Sorgen öer Krau. Die schweren Nöte der Kriegs- und Inflationszeit, die Zehntausenden die einst ihre Existenz gesichert wähnten, den Voden unter den Füßen wegrissen, haben die schon vor dem Kriege immer deutlicher werdende Flucht vor dem Kinde gewaltig verstärkt. Die völlige Freigabe der Schwanger» schaftsunterbrechung in Rußland erweckte die Ansicht in breiten Voltsschichten, als ob die Aushebung des„Mutterschafts- Zwanges� eine alte sozialistische Forderung sei, die durchzu- seßen eben nur das kommuni- stische Rußland den Mut ge-................................. funden habe. Ja, manche Kreise*■"*■"*■''•*' gingen so weit, die Haltung be-'•} stinimter Personen in der Partei zu den Abtreibungsparagraphen zu einem Gradmesser ihres poli- tischen Radikalismus zu machen j; und ihnen reaktionäre Gesinnung vorzuwerfen, wenn sie nicht auf � jede gesetz'iche Regelung dieses Gegenstandes verachten und den Wunsch der Schwangeren selbst zur obersten Richtschnur in der;; ganzen Angelegenheit machen;] wollten.)• Da muß doch daran er-)■ innert werden, daß eine ganze)■ Reihe unserer Vorkämpfer, an deren politischem Radikalismus wohl niemand zweifeln wird, wie e!wa August Bebel und':i Rosa Luxemburg abgesagte]■ Gegner der Gebärstreikpropa- lj gonda waren, in der sie eine';i kleinbürgerlich-demagogische Be- l- wegunq sahen. Auch die Bolschewik! sahen lj sich ba'd gezwungen, die Abtrei- l- bungbewegung in Rußland durch neue gcsctzaeberische Maßnahmen zu„legalisieren" und einzudämmen. treibende Frau weiterhin straffrei, so wurden doch ihre Helfer schwer bestraft, außer wenn, der Eingriff unter den einwand- freien sanitären Verhältnissen eines öffentlichen Spitals statt- fand. Bei der in Rußland herrlchenden Not an Spitalsbetten wurden diese nun nach der sozialen Bedürftigkeit an die Frauen verteilt, so daß also nicht mehr nur der Wunsch der Frau allein über die Vornahme der Abtreibimg entscheidet, sondern vor allem ihre soziale Notlage. Damit hat sich Rußland un'er dem Druck der tatsächlich gemachten Erfahri-ngcn zu einem S'andnunkt durchgearbeitet, wie er etwa von zahlreichen sozialistischen Acrzlen Deutschlands und Oesterreichs rmd vor allem im neuen österreichischen Parteiprogramm vertreten w'rd. Dieses verlangt Straffreiheit der Fruchtabteibung, wenn sie in einem öffentlichen Spital vorgenommen wird Die Smta'ärzte sind zu dem Eingriff vervflichtet, wenn ein gesundheitlicher oder sozialer Nolstand besteht Man wäre freilich versucht, angesichts der Brutalität'und Beschränktheit, mit der das Bürgertum das betreibt, was es „Bevölkenmaspolitik" zu nennen liebt, die völlige Beseitigung jeglicher gesetzlicher Bindung zu ve-lanqen. Solange Zoll- und Wohnungswucher die breiten Massen mit Hunger und Gewollte Mutterschaft. Durch diese» Maicntages lichtes Scheinen gehst du dahin, umsäumt von hohem Glanz, und über deinem Haupt al» Glorie einen des Frühling« Blüten sich zu vollem Rranz. Nicht mehr in Zwang, in dumpfer Triebe Müssen und hörig einem Schicksal grausam blind, nein, starken ZDillen» und befreit durch'Missen empfingest du mit Siebeskraft dein Rind. Bewußten Sinnes tratst du in die Zone, dir Schmerzlichstes und Heiligstes umschließt, du drücktest selber dir aufs Haupt die Rrone, mit der die Welt als Rönigin dich grüßt. Du wirst nicht mehr, erlöst aus Millkürbanden, machtlos gebären Not und wieder Not, du hast den Schrei des Rommcnden verstanden nach Freude, Sonne, Lcbensraum und Brot. Du neue Mutter neuer Meltgeschlechtcr, du schreitest aus der Not ins Freilzcitsrcich, zur Sonne blühcy Söhne dir und Töchter, so schaffst du Leben, wollend, göttcrglcich. H. S. Blieb auch die ab- Obdachlosigkeit bedrohen, solange die Neigung besteht, die Löhne zu drücken und die Arbeitszeit zu verlängern, solange Frauen in die Fabriken gehen und die Kinder daheim verwahrlosen lasten müssen, solange Proletarierinnen w gen Fruchlabtrei» bung eingesperrt werden, mährend die Besitzenden wegen desselben Verbrechens wicht einmal angeklagt we den— solange darf man sich nicht wundern, wenn der Schrei nach Freigabe der Unterbrechung nicht verstummen will. Tatsache ist auch, daß sich heute kaum eine ................................. Frau mehr durch den fj 218 ernst- .»..?..».».» lirf, hindern läßt, wenn sie ihre Leibesfrucht wirklich loswerden will, daß also vom bevölkerungs» politischen Slandvunkt aus das Strafgesetz unw-rksam ist. Aber trotzdem darf nach unserer Anschauung die künstliche Schwangerschaftsunterbrechung den Charakter einer Notwehr. Maßregel nicht verlieren. Gerade, weil wir Soüalisten sind, können wir nicht gezeugtes Leben einfach für wertlos er» klären und die Ungeborenen als Kanonenfutter des Klassenkampfes ebenso leichtfertig aufopfern wie die bürgerlichen Regierungen die Proletarier im Vaffer-ock w>» rend des Krieges. Selbstver» ständlich ist da? Recht des Leben» den stärker als das des Ungebore» nen, aber ganz ohne Rech'sfchutz kann dieses ebenso wenig bleiben wie ein Neugeborenes, dessen Tötung auch dem Volksemvfinden nach ein Verbrechen bleibt, selbst e-i- wenn noch so große Not die ?11 jj;rer �eibt. Noch eines läßt, abgesehen von den eben geäußerten Bedenken, die Freigabe der Schwanger- schaftsunterbrechung als nicht einwandf-ei erlchemen: ihre gesundheitliche Gefährlichkeit. Auch hier ist natürlich zuzugeben, daß ein großer, ja der größte Teil der Gefahren des künstlichen Abortus in seiner Heimlichkeit begründet ist, zu der das Bestehen des Strafparagra'-hen heute zwingt. Würden all die Aborte, die heute von Pinschern, Hebammen und auch gewissen Aerztcn heimlich vorgenommen werden. ,n Kliniken mit allen Mitteln moderner medi unischer Technik durchgeführt werden, so könnte sicherlich eine g'�oße Anzahl von Frauen gerettet werden, die beute dem Kmdbettfieber zum Opfer fallen Diese schweren Folgen sind in einer gut geleiteten Anstalt bei einem nach allen Rca?tn der Kunst durchgeführten Abortus sicherlich selten. Aber es gibt eine Fülle von weniger im'wianten Krank- heitsbildern, die, wenn auch nicht lebensgefährlich, so doch für dje von ihnen Betroffenen e'ne ernste B--droh"nq ihrer Lebensfreude und ihrer Arbeitsfähigkeit dorstAl-n. Ständiger Ausfluß, oft so ätzend, daß die Frau dauernd wund ist. Kreuz- und Bauchschmerzen, auf Bauchfellverwachst'ngen und Mutter- bandschrumpfungen entzündlichen Cbarakiers zurückzuführen, Verstärkimg und Schmerzhaftigkeit der Regelblutungen sind Beschwerden, die den Frauen das Leben oft zur Oual machen, Um so metzt, als sie In der Plag« und Hetze ihres Alltags nie die zu zweckmäßiger Behandlung nötige Ruhe und Schonung finden können. Eine der schwerstwiegenden Folgeerscheinungen der tiinstlichen Schwangerschaftsunterbrechung ist häufig U n» fruchtbarkeit. Bei feiner empfindenden Frauen sehen wir nach einer Abtreibung oft Zustände von Niedergedrückt- heit mit schweren Selbstoorwürfen. Diese werden dann be- stmders qr'älend, wenn die Frau späterhin in ihrem vielleicht sehr lebhaften Verlangen nach Nachkommenschaft bitter ent- täuscht wird Die materiellen Voraussetzungen, deren wirk- licher oder auch nur vermeintlicher Fehler früher zur Frucht- abtreibung geführt hat, sind jetzt vielleicht vorhanden, aber die Fortpflanzungsfähigkeit ist vielleicht unrettbar dahin. Wenn man solchen Fällen schon oft begegnet ist. wird man vorsichtig, vor allem dann, wenn es nicht zwingende ärzt- liche Gründe sind, die zur Schwangerfchastsunterbrechung drängen, und wenn es sich um jüngere Frauen handelt, die noch nie geboren haben. Der Arzt wird in jedem Falle der Vorbeugung den Vorzug geben vor der Abtreibung. Die Technik der Empfang- nisverhütung ist heute, wenn auch noch nicht vollkommen, so doch schon hoch entwickelt. Sie gestattet ein weitgehendes Individualisieren, so daß der kundige Arzt sich der Besonder- heiten jeden Falles anpasien kann. Um ganz sicher zu gehen, ist prinzipiell stets ein doppelter Schutz zu verlangen, der durch zweckmäßige Kombination verschiedener Mittel erreicht wird. Mechanisch wirkende Mittel können bei beiden Geschlech- lern verwendet werden, beim Manne als Kondom oder Präser- vativ(die aus Schafsblinddärmen hergestellten sogenannten »Fischblasen" können eventuell doppelt übereinander gezogen werden und bieten damit höheren Schutz gegen das Platzen), bei der Frau als Pessar. Pessare können wieder sein Scheiden- Pessare aus Gummi(von der Frau selbst vor dem Geschlechts- verkehr einzuführen, noch Spülung am nächsten Tage zu ent- fernen, nicht kochbar, doch auch bei mangelhaft entwickelter oder durch Geburten tief eingerissener Gebärmutter und bei Aus- luß verwendbar) oder Kappenpesiare aus Metall(auskochbar: alls kein stärkerer Llusfluß auftritt, vom Ende einer Regel- blutung bis vor Beginn der nächsten zu tragen). Ferner gibt es ein großes Heer chemisch wirkender, den männlichen Samen abtötender Mittel in Gestalt von Tadlet- ten, Scheidenkugeln oder-zäpfchen. Für sich allein unverläß- lich— trotz aller Reklame!— sind sie vereint mit Pessar oder Kondom sehr empfehlenswert, da sie für den Fall, daß der mechanische Schutz versagt, eine zweite schützende Barriere bilden. Vor allen in die Gebärmutter selbst einzusührenden Fremdkörpern(Stiften, Fadenschlingen) möchten wir warnen, da sie zur Gebärmutter- und Eileiterentzündungen führen können. Wir persönlich bevorzugen die Metallkappen, da die Frauen durch sie ständig, auch bei unvorhergesehenen Gelegen- heiten, geschützt sind und zudem sich an die ständige Kontrolle durch den Arzt gewöhnen. Den Schutzmitteln kommt außer ihrer empfängnisver- hütenden Bedeutung noch eine andere zwiefache zu: einmal fnd sie eine mächtige Waffe im Kampfe gegen die Ge- chlechtskrankheiten, und dann sind sie dazu berufen, ahllosen Frauen, denen die Angst vor der Schwangerschaft en Geschlechtsgenuß beeinträchtigt, die ungestörte sexuelle B e- f r i e d i g u n g wiederzuschenken. Die heute meist geübte der Borbeugung, das Unterbrechen des Ge>cy.echtsver- kehrs, vollzieht sich in den meisten Fällen so, daß wohl der Mann zum Genüsse kommt, die Frau dagegen darum betrogen wird. Seelische und körperliche Leiden mannigfaltiger Art sind die Folgen davon, die um nichts geringer einmsckäbsn sind als die Folgen einer Geschlechtskrankheit oder einer Äbtreibung. Die Frauen vor all dem zu schützen, sie glücklicher und lebensfroher zu machen, ist die Ausgabe einer verstand- nisvollen Empfängnisverhütung. Kein Mann, der seine Frau wirklich lieb hat, darf ihr aus Unverstand oder gar, weil er eine Beeinträchtigung des eigenen Genusses fürchtet, den Gebrauch solcher Mittel verwehren, sondern es erscheint' im Gegenteil nur als recht und billig, wenn nicht nur die Lust des Verkehrs gemeinsam genossen, sondern auch die— wahr- Hch geringe— Last der Verhütung von beiden Teilen gemein- sam getragen wird. Dr, med. Karl K a u t s k y. * Kostentose Auskunst über Beschaffung und Ann>«ndung von Ver- hütungsmitteln wird erteilt in den Beratungsstellen des Bundes Sur Mutterschutz: Donnerstags von 7 bis 8 Uhr abends in der lula An der Schillingsbrücke 2(Gesundheitsamt) und Montags von?. bis 8 Uhr abends Am Urban Id/N. Das Vschenenöe der Jrau. Was es auf der Ausstellung nicht zu sehen gibt. Auf der Wochenendausstellung sind neben all den mehr oder weniger feudalen Wochenendhäusern, Wochenendzielen, Hotels usw. auch Arbeitersportorganijationen, Wandergruppen und der AsA» Bund vertreten— einer Menschentategorie aber hat niemand ge» dacht: Der Frau, d. h. der Hausfrau und Mutter. Wochenende! Wir alle, die wir im Beruf stehen, wissen, was uns nicht nur diese Fata Morgana, was uns sogar schon unser ei» facher Sonntag wert ist: endlich ein Tag, an den, wir von der tag- lichen Tretmühle frei sind!— Wie sieht aber das„Wochenend" der Frau aus? Selbst wenn„Mutter nicht arbeitet", d. h. in der heut fast seltenen Lage ist, nur die Hausarbeit(dann aber meist für eine Familie von mindesten vier Köpfen) zu oerrichten: Einen absoluten Ruhetag hat sich die Frau nicht erobern können. Im Gegenteil! Recht oft wird sie mit der Begründung: „Sonntags wenigstens will man't doch jemütlich haben!" erst recht angespannt. Da liegt die liebe Familie bis 10 Uhr und noch später in den Betten: endlich kann das Frühstück gegeben werden. Mittags mutz es natürlich„was Ordentliches" geben, denn Vater„will doch merken, det Sonntag is!"— und so steht die Frau Sonntag vor- mittag am Herd vor dem Braten(und wenn's bloß Schweinebauch ist!), denn den kann man nicht Sonnabend vorrichten: sonst vermißt Vater die knusprig«„Schwarte". Nach. Tisch nimmt Vater„mal'n Ooge voll Schlaf", und wenn er auswacht, kommt sofort die freund- liche Aufforderung:„Na, Olle, mach mal Kaffee!"— Schließlich, am späten Nachmittag, geht man vielleicht sogar spazieren, vielleicht sogar„ins Jrüne", und Mutter trägt das Stullenpaket und„wehret den Knaben und lehret die Mädchen"— bis sie von dem Sonntags- vergnügen so genug hat, daß sie schwört:„Nächsten Sonntag bleibe ich lieber zu Hause und flicke und stopf« Strümpfe!"— was sie dann auch oft genug tut, denn„Wochentags kommt man da immer schlecht an".— Schlimmer, viel schlimmer ist es freilich, wenn „Mutter auf Arbeit geht". Dann wartet die Arbeit der ganzen Woche auf sie, und außerdem kommt möglichst jedes Familienmitglied noch mit einem Extrawunsch. Und so leben Tausende von Frauen ohne Feiertag, und viele nehmen das schon als„gottgewollte Abhängigkeit" hin: ihre Mutter hat's ja auch nicht besser gehabt! Und so wird aus einen: frischen Mädel in zehn, fünfzehn Jahren eine„vermickerte" Frau, selbst dann, wenn sie nicht durch Geburten und Fehlgeburten erschöpft wird. Es ist wirklich merkwürdig, daß so wenig« Frauen verstehen. sich ihr„Wochencnd" zu erobern und zu organisieren, selbst heute, wo doch immerhin einige Voraussetzungen dazu gegeben sind! Sehen wir ganz von de» wenigen Glücklichen ab, denen es ihre Wirtschafts. läge möglich macht, an Sonntagen in einem, auch einfachen Gast- haus zu essen: auch im proletarischen Haushalt läßt sich der Frau leicht ein„Wochenend" schaffen— einigen guten Willen der übrigen Familienmitglieder allerdings vorausgesetzt. Verhältnis- mäßig einfach ist es, wenn die Kinder halberwachsen oder mindestens schulpflichtig sind. Dann gehören sie in irgendeine der Wandergruppen, und Mutter ist sie so für den ganzen Tag los. Schlimnier find kleine Kinder. Aber auch hier kann man sich viel erleichtern. Z. B. kann man schon Eineinhalbjährige ganz gut auf Tagesausslüge mitnehmen, Zwieback und Milch genügt als Mahl- zeit auch ungcwärmt! Besonders wenn man nicht stundenlang in irgendeine,« Kafseegarten sitzt, sondern das Kind auf eine Decke ins Gras legt, wird man sehr wenig Arbeit damit haben, und wenn man es bis auf die Windel oder sogar ganz nackt auszieht, dann tut man ihm noch einen besonderen Gefallen und schont die guten Sonntagssachen!— Muß man aber des Wetters oder der Jahres- zeit halber zu Hause bleiben, dann soll der Sonntag wenigstens nicht zur Vermehrung der Arbeit beitragen! Sind Vater und Mutter allein, so muh ja nicht der ganz« Vornüttag„verkocht" werden. Entweder läßt sich schon am Sonnabend ein Mittagbrot, das leicht zu wärmen ist, fertigstellen, oder man macht irgendein einfaches Mittagbrot„aus der Pfanne", das wenig Arbeit verursacht. Damit Vater zu seinem Recht kommt, kann man ihm ja eine» Sonntag im Monat für seine SpezialWünsche einräumen!— Der Abend aber sei frei von jeder Arbeit: und dazu gehört nicht nur das Stopfe» und Flicken. Auch die Kinder gehören rechtzeitig Ins Bett! Die leider noch oft übliche Wirtshcuisszcne Eltern und Kinder beim „Sonntagsvergnügen" hat z» verschwinden! Uebermlldet quärren die Kinder um die verärgerte Mutter herum, Vater unterhält sich mit irgendeinem Kollegen über die neuesten Weltereignisse— und schließlich entschlüpft Muttern beim Nachhauseweg der Stoßseufzer: „Na, der SonMag wäre auch mal glücklich überstanden!" Wenn heut die Arbeiterschaft das frei« Wochenende für sich fordert, so sollten auch die Frauen sich einmal auf ihr Recht be- sinnen. Zm Sozialismus allein kann sich der edelste Trieb im Menschen, die Liebe, voll und ganz enksallen; alle falschen Rücksichten, alle Hemmnisse fallen weg. Mann und Frau stehen sich vollständig gleich gegenüber, ihre Neigung allein entscheidei ihr Ausammenleben, ihr« Che..." August Bebel. Internationaler Muttersthutz. Am 25. April trat in Genf der soziale Unterausschuß der Interparlamentarischen Union zusammen. Ihm lag ein Vorschlag des deutschen Mitgliedes dieser Kommission, der Ge- nossin Louise Schroeder, folgenden Wortlauts vor: „Der Staat und die Gemeinschaft der Völker haben das größte Interesse an der Erneuerung der Menschheit durch die Geburt gesunder und lebensfroher Menschen. Aus diesem Grunde liegt in der Mutterschaft eine der bedeutungsvollsten staats- und menschheits- politischen Aufgaben. Es liegt deshalb im eigensten Interesse jedes Einzelstaates wie jeder Vereinigung von Staaten, der Frau die , Geburt von gesunden Kindern und die Gesunderhaltung der ge- borenen Menschen zu ermöglichen. Die Union sieht die ersten Vor- bedingungen dieser Aufgabe in der Erfüllung folgender For- derungen: 1. ausreichender Schutz der erwerbstätigen Frau vor und nach der Niederkunft durch Arbeitsverbot und Gewährung einer ausreichenden Unterstützung für eine vom gesundheitlichen Stand- punkt genügend lange Zeit, 2. Gewährung von Beihilfen für jede Mutter, die sie in den Stand setzen, sich vor und nach der Niederkunft entsprechend ' der körperlichen und seelischen Anforderungen der Mutterschaft zu trästigen und zu pslegen: 3. Eicherstellung der ärztlichen und Hebammenhilfe entweder in einer Klinik oder im Hause: 4. Gewährleistung von Stillpausen für die erwerbstätige , Mutter und Gewährung von Stillprämicn für alle Mütter." Der Unterausschuh, in dem außer dem deutschen Mitglied je ein Abgeordneter aus Frankreich, Italien und der Tschechoslowakei vertreten war, beschloß, diese Entschließung der Interparlamen- tarischen Union zu unterbreiten und gleichzeitig in einem Frage- bogen an alle der Union als Mitglied angeschlossenen Abgeordneten zu untersuchen, welche Ansänge des obigen Programms in den ein- zelnen Staaten vorhanden oder im Werden bcgrisfen sind und inwieweit die Frage der Ratifizierung des Washingtoner Abkommens über die Beschäftigung der Frauen vor und nach der Niederkunft in den verschiedenen Ländern gediehen ist. Durch diese Beschlüsse ist das so brennende bevölkerungspolitische Problem des Mutterschutzes aus dem Stadium nationaler Erörte- rungen in das für eine wirkungsvolle Regelung erforderliche Stadium internationaler Verhandlungen hinüber- geleitet worden. Der erste Mutterstbulkurs. Am S. Mai wurde im städtischen Waisenhaus in der Alten Jakobstraße der erste vom Landesjugendamt veranstaltete„Mutter- schulkuro" eröffnet. Direktor K n a u t h beoauißte die Schülerinnen und erklärte ihnen Ziel und Zweck des Kurses. Der Lehrgang solle ein«„A r- beitsschule für Mütter" sein, denn sie würden nicht nur theoretisch, sondern„am lebenden Objekt" die gesamte Säug- l i n g s p s l e g e lernen. Eine solche Schulung sei dringend not- wendig, denn wenn auch der Mutterinstinkt, das„Fingerjpitzenge- fühl" der Mutter, in der Säuglingspflege kaum zu ersetzen sei, so svrdere unsere Zeit doch geschulte Mütter. Man habe so oft vom„Jahrhundert des Kindes" gesprochen, aber notwendig sei es, dieses Wort dahin zu ergänzen, daß das Jahrhundert dann auch das der Mutter heißen müsse. Gerade wo die Mutter so oft durch die wirtschaftlichen LerhälMisse von ihren natürlichsten Funktionen verdrängt werde, sei es notwendig, immer wieder aus die U n e r- setzlichkeit mütterlicher Pslege hinzuweisen. Darum habe sich das Landesjugendamt zur Einrichtung dieser Kurse ent- schlössen und er begrüß« in den ersten 2l Schülerinnen die Pioniere einer neue» Entw-icklung: denn das A und O aller IugendpsKge ende schließlich doch in dem Rufe:„Die Mutter an die Front!" Im Namen der Aerzt« sprach dann noch Prof. F. L. Meyer zu dem Thema der„M u t t e r s ch u l e". Die Säuglingspflege habe in den letzten Jahren so enorni« Fortschritte gemacht, daß mit der von Mutter und Großmutter überkommenen„E r b w e i s h e i t" ein- mal Schluß gemacht werden müsse. Sei es doch gelungen, die Sterblichkeit, die 1900 noch 20 Proz. betragen habe, aus 8 bis 9 Proz. im Jahre 1920 herunterzudn'icken. Auch den berüchtigten „Sommergipfel" der Sterblichkeit habe man abgebaut. Um aber zur vollen Auswirkung aller Fortschritte der medizinischen Wissen- schaft zu kommen, müsse man geschulte Mütter heranziehen— der „Instinkt" allein tue es nicht. Die Mutter soll« den Arzt nicht er- jetzen, ober sie solle in ihrer Familie die Rolle einer Haussür- o r g e r i n übernehmen, so wie sich die Rolle des Kinderarztes auch n vielem gewandelt habe: aus einem Heiler sei er zum„Vorbeuger" geworden. Und dieser neuen Einstellung der Säuglingspflege soll- ten auch die Mütter folgen, denn es gelte nirgend so wie in der Kinderpflege das Wort:„Besser bewahrt als beklagt!" Den einleitenden Borträgen schloß sich elne Besichtigung der Anstalt und des lebenden„Studienmaterials" an. Dann hielt der Oberarzt Dr. Jahr den ersten Vortrag mit Demonstrationen am bebenden Objekt über die Entwicklungsstufen des Säug- lings— frisch und dem Verständnis der Schülerinnen angepaßt. So weit, so gut. Und sicher sind diese Mutterschulkurse ein« gute Sache: eine bessere aber wäre es, alleki Müttern die Möglichkeit zu geben, ihr Wissen auch in die Praxis umzusetzen, denn Wissen allein tut's freilich nicht. Wenn Herr Professor Dr. Meyer meinte, keine Mutter habe heute mehr nötig, Kinder im „Zille-Stil" großzuziehen, dann sei dagegen auf die Wohnung s- Verhältnisse der zahllosen Familien, in denen 2, 3, sogar 4 Kinder ein Bett, 6 und mehr Personen den Schlafraum teilen, und auf die E r n ä h r u n g s v e r h ä l t n i s s e unseres durch andauernde Krisen bis aufs letzte geschwächten Proletariats ver- wiesen. Die Erscheinungen der Kinder, die erst 8 oder 14 Tage im Waisenhaus waren, sprachen da eine deutliche, bittere Sprache. Mutterschuluna— gut, aber befreit Mütter und Kinder von der ökonomischen Unterdrückung, dann wird die befreite Mutter auch eine geschulte Mutter sein können. R. E. Wohin öie kämpfende Zrau gehört. Die Enkelin Kaiser Franz Josephs wiener Parteigenossin. Der auf so tragische Weise ums Leben gekommene einzige Sohn Franz Josephs, Kronprinz Rudolf, hatte mit seiner Frau, der belgischen Königstochter Stephanie, ein einziges Kind, Elisabeth. Sie heiratete einen hochadeligen Kavallerieofsizier, den Prinzen Windischgraetz— übrigens nicht den ungarischen Kartoffel- und Frankensälscherprinzen. Die Ehe wurde später getrennt. Elisabeth Win- dischgraetz ist eine treue Bürgerin der Republik Deuischösterreichs; ste gehört der Wiener Sozialdemokratie längst an. Ueber die Gründe ihres Beitritts zur Partei befragt, antwortete sie einem Journalisten: Man kann auf mancherlei Wegen zum Sozialismus gelangen. Man kann in ihn hineingeboren werden, die Zugehörigkeit zur Partei mit dem Leben selbst in sich ausnehmen. Dieser Weg er- scheint mir gewiß als der glücklichste. Andere Menschen bedürfen erst eines Anstoßes, um zum Sozialismus zu gelangen. Ich mußte er st durch die Schule des Lebens gehen, mußte erst Cr- fahrungen über die Lebensauffassung derjenigen Kreise sammeln, in denen ich nach meiner Verheiratung zu leben gezwungen war. Dazu kam noch der Kampf um meine Kinder, den ich hauptsächlich ührte, um sie in nieinem Sinne erziehen zu können. Alle Gemalten chienen gegen mich verbündet, als mir Hilfe von dort kam, wo ich sie am wenigsten erwartet hafte, von der Sozialdemokratie. (Prinzessin Windischgraetz hat, während sie mit ihrem Gemahl in Scheidung war, einen erbitterten Kampf um die Kinder geführt, die man ihr wiederholt wegnehmen wollte, manchmal auch mit Gewalt. In diesem Kampfe hat sie die Arbeiterschaft von Tischa», wo die Prinzessin mit ihren Kindern damals wohnte, sehr energisch unter- stützt, sogar auch gegen die Behörden.) Wenn ich persönlich auch mit der Vergangenheit gebrochen hatte, so konnte ich doch der Sozialdemokratie als eine von den vielen Repräsentantinnen der besiegten Staatsordnung gelten. Aber Sozialdemokraten traten für mich ein, halfen mir, eroberten mir mein heiligstes Recht, das der Mutter. Und-in jener Wirrnis von Zlngst und Kämpsen, in der ich damals lebte, war dos nicht die unbedeutendste Erkenntnis: Wenn eine Frau in ihren Rechten, wenn eine Mutter in ihren Gefühlen gekränkt ist, tritt ihr die Sozialdemo- k r a t i e i m m e r z u r S e i t e. Ich bin eine Frau, die gern weiter zu denken liebt. Wo ständen die Frauen heute, sagte ich mir, wenn wir nicht die neuen republikanischen Errungenschaften hätten." Das Zeugnis dieser Frau sollte jenen Frauen zu denken geben, die sich durch irgendwelche Vorurteile noch von der Partei fern- halten lassen, die immer die Varkämpferin der Frauenrechte gewesen ist.,___ Pspchiatrilcbe Eheberatung. Die Ehebcratungsstellcn sind erst im Werden. Die wenigen, die vorhanden sind, weisen vorläufig eine noch viel zu geringe Besuchszifser auf. Die Ehekandidaten wollen noch immer nicht die Bedeutung einer vorausPeheuden Beratung einsehen. Li« jagen mit geschlossenen Augen in oie Ehe hinein, um hinterher ihren unüberlegten Schritt bitter zu bereuen. Dieses gilt sowohl von gesunden wie auch von kranken Ehepartnern. Daß aber nervöse oder psychisch defekte Ehepartner einer Eheberatung besonders be- dürfen, ist ohne weiteres klar. Wieviel Unglück daraus entsteht, wenn solche Menschen die Ehe schließen, davon zeugt ein Artikel des Bonner Professors Dr. A. jjübner in der„Deutschen Medizinischen Wochenschrist". Seit vielen Jahren leitet er eine psychiatrische Be- ratungsstelle. In S8 Fällen ist es ihm gelungen, das weitere Leben seiner Klienten zu verfolgen. In SO Proz. dieser Fälle hatte er eine seelische Abnormität bei beiden Ehepartnern festgestellt, in 4 Proz. nur bei einem derselben. In den übrigen 10 Proz. der Fälle war einer der beiden sicher pathologisch, in 6 Proz. bestand neben nervösen und psychischen Erkrankungen auch Tuberkulose. Man sollte annehnien, daß der Eheanwärter im allgemeinen dern Rate des Arztes, von der Heirat Abstand zu nehmen, Folge leiste» würde. Keine Idee. Nur in 20 Proz. der Fälle wurde der Rat des Arztes befolgt. Di« Leute kamen auch gar nicht in die Beratungsstelle allein zu dem Zwecke, sich objektiv be- lehren zu lassen. Zwei Drittel von ihnen kam nur. um durch ein günstiges Resultat der Untersuchung die Bedenken der Verwandten zu zerstreuen. Und fiel sie gegen sie aus, so heirateten sie eben dennoch. Nicht selten kam es nach Erstattung des Gut- achtens zu heftigen Kämpfen innerhalb der Familie: die Eheanwärter beständen aus der Heirat. Manchmal war es auch schon zu spät, dem Befchlusie, zu heiraten, entgegenzutreten.. Wozu führte aber die Nichtbefolgung des ärztlichen Rates, von der Heirat abzusehen? Die Zahlen reden hier eine geradezu ver- nichtende Sprache. 30 Proz. solcher Ehen wurden ge» schieden oder für nichtig erklärt. In weiteren 8 Proz wurde die Scheidung allein dadurch überflüssiz, daß einer der Gatten starb, die gesetzlichen Voraussetzungen für die Scheidungsklage lagen auch da vor. In 28 Proz. weiterer Fälle, in denen laut Gesetz eine Scheidung möglich gewesen wäre, wurde aus verschiedenen Gründen von einer Klage Abstand genommen. Aber auch die übrig bleibenden 34 Proz. waren durchaus keine Musterehen. Auch da gab es größtenteils Schwierigkeiten sozialer Natur. Es würde zu weit führen, all die Verhältnisse zu schildern, unter denen die Ehen litten. Die Streit- und Herrschsucht der Eheleute, die Neigung zu Mißhandlungen, die Unordnung in Geldsachen, die gesteigerte Sinn- lichkeit in Verbindung mit der Unfähigkeit die Treue zu bewahren, die allzu große Empfindlichkeit und Weichlichkeit, der nüchterne Egoismus und die Verschrobenheit, die das Zusammenleben für die Dauer unmöglich machte; bei den Hvsterischen ihr launenhaftes Wesen, die Neigung zur Lüge und zum Schauspielern, das Geltungs- bedürfnis und ein oft so stark ausgeprägter Egoismus, daß das Zu- fammenlsben zur Hölle wurde usw., usw. Daß Sexualfrogen in diesen Ehen Schwierigkeiten machen, liegt ja auf der Hand. Profcssar Hübner ist der Ansicht, daß bei Alkoholikern und Morphinisten stets von einer Ehe abgeraten werden müsse und daß bei Epileptikern be- sondere Vorsicht geboten sei Und wie sah es mit der Nachkommenschaft dieser psnchisch minder- wertigcn Persönlichkeiten aus, die an und für sich schon geringer ist als bei gesunden Eheleuten? Während die Kinder der Normalen nur 10 Proz. Minderwertig« aufweisen, zeigen die Kinder der psychisch Defekten und Nervösen 16 Proz. Professor Hübners Tatsachenmaterial beweist nur-aufs neue, wie notwendig es ist, vor der Ehe nicht ollein das Herz, sondern gewissermaßen auch den Ver st and und die Nerven prüfen zu lassen. Für den Kriminalisten ober ergeben sich aus diesen Zahlen auch äußerst interessante Folgerungen. L. R. Oie Mahnung einer Toten. Unter den Frauen, die, ehe noch eine proletarische Frauen- bcwegung mit der soziallstisch begründeten Forderung der völligen Gleichberechtigung der Geschlechter nachhaltig einsetzen konnte, schon wirkungsvoll für die Befreiung der Frau eingetreten sind, ragt in neuerer Zeit Sonja Kowalewski hervor. Und zwar, weil sie dem billigen Zweifel der bürgerlichen Männerwelt eindrucksvoll bewiesen hat, wie sehr auch ein Frauenhirn befähigt ist zu höch- st er wissenschaftlicher Leistung, wenn nur der Frau der Weg zu geistiger Betätigung freigegeben wird. Sonja Kowalewski hat diesen Weg sich noch unter entwürdigen- den Umständen mühselig selbst bahnen müssen. Die russische Gene- ralstochter hat ihre längst erkannte, hervorragende mathematische Begabung nur dadurch zur Vollendung ausbilden können, daß sie eine Scheinehe mit einem Studienkamcraden einging, uni so mit ihm Rußland verlassen zu können und in Berlin in dem berühmten Pro- fessor Weierstraß den einzigen Lehrer zu finden, der sie noch etwas lehren konnte. Als seine größte Schülerin, die des Meisters be- deutsame Arbeiten in seinem Geiste fortführte, wurde sie später von Paris als Professor der Mathematik an die Stockholmer Universität berufen Ihr Eintreten für Frauenrecht und Freiheit fand in bürger- lichen Kreisen nun hauptsächlich deshalb Beachtung, weil sie wissen- schaftliche Leistungen vollbracht hatte, wie sie aus dem schwierigen Gebiete der höheren Mathematik nur wenige Männer auszuweisen vermögen. Wie klar aber die berühmte Frau über solch bewunderte, rein sachwissenschaftliche Erfolge gedacht hat angesichts der großen Aufgabe des Sozialismus, geht aus einem in deutscher Sprache geschriebenen Briefe aus Paris vom 5. Mai 1882 hervor, den das Parteiarchiv der deutschen Sozialdemokratie zusammen mit anderen Briefen ihrer Hand in seinen Schößen birgt. Was Sonja Kowa- lewski schreibt, ist auch heute noch eine Mahnung für alle abseitigen Intellektuellen, für alle„unpolitischen" Geistesarbeiter. Deshalb fei dieser Brief wenigstens auszugsweise der Vergessenheit entrissen. Sonja Kowalewski schreibt: „Ich glaube wirklich, daß bei den jetzigen Verhältnissen eine ruhige bürgerliche Eristenz einem ehrlichen und denkenden Menschen nur unter der Bedingung möglich ist. daß er absichtlich die Am-en zuschließt und, auf alle menschlichen Beziehungen zu anderen Men- schen verzichtend, sich nur mit aanz abstrakten, rein wissenschostlichen Interessen abzugeben bereit ist. Dann muß man aber auch jede Berührung mst dem wirklichen Leben auf das sorgfältigst« vermeiden: sonst wird die Empörung über die Ungerech- 1 i g k e i t, die man überall sieht, so groß, daß alle anderen Inter- »ssen dem Interesse des großen, vor unseren Augen sich abspielenden ökonomischen Kampfes gegenüber verblassen müssen, und dir Ver- suchung. selbst in die Reihen der Kämpfenden hineinzutreten, zu stark wird. Bis jetzt habe ich selbst stets., das erftere aetan.— Run ober, feit den letzten fünf Monaten, die ich in Paris verlebt habe, mit den Sozialisten der verschiedenen Rationalitäten in engeren Ber- kehr getreten bin— ist es ganz anders mst mir geworden. Die Aufgnben des theoretischen Sozialismus sowie auch Grübeleien über die Mittel des praktischen Kampfes dringen sich mir so unwider- stehlich auf und beschästigen mich fortwährend, daß ich mich wirklich nur mit Mühe zwingen kann, meine Gedanken aus meine eigene, dem Leben so sernstehende Arbeit zu konzentrieren. Ja, nicht selten bin ich von dem peinlichen Gefühl überwältigt, daß das. woraus ich mein ganzes Denken und alle meine Fähigkeiten gerichtet habe, nur so einer kleinen Anzahl von Menschen irgendwelches Interesse bieten kann, während doch setzt jedei� Mensch verpflichtet i st, seine besten Kräfte der Sache der Menschheit zu widmen..* Dieser letzte Satz ist besonders eine Mahnung an alle Frauen, die Nicht wie Sonja Kowalewski durch eine Fachaufgabe fast qualvoll gefesielt sind, mitzuarbeiten an dem großen Werk der sozialistischen Befreiung der Menschheit und damit ihres Geschlechtes. _ Hanns H. Kamm. Oer �starke" Vater. Ein Ausspracheabend über das Thema„Prügelstrafe". Bester als alle nachdenklichen Erwägungen klärte ein Beispiel die Erörterungen. Eine Schulfrcundin erzählte: Eines Sonntags wollte mein Mann einmal besonders gute Zigarren rauchen, weil er die ver- gangcne Woche viel gearbeitet und gut verdient hatte. Er gab unserer Kleinen einen Fünfziger und schick!? sie zum Kaufmann. Die Kleine stürmte voller Freude los, weil sie gern für ihren Vater Wege gehl. Sie blieb aber diesmal mächtig lange fort. Endlich kam sie an. Die hellen Tränen kullerten ihr über die Wangen— sie hatte das Geld verloren. Mein Mann war durch das lange Warten schon etwas ärgerlich geworden. Als er nun aber erst das iingliick erfuhr, geriet er in helle Wut. Ohne zu überlegen griff er zum Stack und verhaute das Kind jämmerlich, so daß ich dazwückiensprinoen mußte. Einige Wochen später haste mein Mann Sonntags wieder keine Ziaarren. Damit ihm mit der Kleinen nicht wieder dasselbe Unglück geschehen könne, gina er selbst, die kostbaren Glimmstengel zu kaufen. Er nahm sich eine Mark mit, Nach kurzer.Keit kam er mißgestimmt wieder und fragte mich, ob ich nicht die Mark aefundcn hätte. Er hatte sie beim Heraus» gehen in die Tasche gesteckt, und nun war sie weg.— Da er sie in die Weitcntasche gesteckt hast«(natürlich vort»«!!), war sie wohl vom Rock noch eine Weil« festgehalten worden und dann unter- weas auf die Erde gefallen. Jedenfalls war las Geld weg.— Ich guckte meinen Mann an und sagte:„Eigentlich müßtest du doch nun von deiner Tochter die- selben Prügel erkalten, die du ihr damals verabfolgt hast!" Darauf erwiderte er aar nichts, drehte sich um und ging in den Garten. Er hat aber seit dieser Zeit unser Mädchen nicht wieder geschlagen. Das ist ein seines Beispiel für den Prnoelvädagogen. der in seiner Wut nicht überlegt, welche Gründe das Kind zu dieser oder icner Tat veranlaßten, sondern für sich einfach das Recht des Stör- keren in Anspruch nimmt und prüaelt. Er bedenkt aber nicht, daß dieses vermeintlich« Recht in der Er-iebang ein Unrecht ist und in dem Kinde jedes Vertrauen zum Erzigber abtöten muß. Was hätte der Vater im ersten Falle vielleicht tun können? Er niußte vor allem untersuchen, ob Fahrlössiokcit oder ein Unglück- sicher Zufall vorlag. In diesem Falle traf das letztere zu. Der Dater kälte dem Mädchen nun sagen können, daß in Anbetracht seiner ge- schmälerten Kasie er nun nicht in der Lage wäre, das Beriorecheu auf Erfüllung dieses oder jenes Wunsches einzulösen. Das Mädchen müsie sich eben gedulden, bis der Vater wieder Geld dafür hätte. Das Kind würde von selbst daraus de» Schluß solgern, daß es da» nächstemal etwas vorsichtiger mit dem Gcldc umgehen nillsse. _ Havert. Neue Grußformen in öer Türkei. Vor dem Krieg« durfte man in der Türkei eine türkisch« Frau auf der Straße nicht grüßen. Selbst unter den Jung- türkcn begrüßten sich zwei Freunde nicht auf offener Straße, wenn sich einer von ihnen in der Begleitung seiner Frau befand. Später ober wurde diese Sitte dahin abgeändert, daß die beiden Freunde sich nicht nur begrüßten, wenn der eine von ihnen sich in der Be- gleitung seiner Frau befand, sondern sich auch unterhalten durften, wobei die Frau sich dann in einiger Entfernung aufhielt. Der Freund durfte dann aber nicht in der Richtung sehen, in welcher die Frau stand. Diese Nichtbeachtung galt als besondere Ehr- bezeugung der Frau gegenüber, weil man dadurch zum'Ausdruck brachte, daß man ihr nicht näherzutreten waate. Durch die Ab- schafsung des Schleiers sind natürsich diese„Rücksichten" in Weg- fall getsnimen, doch scheinen Zweifel darüber zu bestehen, in welcher Weise man jetzt die Frau begrüßen soll. Man streitet um Temenni, den alten türkischen Gruß, bei welchem man die Ha«» vom Herzen zur Stirn erhebt oder um neuzeitlichere Ve- grüßungsformen. In vielen Fällen reicht man heute in der Türkei der Frau auf der Straße die Hand. Für diese Beorüßungssorm wird zurzeit ein« starte Propaganda gemacht. Man erklärt, daß dies keine bloße Nachahmung Europas sei, wie viele vermuteten, sondern daß es sich um eine alte türkische Sitte handele» die»ach Europa gekoinmen sei. Roe!> heute würden in.ßen- tralasien z. V. und andere» türkischen Gegenden getroffene Ver- einbarungen durch Handschlag besiegelt.