Mitwirkung ar Kritik am Gesetz zur Bewahrung vor Schmutz und Schund hilft nun, da es in Kraft getreten ist, nichts mehr. Nur darum wird sie hier unterlassen. Das Gesetz ist eines der' wienigen neuen, bei denen Frauen an entscheidender Stelle mitwirken können. Dazu seien hier einige W«rte gesagt. Zuvor ein kurzer Ueberblick über das Gesetz:„Schmutz- und Schund"schriften können auf eine Liste gesetzt werden. Schriften, die auf der Liste stehen, dürfen nicht seilgebalten, angeboten, ausgestellt werden. Bestellungen auf sie dürfen nicht gesucht werden. Sie sind also so gut wie unvertäuf- l i ch. Sie dürfen außerdem an Jugendliche unter 18 Jahren innerhalb eines gewerblichen Betriebs weder entgeltlich, noch unentgeltlich abgegeben werden. Reichs-, Staats- und Gemeindebehörden sollen sie in ihren Einrichtungen und Betrieben(Bibliotheken, Bahnhöfen usw.) nichtauslegen. Periodische Druckschriften(Zeitschriften und Zeitungen) mit Ausnahme politischer können nicht nur auch auf die Liste gesetzt werden,.sondern sie können, wenn zwei ihrer Nummern binnen Jahresfrist auf die Liste gesetzt morden sind, auf drei bis zwölf Monate vollständig auf die Liste kommen. Wegen einer religiösen, politischen, sozialen oder weltanschaulichen Tendenz als solcher kann die Schrift nicht auf die Liste gesetzt werden, d. h., wird sie trotz einer solchen Tendenz als Schmutz oder Schund angesehen, so kommt sie eben auf die Liste wie jede andere. Zu entscheiden haben darüber die P r ü f st e l l e n. Sie bestehen aus einem Reichsbeamten als Vorsitzenden und acht Sachverständigen. Bon diesen sind je zwei entnommen 1. den Kreisen der Kunst und Literatur, 2. des Buch- und Kunsthandels, 3. der Jugendwohlfahrt und der Jugendorga- nlifationen und 4. der Lehrerschaft und der Volksbildungs- organisationen. Sie werden vom Reichsminister des Innern nach Vorschlägen von Verbänden, die er auswählt, ernannt und vom Vorsitzenden einberufen. Die Kirchen sollen bei der Ernennung besonders berücksichtigt werden. Eine Schrift kann von einer Priifstelle nur mit einer Mehrheit von sechs Stimmen(von neun) auf die Liste gesetzt werden. Die Prüfftellen treten auf Antrag in Tätigkeit. Antrags- berechtigt sind die Landeszentralbehörden und die Landes- jugendämter. Gegen die Entscheidung einer Prüfstelle, wenn sie eine Schrift auf die Liste setzt, stehen dem Reich, jedem Land, den, Verleger und Verfasser der Schrift das Recht der Be- s ch w e r d e zu. Das gleiche Recht haben die Antragsberech- tigten, der Vorsitzende und zwei an der Entscheidung beteiligte Beisitzer, wenn die Schrift von der Prüfftelle nicht auf die List« gesetzt wird. Uebcr die Beschwerde entscheidet die O b e r p r ü f st e l l e. Sie ist zusammengesetzt aus einem Vorsitzenden, sechs Sach- verständigen, je einem aus den oben genannten Gruppen usid zwei von sechs vom Reichsrat gewählten Beisitzern. Sie ent- scheidet mit einfacher Mehrheit. Lehnt sie den An- trag ab. so darf er vor Ablauf eines Jahres nicht erneuert werden. Die unmittelbare Mitwirkung der Frauen bei dem Gesetz ist nicht, wie im Lichtspielgesetz, wo es heißt:„Bei der Aus- wähl der Beamten sind auch Frauen heranzuziehen", fest- gelegt. Das Lichtspielgesetz stammt eben aus einer anderen Zeit.wie der heutigen reaktionären. Reaktionszeiten sind Frauen- rechten nie günstig, und so wird, wasmicht ausdrücklich gesetzlich ! Schunögesch. festgelegt ist, auch kaum im Berwaltungsweg geschehen. Zur Borsitzenden einer Prüfstelle wird also schwerlich eine Frau ernannt werden, obwohl eine geringere Eignung nicht fest» zustellen sein dürfte. Dagegen werden die Verbände Frauen zu Sachverständigen vorschlagen, je mehr, je tüchtiger Frauen in ihnen wirken. Man wird darauf achten müssen, daß der Reichsinnenminister sie auch ernennt. Sozialdemokratinnen können möglicherweise allen vier Gruppen angehören, be- stimmt aber werden sie für die beiden letzten Gruppen vor- geschlagen werden von der Arbeiterwohlfahrt, den Kinder- freunden, den sozialdemokratischen Lehrern, der Arbeiter- jugend und anderen für diese Gruppen in Betracht kommenden sozialistischen Organisationen. Als Sachverständige werden Frauen also u n mittel- b a r an den Entscheidungen, die sich aus diesem Gesetz ergeben, mitwirken, aber auch mittelbar werden sie an seiner Aus- führung beteiligt sein. Antragsteller sind Landeszentral- behörden und Landesjugendämter. Leider sitzen in den zu- ständigen Landeszentralbehörden kaum mehr Genossinnen. Dagegen sind in den Landesjugendämtern Genossinnen ver- ! treten, und also an den Entscheidungen über die Anträge beteiligt. Von wem aber gelangen sie an das Landesjugend- amt? Zum Teil von Lehrern und Lehrerinnen, von Für- sorgern und Fürsorgerinnen, Anstaltserziehern und-erziehe- rinnen, die die Bücher bei ihren Jugendlichen finden. Bei der Bedeutung des weiblichen Personals in der Iugendwohlfahrts- pflege ist der Umfang der mittelbaren Wirksamkeit der Frau bei diesem Gesetz und damit auch die Notwendigkeit, sich hier mit ihm zu befassen, ohne weiteres klar. Die Aufgaben, die es stellt, sind nicht leicht. Nachdem es einmal— gegen unseren Willen— beschlossen worden ist, werden wir es auch gegen wirkliche Schmutz- und Schundschriften anwenden. Da wir aber die politisch« Meinungsäußerung, Kunst, Wissenschaft und gute Literatur un- bedingt zu schützen gewillt sind, müssen wir uns darüber klar werden, was Schmutz und Schund ist. Der Gesetzgeber hat diese Worte in die Welt gesetzt, ohne daß es bisher in Deutschland eine gültige Meinung darüber gibt, was sie denn eiqent- lich bedeuten. Das eröffnet unseren Gegnern gefährliche Freiheiten und zwingt uns. die Begriffe überhaupt und in der Anwendung bei der Prüfung herauszuarbeiten. Festgestellt- muß von vornherein werden, daß das Erotische oder Geschlecht- liche, auch wenn es offen behandelt wird, nicht an sich Schmutz ist, sondern höchstens dann, wenn es durch rein« Sensation?- gier in der Darstellung ekelhaft wird. Nicht alles Blutrünstige, nicht jede Räuber- oder Detektivgeschichte, höchstens solche, wo Roheit, um sie gefühllos auszumalen, Trumpf ist, sind Schund. Dehnbare Begriffe also: schon der erste Versuch, sie auszu- deuten, zeigt, wie schwer es fein wird, das Gesetz erträglich zu gestalten.' Dabei müssen wir streng darauf achten, daß nur Schmutz- und Schundschriften aus die Liste gesetzt werden. Das darf keiner Schrift geschehen, mit der Begründung:„Ja, für Erwachsene würden wir sie zulassen, aber bedenken Sie doch, wir zensieren ja für Kinderl" Dieses Gesetz hat nicht zum Maßstab, die Wirkung, die ein« Schrift ausübt, sondern nur das Merkmal de» „Schmutzes" oder„Schundes". Ist die Schrift nicht Schmutz oder Schund, d. h. hat sie tünst» lerischen oder wissenschaftlichen Wert oder ist sie belanglos, ohne Schmutz und Schund l«in, so darf sie auch dann nicht ans die L i st e kommen, wenn sie etwa ungeeignet für Kinder i st. Unsere Genossinnen in den Vrüistellcn sind oegenüber allen, die mit diesem Gesetz den Wunsch nach der Zensur des Bormärz und der kommandierenden Generale verbinden, die Hüter der freien Mei- nun n säußerung— nicht nur der un-eren-.der FreiheitvonWissenschaftundKunst. Sie müssen darum mit allen lebendigen Strömungen in unserem Volk verb> den sind, sie müssen Verständnis für die junge Literatur haben, sie müssen, wo es sich um wissenschaftliche Probleme handeii— z. B. neue der Sexuaiforschung oder Psychia- trie—, sich mit einem modernen Fachmann beraten. Sie müssen jeden Versuch abwehren, sie Nim Handlanger gewisser Bestrebungen zu machen, auf das; dieses Gesetz einspringe, wo der Staatsanwalt versagt. Die Prüfftellen müssen von der O e f f e n t l i ch k e i t scharf kontrolliert werden, damit Ueberarilfe nicht vorkommen. Dazu müsse» wir die Begriffe von Schmutz und Schund und die Grenze des Rechts der Prüfstellen scharf herausarbeiten, damit wir jeder Aussnondersctzung über die Handhabung der Prüfung gewacchten sind. In ihrem Kampf um das Gesetz sind politische Schrift- stellerei, Kunst und Wisienschaft auf die Soziaidemokratie an- gewiesen. Die Sozialdemokratie wird sich auch künftig vor die Freiheit des Wortes und damit vor die Reichsverfassung, die diese Freiheit schützt, stellen. So mögen die Künstler aus ste vertrauen. Ist in ihre Hand der Mensckheit Würde Segeben, dann steht diese in Deutschland heute unter dem Schutz er Sozialdemokratie. Dos ist die Aufgabe, die uns erwartet. Hedwig Wachenheim. Geburtenkontrolle unö Ethik. Bei einem Vortwg im Londoner Rundfunk über Geburten- tontroll« als Forderung der Zeit, vernahmen die Zuhörer plötzlich Srogrommwidrige Zwischenrufe, die sich über die„Schamlosigkeit" er Ausführungen entrüsteten Dieser kleine Zwiichensall ist nicht allein für England, das klassische Land der Prüderie, charakteristisch, fondern auch für die Einstellung mancher bürgerlicher Kreise über- Haupt gegenüber diesem Problem. Dennoch ist eine bewußt« Ge- burtenkontrolle nicht allein mit den Forderungen der Ethik vereinbar, fondern geradezu Ausdruck eines verfeinerten ethischen Empfindens. In Pflanzen-, Tier- und Menschenivelt bringt die Natur Lebenskeim« in verschwenderischer Füll« hervor, von denen die weitaus meisten ungenützt untergehen. Nur«in winziger Bruchteil gelangt zur Ent- ialtung. Um die Art unter allen Umständen zu erhalten, produziert die Natur diesen Uebersluß. Ein« Unzahl junger Lebewesen geht zugrunde und nur die durch gute Lebensbedingungen begünstigten wachsen heran. Daß es in der Meuschenwelt nach dem Plane der Ratur nicht anders zugeht, beweist uns ein Blick in die Chroniken des Mittelalters. Von der große» Kinderzahl selbst in den reichsten »nd vornehmsten Familien blieben allenfalls zwei Kinder am Leben. Dabei ist zu berücksichtigen, daß damals die Fruchtbarkeit der Frauen fcöher war als heute und Zwillings- und Drillinqsgeburten nicht fetten vorkamen, andererseits die Frauen infolge der häufigen Wochen- betten früh starben und die Männer mehrmals heirateten. Aber Pest, Seuchen und Infektionen aller Art wüteten derartig, daß die Be- oölkerung einer mittelalterlichen Stadt trotz ihrer schnellen Ver- mehrung stets die gleiche blieb und sogar arg zusammengeschmolzen wäre, wenn nicht ein ständiger Zuzug vom Lande neue Bewohner gebracht hätte. Es ist ein Irrrum, anzunehmen, daß wir im letzten Jahrhundert «Ine ungeheure Geburtenzunahme jjehabt hätten. Die«norm« Be- »ölkerungsverinehrung in den zivilisierten Ländern beruht im Grunde »ur auf verminderter Sterblichkeit, vor allem der Kinder und Säuglings. Die menschliche Vernunft hat die Bazillen als Krank- heltsträger erkannt und die große» Seuchen, wie Pest und Cholera, pellen keine ernsthafte Bedrohung der Gefamtbeoälkerung mehr dar. Dieser gewaltige wisfenfchastlich« Fortschritt stellt aber die Menschheit vor die neu« Aufgabe, das grausame Regulativ der Natur gegen Ueberbeoöikerung durch ein« humane Methode zu«rsttzen. Diese Methode liegt ivsder im Kindermord, wie bei primitiven Völkern, noch in der schädlichen und unwürdigen Abtreibung, sondern In der Empfängnisverhütung. Ueber die technischen Bedingungen der Empfängnisverhütung belehren vorzüglich die beiden Schristchen von Radbruch-Grothjahn und Luis« Otto, die in jeder Partelbuchhaudlung erhältlich sind. Es gibt freilich auch noch in der heutigen Wissenschast Vertreter der natürlichen, unmenschlichen Auslesemethode. Zu ihnen gehört in erster Linie Professor Gruber, der 1922 aus dem beoölke- nmgspolitischen Kongreß in Köln von einer Mutter berichtete, die 18 �achtzehn) Kinder geboren hatte, von denen 1t) früh wieder gestorben waren. Di« überlebenden acht seien dann aber auch wahre Pracht- «xemplar« geworden! Wir Sozialisten wenden uns mit Abscheu von solchen ebenso undurchdachten wie im tiefsten Grunde unsittlichen Anschauungen ab. Wenige, aber„gewollte" und mit Freuden erwariel« Kinder, das ist unser Ziel! Zu dem stolzen Triumph menschlichen Denkens über die blind waltende Natur gesellt sich dairn ein Ausstieg der Nasse in sreudig empjangenen und gesund erblühenden Kindern, wie sie in unserer in Hunger und Elend oerkommenden Gegenwart mir Dichter und Seher prophetisch erschauen können. Vis Wohlfahrtspsiege- kein Nloöeberuf. Die„Wohifahrtspslege" ist zu einem Berus geworden; zu einem Berus, der immerhin seinen Mann oder seine Frau ernährt. Und damit hol zu diesem Berns der Zustrom derer ein« gesetzt, die sicherlich zur Wohlsahrtspslege weder berufen noch aus» erwählt find. So wollen, trotz der gesteigerten Leistungen der össentlichcn Fürsorge, die Klagen über den Bureaukratismus in der Wohlsahrtspslege nicht verstummen, und zu ihnen gesellen sich die vielen Beschwerden über die Haltung der einzelnen Hilsskräjte. Mit dieser Konstaticrung der Talsachen allein kann leider nichts geändert werden. Den» es wird immer schwer sein, das siir diese sozialen Beruje notwendige wirklich soziale Menschemimtcrial her- auszusieben: weder die Zugehörigkeit zu einer Klasse noch die Einstellung älterer Kräfte in den Berns der Fürsorgerin garantieren an sich die bessere Auslese. Trotzdem ist es zweifellos ei» Fortschritt, wenn es gelingt, durch die schulwissenichastliche Prüfung Menschen für diesen Beruf zu gewinnen, denen die wirtschastlichen Nöte und die psychologische Einstellung des Proletariats nicht ge» radezu weltenfern sind. Der Weg dazu ist in den Kursen der „Arbeiterwohlfahrt" gegeben, die Abschlußprüfung berechtigt zum Besuch der sozwlen Fraucnjchule: sonst ist dasür die Lyzeums- bildung Vorbedingung. Bisher hoben in Berlin vier Zhuse der „Arbeiterrvohlsahrt" stattgesuiiden, die mit se 12 Schülerinnen besetzt waren i die Abschlußprüfung wurde van je 19 Schülerinnen bestanden. Die Kurse aus der sozialen Frauenschule dauern drei Jahre, neben der Theorie soll die praktische Ausbildung gehen, die Arbeit an den verschiedenen Wohlsahrtsstellen vorsieht. Dann sind die jungen Wohlsahrtspslegerinnen fertig— ein Ziel, das die jungen Töchter begüterter Kreise schon inst 23, 24 Jahren erreichen können. Das kann dort, wo die Grundlage für die Wahl de» Berufes wirklich soziales Empfinden ist, ein Glück sein: denn der junge Mensch ist in seiner Kaste nicht so lies verankert als der ältcle, und wir erleben immer wieder die Rebellion der bürgerliche» Jugend gegen die Schranke der von den Eltern überkomme- neu Weltanschauung— eine Rebellion, die nach rechts wie nach links leicht ins Extrem gerät. Andererseits ist die Ausübung dieses Berufes, der mit dem schwierigsten Material, dem Menschen, ar» beitet, durch junge„Damen",' die aus rein äußerlichen Gründen zu dem„Modeberus" gegrifjen hoben, sicher eine schwere Gcjahr für alle, die das Unglück haben, gerade in diese Hände zu solle». Und letztlich ist der Betrieb der Wohlfahrtspflege, so wie er jetzt ist, durchaus geeignet, auch die besten Kräfte, gerade sie, vorzeitig zu ruinieren. Eine Wohlsahrtspflegerin hat heute 4 9 9— 5 9 0„Fäll e" z u b e a r b e i t e n l Daß da von einer wirklich individuell arbeitenden„Fürsorge" nicht die Rede sein kann, leuchtet ohne weiteres ein. Günstigstenjalls kommt ein durch die etwas reichlichen Möglichkeiten der Wohlsahrtspslege gcmil- derter Schematismus heraus. Fast stets wird sich ein gewisses Bureaukrntenlu», als Selbstschutz des eigenen Organismus au» dieser Arbeiisüberlcistuiig heraustristallisiercn müssen. Die Besoldung der Wohlsahrtspslegerinnen ist verschieden. Die meisten werden mit der Gehaltsklasse VI eingestellt, können aber verhältnismäßig bald zur Klalse VII aufrücken. Das bedeutet, daß das Gehalt von zirka 189 M. bis zu 260 M. steigen kann, s» daß die Lausbahn einer Wohlfahrtspslegerin einer intelligenten Frau eine bessere Besoldung garantiert, als sie sie durchschnittlich im Bureau oder im. Handclsgewcrbe erreichen kann. Es wäre darum dringend zu wünschen, daß den Gcnossiiiiien aus prole» tarischen Verhältnissen der Weg zu dieser Lausbahn so viel wie möglich geebnet wird, und es wäre zu bedenken, ob man nicht hier Stundung aller Gebühren mit der Verpflichtung zu späterer Rück- Zahlung erreichen kann— ähnlich, wie früher viele Studenten„ans Pump" studieren. Die Wohlsahrtspslege ist, im eigentlichen Sinne, ein Geschöpf der Novemberzeit; leider hat sie von ihrer Borgängerin, der „Armcnsürsorge", noch allerlei unangenehme Erbschaften über- nomine». Denn die Ideologie der Menschen läßt sich so schnell nicht umwandeln, um so weniger, als sich die politische» und Wirtschaft- lichen Grundlagen, bei Licht besehen, so wenig geändert hoben. Darum sollten wenigstens unsere Genossen, die In der Wohlsahrts- pflege arbeiten, sich bewußt sein, auf welch vorgeschobenem Posten sie hier stehen. Mit der N e b e r h e b l i ch k e i t einzelner Organe, die immer noch als eine Art von�zwar indirektem, aber allmächtigen„Wohltäter" austreten, muß Schluß gemacht werden, es muß auch den Objekten der Wohsiahrtspslege die Möglichkeit der B«- s ch w c r d e gegeben ivcrden, und es wäre sogar gut, wenn durch Aushang in den Wohlfahrtsämtern aus derartige Beschwerdemöo- lichkeiten hingewiesen würde. Nur eine ständige Toylorkonlrolle von unten kann es verhindern, daß aus dem lebendiaen Orga- nismus„Wohlfahrtspflege" schließlich ein verknöcherter burecnl- kratischcr Apparat wird, und nur so kann ungeeignetes Menschen- Material wirklich ausgesiebt werden. Dann erst wird au» dein „Modeberuj" wirklich ein Berus der Berusenen, sogar der Auserwählten werden I R. Ewald. �AWüNAtg Jahre Zrauenarbeit/ Don Protei Irinnen, Gonncrinnen,„Donotorinnen". von ge- sellschastttchen Ereignissen und dergleichen war mehr als erfreulich die Red« im eröffnenden Lichtbildervortrag der„Fvauenarbeitsausstcllung des Deutschen Lyzeumkluds". Recht uninteressante Lichtbilder von Darnengnippen, mit heute schon vorsintflutlich erscheinenden Kleidern und Hüten,, legen an uns vorüber, man fragte sich, wozu wird so viel von Perfonenkultuz gesprochen, so wenig von wirtlichem Frauenstreben, von bedeutsamer Frauenarbeit? Auch in die Ausstellung nehmen allerlei belanglose Erinnerungen einen allzu breiten Raum ein. Dennoch— mitten im„mondänen" Getriebe schreien plötzlich Statistiken, Berichte, Bilder von erschütternden Nöten. Der Tisch der Gruppe für Blindenarbeit läßt Schicksal« vor uns erstehen,?ln klagen gegen den Krieg, der so vielen Jungen, Blühenden das Augenlicht nahm. Ihnen vor allem galt die Arbeit von IlO Klubmilgliederm die in mühsamer Arbeit 400 Blinden» büchcr abschrieben und sie der Zentrolbibliothek für Blinde in Mar- bürg schenkten. Gefangen« Frauen, diesen ärmsten Opfern unserer Gesellschastsordnung ist«ine Sammelausstellung der Gruppe sür Soziale Fürsorge gewidmet. 14 Bilder erster Künstlerinnen, unter denen Käthe Kollwitz die ergreifendsten beisteuert«, leuchten hinein in dies lief« Dunkel. Zum ersten Mal« haben die deutschen Gefängnisbehärdcn,«in strenges Verbot zeitweise außer Kraft setzend, es gestattet, daß in den Gefängnissen gezeichnet werden durste, so fanden lebenswahre Eindrück« künstlerischen Niederschlag. Es blieb der Frauenbewegung vorbehalten, auch in die furchtbaren Kerker des vorigen Jahrhunderls, die menschlich wie hygienisch gleich grauen- hast waren, einzudringen, in jahrzehntelangem Kampf die Frau als soziale Helferin, Gefängnisbesucherin, Oberin, Lehrerin, Aerzlin und ürforgerin den imglücklichen Mitschwestern an die Seite zu stellen. as Aufkeimen des Erziehungsgedankens brachte allgemeine' Ver- besseningen, aber auch das Heute ist noch weit entfernt davon, zu befriedigen. Käthe Kellwiß zeigt uns in einem ihrer erschütternden Bitder? Mutter und Neugeborenes im Geföngnishospitol— mögen die Erlebnisse für solch« Bilder bald Vergangenheit werden: in der Stunde der Lebensgebimg dürste es nur Mütter, keine Straf- gefangenen geben! Zwischen den Gesängnistragödien und der be- fcheidenen Ecke, die Frauentampf gegen den Alko- h o l i s m u s zeigt, besteht enger Zusammenhang— wir alle wissen, wie verbunden Trunksucht, Prostitution, Verbrechertum sind. „Soziale" Augen können in der Ausstellung unter der gesellschast- llchen Aufmachung manches höchst„Ernsthafte" entdecken, daneben Praktisches und Schönes. So arbeitet z. B. Kläre H o l st e i n seit Jahren daran, vielseilig venvendbar« gut durchdacht« Möbel- stück« sür beengte Wohnungen zu schaffen. Bei der großen Raum- not bietet etwa die zweisitzige Holzlruh«. deren Inneres olles er- forderliche Nähmaterial, Flickzeug und Hausgeräte birgt, und die einig« Handgriffe m einen großen, zwei Meter langen Tisch zum Plätten. Zuschneiden oder Essen rerroairdeln, ein willkommenes Jn- ventarstück. Die Preise sind allerdings für die meisten Börsen leider zu hoch, aber das O s k a r- H e l« n e- He i m, das bekannt« vor- bildlich« Krüppelheim Berlins, hat fetzt die Fabrikation übernommen und will durch Herftellung in größeren Posten den Preis oerbilligen. Die Sonderausstellung der Malerinnen und Graphikerinnen weist die besten Namen, darunler auch Käthe Kollwitz, die ver- storbene Dora Hitz, Kornelia Patzka-Wagn« r u. a. auf, es wäre erfreulich,' dieses Gebiet weiblichen Könnens, einschließlich der Gesängnisbilder, einmal dort ausgestellt zu sehen, wo es den Arbeiterinnen unentgeltlich und leicht zugänglich wäre, etwa im Ge- werkschastshause. Adele Schreiber. Gekü für Monteffoei! Durch die provinzialc Ausgestorbenheit der abendlichen Wilhelm- straße flitzen die spiegelblanken Autos, stechen grell die elektrischen Bogenlampen des ,.Knilerhos".Portals. Im eleganten, teppich- belegten Vestibül dringt dem Besucher das gedämpfte schmerzliche Gekreisch zweier Jazzbands pailletl�qlitzcrnder Abendtoiletten, brokatener Schuhe, tadellos sitzender Smokings. Drinnen amüsiert sich blendend Berlm-Wildwcst: geschminkte Lippen, gemalte Brauen, unnatürlich glitzernde„Bcllado»na"-Augcn, Bubiköpfe und in den Kniekehlen wippende Röckchen. Man akrobatikt Charleston. Ucppige Büfetts und neckische Tomboladamen sorgen sür Portemonnaie- erleich.'erung! später dokumentiert sich die sortgelchrittcne Stimmung im Erwerb eines tückisch entschwebenden Lustballons.— Was hat dieser ganze mondäne Betrieb nun mit dem Montesiori-Systcm zu tun, welche Beziehungen haben diese Menschen zu der genial erdachten Kleinkindererziehung der hervorragenden Italienerin? Mit brutaler Eindringlichkeit spricht diese Veranstaltung von der Geld- not der Moutesiori-Heime und der traurigen Wahrheit, daß aus keinem anderen We g e die nötigen Mittel zur Aus- rechlerhaliung der Berliner Heinie in vorwiegend proletarischen Be- zirkcn ausgebracht werden können. In einem Nebensaal läuft— als Erholung zwischen einem Charleston und einem Shimmy— fortlaufend der neue Montessori- Film. Er spricht überzeugender sür die Sache als alle Worte es könnten. Wir sehen die Kleinsten sich selbst waschen, kleiden, das Frühstück austragen, die Abwäsche erledigen, bei der Gartenarbeit, bei der großen Wäsche, beim Nacktturnen und schließlich bei dem sinnreich erdachten Arbeiismalemi.„Spielend" lernen Dreijährige des Schreiben und die Zahlen: sie lernen an Stoffen den Tastsinn entwickeln, on einem Glockenspiel den Gehörsinn, an Stäben und verschieden großen Holzklötzen die Größenvcrhölrnisse unterscheiden. Durch Namensaufruf im Flüsterton seitens der Kindergärtnerin wird mühelos die so schwer erreichbare.lautlose Stille" erzeugt. Die Jilmvorsührungen werden ergänzt durch einige, von der persönlich anwesenden.„Dottoressa" gewährte Ausschlüsse. Die meisten praktischen Erfolge hatte das Montessort-Systcm bisher in Holland: auch in Oesterreich bestehen schon eine Reihe Schulen. In Italien beginnt Montessori erst in letzter Zeit Fuß zu fassen. Mussolini steht dem System durchaus freundlich gegenüber und läßt auf. seine persönliche Veranlassung eine Reihe von Heimen einrichten, eine der merkwürdigsten Inkonsequenzen des reaktionären Diktators. Die Hauptwiderstände kommen in allen Ländern von den Pädagogen alten Stils. Montessori steht auf dem Standpunkt langsamer Aus-� breitung, da sie eine Verwässcrung des Systems durch gar zu rasche' Popularisierung fürchtet. Sic betrachtet ihr Werk noch keineswegs als abgeschlossen, sondern betont seine dauernde Weiterentwicklung. Als der Trubel in den eleganten Sälen seinen Höhepunkt erreicht, ist die Meisterin nach erfüllter Pflicht still verschwunden. Schlecht paßt in das schillernde Treiben der animierten Hautevolee die etwas kompakte Gestalt mit den kräftig ausgeprägten Zügen und den leuchtenden, gütigen Augen. H. S. Der„linkisthe* Lehrttng. In der Werkstatt des Tischlermeisters G. ist ein neuer Lehrling angetreten, und der Meister gibt ihm eben die erste Anleitung. Eifrig und voller Schosfensfreüde ergreift er die Werkzeuge, aber bevor er beginnt, verbessert ihn der Ptefftcr: nicht mit der Unken, sondern mit der rechten Hand, wie er es ihm gezeigt Hab«, müsse er die Werkzeuge führen. Der Jung« gehorcht verlegen, müht sich ab, ober je mehr er sich wünscht, fein Bestes zu leisten, um so stärker reizt es ihn immer wieder, mit der linken Haild zu arbeiten. Nach wenigen Tagen beginnen die älteren Lehrlinge und Gehst ien ihn damit zu häufeln, geben ihm die link« Izand zum Graß und tun. als ob er nicht rechts und links zu unterscheiden wüßte. Der Junge wird unsicher, kopflcheu, unfroh und macht keine Forischritt«. Der Meister beschließt, ihn nach Ablauf der Probezeit zu entlassen. Der Junge, so erklärt er dem oerärgerten Vater, stellt sich gar so liniisch an.— Bald wird es einen Entmutigten mehr geben unter denen, die noch wenig« Wochen zuvor mit freudigem Eifer ihren selbstgewählten Berus angetreten haben. Lieber Meister, ob du wohl weißt, was«s bedeutet, wenn du sagst, der Lehrling sei linkisch? Du meintest einfach, er sei nnge- schickt. Aber„linkisch" hängt mit„links" zusammen, und was du da unbewußt ausgedrückt Haft, ist ganz richtig. Denn der Jung« ist ein Linkshänder, und er stellt sich nur deshalb so unbeholfen an, weil du ihn zwingst, alles Wichtige mit der rechten Hand zu machen. Nicht anders würde es dir ergehen, wenn man dich zwingen würde, die schwierigsten Arbeiten mit der linken Hand auszuführen. Hat es der kleine Linkshänder nicht schon während der ganzen Schulzeit schwer genug gehabt, als er mit der rechten Hand schreiben und zeichnen mußt«? Warum soll er jetzt nicht die Freiheit haben, sein« Geschicklichkeit mst der linken Hand zu betätigen, soweit der Bau der Werkzeug« die Wahl läßt? Wieviele geschickte, anstellig« Kinder mehr würden wir habe», wenn schon die Mutter die Veranlagung zur Linkshandigkeit beobachten und nach Möglichkeit berücksichtigen würde! Bis etwa zum fünften Lebensjahr sind die meisten mit beiden Händen gleich geschickt. Zeigt sich noch später ein Widerstand gegen die Bevorzugung der rechten Hand, so soll man nicht verlangen, daß das Kind unter allen Umständen wie«in Rechtshänder sich verhalte. Vor allem ist zu de- achten, daß nicht dos Gefühl eines Mangels, einer Minderwertigkeit in ihm auskommt, denn das steigert nur die Unbeholsenheit und über- dies ist der Linkshänder genau so berechtigt wie der Rechtshänder. Eine Mutter, die hier richtig beobachtet und nachgedacht Hot, würde in einem solchen Fall den Meister aufklären, ihn davon überzeugen, daß er auf die Veranlagung zur Linkshändigkeit so viel wie möglich Rücksicht nehmen müsse, wenn ihm daran liegt, einen guten Lehrling heranzubilden, und sie würde dadurch ihrem Jungen das Selbst- vertrauen erhalten und sein« Leistungsfähigkeit steigern. H. G.-S. Zunahme der Arauenarbcil. Aus den«rsten Ergebnissen der Berufszählimg von 1g2S lassen sich noch keine Schlüsie aus die Ver- Höltnisie im Reich ziehen, aber sie sind als Teilergebnisse ans- schlußreich genug: sie kenryzeichnen die Lag« in den Ländern Bonern, Oldenburg, Anhalt, Lübeck, Mecklenburg-Strekltz, Schamnbnrg-Lipp« und Hamburg. Di« Zahl der Erwerbstätigen überhaupt ist gegen 1907 gestiegen: die der arbeitenden Frauen viel stärker als die Zahl der weiblichen Bevölkerung an sich. In Oldenburg waren 1907 von je 100 Frauen 23,6 hauptberuflich erwerbstätig. 1925 find es 37,3. Mecklenburg-Strelitz zeigt«ins Steigerung von 23,9 Proz. auf 80,9. Proz. Bei der stark angewachsenen Schicht der Angestellten ist die Zunahm« an Frauen bedeutender als die an Männern; so ist ln Bayern d!« Zahl der weiblichen Angestellten um 240,7 Proz. höher als 1907. „Die Frau von heule." tlnter diesem Titel haben eine Reih« österreichischer Frauenorganisationen, darunter auch die Dereiuigung arbeitender Frauen, in Wien eine Ausstellung eröffnet. Von den ausgestellten Arbeiten finden vor allem die künstlerischen Erzeug- niste große Beachtung.> Tragik öes Serufes. W»e klein« Maschinengewehre rattern i>ie drei Schreibmaschinen »mischen sen kahlen, schmucklosen Steinniauenr und der milchigen Glaswand, die das Bureau in zwei Abteilungen trennt. Hier klappert immerfort, eintönig und unmelodisch, das freudlose Lied vom ertötenden Arbeitslos der Stenotypistin. Schmale, gelenkige Fingerchen lausen blitzschnell über das Alphabe!, kleinen Apparaten gleichend, die unaufhörlich, unermlld- ltch auf die Tasten trommeln. Die drei Mädchen hier, welche dies verzweisette Konzert mit tauben Ohren führen, sind Virtuosinnen aus ihren Maschine». Aber diese Virtuosität wird nicht geschützt und schlecht bezahlt, sie sind nur lebendiger Zubehör zur Schreibmaschine, viel biitiger als eine Continental oder Mercedes. Trotzdem sie nur nichtssagende Nullen sind in der Firma, wichtig,.rber ohne Gewicht, trotzdem sie in ihrem Abteil solch ein gering geachtetes Dasein führen, trotzdem dünken sie sich zu einer höheren schicht gehörend. Wenn sich der L)err Major a. D. sein Diktat wiederholen läßt, lesen sie stets im geschraubtesten Hochdeutsch, ruft sie Herr v. I. in sein Privatbureau, so lächeln sie wie Märchen- tönigimien. Sie wissen bestimmt, für den Kreis dieser Herren geboren zu sein, für jene Welt, die teure Zigaretten raucht und in eleganten Fouteuils sitzt. Deshalb fühlen sie sich über ihre schrecklich anödende Arbeit erhaben! eingelullt in süße Illusionen ist sie ihnen nur unumgängliches Zwischenspiel. Das jüngste dieser drei hier sitzenden Mädchen zählt siebzehn Jahre. Ihr junges Leben ist»och nicht verbogen oder abgetötet, sonder» nur benommen von der Atmosphäre, die durch Glastüren und Oirektorenzimmer weht. Sie ist cnt ein Vierteljahr im Bureau totig. schreibt init Bedacht und Interesse, weil ihre 5)ünde noch keine Maschinchen sind, die auch ohne ihren Eifer weiterlaufen. Aber von den Geschäftskolleginnen hat sie schon verschiedenes gelernt. Ver- schweigt bereits, daß sie noch sieben Geschwister hat. der Vater Kaualarbeiter ist, die Mutter zum Waschen geht. Nimmt sich in der Hmrsrifur schon Lilian Harway oder Lil Dagover zum Vorbild, richtet ihre Kleidung nach den letzten Modeberichten, bewegt sich in feineren Manieren, schwärmt bereits für Kavaliere mit„inter- essanten" Zügen. Auch zu Hause wittert sie den Abstand, in den sie der Berus zu ihrer Familie stellt. Sie sieht plötzlich, wie häßlich abgearbeitet die Mutter ist, wie rauh und ungehobelt der Vater, wie schinutzig die Brüder von der Arbeit komme», wie unappetitlich und umvohiilich die Zimmer sind. Langsam fühlt sie einen llnter- fchieo zwischen ihr, die so fein im sauberen Bureau sitzt, und der Schwester, welche in der Fabrik Zigaretten dreht. Die Kollegin an der zweiten Schreibmaschine arbeitet schon zwölf Jahre in der gleichen Firnia. Zweimal bewilligte ihr der Cliel bereits fünf Mark außcrtartflichc Zulage, weil sie die fleißigste und schnellste Schreiberiii ist. Aber diese Aufbesserungen bezahlte sie obendrein mit dem Leben, denn jeder Arzt sagt ihr ohne Unter- luchimg, daß sie höchstgradig tuberkulös ist. Doch sie glaubt nicht dam», sträubt sich dagegen, ist in der Familie unabkömmlich. Der Vater liegt im Veit, die zwei Brüder sind erwerbslos. Die Zukunft dünkt ihr zwar selber weniger rosig als den anderen Kolleginnen, die»ach voll überschänniender Phantasie sind. Wer zwöis Jahre ohne Erlösung an der Maschine sitzt, wird skeptischer. Trotzdem lebt sie in der Einbildung krampshast weiter, bewegt sich im gleichen Ton wie die Hingebung. Wird sie wegen ihres schlechten Aussehens angesprochen— denn ihre Wangen sind bleich und eingefallen—, lächeit sie so vielsagend, daß alle meinen, es komme von tollen Rächte» und starkem Rauchen. Das imponiert. Derweilen geht sie »ne aus: dazu reicht dos Geld nicht. Aber sie kann phantastisch dichten. Studiert abends die Theaterzettel und erzählt am anderen Morgen von der blendeirden Aufführnnq, liest kitschige Romane, um den Inhalt als eigene Abenteuer wiederzugeben. Sie bringt es fertig, demonstrativ eine Tafel Schokolade zu knabbern, wen» sie auch hernach eine Wache lang zu Fuß ins Bureau eile» muß, weil ihr die sechzig Pfennig wieder fehlen. Die Tonangebende nicht nur der drei, sondern auch der ander» sechs Mädchen, die jenseits der Glaswand an der Maschine sitzen, ist dm Pagenkopf am Fenster. Ihre einzige Mitgift ist die wirtlich sttsiine Figur und der»eine Lehrling vergißt nie, ihre Beine anzue schtele»!, die ihm so wundervoll uirkeusch vorkommen. Das Proletarische klopft sie eifrig von den Lackschuhen: vertuscht möglichst ihre Abkunft, falls sie»ichi ungliicH'cherwcise gerade jemand der elterl-che» Wohuniig n» Vorstiidt-Röckgebäud« entsteigen sieht. Alle I-t Tage bringt sie die„Elegante Welt" mit ins Bureau und läßt sie groß- müt-ii bei den anderen Heißhungrigen zirkulieren. Mit Alex, dein Banki.>rsah», der stets heiraten will, aber immer zu iuii l>at, beluchc sie jede» Abend das Kasino. Dort spielt sie die große Dame, Salti nie aus ihrer Rolle und spielt sie vstmals weiter, weini sie «reiis längst wieder vor der Maschine sitzt. Bis sie plötzlich erwacht: dann fliegen die Gedonkeil erlösimgsfiebrig, während die Finger Warenangebote klopfen, zu ihrcn beiden Freundiinien, welche auch Bureaumädchen waren, bevor sie splendide Kavaliere befreiten. Roch sitzen die dre- Mädchen hinter ihrem Glasverschlag. Noch zehren sie von« Opium futscher Hossnuiigen. Aber die Hohlwangige an d-v zweiten Schreilimaschine wird die nächste Weihnachtsgrati- flkation kaum mehr erlebe». Vielleicht ist die letzte Station ihres Lebens ein Lungensaiialorium für Unheilbare. Auch der rfwnccn- reiche Pagenkopf wird über kurz oder lang verschwinde», dein Bureau entlause», zum Äcrger des kleinen Lehrlings, der sicherlich ihr aufrichtigster Verehrer ivar. Sie vermeint dem Unglück zu eiitstieheii und rennt dem Unglück in die Arme. Mit dreißig Jahren vtellcichl lehnt sie-an gewissen Straßenecken, abgegriffen und weggeworfen, iind hausiert mit ihrem Unterleib. Bleibt noch die Siebzehnjährige übrig. Ihr Schicksal ist schwerer zu prophezeien. Mögliche daß sie einen kleinen Angestellten heiratet, falls sie rechtzeitig ihr« Erwar- tungen vom Fabrikdirektor auf einen Lageristen reduziert. Möglich aber, daß sie den Anschlußzua in die Ehe versäumt. Dann ist sie wohl— bleibt sie an der Maschine— nach ihrem zwölften Berufs- jähr auch nervenkrank oder schwindsüchtig. Klein« Schicksale kleiner Mädchen an kleinen Maschinen: eine Koniödie der Beginn, tragisch das End«. Und die Schreibmaschinen klappern weiter. Wilhelm K r i st l. Mussolini und die Zrauen. In allerlei europäische» Zeitungen psalmodiert Mussolini unter dem Titel„Mein Arbeitstag" über seine Beliebtheit auf dem ganzen Globus, seine Arbeitskraft, seine Willensstärke und überhaupt seine unvergleichliche Bollkonimenheit. Zu den Geschmacklosigkeiten der Selbstbeweihräucherung fügt der Diktator folgendes niedliche Be- kenntnis:„Gelegentlich werden Frauen in sehr beschränkter Zahl zur Audienz vorgelassen. Im Palazzo Chigi habe Ich inich gewöhnt, hier und da ein Frauengesicht vor meinem Arbeitstisch zu sehen, aber ich bin eigentlich dafür, ihnen den Eintritt zu wehren. Im Palazzo Biininale, im Ministerium des Innern, wo ich am Morgen arbeite, habe ich strikteste Anweisung gegeben, nie eine Frau einzulassen. Frauen hemme» die rasche und gründliche Erledigung der Arbeit, da sie kein Verständnis für den geschästs- mäßigen Charakter der Arbeit habe». Ihre Anwesenheit verlangt unnütze 5)öfllchkeitsbezeugungen, die man sich unter Männern schenken kann." In geradezu klassischer Weise dokumentiert sich in diesen Worten der Einfluß der Sexualtom ponente mit ihren auf die Dentleistuiig hemmenden und verwirrenden Einflüsse». Der all- mächtige Diktator fühlt, daß vor ewig unabänderliche» Naturgesetzen selbst der Faschismus kapituliert, und man»lit ganzen Armeen von Schwarzhemden nicht ihre Notwendigkeiten besiegen kann. Was tut er? Er wählt den typischen Weg des Psychopathen, er weicht aus. Die Welt soll und darf nicht erlebe», daß der Allgewaltige von Frauentränen erweicht wird, vor Frauenblicken erzittert oder gar von Frauenklugheit besiegt wird. Diese psychopathische Angst jetzt sich um in objektive Begründungen. Mussolini, das ttebergenie des„niännlichen" Faschismus, hat Angst vor der einzelnen Frau! Das gute herz des Bundesraks. Der katholische Pfarrer von Sisikcm am Vierwaldstättersee hatte sich vor einiger Zeit an den schweizerischen Bundesrat gewandt und für«in« in dürstigen Aer- Hältnissen lebende Schweizersainiti«, die.zehn Knaben hat,«in««id- genössifche Subvention erbeten. Der Bundesrat oifeubart«. wie die „Frankfurter Zeitung" erzählte, sein gutes Herz und übersandte der Familie ein Goldstück im Wert« von lüO Franken. Statt nun im Stillen dem Bundesrat dcmkbar zu sein, verösfentlichtc der betreffend« Geistliche den Entscheid in der Press«, ivas zu einer Flut ähnlicher Bittgesuche führt«. Der Bundesrat ließ nun, mn sich bei der Cr- ledigung ein einigermaßen genaues Bild über die finanziellen Kon- seqneiijen z» machen. Erhebungen über die Anzahl der Familien mit mehr als zehn Kindern durchführen. Es stellte sich l>eraus, daß es in der Schweiz nicht weniger als LKW Familien gibt, die einen foläzen. Kindersegen ausweisen. Infolgedessen hat der Bundesrat grundsätzlich beschlossen, es bei dem einzelnen Fall von Sisikon beivenden zu Kisten. Jürgen. Mein Freund Jürgen hol die Windpocken und ist zu Stuben- arrest vertwnimt, eine fchtiinme Angelegenheit, denn nun wird er mindestens zwölf Stunden taug täglich von seiner großen Schwester erzogen. Jürgen ist fünf und Gisi»eu» Jahre alt... Es ist eine schliinme Sache für kleine Junge», große Schwesteril zu haben.— Gerade bat"Gisi eine» neuen Anlaß gefunden, über Jürgen ein großes Gezeter cruzustiinmen, ein Gezeter, das schließlich sogar der Mutti aus die Nerven fällt.Höre bloß, Jürgen, was die Gisi wieder nial für.» fürchterlichen Krach»rächt l" wendet sich Mutti z» ihrein Jungen.—„Nicht wahr— als ob sie wirklich schon äce Mutti wäre!" stimmt Jürgen traurig zu. Aber manchmal hat Jürgen roahrhastig unrecht, und Mutti muß ihm eine richtige Swiidrede halte». So neulich beim Frühstück. Ernst und gesanmielt läßt er das Donnerwetter über sich ergchen und Mutti macht endlich eine Atempause, sroh, mit ihren scharfen Worten anscheinend tiefen Eindruck gemacht zu haben. Nun kommt Jürae» cndtich zu Wort: und sanft, aber vorwurfsvoll bricht er in die Worte aus:„Siehst«, nu is die Meise vom Balkon iveggeflogen, weil Du solchen Krach gemacht hast!"... Jürgens diesmaliger Weihnachlswmischzet'.el zeichnete sich durch einige Originalität aus: er wird im August angefangen, uinsaßt aber trotzdem nur vicr Wünsche. Gisi mußte ihn mit ihrer besten Orthographie ausschreiben. So lautet er: t. Einen steifen Krahge» ml« für Herren. 2. Ein Fenerzeng znni Knipsen. 3. Ein Bebt genau wie bei Roses. -t. Großmutti neue Beine. Trotz aller Bescheidenheit und Setbstlosigkeit ließen sich die Wünsche meines Freundes leider nicht alle ersiitkr»... R. E.