3 Nr.1y�42.?ahrgang Beilage zum Vorwärks>"■ rr Gemeiichin wendet man die Bezeichnung Gefühlssozialist auf Parteigenossen an, welche sich wenig oder gar nicht an der Parteiarbeit beteiligen, obwohl äußere Anlässe, wie Krankheit, Arbeitsüberbürdung und dergleichen hier als Hindernisse nicht in' Frage kommen. Wodurch unterscheiden sich diese Sozialisten von den aktiven Parteigenossen: welche Wirkung löst ihr Verhalten auf die Gesamtbewegung der Partei und somit auf den Siegeslaus der sozialistischen Ideen aus? Der grundlegende Unterschied ist der, daß die einen sich an der Arbeit beteiligen, also für ihre Idee kämpfen, während die anderen dem Kampfe ausweichen. Unsere Propaganda richtet sich an alle Volksgenossen, aber naturgemäß fällt sie zunächst nur dort auf fruchtbaren Boden, wo die Unterdrückung durch den Kapitalismus unmittelbar empfunden wird,— im Proletariat. Es sind aber auch nicht alle Schichten der arbeitenden Bevölkerung in gleicher Weise empfänglich für unser« Ideen. Diejenigen, die die tapi- talistische Gesellschaft als die von Gott gewollte Ordnung be- trachten, aus der es im irdischen Leben kein Entrinnn gibt, sind für unsere Lehre schwerer zu gewinnen. Wohl empfinden auch viele von ihnen die Unzulänglichkeiten der sozialen Zu» stände, die sie täglich am eigenen Leibe spüren. Aber sie stellen sich dennoch abseits vom aktiven Kampf um die Auf- befserung der bestehenden Verhältnisse. Groß ist aber auch das Heer derjenigen proletarischen Existenzen, die den Glauben an Gott verloren haben, aber nichts an seine Stelle zu setzen wissen. Sie ergeben sich entweder mutlos in ihr Schicksal, oder folgen heute diesen, morgen jenen demagogischen Parolen. Andere wieder ver- suchen in verstiegenem Egoismus die Welt auf eigene Faust zu bezwingen, um allzubald einsehen zu müssen, daß sie als einzelne den kapitalistischen Gewalten gegenüber machtlos sind. Wenn bei besonderen Anlässen die Wogen des politischen Lebens hoch gehen, werden aber auch sie von ihnen erfaßt und hineingerissen in den Strudel des Kampfes. Unsere Ideen finden dann Eingang in die Köpfe und Herfen der abseits stehenden Massen. Zahlreiche Wähler und Wählerinnen ent- scheiden sich für die Sozialdemokratie,— sie sympathisieren mit dem Sozialismus. So sehr uns aber auch jede Slimme eines Sympathie- sierenden willkommen ist, so freudig wir auch jedes neue Mit- glied der Partei begrüßen, so müssen wir aber auch betonen und es jedem Sozialdemokraten einschärfen, daß mit dem Bekenntnis zum Sozialismus auch die Pflicht über- nominen werden muß, nicht bloß gsfuhlsmäßifl der Partei Beifall zu spenden, sondern auch selbst mit aller Kraft mit- zuarbeiten, um die Partei zum Siege zu führen. Wer die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge übersieht, weiß, daß das deutsche Proletariat mitten in einem ungeheuer schweren Kampfe steht. Es hat gegen eine Welt von Feinden zu kämpfen: es bat die politische und wirt- schastliche Ordnung in seinem Sinne umzugestalten: es hat eine neue Weltanschauung zu schaffen, die der heute noch vor- herrschenden auf das schärfste entgegengesetzt ist. Da nützt der Glaube an den Sozialismus allein nicht, und die schönsten Betrachtungen über die Zukunft bringen uns dem Ziel um keinen Schritt näher, wenn nicht in harter unermlld- licher Gegenwartsarbeit alles getan wird, um einer- feits die bestehenden Verhältnisse in unserem Sinne zu ändern und andererseits die Menschen, vor allen Dingen die jüngere Generation, umzugestalten und zu erziehen, daß sie fähig sein sollen, die neue Gesellschaftsordnung, die wir erstreben, in die Wirklichkeit umzusetze». Was wir brauchen, sind Menschen, die neben einem star» ten Gefühl für den hohen ethischen Inhalt des Sozialismus von der Erkenntnis durchdrungen sind, daß man die großen Aufgaben der sozialistischen Arbeiterbewegung nur mit Hilfe des V e r st a n d e s zu meistern vermag. Nicht G e» fühlssozialismus, sondern Verstandessozia- l i s m u s! Nicht ein himmelhoch aufstrebendes, verschwom- menes Befühl, das keinen Nrederschlag in der Wirklichkeft findet, sondern ein scharfes verstandesmäßiges Eindringen in oie schwierigen Fragen, die der Klassenkampf des Proletariat» auf Schritt und Tritt vor ihm auftürmt. Dem idealistiscl)«» Streben der Genossen und Genossinnen wird dadurch keines» wegs Abbruch getan. Der Idealismus erhält vielmehr erst seinen richtigen Inhalt, seine stärksten Antriebe, wenn er durch gründliche Erkenntnis, durch scharfe Ausprägung des Ver» standes, durch umfassendes Wissen und Können ergänzt und gefestigt wird. Dazu bedarf es aber eines nicht nur gefühlsmäßigen, son- dern verstandesmäßigen Eindringens in alle Fragen der polt» tischen, wirtschafttichen und kulturellen Entwicklung. Nament- lich die Frauen, die diesen Dingen etwas gleichgültig gegenüber» stehen, sollten sich der Müh« unterziehen, bei der Lektüre ihrer Parteizeitung neben dem lokalen und Unterhaltungsteil auch die anderen etwas langweiliger anmutenden, aber in Wirklich» teit ungeheuer wichtigen Teile der Zeitung zu lesen, in denen die politischen und wirtschaftlichen Dinge behandelt werden.. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die leicht zu überwinden sind, würden auch sie sehr bald in der Lage sein, sich in diesen Fragen zurecht zu finden und bei Auseinandersetzungen mit Andersdenkenden oder bei der Agitation unter ihren Ge- schlechtsgenossinnen ihren„Mann zu stehen". Wenn im Anschluß hieran noch der Versuch unternommen wird, durch Lektüre der neueren und älteren sozialtsttschen Literatur etwas tiefer in die sozialistische Gedankenwelt einzu- dringen, so würde allen aktiven Genossinnen sowie auch den mit der Partei Sympathisierenden die Aufgabe erleichtert Werden, sich aus Gefühlssozialisten in Verstandessozia» l i st e n zu verwandeln. Das alles sind Dinge, die in den Iahren vor dem Krieg« zu selbstverständlichen Bestandteilen der Parteibewegung ge» hörten. Aber die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit haben namentlich auf diesem Gebiete ungeheure Verwüstungen an» gerichtet. Es gehört mitunter zum guten Ton, über die Bil- dungsbestrebungen in der Arbeiterbewegung mit einem gleich» gültigen Achselzucken hinweg zu gehen. Dabei wird über» sehen, daß die ungeheuren und schwierigen Probleme der Nachkriegszeit und der Kamps der Arbeiterklasse um politische und wirtschaftliche Machterweiterung im gegenwärtigen Staate in noch viel höherem Maße die Aneignung gründlicher Kenntnisse und eine gefestigte sozialistische Weltanschauung verlangen, als dies in den Iahren vor dem Kriege der Fall gewesen ist. Galt damals schon als leitender Gesichtspunkt aller vorwärtsstrebenden Elemente der Arbeiterbewegung de? Satz Wilhelm Liebknechts:„Wifseni st Macht— Macht i st W i s s e n!", so gilt dieser Satz in noch viel höherem Maß« heute, wo wir nicht bloß an den Zuständen der bürgerlichen Gesellschaft Kritik zu üben haben, sondern wo zahlreiche Funk» tionäre der Arbeiterbewegung, an verantwortlicher Stelle in Staat und Verwaltung stehend, den Nachweis zu erbringen haben, daß die Arbeiterklasse genügend geistige und kulturelle Kräfte aus sich heraus zu entwickeln vermag, um den gegen» märtigen bürgerlich-kapitalistifchen Staat in einen soziali» stischen Volks st aat umzuwandelil. Erotik und Altruismus. Von Hedwig Schwarz. In der im Verlag E. Oldenburg, Leipzig, erscheinenden Schriften- reihe„Rultur- und Zeitfragen", ist als eines der letzten Hefte ein Lüchlein von Dr. H e l e n e S t ö ck e r, der bekannten Frauen- rechtsvorkämpferin, mit dem obigen Titel erschienen. Bei aller An- «rkennung der Verdienste der Schrift sind einige kritische Bemer- tungen doch notwendig. Die Zusammenstellung Erotik— Altruismus erscheint von vornherein problematisch, denn bei aller Vergeistlgung der animalischen Funktionen des Menschen läßt sich die Brücke zum Altruismus nicht schlagen. Das Triebhafte bleibt dabei doch immer die natürliche Grundlage: selbst die Mutterschaft, die doch viel weiter von Selbstsucht und Genuß entfernt ist als die Erotik, ist kein Weg, dessen gerade Verlängerung in einen edlen Altruismus hineinführt, sondern häufig in einen ziemlich unedlen Familien- «goismus. Die Genossin Oda O l b e r g wies vor einiger Zeit in der �Schaffenden Frau' in einem sehr ehrlichen Aufsatz nach, daß es un- sinnig ist, die politischen Rechte und Betätigungen der Frau mit ihrer angeblichen„Mütterlichkeit" zu begründen, als wenn man einest Ur- inftinkt einfach auf Organisationen wie Staat und Gesellschaft über- tragen könnte! Rein, der Altruismus hat andere seelisch« Wurzeln als das selbst sublimierteste Triebhafte, und auch Helene Stocket ist den Beweis für eine Verbindung beider Elemente schuldig geblieben. Denn das einzige, was sie in dieser Richtung zu nennen weiß, tiefste Verpflichtung gegen den geliebten Menschen, liegt wohl auf der Linie einer Vergeistigung und Durchseelung der Liebe, hat aber mit Altruis- mus nichts zu tun... Im übrigen weiß Helene Stücker recht Wertvolles über die heute die gesamte Frauenbewegung In sexueller Hinsicht bewegenden Probleme zu sagen, so insbesondere über die Keuschheit. Immer wieder behaupten die Gegner einer neuen Moral, daß diese in Zügel- losigkeit ausarten müsse, während in Wirklichkeit der Kampf nur der erzwungenen, starren und inhaltslosen Keuschheit gilt. Von Persönlichkeiten der geläuterten neuen Liebesmoral ist die r e l a- t i v e Keuschheit, d. h. der Verzicht auf das körperliche Liebes- erlebnis, wenn nicht die tiefste, geiftig-seelische Bindung da ist, un- zertrenntich. Frau Stöcker wendet sich weiter gegen eine Auslassung, die (umal von Aerzten propagiert wird, daß Enthaltsamkeit«nicht ge- undheitsschädlich" sei, womit die Liebe etwa dem Alkohol gleichgesetzt wird. Daß der Verzicht nicht gesundheitsschädlich ist, ist gar kein Grund für die Enthaltsamkeit, wenn nicht eine innere Notwendigkeit vorliegt. Im übrigen sind die Urteile der Wisienschast hier keineswegs einheitlich, und in neuerer Zeit mehren sich die ärztlichen Stimmen. die von der völligen Enthattsamkeit zumal für die Frau, für die sie auch noch Verzicht auf die Mutterschaft bedeutet, die schwersten Schädi- Sungen des gesamten Organismus befürchten. Das Verdienst der l s k e s e für frühere, primitive Zetten wird nicht bestritten. Viel- leicht war es nur aus diesem eigenartigen Umweg möglich, zu einer vergeistigung der Sexualität, zur Erotik zu gelangen. Da die Frau stärker dem Zwang zur Askese unterworfen war, ist im Verhältnis zu ihrer sonstigen geistigen Durchbildung die erotische Cmpsindungs- weise vergeistigter als die des Mannes. Heute aber müsien wir das Ideal der Lergeiftigung auf anderen Wegen zu erreichen suchen. Mit großer Ausführlichkeit wird das Problem der Doppel- »nd Mehrliebe der differenzierten Frau behandelt, das früher nur für den Mann bestand: Mehrliebe nicht im Sinne banaler Un- treue, die eine Entwertung des vorher geliebten Menschen voraus- setzt, sondern einer oft qualvollen innerlichen Bindung an mehr als einen geliebten Menschen des anderen Geschlechts. Die Frauenseele von heute ist ein reicheres Instrument geworden, bald wird die eine, bald die andere Saite zum Schwingen gebracht. Es gibt schon eine fanze Reihe moderner Schriftstellerinnen, genannt seien nur die tufsin Anastasia Werbitzkaja, die Däninnen Agnes Hennigsen und Karin Michaelis, dl« Oesterreicherin Friderite Mari« Winternitz und die Deutsche Annemarie von vtathusius, die sich in Ihren Romanen mit solchen Frauenschicksalen beschästigen. Das Ideal bleibt natürlich die restlose, völlige Harmonie zwischen z w e k ganz aufeinander ab- gestimmten Menschen; es soll nur die früher nicht vorhandene Problematik auf dem Wege zur Erreichung dieses höchsten Ziele» auf- gezeigt werden. In Uebereinstimmung mit den Erkenntnisien der modernen wisienschastlichen Psychologie wird hingewiesen auf die hohe Be- deutung der Kindeseindrück« für die das ganze spätere Leben und die ungeheure Verantwortung der E rzi eher. Sexuell« Aufklärung im Sinne eine» verstandesmäßigen Wissens um die Dinge allein tut es nicht, sondern um die Erweckung eines neuen Ethos im Kinde und Jugendlichen, der vorgelebt werden muß. Mit Irrtümern, die viel unnöttges Unglück über die Frau ge- bracht haben, wird ausgeräumt. Die Unfruchtbarkeit in der Ehe, die als Folge des männlichen Hcrrschckftsoerhältnlfses bisher stets der Frau zur Last gelegt wurde, liegt nach den neuesten wissen- Ichaftlichen Forschungen in überwieaendem Maße am Manne. Auch daß der Mann als das eigentlich schöpferische, zeugende Ele- ment gedacht wird, ist nach dem Stande der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisie unhaltbar. Sexuell« Empsindungslosig- teil der Frau hat keineswegs krankhafte Ursachen, sondern ist «ine Folge der sahrtausendelangen Unterdrückung des Liebeslebens der Frau, aber auch, biologlsch, des ausrechten Ganges des Menschen, dem sich der weibliche Geschlechtsorganismus noch nicht genügend onge- paßt hat. Trotz der eingangs gemachten Vorbehalte bringt das Büchlein Dr. Helene t>röckcrs eine Menge von Anregungen und Erkenntnissen und ist ein Schritt weiter auf dem Weg« zu einer freien, Vorurteil«- losen Gcschlechtsmoral, einer Höherentwicklung und Idealisierung de» Liebeslebens. Das Gericht der verlorenen. Von Justus. Dom Korridor des Gerichtsgebäudes dringt Stimmengewirr. Sie treten in den Verhandlungsraum— zehn, zwanzig, vierzig, sechzig weibliche Personen. Dicht gedrängt bleiben sie hinter der Schranke stehen. Dann beginnt der Aufruf— die Gerichtsverhandlung! Der Richter nennt den Namen; Geburtsjahr und Geburtsort klingen zurück.„Sie haben die Invalidenftrahe be- treten?"„Ja." Letzte Strafe. Antrag:„Ein Tag Haft!"„Ein Tag Haft. Angenommen?"„Ja." Name, Geburtsjahr, Gcburts- ort, verbotene Straße betreten, Antrag des Staatsanwalts, ein Tag Haft, angenommen? usw. in monotoner Reihenfolge. Jede Ver- Handlung dauert IS bis 20 Sekunden. Zlngetreten, abgetreten, an- getreten, abgetreten. Junge, Alte, Frische, Welke, Freche, Be- scheiden«, Häßliche, Hübsche, Ledige, Verheiratete, Bubitöpfe und andere mit reichem Haarschmuck, schlicht Gekleidet« und Aufge- donnerte.— Das ist die Straßenernte der Eittenbeamten aus der vergangenen Nacht. Auf Gasjen, verbotenen und erlaubten, in Lo- kalen und Absteigequartieren sind sie aufgelesen, in Polizeigewahrfam gebracht worden und dann vor den Richter gestellt. Nu» stehen sie da, und ihre Akten liegen auf dein Tische. Nicht selten sind es ziemlich umfangreiche Akten, ein endloses Sündenregister: lieber- tictung auf Ilebertrctung, Herumflanieren auf verbotenen Straßen und Plätzen, schamlose? Verhalten auf � der Gasse, Belästigung von Männern, lärmendes Betragen in angetrunkenem Zustande, Ver- säumen der Kontrolle usw. Sie kennen die Strafe, die ihrer harrt. im voraus— die Taxe ist ein für allemal festgelegt. Ist seit der letzten Strafe(Uebertretung) nicht mehr al» ein Monat vergangen. so gibt es zwei bis drei Tage 5)ast, sonst einen Tag. Die Straf« für Versäumen der Kontrolle entspricht der verdoppelten Zahl der ver- säumten Tage. Was macht aber ein Tag Haft in lustiger Gesell« schast aus? Man nimmt dies Risiko des„Gewerbes" gern hin— soll man etwa verbotene Straßen meiden und deshalb ohne Gast, ohne Verdienst bleiben: soll man hungern müssen, hungern?.. Nun gar die Kontrolle! Es wird manchmal gar zu lästig, zwei oder einmal in jeder Woche zu erscheinen. Man verschläft die vor« geschriebene Zeit, man war verreist, man hatte Beschäftigung und glaubte, nicht kommen zu müsien, oder man wußte auch, daß man krank war und wollte nicht ins Krankenhaus gehen. Ueberhaupt dies Kranksein! Die Kontrolle dient zur Bekämpfung der Geschlechts- krankheiten, und dabei werden diese Krankheiten erst durch die staatliche Duldung dieses entwürdigenden Gewerbes erkauft. Man betreibt ja„gewerbliche" Unzucht und bedarf dazu besonderer Ge- nehmigung. Das Gewerbe erheischt Volljährigkeit, unterliegt Ver- walhingsordnungen, ist durch Strafgesetze geregelt. Ob die Sitten- kontrolle ihren Zweck erreicht, muß man bezweifeln. Die geheim« Prostitution blüht, zwischen Erkrankung und Stellung zur Kontroll« vergehen meist ein paar Tage, und die erkrankten Männer ver- breiten auch selbst die Krankheit weiter, wenn auch nicht in dem Maße wie die„gewerbsmäßig" Unzüchtigen. Not, ungesunde Triebe und sittliche Verwahrlosung machen diese Verlorenen zu den Elendesten unter den Elenden, zu verachteten Ausgestoßenen der Gesellschaft, denen man Ihren traurigen Beruf an Gesicht, Gang und Haltung ansieht. Sie, die immer wieder einem anderen gehören müsien, lebendige Ware auf dem Markte der Wollust und Geilheit, sie üben eine notwendige„soziale" Funktion im Staate der Männerherrschast aus. Nicht selten kommen dies« Mädchen selbst und suchen um Erlaubnis nach, das Gewerbe der Unzucht betreiben zu dürfen. In der Regel werden sie ober zwang»- weise unter Kontrolle gestellt. Den Argusaugen der Sittenbeamten entgehen die schüchternen Neulinge nicht, die den Patentierten Kon- kurrenz machen. Zuerst werden sie verwarnt, das nächstemal werden sie mitgenommen, kommen vor die Frauenhilfe und werden ausgefragt, und es wird versucht, sie in geordnete Verhältnisi« zurückzubringen, sie von der beginnenden Seelensäulnis zu retten. Auch sie kommen vor den Richter, jede einzeln: die Verhandlung findet In Gegenwart der Fürsorgerin statt: die Strafe— drei Wochen Hast— wird nicht vollstreckt: sie erhalten Bewährungsfrist. Kommen sie dann doch wieder ins Polizeipräsidium, so werde» sie unter Kontrolle gestellt. Diese währt so lange, als da, Mädchen feine Lebensweise nicht ändert— oft bis zum Tode. So verläuft ein Leben voll Erniedrigungen, Demütigungen» Krankheit, Not, Elend, Ausbeutung durch Zuhälter, seelischem Schmutz. Selbst hinter diesem Hohngelächter auf das„Ebenbild Gottes" schlägt«In fühlendes, zärtlichkeitsbedürftige» Herz, zu- gänglich für jedes freundliche Wort, lebt ein Mensch, den nicht selten Ekel vor seinem eigenen Leben ergreist. Aber was hin? Ein Zurück ist doch so schwer. Trieb, Gewohnheit. Not— wer weiß, was alles da mitspielt! Schliecklich ist die Prostitution ja auch eine „notwendige soziale Funktion". Hörte sie heute aus, so erstünde sie schon morgen von neuem. Das ist das Furchtbare, das Schreckliche an ihr. proletaristhe Erzishung. Von Dora Fabian. In dem Augenblick, in dem nun auch die letzten, ach, so beschei- denen Emmgenschosten der Revolution auf dem Gebiete des Schul- wesens verloren zu gehen drohen, wird es nun jedem klar, daß eine Erneuerung des staatlichen Bildungsapparates in unserem Sinne nicht zu erhoffen ist, so lange nicht die wirtschaftliche und politische Macht unser ist. Auch Erziehungsfragen find Machtfragen: Für diese Erkenntnis werden uns die kommenden Monate einen unübertrefs- lichen Anschauungsunterricht liefern. Um so dringlicher erhebt'sich nun die Verpflichtung, da, wo wir können, unverzüglich zu deginnen mit der neuen, der proletarischen Erziehung. An uns alle ergeht dieser Ruf, an jeden Vater, vor alleni aber an jede Mutter, der Ruf, anzusaugen im engsten Kreise, in der Familie, darüber hinaus aber aujs innigste zusammenzuarbeiten mit den Lehrern, die heute schon unseres Geistes sind— und nur zu oft ollein stehen, unverstanden auch von den Eltern des Proletariats. Große Aufgaben treten da an unsere Eltern heran, besonders schwer zu lösen deshalb, weil wir alle, die wir im neuen Geiste erziehen wollen, selbst ja noch im alten heranwachsen. Der erste, wichtigste Schritt auf diesem Wege ist die Beamwortung der Frage: Was i st proletarische Erziehung? Sagen wir es mit wenigen Worten: Für die proletarische Erziehung ist das Kind nicht um seiner Eltern willen da(wie in den Zeiten des Absolutismus), aber auch nicht um seiner selbst willen(wie für den Liberalismus seit Rousseau), sondern um der kommenden, der werdenden Gesell- schaft willen. Wir erziehen im Kinde den„Trägerderwerden- den Gesellscha st". Unter diesem Titel behandelt dieses Thema Genosse Kurt L ö w e n st e i n in seinem in der Verlagsbuchhandlung Iungbrun- nen, Wien, erschienenen neuen Buche, das aufmerksamste Beachtung verdient. Mit dieser Zielsetzung der Erziehung des Kindes zum Träger der werdenden Gesellschaft sagt uns Löweultein bereits, wie dieser Mensch aussehen muß, der diese künstige Gesellschast schafft und trägt: Kämpfer muß er sein, bewußt seiner Klassengebundenheit, opferbereit sür die Ideale des Sozialismus, verantwortungerjüllt gegenüber der Gemeinschaft. Und daraus ergibt sich der Geist unse- rer Erziehung, in der Familie wie in der Schule: sie darf nicht mehr ausgebaut sein aus der Grundlage der Autorität, dem Verlangen des stärkeren Teils nach wortloser Unterordnung des schwächere», sondern sie muß geboren werden aus dem Geiste wahrer„Demokraste", der Anerkennung der völligen inneren Gleichberechtigung aller niensch- lichen Wesen. Wie sich diese Grundgedanken in die Praxis umsetzen lassen, das führt Löwenstein an zahlreichen Beispielen, besonders aus der Selbstverwaltung des modernen Schulwesens, sehr eindringlich aus. Innner wieder leuchtet aus seinen Worten der Zukunftsglaube her- vor:„Vom Standpunkt der Erziehung gesehen ist die Gesellschaft, für die wir das Kind erziehen, nicht etwas Gegebenes, sondern etwas Aufgegebenes, keine Anpassung und Reproduktion, sondern Reugestaltung und Schöpfung." Und entsprechend:„Nicht der ge- wordene Mensch, nicht der gegenwärtige Mensch, sondern der werdende Mensch Ist der Inhalt all unseres Bildungs- und Er- zlehungsstrebens." Aber natürlich bedarf es für den Erzieher nicht nur des Bildes des künstige» Mensche», sondern auch der genauen Kenntnis des gegenwärtigen: nicht nur des Zieles der Erziehung, sondern auch der intimen Vertrautheit mit dem Wesen dessen, der erzogen werden soll. Mit anderen Worten: der proletarische Erzieher muß das prolelarischc Kind kennen, in seinen Lebensbedingungen und »Sußerungen, in seiner sozialen wie In seiner psychologischen Natur. Wer sollte aus diesem Wege ein besserer Führer sein, als Otto Felix Kunitz, der geniale Leiter der österreichischen Kindersreunde- bewegung, in seinem soeben erschienenen Buche„Das prole- tarische Kind in der bürgerlichen Gesellschast." (Urania-Lerlags-Gesellschast, Jena.) In sachlichster Darstellung, die gerade deshalb um so ergreisender wirkt, schildert Könitz die schweren Lasten, die die bürgerliche Gesellschaft auf die Schultern des prole-, tarischen Kindes legt, und zeigt die große Verantwortung der prole- tarijchen Familie, aus diesen rechtlosen Sklaven nicht Menschen werden zu lassen, die nun ihrerseits nur das„Recht" des Stärkeren zur Unterdrückung des Schwächeren erstreben, sondern Revolutionäre, Klassenkämpffr im Sinne des Sozialismus. Das Neine Buch ent- hält eine Fülle wichtiger Anregungen für den Erzieher wie für den Politiker. Löwenstetn und Könitz ergänzen sich In vorbildlicher Weise. Beider Bücher sind wichtig� Hilfsmittel für die Erziehung der Arbeiterklasse im Geiste des Sozialismus. Erziehung zum Zrieöen. Beschlust des(Senfer Kongresses. Der erste internationale Kinderwohlfahrtskongreh, der vom 24. bis 23. August in Gens abgehalten wurde, nahm nach einem Re- ferat von Gabrielle Duchene folgende Resolution an, die in ge- kürzter Form allen Schulen mitgeteilt werden soll: Der l. Kinderwohlfahrtskongreß wünscht, daß die Erziehung die Kinder in allen Ländern neben der Vaterlandsverehruna einer ( stößeren Liebe zur Menschheit entgegensührt und daß, mit Unter- tützung der zuständigen Behörden, zwischen den Kindern aller Na- tionen ein Strom der Sympathie und des Vertrauens entsteht, der den Beginn einer Aera des Weltfriedens beschleunigt. Unter der Ann i r kein nicht zu verhindern- des Schicksal ist und o..n mächtiger Fricdenssaktor sein kann; 2. daß der unselige..richt die Entwicklung de» Denkens hemint und Cc,.. ieaktion mit sich bringt; 3. daß es wirkasmer i,'.'alitäten zu schassen, die sich einem Fehler widersetzen r e;n, diesen direkt zu zerstören; endlich, daß der in ,v uoe ebenso wie der soziale ein Resultat ist, das nicht e...istigkeit bestehen kann, spricht der Kongreß e> aus, daß die Erziehung zum Frieden nicht verstanden r;l als neues Unterrichtskapitel, sondern als Einführun s neuen Geistes in der Erziehung, der in c.-■■ genständen hervortreten soll, ohne die Idee des Vater!. Weiterung der Idee der Fa- milie) zu verletzen, die.....ßigen Platz in der Erziehung bewahren soll: daß die Erzieher, E- Mitglieder des Lehrkörpers sich nicht darauf beschränken, r.Zeitigen, das bei Entwicklung der Persönlichkeit das ll.t;>, den Mangel zur Roheit bc- günstigen, den kriegerisc! Ci. iwickeln und chauvinistische Ge- stnnung schassen kann, die: und Haß zwischen den Völkern anstiften; daß sie nicht versu-ben' 5\:mpflust des Kindes zu unter- drücken, sondern sich bemüb sie?:> verfeinern, sie sür soziale Ziele nützlich zu machen: daß sie sich vor allem:o. eh.ien, freie und starke Persönlich- leiten heranzubilden, die keine'' urteile haben und, überzeugt von der Einheit der Menschen,> ss llukunst und Fortschritt gerichtet, fähig sind, einen besseren uno gr er teren Staat zu oerwirklichen. Der Kongreß wünscht, daß die Kinder in dem Bewußtsein er- zogen werden, daß Rassen- und Konsessionsunterschiede niemals Haß und Verfolgungen irgendwelcher Art anstiften dürfen. Der Kongreß bittet inständta c.lle Unterrichtenden In allen Län- dern, einen menschlichen und b � lichen Geschichtsunterricht zu er- teilen, der von der engen Gemeinsch.rst der Völker durchdrungen ist. Er wünscht, daß die Schulbücher, die in diesem neuen Geist versaßt sind, oh»« Verzögerung den Lehrern zur Verfügung gestellt werden. Die Rechte des Kindes. Der Genfer Kongreß nabm als Grundlage seiner Arbeit sol- gende Deklaration an, in der die Pflichten der Menschheit gegenüber dem Kinde, ohne Rücksicht aus Rasse, Nationalität und Bekenntnis, niedergelegt sind: „1. Dem Kinde muß die normale körperliche und geistig« Cnt- Wicklung ermöglicht werden. 2. Das Kind, das hungert, muß gespeist, das kranke Kind muß gepflegt, das zurückgebliebene gefördert, das verirrte aus den rech- ten Weg geführt, das verwaiste und verlassene aufgenommen und versorgt werden. 3. Dem Kinde muß in Zeiten der Not zunächst geholfen werden. 4. Das Kind muß zur Selbsterhaltung besähigt und vor jeder Ausbeutung geschützt werden. 5. Das Kind muß in dem Bewußtsein erzogen werden, daß e» seinen Mitmenschen nach bestem Wissen und Gewissen zu dienen habe." GrgcmifiertL Mütterlichtett. Das schlimmste Uebel, an dem die Welt krankt, ist nicht die Macht der Bösen, sondern die Schwäche der B e st e n, sy klagte Romain Rolland während des Krieges. Wem gelte der Vor- wurf mehr als den Frauen. Ich will nicht von jeuen armen Frauen sprechen, die sich vor- täuschten, glücklich zu sein, daß alle ihr« Sühne auf deni Schlacht- feld geblieben seien, auch nicht von jenen, deren perverser Ehrgeiz sie in die Schützengräben trieb. Ick) will von jenen reden, deren Mütterlichkeit auch während des Krieges nicht starb. Sie nahmen Abschied von ihren Männern und Söhnen, die nicht nur ihre Ernährer, sondern ost ihres Lebens ganzer Inhalt gewesen waren. Sie liehen sich In die Munitionsfabriken schicken und arbeiteten viele Stunden des Tages für den Krieg, während ihr Herz nach dem Frieden schrie, und sie empörten sich nicht. Man nahm ihnen ihre unmündigen Kinder in Fürsorge, um das ollge- meine Gewissen zu beschwichtigen, wenn man ihre Kraft bis zur Er» chöpsung verbrauchte, und sie empörten sich nicht.„Da» chlimmste Uebel ist die Schwäche der Besten!" Wie es auch fei, wir Frauen haben kein Recht, uns schuldsrei zu sprechen. Aber Fehler sind da, um daraus zu lernen. In einer Zeit, da friedloser Friede die Welt beschwert, da dt« wirtschaftlich« Not und- die kulturelle Zlnnseligkeit alle tieferen und feineren Regungen der Menschlichkeit zu ersticken drohen, laßt uns di» Mütterlichkeit organisieren. Auf der internationalen Frauentagung im Haag im Sommer 4922 hat eine Französin das notwendige Wort gesprochen, daß der Friede zwar Himmelstochter genannt werde, sich jedoch nicht auf Wolken erbaue, und daß es eine gefährliche Illusion sei zu glauben, daß er keiner festeren Grundlage als unserer gutett Herzen bedürfe. Die Macht des Proletariats hängt ab von d«r Stärke seiner nationalen und internationalen Organisation. Sie kräftige», heißt sür die Frauen die unver- siegbare Fülle ihrer Mütterlichkeit aus der unfruchtbaren Passivität yerauszuheben und zur ausbauenden Weltmacht gestatten. Toni P s ulst Kinöeereigen. Mädels, Buben, rote Wangen, sonnbestrahlter Wiesengrund; Hand in Hand der lust'ge Reigen immerfort im Rund— „Wenn wir fahren auf dem See, wo die Fischlein schwimmen—* Hellstes, sorgenloses Lachen. muntrer Augen froher Glanz! In den schwarzen, blonden Haaren lichten Blumenkranz. .Es kam ein reicher Vogel aus seinem Rest geflogen—* Wenig Jahre, viele Freuden I Frisches, leichtes� freies Blutl Holdes Glück in der Minute— Alles, alles gut.. .Fuchs, du hast dte Gans gestohlen, gib sie wieder her—*« Fuchs! Du hast dt« Gans gestohlen!— — nimmer gtbt's ein Wiedersehn— — Manchmal feinste, süß« Klänge noch Herüberwehn-- Lebensstürme, tolle Wirbel mich umwogen wild! l — nimmer kehrt der Kinderreigen dort im Lustgefild--- Eugen Lehmann. Wo bin ich hergekommen! �„Wo bin Ich hergekommen, wo hast du mich aufgelesen?" fragt« da» Kind seine Mutter. Sie antwortete halb weinend, halb lachend und drückt« da» Kind an ihre Brust. „Du warst verborgen in meinem Herzen als eine Sehnsucht, Liebling. Du warst in den Puppen meiner Kinderspiele: und wenn ich aus Lehm das Bildnis meines Gottes formte jeden Morgen, dann � formte und vernichtete ich dich. In all meinem Hoffen und Lieben, in meinem Leben, in dem Leben meiner Mutter hast du gelebt. Im ochoße des unsterblichen Geistes, der über unserem Hause waltet, bist du genährt worden durch Menschenalter. In meiner Mädchenzeit, da mein Herz seine Blumenblätter aufschloß, schwebtest du als ihr Duft darüber. Deine zarte Sanftheit blühte in meinen jugendlichen Gliedern wie ein Wolkenglühen vor Sonnenaufgang. Himmelserwählter Liebling des Morgenlichte», du bist den Strom des irdischen Lebens heruntergeschwommen, und zuletzt bist du an meinem Herzen gestrandet. Ich schaue in dein Gesicht, und Unfaßbares überkommt mich. Du, der allen gehört, bist mein geworden. Vor Angst, dich zu verlieren, halt ich dich eng an meiner Brust. Welcher Zauber hat den Schatz der Welt in diese meine Arme ver- strickt!" Rabindranath Tagor«. ftuo üer Kinüerhölle. Bon Karl O u o s i g. Wenn ich an Höfe denke, sehe ich vor mir immer ein tiefe» Loch, nicht eins, das in die Erde hinein gegraben, sondern eines, das von der Erde aus nach oben gebaut worden ist. Da ist der Boden des Loches, mit holprigen, spitztantigen Steinen bedeckt und die Wände, vier hohe, graue Häuser, die nackt sind und jeder Farbe entblößt. Und wenn man hoch steht, erscheint vor den Augen ein kleiner blauer Fleck, der Himmel, oder«in trübes Etwas, eine Wolke Das sind so die Höfe, die ich kenne. Ganz einfach in ihrer Art. Wenn man auf dem Hos steht und aufwärts sieht, dann ist es einem ungefähr so, wie es einem Bergmann ist, der in den Schacht fährt und noch einmal zurückblickt nach der Oberwelt. Licht-kennt so ein Hof nicht, nur Schatten. In heißen Somnieriagen ist es wohl kühl, aber die Luft auch so stickig und so dumpf, weil sich aller Staub da unten sanimelt. In kühlen Herbsttagen sucht man aber vergebens einen kleinen Flecke», wo es wann ist. Die Sonnenstrahlen zerbrechen an den vier steilen Wänden, wie dünnes Rohr bricht. Und so still wäre es auf den Höfen, so still wie in einem tiefem Grab, wenn mcht die Kinder mit ihrer schwachen unreinen Stimme lärmen würden, und wenn sie nicht mit ihren klappernden Pantoffeln über die spitzen Steine stolperten. Die Gesichter der Kinder sind fahl, so fahl wie die Wände, so fahl wie die Gesichter der Bergleute, die Tag für Tag im tiefen Schacht sitzen. 2n allen Ecken liegt der Schmutz. Die Aschengrube kann gar nicht allen Unrat fassen und wenn es regnet, ist der Hos ein dreckiger Tümpel, in dem der Schmutz sich badet. Aber �.er Schlamm bleibt zurück. Es ist alles so trosttos auf so einem Hof. Manchmal springt eine Ratte erschrocken au» dem Schmutz der Aschengrube, jagt über den Hof, läßt die Kinder jäh aufschreien, und verkriecht sich in einem anderen schmutzigen Winkel. Ratten sind in den Löchern seßhaft. So sehen die Höfe aus die ich kenne. Wie ein Bergwerk, denke ich zuweilen, wie ein Bergwerk. Rur daß ein Bergwerk von oben nach unten gegraben worden ist. Aber aus beiden Löchern holt der Kapitalist dte Schätze. Aus dem Berg» wert die Kohle», die die Oefen heizen, daß die Maschinen laufen, und aus den Höfen die Menschen, die er an die Maschinen stellt. tSluz der von Ott» und Alice Riiiil« beruutgeaebenen vortrefflichen llr- tiefmnq�ieitschrift..Do» proletarisch« Nind", Berlog: Am andere» Ufer. Dresden-Buchbol».) Scherz unü Ernst 0, heilige Einsaltl Im Rathaus einer kleinen deutschen Stadt befand sich in einem sehr dunklen Gang ein Plakat mit der Auf- schrift:„Vorsicht, zwei Stufen!"— Vor kurzem setzte nun der Magistrat unter dieses Plakat ein zweite» mit der Aufschrift:„Vor- ficht nicht mehr geboten, da durch bauliche Veränderung die beiden Stufen entfernt worden sind!" Ach sol Föriler:„Ja, meine Herren, am gefährlichsten sind doch zweifellos die Raubtiere. Als ich seinerzeit in Afrika war, be- fand ich mich eines Tages plötzlich einem furchtbaren Löwen gegen- über. Keine Flinte bei mir! Kurz entschlossen zog ich meinen Hirschfänger und ging der Bestie mit Todesverachtung zu Leibe. Ich schnitt dem Löwen den Schweif und all« vier Tatzen ab!"— Stammtischgast:„Das ist ja eine kaum glaubliche Geschichte! Warum haben Sie denn dem Löwen nicht lieber den Kopf abgeschnitten?" — Förster:„Der war schon ab!" Deutsche Eisenbahn. Herr Bromberg aus Warschau fährt, da» erstemal in seinem Leben, nach Berlin. Wenn Herr Bromberg in der Bahn sitzt, hat er nichts zu tun, und wenn Herr Bromberg nichts zu tun hat, schläft er. Plötzlich gibt es einen Ruck, der Zug hält, der Schaffner schreit:„Bromberg, aussteigen!" Wie weiß der Mann, daß ich Bromberg heiße? erschrickt Brombergl Aber was soll man tun, er steigt aus. Der Zug fährt weiter. Bromberg steht mit seinem Köfserchen hilflos auf dem Bahnsteig. Was nun? Und schon fährt auf der anderen Seite ein Zug ein, der Schaffner schreit: „Bromberg, einsteigen!" Bromberg kratzt sich: wie weiß der Mann, daß ich— aber was soll man tun? Er steigt ein, der Zug fährt ab. Bromberg sieht sich einem Landsmann gegenüber, und es folgt dl« obligate Begrüßung.„Wohin fahren Sie?"„Nach Warschau." „Was sind doch", sagt Bromberg,„die Deutscheu für ein sonder- bares Volk: auf der einen Bank fährt man hier nach Warschau und auf der anderen nach Berlin..." Die guten Kinder. Ein südafrikanischer Schulinspektor besucht eine kleine Schule in Natal, die in der Nähe eines Flusses liegt, und die Jungen, die Bescheid wissen, lädt er ein, mit ihm in dem Fluß zu schwimmen. Die Jungen zögern aber, worauf er allein die Kleider abwirft und eine halb« Stunde tüchtig herumschwimmt. Wie er herauskommt, sagt er:„Nun, Kinder, ihr hattet wohl zu viel Respekt, um mit dem Schulinspektor zu baden?"„Nein," antwortete einer der Jungen schüchtern,„aber wir haben gestern ein paar Krokodile im Fluß gesehen." Zarl umschrieben. Der Fritz sängt in der Schule an zu weinen. „Warum weinst du denn?" fragt der Lehrer. Aber der Kleine steckt nur den Kopf tief hinein und ist zu keiner Antwort zu bewegen. —„Weißt du warum der Fritzl weint?" fragt der Lehrer den Nach- bar.„Ja, bitt' schön, Herr Lehrer," sagt der Junge und zeigt unter Fritzchens Sitzplatz—„weil, weil— der Fritz herinnen hinaus- gegangen ist." Datapoi Die Sängerin hotte geendet und stürmischer Beifall toste durch den Saal. Als es kein Ende nehmen wollte, wiederholte die Sängerin das Lied.— Da sagte Grelchen, das zum erstenmal in einem Konzert war:„Sie hat doch ganz gut gesunUn, weshalb muß sie es denn nochmal machen?" 7tnturkunde. Im Kindergarten erzählt das Fräulein den Kleinen von de» Tugenden der Tiere und fragt zum Schluß:„Nun, ihr lieben Kinder, wer kann mir ein Tierchen nennen, das bei seiner Arbeit unermüdlich ist?" „Die Biene. Fräulein!" kommt eine Antwort. „Richtig, die cinsige Biene!" „lind die Ameise!" läßt sich eine zweite Stimme vernehmen. „Wer weiß noch eines?" fragt das Fräulein. Da erhebt sich Aennchen, Nummer neun unter elf Geschwistern, und ruft„Fräulein, der Storch!" Der Praktikus. Unser Dreikäsehoch erzählt uns beim Nachtessen von seinen straßenerlednissen, und es stellt sich unter anderem her- aus, daß ihm sein Freund Theo„eine geklebt" hat. „Hast du nicht dem Theo gleich wieder eine gegeben?" fragt die ältere Schwester. Worauf er kalt lächelnd:„Nee— vorher!"(SImplicissimus.) Der Bummchef:„Schmidt, das steht nun mal lest: wenn ich nicht da bin, sind Sie der s a u l st e Kerl im ganzen Bureau!"