Frauenstimme Nr.H t 42.?ahrg� Beilage zum Varwärks I 20. März 1925 '.J:!''•:'ir!:lH'!Nitif:i!!,iiK':li'!)!t:"IHimitlil�l Jrauen, nützt Zuin erstenmal stehen wir vor der Wahl eines Reichs- Präsidenten durch das ganze deutsche Volk. Dem allzu früh verstorbenen Genossen Ebert haben wie einen würdigen Nachfolger zu geben. Noch niemals in der Geschichte unserer jungen Republik fanden sich viele Millionen Männer und Frauen so einmütig zusammen wie in den Tagen der Trauer- klage um den Tod Eberls. Nicht nur der Trauer um den Verstorbenen galten die ge- waltigen Demonstrationen jener Tage. Sie waren zugleich ein Bekenntnis der Massen zur Republik und zur Demokralie. Jener Teil des deutschen Volkes, und besonders auch die vielen Frauen, die anfangs nur widerwillig aus das höfische Ge- pränge und sonstige Drum-und-Dran einer Monarchie ver- zichteten, sie werden in immer größerer Zahl zu Anhängern der Republik. Eine wachsende Mehrheit unseres Volkes beginnt sich ihrer Würde als republikanische Staatsbürger be- wüßt zu werden. Sie wollen nicht mehr andere Personen � Monarchen oder Diktatoren— über ihr Geschick entscheiden lassen. Sie selbst wollen richtungbestimmend aus die deutsche Politik und damit auch ans ihr persönliches Leben einwirken. Deutlich spiegelt sich die Festigung der republikanischen Verfassung in der Politik ihrer Gegner. Die Deutschnatonalen hat dasSchicksal getroffen, dem keinePartei entgeht, die in jähre- langer demagogischer Hetze ihren Anhängern lind Wählern Versprechungen' macht, die in Wirklichkeit nicht durchzuführen sind, oder zu deren Durchführung der Wille fehlt, wie bei den Aufwertungsversprechungen. Die Enttäuschung bei den deutschnationalen Wählern und Wählerinnen ist bereits riefen- groß. Die noch vor wenigen Wochen so anmaßende und herrschsüchtige deutschnationale Partei hat als einzige größere Partei dem deutschen Volk keinen eigenen Kandidaten zur Präsidentenwahl vorgeschlagen. Viele Tage wurde unter den Rechtsparteien in würdeloser Weise gefeilscht um die verschiedenen Kandidaten. I a r r e s wurde genannt und beim Auftauchen neuer Namen wie ein alter Besen in die Ecke gestellt, dann wieder hervorgezogen, um, sobald nur eine andere bürgerliche Kandidatur möglich schien, wieder beifeite geschoben zu werden. So ging das mehrmals hin und her, bis dann schließlich nach tagelangem heißen Bemühen doch nichts Besseres gefunden wurde, als eben dieser oft verschmähte Iarres. Interessanter noch ist. daß in dem langen Kuhhandel des Rechtsblocks um einen Präsidentschaftskandidaten, in dem so viele gewogen und zu leicht befunden wurden, nicht ein einziges Mal der Name eines Deutschnotionalen aufgetaucht ist. Die Deutschnationalen sind nach der Sozialdemokratie die stärkste Partei des Reichstages. Sie find die Partei, die stolz von sich behauptet, daß sich alle großen Führer der deutschen Nation in ihren Reihen finden. Haben sie doch gerade mit dem Hinweis auf die große Zahl ihrer„alten bewährten Führer" nicht wenig Eindruck bei einem Teil der weiblichen Wähler gemacht. -Die Bildung solcher Legenden um die„großen Führer" war dem kaiserlichen Deutschland ein wichtiges Mittel zur Niederhaltung der eigenen Meinung seiner„Untertanen". Die Deutschnationalen hatten mit solchem Schwindel, den sie aus ihrer Regierungszeit bis 1918 vortrefflich beherrschten, auch in der deutschen Republik noch Erfolge. Besonders au» die Frauen hat das offenbar stark gewirkt. Nach Stichproben, die bei getreimter Wahl beider Geschlechter vorgenommen wurden, und die sich auf eine halbe Million Wähler stützen, ist onzu- nehmen, daß von den 103 deutschnationalen Abgeordneten des Eure Macht! gegenwärtigen Reichstages 54 allein mit den Stimmen von Frauen gewählt wurden. Auch bei der Wahl des Reichspräsidenten wird d t e Abstimmuirg der Frauen wieder ausschlag- gebend sein. Von den rund 38 Millionen Wahlberechtigten sind mindestens 20 Millionen Frauen. Die Frauen machen be- allen Wahlen so eifrigen Gebrauch von ihrem Wahlrecht, daß ihre Bedeutung für de« Ausfall der Präsidentenwahlen nicht hoch g�enug eingeschätzt werden kann. Es gilt, der deutschen Republik einen neuen Führer zu wählen. Die Frauen sollten dabei, die würde- volle Haltung der Sozialdemokratie vergleichen mit dein rat- losem Hin und Her der Rechten. In den Reihen der Sozial- demokratie finden sich die unverbrauchten 51räste, die bis 19>8 von allen Regicrungsgeschäften ferngehalten wurden. Aus den Reihen der Sozialdemokratie stammte der erste Präsident der deutschen Republik. Diesem sozialdemokratischen Reichspräsi- denten wieder einen Sozialdeinokraten zum Nachfolger zu geben, muß Ehrensache der deutschen Arbeiter- s ch a s t sein. In den Reihen der sozialdemokratischen Führer war das Suchen nach einem geeigneten Katididaten für das hohe� Amt des Reichspräsidenten nicht schmierig. Einmütig wurde unser Genosse Otto Braun ausgestellt. Er entstammt, wie Ebert, der Arbeiterschaft. Er hat, wie er, während der Kriegsjahre dein Vorstand der Sozialdemo- kratischen Partei angehört und ist nach dem November 1918 vom Volk in die Regierung berufen worden. Zunächst war er Landwirtschastsminister in Preußen, dann bat er, mährend der letzten Jahre, als preußischer Ministerpräsident, zusammen mit unserem Genossen Severing, aus Preußen ein Land ge- macht/ in dem Ruhe und Ordnung die Voraussetzungen zu einer stetigen Besserung der Verhältnisse bildeten, während in anderen Ländern Kämpfe uin die Regierungsmacht heute zerstörten, was gestern ausgebaut wurde. Bei seinem Aus- scheiden aus der preußischen Regierung wurde seine Tätigkeit, seine ruhige und selbstverständliche Würde und sein Talent zur Führung schwieriger Verhandlungen, trotz aller politischen Gegnerschaft, anerkannt bis weit in die Kreise der deutschen Volkspartei. Gaben, wie sie hier Otto Braun von seinen politischen Gegnern nachgerühmt werden, braucht der Präsident der Deutschen Republik. Er hat in Krisenzeiten, in Zeiten des Regierungswechsels den Ausweg zu finden aus dem Chaos, das dann gewöhnlich zu herrschen pflegt. Er l)at Deutschland nach außen zu vertreten. Diese wichtige Ausgabe erfordert die besondere Aufmerksamkeit der Frauen. Es kann den Frauen nicht gleichgültig sein, ob wichtige Verhandlungen mit dem Ausland von einem Präsidenten der Rechten geführt werden, der sich mit Revanchegesühlen an den Verhandlungs- tisch setzt. An diese Stelle gehört ein ehrlicher d e u t- scher Republikaner und ein Mann voll ehrlichen Friedenswillens, so wie Ebert es war, und wie Otto Braun es ist. Alle Fralien, die Deutschland nicht der Gefahr eines neuen Krieges aussetzen wollen, alle Frauen, die zur Festigung der Republik und damit zur Erhallung des Fraucnwahlrechtes beitragen wollen, alle Frauen, die der Rechten die verdiente Antwort auf ihren Auswertungsschwindel und aus die Zuschauzung von 715 Goldmillionen an die Berg- und Jndustrieherren der Ruhr geben wollen. alle denkenden Frauen stiinmen für Otto Braun! Die Zrau im Staate. Auch dem Weibe hat die Deutsche Reichsverfaiiunff neben Rechten Pflichten zugeteilt! Die Frau ist m der Neuzeit mehr denn je Mitarbeiter allgemeiner Bolkswohlsahrt geworden und ih-re Betätigung wird, sei es als Hausfrau und Mutter oder ats Glied uer ösfentlichen ober privaten Wirtschaftspflege, noch größeren limfang gewinnen muffen, wenn wir einen gesunden und kräftigen Volks» körper erstreben. In welchem Maße sich die Verfassung berechtigend oder verpflichtend der Frau geHenüber ausspricht, soll in der Folge kurz beleuchtet werden. So betrachtet, gibt der Artikel lllS der Verfassung allen Deutschen gleiche Rechte und Pflichten und hebt Vorrechte oder Nach- teile der Geburt oder des Standes auf. Die bei der Verfaffungs- beratung in der Nationalversammlung von der Linken gestellten An- träge, alle die Stellung der Frau auf dem Gebiete des bürger- liiyen Rechts einschränkenden Bestimmungen auszuheben, wurden ao- gelehnt. Ein Recht von grundlegender sozialer Bedeutung ist in Artikel IIb festgelegt, nämlich der besondere SchugderEheund die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter in i h r. Die Ausgaben des Staates und der Gemeinden sollen sich erstrecken auf Reinerhaltung, Gesundung und wirtschaftliche Förde- rung der Familie. Kinderreiche Familien haben Anspruch auf aus- reichende Fürsorge. Der Staat ist für Schutz und Fürsorge der Mutterschaft verantwortlich. Wie auf Grund der Reichsverfassung der Mutterschutz und allgemein die Erhaltung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit, die Borsorge gegen wirtschaftliche Folgen von Alter, Schwäche und Wechselsällen des Ledens zu gestalten ist. bestimnit Artikel ISl näher dadurch, daß er«in vom Reich zu ichasfendes Versicherungswesen vorsieht, unter maßgebender Mitwirkung der Versicherten. Artikel 1S7 stellt zwar die Arbeits- kraft unter den besondere» Schutz des Reiches, aber damit ist un- löslich die moralische Pflicht verbunden, daß auch jeder Staats- bürger gewissenhast für Erhaltung der Arbeitskraft sorge. Arbeits- losen ist auf Grund des Artikels 163 Abs. 2 entweder eine angemessen« Arbeitsgelegenheit nachzuweisen, oder der Staat gewahrt das Existenzminimum(vgl. auch Artikel 161). Mindestens in demselben Umsange, in dem der Staat seine recht- lichen Aufgaben der Familie gegenüber, iiisbesondere in bezug auf den Nachwuchs, anerkennt, müssen die Eltern, als die Begründer der Familie, aus sczialmoralischen Gründen bestrebt sein, gesunde, wirtschaftliche und sittlich gehobene Verhältnisse zu erzielen, wenn das nächst Höhere Ziel, der vorbildliche Staat, erreicht werden soll. Der Artikel 120 formuliert diese Pflicht der Eltern mit besonderem Nachdruck, auch als ein natürliches, man kann sagen sittliches Recht (ur.Erziehung des Nachwuchses zur leiblichen, eelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit". Die vorgenannten Artikel der Veriaisung bezwecken mehr oder minder das geregelte Familienleben. Die Frau, die Mutter, die Trägerin der kommenden Generation, ist die berufene Schöpserin der neuen Zeit. In ihren Händen liegt es, ihre Gedanken, ihren Glauben an ihr Volt und ihren Kindern neu zu gestalten. Diese Kraft, dieses heiligste Recht der Frau sollte sie direkt ihrem eigentlichsten Tätigkeits- selbe zusühren. Den unehelichen Kindern wird in Artikel 121 das gleiche Recht auf Erziehung eingeräumt, wie den ehelichen. Man wird zu- geben müssen, daß auf dem Gebiete der Fürsorge für das eheliche Kind noch Erhebliches umzugestalten ist. Das Ziel ist gegeben durch den Wortlaut des Artikels, in dem es ausdrücklich heißt:„Den un- ehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedin- aungen für ihre leibliche, seelische und gesellschastliche Entwicklung zu Ichaffen wie den ehelichen Kindern". Für die Mutter knüpft sich an diesen Artikel dicselä? sozialsittliche Pflicht, wie sie Artikel 120 von beiden Elternteilen fordert. Ist ein Jugendlicher der Ausbeutung sittlicher, geistiger oder auch kinpetlicher Verwahrlosung ausgesesit, gibt der Artikel 122 das Recht auf Schutz durch Staat und Gemeinde. Neben dem rein individuellen Recht auf Giund der Verfassung, das für jeden Jugend- lichen gilt, wird in diesem Artikel noch weiteren Kreisen ein Recht eingeräumt, um für das Gedeihen Ii« Jugend sorgen zu können. Recht und Pflicht ist es der Fürsorgeorgane und Erzieher, acht zu haben aus ihre Schützlinge, nicht nur während der Dienstzeit, da gehört es selbstverständlich zum Beruf. Anleitung und Kontrolle liegt hier bei der Fürsorgerin als ausführendem Glied der Behörde (Staat und Geincindc). Die berufenen Iugendsührer sollte ibre ollgeineine. soziale Gesinnung zu diesen Ausgaden verpflichten, die eine Einschränkung z. B. auf gesetzliche Arbeitszeit usw. nicht zuläßt. Organe der ösfentlichen und privaten Wohlfahrtspflege müssen Un- ehelichen und Jugendlichen nötigenfalls Eilern zu ersetzen bemüht sein. In derselben Beziehung sovle überliaupt allgemein jede Frau zu den Artikeln zun, Schutz dsr Ehe, zum Schutz des ehelichen und unehelichen Kindes stehen. Die Verfassung enthält dann auch noch Bestimmungen, die sich auf die Frau im ösfentlichen Leben des Staates beziehen. So bringt Artikol 128 ein individuelles Recht zum Ausdruck, der allen Staats- bürgern ohne Unterichied nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung und ihren Leiswngen Zulasiung zu den ösfent- kicken Aemtern sichert. Er betont ausdrücklich, daß alle Ausnahme- bestlmmungen gegen rveibliche Beamte befeittgt werden. Durch Artikel 13? wird es den Beamten zur sozialen Pflicht gemacht, der G e- Ia m t h e i t und nicht einer Partei zu dienen. Bezeichnend, aß die gesetzgebende Natumaloersammlung es für notwenviahiclt, diese Selbstverständlichkeit in der Versassuiia auszusprechen. Weiter räumt dieser Artikel den Beamten das Recht der Freiheit ihrer politischen Gesinnung und der Vereinigung ein. Die Stellung des Beamten zu diesem Artikel muß auf einem klaren Berständnis des Unterschiedes zwischen Recht und Pflicht beruhen, daniit er ohne Konflikt seinen Aufgaben gerecht wird. Artikel 16? sichert jedem die erforderliche Freizeit zur Ausübung öffentlicher Ehrenamter und staatsbürgerlicher Rechte, sofern nicht der Betrieb, in dem der Be- treffende tätig ist, etwa dadurch erheblich geschädigt wird. Dieses Recht, das sowohl in individueller als auch in sozialer Hinsicht be- sondere Bedeutung verdient, wird an den einzelnen Arbestsstäitcn durch den eingesetzten Betriebsrat geschützt. Für Männer und Frauen als Staatsbürger ergibt sich hier eine Pflicht auf sozial- sittlicher Grundlage, die sie bestiminen sollte, in wettestem Maße neben der Berufsarbeit ihre Kraft der Allgemeinheit zu widmen. Was uns Frauen besonders interessieren muß, ist die Regelung des Frauen Wahlrechts durch die Verfassung. In den Artikeln 22 und 125 ist das Frauenwahlrecht festgelegt. Es heißt im Artikel 22: „Die Abgeordneten werden in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl von den über 2st Jahre alten Männern und Frauen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt". Artikel 125 gewährleistet Wahlfreiheit und Wahlgeheimnis. Durch diese beiden Artikel ist ein ganz individuelles Recht ausgesprochen, das, wie sämtliche hier behandelten Artikel, ohne Unterschleo des Geschlechtes Männern und Frauen von mehr als 2? Lebensjahren zusteht. Das Wahlrecht bedeutet für uns Frauen mit besonderer Strenge auch die Wahlpflicht. Was nützen uns nur die»n der Reichsverfassung verbrieften Rechte, wenn wir nicht auch die Macht haben, diese Rechte zu verlangen und auszuüben. Diese Macht entspringt dem Volte, entspringt uns Frauen aus unserer Machtstellung in den Landes- und Reichsparlamenten. Die Verfassung betont, in der Arbeitsgemeinschaft von Männern und Frauen soll das Volk emporgebracht werden, nicht fort vom Mann und erst recht nicht gegen ihn! Dessen werde sich jede grau bewußt, insbesondere jetzt, wo es in hohem Maße von den Frauen obhängt, daß bei der P r ä j i dentenwahl die Ideen der Gleich- beit und Freiheit über den Geist der Reaktion den Sieg davontragen. Di« Frauen, denen die Republik und die Weimarer Aer- f a j j n n g die Gleichderechttgung im Staat verjchasst haben, müssen durch die Wahl von Otto Braun dafür sorgen, daß die Republik und Verfassung einen treuen Hüter und Verteidiger erhalten. A. K. Der Kampf um die Spitze. Die bevorstehende Reichspräsidentenwahl ruft uns nicht nur alle zur Wahlurne, sondern vor allen Dingen auch zum Kamps gegen die Reaktion. Wir müssen nicht nur wieder wählen, sondern wir müsien immer stärker, immer lauter nnsere Gesinnung, unsere Welt- anschauung, unser Bekenntnis zum Sozialismus kund tun. Ihr Frauen dürft euch nicht in Lauheit verlieren und gleich- gültig die Weltanschauung der Monarchisten zur Herrschaft kommen lassen. Denn wenn ihr euch auch von dem politischen Kampf fern- haltet und euch euren sozialen Aerpflichmngen entzieht, den Wirkungen und Auswirkungen des Geschehens könnt ihr euch nicht entziehen! Und darum kann und darf es euch nicht gleichgültig sein, ob die Fabriken Schwerter oder Pflüge machen, ob die Arbeitszeit in den Werkstätten 8 oder g Stunden beträgt, ob ein Monarchist oder ein wahrhastiger Republikaner an der Spitze des Staates steht. Glaubt nicht, auf eure Stimme, auf euer Urteil käme es nicht an. Seid nicht so bescheiden und unterschätzt eure Kraft nicht. Wie- viel früher hätte z. B. der unselige Weltkrieg beendet werden können, wenn die Frauen dem Militarisn-us nicht Vorspanndienste geleistet hätten. Durch aktive Wahlbetätigung können wir sehr wohl unser Gemeinschaftsschickscl lenken, wie wir umgekehrt durch Lauheit und Faulheit nur der Reaktion Vorspanndienste leisten. Da gerade bei der Wahl des Reichspräsidenten der Kampf um das Weiterbestehen der Republik ausgetrogen wird, ist jede einzelne Stimme von größter Wichtigkeit. Was meint ihr wohl, ihr Frauen der Arbeit, was wir zu erwarten haben, wenn kein ehrlicher Republikaner, sondern ein verkappter Monarchist an die Spitze des Reiches kommt? An die Spitze des Reiches gehört ein Mann, der die Fähigkeit und den festen Willen hat, nicht bloß die Vergangenheit, sondern auch d i e Z u k u n s t von einer bestimmten Perspektive zu betrachten. Er muß erkennen und sehen, wo die Gegenwart hinstrebt. Er darf den Blick nicht rückwärts richten, um die tote Vergangenheit wieder ins Leben zurückzurufen. Zielbewußt müssen wlr unserem sozialen Ideal zustreben. Die Präsidentenwahl gibt uns Gelegenheit, für dreses Ziel zu arbeiten und die Scharen der rückttändigen, unaufgeklärten Frauen für die Republik und den Sozialismus zu gewinnen. Friedet Schneider. Eine europäische Schanüe. In Europa wurden vor dem Kriege ausgegeben: 49 Proz. aller Einnahmen für den Militarismus, 5,6 Proz. für ösfentlichen Unterricht und nur 2,1 Proz. für Rechtspflege. Die Verhältnisse sind auch nach dem Kriege nicht anders ge» worden. Das alles nennt sich dann europäische Kultur. Erziehung Zur Gemeinschast. Von G i n a K a u s. Was ist der Aweck der Erziehung? So groß die Zahl derer ist, die sich, sei es aus Notwendigkeit oder aus freier Berufswahl, mit Kindern beschäftigen, so selten ist ein Erzieher, der sich über das Ziel, dem er seine Zöglinge zuführen will, ernsthaste Gedanken macht. Manche glauben, Erzi.hung bestände im Anlernen artiger Sitten, im Zurechtstutzen des kindlichen Willens zu fügsamer Ergebenheit, die allermeisten aber oerstehen leider unter Erziehung schlechthin— das Strafen. Sie beobachten das Kind ausschließlich auf seine Fehler hin und haben sie einen solchen glücklich entdeckt, so erfolgt eine Rüge, ein Schimpfwort, ein Schlag, je nach Laune und Temperament des »Jugendleiters." Je mehr Fehler er an eineni Kinde entdeckt, rügt und bestraft, desto gewissenhafter glaubt er seine Pflicht zu erfüllen. Es ist nicht immer Bosheit oder Sadismus, wenn so viele Eltern und Erzieher den Vorschlag ohne jede Straf« zu erziehen absurd finden. Da sie das Wesen der Erziehung in der Strafe er- blicken, erscheint ihnen das eine ohne das andere widersinnig. Und in gewissem Sinne haben sie damit sogar recht— in jenem Sinne nämlich, den eine Gesellschaft der Autorität der Erziehung notwendig geben muß. Wer das ihm anvertraute Kind in eine solche Gesell- schast hineinerzieht, der muß es lehren blind zu gehorchen, die Auto- rität kritiklos anzuerkennen— oder, was schwach ist, rücksichtslos zu unterdrücken. Beide, Sklaven und Tyrannen erzieht man durch Härte. Das ideale Prcdukt der autoritativen Erziehung ist der Mensch, der nach oben sich duckt, nach unten tritt— mit einem Wort, der bürgerliche Unterton. Kirche und Staat haben' jahrhundertelang Hand in Hand gearbeitet, um ein engmaschiges Er- ziehungssystem auszuarbeiten, das mit der Hierarchie in Schul« und Elternhaus beginnt. Wir haben ein anderes gesellschoftliches Ideal vor Augen: d i e Gemeinschastallerarbeitenden Menschen. Und wenn wir auch wissen, daß unsere Kinder dieses Ideal nicht fertig vorfinden werden, so sollen sie doch für einen Daseinskampf ohne Unterdrückung des anderen besser vorbereitet sein als wir. Wir sehen das Ziel der Erziehung in einer möglichst leichten Anpassung des einzelnen an die Gemeinschaft: um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es anderer Mittel als der Streng«, einer anderen Atmospbäre in der Kinderstube als die der elterlich«» Autorität. Wer sein Kind zu einem Mitmenschen erziehen will, der muß es schon von klein auf als«inen gleichwertigen Mitmenschen behandeln. Er muß alles vermeiden, rvas das Kind in einen Kampf mit den Er» wachsenen bringt, alles, was ihm das Gefühl ihnen gegenüber minderwertig,„unten" zu sein, vermitteln könnte. Also ebensowohl die Einschüchterung durch Strenge, Strafen oder Spott, als auch die übertriebene Verzärtelung, denn auch diese bringt dem Kinde all- zusehr zum Bewußtsein, daß es klein und schwach ist. Die Folgen beider Erziehungsfehler, deren Gemeinsames die übertriebene Be- vomundung des Kindes ist, äußern sich unter den mannigfachsten Fonnen. Sprachen wir vorhin von den Charakters chöden der autori- tatioen Erziehung, die einfach zu Tage liegen, so gibt es andere, die auf verbörgenen Umwegen die Seele des Kindes verderben und für das Leben und das Mit-dsn-anderen-leben unfähig machen. Wie macht man es nun, um beide Erziehungsschäden zu vermeiden nnd das Kind für die Gemeinschaft richtig zu erziehen? Es ist nicht so schwer, wenn man erst einmal den richtigen Ton gefunden hat, und den findet man, l bald nian sich mit dem Gedanken ver- traut gemacht hat, das Kind für einen kleinen Erwachsenen anzusehen— das heißt, sich vor Augen zu halten, daß es genau so empfindet wie ein Erwachsener in ähnlicher Situation. Also wie ein Ernxlchsener unter Riefen, unter Wesen, die alle viel größer, stärker und mächtiger sind, als er. Da wird man sofort verstehen, daß viele Dinge, die man am Kinde für„schlimm" erklärte, nichts weiter sind als die selbstverständlichen Versuche eines Menschen, sich in so un- gleicher Gcsellscbast zur Geltung zu bringen. Je mehr man dazu tut, um diese Geltungsversuche des Kindes zu unterdrücken, desto krampfhaiter und für die Umgebung unailgenehmer werden sie aus« fallen. Man muß das Kind eben gelten lasten, man muß dafür sargen, daß sein Tag wie der des Großen mit Leistung und Gesellig- keit auegefüllt ist. Von Anfang an erziehe man das Kind zur Selbständigkeit. Man wird dazu keinen Zivang anwenden müsien. denn Man kommt damit bloß dem Wunsch des Kindes ent- gegen, das ja vor allem groß sein will. Aber man dars nioinals eine Leistung von dem Kr.de verlangen, der es noch nicht gewachsen ist, denn jedes Verlogen entnnttigt. Niemals sage«nan dem Kind: »Du bist aber»nges�ickt" oder„Du bist dumm!"— sondern wenn etwas nickt gleich geht, ermutige man es:„Du wirft ja olle Tage größer und geschickter, da wird es bald gehen."(In vorbildlicher Weife wird eine solch« Erziehung in den Montessori-Schulen für Kleinkinder geübt. Hier sind die Kinder den ganzen Tag über beschäftigt, aber nickt bloß mit Spielen, sondern mit richtiger Arbeit: S! waschen das Geschirr, säubern die Stuben, halten Ihre Sachen in rdmmg. Die Gründung möglichst vieler Montessori-Schulen und die Einführung der Montessori-Mechode an den bestehenden Schulen wäre die beste Methode für ein«»nöglichst allgemeine Erziehung zur Gemeinschaft.) llebcrhaupt ist im Hinblick aus die leichtere Anpasiimq an die 'Umwelt die Erziehung in Kinderheimen der im Esternhaus vorzuziehm. Hier kann natürlich weit»»«niger dazu geschehen,»un das Selbstvertrauen der Kinder zu heben, denn da gibt es nun »lnnial so viele Dinge, die für die kleinen Hände zu groß, zu schwer oder zu gefährlich sind. Aber es kann doch vieles unterbleiben, das dem Selbstvertrauen schadet.»« allem versuche man nicht, da, Kind auf eine Vollkonrnenhelt hin zu erziehen, die ja weder der Erzieher, noch sanft ein Erwachsener bes.tzt. Man wird dann hundert„Fehler" gar nicht als solche bemerken uuo rügen. Und hei jeder Rüg? be- denke man die unendliche Empsirdüchkeit des Kindes, die aus seiner Schwäche in der Umgebung der Großen«ntsvringt, und überlege es sich gut, ob der Vorwurf wirklich fo notwendig ist, wie der Schaden der daraus entsrachsenden Entmutigung groß fein kann. Will der Erwachsene etwas van dem Kinde erreichen, ums er für unbedingt wichtig hält, fo gelingt das am besten auf unmerkliche Weife, etwa durch Geschtchtenerzählen, aus denen man aber das Kind selbst die Nutzanwendung ziehen lähi. Will das Kird etwas Unmögliches vom Erwachsenen erreichen, fo oermeide mnn ebenfalls den Kampf und lenke das Kr.d unmerilich ab. Man kommt auf diese Weise viel schneller zum Ziel und erspart dem Kind das Gefühl der Nieder» lag«. Und vor allem verzichte num auf die Elterneitelkeit,„besonders gut erzogene", be, anders schöne, kluge, fleißige Kinder zu haben. Dieser Anspruch, mehr als andere leisten zu müssen, schadet nicht nur dem Selbsloerlrauen, das sich vor eine schwierige Aufgabe gestellt sieht, es schad-t auch dem Ehavaktec, der, auf ein Ziel des persön- lichen Ehrgeizes gerichtet, das der Gemeinschaft aus den Augen verliert. Zrauen unü Gcnsssensckasten. Die gmosfensch'gsklfch« Ausgaste der Hausfrau. Nach Prosesior Wyaadzinsii werden rund K0 Proz. des gesamten deutschen Volkseinloniruens von den Hausfrauen ausgegeben. Das ist der Durchschnitt In e.nkomnirn schwachen Familien ist der Prozentsatz also viel höher, las h ßt, daß der Prozentsatz bei der Masse der niedrigeren Einkommen sehr hoch ist. Dieser Sag zeigt »ins einmal, welche Rolle die Frau in der Wirtschast spielt und in welchem Maß ein gesunder �cn.shäitcüschcr Sinn der Frau dt« gesamte Wirtschaft zu deeiniusien vermag Eine große Zahl der Freuen find sich des Wertes ihrer Haus« arbeit in der Volkswirtichast gar nickt bewußt. Sie kennen nur die Sorgen der Familie und vx.gei» kaum Veranstaltungen zu besuchen, in denen Wirtschaftssraaen besprachen werden, nock seltener, ent- sprechenden Lesestoff zur Hand zu nehmen. Der Mann unterläßt es sehr oft, sein? Frau mit den wichtigsten wirtschaftlichen Dingen vertraut zu machen, und so ist es trvglich, daß alle Arbeiten des Mannes in den einzelnen Organisationen durch das unkluge Handeln der Frau untergraben werden. Es ist aber an der Zeit, Verna»tt walten zu lassen. Die Frauen haben in der Konsumoenossenlchaftsbewegung ihr Be» tätigungsfeld, an ihnen selbst wird es liegen, zur Erziehung nno Auf- klarung der Frau beizutragen, sie aus dem engen Kreis der Familien- Wirtschaft in die Gemeinwirtschaft einzuführen, was zunächst treu« Genoffenfchafterinnen erfordert. Ehe-;Btieuchi-: in SswMrußlanö. Auch der begeistertste Anhänger des Kommunismus wird schwer» lich behaupten können, daß die Menschen in Sowjetrußland für den Sozialisinus besonders reif sind. Las E beleben zeigt dort z. B. Er- scheinungen, die an die n- m iitioste Entwicklungsstufe der Menschheit erinnern. Die Frau gut nickt selten als Gebrauchsgegenstand, den de» Mann für einen biLigen Knufprei» erwerben und nach Belieben wieder wegwerfen kann. So werden z. B. immer wieder, selbst von dem bolschewist'jcken Horptorgaa„Prawda" Fälle gemeldet, in denen Bauern und auch andere Männer mit Frauen Ehen ein» gehen, um nur eine billige Arbettstrast zu haben. Von ciiiem ouge.order.Uich bezeichnenden Fall erzählt die „Prawda" am 3. März. Danach hat in einem weißrussischen Dorf« ein Bauer mit einer Bäuerin den nachfolgenden Ehevertrog ge- schlössen: § 1. Ich, Sergei Kowa'.jew. verpflichte mich, Anna Romanenk» vom Jahre 1S24 an als Freu bei mir zu behalten. § 2. Ick. die BüiTrln An-« Rernaneufo.«kläre mick bereit, Im Laufe von drei Jahren die Frou des rbengenanntcn Bürgers zu sein. ss 3 Ich, Ko'elzew. brtrait e die Romanenko als meine Frou und verpflichte mich, sie im Laute von drei Jahren als meine Frau zu behandeln. Die„Prawda" sagt zu diesen» mehr als merkwürdigen Dokument eines Ehevertrapes auf KLndipurg u. a:„Die Gewerkschaft und der Vollzugsrat sanktionier-.> den Vertanf der Frauenarbeit und de» Frauenleibes lauf drü Jahre) für ein Srück Roggenbrot!" Sie »»ergißt nur hinzuzufüge daß d!>'e oesefchaftlich? und moralische Anarchie auf da» Schuldko.tto der bolschewistischen Geistesverwirrung o» setzen ist.___ Kne�scrLtwerunqen. Insgesamt hat das verarmte Deutschland zu unserstützen: 785 000 Kriegsbeschädigte(anfangs waren es 1275 000 Rentenempfänger. deren Zahl aus Ersparnisgründen bis auf 785 000 herabgcdriickt wurde): S33 000 Kriegerwitwen mit 1 134 ÖOÖ rentenberechtigten Kindern; 58 000 Vollwaisen: 200 000 bedürftigen Eltern gefallener Soldaten; 1400 000 Invaliden- und Altersrentenempfänger: 523 000 Empfänger von Waisenrente;' 1 200 000 Kleinrentner mit Angehörigen... Zrühlingsahnen. Von Bruno Schönlant. Der haselstrauch träumt frühtingsschmer And treibt und dränget immer mehr, Troh kalten Wintertagen. Er möchte ja der erste sein, 3ra lieben Aruhlingssonnenschein Die goldnen Fähnchen tragen. And wenn nur zag ein vöglein singt, Wie läßt es frühiingsbang beschwingt Ihm Strauch und Wurzeln regen. Und scheint die Sonne noch so zag, Er wirbt um Gold snr seinen Tag Und zittert ihr entgegen. Die Parabel vom Loch im Eiertuchen. Von Safed, dem Weisen. Nun ist es meine Gewohnheit, in der guten, alten Sommers- geit wegzureisen und mich einige Zeit neben einem kleinen See aus- Auruhe». Und die Tochter der Tochter Keturahs faß dort mit mir imb erzählte mir von der Arche Noah und wie die Taube um den ganzen See slog. Und jener See ist für sie groß geiiug, in» alles das, was von einer Sintflut verlangt werden kann, zu befriedigen. Ja, und er ist auch für mich fast groß genug. Und es sprach einer zu mir und sagte:„Wozu brauchst du über- Haupt einen Urlaub? Siehe, ich Hove seit zwanzig Jahren keinen .Urlaub gehabt!� Und ich sagte:„Das ist es, was dir fehlt!" Und er fagie:„Warum sollte ein Mensch nicht das ganze Jahr hindurch arbeiten?" Und ich sagte:„Wenn Gott einmal veranlaßt, daß das Gras und die Bäume das ganze Jahr hindurch nicht ruhen und wenn er einmal den Unterschied der Jahreszeiten aufhebt, dann wird es auch für die Menschen gut sein, sich immerfort zu rackern und niemals zu ruhen!" Und ich sagt«:„Ich bin ein Freund von Eierkuchen!" Und er sagte:„Ich erkenne nicht den Zusammenhang!" Und ich sagte:„Einst buken die Frauen den Eierkuchen, ohne das Loch in der Mitte, und es war auch ein Eierkuchen. Aber eine Frau von überragendem Genie entdeckte, daß, wenn ein Loch in der Mitte eines solchen Kuchens gemacht würde, es einen Eierkuchen gäbe, der eine kmisperige Kruste nindherum hätte und daß man davon von jeder Seite bis zum Loch bin essen und ihn bis zur letzten Krume wohlschmeckend finden könne.' Und er sagte:„Auch ick habe Eierkuchen gerne!" Und ich sagte:„Was das Loch für den Eierkuchen, das ist der Urlaub für die Plage des Jahres. Und es gibt viele Männer, die halbgebacken oder übergar sind, weil sie es nicht wissen!" Und er ivar sprachlos. Denn obgleich es nicht möglich ist, viele gesunde Beiveise aus einen luftleeren Raum zu stülpen, so gibt es doch einen solchen unbeantworrbaren Beweis— und das ist der weiseste Beweis, der auf den: Loch im Eiertuchen ruht. Aus dem Amerikanischen von Max s) a y e k. /lus öem Nlunöe öer Kinöer. Von Art uro Giooannitti. Die Dame saß im schimmernden Saal am Tisch, beleuchtet von rosigen Wachskerzen. Ich blickte von der Straße hinein und wußte nicht, was am meisten glänzte: die junge blaugekleidete Holdheit der Dame, der teufche Schimmer des Tischtuches, oder das Gleißen des Lüsters, das Silber, das Gold, das Kristall oder vielleicht der strenge glänzende Schädel des feierlichen Kellners. Aber ich wußte, daß der Kellner um der Dmne willen da mar Zind nicht die Dame un> des Kellners willen, wie manche vielleicht glauben. Die Dame aber ivar da um der zarten, frierenden kleinen Hündin willen, die sie im Ann hielt, und die kleine Hündin hatte die Pfötchen auf das schneeweiße Tischtuch gelegt, während sie von der Dame gefüttert wurde, liebevoll und fürsorglich: ihre Nahrung war: Seele und Gehirn des Kellners mit goldenem Löffel in silberner Schüssel verrührt. Allein saß die Dame im schimmernden Saal, beleuchtet von rosigen Wachskerzen. Ick betrachtete sie durch das mit Eisbliunen unifponnene Fenster und sie deucht« mich Hebe, die den letzten lebende« Gott mit Nektar labt. Draußen vor dem Alabastertor wartete der große schwarze Wagen und ireben mir stand ein kleiner Zeitungsjunge, mit den Augen die duftige Schönheit der Dame verschlingend, oder vielmehr hie köstliche Speise der zitternden Hündin. Ich schaute den Jungen an und blickte tief in seine gierigen Alugen und fragte:„Woran denkst du, kleiner Freund?" Er erwiderte:„Ich habe in vier Stunden sechs Zeitungen ver- kauft und nun sind die anderen feucht und alt, denn Zeitungen altern rasch und sterbe» in wenigen Stunden." Und er sprach weiter:„Meine Mutter ist tot, mein Vater im Zuchthaus, meine Schwester im Bordell, ich aber habe in vier Stunden nur sechs Zeitungen verkauft." Und er sagte:„Ich wollte, ich wäre jener Hund." Wieder betrachtete ich ihn: seine Augen waren voller Tränen, die nur Frauen begreifen, junge Tränen, über die Männer lächeln. ' Und ich erwiderte:„Ja, mein Junge, märst du jener Hund, du nnirdest heute bestimmt genährt und geliebkost werden. Und wenn du auch deine Mutter nicht mehr zu küssen vermagst, so dürstest du wenigstens die Hand deiner Herrin lecken, denn sie ist reizend und lieb, nicht wahr?" Er hob zu mir die Augen, die großen, blauen, tränenfeuchten Augen, sie blickten zornig, und durch zusammengebissene Zähne ant- wartete der klein« Zeitungsjunge: „Nein, Gott verdamm' inich, ich würde ihr die�Nase abbeißen!" Und schon lief er fort, hinein in den tobenden Schneestunn. Vor ihm aber schaute ich die Wonne, die große, die warine, die strahlende Sonne. Scheiden� tut weh... Lieschen steht nächtlichcriveile mit ihrem Schatz im Schatten des Hausflurs. Der Vater hat sie kommen gehört und wartet eine halbe Stunde, wartet eine Stunde. Lieschen e: scheint nicht. Da zieht sich der Vater den Schlafrock an, niinmt ein Talglicht, geht an die Treppe und ruft herab: „Hören Sie mal, junger Mann! Falls die Morgenzeitung kommt, ehe Sie mit dem Gute-Nacht-Sagen fertig sind, können Sie gleich mal nachsehen, wer das Sechstagerennen gewonnen hat." („Lachen links.") Die hausärztin. Wünschen Sie, Frau Müller, daß ich ihren Mann mir Röntgenstrahlen durchleuchte? Nicht nötig, Herr Doktor, ich-habe ihn schon längst durchschaut. („Jugend".) Der kleine Skeptiker. Gestern war Tante Anna bei uns zu Besuch. Tante Anna hat leider einen kurzen Fuß. Mein kleiner Eberhard sagt nachdenklich:„Ich glaube nicht, daß die Tante Anna vom lieben Gott erschafscn worden ist---" „Aber Junge— olle Menschen werden vom lieben Gott er- schaffen!" „Nu ja," sagt Eberhard nach langer, schwerer Pause,„ich glaube. inal wiid's was, mal wird's nijcht—."(„Simplizissimüs.") Die liebliche Braut. Einem jungen Mann aus feiner, aber arg verschuldeter Familie hatte der Heiratsvermittler eine schwer reiche Braut ausersehen. Im Bahnhosbüfett zweiter Klasse sollte die gegen- seilige Vorstellung stattfinden. Als der junge Mann mit dem Heirats- agenlen kam, saß die Dame schon da. Der junge Mann wurde ihr vorgestellt und er sagte dann leise zum Heiratsvermittler:„Aber die Dame hat ja eine» Buckel!" Dieser nickie bloß. Da meinte der junge Mann:„Und falsch« Zähne und falsche Haare hat sie auch." Da sagte der Heiratsagent:„Reden Sie nur laut, sie hört nämlich nichts." IVorirälsel. Mit M sitzt's am Tische, arbeitel und singt wie ein Zeisig, müht sich mit I' und heilt Risse, hilft der Mutter und ist fleißig. Dann schwirrt es hurtig mit R und bald ist die Arbeit getan. Nun rate und wisse: Gern Hab ich den, der schafft und was kann. Silbenrätsel. Aus den Silben be bres briik bürg el es frei gen! ken lau uns ra re sar sen sit statt tau til zwei sind Wörter mit folgender Bedeutung zu bilden: 1. und 2. Städte in Baden, 3. Fluß in Bay- crn, 3. dnuschcs Mittelgebirge, 5. Stadt in der Pfalz, 6. bekannt« Stadt iin Ruhrgebiet, 7. Stadt in Schlesien, 8. deutscher Strom, 9. Fluß in Bayern, 19. Stadt in Ostpreußen. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter nennen den Namen eines Mannes, der jedem deutschen Kind bekannt sein sollte. Scherzfragen. Welche Schelle kann nicht klingen? Welche Lerche kann nicht singen? Welche Mühle inahlt kein Korn? Welche Kuh ist ohne Horn?" Welcher Kopf hat keine Ohren? Welcher Mann ist nicht geboren? Welcher Bauin hat keine Aeste? Welcher Wind hat eine Weste? Welche Braut kriegt keinen Mann? So— nun sang zu raten an!' Adolf 5) o l st. Auslösung der Rätsel aus voriger Zlummer: Versrätsel: l. Rissig, bissig. II. Falte, Falke, Falle.— Silben- rätsel: I. Anna, Rentner, Tat, Uhu. Retter— Artur. II. Mittelsilbe: „den": Ardennen, Bodensee, Heidentum, Lindenholz, Lodenstoff, Odenwald, Seidenpliijch, Wadenstrumps.