Frauenstimme i Kr.2I�44.?ahrgang I T$C\l(lQC ZUM VOtWÜttS 1 ,5. Oktober ,927\ DieIraumdersozialistifthenWerbearbeit Zum guten Erfolg der Reichswerbewoche der Sozialdemokratischen Partei können die Frauen sehr viel beUragen. Ja. sie müssen es tun: denn die bevorstehenden schweren Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit erfordern in erster Linie die Stärkung der sozialistischen Organisation. Die Sozial- demokratie ist die Partei der Arbeit. Mit ihrer wachsenden organisatorischen Größe erweitert sich auch ihr Einfluß auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet. Und das muß in verstärktem Maße auch der Wunsch der Frauen sein. Vielfach ist er es schon. � Die rege Anteilnahme des weiblichen Geschlechts an den öffentlichen Borgängen bestätigt das. Dennoch ist die Zahl der politisch interessierten Frauen und Mädchen im Verhältnis zur Gesamtzahl der weiblichen Personen noch zu gering, um aus- schlaggebend für die Durchsetzung der politischen Ziele der Sozialdemokratie zu sein. Darum die Werbung um die politisch mit uns sympathisierende Frau zum Eintritt in die Partei. Denn nur der organisierte Kampf ver- sprichtdenErfolg. Um Lebensglück und Lebensfreude wird gerungen. Für diese Forderungen sich einzusetzen ist die Frau die berufenste Kämpferin. Allzu viele müssen heute noch im Schatten leben. So manche Frau gleicht einem Lasttier, das ohne Murren fein Schicksal trägt. Frau Sorge läßt das gequälte Weib gar nicht zur Besinnung kommen. Einsam und verlassen, glücklos und vergrämt, fließt das Leben Hunderttausender Frauen dahin. Diese aus Elend und Dunkelheit herauszu- führen, ist eine sittliche und politische Tat. Ihre Größe hängt ab von dem Grad des Einsatzes der organisato- rischen Kraft. Sie rechtfertigt aber auch zugleich die Mühe- waltung kluger Politiker beiderlei Geschlechts. Biel Ver- säumtes gilt es nachzuholen. Länger als zwei Jahrzehnte sind wir in der Gewerkschaft- lichen und politischen Erfassung der Frau zurückgeblieben. Die letzte Volkszählung vom Juni 1923 gibt uns einen reichen Aufschluß über die starke Wandlung der Lebens- Verhältnisse des weiblichen Geschlechts. Da- nach haben wir einen weiblichen Gesamtüberschuß von 2 230 000; eine Zahl, die von 3 Proz. vor dem Kriege auf fast 7'4 Proz. gestiegen ist. Schon rein zahlenmüßig drückt sich darin der größere Anteil der Frau an dem Wohl und Wehe der ganzen Gemeinschaft aus. Aber weit mehr noch: Von rund 32 Millionen Menschen oder mehr als 51 Proz. der gesamten Retchsbevölkerung. die im Erwerbsleben stehen, sind 11 477 634 beruflich tätige Frauen. Der Ruf: Zurück ins Haust wird aussichtslos verhallen, weil auch die Gründung einer Familie immer mehr erschwert wird. Beweis: Die große Zahl der ehelosen Frauen im Alter von 20 bis 43 Jahren, einschließlich der Witwen und geschiedenen Frauen: 8 66S000 ehereife, aber ehelose Frauen sind vor- handen. Mit wenigen Ausnahmen sind diese gezwungen, Erwerbsarbeit zu verrichten. Allerdings wird auch der Wunsch nach Selbständigkeit immer größer. Die technische Entwicklung erleichtert seine Durchführung. So erschöpft sich die weibliche Arbeitskraft nicht mehr im Haushalten, sondern sie ist schon heute in großem Um- fange zur Mitträgerin des Wirtschaftslebens geworden. Ein Drittel der deutschen Enverbsarbeit wird von Frauen verrichtet. Wenn nun die Frau ihr ganzes Leben lang Berufsarbeit zu leisten hat, dann muß sie auch ein unmittelbares Interesse a» der sozialen Gestaltung des Staates bekunden. Aber daran fehlt es leider noch. An der längst überlebten Auffassung, die Ausübung eines Berufs als vorübergehende Erscheinung zu betrachten, wird trotz der veränderten Verhältnisse noch immer hartnäckig festgehalten. Diese mit den Tatsachen in Widerspruch stehende Anschauung muß schärfer von uns bekämpft werden. Denn sie wird aus- genutzt zu noch größerer intensiverer Arbeit und Ausbeutung. Die Ueberlastung der Frau aber ist ein starkes Hemmnis für die weitere Aufwärtsentwicklung der arbeiten- den Klasse. Der Indifferentismus der von Arbeit und Not stumpf gewordenen Frauen und Mädchen muß aus ihnen herausgebracht werden. Werben wir nachdrücklichst um ihr Vertrauen! Das Fremde, das sich unbewußt zwischen ihnen und uns eingeschoben hat. muß ausgelöscht werden, damit das Gefühl der sicheren Führung aus Rot und Verzweiflung wieder die Oberhand gewinnt. Die politische Gefolgschaft wird dann zur Selbstverständlichkeit werden und wir kommen unserm Ziel, die politische Macht zu erobern, bedeutend näher. Die Frauen entscheiden! Immer eindeutiger tritt die große politische Bedeutung der Frauenstimmen her- vor. Unsere Gegner von rechts und links wissen da« nur zu gut. Sie alle werben um die Sttmme der Frau. Gewiß kann die politisch auf festem Boden stehende Frau viel tun, um die ganz indifferente und unwissende für ihre staats- und parteipolitischen Ziele zu interessieren. Aber täuschen wir uns nicht. Das reicht nicht aus. Die Partei macht das Rennen, die es versteht, die Frauen in ihrer Mehr- heit in ihre Reihen zu bringen. Die Aufklärungs- arbeit unter den Frauen ganz systematisch zu fördern, ist eine politische Aufgabe, der sich auch die Männer nicht entziehen dürfen. Jeder Politiker muß einsehen, daß auch die Frauen mit der Zeit lernen, sich durchzusetzen. Ihre zunehmende wirtschaftliche Selbständigkeit bürgt dafür. Ein Akt der poli- tischen Klugheit ist es, wohlüberlegte Wünsche der Partei- genossinnen zu erfüllen. Bringt auch der eine oder andere erfüllte Wunsch nicht immer das erhoffte Resultat, das ist zu ertragen— nicht aber die Störung des ungetrübten Zu- sammenarbeitens. Die bürgerlichen Parteien vermögen diese Klugheit nicht aufzubringen. Vor wenigen Tagen hat zum Beispiel der Stadtbund hamburgischer Frauenvereine den bürgerlichen Parteien den Vorwurf gemacht, bei Aufftellung der Wahllisten zur Bürgerschaft die weibliche Wählerschaft nicht genügend berücksichtigt zu haben. Der Stadtbund zieht daraus den Schluß,„daß die Parteien selbst die Veranlassung gegeben haben, wenn die Frauen Hamburgs in Zukunft ge- zwungen sein sollten, neue Wege zur Erreichung ihrer Ziele einzuschlagen". Mögen die bürgerlichen Parteien diesen Streit untereinander austragen. Für uns soll es eine Lehre sein, wie man es nicht machen darf. Die Stoßkraft der Partei wollen wir st ä r k e N: neue Anhänger ihr zuführen. In Werkstätten und Betrieben, in Warenhäusern und Kontoren hat unsere Werbearbeit ein- zusetzen. Die Hausfrau und die Heimarbeiterin muß aufqe- sucht werden. Zu den alten erprobten Werbemitteln müssen neue hinzukommen. Wer schon den Film„Das neue Wien" gesehen hat, der wurde gepackt an Herz und Hirn. Kein Beschauer konnte sich des starken Eindrucks verwehren. Hier ging in Erfüllung: Jedem Bedürftigen Hilfe, damit er Mensch sein kann! Ein Grundsatz, der auch bei uns zur vollen Auswirkung gelangen wird, wenn zwei Drittel der erwerbstätigen Männer und Frauen zu uns stehen, wie das in Wien der Fall ist. Wir kämpfen für eine bessere, erträglichere Lebenshaltung und Lebensgestaltung. Die Wiener Sozialdemokratie kann uns darin Vorbild fein: Licht in die Wohnungen! Licht In die Herzen! Licht in die Hirne! Das wollen auch wir. In diesem Sinne: Auf zur Werbearbeit! Johanna Reitze, M. d. R. Einheit üer Zrauenbewegung! Um Ehescheidungsrechl und Machtstellung der Frau. Eheliches Güterrecht, Ehescheidmiesrecht. politische Machtbildunq der Frauen, dos waren die wichtigsten Fragen, die der Bund Deutscher Frauenoereine aus seiner diesjährigen Ge- neralversammlung in Eisen ach zur Debatte gestellt hatte. Die Berichte der Tagespresse über die Verhandlungen heben die weitgehende Uebereinstimmung der verschiedenen Rich- tungen der Frauenbewegung in allen Diskussionen hervor, und die Resolution über die rein politische Frage der Machtbildung wurde sogar einstimmig angenommen. Wie ist das möglich? Gibt es wirklich eine Bindung der Frauen über all« Weltanschauungen, über die Parieien hinweg? Sollte es so viel leichter sein, die Frauen, wenn auch nur In der Srage der Reform der Ehescheidung, zu einigen, als die tänner? Wir wissen doch, wie stark der Widerstand ist. der einer Erleichterung der Ebescheidung Im Reichstag entgegengesetzt wird. Leider gibt kein Pressebericht, auch der oftlzielle Bericht des Bundes nicht,«in Bild von den Einschränkungen oder Erweiterungen, die im Lauf« der Diskussion wohl gefordert wurden. Auf die vcr- schiedenen Wünsche konnte natürlich in dem Bericht nicht eingegangen werden, weil er sonst zu umfangreich für die Zeitungen geworden wäre. Aber es hält« wesentlich zum Verständnis der verschiedenen Strömungen, die ja dach vorhanden sind, beigetragen. So müssen wir uns an die gefaßten Beschlüsse halten, ohne zu wissen, ob lebhafi um die einzelnen Punkte gekämpft worden ist. Die gegen eine„verschwindende Minorität" angenommene Re- solution zum Ehescheidungsrecht lautet: „Die in Eifenach tagende Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenoereine würde es begrüßen, wenn das geltende Ehescheidungsrecht in einer Weise umgestaltet würde, wie es der Würde und Bedeutung der Ehe und dem Ansehen der Gerichte entspricht. Sie ist jedoch der Ansicht, daß jede Aenderung des geltenden Rechts, die zu einer Vermehrung der Ehescheidungen führen könnt«, eine wirtschaftlicheNot und moralische Schädigung der geßbiedenen Frauen und der Kinder aus diesen Ehen nur verhüten kann, wenn gleichzeitig die geltenden Bestimmungen über die Wirkungen der Ehescheidung durchgreifend geändert werden. Hierzu gehört vor allem: 1. Die Vertellung der elterlichen Rechte darf sich nicht wie jetzt allein nach der S ch u l d s r a g e im Säieidungs- prozcß richten. 2. Die geschiedene Frau, die die persönliche Sorge für die Kinder erhält, muß die volle elterliche Gewalt, also auch die gesetzliche Vertretung des Kindes, die Vermögensver» waltung und Nutznießung erlangen. 3. Die geltenden Bestimmungen über die Beitreibung von Unterhaltsansprüchen geschiedener Ehefrauen und Kinder dürfen es nicht wie bisher dem Schuldner leicht ermög« lichen, sich seiner Unterhaltungspflicht zu entziehen. 4. Der geschiedenen Frau, die ihre Arbeitskrast im Haus- halt verwertete oder im Geschäft des Mannes mitarbeitete oder ihren Arbeitsverdienst zur Bestreitung des ehelichen Haushalts verwendete, muß«in Anteil an den während der Ehe ge- machten Ersparnissen und Anschaffungen zuge- billigt werden. 6. Die auf össentlichem Recht beruhenden Witwen- 'versorqungsansprüche müssen der geschiedenen Ehefrau grundsätzlich erhalten bleiben. Di« Versammlung ist daher der Auffassung, daß eine Er- gänzung der Ehescheidunqsgründ« im Interesse der hierdurch be- trofsenen Frauen und Kinder nur bei gleichzeitiger Aenderung der mit der Schilderung.zusammenhängenden Ehescheidungs- Wirkungen erfolgen darf." Der Schlußsatz spricht deutlich aus, daß an eine Erleichterung der Ehescheidung nur gedacht werden dürfe, wenn gleichzeitig die Bestimmungen über die Wirkungen der Ehescheidung durchgreifend geändert werden. Geschiehr das nicht, so sollen die bestehenden Hindernisse der Ehescheidung nicht weggeräumt werden. Trotz der tausendmal gefchilderten erniedrigenden Bedingungen, denen sowohl die Frau wie der Mann, öfter aber natürlich die Frau, nach dem geltenden Recht ausgesetzt sein können.— Selbstverständlich sind auch wir der Ansicht, daß die wirtschaftliche Lage von Frau und Kind nach der Scheidung so weit als möglich sicher gestellt werden müssen, und daß die Frage der elterlichen Gewalt neu geregelt werden muß. Aber warum das als Vorbedingung jeder Erleichterung der Ehefcheidung aufstellen! Vielleicht hat die Minder- h«�, die gegen die Resolution stimmte, auf scdcn Fall etwas für die Frauen retten wollen. Oder genügte die Vorbe- dingung einigen Delegierten noch nicht, wollten sie sie noch weiter fasten, waren sie gegen jede Resorm, d. h. gegen jede Er« leichlerung der Ehescheidung? Es wäre Interessant, etwas darüber zu erfahren. Wie stehen dl« demschnatilmalen, wie die christlich» sozialen Frauen, wie der Katholische Frauenbund zur Ehescheidungs» resorm? Sind sie bereit, sich auf den Boden der Resolution zu stellen, oder bedeutet die Annahme doch nur die Einigung der Frauen liberaler Weltanschauung? In dem Bericht über den Vortrag von Dr. Lürhen über die parlamentarische Vertretung der Frauen innerhalb der heutigen Wahlsysteme finden wir den Satz:„Die Lag« der Parteien, ihre teilweise Zersetzung und Zersplitterung, sowie die Berdrängung der Frauen bei den Kandidaturen legen es nahe, unter Umständen eigene Wege hin zur F r a u e n p a r t e i zu finden." Aber wir erfahren nicht, ob diese Idee in der Versammlung Unter»' stützung gefunden hat. Dr. Bäumer sah jedenfalls die H e m m u n» gen gemeinsamer Frauenarbeit durch die verschiedenartigen In- teressenkreise, den Stand der Weltanschauung, die konfessionellen Gegensätze. Es ist anzunehmen, daß sie sich und mit ihr die Mehr- heil des Bundes einer alle umfassenden Frauenpartei entgegenge» stellt hat, weil sie sehen muh, daß es in den großen politischen Fragen keinen gemeinsamen Kampf für die Frauen gibt. Die Resolution, die nach den beiden politischen Referaten ein- stimmig angenommen wurde, sagt nichts über die Schaffung einer Frauenpartei. Sie erklärt „die bisherige Zahl der Vertreterinnen der Frauen in den Parka- menten für ganz unzulänglich, um den besonderen Aufgaben und Zielen der Frauenmassen in Gesetzgebung und Verwaltung ge- nüqende Geltung zu verschossen. Die Bundesverbände werden sich mit Nachdruck bei allen kommenden Wahlen für die Aufstellung und Wahl einer ausreichenden Zahl weiblicher Kandidaten ein- setzen. Der Bund Deusscher Frauenoereine fordert seine Vereine auf, sich gegen alle Aenderungen des Wahl- rechts zu wenden, durch welche die Möglich» keiten für die Aufstellung weiblicher Mandate sich weiter vermindern, insbesondere durch Beseitigung von Reichs- und Landeslisten und Verkleinerung der Wahlkreise." Niemand wird bestreiten, daß diese Forderung durchaus von allen politisch Interessierten Frauen unterschrieben werden kann. Ein Wahlrecht, das uns wieder den Ein-Mann-Wahlkreis brächte, würde in der Praxis vermutlich bedeuten, daß mit ganz geringfügigen Aus- nahmen die Frauen aus den Parlamenten oer- schwinden würden. Hoffen wir, daß die bürgerliche Frauen- bewegung sich mit ihrer Forderung bei den ihnen nahestehenden Parteien durchsetzt. Gerade bei den Demokraten dürfte das nicht leicht sein, denn sie verlangen ja in erster Linie die Rückkehr zu den kleinen Wahlkreisen, zu den persönlichen Beziehungen Mischen Wählern und Abgeordneten. Sie erhoffen davon ein« bessere Führerauslese, die sie aus andere Weise erreichen könnten: der Er- folg jedoch würde, zwar nicht im Prinzip, aber in der Vraxis, der Ausschluß der Frau vom passiven Wahlrecht sein. Werden die demokratischen Frauen stark genug sein, sich zu bebaupten? Oder wird es wieder so kommen wie früher, daß die einzige Partei, die für die Staotsbürgerrechte der Frau kämpft und sie verteidigt, die Sozialdemokratie ist? Auf jeden Fall aber zeigt isie Resolution in ihrer Beschränkung auf dies politische Recht der Frau, daß es über die Forderung der politischen Gleichberechtigung hinaus kein politisches Problem gibt, für das sich ein« gemeinsame Linie für die Frauen von rechts bis links finden ließ Sobald man an die Behandlung von Tageskragen käme, würde die Frauenbewegung auseinanderfallen, wenn sie sich nicht auf nichtssagende Beschlüsse beschränken wollt«. Die Frauen sind genau so wie die Männer durch die verschiedenen Wirtschaft- lichen und ideellen Interessen gebunden, und deshalb müssen sie mit ihnen zusammen für ihr« Schicht, für ihre Klaste kämpfen. Tony Breitscheid. Statistisches zur �proletenvilla" In den nächsten Iahren müssen allenthalben Wohnungen gebaut werden, um der seit dem Kriege Immer mehr angewachsenen Wohnungsnot abzuhelfen. Wir stehen im Bauwesen am Beginn einer Epoche, die für geraume Zeit die Wohnungsgestaltunq und damit einen wesentlichen Teil der Lebensgestaltung bestimmen wird. Es ist erfreulich, daß die modernen Architikten an das Bauproblem in viel stärkerem Maße als früher vom Gesichtspunkt einer Er- leichterung der Hausfrauenarbeit herangehen, und daß auch Frauen beginnen, auf diesem Gebiete mitzuarbeiten Merkwürdig ober ist es, daß, nach den zahllosen Artikeln In Zeitungen und Zeitschriften zu urteilen, die Architekten sich viel mehr die Köpfe zerbrechen über die Form und Größe der Küche, über die Anordnung des Herdes und der Wasserleitung und so weiter, als über die Grundfrage: Einfamilienhaus oder Etagen- wohnung. Fast sieht es so aus, als jähen die Architekten und die sie beauftragenden Firmen, Gesellschaften und Genossenschaften das Problem als gelöst an in dem Sinne: Einfamilienhaus wenn irgend möglich. Wenn eine gequält« Hausfrau aus einem Ein- samilienhaus sich mit einem Notschrei an die„Frauenstimme" wandte, so wird der hoffentlich nicht ungehört verhallen. Ist heute die Zahl der Bewohner von Äleinwohnungen in Einfamilienhäusern in den Großstädten auch noch sehr Hering, so wird sie doch, wenn in gleicher Weise wie bisher weiter gebaut wird, bald beträchtlich ansteigen. In Deutschland wurden im Jahr« 1S2K rund 98 000 Wohngebäude neu errichtet. Davon waren 8S000 Kleinhä user mit ein bis zwei Wohngeschossen. Nahezu die Hälfte aller neu erbauten Wohnungen befand sich w solchen Kleinhäusern. Dabei fällt natürlich der Wohnungsneubau in ländlichen Bezirken entscheidend ins Gewicht. Aber auch in einer Großstadt wie Berlin ist das Bcr- hältnis noch so, daß 2S00 Wohngebäude errichtet wurden, von denen 1900 solche Kleinhäuser waren. Nicht ganz«in Viertel der in Berlin im Jahre 1926 neu erbauten Wohnungen entfiel auf Klein» Häuser. In den vorhergegangenen Iahren war der Anteil der Klcinhäuser an der Gesamtzahl der neu errichteten Wohngebäude fast der gleich«, so daß man feststellen kann, daß die Zahl der in Einfamilienhäusern wohnenden Familien Im Steigen begriffen ist, und daß sie außerordentlich zunehmen wird, wenn in gleicher Weise wie in den letzten Jahren der weitaus größer« Teil der Wohnungsneubauten auf KleinhSuser entfällt. Für Familien, die nur aus erwachsenen im allgemeinen ge- sunden Personen bestehen, mag das ein ganz erfreuliche Entwicklung sein, obwohl auch für solche Familien in dem Häuschen manches romantisch und verlockend aussieht, was sich später als recht un- praktisch herausstellt. Für die Arbeiterfrau mit mehreren Kindern aber nimmt die Hausarbeit sehr zu, durch Verteilung der Wohnung auf zwei oder womöglich noch mehr Etagen. Man darf freilich nicht, wie das im Laus« der Diskussion in der „Frauenstimme" geschehen ist. die tlewe, tust« und sonnenlos« Berliner Arbeiterwohnung, die in den Borkriegsjohren erbaut wurde, vergleichen mit neu errichteten, womöglich viel geräumigeren Ein- familienhäusern. Statt dessen muß man, möglichst unter Aus- schallung aller Romantik, überlegen: Ist es vorteilhaster, eine Wohnung von einer ganz bestimmten Größe in einem Stockwerk eines größeren Hauses zu haben, oder verteilt auf die zwei oder noch mehr Stockwerke des Einfamilienhauses.'Wiegen zudem die Bortcile der Etagcnwohnung noch die Annehmlichkeit des mit dem Einfamilienhaus fast immer verbundenen G ä r t ch e n» auf. Die Arbeiterwohnungen tn großen Wohnhäusern brauchen nicht, wie zumeist in Berlin, Hofwohnungen zu sein, die nie von der Sonne beschienen werden. Es fei erinnert an die im„Vorwärts" und in„Boll und Zeit" schon mehrmals geschilderte Art, wie dos sozialistische Wien begonnen hat, das Wohnungsproblem zu lösen. Dort wohnt In den neuen großen Wohnhäusern jeder be- quemer und niemand schlechter als in Einfamilienhäusern von gleicher Wohnungsgröße.__ Anna Geyer. �ugenöweihe! Wir waren mit unserer Kindergruppe bei der Jugendweihe am Sonntagmorgen ein« an sich schöne und erhebende Weihestunde. Und der Saal war angefüllt von Eltern, Verwandten und Freunden der Kinder, alles schien nur von dem einen Gedanken erfüllt, dem Jungen oder Mädel den Schritt aus der Kindheit in den Ernst des Lebens zu einem unvergeßlichen schönen Fest werden zu lassen. Doch die Feierstunde ist erst der Auftakt, es folgt die Feier in der Familie. Da ist es interessant zu sehen, wie klassenbewußte Arbeiter, deren Kinder ja zur Jugendweihe strömen, es verstehen, Feste zu seiern. «Ach ja, bei uns ist ganz schön gefeiert worden," erzählt« anderentags e,n Junge ein wenig zögen».„Es gab gut zu essen und v i e l z u t r i n'k e n l Na, ich habe ja nicht getninken, und Vater hat mich auch nicht überredet dazu. Aber Vater jagt, weil wir doch vor drei Jahren bei der Hochzeit nicht viel hatten, und etzt verdient er wieder gut, da sollten sich mal alle richtig be- ausen können!" Ueber den Verlaus schwieg er sich aus, und wir konnten ihn uns denken. Ein anderer renommierte:„Bei uns hat die Feier gestern einen Hausen Geld gekostetl"„Huit," macht ein Zwölfjähriger,.da möchte ich mir lieber von meinem Vater vorher die Hälst« geben lassen und mir ein Rad dafür kaufen. Dann hätte ich was von meiner Jugendweihe." Ob dieser Praktikus mit feinem Plan zu Hause Glück haben wird? Hoffen wir es. Sein Freund Heinz war seit Monaten nicht mehr in die Gruppe gekommen. Cinnial traf ich ihn und fragt« nach dem Grunde..Ach, ich gehe aus den Tennisplatz als Balljunge, da verdiene ich 3,50 M." „Hat denn Vater keine Arbeit mehr, daß du schon mitverdienen mußt?" fragte ich voller Teilnahme.„Doch, Vater arbeilet noch aus dem Bau, und Mutter hat vormittags eine Aufwartung, aber ich habe doch im Herbst Jugendweihe, uird da sparen wir schon dafür, weil doch alles so viel kostet!" Nachdenklich ging Ich nach� Hause. �t es wirklich notwendig, daß Schulkinder auf die kargen Stunden der Erholung und Freude verzichten, nur damit sauer zusammen- gespart« Groschen als„Jugendweihe" hundertinarkwsije in Form von Alkobol und Zioarren an einem Abend vrrputzt werden können? I. K. Die gewaltsame Unterbrechung üer Schwangerschaft. Erfahrungen eines Gcrichtsarztes. Die Gefährlichkeit der k ü n st l i ch e n Unterbrechung dee Schwangerschaft ist noch lange nicht genügend bekannt. Selbst dee mit allen Hilfsmitteln der Technik und Wissenschaft durch gesund- heitliche Notwendigkeit gebotene Abort nimmt mitunter einen unheil- vollen Ausgang. In weit häufigerem Maße ist dies der Fall bei den zahllosen Unterbrechungen, die von weisen Frauen und ähnlichen Quacksalbern ausgeführt werden, denn ein großer Teit der zur gerichtlichen Obduktion gelangenden Fälle ist zurückzuführen auf die Todesfälle nach unzweckmäßig eingeleiteter Fehlgeburt. Während früher, aber auch jetzt noch, mit allerlei Einspritzungen versucht wurde, schädigend aus die keimende Leibesfrucht zu wirken, sind es in letzter Zeit hauptsächlich die bekannten pilzförmigen Gebär- m u t t e r p e s s a r e, die in verschiedenen Größen angewandt werden, um durch ihre Reizwirkung oder aus sonst eine mechanische Weise die Schwangerschaft zu stören. Die verderblichen Folgen der Einspritzungen, d. h. der erft- genannten mechanischen Untcrbrechungsart, können sich in manchen Fällen sofort zeigen. Es wird nämlich immer wieder Eindringen von Luft in den Blutkreislauf beobachtet, wenn durch irgendeine un- geschickte Handhabung des Spritzcnapparotes Lust in die Gebär- mutter gelangt und weiter von dort durch den Kreislaus in da» Herz. Die ins Herz gelangte Lust kann sich im allgemeinen nicht mehr aus diesem entfernen: das Herz ist infolgedessen nicht mehr imstande, den Kreislaus weiter in Bewegung zu halten und tritt dann meistens ein schneller Tod ein. Bei der Obduktion Ist in solchen Fällen der geübte Gerichtsarzt imstande, die Lust im Herzen nochzuweisen. Die Einspritzungen in die Gebärmutter,'die natürlich mit den verschiedensten Flüssigkeiten vorgenommen werden, können in den Fällen, die nicht sofort unglücklich verlausen, noch später ihre verderbenbringende Wirkung äußern dadurch, daß sich eine mehr oder minder schleichend oder plötzlich einsetzende Blutvergis- tung entwickelt, die dann ärztlicherseits häusig nicht mehr zu be- herrschen ist und zum Tode führt. Die Forme», unter denen diese Blutvergiftung austritt, sind sehr verschiedenartig: es können sich eitrige Bauchfellentzündungen entwickeln, große Eiterungen ilii Beckenzcllgewebe oder schließlich auch allgemeine Ueberschwemmun- gen des Organismus mit Eiterherden oder Erregern, die dann lediglich durch die Gifte wirken, die sie absondern. Ganz ähnlich diesen zuletzt erwähnten Krankheitsbildern sind auch diejenigen Erscheinungen, die man nicht zu selten nach der Einführung der schon erwähnten Gebärmutterstiste bzw. Gebär- mutterpessare beobachten kann. Diese Pessare, die zum Teil als tonzeptionsverhindernde Mittel angepriesen werden, erfüllen tn den allermeisten Fällen, auch in den kleineren Größen, diesen Zweck nicht, sondern wirken krantheitsbcsördernd wegen des Reizes, den sie häufig auf die sehr empfindlichen Schleimhäute ausüben und sind bei bestehender Schwangerschaft für diese von der verderblichsten Wirkung. Diese verderbliche Wirkung kann sowohl eine grob mechanische durch Anbohrung der Frucht sein, als auch eine indirekt schädliche, wenn durch die Einführung des Stiftes Eitererreger in die Fruchthalter gelangen. Gegenüber diesen beiden mechanischen Unterbrechungsmethoden treten die anderen in ihrer praktischen Bedeutung nach gerichtsärzt- licher Erfahrung sehr stark zurück. Innere Mittel sind bekanntlich nur imstande, den verderblichen Erfolg herbeizuführen, wenn ihre Giftwirkung so stark ist, daß sowohl der mütterliche wie der kindliche Organismus in Lebensgefahr gerät. Bei Erschütterungen, und Verletzungen, die von außen den Körper betrasen, war für gewöhn- lich große Gewaltwirkung nachzuweisen, die auch sonlt lebensgefährlich wirkt, wenn man eine Schädigung an der Frucht bemerken tonnte. Es zeigt sich also aus diesem Ueberblick, daß die künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft von unbefugter Hand die werdenden Mütter in viel größere Gefahr bringt, als der natürliche Ablauf der Schwangerschaft, ganz abgesehen davon, daß nach llberstandenem Krankenlager nicht allzu selten Veränderungen zurückbleiben, die die spätere Fruchtbarkeit in Frage stellen und so eine wesentliche Quelle späteren Eheglücks zerstören. Auch rein zahlenmäßig dürfte nach gerichtsärztlicher Erfahrung die Anzahl der Todesfälle infolge künstlichen Aborts viel höher sein, als die Zahl der Todesfälle, die infolge irgendwelcher Komplikationen bei Cnt« bindungen austreten, da die genauen Ziffern der kriminellen Aborte aus naheliegenden Gründen nie ganz erfaßt werden können. Die Kenntnis der Gefahren des künstlichen Aborts wird viel- leicht manche Frau vor dem verhängnisvollen Schritt zurück- halten. Ein weit sichereres Mittel wird aber die weitere Ausgestaltung der Fürsorge für die werdenden Mütter sein, insbesondere die Verbreitung der Kenntnis alles dessen, was bereits jetzt auf diesem Gebiete an Hilfsmitteln vorhanden ist. Immer wieder drängt sich bei der gerichtsärztlichen Würdigung des Kindermordes oder der Motive zur Einleitung des Aborts die Erfahrung auf, daß die betreffenden Personen nichts von der Fürsorge, die die öffentlichen Einrichtungen für solche Fälle vorgesehen haben, wußten. Dr. F. Dyrensurth. Die ErAieherin Salzacs. Ein Zwanzigjähriger, voll phantasiereicher Darstellung und dunk- ler Ahnungen von der Gewalt der Liebe, findet eines Tages in einer Vierzigjährigen die greundiu. Alle Quaten einsam verbrach- ter Jahr«, alle Hoffnungen tünstiaen Glücks und aller Jubel einer spendereichen Gegenwart, die unerlost in ihm gestaut waren, brechen nun auf einmal hervor: ein Sturzbach von Klagen, Bitternissen, Zukunftsiräumen� Liebessehnsucht braust über die Geliebte hin. Sie aber fängt die Fluten auf: ratend und helfend lenkt sie ihn in ein Strombett, damit die aufgespeicherten Energien nicht länger ins Leere ströine». Dieser Zwanzigjährige, ein dumpfer, kraftstrotzender Unbekann- ter, war Balzac, und die Frau, die ihm ein settsames Geschick an die Seite gab. Madame de Venn» Frau von Berny vereinigt« in sich all« jene Eigenschaften, die bei einer Frau erst im Mittag des Lebens zur vollen Entfaltung und Reife kommen: jene grotz« Kanteradschaftlichkeit, die nicht mehr Eifersucht und Eitelkeit kennt, eine Hilfsbereitschaft, die über den Tag und seine materiellen Notwendigkeiten hinausreicht, Sie war reich genug, ein Verhältnis zu tragen, das die groß« Dreieinigkeit von Lleb«, Mütterlichkeit und Freundschaft in sich barg: Gaben, die Balzac bereicherten und die ihm, wie jedem schöpf« rtschcn Menschen, zur vollen und freien Entfaltung verhalfen: Gaben, die ein junges Mädchen niemals zu geben hat. Spürt man den Wegen ini Dasein genialer Naturen nach, so sind sie intereflanter als der kühnste Roman, denn der Tag, in dem sie leben und die Kette der Tage, di« sich aus ihnen aneinander. reihen, sind gelebt« Gestalt: erfüllter mit Blut und Atem als das Werk, das sie s« schufen und schaffen. Und so ist jener Lebensab» schnitt aus dem Dasein Balzacs, den er gemeinsam mit Frau de Berny verbrachte, der gewaltigst« Roman, den das Leben diesem titanischen Romancier schrieb. Enttäuscht durch den Mißerfolg seiner Eromwell-Tragödi«. von deren Erfolg sich Balzac Ruhm und Geld versprochen hatte, findet er Frau von Berny» die Gattin ein«« fast erblindeten Mannes und Mutter von neun Kindern. Sie „handelt mit Hafer, Kiele, Getreide und Biehfutter, weil sie nach 4t> Jahr« wahrendem Nachdenken gemerkt hat, daß Geld alles ist". Dies« Frau, di« ohne Freud« neben einem kranken, nörgelnden Manne hinlebt, hatte vom Vater her, einem deutschen Musiker aus Wetzlar. Künstlerblut in sich: ihrem Stiefvater, einem Chevalier de» Jarjayes. verdankte sie die Kindheitserimierungen vom Hof« zu Ber. sailles: sie erlebte die Revolution, den fehlgeschlagenen Versuch der Befreiung Marie Antoinettcs, ihr« Hinrichtung: hat:« das ganze Milieu und seine Sitten in sich ausgenommen. Mit 16 Jahren wurde sie an einen tieinen Adeligen verheiratet, gebar ihm Kinder, half ihm di« Geschäfte führen, um sie später nach seiner Erblindung allein und selbständig wetterzutreiben. Diese Frau, die dem Dichter Ansporn, Helferin. Mutter, Geliebte und vielleicht auch literarisch« Mitarbeiterin war— sie gehörte ihrer Bildung und geistigen Einstellung nach dem Ausgang des 18. Jahrhunderts an. diesem Jahr. hundert der Kulminattvn und des Ausklanqs vieler Kulturen. Man braucht nicht zu fragen, was diese Frau antrieb, sich bis zum letzten für Balzac zu opfern: ihr« Kongenialität ließ sie das Gigantisch« seiner Persönlichkeit über all« Mängel seiner irdischen Menschlichkeit hinaus erkennen. Der Dichter tonnt« seine Freundin nicht enttäuschen: sie hat tn seine oerwirrten Geldgeschäsle«inge- griffen, sie hat bei seinem Ruin als Verleger«inen großen Teil ihres Lermügens zugesetzt, sie hat ihn, w«e ein kleines Mädchen seine vernachlässigten Geschäftsbücher zu ordnen oersucht, sie hat die Ber. schwendung und die Gier dieses Maßlosen begriffen. Wie gleich- gültig ist«e, daß diese Frau ein Bierteljahrhundert alter war als der junge Dichter Sie war für Balzac die große Dame, die Frau, deren Lebensansichten und Ersahrungen ihm, dem ungefügen Bur- schen aus einem Kleinbürgermitieu, die Ejristenz einer anderen Welt vermlttelte. Ihr verdankte Balzac, daß fein Kumtgeschmack sich verseinert«, sie lehrte dem wellfreniden, der Gesellschaft abgewandten Menschen die Formen des guten Tons, sie schuf aus ihm den Schrift- steller, der in den Adelstreisen von Samt Gcrmain heimisch wurde. Aber diese Frau hat noch Größeres an dem um den Erfolg Ringen- den gewirkt: sie bat schon in den kolportag« hasten Jugendwerken. die der später« Bal.zac verleugnete, die groß« Begabung erraten und den Dichter gelehrt, di« Spreu vom Weizen zu sondern: sie gab ihm, vielleicht, ohne daß Balzac solch« Pädagogik l>en>,!ßt empfand, eine subtile, geistig« Erziehung: sie zog ihn in die Sphäre von im- ponderabiler Kultur, die in ihrer Gesamtheit erst den geistig ver- feinerlen Menscben ausmacht. Frau de Berny befaß die letzte, ins Schöpferisch« strebend« Begabung,«ine geniale Rszepttvitätz die nur wenigen Frauen vorbehalten ist. Sie erreichte, was kein Lehrer vollbringen kann: au» einem Menschen di« letzten schöpferischen Fähigkeiten zu locken. Verborgene in positive Energie zu wandeln. Klein« Seele» mögen lächeln, daß Frau de Berny schon Groß- Mutter war. als Balzac sie kennen lernte: ihm war sie„Dilecta", die Geliebte, Mutter und Helferin. Ihr Name umschloß für ihn seine Arbeit, die ersten Erfolge, seinen Eintritt in dir Gesellschaft: mit ihr war sein ganzes Leben unlöslich verknüpft Und als di« immer mehr Alternde fühlte, daß andere Frauen für den Freund Erlebnis wurden, da gab sie ihn srei und verlor den Dichter auch jetzt und später nicht, weil sie ihn niemals gehalien, gebunden, g«> fesselt hatte Und als dl«„Fremde" in Balzacs Leben wie ein Seraph auftaucht, als seine ganze Phantaste zu der Unbekannten hindrängt«, da gestand er dieser in anbetendett Lriesen:„Mein Herz, mein Herz hat erst eine einzige Frau der Welt gekannt, die Frau der Widmung: Et nunc et Semper(jetzt und immer)." Dilecta ist aus dieses Dichters Werk nicht wegzudenken: sie ist nicht nur in I.? Ez-z daiis I» Yallfe; in vielen Frauengestalten seine» späteren Wertes sind Einzelzüge, die an die hingebende und kluge Freundin seiner Jugend erinnern. Unermeßlich ging das Saat« körn auf, dessen Pflege Balzac seiner Dilecta zu dantn hat. Sie hütet« die jungen Knospen am Lebensbaum de» Dichters, erntete die ersten Früchte, die in ihrem nährenden Lichte reiften. Sie war für ihn die Erfüllung jenes Traumes, an dem Michelangelo, Shake- jpeare, Ftaubert litten, da ihnen im Weibe nie die große Einheit von Geist, Körper und Seele entgegenkam, di« di« Phantasie ver- spricht. Unerbittliche Ironie des Schicksals: jene andere Frau, die in Balzacs Leben eine bedeutende Rolle spielen sollte, die„Fremde"' Frau v. Hanska, ivar ihm nur so lange bis zur Erschütterung lebendig— nt« er sie nicht persönlich kannte. Ihre erste Begegnung und die spätere Eh« sind wie eine grausige Tragikomödie. Ewig lebt Dilecta in der Glorie der Dichtung Balzacs. _ Kurt O f f e n b u r g. die erste öeutsthe Reüakteurin. Am 1. Oktober 1917, also vor zehn Jahren, wurde zum ersten Male in Deutschland«ine Frau, Fräulein Edith Wolfs, als politische Redakleurin an einer Tageszeitung fest angestellt, Fräulein Wolfs hatte ihre Lehrjahre an der demokratischen Zeitung von Ludwigshafen absolviert. Seit einer Reih« von Jahren ist sie Redakteurin am„Berliner Börsen-Eourier". Es ist uns nicht bekannt, ob e» heut« noch ander« Redakteurinnen an deutsche» Tageszeitungen gibt Auf jeden Fall war sie die erst« und verdient deshalb— so wenig die Bezeichnung zu dem zierlichen Figürchen passen mag— zu den Pionieren der weiblichen Berusstätigen g«-' rechnet zu werden._ Die Dame. Zur Ausstellung ia der Fuakhalle. Wir sind die Crem« der Elite, Die mondäne Hautevolee. Wir find die erlesenst« Blüte Am Baum« der Menschheitsidee. Wie schreiten, umwogt und umschmeichelt. Durch Meer« von Schimmer und Duft. Uns fächelt und söhnt und st reichest Warmwohlige Treibhausluft. Schwer wallen Samt und Damast«, Es riefelt in Spitzen und Tüll, Der Fächer, der Stift und die Quaste, Das Täschchen- und Fläschchenidyll, Der Bembergstrumps im Brokatschnh, Am Nacken blitzender Stein— Da gehört schon ein Mordsapparat zu, Ein« richtige Dame zu sein! Di« schwellte von unseren Sorgen: Wie trag! man. wie pflegt ml.a sich morgen? Da» wüßten wir Damen so gern! Mr Armen haben ja leider Nur siebenundvierzig Kleider Und die Hülst« ist nicht mehr modern! So schaut man ia Riefenreklaine Die Dame, die Dam«, di« Dame! Die Dam« auf Reisen, Die Dame im Bett, Die Dam« beim Epeisen Und auf dem Klosett, Die Dame beim Baden, Die Dame am Strand» Die Dan,« im Laden, Die Dame bei Kant. Die Dam« am Motor Und kühn al» Pilot, Ani Toto, am Rotor, Lebendig und tot.— Für Morgen, Mittag, Abend, Rocht Hat sie sich zurechtgemacht. Bon ter Wiege bis zur Gnifi, E'nzig wichtig ist die Kluft, Bei der Hochzeit, bei der Scheidung Ist und bleibt der Clou die Kleidung. Auch zum Nichtstun braucht's Genlet Hopp'a. d i e leben! Na und wie! D i e h e d t,