n Frauenstimme | ttt.6* 44>�ot)r8Öng~l Beilage zum Vorwärks I 17. März ,927 j Geschlechtsmoral und Lebensglück. Unsere Zeit beschäftigt sich außerordentlich viel mit dem Sexual- und Eheproblem, ein Zeichen dafür, daß um neue Bindungen und Wertungen gerungen wird. Ein Wort wie..Ehe- krisis", ein Vorschlag wie den einer..Zeit- oder Probeehe" zeugen davon. Die Gestaltung des Eherechts in Rußland ist ein praktischer Versuch, eine neue Eheform zu finden. Die Frage geht darum: Wird die heutige Form der dauernden Einehe Bestand haben, ist sie die beste Lösung des Sexual Problems? Di« einen bejahen, die anderen ver- neinen es. Die ersteren möchten Ehe- und Familienleben nach dem Muster vergangener Jahrhunderte wiederherstellen und dadurch festigen, daß sie den Befreiungs- kämpf der Frau um Gleichberech- tigung, den Eingriff der Wirt» schaftsverhältnisse in die Familie nicht anerkennen, die Frau viel- mehr zur festeren Bindung wieder in die Anschauungsweise und Schilklichkeitsbegrisfe früherer Zei- ten zwängen wollen; die anderen wollen das Zusammen- und Aus- einandergehen in der Eh« so er- leichtern, daß von einer dauernden Bindung kaum mehr die Rede fein kann; für die der Gemeinschaft entsprossenen Kinder soll Vater und Mutter, bei Nichtverinögen die Allgemeinheit sorgen. ' Unbestritten ist— und August Bebel war einer der ersten, der weiten Kreisen die Erkenntnis ver- mittelte—, daß die Ehe als engst« und ursprünglichste Form der Ge- meinschaft jeweils ein getreues Spiegelbild der Wirtschafts- und Herrjchaftsverhältnifse der be- stehenden Gesellschaftsform und also Wandlungen unterworfen ist. Das Eherecht ist der Nieder- schlag der rechtlichen Stellung der Frau im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben, ihrer Abhängigkeit vom Mann. Anzu- nehmen aber ist, daß die Form der dauernden Einehe ein Fort- schritt gegenüber der Paarungs- und Zeitehe frühererZeit ist und alshöhereEntwicklungsfornt ihren Platz behauptet. wenn sie sich nur rechtlich den neuen Verhältnissen anpaßt. Denn der ethische und erzieherische Gehalt einer dauernden Verbindung ist nicht zu übersehen, der darin liegt, daß zwei Menschen in gegenseitiger Liebe und Sympathie sich zu einer Gemeinschaft verbinden. Sicher haben die wirtschaftlichen Verhältnisse die Faniilie des vorigen Jahrhunderts, wie sie Schiller in der„Glocke" besang, aufgelöst, die Benutzung des gleichen Hausrates, die gleiche Schlafstelle und derselbe Speise- tisch sind oft die einzigen einigenden Punkte, aber zwischen Mann und Frau besteht doch eine festere Bindung. Kann sie so fest geschürzt werden, daß sie die Form der dauernden Einehe behält trotz aller Wandlungen des äußeren Zusam- menlebens? Hier setzt Müllers Buch, ein neues Buch des durch sein „System" bekannten Dänen I. P. M ü l l e r, ein. Er unter- suchj»„ob nicht etwa ein« höhere Entwicklung � Vorfrühling. G dtgl DÄtlne Sehnsucht weinte längst sich matt,(�jA S Jdun ist sie wieder aufgewacht Und ging mit mir Dnrch S tragen und durch Gaste» /?. Wo die müden, blassen lZZ» S Großstadtkinder tMnrmeln spielte«, Dreisel sagten, Und in Gliherscherben SS onneustrahlen singen. Und ich fühlt» mich so großstadtmlld», Und ich spürt««ine liebe Hand,{ Die mit mütterlicher Güte Jort mich zog l OS« srühlinnsbangea Land. Und ich sah die Silberkähche« blüh'», l S Haselnüsse gvld'ne Wölkchen streu'» Und der Saaten snngeo Grün eZu der Sonne zittern. S Und ich segne aller L!nospen Schwelle«., Lieb« öffnet mir die LKosentvre Und an» tiefoerborg'nen Gsellen Strömen Lieder. Br»»» Scheeioxt,| des ehelichen Glückes sowohl qualitativ wi« quantitativ möglich wäre und sich daher«in besserer Weg finden würde, als die Ehe auf- zulösen und ganz neue Formen zu ton- st ru irren"? Eine Unzahl von Ehen sind heute durch all- mählich eintretende Gleichgültigkeit und sich ansammelnd«» Widerwillen gegen den Ehepartner unglücklich. Bei allen Ehen, die auf der einzigen moralischen Grundlage, die es für Eheschließung gibt, geschlossen wurden, nämlich auf„u n w i d e r- stehltcher sinnlicher An- ziehungskraft und seeli« I ch e r S y m p a t h i e" ist die@«- � währ dauernden Glückes gegeben. wenn die Eheleute nicht vergessen � würden, daß das Eheglück ab» � hängig, ja geradezu bedingt ist # von der Ausnützung der physischen Glücksmög- l ich leiten der Ehe. Di« Glücksmöglichkeit kann aber nur voll ausgenutzt werden, wenn beide Teile gleich befriedigt werden. wenn außerdem Befriedigung de« Cm Geschlechtstriebes nicht gleichb«- deutend gesetzt wird mit der Ver- «y pflichtung der Erzeugung von zahl» # reicher Nachkommenschaft. Da» eine könne geschehen mit vollster ethischer Berechtigung, ohne daß ■# das andere die Folge sei, sobald (c£ die notwendige Aufklärung üb«r Afr Geburtenverhütung und Geburten- regelung in das Volk gebracht Cu werde und die Verhütung mit natürlichen und hygienischen Maß- nahmen, die ausführlich besprochen sind, durchgeführt werde. Mit scharfen Waffen zieht der Verfasser gegen die althergebrachte„christ» liche Moral" zu Felde, die den Körper und die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse als„Böses und Sünde" ansieht, ein« Anschauung, die erst tpäter die Kirche als christliche Meinung lehrte, so daß wir heute soweit sind, um mit einem Wort Keyserlings zu reden,„daß die meisten Abendländer aus Grund christlich asketischer Vererbuno den Sinn der Eh« als berechtigte Erfüllung fönst sündhafter Wünsche verstehen". Was für eine Welt von Muckertum enthüllen diese Worte. Geist und Leib sind gleich gut, di« Erfüllung ihrer Bedürfniss« ist weder schlecht oder gut an sich. sie werden es erst dadurch, wenn man damit anderen Menschen Schmerz und Unrecht, oder Freude und Liebes zufügt. Nun gibt es aber kaum eine andere Bindung im Menschen- leben, in der einem anderen soviel Freude und Befriedigung gewährt werden kann als in der Ehe. Freude schenken ist wahre Moral, während es die heutige unmoralisch« Gepflogenheit ist. nicht nach der Erfüllung der inneren Ehe» bedingungen, sondern nach der Korrektheit des äußeren Apparates bei der Eheschließung zu fragen; der Höhepunkt der Unmoral ist die„Vernunftehe". Trauungszerenwnien sind nebensächlich, das Entscheidend« ist die Liebe; nicht zusammenpassende Paare sollen sich m.ög» lichst rasch und leicht trennen können, bei den anderen aber wird keine Ermüdung und Erkältung der Liebe eintreten, sondern die Kraft der Liebe wird mit den Jahren erhöht werden können, wenn nur durch eine gewisse Technik der Ehe und die geübte physische Kultur beider Eheteile die geschlechtliche Liebe frisch erhalten bleibt. Ein Kapitel widmet der Verfasser der„Freimachung des Weibes" von der„Zwangsjacke der falschen Geschlechtsmoral", von der Modetyrannei und dem Unheil der mangelhaften Körper- pflege. Von hohem moralischen Gefühl durchdrungen sind die Ausführungen über die herrschende doppelte Geschlechts» moral, gegen die geltende Sitte, dah der Mann sich des Be- sitzes möglichst vieler Frauen rühmen wolle, aber glaube, die Objekte seines Vergnügens verachten zu dürfen und sich der Pflicht der Vaterschaft entziehen zu können. Abtreibung und Kindesmord sind die furchtbaren Folgen der Doppelmoral. Dos wird sich erst ändern, wenn das Gebären des Kindes so wenig eine Schande sein wird, wie das Erzeugen. Wenn die Möglichkeit der Gcburtenverhütung in allen Schichten des Volkes bekannt ist, wenn sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, die Dr. A. Forel aussprach,„daß eine richtige und zweck inäßige Anwendung unschädlicher Mit» tel zur Regulierung der Kinderzen gung positiv ethisch ist, weil dadurch das Glück der Menschheit gefördert wird", dann wird die Mög- lichkeit frühzeitiger Eheschließung und damit einer Gesundung der Sexualverhaltnisie geschaffen sein. Die Eltern werden erst dann, wenn die wirtschaftliche Grundlage dafür geschaffen ist, sich fortpflanzen. Die Qualität des Menschengeschlechtes wird gehoben, Säuglingssterblichkeit, Lebensverkürzung oder -Verkümmerung als Folge der Abtreibung werden immer mehr verschwinden. Eine Aufgabe unserer Zeit ist die Mög- lichkeit und Vorbedingung der Körperkultur zu schaffen, durch Einführung aller hygienischen Mckßnabmen in Fabriken, Bureaus und Arbcitsräunien, durch Verkürzung der Arbeits- zeit und Schaffung der Möglichkeit des Ansarbeitens und Ausspannens des Körpers in freier Luft. Ist die Bahn frei für physische Kultur, ist eine Vorbedingung der glücklichen, beide Teile befriedigenden Ebe erfüllt. Eine Zurückführung � der Frau ins Hau», damit sie nur Frau und Mutter sein könne, liegt unserer Ansicht wohl nicht in der Entwicklung der wirtschaftlichen Verbältnisie, hier können wir dem Ver- fasier nicht zustimmen. Ebenso hätte unserem Gefühl nach die Auseinandersetzung In dem Kapitel„Christentum und Ge- fchlechtsmoral", so gut sie durchgeführt ist, etwas weniger Raum'einnehmen können, doch mag sie für die Millionen Menschen, die noch unter dem Zwange der althergebrachten falschen Moral stehen, notwendig sein. Jedenfalls ist das inhaltsreiche Buch sehr lesenswert. Alle, die sich mit den Fragen der Ehe, der Geburtenregelung, der Freimachung und Gleichstellung der Frau auseinander- setzen wollen, müssen das Buch als Veitrag zur Lösung der Fragen in die Hand nehmen, um so mehr'als der Verfasser «uf die Verhältnisse der arbeitenden Frauen Rücksicht nimmt «nd mit erfrischender Deutlichkeit und Offenheit die Fragen anpackt, dabei praktische Lösungen und Möglichkelten zur Ge- staltung und Vervollkommnung der Ebe aufzeigt. Edith Hocreth-Menge, München. » Das Buch Müllers über„Gcschlechtsmoral und Lrbensgtück" ist bei Grethlein u. Co. in Zürich erschienen.» Wege öer Geburtenregelung. In der„Keseltschast sür Eexualresorm" sprach am II. März Frau Dr. Ruben-Wolf über da, Problem der Geburtenregelung.— Die Ratwendigkeit der Regelung des Bevölkerungszuwachses fei, so führte die Vortragende aus, nicht eine„Erfindung der Reuzeit". Abgesehen davon, dah bei den meisten Naturvölkern diese» Problem einfach durch Tötung des unerwünschten Nachwuchses gelöst werde, fei die Methode der K i n d«» a u s s» tz u» g, die ja im Effekt aus das gleiche herauskomme, selbst bei so hochstehenden Kulturvölkern, wie den Griechen und Römern in Gebrauch gewesen, und selbst heute noch bestehe in China die Praxi», unerwünschte Kinder einfach Über die Etadtmauer zu werfen. Di» zweitbarbarischste Methode, die Abtreibung, sei auch im Orient weit verbreitet, und die �blutig« Hebamme", die Spezialistin sür Abtreibungen, sei in den Harems eine bekannte und gefürchtete Erscheinung. Auch in Deutsch- fand fordere die Abtreibungsseuche jährlich unzählig« Opfer, und «eben dem 8 218. der die Frauen den Kurpfuschern in die Arme treibe, sei daran besonders der samos« 8 18-t des Strafgesetzbuches Ichuld. Dieser Paragraph bedrohe mit Gefängnis bis zu einem Jahr feden, der„Gegen st ände zur Herbeiführung unsitt- kich e n Berk ehr»" vtsentlich anpreise oder ausstelle oder össent- liche Ankündigungen srlSßi, welch« dazu bestimmt sind, unzüchtige« Verkehr herbeizuführen Wohlgemerlt, hier sei unter„unzüchtigem Verkehr" jeder, auch eheliche Verkehr verstanden, der nicht gerade den Zweck der Kindererzeugung habe. Das schlimmste aber sei, daß auch die deutsche Aerzteschaft sich aus den gleichen reaktiv- nären Standpunkt stelle und die ärztliche Standesordnung eine« wahren Bannfluch gegen die Aerzte schleudere, die sowohl inner- halb ihrer Praxis wie in Vorträge» oder Broschüren die Ver- hütungstechnik popularisieren. Da sei es denn kein Wunder, dah man 90 Proz. aller Deutschen als„sexualwissenschaftliche Analpha- beten" bezeichnen müsse, daß das Wissen um die Verhütungstechnik in Laienkreiscn so wenig verbreitet sei und daß von den übliche« und gebräuchlichen„Schutzmitteln" die Hälfte glatt als un- wirksam und die andere Hälft« als grob gefundheitsschäd- l i ch zu bezeichnen seien.— Das gelte zuerst sür die beiden im Proletariat besonders geübten und verbreiteten primitivsten Me- thoden, dem Ausnutzen der sogenannten„sterilen Tage" und dem „Jnachtnehmen".„Sterile Tage" gäbe es nicht: wenn auch i« der Mitte zwischen zwei Perioden die Empsängniskurve ihren Tief- stand erreiche, so sei diese Senkung nicht einmal sehr erheblich, noch viel weniger könne man von auch nur einigermaßen garantierter Sicherheit in dieser Zeit reden. Wesentlich schlimmer aber sei da» „Jnachtnehmen", das für beide Teile oft schwere nervöse Störunge» im Gefolge habe und schuld an mancher zerrütteten Eh« sei.— Wenig Schutz gewährten auch die„Spülung« n", die noch daz« oft zu kalt oder zu heiß vorgenommen würden und so schwer« Unterleibscrkrankungen hervorrufen könnten. Ein Kubikzentimeter Sperma enthalte 20 000 000 Samentierchen— und es sei fast un- möglich, daß Spülungen alles restlos entfernten, besonders, da sie doch nie unmittelbar nach dem Akt vorgenommen würden. Di« vielfach angepriesenen chemischen Verhütungsmittel erreichten gleichfalls keine vollständige Sicherheit. Chinin z. B. wirke nur 20—30 Minuten lähmend aus die Spermajozoen: andere Mittel seien geradezu lebensgefährlich, z. B. habe man nach der Anwendung von ungelöstem Sublimat bereits zwei Todesfälle festgestellt.— Die mechanischen Schutzmittel aber seien fast alle störend und oft Ursache schwerer Unterleibsleidcn. Dies gelte besonders von de« sogenannten„Stifte n", die oft genug schon Verletzungen und Blutvergistungen mit tödlichem Ausgang hervorgerufen haben, be» sonders da diese Jntrauterinstifte gleichzeitig, um bei etwa doch ein- tretender Schwangerschaft als Abtreibungsmittel zu wirken, fast stets zu groß genommen werden. Auch die vielkach angepriesene« sogenannlen„S l l k w o r m p e s s a r e" gewährten zwar einen zicin- lich sicheren Schutz, verursachten jedoch gleichzeitig Entzändunge« und seien besonders bei bestehender Gonorrhoe sehr gesährlich.— Das bisher beste Schutzmittel sei das R a m s e»- oder M e n s i n g a- Pessar. Leider werde jedoch iniolcc der Einstellung der deutsche» Aerzteschaft(vielleicht auch aus Geschäftsrücksichten! Berichterft.) de« Frauen nicht gezeigt, wie sie kich selbst diese» verhältnismäßig sichere und durch lang« Brauchbarkeit auch billige Schutzmittel einsetze« können, eine Praris, die z. B. in England allgemein üblich sei. Die Frauen in Deutschland Irüaen daher das Pessar meist von einer Periode bis zur anderen, die.verjauchten Sekrete stauten sich auf diese Weise hinter dem Gummihütchen und verursachten schwere Reizungen und Entzündungen der Gebärmutter. Jede Frau solle die Handhabung diese» Schutzmittels erlernen, denn es sei weder vom hygienischen noch vom ästhetischen Gesichtspunkt au» zu rechtfertigen, daß die Frauen hier in dauernde Abhängigkeit vom Arzt gehalten werden.— All diesen Schutzmitteln aber hasteten Un- vollkonuneuheilen an, die erst durch den Ausbau der neuerding? ent- deckten Eckmtzwethode durch Injektionen beseitigt werden könn- tcn. Sowohl Pros. Haberland in Innsbruck wie gleichzeitig auch russischen Forschern sei es gelungen, aus Keimdrüsen resp. Sperma- ertrakt Schutzstoffe zu gewinnen, durch deren Injektion die Frone« für ein Jahr vor jeder Empfängnis geschützt seien! In Deutschland freilich sei unter dem geltenden Gesetz schon die Forschung auf diesem Gebote unendlich erschwert, und gar die Popularisierung dieser Mittel, ihre Nutzbarmachung auch iür das Proletariat lei s» gut wie unmöglich. Trotzdem die„Rationalisierung de? Geschlecht»- iebens" völlig in der Linie der Entwicklung läge, sei sie doch von der politische» Entwicklung nicht zu tienne». und ein politisch rückOön- i diges Land würde stets die altc kapitaliftisch-militaristische Bevnlke- i miigspolitik treiben. Demgegenüber habe das Proletariat als pro- grammatische Forderungen auszustellen: Z. Ausdrücklich« Freigabe der Aufklärung, 2. Erforschung und Vervollkommnung der Schntzmittil auf Staatskosten, 3. Versorgung mit Schutzmitteln durch die Kranken» kassen. R. E. «- (Ucber die Anwendung von Verhütiingsrnittekn unterrichten kostenlos die Beratungsstellen kdes Bunde« sür Mutterschubi: Don- n e r» t a o van 7 bis 8 ilhr abends in de« Aula An der Schillinos- brücke 2(Gesundheitsamt) und Mo»tags von 7 bis 8 Uhr abends Am Urban 10/tk.) tieb« oder Gehorsam? Auf einer englischen Kirchenkonferen» über die Reform de»«Common Prane Book"(der verbindlichen Schrist für den gesamten Gottesdienst) ist der Vorschlag gemacht worden, die TrannngSformel sür die Braut zu ändern. Bisher ge- lobte die englische Braut, dem Manne zu„gehorchen". Dieses Wort sollte umgeändert werden und von jetzt ab„lieben" heißen. Bei der Abstimmung in der Versammlung der Bischöfe in Canterbury erhiett der Vorschlag nur 29 Stimmen, während 03 Etnnmen dagegen waren. Gestbichtsöarftellung für Mädchen. Prozessor Dr. Mathilde Vaertina, deren wissenschaftlich« Unter- lilchung üder Fraiienstanten bei versiedenen Völker» und zu ver» jdhiedenen Zeiten mit Recht Aussehen erregten, weist in einem Slüssas; der Schweizerischen Zeitschrift„Schulresonn" aus Aus- Wirkungen der heutigen Methode de» Geschichts- «nterrichts auf die Mädchen hin, die ernsteste Beachtung «erade von feiten der für volle Gleichberechtigung kämpfenden Sozia- nfta, verdienen. Niemals zuvor sind wir darauf aufmerksam gemacht worden. »oh der heutige Geschichtsunterricht auf die Mädchen tief e n t- »n u t i g e n d wirkt, wirken m u ß. Beim Koedukationsunterricht demerkte ein Lehrer, daß die Knaben von den Heldentaten»ine, Cäsar, eines Hannibal, eines Alexander, von den Leistungen eines Napoleon und Bismarck sich aus« höchst« angeregt und begeistert zeigten, während die Mädchen kühl und unbeteiligt blieben. Die lhsache liegt nicht etwa in einer größeren Passivität der weiblichen Natur, fondern in dem Umstand, daß alle diese weltgeschichtlichen Größen nicht allein männlichen Geschlechts sind, fmdern den jungen Menschen als Idealtypen der Männ- i ch k e i t dargestellt werden. Jedem, auch dem unbegabtesten Knaben, ist es nicht vermehrt, sich mit den, Vorbild zu identifizieren »nd sich zur Nachahmung anspornen zu lassen. Bei dem Mädchen, mich dem hochbegabtesten, dagegen würde eine gleiche Identisizierung «nd Erweckung des Nachahmuiigstricbes als eine„unweibliche Ver- fc-riiug" empfunden werden. Diese Tendenz des herrschenden Ge- schlechtes, alles Große in der Geschichte als männlich abzustempeln, geht soweit, daß man sogar die wenigen großen Frauen, deren Spure» man nicht ganz hat verwischen können, als von„männlichem Geists beseelt, hinstellt. Auf keinen Fall sollen sie dem heran- wachsende» Mädchen als Beispiel diene»: dessen Vorbild ist allein die ewig gleiche, amorphe Masse der sich unterordnenden Durch- schnittsfrau. Da unser heutiger Geschichtsunterricht in erster Linie als Folge der Klassen- und GcschlechtsvorHcrrscliast Personcngeschichte tst, sind die tief entmutigenden Wirkungen aus die weibliche Jugend jeder psychologischen Betrachtung offenbar. Aber auch in der G e- schichte der Völker betrachtet sich der Mann allein als den traditionellen Träger aller Entwicklung: aus seiner Vorhcrr- Rjastsstclliing heraus hält er fest an der Ausfassung, daß der Mann e Geschichte zu machen, die Frau sie zu erleiden habe. Phasen des Muttcrrechtes und des Frauenstaates, nicht nur der tirinntiven. sondern auch hochentwickelter Kulturvölker werden ein- «ch übergangen. Um nur einig« von Vaerting angeführte Beispiele Jli neimen: Ver hat je in der Schule etwa» von Frauenherrschast in Sparta, in Athen, in Aegypten gehört, wer weiß etwas davon, daß der Germane seine Frau zur Hochzeit Schwert, Schild und ausge- zäumte Rosse schenkte, daß die Römerinnen der Kaiserzeit sich voller juristischer Gleichberechtigung erfreuten, daß bei den Galliern die Urauen ihre Männer bei Händeln durch ihr« Körperkrast schützten, daß die alten Briten weibliche Heerführer hatten, und eine von diesen de» Röi»em die größte Niederlag« bereitete, daß bei den Lykiern unter Frauenherrschast die Männer„Woberarbeit" verrichteten H. Herkules und Omphale) usw. usw.? Ein Lehrer, der in einer Knabenschule einmal die Frauenherrschast in Aegypten behandelte, hieß aus Eistannen und Widerwillen. Die gleichen Tatsachen hätten tn einer Mädchenklasse freudigste Aufmerksamkeit gesunden. Während also die Geschichte beim Knaben die Aktivität und den Nachahmungstrieb erregt, führt die Emssitigkeit «nd Unvollständiakeit de, heutige» Geschick, tsunterricht», die Zurech- Dung bedeutender Frauen zum..männlich«»" Typ und dip Ausstellung der Durchsck)»ilt»frnu als weiblichen Jdealtyp die Mädchen zu Passivität und Resignation. Vaerting knüpft an ihre Belrack'tungcn de» Vorschlag, unsere Geschichtsbücher, zumal die {ir Mädchenschulen bestimmten, durch die Geschichte der Frauen- aalen und der Würdigung weiblicher Leistungen zu ergän'en und d>, ruber hinaus zu erstreben, die Größe hervorragender Menschen von ihrem Geschlecht zu lösen und sie der Jugend ol« ein ohne Vnte'llchied des Geschlecht» zu erstrebende rein menschlich» Größe darzustellen._ H. S.' Serttner Krauen beim voiksentstbeiö. In der Zellschrift..Berliner Wirtschaftsbetrieb«" findet sich «ine Zusammenstellung über da» Ergebnis de» Volksenticheide» bei «etrennter Abstimmung der Geschlechter. Wichtigst« Zahlen dieser bntersuchungen sind die über das Berliner Gesamtergebnis. Es gab damals männliche Stimmberechtigt« 1358 871— 44,8 Proz.. weibliche Stimmberechtigte 1 884 837 2� 55,4 Proz., davon wurden abgegeben: männliche Stimmen SI2 894 48 Proz., weiblich« Stimmen 99V 523= 52 Proz. Von 100 stimmberechtigten Männern stimmten 87,2 Proz., von 100 stimmberech- »igten Frauen 58,8 Proz. In einzelnen Bezirken verursachte irotz ihres zahlenmäßigen Uebergewicht« die größere Wahlmüdigkeit der Frauen sogar ein lieberwiegeft der Männerstimmen, wie in Spandau, wo aus 51,4 Proz. Männerstimmen nur 48,8 Proz. auf die Frauen entsielen. In Reinickendorf und Köpenick waren die «qtsprechenden Zahlen 50,3»nd 49,7 Proz. Di« geringste Be- tmigung der Frauen ergibt sich in dem vornehmen Zehlendorf mit 48.8 Proz. männlicher Stimmen aus 51,4 Proz.«eiblicher Ctikmnen »bei einer Stinnnberechtigung von 40,2 Pr»z. zu 59,8 Proz.!) und die größte im Ardeitcrbezirl Wedding mit 47,8 Proz. männlicher Stimmen auf 52,2 Proz. weiblicher(Stimmberechtigung: 48,1 Proz. zu 53,9 Proz.).(Im Spandauer Bezirk hatte man auch die Ja» und Neinstimmen nach Geschlechtern getrennt, wobei sich für die Neinstimmen bei den Männern 973 4 Proz. der abgegebenen Stimmen, bei den Frauen 719— 3,1 Proz. ergaben.) Trotzdem gerade da» Unrecht der Fürstenabfindung in der Tin» fachheit seiner Problemstellung besonder- viel Frauen an die Wahl- urne getrieben hat, zeigt sich auch bei dieser Gelegenheit,»aß da» Frauemvahlrccht sich zu Ungunsten derjenigen Parteien«uswirtt, die e» geschossen haben. Das Chestheiöungsproblem im Roman. Lei den Verhandlungen im Rechtsousschuh des Reichstages übe» die Reform der Ehescheidung wurde von rechtsstehender Seck« der Einwand erhoben, daß die Frauen durch eine Erleichterung der Scheidung geschädigt würden. Von der sozialdemokratischen Slbgeordneten Frau Dr. S t e g m a n n wurde demgegenüber betont. daß gerade die Frauen eine Erleichterung der Scheidung fordern. Einen wertvollen Beitrag zur Forderung der Reform der Schei- dungsbestimmungeit, der auch für Deutschland gilt, bildet der letzt« Band des jetzt abgeschlossenen vorliegenden Romans„Die F 0 r- f y t e- S a g a" des englischen Dichters Galsworthy, in dessen Mittelpunkt die Ehe und die Scheidung de» Soanres Forsyte und der Irene steht. Der Roman schildert in der. Familie Forsyte da» besitzende Bürgertum des l9. Jahrhunderts. In d'e durch die kapita- listisch« Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gewährleistete Sicher- heit des Besitzes bricht die neue Zeit der Gegenwart ein mit ihren Erschütterungen, mit sozialistischen Forderungen im Interesse der Gemeinschaft, mit Prinzipien, die nicht den Besitz als erste Grundlage und letztes Ziel der Gesellschast hinstellen. Der eiste Teil des Werkes heißt„A Man of Property"(„Ein Mann von Besitz"). Dem Wort« „Propcrty" haftet im Englischen der Begriss des privaten Eigentums an und zu diesem privaten Eigentum de» Eoames Forsyte gehört auch leine Frau Irene. Daß er dieses Eigentumsrecht rücksichtslos geltend machh� führt schließlich zur unwiderruflichen Zerstörung seiner Ehe. Irene, die vermögenslos ist und in unerfreulichen Verhältnissen lebt, hat den reichen Soames geheiratet, ahne ihn zu lieben. Der Mann ist leidenschaftlich in das ungewöhnlich schöne Mädchen ver- liebt und drängt m sie, ihn zu heiraten. Sie gibt schPeßlich ihr Jawort gegen sein Versprechen, sie freizugeben, wenn sie fühlt, daß sie mit ihm nicht glücklich sein kann. Sie wird auch nicht glücklich mit ihm, und es besteht keinerlei Interellengenieinschast zwischen ihnen. Da lernt sie den fungen Architekten B c s i n n e y kennen und lieben, wird von chin wieder geliebt und verlangt von Soame» ihre Freigabe. Nun macht ihr Gatte brutal sein Besitzrecht am Körper seiner Frau geltend. Da geht Irene von ihm, nicht zu Befinney. der, als er von dem Gesehenen gehört hat, verwirrt blindlings in ein Auto hineingerannt ist und getötet wurde. Zwölf Jahre lang lebt Irene einsam. Soames hat sich nicht von ihr scheiden lassen, ja, er verlangt sie schließlich zurück, da sie als noch nicht geschieden« Frau sei» Eigentum geblieben ist. Vor allein will er von ihr einen Sohn haben, den Erbe» seines Namens und seines Besitze«. Er würde bei aller Leidenschaft, die ihn noch immer für Irene beherrscht, auch eine andere Frau heiraten, um sich den ersehnten Erben zu verschassen, aber er hat setzt keinen Scheidungsgrund mehr, da Irene einsam lebt und keinen Ehebruch begeht.?lu» de» zwölf Jahr« zurückliegenden Beziehungen zu Besinney hat Soame» kein Klage- recht mehr, weil er seinerzeit nicht geklagt hat. Nach dem Juristen» deutsch würde man sagen, daß dieses Recht durch Verzeihung er- loschen ist, die in der Tatsache erblickt wird, daß die Klage nicht au» der Verfehlung erhoben wurde. Soames hat also immer n»ch da» formale Recht, sein Recht aus Irenes Körper zu fordern. In Iren« jedoch hat sich der Widerwille gegen ihren Gatten seit jener Ber- gewalligung ihres Leibes, zu der er berechtigt gewesen ist, so ge- steigert, daß sie alles tun will, um die Scheidung zu ermSvlichen. Sie wird die Geliebte von Iolyon Forsyte, dem Vetter ihre» Gatten und gibt Soames mit diesem Ehebruch den Schcidungsgrund. Ts ist der gleich« Vorgang, wie wir ihn bei uns kennen. Da ein« Scheidung nur auf Grund der Schuld de« einen Teile» möglich ist, so muß dies« Schuld geschaffen werden, entweder tatsächlich, wi« in dem englischen Roman, oder sie w'rd vorgetäuscht, wi« es bei uns häufig In Eheschetdungsprozessen vorkommt. Soames heiratet nun eine Französin, die ihm nur«ine Tvchte» schenkt.„Fleur"(„Die Blume") genannt. Iren« hat Ioly»» ge» heiratet und schenkt ihm einen Sohn. Die beiden Kinder lernen sich durch Zufall kenne» und lieben und stehen, als sie dl« Gesch'cht« ihrer Eltern erfahren, vor der Frage, ob sie einander«»gehören dürfen, oder sich aufgeben sollen. Iolyon stirbt, und feln Sohn Jon weiß, daß er durch seine Heirat mit Fleur da» Leben seiner ein- samen Mutter zerstören würde. Auf der anderen Seit« fürchtet er, durch einen Verzicht das Leben des geliebten Mädchen» zu zerstören. Di- Mutter gibt dem Sohn« die Entscheidung frei, und Fleur, di« echte Tochter ihres Vaters,»nacht ein Besitzrecht«n I»n geltend. Von diesem Besitzanspruch zunickgestoßen, entscheidet sich der Iünr.ling für di« Trennung von Fleur und geht mit seiner Mutter In« Aus» land. Soames aber lernt die Lehre, die er nie begreifen wollte, daß auch der reicbste Mann sich und den Seine» nicht das Recht«uz andere Menschen, das Recht auf Liebe, kaufen kann. Im zweiten Teil des Romans, der den Untertitel„Vor Gericht" führt, ist di« eigentlich« Geschichte der Scheidung mit den Adootatengepslogen» Helten und Kniffen behandelt. Auch dabei kann man«n deutsch« Ersahrungen denken. ffitun allgemein der Roman zeige« will, daß der Staude a« den Besitz überaltert ist, so ist sicherlich besonders veraltet die Auffassung vom Brsitzrecht des Mannes an der Frau, die auch das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch in seinen verschiedenen Ehebcstimmungen noch zeigt. Das ist der Grund, weshalb die Frauen aller Kreise mehr oder weniger eine Erleichterung der Scheidungsdestimmungen for- dern. Auch im Hinblick auf diese Tatsache ist die Lektüre des wunder» vollen englischen Roman» nachdrückllchst zu empfehlen. _ s) e n n i Lehmann. Tragoöie öer veriassenen. In der Abendausgabe vom S. Mürz berichtet« der., Vorwärts" von dem Attentat der Ilse Biendi auf den Direktor Grau, bei dem dieser und sein Chauffeur schwer verwundet wurden, und ihrem nachfolgenden Selbstmordversuch, dem die Unglückliche inzwischen er» legen ist. Das Motiv der Tat— nicht Eiserjucht im landläufigen Sinne— enthüllt in erschütternder Weise die seelisch« Hilf- lvstgkeit der verlasseuen Frau. Der Bruder der Toten stellt uns den letzten Brief der Schwester zur Berfüaung, aus dem wir wegen der typischen Bedeutung diese» Falles für Taufende von ähnlichen dos Wichtigste wiedergeben. Sieben Jahr« hatte da» Berhäitni» gedauert, und viermal hatte die Biendl ein Kind empfangen, das sie gegen ihren Willen, nach heftigen Auseinandersetzungen mit dem nur auf Genuß und Schein bedachten Manne hatte abtretbenmüffen.(Verfechtern der uneingeschränkten Abtreibmtgsfreiheit sollte dieser typische Fall zu denken geben!) Aufs bitterste in ihrer Mutterhoffnung betrogen, in ihrer Gesundheit geschädigt, wird die Frau von dem ihrer Ueberdrüsstgen achtlos beiseite geworfen. Aber sie denkt gar nicht mehr an eine Heirat, sie verachtet die Niedrigkeit des Manne», sie will„von so einem Schuft" auch kein Geld mehr, dos vielleicht auch nicht auf sehr saubere Weise zusammengekommen ist. Rur für einen Monat will sie noch über Wafier gehalten werden, um die Miete zahlen zu können, um vor dem Hunger geschützt zu sein. Das Geld bleibt aus, und so kommt es zur Verzweiflungstat. Mütter, hört die Warnung, die in den Worten der Unglückseligen liegte„Hütte ich was gelernt..„ dann würde ich mich l« dt« Arbeit hineinstürzen" Erzieht eure Töchter nicht einseifig für den Mann und für die Ehe, gebt ihnen eine neue Einstellung zum Leben, so daß sie ihre Erfüllung auch in stnnvoller. befreiender Tafigkelt finden, und etwaige Enttäuschungen w der Siebt anders und positiver beantworten, als die zum Objekt männlicher Brutalität herabgewürdigte Frau alten Stils. _. H.®. Sei ,öen �btreibern". n. Da tritt die Stubenälteste auf die Neuangekommene zu:„Nu machen Sie man nicht son böset Jefichi, wir tun Ihnen nischi, kommen S« man ran au Tisch! Hier haben Se eenen Schemel, da setzen Se sich druff und hier haben Se eenen Leffel! mrd hier— auf einen Schrank zeigend— haben Se Ihren Wandschrank, hier ist Ihr Kaffee- becher und Ihr Butternapf drinn, bei Faß Butter müssen Sie sich schicken lassen! Dann holt sie geschäftig einen braunen Eßnaps mit einem Brei von undefinieibarer Farbe von den Heizröhren und setzt ihn mit einer ermunternden Aufforderung zum Esten der stumm auf ihren Schemel vor sich hin Schluchzenden vor:„Nu esten Sc man! del is„jemischtet Iemufe", det Kotelett kon-mt noch!" Wer- wundert schaut die Neue auf, als sie die Verheißung von dem Kote- lett hört. Da es Sonntag ist, glaubt sie an die Kotelettverheißung, kann sich aber nicht eutfchfießen. den Brei anzurühren und hofft« auf die starkende Wirkung des verheißenden Koteletts. Doch ver- geblich wartete sie auf die gewünscht« Fleischsiärkung') und als sie bescheiden bemerkte, daß das Kotelett doch vielleicht vergesten worden sei, erscholl ringsum wieherndes Gelächter und nun wurde der Wartenden klar, daß man sie schmählich gefoppt hatte. Doch di« Stubenätteste ging zu ihrem Wandschrank, Holle daraus eine Schnitte Brot und ein kaltes, gebratenes Kotelett, teilte«s in zwei Hälften und reichte die eine Hälfte gutmütig der Gefoppten, mit der liebens- würdigen Bemerkung:„Nun soll' n Se abe, ooch wirklich een Stückchen Kotelett haben, ick habe jestern een Paket bekommen, det hat meine Tochter jebraten. Wir teilen uns hier immer allet und nun machen S« man een andres Jefichi, det ist allet nicht so schlimm." Befangen, doch dankbar nahm die so gütig Beschenkt« die Fleisch- gäbe entgegen, hatte sie doch seit drei Tagen, während der Inhaftierung aus dem Polizeipräsidium, nichts gegesten. Das Verzehren der kleinen Fleischspeise hatte der fast Verzagenden wohl neuen Mut ein- geflößt, denn nun wagte sie es, sich ihre Mitgefangenen anzusehen und fand ringsum sreundluh«, liebenswürdige Gesichter. Es waren meistens ältere Frauen, schon über die Fünfzig hinaus, mit weißen Haaren und vcrhärnüen Gesichtszügen: nur eine ganz junge Hebamme hiell sich etwas abseits von allen und schaute mitleidig und verständnisvoll auf die Neueingeiieserte. *) Der Zeitpunkt der in dieser Skizze geschilderten Begeben- Helten war Herbst 1S24: zu dieser Zeit gab es noch keine besonderen Fleischgaben. Erst im März IS'ZS hatte sich di« Beköstigung der Untersuchunzsgefangenen durch besondere �leischzulageu bedeutend gebessert. Da kam die Skibenälteste, ein« schlanke, blaffe Frau i« den dreißiger Iahren und setzte sich zutraulich der Neuanaekommeneu gegenüber, sie neugierig fragend: „Wat haben Se jemacht? jespritzt, sestifft oder jepiekt?" ver- ständnislos starrt die Gefragte der so keck Fragenden ins ironisch lächelnde Gesicht. Doch die läßt sich nicht verblüffen und meint geringschätzig: „Nu haben Se sich man nicht so, wir haben all« detselbe jemacht, hier sind Se bei de Äbtreiber und Se Habens ooch jemachk, haben hinstfaßt, wo Se nicht hinfasten sollten'" Die so Zurechtgewiesene schlug aufschluchzend beide Hände vor'i Gesicht, die Arme auf den Tisch stützend, und weinte bitterlich. Mit- leidig ging die junge Hebamme zu ihr. um sie zu trösten und verwie» freundlich aber bestimmt der Stubenältesten ihr frivoles Gered«. Ein« bange Stimmung überfiel alle Anwescuden und ein» bleiche ganz weißhaarige Frau murmelt vor sich hin: „Se ist die Dreizehnte, wenn je sich bloß nicht noch uffhängt!" Die Stubenälteste zog sich beleidigt zurück:„Dann hängt f« sich uff! Hier hat sich schon manche uffjehängt oder Glas jefresjeu. Ein« andere stieß die so herzlos Redend« in die Seite:.J5el doch ftilll Du weißt ja noch gar nicht warum sie weint. Du bist aber auch gleich zu drastisch!" Noch«ine ander« trat zu den beiden, die Schluchzend« mit suv- kelnden Blicken meffend: „Seht ihr denn nicht? Dett ist eene janz Feine, det de Ober» usffeherin die voll) mang uns jestoppt hat." Und eifrig steckte« fi« die Köpf« zusammen und tuschelien, hin und wieder die Weinend« beobachtend, die plötzlich energisch ihre Tränen trocknete und ihe blasses, verweintes Gesicht der Stubenältesten zuwendend: ,,€2« brauchen nicht denken, daß ich Ihnen etwas übel genommen Hab«, ich mußte an mein« unglücklichen, verlassenen Kinder denken, deshalb mußt« ich weinen. Auch Sie brauchen nicht denken, daß ich mich aufhängen werde, trotzdem ich hier die Dreizehnte bin, das würd« ich meinen Kindern nicht antun: übrigens," fügte sie scherzhaft hinzu» „war dreizehn immer mein« Glückszahü" Di« Frauen kamen wißbegierig, doch freundlich näher, imh setzten sich pm den langen Tisch und nun begann«in eifriges Frage« und Erzählen. Die Stubenälteste holte von-der Heizröhr««ine» großen Krug Kaffee und au-, ihrem Schräntchen Kuchen. Auch ei» paar andere holten Kuchen herbei und alle gaben eifrig der Reue« von ihrem Kuchen ab, man war schnell wieder versöhnt, da di« doch auch nur ein« Unglückliche war wie sie alle selbst, und ein« nach der anderen erzählt« zum soundso vielten Male ihre Leiden«» geschicht«. Dann wurde die Neue noch eingeweiht in die Ber- hälfinffe des Haufes— da läutete es zur letzten Mahlzeit— btt Abendsuppe— es war 4>4 Uhr nachmittags.. Ein« Stund« später läutete es abermals, nun wurden die Ge« fangenen in den Schtaffaal geführt. Eine, neue, furchtbare Ueber« raschung stand der Reueingelieserien bevor. Sie befand sich mit einem Male in einem großen, düsteren Raum, in dem zoanzi« Effenbiechkäften standen. Diese Kästen waren zwei Meter hoch und eineinhalb Meter breit und zweietnviertel Meter lang. Di« Borderseite war eine Drahtgittcrwand, ebenfalls der Deckel des Kastens. Dies« Eisenblechdrnht kästen glichet» den Transportkästen der wilden Tier« de» Zoologische» Gartens und waren für Mensche» ein ganz unwürdiger, gemeiner und ungesunde» Aufenthalt für di« Nachtl Wenn dies« Kästen— um de« unwürdigen Aufenthalt zu mildern— noch mit weißer Farbe ange- strichen wären, aber sie waren in einem düsteren Grau geheckten-- das M i l i t ä r g r a u der Stahlhelme und wurden-» nachdem jede Gefangene ihren Kasten betreten— mit schwere» Riegeln verschlossen. In diesem Martertoste» für d< e Nacht befand sich ein schmales Bretterbett,«in Schemel, ein Wafferkrug und«in Zinkeimer, dem ein intensiver Harngeruch entströmt«. Die älteren Frauen waren ängstlich bedacht, daß auch ja nicht für die Nacht die Fensterklappen offen bleiben sollten, fi« war«» die Pest tust schon gewöhnt— wie eine Ziege den Duft ihres Stalles. Die neneingelieferte, unglückliche Frau sank mtt einmz Wehlaut auf die Bretter ihres Bettgestelles, die mit einer» ebenfalls unangenehm riechenden, dünnen Ma» trotze belegt waren. Die Bettwäsche war frisch und sauber. Schwer legte sich ihr der Pestgeruch dieses Rau» mes auf die mühsam atmende Brust und immer wieder starrte sie zum Gitterdeckel des Kasten» empor— narrte sie ein Spuk— ein entsetzlicher Traum? Wae es wirkliche Wirklichkeit? Daß im 2 0. Jahr» hundert die armen Gefangenen gänzlich aller Menschenwürde entkleidet für die Nacht wi« wilde Naubtlere in enge E i s e n b l« ch k ä f i g e einge- sperr! wurden? Ja. es war bittere Wirklichkeit und vergebens findet man«ine Antwort auf di« quälend« Frag«: Warum? Doch wie auch die Menschen Qualen ersinnen für ihr« Mit- menschen, die erbarmende Nach: bringt doch einem jeden einig« Stunden Vergessenz aller Qual, aller Reue und aller Leiden. 9lur die Nacht ist barmherzig. Menschen sind es nur. wenn st« ihr eigenes zartes Gewissen beruhigen wollen Würde e» bei den Menschen echte Barmherzigkeit geben, dan« wären diese Menschenkäsig« aus Draht und Eisenblech an» den Schlnssälen der Gefängnisse längst verschwunden. Fanny Hosfmann.