f f e n- gericht, das über die Sache am 0. Oktober gegen Genosse» Neu« kirch als dein verantwortlichen Redakteur verhandelte, erkannte jedoch ans Freisprechung, da von einer Beschimpfung und Verletzung eines großen Theiles der Bevölkerung nicht die Siede sein könne. Der Staalsauirall hatte eine Geldstrafe von 100 Mark be- antragt. — Die Ferieustrafkaunner in Stade hat es abgelehnt, gegen unseren Parteigenossen Paul Wein Heber ans Hamburg das Hanptverfahren zn eröffne», der verfolgt werden sollte, weil er i» einer Versammlung in. Hannoversche» gesagt hatte, es gäbe auch unter den Gendarmen Sozialdemokrat e n. Die Strafkammer begründete, wie das„Hamb. Echo" millheilt, ihre» Beschluß damit, daß die»ichtsoziatdemvkratische» Gendarmeii und das Gendarineriekorps im allgemcinc» durch die Acußerung nicht beleidigt worden seien, da die fragliche Behauptung weder das Korps als ganzes noch die übrigen Gendarmen treffe. Tie Geudarinc» mit sozialdemokratischer Gesinnung könnten aber durch die Behaup- lung nicht beleidigt werden, weil diese Behauptung in Beziehung auf die erwähnten Gendarmen wahr sei. — Der Parteigenosse Landgraf i» Burgstädt i. S. erhielt von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht in Chemnitz unterm 3. Oktober die Mittheilung, daß ein wegen Beleidigung und Prcßvergehcns wider ihn eingeleitet gewesenes Verfahren durch Be- schluß vom 18. März d. I. eingestellt worden sei.. — Das Schwurgericht in Brün» in Mähre» veriirlhcilte de» Fabrikarbeiter Franz Heinz ans Latein i» geheimer Sitzung zu drei Jahren s ch iv« r e» Kerkers, weil er ans dem an, 29. Augnst bei Welatitz abgehaltn en sozialistischen Meeting eine Aeußerung gelhan hat, die das Berbreche» des Hvchvmahts enthalte» haben soll. Wegen einer unbedachte» Aeußernng eine» Ar beiler auf drei Jahre ins Znäithaus sperren, das kann nur die ans geprägteste Klassenjustiz serttg bringen. Gv wevk fchtt ftlitchrs. Vorlin und llmgcbung. Der Riisstand der Former ist mit heule beendet; von de» im Ausstand gewesenen Arbeitern sind alle bis aus 140 wieder unter- gebracht, aber es ist leider nicht ansgeschlossen, daß die Ilntcruehrner, falls sie sich nicht noch eines besseren besinnen, durch ihr Verhalten den Kampf von neuem berausbeschwöre»; den» den drei Streikenden, welche außer Litfin von ihren Kollege» dazu erivählt waren, sie vor dem Einignngsamle zn verlreteu, ist der Arbeilsschein ans dein Arbeitsnachweise des Verbandes der Metallinduslriellen, ohne den sie bekanntlich in de» Verbandsbetriebeir nicht eingestellt werden, verweigert worden. Denselben wurde mit zynischer Offenherzigkeit mitgetheilt, daß ihre Rainen als versehmt i» das„Kontrollbuch" eingetragen seien. Der Punkt 3 der vvr dem Einigungsamte abgeschlossenen, von de» llnternehmern unterzeichneten Einigungsbedinguugen lautet bekanntlich: 3. Die Arbeitgeber werde» die am Streik betheiligte» Former und Gicßerei-Arbeiter»ach Bedarf wieder einstellen, möglichst bevor auswärtige Former znr Beschäftigung angenomme» werden. Es wird keinem der am Streik belheiligten Arbeitnehmer, sofern er die Verpflichtung siberuimmt, seine Mitarbeiter, welche während des Streiks gearbeitet haben, dieserhalb weder durch Wort noch That innerhalb oder außerhalb der Wcrkstätte zn beleidige» oder zn belästigen, von dem Arbeitsnachweis der Metallindustriellen der Arbeitsschein verweigert werden. Das ist klar und bündig. Um das von einem Arbeiter- Vertreter geäußert« Mißtranen zn zerstrene», fügte Herr Kommerzien- rath Henneberg laut stenographischem Bericht noch wörtlich folgendes hinzu:„Wenn wir aber ohne jede Einschränkung erlläre», wir werden die Arbeiter nach Bedarf ivieder einstelle», so ist das vor der Oeffentlichkeit und unser». Gewisse» eine so bindende Erklärung, daß die Arbeiter vollkommen beruhigt sei» könne»." So hatten also die Herren vom Arbeitsnachweis das schriftlich und mündlich feierlichst abgegebene Versprechen und wundern sicb, daß„ihre Leute" solche Kollege» mit der Vertretung ihrer Jnter- essen betrauen, die außerhalb des Machtbereichs der Unternehmer sich befinden. Wir wollen uns für heute darauf beschränke», festzustellen, daß die Verweigerung der Arbeitsschcine de», klaren Wortlaut der Einigmigsbedingmige» direkt widerspricht. Wir envarteu aber, daß die Mehrzahl dieser Herren, zu denen wir politisch und sozial i» schärfsten, Gegensätze stehen, persönlich Ehrenmänner genug sind, als daß sie einen solchen Wortbrilch sich zu Schulden kommen lassen könnten. Die„Concordia", das Organ der Bäckerinnung Concordia bringt in ihrer Nummer von, 10. d. M. eine Bekanntmachnng, in der sie die Bäckermeister auffordert, beim Gebrauch von Arbeits- kräste» dies möglichst frühzeitig im Arbeitsnachweis zu melden, da es gegenwärtig i» Berlin an Geselle» mangele. Wiej ans nun ans den Kreisen der Bäckergesellen berichtet wird, fehlt es durchaus nicht an Arbeitskräften,»nd ist diese Angabe wohl»ur darauf berechnet, den Glanben zu erwecken, als ob der Maximal-Arbeilstag auf de» Arbeitsuiarkt einen so starken Einfluß ausgeübt hat, daß es de» Herren Bäckermeistern sogar an Arbeitskräften fehlt. Ans der Herberge der Concordia-Jnnnng, soivie anch auf dem Sprechbureau der Germania- Innung sind zahlreiche Arbeitslose zu finden, trotzdem diese Bureaus dafür bekannt sind, daß sie die schlechteste» Stellen vergebe» und selbst ivenig verwöhnte Gesellen diese Stätten meide». Daneben üben aber noch zirka 52 Kommissionäre die Arbeitsvermiltelnug aus. Die Bäckergesellen hätte» gar nichts dagegen, wenn einmal durch Aufnahnre einer Arbeitslosenstatistik bewiesen würde, wie groß die Zahl der stellungslose» Gehilse» ist. Achtung? Ttciiidrricker, Lithographen nud Berufögenossel»! Ter Streik unserer französischen Kollege» i» der luhographischen Anstalt von Bognard, Aktiengesellschaft in Paris, ist zu gunste» der Arbeiter beendet. Die franzöusche» Kollegen senken den deutsche» Kollege» kür das solidarische BerhaUen brüderliche Grüße. Der B e r t r a» e» s nr a n». Achtung, Parketbodeiileger! Der Zwischenmeister Peter sucht Parkelbodenleger zum Verlegen von Slabfußboden in Asphalt für die Firma Rosenfeld u. Eie. Wir erinnern die Kollegen, daß für das Abputze» der Asphallböden 45 Pf. pro Quadratmeter zn berechnen sind. Zn der Veitranens, nännersitzimg am Mittwoch Abend sind die Kollegen, welche bei Peter arbeiten, ganz besonders eingeladen. Die K o in m i s s i o n. Achtniig, Möbclpolircr! Der Vorstand des Verbandes der Möbelpolirer ha, beschlossen, den um den achtstündigen Arbeitstag kämpfenden englische» Maschinenbauern als ein Zeichen der Soli- darität die Summe von 300 M. zu überweisen. Der Vorstand ist jedoch der Ansicht, daß hierin noch viel mehr geleistet werden könnte, und empfiehlt fäiinntlichen Kollegen, sich an der Zeichnung von Beiträgen zn betheiligen. Liste» sind außer in de» Zahlstellen noch bei H. Schulz. Mcmelerstr. 60a, z» haben. Ferner mache» wir besonders auf die am Montag, den 13. d. M., slatlsindende General- Versammlung aufiiierksain. Der Vorstand des Verbandes der Möbelpolirer. Deutsches Reich. Tic Eiiiigiiiigöpersiichc in, Leipziger Manrersircik sind, wie vorauszusehen war, gescheitert und der Streik ist mit Rücksicht auf die Jahreszeit auf günstigere Zeit vertagt worden. Wie schon die Zkblchunng des von de» Maurern zur llnterhandlnug bestimmte» Streikkomitce's seitens der Unternehmer zeigte, wollten die Unter uehmer nur einen passende» Borivand habe», um jede Einigung ab- znlehne». Sie beslimmleir zwar vier Mann zn de» von dem Ober- bürgermeistcr Dr. Georgi angebahnten Einigungsversnchie», sie glaubten aber als Sieger austrete» zu müsscn und den Maurern ihre Forderungen zu diklirc». Auf die Forderung der Maurer: Neunstündige Arbeitszeit und 55 Pfennige Etnndenloh», die nährend"der Verhandlung soweit herabgesetzt rpnrde, daß vom I. April 1893 ab die 9'/sslündige Arbeitszeil ein- geführt und 52 Pfennige Stundenlohn gezahlt werden sollten, von, k. April 1899 aber die»en-nstündige Arbeitszeit gelten»nd 55 Ps. Slundenloh» gezahlt werde» sollten, antivqrleten die Unter- nchmer mit sotaeudei» Vorschlag: bis I.April Iö93'45Ps. Stundenlohn. von da" bis I.April 1899 43 Pf. Stundenlohn rind vom I.April 1900 Einführung der 9>/s slündigcn Arbeitszeit. Als dieser die Maurer verhöhnende Vorschlag zurückgewiesen wurde, rafften sie sich zn folgendem wcilere» Vorschlag auf: bis I.April 1899 48 Pf. Stundenlohn, von da ab bis I.April 1902 50 Pf. Stundenlohn. vorn I. April 1899 die 9,/estiindige Arbeitzeit einzuführen. Vom l. April 1901 sollten dann die Verhandlunge» wcge» des vom l. April 1902 zu zahlenden Lohnes beginnen. Die Klausel, allers- chwachen Maurern rreuigcr Loh» zn zahle», sollte sallen. Älusgelernle aber im ersten Gesellenjahr 10 Pf. pro Stunde weniger erhalten. Die Maurer, deren Kampf während der 16 Wochen sich in der Hauptsache»ur um die Erreichung der neunstündigen Arbeitszeit drehte, konnten sich mit diesem nuzntänglichc» Vorschlag ebenso wenig hcfrcnndc» und kam es zu einci» Vorschlage des Oberbürgermeisters Dr. Georgi. Er schlug vor: bis 1. April 1898 45 Pf. Stunden- lohn, von da biL I.April 1399 50 Pf. Stundenlohn bei zehnstündiger Arbeitszeit, von da auf drei Jahre 52 Ps. Stundenlohn bei 9'/, stündiger SlrbcitSzeil, am l. April 1901 Eintritt in neue Ver- Handlungen wcge» des vom I. April 1902 zu zahlenden Lohnes. Jlmge Gesellt» im eisten Jahre nach der Lehre 10 Pf. pro Stunde weniger. Tie Unternchmer billigte» diesen ihnen frenudlichen Vor. 'chlag,»vährcnd die Maurer diesen Vorschlag, der die Verkürzung der Arbeitszeit auf so lauge Zeit' hinausschob. undiveg ablehnten. I» einer sehr stark besuchten Ver- sammln, ig der streikenden Maurer ivurde folgende Resolntio» gegen 4 Stimme» angenommen:„Tie Verfammlimg nimmt von dein Bericht über die auf Veranlassung des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Ecorgi stattgesuuderie Verhandlung Kcnntniß n»d erklärt: 1. Die i» früheren Veriammlunge» ausgesprochene» Zweifel über die ehr- liche Absicht der Unternehmer, sich mit ihre» Arbeiter» über die obwaltenden Differenzen anszngleiche», haben sich bestätigt auch darin, daß es die Unternehmer» u r auf eine bedingungslose Niederwerfung des Streiks abgesehen habe». 2. Die Versammlung, veranlaßt das »»anuehiuhare Angebot der Unternehmer abzulehnen, de» Kampf aber um Verkürzung der Arbeitszeit jetzt auszuheben, somit de» Streik zu vertage», erklärt, z» geeigneter Zeil den Kampf in» die Verkürzung der Arbeitszeit wieder aiifznnchmen." Um das Vorgehen der Maurer richtig zu verstehe»,»ruß man folgendes berücksichtige». Im Jahre 1834 käiuptien die Maurer um die zehnstündige Arbeitszeit, die, obgleich der Streik verloren ging, im Jahre 1385 eingeführt wurde. Damals betrug der Stunden- lohn 33 Pf., der bis 1887 ans 33 Pf. stieg. Durch eine» vierzehn- tngige» Streik im Sommer 1887 schafften sich die Maurer die Kasten und Tonnen vom Halse, die sie bis dahin selbst beschaffen»rußten. Die Unternehmer versprachen auch, den Loh» in zwei Jahre» auf 50 Pf. die Stunde zu bringen. Sie hielte» nicht Wort und erst als die Maurer 1889 durck, Versendung von Frageboge» die'Absicht be- kündeten, in den Streik einzutreten, ivurde der Lob» lheilwcise bis auf 48 Pf. pro Stunde erhöht. Ii» Jahre 1890 setzte» die Unter- lehmer aber den Mindestloh» wieder auf 38 Pf. herab»nd der Lohn auf bis ans 32 Pf. die Stunde. Durch einen neue», vier Wochen andauernden Streik erhöhten die Maurer den Lohn ans 45 Pf. pro Stunde und in diesem Frühjahr böte» die Ünlernehmer den Maurer» mit Vorbehalt, daß sie den jungen und altersschwache» weniger geben konnten und auf zwei Jahre Ruhe erhielten, 48 Pf. Stundenlohn. Da die Unternehmer die Klausel bez. der alters- chwachen nicht falle» ließen, kam eine Verständigung nicht zu stände und die Maurer traten in den Streik. Nachdem die Unternehmer also selbst im Frühjahr 48 Pf. schon für dieses Jahr boten, wollten re jetzt erst vom 1. April nächsten Jahres diesen Loh» zahle»»nd die Verkürzung der Arbeitszeit erst am l. April 1899 um eine halbe Stunde eintreten lassen. I» der Luxusblcckiwaarcn-Falirik von Raschle». Co. i» Dresden sind säiumtliche Arbeiter<2, Mann) in den Ausstand getreten. Die Arbeiter verlangen die Erfüllung eines ihnen schon lange gegebenen Versprechens, dem zufolge ein fester Tarif aufgestellt werde» sollte. Ausland. Ginc Lohubctvcgnng von größerem Umfange ist»nter den Bergleute» Westb öhmenS im Gange. Im Laufe dieser Woche 'oll de» Zechenbesitzer» ei» Memorandnnr überreicht werden, das vorher in zahlreichen Bergarbeiter-Versamnrlungcn besprochen und beschlvffeir worden ist. Die Bergarbeiter forder» darin, daß ihnen anbetracht der erhöhte» Preise der Lebensmittel(Mehl sei in de» letzte» Jahren um 50, Zucker nnr 19. Hülsenfrüchte um 23 pCt. ge- stiege») sowie der Miethen(25 pCt.) ein Lohnzuschlag von 15 pCt. bei eine», Grundlohn von 1 G. 60 Kr.(2,30 M.) und die strikte Durchführung der Zehnstnndenschicht gewährt werden. Zu bemerken ist, daß hier ausschließlich Braunkohle»-Lag er in betracht kommen. Der Beschluß deS belgische» Bergarbcitcr-Kongresses, in allen Zechen eine 15prozeirtige Lohnerhöhung zn fordern, ist schon in vielen Fällen ausgeführt worden. Die Unternehmer geben zn, daß die Kohlenpreise erheblich gestiegen seien, behaupten aber, eine demenlsprechende Lohnerhöhung habe bereits stattgefunden. I» der Borinage herrscht eine hochgradige Erregung; in einzelnen Zechen ist der Streik bereits ausgebrochen. Ter Kampf der cuglischcir Maschiucnbaner wird nun, nach- dem die Unternehmer jeden Einignngsversuch zurückgewiesen habe», ei» um so erbitterter werden. Tiejeiirgei, Gewerkschaften, die r» der Maschinell- und Schiffsban-Jnduslrie in Frage kommen, runsassen insgesammt 173 451 Mitglieder. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ein großer Theil derselben in den gegenwärtigen Kamps mit hinein- gezogen wird. Für die Kesselschmiede, die in den Londoner Werl- stätte», in denen meist Rcparaturarbeilen angeferiigt werden, arbeiten, ist das fast bestimmt anznuehmen. Diesen ist bereits vor 5 Jahre» der Achtstundentag bewilligt worden; jetzt sind die betreffende» Be- triebsinhaber dein Unter, lehmer-Berbande beigetrete» und haben de» Arbeitern angekündigt, daß vom 16. Oktober an der Rennslundentag wieder eingeführt werde. Daß die Arbeiter dies mit eine», allge- meinen Ausstand beantworten werde», ist als sicher anzunehmen. Die San»,,!,», ge» werden nun mit größerem Eifer betriebe» werden. Die Lokomotivenführer Union sandte 1000 Pfund Sterling und bot ei» Darlehe» von 10 000 Pfund an. Vom deutschen Metallarbeiter- Verbände ist eine 2. Rate eingelanfen; im ganzen gingen aNein a», letzten Freitag 1662 Pfund Sterling ein.— Auf ei» Schreibe» von privater Seite, in welchem der Prinz von Wales gebeten war. er möchte direkt oder indirekt eine sriedliche Beilegung des Streites im Maschinenbau-Gewerbe herbeizusührc» suche», soll derselbe erwidert habe», baß er zwar de»»»heilvollen Stand der Dinge i» der Maschinenbau-Judustrie lief beklage, jedoch die Empfindung habe. daß es nicht richtig und angemessen für ihn sein würde,«,» Da- zwischentretcn i» irgend welcher Art zu versuche». Soziales. rn Erhebiiiigc» über die Dauer der ArbciiSzcit»Verden zetzt, gemäß dem vom Reichstag am 19. Februar gefaßte» Beschluß, vor. genommen. Nach dem Wortlaute dieses Beschlusses ivurde» die Sie- gieriiiige» ersucht: 1. Erhebungen— insbesondere unter Befragung der Gewerbe- Anfstchtsbeainte», der KraukenkasseU'Vorstände und Aerzte, sowie durch Vergleichung der Statistik der Krankenkassen und Jnvaiiditäts- Ansialten darüber anznslelle», in welchen gewerbliche» Betrieben durch übermäßige Daner der täglichen Arbeitszeit die Gesundheit der täglichen Arbeiter gefährdet wird; 2. ans grund dieser Erhebungen überall dort, wo eine solche Gesnndheitsgesährdnng vorliegt, in Außsühnnrg des§ 120 e Abs. 3 der Gewerbe-Ordnung durch entsprechende Verordnungen die Arbeits- zeit zn regeln. Ter Gewerbe- Inspektor Neu m a n n i» Magdeburg hat nun, wie die Halderßädter„Sonntagszeitung" millheilt, an Vor- stände von Orls-Krankenkassen ein Schreiben gerichtet, worin eS heißt:„Die Gewerbe-Jiispektion ist aufgesordert worden, zu den Punkten 1»nd 2 Bericht zu erstatten. Da eine das gesannnte Gebiet der Industrie umfassende Untersuchung darüber, in welchen gewerblichen Betrieben durch übermäßige Dauer der Arbeitszeit die Gesundheit der Arbeiter gefährdet wird, eine unverhältnißmäßig große Arbeit erfordern rvürde, möchte ich zunächst versuche», eine Uebersicht darüber zn gewinnen, welche Arten von Gewerben nach den bisher gemachten Beobachtungen überhaupt für die Ausführung des s 120e Absatz 3 der Gewerbe-Ordnung weiterhin in Frage kommen und wie im allgemeine» die Regelung z» erfolge» habe» würde. An den Vorstand gestalte ich mir zu diese», Zwecke die ergebeneAnfrage zurichten, obwohl derselbe in der Lage ist, einige Anhaltspunkte für diese Er- Hebungen mir zn geben und ob dort Fälle bekannt geworden sind, in welchen Krankheiten rc. auf eine übermäßige Dauer der täglichen Arbeitszeit zurückzusühre» waren. I» diesem Falle bitte ich die be- troffenen Personen nnd die Verhältnisse, in welche» sich dieselben be- fanden, näher bezeichnen zu wollen." Der erwähnte Beschluß des Reichstages war die Folge des von unserer Fraktion gestellten Antrages aus Einsührung des Acht- slundentages. In der Mittlicilung in Nr. 235 des„VorwärtS" vom 3.Oltober. worin berichtet ist, daß Bergarbeiter-Versainmlungeii in Eichling- hofeir und Dortmund zwei Mitglieder der vom Handelsminister bernfenen S a ch v e r st ä u d i g e n- K o»r m i s s i o n für U irt ersuch un g der Unfälle im E t e i» k o h l e rr« B e r g b a u nicht als ihre Vertreter airerkaimt haben, ist richtig zn stehen, daß eS sich um Vertreter des S! u h r-. nicht um solche des Wnrtnreviers handelt._ VezteMett und letzke Ttuchviihkeu. Lemberg, II. Oktober.(B. H) Ter„Conr. Lamsky" meldet aus Przeinysl, daß die bei dem dortigen Mititär-Provinnl-Magazin seit Jahren beschäftigten Zivilpersonen wegen Belheitigiing an der sozialdemokratischen Propaganda entlassen worden sind. Petersburg. 11. Oktober.(W. T. B.) Einer Blätterineldung zufolge ist beim Besteigen des Ararat durch Mitglieder des letzten geologischen Kongresses eines derselbe», der Lehrer der Arzneiknnde Stoiber aus Wladikaivkas, durch Erfrieren ums Leben gekommen. Bologna. 10. Okiober.(B. H.) I» der Gcireidebranche droht hier infolge verunglückter Spekulationen eine Krisis anszubrechW. ll. a. sucht die Exportfirma Orsi ein Moratorium z» erlangen. Die Passiva dieser Firma sollen mehrere Millionen Lire betragen. Grenoble. II. Oktober.(W. T. B.) I» der Gemeinde Gavet ist es heute Nacht zu einer blutigen Rauferei zwischen italienische» Arbeitern gekommen, bei welcher einer gelödtet nnd gegen zehn ver letzt wurden. Gendarmerie ist an Ort und Stelle, um die Ordnung ausrecht zu erhaltcn. Rom, 11. Oktober.(W. T. B.) Heute Nachmittag begaben sich die Theiluehmer a» der gester» beschloffeuen Knudgebuug unter Führung des Prvsindnko von Rom, des Präsidenten der Handels- kammer und anderer Delegirler in» Zuge nach den» Ministerium des Innern, um die in der gestrigen BersaulNrlnng nugeuoiumrue Tagesordnung bezüglich der Erhöhung der Eiuschätziinz znr Eilikommensteiier zu überreiche». Während der Kkinogebuug waren bie Läden der Stadt geschlossen. Der Ministerpräsident di Rudiui empfrng eine größere Abordnung der Mauifestanle» und erklärte derselbe», daß alles innerhalb der. gesetzliche» Grenzen mögliche geschehen werde, um zwischen den Steuererhebern und den Steuerzahlern eine freilndschastliche, von größerer Billigkeit und Gerechtigkeit eingegebene Verständigung herbeizuführen. Eine große Mcuschenineuge füllte die Piazza Navone nud die benachbarlen Siraßen. Einige Rädelsführer benutzten die Menschciiansammkung und versuchten a» einigen Punkte» das Strnßenpflaster ans- znreiße». Hierbei kam es bei der Via bell' Aniina zu einem Zu- sammeustoß mit der Polizei. Siebe» Polizisten wurden verwundet; einer der Rädelsführer wurde getödiet. Auf Seiten der Ruhestörer konnte» bisher drei Verletzte festgestellt werde», einer davon ist schwer getroffen. Es wurden einige 20 Verhaftungeir vorgenommen. Pola, 11. Oktober.(B. H.) Die Erkrankunge» am Darm- lyphtts haben i» letzter Zeil einen so drohende» Charakter a»- genommen, daß die Behörden die während der Typhusepidemie im vorige» Jahre in Geltung gewesenen Verdalluiigsmaiiregel» wieder ins Leben rnse» mußten. Den Manuschastc» der Garnison wird der Landurlaub verweigert. Tiiuis, 1l. pklober.(B. H.) Hier sind zwei Araber und-drei eingeborene Frauen beraubt und ermordet ausgcsunden worden. Tie Mörder sind unbekannt. Verantwortlicher Nedaklenr: Zliigiist Jacobey in Verli». Kür de» Juseratcntheil verantwortlich: Th. Glocke i» verltn. Druck und Verlag von Max Babing in Vcrli». Hierzu 1 Beilage u Iluterhallungsvlatc |!r.238. Ii. lajjrpi. ifüait Ks.Amiick" Ittlintt IdbMitL DilHlig, 12. Wulm 1897. Noiniminssrs. Dir stiidiischc Gr>i»dcigciilh»i»s-Tcp»<>ition veuv.ilttt den �esnuittile» Gvttudl'esitz der s-indtgememde Verlin mit Slusnahme derjenige» Grundstücke, die bestimmten Gcineindezwecke» diene», rvie die Riesel- und sonstigen Kniiolisations-Griindslücke, die Schul-, Purk-, Markthullen-, Viehhof-, Wasserwerks-:c. Grundstücke, welche den betrefsendcn Tepnlationcii unterstehen. Tag ihr Arbeitsfeld trotzdem noch ein jimiz bedeutendes ist, geht ans folgendem hervor: Sie verwaltet 45 bebaute Grundstucke innerhalb der Stadt, darunter dreizehn Feuerwachtgrnndstücke und drei Rathswaage- Gebäude; ferner sechs bebaute Grundstücke anjierhalb des städtischen Weichbildes. Hierzu gehören die drei ehemaligen Chanssee- Häuser in Charlottenburg und Pankow und das Gasthaus sowie das alle Eierhäuschen in Treptow. Alle diese 51 Grundstücke, von denen viele, wohl die meisten, moderne» Anforderungen nicht entsprechen vielleicht zum dcmnächstigen Abbruch bestimmt sind, habe» im Rechnungsjahre 1896/97 eine Brutto- Einnahme von 808 180 M. dem Stadtsäckel zugeführt. Ter Fürsorge der Grundeigenthuws- Depu- tatio» sind ferner anvertraut 157 Holz- und Lagerplätze innerhalb der Siadt zur Größe von 36 Hektar 54 Zlr 17 Quadratmeter und 5 dergleichen außerhalb der Sladl von etwa 2 Hektar Große. Die ersteren haben 1396 97 eine Einnabine von 136 022,83 M. und die letzteren von 9300 M. abgeworfen. Die Stadtgemeinde hat außer dem erwähnten bedeutende» Grundbesitze als Ackerland v.rp.uhtetc Fläche» von noch über 116 Hektar 76 Ar 42 Quadrat- Meter innerhalb und 405 Hektar 42 Ar 44 Quadratmeter außerhalb des Weichbildes zu verfügen, ferner besitzt sie noch zwei Seen, den Ruuunelsburger und den Reinickendorfer See und Vo Antheil an dem fiskalisch-städtische» Kalksteinbruche in lllüdcrsdorf, wohlgemerlt neben de» Grundstücken, die durch die Kanalisations- tc. Tepntalionen verwaltet werde». An Einnahme» ans den Pachtländereien sind 1896/97 der Stadt-Hauplkasse 52 610,75 Mark, aus der Verpachtung der See» 13 000 Mark zugeflossen. Der städtische Gewinn- antheil au dem Rüdcrsdorscr Kalkbergwerke hat in demselben Jahre 53 763 M. betragen. Die Höhe dieses Antheils ist ein getreues Spiegelbild der Berliner Aauthätigkeil, denn da Berlin der iveitaus bedertlendste Abnehmer der in Rüdersdorf gebrochenen Steine ist, so ist jede lebhaftere Schwankung in der hiesigen Bauthätigkeit in dem Geivinnanlheil zu verspüren, der ja nach dem Um- fang der letzteren steigt oder fällt. An sonstigen Ein- nahmen sind durch die Thäligkeit der Grundeigenthumk- Deputation noch 14 351,85 M. der Stadihauptkasse zugeführt, »norde», 5353 M. entsallen hiervon ans die auf öffentlichen Straßen und Plätzen Berlins vorhandenen Trinkhalle»,»nährend der lltcst zum theil ans Jagdpacht-Antheile» der Stadtgemeinde besteht. Betreffs der Trinkhallen ist bcnierkensivertb, daß neue Trinkhalle» auf Straßen und Plätzen nicht mehr k o n z e s s i o n i r t »verde» und daß die vorhandenen auf den» Aussterbe-Etat stehen, insofern bei dem Ableben der Inhaber oder der Aufgabe des Geschäftes derselben die betreffende Halle zur Einziehung gelangt. Ttflmles. Tic Parteigenossen des ersten Berliner NcichötagS Wahl- kreise»»verde» nochmals auf die heute Abend 8'fs Uhr bei Stabetnack, Jnselslr. 10, stattfindende Generalversammlung des sozialdcmokralischcn Wahlvcreins für den ersten Kreis bingcmiesei». Genosse Dr. Zadcck spricht über Gemeiude-Sozialismus. Ferner steht auf der Tagesordnung: Diskussion, Bericht des Vorstandes und der Revisoien, sotvie Neuivahlen derselben, Vcreinsaiigclegcuhciten und Beitragszahlung. Ausnahme netter Mitglieder erfolgt in dieser Lersauunlung»ud in den Zahlstellen; dieselben befinden sich bei Mörschel. Jiidenstr. 35/36, P r e» b, Reue Friedrichstr. 20, Moll, Klostcrslr. 101. Sommer, Grünstr. 20. Tie Genossen werden ersucht, recht zahlreich zn erscheinen. Ter Vorstand. Atbcitcr-Bildnngsschnle. De» Genossinnen und Genossen gebe»»vir hiermit bekannt, daß Mittlvoch, den 13. d.M., ein Kursus in Nationalökonomie, Dvitnetstag, de» 14. d. M., ei» Kursus i» Ge- schichte, und Freitag, den 15. d. M., ei» Kursus in Rechtskunde de- ginnt. Schullokal: Jnselstr. 10 II. Neue Mitglieder und Schüler werden aufgenoinmeu.(Siäheres siehe Inserat der heulige» Nummer.) Der Vorstand. Tic Nahritiigömittel-ZinSstelltiiig ist am Sonnabend i» de» Räumen des Mcßpalastcs eröffnet worden, die zivar glücklichmneise die üblichen Anssiellungslustbarkeitcn ausschließen, aber doch da- durch, daß sie in eine unzählige Menge einzelner Zimmer zerrissen sind, nicht den Eindruck etner Ausstellitng aufkommen lasse». Nur in den beiden oberen Sälen»veht den» Besucher die echte Ausstellnngs- lust entgegen, die allein in großen, mit einem geivissen Prunk aus- gestalteten Hallen entstehen kann. Noch ein Mangel ist zi» tadeln: die»vissenschaftlichen Abtheilungen sind gänzlich zerstreut zivischen Likör, Konserven und vieles andere; noch mehr ist das bei der Ab- theilung„Volkscrnährung' der Fall. Tritt nia» auf den geräumigen ziveiten Hof des Meßpalastes, so sieht man in seiner Mitte den Küchenivageu eines Lazarclh-Eisen- bahn- Zuges, in dem sich Dampf« Kochapparate für 150 Mann de- finde», außer allen» dazu gehörende» Geschirr und Gerälh, das äußerst praktisch in»nöglichst wenig Raun» beanspruchender Weise fest aufgestapelt ist. Im Erdgeschoß der umliegenden Gebäude ist neben Privalausstellungen eine Kochschnle und schräggegen- über hat der Verein der Berliner Volksküchen eine voll- ständig eingerichtete Küche ausgestellt, in der»na» zu bestimmten Stunden speisen kann. Hierhin gehört»och die Ausstellung des Vereins zur Speisung armer Kinder, die in einem oberen Stockiverke untergebracht»vorde» ist. Im gleichen Raun, mit den» Verein ist «ine Präparat-Borführung von Dr. Jeserich, der»vohl in der Er- kenntniß, daß Vergleichs-Tafeln langweilig»virken und auch nicht einein Jede» verständlich sind, zu einen» andern System gekonnne» ist, um den Nähnverth einzelner Speisen zu veranschauliche», das tinbedingt Nachahmung verdient. Er führt eine Reihe von Nah- rniigsnntleln in einer kleineren Menge vor und zeigt daneben in Gläsern das in den Speisen enthaltene Fett, Wasser, Euveiß«c. Dem Wesen nach schließe» sich die Gegenstände demjenigena», die vomKriegs- ministeriin und vom Marineamt ausgestellt sind, da auch ihr Zweck die Vorführung oder Förderung von Massenernährung ist. Das größte Interesse beanspruchen die Tafel» über Soldaten- und Kranken- kost, sowie die mikroskopischen Präparate von Nahrungsmittel- Vernnreinigungen; ferner die Dörrgemüse und Fleisch- und Gemüse- konserve», von denen die nieisteu in»venigen Minuten speisefertig gemacht werden können. Eine Sammlung von»vissenschaftlichen Werken zeigt, daß man schon seit mehreren Jahr- Hunderten sich mit der Untersuchung über den Nährwerth von Nahrungsmitteln beschäftigt hat, die allerdings erst in neuerer Zeit z»»virklich schätzensiverlhen Resultaten führte.— Das Reichs-Marineamt hat eine ganze Reihe von Dauerproviant. Artikeln ausgestellt, die be»veise», daß man auf dem Wasser nicht mehr von Pökelfleisch und Zivieback zu leben braucht. Die Nahrungs- mittel»Verden in eine Blechkiste eingepackt, die in eine anschließende Holzkiste möglichst lustdicht verschlossen»vird, um den Proviant genießbar zu halte». Ferner sind Einrichtungen an Bord zur Unter- kunst und Verpflegung der Mannschafte» vorgeführt. Vor allem aber ist die Lazarelh- und Apothekeneinrichlung eines detilschen Kriegsschiffes sehensiverth, in der z. B. die Bette» auf Eisengestellen ruhe», so daß sie nie die Schivankungen des Schiffes»nitmache», sondern stets in der Schivebe bleiben. Da es jedoch schade ge>vesen»väre»»venn sich das Marine-Amt die schöne Gelegenheit zn einer kleinen Flotlenagitation hätte entgehen lasse», hat es glücklicherweise mehrere Schiffsmodelle ausgestellt. Der Anblick der Seeungeheuer vir miniaburo»vird sicher manchen hartberzigenlvaterlandslosen Gesellen zur rcnigeii Uinlchr von seinen Anschauungen bewegen. Eine ganze Menge von Apparate» zur Untersuchung von Molkereiproduklcn und anderen Nahrnngsmitteln ist zivischen den verschiedensten Genuß- und Nahrnngsmitteln zu finden. Mehrere Apparate sind in Betrieb zu scheu. Die Utilersnchung auf Nahrungs- mittel- Verfälschungen dürfe nichts zn»vünschcn übrig lassen, da jedoch nach einem bekannten Sprichivorle Gesetze dazu da sind, um umgangen zu»verde»,, dürfte man doch nach»vie vor Margarine statt Butter bei so»naneben Gelegeuheite» bekomme». Die Städtische Fleischschau stellt eine Kollektion von Präparate» erkrankte mit Bakterien durchsetzter Thcile von Thieren, aus. Welcher Geräthe zur Herstellung von kulinarischen Genüssen sich unsere Vor- fahre» und fremde Völkerschastei» bedient haben, veranschaulichen die Sammlungen, die von den Museen sür Völkirkundc, für Kunst- gnvcrbe, für egyptische Alterthümer, so>vie des Museums sür detitsche Volkstrachten bereitwilligst der Ausstellmig eingefügt sind. Der Gehalt der Ansstclliing, der stellenweise kaushausartig wirkt, hat durch die Vorführung der Gegenstände bedeiitcnd gewonnen. Auf alle Gegenstände näher einzugehen, läßt der Raum nicht zu; nur sei ans die Modelle einer japanischen Küche und einer weftsälischett Zichorieniabrik hingewicset». Es ist wohl überflüssig, über alle ansgeflellten Nahrungsmittel näher zu betichleti, doch sei auf die Fischansstellnng ausmerksam ge- macht, in der als Sehenswürdigkeit ein Delphin von ein und einem halben Meter Länge zu sehen ist. Vor allem»nachen sich natürlich allerlei Spezialitäten unter den ausgestellten Maaren breit. Sollie matt deren Anpreisungen glaube». so wäre der Stein der Weisen gefnuden und alle Kopfschmerzen um des Leibes Nahrung und Nothdnrft wären beseitigt. Da aber be- kanullich Rom nicht an einem Tage gebaut ist, muß man sich schon damit zufrieden geben, wenn man auf der Ausstellung die Ueber- zengung gewinnt, daß doch schon einiges zur Verbesserung der Er- nährnng der Massen gethan ist. Allerdings könnte vieles schon viel mehr ausgenutzt werden für die Masse,»venn nicht ans jeder Sache ei» möglichst hoher Profit geschlagen»Verden sollte. Die Ansslellttng. die viel Lehrreiches bietet, ist noch vier Wochen lang geöffnet zn einem Eintrittspreise von sünfzig Psennigen. Recht feige Geselle» sind doch tinsere Jnttnngsbrüder. Die „Deutsche Tageszeitung", das Organ jener Leute,»velche die Sozial- demokraten mit Knüppeln»mbringen»vollen, bringt folgende Mel- duiig:„Ter Bund der Bau-, Maurer- und Ziinnicrineistcr»vill in einer Eingabe an das Ministcriiun ei»>v i r k s a in e s Eingrciscn der P o l i z c i b c h v r d e>i bei Ausstände n und Bansperren erbiücn. Jiisbesoiidere soll das Fernhallen des Zuzugs durch die Ausständigen dadurch vereüclt werden, daß das Ausstellen von Streikposten, das Umstellen der Bahnhöfe, sowie das Besetzen der Z u f a h r t st r a ß e n zu de» ge- sperrten Bauten durch Polizeiverfügniig untersagt werde. Für den Schutz der„Arbeitswilligen" ist in weitgehendster Weise durch die Behörde Sorge zu tragen. Ter Jnnnngs- verband begründet sein Vorgehen damit, daß es durch die fortwährendcn Streiks im Baugewerbe de» Arbeitgebern kaum mehr möglich sei, Bauverträge»iit bestimmten Friste», und Konventional- strafen abzuschließen, ohne sich aus erheblichen Schade» gefaßt zn machen." Ob letzteres der Fall ist,»vollen»vir nicht nntersnchei», that sächlich wird es der Polizei aber unmöglich sein, dem Wunsche des Banlöivenlhiilns Rechnniig zn tragen. Denn»vas geschehen kann, um solchen ansständigen Arbeitern, die als Posten ihre Pflicht thnn diese Pflicht zn erschivere», geschieht doch heute schon in überreichem Maße. ES dürften»vohl»venige jener Ausstände, zu»velche» die Arbeiter greise» mußte», nn» für sich und ibre Familie genügend Brot zn schaffe»», zn nennen sei»,»vo die Streikposten nicht die Nnannehmlichkeite» polizeilicher Sistirnng n. s. w. zn erdulden hatten. Mehr aber kann die Polizei füglich nicht thu»,»venn sie »»cht offenkundig»vider das Gesetz Handel»»vill. Und da mit allen diese» Sck.ercreien— ganz abgesehen von den„schiverste» Strafen", die fast jeden Tag über solche Arbeiter verhängt werden,»velche Streikbrecher bedroht oder gezüchtigt haben sollen— den Jnnnngs Helden noch nicht geinig getkan ist, so muß»na»»vohl annehmen, daß die Solidarität der Arbeiter stärker»st, als Kapital und Polizei im V»»de. Und das freut uns aufrichtig. Die Furcht bor der Sozialdemokratie spiegelt sich in er götzlicher Weise in einem Aiigstprodnkt»vieder,»velches der„Zentral Fleischer-Zeilung" ans Kreisen hiesiger Engros-Schlächlermeister zn� geht. I»»euerer Zeit, so»vird i» deniselbcn gesagt, mehren sich die Anzeichen, daß von seilen sozialdemokratischer Agitatoren unser Vieh- und Schlachthof»nfichcr(!) gemacht»vird. Obivohl der Zutritt daselbst cinigerinaße» erschiveri ist,»visse» jene doch in der Maske von Hansirein oder auch als Zuträger vo» Speise» und Gelränken ans den Kneipen der Umgebung sich Eingang z» verschaffen nnd Misere» sonst aller politischen Beivegnng fernstehenden C seilen de»„Vorivärls" nnd ähnliche U in st n r z s ch r i f t e n in die Hände zn spielen nnd Unfriede» zn stiften. Das ist nun einmal Thatsache. Ob die Anfwicgler viel Glück bei den Gesellen haben,»visse»»vir nicht, aber— böse Beispiele verderben gute Sitte»! Ist es doch geiviß bedaner- lich, daß die meisten»»»serer Gesellen ihre leiblichen Bedürfnisse nicht auf den Schlachthöfen selbst befriedigen mögen»vegen ge- ringer Qualität nnd geschraubter Preise des dort Verabreichten. Zlllgemei«»vird bedauert, daß cS iiöthig geworden ist, z. B. Getränke von draußen herbeizuschaffen. Darüber sind ja auch schon viele Klagen und Beschiverden laut geivorde», aber zur Einrichtung einer Kantine nur für Arbeiter mit billige», recht billigen Preisen im Jntercsse»»»serer dort schiver arbeitende» Gesellen, scheint man. leider! sich nicht aufraffen zn können. Solche Zustände sind gerade nicht geeignet,»nsere Gesellen in Zufriedenheil zu erhalle». Im Interesse der schiver arbeilende» Geselle»»väre ja zu ivünschen, daß der Aiisbeuteluiig derselben durch Errichtung einer billigen Kantine Einhalt geboten werde. Wenn die Herren Schlächtermeister aber an die Erfüllung dieses ihres Wunsches die Erwartung knüpfe», daß sie durch die dadurch bcivirkte Absperrung von der Außenwelt ihre Gesellen vor„Unzufriedenheit" und„Umsturz" zn bnvahre» vermögen, so dürsten stch die Herren Schlächtmneister doch gewaltig täuschen. Es bedarf»vahrlich keiner besonderen Thäligkeit sozial- demokratischer Agitatoren zur„Erivirkung von Unziifriedenheit. Mißgunst und Neid", so lange die Herren Schlächtermeister dies so vorziiglich.»vie bisher,, veiter selber besorgen. Tic Bahnstcigschaffuer der Berliner Stadt- nnd Ningbab» haben ihren freie» Tag»vieder. Bis zum 1. Juli hatten sie alle 14 Tage einen dienstfreien Tag,»achden» sie 13 Tage hintereinander täglich ll— 12 Stnnden Dienst gethan hatten. Plötzlich wurde ihnen ans Anordnung der 1. Inspektion der Direktion der Stadt- und Ringbahn der freie Tag entzogen und z»var mit der Moiivirung, daß,»venn die Beamten an einem Tage»in 2 Uhr nachmittags ihren Dienst beendet habe»»nd am nächste» Tage erst wieder um 2 Uhr antreten, sie 24 Stnnden frei sind, also ohnehin einen„freien" Tag hätten. Dieser rechnerischen Klügelei»st die Presse mehrfach scharf entgegengetreten und das hat zur Folge gehabt, daß der frühere Zustand mit dein I. Oktober wieder hergestellt worden ist. Wie ver- tautet, hat die Direktion erst durch die Presse Kenntniß davon er- halte», daß eine ihr unterstellte Behörde den Schaffnern willkürlich den freie» Tag entzogen hat. Die Direktion hat dieses Vorgehe» nicht zn billigen verniocht und deshalb die Verfügung der Inspektion aufgehoben. Vielleicht»vürde es nützlich sein, ,ve»n die Presse möglichst oft in die Lage versetzt»vürde, Maßnahmen untergeordneter Dienststellen zu bespreche», damit die obere Dienststelle diejenige Kenntniß der Dinge erhält, die ihr itianchmal Vorenthaltenz»»verde» scheint. Gegen die Kinderoper im Nene« königl. Opern-Theatcr hat sich der Musikdirektor Theodor Krause mit folgendem, an de» Minister des kgl, Hauses gerichteten Protest gemandt:„Ew. Exzellenz mache ich pflichtschuldigst daraus aufmerksam, daß im Nene»» könig- liche» Oper»- Theater zn gunsten der lönigtiche» Theaterkasse Aufführungen einer„Italienische» Kinderoper" stattfinde». Diese Ans- sührnnge»»vürde» ans Gründen der öffentlichen Erziehung und»ach den» Worilant bestehender Gesetze jedensalls untersagt»verde», »venn ein D e»i t s ch e r für dieselben veraiitlvortlich wäre, denn: 1. sie geivähren absolut keine» künstlerischen oder ethischen Genuß» sondern verletzen durch voriviegend»nreine, niühsan» hervorgestoßene Töne; 2. sie stelle» sich dar als eine st r ä f l i ch e Ausbeutung unreifer Kinder; 3. sie gefährden die Gesundheit dieser Kiirder, insofern dieselben genölhigt»verde», anstrengende Solo- und Chorsätze ausschließlich mit der B r u st st i m»n c und»nit einem Aufgebot von Kraft alisziisühre»,»velches auch starke, gesunde Kinder in absehbarer Zeil unheilbarer Erkrankung e» t- g e g e n s ü h r e» in u ß. Zu anssührlicher Begründung dieser Klage jederzeit bereit, bitte ich um Anordnung der Einstellung jener Aus» sühruiigen." Tie Gesellschaft für Ethische Knlinr war gestern in, Langenbeckhanse versanimelt. Von besonderem Interesse scheine» die Verhandlimgm nicht gewesen zu sein. Vielfach wurde ans die großen Schivierigkeiteu der Agitation hingerviese», ans Gegnerschaft von seiteii der Behörden nnd der Arbeiterschaft(»velche, durch mancherlei Erfahrungen geivihigt, auch harmlose oder>vohli»ei»e>»de Veranstaltunge» oft»nit Mißtranen betrachtet. D. Lied.), aber es werden auch schöne Erfolge in bezug auf den Fortschritt der Lesehallen, Frei- Bibliotheken, Enqueten und Ans» kunstsstelte» gemerkt. Beifall fand die Mittheilniig, daß die Stadt Berlin eine ziveite Raie vo»3000M. für die freie Bibliothek und Lesehalle der Gesellschaft bewilligt hat, nnd daß die Lesehalle hinfort auch in den Mitlagsstniiden geöffnet bleibt. Prof. Töunies erklärte, daß er sich bei seinen Bestrebungen bei dem Hamburger Streik vor allem durch das Beivnßtsein habe leiten lasse», daß sein Eiiigrcisen geboten sei, iveil er Mitglied der deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur sei.(Starker Beifall.)— Die Nach- »lülagssitzui'.g, in welcher sich auch Karl Emil Franzos eifrig an der Tcbatle beiheiligte, beschäftigte sich vor allci» mit der Zeitschrift „Ethische Kultur",»nd cs gelangte die Versammlung zn dem Be- schliiß, daß das Organ als unabhängiges Privatiuiternchlneli weiter zu fnhrcn sei. In der Debatte ivurde die Bedeutliiig des Blattes stark betont. Ruch ein Stück pmisiischer Eiscnbahnpolitik. Die Harle» Bedingungen, ivelche die Eisenbahn-Direklion Berlin der Gemeinde Schöneberg s ür de» Bau der in diesem Orte über die Potsdamer- und Wannscebahn projektirten beiden großen Brücken gestellt hat, sind derart, daß der betreffende Vertrag der Gemeinde die schwerste» Pflichte» auferlegt, ohne ihr auch nur die geringste» Rechte ein- ziiräume», haben die Gemeinde veranlaßt, an den Eisenbahnininister das Gesuch zu richte», die Forderilngen der Direktion zu milder». Es handelt sich dabei namentlich nni folgende Bestimmniigen: „Die Geiiehmigniig zur Ueberbrückung des Bahngeländes wird nur ividemislich ertheilt, so zwar, daß die Gemeinde Schöneberg ans Anfordern der Eiseiibahn-Verwaltimg die Buickenlheile»nnerhalb einer Frist von drei Jahre» ohne Anspruch auf E n t- s ch ä d i g» n g z>i entfernen hat.— Die Eisenbahn-Verwaltmig ist berechtigt, ohne vorherige Benachrichtigung der Gemeinde die zeitweilige Sperrung jeder Brücke vorznnehnien, sobald nach ihrem Ermesse» ans irgend einem Grunde eine Gesährdmig des Bahnbetriebes zu besorgen»st. Die Gemeinde Schöneberg Haftel für alle Schäden und Nacht heile, ivelche anS Anlaß der Herstellmig und Benutzung der Anlage» der Eisenbahii-Verivallimg oder anderen Personen,»velche in erster Linie die Eisenbahn-Verivaltung zu entschädigen hat, ent- stehen sollte»,»vobci das Vorhandensein einer Ver- pslichtnng zur Zahlung an diese Dritten ausschließlich der Prüfung der königl. Eise»bah»»-Direktion unter» liegt(!!). Mit einbegriffen sind insbesondere säinmtliche Leislilngen ans grund des Haslpflichlgesetzes, der Unfallversicherung- oder ähn- licher Gesetze.— Der Gemeinde Schöneberg steht»vegen aller ihr vo» derEisenbahn-Verivaltnng ansAnlaß derBrücken-Anlagen inRechnmig gesteltten Beträge kein Utecht auf materielle Prüfung, sondern nur dos Recht ans rechnerische Prüfung zu. Trotz der unglaublichen Härle aller dieser Bedingungen hat dennoch der Minister eine Milderung derselben rundweg abgelehnt, so daß nun die Gemeinde,»veil die Errichtung der Brücken im öffentlichen Verkehrsinteress e nicht länger zn umgehen ist, sich der Eisenbahil-Verivaliung gleichsam mit gebundenen Händen a» f G» a d e u n d U n g n a d e ausliefern»»ch. Die beiden Brücken erfordern vo» der Gemeinde«inen Kostenaufwand von 400 000 M. lieber den der Nerztckammcr zugegangenen Gesetzentwurf betr. die Eriveiterung der Disziplinargerichtsbar- keit der Aerzte wird am heutigen Dienstag, de» 12. Oktober abends eine große allgemeine Aerzte Versammlung in de» A r l» i» h a> l e». Komniandanienstr. 20, berathe». Referent ist Herr Dr. Schäffer, Mitglied der Aerztekanimer Berlin-Brandenburg. Am letzten Sonntag haben bei verschiedenen Kirchen» wählen die„Liberalen" über die Posiiiven gesiegt, so i» den Parochicn St. Paul, St. Thomas. St. Andreas, Zion, Nazareth«nd Philippus Apostel. Für die Arbeiterschaft hat der Krakehl, der sich iliiter dep Fromme» verschiedener Richtungen ob der Wahlen er- hoben hat, keinerlei Bedelitung. Die internationale Lepra-Konferenz ist gestern im kaiserlichen Geslnidheitsamt j»sa»»ne»gelrete». Eine verhängnisivollc Bierreise hat gestern der schwedisch» Stndeiit Friedrich Heyne» gemacht. Heute früh gegen 2>/z Uhr hörte die Familie Eckstein, die im zweiten Stock des Hauses Dres- denerstraße 77 ivohnt, jemanden an der Thür ihrer Wohnung herum- tappen. Da es den Eindruck machte, als ob man das Schloß zu öffnen versuchte, so riefen die Leute znin Fenster hinaus«in Hilse gegen die vermeiiitlicheii Einbrecher. Ei» Herr, der vorüberging, be- nachrichtigte auch einen Schutzmann. Bevor er mit diesem das HanS wieder erreichte, hatte der„Einbrecher" die Ecksteiu'sche Wohnung schon wieder verlassen und sich in de» erste» Stock begeben. Hier halte er sich daran gemacht, in die Wohnung des Fabrikanten Träger ein- zudringe». Das Geräusch»vcckle auch hier die Familie. Herr D. ging an die Thür,«in»achzusehe», was da vorgehe. Er hatte kaum halb geöffnet, als ein fremder Mann ihn bei Seite schob und mit den Worten:„Ich will hiiiein!" in seine Wohnung eindrang. Der Einbrecher war nicht wieder hiiiailszubringen. Als nun Frau Träger mit Licht dazu kam, schien es. er stürze ans ihren Man» los. Da ergriff Träger einen Stock nnd schlug mit allen Kräften aus den Eindringling ei», der bl»tübnströ»it den Rückzug antrat»nd eben wieder de» Treppeiiflur betrete» hatte, als Hilfe lani, der Wächter und der Schntznian». Da der Blutende ein schlechtes, mit engli« sche» Brockel» gemischtes Deutsch sprach, so glaubte man in ihm einen internationalen Einbrecher gefangen zu habe». Nachdem er ans der Unsallstation einen Nothverband erhalten hatte, brachte ihn ein Schutzmann als Polizeigefangenen in die Charitee. Hier ent- puppte sich der„Einbrecher" als der Student Heynen, der ebenfalls im Hanse Dresdenerstr. 77 wohnt, aber im dritte» Stock. Er hatte eine Bierreise gemacht und dann»och in dem Hause, in dem er wohnt, i» einer Bodega gekneipt»md sich in der Trunkenheit in den Treppen geirrt. Der Verletzte, der nuumehr freigelassen wurde, liegt an seine» Kopfverletzungen schwer darnieder. Unter den Theatcr-Kontroflenren, Kassirern nnd Gar- derobiers macht sich, wie ein hiesiges Blatt zn berichten weiß, zur Zeit eine Bewegung zur Besserstellung ihrer Lage geltend. Es wird in den nächste» Tagen eine öffentliche Versaiiimlnng stattfinden, in welcher die Gagenverhältnisse bei den hiesigen Theatern besprochen »verde» sollen. Diese Beamten wollen stch mit den einzelne» Direktionen der Theoter und sonstigen in Frage konimenden Etablissements in Verbindung setze», um dahin z» wirken, daß ihnen dnrch pcnstonirte Staatsbeainte keine Konkurrenz gemacht wird. Nach Angaben, welche in der heute Vormittag abgehaltene» Ber- sammlnng des Vereins der Theater-Beamten gemacht wurden, sollen penstonirle Schutzleute u. s. w. sich bei den Privattheatern für ö0 Pf. bis 1 M. für den'Abend anbieten und es so de» Leute», die beruss- mäßig schon Jahre lang als Kontrolleure thätig sind, unmöglich macheu, eine» auskömmlichen Loh» als Thealer-Beamte zu erhallen. Die Jutcresscuten haben nichts gegen die Anstellung pensionirler Staatsbeamten, nur sollen dieselben nicht für geringere» Lohn arbeiten. Hoffentlich führt die Versammlnug zur Gründung einer Organisation, welche die Vertretung der Interessen dieser Augestellte» energisch in die Hand nimmt. Ans bei» Fenster hinabgcstiirzt hat sich am Sonnabend Abend die 42 Jahre alte Frau des Siellmachers Wehner aus der Strelitzer- straße, die seit Jahren nervenkrank ist. Als ihr Mann nm 7 Uhr abends in seine Wohnung gehen wollte, hörte er beim Durchschreiten des Hofes etwas fallen, setzte aber, ohne darauf weiter zu achten, seine» Weg fort. Auf der Treppe begegnete ihm sein ältestes Kind mit dem Schreckensrufe:„Mutter ist ans dem Fenster gesprungen!" Wehner eilte zurück und fand seine Frau schwer verletzt aus dem Hofe liegen; sie hatte sich einen schweren Schädelbruch und einen Bruch des rechten Oberschenkels zugezogen. Die Unglückliche liegt in der königlichen Klinik hoffnungslos darnieder. Großvater«nd Enkel verschwunden. Vermißt werden seit Freilag Nachmittag der 73 Jahre alle Conrad Callmeier und sein dreijähriger Enkel Kurt Callmeier. Beide sind von einem Spazier- gange, welchen sie ,vahrscheinlich durch die Tresckow- und Fransecki- straße unternahmen, nicht wieder zurückgekehrt. Bekleidet war der sehr schwerhörige GreiS mit einem dunkelgrüne»(Schröck, mit schwarzer Tuchhose und steifem schwarzen Hute; ferner trug er eine» Spazierstock mit gebogener Krücke. Das Kind hatte eine» braunen. mit grauem Krimmer besetzten Tuchpaletot. Krimmermütze, blaues Cachcnez und dunkelbraune Knöpsstiefel angezogen. Wer über den Verbleib der Vermißte» irgend ivelche Auskunft geben kann, wird gebelen, den Vater des Kindes, Richard Callmeier, Hagenauerstr. 18, zu benachrichtigen. Die anscheinend gewaltsame Tödtnng des Droschkenkutschers Vollmert aus der Tempelhofer Chaussee, die bisher in tiefes Dnnkel gehüllt war, zumal auch die Obduktion nur einen negativen Erfolg hatte, scheint vielleicht doch noch ihre Aufklärung finden zu sollen, wenn auch nicht in der Weise, daß sich ei» Mord oder Todtschlag herausstellen könnte. Während der in Untersnchungshasl befindliche Müllkutscher Albert Jader dabei bleibt, daß er weder den Gollmert»och dessen Droschke gesehen habe, ist ein Zeuge er- mittelt worden, welcher gesehen haben will, daß Jader mit Gollmert im Handgemenge war. Es sollen auch uoch mehr Zeuge» vorhanden fei», deren Ermittelung aber noch nicht gelungen ist, aber sortdauernd angestrebt wird. Beim Erlernen dcS RadfahrenS ist am Sonnabend Abend ber 4t Jahre alte Musikdirektor Friedrich Thormann, Luiseupiatz Nr. 4 wohnhaft, verunglückt. Er kam z» Falle und brach das Arm- gelenk. Leute, die dazu kamen, brachten den Verletzten in die be- uachbarte Charitee. KinderauSsetznna. Gester» Vormittag setzte daS Dienst. Mädchen Wilhelmiue Jousek ihre 9 Monate alte uneheliche Tochter in dem Hausflur des HauseS Linkstr. 6 aus und suchte sich daraus schnell zu entsernen. Sie wurde jedoch verfolgt und einem Schutzmann übergeben, der sie mit dem Kinde auf die Wache des S3. Polizeireviers brachte. Die obdachlose Mutter wurde in Hast genouuuea und das Kind dem Waisenhause iu der Alte» Jakob- straße übergeben. Straßeuspcrning. Das Nordnfer von der Fenubrücke bis zur Tvrfstraßenbrücke wird behufs Nenbeschüttnug vom II. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt.— Die Weißen- burgerstraße von der Schönhauser-Allce bezw. Saarbrückerstraße bis zur Metzerstrahe wird behufs Nmpflasterung vom 11. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Am Sonnabend Abend entflohen aus der Krankenstation des städtische» Obdachs in der Fröbelstraße vier unter sittenpolizei- licher Aussicht stehende und dort untergebrachte Dirne», indem sie sich mit zusammengebundenen Bettlaken aus dem Fenster des Bade- zimmers herabließe». Während drei von ihnen entkamen, siel die vierte, Bertha Koschwitz, herab und zog sich so erdeblicke Ber- letzungen am Rücken zu, daß ihre Uebersührung in ein Krankenhaus erforderlich wurde. Ein am Sonntag Abend i» derselben Weise unternommener Fluchtversuch der unverehelichte» Marie Larisch verlief ebenfalls unglücklich, das Mädchen fiel ans der Höhe des zweiten Stocks herab und erlitt bedeutende Verletzungen am Rucke» und an den Beine». Sie fand Aufnahme im Krankenhans am Friedrichshain. Der Messerheld Carow ist, wie nnS berichtigend mitgetheilt wird, nicht i» der Seestraße, sonder» Mallplnquetstr. 12 ergriffen worden. Vermißt wird seit Mittwoch das löjährige Dienstmädchen Ida Schöllner aus Holleben, welche zuletzt Grüner Weg 13 bei Herrn Spiro in Stellung war. Wie verlautet, trug das Mädchen sich mit der Absicht, Selbstmord zu begehen, doch weiß man nichts darüber, ob sie dies traurige Vorhaben ausgeführt hat; auch ist über de» Grund zu diesem Schritt nichlS bekannt. Wer etwas über die Nu- glückliche anzugeben weiß, wird gebeten, dem nächsten Polizeirevier oder Herrn Spillner, Mantenffelstrahe 105 Nachricht zukommen zu lassen. Ida Schöllner ist von schmächtigem Korperba», spricht sächsische» Dialekt»nd trug zuletzt eine» dnnkelbraune» Hut mit Mohnblumen besetzt, modesarbenes Capes mit schwarzem Besatz, sowie ein hellbraunes Kleid. Selbstmordversuch. Der 19 Jahre alte� Schneider Max G r o t t m a n n war aus Dresden zu einem hier in der Zimmer- straße wohnenden Schneidermeister, bei dem er früher einmal ge- wohnt hatte, geloinine», um zurückgelassene Sachen abzuholen. Während er sich allein in der Küche aufhielt, gab er drei Schüsse aus einem Revolver auf sich ab, von denen jedoch nur einer ihn anscheinend leicht in der Herzgegend verletzte. Er hat sich angeblich tödten wollen, weil er arbeitslos war. Die Verletzung wird voraus- sichtlich keine ernstlichen Folgen nach sich ziehen. Ein Sittlichkeitövcrbrcchcn hat vorgestern bei Friedenau «in noch nicht der Schule cutivachseiier dreizehnjähriger Bursche an einem kleinen Mädchen begangen. Der für sein Alter sehr kräftige Junge, ein Sohn des Arbeiters S., hatte in der Fregestraße das achtjährige Töchterchen des Maurers B. angetroffen, auf eine Wiese verschleppt und dort das geängstigte Kind, welches vor Furcht zitternd keinen Laut von sich zu geben wagte, durch Schläge und Drohungen derart eingeschüchtert, daß es dein jugendlicheu Wüstling gelang, sein schändliches Vorhaben auszuführen. Wiesehr der Patron dem kleinen Mädchen Gewalt angethan hat, geht daraus hervor, daß die Kleine sofort in ärztliche Behandlimg genommen werden mußte. Der verwahrloste Bursche ist seit der That verschivunden und von der Friedenauer Ortspolizei bisher vergeblich gesucht worden. Verinuthlich treibt er sich vagabondirend in der Nachbarschaft des Vorortes umher. Fciicrbericht. Sonnabend Abend 9 Uhr war F e i l n e r- straße 9 ein Gardineubraud zu löschen. Im Laufe des Sonntags wurde die Feuerwehr sechsmal allarmirt. Vormittags 6 Uhr bräunte H o l z m a r k t st r. 5 die Balkenlage eines im Abbruch befindlichen Hauses. Bald darauf inußte Zug 16 nach G e r i ch t st r. 14 aus- rücken, wo Küchenmöbel Feuer gefangen hatten. Il�/e Uhr war durch Unsiig der Kinder auf einem freien Platze Schönebergerstr. 1b «in Holzhaufen in Brand gesetzt, der jedoch leicht beseitigt wurde. Nachmittags wurde die Wehr nach A ck« r st r. IL4 gerusen, um ein Pferd aus einer Grube herauSznbesördern. Bei ihrer Ankunft war die Arbeit aber bereits gethan. Z» gleicher Zeil entstand E l s a s s e r st r. 61 blinder Lärm. Kurz nach 7 Uhr ivaren M e in e l e r st r. 36 Kücheumöbel und Wäsche in Brand gerathen, der aber im Keime erstickt wurde, bevor die Wehr t» Thätigkeit trat. Der Montag war bii S Uhr nachmittags feuerfrei. Nm diese Zeit mußte M ü l l e r st r. 179 ein Petroleumbrand im Keller ge- löscht werden. Glücklicherweise war die Wehr rasch zur stelle, bevor das Feuer eine größere Rnsdehnnng erlangt hatte. Ter an- gerichtete Schaden war unbedeutend.» Beil» Orgelvortrag in der Marienkirche am Mittwoch, den 13. Oktober, mittags 12 Uhr, werden Fräul. Elise Klein(Sopran), Fräulein Marie Walter(Alt), Herr Alexander Curth(Tenor), Herr Organist Rcinhold Sürth(Orgel), und das Streichquartett der Gebrüder Borisch mitwirken. Der Eintritt ist frei. Tie»Deutsche Gesellschaft für volkSthiiinliche Naturkunde" veranstaltet am Mittwoch, de» 13. Oktober, abends 8 Uhr, im Biirgersaale des RathhauseS einen öffeiitlichcn Vortrag. Herr Professor Dr. Schumann wird über Kautsch»! und Gutta Percha sprechen. Am Sonntag, den 17. Ok- tober, nachmittags 4 Uhr, findet in Treptow eine Besichtigung des astrono- mischen Museums, sowie Erklärung des Riesensenirohrs durch den Direktor Herrn F. S. A r ch e n h o l d statt. ZsttS de» Nachbarorte»». Stadtrath Samtcr in Charlotteiiburg, gegen dessen Wieder- wähl zum stellvertretenden Vorfitzenden des dortigen Gewerbegerichts ein Theil der Beisitzer in einer Petition an den Magistrat Einspruch erhoben hatte, der trotzdem aber von der Stadtverordneten-Versaminlung mit großer Majorität wiedergeuählt worden war, hat die Wahl abgelehnt. In einem Schreiben an die Versammlnug spricht er derselben seinen Tank ans für das ihm beiviesene Vertrauen und bezeichnet die Verdächtigung seiner Unparteilichkeit als Richter als eine ans der Luft gegriffene, jeder thaksächlichen Unterlage entbehrende, böswillige Erfindung. Wenn er trotzdem glaube, die auf ihn gefallene Wahl ablehnen zu sollen, so bestimme ihn dazu der Umstand, daß er eine gedeihliche genieinsame Arbeit als ausgeschlossen erachten müsse, nachdem ein Theil der Beisitzer es für angezeigt gehalten habe, gegen seine Wiederwahl, zu»! theil ohne überhaupt jemals mit ihm zusamineii thätig geivesen zu sein. Ein- spruch zu erheben. Ei» brutaler Nebcrfafl wurde am Sonnabend Abend auf der Verliii-Potsdamer Chaussee bei Klein-Glienicke ausgeführt. Ter Bierfahrer Quast von der Müller'schen Brauerei in Potsdam fuhr etwa gegen?>/« Uhr von Berlin die Chaussee entlang. Als er im Begriffe war, sich«ine Zigarre anzuzünden, wnrde ibm von hinten der Hals zusammengeschnürt. Er merkte, daß zwei Männer sich mit ihm zu schaffen machten, dann verlor er die Besinnung. A» der Glienicker Brücke wnrde das führerlose Gespann dnrch einige Männer anfgehalleii. Man fand Quast besinnungslos gegen den Vordersitz gelehnt, mit durch die Pferdeleine zusamurengebundenen Armen. Die Füße waren ihm mit einer Wagenkette über den Läugsbauni ge- bunden. I» seinem Munde steckte» ein Paar wollene Fanslhand- schuhe, die er zuvor iu der Tasche gehabt Halle. Erst allmälig kam Quast zur Besinnung. Die beiden Männer hatten es ersichtlich aus eine Beraubung des Quast abgesehen. Dieser halte aber das iu Berlin einkassirte Geld, etwa 290 M., iu eiueu Stiefel gefleckt, so daß seine Umhängetasche, in welcher sich nur einige Würste ic. be- fanden, für die Wegelagerer keinen Werth hatte. Man glaubt, daß diese zwei ans der Brauerei entlassene Arbeiter sind. Eine Einsiedlerin fanden Ausflügler am Sonntag Nach- mittag im Tegeler Forst. Tie Frau, die noch leichte somnier- liche Kleidung trug. Iah ziemlich heruntergekoinnicii und elend ans und war infolge einer schweren Erlälluug fieberkrank. Ihren An- gaben nach ist die Einsiedlerin die 41 Jahre alte Frau Auguste Wolter geb. Scholtz aus Kleinsriede a. d. Leine. Unglück- liche Eheverhätlinsse veranlaßten sie vor vierzehn Tagen, ihr Heim zu verlassen und sich nach Berlin zu begeben. Hier völlig fremd, wanderte sie planlos umher und kam so nach dem Tegeler Forst, in dem sie bis gestern ein Einsiedleilebe» führte. Ihre Nahrung bestand während der ganzen vierzehn Tage lediglich ans Früchten, Wurzeln und Kräutern, die sie im Walde fand. War die Unglückliche schon infolge dessen körperlich sehr ent- krästet, so halte» sie noch mehr die Unbilden der Wilterung mit- genommen. So lange die Sonne noch einigermaßen Wärme spendete, ging es noch an. Gegen die naßkalte Wiltermig aber gewährte die leichte Kleidung auch nicht entfernt genngenden Schutz, zumal in den rauhen Nächten. Die Kleider wurden schmutzig und fingen an, zu reißen, und je mehr der Körper der Pflege und Reil» iichkeit entbehrte, um so geringer wurde nach und nach seine Widerstandskraft. Als endlich die unausbleibliche Erkältung eintrat und Fieber sich hinzngesellle, sab die Frau sich gezwungen, sich wieder Menschen anzuvertrauen. Die Leute, die sie fanden, brachten sie auf das Tegeler Amt, und dieses fährte sie gester» einem Berliner Krankenhanse zu. Wenn auch die Einsiedlerin augenblicklich stark angegriffen ist, so ist alle Aussicht vorhanden, danerndeu Schaden von ihr abzuwenden. Eine gut« Kraukeuhaiis- pflege wird ihr voraussichtlich in nickt allznlauger Zeil die Gesundheil wiedergeben. Ihr Mann, den sie verlassen hat, soll Handiverksmeisler in Hannover sein. Taö„Königliche meteorologische Institut" wird am 16. d.M. in der Gedenkhaiie des Geodälijcheii Justitnls zu Potsdam sei» bOjähriges Jubiläum feiern. Geviitzks-IerkttttA. Unter der Anklage der verlenuiderischen Veleidignug stand heule der Lieutenant a. D. Charles l a Q u i a n t e vor der VII. Strafkammer des Landgerichts l. Der Zlnklage liegt folgender Sachverhalt zu gründe: Im Jahre 1895 verlobte sich die Wiltwe Landrö, die Jnbaberin der bekannten Weißbier-Branerei, mit dem Angeklagten. Das Paar.hatte damals i» Salow Sommer- aufeuthall genommen. Dem Angeklagten fiel eS auf, daß seine Braut häufig nach Berlin fuhr. Ueber den Grund hierzu befragt, erklärte Frau Laudrö, daß sie ihren ersten Braumeister, von dem das Wohl des Geschäftes abhänge, eullasseu müsse. Sie soll, wie der Angeklagte behauptet, ihm erzählt habe», daß seit lauger Zeil Durchstechereien zwischen dem Braumeister und de» Steuer- beaiuleu staltgefuiiden hätte». Weu» die letztereu die Mühle, in ivetcher das Malz gemahlen werde, nach der unter ihrer Aufsicht stattgehabten Eiuschütlung des MalzeS geschloffen hatte», solle der Braumeister mit ihnen Bier getrunken haben und während dieser Zeit soll die Mühle wieder geöffnet und eine größere Menge Malz hinei»- geschüttet worden sei». Diese Skenerhinterziehnugen seien jetzt Gegen- stand eines in der Nachbarschaft umlaufenden Gerächtes geworden »nd wenn sie zu Ohren der Steuerbehörde kämen, könne die Brauerei zu gründe gerichtet werden. Da der Braumeister sich außerdem eine eigenmächlige Handlung habe zu schulden koinmen lassen und da mehrfach Klagen über das Bier eingelaufen seien, so müßten die letzteren Thalsnchen als EnllassungSgruud gelten.— Thatfächlich ist der Braumeister bald nach dieser angeblichen Untemdmig entlassen worden. Im Oktober l8S5 wurde die Ehe zwischen der Frau Landrv und dein Angeklagten geschlossen. Das Zusammen- leben war ein so unglückliches, daß bereit? nach iveuiaen Monaten die Scheidung angestrebt wurde, welche im September 1896 er- folgte. Als Rechlsbeistand für Frau Landrö fungirte der Jnstizrath Kleinholz. Derselbe erzielte eine Einigung zwiscken den Parteien dahin, daß der Angeklagte, der sich eine neue Existenz gründe» mußte, eine Entschädigungssumme von 69 OVO M. erhalten sollte. Inzwischen halte Frau Landrö dem Jnstizrath Kleinholz mitgetheilt, daß ihr Ehemann sich zwei Kästchen angeeignet habe, welche Papiere und Erinnerungen anS früherer Zeit tnthielten. Es liege ihr daran, wieder in den Besitz ihres EigenthumS zu ge- lange». Justizrath Kleinholz machte darauf die Auszahlung der 69 990 Mark davon abhängig, daß der Angeklagte die Papiere herausgeben und«ine schriftliche Verpflichtung unterschreiben solle, bei einer Konventionalstrafe von 19 990 Mark nichts gegen seine geschiedene Ehesran oder gegen die Landrö'sche Brauerei zu unter- nehmen. Der Angeklagte weigerte sich anfangs, ging dann aber auf die Forderung ein. Er hatte aber doch seinem Vater von dem Gerücht Mittheilung gemacht, wodurch seine Stellung alS Leiter der Brauerei unmöglich werde. Dadurch erhielt auch der Amts- richter Dr. Beringuier, der Schwager des Angeklagten, Kenntniß von den angeblichen Hlenerhinterziehiiiigen und t» seiner Eigenschaft> als Amlsrichter hielt er es für seine Pflicht, der Provinzial-Steuer- behörde Anzeige zu machen. Es fanden nnifangreiche EnniltelnNgen statt, die aber nichts ergaben, wodurch die Wahrheit des Gerüchts bestätigt wnrde. Tie Bücher der Lnndre'schen Brauerei wurden geprüft und es zeigte sich, daß die Anzahl der eingekaufte» Zentner Malz mit der zur Versteuerung angemeldeten übereinstimmte� Da eine Hinterziehung auch nur im Einverständutsse mit den Aufsichts- beauuen hätte vorgenominen werden können, so stellte die Sleuerbetiörde namens ihrer Beauiten, die in der Landrö'sche» Brauerei Dienst ge- habt hallen, gegen de» Verbreiter des Gerüchts, den Augeklagten, Strafantrag wegen verlenmderischcr Beleidigung. Ter Angeklagte, welcher vom Rechtsanwalt Holz vertheidigt wurde, blieb dabei, daß er au die Wahrheit des Gerüchts habe glaube» müssen und nahm vor allen Dingen de» Schutz des§ 193 für sich in Anspruch. Der frühere Braumeister der Landrö'schen Brauerei soivie ein früherer'Arbeiter, welche gleichzeitig eiillassen sind, verweigern die Beantwortung der Frage, ob Durchstechereien mit den Beamten in der Brauerei vor- gelommen feien. Auch im übrige» fiel die Beweisaufnahme für den Angeklagten so günstig aus, daß der Slanisanwalt die Freisprechung bcaulragle, auf ivelche der Gerichtshof erkannte. Bezeichnend für nnsrre soziale» Verhältnisse ist eine Privat- beleidignngsklage, ivelche gestern in der Berufungsinstanz die achte Straskammer des Landgerichts I beschäftigte. Gegen seinen früheren Unternehmer, den Fabrikanten Arthur Rödecker halte der Leder- arbeiter K. ans Anlaß eines noch näher zu erörternde» Vorfalles die Privatbeleidigungsklage angestrengt; das Schöffengericht hatte zwar den Thalbcstaud für erwiesen erachtet, dem Beklagten jedoch den Schutz des s 193 des Strafgesetzbuches(Wahrung berechtigter Interesse») zugebilligt und ihn freigesprochen. Gegen dieses Urlheil legte der Privalkläger Berusni g ei». Der Thatbestaud wurde in der Berufuilgsinstanz ähnlich wie vor dem Schöffengericht festgestellt. Danach hat der Kläger von Ansaug Januar bis Ende April dieses Jahres in der Galanterie- und Lederwaaren- Fabrik des Beklagleu gearbeitet und im Laufe der Zeit 55-V7 M. Vorschuß erhalleu. Wie der Kläger hierzu ausführt, ist der Lohn so gering gewesen, daß er damit mit seiner Familie nicht auskomineil konnte, sondern auf Vorschüsse angewiesen war. Zu den allen Vorschüsse» ließ sich der Privalkläger am Sonnabend, de» 24. April, noch einen Vorschuß von 15—29 M. geben; er begründete dieses Verlangen damit, daß er sich Arbeit nach Hanse mitnehme», seine Frau ihm Helsen und er so bald im stände sein würde, die Vorschüsse zurückzuzahlen. Als er jedoch nach Haute kam und von dem neuen Vorschuß erzählte, erklärte seine Frau, daß sie bei dem unzureichende» Wocheulohn und den ewigen Vorschüssen nur immer tiefer in Schulden hiueinkämeu; es ginge so nicht weiter, deshalb solle er die unzureicheud bezahlle Arbeit iu der Fabrik niedkr- legen und mit ihr gemeinsam zu Hause arbeiten, wobei sie mehr verdienen würden. Der Kläger mußte seiner Frau Folge leisten; infolge dessen helle er am Montag, den 26. April d. I.. sei» Handwerkszeug ab und kehrte nach der Fabrik nicht mehr jiuiicl. Am 1. Mai d. I. suchte der Kinger seineu früheren Arbeit- geber auf, um sich mit ihm zu einigen, fand aber einen recht üblen Empfang Der Beklagte wies ihn zunächst von seinem Pult, an welches sich der Kläger lehnte, hinter den Ladentisch; dann erklärte er ihm, daß er ihn wegen Betruges bei der Staats- aiiwalllchaft denunzirt habe(eine Anzeige, welche seitens der Staatsanwaltschaft als unbegründet zurückgewiesen wurde). Er fügte die Frage hinzu:„Sie sehen doch vollständig ein, daß Sie mich betrogen habe»?" und nannte den Kläger direkt eiueip„Betrüger". Er wies ihm dann die Thür und warf ihn schließlich, als dieser nicht ging, mit Gewalt hinaus. Nach der Behauptung des Klägers soll der Beklagte ihn auch noch„Lump" und„Strolch" genannt und ihm eine Ohrfeige versetzt haben. Da jedoch die Aussagen der Zeugen in diese» beiden Punkten einander sehr widersprachen und der Beklagte leugnet, wnrde nach dieser Richtung hitz eine Feststellung seitens des Gerichtshofes nicht getroffen. Ter Gerichlshof hielt bei den Widersprüchen der Zeugen nur für erwiesen, daß der Beklagte zum Kläger sagte, dieser habe iß" be' trogen. Zu seinen gnnsten werde angeuoininen, daß er mit Rücksicht auf die plötzliche Arbeitsniederlegung seitens des Klägers nach kurz vorher erbetenem Vorschuß wirklich daran glaubte. Soweit wäre es gut und die Sache erlebigt gewesen; der Beklagte habe jedoch noch das Wort„Betrüger" hinzufügt und dieses Wort sei ein Schimpf- wort, welches ausdrücklich unter jenen aufgeführt ist. ivelche den Schutz des§ 193 des Strafgesetzbuches ausschließen. Daher mußte das erstinstiinzliche Urtheil nnfgehoben werden llnler Berücksichtigung ulier Umstände sei jedoch nur aus 19 Mark Geldstrafe erkannt worden. T em G astw lrth Cro nhcim in Wirunsken an der polnisch-russischen Grenze war die Konzession enlzogen worden, weil er ohne die dazu erforderliche Erlaubniß russischen Ansivanderern Billets nach Amerika und Australien besorgt hatte. Tie Polizei- und der Bezirksausschuß machten ihm außerdem zum Vorwurf, die Ausivanderer beherbergt zu habe». Auch fand man es ungehörig, daß er und seine Familie ben einzigen Schankraum als Wohn- und Speisezimmer benutzten. Der dritte Senat des Ober-Verwaltungsgerichles gab jedoch in seiner letzte» Sitzung dem Manne die Konzession wieder. Wegen mierlanblen Vesörderns von Auswanderern könne eine Schank- konzelsioii nicht znrückaenomine» ivcrdeu. Und die andere» Gründe seien schon gar nicht stichhallig. In einei» neuen Haberei Prozeß, der am 8. Oktober vor dem Landgericht M ü»che» II verhandelt wnrde. sind 32 Angeklagte zu Gesängnißstraseu von 1 Jahr bis zu 3 Monaten herab ver- urlheilt worden._ Verpamnrsuttgen. Die Stellung der ethische« Bewegung zu den Tageöfeage« war das Thema einer gut bcsnchle» öffeiiltichen Versamuilung. die ans Anlaß des am Soiiunbend und Montag abgehaltene» Delegirten- tages der Deutschen Gesellschaft für elhische Kultur am Eoniitag im Konzerlhaule staUsand. Professor S t u n d i» g e r- Worms referirte über die Stellung der ethischen Bewegung»um Klassenkampf. Er vertrat die Ansicht, daß der von Karl Marx aufgestellte Satz: Die Geschichte der Völker ist eine Geschichte der Klnffenlämpfe. nicht für all, Fälle zutreffe, sondern nnr so verstanden werden könne. daß jeder wirthschaftliche Forlschritt durch Klassenkämpfe herbeigeführt worden sei. Auch gegen- wärtig stehe wieder ein wirihschaftliches Problem am Horizont. Es werde aber nicht erreicht werden, indem nur«ine Gruppe des Volkes oasiir kämpft. Ueber dem Klassenkampf— dessen Vorhandensein Redner nicht leugnen wolle-- müsse die Erkenntniß stehen, daß«r auszukämpfen fei auf dem gegebenen historischen Bode» der Ver- fassiing. Damit weisen die Ethiker sowohl jeden Staatsstreich wie auch jeden Umsturz von unten zurück. Dr. P e n z i g, der über die Stellung zur Volkserziehnng referirte. führte aus: Die bisherige Erziehung sei eine verfeblte, sie habe die verschiedenen Bolksklassen einander entfrenidel. Um eine Verständigung derselben herbeizuftihren, müsse die Schule eine solch« sein, in der die Jugend aller Stände und Volksllassen gemeinsam unterrichtet und erzogen werde. Ferner müsse das Fort- bildiingswesen derart gestaltet sein, daß es jedem Einzelnen möglich sei, sich das höchste Maß von Bildung anzueignen. Ten dritten Vortrag hielt lltechlsanwalt Dr. Rothe über die Stellung zur Strafrechtsreform. Er trat dafür ein, daß das Alter der Strafmündigkeit nicht mit vem 12., sondern mit dem 14. Lebensjahre beginnen soll«. Jugendliche Verbrecher, die ans mangelnder Einsicht gehandelt haben, seien einer Erziehungsanstalt zu überweisen; habe der Richter aber die vorhandene Einsicht festgestellt, dann könne uns eine kurze Gefängnißftrafe erkannt werden, die jedoch nichts in Gemeinschaft mit erwachsenen Sträflinge» verbüßt werden dürfe. Gegenüber solchen Menschen, die gelegentlich ein Verbrechen be- gehen, sei die bedingte Verurtheilung anzuwenden. Vor rückfälligen, unverbesserlichen Verbrechern geschützt zu werden, habe die Gesell- schaft ein Recht. Die Aufgabe des Staates sei aber nicht mit der Bestrafung der Verbrechen erfüllt, sondern, da die meiste» > Verbrechen und Laster als sozial« Krankheilserscheinungen auf' »»fassen seien,»nd sich anZ den, Milien der betreffenden Pe,so»ni erklären, so habe der Staat die Pflicht, soziale Refornien dnreiijnfuhrcn und die Mensche» vor physischen, und»ivralischein Berkoinnien zn beivadren. Hieraus reierirte Dr. Jastrow über die Stellung der Ethiker zn Slreiks»nd Anssperruugen. Seit die geiverblichen Älrbeiter das Koalitionsrecht habe», sei wiederholt versucht worden, ethische Mo- niinte für den gewcrkschasllicheii Kampf geltend zu mache», indem man gesagt bade, es handele sich bei einem Streik um die Hebung der Lage der Arbeiter, n»d hätten daher die Elhiker Partei zn ergreifen für diejenigen, die ihre Lage heben wolle». Redner sei nicht ohne weiteres dieser Meinung. Das höchste, was ma» unter den gegebenen Verhältnissen verlangen könne, sei ein Eintrelen für volle Gleichberechtigung der Arbeiter mit de» Arbeit- gebern. Es liege vom ethischen Standpunkte ans keine Veranlassung vor, zu Streiks»nd Zlnssperrungen an sich Stellung z» nehmen. In der Regel werde sich der Elhiker neutral verhalle». Wenn d>.' rn>i Hanger der ethischen Bewegung ausnahmsweise zn einen. Stren Siellnng nehmen, so könne das»nr geschehe» mit Rücksicht auf die Mittel, mit denen der Kampf geführt wird. So habe beispeilsweise die ethische Beivegnng zum Hamburger Streik deshalb Stellung ge- nomine», weil die Unternehmer jede Verhandlung vor einem Schieds- gerichl ablehnten und, indem sie die Zlrbeiler zur unbedingten Unter- werfung zu zwingen suchten, de» Kampf mit Gewaltmittel» führten. Wenn bei Streiks oder Aussperrungen die Interessen der Neutrale» verletzt werden, habe der Ethiker ebenfalls Veranlassung, sich mit der Sache zn befassen. So beispielsweise als beim Hamburger Sireik die Gefahr drohte, daß der Hamburger Hafen gesperrt werde, niid nicht mehr allein die Interesse» der ain Kampf betheiligte» Arbeiter und Unternehmer, sondern die Interessen des gesannnten Volkes in Frage konimcii. Da die niedrigen Löhne der Arbeiterinne» diese nicht selten zwingen, eine» niisitiliche» Nebenerwerb zu suche», so werde es sich bei einen, Streik, dm Arbeiterinnen um Erhöhung I ihres niedrigen Lohnes führe», auch zum theil um eine Frage der 1 Sittlichkeit Kandel». Aber auch für männliche Arbeiter fei bei einem gewissen niedrigen Niveau des Lohnes eine streng sitt- liche Lebensführung nicht möglich. Redner erinnert daran, daß ein Sinken der Lebenshaltung des Arbeiters mit einer Zunahme der Eigenthumsvergehen Hand in Hand gehe. Solche Umstände könnte» den Ethiker auch veranlassen, zu einen, Streik Stellung zu nehmen, ebenso, wenn eS sich ttin hygienisck>« Forderungen handele, wie bei», Fensierftreik der Töpfer. Bis jetzt habe die ethische Bc- wegung erst in verhältnißinäßig sehr wenig Fällen in einen Streik eingegriffen. Wenn sie sich dabei auf die Seile der Arbeiter stellte, so sei das nicht ans Parteilichkeit geschehe», sondern deshalb, weil die Arbeiter in den Fällen die öffentliche Meinung für sich hatte». Wo die öffentliche Meinung den Arbeitern nicht recht gebe, sei ein Eingreifen überflüssig, weil die Arbeiter in solchem Falle selber de» Kampf beenden. Das beweis« der soeben beendete i Formerstreik. Redner wolle nicht entscheiden, ans wessen Seite das 'Recht war; aber als sich die Slreikeuden vor der öffentlichen Meinung ins Unrecht gesetzt sahen, hätlen sie ohne weiteres die Waffen gestreckt. Es wäre wünschenswerth, daß wir eine starke öffentliche Meinung hätte», die sich bei gewerkschaftlichen Streilig- keite» ausspricht. Damit dies ohne sensationelle Rncksichtc» auf die Arbeiter, die ja in der Regel der schwächere Theil sind, geschehe» könne. feie» starke Arbeiterorgaui- sationen»öthig. Diese seien daher nicht— wie man sie oft nenne— Kampscsorganisalioiicn, sondern ein Mittel zu», soziale» Frieden. Den letzten Vortrag hielt Frau Marie Stritt ans Dresden über die Fcanenfrage. Obwohl die Sozialdemokratie zur Frauenfrage einen viel konsequenteren Standpunkt einnehme, wie die bürgerliche» Parteien. könne der Sozialdemokralie der Vorwurf einer einseitigen Behandlung dieser Frage nicht erspart werden. Die wirthschaftliche Befreiung bedeute noch nicht die sittliche und geistige Freiheit. Diese werde erst herbei- geführt durch Verwirklichung des Programms der ethische» Be- ivegung, die über allen Parteien steht. De» Vorträgen folgte«ine kurze Diskussion, die nichts Bemerkensiverthes bot. »Poewo«", verein sür voltSIHiimliche Wissenschalt. Heute Abend» Übe bei Heulet, Brunnenslrobe ,7«: Sitzung mit Borlra» de» Herrn Warlchaweli i .Der Arb-tterfchutztongreß in Zürich." DiSlusston. Säfte stet« wtlltommcn. Zlereln fiir Körper- und ziaturhellftuiid«. Heute, abend« S); Nhr, Orantenstr. dl i Anatomischer LichlbUder-Bortrag über: Lungen- und Magenleiden vom piält. Natuvhetilandigen Herr» O. Srundmann. Säst« wllltouunen, Briefkasten der Redaktion. Wir dlUen, bei jeder Anirage«Ine llhiftre lzw-i Buchstaben oder eine gahlj auzugebe»,»nler der die Antwort ertbeilt werde» soft. Die juristische Sprechsinnde findet Montag. Dienstag nnd Sonnabend von 7 bis 8Ve»br statt. Zwei Wettende. Wieviel Bismarck für die Ueberschwemmten zeichnete, wissen wir nichts dies dürfte auch die Mitwelt wenig angehen. � Wettende 201. Das Tabalslollegimu bestand unter Friedrich Wil- Helm I., dem Vater Friedrichs II. Brachwitz. Prmzenstr. 95. W. Möller's Verlag. K. N. Gegen das„Kleine Journal" poleiuisireu? Aber wir bitten Sie! Briefkasten der Expedition. Modelltischler. Bei sämnitlichen ö gespaltene Kolonelzeile mit L0 Pf. berechnet. Vereinsanzelgm wirb die Wrttcr-Prognose fiir Tirustng, dc» 12. Oktober I8S7. Zeilweise heiter, vorherrschend wolkig mit Regeufällen und ziemlich frische» westlichen Winden; Temperatur ivenig verändert. Berliner W e t t e r b u r e a u. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Ncdattion dem Publikum gegenüber keinerlei _ Bera»t>vort»»g._ Dienstag, den 12. Oktober. Opernhaus. Die Walküre. Anfang SV, Uhr. Schauspielhaus. Die Journalisten. Anfang 71/2 Uhr. Neues Oper»- Theater(Kroll). Salvatorello. Anfang 7Vz Uhr. Deutsches. Agnes Jordan. Anfang 7-/2 Uhr. Berliner. Renaissance. Anfang 7-/2 Uhr. Goethe. Die Tyrannen des Glücks. Ansang 7V2 Uhr. Lessiiig. Madame SanS-Gsne. An- fang 7V2 Uhr. Neues. Aschermittwoch. Vorher: Lieb' im Spiel. Ansang 7»/, Uhr. Residenz. Die Einbernsung. An- fang 71/2 Uhr. Schiller. Die Geschwister. Clavigo. Anfang 8 Uhr. Uuter dc» Linden. Pariser Leben. Anfang 7V2 Uhr. Luisen. Der große Wohlthäter An- fang 8 Uhr. Thalia. DaS Krokodil. Anfang TVi Uhr. Ostend. Jugeildbronnen. Ansang 8 Uhr. Central. Berliner Fahrten. Anfang 71/2 Uhr. Friedrich. Wilhelms, ädtische». Das Zeichen des Kreuzes. Ansang 8 Uhr. stllexauderplatz. DaS LiebeSdrama einer Sängerin. Anfang 8 Uhr. Reichöhallen. Spezialitäten. An- fang 7V, Uhr. »lpollo. Spezialitäten. Ans.?,/, Uhr. Feeu-Palast. Spezialitäten. Passage< Pauoptiknui. Indisches Dorf._ (WaNner-Theater). Dienstag, abends 8 Uhr: Die Ge- schwister. Clavigo. Mittwoch, abends 8 Uhr: Ei» Tropfen Gift. Donnerstag, abends 8 Uhr. Zum ersten Male: Das Stärkere. Iinissn-Tdeater 34. Reicheubergerstraße 34. AbendS 8 Uhr. Zum 2. Male: Der große zvohlthater. Volksstück mit Gesang in 6 Bilden: von H. Willen. Musik von R. Bial Morgen, Mittwoch: Wilhelm Teil. Direkte Berbindulig mit dem Theater- Elektrische Bahn: Dönhoffplatz— Rcichenbergerstraße in 10 Minuten. Geiiti'sI-TMi' Klte Jakobstr. 30. Direktion Richard Schnitz. Dienstag, den 12. Oktober 1897: Kmil Thoniao a.&. Zun» 39. Male: Berliner Fahrten. BurlesleAusstattmigspossemitGesang »»d Tanz i» K Bildern von Julius Freund und Wilhelm Mannstädt. Musik von J»l. Eiuödshoser. Aufang V-b Uhr. Morgen und die folgenden Tage: Berliner Fahrten.__ Ostend-Theater. Gr. Fraulfurlerstr.132. Dir. C. Weiss. Borletzte Woche! Zum 2S. Male: Jttgendbrom»en. Anfang 8 Uhr. Morgen, zum 27. Male: Jugend- bronueu. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Unsere Reichspost. Kleine Preise. Volks- Vorslcllung._ Concerthaus Iielpziccrotr.Sfo.48. W Täglich:"VQ üoffmann's Quartett und Humoristen. Heute Ansang 8 Uhr.„ 1 R-mg u. Loge 1 M., Sperrsitz M+ i Entree und 11 Rang 30 Pf. Urania Taiihcnstrazze 48—40. Katurknndl. Ausstollung täglich geöffnet von 10 Uhr vonniltags ah, Eintritt 50Pf.— Abends 8 Uhr Wissenschaftl. Theater. Invalidcnstrasse Sfo. 57, 68: Täglich(ausser Sonntags und Mittwochs) abds. 8 Uhr: Wissenschaftliche Vorträge. Näheres die Tagesanschläge! Castan's Fanopticum. Friedrichstr. 165. 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Oktober, abcndS 8 Uhr, im Saale der Schlofi- Brauerei Schöiieberg, Hanptstraste III 113: Gr. oMtliche WM-UtrsauttullMg füv Mäuuvv und Jsvuueu. .„., TägeS-Ord» uug: . rieht von, Parteitag. Neferent: Fritz Znbcil. ?> Dsskussio». 3. Bericht und Neuwahl Vom Vertrauens inaun und der Lokalkommlisloii. 1177b »öth��� Erscheinen zu dieser wichtigen Versammlung ist unbedingt Der Bertrauensmaun: EiniljNaue. SosilZldemokrattscher Wahiverein fnr de» L Drrlittkr Reichstags-Mahlllms -(Osten). Dttttstag» den 13. Oktober 1897, abends 8 Uhr, bei Baase, Grofic Fraukfurterstrnhe 117: Eenei'sS» , T a g e Z- O r d n u n g: 243/10 . Vortrag des Reichstags- Abgeordneten Genossen F. Knnort.— 2 Geschäfts- und Kassenbericht.- 3. Wahl des Vorstandes.- 4. Wahl der Revisoren._._ Oer Vorstand. ZlniaiiMlwilraMtt Madloernii siir de» 4. Bkrl.Rcichgt»gg-MiliIj>rclg-Jß>. Oienstag, den 13. Oktober, abends 8Vz Fbr, in, Fokal des Herrn Brüder, Waldemnrstrasse 75: Ordkiitlilhe ifttf ml- VtrsmiMiig. T a g c s- O r d» u g. I. Vortrag des Genossen It. Billarg über: ncheningsgesctz". 2. Diskussion. 3. Gcschastsbericht 4. Neuwahl des Vorstandes und der Revisoren. 5" 243/15 „Das Uufall-Ver- des Vorstandes. . Vcreinsangelcgenheiten. Oer Vorstand. beutsobvr llokardeiter-Vörbiwä. (Zahlftelle Berlin.) kpanvke k'spkvIlboNenIegep. Mittlvoch, den 13. Oktober, abends 8-/2 Uhr, bei Znbeil, Lindcnstr. 10«: Sitzung der Werkstatt-KontroUkoinniissio» mit den Bcrtrancuslcuten. Tagesordnung: Die Bezahlung der Parkettbodeuleger in der Firma D a u: k e, durch den Zlvischeumeister Peter. Verschiedenes. 300/6 Deutsch. Metallarfaeiter-Verbanli (Ycrwaltnngsstclle Berlin). Am Mittwoch, de» 13. Oktober, abends 8»/. Uhr. im Lokale dcS Herrn liantenberg. Oraiiicnstraste 180: Bezirks-Versammluug für Süd-Ost. T a g e s- O r d n u n g: 1. Vortrag des Genossen Or. Hermann über:„Die Ernährung des Menschen". 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten und Vcr- schiedenes.— Um zahlreiches Erscheinen ersucht 161/6 MejBrtsverivaltnng. Fachverein der Stellmacilier Berlins nnd lliiigcgcnd. Donnerstag, den 14. Oktober, abends Sl/2 Uhr, Nosenthalcrstraste 57: W?" Geueral-Bersammluttg. T a g e s-- O r d n u n g: 1. Abrechnung vom 3. Quartal 1897. 2. Stellungnahme zum Anschlust an die Geschäfts- Komniission' der Vertrauensmänner der zentrallsirten Gewerkschaften Deutschlands. 3. Vereinsangelegcnhciten und Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 209/2 Oer Vorstand. Achtung, Schuhmacher! Mlttwocli, den 18. Oktober, abends 8 Uhi% Im liOkale ,Kttnlgsbank*% rosse Frankfnrterstrnsse 117; Oeffentliche Versammlnug. .Tagesordnung: I. Bericht nnd Abrechimng der Agitationsrommission. 2. Neuwahl der Kommission. 3. Berschiedencs. Die Kollegen werden ersucht, recht pünktlich und zahlreich zu erscheinen. 188/14 Tic Kommission: Gustav Nowag. Aclitimg, Kabitz-Putzer! Mittwoch, den 13. Oktober, abends 8 Uhr, im Lokale deS Herrn _ HoiTmann, Alexanderstraste 37c; Gkfft»tliche versammstnig."BG Tages-Orduungh 1. Bericht über die Durchführung unserer Bauipcrreu. 2. Diskusston. 1. Verschiedenes: 252/9 I. A.: Barl Vleke. Frauen- Vortrag mit anatomische» ZichMider» vom prakt. Naturheilknndigen«rnndmann. Mittwoch, den 13. Okt., abends 8Vz Uhr, Badstrafte IS. Nur Frauen willkommen. Eintritt 20 Pf. Verein kür Körper- und XatarbeilKunde, _ Alexanderstraste 8._ GUnzel, Lothringerstr. 52. Spezialität: Porträts sozialistischer Führer, Lassalle, Marx sc. in Eigarrenspihen, Pfeifen, Nadein, Brachen. Knöpfen. Büsten, Bildern u. dgl., sowie jede Drcchslcrivaarc u. Nepor.(Man Verl. Preiskurant.) Metter- Lttüullg«- Schule lasclstr. 10, vorn 11. Etage. Lehriilan für das 1Y. Quartal 1897. Der Unterrioht beginnt in Xational-Oekonomie, Mittwoch, den 13! Oktober; in Oesebiel, tc, Donnerstag, den 14. Oktober; und in Itcclitsknnde. Droitag, den 15. Oktober. Jeder Kursus erstreckt sich auf 10 Abende und beginnt pünktlich um V Ehr und endet pünktlich um Vzll EThr. 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