Oer politische Küchenzettel. Was hat der Küchenzettel mit Politik zu tun. mag manche Hausfrau erstaunt fragen, und doch weiß sie, alle Lebensmittel sind schrecklich teuer, nie will das Wirtschaftsgeld reichen. Was bleibt da übrig als sich noch mehr einzuschränken? Und die sorgenvolle Hausfrau de» flinnt nachzudenken, bei welchen Ausgaben noch etwas zu paren wäre. Aber wo? Sie kaust jetzt schon nur das Not» wendigste und seufzend kommt sie zu dem Resultat, an Brot und Kartoffeln, Milch und Marga- rine— Butter gibt es ohnedies kaum — wie erst recht an Fleisch, ist der Verbrauch schon an der untersten Grenze angekommen. Kein Ausweg aus dieser Not will sich ihr zeigen. Da fällt ihr ein, wie wäre es, wenn man das Zeltungsabonnenient auf- gäbet Bater nimmt seine Zeitung zwar gerne früh mit, aber dem borgen die Kollegen im Betrieb sicher mal ihr Blatt, und sie selbst könnte bei der Nachbarin fragen, ob sie ab und zu, wenn sie gerade mal ein halbes Stündchen Zeit hat, in deren Zeitung hineinblicken dürfe. Gleich geht sie hin, den eben ge» faßten Beschluß auszuführen. Die Nachbarin ist gerne bereit, ihre Bitte zu erfüllen,„aber", sagt sie,„w i r lesen eine fozialdemokra- tische Zeitung, denn nur durch sie erfahren die Arbeiter die Wahr- hett, warum alles io viel kostet." Zö- aernd zwar, aber nicht„nein" zu sagen sich getrauend, zieht sie mit der Zeitung ab und begibt sich ans Lesen. Sonderbar! Alles was da gedruckt stand, schien wie für sie gesagt. Zum ersten Male erfuhr sie etwas von dem Zusammenhang ihres eigenen kleine» Haushaltes mit der„großen" Politik, die da im Deutschen Reichstage gemacht wurde, von dessen Aufgaben und Bedeutung sie sich noch nie ein rechtes Bild hatte machen können. Wie Schuppen fiel es ihr von den Augen! Da gab es Parteien, die Brot. Fleisch, Obst und Gemüse und noch vieles andere verteuerten durch Zölle, über deren Sinn und Zweck sie angestrengt nachzudenken begann. Aber zu vieles blieb ihr unklar; doch weil die Sache sie sehr interessierte, begann sie mit der Nachbarin sich darüber zu unterhalten. Die konnte ihr gar manche Aufklärung geben, denn sie und ihr Mann waren seit vielen Iahren Mitglieder der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaft, deren Versammlungen sie auch eifrig besuchten. Und eines Abends gingen sie und ihr Mann mit den zu Freunden gewordenen Nachbarn in eine Versammlung, in der ein Sozialdemokrat über„Zölle" sprach. Und nun erfuhr unsere junge Frau folgendes: Was sind Zölle? Zölle silld Abgaben an die Staatskasse, die auf dte Einstchr von Waren erhoben werden. Sie verteuern alle Waren, sowohl die im Inland erzeugten, wie die vom Aus- land kommenden. Kostet ein Zentner Weizen im Ausland 10 Mark und bei der Einfuhr nach Deutschland 1 Mark Zoll, so steigt der Preis für den inländischen Weizen aus 11 Mark je Zentner, auch wenn seine Erzeugungskosten sehr viel weniger betragen. Und der ganze Unterschied zwischen den tatsächlichen Kosten und dem Verkaufspreis, der be- stimmt wird vom Weltmarktpreis und der im Inland sich erhöht um den Zollzuschlag, fließt in die Taschen der ge- treidebauenden Großgrundbesitzer. Für die Verbraucher aberwirddurch diese nZoit- wucher das Brot ungeheuer verteuert. Die Einnahmen aus Zöllen betrugen im Jahre 356 Millionen Mark: 1S27 stiegen sie auf das Vierfache, auf 1255 Millionen Mark. Davon enl» fielen auf die Schutzzölle der u n e n t- b e h r l i ch st e n L e b e n s in i t t e l fast 25 v. Hunderl.— Was unsere lieben Großgrundbesitzer dabei ge- wonnen haben, wissen wir leider nicht. aber ganz gewiß noch sehr viel mehr als die oben genannte Summe. Nicht inbegriffen sind hier die Zoll- abgaben aus Apfelsinen und auch nicht auf das Lieblingsg»tränk der meisten Frauen— auf Kaffee. Die W rkung der Zölle. Die Verteuerung der Lebensmittel durch die Zölle beträgt z. B. ini Großhandel, be- rechnet für eins Arbeiterfamilie, die aus Mann, Frau und zwei Kin- dern unter 14 Jahren besteht: für Brot, Mehl. Nährmittel....... 4S.23 M. . Kartoffeln............ li.5l,. . Fleisch und Fleischwaren....... 35,50„ . Speisefette. Butter. Milch. Eier..... 27,00, » Zucker.............. 0.50„ . Kaffee, Kakao, Kaffee-Ersatz...... 10,00, , Verschiedenes, Gemüse, Dörrobst..s>eri»ge. 14,05„ Zusammen rund... 150.— M. Hinzu kommt noch der handelsübliche Gewinn im Klein- handelsvertauf. so daß sich die Z o l t b e i a st u n g erhöht auf rund 182 Mark. Die Gesamtansgaben für den Lsbensmittelbedarf des Arbeiterhaushaltes betragen etwa 1500 Mark jährlich. Jede Hausfrau, di e 100 M a r k für den Einkauf von Nah- rungsmitteln ausgibt, zahlt gleichzeitig 12 M a r k f ü r Lebensmittelzölle. Früher kosteten in Berlin zwei Schrippen 5 Pfennige und wogen 50 Gramm.— Heute kostet jede infolge des Ge- treibe- und Mehlzolles 3 Pfennige und wiegt sehr viel weniger. Die Hausfrau sollte sich der kleinen Mühe unterziehen, sie nachzuwiegen, damit sie auch weiß, wie wenig sie für teures Geld erhält. Das gilt natürlich genau so für Preis und Gewicht des Broles. Zkurz vor der Auf- lösuug des Reichstages hat feine gewinnsüchtige Mehrheit auch noch die zollfreie Einfuhr des billigen Gefrierfleisches gekürzt von 120 000 auf 50 000 Tonnen jährlich. Was mehr eingesuhri wird kostet einen Zoll von 43 Mark je Doppelzentner. Infolgedessen werden zahllose Arbeiterfamilien, die das teure Frisch- fleisch nicht kaufen können, an ihrer Gesundheit schwer geschädigt. Wer trägt die Schuld an dieser Zollpolitik? Hätten die Wähler und Wählerinnen am 7 Dezember 1924 einen anders zusaminengesegten Reichstag gewählt, hätte diese Zollpolitik nicht gemacht werden können. Ader Zentrum und Deutsche Volkspartei, Deutschnationale und Wirtschaftspartei und selbst die Demokraten, sie waren eine Mehrheit gegenüber Sozialdemokraten und Konimunisten und darum konnten sie im Biirgerblock-Reichstag alles durchsetzen, was im Interesse des Grojzgrund- besitzes, der Großindustrie und des Großhandels lag. D i e kleinen Produzenten haben unter den Zöllen ebenso schwer zu leiden wie die große Masse der Lohn- und Gehaltsempfänger als Konsumenten. Vergeblich bemühten sich die Sozialdemokraten, diese ungeheuerliche Verteuerung der Lebenshaltung durch die Zölle abzuwehren. Erfolg konnte ihr nicht werden, weil sie gegenüber den verbündeten bürgerlichen Parteien im Reichstage zahlenmäßig zu schwach war. Was können die Frauen tun, hier Wandel zu schaffen? Jede Hausfrau muß nach dem Gesagten wissen, daß die Größe und die Güte ihres Ein- kaufs an Lebens in itteln bestimmt wird durch die Politik, deren Richtung sich zwangsläufig ergibt aus der Stärke der verschiedenen Parteien im Reichstag. An: 20. Mai wird der Reichstag neu ge- wählt. Soll wieder eins Mehrzahl von Vrotverteuerern in ihn einziehen? Oder wollen die Häusfrauen, die Mütter helfen, nur solche Männer und Frauen in das Reichsparlament zu schicken, die die Zollgrenzen ausheben wollen, um der furchtbaren Teuerung und der schlechten Er- nährung ein Ende zu bereiten und den freien Güter- a u s t a u s ch an die Stelle der Zollmauer zu setzen. Nachdenklich gingen unsere Freunde nach Hause. Zuviel Neues, nie Gehörtes hatten sie an diesem Abend vernommen, um gleich darüber reden zu können. Doch ehe der Mann am anderen Morgen zur Arbeit ging, sagte seine Frau zu ihm: Alles habe ich noch nicht verstanden, was der sozial- demokratische Redner gestern abend sagte, aber eines weih ich: Ich wähle am 20. Mai sozialdemokratisch! Mathilde Wurm. Das gekürzie Wirtschaftsgeld. Die natürlichen Folgen der künstlich durch die bürgerliche Mehr- hell Im Reichstage herausbeschworenen Lebcnsmittelteuerung waren Lohnkämpfe. Die Erfolge standen jedoch niemals In einem aus- gleichenden Verhältnis ziir Teuerung. Die Frauen der arbeitenden Klassen stellten jedoch jede Mark mehr freudig in Rechnung, sahen in der knappen Lohnerhöhung die Möglichkeit notwendigster An« fchafstmgen und vergaßen dabei nur zu ost die Steuerbclastung, die jede Mchreinnahme automatisch kürzte. Die Sozialdemokratie hat aus dem Gebiete des Steuerwesens in den vergangenen vier Jahren den allerschärssten Kampf geführt. Es gelang ihr, für das Jahr 182(5«Ine Erhöhung des steuerfreien Einkommens durchzusetzen. Im November 1924 betrug der stcuer- srcie Lohnbetrag noch 12 M. wöchentlich(600 M. jährlich), ab 1. Ja- nuar 1926 dagegen beträgt er wöchentlich 2i M.(1200 M. jährlich). Damit ist jedoch keineswegs eine gerechte Verteilung der Steuerlast, die das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zu tragen hat, erreicht worden. Vielmehr ergibt sich aus den Steuerstatistiken. daß die unteren Einkommen an dem Gcsamtsteuerauskomnicn mit 61.4 Proz., die mittleren mit 16,3 Proz. und die oberen mit 23,3 Proz. bisher beteiligt lvaren. Nach den Voranschlägen für 1923 trägt die arbeitende Masse 63 Proz., der Besitz 37 Proz. des Eesamtsteuer- auskoimnens. Im Jahre 1923 w>rr das Gesetz zur Beschränkung der Einnahmen ans der Lohnsteuer beschlossen. Es hatte folgenden Wortlaut: „Uebcrstcigt das Zlufkoinmen aus der Lohnsteuer in einem Zeitraum von zwei auscinandeisolgenden Kalendervierteljahren den Betrag von 600 Millionen Reichsmark, so hat die Reichsregierung einen Eefetzeniwurf vorzulegen, der eine Erhöhung der Ab- züge bei kinderreichen Familien und des st euer- sreien Betrages herbeiführt." Die Reichsregierung hätte einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen müssen, nachdein im ersten Halbjahr April bis September 1927 der Ertrag der Lohnsteuer 640 Millionen Mark ergeben hat. Das Ist nicht geschehen. Als die Sozialdemokratie im Reichstage auf die Verpslichtung der Regierung aus dem Gesetz von 1925 hinwies und seine Verwirklichung forderte, wurde lediglich durch die bürger- iiche Mehrheit beschlosstn, nur ein« löprozeillige Ermäßigung des Steuerbetragcs sür den einzelnen Steuerpflichtigen zu geivähren. Die Ermäßigung darf aber niemals 2 M. im Monat oder 50 Pf. wöchentlich übersteigen. Die Familieuennäßigungcn, der Steuer- satz und der steuersreie Betrag blieben unverändert. Gleichzeitig hat die bürgerliche Mehrheit das Gesetz vom Jahr» 19L5 verschlechten durch folgenden Beschluß: „Ileberstcigt das Einkommen aus der Lohnsteuer Im Kalender- jähr 1923 den Betrag von 1300 Millionen Mark, so hat die Reichs« regierung einen Gesetzentwurf vorzuleocii, der eine Senkung der Lohnsteuer herbeiführt." Durch diesen Beschluß wird der Höchstbetrag, den die Arbeiter- schast zu dem Gesamtsteuerauskommen des deutschen Volkes beizu« tragen hat. von 1200 Millionen aus 1300 Millionen Mark erhöht. Die Bestimmungen über die Art und Weise der Senkung der Lohn- steuer sind gestrichen. Di« Prüfungssrist von einem halben Jahr Ist auf ein ganzes Kalenderjahr ausgedehnt. Es kann also erst nach Ablauf des vollen Kalenderjahres 1928 eine Prüfung über die Mög- iichkeit der Senkung der Lohnsteuer erfolgen. Die Hausfrau muß also die etwa zu vermeidende Verringerung ihres Wirtschaftsgeldes ein volles Jahr weiter ertragen. Die Sozialdemokratie hat dem veränderten Gesetz ihre Zu- stimmung versagt. Sie hat bereits am 14. Oktober 1927 beantragt, die steuerfreien Beträge um je 40 M. zu erhöhen(für den Ledigen von 100 M. aus 140 M., für den Verheirateten ohne Kinder von 110 M. auf 150 M., für die Verheirateten mit einem Kinde von 120 M. auf 160 M., für den Verheirateten mit zwei Kindern von 140 M. aus 180 M. usw., bis zum Einkommen von 320 M. mit einer noch größeren Kinderzahl). Die Sozialdemokratie war mit Erfolg bemüht, die Rück» erstattungen aus der Lohnsteuer infolge'Arbeitslosigkeit zu beschleu« nigen. Es wurden im Jahre 1927 61 Millionen Mark gegenüber 45,6 Millionen Mark im Jahre 1926 zurückerstattet. Es wird im kommenden Reichstag allein Sache der Sozial» demokratie fein, den Bedarf des Reiches an Steuern durch den Aus- bau der Besitzbesteuerung stärker zu decken, und zwar durch die Wiedereinführung der Vermögenszuwachssteuer und die Aende- rung der Erbschaftssteuer(Aushebung der Steuerfreiheit des Ehe- gatten). Endlich wird die Sozialdemokratie einen harten Kampf zu führen haben gegen die Stcuerhinterzieher, die besonders in den Kreisen der Großgrundbesitzer zu suchen sind. Alle Frauen, die sich das Wirtschaftsgeld nicht durch ungerechi« Steuern kürzen lassen wollen, wählen am 20. Mai Liste 1 Sozial- demokratische Partei. Minna Tode n Hagen. - 7_ Vier Monate Gefängnis für geschlechtliche Ansteckung. Der Sohn eines Buchdruckerei besttzers hatte sich zum Taugenichts entwickelt. Statt etwas zu lernen, trieb er sich mit lasterhaften Mädchen herum und spielte den großen Herrn. So steckte er sich bereits im Alter von 18 Jahren(I) mit Syphilis an. Cr kam In Zwangsbehandlung, der er sich aber sehr bald entzog und dafür zu einem Kurpfuscher ging. Der behandelte ihn statt wegen Syphilis wegen Tripperl Syphilis« verseucht zeugte der junge Bursche zwei uneheliche Kinder. Weiter verkehrte er mit zahlreichen Mädchen und steckte mehrere mit Syphilis an. Endlich erhob der Vater eines angesteckten Mädchens Klage gegen den Wüstling. Doch sprach ihn das Gekicht unverständlicher« weife aus subjektiven Gründen srei da der Kurpfuscher bezeugt hatte, er habe den jungen Mann als gesund bezeichnet. Selbstverständlich legte der Staatsanwalt gegen diesen Frcispruch Berufung ein. Di« zweite Instanz folgte zwar dem Strafantrag von zehn Monaten Ge- fängnls auch nicht, aber sie verurteilte den gewissenlosen Menschen letzt wenigstens zu vier Monaten Gefängnis. Hossenllich wird dem Kurpfuscher nun auch das Handwerk gelegt! Frauenerfolge Im Ausland. In der Tschechoslowakei studieren gegenwärtig 3000 Frauen an den Universitäten, 1500 an Ackerbau- schulcn, 8000 an höheren Handelsschulen und 30 000 an Gewerbe- schulen.— Cme hohe Anerkennung weiblicher geistiger Lcistungs» sähigkeit fand in Paris Fräulein Öulis. Die erst sünfiindzwanzig- jährige Archäologin wurde als Dozentin an die Universität der Sor« banne berufen.— Auf der Unioersitüt Zürich erhielt, kürzlich die Studentin Elisabeth Sulzer den Preis für die beste sprachwisjenschast- Iiche Arbeit. Zwanzig Lahre (An Rückblick am Eniste Die soeben w Graz abgeholten« Tagung des Vereins Freie Echulc-Kindersrcunde in Deutschösterrei,:) zeigte nicht nur den Auf- stieg der Organisation, die ousgezeichucte finanzielle Gebarung, sie gab auch ein beredte- Bild von der Durchdringung der Organisation mit der Idee der s o z i a l i st i s ch e n Erziehung, von der Vertiefung der Arbeit für diese Idee. Bei der Erstattung des Rechenschafis- derichts zeigten Lichtbilder die gewaltige Entwicklung des Bcr- eins In den zwanzig Jahren. Zuerst der eine Anton Asritsch, dann die mehreren, die sich um ihn scharten, heute schon die vielen: morgen, wenn die Idee sieghaft weiter marschiert, alle, wie Max Winter in seiner Gedenkrede sagte. Er sagte: Für einige Minuten wollen wir die Vergangenheit her- aufbrschwören. Wir sehen da, wie ei» Bater hinauswande.t in die sreie Natur. Fünf Äinder ziehen mit ihm in den Waid. Der Vater ist ein tundigcr Mann, er kann den Kindern jeden Schmetterling. jede Raupe, jeden Käser nennen und sein Werden erkläre». Dann rasten sie, packen den Rucksack aus,«ine Quelle in der Nähe labt sie. Mit frohem Iugendspiel endet der Tag. Und wie die Kinder so spielen, tauchen vor dem Auge des Vaters tausende und aber tausende Arbeiterkinder auf in den Straßen und auf den Pläsien der Stadt, die keine Sonne haben und keinen grünen Hal m. Als sie dann am Abend nach Haufe wanderii, da sagt er zu seinen Kindern:„Nehmt am nächsten Sonntag jeder einen Freund mit." Aus sünf Kindern sind so zehn geworden. Am folgenden Sonntag kamen schon wieder niehr, es würben zwanzig, später dreißig. Und der Bater erkennt, daß er allein die Schar nicht meistern, nicht alle» Lehrer sein könne. Cr sagt den Kindern:„Nehmt eure Eltern mit, sagt dem Vater, der Mutter, daß sie uns willkommen sind." So hat Anton Asritsch unsere Organisation gegründet. Er hat den Kinderfrcundcgedankcn nicht als redender, als de- lebender Agitator hinausgetragen, sondern er hat die Kinder werben lassen. Die Kinder sind mit dem Rucksack, mit ihren Pseischen und Trommeln auf das Land gezogen und haben dort vor der stauneichen Jugend Spiele gespielt, und bald spielten die Kinder des Dorfes oder des Jndustrieortes mit. Und in der Jugend wurde der Wunsch nach einer solchen Gemeinsckraft rege, und voll Stolz sogten die Dorfkinder:„Das können wir auch, was uns da die Grazer gezeigt haben." Als dann Afntsch mit feiner Schar nach Wien kam, ging man sofort in Floridsdors<21. Bezirk) daran, eine tkindersreuiideortsgruppe zu errichten. Die Ueberzeugung Hot sich durchgerungen, daß« ch» l e» n d Haus in gleicher Weise und beseelt von demselben Gedanken, dem Kinde dienen müssen. Allerdings gab es auch am Ansang manche Nie amerikanische Lugendehe. Während wir uns In» altmodischen, schwerfälligen Europa theoretisierend die Köpfe zerbrechen, um Wege zu finden,„zur Rettung aus der Ehe Not", hat man sin praktischen Amerika durch dl« T a t einen Ausweg eröffnet, der auch für europäische und ins- besondere deutsche Verhältnisse die Lösun-z eines der kompliziertesten erotischen Problem« bedeuten würde. Zwischen den Z-itpmtft der erlangten vollen Geschlechtsreife und dem einer wirtschastlich verantworvbaren Eheschließung und Familiengründung hat sich in den zivilisierten Ländern der Erde eine immer längere Frist eingeschoben. Die Gesellschaft verurteilt die Menschen zwischen 2Y und 30 Jahre» in der Vollkraft der Jugend und aus dem Höhepunkt der erotischen Erlebnissähigkeit zur zehnjährigen Enthaltsamkeit: mit Recht spricht Grete Meisel-Heß ln ihrer„Sexuellen Krise" von einer zehnjährigen Folter. Galten tiefe Verhältnisse vor dem Kriege in d« Hauptsache für oic Jugend der Bildungsschicht, insbesondere für die Akademiker, so ist in der Nachkriegszeit durch Arbeitslosigkeit, Wohn-ungsmangel, die Schmie- rigkeit der Aussteuerbefchasfung usw. auch in der Arbeiterschaft die Eheschsicßunz junger Menschen sehr erschwert worden. Die miß- handelte, vergewaltigte Natur suchte sich dann einen Ausweg in der Benutzung der Prostitution und in lrichtgeknüpsien erotischen Bezie- Hungen von sragwüvdigein inneren Wert und bar oller Verant- Wartung. Dies hatte zur Folge, eine üble, charakterverderbliche .Hcir.Ächkeit und Schwüle der Beziehungen, schlimmerensalls Abtreibung, Geschlechtskrankheiten nnd Jirgendiicheinragödien, die nicht feilen mit dem Freitod junger, blühender Menschen endeten. Diesen Schäden will die mnerikanische„Lompauioimte niamime", die Jugend- oder„Gejährtenehe" ein Ende machen. Sie wird von Jugendresormern irnd radikalen(geistlichen eifrig propagiert, am meisten von dein Jugendrichter Lindscy aus Denver. Zwei nech Wirtschaft! ich unselbständige junge Menschen kündigen in aller vesseirtlichkeit— mit Einwillignirz ihrer sehr vernünftigen Kinderfreunde. ungsori der Bewegung. Bedenke», rein»icnschlicher und persönlicher Natur. Heute sind wt? aber über diese Bedenken längst hinaus und wir erkennen, daß ö«tk Gedanke des Zusainnicnschlusses ein glücklicher war. Der Gedanke ist weit über Oesterreich hinausgewachsen. Ein« Tagung in Salzburg brachte die Gründung einer Znlernallonale für sozialistische Erziehung. Sie hat sich aber bis heute noch nicht recht das Bürgerrecht erworben innerhalb dm Organisationen des Proletariats. Heute sehen wir in Deutschland schon ein« große Arbeits« gemeinschaft der Kmderfrcunds. lieber Deutschland hinaus ist di« Kindersreundeidee in andere Länder vorgsdrungen. Genosse Asritsch selbst konnte noch den Grundstein legen.zur starken Kindersreunde» bewegung in der Tschechoslowakei. Wir sehen jetzt schon Vereine in P o l en, Lettland, Dänemark, In der Schweiz; in Ungarn können die Kiuderjreunde, von Horlhy enterdrückt, eine Tätigkeit nicht entfalten. Auch in dem unglücklichen Italien lzaben wir schon«inen Verein der Kinderfreunde in Mailand gehabt, der sogar eine eigene Zeitung herausgab. Das Ist allerdings alle» durch den Faschismns zum Untergehen verurteilt worden. Wir haben aber in Europa noch Ansätze in Belgien und in Holland, und bald werden auch die nordischen Staaten zu uns stoßen. Ich komme jetzt aus Argentinien. Dort hat mir der Vorsitzend« der Arbeiterorganisation in Buenos Aires, ein alter Wiener Genosse, das Versprechen gegeben, daß, noch bevor das Jahr 1928 zu Ende gehen wnd. auch Buenos Aires eine Ortsgruppe der Kinder» sreunde haben wird. Unsere Idee hat also auch ln Amerika schon Wurzel geschlagen. Der Rechenschaftsbericht zeigt bei uns in Oesterreich noch ein krasses Mißverhältnis zwischen den Zahlen der gewerkschastsich organisierten, der politisch organisierten Arbeiter und denen der Kindersreunde. Bei unserer Werbearbeit kommen uns allerdings nicht nur die eigenen Parteigenossen zu Hilfe, sondern vor allem liiid das ist ein Witz, wie ihn die Weltgeschichte so ost zu machen pflegt— die Erzichungsbeauftragten des Kapitals. Di? Bischöfe find es, die auch in ihrem letzten Sendschreiben an die Gläubigen für unsere Idee geworben haben. Ja, wir nehmen mit Stolz zur Kenntnis, daß wir die größte Hoffnung für die Zukunft sind.(Stürmischer Beifall.) Wir alle wollen der herrlichsten aller Religionen, der Religion des Sozialismus, dienen, bis zu dem Tage, da aus den»ielen schon alle geworden sind.(Stürinischer, langanhaltender Beifall.) Hierauf wurde der neue Vorstand gewählt. Obmänner sind: Max Winter(Wien), Paul Speiser(Wien) und Cduard Speck(Graz). Eltern— die Eingehung ihrer Gewissensehe an. Dieser Schritt hat weiter gar keine äußeren Konsequenzen. Sie bleiben bei den Eltern oder im Internat wohnhaft und gehen weiter ihren Studien nach. Die Gründung eines Hausstandes, die Verpflichtung des Echemannes. von Gesetzes wegen für jjcii Unterhalt der Frau zu sorgen, di« gesetzliche Verpflichtung der Frau, ihren Wohnort vom Ehemann bestimmen zu lassen, all dies« komplizierenden Momente fallen bei der nur auf persönlicher Bindung beruhenden Jugendeh« fort. Ihr« Vedeutimg besteht nur Karin, daß der Neigungsbund zweier junger Menschen der häßlichen, unwürdigen Sphäre der Heimlichkett und des Verbotenen entrückt und gefellschafrlich anerkannt wird. Natürlich ist damit auch im Lande der unbegrenzten Möglich. leiten das Signal für die nach Möglichkeit Begrenzten, für di« Ewiz-Gestrige» gegeben, diesen Fortschritt mit recht albernen Argu» menten zu bekämpfen. Obgleich selbst die Vorkämpfer dieser Ein» richtunz init keiner langen Daner rechnen, hat das Dutzend bisher ge» schiossener Jugendehen sich als durchaus haltbar erwiesen, und sind mehrere der jungen Paare bereits in das aus gemeinsamen Er» sparnissen gebaut? Nest eingezcgen. Möglich ist diese Einrichtung ucrtürtich nur bei Kenntnis und Verbreitung der Geburienoerhäsunz. denn mit der Jugeudehe un» vereinbar sind die wirtschaftliche Betastung und der ganze häuslich«. Apparat, die nun einmal mit der Familiengründunz untrennbar verbunden sind. Die reaktionären Gegner der Jugendehe. die aus diesen Punkt den größten Stachdruck legen, haben hierzu nicht das mindest? Recht, denn auch chn.« Jugeudehe würden die jungen Leute nicht in der Lage sein, Kinder in die Weit zu setzen. Vo«N soziallstischen Standpunkt aus, der den lebendigen Menschen und die Hebung der Voiksgesamtheit in den Mittelpunkt rückt, bieibt es allerdings ein schweres Manko, daß der Menschheit gerade die Kinder aus wertvollen jugendlichen Lkebesbünden voe enthalten werden. Erst der Sozialismus, der bis zur wirlschastlichen Selbständigkeit de? Eltern fürsorgend für di« Kinder eintritt, kann d.c höchste Boll» enduug der Jugendehe bringen. Es geht ein Leuchten Es geht ein Tenchten durch die'Welt Und niatle Äugen werden blank» Ttnd was elend, stech und krank �Wird stark und baut der ÄTlenschheit Feld. Und was da£Qteuschenantlltz trägt Soll Bruder sein und Schwester sein... Dlicht Du. nicht Ich. ein Herz allein, Das uns in starker 5tebe schlägt. Brun» Schönlaut. Helene Lange. Am d April beging die Vorslfrfnde des»Bundes deutscher Fcauenvereine' und Herausgeben» ihrer Zeitschrift»Die Frau' ihren 80. Geburtstag, enchuslastisch gefeiert von einer grohen Zahl dantborer Verehrerinnen. Die Begeisterung der bürgerlichen Frauen» bewegung für ihre Führerin ist durchaus berechtigt, denn dem Ein» flusj dieser außerordenttich willensstarken, zielklaren Persönlichkeit verdanken viele dieser Frauen direkt oder indirekt die Erlösung vom inhaltsleere», unproduktiven Dasein der höheren Tochter von An im Dazumal. Im Leben der Führerin selbst spiegelt sich Phase für Phase das Ringen der bürgerlichen Frau uni soziale und kulturelle Befreiung. Im Reoolullonsfrühling 1848 im Städtchen Oldenburg als Kaufmannstochter geboren, versagl der Bormund der Früh- verwaisten die Erlaubnis, das Lehrerinnsnexamen zu machen, da dies im Lande Oldenburg bisher noch kein Mensch getan habe. Zu- nächst ichne Examen als Erzieherin tätig, holt Helene Lange es mündig geworden»ach und wirkt viele Jahre mit neuen pädago- gischen Ideen über Mädchenerziehung an einer privaten Berliner höheren Mädchenschul«. Immer dieser wird sie durchdrungen von der Rotiveildigkeit einer unspielerischen, streng methodi- schen Ausbildung der kommenden Mütter und Erzieherinnen des Poikes und gibt diese» damals unerhört revolulionäre» und an- stöhlgen Gedanken auf den Tagungen der spiehigen, männlich bor- nierten Lehrerschaft mutigen Ausdruck.. Eine Kardinaliorderung war für Helene Lange die Erziehung der Mädchen durch weibliche Pädagogen, auch und erst recht in den oberen Klassen. Da weder bei der Lehrerschaft noch im deutschen Bürger- tum auf Verständnis tmd liiiterstichung zu rechnen war schritt Helene Lange 1883 oo» der Propaganda zur Tat durch die Er- öfsnung von Reaikursen für Frauen, an deren Stelle einige Jahre später Giimnasialkurs« für jung« Mädchen traten, die sich zum Zwecke des llniversttöisstndiums auf das Abiturium vorbereiten wollten. Heute macht man stch keine Borstellung mehr davon, wel- che» Aufsehen es erregle, als die ersten sechs Schülerinnen das Sxamen vorzüglich bestanden. 1890 gründet« Helene den Bllge- meiimn Deutschen Lehreriimen-Aerein, der ihren Forderungen in den Kreisen der Lehrsrinnen selbst starken Nachdruck verlieh unti außerdem die Berufsinterefscn dieses damals noch stark»er noch- lästigten Standes vertrat. Bon hier aus wuchs sie hinein in hl# Führung des als Zusammenfassung der gesamten bürgerlichen Frauenbewegung gegründeten Bundes Deutscher Frauenverein«, dessen Zeitschrist sie 1833 begründete. Eine neue Zeit in Deutschland anerkannte die Verdienste dieser früher maßlos bekämpften, verleum- beten und verspotteten eigenartigen Frau. Ehrendoktor der llnie versität Tübingen und Alterepräsidentin der konstituierenden Ber- sammiung der Hamburger Bürzerschaft— das sind die letzten Etappen i» diesem kamps-, ober auch erfolgreichen Leben. Dieses wurzelte mit den tiefsten Kräften seines Wesens In der deutschen Kiasstt, im deutschen philosophischen Idealismus. Daher. vom sozialistischen Standpunkt aus, dl« einseitig starke Betonung de» Bildungsmomentes, die Unterschätzung der gesellschaftlich-ökonoml« schen Kräfte. In den Bildunzszielen selbst ist eine gewisse Enge unverkennbar in der vorwiegenden Beschränkung auf die höher« Mädchenbildung und dem Nichtersasien der neuen pädagogischen Möglichkeiten, die über die weibliche Mädchenerziehung hinaus in der genieinsamen Erziehung der Geschtechter durch einen gesnischten Lehrkörper gegeben sind. In sozialpolitischen ui>3> politischen Fragen— vor allem der Frauenstimmrechtsfrag«— bewahrt« Helene Lange stets einen vorsichtigen, zurückhaltenden Standpunkt, da st« der innersten Ueberzeugung war. die Menschen und besonders die Frauen für neue Rechte erst heranzubilden, durch Leistung reif machen zu müssen, während doch in Wahrheit diese Fragen noch eine andere Seite als reine Machlfragen besaßen. Für sie selbst brachte das humanistische Bildungsideal die Vollendung, die vom Dichter als höchste» Glück der Erdentinder gepriesen wird, nämlich eine starke, reife, geformte Persönlichkeit selbst. Aber die Entwick- lung dieser Persönlichkeit hatte eine gesicherte, im bürgerlichen Miiieu verlebte Jugend als Voraussetzung. Wer weiß, ob nicht auch diese» Frauenleben gescheitert und nie zur Entfaltung gekommen wäre, wenn die Umstände weniger glücklich gewesen wären. Die Um- stände zu schaffen und die Gesellschaft s o umzusormen, daß sich In ihr möglichst viet»Persönlichkeiten' entfalten können, das hebt die sozialistische über die bloß bürgerliche Frauenbewegung empor. Kindermund. Ilm Hanschen vor der mehrstufigen Steintreppe recht drastisch zu warnen, hatte die Mutter ihm gesogt:„Weim du da hinunter- fällst, dann bist du tot, ganz mausetoll' Aber es dauerte nicht lange, da lag Häuschen schon unten, und ein fürchterliches Gebrüll verkündete der entsetzt herbeistürzenben Mutter:„Ach Mutti, ich bin so tot, ich bin so schrecklich tot!' « Kätchen. drei Jahr« alt. wohnt mit der Mutter in einer Pen» sion, wo ihre besondere Aufmerksamkeit ein« elegante Dam« erregt, die zu jeder Mahlzeit in einer anderen Aufmachung erscheint. Während beim Mitlagessen gerade der Engel des Schweigene durch» Ziinmer schwebt, slüsterl sie der Mutier oernehmiich zu:»Mutti. j nun hat die seine Dame schon wieder was andere» an,— macht dl« j denn immer noch naß?" Frauen aus einsamen Tagen Heraus zum gemeinsamen Wagen! Beitrittserklärung. Hiermit erkläre ich meinen Eintritt in die demokratische Partei lBeztrk Berlin. Abteilung An Beiträgen entrichte ich: Ein'.rittegeld 60 Pfennig. __ Wochenbeiträge niänni. 20, Wtbl. 10 Pf.. So__ M. -- den._ 1028 Bor- und Zuname:_"__ geb. am-- zu_ Staatsangehörigkeit:. Wohnung:_ .Stand:. Sei de« AmxaHme ifl lehr erwUnldji. OOS««he, dem Sintritr-sgelh mmoeften» ttte Selrtäfte Uir emm OTwrat 14«er« du werden) Ich abonniere den.Vorwärts'(und die Abend- ausgab« sür Berlin.Der Abend') mit den illustrierten Bei- lagen.Volt und Zeit' und.kinderfreund', sowie den Bei- lagen.Unterhaltung und Wissen'..Frauenstimme',.Technik', .Blick in die Bücherwell' und.Iugend-Vorwürts' In Groß- Bertin täglich frei in» Hau». lMonatlich 3.60 Mk. wöchentlich 85 Pfg.) A Name------ Wohnung oorn- H»s— Quergeb.— Seitcnfl de«- Straße Rr.- - Tr. link«— recht» (T-ieser Zettel ist ausgefnttt einzusenden an Alex Pagets, Verti« 8>V. 68, Lindenstrasfe», Hof II.)