40 Big. Einzelpreis to. fir Groß- Berfin 50 Pfg. für auswärts . 5. Jahrg. Du Freiheit erichetni täglich zweimat, Sonntags und Montags nur einmal, Frauen- Welt und„ Der Jugends mit den Unterhaltungsbeilagen Freie Welt Genoffe. Der Bezugspreis beträgt bei reier Zustellung ins Haus monatlich 21.-M. ür den Monat Februar, im voraus zahlbar. Für Poftbezug nehmen sämtliche Unter Streifband bezogen für Deutschland; Postanstalten Bestellungen entgegen. anzig, das Saar und Memelgebiet sowie die früheren deutschen Gebiete Bolens und Luremburg 55.-M., für das übrige Ausland 73.- m. Ledaktion, Expedition und Berlag: Berlin C2, Breite Straße 89 Freitag, 24. Februar 1922 Nummer 94 Abend- Ausgabe Die zehngespaltene Nonpareillegeile oder deren Raum koftet 8.- M. einschließlich Inferatenftener. Kleine Anzeigen: Das fettgedruckte Wort 2.50 m., edes weitere Wort 1.75 m. einschließlich Inferatensteuer. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen Besuche 4.50. netto pro Zeile. Stellen- Gesuche edes weitere Wort 1.50. in Wort- Anzeigen: das ettgedruckte Wort 2.- M.. Fernsprecher: Zentrum 152 30-152 39 greiheit Berliner Organ ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands Die gleitende Lohnskala Bon Richard Seidel Das Problem der gleitenden Lohnstala wird lebhaft er örtert. Die unausgesetzte Steigerung der Preise zwingt die interessierten Organisationen und Behörden immer wieder . zur Beschäftigung mit der Frage, wie die Angleichung der Löhne und Gehälter an die Lebenshaltungskosten möglichst rasch und sicher zu bewirken ist. Die in den letzten Leuerungsjahren oft wiederholten Erörterungen dieser Frage zeigen zum mindesten, daß die bisher geübte Methode der Lohnfestsezung volle Befriedigung auf feiner Seite ausgelöst hat, so daß die Beteiligten nach einer besseren Methode suchen. Daß sie in der gleitenden Lohnstala zu finden sei, wird in Gewerkschaftstreifen noch lebhaft bestritten. Es fehlt ber Idee nicht an heftigen Gegnern, aber auch nicht an enthustastischen Freunden, die, wie uns scheint, beide fehlgehen. Den Freunden der gleitenden Lohnstala, die sich der Begeis sterung für die Joee hemmungslos hingeben, muß entgegengehalten werden, daß es eine trügerische Hoffnung wäre, wollte man glauben, die gleitende Lohnstala sei der letzte Schritt zum sozialen Frieden, das endlich entdeckte Heilmittel gegen alle sozialen Schäden. Dieser zum Glück nicht sehr perbreitete Glaube geht aus von der Vorstellung, daß die gleitende Lohnstala zu verwirklichen ist als ein einseitig von besonderen Behörden bedienter Apparat, der von Zeit zu Zeit Zahlen produziert, nach denen überall und gleich= zeitig die Löhne unweigerlich geregelt werden müssen. Es gäbe, so glaubt man, dann feine Möglichkeit und auch keine Notwendigkeit des sozialen Kampfes mehr. Ein derartig starres System ist undenkbar. Strenge und 3wang werden im sozialen Leben niemals regelnd, sondern ftets verwirrend und aufreizend wirten. Das ist im Falle ber gleitenden Löhne sofort klar, wenn wir nur einen Augenblid bedenken, daß es sich doch bei alledem letzten Endes um ben Menschen handelt, dessen Lebens- und Kulturspielraum unmöglich von einer Rechenmaschine bestimmt werden fann. Die Wirkung dieser Starrheit würde auch durch die Zerlegung des Reiches in eine Anzahl von Inderbezirken nicht wesentlich abgeschwächt werden. Auch sind die Vora u ssegungen für die Regulierung der Löhne in den einzelnen Industriezweigen viel zu verschieden, als daß eine zentrale Regelung mit zwangsmäßiger Wirkung durchführbar wäre. Diese starre Methode würde aber vor allem jeden Einfluß der Gewerkschaften auf die Lohnhöhe ausschalten. Das Bestreben der Gewerkschaften fann jedoch unmöglich darauf beschränkt sein, für die Sicherstellung der Notwendigkeiten des nadten Lebens zu sorgen. Es muß Darüber hinaus den Kulturspielraum der Arbeiterklasse zu erweitern suchen durch die Erringung eines wachsenden Anteiles am Produktionsertrag. Ein starres System der gedachten Art würde diesen Anteil für alle Zeit gleich niedrig halten. Das ist der erste der be= achtenswerten Einwendungen gegen die gleitende Lohnstala, die besonders von gewerkschaftlicher Seite erhoben werden. Auch er richtet sich, wie wir sehen, lediglich gegen ein als talten Mechanismus aufgefaßtes System. Er könnte also gegenstandslos werden, wenn es gelänge, das System seiner Starr mechanischen Wirkung zu entkleiden und mit den Wechsel der Umstände, die die Lohnhöhe mitbestimmen, in Einilang zu bringen. Ein zweiter wichtiger Einwand bezieht sich auf die Anwendung der gleitenden Lohnberechnung bei sintenden Lebenshaltungskosten. Stellt sich die mechanische Anwendung der Methode- ohne Rücksicht auf die besonderen Umstände in den einzelnen Produktionszweigen- schon bei steigenden Preisen als unmöglich heraus, so würde sie bei fallender Preisfurve geradezu aufreizend wirken. Solches Vorgehen würde zur Folge haben, daß die Arbeiterschaft von der Erleichterung der Lebenslage, die das Fallen der Preise allgemein zur Folge hätte, ausgeschlossen bliebe. Die Arbeiterschaft würde in dem Augenblick, da sie glaubt, nach der langen Qual einer auf die nackte Notdurft beschränkten Lebenshaltung au fat men zu fönnen, sofort zurückgestoßen werden in das alte ewige Grau einer aufs äußerste bedrängten Lage. Eine mit strenger Bindung mirtende Gesetzgebung dieser Art hieße nicht nur, das gegenwärtige Elend verewigen, sondern hieße geradezu, ein tultur und freudloses Dasein für das Proleta= riat zum Staatsprinzip erheben. Es erwartet wohl niemand, daß die Arbeiterschaft einen solchen Versuch des„ Lohnabbaues" geduldig ertragen würde. Ein derartiges Verfahren wäre aber auch darum besonders hart, weil bei einer starten Teuerung der Lebensspiel raum der breiten Massen ohnehin zunehmend eingeengt wird. Das heißt, in dem Augenblid, da nach langer Teuerung die Wendung zum Sinten der Lebenshaltungs fosten eintritt, steht die Kaufkraft der Löhne von Ausnahmefällen in zufällig begünstigten Produktionszweigen abgesehen am tiefsten. Gine sofortige automatische Sentung der Löhne würde auch darum unmöglich sein. Es ist daher der Vorschlag gemacht worden, mit der Verminderung der Löhne nach Maßgabe der sinkenden Inderziffer erst sechs Monate nach dieser Wendung zu beginnen und ben Lohn- und Gehaltsempfängern damit einen wirtschaftlichen Vorsprung zu geben. Eine Steuer zum Besten der Zechenbarone Neue Stinnespläne- Erhöhung der Kohlenpreise Das Handelsblatt der„ Bossischen Zeitung" berichtet über eine neue Erhöhung der Kohlenpreise, die zur Ausgleichung an die Weltmarktpreise führen soll, folgendes: Am tommenden Montag findet, wie wir erfahren, eine gemeinsame Sigung des Reichsfohlenverbandes und des großen Ausschusses des Reichstohlenrats statt, die über eine Erhöhung der Kohlenpreise ab 1. März Beschluß fassen soll. In welchem Umfang die Erhöhung vorgenommen wird, läßt sich mit Bestimmtheit noch nicht sagen. Jedenfalls sollen die neuen Preise möglichst bis auf die Höhe der Weltmarttpreise ge= bracht werden. Das Ausmaß wird von den morgen stattfindenden Lohnverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern abhängen. Letztere haben eine Zulage pro Schicht von 25-30 M. beantragt, und es steht noch nicht fest, ob diese Forderung von den Arbeitgebern voll bewilligt werden wird. Die Differenz zwischen Inland- und Weltmarktpreis beträgt zur Zeit im Durchschnitt 250-300 Mart pro Tonne. Diese Spanne wird bereits wesentlich verringert durch die am 1. März voraussichtlich in Kraft tretende, von 20 auf 40 Prozent erhöhte Kohlensteuer sowie durch die am gleichen Tage in Kraft tretende neue Frachttariferhöhung um 20 Prozent. Treten nun noch die neuen Lohnzulagen sowie die erhöhten Materialienpreise hinzu, so fehlt bis zur Erreichung der Weltmarktpreise nicht mehr allzu viel. Es sollen bei der neuen Erhöhung insbesondere die Stinnesschen Pläne Berücksichtigung finden, wonach den Zechen erhöhte Abschreibungssäge zu Neuinvestierungen zugebilligt werden sollen, um einem erhöhten Brennstoffbedarf voll genügen zu fönnen.. Daß, wie verschiedentlich verlautet, aus den neuen Eshöhungen bestimmte Beträge dem Reich zur Begleichung von Reparationsforderungen überwiesen werden, dürfte kaum in Frage tom men. Auch uns ist bekannt, daß Herr Stinnes unter Aufbjetung feines ganzen Einflusses und auch mit anderen Mitteln auf die Hinauftreibung der Kohlenpreise zur Höhe der Weltmarktpreise hinarbeitet. Sein Plan ist, die dadurch aus den Taschen der Konsumenten gezogenen Ueberschüsse zur Abteufung neuer Schächte und Verbesserung der Grubenanlagen zu benuken. Da die Erhöhung der Kohlenpreise durch Reichsgeseh erfolgt, würde dieser Schritt bedeuten, daß der Gesamtheit eine Steuer auferlegt wird, deren voller Betrag in die Hände der Bechenbesitzer übergeht, damit sie ihren Be fit vermehren und befestigen fönnen. Jm Handelsteil der Zeit", einem Blatte also, das Herrn Stinnes sehr nahe steht, werden die Angaben der„ Vossischen Zeitung" über die Kohlenpreiserhöhung im allgemeinen be= stätigt, und über die besonderen Absichten des Herrn Stinnes heißt es dort: „ Sierbei sei auch noch gleich die Nachricht richtiggestellt, die von einer Verwendung des Ueberschusses für die Abteufung neuer Schächte in Oberschlesien spricht. Schon lange geht der Wunsch, eine Rohlenpreiserhöhung zu erreichen, die nicht nur Damit würde erreicht werden, daß ein Teil der während der Zeit der steigenden Preisziffern gewonnenen 3ulage dauernd in den Lohn eingehen und erhalten bleiben würde. Wie groß dieser Teil aber wäre, das ist im Voraus nicht zu übersehen. Seine Größe würde abhängig sein vom Tempo der Preisverminderung. Ist es langsam, dann ist dieser Bestandteil der Zulagen, der dauernd als Einkommen erhalten bleibt, gering, und damit ungenügend, ist das Tempo lebhafter, dann ist der Bestandteil größer. Auch dieses Verfahren würde also nicht ausschließen, daß der Abbau der Löhne, wenn er nach sechsmonatiger Karrenzzeit einsetzt, drückend fühlbar wird und zu heftigen sozialen Kämpfen führt. Faßt man indes das Prinzip der gleitenden Lohnstala als ein ewiges auf, als eine Lösung des Lohnproblems, glaubt man, daß es, einmal eingeführt, überall und allezeit gleich zeitig Anwendung finden muß und finden kann dann ist es schwer, der Anwendung des Systems bei steigenden Preis sen zuzustimmen und es bei fallenben Preisen ab. zulehnen. Man darf die gleitende Lohnstala daher von vornherein nur als das nehmen, was sie günstigenfalls sein fann: als einen Notbehelf, geboren aus dem 3wang momentaner Umstände, nicht als ein allgegenwärtiges Gesetz. Der Gedanke der gleitenden Lohnstala hat einigen Anklang gefunden, weil die Umstände der Zeit uns zwingen, nach möglichst sicher wirkenden Methoden der Angleichung der Löhne an die Preise Umschau zu halten. Die gegenwär tig angewandten Methoden der Lohntarife mit ganz turzen Fristen sind kompliziert und ungenügend. Es ist offenkundig, daß sie bei aller Rührigkeit der Gewerkschaften für eine große Zahl der Arbeiter und Angestellten noch nicht einmal immer die rechtzeitige Angleichung der Löhne an die Preise für den notwendigen Lebensbedarf sicherstellen fonn ten. Meist folgte die Erhöhung der Tariflöhne den Preis: steigerungen erft in längeren oder fürzeren Zwischenräumen nach, während die Preisfurve ihren Weg zur Höhe inzwischen rüstig fortgesetzt hatte. Dieser letzte, schwer brückende Uebelstand fönnte durch eine gleitende Lohnberechnung beseitigt werden. Unter den die tatsächlichen Ausgaben deckt, sondern noch einen Ueberschuß e den weiteren technähen Ausbau der Zechen und zur Abteufung neuer Schächte übrig läßt. Bon einer Verwendung dieses Ueberschusses in Oberschlesien tann aber nicht die Rede sein. Die oberSchlesischen Kohlenreviere stehen in gar feinem Zusammenhang mit der übrigen deutschen Kohlenindustrie. Oberschlesien jetzt seine Kohlenpreise für sich fest mit Genehmigung der interalliierten Kommission. Ein Ausgleich mit den übrigen deutschen Kohlensyndifaten besteht nicht. Der Wunsch nach Erzielung von Ueberschüssen zur Abteufung neuer Schächte wird Jomit noch nicht in Er= füllung gehen. Die Abteufung eines neuen Schachtes fostet heutzutage rund 1 Milliarde Mark. Allerdings werden wir in nicht allzu langer Zeit doch vor die Notwendigkeit gestellt wer den, Mittel hierzu auf irgendeine Weise aufzubringen." Diese Mitteilung unterscheidet sich von der Darstellung der„ Vossischen Zeitung" nur insofern, als nach der„ Zeit" der Ueberschuß für den weiteren technischen Ausbau der Zechen und zur Abteufung neuer Schächte" in der gegen wärtig angestrebten Kohlenpreiserhöhung noch nicht enthalten ist. Für diesen 3wed erstreben die Leute um Stinnes also eine weitere Steigerung der Preise über das gegenwärtige Ziel hinaus. Die ,, Zeit" erklärt, die jetzt in Frage kommende Kohlenpreiserhöhung ,, wird vollkommen durch die Lohn- und Steuererhöhung aufgebraucht". In Wirklichkeit stehen die Dinge so, daß die Zechen au ch jetzt schon so ungewöhnlich große Ueberschüsse abwerfen, daß eine Verbesserung der Betriebsanlagen und das Schlagen neuer Schächte auch ohne die geplante maßlose Schröpfung der Konsumentenschaft möglich wäre. Das wird dadurch bewiesen, daß, wie verlautet, eine Reihe von Zechen in nächster Zeit mit der Abtelfung neuer Schächte beginnen wollen. Nur Herr Stinnes und die von ihm abhängigen Unternehmungen haben bisher alle Produktionsmenge Maßnahmen zur Vermehrung der systematisch sabotiert. Sie stellen sich so, als seien sie zu solchen Maßnahmen finanziell nicht in der Lage, um immer neue Kohlenpreiserhöhungen herauszuschinden. Wir hoffen, daß die Vertreter der Arbeiter in den maßgebenden Körperschaften sowie die Regierung die Situation richtig erkennen und die Pläne des Herrn Stinnes unter allen Ümständen durchkreuzen. Wenn schon die Ueberschüsse zur Erweiterung und Verbesserung der Grubenanlagen durch eine solche verschleierte Kohlenverbrauchssteuer aufgebracht werden sollen, dann dürfen die aus einem solchen Opfer der Gesamtheit geschaffenen Anlagen nicht Besitz einiger Schwerfapitalisten werden. Dieser Weg wäre eine unerhörte Herausforderung der Arbeitershaft, die eine Sozialisie rung der Gruben, aber nicht eine Stabilisierung der stinnesierten Kohlenwirtschaft Kosten der Gesamtheit fordert. auf gegenwärtigen Umständen, die zahlreiche Hemmungen der Aktionsfähigkeit der Gewerkschaften hervorbringen, würde also die Angleichung der Löhne an das jeweilige Preis, niveau für die lebensnotwendigen Dinge mit Hilfe der gleitenden Lohnstala schneller und sicherer erfolgen, als auf dem Wege über langwierige Einzelverhandlungen in den Tarifförperschaften. Mehr vermag die ses System allerdings nicht. Da aber die bisher üblichen Methoden der Gewerkschaften unter den gegenwär tigen Umständen noch nicht einmal dieses mit der gleichen Sicherheit zu erreichen vermögen, würde die Einführung der gleitenden Lohnstala, wenn wir ihre Anwendung auf diesen begrenzten Kreis ihrer Wirksamkeit beschränken, immerhin einen schäzenswerten Vortel darstellen. Das wenige, was die Arbeiterschaft mit Hilfe der Gewerkschaften jetzt durchsetzen kann, erreicht sie durch die gleitende Lohnstala in einer meniger umständlichen Weise und außerdem rechtzeitiger als durch Tarifverhandlungen. Die Jst so die Wirkung der gleitenden Lohnstala durch Natur der Dinge eng begrenzt, so muß auch ihre Anwen's dung in entsprechend en gen Grenzen gehalten werden. Auch die Bedenken gegen die Idee, die in Gewerkschaftstreisen und in der Arbeiterschaft bestehen, werden durch Erwä gungen dieser Art nicht sofort zu beseitigen sein. Es wäre daher falsch, das System der gleitenden Löhne auf gesetz= mäßigem Wege und zur gleichmäßigen Anwen dung auf alle Probuftionszweige einzuführen. Die Staatsgewalt muß auch hier und gerade hier, denn bei aller Sorgfalt der Ueberlegung bleibt die Einführung ber gleitenden Lohnstala zunächst ein Experiment den Gewerbschaften die Möglichkeit zu lassen, ihr Handeln in voller Freiheit selbst zu bestimmen. Die Einführung der gleitenden Lohnberechnung sollte daher nur auf dem Wege der tarifmäßigen Bereinbarung erfolgen und nur für die Dauer des Tarifes Geltung haben. Bei Abs lauf des Tarifes besteht dann die Möglichkeit, das System der Berechnung und den Grundlohn, von dem die Berechnung nach der Inderziffer auszugehen hat, zu ändern oder das Prinzip wieder zu verwerfen, je nach den Erfahrungen, die den Reichsverfehrsminister verwiesen wor feine Anwendung inzwischen gebracht hat. Auch Grelling den sei. Der Vorstand der Reichsgewerkschaft wird heute hat im Vorwärts" diesen Weg bereits vorgeschlagen. zu der Erklärung des Reichsverkehrsministers Stellung Damit wäre erreicht, daß die Erhaltung der Lohnhöhe aufnehmen. dem lebensnotwendigen Niveau auch ohne langwierige Verhandlungen absolut sichergestellt ist. Es bliebe den Gewerkschaften aber zugleich die Freiheit, nach Ablauf des Tarifes besondere Schritte zur Vergrößerung des Anteiles der Arbeiterschaft am Produktionsertrag zu unternehmen. Auf diese Weise entsteht aber vor allem auch die Möglichkeit, die gleitende Lohnberechnung nur für die Zeit der steigen den Preise anzuwenden, denn gegenwärtig geschlossene Tarife haben sicherlich nur für eine solche Zeit Geltung. Die Frage eines Abbaues der Löhne, die gewiß einmal an uns herantreten wird, kann der Zukunft und zukünftigen Tarifabschlüssen überlassen bleiben. Wir vermeiden damit, daß wir die Entscheidung über unsere Handlungen vorwegnehmen und uns binden für einen Zustand, dessen praktische Notwendigkeiten und Machtverhältnisse wir gegenwärtig noch nicht abzuschätzen vermögen. Aufgabe der Regierungsstellen wäre es nur, gemeinsam mit Gewerkschaften ein für alle annehmbares Berechnungssystem festzusetzen und für die laufende Errechnung der Inderziffern nach der vereinbarten Methode zu sorgen. Damit hätten sie den einzelnen Tarifgemeinschaften die Grundlage für ihre gleitenden Berechnungen zu geben. Ueberdies müßten die Behörden die Erfahrungen sammeln und nutzbar machen, die sich aus der Anwendung der gleitenden Lohnstala ergeben, und im übrigen sollten sie sich in die Regelung der Dinge so wenig wie möglich einmischen. Auffrischung des Steuerkompromiffes Wie berichtet. wird, begannen gestern nachmittag im Reichstag bie Beratungen von Vertretern des Zentrums, der Demotraten und der Sozialdemokraten, die der Auffrischung de's Steuerfompromisses dienen sollen. Von der Regierung nahmen Reichskanzler Dr. Wirth und Reichsfinanzminister Hermes daran teil. Der Reichskanzler mies auf die Notwendig feit hin, die Verhandlungen der Steuerausschüsse sobald wie möglich zu beenden und ersuchte daher die Parteien, ihre Besprechungen über das Steuerfompromiß während der Pausen des Reichs tags fortzusetzen. Auch der Entwurf eines Mantelgesetes für die Steuergesetzgebung lag den Parteivertretern bei ihren geftrigen Beratungen vor. Dieses Gesetz umfaßt auch das Gesetz über die Zwangsanleihe. Die Beratungen über das Mantelgesetz werden bereits in der nächsten Woche erwartet. Das„ Berliner Tageblatt", das sich als besonders gut unterrichtet zeigt, fügt hinzu, der Finanzminister Hermes werde in ber Frage des Mantelgesezes sich auch mit der Deutschen Boltspartei in Verbindung setzen. Man glaube, die Deutsche Bolkspartei werde die Konsequenzen aus ihrer früheren Zustim= mung zum Kompromiß auch bei der endgültigen FormuTierung und Verabschiedung des Gesetzes ziehen. Hermes und die Deutsche Voltspartei vereint, werden also dem neuen Steuerfompromiß den Stempel aufdrüden, womit man tm voraus weiß, wie es beschaffen sein wird. Groener und die Eisenbahner Groeners Auftreten ist in der Tat unerhört, und wir sind erstaunt, daß die Regierung fein Mittel findet, diesen Mann, der alle ihre Maßnahmen durch eigenmächtige Handlungen durchkreuzt, das Handwerk zu legen. Was jagen übrigens die alten Gewerkschafter dazu, die in der Regierung fizen? Was hält z. B. Herr Bauer von solchen Methoden des Umgangs mit organisierten Arbeitnehmern? Die Arbeiterschaft wenigstens der vertrauensseligere Teil derselben hätte von ihm erwartet, daß er solchem Treiben entgegentreten würde. Sollte sie eine Enttäuschung erleben? Spanische Hoflieferanten Wir wiesen schon in unserer heutigen Morgenausgabe darauf hin, daß die Begründung, die das Auswärtige Amt in Auslieferung der spanischen Syndikalisten gab und die sich auch der Reichsjustizminister Radbruch zu eigen gemacht hat, auf sehr schwachen Füßen steht. Eine ähnliche Auffassung vertritt auch die Bossische 3tg.", die recht Auffassung vertritt auch die Vossische 3tg.", die recht energisch gegen Herrn Radbruch Stellung nimmt: " ,, Das Gebiet strenger juristischer Beweisführung schreibt sie hat der Minister in einem Punkte wohl ein wenig verlassen, viel leicht verlassen müssen: bei der Erörterung der Frage, wann eine Mordtat politischen Charakter annehme. Der Minister vertrat die Anschauung es müsse der objektive Tatbestand eines„ ausgearbeiteten Hochverratsvorsages" gegeben sein, zu dessen Durchsetzung die Mordtat dienen soll. Nicht die politischen Motive, nur der politische 3 we at bestimme den Charakter. Diese Lehre ist, wie gesagt, bestritten. Aber man darf vielleicht die Frage aufwerfen, ob denn, selbst wenn man sich auf den Boden dieser Lehre stellt, nicht im vorliegenden Falle der politische Zwed ebenfalls als gegeben betrachtet werden kann. Die spanischen Syndikalisten betreiben, ebenso wie es die russischen Nihilisten getan haben, eine ,, Propaganda der Tat". Durch Terroratte wollen sie die eigene Regierung einschüchtern, und das eigene Volk wie alle Nationen der Welt auf ihre Ziele aufmerksam machen. Diese Ziele die völlige Revolutionierung von Staat und Gesellschaft find verwerflich und gemeinschädlich, aber man kann nicht umhin, fie als„ politisch" zu bezeichnen. Gibt die Demokratie mit den Anspruch auf die Asylhoheit für politische Verbrecher eines ihrer Hauptprinzipien auf, so beginnt fie, selbst den Boden zu unterhöhlen, auf dem sie ihr Gebäude hochgeführt hat. Niemand zweifelt, daß die Ultraraditalen von rechts wie von links, sollten sie einmal irgendwo zur Macht gelangen, dieses demokratische Grundrecht ihrerseits nicht würden gelten lassen. Aber es hat inzwischen die Seelen wie die Geister erobert, es nistet im Gedantenkreis der neuen Machthaber selbst, und es erzingt sich schließlich doch die Anertennung. Vorbedingung dafür ist allerdings, daß die Demokratie selbst ihr Prinzip heilig gehalten hat. Ohne Zweifel haben die Regierungen des Reichs und Preukens fich ehrlich bemüht, den demokratischen Geist mit dem starren Rechtsbuchstaben des Auslieferungsvertrages zu vereinbaren. Das Ergebnis ist nicht befriedigend, fonnte es vielleicht nicht sein." Troß der höflichen Einschränkungen, die die„ Boss. 3tg." zugunsten des guten Willens der Regierungen macht, ist ihre Kritit, insbesondere für Herrn Dr. Rabbruch, vernichtend. Interessant wäre es übrigens, zu erfahren, wie die hier angedeuteten zwingenden Gründe gearter sind, die den Reichsjustizminister, trotz besserer Einsicht und Ueberzeugung, bazu veranlaßt haben, die politische Asylhoheit zugunsten der spanischen Mordjustiz preiszugeben und diese Breisgabe mit Madrid, 23. Februar. Immer wieder stellt sich Groener einer friedlichen VerStändigung mit den, organisierten Eisenbahnbeamten in den Weg. Jezt hat er es abgelehnt, eine von der Reichsgewert- fadenscheinigen Argumenten zu beschönigen. schaft gebildete Verhandlungskommission zu empfangen, weil dieser Kommission auch Beamte angehören, gegen die ein Disziplinarverfahren schwebt. Sie gelten als„ Urheber" des Streits. Die Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahnbeamten teilt dazu mit, daß es ihr unmöglich ist, die Kommission anders zusammenzusehen, da das Reichsverkehrsministerium gegen fast alle Mitglieder des erweiterten Borstandes das Disziplinarverfahren wegen führender Beteiligung am Streif eingeleitet habe. Zur Vorgeschichte bemerkt die Gewerkschaft noch, daß die selbe Kommission am Mittwoch abend mit ihrem Material bei dem Reichstanzler vorgesprochen habe und von biesem ausdrücklich zur Fortführung der Verhandlungen an Opfertage der Berufsmusiker Gegen die Lehrlingshöllen Bon Victor Noad Der Deutsche Musiker- Verband" ist bemüht, seinen Einfluß auf bas Musiklehrwesen zu erhöhen, um verhindern zu können, daß sogenannte„ Musikschulen"( Konservatorien) mit untauglichen Lernmitteln und unfähigen Lehrkräften minderwertigen Nachwuchs für den Musikerstand heranzüchten, dabei die Eltern oder Sonstigen Erziehungsberechtigten der Schüler( meist Minderbemittelte) übervorteilen und unberechtigte Gewinne für sich herausschlagen. Er wünscht vor allem das Unwesen der Lehrlingszüchtereien in Stadtpfeifereien, den ärgsten Krebsschaden am Musikerftande zu beseitigen. Er hält dieses Ziel für ers reichbar durch öffentlich- rechtliche Einordnung des musikalischen Unterrichtswesens in das allgemeine öffentliche Unterrichtswesen und damit Unterstellung der Musiklehrbetriebe vor allem der Lehrbetriebe in Stadtpfeifereien unter die öffentliche Schulaufsicht. Der Weg zu diesem Ziel dürfte weit und schwierig sein und wird in Etappen zurüdgelegt werden müssen. Zunächst will nunder„ Deutsche Musikerverband" bei öffentlichen Musik- Lehrinstituten Orchesterklassen für Berufsmusiker selbst einrichten. Der Anfang ist bereits gemacht. Bei der„ Staatlichen akademischen Hochschule für Mufit" in Berlin besteht seit dem 1. Rovember 1921 eine solche Orchesterschule, die, nachdem das Preußische Finanzministerium abgelehnt hat, das Unternehmen finanziell zu unterstützen, aus eigenen Mitteln des Deut Ichen Musiker- Verbandes" unterhalten wird. Nur der Unterrichtsraum und die Lehr- und Lernmittel werden von der Hochschule unentgeltlich gestellt. Die Schüler werden Jom„ Deutschen Musikerverband" überwiesen. Ihre Aufnahme in die Schule ist Dom Ausfall der Befähigungsprüfung abhängig. Das Schulgeld beträgt 300 m. pro Semester. Unbemittelte erhalten nicht nur Freistellen vom„ Deutschen Musiker- Verband", die Gewerkschaft gewährt in befonderen Fällen auch Beihilfen zum Lebensunter halt während der Schulzeit. Verhandlungen wegen der Einrichtung gleichartiger Schulen schweben mit den Musikhochschulen in Köln, Weimar und Frankfurt a. Main. Der Verband hofft, daß ber Unterricht in diesen Städten schon am 1. April d. J. beginnen werbe. Die Ausführung dieses Programms heischt natürlich große Geldmittel. Wenn es auch nicht unmöglich ist, daß zukünftig auch Staatsmittel für diese ebenso bedeutende wie schöne Aufgabe bereitgestellt werden, die sich der Deutsche Musiker- Berband" vorgenommen hat, so ist er doch fürs Nächste auf die Selbsthilfe angewiesen. Er bittet deswegen seine Mitglieder und alle, die Die des Mordes an Dato beschuldigten Spanier Fort und Frau sind heute vormittag aus Berlin in Madrid angekommen. Um die Menge der Neugierigen zu vermeiden, wurden die beiden Gefangenen auf Bahnhof Plantion, einige Kilometer vor Madrid, aus dem Zuge in ein Automobil übergeführt und mit diesem nach Madrid gebracht. Der polnische Landtag hat den Antrag, die Neuwahlen am 25. Juni vorzunehmen, mit 118 gegen 96 Stimmen abgelehnt. Singegen mit 104 gegen 73 Stimmen den Antrag des Abgeordneten Liebermann angenommen, wonach die Neuwahlen nach Abschluß der Wahlreform im Laufe des Sommers durchgeführt werden sollen. als ausübende Künstler( Instrumentalsolisten und Sänger), Theater- und Konzertunternehmer oder als Musikfreunde berufliche und ideelle Beziehungen zum Mufiterstand unterhalten und die Bedeutung dieser Bildungsaufgabe ermessen können, sogenannte Opfertage, d. h. Konzerte usw. zu geben, deren Erträge der Einrichtung und Unterhaltung der oben beschriebenen Orchestertlassen und zu Stipendien für unbemittelte Schüler und Schülerinnen dienen sollen. Um diesen Appell zu unterstützen sei, hier versucht, klar zu machen, welche große Bedeutung dem Plane schon allein unter dem Gesichtswinkel der Tilgung der Lehrlingshöllen" in Stadtpfeifereien zukommt. Im Frühjahr 1906 gab ich im 19. Bande der von Hans Ostwald herausgegebenen„ Großstadt- Dokumente" etwa die folgende Darstellung von der Laufbahn des jungen Berufs= musiters: Sie beginnt in der Stadtpfeiferei". Der„ Stadtpfeifer" ( üblicherweise„ ,, Kapellmeister" genannt, wozu ihn aber nichts als eben dieser Brauch befugt) hält sich gewöhnlich ein oder auch mehrere Dugend Lehrlinge und eine viel geringere Zahl, zuweilen nur zwei oder drei„ Gehilfen", meist mindertaugliche Musiker, denen die musikalische Ausbildung der Lehrlinge( 14-17jährige Jünglinge!) anvertraut ist. Die an sich höchst fragwürdige Lehrtätigteit dieser Musikanten ist natürlich beschränkt auf die wenige Zeit, die die praktische musikalische und sonstige Arbeit für den Lehrherrn ihnen sowohl wie den Lehrlingen selbst übrig läßt. Der Lehrling muß jede Arbeit, die ihm zugemutet wird, unentgeltlich leisten: Küchenarbeit, Kinderabwarten, Haus- und Landarbeit; Stuben- und Treppenscheuern, Viehställe ausmisten u. a. m. Dem Lehrherrn steht das 3üchtigungsrecht zu. Das von den Eltern zu zahlende Lehrgeld betrug 1906 zweibis dreihundert Mart. Die Eltern haben die Instrumente, Kleidung und Wäsche zu beschaffen und zu unterhalten und bei Ertrankungen des Jungen die Kosten der Behandlung und Pflege zu tragen. Ungenügende Ernährung man ver schlingt am Mittagstische heiße ungeschälte Karoffeln so schnell wie möglich, um nicht zu furz zu tommen; überfüllte Schlafstuben zwei bis drei Bettstellen wie in Kasernen übereinander; ueberanstrengung der jugendlichen Körper durch alkoholische Nachtarbeit, unausbleibliche seguelle Ausschweifungen prädisponieren selbstver prädisponieren selbstverständlich für Krankheiten. Sowie die Lehrlinge ihre Instrumente ständlich für Krankheiten. Sowie die Lehrlinge ihre Instrumente zu halten verstehen, werden sie in rüdsichtslosester Weise vom Unternehmer ausgebeutet. Oft müssen sie, mit Instrumenten, Pulten und Noten bepact, es mag stürmen und regnen, oder die Sonne glühend scheinen, stundenlang laufen, ehe sie die Arbeitsstätte in irgendeinem Dorfe erreichen, wo dann erst der eigentliche und Der Militäretat Im Hauptausschuß des Reichstags wurde am Donnerstag der Militäretat behandelt. Der Berichterstatter Stüdlen( SPD.) mies auf die großen Kosten hin, die unser Heer verursache und regte die Frage nach der Bildung einer Miliz an. Reichswehrminister Geßler antwortete, er fönne mit voller Ueberzeugung sagen, daß das Heer ein sicheres Instrument in den Händen der Regierung sei und zu den Befehlen der Regierung stehe. Er ging dann kurz auf die Soldatenmißhandlungen ein und meinte, einen Soldaten, der sich schlagen läßt, fönne er ebenso wenig gebrauchen wie einen Vorgesetzten ,. der schlägt. Genosse Künstler sprach über die SoldatenmißhandIungen und zog einzelne Fälle an. Vor allen Dingen sind im Reiterregiment Nr. 3 in Rathenow, das unter dem Befehl des Kommandanten Entevort steht, Schlägereien an der Tagesordnung. So hat der Rittmeister Brenfen der A- Eskadron die Brügelstrafe als ein pädagogisches Erziehungsmittel häufig gegen Seine Untergebenen angewendet. Er bestellt seine Opfer auf sein 3immer und verlangt, sie sollen das Gesäß entblößen und die väterliche Züchtigung empfangen. Soldaten, die dieser Aufforde rung nicht nachtamen, wurden entlassen, ebenso ein Wachtmeister namens Liesenfeld, der 14% Jahre im Dienst war. Er wandte sich gegen die Prügelstrafe und wurde dadurch den höheren Vorgesetzten unbequem. Genosse Künstler kritisierte dann die Handlung des Reichswehrfommandanten General v. Möhl aus Anlaß des Begräbnisses des bayerischen Erfönigs. Aus Anlaß des Ablebens dieser Privatperson hatte der„ republikanische" General einen Tagesbefehl an Seine untergebenen Truppen erlassen, in dem er dom Tode Seiner Majestät des Königs Sprach. Genosse Künstler verlangte Ausfunft, ob der Reichswehrminister diesen Tagesbefehl billigt. Reichswehrminister Geßler gab nochmals die bestimmte Verficherung ab, daß das Heer teine Gefahr für die Republik bedeute. Es stehe fest auf dem Boden der Verfassung. Genosse Moses ging auf die ungeheuren Ausgaben für das Heer ein und betonte, daß diesen gegenüber die Ausgaben für soziale und kulturelle Pflichten verschwindend gering seien, z. B. seien für die Bekämn fung der Tuberkulose nur 3 Millionen Mart in den Etat eingesezt. Genosse Moses führte eine weitere Zahl von Soldatenmißhandlungen an. Der Kampf in Mansfeld geht weiter Ablehnung des Schiedsspruchs Drahtmeldung unseres Korrespondenten Salle, 24. Februar. Eine am Mittwoch tagende Konferenz der Vers trauensleute der streifenden Bergarbeiter in Mansfeld lehnten die Annahme des Schiedsspruches mit 186 gegen 6 Stimmen ab. Eine entsprechende Resolution, in der dem Bergarbeiterverband und der Streifleitung das vollste Vers trauen ausgesprochen wird, gelangte zur Annahme. Die Kons ferenz sprach die Erwartung aus, daß es der Leitung gelingen Don möge, die berechtigten Forderungen durchzusehen. nerstag fanden im Laufe des Tages im ganzen Mansfelder Bergrevier etwa 20 überfüllte Bergarbeitervers sammlungen statt, um durch Urabstimmung die Stimmung der Streifenden zum Ausdrud zu bringen. In allen Versammlungen wurde der Schiebsspruch einmütig abge= Lehnt und eine Resolution angenommen, in der zum Ausdrud gebracht wird, daß die Bergarbeiter unbedingt an ihren gestellten Forderungen festhalten. Interessant waren die in einer Versammlung in Eisleben von dem christlichen Setretär Ritter bed gemachten Ausführungen. Er betonte, daß es das erste Mal sei, daß die gesamte Manss felber Bergarbeiterschaft in einem großen Kampf stehe. Stets ei von den Arbeitgebern gesagt worden, bie Arbeiter würden bet einem Kampfe ihren Führern nicht folgen. Jeht habe das machtLüfterne Unternehmertum sein blaues Wunder erlebt. Die Bergarbeiterschaft müsse einmütig zusammenstehen und nicht auf die Lodungen der Mansfelder Syndikat A.-G. und ihrer Trabanten, der bürgerlichen Presse, folgen. In der Untersuchungsfache gegen die Erzbergermorder erfahren die„ Münchener Neuesten Nachrichten", daß sich außer dem Staatsanwalt Burger und dem Zuständigen Untersuchungsrichter von Offenburg auch Oberstaatsanwalt Lint von Offenburg und der dortige Untersuchungsrichter mit Erhebungen über die Geheimorganisation C betraut ist, in München befinden. Außerdem sind mehrere badische und württembergische Kriminalbeamte in München eingetroffen. Dienst beginnt: in verqualmtem Tanzfaal die ganze Nacht hindurch fiedeln und blasen bis in den hellen Morgen. Annähernd sechzehn Jahre sind seit Veröffentlichung dieser Darstellung verstrichen. Vor mir liegt eine Beschwerde des Deutschen Muster- Verbandes"( Bezirksleitung 10) an die Regierung in Magdeburg, datiert vom 19. Januar 1922( 1) gegen den Inhaber R. der Stadtpfeiferei in 3iesar. Darin heißt es u. a.: ,, Nach Ansicht der Bezirksleitung ist es unmöglich, daß R. irgend wie die Verpflichtung erfüllen tann, seine 3öglinge zu tüchtigen Musikern auszubilden, wenn ihm persönlich in seinem Geschäftsbetrieb teine Zeit zur Lehrkontrolle, den Zöglingen bei der unerhörten gewerblichen Ausnutzung von 182( einhundertzweiundachtzig) Stunden in der 14tägigen Berichtszeit keine Zeit zum Lernen bleibt." In der Deutschen Musiter 3eitung"( Amtsblatt des Deutschen Musiker- Verbandes") vom 1. Oftober 1921 lesen wir über die heutigen Zustände in Stadtpfeifereien Bier bis fünf Lehrlinge schlafen und wohnen in einer engen Stube, und während die einen Schlaf fuchen nach der Nachtarbeit, üben die andern auf ihren Instrumenten. Die tägliche Arbeitszeit beträgt durchschnittlich 12 Stunden. Die musikalische Ausbildung besteht darin, daß die übermüdeten Jungen sich eiligst die nötigste Tanzmusit einzuüben versuchen. Ein Ziel, das auch der Lehrherr verfolgt, ber übrigens nur in wenigen Ausnahmefällen als Musiker angesprochen zu werden verdient. Sein Dressurmittel ist das ihm auf Grund der Gewerbeordnung noch immer zustehende 3üchti gungsrecht. In einem in derselben Nummer der Deutschen Musiker3eitung" eingehender behandelten Falle in Schivelbein i. Pommern bediente sich der Lehrherr dabei eines mit Draht umwidelten Stodes. In derselben Nummer und in den Nummern vom 20. Auguſt und 2. Juli 1921 berichtet die Deutsche Musiker- Zeitung" über standalöse Zustände in den Stadtpfeifereien in Friesad( Mark), in Schönlante und in Barth i. Pommern. Vor mir liegen zehn Briefe( von Januar 1922) von verschie denen Zeugen, Lehrlingen selbst und Mitbewohnern des Hauses, über Mißstände in der Stadtpfeiferei zu Olbernhau i. S.; Anklagen von einer Lebhaftigkeit, daß man hineinzuschauen glaubt in diese Lehrlingshölle". Jn Räumen von-3 zu 4 Meter Fußbodenfläche schlafen immer vier der jungen Menschen( Betten übereinandergestellt). In Lauenburg i. Pommern sind einem „ Lehrheren", der wegen Unterschlagung zu einer hohen Geldstrafe und zu Gefängnis mit Strafaufschub verurteilt worden ist, 15 Lehrlinge und ein Volontär ausgeliefert. Er hält sich außer dem 3 Gehilfen, wovon nur 2 Berufsmusiter sind, einer Dilet tant ist. Die Frankfurter Konferenz Vorbesprechungen der Zweiten Internationale Die Vorbesprechung der Zweiten Internationale tagte im Gewerkschaftshause. Erschienen waren außer den Deutschen Vans bervelde, Huysmans, De Man( Belgien), Tom Shaw, Jowett( Präsident der englischen Arbeiterpartei) und Gillies( England), Vliegen( Holland) und An. dersen( Dänemart). Die Verhandlungen führten zu einer eins mütigen Auffassung über die Tattit gegenüber der Internationalen Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft und der Dritten Internationale. Einstimmig waren die Delegierten der Meinung, daß man der Einladung der Wiener Arbeitsgemeinschaft zu einer gemeinsamen Besprechung am Freitagmorgen folgen werde. Gegenüber der Dritten Internationale waren alle Redner einmütig von einer starten Zurüdhaltung und einem gewissen Mißtrauen. In der Sigung des Vollzugsausschusses der Zweiten Internatio nale, die unter dem Vorsitz Vanderveldes tagte, wurde zur Frage der Konferenz in Genua folgende Entschließung gefaßt: „ Das Erefutinkomitee der 3weiten Internationale stellt feft, daß die Frage des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft, die den wichtigsten Gegenstand der Konferenz von Genua bilden soll, im höchsten Maße eine Frage der Arbeiterklasse ist, die in allen Ländern unter der Anarchie der ökonomischen Verhältnisse am schwersten leidet. Es fordert daher die Arbeiterorganifationen auf, alle notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, Fall darf das ganze deutsche Volt für ein Verbrechen haftbar gemacht werden, mit dem es nichts zu tun hat. Bertagung der Konferenz von Genua Rom, 23. Februar. Amtlich wird gemeldet, daß es infolge der langen Dauer ber Ministertrise der italienischen Regierung nicht mög ich gewesen ist, das Datum des 8. März für den Zusammentritt der Genueser Konferenz aufrechtzuerhalten. Die Regierung hat infolgedessen eine furze Bertagung beschlossen und hat diesen Beschluß durch ein Rundtelegramm allen zu der Konferenz eingeladenen Regierungen mitgeteilt. Gleichzeitig hat die italienische Regierung sich mit den alliierten Regierungen in Verbindung gesetzt, um in gemeinsamem Uebereinkommen ein ande res Datum festzusetzen. Die Vorbereitungsarbeiten für die Konferenz gehen ohne Unterbrechung weiter. Die Entscheidung über die Verschiebung der Genueser Konfe ernz mußte noch vom Ministerpräsidenten Bonomi, trotzdem sein Kabinett zurüdgetreten ist, getroffen werden, weil Bonomi heute ein Telegramm Tschitscherins erhielt, in dem um genaue Angabe über den Zusammentritt der Genueser Konferenz im Laufe des morgigen Tages gebeten wird, weil die russischen Vertreter sonst nicht am 8. März in Genua eintreffen tönnten. Jede Art von Waffen und Munition, die entdeckt oder ausges liefert wurde, wurde von der alliierten Kontrollstelle zerstört. Obgleich die deutsche Regierung alles das Material, das reklamiert wurde, ausgehändigt habe, habe die alliierte Kontrolle teiners Iet Sicherheit bezüglich dessen, was noch verstedt sei Die Untersuchungen, die angestellt würden, seien so gründlich wie möglich, und die Arbeit werde erst beendet werden, wenn alle Regierungen davon überzeugt seien, daß Deutschland nicht fähig sei, ein Heer ins Feld zu stellen, das eine Bedrohung für irgend ein Nachbarland bilden tönnte. Augenblicklich seien deutsche Waffen und Munition in solchem Umfange' zerstört worden, daß in gut unterrichteten Kreisen die Ansicht bestehe, Deutschland jei für viele Jahre vollkommen außerstande, Frankreich anzugreifen. Der Fall Meunier E. Paris, 24. Februar.' Der heutigen Kammerfizung liegen ei Interpellationen zum Fall Meunier vor. Die eine von dem sozialistischen Abgeord neten Uhr eingebrachte Interpellation verlangt Aufklärung über die Verantwortlichkeit für die lange Dauer der Festhaltung Meuniers im Gefängnis, die zweite von dem royalistischen Abgeordneten Léon Daudet eingebrachte Interpellation weist auf die Gefahr hin, die die nationale Verteidigung laufe, wenn gegenüber derartigen Verbrechen am Lande eine unerträgliche Nach ficht walte. Die fommunistische Gruppe fordert die Regierung auf, unverzüglich einen Gesetzentwurf zur Abstimmung zu bringen, durch den die persönliche Freiheit garantiert wird. Um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den die Affäre MeuIgnace und André Tardieu( ehemalige Mitglieder des Kabinetts Clemenceau, das für die Gefangenschaft Meuniers verantwortlich ist. D. Red.) einen Antrag eingebracht, der die Einsegung einer Untersuchungstommission von 33 Mitgliedern fordert. um volle Klarheit über die politische Verantwortlichkeit aller Art zu schaffen, die sich in der Affäre der Banque industrielle de Chine geltend gemacht habe. Dem„ Matin" zufolge bezwecke dieser Antrag nichts geringeres als die Erhebung einer Antage gegen Briand, Millerand und Loucheur. Das Blatt fordert aber nicht nur die Einleitung einer eingehenden Untersuchung, sondern die Lösung der Beziehungen zwischen Politik und Finanz. um fich auf der Konferenz von Genua einen der Größe ihrer Die englisch- französischen Besprechungen nier hinterlassen hat, haben die Abgeordneten Edouard 38 netts Interessen entsprechenden Einfluß zu sichern." Ferner wurde zur georgischen Frage folgender Beschluß gefaßt: „ Das Exekutivkomitee der. 3weiten Internationale hat sich am 23. Februar erneut mit der Lage des georgischen Volkes beschäftigt. Auf dem Boden der Demokratie und des Selbstbestim mungsrechtes der Völker stehend, die für die 3weite Internatio nale maßgebend find, stellt das Exekutivkomitee fest, daß es feine andere rechtmäßige Regierung Georgiens gibt als die aus allgemeiner Wahl hervorgegangene. Die von der Sowjetregierung vorgeschobenen Vertreter können daher auch im internationalen Verkehr, wie insbesondere auf der Konferenz Don Genua, nicht als Vertreter des georgischen Boltes mitreden." Die eigentlichen Arbeiten der Fünfländerkonferenz sollen am Sonnabend beginnen. 14 Millionen Francs für Petersdorf? Die„ Dena" verbreitet eine„ Matin"-Meldung, wonach die französische Regierung auf Grund der in der französischen Kammer von Poincaré beantworteten Interpellation über die Vorfälle in Gleiwig- Petersdorf den alliierten Regierungen mitgeteilt hat, daß sie entschlossen sei, für die getöteten französischen Soldaten eine Sühne forderung in Höhe von 14 Millianen Francs bei der deutschen Regierung zu stellen.. Bis jett liegt feine Bestätigung dieser Meldung von beutscher amtlicher Seite vor. Wir können faum annehmen, daß die franzöfifche Regierung Deutschland für den Petersdorfer Zwischenfall voll verantwortlich macht. Wenn auch eine mittelbare Schuld der deutschen Regierung allenfalls daraus fonstruiert werden könnte, daß sie nicht alles getan habe, um das Bandenwesen in Oberschlesien auszurotten, so muß doch erneut darauf hingewiesen werden, daß der un' glüdselige Vorfall sich außerhalb des Machtbereichs der Reichsregierung zugetragen hat. Es ist ganz unverständlich, eine Regierung für Taten verant wortlich zu machen, die sie nicht verhindern fann, selbst wenn fie es wollte, die zudem in einer Umgebung und einer Atmosphäre geschehen, die geladen ist von nationaler Erregung auf beiden Seiten. Vergessen darf dabei auch nicht werden, wenn es den Petersdorfer Ueberfall auch feineswegs entschuldigt, daß die französischen Soldaten im Abstim mungsgebiet es nicht immer verstanden haben, ihre unparteiische Stellung zu wahren. Wir verurteilen aufs schärfste die gemeine Tat von Petersdorf. Wir haben auch bereits dargelegt, wo unserer Ueberzeugung nach die Mitschuld liegt. Aber auf keinen All diese Berichte bringen immer dieselben Klagen: übermäßige Arbeitszeit, unzulängliche Behausungsverhältnisse, schlechte Ver pflegung, teine Barentlohnung, aber auch teine Berufsausbildung, bagegen Aufbürdung von haus- und landwirtschaftlichen Arbeiten und gelegentlich Mißhandlungen. Die Berichte beweisen, daß heute noch dieselben Verhältnisse obwalten, wie sie in dem zitier ten Bande der Großstadt- Dokumente" schon vor 16 Jahren dargestellt worden sind, Zustände, die einem das Recht geben, von diesen„ Lehrherren" als von Stlavenhaltern zu sprechen. Beschwerden, die der Deutsche Musiker- Berband" in jedem einzelnen der oben erwähnten Fälle bei zuständiger Stelle eingelegt hat, brachten teine befriedigenden Erfolge. Das Gewerkschaftsorgan schreibt selbst: " Ein ausreichender gesetzlicher Schuh, dem Unternehmer, der Seine Pflichten den Lehrlingen gegenüber aufs gröblichste verletzt, das Handwerk zu legen, besteht leider nicht. Allerdings hat der Minister des Innern 1907 eine Verordnung erlassen, nach der in Fällen, wo Leiter von Musikkapellen durch Halten einer übermäßigen Anzahl von Lehrlingen deren sachgemäße Fachausbildung gefährden, den untern Verwaltungsbehörden gemäß§ 128 ber 6.D. die Befugnis zusteht, einer derartigen Lehrlingszüchterei" durch Beschränkung der Anzahl der Lehrlinge wirksam entgegenzutreten. Leider versagen die untern Verwal= tungsbehörden in den meisten Fällen, wenn es sich darum handelt, gegen die Ausbeutung der Musiklehrlinge mit der nötigen Schärfe vorzugehen." Nach alledem wird flar, was es für den Berufsmusikerstand bedeutet, wenn der Deutsche Musiter Verband" selbst die musikalische Ausbildung seines Nachwuchses besorgen kann. Er erfüllt damit eine öffentliche Bildungsaufgabe nicht weniger als eine sozial- hygienische und sittliche, indem er den üblen Stadtpfeifereien den Anschein einer Existenzberechtigung als Lehrlings züchtereien nimmt. Wer seinen Jungen Musiker werden lassen möchte, wende sich an den Deuts schen Musiter Verband". Ist der Knabe musikalisch be gabt. wird dieser für seine gediegene berufliche Ausbildung sorgen, ist aber teine hinreichende Befähigung für den Musikerberuf vorhanden, so wird die öffentliche Berufsberatung andere Wege weisen. Es ist aufs innigste zu wünschen, daß die Opfertage" die Mittel einbringen werden, die der Deutsche Musiker- Verband" braucht, um sein Vorhaben durchzusetzen. Kleines Schauspielhaus. Auf der Suche nach einem zugträftigen Lustspiel hat das Kleine Schauspielhaus glüdlich die Testaments vollstreder Oskar Blumenthals entdeckt. Der feusche Lebe mann" von Franz Arnold und Ernst Bach ist wirklich ein luftiger Schwant, über dessen harmlose Situationswige man lachen muß, ob man will oder nicht. Der teusche Lebemann( Viktor Baris, 24. Februar. Ministerpräsident Poincaré wird bei seiner Begegnung mit Lloyd George von dem politischen Direktor am Quai d'Orsay Beretti della Rocca begleitet sein. Seine Anfunft in Boulogne ist für 12 Uhr mittags vorgesehen. Schon abends 9 Uhr gedenkt Poincaré wieder in Paris zu sein. Die Unterredung werde von 3-5 Uhr nachmittags dauern. Der Ort der Zusammenkunft wird geheimgehalten. Nach dem„ Matin“ handelt es sich um die Redigierung eines Dokuments, das das Abkommen der englischen und der französischen Regierung über die Konferenz von Genua feststellt und in dem alle Fragen aufgeführt wer den, die in Genua behandelt werden sollen sowie alle, die dort nicht behandelt werden sollen. 9 EE. Bondon, 24. Februar. Mit der Begegnung zwischen Poincaré und Lloyd George scheinen die Besprechungen der einzelnen Länder noch lange nicht Im Anschluß an die Entlassung des früheren Abg. Pa ul Meunier aus dem Untersuchungsgefängnis hat die sozia listische Kammerfrattion beschlossen sofort eine weitere Entschließung einzubringen, nach der fünftiahin der Staat für unschuldig erlittene Haft entschädigungspflichtig gemacht wer den soll. abgeschlossen zu sein. Im Unterhause wurde gestern erflärt, daß Der Doppelmörder Grupen entflohen fich die alliierten Außenminister zur Besprechung der orientalischen Fragen bereits in der nächsten Zeit nach Paris begeben würden. Außerdem scheint, wie Lloyd George gestern im Unterhause erklärte, eine Besprechung zwischen ihm und den französischen Sachverständigen, die die Konferenz von Genua vorbereiten, geplant zu sein. Lloyd George fügte hinzu, er werde die Frage der Sachverständigenberatung am Sonnabend in der Konferenz mit Poincaré gleichfalls erörtern. Deutsche Sachverständige in London London, 24. Februar. „ Daily Telegraph" berichtet, daß bei der gestrigen Zusammenfunft des Organisationsausschusses des Internationalen die Herren Staatssetretär a. D. Bergmann und Kempner, Konsortiums zum ersten Male deutsche Delegierte, tätig teilnahmen. Bei der gestrigen Beratung sei ein guter Fort schritt erzielt worden. Die alliierte Kontrolle in Deutschland Vorläufig noch keine Beseitigung London, 24. Februar. Reuter erfährt, daß im gegenwärtigen Augenblick bei der alliierten Kontrolle in Deutschland fich etwa 200 Offiziere und 400 Unteroffiziere und Mannschaften befinden, britischer, französischer, belgischer, japanischer und italienischer Nationalität, die über das ganze Land verteilt seien mit dem Hauptquartier in Berlin. Eine Beseitigung der alliierten Kontrolle fäme nicht eher in Frage, als bis die Aufgabe, für die sie ge= schaffen worden sei, zur Befriedigung der alliierten Regierungen vollendet sei. Schwanned e) ist ein spießbürgerlicher Provinztaufmann, der Sirschberg, 24. Februar. Wie der„ Bote aus dem Riesengebirge" bekanntgibt, ist der Kleppelsdorfer Doppelmörder, Peter Grupen, dessen Vers urteilung durch den Entscheid des Reichsgerichts vorgestern rechtsrichtsgefängnis ausgebrochen und entflohen. Träftig geworden war, in der vergangenen Nacht aus dem Ges Polizeifonflikt in Halle Nationalistischer Radau Drahtmeldung unseres Korrespondenten. Halle, 24. Februar. Gegen den rechtssozialistischen Polizeidirektor von Halle, Stadts rat 3313, haben die nationalistischen Kreise eine wüste Sche unternommen um seine Uebernahme in den Staatss dienst, die mit der am 1. April erfolgenden Verstaatlichung ers folgen soll, zu hintertreiben. Bei einem Vergnügen einer berüchtigten Hundertschaft, wo unter Leitung eines Sipo- Offiziers " Heil Dir im Siegertranz" gespielt wurde, trat dieser Polizeidirektor den Monarchisten in recht energischer Weise entgegen. Aus diesem an sich harmlosen Vorgang hat die Rechtspresse eine Hege eingeleitet. Auf telegraphische Verordnung des Ministers des Innern Severing wurde der verantwortliche Leiter der Halles schen Sicherheitspolizei, Major Gaertner, seines Postens en te hoben. Gestern haben die nationalistischen Organisationen unter Führung der Rechtsparteien und des Bürger- Bundes eine große Protestaktion eingeleitet. Man darf gespannt sein, wie der Mis nifter dem Treiben der Sippschaft ein Ende machen wird. Dah er es tut, erwarten wir bestimmt. ein Berhältnis mit einer Filmdiva martieren muß, um der Toch Die neue Regierung in Braunschweig ter seines Kompagnons heirats- und liebesfähig zu erscheinen. Das ist sicher nicht neu, aber dieser Kompagnon ist Guido Tielscher, der über die Bühne quirlt und quasselt wie in Seinen besten Zeiten. Ihm gehörte in erster Linie der Erfolg des Abends. H. E.K. Frankfurter Goethewoche. Die Zeit hat auch eine der schönsten Erinnerungsstätten des alten Frankfurt nicht verschont: das Geburtshaus Goethes. Nur durch einen Kostenaufwand von minbestens 3 Millionen Mark tann das morsche Gebält durch neues ersezt und das Haus vor dem Einsturz gerettet werden. Die Beschaffung der nötigen Mittel macht, da es sich nicht um ein Börsengeschäft handelt, und auch keine Orden dabei zu ers haschen sind, große Schwierigkeiten. Allerdings gäbe es auch heute noch einen Weg, Bauwerte von kulturgeschichtlichem Wert zu erhalten, wenn man einfach den ganzen Kunstkitsch der wilhelminischen Aera auf Abbruch versteigern oder als Merkwürdigkeiten ins Ausland verkaufen wollte. In der braven Apfelweinstadt hat natürlich niemand solch gotteslästerliche Gedanken. Immerhin verdient es Anerkennung daß die Veranstalter der Goethe- Woche einen Weg zur wenigstens teilweisen Beschaffung der Geldmittel gefunden haben, der sich von dem üblichen Wohltätigkeitsrummel angenehm abhebt. Im Rahmen einer Goethe- Woche" finden vorzugsweise im Opernhaus eine Reihe tünstlerischer Veranstal tungen bei wesentlich erhöhten Preisen unter Mitwirtung von Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Frig von Unruh und Rudolf G. Binding statt, über die wir noch berichten werden. Gegen einen träftigen Aderlaß der recht zahlungsfähigen Frankfurter oberen Zehntausend für diesen guten 3wed ist natürlich nichts einzu wenden. Herr Reichspräsident Frizz Ebert, der scheinbar nicht nur in Weimar, sondern auch in Frankfurt a. Main dem genius loci" huldigen will, haben sein persönliches Erscheinen zur Eröffnungsfeier am Montag, den 27. Februar, zugesagt. Unter diesen Umständen tann der Erfolg, den auch wir den Veranstaltern Waldemar von Herzen wünschen, gewiß nicht ausbleiben. Tages- Notizen Vorträge. In der Deutschen Gesellschaft für Islamfunde iptichi am Dienstag, 8 Uhr, Baul Olberg über: Sowjetiußlands Politit im Orient, besonders in Turtestan, Aferbeidschan, Georgien und Armenien. Der Vortrag findet Dorotheenftr. 6, im Hörsaal 3 statt. Eintritt frei. Blüthnerorchester. Jm Sonntags- Konzert, 7% Uhr, im Blüthner- Saal wirfen als Soliften mit: Gertrud Sirfler Marts( Klavier) und God. frieb 3eelander( Cello). Dirigent: Camillo ilbebranb. Ausstellungen. Das Graphische Kabinett J. B. Neumann, Kurfürstendamm 232, zeigt neben der röm se Ausstellung die wenig bekannten 30 Radierungen von Eduard Manet. 1 Allgemeiner Bildungsverband. Sonntag nachm. 5 Uhr Sondervorstellung in der Urania, Taubenstr, 48: 3erufalem". Karten 2,50 M. bei Brauns, Grüner Weg 28; Sorsch, Engelufer 25; Jacobowsky, Alexandrinenstz, 101. Deutsche Friedensgesellschaft. Freitag, 7 Uhr, Bürgerfaal bes Rathauses, be ritet Martha Steinig über: Seths Wochen bei Pazififten und Quatern in England. Braunschweig, 24. Februar. Wie das Presseamt mitteilt, hat das Staatsministerium die Geschäfte unter seine Mitglieder wie folgt verteilt: Junte Borsig, Zentralabteilung, Abteilung für Recht und Vertretung im Reichsrat; Steinbrecher Abteilung für Arbeit und Wohnungs- und Siedlungsangelegenheiten; Antrid Abteilung für Forsten, Domänen und Bergwerfe, Abteilung für Handel und Verkehr sowie Ernährungs- und Gesundheitswesen; Grote wohl Boltsbildung und Wesemeier Inneres und Finanzen. Ermäßigung der Zigarettensteuer. Durch Verordnung des Reichsministers der Finanzen vom 23. 2. wird die Tabaksteuer für Zigaretten im Kleinverkaufspreise von 25, 30, 40 und 50 f. das Stück mit Wirkung vom 15. 3. dieses Jahres ab um 20 v. H. ermäßigt. Es ist damit den Wünschen der Zigarettenindustrie, Soweit es nach Lage der geltenden Bestimmungen durchführbar war, entsprochen worden. Der Stand der Arbeitslosigkeit 55 500 Grwerbslose in Groß- Berlin Ausgangs Januar wurden in Berlin( Verwaltungsbezirke I- XX) insgesamt rund 55 500 Erwerbslose( davon 42 700 rn liche und 12 800 weibliche) unterstützt. Der Abgang an Er werbslosen betrug im Laufe des Monats Januar rund 19 200 ( davon 15 200 männliche und 4000 weibliche), der Zugang rund 17 300( banon 14 700, männliche und 2600 weibliche). Es schieden aus infolge: Arbeitsaufnahme 13 526. Arbeitsvers weigerung 105, Fernbleibens von den Geschäftsstellen 1916, Ablebens 26. Verheiratung 23, Abwanderung 47, sonstiger Gründe Von den 55 500 Erwerbslosen waren rund 20 300 3560. organisiert. Es befanden sich im Alter: Mannliche: zwischen 16 und 18 Jahren 941, zwischen 18 und 21 Jahren 4448, über 21 Jahre 37 357( Davon 31 469 verheiratet); Weibliche: zwischen 16 und 18 Jahren 253, zwischen 18 und 21 Jahren 572, über 21 Jahre 11 951( barunter, 3456 verheiratet, 5611 verwitwet). Die Zahl der Zuschlagsberechtigten betrug rund 55 000. Seit Februar 1921 und länger waren ausgangs Januar 1922 noch 7598 Männliche und 2308 Weibliche erwerbslos. Schülermonatsfarten auch für Lehrlinge. Nach einer neuen Bes stimmung des Reichsverkehrsministers sind in Zukunft auch Lehrlinge zur Lösung von Schülermonatstarten berechtigt, wenn sie auf Grund eines schriftlichen Lehrvertrages ein Handmert erlernen. und das 18. Lebensjahr nicht überschritten haben. Ferner with Studierenden und auswärtigen Schülern für Etsenbahnfahrten zwischen Universität oder Schule und Wohnort zu Beginn und am Schluß des Semesters sowie bei längeren Ferien eine Ermäßigung des Fahrgeldes in der 3. und 4. Klasse um die Hälfte gewährt. Die Ermäßigung soll schon zu den bevorstehenden akademischen Ferien in Kraft treten. Die näheren Bestimmungen find in Vorbereitung und werden demnächst mitgeteilt; die Außenstellen können zurzeit Auskunft noch nicht erteilen. Verkehrsnot in Tegelort und Heiligensee Eine Folge von Maßregelungen Uns wird geschrieben: Wie überall in den städtischen Betrieben, find auch bei der Straßenbahnlinie Tegel- Tegelort- Heiligensee, Maßregelungen erfolgt. Bor der Eingemeindung der Orte nach Berlin war ein guter, regelmäßiger, den Bedürfnissen der werttätigen Bevölkerung Rechnung tragender Verkehr auf dieser Linie möglich. Gleich nach der Eingemeindung änderte sich dieses. Ganz unhaltbare Zustände sind aber jekt nach dem Streit in den Städtischen Betrieben bei dieser Linie eingerissen. Durch die Maßregelungen ist ein bedeutender Mangel an StraßenbahnSchaffnern und führern entstanden. Es ist nicht möglich, den stündlichen Verkehr auf dieser Linie aufrecht zu erhalten und wird jede Stunde nur je ein Wagen in beiden Richtungen gefahren. Die Folge davon ist, daß in den Hauptverkehrsstunden bei Stellung von schlechtem Wagenmaterial, Störungen, wie Kabelbrände, Entgleisungen usw. an der Tages ordnung sind. Nicht einmal der stündliche Verkehr wird dadurch eingehalten. Der Bevölkerung ist es nicht möglich, rechtzeitig zur Arbeitsstätte zu gelangen. Die werktätige Bevölkerung fordert, daß der Magistrat umgehend vormittags von 5-8% Uhr und nachmittags von 3-8 Uhr den stündlichen Verkehr wieder einrichtet, da die Straßenbahn die einzigste Verkehrsmöglichkeit im Orte ist.. Die„ Notlage" des Millionärs Ein Kriegsgewinnler in Reinfultur Vor der Straftammer des Landgerichts III erschienen gestern unter der Anflage des gewerbsmäßigen und verschleierten Wuchers der Bantier Vogdt und der Kaufmann Richter. Beide wurden beschuldigt, dem Kaufmann und Villenbesitzer Socher in Wannsee bei einem Darlehnsgeschäft über 37 000. unter Ausbeutung der Notlage des S. Wucherzinsen abverlangt zu haben. Da dem Gericht es etwas rätselhaft erschien, wie die Notlage" eines mehrfachen Millionärs ausgebeutef werden tönnte, mußte es sich mit der Persönlichkeit des Zeugen G. etwas näher befassen. Der Zeuge bekundete unter Eid folgendes: Er sei mit einigen Ersparnissen aus Desterreich nach Deutschland ge fommen und habe hier während des Krieges zuerst mit Korbflaschen und dann mit Mehlsäden gehandelt. Dann habe er sich auf Bouillonwürfe I geworfen" und damit so viel Geld verdient, daß er sich später in größtem Maßstabe an dem Ein- und Verkauf von ehemaligem Heeresgut beteiligen fonnte. Hierbei verdiente er soviel Geld, daß er sich in Wannsee eine hochmoderne schloßartige Billa mit dem gesamten fostbaren Mobiliar von 20 Zimmern und einer wertvollen Bibliothet taufen fonnte, deren Wert inzwischen auf zirka 7 bis 8 Millionen Mart gestiegen ist, wie der Zeuge selbst bekundet. Da ihm die Griffe seiner Benz- Limousine nicht gut genug waren, ließ er sie echt vergolden. Als infolge eines gegen den Zeugen angestrengten Zivilprozesses eine Pfändung in seiner Villa vorgenommen wurde, trat er durch Vermittlung des Richter an Bogdt wegen Aufnahme eines Darlehens von 37 000 Mart heran. Die Angeflagten sollen nach der Antlage für dieses nur vier Wochen laufende Darlehen 7000 Mart Zinsen verlangt haben, was einem Zinsfuß von etwa 225 Prozent entspricht. Der Staatsanwalt hielt einen Wucher für nachgewiesen und beantragte je zwei Bon den VerMonate Gefängnis und 5000 Mart Geldstrafe. teidigern wurde die Freisprechung beantragt, da von einer NotTage bei dem Zeugen teine Rede sein könne. Dieser habe sich nur deshalb in einer vorübergehenden Geldverlegenheit befunden, weil er sich scheute, etwas von seinen Besitzstücken zu verkaufen, da er eine weitere Preissteigerung abwarten wollte. Das Gericht schloß sich diesen Ausführungen in vollem Umfange an und erkannte auf Freisprechung. Das sparende Berlin. Der Spareinlagenbestand bei der Spartasse der Stadt Berlin betrug am Ende des vorigen Jahres 1817 001 458 M., wozu noch die im Laufe des Jahres aufgelaufenen, den Sparern gutgeschriebenen 3insen mit 54 721 288. tommen. An Sparbüchern waren im Umlauf 1900 395 Stüd. Der Giroeinlagenbestand betrug 347 945 265 M. Die Zunahme in diesem Geschäftszweige belief sich auf rund 135 Millionen Mart, ein Beweis dafür, daß die Einführung des Giroverkehrs einem dringenden Bedürfnis der weitesten Bevölkerungstreise entsprach. Zur Nachahmung empfohlen. Von der Betriebstraktentasse der A. E. G. und deren Tochtergesellschaften ist in der NollendorfStraße 21a die Klinit Sanitas" eröffnet worden, in der Haut-, Harn- und Geschlechtstranke beidetlei Geschlechts Aufnahme finden. Der Klinit, die ungefähr 40 Betten umfaßt, ist ein Amoulatorium für die Nachbehandlung der aus der Klinit entlassenen Kranten, ein Institut für medizinische Diagnostik und ein Röntgeninstitut nebst Lichtbehandlungsanstalt und Diathermie angegliedert. Das Opfer eines Mädchenhändlers? Jm Juni v. J. verließ die 19 jährige Luise Frey, die bis dahin bei ihrem Stiefvater in der Großen Frankfurter Straße 130 gewohnt hatte, ihre Arbeitsstelle mit der Begründung, daß ihr ein Mann, den sie tennen gelernt, eine„ gute Stelle" außerhalb Berlins besorgen wolle. Am 17. Juni verließ fie Berlin und hat seitdem nichts mehr von sich hören lassen. Alle Nachforschungen des Stiefvaters und der Bermißtenzentrale des Polizeipräsidiums blieben erfolglos. Es wird vermutet, daß die Vermiste von einem MädchenhändIer verschleppt worden ist. Die Fren ist etwa 1,35 Meter groß und hat über dem linken Auge eine Narbe. Gewerkschaftliches Russische Bilder Auf der letzten Plenatversammlung der Berliner Gewerkschaftstommission berichtete Gen. Vollmershaus über seine Beobachtungen, die er in Rußland machte. Wir tragen heute folgende Schilderung nach, die bis jetzt nicht bekannte Details enthält: Eingehend besprach Vollmershaus die Entwidlung der wirf schaftlichen Verhältnisse Rußlands zum Kapitalismus und entwarf ein düsteres Bild über die furchtbaren Leiden der dem Hungertode Ausgelieferten Das Verkehrswesen liegt völlig danieder. Die Eisenbahn ist gänzlich heruntergewirtschaftet, Viehwagen dienen zum Transport der Bevölke rung. Die Postverhältnisse sind trost los. Ein Brief, der am 16. Januar die Grenze passierte, hat dem Empfänger am 8. Februar in Mostau erreicht! In fultureller Beziehung ist nichts zur Hebung des Boltes getan worden. Schulen sind zwar eingerichtet, ein Schulzwang besteht nicht und augenblicklich fällt der Unterricht wegen der Kälte aus. Bücher und Zeitungen sind in feinem Arbeiterhause zu finden. Die Kirche ist vom Staate getrennt; doch leben die Popen ebenso gut als früher. Ausführlich schilderte B. die Zustände im Hungergebiet, wie er sie schon in seinen Aufsätzen dargelegt hat und ging auf die Arbeitsverhältnisse in Moskau selbst ein. Der Verdienst der Arbeiter beträgt etwa 75 000 Rubel. Dazu erhalten sie 20 Pfd. Mehl, 4 Pfd. Fleisch, 2 Pfd. Heringe und 2 Pfd. Salz. Troydem ist die Lebenshaltung furchtbar herabgedrüdt, da 1 Pfd. Brot im freien Handel 16 000 bis 18 000 Rubel fostet. Kein westeuropäischer Arbeiter tönnte diese entsetzlichen Verhältnisse ertragen. Moskau gleicht einer aussterbenden Stadt. Man hat die sehr zahlreichen Holzhäuser, abgerissen. Zentralheizung funttioniert nicht, eine Fahrt auf der Straßenbahn, die erst seit ganz furzer Zeit wieder in Betrieb gesetzt ist, fostet 5000 Rubel. Nach vielen Schwierigkeiten war es möglich, in Moskau eine Fabrit zu besichtigen und es zeigte sich hierbei die Unfähigkeit des bolshewistischen Regimes. Der Wiederaufbau Rußlands ist im Interesse der gesamten Arbeiterschaft notwendig. Das bolichewistische System ist zusammengebrochen und der Kapis talismus tritt jetzt an seine Stelle, da die Sowjetregierung sich noch immer nicht dazu verstehen kann, den Weg der Demokratie und des Aufbaues mit der gesamten Arbeiterschaft zu vollziehen. Deutschland muß sich aber an dem Aufbau Rußlands beteiligen. Wir hoffen, daß es den vereinigten Anstrengungen der ganzen Welt gelingt, den Verfall des russischen Volkes aufzuhalten, es von den Hungerqualen erlöst und Rußland wieder in die Weltwirtschaft eingliedert. „ Des Baterlandes Dank ist euch gewiß" Von den beschäftigten Kriegswitwen des Berliner Haupttelegraphenamtes in der Oranienburger Straße erhalten wir eine längere Zuschrift, in der uns mitgeteilt wird, daß allen zum 28. Februar 1922 gekündigt wurde. Darunter befinden sich welche, die bereits 3, 4 und 5 Jahre und auch noch länger tätig find. Als Beamtinnen wurden sie nicht übernommen, da sie infolge des anstrengenden Nachtdienstes gesundheitlich litten und bei der ärztlichen Untersuchung durchfielen. Sie werden deshalb jekt als lästiges Uebel empfunden, das man auf die Straße fekt. Wie die Zuschrift weiter mitteilt, ist es den Entlassenen jetzt sehr schwer, andere Beschäftigung zu finden, da sie schon zu lange aus dem taufmännischen Beruf heraus sind. Ihre einzigen Einnahmen bestehen dann in der kleinen Witwen- und Waisenrente, welche für eine Witme mit einem schulpflichtigen Rinde ca. 300 bzw. 400 Mart beträgt. Die Gefündigten haben sich an das Reichspost ministerium und an die Oberpost direktion ge= wandt, ohne daß sie bis jetzt eine Antwort erhielten. Wir halten die rigorose Entlassung dieser Angestellten, die man während der Kriegsjahre so notwendig brauchte und nach allen Regeln der Kunst ausbeutete, für eine Brutalität. Mindestens fann verlangt werden, daß das Reichspostministerium diese Kriegerwitwen mit einem größeren Betrag abfindet. Nur Arbeit fann uns retten! Aussperrung der Spiegelglasarbeiter in Fürth. Die Fürther Spiegelglasindustrie gehört zu den blühendsten Industriezweigen, und während des Krieges wie später haben die Industriellen geradezu fabelhafte Gewinne gemacht. Trozzdem die Arbeiterschaft voll ihre Pflicht erfüllte, tam bei jeder Lohnverhandlung das Verlangen der Industriellen nach Einführung der Attordarbeit zur Geltung. Die Arbeiterschaft war dafür nicht zu gewinnen und fonnte, gestützt auf eine gute Organisation, das Verlangen der Industriellen stets zurüdweisen. Die neue ungeheure Teuerung brachte Lohnforderungen der Arbeiter. Die Industriellen wiesen sie zurück und verlangten Affordarbeit. Als die Arbeiterschaft dies Verlangen in der bestimmtesten Form ablehnte, wurden am 20. Februar 2600 Glasarbeiter ausgesperrt. Das Verhalten der Industriellen ist als rüdjichtslos und brutal zu bezeichnen. Aufträge über Aufträge liegen vor, hohe Valutagewinne werden gemacht, alle Aufträge wandern ins Ausland und die Nachfrage ist bedeutend größer als die Produktion. In dieser beispiellos günstigen Zeit werden die Arbeiter aus den Betrieben geworfen, weil sie ein für sie ganz unhaltbares Attordsystem ablehnen. Dabei schreit alle Welt: Nur Arbeit fann uns retten! Wir fragen hier wieder einmal, wer die Arbeiter an freiwilliger Arbeit hindert. Die Arbeiterschaft der Fürther Spiegelglasindustrie steht geschlossen und wird den Anschlag auf ihre Rechte entschieden und bestimmt ablehnen. Generalversammlung der Brauerei- und Mühlenarbeiter Am Sonntag, den 19. d. Mts., erstattete in der Jahresgenerals versammlung des Brauereis und Mühlenarbeiter- Verbandes, Zahlstelle Berlin, der Vorsitzende Sodapp den Jahresbericht. Danach haben sämtliche der Zahlstelle angeschlossenen Industries gruppen im Berichtsjahre je fünf Lohnbewegungen geführt. Die Durchschnittliche Erhöhung der Löhne betrug im Berichtsjahre 105 bis 120 Prozent, einige fleinere Gruppen schlossen bedeutend günstiger ab. Für die Gruppe der Brauereiarbeiter wurde ein neuer Manteltarif abgeschlossen. Der Manteltarif für die Mühlenarbeiter wurde mit einigen Verbesserungen verlängert. Einen breiten Raum nahm auch die Errichtung von Arbeits ordnungen, die auf Grund des BRG. errichtet werden mußten in Anspruch Die sämtlichen von der Zahlstelle vertretenen Industriegruppen befinden sich bereits in neuen Lohnbewegungen. ihren Die Zahlstelle hat mit 6003 zahlenden Mitgliedern Höchststand seit Bestehen erreicht Den Kassenbericht gab Kastner. Die Verbandskasse hat bei einer Einnahme von 779 726,45?. eine Ausgabe von 248 933,71 Mart; 530 792,74 Mart fonnten an die Hauptkasse abgeführt werden. Die Lokaltasse weist am Jahresschluß einen Bestand von 115 878,21 Mart aus. An Unter stügungen wurden im Berichtsjahre insgesamt 208 939,- Mark gezahlt. In der anschließenden Aussprache wurde an der Tätigkeit der Ortsverwaltung mit feinem Wort Kritik geübt. Dagegen machten die Kollegen Boy und Bocksch ihren tommunistischen Bedräng nissen dadurch Luft, daß sie die Ortsverwaltung bzw. deren Ans gestellten für alle Vorkommnisse der letzten Zeit auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiet verantwortlich machten. Die Versammlung erteilte der Verwaltung einstimmig Entlastung. Zur Neuwahl des engeren Vorstandes und der Revi foren lag ein von der erweiterten Ortsverwaltung und der Vers trauensmännerversammlung einstimmig gefaßter Beschluß vor, den engeren Vorstand wieder zu wählen. Boy und Bodsch folgten der Moskauer Parole, indem sie die Versammlung im wahrsten Sinne des Wortes auseinanderredeten. Der Antrag der Orts verwaltung und Vertrauensmänner wurde abgelehnt. Neue Vorschläge zur Vorstandswahl wurden von feiner Seite gemacht, so daß sich Ortsverwaltung und Vertrauensmänner erneut mit der Wahl des engeren Vorstandes zu beschäftigen haben werden. Der Verlauf dieser Versammlung gibt einen Vorgeschmack dafür, wie die Führung der Geschäfte der Zahlstelle unter kommunistischer Leitung aussehen würde. Arbeitsnachweisangestellte! Für die freige wertschafts lich organisierten Angestellten der Arbeitsnachweise und des Landesarbeitsamts der Stadtgemeinde Berlin findet am Mittwoch, den 1. März, nachmittags 3½ Uhr, im Arbeitsnachweis für das Transportgewerbe, Eins gang Rüderstraße, eine Versammlung statt. Tagesordnung: „ Die Antwort des Magistrats auf die eingereichten Borschläge zweds Abschluß eines Tarifvertrages". Gewerkschaftskommission Berlin und Umgegend. Arbeitersport Touristen- Verein„ Die Raturfreunde", Ortsgruppe Berlin e. B. Flamingfahrt. Sonnabend, 6 Uhr, Charlottenburg, Moabit, Friedrichshagen. Sonnabend, 8 Uhr, Rummelsburg E., Stegliz, Strausberg, 8 Uhr, Schles. Bahnhof( Baraden). Often: Lödni, 7 Uhr, Schles. Bahnhof. Jugend: Wedding, Königswusterhausen, Beffen, 7 Uhr, Treptow. Besichtigung der Vorwärts"-Druderei, 9 Uhr, Linden traße 3. Mitte( Jugend): Briefelang, 8,05 Uhr, Lehrter Hauptbahn. Mitte: Finfentrug, Blütenheide, 7 Uhr, Gesundbrunnen. Norden: Strausberg, Ertner, 6.45 Uhr, Neukölln. Besuch der Urania 2 Uhr daselbst. Kinderführung. a'm 26.& e= Wanderungen Arbeiter- Wanderbund„ Naturfreunde". bruar. Zeuthen, Rangsdorf. Abf. 7.40 Uhr vorm., Görlizer Bahnhof. Werft pfuhl, Stadtftelle, Blumenthal, Strausberg. Abf. 5.45 Uhr vorm., Wriezener Bahnsteig. Ertner. Abf. 7.07 Uhr vorm., Bhf. Weißensee( Stralau- Rummelsbg. umsteigen). Fintenkrug, Krämer, Belten. Abf. 7.21 Uhr vorm., Bhf. Putligstraße. Grunewald, Bechsee, Havelberge, Nifolassee. Abf. 7.50 Uhr vorm., Lehrter BahnAbf. 8hr vorm., hof. Oranienburg, Sachsenhausen, Fließ, Oranienburg. Bahnhof Beuffelstraße( Bahnhof Gesundbr. umsteigen). Biesenthal, Pöhlichbrüde, Samithfee. Abf. 6.45 Uhr vorm., Bahnhof Neukölln. Ertner, Möllenfee. Kinberwanderungen Treff 6.30 Uhr vorm., Bahnhof Schmargendorf. durch den Grunewald. Treff 8 Uhr, Bahnhof Bellevue. Museum für Meeress funde. Treff 10.30 Uhr, Bahnhof Neuköln. Schwimm- Berein Welle"( Mitglied des Arbeiter- Turn- und Sportbundes) per* anstaltet am Sonntag, ben 26. Februar, nachmittags 3 Uhr, in der städtischen Badeanstalt an der Schillingsbrüde sein diesjähriges Schwimmfeft. Zur Vorführung gelangen unter anderem: Damenkunstreigen, elektrische Lampionteigen, Knabenreigen, Mannschaftsfämpfe und Wasserballspiele. Die Nachfeier findet in den Comeniussälen, Memeler Str. 67, ftatt. Altersriegenturner Groß- Berlin. Freitag, 24. Februar, Zusammenturnen ( Musterriegen für Leipzig), Turnhalle Prinzenstr. 70, abends 8-10 Uhr. 12. Männerabteilung Turnverein Fichte". Die Turnstunden der Männer finden in der Turnhalle Steinstraße statt. Jeden Dienstag und Freitag von 8-10 Uhr, bie Turnstunden der Lehrlingsabteilung, Gormannstraße, Montag und Donners tag 8-10 hr. Mittwoch, 18. März, Eröffnung der 18. Frauenabteilung Turn halle Hohenloheschule am Rudolfplay, jeden Mittwoch abend 8-10 Uhr. Wir. machen die Berliner Arbeiterschaft darauf aufmerksam und bitten um Unters tügung. Parteiveranstaltungen Freitag, 24. Februar Unterricht für die religionslosen Kinder in der Schule Wrangelstraße findet vorläufig wegen Kohlenmangel nicht statt. Schöneberg- Friedenau. Hente abend 7% Uhr Funktionärßigung bei Baum, Apostel- Paulus- Straße. Sonntag, 26. Februar Neukölln- Brig. Der Propaganda- Abend der Soz. Proletarierjugend muß ums ständehalber ausfallex. Bereinskalender. Freitag, 24. Februar Bund der technischen Angestellten und Beamten. Abends 7½ Uhr Mitglieder Thema: Die legten versammlung Tegel, Vereinshaus Hamused, Hauptstr. 6. Streits und unsere Stellungnahme zur technischen Nothilfe. Mitgliederversamm lung Weißensee, Rest. Spatenbräu, Weißensee, Berliner Allee 232. Unverlangt eingehende Manuftripte werden nur dann zurückgesandt, wenn ein genügend frantierter Briefumschlag beigefügt ist. Das gleiche gilt für Anfragen aus gem Lesertreise. Verantwortlich für die Redaktion Robert Hensel, Berlin; für den Komeriner, Inseratenteil Ludwig und geschäftliche Mitteilungen: Drud det Berlin. Verlagsgenossenschaft Freiheit". e. 6. m. b. 5., Berlin. Berliner Druderei 6. m. b. 5.. Berlin C. 2. Breite Straße 8-9. Bücher- Berzeichnis der Buchhandlg.„ Freiheit", Berlin C2, Breite Str. 8-9 19 Crispien, Die Inter Die Münchener Tragödie Mk. 5.Die Revolution Die Wahrheit über die Berliner Straßenkämpfe Wir Männer Dom Steinbruch Graf, Jns Leben hinein, gb. Proletarische Jugend 1. Hackmack, Arbeiters jugend u. seguelle Frage Mk. 5.Adler, Engels als Denker Mk. 12.Ballod, Der Zukunfsstaat Jensen u.Lamzus, Schub " geb. 20.3015." " kaserne oder schaftsschule. Gemeins Wurm, Frauenerwerbss arbeit Mk. 2.Sowjet- Rußland. 99 8.3." geb. 12." Eichhorn über die Januar ereigniffe 5." geb. Ledebour vor den Ges schworenen " P Mk. 12.18.Bieg, Willst du arm und unfrei bleiben 1.2. " Der kleine Samariter Dortu, Skizzenbuch. • 99 99 " 1.50 10.nationale 3.99 Cisner, Der Sultan bes Der Prozeß Ledebour " 1 40." Abrechnung mit ben 99 Weltkrieges. 5." Löwenstein, Elternbeirat 99 3.15.2. Geger, Proletariers jugend und Theater. 5.99 14 Rechtssozialisten 99 2.99 Programm u.Taktik Graf, Deutschland nach dem Frieden. 1." Prager, Geschichte der USPD. 12.1150.der USPD. 5.99 99 2.Schneider, Klaffenjuftig " 1 3. 99 Aberflüssige Menschen 5. 99 Seidel, Die Gewerkschaf Hahne, Die den Krieg haffen. 3. Graf, Stammt der Mensch von Affen ab? 5. 力 " 5.4. Graf, Jung u. Alt i. b. Das kommunist. Manifeft 3.19 3.3.John, Aber See u.Heide, gb. " 9 12.prol. Jugendbewegung 5. " 9 Der Kampf um die Sozialis fierung Loele, Der Krötenteich 12. " 99 4.2.99 2." " Der moralische Zusammens bruch der SPD.. 11 2." 12.Weg zum Haß, geb. Schönlank, Gesänge der 5. Hackmack, Einführung " 1 12i. d. foz. Gedankenwelt " 3.Beit . 99 2." 1 Schwarzkopf, 10." 12" 4.» 12.6. Graf, Moses b.Darwin 7. Seger, Die Werkstatt des Geiftes. Б.5.99 5." 2.2.50 99 1." 3." 8. Mofes, Gesundheitss pflege der arb. Jugend 5. " Der Mord an Liebknecht und Luremburg Der Zusammenbruch der Kriegspolitik Haases Anklagerebe. Kangky, Luxemburg, Liebs knecht, Jogiches. " Was tft Sozialis fierung? Mie der Weltkrieg entstand. Demokratie oder Staatsiklaverei Rorsch, Was ist Sozialis fierung?. 19 ten in der Revolution Sender, Die Frauen und das Rätesystem Stein, Agrarfrage und Sozialismus Ströbel, Kriegsschuld der Rechtssozialisten. Wurm, Richtlinien für ein Gemeindeprogramm 10 10 37 Die Schwelle Toller, Der Tag des Proletariats Gesegeserläuterungen für Arbeiter und Angestellte 1. Aufhäuser, Das Gesez über Betriebsräte 2. Rudolf Weck, Der Betriebsobmann 3. Hery u. Boenheim, Der Mieterschutz 4. Das Reichswahlgefet 5. Konrad Ludwig, Breußen 6. Karl Leid, Die Stadt gemeinde Berlin 7. Prager, Das Reichss einkommensteuergesetz. 8. Erwerbslofenfürsorge 9. Unterstügungsgejez für Empfänger von Invas lidens, Alterss, Witwens, Waisenrenten. Mk. 8.99 6." 4." 9 6.2.50 " 6" 19 " 6.10.5.