GrunüsoHe ö- In der Zeit der VerfassungskämPfe im Jahre 1913 war es unmöglich, wenn man nicht die Einheit Deutschlands aufs Spiel setzen wollte, reine Weltanschauungsfragen, wie sie sich aus der Verschiedenheit der Bekenntnisse und der Stellung zur Religion unter den Deutschen ergeben, aufzurühren. Man hätte dadurch die Gefahr der Loslösung gefährdeter Gebiete des Rheinlands. Bayerns, Oberfchlesiens vergrößert. Aus dieser Lage erklärt sich der S ch u l k o m p r o m i ß der Reichsverfassung, und zwar sowohl seine wertvolle posi- tive Seite als auch seine Selbsteinschränkung. Wenn der Artikel 146, 1 der Reichsverfassung festlegt, daß weder die wirtschaftliche Lage noch das Religionsbekenntnis der Eltern bestimmend dafür sein dürfen, welche Schule ein Kind besucht, so bedeutet dieser wesentliche Grundsatz der Verfassung nichts anderes als den Willen der Nation und ihrer Vertreter, ein einiges Volt zu bilden, die Gegensätze zu überbrücken und weltanschauliche Fragen der geistigen freien Entscheidung des einzelnen zu überlassen. Ganz auf demselben Boden stehen die Bestimmungen der Verfassung, nach denen jeder Lehrer das Recht hat, den Religionsunterricht niederzulegen und sich von den kirchlich-religtösen Schuloeranstaltungen zurückzuhalten: und die zweite entsprechende Bestimmung, nach der die Eltern die Freiheit haben, ihre Kinder aus dem Religionsunterricht abzumelden. Dem gleichen Wunsch entsprang auch die Be- stimmung, daß an der allen gemeinsamen Volksschule Reli- gionsunterricht gegeben werden müsse. Man überläßt es ja durch diese Bestimmung dem einzelnen und seiner freien Entscheidung, ob er daran teilnehmen will oder nicht. Freilich ist diese letzte Bestimmung schon nicht ungefähr- lich, da die Verfassung bestimmt, daß der Religionsunterricht nach den Grundsätzen der Religionsgesellschaften gegeben werden soll-, eine voreilige und über das Ziel hinausschießend« Auslegung dieses Grundsatzes war es, daß die Kirchen darauf- hin forderten, daß sie allein das Recht hätten, festzustellen, ob dieser Religionsunterricht ihren Grundsätzen entspricht. Damit haben die Kirchen unrecht. Ihre Lehren sind tofn Geheimnis. Sie stehen in ihren Bekenntnisschriften, sie sind durch Work und Schrift jedem Gebildeten zugänglich. Und der Staat ist sehr wohl imstande, darüber zu wachen, daß die Kinder nicht wider ihren oder der Eltern Willen anders unterrichtet werden als die Kirche lehrt. So aufgefaßt bleibt auch diese Bestimmung erträglich. Schwerer konnte man sich damit abfinden, daß im Artikel 146, 2 eine Ausnahme von der Regel— der Volksschule für alle Kinder des Volts— gemacht wurde. Dort wird nämlich bestimmt, daß innerhalb der Gemeinden auch Bekenntnisschulen oder weltliche, d. h. bekenntnisfreie Schulen, errichtet werden können, und daß dabei der Wille der Er- ziehungsberechtigten möglichst zu berücksichtigen ist. Man lese in Heinrich Schulz' interessantem Buch„Der Leidensweg des Reichsschulgesetzes" die Gründe dieser unerfreulichen Bestimmung nach. Dort wird man auch die Erklärung dafür finden, daß schließlich im Artikel 174 der Verfassung die ganze Durchführung dieser Bestimmungen oerschoben und an ein Reichsschulgesetz gebunden ist. Für jeden logisch denkenden Menschen— ich habe immer gefunden, daß die Frauen der Logik ebenso leicht zugänglich sind wie die Männer— steht also fest, daß die Regel für die deutsche Schule die Gemeinschaftsschule. für alle ist. Für Berufsschulen, mittlere und höhere Schulen läßt die Verfassung r Volksschule. auch keine einzige Ausnahme zu. Für die Volksschule gestattet sie eine Ausnahme. Aber doch nur eine Ausnahme! In einer Gemeinde, in der es keine Regelschule, d. h. keine Simultanschule gibt, darf natürlich auch keine Aus- nahmefchule existieren. Das ist der Sinn und der Wille der Gesetzgebung. Im kleinen Dorf gehören alle Kinder zu- sammen, damit ein geordneter Schulbetrieb entsteht. Gerade diesen geordneten Schulbetrieb schützt die Verfassung bewußt. Sie erlaubt Antragsschulen für Bekenntnisse oder Welt- anschauungen nur, wenn dieser geordnete Schulbetrleb er-- halten bleibt. Das Reichsschulgesetz ist nur dann der Verfassung ent- sprechend, wenn es genau umreißt, wann diese Ausnahmen möglich sind. Eine Gemeinde darf nur dann eine Ausnahme- schule errichten, wenn Kinder oder Eltern berechtigten Grund haben, sich in der Regelfchule ihrer Gemeinde in weltanschaulicher Hinsicht geschädigt zu fühlen. Das müsseck sie nachweisen. Und da die Verfassung auf Duldung Anders- denkender aufgebaut ist, muß zuerst der Versuch gemacht werden, solche Schädigungen auszuräumen. Es darf kein Lehrer Andersdenkende oder in anderen Anschauungen er- zogene Kinder verletzen, und er muß es auch hindern, daß die Schulkameraden unter sich das tun. Erst wenn dieser Versuch erfolglos bleibt, darf eine Ausnahmeschule, eine' Bekenntnisschule errichtet werden. Aber auch nur dann, wenn nicht etwa oas System der Regelschule verkürzt wird. Gerade auf diesen Punkt müssen wir Mütter den großen Wert legen. Unsere Kinder brauchen im Lebenskampf eine reiche Bildung. Es ist ein innerer Widerspruch, daß wir in Deutschland, wo wir nichts so nötig haben wie eine hoch- entwtckelte geistige Schulung unseres gesamten Voltes, damit wir uns wirtschaftlich überhaupt halten können, noch Tausende von einklassigen Schulen besitzen. Die Verfassung macht den Weg frei zur Bildung leistungsfähigerer Schuloerbände, in denen man dann größere Schulsysteme aufbauen kann. Für unsere Mädchen hat das noch eine besondere Be- deutung. In der einklassigen Schule— im östlichen Deutschland auch in der zweitlassigen— fehlt neben dem Lehrer die Lehrerin, die seine natürliche Ergänzung sein sollte. Wir Frauen aber wollen neben dem männlichen den weiblichen Einfluß auf unsere Kinder nicht vermissen. Darum ist für uns der Keudellsche Gesetzentwurf völlig unmöglich. Diesep Keudellsche Gesetzentwurf läßt die Gemeinschaftsschule für alle ganz unter den Tisch fallen, wenn er sie auch mit Worten als gleichberechtigt neben der Ausnahmeschule hinstellt. Er zer- reißt unser gesamtes Schulwesen, trennt deutsche Kinder nach den Bekenntnissen ihrer Eltern, was ja so unnatürlich fürsi kindliche Leben ist wie nur möglich, entfacht einen Kampf um die Weltanschauung zwischen den Eltern des Proletariats» den gerade die arbeitenden Schichten niemals brauchen können. Freilich rechnen die Verfasser dieses Gesetzentwurfs ganz besonders auf die Frauen. 40 Eltern sollen ja schock genügen, um eine Antragsschule einzurichten. Man hofft. daß man leicht in jeder Gemeinde 40 ängstliche Frauen mit Hölle und Teufel wird schrecken können, damit sie solche An- träge unterschreiben. Wir aber wenden uns nicht an die entmutigten und verängstigten, sondern an die klar und gerecht denkenden Frauen. Sie werden erkennen, daß wir nur durch Festhalten an den Verfassungsbestimmungen, durch Vermeidung eines Schulkampfes, der in jeder Gemeinde ent- brennen müßte, wenn dieser Entwurf Gesetz würde, gerade in Schulfraaen weiterkommen. So lange wir uns um das Bekenntnis streiten, so lange werden wir nie die hochentwickelte Schule haben, die die Verfassung will, so lange werden wir es nie erreichen, daß die begabten Kinder auch einfacher Leute in der Schule die Bildung erhalten, die ihrer Anlage und Neigung entsprechen. Jede einzelne Mutter muß um ihres Kindes willen gegen diesen Gesetzentwurf kämpfen. Wir alle aber wollen es tun um jener großen Mütterlichkeit willen, die die ganze Generation mit lebendiger Fürsorge umfaßt. Hildegard Wegfcheider. werben und schaffen am wert! Novembertage, Gedenktag« der Revolution, erwarten von uns störkste Entfaltung unserer werbenden Krast. Es gilt, den Massen Echoffensmöglichkeiten zu erschließen am Werk des Ausbaues einer sozialen Gcsellschast durch verantwortliche Auswertung der Demo- kratie. Die Feinde der Demokratie haben es uns diesmal leicht ge- macht. Bitter sind die Lehren, mit denen sie blindes Vertrauen heimzahlten. Die Bürgerblockregierung bescherte uns neue Zölle auf die notwendigsten Lebensmittel. Damit half sie die Sorgen der proletarischen Hausfrau und Mutter ins ungemesscnc vennehren. Die Rationalisierung der Arbeit in der Industrie— äußerst verfeinerte Anspannung der menschlichen Arbeitskraft neben der Steige- «mg der maschinellen Ersatzkraft— entwerten das Proletarierleben immer mehr. Die Zahl der Arbeitssähigen und doch schon zum alten Eisen geivorfenen wird täglich größer. Dabei muh jede Lohner- höhung bitter erkämpft werden. Aber nicht nur wirtschaftliche Rot der Massen kennzeichnet den Weg der herrschenden Bürgerblockregierung. Sie ist bestrebt, die seelische Not, die wirtschaftlicher Druck ohnehin erzeugt, durch geistige Knebelung zu vermehren, die Massen widerstandslos der Aus- beutung preiszugeben. Die geistig« Entwicklung, die die Republik einleitete, soll zurückgeworfen werden. Dagegen gilt es Menschen zu mobilistercn, Männer und Frauen der Arbeiterklasse ihrer Aufgabe zuzuführen. Der Mensch darf sich seinem Schicksal nicht mehr widerstandslos ergeben. Er darf es nicht sehen als eine vereinzelte Erscheinung. Er muß es erkennen lernen als den Einzelfall eines Massenschicksals, das geändert werden muß. Und geändert wird es werden, wenn der Sozialismus Massen- wille wird, weil er Einzelerlebnis geworden ist durch Mitarbeit in der Arbeiterbewegung. Das ist der tiefere Sinn unserer Werbe- aktion: den einzelnen diesem Erlebins näherzubringen. Unsere Werbe- krast entspringt dem Bewußtsein, als Arbeiterklasse berufen zu sein zu dem Kamps gegen Klassenherrschaft, sür gleiche Rechte und Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. In der Ueberzeugung, daß die Arbeiterklasse diesen ihren Kamps nicht führen und ihre Organisation nicht voll entwickeln kann ohne polittsche Rechte, gab sie In dem Augenblick ihrer revoluttonären Macht in den Nooembertagen 1918 auch den Frauen die vollen politischen Rechte der Demokratie. Die politischen Rechte der Frauen werden sich erst dann aus- wirken für die Befreiung der Frau von den besonderen Fesseln, die Staat und Gesellschaft ihr auserlegen, wenn die Frauen den Weg zur Arbeiterbewegung und zum Sozialismus gefunden haben, wenn sie als Erzieherinnen des Nachwuchses seine Ber- kllndcrinnen geworden sind. Darum ist jede sozial!» pischc Werbewoche»in besonderer Appell an das GewissenderFrauen. M. T. Die Zrauen Oesterreichs im Kampf. In Deutschland ist e« dem unermüdlichen Ansturm der Sozial- demokratie gelungen, den Abtreibungsparagraphen einig« der schlimmsten GistzähiK auszubrechen. In Oesterreich dagegen hält die Reaktion zäh an dem Schandartikel 144 des österreichischen Strafgesetzbuches fest. Der dem Nationalrat vorliegende Entwurf eines neuen Gesetzbuches hat aus deni alten diesen Artikel übernommen. Dagegen fanden am 25. September die ersten Massenprotestversamm- lungen statt. Iin übersüllten grvszen Konzerthaussaal führte Genossin Bundes- rötin M a r i e B o ck den Vorsitz in einer Versammlung von D e l e- gierten, die 110 000 organisierte sozialistisch« Frauen von Wien uertrate», sowie von Delegierten aus!�r Provinz vorn Bund österreichischer Frauenverein«. Genossin Adelheid Popp wandle.sich gegen den unerhörten Zustand, ,.daß nach einem langjährigen, Hefligen Kamps mn die Ab- schafsung dieses Paragraphen diese Unmenschlichkeit weiterde- stehen soll". Im Notionalrat hat der Redner der C h r i st l i ch- sozialen, der stärksten Regierungspartei, erklärt, daß in diesem Punkte eine Angleichung an das deutsch« Gesetz nicht»ölig sei, da der Notstandsparagraph genüg«. Demgegenüber bestimmt der Z 254 des deutschen Entwurfs, de» unsere Regierung nicht über- nommen hat:„Eine Abtreibung im Sinne dieses Gesetzes liegt nicht vor. wenn ein approbierter Arzt die Cckiwangerschast unterbricht. weil es nach den Regeln ärztlicher Kunst zur Abwendung einer auf andere Weise nicht abwendbaren ernsten Gefahr sür Leben oder Gesundheit der Mutter erforderlich ist". Wir fragen:„Welches Interesse steht höher: schon lebenden Kindern ihre Mutter zu erhalten oder die Mutter preiszugeben und zu den Kindern, die schon da find, noch eine neue Waise hinzuzufügen?" Der Staat hätte nur dann das Recht, das schrankenlose Gebären zu fordern, wenn er gleichzeitig die Sorge für jedes Kind, das geboren wird, übernimmt... Wir wissen sehr wohl, daß die Schwanger- schaftsunterbrechung durch keine Strasbestimmung aus der Welt ge- schafft wird. Die Statistik zeigt, daß die Zahl der Fälle, die vor Gericht kamen, nach dem Kriege stieg, aber nun eine geringe Ab- nähme zeigt. Nun macht sich die Wirkung der A u s k l ä r u n g fühlbar, die insbesondere der Bund für Geburtenregelung leistet, daß die Empfängnisverhütung besser ist al» die Schwangerschaftsunterbrechung. Der Notstandsparagraph ist nichts als ein Werkzeug der Willkür in den Händen der Richter, die vielfach noch unter dem Einfluß ver- alteter Gedankengänge stehen. Wir fodern klare Bestimmungen in voller Angleichung an den deutschen Entwurf, der uns allerdings»och nicht genügt. Stadtrat Tandler, Leiter der Fürsoraeabteilung des Stadt» rots und Professor sür Anatomie an der Wiener Universität, de- handelt« die Frage vom medizinischen Standpunkt und erklärte, daß der Gesetzentwurf Mißtrauen den Aerzten gegenüber zeige und am schwersten die Frauen treffe, die kein Geld haben. Bundesrätin Therese Schlesinger sprach von der Heuchelei der Reaktionär«, die von der Heiligkeit des Menschenlebens reden und stets bereit sind, Menschen in den Krieg zu schicken. Die einstimmig angenomniene Entschließung weist„sowohl die Unmenschlichkeit gegen die Frauen, als auch die Verdächtigung jenes Teils der österreichischen Aerzteschast zurück, der seit Jahren gegen die Barbereien des§ 144 gekämpft und sie erklärt, daß diese Aerzte ihre Pflicht weit besser kennen als ein« Regierung, die um eines leeren Dogmas und um eitlen Machtstrebens willen, Bürge- rinnen unserer Republik ins Verderben zu stoßen trachtet. Die Ver- sommlnng verwahrt sich entschieden gegen die neuerliche gesetzliche Berankerung des jetzigen barbarischen Zustandes. Sie würde die Anerkennung der medizinischen Indikation nur als einen ersten Schritt auf dem Wege betrachten, der zlir Erfüllung jener Fordeningen führt, die unser Linzer Parteiprogramm in bezug auf die Bevölkerungsfrage enthält". Schluß mit der Proletenvilla! Der kleine Aufsatz„Wozu die Proletenvilla?", dieser„Notschrei einer Hausfrau", hat teils Zustimmung bei Leidensgefährtiniren. teils heftige Ablehnung gefunden. Bezeichnend ist, daß die ableh- nenden Stimmen fast durchweg von Männern kamen, die selbst die Nachteile einer verfehlten Bauweise nicht derart am eigenen Leibe spüren wie die Hausfrau. An dieser Stelle behauptete«in Genosse kühnlich, daß„solche Dinge", nämlich die Placierung der Möbel, die Gesahren der steilen Trepp« sür klein« Kinder und die Schwierigkeiten der Krankenpflege„nicht enistlich" gegen das Ein- familienhous angeführt werden könnten. Aber ist es denn nicht ernst genug, wen» Frauen in solchen Wohnungeii unlerieibsleidend werden, wenn sie Krampfadern und geschwollene Füße bekommen, wenn sie klagen, niemals mit ihrer Arbeit fertig werden zu können, wenn st» in ihrer Ermattung abknds keine Spannkraft mehr für geistige Interessen finden? 5r Auch der Einwand, daß„der Mletskascrnenbewohner ja meist noch zu ganz anderem unfreiwilligen Treppensteigen gezwungenwird, ist aus der männlichen Perspektive gesehen. Denn, ohne das Mictskasernensystem im geringsten verteidigen zu wollen, muh doch gesagt werden, daß es, mit Adam Riefe, für die Hausfrau leichter ist, etwa zweimal am Tag schlimmstensfalls vier Treppen hin» auf und hinunter zu steigen, als etwa zwei Dutzend Male mn Tag und öster eine Trepp«. Unter„kollektiver Bauweise" will Ich nicht die Miets» kasernen alten Stils verftairden haben, sondern durchdachte Typen- bauten mit vielen zusätzlichen Räumlichkeiten, die gemeinsamen Bedürjnissen und der Pflege des Gemeinschsstsgeistes dienen, als da stnd Versammlungs- und Leseräume, Sport- und Spielplätze, ge- meinfamc Baderäume, Kindergärren und nicht zuletzt qemeinsaine Waschküchen. Sollte denn das, was die soziaiistische Wiener Gemeindeverwaltung gejchajfen hat, für uns als Vorbild ganz wert- los fein? Ist es denn nötig, daß in unseren deutschen Neubausied-- lungen jedes Einsamilienhaus seine besondere Waschküche mit teurem eingebauten Waschkesscl, Wasserzu- und-ableitung sowie Trockenboden erhält? Wäre es nicht richtiger, die für solche unpro- duktiocn. individualistischen Ausgaben ersparten Mittel sür solche kollektiven Schopsungc» cinzuseßen? Wann endlich wer- den unsere deutschen Architekten den Mut ihrer Wiener Kollegen aufbringen? Warum haben eigentlich die Wiener Genossen keine Einsamilien- Häuser gebaut, sondern sünsstöckig« Häuserblocks? Weil es ihnen in erster Linie aus billiges und schnelles Bauen ankam! Wir sind in Deutschland doch nicht In einer so gründlich anderen Lage, daß wir uns den Luxus des massenweisen Einfamilienhauses ruhig gestatten können. Wir brauchen Kleinwohnungen, und noch einmal Kleinwohnungen, während die Mieten des Einsamilien- Hauses überhaupt nur vom sestbesoldeten Mittelstand tragbar sind. Die seelischen Einwirkungen des Einfamilienhauses sind auch nicht nur günstig einjfuschätzen. Es wiederholen sich nur zu häusig Klagen, die man auch angesichts der Schrebergartenbewegung er- hoben hat, Klagen über Verspießerung und Versimpelung des ewig mit Häuschen und Gärtchen beschäsiigten Einsamilicnhausbewohners. Gegen den Einfamilienhausgarten spricht außerdem das Unglück- selige Handtuchformat. Gartenanlagen sind nicht notwendigerweise nur mit dem Einfamilienhaus möglich, sondern sehr wohl auch mit dem Etagenhaus unter Berücksichtigung sämtlicher Mietsparteien zu verbinden. Ein anderer Verteidiger des Einsainilienhauses(Genosse Peus, Anhalt) anerkennt zwar die Klagen über das mehrstöckige Ein- familienhaus als berechtigt, befürwortet aber statt dessen das flache, einstöckige Einfamilienhaus. Natürlich wäre ein« solche Bau- weise geradezu ideal, aber wir leben nicht alle in Städten wie Dessau, wo solche Ideale eher verwirklichbar sein mögen, während ste in Großstädten als Utopien erscheinen. Wenn wir mit zwei- bis dreistöckigen, gesunden, sonnigen Etagenhäusern, aber mit grünbestandenem Spielhos für die Kinder und gemeinsamen, elektrisch betriebenen Waschküchen am schnell- sten und ohne gesundheitliche Mängel zu dem Ziele kommen, brcn- nenden Notständen abzuhelfen, so sollten gerade wir Frauen uns sür eine solch« Bauweise eilisetzen. Hedwig Schwarz. wozu Eheberatung! Jüngst haben sich eine Menge angesehener Sozialhygienikcr in Berlin zufammengesunden, um die Entstehung einer neuen Pflanzen- ort aus deni Garten der Sozialhygiene zu feiern und zu besprechen, einer Art, die vorläufig»och recht kümmerlich wächst und, weil sie noch so klein ist, wenigen bekannt und oft übersehen wird: Ehe- beratung. Und die nicht nur von vielen übersehen, sondern auch an- gegriffen und bespöttelt wird. Bon bürgerlicher Seit« wird ihr vorgeworfen, daß sie eher zu einer Verminderung als zu einer Steigerung der Geburtenzisser beilrage, auch wird gerade von dieser Seite häusig der p e r s ö n l i ch e Charakter des Liebes- und Geschlechtslebens betont, In das inan nicht Hereinreden dürfe, von sozialistischer Seile wird sie noch nicht genügend gewürdigt und gegen sie eingewendet, daß sür die vielen tausend Prolctarievehcn nicht ein wohlmeineirder juristischer oder medizinischer Rat entscheidend sei, sondern die wirtsck><>jtlich«n Verhältnisse: das Einkommen, die Sicherheit der Existenz, die Enge der Wohnung, kurz: die Wirtschaft- liehen und politischen Bedingungen, unter deiien wir leben und die eben der Sozialismus erst zu ändern bestrebt sei. Voraussetzung für das Gedeihen einer Che sei, daß der eine Ehepartner den seelischen und körperlichen Bedürfnissen des anderen genügen könne und nicht daran gehindert werde— zumal die Frauen— durch Inüber- nnspruchnahme mit Arbeit, Kinderreichtum, Entbehrung, Krankheit. Diese Beweisführung gilt aber nur in eben dem Maße, wie sie z. B. sür die Tuberkulose gilt: heutzutage bestreitet niemand mehr, daß die Voraussetzungen sür die allgemeine Ausrottung der Tuberkulose, der Proletarierkrantheit, eine Aenderung der wirtschaftlichen Ver- hältnisse, d. h. eine Aenderung in der Ernährung, Wohnung, Ar- beitsart ist. Zlber trotzdem ist es Pslicht und Freude des Sozial- hygienikers, auch unter den jetzigen kapitalistischen Verhältnissen, die Tuberkulose zu bekämpfen, wo und wie er kann. Ebenso liegt es in der Eheberatung, und wie auch heute schon dem einzelnen Tuberkulösen geHolsen werden kann, wenn auch die Seuche als Ganzes noch nicht auszurotten ist, so kann auch in mancher Ehe helfend eingegrissen werdcn, auch solange wirtschaftliche Not, Strasrecht, Wohnungsmisere aus dem Proletariat lasten. Was drückt die Proletariersrau in der Ehe am meisten? Die zu vielen Kinder, zn viele, um si« ausreichend ernähren und aufziehen zu können, zu viele für den Körper der Frau, der von der Dreiheit: Kinder— Arbeit— Elend vorzeitig— zumal wenn die Geburten schnell auseinandersolgen— zerrüttet und eheuntauglich gemacht wird. Dagegen wußten die Frauen bisher in den meisten Fällen nur aus zwei Arten Rat, entweder den einen, sür Leben, Gesundheit und Freiheit der Frau allzu gefährlichen: die Abtreibung, oder den anderen: Schutz gegen Cmpsängnis, der so, wie er von de» Frauen angewandt wnrde, oft unzureichend, manchmal auch schädlich war. Hier hat der Eheberater zu raten. In den Fällen freilich, wo die Frau, verzweifelt über die neue Frucht, die in ihr wächst, zu ihm kommt, ist es zu spät. Hier kann auch er nicht gegen das Strasrecht. Aber wie das Zuviel, drückt auch manchmal das Zuwenig an Kindern, das Ausbleiben von Kindern überhaupt, die Proletarierfrauen. Ueberhaupt einmal Mutter werden, wollen auch heute»och die meisten Frauen. Den Grund der Unsruchtbarkeit aufzuspüren. Rat zu geben, an die geeignete Stelle zu überweisen, wenn er selbst nicht eingreifend Helsen kann, ist Sache des Ehe- beralcrs. Was lastet noch auf der Proletarieifra»? Ehe schwierig. k e I t e n und Zerwürfnisse. Oft ist es unmöglich, das erste Glied dieser Kette zu erkennen. Was waren die ersten Gründe? Das Nichtsattwerden, dauernd in einem engen Wohnraum zu- sammengequetscht werde», die dauernde Sorge um die Stellung, Krankheit oder Nervosität, krankhafte Anlage des einen Ehegatten? Eines hat sich gewöhnlich an das andere geschlossen, unübersehbar er» scheint die Fülle von Mißverständnissen, Empsindlichkeiten, Krön» kungen, kleinen Gehässigketten, von denen eines auf der einen Seite immer ein anderes auf der rinderen Seite erzeugt hat. Und trotz dieser Verwirrung gelingt es manchmal einem Unparteiischen, nur dadurch, daß er gerecht zuhört und hereinleuchtet in die Verwirrung, Ausklärung und Hilfe zu schaffen. Und schließlich noch ein Letztes, das zwar das Proletariat nicht drückt, ober doch von Bedeutung für es ist: Wir haben kein Jnlcr- esse oaron, ein Lumpenproletariat zu erzeugen, krankhaste, minder- wertige Nachkommenschaft. Die Eheberatungsstelle hat auch die Ausgabe, Leute, die Kinder haben wollen, daraufhin zu unter- suchen, ob bei ihnen die Wahrscheinlichkeit besteht, daß sie gesunde, durchschnittlich« Kinder erzeugen. Also nicht etwa in das Liebes» leben der einzelnen, solange sie zu zweit bleiben wollen, einzugreisen, beabsichtigt die Eheberatung, sondern nur nach den jetzigen Erkennt- nissen der Wissenschast vor dem Zusammenschluß zur Kindererzeu- gung einen Rat zu geben, damit nicht etwa die vor der Geburt erwünschten Kinder nachher eine Last für die Eltern und die Gesell- schaff werden. Stadtschularzt Dr. Kollwitz. * In Berlin arbeiten folgende, zum Teil städtische, Ehebcratungs- stellen: 1. Im Bezirksamt Wcdding: Wattftraße 16, Mittwoch 12—1 Uhr für Frauen, Freitag 17—18 Uhr für Männer. 2. Im Bezirksamt Prenzlauer Berg: Dunckerstr. 61, Dienstag und Freitag 17—19 Uhr. 3. Im Bezirksamt Jriedrichshain: Schillingbrücke 2, Donnerstag 10—21 Uhr. 1. Im Bezirksamt Kreuzberg: im Gesundheit: Haus Am Urban 10—11, Montag 19—20 Uhr, Mittwoch 11—12 Uhr. 5. Im Bezirksamt Neukölln: Erkstraße 27, Mittwoch und Freitag 17—19 Uhr. 6. Im Bezirksamt Lichtenberg: im Hubertuskrankenhaus täglich vormittags: im Gesundheitsamt, Türrschmidtstrahe 24—26, Dienstag und Donnerstag 13— 15 Uhr. Sonnabend 12— 13 Uhr. 7. Im Bezirksamt Treptow ab 1. November: Niedcrschöncwcide, Grünauer Straße 1a, Montag 16—17 Uhr für Frauen. Mittwoch 15— 16 Uhr sür Männer. Außerdem im Institut für Sexualwissenschaft: In den Zelten 10. Erziehung zum fllkohol. Bubi ist ein Kind des Weinlandes. Wenn er auch trotz seiner zwei Ichre kaum einzelne Wort« sprechen kann, darf er doch a» Mutters Weinglas nippen. Er verzieht das Gesicht— der Wein ist leicht säuerlich. Aber er nippt noch einmal, noch mehreremal an dem hingehaltenen Glas«, lösfelt dazwischen seine Suppe. Ihm wird ganz lustig zumute. Der Lössel scheint gut zum Allotriatreiben, auch die Dinge auf dem Tisch. Für seine Suppe hat er plötzlich jegliches Interesse verloren. Arme und Beine sind sehr beweglich geworden, viel zu beweglich, sie gehorchen ihm nicht mehr. Wie sollten da Zuspruch, Verbot, Drohung der Mutter noch von irgend- welcher Bedeutung für ihn sein? Er klettert aus der Bank umher, unter Lachen und Lärmen, bis Mutter ihn niederzieht auf den Sitz. Er soll noch einmal nippen. Er läßt sich den guten Schluck aus- nötigen, unr ihn sofort ins Glas zurückzugeben. Ein Schlag auf den Mund, ein zweiler und ein„warte, du garstiger Bub," sind die mütterliche Belohnung sür Bubis Weigerung, sich den erregenden Alkoholgenuß weiter aufzwingen zu lass«n Dieses Mal verzieh« er das Gesicht, weil er große Lust hat zum Weinen. Bubi wird klüger werden, was den Wein angeht. Er wird lernen, ihn nicht zurückzuweisen. Bis er die Kinderschuhe ausgc- treten hak, kann er es herrlich weit gebracht haben in der Schätzung de» Alkohols. Ob ein aufmerksamer Beobachter im Lande des Bieres nicht dasselbe in Grün findet, ähnliche Szenen, in denen an Stelle des Weines das Bier figuriert? Man denkt leicht, ein paar Tropfen werden dem Kinde nicht gleich Schaden bringen. Man irrt. Für den zarten, ungefestigten Organismus des Kindes, der all seine Kräfte zum Aufbau braucht, ist seder diese Kräfte paralysierend« oder von ihren zweckmäßigen Funktionen ablenkende Tropfen— Gift, das Schädigung physischer wie seelisch-geistiqer Entwicklung zur Folge hat. Steter Tropfen höhlt den Stein. Langsam aber stetig sammeln sich die giftigen Tropfen zu ungesunden Säften im Körper des Kindes, zehren an ihm. Langsam und stetig sammeln sich Trink- gelegenheiten zur Trinkgewohnheit, zur Gier nach ungesunden Ge- nüssen. Nervosität wird geweckt und verstärkt, der Geist eingeschläfert, die Willenskraft untergraben, die Widerstandskraft notwendiger und wehltätiger Hemmungen zerstört, der Charakter verdorben. Ge'stige und sittliche Verderbnis wird so vorbereitet. Langsam und stetig, wenn auch unmerklich kann der Keim gelegt und herangezogen werden zum Gewohnheiistrinkertum. Darum keinen Tropfen Alkohol für das Kind, welchen Alter- es sei. Sascha Rosenthal. Säuglingssterblichkeit. Für bns Jahr 1926 liegen jetzt die vorläufigen Zahlen über die Säuglingssterblichkeit vor. Von je hundert Lebendgeborenen sind im erste» Lebensjahr 19,1 wieder gestorben. In den vorhergegangenen Jahren lagen die Verhältnisse noch etwas ungünstiger. Von je hundert Ledendgeborenen starben im ersten Jahr: 1913......... 15,1 1923......... 13,3 1924......... 10,9 1925......... 10,5 1926......... 10,1 Erfreulicherweise ging also die Säuglinzssterblichkeii von Jahr zu Jahr etwas zurück. Im wesentlichen ist das auf bessere gesund- heitlich« und materielle Fürsorge zurückzuführen. Für Deutschland, das sich so gern seiner besonders guten hygienischen und sozialen Fürsorge rühmt, ist ein Vergleich mit der Säuglingssterblichkeit in anderen Kulturländern nicht gerade sehr ehrenvoll. Von je hundert Lebendgeborenen starben(im letzten Jahr, für das eine Statistik des betreffenden Landes vorliegt) in Dänemark... 8.1 Holland.... 6,1 Frankreich... 8,9 Norwegen... 5.0 England.... 7.6 Schweden... 5,5 Irland..... 6,8 Schweiz.... 6,2 Noch hoher als bei uns ist die Säuglingssterblichkeit in folgenden europäischen Ländern: Italien, Spanien, Oesterreich, Ungarn. Tschechoslowakei, in den Balkaniändern und in den russische!, Rand- staaten._ A.®. Krauen als Setriebsleiteriunen. lieber die Frauen an leitenden P o st e n in der Wirtschaft bringt der Arbeitsbericht des Verbandes der weiblichen Handels- und Bureauangestellten folgende Angaben: Es wurden nach dem„Deutschen Reichsanzeiger" im Jahre 1926 Prokura erteilt an........... 589 Frauen im erste» Halbjahr 1927 an........ 297, Zu Geschäfsführern wurden ernannt 1926 344, im ersten Halbjahr 192?......... 105, Als Liquidatoren wurden 1926 beauftragt... 107„ im ersten Halbjahr 1927......... 27, Das Internationale Frauenkomitee m Köln. Eine Sitzung de» Internationalen Sozialistischen Frauenkomitees findet am 10. und 11. Dezember In Köln, im Senatssaal, statt. Marie Juchacz erstattet über die Vorbereitung der Konferenz von 1928 Bericht. Todesgefahr mit Lippenstift. Darf inan den Zeitungsberichten trauen, so ist Amerika mieder einnial in Verzückung geraten. Diesmal gilt die Verzückung der wunderschönen Miß E l d e r. die mitten tm Oktober den verwegenen Versuch unternommen hat. den Ozean zu überfliegen. Die Begleit- umstände ihre» Fluges haben es der Reuen Welt angetan: die Lan« dung im Meere, die dramatische Rettung durch einen holländischen Oelbunker»nd vor allem die kühle Selbstverständlichkeit im Verhalten der Geretteten, die— kaum hat sie den Fuß über die Reeling gesetzt— den Lippenstift hervorzieht, indes das Flugzeug, das sie gerade t erlassen hat, prasselnd in Flammen ausgeht. Fürwahr, kein Kino ist so schön wie dieje Wirklichkeit! Schon lesen wir bei einem amerikanischen Zeitgenossen, ganz im Stil« der verbindenden Kino- texte, wörtlich:.So bemalt« sie ihr« preisgekrönten Lippen, unbekümmert darum, daß sie eben um Haaresbreite den Krallen des Todes entgangen." Taufendfach wird das in fetten Lettern Millionen Menschen ins Bewußtsein gehämmert, über den O.zean gekabelt. In Leitartikeln gepriesen..Tod und Lippenstift", so hören wir, sei die Formel für unsere Zeit und Miß Eldcr die Verwirklichung des neuen Heldentums. Es sei nicht verschwiegen: die„Morning Post" in London Ist skeptisch. Sie wagt es, den Lippenstift anzuzweifeln..Hätte Miß Elder", so sagt dieses weise Blatt,.eine Puderquaste hervorgeholt und ihren Bubitops mit einem Kamin zurechtgerückt, so wäre der Lippenstift glaubwürdig. Aber keine Miß Elder konnte das eine tun und das andere lassen." Der Lippenstift allein, so meint die Zeitung, spreche gegen die Wahrheit dieser Episode. Fern sei uns ein solcher Zweifel, zumal da der Lippenstift ja elbst im Logbuch des holländischen Kapitäns verzeichnet wurde. Wir ind bereit, den Lippenstift historisch zu nehmen. Die Puderquaste und die übrige Schönheitswerkstatt waren vermutlich gerade in die Luft geflogen, als man sie benötigte. Nicht der Lippenstift selbst fordert unseren Protest heraus, sondern die Tatsache, daß er zu solcher symbolischen Würde emporgehoben wurde. Denn die Zusammen- stelluNg„Tod und roter Farbstift" soll anscheinend ein neues Be- griffspaar darstellen und den kalten, seiner selbst unbewußten Herois- MUS eines muen Geschlechts verherrlichen, das ohne Nerven geboren rvard. Dabei ist diese Zusammenstellung lediglich ein neuer Beweis für das uralte Nebeneinander von großen und kleinen Zügen im Menschen, von Selbstentäußerung, Mut, ja selbst Heroismus auf der einen und Eitelkeit auf der andere» Seite. Uebermenschiiches— wenn man ein so großes Wort für den Unternehmungsgeist der Atlqntikflieger gelten lassen will— und Allzumenschliches liegen hier, wie in uns allen, durch ein« unsichtbare Scheidelinie getrenni. beicin- ander, und niemand, der von einer Mutter geboren ward, hat je etwas Ungewöhnliches versucht, der nicht irgendwo seinen sichtbaren oder unsichtbaren Lippenstift herausgeholt und sich damit, innerlich' oder äußerlich, bemalt hatte. Es ist merkwürdig, daß eine Gene- ration, die den Krieg erlebt hat, ein« solche elementare Tatsach« auch nur eiiion Augenblick vergessen konnte. Sind wir nicht all« einmal Helden gewesen und haben schon im nächsten Augenblick wieder grandios oersagt, uns— bildlich gesprochen— mit dem bewußten Lippenstift bemalt, uns unserer Tat gerühmt, ohne daß bei der Aus- führuug dieser Tat auch nur ein Funken selbstischer Niedrigkeit niit- gewirkt hätte? Wir gönnen Miß Elder den Lippenstist, den das explodierende und versinkende Flugzeug magisch beleuchtete. Wir gönnen ihr alle Filmkontrakte und Heirntsanträge, die nunmehr dank dem Tauinet eine? Kontinents auf sie herabregnen. Aber täuschen wir uns darüber nicht: das Toben der Druckerschwärze droht eine Begriffs- Verwirrung über menschliche Größe zu schassen, die ein« neue Gene- ration oller zuverlässigen Maßstäb« für echten Wert und wahre Leistung berauben muß. Wir, die wir vor der Eroberung der Welt durch den Amerikanisnius mündig geworden sind, wisse», daß der wahre Heroismus auf dieser Erde keine Schlagzeilen und Riesen- schecks findet. Dia Heranwachsenden aber müssen, wenn wir der geistigen Ainerikanisierung der öffentlichen Meinung auch bei uns tatenlos zusehen, die Leistung mit dem Erfolge verwechseln und keine Größe gelten lassen, die sich nicht in Ziffern ausdrücken läßt. Den Lippenstift in allen Ehren! Nur pflegt es der wahren Größe selten zu gelingen, den Lippenstist sin richtigen Augenblick herauszu- holen und damit der entfesselten Rotationsmaschine das Schlagwort für ösfentliche Ehrungen, Begeisterung und weltweite Berühmtheit zu liesern....__ Egon W e r t h e i in e r. Eheprodleme eines Kinüermäöchens. Der viersährige Bubi:„Fräulein, wenn ich groß bin, dann mußt du mich heiraten! Am liebsten möcht' ich ja die Mutter heiraten— aber die ist doch schon verheiratet— und du kannst' so gut k o che n!"— Tante Gusti sagt scherzend:„Aber Bubi, das geht doch nicht! Fräulein ist doch so groß und du bist so klein'." „Beim Heiraten komint es nicht auf die Größe an." insint der kleine Sachverständige,„nur auf die Stärke, und ich bin sehr stark!" Bubi wird größer, komint in die Schule. Aber seine liebsten Zukunftspläne fangen nach wie vor an:„Fräulein, wenn ich erst groß bin und du meine Frau bist..." Und einmal heißt es garr „Und unser Kind wird daim Willi heißen!"„Woher weißt du denn so genau, daß wir ein Kind haben werden?" meint Fräulein einmal bei einer solchen Gelegenheit lachend.„Na, das bekommt man doch immer, wenn man heiratet."„So? Tante Eva ist lange verheiratet und hat kein, bekommen." Bubi ist ganz still geworden. Dann seufzt er tief auf:„Schade, weil ich ganz kleine Kinder so gern Hab, und du doch auch. gelt. Fräulein?" Aber bald ist Bubi In seiner tapferen Art auch mit der Frage der Kinderlosigkeit fertig geworden Eines Morgens sagt er plötzlich! „Du, Fräulein! Können Fräuleins auch Kinder kriegen?"„Ja, BuWr da» kommt auch machmal vor."„Au, dann Hab ich eine gute Jdeel Fräulein, dann mußt du jetzt bald ein Kind bekommen, und wen» wir dann später heiralen, dann l)abeii wir bestimmt eins, lind denk nur, wie komisch! Dann bin ich nur acht Jahre älter als mein Sohn! kinKermuaö. Der fünfjährige Gerd ist zum ersten Male auf den, Lande» Er beobachtet besonders die Fuhrwerke, dn> manchmal mit Pferden, oftmals mit Ockfen bespannt sind. Schw.'r ist es ihm, zu erkennen, wenn es«ine„Kuh" und wenn es ein Pferd ist. Plötzlich ruft er aus:„Mutti, jetzt weiß ich: Wenn das Pferd Hörner hat, ist es'ne Kuh, uud wenn's kein« hat, ist es'n Pferd! Inge beobachtet einen Mückenschwarm. Dann sag! sie:„Da»« was da in der Luft rumsliegt und aussieht, wie n Flieger, das sticht!" * konsonanlenverschiebung. Susi und Günther kriechen unter dein Tisch herum. Günthers Mutter ist Näherin. Und auf die Frage, was den» die Kinder da machten, ertönt die zweistimmige Antwortl „Wir spielen Griechenland!" Heink war in de» Ferien beim Onkel, der Arzt ist,.zu Besuch und hatte sich sehr für dessen Tätigkeit interessiert. Im Papierkai» fand sich auch ein ärztliches Tagebuch, dos der Onkel ihm schenkt«, Nun bringt der Junge seine Tage damit zu, die leeren Rubrikeck mit erdachten Krankheitsfällen auszufüllen. Abends finde ich da» Buch und lese auf der ersten Seile: Name: Franz Becker, Kaufs inann. Krankheilsfoll: Vom Auto überfahren. Befund: Tot. Thcra« pie: Bestatte». » Der kscine Heini will Arzt werden. Sein etwas größerer sieben» jähriger Bruder meint überlegen:„Ich werde lieber Chanffeu«� Wenn ein Chauffeur was falsch macht, geht das Auto kaputt, aber man kann die Teile wieder ganz machen. Aber weim ein Arzt ein«» Menschen erst kaputt gemacht hat. kann er das nicht mehr guB machen." Berantwoclliche Lchri/Usitun»: Woifganz Schwarz, Berlin.