'i1'":l.''-.':..'1;. ,1.;! jflliil Nauenstimme Nr. 24 �4Z. Jahrgang I Beilage zum Banvärls I 25. November ,424 vom Arbeitsrecht öer Jrau. Wenn wir uns vor Augen halten, daß der Sinn des richtig verstandenen Arbeitsrechtes ist, die Persönlich- keit des wirtschaftlich Schwächeren gegenüber dem wirtschaftlich Stärkeren zu sichern, so liegt darin bereits die besondere Bedeutung des Arbeitsrechtes für die weibliche Erwerbstätige. Bei dem heutigen Wirtschaftssystem befindet sich die Macht auf feiten der im Besitz der Pro- duktionsmittel befindlichen Unternehmer-, um die Aus- Nutzung dieser Macht gegenüber dem nur auf die Verwertung seiner Arbeitskrast angewiesenen Arbeit- nehmer zu verhindern oder in erträgliche Bahnen zu lenken, ist ein gut durchgebildetes Arbeitsrecht unbedingt er- forderlich. Diesen Grundsatz hat die Reichsverfassung von Weimar in ihrem Artikel 157 anerkannt in dem Satz„Das Reich schafft ein einheitliches Arbeitsrecht", eine Bestimmung, die aber leider bis heute nur Programm geblieben, nicht Tat- fache geworden ist. Was wir bis heute in Deutschland haben, ist ein Gewirr von teils im BGB., in der Reichsgewerbeord- nung oder im Handelsgesetzbuch enthaltenen Gesetzesoor- schriften, teils durch Spezialgesetze oder Verordnungen ge- regelten Sonderbestimmungen. Es ist kaum möglich, daß sich der gewerkschaftlich und politisch geschulte Arbeitnehmer durch dieses Labyrinth hindurchfindet, wieviel weniger die häufig genug neben der Erwerbstätigkeit durch Hauswirtschaft belastete und in der Enge des Familienlebens oder der frem- den Hauswirtschaft erzogene Frau. Dadurch ist der Wert des heutigen Arbeitsrechtes schon von vornherein herabgemindert, und es muß deshalb mit allen politischen und gewerkschaftlichen Mitteln um die baldige Berwirklichung des in der Verfassung versprochenen einheitlichen Arbeitsrechtes gekämpft werden. Es kann nicht die Aufgabe dieser kleinen Arbeit sein, die heute geltenden Bestimmungen im einzelnen darzulegen; gezeigt werden soll lediglich, in welcher Beziehung die Frau des besonderen Schutzes des Arbeitsrechtes bedarf und welche Forderungen dementsprechend zu stellen sind. Diese besondere Schutzbedürftigkeit ergibt sich aus drei Tatsachen. Die erste und bedeutendste ist die, daß die Frau sowohl in physischer wie in psychischer Hinsicht in stärkerem Maße als der Mann abhängig ist von ihrem Körper, d. h. daß die naturgegebenen Aufgaben des W e i b tu m s und der Mutterschaft in ihrem Leben eine außerordentlich große Rolle spielen. Die Frau bedarf also einmal eines besonderen arbeitsrechtlichen Schutzes für den Fall der Schwangerschaft und der Mutterschaft: sie bedarf aber auch zweitens eines Schutzes gegenüber einer eventuellen Ausbeutung der wirt- schaftlichen Machtstellung des männlichen Arbeltgebers im Hinblick auf Ihr Frauentum. Die Zeit ist noch nicht allzufern, in der der Arbeitgeber wie der Vorgesetzte die weibliche Arbeitnehmerin als Freiwild betrachteten und noch heute ist manche Ärbeitnehmerin vor den Nachstellungen männlicher Vorgesetzen nicht sicher. Die zweite statistisch nachgewiesene Tatsache führt dahin, daß die Frau in außerordentlich jugendlichem Alter bereits allen Gefahren des Erwerbslebens preisgegeben wird, und daß sie noch weniger gewappnet als der junge Mann an diese schwere Aufgabe herantritt. Der immer noch in zahl- reichen Familien vorherrschend« Gedankengang, daß die Erwerbsarbeit für das Mädel nur eine Sachs der Uebergangs- zeit zwischen der Schulentlassung und der Ehe sei und daß es sich deshalb nicht verlohne, große Ausgaben für eine gute Berufsausbildung zu machen, hat zur Folge, daß nicht nur dann, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse unbedingt dazu zwingen, sondern auch da, wo unter gleichen Verhältnissen dem Jungen eine Lehrzeit ermöglich wird, da» Mädchen, kaum der Schule entwachsen, in einen Broterwerb hineingesteckt wird. Wie falsch dies« Voraussetzungen sind, braucht kaum gesagt zu werden im Hinblick auf die große Zahl der Witwen und Frauen von erwerbsbeschränkten Männern, ganz abgesehen davon, daß die Frau genau so wie der Mann Anspruch darauf hat, ihre Arbeitskraft einem Berufe zu widmen, für den sie Neigung empfindet, und der ihr deshalb auch Lebensfreude bietet. Leider aber haben wir vorläufig mit den obigen Zuständen zu rechnen, und da» führt dazu, daß die junge Arbeiterin sich oft um ihre Arbeit»- bedingungen und deren Verbesserung viel weniger kümmert als der junge Mann. Hiermit zusammenhängt die dritte Tatsache, daß die weiblichen Arbeitnehmer in erster Linie tätig sind in d e n Berufen, für die es ein Arbeitsrecht bi» heute so gut wie gar nicht gibt, nämlich nach der von Woytinski(Die Welt in Zahlen) gebrachten Statistik im Jahre 1921 von je 100 erwerbstätigen Frauen 44,5 in der Landwirtschaft, 3,3 als Dienstboten, 18,2 ohne bestimmten Beruf 21,6 in der Industrie, 9,5 im Handel, 2,9 im öffentlichen Dienst und in freien Berufen. i Sehen wir den großen Prozentsatz der in der Land- wi r t s ch a f t tätigen Frauen, so muß es uns mit Sorg« erfüllen, daß hierfür ein Arbeitsrecht lediglich in der Vor- läufigen Landarbsitsverordnung der Volksbeauftragten be» steht, das aber vollkommen ungenügend ist. Noch schlimmer steht es mit den Dienstboten oder, besser gesagt, Haus- g e h i l f e n. Durch Erlaß der Volksbeauftragten sind die di« Hausgehilfen zu Unfreien machenden verschiedenen Gesinde- rechte aufgehoben worden; aber alle Versuche, an ihrer Stelle ein Hausgehilfengesetz zu schaffen, sind bisher gescheitert. Heute bestehen für die Hausgehilfen lediglich gewisse Schutz- bestimmungen im BGB., besonders für den Fall der Erkran- kung, sowie in bezug auf die Kündigung. Von ganz besonderer Wichtigkeit wäre für die Arbeit- nehmerin ein L o h n r e ch t. Die Ausbeutung der wirtschaftlichen Schwäche der Arbeitnehmerin in bezug auf den Lohn ist mit ganzer Deutlichkeit wieder zum Ausdruck gekommen be! der vom Reichsarbeitsministerium bezüglich der Erwerbs- losenfürforge veranstalteten Erhebung. Für uns kann nicht, wie für die bürgerlichen Parteien, die Hauptlehre darau» gezogen werden, daß die Löhne durch die Erwerbslofenunter- stützung nicht überschritten werden dürfen, sondern vielmehr, daß die erwiesenen Hungerlöhne geradezu nach einer durch- greifenden Neuregelung schreien. Bedauerlich ist, daß der einzige bestehend« Lohnschutz, nämlich die für Heimarbeite? vorhandenen Bestimmungen des Hausarbeitsgesetzes gerade von den Frauen oft aus Furcht, die Arbeit zu verlieren, nicht ausgenutzt werden. i Der bedeutungsvollste, nach der Revolutton gemachte Anfang zu einer Teilregelung eines durchgreifenden Arbeits- rechtes ist trotz aller noch bestehenden Mängel zweifelsohne das Betriebsrätegesetz, und gerade augenblicklich beschäftigt sich der Reichstag mit einem zweiten Schritt auf diesem Wege. nämlich dem Arbeitsgerichtsgesetz. Beides aber erfüllt nichr voll und ganz feinen Zweck, wenn nicht ebenso wie der Arbeiter auch die Arbeiterin sich an der Durchführung dieser Gesetze beteiligt.> Aus Vorstehendem dürfte schon hervorgehen, daß weder die Schaffung des geforderten einheitlichen Arbeitsrechtes noch II« Durchführung der heute bestehenden Anfänge möglich ist, wenn der arbeitnehmende Menjch dem Arbeitgeber als einzel- ner gegenübersteht. Der Macht, die der Besitz der Produk- tionsmittel auf feiten des Arbeitgebers darstellt, gilt es, die Macht der gewerkschaftlich und politisch geschlossenen Arbeitnehmerschaft gegenüberzustellen. Durch den Ausruf der Volksbeouftragten vom November 1918:„Vereins- und Versammlungsrecht unterliegt keiner Beschränkung, auch nicht für Beamte und Staatsarbeiter" und durch den Artikel 159 der Reichsverfassung, lautend„Die Vereinigungssreiheit zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtfchafts- bedingungen ist für jedermann und für alle Berufe gewähr- leistet", ist das Recht hierzu jedem gegeben. Der arbeitende Mensch und damit auch die arbeitende Frau haben aber dazu nicht nur das Recht; im Interesse ihrer eigenen Person, im Interesse ihrer Klasse haben sie hierzu die Pflicht; denn nur dadurch ist eine Hebung der Lage der arbeitenden Klasse durch ein wirksames Arbeitsrecht möglich. Luise Schröder. Teihahlungskauf unö Hausfrauen. Von einem Teil der deutschen Detailhündler wurde in den letzten Wochen eine lebhafte Propaganda für den Einkauf gegen Ratenzahlungen entfaltet. Die hier propagierten neuen Einkaufs- Methoden, die sich in verschiedenen Punkten von den schon lange bestehenden Abzahlungsgeschästen unterscheiden, stotzen naturgemäß aus das lebhafteste Interesse der Hausfrauen. Die Arbeiterfrauen [Ind nicht ganz so persönlich an diesen Fragen intcrrssiert, weil man hnen zum größten Teil wegen ihrer ungünstigen und unsicheren Einkommensverhältnisse keinen Kredit einräumen wird. Eine starke Verbreitung des Verkaufs gegen Ratenzahlungen kann aber von fo weittragender Wirkung auf die allgemeine Preisbildung sein, daß es auch für die Arbeiterfrauen von großer Bedeutung wird, zu beobachten, ob die neuen Einkaufsmethoden besonderen Zuspruch finden. Die Zentrale der Groß. Berliner Hausfrauenvereine hat sich am 18. November in einer stark besuchten Versammlung mit diesen Frage» beschäftigt und hat ihren Mitgliedern ziemliche Zurückhaltung empfohlen. Eine gewisse Berechtigung wurde den Tcilzahlungskäufen nur dort zuerkannt, wo es sich um An- schasfungcn handelt, die wieder der Verbilligung der Lebenshaltung zugute kommen, wie Fahrräder, Nähmaschinen oder Schreibmaschinen und eventuell auch Möbel. Diese Stellungnahme der Berliner Hausfrnuenvereine ist im allgemeinen identisch niit dem, was der„Vorwärts" bisher seinen Lesern zu dieser Frage empfohlen hat. Wenn auch die Arbeiter- schaft, in deren Hausholt es an allen Ecken und Enden am Not- wendigsten fehlt, sich nicht so zu ängstigen braucht vor der von den mittelständlerifchen Haussrauenvereinen gesürchteten Verlockung zu unnützen oder übennäßig teuren Leichlsinnskäuien, so wird doch auch den Arbeiterkreisen, die eventuell Kredit erhalten, das aller- größte Mißtrauen empfohlen werden müssen. Nicht mit Natcu- zahlungen, sondern nur mit Lohnerhöhungen kann man die Kauskrast steigern und das deutsche Wirtschnstslebcn neu beleben. A. G. Zrauenerwerbsarbeit in Serlin. Die in weiten Kreisen mit Spannung erwarteten Resultate der Berusszählung vom 16. Juni 1S25 sind noch imnier nicht vollkommen veröffentlicht. Es fehlen vor allein noch die Zahlen aus dem größten und wichtigsten Wirtschastsgcbiet. aus Preußen. Alle Schlußfolgerungen, die an die bisher verössentlichten Zahlen geknüpft wurden, stehen deshalb auf sehr schwankenden Füßen. Dieser Tage wurden die ersten Hauptergebnisse für Berlin perössentlicht. Sie geben, wenn auch nur in fehr groben Umrissen, ein Bild der Zahl der Erwerbstätigen im Juni 1325. Vergleiche mit früheren Berufszählungen, die Schlüsse aus den Gang der Entwick. IiiNfj in den letzten zwanzig Jahren zuließen, sind nach den bisher verössentlichten Zahlen noch kaum möglich. Im Juni 1925 waren allein in Berlin erwerbstätig rund 1,7 Millionen Menschen. Die Bedeutung dieser Zahl wird erkennbar burch den Hinweis darauf, daß i n ganz Bayern zur gleichen Zeit 1,8 Millionen erwerbstätig waren. Von den 1,7 Millionen in Berlin Erwerbstätigen waren 1,15 Millionen Männer und rund 558366 Frauen. Etwa ein Drittel aller Er- Werbearbeit wurde also in Berlin von Frauen g e l e i st e t. In der Industrie waren 696 666 Männer und 326 660 Frauen tätig. In Handel und Verkehr, einschließlich Gast- und Schankwirtschaftcn, arbeiteten 436 666 Männer neben 215 660 Frauen. Für die einzelnen Gewcrbezweige liegen bisher nur sehr sunimarische Zahlen vor. Es läßt sich daraus nur erkennen, daß die Frauenarbeit besonders stark war im Bekleidungsgewerbe. 135 666 Frauen arbeiteten im Berliner Bekleidungsgewerbe. Das find rund 65 Proz. der Gesamtzahl der in diesem Gewerbezwcig deschästigten Arbeitskräste. Bei der letzten Berusszählung im Jahre 1967 war in ganz Deutschland nur etwa die Hülste aller im Bcllei- d'.nigsgewcrbe tätigen Personen weiblichen Geschlechts. Es ist zu isosscn, daß die noch ausstehenden Resultate der Bc- russzählung, wenigstens in ihren Hauptergebnissen, recht bald ver- öffentlicht werden, damit Vergleiche mit früheren Statistiken möglich werden, und sich ein möglichst exaktes Bild über den Gang der Eni» Wicklung seit den Vorkriegsjahre'n gewinnen läßt. A. G. � Zur Krifis der Sürgerlichkeit. Von Hedwig Schwarz. I. Gertrud Bäumer bat«ine Schrift erscheinen lassen über„D i e Frau in der Krisis der Kultur", die es notwendig macht, daß vom sozialistischen Standpunkt aus zu den darin vertretenen Thesen Stellung genommen wird. Mit Recht dürfen wir voraus- setzen, daß es sich darin nicht allein um individuelle Gedankengänge und Bekenntnisse der Verfasserin handelt, sondern um den Ausdruck der grundsätzlichen Haltung des von Bäumer geführten linken Flügels der bürgerlichen Frauenbewe- g u n g. Die Auseinandersetzungen mit Bäumers Schrift wird daher gleichzeitig ein Licht werfen auf das Verhältnis der hinter Bäumer stehenden Frauenkreise zu der proletarischen Frauenbewegung und wird aufzeigen, warum trotz vielfacher äußerer Berührungspunkte in sozialer Tätigkeit und Programmalik eine unüberbrückbare Klust wellanschaulischer Verschiedenheit zwischen beiden Bewegungen liegt. Bäumers sittliche Imperative, die sie aus der Betrachtung der gärenden, problematischen Gegenwart herleitet, können für einen suchenden Menschen, der alles Bestehende an der Wurzel ersassen möchte, um zu prüfen, ob es tauglich sei für den großen Bau der Zukunft, keine Lösungen sein. Bäumer erblickt die Krisis in der Bedroh» n g der Seele durch die Zivilisation. Durch Technik, Mechanisierung, künstliche Lebensweise, Arbeitsteilung, Verflachung und Versach- lichung sei ein Zustand eingetreten, in dem es sich nicht, wie in früheren Zeiten, nur um den Kampf um einen neuen weltnnschau- lichen Urgrund handele, sondern um einen Kamps der Seele um ihr Dasein schlechthin. In Arbeit, Genuß, Kunst und Journalismus sieht sie überall grauenhaste Verfallser cheinungen; und wo so eine bürgerliche Seele keinen Ausweg sieht, stellt sie sich gleich das Ende vor, zum mindestens eine Krise bedroh! chslen Aus- mahes für die westeuropäische Kultur. Der Arbeiter, obgleich von den Wirkungen der Mechanisierung des gesamten Lebensprozesses am härtesten betrossen, kennt aber eine Krisenstimmung nicht. Für ihn ist die Gegenwart trotz all ihrer Qualen und Schrecknisse voll tausendfältiger Ansänge, voll ausbrechender Verheißungen. Das Ohr dem Ruf der Zukunft hingegeben, wird der Sozialist schöpferisch alle jene Aufgaben meistern, die sich aus der Rationalisierung des Daseins ergeben, er wird Technik und Maschine aus ihrer heute herrschenden in eine dienende Stellung zurückweisem Er weiß serner, daß das geistig-scclische Lebe» der Massen trotz alles Elendes und aller Wirlschaftsnot niemals reicher und blühender aufgebrochen ist als in unserer„gottlosen Gegenwart". Das Bewußtsein von Recht und Eigenwert der Persönlichkeit, seit Renaissance und Reformation entdeckt und erkämpft, beginnt endlich auch den vierten Stand zu ergreifen und zu durchdringen und verbindet sich in ihm mit dem s o z i a l i st i s ch e n Gemein- schastsgefühl zu einer neuen sittlichen Grund«. Haltung. Vielleicht tritt nur deshalb der„Kampf der Seele um ihr Dasein" so stark in» Bewußtsein der Zeit, weil»och nie so ge- wältige Massen ihn sührtcu. Untergangsstimmung und Krisen- dämmerung finden Boden nur bei den intellektuellen Exponenten des Bürgertums; die sozialistische Arbeiterschaft, jung, kraftvoll und zukunststrächtig, weiß von ihnen nichts. Gegenüber dem drängenden Neuen Werden führt das Bürger- tum den Nerzweislungskamps um seine ideell« Selbstbehauptung. Eine der wesentliche» Grundlagen bürgerlicher Kultur ist die Ein- ehe in ihrer gegenwärtigen Form. Sie versuchl Bäumer in ihrer Schrift um jede» Preis zu retten, und zwar nicht nur um den Preis des Äerzichts aus jede Neugestaltung, sondern sogar um den Preis der Verleugnung wesentlicher Erkenntnisse und Errunaenschasten der bürgerlichen Frauenbewegung s e l d st. Nach kampsreichen Jahr. zehnten um den Primat des verbindend Menschlichen, der geistigen Ebenbürtigkeit der Frau, wozu ihre schwererwiegende Gattungs- ausgäbe nur«ine Variante darstellt, ertönt glücklich wieder das alte Eiapopei von der Mütterlichkeit als„gestaltender Mitte des Ledens", vom„Mutterinstinkt von Ewigkeit her" usw. Die Variante des gattungsmäßigen Andersseins der Frau wird wieder als Grund- ekkord eingesetzt, und alle Rückschrittler und Mannerrechtler können Ihre Freude haben. Noch ist die volle Gleichberechtigung der Frau nicht erkämpst, noch ist die gegenwärtige Frauengeneration durch- aus Produkt einseitig„weiblicher" Erziehung, und schon will Bäumer endgültige Urteile über„das Wesen der Frau" ab- aeben und daraus ihre zeitliche» Missionen und den überzeitlichen Sinn ihres Lebens ableiten! Uns sozialistischen Frauen dünkt es als die näherliegende Ausgabe, auch den Mann endlich einmal zur tieferen Verantwortung gegenüber der Galtung, zur stärkeren „Väterlichkeit" zu erwecken, anstatt unser Selbst zur höheren Ehre des Mannes der Gattungsaufgabe weiterhin zu opfern; von all den unerfüllten Aufgaben des Staates und der Allgemeinheit gegenüber der Mutterschaft ganz zu schweigen! Die physische Seite der Mutterschast tan» doch auch Bäumer nicht das Auslchlaggebende sein, da sie den Begriff„Mütterlichkeit" in vorwiegend geistigem Sinne saßt. Versagt also Baumer durch die vorschnelle und einseitige tjor- mulierung des weiblichen Wescnsgrundes. so tut sie es in noch weit höhcrem Maße in ihrer Stellungnahme zu den heute bestehendem kontreten Fonnen der geschlechtlichen Gemeinschaft. Da sie die gegenwärtige, überlieferte Einehe kritiklos als die einzig mög- iiche Form anerkennt, dabei nicht ficht oder nicht sehen will, daß diese de facto nur für den Mann gegolten hat und gilt, find diese Dinge für sie ü b e r h a u p t k e in P r o b l e m. In bequemer, aber reichlich primitiver Hcll-Dunkelmalerei sieht sie Würde- und Wahrung der sittlichen Persönlichkeit nur auf der etne» Seite, auf der anderen dagegen lediglich ein würdeloses Glücksfpicl, Oberfläch- lichkeit und sinnliche Begehrlichkeit. Liegen die Dinge in der Tat so einfach, so könnten sie auch für uns Sozialisten kein Problem fein. In Wahrheit fangen die Fragen dort an, wo Bäumers Ant- warten aufhören. Die Frau, die nicht streng nach hergebrachter Norm lebt, verneint ja gar nicht imnier die„Forderung nach Voll- kommenheit" oder„entflieht der Sphäre der verantwortlichen Ge- staltung ihres Dasein",— sondern das Problem liegt ja gerade darin, daß sie auch andere Lebensformen als die überlieferten vor ihrem Innern oder vor„Gott" verantworten kann. An- fechtbar vor allem ist die Begründung Bäumers für die Aus- schließlichkeit der offiziellen Ehe:„In dieser ihrer Bedeutung als einer tatsächlich mit Strömen von Blut und Tränen erkämpften fe«- lichen Eroberung der Menschheit fordert sie die unbedingte Ehrfurcht; es gibt vor ihr kein Recht des einzelnen Menschen, sein individuelles Glück und sein bewegliches Herz gegen die Geltung dieser Norm «uszuspielen." Mit genau der gleichen Begründung kann man frei- lich auch die Instituten der Monarchie rechtfertigen, denn ihre Aus- richtung und Erhaltung hat hinreichende„Ströme von Blut und Tränen" gekostet. Außerdem vergißt Bäumer, daß„Blut und Tränen" nicht nur in freien Beziehungen der Geschlechter außerhalb der Ehe, sondern gerade und erst recht innerhalb der Ehe und wegen der Starrheit ihrer Form geflossen sind. Was nun die Ströme von Blut und Tränen außerhalb der Ehe betrifft, so liege,, auch hier meist keine im Wesen der freien Liebesbeziehung gegebenen inneren Zwangsläufigkeiten vor, sondern in der Hauptsache tragische Konflikte mit jener Außenwelt, die Bäumers„unbedingter Ehr- furcht" huldigen. Gretchentragödien find keine Naturnotwendig- keiten: aber wenn selbst die denkende Frau des Bürgertums ihr Herz dem Verständnis für Frauenschicksal verschließt, dann werden wir jene Blut- und Tränenströme erst eine erhebliche Weile später zum Versiegen bringen können. Not tut uns heute nicht so sehr die„un- bedingte Ehrfurcht" vor erstarrten Traditionen, sondern vor den Offenbarungen des lebendigen Lebens.(Schluß folgt.) Das Sexualleben in Rußlanü. In der„Gesellschaft der Freunde des Neuen Rußland" sprachen Anfang November Dr. Magnus Hirsch feld und Dr. Pasche- Oserski zu diesem Thema. Dr. Hirschfeld gab nur die Eindrücke einer Studienreise wieder, während Dr. Pasche-Oserski als Pro- fesfors der Universität Kiew in kurzem, scharf zusainmengesaßtem Vor- trag die Resorm des Serualstrafrechts in Ruhland behandelte. Beide Vorträge griffen aber so oft aus dasselbe Thema zurück, daß es zweckmäßig erscheint, sie im Bericht zusammenzufassen. Die Eheschließung ist auf eine einfache„Registrierung" beschränkt. Weder findet ein Aufgebot statt,»och ändert die Frack Namen oder Staatsangehörigkeit. Ebenso ist zur Scheidung nur die Abgabe einer einfache» Willenserklänmg beider Teil« not- wendig, widerseßt sich einer der Ehegatten, dann findet freilich eine Derhandlung, ganz wie hier vor der Ehescheidungskammcr, statt. Ueber die Auswirkungen dieses Ehercchts wurde wenig gesprochen; bis vor kurzem genügte die einsache Willenserklärung auch nur eines der Ehegatten, und die aus russischen Blättern fast von der ge- samten Presse übernommene Geschichte von der„Ehefrau für zehn Kopeken" bewies allerdings, daß in dieses Gescß doch allerlei Sicherungen eingebaut werden müsse», damit keine legallsierte Biel- weibcrei aus dieser„Sowjetehe" wird, um so mehr, als die Che- Mündigkeit in Rußland schon mit dem 18. resp. IS. Jahre erreicht wird. Weder Prostitution noch gleichgeschlechtlicher Berkehr steht unter Strafe. Der Staat greift nur dort ein, wo die persönlichen Interessen eines Dritten oder ein allgemeines Staats- interefse geschädigt wird. Also fallen Ehebruch und Blutschande gleichfalls als strafwürdige Delikte aus, gleichfalls gibt es in Rußland rein Gegenstück mehr zu unserem§ 218. Der Abort ist srcige- geben. Die russische Regierung gesteht jeder Frau das Recht zu, bis zum dritten Monat über die Austragung einer Schwangerschaft selbst zu entscheiden. Kann sie vor einer Frauenkommission tristige Gründe für ihren Wunsch einer Unterbrechung der Schwangerschaft geltend machen, so wird diese in dazu vorgesehenen Krankenhäusern unentgeltlich ausgeführt. Die Erfolge dieser Maßregel sind verblüffend: Mit der Zahl der zur Verfügung stehenden Kranken- hausbettcn sank nicht nur die Zahl der Psuschcraborte, sondern auch die Sterblichkeitszisfer rapid. Damit sank auch die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle an Abortfieber. Während in Berlin auf je 1 Frauen 1924 noch elf Todesfälle infolge Wochenbett- oder Abortfieber kamen, hat Leningrad im gleichen Jahr nur noch zwei Todesfälle auf 1009, die»och dazu fast nur nach regulärer Geburt eintreten; nach dem„legalisierten" Abort ersolgi nur selten eine Erkrankung. Auch die Zahl der Schwangcrschasts- Unterbrechungen ist durch die Legalisierung in keiner Weise gewachsen. Tier Pjunsch nach Umervrechung der Schwangerschast geht in erster Linie auf die wirtschaftlichen Verhältnissen zurück. 44.3 Proz. der Frauen geben„Geldmangel" als Grund an, und charakteristischer Weise ist die Prozentzahl der Aborte in Berlin und in Leningrad trotz— soweit sich feststellen läßt— entgegen- gesetzter Behandlung des Problems ungefähr gleichl Hand in Hand mit dieser Legalisierung der Schwangerschasts- Unterbrechungen geht nun noch eine staatliche Propaganda sür die Anwendung empfängnisverhütender Mittel. Die Frauen werden im Krankenhaus über die Anwendung mechanischer Schutzmittel unterrichtet, und die Forschungsinstitute sür Sexual» Medizin sind vor allen Dingen darauf hingewiesen, die Schutz» Methoden ständig weiter auszubauen, um so mit der Zeit auch die Zahl der legalisierten Aborte herabzudrücken. Und trog all dieser„an den Grundlagen des Staates" rüttelnden Dinge zeigt der Geburtenüberschuß nicht nur für ganz Ruh» land, sondern auch für die Industriezentren steigende Tendenz und übertrifft den deutschen beträchtlich. Nun sind diese Resultate selbstverständlich erst in den wenigen großen Städten, wo alle Mutterschutz-, Kindersürsorge und ionstlge sanitäre Einrichtungen voll durchgesührl sind, zu beobachten. Immer» hin bieten auch diese ein lehrreiches Experiment im großartigsten Stil. Eine Debatte fand leider nicht statk, und so blieben doch manche Punkte der Vorträge ungeklärt. Es wäre vorteilhaft, wenn sich die Freunde des Neuen Rußland einmal darauf besinnen würden, daß es nicht immer der beste Freundschaftsdienst ist, kritiklos z>t schmeicheln! Schrei öer Fabrikarbeiterinnen. Noch wenn wir nächtens auswachen Klatschen die Riemen in unsere Seelen. Wo ist der Feuergarte» Mit Musik, Duft und Tanz? Der Tod steht immer in unseren Leibern, i Alle Träume fallen in die Maschinen. Ohl Schreit euch die Herzen frei, Ruft eure Kinder auf zum Bund der Kämpfer, Der auf den Fahnen ein Lächeln tragt, Frohsinn zum jüngsten Tag! Walter Gösch. Türtijche Politikerinnen. Zur Beurteilung eines Politikers ist es unbedingt erforderlich, sich mit den innerpolitischen Verhältnissen seines Landes zu bcschäs» tigen. Seine Taten müssen aus seinem Milieu, seiner Nationalität heraus gewürdigt werden. Die üblichen Vergleiche, zumeist primi- tivcr Art mit dem Lande gezogen, in dem man zufällig lebt, führen unbedingt zu Trugschlüssen. So darf man auch die beiden türkischen Politikerinnen, von denen hier die Rede ist, nur aus türkischen Ver- hältnissen heraus betrachten.. Halide Edib Hanum war der erste weibliche Unter» r i ch�t s m i n i st e r der Türkei. Sie kam zu ihrem Posten, weil sie im Freiheitskriege, den Mustafa Kemal organisierte, es verstand, die kriegerische Begeisterung ihres Volkes immer von neuem anzu- lachen. Bei den Frauen fand sie viel Unterstützung, da im b«» setzten Gebiet die griechische Soldateska wiederholt die Frauenehr« verletzt hatte. Aus diesem Moment heraus ist es auch zu verstehen, daß die Frauen aktiven Anteil an de» Kämpfen nahmen. Halid« Edib Hanum wurde in einem amerikanischen Institut in der Türkei erzogen. Sie weiß daher sehr wohl, was eine oute Ausbildung zu bedeuten hat. Und als Unterrichtsminister hat sie für eins gesorgt, sür Schulen, Schulen und nochmals Schulen. Dabei achtete si« darauf, daß nur türkische Lehrkräfte an ihnen wirkten. Der Sultan Abdul Hamid, der bekanntlich von den Iungtürten gestürzt wurde, harte eineiig Kampf gegen alle Schulbücher arabischen Alphabets und türkischer Sprache geführt. Er wußte es ja ganz genau, kann mein Volk lesen und schreiben, wird es mich als Sultan nicht mehr dulden. Da kamen die Fremden und gründeten Schulen, in denen zwar Türken unterrichtet wurden, aber jede unterrichtende Nation ihre nationalen Belange zur Geltung brachte. Als dann die Iunglürken ans Ruder kamen, hatte man für die Schulen nicht genügend ein- heimische Lehrkräfte. Zudem war der Staat überall verschuldet» man konnte den Fremden die Konzessionen nicht nehmen. Darunl war Cnver Paschas Erlaß:„Der Geschichtsunterricht hat in tür. kischer Sprache zu erfolgen", schon ein viel bekritteltes Unterfangen. Jetzt ist die Türkei sehr klein geworden, man reicht mit den Lehr- kräftcn. Was man einst sehnsüchtig erstrebte, ist nun Tatsache ge. worden, die türkische Schule gehört den Türken. Halide Edib Hanum ist ganz türkisch, sie führt sogar einen sanatischen Kamps gegen jedes persisch« und arabische Wort in der türkischen Sprache. Die Frau Mustafa Kemals norde die erste weibliche Abge- ordnete. Als die Tochter des reichsten Mannes von Smyrna ge- noh sie eine sehr sorgfältige Erziehung. Sie heiratete den bedeutend älteren Mustafa Kemal, der ihre Intelligenz als hochwillkommenen Beitrag eigener Machtstärkung betrachtete. Doch die junge Frau rang sich'zu eigener politischer Anschauung durch, die Ehe ging in die Brüche und die erste Abgeordnete der Türkei, die in ihrem Vaterlande sehr beliebt ist, weilt jetzt im Ausland und schreibt gegen Mustafa Kemal. Politisch soll man nicht prophezeien, aber die Entwicklung steht nicht still, und so wird auch in der Türkei sür die Frauen eine Zeit der Arbeit kommen, wo sie eigene Ideen haben dürfen und ihre politische Tätigkeit sich nicht mehr auf die Einstellung sür oder gegen Mustafa Kemal beschränkt. Erna Bllstng. Die Hefahröetenfürsorge. In der Polizeiausstellung war wertvoll und von besonderem Interesse die Darstellung dessen, was die öffentliche und private Für- sorge für die gefährdete Äugend Deutschland» leistet. Bei dieser Arbeit handelt es sich weniger um eigentliches polizelliches Eingret« fen, als um die F ü r s o r g e t ä t i g t e i t kommunaler und konfessio- neller Verbände, deren Oberleitung dem Magistrat von Berlin ob- liegt. Die städtische Fürsorge arbeitet Hand in Hand mit der evan- aelischen Stadtmissien, dein katholischen Caritasverband, der jüdi- scheu Fürsorge und natürlich auch mit der Polizei, vor allem der Sittenpolizei. Auf dem Berliner Polizeipräsidium besteht«ine von einer Frau geleitete Wohlfahrtsstelle und eine Frauen- h i l f s st e l l e. Alle diese Verbände haben in übersichtlichem sta- tistischen Material die Erfolge ihrer Arbeit dargestellt. Weibliche Polizeibeamte, z. B. zur Untersuchung der Prostituierten, haben wir in Berlin noch nicht. Im Rheinland ist man in dieser Beziehung schon weiter scrtgeschritten. In Düsseldorf gibt es eine weibliche Polizeibeamte, und in Köln hat Miß Allen, die Gründerin und Leiterin der englischen weiblichen Polizei, selbst, erschüttert von der wachienden Unsittlichkeit in der Zeit der Be- fatzung, eine weiblich« Polizei organisiert und auch mit deutschen Poiheibeamtinnen erfolgreich zusammengearbeitet. Ueber den Umfang der amtlichen und privaten Fürsorge orien- tierten eindrucksvolle bunte Tafeln. Die Zahl der Jugendlichen, welche die öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen, ist erschreckend proh. So wurden im Juhre 1925 durch die Fürsorge für gefährdete Mäd- chen 157 23« Fälle behandelt. In 14 303 Fällen griff die Arbeits- Vermittlung ein, und es gelang, Stellungen und Arbeitsplätze zu finden. 5683 Jugendlich« wurden in die Heimat zurückbefördert. In rund 18 000 Fällen handelte es sich um Unterbringung in Krankenhäuser, meist für Geschlechtskranke, oder in Psychopathen- Heime. Hieroglyphenartige Bilder stellten die wandernde Iu- g e n d dar. Man macht sich nicht genügend klar, daß Deutschland vcn Tausenden und aber Tausenden jugendlichen Wanderern durch- zogen wird, die entweder kein Heim haben oder die Konflikte aus dem Elternhaus forttreiben oder die einfach Wander- oder Abenteuer- lust in die Ferne zieht. Vom 14. bis 21. Lebensjahre nehmen sich Polizei und Jugendpflege dieser Wandernden durch Unterbringung oder Heimbeförderung an. Im Jahre 1925 gab es 55 925 Fälle solcher betreuten wandernden Jugendlichen. Unter diesen Wan- dernden sind alle Stände vertreten: gelernte und ungelernte Ar- beiter, Handwerker, Landarbeiter, Studenten, Dienstmädchen, Kon- toristinnen usw. Von den Mädchen verfällt ein großer Prozentsatz der Prostitution, teils aus Leichtsinn, teils aus Not. Für diese Aermsten sorgt u. a. die Mitternachtsmission. Mit großem Mut besuchen„Mitternochtsschmestern" die Nachtlokale und dunkelsten Kaschemmen in den verrufensten Gegenden und es gelingt ihnen nicht selten, die Mädchen zu„retten", sie wieder auf den Weg der bürgerlichen Ordnung zu bringen und ihnen einen inneren Halt zu geben. In der großen dritten Halle der Riesenausstellung, die auch die Ausstellung der Kriminalpolizei eMhielt, wirkte das Cckchen weib- licher Liebestätigkeit wie eine Erholung und Erquickung. Es gibt dock) glücklicherweise noch Menschenliebe, die mit zarter, fürsorglicher Hand die Verirrten zurückleitet, und nicht nur Gefängnis, Strafe, Einzelhaft, wie in früheren Zeiten Rad und Strick. Bei dieser An- schauung mütterlichen Verstehens brauchte man sich wenigstens nicht zu schämen, während man bei all den grauenvollen Dingen, die sonst noch vorgeführt wurden, nicht einen Augenblick das Bewußt- sein verliert, wie herrlich weit wir es mit unserem kapitalistischen System gebracht haben, um durch Kriegselend, Not und Hunger eine stetig wachsende Kriminalität zu züchten, die dann wieder mit so viel Kraftaufwand kunstreich bekämpft werden muß. H. B. Kinderspiele im Rhpthmus der Zeit. Liegt es wirklich nur an den trüben Brillengläsern, die uns die Jahre auf die Naft setzen, daß wir heute, wenn wir von irgendeiner Parkbank den Spielen der Kinder zusehen, ineinen, unsere eigene Jugend sei doch viel farbiger, lustiger und abwechslungsreicher auch in Ihren Spielen gewesen. Es gibt Dinge, Geschehnisse in unserer Jugend, die noch heute ein Albdruck unserer Traume find; aber abseits von der Tyrannei der„Großen", die uns freilich oft wie feindliche Gespenster auch in unserem Kinderland erichreckten, hatten wir uns doch unser eigenes, heimliches Königreich gebaut. Wir waren im Spiel alles, Räuber, losbestimmt und widerwillig auch Gendarm, Handwerker und Frachtsabrer... was sind unsere Kinder heute? Im eigentlichen Sinne spielen überhaupt nur noch die noch nicht schulpflichtigen Kinder. Aber alle Spiele unserer eigenen Jugend sind radikal abgebaut. Vielleicht läuft noch ein Kerlchen zischend am Rande des Bürgersteigs und ist ein« große, gewaltige Lokomotive.„Pferd" wird schon lange nicht mehr gespielt. Der Sechsjährige aber reißt schnell mit dem Absatz den Grundriß einer Garage um die Parkbank und geht mft der dritten Geschwindigkeit als Auto und Chauffeur in einer Person ab. Sein Nachbar spannl die Aermchen als Tragflächen, liegt schief in der Kurve und ist Flugzeug.. Aber das sind eigentlich die letzten Reste wirklicher Spiele. Alles andere hat der Sport verschlungen. Schon die Acht- jährigen diskutieren erregt über Peltzer, Diener und Bierkötter, ver- suchen, ein reguläres Fußballspiel durchzusühen und sehen auf die Zeckspiele(Greif- und Fangspiele) voller Verachtung herab. Die Mädels spielen noch Ball. Aber nicht mehr die früheren Fang- spiele mit den genau eingehaltenen Fangregeln von früher her— auch hier herrscht nur der Wille zum Rekord: hundertmal ab- schlagen rechts oder links. Gemeinsame Spiele der Jungen und Mädel, wie da»„Handwerkerspiel" oder die Kreisspiele, gibt es nicht mehr. Was davon noch in den Kindergärten ein kümmerliche» Dasein führt, gleicht trockenen Herbariumsblumen ohne Farbe und Dust, und die Kinder selbst, die nur auf Anregung, der Hortnerin sich gehorsam im Kreis ausstellen, spielen meist lustlos und ver- drosien, als wäre das Spiel für sie Pflichtarbeit. Diese Entwicklung, di« in gewisser Weise sicher eine Verarmung der heutigen Kinderwelt ist, hat ihr« tiefen Ursachen in der Indu- strialisierung, in den wirtschaftlic�n Verschiebungen unserer Zeit. „Wollt ihr wissen, wie der Bauer" und„O Bur. wat kost't din Heu?" verlieren ihren Sinn in einer Zeit, in der den meisten Kindern kaum die Sommerferien in einem„Kinderheim" etwas von der Farbe und dem Segen des Sommers nahebringen. Der heutigen Jugend, zwischen den Zelten lebend, schon abgelöst von der Tradition de» Gestern und doch noch in keinem Neulande festen Wurzelboden findend, ist Sport, der immerhin Gesellung und Gemeinschait bietet, der gegebene Ersatz und wohl kein schlechter, weil er wenigstens den Willen zur Leistung weckt. Merkwürdig aber mutet es an. wenn selbst die jungen Menschen proletarischer Wanderscharen in Volkstänzen und Spielen eine Be- lebung vergangener Lebensformen versuchen— sie, denen doch sonst„reaktionäre" Geisteseinstellung wirklich fremd ist. Denn sie, als Pioniere, wären am ersten berufen, zwischen leiswngslosem Spiel und geisttötendem Sport die rechte Mitte, die Spiele der Zu» kunft zu suchen— und zu finden. R. Ewald. Szene im eaf�haus. Di« ersten Schauer herbstlicher Kühl« haben di« Menschen in da» warme, einladende Casä getrieben. Riesig« Kronleuchter, spiegelnd« Marmortisch« zugen von einem Luxus, den di« meisten Besucher in ihren«infachen, bürgerlichen oder proletarischen Heimen nicht kennen; und die Schlager der Stimmungskapelle jagen das Blut im Rhythmus einer unechten, schnell verrauschten Lebenslust. Hier ist auch di« Stätte, wo giftig« Freuden sich dem Suchenden bieten, wo grell ge» schminkt«, seiden bestrumpst« Halbwelt ihr gequältes Lächeln zeigt. An einem der Tischchen allein sitzt ein blutjunges Ding,«>wa siebzehn Jahre alt. Einsach rmd solide ist die Kleidung, und kindlich der Ausdruck des frischen Gesichtes. Und dennoch bekommt er etwas Herausforderndes, sobald sich ein Mann dem Tische nähert. Dies halbe Kind ist schon dem Lastersumpf der Großstadt verfallen; eine Anfängerin zwar noch im traurigsten aller Gewerbe, aber dennoch schon dem geübten Aug« ein« Gezeichnet«. Wa» mag dies von der Natur gut angelegte Geschöpf' aus den Irrweg getrieben haben? Verlassenheit, Tyrannei des elterlichen Hauses, Leichtsinn oder bittere Not? Ein Mann, dessen lauerndem Blick sie unverhüllt antwortete, hat sich an ihrem Tisch niedergelassen. Das gepflegt« Aeuhere, die hohe, strasfe Figur, das scharfgeschnittene Gesicht verraten den Herrn aus gebildetem Stande. Was mag ihn zu dem unscheinbaren kleinen Mädel hingezogen haben? Er beginnt mit ihr«ine Unterhaltung, erst laut, dann immer mehr die Stimm« dämpfend, schließlich mrr noch dicht am Ohr des Mädchens raunend. Unheimlich verändern stch seine Züge; alles Geistige verschwindet, und zum Vorschein kommt eine gemein«, brutale Faunsfratze. Die Klein« wird immer unruhiger, sie lächelt gekrampft, sie kann vor Verlegenheit nicht antworten, und schließlich errötet sie, die„Dirne", bei den Schamlosigkeiten de» „gebildeten" Mannes. Man weiß jetzt, daß er sich aus sadistischer Lust die blutjung« Anfängerin erwählte, rem den Rest weiblicher Scham in ihr mit den Skorpionen seiner gemeinen Worte zu peitschen. Denn er bezahlt ja, und kann es sich leisten, menschlich« Würde mit Füßen zu treten. Dann zahlt er, und sie gehen. Da» Herz krampst sich einem vor Milleid zusammen, aber wie soll man helfen? Armes, kleines Mädel! handarbeilshesle. Im Verlage von W. Bodach u. Co. G. m. b. H. Leipzig ist eine Reihe von Handarbeitsheften erschienen, die von den Hausfrauen im Hinblick auf Weihnachten mit Freude begrüßt werden können. Besonders hervorgehoben feien Durchbruch- und Teneriffa- arbeiten, ein Heft für Loch- und Weißstickerel, sowie Bändchen- Spitzenarbeiten. Ferner enthält Band 27 Bulgarische Stickereien; in Nr. 104 findet man Batikarbeiten, Nr. 105 befaßt sich mit der Herstellung von gestrickten Tieren, tn Nr. 107 werden Bostarbeiten veranschaulicht. Nr. 103 lehrt uns die Verwendunq von Holzperlen für allerlei nützliche Dinge. Besonders gut ist das Heft über Häkelei, sowohl Schlingen- und Stäbchenarbelt als auch Sv'tzenhäkelet. Der Preis beträgt für das Heft 75 Pf., der Band 1,50 M. Die Hefte bieten für diesen Preis eine Fülle von Anregungen, die deutlich« Abbildungen veranschaulichen. Eine ZNüllerschule, zu der Frauen und Mädchen über 17 Jahre zugelassen sind, wurde an der Frauenvolkshochschul« In Magdeburg eingerichtet, um die Frauen für di« Aufgaben der Mutter vorzu- bereiten. Der Unterricht erstreckt sich über sechs Monate und findet zwei- bis dreimal wöchentlich in den Abendstunden statt. Für den ersten Kursus sind 25 Teilnehmerinnen, größtenteils aus Arbeiterkreisen, gemeldet worden. Auch in Stuttgart besteht ein« solch« Mütierschule schon seit längerer Zeit und hat sich ausgezeichnet bewährt.