veutsthnationaler Volksbetrug. Als bei den letzten Reichstagswahlen eine große Anzahl Frauen den Deutschnationalen ihr« Stimme gaben, taten sie das in dem Glauben, daß diese Partei am ersten bereit sein würde, die Forderungen zu erfüllen, die sie an die Volks- Vertretung und die Regierung zu stellen haben. In den Wählerversammlungen sprachen die deuischnationalen�andi- daten so schön von der Aufwertung, von deutscher Politik, vom Schutz der Familie, sie wußten so beweglich über das Los der kleinen Sparer zu klagen, die durch die Inflation ihr ganzes sauer verdientes Vermögen verloren haben, und die man nun durch eine energische Aufwertung— hier und da wurde eine hundertprozeiitige Auswertung versprochen— retten müsse. Die Hörer und Hörerinnen waren so erfüllt von den herrlichen Aussichten, die ihnen da eröffnet wurden, daß sie am Wahltag in Massen erschienen, um dieser Partei zum Siege zu verhelfen. Sie wußten ja noch nicht, daß deutschnationale Wahlversprechungen nicht anders zu bewerten sind, wie unsichere Wechsel, deren Einlösung am Fälligkeits- termin sehr fraglich ist. Deshalb jubelten sie, als Deutsch- nationale in die Regierung aufgenommen wurden und dachten, daß nun endlich die Not ein Ende habe. So groß die Freude über den„Sieg" war, s>» groß ist jetzt die Enttäuschung. In der A u f m e r t u n g s- frage fühlen sich die Wähler betrogen! selbst bescheidene Hoffnungen bleiben unerfüllt, weil die Deutschnationalen sie verweigern, und dazu kommt jetzt noch ein neuer schwerer Schlag gegen die Schichten, die von ihrer Arbeit leben oder sich mit kleinen Pensionen einrichten müssen. Es genügt offenbar noch nicht, daß dem Volke die letzten Reserven aus- gepumpt wurden, man will auch verhindern, daß es jemals wieder zu Kräften kommt, daß es wieder ein wenig zurück- legen kann für Zeiten der Krankheit und Not. Denn diese Wirkung wird letzten Endes der neue Zolltarif für die Masse des Volkes haben, wenn er in der von der Regierung vorgelegten Form Gesetz wird. Manche Frauen mögen denken, was geht uns der Zoll- tarif an, wir taufen nicht im Ausland, also brauchen wir keinen Zoll zu bezahlen. Aber das wäre ein ungeheurer Irr- tum, denn nicht nur die aus anderen Länhern eingeführten Waren werden durch die Zölle verteuert, sondern sast den gleichen Betrag, den der Zoll ausmacht, schlägt auch der deutsche Produzent auf seine Ware auf. Er kann das nur, weil er weiß, daß die ausländische Konkurrenz infolge des Zollschutzes ihn nicht unterbieten kann. Der Unterschied liegt nur darin, daß die Zölle, die aus ausländische Waren bezahlt werden, in die Reichskasse fließen, die sie zur Begleichung der Reparationsschulden benutzt, während die höheren Preise auf inländische Erzeugnisse nur den deutschen Groß- industriellen und den Großlandwirten zugute kommen, wenn sie ihre Ware weiter verkaufen. Es wird höchste Zeit, daß sich die Frauen mit der�Zollpolitit der Regie- rung und der Deutschnationalen eingehend beschäftigen. Sie werden ihre Bedeutung für den Haushalt erkennen, wenn sie erfahren, daß die Verteuerung der a l l e r n o t w e n- d i g st e n Lebensmittel für eine Familie von zwei Er- wachsenen und drei Kindern ganz vorsichtig berechnet im Jahre allein 150 M. ausmachen wird. Das bedeutet, daß der Familienvater, wenn er das ganze Jahr hindurch Arbeit hat und einen Stundenlobn von l)2 Pf. erhält, davon den zehnten Teil nur für die Leben smjttelzälle ausgeben mußt Dabei sind nur die notwendigsten Lebens- mittel berechnet, nicht ein Pfennig für Obst, keine Ausgabe für frisches Gemüse außer Rot- und Weißkohl, kein Getränk außer Malzkaffee und Milch ist angesetzt. Aber nicht nur hie Ernährung wird verteuert. Was die Frau im Haushalt anfaßt, vom Geschirr bis zu den Koch- töpfen, von den Bettlaken bis zur Leibwäsche, von den Strümpfen und Schuhen bis zum Mantel und Hut, die Seife zum waschen, kurz alles wird teuer, da überall zum mindesten auf den Rohstoff, also auf Eisen, Wolle, Garn, Leder usw. ein Zoll erhoben werden soll.— Es ist nicht möglich, hier die Summen anzugeben, um die sich die Haushaltskosten erhöhen, da der Verbrauch von Hausrat Stoffen und Wäsche zu ver- schiedenartig ist. Aber wenn man weiß, wie schwer es schon jetzt einer Arbeiterfamilie wird, die nötige Kleidung und Wäsche zu beschaffen, so verzweifelt man bei dem Gedanken, daß sie nach Annahme des Zolltarifs für alles noch mehr be- zahlen soll. Der Einwurf der Regierung und der Rechtsparteien, daß der Zolltarif ja nur dazu dienen soll, um günstige Rondels- vertrage mit den anderen Staaten zu ermöglichen, daß man die Zollsätze der anderen herunterdrücken und im Austausch auch die eigenen dann nachlassen werde, kann uns nicht be- ruhigen. Denn gerade bei der enormen Höhe unserer Zoll« sätze ist es nur allzu wahrscheinlich, daß auch die anderen Staaten hohe Kampfzölle aufstellen, daß keiner nachgeben will, und daß wir schließlich in einen Zollkrieg geraten und auf den hohen Zollsätzen hängen bleiben. Deutschland muß für die Ausfuhr arbeiten, wenn es seine Arbeitskräfte im Lande beschäftigen und seinen Schuldverpflichtungen nach- kommen will. Errichten wir aber hohe Zollmauern, so schließen die anderen Länder ebenfalls ihre Grenzen und treffen Schutzmdßnahmen vor dem Dumping. Dann können wir nicht mehr auf dem Weltmarkt konkurrieren, und die Folge wird entweder ein �unerträglicher Lohndruck sein, um auf diese Weise die Waren doch noch billiger anbieten zu können, oder aber— was wahrscheinlicher ist— der Export wird unmöglich, Fabriken werden stillgelegt, und wir be- kommen wieder eine große Arbeitslosigkeit. Denn die Kauf- kraft im eigenen Lande ist nicht groß genug, um ausreichende Mengen der deutschen Industricerzeugnisse auf dem inneren Markt loszuwerden, so daß die Industrie auf den Absatz im Ausland vekzichten könnte. Was aber vermehrte Arbeits- losigkeit bei erhöhten Lebenskosten bedeutet, das brauchen wir hier nicht weiter auszumalen. Das sollten sich die Herren von der Rechten einmal über« legen, die so viel vom Schutz der Nationalen Arbeit im Wahltampf geredet haben. Sie scheinen eine sonderbare Auf- fassung von diesem Schutz zu haben, und ma» darf sie bei der Gelegenheit wohl auch an die große Zahl der Sozialrentner er- iniicrn, für die jede kleine Verteuerung bereits schwerwiegende Folgen haben muß. Wir haben in Deutschland heute unge- säbr 1 500 000 Invalidenrentner, 200 000 Invalidenwitwen, 1 200 000 Invalidenwaisen. Rechnen wir die Unfallrentner, die Kriegsbeschädigten, die Kriegerwitwen und Waisen, die ehemaligen Offiziere, die Armenunterstützungsempfänger, die Kleinrentner, �>ie Krankenunterstützungsempfänger usw. hinzu, so kommen wir auf die Zahl von beinahe 9 Millionen, deren Bezüge zum Teil noch unter dem Existenzminimum liegen, keinesfalls aber ausreichend find. Was soll aus all diesen bemitleidenswerten Menschen werden, wenn ihre Existenz noch weiter erschwert wird? Für die Politik, deren Wirkungen wir soeben geschildert haben, ist die Deutschnationale Partei in vollem Maße veranlworrlia).«le itußt sich aus Die Kreis«, die allein einen Vorteil von dem Zolltarif haben können: die Großindustrie und die Großlandwirtfchast. Um diese mäch- tigen Gruppen zu befriedigen, gibt sie alle anderen preis, um die Kapitalbildung und die damit verknüpfte politische Macht der Schwerindustrie zu fördern und die Renten der Groß- grundbesißer zu erhöhen, stürzt sie das gesamte Volk ins Ver- derben. Sprach sie einmal von dem Schutz der Familie? Ach ja, aber sie meinte wohl die Familien der Reichen, die nicht geschützt zu werden brauchen. Was geht' sie das Elend der Schwachen an? Mögen doch immer mehr Frauen in die Fabriken gehen und schuften, damit die Kinder nicht zu hungern brauchen, mögen sich doch noch mehr bei der schlecht- entlohnten Heimarbeit quälen! Schutz der nationalen Arbeit? Rein, Schutz des nationalen Großkapitals: Aussaugung der letzten Kräfie des arbeitenden Volks. Das ist die wahre Politik der Deutschnationalen und der ihnen willig folgenden Regierung. Der Kampf gegen sie wird von der Sozialdemokratie mit aller Kraft geführt. Sie läßt nichts unoersucht, um diesen Raubbau am Volk zu ver- hindern. Sie' setzt der Politik des Zollwuchers im Innern und des Zollkompfes nach außen, wie fix von den Deutsch- nationalen getrieben wird, den Gedanken der Wirtschaft- lichen Verständigung und die Idee des e u r o- päifchen Zollverbandes entgegen. Die Zollschranken zniischsn de» Ländern müssen verschqzinden, der friedliche Wettbewerb muß einsetzen, und diese Entwicklung wird gleich- zeitig auch dem europäischen Frieden und dem Weltfrieden dienen. Tony Breitscheid. Rathenau unö Sie Welt öer Jrau. Von Hedwig Schwarz. Am 20.' Juni dieses Jahres, dem dritten Todestage des Ge» mordeten, ehrten viele Tausende sein Andenken durch Besuch seiner Grabstätte. Das Bild des klugen Staatsmannes, des edlen Men- schen und des bedeutenden Denkers stand wieder vor ihrer Seele. Heute wollen wir versuchen, aus den Schriften Walter Rathenaus einen Ileberblick über die Gebiete und Fragen zu geben, die vor ollem die Tätigkeit der Frau, der Hausfrau insbesondere, als Käuferin und Verwalterin des Konsums, betreffen. Denn feine aus tiefer Kenntnis der Wirtschast geschöpften Gedanken und Anregun- ge» für eine Neugestaltung des gesamten Konsums verdiene» die besondere Beachtung der sozialistischen Frauen, wenn auch Rathe. nau nicht marxistischer Sozialist war, sondern Demokrat init starkem ethisch-sozialistischen Einschlag. Wenn Rathenau sich mit Wirtschastsproblemen befaßte, so zeichnet es ihn, der selbst einer der größten deutschen Wirtschasts- sührer war, au-, daß er die Wirtschaft nie als letztes Ziel des menschlichen Strebens, nie als Selbstzweck betrachtete, sondern daß er stets betonte: die Wirtschast ist um der Menschen willen da, sie muß so gestaltet werden, daß sich die menschliche Seele möglichst reich und ungehemmt aus ihrer Grundlage entfalten kann. Die Eingangsworte seines Buches„Bon koinmenden Dingen" lauten: .Dieses Buch handelt von materiellen Dingen, jedoch um des Geistes willen." Das Ziel, höchste Entfaltung des Geistes und der Seele, schien ür Rathena» nur dann erreichbar, wenn die Wirtschast so rationell, o sparsam, so zweckmäßig, so planvoll wie nur irgend möglich ge> taltet würde. Er haßte den kräsleverzehrenden Konkurrenzkampf »er heutigen kapitalistischen Gesellschaft, die überflüssige Reklame, die Verschwendung von Menschenkraft durch unproduktive Arbeit, die Verschwendung von Material durch Herstellung unnützer, wert- loser Dinge Diese Betrachtungsweise wandte er nicht allein an auf Industrie und Großhandel, sondern mit besonderer Vorliebe auch aus ein uns Frauen so naheliegendes Gebiet: den K l e i n h a n o e l. In den .Kommenden Dingen" und in„Die neue Wirtschaft" komint er mehr als einmal auf diese Wirtschastserscheinung zu sprechen. Er kritisiert scharf, wie sich die Produkte auf dem Wege vom Hersteller zum Verbraucher um die Hälfte bis gar um das Doppelte verteuern. Und er weist nach, in wie hohem Maße gerade die letzte«telle, der Einzelhandel, an dieser Verteuerung mit schuld ist. Die Ursache liegt vor allem darin, daß es viel zu viele Kleinhändler gibt. Alle wollen sie leben, wollen verdienen, müssen ihre hohen Un- tosten für Ladenmiete, Heizung, Beleuchtung, Lagerung, eventuelles Personal, herausschlagen und können dies nur durch Ausschläge auf die Preise. Die Konkurrenz unter ihnen ist nur bis zu einein gewissen Grade wirksam. Rathenau gibt ein praktisches Beispiel: > einem kleinen Städtchen ist e i n kleines Kurzwarengeschäft— weil es gewissermaßen ein Monopol hat, verteuert es die Preise. Es kommt ein zweites, drittes, viertes Geschäft hinzu, sie treten in Konkurrenz miteinander, und zunächst kann die Ware billiger wer- den. Dann aber beim nächsten Laden hört es auf. Die Käuferzahl ist begrenzt. Alle Geschäfte aber wollen erhalten werden und müssen nun, da sie doch von der vorhandenen begrenzten Kundschaft leben müssen, entsprechend auf ihre Waren ausschlagen. In dieser Situa- iion sind wir heute überall in den Großstädten, wir haben sieben Detaillisten in«i»em Häuscrviertel, wo ein einziger genügte. Die Arbeitsleistung eines Armeekorps muß aufgewendet werden, allein um die Verteilung des Tabaks, des Schreibpapiers und der Seife In einer Großstadt zu bewältigen. Hunderttausende von kräftigen Jungen Leuten werden mit Millionen von verlorenen Arbeitsstunden �er Produktion entzogen, während sie stundenlang beim Krauter herumsitzen, oft genug ergebnislos. Rathenau bevorzugt gegenüber diesem System ganz entschieden die Genossenschaft, sieht aber auch in dem Warenhaus «in richtiges Prinzip und eine» tüchtigen Schritt vorwärts. Er schätzt am Warenhaus die richtig bemessenen und rasch umgesetzten Zen- trallager— im Gegensatz zu den zersplitterten, unbezahlten und überteuerten Lagern des Einzelhandels—, er sieht das Vorteilhaste in der Einheitlichkeit von Raum, Aufsicht, Licht, Wärme und Ver- kehr, dazu die Bequemlichkeit des Kunden, seinen gesamten Bedarf an einer Stelle befriedigen zu können. Man denke sich nun einmal diesen straffen Betrieb rückwärts aufgeteilt in die Unzahl der auf- gezogenen' Magazine, Läden und Budiken und in Straßenzügen, Ecken und Kellern verstreut, die jetzt so emsigen Verkäuferinnen wieder im Dämmerschein hinter einsamen Ladentischen lauernd! Freilich nur einen Uebergana und nicht das Ideal sieht Rathe- nau im Warenhaus. Wie Industrie und Großhandel vom Staate, lo soll der Kleinhandel von der Kommune überwacht werden, diese soll Preistarife festlegen, die Konzessionen für Neueröftnung eines Ladens im Richtbedarfsfalle verweigern und für Sammelläger sorgen. Daneben empfiehlt er den Weg der Händlergenossenschast. Im engsten Zusainmenhang mit der Zersplitterung des Handels steht die Zersplitterung der Produktion. Mit Nach- druck und selbst scharfer Ironie bekämpft Rathenau einen törichten Individualismus in der Wirtschaft, der darin besteht, daß jeder ein anderes Schürzenmuster, ein anderes Tintenfaß, ein anderes Hühner- augenpflaster haben muß, daß jedes Haus auf«ine andere Art ge- chmachtos sein muß. Jede Hausfrau weiß, welchen Kummer es chafft, wenn nach einem Umzug sich Tür- und Fenstergrößen der neuen Wohnung als ganz andere herausstellen. Taufende von Rum- mern in den Katalogen unserer großen Fabriken könnten gestrichen werden, ohne daß eine wirkliche Einbuße an Lebensgütern einträte. Vergeudung jeder Art ist Rathenau ein Greuel. Mit den bittersten Worten verurteilt er es, daß jährlich in Deutschland Hun- derte von Millionen für Putz, Tand und Schaustellung ausgegeben, daß zwei bis drei Milliarden für Alkohol verschleudert werden. Einer besonders scharfen Kritik unterzieht er die Mode. Was mit ungeheurem Aufwand von Material und Arbeitskraft geschaffen ist, ist in kurzer Zeit wieder entwertet und wird verschleudert. Von der neuen Epoche hosst er. daß sie init grenzenloser Verachtung auf das Männer- und Weiberspiclzeug unserer Zeit zurückblicken wird, und Krain, Tand, Imitation, Novitäten, Galanterie-, Scherz-, Epezial- und Modeartikel, alle diese mit greulichen Namen bezeichneten, un- würdigen Dinge wilden und halbzioi.isierten Völkern überlassen werden. Luxus ist ihm Raub an der Gemeinschaft, und in schonungsloser Offenheit wendet er sich auch gegen Angehörige der Klasse, der er doch selbst gesellschaftlich zugehörte. Der Typ des Luxusweibes, jener Nutznießerin der gesellschaftlichen Ausbeutung, ist ihm in tiefster Seele verhaßt. Oberflächlichkeit. Begehrlichkeit und Koketterie sind die Hauptcharaklerzüg« dieser Gcschöpse, deren Bedürfnissen die Tagesarbeit von Millionen geopfert wird. Und was sie zu ihrer Lebenshaltung angeblich brauchen, wird vergröbert und verbilligt als Massenartikel aus de» Markt geworfen für die- jenigen, die sich das Zerrbild des Luxuswcibes zum Vorbild genom- men haben. Von der neuen Zeit erhofft Rathenau für die Frau Wandlung zu hoher Menschlichkeit, Verachtung käus- lichen Glücks, albernen Schmucks und schnöden Müßiggangs, und dafür Verantwortung für inneres Glück und Ordnung des allmensch- lichen Hausstandes. Selbstverständlich verwirft Rarhenau auch mit Entschiedenheit die nur zu Zwecken der eigenen Faulheit oder der Repräsentation gehaltene Ha u s a n g e st e l l t c n- und Dienerschaft als wirt- schaftsschädlich. Aus der anderen Seite ermöglicht das Eherccht der kapitalistischen Gesellschaft ein arbeitsloses, unproduktives Parasiten- leben derjenigen, die berechnend eine reiche Erbin heirateten oder als Kinder eines reichen Mannes durch den Familienegoismus der Reichen vor den Anforderungen des Lebens„geschützt" werden. Seine herbste Kritik gilt immer wiedci: dem unsittlichen und verderblichen Erbrecht. Als Hauptpunkte des Ralhenauschen Wirtschaftsprogramms, über dem die Worte stehen: Wirtschaft ist nicht Individual-, sondern Gemeinschaftssache, seien hervorgehoben: Ausschaltung aller Ver- geudung: Umstellung überflüssiger Produktion aus nützliche Produk- tion: Beseitigung des Müßigganges und Heranziehung jeder verfüg- baren Kraft zu geistiger und materieller Produktion. Glück. Wir schreiten im Wald durch SonneNglanz, Mann und Weib. Wir fahren das Kind, unser liebes Kind durch des Herbstes Land. Wir trinken die Sonne und herzen das Kind. Ein Abend so golden, wie glücklich wir sind. Otto Paulus. Das Weib als Sexualverbrecherm. Von L. R o s e n t h a l. Die Frau est im höheren Maß« Osschiechtswesen als der Mann, und ihre physische Konstitution und ihr« physiologischen Funktionen beherrschen desHaid ihr Seeienleden stärker als das des Mannes. Gegenüber dem Manne ist für die Frau charakteristisch ein lieber- wuchern des Gefühls über die Vernunft, geringere Feinfühligkeit, stärkere Rocrktion auf äußere Reize, größere Passivität in Berbin- oung mit erhöhter Vorsicht und Unentschlossenheit, stärkere Subjekt!- vitcit und heftigere Neigung zur Grausamkeit. Neben dem Selbsterhaltungstriebe ist in der Frau der Geschlechtstrieb am mächtigsten und wird deshalb auch besonders häufig zur Quelle von Verbrechen. Den Mann läßt der Kampf ums Dässm, den er in erster Lim« zu führen hat, eher als die Frau zmn Eigentums- Verbrecher werden. Die Kriminalität des Weibes wird dagegen mehr durch ihr« physische Beschaffenheit als durch soziale Verhältnisse be- dingt. So unterliegt das verbrecherische Weib auch seinen Sonder- aeseßen, die erkannt und verstanden sein wollen, damit man der Frau gerecht werden, ihre verbrecherischen Handlungen richtig einschätzen und Mittel und Wege finden kann, um die Frau vor den Gefahren der Rechtsverletzung zu schützen, anstatt sie in das Elend des Gefängnisses und des Zuchthauses zu stürzen. Da stößt man zu allererst auf die Verbrechen, die nur das Weib als solches begehen kann, wie Abtreibung und Kindesmord, Kindesaussetzung und Kindssunlerschiebung, Engelmacherei und Kinderhandel. Der mütterliche Instinkt w-ird hier geroissermaßen in sein Gegenteil oerzerrt. Sind diese Verbrechen auch nur im Rohmen der sozialen Verhältnisse zu verstehen, so ist das Seelen- leben des Weibes doch auch schon hierbei durch physiologische Er- scheinungen beeinflußt. Die kaum merkboren seelischen Störungen, die Menstruation, Schwangerschaft und Klimakterium mit sich brin- gen, müssen dabei immer wieder zur Erklärung herangezogen werden. Triebhafte Ladendiebstähle, Diebstähle sexuell frühreifer Mädchen, deren lüsterne Begehrlichkeit darin Befriedigung findet, Brandstiftungen und mannigfache Verbrechen gegen Leben und Ge- Eil der Mitmenschen zu begehen, finden in diesen körperlichen Zu- 1 einen günstigen Nährboden. Eine Umkehrung des Mütterlich- stinktes viklel auch die mißhandelnde Züchtigung der eigenen Kinder. Hier kommt der Trieb zur Grausamkeit zum Ausdruck, der bei der Frau im allgemeinen stärker ausgeprögt ist als beim Manne. Dos Weib vermag sich eben weniger zu beherrschen, ist leicht maß- los in Haß und Wut, schreckt unter Umständen nicht vor dem Aeußersten zurück, macht sich keine Gedanken über die Folgen seiner Handlungen und sucht sich Helfer, wo immer es sie findet. Freilich kann das Weib auch voisichtig, hinterlistig und berechnend zu Werke gehen. Unbewußt paßt die Frau ihrer Natur die Art des Ver- brechen» an, wägt ihre Kräfte und weiß auch ihre Schwächen klug zu nützen. Deshalb gehören bestimmte Verbrechen hauptsächlich In die Domäne der Frau: der schleichende Giftmord, dos hinterlistige Schweselsäureattentat o-tf Nebenbuhlerinnen und frühere Geliebte, Verleumdung, Meineid, geile Kuppelei und hysterischer Heirats- fchwmdel, All« dies« Verbrechen entbehren ebensowenig der sexuellen Grundlage wie andere Verbrechen, die zwar auch vom Manne be- gangen werden, jedoch in der Art der Ausführung und in der Leidenschaftlichkeit der Tat das Weib erkennen lassen. Hier steht an erster Stelle der Gattenmord durch Gist oder Gewalt, ollein oder unter Mithilfe des Geliebten oder selbst des eigenen Sohnes. Bold spielt dabei häusliches Elend, Alkoholismus des Mannes und rohe Behandlung durch den Bkann, oft aber auch Un- treue und ähnliche Motwe eine Rolle und veranlaßt die Frau, die nicht die Krafl und den Mut hat, sich vom Manne loszureißen, den Mmn zu beseitigen. Auch beim Gattinnenmord ist das Weib oft die treibende Kraft für den Ehemann des Opfers. Bei Verwandten- monden streift die Frau leichter als der Mann die Blutsbande ab, wenn sie sich einmal auf die Bahn des Verbrechens begeben hat. Ist ihre Passivität, die ihr ursprünglich Schutz bietet gegen die Ge- &hr, kriminell zu werden, einmoi erschüttert, so kennt sie'in ihrer Inden Instinkibeherrschiheit keine Grenzen. Bei Selbstmord nimnu sie ihre Kinder mit in den Tod, weil sie als Gebärerin ein Recht auf ihr Leben zu haben glaubt. Schließlich gibt es aber auch säst keine Art männlicher Kriminalität, zu der nickst auch die Frau fähig wäre. Selbst vor einem Raubmorde schreckt sie nicht zurück. Hier nähert sie sich dem, männlichen Typus und zeigt unter Um- ständen größere Aktivität als der Mann, geht nüchtern und be- rechnend zu Werke und weist Zähigteit und Ausdauer bei der Ver- solgrrng ihrer Z'ele auf. Mannigfaltig find die Crscheinungssormen der sexuellen Krimi- nalität des Weibes. Die Schilderungen des auf diesem Geriete her- vorragenden Forschers Dr. W u l s f e n in seinem vor nicht allzu longer Zeit erschienenen Buche„Dos Weib als Sexual- Verbrecher in" fVerlag von Dr. Paul Langenscheidt in Berlin) nehmen mehr als 400 Seiten Lexikonsormat ein. Dies Buch bildet gewissermaßen die Ergänzung des doppelt so umfangreichen Werkes „Der S e xua l v e r b r e ch e r" des gleichen Verfassers. Beide Bände zusammen bilden ein Fundomentalwerk moderner Kriminal- Psychologie, wie es kein anderes Land auszmveisen hat. Ausgerüstet Mit den neuesten Erkenntnissen der Psychologie und Psycho- parhologie und einer reichen Erfahrung in den gehoimsten Tiefen des Seelenlebens, ist Dr. Wulfsen, der ehemalige Staatsanwalt und jetzige Mmistenaldireltor und Leiter des Gefängniswefens in Sachsen, mehr als irgend jemand in der Lage, eine erschöpfende Darstellung dieser komplizierten Probleme zu geben. Das Buch ist mit zahlreichen Beispielen und Jllttstralionen versehen. Was den Verfasser von den meisten seiner Kollegen unterscheidet, ist seine große, verstehende Liebe. Von diesem Gefühle sind sein« Bücher in stärkstem Maße getragen. Nirgends vergißt Wlrlssen den unter seinem eigenen Verbrechen leidenden Menschen, der Opfer seiner psychologischen Konstitution imd der sozialen Verhältnisse wird. Zur Kulturgefchichts öer Ehe. Von E r n a B ü s i n g. Jede Generation hat das Recht auf ihren eigenen Stil, genau so gut, wie jedes Volk die Berechtigung zu eigenen Sitte» und Ge- bräuchen hat. Darum ist auch die Ehe, von einschneidender Be- deutung für das Einzelwesen und den Staat, unter den einzelnen Völkern verschieden und war zu allen Zeiten verschiede». Ebenso haben die Zeremonien, die der Eheschließling voraufgehen, sich im Laufe der Zeiten als sehr wandelbar erwiesen. Die katholische Kirche verlangte früher ein Brautexamen, in welchem die Verlobten vor der kirchlichen Trauung einer Glaubens- Prüfung unterzogen wurden. An jeiner Stelle findet heute eine Be- lchrung über Pflichten und Rechte der Ehe durch den Geistlichen statt. Als Gewissensehe galt früher die protestantische Ehe, bei der ein landesherrlichen Dispens die Trauung erließ. Protestantische Fürsten konnten sich selbst, ohne daß Aussehen gemocht wurde, die Trauung erlassen. Die geistliche Gerichtsbarkeit, die im Mittelalter eine hoch- bedeutende Rolle spielre, ist in Deutschland durch das Reichsgesetz vom 6. Februar 187.? und durch die Gerichtsverfassung vom 1. Oktober 1879 in weltlichen Angelegenheiten, auch in Ehesachen, beseitigt. Das schon erwähnte Reichsgesetzt vom 6. Februar 1875 brachte es ferner mit sich, daß die Ziv'lehe zwischen Mitgliedern verschiedener christlicher Konsessionen, auch zwischen Christen und Nichtchristen, ohne weiteres zulässig ist. Nach Ansicht der katholischen Kirche besteht zwischen Täuflingen und ihren Paten einerseits, sowie zwischen Taufenden und Täuflingen andererseits durch die Taufe eine geistliche Verwandtschast, die als trennendes, kirchliches Ehe- Hindernis angesehen wird. In Gretna-Green, einem Dorfe in der schottischen Grafschaft Dumsries, haben sich viele, viele Liebespaare, welche die Einwilligung ihrer Eltern nicht erringen konnten, trauen lassen. Ein Friedens- richter, der von Beruf Schmied gewesen sein soll, verehelichte die Liebenden nach dem in Schottland gültigen kanonischen Recht, bis zum 31. Dezember 1856, denn am i Januar des nächsten Jahres wurden diese Ehen für ungültig erklärt. Genau so wie es Befürworter eines freien Verhältnisses gibt, sind auch dem Zusammenleben von Mann und Frau die streit- barsten Gegner entstanden. So waren beispielsweise die Essäer, Mitglieder einer seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. bis ins 4. Jahrhundert n. Ch. bestehenden jüdischen Sekte zu abgesondertem heiligen Leben, Gegner der Ehe. Desgleichen lebten die Harmoniten, Anhänger des schwäbischen Bauern Georg Rapp sgest. 1847 in Amerika), in Ehe- losigteit. Diese jetzt fast verschwundene Sekte, die man auch die Rap- pistcn noni te, woi.icii die lirsprüngliche Reinheit in Kirche»»? Staat wiederherstellen. Zur Durchsetzung dieser Idee schien ihnen u. a. Güter- gemeinschast und Ehelosigkeit erforderlich. Heftigste Ehegcgner sind die Duchoborzen(Geisteskämpser). weil nach Ansicht dieser russischen Sekte das Menschengeschlecht zu bestehen aushören muß. Im Ansang des 19. Jahrhunderts tauchten die Duchoborzen aus. Als Ber- ehrer der heiligen Schrift betämpsen sie das Formelwesen der ortho- doxen Kirche. Nach schweren Bersolgunacn wurden sie 1841 aus ein Hochplateau(Duchoborjc) in Transkaukasicn verbannt. 1900 sind sie zahlreich nach Kanada, Ostsibirien und Zypern gewandert. Aus den Sandwichinseln aber leben alle Schwester» mit ihren Männern und alle Brüder mit ihren Weibern in Gemeinschaftsehe. So fügt sich zu den bekonnten Formen der Einehe, der Aielweiberei, der Vielmännerei in diesem Falle die Gruppeneye. Alles in allem wird jede Generation ihrer Zeit Genüge tun, wenn sie ihrem Zusainmenleben Formen gibt, die für sie passen und die über die Gegenwart hinaus den kommenden Geschlechtern nicht irgendwie zum Hindernis werden. Arauenstlmmrechl in den vereinigten Staaten. Nachdem einige wenige Staaten der Union den Frauen das Stimmrecht bereits längere Zell gewährt hatten, wurde es im Jahre 1920 für die ganzen Vereinigten Staaten eingeführt. Diese bedeutsame Zlende- rung des politischen Lebens wird von den Amerikanern mit großem Interesse verfolgt, das durch die kürzlich erfolgte Wahl einer Frau zum Gouverneur von Texas noch erhöhl wird. Die Bereitwilligkeit der Wähler, den Frauen den gleichen Zutritt zu de» politischen Äem- tern zu gewähren, wird weiterhin dokumentiert durch die Wahl eines weiblichen Gouverneurs für den Staat Wyoming, eines weib- lichcn Staatssekretärs für New Port und einer Parlamcntskaiididati» für New Jersey, nachdem schon mehrere andere Frauen Mitglieder des Kongresses waren. Das Lerlraue» der Wähler zu den politischen Fähigkeiten der Frau zeigt sich besonders deutlich in den dichtbevöl- kertcn Staaten: so hat z. B. der kleine Staat Connecticut bci der letzten Wahl im November ein volles Dutzend Frauen ins Parla- ment gewählt: New Hampshire, ebenfalls ein»euenglischer otaaX hat elf Frauen, Pennsylvania sechs und Ohio ein Dutzend gewählt. Die Zahl der weibliche» Wachier in den Vereinigten Staaten bk- trägt schätzungsweise 20 Millionen: davon gehen etwa die Hälfte tatsächlich zur Urne, während der Prozentsatz der manuSem Wähler etwa zwei Drittel beträgt. P. S.) ?ugmö und Sport. Vvn H e n n i Lehmann. Mehr und mehr wendet sich die Schuljugend und die heran- wachsende Jugend der proletarischen Kreise den verschiedenen Arten des Sports zu. Das ist schön und erfreulich, denn geeigneter Sport, wie Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Skiläufen, Ballspiele ver- schicdener Art usw. lräftigt den jungen Körper, macht behende und geschickt und fördert auch die geistige Gewandtheit, weil er zu Auf- mecksoinkeit und Beharrlichkeit zwingt. Besonders erfreulich ist es, daß auch M a d ch e n jetzt immer mehr sich an geeignetem Sport beteiligen, denn gerade der Körper der Frau ist in dieser Hinsicht lange Zeit ungebührlich vernachlässigt worden. Es ist noch nicht allzu lange her, daß sportliche Betätigung als„unweiblich" galt, dah selbst der Turnunterricht sich nur langsam Eingang in die Mädchenschule verschaffte. Ebenso erschien lange die Ausübung mancher Sportarten nur für gewisse bevorrechtete Kreise, die Jugend der höheren Schulen, Offiziere, Studenten usw., geeignet. Allerdings haben wir den Typus des Sportsmanns, wie England ihn kennt, den Berufslosen, der ausschließlich Sport betreibt, kaum kennen gelernt, wenn es auch unter der Jugend jener bevorrechteten Kreise manchen geben mag, der nichts im Leben ernst nimmt außer dem Sport. In dieser Erscheinung liegt allerdings ehre gewisse Gefahr. Die Sportleidenschaft überwuchert nicht selten alle ernst- haften Lebensinteressen und wird Inhalt anstatt Schmuck des Lebens. Menschen, die dieser Gefahr verfallen, verlieren nicht nur das Jnter- esse siir ihre Berufsarbeit, sondern auch für Fragen allgemeiner Art, kulturelle Bestrebungen, geistige Beschäftigung, politisch-wirtschaft- liche Dinge. Sie stumpse» geistig ab. Eine weitere Gefahr ent- steht für den Körper aus einer Uebertreibung des Sports. Nicht immer ist es nur die Freude an der Ausübung des Sports oder Spiels, die solche Uebertreibungen hervorbringt. Sehr häusig spielt ein ungesunder Ehrgeiz dabei eine Hauptrolle. Es gibt da ein Wettfahren, Wettradeln, Wettrudern, Wettspielen usw., die zu Ueberanstrengungen führen. Gerade im Alter des Wachs- tums und der Entwicklung jedoch sind solche Ueberanstrengungen nicht selten absolut verhängnisvoll und beeinträchtigen dauernd die Gesundheit. Nach ärztlichem Urteil werden eine große Anzahl von Herzerkrankungen, Herzerweiterungen und anderes durch sportliche Ueberanstrengungen in jugendlichem Alter erworben und sind später nicht mehr zu beseitigen. Iii der Uebersteigerung des Ehrgeizes, etwas ganz Besonderes, eigentlich über die Kräfte Hinausgehendes zu leisten, liegt gleich» zeilig auch eine Gefahr für den Eharakter. Uebertriebencr Ehr- geiz und ungesunde Eiielteit bilden sich heraus, gelegentlich wohl auch Neid out anders, die von Natur aus nun einmal stärker und ge- schickter sind. Solche Eiielkeit und solchen Ehrgeiz auch noch da, wo sie zunächst gar nicht vorhanden sind, zu wecken, ist erzieherisch durchaus verfehlt. Das gilt besonders in bezug auf jüngere Men- sche», Schultiuder oder gar Kinder, die noch nicht einmal die Schule besuchen und vom Lehrer oder unvernünstigen Eltern— denn auch solche gibt es leider— zu Leistungen, die ihre Kräfte übersteigen, angestachelt werden. Kürzlich konnte ich einmal eine» kaum drei- jährigen Knaben bcobachien, der mit älteren Knaben um die Wette zu radeln versuchte. Sein Bater stand dabei und ermunterte ihn noch mit Zurufen, und wirtlich kam der kleine Junge den anderen voraus, um dann keuchend mzd völlig erschöpft voni Rade zu steigen. Ganz unzulässig ist es auch, junge Kinder, wie es schon vorgekommen ist. bei großen sportlichen Veranstaltungen vor einein großen Zuschauer- . kreise mit ihren Leistungen vorzusiihre». Abgesehen davon, daß bei dem Trainieren für solche Borführiingen eine Ueberanstrengung des wehrlosen Kindes fast unvermeidlich wird, ist damit auch eine schädliche Einwirkung auf die Charakterenlwicklung verbunden. Kinder sind keine Paradepferde. Sie sollen sich einfach und in Stille entwickeln. Das Ziel des Sports ist die harmonische Entwicklung des Körpers, von der die harmonische Seele bedingt wird— die gesunde Seele im gesunden Körper. Die Harmonie wird zerstört, das Ziel nicht erreicht, wenn an Stelle des Maßes das Uebermaß tritt. Darum treibe die Jugend so Sport, wie es gesund, gut und vernünftig ist. Erst dann, und nur dann wird er ihr zur Freude und zum Nutzen gereichen. hinaus ins Zreie! Der Sonimer ist da! Wer bringt uns das mehr zum Bewußtsein al» unsere Kinder! Die Buben und die Mädel streben hinaus. Am liebsten möchten, sie während des ganzen Sommers den ganzen Tag im Freien zubringen: wenn es sein muß, aus den Straßen der Großstadt, aber viel, viel lieber in den Anlagen, im Park, auf Spielwiesen und Badcplätzen. Und welche Mutter möchte diesem Trieb ihres Kindes wehren, in dem sich doch Lebensfreude, Kraft und kindlicher Tätigkeitsdrang so elementar ausdrücken! Nur un- gesunde Kinder streben im Sommer nicht ins Freie! Aber— �dieses gakstige„Aber" fehlt auch l>ser nicht. Wer soll den» mit den Kindern ins Freie gehen? Da wissen die Mütter sicher ein Dutzend und inehr Gründe anzuführen, durch die sie an- gA'lich daran gehindert sind, init ihren Kindern hinauszugehen. Und doch sollte es sich keine Mutter, soweit sie nicht durch Erwerbs- arbeit daran gehindert ist, nehmen lassen, mit ihren Kindern den Sonnner zu erleben, sie in die Anlagen der Großstädte, die öffent- lichen Parks, zu den Spielwiesen und Badegelegenheiten zu sühren. I Jeder Sommertag, der so im Freien verbracht wird, wo die Lungen i reine Luft atmen, die Augen ein Stück Natur und blauen Himmel - schauen, ist für die proletarische Mutter und ihr Kind enr unschätzbarer Gewinn. Bedenken wir zunächst nur einmal die rein nützliche Seite der Sache: wieviel weniger wird das Mädel ihr Kleidchen einschmutzen und der Mutter manche Mühe und manchen Aerger sparen, wenn das wachsame Mutteraugc nahe ist, und gewiß wird manche Hose unzerrissen bleibe», wenn dem Jungen die Gegenwart der Muiter bewußt ist. Biel höher einzuschätzen als all dieses ist aber die Freude, die sich eine Mutter duich den gemeinsamen Ausgang mit ihren Kindern bereitet, durch das gemeinsame Spielen mit den Kleinen und das Zuschauen beim Spiel der größeren Kinder. Keine Freude kann größer sein als die, ein Kind beim Spiel in freier Nalur zu beobachten. Da schließe» sich selbst die verhärtetsren, sorgenbcdrück- testen Herzen auf, und Freude und Stolz werden da auch in der proletarischen Mutter erweckt. Die Frauen der besitzenden Klassen pflegen ihre Kinder durch Kindermädchen oder Kindergärtnerinnen ins Freie führe» zu lassen. Sie sind meistens zu„vornehm" und haben„zu wenig Zeit", um ihre Kinder selbst an die Hand zu nehmen. Nie werden solche Kinder die Freuden haben, die ein Ausgang mit der Mutter verinittelt. Die Kinder des Proletariats aber danken es ihren Müttern, die sich einen sonnigen Nachmittag oder ein paar ganze Fericntage vom grauen Alltag losreißen, mit Liebe, wenn ihre Mütter sie an ein Fleckchen grünen Rasens, unter das Laubzelt der Parkbäume, oder an einen Badestrand sühren. Mutter und Kind— beide gewinnen dabei unendlich viel! H. Lernen im Spiel. In der„Wiener Zlrbeiter-Zeitung" lesen wir: Mein Bub, Abcschlltze aus der Volksschule, kehrte heute freude» strahlend heim. Bald sah man ihn wieder in einem Hefte schreiben. „Laß das, Bubi!" sagte die Mutter,„du wirst ja niüde sein von der Schule, geh lieber spielen..."„Ach nein!" erwiderte der Kleine, „ich bin nicht müde. Wir haben ja in der Schule heute den ganzen Bormiltag gespielt!" lind leuchtenden Auges, voll Glücksgesühl, erzählte dann das Kind, wie lustig es in der Schule war, wie die Lehrerin sagte:„Kinder, heute werden wir Post spielen", wie sie dann einen„echten Briefkasten" aus Pappe auf der Tafel be> festigte und jeder einen Brief an einen Mitschüler schreiben, in ein selbstangefertigtes Kuvert stecken und auf der„Post" aufgeben durste, wie ein Schüler dann die Briefe ausgehoben, sie mit einem „echten Stempel", den die Frau Lehrerin aus der Schulkanzlet her- beigeschasft hatte, abstempelte und an die Empfänger verteilte... „Gott, war das susiig! lind dann statt der Rechenstunde haben wir Rätsel gespielt!"„Was für Rätsel?"„Nun, z. B.: 3 mal 3 und wieviel ist IE? Das ist doch keine Rechenaufgabe, das ist ein Rätsel!" Ich und Mutler wechselten schmunzelnd Blicke, die beiderseits dasselbe sagten: Glückliche Kinder von heitte! Was für uns der mühselige Anfang�der harten Schule des Lebens war, ist für sie ein heiteres Spiel, otatt das langweilige Einmaleins widerwillig zu büffeln, spielen sie Rätsel. Glückliche Kinder von heute! Und mir ging es durch den Kopf: Der Sieg der Schulreform ist nur eine Frage der Zeit. Wenn alle Eltern dieses Glück ihrer Kinder werden miterlebt haben, dann wird es keine Gegner der Schulreform mehr geben. Mit Ausnahme derjenigen, die gegen besseres Wissen, gegen die Vernunft und gegen die Liebe zum eigenen Kinde die Sache der schwarzen Macht der Kirche über ihre eigene Sache stellen werden. Das Nordlicht. Bei einer Prüfung an der Universität Königs- borg fragte Kant einen Kandidaten, ob er etwas über die Ent- stehung. des Nordlichtes wisse. „Ich wußte es, Herr Professor, es liegt mir a»f der Zunge, aber ich habe es gerade vergesten." „Das ist aber sehr schade," gab Kant zur Antwort,„denn Sie, Herr Kandidat, sind der einzigs Mensch auf Erden, der es je ge- wüßt hat." Der Arühaassteher. Bill liebte«s. sich morqcns im Bett« zu ahlen. Um ihn zum Frühaufstel)en zu bewegen, erzählte ihm sein« Mutter die Geschichte von dem Jungen, der mit de» Lerchen aus- stand, hinausging und einen Schilling fand.—„Ja, meinte Bill, aber der Jungs, der den Schilling verloren hatte, war noch früher aufgZdanden."(„Daily Chromcle Gesegneter AppAil. Der fünfjährige Heinz ist bei seiner Tante zum erstenmal zu Mittag eingeladen und langt nach Herzenslust zu, so daß die freundliche Gastgeberin beinahe fürchtet, daß er des Guten zuviel getan hat. Als der Nachtisch verzehrt ist, wird Heinz unruhig und will gehen.„Aber warum eilst du den» so, mein Jungchen? frag? die Taille.„Na, jetzt gibt's doch bei uns Mittag!" erwidert Heinz seelenruhig. Kindermund. Meine kleine Karla hat von gute» Freunden ein Schokoladenschweinche» erhalten, das sie mit einem kleinen Messer kunstgerecht schlachtet. Alles von dem süßen Schwei», die Beine, den Bauch, den Schwanz und den Kops halt sie fest in ihren Patsch- Händen, Als ihr dies zuviel wird, reicht sie ihrer Mutter den Kopf von dem Schweincheii mit den Worten:„Ach Mutti, halt doch m a l d i e S ch« a u z e, j a? l" K, h,