Ver Verzicht Die Geburtenbeschränkung, die ursprünglich bei den wohlhabenden Schichten ansetzte, hat nunmehr, wie die deutsche und internationale Geburtenstatistik deutlich genug beweist, einen Massencharakter angenommen. Wie sehr der ungeheure wirtschaftliche Druck und die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre dem Geburtenrückgang als Massenerfcheinung Vorschub leistete, leuchtet von selbst ein. Hierüber besteht auch in zahlreichen Untersuchungen, die in den letzten Jahren über Bevölkerungsbewegung und Be* völterungspolitik veröffentlicht wurden, keine Meinungsver- schiedenheit. Selbst diejenigen Forscher, die zu besonders pessimistischer Einschätzung des Geburtenrückganges gelangen, indem sie für die Zukunft eme Entvölkerung Deutschlands bzw. Europas befürchten, verweisen mit Nachdruck darauf, daß die wirtschaftliche Not der Gegenwart den Kindersegen für die breiten Schichten der Bevölkerung in einen Fluch ver- wandle, und drängen daher auf eine von sozialen Gesichts- punkten getragene Bevölkerungspolitik. So wenig man als modern denkender Mensch den einzelnen Ehepaaren das Recht auf weitgehende Einschränkung der Kinderzahl absprechen wird, so kann man sich doch der Erkenntnis nicht verschließen, daß durch diese persönlich noch so gerechtfertigte Handlungs- weise ein für die Allgemeinheit wichtiges Gedurtenproblem erwächst, das manche Gefahren für die Zukunft in sich birgt. Der Verzicht auf Kinder unter dem Druck der Wirtschaft- lichen Not kann aber auch vom Standpunkte der persönlichen Lebens st«igerung nicht als Ideal angesehen werden. Man braucht sich nur vorzustellen, daß die Zahl der Ehepaare, die sogar auf das einzig« Kind verzichten, zunehmen wird, um einzusehen, durch welch hohen Einsatz an persönlichen Lebenswerten das leichtere Leben ohne Mutterschaft und Vaterschaft erkauft wird. Wer bei der Beurteilung des Geburtenrückganges bei der Arbeiterschaft die wirtschaftliche Not als aus- s ch l i e ß l i ch e Ursache gelten läßt, übersieht, daß die Ge- burtenbeschränkung gerade bei den besitzenden Schichten ihren Anfang nahm. Angesickts der grundverschiedenen wirt- schaftlichen Lage, die den Geburtenrückgang bei den ver- schiedenen Bevölterungsschichten in steigendem Maße bewirkt, müssen offenbar auch gewisse gemeinsame Berührungspunkte vorhanden fein, die die Abnahme der Geburtlichkeit als Kulturerscheinung unserer Zeit erscheinen lassen. Es ist ein Verdienst des bekannten Forschers Julius Wolf, daß er in seinem neuesten Werk„Die neue Sexualmoral und das Geburtenproblem unserer Tage"(Verlag von Gustav Fischer, Jena) diesen Zusammenhängen nachspürt. Der Verfasser tritt zunächst begreiflicherweise sehr energisch der sogenannten Wohlstandstheorie entgegen, wonach der Geburtenrückgang in Anlehnung an die Vorkriegsveniältnisse vorwiegend als Begleiterscheinung der Wohlhabenheit an- gesehen wurde. Es wird die Arbeiterlestr, die heute aus naheliegenden Gründen den Geburtenrückgang nur aus der wirtschaftlichen Not ableiten, sehr überraschen, daß man die Geburteneinschränkung gerade auf zunehmenden W�o h l- stand zurückführen konnte. Demgegenüber vertritt Julius Wolf den Standpunkt, daß der Wandel der Sexualmoral das Entscheidende für den Geburtenrückgang gewesen sei und daß dieser Wandel mit der Wohlhabenheit nur insofern zu- sammenbänge. als er bei den Begüterten begonnen, aber immer größere Massen, gleichgül'ig. ob begütert oder' nicht begütert, erfaßt habe. Diele Feststellung, die Wolf bereits im Jahre 1912 in seiner Schrift„Der Geburtenrückgang, die auf das Kind. Rationalisierung des Sexuallebens unserer Zeit" macht«, wurde seiner Ansicht nach durch die Erfahrungen der folgen- den Jahre durchaus bestätigt, und er läßt sich dementsprechend in seinem neuen, oben erwähnten Werke zu der Behauptung verleiten, daß es„für die Geburtlichkeit nichts Bedeutsameres als die jeweilige Sexualmoral" gebe. Wenn man auch den Wandel der Geschlechtssitten als mitbestimmenden Faktor der Geburtenbeschränkung durchaus berücksichtigen muß, so kann man dem Verfasser in seiner Ueberspitzung des ideologischen Moments nicht beistimmen, weil die jeweilige Sexualmoral an sich in entscheidendem Maße durch die jeweiligen sozial- ökonomischen Wandlungen bedingt wird. Sie kann also nicht unseres Erachtens als primärer, als„bedeutsamster" Faktor der Geburtlichkeit angesehen werden. Es stimmt freilich, daß die Lockerung der Traditionsgebundenl>eit, wie der Verfasser mit Recht hervorhebt, die Loslösung von der gott- oder natur- gegebenen Zeugung und die„Rationalisierung der Zeugung" begünstigt, es scheint uns aber fraglich, ob man in all den Fällen, wo der Bruch mit der traditionellen Zeugung zum Vorschein tritt, eine neue Sexualmoral, das heißt ein von ethischen Gesichtspunkten bestimmtes Verhalten voraus- setzen darf. Läßt sich etwa die Eebärunlust des Luxusweibchen auf verantwortungsbewußte Zeugung zurückführen, oder kann man angesichts der Vorliebe auch der französischen Bauern für das Zweikindersystem behaupten, daß diese Bauern sich dabei von einer ihnen bewußten, neuen Sexualmoral leiten lassen? Den Bruch mit der traditionellen Moral kann man im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung, die den Zeitgeist so sehr bestimmt, auch unbewußt vollziehen, die 5?eraus- kristallisierung einer neuen Moral, in diesem Falle einer neuen Scxualmoral, setzt aber eine mehr oder minder zielbewußte ethische Aktivität ber einzelnen und der Massen voraus. Nach Wolf manifestiert sich die neue Sexualmoral in der N a t i o- n a l i s i e r u n g. Die Tatsache, daß der Geschlechtsverkehr in zunehmendem Maße rationalisiert wird, läßt sich eben- sowenig auf das Vorhandensein einer neuen Sexualmoral schließen, als etwa die Rationalisierung des Wirtschafts- lebens zur Annahme einer neuen Wirtschaftsmoral berechtigt. Es kommt letzten Endes darauf an, aus welchen Motiven und zu welchem Zweck die Befreiung aus der Naturgebunden- heit erfolgt. Infolgedessen kann die Geburtenbeschränkung nur in den Füllen, wo es sich um h ö ch st e V e r a n t w o r t- lichkeit gegenüber der eigenen Nachkommenschaft und der Allgemeinheit handelt, als ethisches Verhalten gewertet werden. Dagegen wird man dem Zweikindersystem. wo es sich ans Abneigung gegen Besitzzeriplitterunq oder aus Bequemlichkeit einbürgert, oder dem völligen Verzicht auf Kinder, wo er aus dem Hang nach Geschlechtsgenuß ohne jegliches Risiko �md Verontwortunq erfolgt, kaum eine neue Scn-almoral unterstellen dürfen. Tut man das, so kann man d'e Träger.dieser„neuen" Sexualmoral in einer weit zurück- liegenden Vergangenheit entd''cken. nämlich bei der kleinen Oberschicht der Herrichenden Klassen, die vor vielen Jahr- Hunderten bereits Gcburtenverhütung praktizierte. Die Besitzlosen werden bn der von ihnen geübten Ge- burtenbeschränkung n'cht von der Sexualmoral der Begüter- ten erfaßt, die mir allni oft ein ethisches Verhalten verinissen lassen, sondern fh entlehnen den bemittelten Schichten ledig- lich die t e ch iu j ch e n Vräoentivmittel, die früher das Monopol der herrschenden Klasse bildeten. Die fort- schreitende I n t e l l e k t u a l i s i e� u il g und T e ch n i s i- z! e r u n g unserer Kultur erzeugt auch bei der Geburten- rcgelung die äußerlichen Berührungspunkte zwischen Reich und Arm, aber die Moral bleibt noch meistenteils eine grundverschiedene. Es ist aber denkbar, daß auch diejenigen Bevölkerungsschichten, die ursprünglich aus zwingender Not zur Geburtenbeschränkung Zuflucht nehmen, sich im Laufe der Zeit innerlich so umstellen, daß sie auch nach einer Besserung der wirtschaftlichen Lage eventuell die Geburten scheu nicht werden überwinden können. Es kann sich nämlich bei ganzen Klassen und Völkern so etwas wie„T r i e b l a h m h e i t" einstellen, um den sehr treffen- den Ausdruck der Genossin Oda Olberg zu gebrauchen, die in folgenden Sätzen mit begrüßenswerter Deutlichkeit zum Geburtenproblem Stellung nimmt:„Persönlich halten wir dafür, daß die stete Vermehrung der Bevölkerung eine bis heute durch nichts zu ersetzende Vorbedingung des Fortschritts ist. Wir glauben weiter, daß jeder, dem die Erhaltung des Wesens und der Kultur des eigenen Volkes am Herzen liegt, eine zahlenmäßige Verdrängung der eigenen Volksgenossen beklagen muß. Für uns wäre, es F ach n e n f l u ch t des klassenbewußten Proletariats, wenn es zum Zweikindcrsystem überginge, weil es dadurch zahlenmäßig verdrängt würde und weil es eine sittliche Einstellung gegenüber Leben und Gesellschaft betätigte, die seine Ideale des Kampfes und des Menschenaufstiegs verneint."(Oda Olberg:„Bevölkerungs- bewegung und Bevölkerungspolitik", Bücherwarte, Dezember 1928.' S."362). In der Tat kann eine aufstrebende Klasse, wie die Ar- bciterklasse, die sich ihrer menschenbefreienden Mission bewußt ist, sich nicht ungestraft dem Zweikindersystem der herrschen- den Klasse und der Sexualmora! derselben, die so deutlich die Spuren der üblichen Geschäftskalkulation trägt, anpassen. Eine von sozialistischen Wertungen durchdrungene Sexual- moral kann sich nicht mit der kapitalistischen Einstellung zu der Geburtlichkeil, dieser wichtigsten Lcbensmacht, ab- finden. Sie muß die Stoßkraft der Arbeiter- schaft im Kainpfe um bessere Lebensverhält- nisse auch im Interesse der tinderfrohen Familien v« r st ü r k e n. Dadurch kann auch der so weit getriebenen Bersachlichung der kapitalistischen Kultur, die selbst die vitalsten Mächte bedroht, die gefährlichste Spitze genommen werden Eine nicht von der schweren gegen- wärtigen Rot getrübte sozialistische Einstellung zum Geburten- Problem wird vorausschauend den Ernst die'es Problems für eine mehr oder minder fernere Zukunft in Be- tracht ziehen. Die Bevölkerungsbewegung Frankreichs gibt gereits zu denken. Trotz der günstigeren wirtschaftlicben Lage Frankreichs im Vergleich zu Deutschland und in gewisser Hin- ficht auch im Vergleich zu England— Frankreich kennt keine chronische Massenarbeitslosigkeit und rnvfindet eher Mangel an Arbeitskräften— weist die französische Bevölkerung im Jahre 1928 gegenüber 1913 eine Abnahme um 370 009 auf, während die deutsche Bevölkerung gleichzeitig um 3,73 Mi- lionen und die englische— um 3,14 Millionen zugenommen bat. Das läßt daraus schließen, daß neben den wirtschaftlichen Verhältnissen auch der mehr oder weniger starke Lebens- drang der Völker in gewissem Maße auf ihre Geburtlichkeit einwirkt. Daß das von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit für die weltwirtschaftliche und weltpolstOch? Geltung der betreffenden Völker ist, wird jeder einsehen. In seiner er- wähnten Schrift bietet Julius Wolf reichhaltiges Material über die Bevölkerungsbewegung in den einzelnen europäischen Ländern und in den überseeischen Kontinenten, und rollt das Geburtenproblem in seiner internationalen Tragweit« aus. Die Arbeiterleser werden besonders die sehr beachtenswerten Angaben über den Geburtenrückgang bei reich und arm in T'-rlin und London interessieren Wie weit die Armen den Vorsvrung der Reichen binsichllich des Geburtenrückganges eingeholt haben, illustriert Wolf an der Ha?d folgender Berl'ner Zahlen: Die Geburtenz'ffer war aus tausend: 1UW 19t0 1911 19! 2 1926 in, reichen Tieraartenoiertel 15,0 zzi z 10,4 am arme» Wcdbing...?1,8 59,(i 27,4 26 4 11,8 und damit der Unterschied. 16,6 14,7 13,33 12,6 1.4 Da? Tempo des Geburtenrückgangs war im Arbeiter- werte! Wedding g/radezu enorm und übertraf bei weitem die es Tempo im Tiergartenvicrtel. Noch ein Schritt weiter. und d:e großstäMildis Arbeiterschaft vermehrt sich lang- samer als die B sitzenden: die zahlenmäßig? Verdrängung, von der Olberg spricht, kann demnach nicht als bloßes Schreckgespenst angesehen werden. Bei der liritersuchung der Angaben für London stellt Wolf fest:„Eine völlige Anglelchung der Ecburten.zjffer der Aermsten an die der Wohlhabenden scheint nach alledem nur«in« Frage der Zeit. Auch die Aermeren haben sich heute für die„dirtbeontrol" (Geburtenregelung) entschieden. Ihre Sexualmoral ist keine andere mehr ais die der Oberklassen. Nur verstehen sie sie noch nicht ebensogut zu üben." Dabei identifiziert der Ver- fasser, wie im Laufe der ganzen Untersuchung fälschlicher- weise die Anwendung von Präventivmittcln mit Sexual- moral. Nicht die Motive, sondern«in technisches Vorgehen wird zu einem ethischen Kriterium erhoben, und dieses Vor- gehen wird als neue Sexualmoral ausgegeben. Diese Ver- wirrung der ethischen Bewertung in dem sonst«mpfehlens- werten Werk von Wolf fordert zum Widerspruch heraus. Man trifft auch in der sozialistischen Presse vielfach Aeußc- rungen, die deutlich genug beweisen, wie sehr eine gründliche Klärung dieser Probleme in s o z i a l i st i s ch e m Geiste not tut. So schließt zum Beispiel Herbert Philippsthal„Eine bevölkerungs- politische Bstrachtung", d e mit statistischen Angaben über den Geburtenrückgang reichlich belegr wird, mit dem Satz:„Das Glück der Massen wird durch ihre Fruchtbarkeit gefährdet." („Der Abend" vom 13. Oktober) Eine solche Stellungnahme zum Geburtenproblcm be- stätigt die Behauptung Wolfs, daß die Proletarier sich die Sexualmoral der Begüterten aneignen. Nach Philippsthal müßte man nicht gegen die lebensfeindlichen Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft, sondern gegen die Fruchtbarkeit Front machen, demzufolge könnte auch die Intellektualisierung des Fortpflanzungstriebes gar nicht weit genug gehen. Ob gerade dieser Weg zur sozialistischen, lebensfreudigen Kultur führt, möchten wir sehr bezweifeln,.luckitd Grünkelck. „Oie schaffende Krau." tlnier diesem Titel stellt sich eine neue FraiKiizeüschriit vor, di« bei N. Israel im„Etatheim" ein? Ausstellung ver- airstallet, Ist auch der Gedanke der„Messe" und der Reklame anscheinend umrenirbar von jeder Ausstellung, so muß dieser doch nochgeriihnn werden, daß sie sich nicht daraus beschränkt, die ver- schiedenen Jndnstrieprodukte. zur Geltung zu dringen. Wenn auch die verschiedenen Arbeitsgäng«— der interessanteste ist wohl die Herstellung eines Sicherheitsschlosses— die Frauenarbeit in einer Umgebung zeigen, die keinen Begrisf von den wirkliche» Arbeits- bedingnngen gibt, so dielet die Ausstellung andererseits dach den verschiedenen Organisationen Gelegeicheit, in Flugblatt- Material und Statistiken ihr« Leistungen zu zeigen. Besonders interessant ist da für uns die Ausstellung des ZdA., der ja fast zur Hülste weibliche Mitglieder hat. Bon 32009 000 Erwerbstätigen sind 11 478 000 Frauen— seit 1907 hat die Zahl der erwerbstätigen Frauen»ine Zunahme von 224 Proz, er jähren! Reden bieten und anderen Ergebnissen der Statistik i» bildhafter, leicht verständlicher Darstellung zeigt der ZdA. seine vortnldlid)« Erholungs- s ii r 1 o r g e. Gleichsalls wirbt i» der Ansstellung die Verlags- gesellschast des ADGB. für sich und ihre Sortimcntcadteitung. Daneben enthält die Ausstellung dann noch sehr viele Dinge, die ja wirklich als Erleichterung und Vervollkommnung der Wirtschaft anzusprechen sind: vor allem aber wird der Gedanke des Etat- Heims propagiert: Größtmöglichst« Ersparnis von Raum, Zeit und Krast— zu dessen Verwirklichung uns heut« ja meist nicht der gute Wille, nur die Wohnung fehlt. Zu der Beranstalterin der Ausstellung selbst: Diese neue Zeit- schritt ist ivedcr Haussrauen-»och Modenzeitung, sie will lür die „schassende Frau" kämpfen, sür die Frau, der chr Berus zur Be- rusung wird, die den Hauslraucnberus nichl als Schicksal, die Arbeit nicht als Rotbehelf hinnimmt. Darüber hinaus ober will sie noch ein? jreie, keiner Partei, ober dem Fortschritt und der Zukamt dienende Tribüne sein, aus der Frauen und Männer über olle Prodi eine der Frauenarbeit, der Sexual res onn der neuzeitlichen Kindererziehung sich aussprechen können. „Di? Reue housivirtschast"»eimt sich eine Zeitschrist, die von der Verfasserin des„Reuen Haushalt", Dr. Erna Meyer, herausgegeben wird. lBerlag Thienemonn, Stuttgart, Preis des Einzel» Heftes 73 Ps.) Die Zeitschrift, die mit gu'e« Photographien ausgestaltet ist, will der modern eingestellten Hausfrau im zweckmäßigen Ausbau und Ausbau ihres Heims dienen. Sie enthält Aufsäße über ziveckinäßige Möbel, Raumgestaltung. Ernährung, Kinderpsleze, Erziehung, technische Neuerungen im Haushalt»sw, und hält über einschläglae Bücher und'Ausstellungen ans dem lausenden. Ein sozialer Einschlag i» der Zeitschrift ist deutlich spürbar: man inter- esjiert sich auch sür die Arbei ersran und-Mutter und bringt mich Aussätze, die für diese verwertbar sirtd. Im großen und ganzen aber wendet sich die Aeitschrist, auch dem Preist nach, an die intelligenten Frauen des Mitelftandes. Das kommt insbesondere zum Ausdruck iii de» ziemlich zahlreichen Artikeln, die sich mit der Hausangeslel>t«nfrage besastifiigt» und also nur sür diese bevorzug- lcn Kreise Wen haben. Die Frau von morgen. Ansichten der Männer von heute über sie. Ein HcrausMbcr(Fr. M. Hiwbner) vo» einem Verleger (E. A. Seemann, Leipzig) beauftragt, hat die freundliche Torheit degangen, ein« Reihe mehr oder minder prominenter Zeitgenossen nach ihren Wünschen sür„Die Frau von morgen" zu befragen. Was die Antworten verbindet, ist das allen Befragte» gemeinsame mann- liche Geschiecht: was sie trennt, ist alles, was sich an Verschieden- artigkeit des Temperamentes, des Charakters, der Persönlichkeits- reife und der seelischen Grundhaltung an Trennendem zwischen Menschen stellen kann. Das vor kurzem an dieser Stelle besprochene Buch von Elsa Hermann„So ist die Neue Frau!" zeigt großzügige Sicherheit der Linienführung: wenn das von Männern gcsihriebenc Buch dagegen so zerrissen, widerspruchsvoll und teilweise hilflos wirkt, so ist das nicht allein dem Serienfystem der Befragung von 17 vcrichiedene» Autoren zuzuschreiben. Eine Zusammenstellung der Meinungen von 17 schriststellcrndcn Frauen hätte bestimmt ei» ein- heitiicheres Gesamtbild ergeben.. Wenn im vorliegenden Falle alles andere als ein logisch„ausgeklügelt Buch" zustande kam, wenn sich der Mann„in seinem Widerspruch" kraß offenbart, so Mi er es nicht so sehr im Auseinanderfall der Individuen, sonder» als Typ. Fangen wir mit jenen an, die mit der Neue» Frau am wenigsten anzufangen wissen! Da sind sie wieder einmal, jrne Cwig-Blinden und Cwig-Geftrigen, denen kein noch so radikaler Umschwung des Crkenntnislichtes Himinelsfackel leiht. Jene Hohepriester der iveib- lichen Liebeshingabc und mütterlichen Aufopferung, die komisch- scierlich Sakramente enthüllen, deren Altäre längst in Trüimner liegen. Erstaunlich ist der Mut, mit dem der Herausgeber selbst, ivenn auch gemildert durch allerlei Zugeständuisse, behauptet, daß „im Dasein der Frau die Liebe die Mittelachse bildet", und daß„die Frau nun einmal für de» Mann da lein will". Solche Anmaßung, die nichts zu tun hat mit der Anerkennung der beiden Geschlechtern natürlichen Liebesfehnsucht, die bei der Frau noch ver- lieft ist durch die Mutterfchaftsverheißung, unterstellt recht simpel für wahr, was— nicht etwa„der" Mann,— sondern ein paar aus dem vorigen Johrhundert hinübergereurte Exemplare eines im übrigen ausgestorbene» Typs wahrhaben möchten. Sie zu widerlegen, braucht die Frau nicht einmal felbst in die schränken zu treten. Denn die Antwort auf solche Wünjch« findet Huebner im gleichen Band bei seinem Mitarbeiter Walther von Holländer, der in seinem Beitrag„Autonomie der Frau" die Frau für immer geheilt sehen möchte von dem „Aberglauben a» Alann und Kind und die Wohlgefälligkeit des Opfers". Nach Holländer ist „stärkster Gegner der weiblichen Entwicklung nicht der Mann und die männliche verdrehte Meinung über die Frau, stärkster Gegner ist das weibliche Minderwertigkeitsgefühl, an sich nichts zu sei», sondern erst durch Mann und Kind". Aus das Schuldkonto dieser Wahnvorstellung schreibt er die Verkümmerung und künstliche Kindlichkeit der Frauen, die aus der Lebensangst, sich nicht zeitig genug in Ehe und Mniierichaft zu „vollenden", sich viel zu früh und»»geformt in diese deni reisen Menfchen vorbehaltene» Ausgaben stürze». Von den Frauen aber, die,— mit oder ohne Ehe—, ihre weibliche Lebenssorm geprägt herausstelle», wird die zentripetal gerichtete„weibliche Wirklichkert nebe» der"— zentrifugal wirkenden—„männliche» Wirklichkeit stabilisiert,„von ihnen wird die uralte Weisheit neu ausgehen, daß der Sinn des Lebens im Leben selbst steckt, das Ziel des Menschen im Menschen selbst(»ämiich in der Herausstellung seiner voll- kommenen Form)." Es ist selbstverständlich, daß der„alte Mann" nicht nur in der Liebe alles so hübsch bequem behalten»lochte, wie es— seiner Meinung nach— von Adams und Evas Zeiten her gewesen ist, sondern daß er auch auf die weibliche B c r u s s t ä t i g k e i t. die der Frau in der Erotik«ine peinliche iieue Sicherh«'» und Selbst- bewußtheit gegeben hat, recht verquer und mürrisch guckt. Aus zwei Arten stellt er sich de» Anerkennung gesellschaftlicher Notwendig- keiten und Wandlungen entgegen. Einmal indem er wie Leo Matthias in seinem Brief a» seine„reizende kleine Tochter" der Fii» entgegenruft:„Sei nicht tüchtig!", indem er intensive Arbeit und echte Weiblichkeit als unvereinbare Gegensätze hinstellt, indem er die Einanzipalion der Frau zu wirtschaftlicher Selbständigkeit als „die größte Dumncheit der Frau seit Jahriauscndcn" bezeichiet und erklärt, es nicht mehr mitansehcn zu können, daß man„diese armen Wesen",— die ihre Sgndcrmoral und ihre Privilegien brauchen, um leben zu können—„wie Männer behandelt". Ein bemertens- wcries Dokument mäimlcher Arroganz. Mit einem anderen Dreh sucht Arnold Bronnen der weiblichen Erwerbsarbeit beizu- kommen, indem er in einem sonst recht dunklen Kapitel entdeckt, daß die Frau ja schon immer der wirtschaftlich produktivere Teil war, denn„sie bestellt« die Acckcr, sie leitete die Textilsabriken ihrer Hönde", während„der Mann zu allen Zeilen wichtigere Sorgen harte als die um das tägliche Brot". Die vornehme Gelte, mit der Bronnen die körperliche Arbeit der Frau als ihre ureigen« Domäne zuweist, enthüllt sich sür den in ihrer ganze» Nichtigkeit, der weiß, daß die Verteilung der körperlichen und geistigen Arbeit nicht ein Problem der Geschlechter, sondern eines der Kwsfcn, keine Frage der Biologie, sondern der Illach! ist. Ein Liicral de? Tages, Alexander L e r n e t- H o I e n i e, macht sich unter dem anspruchsvollen Titel„Die Iran aller Zeiten" als Kavalier der alle» Schule interessant. Für ihn deweist die ganze Frauenbewegung nur die„Defekte des modernen Mannes", ihm„ist es klar, daß d'e Frau an ihr so Ungcmößes wie an ihre Freiheit erst dann denkt, wenn etwas ihr so G-inäßes wie ihr« Unfreiheit sie nicht mehr brsriedigt", da der Mann„sich in Wirktichlcit immer mehr zum kmnischen Sklaven seiner Sklavin entwickeil". Er wünscht der Frau von morgen galant,„sie möge morgen keine Problem« mehr zu lösen, sondern einen respektable» Manu zur Seile haben, der sie für sie löst". Sein Jdcaldiid der Frau von morgen und aller Zeiten ist„eine ganz gewöhnliche, im übrigen ober hübsche, gutgewachsene, jynipathische, nicht geistreich aber kluge, nicht lieder- liche, aber auch nicht langweilige, kurz: eine ganz normale Person". Es drängt sich eiiicin die Empsindung aus, daß der Verfasser seine Ersahrnngcn über den heutigen Frauentyp in Kreisen saimnelt, In denen das Anftauchen einer wirklich normalen Person von be- geisternder Wirkung sein müßte! Kami man über solche in ver- zwerfelten Zynismus getunkten Vargestrigkeiten amüstert zur Tages- ordimiig übergehe», so spricht aus dem nachsoigenden Aussatz von Axel Eggebrccht„M a ch« n wir»»s n I ch t s vor" ein« ernste Zcitlrankheit. Es spricht aus ihm der gebrochene, zerfaferte Nerven- mensch unserer Großstädte mit seiner llusicherheit, dlasicrlen Müdigkeit und melancholischen Gleichgültigkeit. Sicher ist gerade dieser Beitrag sür viele Männer der Gegenwart bezeichnend. Wünsche für die neue Frau? Wir haben keine! Unser einziger Wunsch ist, überlzaupl wieder wünschen zu könne»! Hoffnungen, Erwartungen, Ansprüche? Ach laßt's uns aus mit dein langwelligen Gefrage, ein ordentlicher Schlaf auf dem geliebten Junggesellendivan ist uns viel nötiger! Der Vevsasser bekennt,— wahrscheinlich unter Gäh»- krämpfen, die spürbar zwischen de» Zeilen hängen geblieben sind,— daß durch den ständige» Umganz mit der moderne» Frau i» Beruf und Oesjenllichkeil die seitens des Mannes zu entwickelnde sexuelle Spaimuiig stark herabgemindert ist. Sic genügt nicht mehr, um den „Mann von heute, dies schläfrige Tierchen, das sich zufälligen Crsolge» enlgesentreiben läßt, das mit dem Gehirn rasch fasziniert und mit den Nerven rascher noch gelangweilt ist, das keine Wen- teuer mehr nötig hat, dein alles so bequem gemacht ist", aus seiner erotischen Berfchlasenheit zu erwecken. Es hat auch keinen Zweck, daß dir Frau durch Entwicklung stärkerer Widerstände auf der männliche» Seite stärkere Energie» z» erzwingen snch'. Es würde nur ein Mißerfolg werden, denn die„tödliche Frofchdlütigkeit" ist schon zu allgemein. Bon der Tragikomik dieser Situation entfällt die Tragik ganz aus die Seite der Frau, die mit starker Vitalität in ein Erlebnis hineingeht, um au- die hier enthüllte seelische Impo- lenz und sür sie unfaßbar«„große Wurschtigkeit" zu stoße». Einst- weile» ist noch nicht abzusehen, von wo dem trasi'ose» Bersagen, der trostlosen Dekadenz.Heilung kommen soll, Kann die Neue Frau von ihre» Gegnern wenig icriic», so wird sie doch den Wünschen, Mahnnnge» und Warnungen ihrer Freunde ein breites Ohr leihen. In dichterisch beschwingten Worten wird bei Stesan Zweig unter dem Thema„Zutrauen zur Zukunft" die Besreiung der Frau zum Körper, das Ende vo» sexueller Heim- lichkcit und Schwüle im Durckbruch zu Hell«, Gesundheit und Kamcradfchastiichkeit gesciert. Die gleiche froh und voll klingende Saite schlägt H ans H e» n y Jahn an, der das ivesenttich Wcib- liche,— schon in leichter llebeisteigerung gegenüber dem Geistigen,— in der Enlfalwng leiblicher Energien, in sreicr Liebeswahl und an gewollten Kinde erblickt. Er sich! die höchste der Frau gestellte gesellschaftliche Ausgab« in der(veburlenregtlung als Mittel gegen den.Krieg und die aus Ralioiiaüsieruug und Technisierung er- wachsende Arbeitslosigkeit. Die tragenden Idee» der sozialistischen Frauenbewegung finden mir bei Alfons Paquet in seinem Anjjatz„Die Fron, die Welt und das Heute" ausgefproche», während auf die Oekanomie als treibende Kraft der gefeUfchastlichen Um- gestaltung im Sinne der Frauenbewegung nur einmal mit gcbühren- dem Nachbruck, und zwar bei Richard H ü> j e n b c ck i» dein Beitrag„B-iahung der neuen Frau" hingewiesen wird. Robert Musil stellt in seinem vrissag„Die Frau gestern und morgen" die Aushölnng der sozialen Stellung und ßeittung der Hausfrau zu der Aushöhlung des überspannten romantischen Liebesbegrifses in Parallele. Gibt es vereinzelt auch noch schriftstellcrnde Männer, die gleich den Wen Hebräern Gott danken, nicht zum Weibe geboren zu sein. so überwiegt doch in der Reih« der Beitragschreiber die Zahl derer, die aus der Tiefe eigenen Erlebens und dem leidoollen Gesicht männlicher Nnzuläng'ichkeit heraus der Frau zurufen: Verde nicht wie wirt Diese Männer fühlen ihr M c n s ch l i ch e s v e r s ch ü t t e t unter der Bersachlichimg, Rechcnhastigkeit und dem sagenden Hetztempo der Zeit. Frau und Liebe, diele labende, blühende Oase, sollen nicht auch noch von der großen Wiilte verschlungen werden Das heißt nicht, daß man die Frau wieder oder immer noch auf den Isolier- altar behüteier Welt- und Lebensferne stellen w>ll, sondern daß man von ihr menschliche Belebung jener toten, öden Zone» er- wartet. Furchtbare Vorstellung, die Frau freiwillig zur fanatischen B u r e a u l k l a v i n,.zur immer nur„tüchtigen" und„praktischen" und entsetz ich nüchternen„Chauffeuse"«ntarien zu sehenl..Leicht amazonenhmt" meint Frank Thieß den neuey Typ,— aber er ist weder ihm noch den aadercn Zu kunstsgläubigen gleichbedeutend mit kühler Seeleulosigkeit. Mit beschwörenden Worten warnen gerade die wertvollsten Männer die Frau davor, ihr Bestes, Ur- eigenstes von sich zu werfen, aus der Liebe eine Sache, aus der Hingabe eine Aiigeleg«»l>eit von Füns-Minuten Aufmerksamkeit zu machen. Die äußeren Hemmunsen, die einst den Mann zur Werbung und Opfer zwangen, muß heute die Frau durch seelische Widerstände ersetzen. BersachNchung des Eros trügt die Banalisierung, Wer- flachung«ich Verarmung bis ins Zentrum der Seele: mit aller Kraft wird die Frau aufgerlife», nicht der kalten Gier des mann- geprägten Zeitalters zu erliegen. Hat sie Ohren zu hören, so v«r- nimmt sie aus diesen Vlatter» in neuen, Ton den alten Ruf mann- licher Erlö'ungsfehiisncht durch Mütterlichkeit, Zartheit und Seelen- tiefe des Ewlg-Weib-ichen._ Hctlnrij; Schwarz. Sie vergM sich... Ich kenn««inen alten österreichischen General. Er ist ein B älterer, schimpft auf die schlechten Zeiten, liest mit Vorliebe Karl May und Eoopers Leder st rumpf-Keschichten. sammelt Briefmarken»nd raucht aus langstieligen türkischen Pfeifen orientalische Tabake Eines Abends besuchte ich ihn. Die Dämmerung kam und wir saßen uns im kleinen R a„ chz i n, m e r gegenüber und pafften blauen Ranch vor uns hin. Draußen fiel eintöniger Regen; nur selten klapperten die Schritte vereinzelter Passanten vorbei oder knirschte cin Wagenrad durch den Kvt. Nachdem wir«ine Weile geschwiegen hatten, hob der alte Herr den Kopf und sah mich stechend an: „Hm-- Hm, mein Junge," meinte er, auch ich war«in- mal jung." Irl) nukte zuftiinmend. denn ich wußte, daß er nun«ine Geschichte vorbringe» würde, eine Geschichte aus seiner Jugend. Ich täuschie mich nicht, denn er fuhr mit der Hand wie abwehrend durch die Luft, als kämpfte er mit einer Arme« Erinnerungen, und begann: „Zuiii Teufel, Jimgche», das war eine hundeelend« Station damals Anno ISö-h Ich lag als blutjunger Leutnant in den Karpathen mit acht Mann oberhalb Ujsalu, wo der Teufel uns Gule Rächt sagt. Wir sollten Vermessungen machen. Außerdem hotte ich meinen Diener mit, Pawel Janku, einen sommer- sprossig-n, ewig feixenden Wallachen. Am achten Tag« brach der Sturm las, cin Sturm, lvie er nur in den Karpathen möglich ist, der schivere Baumriesen durch die Lust wirbelte und die Dächer der Berghütten wie PapierbläUchen davontrug. Zwei Tage später war es windstill, Vollmond. Ich streifte mit meiner Büchse durch den Hochwald. In einer Lichtung stieß ich aus ein Zigeunerlager. Lupus, der Häuptling. prügelte geraoe ein Mädchen. Es tonnte seine Tochter sein oder auch eine Angehörige seine» Stammes, denn diese Häuptlinge habenKewoltüberLebenundTod. Er prügelt« sie init einem vielfach verknoteten Hansstrick, wie man einen Hund prügelt, man hart nur die klatschenden Schlag«, die den eckten Körper trafen. Sonst herrschte vollkommene Stille. Lupus prügelte, gewissenhast , jeden Borteil wahrnehmend, den sich der windende Körper bot, die übrigen zerlumpten, bunt aufgeputzten Gestalten saßen s chw e ig e n d im Kreis« herum und sahen zu. Alle schwiegen, aiich das Opfer, ein junges, schwarzhaar ig es Mädchen gab keinen Laut vo» sich. Ich rief die Gruppe an. Einige erhoben sich, iim mich zu begrüßen, auch Lupus wandte den Kops und grinste mir zn, jedoch ohne die Züchiigung zu unterbrechen. Eist als er die seiner Meinung nach angemessene Portion ausgeteilt hatte, hielt er inne und lieh das Mädchen los. Ihr Körper war voll blutunterlaufener Striemen. Sie schüttelte sich wie ein nasser Hund und lächelt« mir verheißungsvoll zu. Ich stand sprachlos vor soviel Selbstbeherrschung. Lupus machte ein« einladende Geste näherzutreten. Erst später, als nach Austausch der verschiedenen Höflichkeitsformeln das Gespräch im Gange war, erfuhr ich den Grund des eben Gcschautcn. Es han- delte sich um einen Frauenkauf. Ein junger Soldat des Grenz- Postens hatte Mira für drei Monate gemietet. Die Miete machte drei harte Taler(mit dem Bilde Maria Theresiens natürlich, anderes Geld wurde nicht genommen) und kam dem Stammeshäuptling zu. Für diese drei Taler war nun Mira für drei Monate an jenen Soldaten vermietet gewesen und hatte ihm gegen- über alle Pflichten einer Dienerin und Geliebten zu erfüllen. Mira halte nun auch allen Anforderungen in vorbild- licher Weise genügt; nur in einem Punkte wurde sie vertragsbrüchig. Sie war nämlich— anscheinend von Herzensgefühlen beeinflußt— «inenTaglängerbei jenem Jüngling geblieben als ausgemacht war. Ei»« solche Pflichtverletzung mußte natürlich bestrast werden! Lupus feixte und sagte dann wie entschuldigend:„Sie ist noch etwas jung, Herr Wohltäter, zwölf Jahre erst--- dann machte er eine einladende Geste zu dem Mädchen hin und meinte: Drei Taler, Herr Wohltäter, sie ist wieder zu haben." Und Mira blitzte mich lockend mit ihren weißen, schimmernden Zähnen an und macht« schwärmerisch« Augen. --- Run, mein Junge, ich war damals neunzehn I a h r« a l t, vergraben dort droben in den Korpathen, und es gab oft Sturm, daß man tagelang nicht aus der Baracke tonnte. Ich griff also in dt« Tasche und holt« dr«i harte Taler hervor. Lupus prüfte die Geldstücke beim Feuer und biß hinein, um ihr« Echtheit zu ermitteln. Und Mira war die anhänglichste, sanfteste Geliebte, die man sich denken kann. Am letzten Tage des dritten Monats ist si« mir pünktlich davongelaufen. Sie hatte sich die Lektion gemerkt und wußte bereits, daß man nichtnachdem Herzen gehen durfte, um iin Leben weiter zu kommen." Der alte Geiieral schwieg. Draußen regnete es noch immer.... Alexander von Sacher-Masoch. Mnder bitte hier abgeben! Wen» wir auch noch nicht auf solch„hoher" Kulturstufe stehen, wie die Töchter Albions, die Hunde und kleine Kinder der Kino- Garderobiere in Berwahrnng geben, so besitzt doch jedes moderne Kaufhaus jetzt schon seine Kinderspielstube, wo die kleinen Wiir- nier, dieweiien Mutter wählt und„wühlt", unter Aufsicht eines von Berusswegen kinderiieben Wesen- zur Aufbewahrung abgegeben werden und hier in Gesellschaft anderer kleiner Schicksalsgenossen in „Spiel und Frohsinn" die Wartezeit zu verbringen haben. Die Sache hat allerdings etwas für sich, da das Kreuz- und Ouergezerre eines Kindes durch die unzählige» Abteilungen eines Kaufhauses für da» arme Wesen wirklich etwas Fürchterliches ist. So gut man es also im allgemeinen hier mit dem Kinde meint, das man vor all dem Geschieb«,(Bedrücke und Getrete schützen will, so tut man doch so rnanchein unter ihnen nichts Gutes, denn es gibt Kinder, die sich nicht so auf Kommando in eine wildfremd« Umgebung ein- leben können und denen der augenblickliche Verlust ihrer Mutter mehr Schmerz l>e deutet, als der vom Firmeniilhaber für sie bereit- gehaltenen Freude. Außerdem gibt es aber auch schon iuichmittäg- l'che Bergnügungsstätten. z. B. Tanz-Eafes, wo besagter Stcpke, während Mutter das Tanzbein schwingt, gegen ein Garderoben- geld von 1 M., hierfür gibt es dann Schokolade»nd Kuchen, in Verwahrung gegeben werden kann. Auch hier waltet wieder ein« besoldete Kiiidersreundin ihres Amtes, es gibt gemeinsame Spiele, Kasperte-Borstcllungen usw. und ein Teil der kleinen Gesellschast unterhält sich großartig, während auch hier wieder die zarter de- saiteten Nesthäkchen sehnsüchtig nach Mutter Ausschau hallen. Es ist oft qualvoll, zuzusehen, wie diese kleinen Wesen gewaltsam an den „Ort der Freude" geschleppt und mit aller Gewalt, wenn auch in Form gütlichsten Zuredens, dort festgehalten werden. Die einsam slleßenden Tränlein und das ivehe Herz sieht Mutter längst nicht mehr, denn si« ist heilsroh, ihre Last losgeworden zu sein, schleunigst entfleucht. Sollte ein R a ch»n i t t a g s s p a z i e r g a n g. mit einem Kinde unternommen, nicht in der Hauptsache diesem gelten? Oder ist ein Kind nicht viel mehr, als cin Hündchen, das man an die Luft führt und vor dem ersten Schlächterladen anbindet, wo es dann, gerne oder nicht, geduldig zu warten hat, bis Franc!«» ivieberkenmit? Gewiß sind Frechen, die ihrer eigenen Bequemlichleit halber das Kind, ohne Rucksicht auf sei» inneres Wesen, einfach fremde» Leuten überlassen nnd schon gar jene, die im Kvsseehaurtanz ihr Scelenhril erblicken, nicht inütte»kiche Jdeakgesialten,