Srauenfli | Jlr.2* 47.3ol>räflnF|"BcUClQC ZUM UOtlüfirfe 1 16. Jonuar 193Ö Vom„Wen Mädel" Der Aufstieg der sozialdemokraiisc Der Typ des Wiener./süßen Mädels" ist von Arllinr Schnitzlsr vor mehr als einem Menschenalter zwar nicht er- fluiden, ober in die Literatur eingeführt worden, der jungen Näherin oder Modistin aus der Vorstadt, die durch Lieb« Leid erfährt. Da di« Liebe einem müßigen Herrn der Oberschicht gilt, ist auch das Leid sozial bedingt, aber tausendfach stärker war schon damals das freilich minder„romantische" sozial« Leid der arbeitenden Frau, das sich aus ihrer Abhängigkeit vorn Unternehmer nnd ihrer Uuernxcktheit«rgab. Wie dann die österreichischen Arbeiterinnen aufgerüttelt, zu einem kühnen Stoßtrupp zufa-nmen- gefaßt und am End« zn einem gewaltigen Heer gegliedert wurden, dieses Heldenlied kündet die Berufenste von allen, unser« Wiener Genossin Adelheid Popp, In eineui frisch und einprägsam geschriebenen Buch„Der Weg zur Höh e". das, herausgegeben vom Frauenzentralkomite« der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs, den lebendigen Text durch eingestreut« Photos noch lebendiger iiracht. Als die Jahreswende 1888/89 in dem niederösterreichischen H o i n f« l d den ersten Kongreß der österreichischen Sozioldeuw- kratie sah, kannte die Partei noch keine weiblichen Mitglieder, und auch m den Gewerkschaften waren noch fünf Jahre später unter 31522 insgesamt Organisierten nur K59, davon in Wen gerade 308 Frauen, obwohl sie längst von der topiialistischen Ausbeutung in die Fabriten hjnejilgezogcn wurden. Ja, die Möglichkeit, daß die Frmi als Arbeiterin auch Käinpserin sein könne, blieb dem Gesichtskreis der Cinberufer von Hainfetd so fern, daß die einzige Frau, die als Delegierte, von den Arbeitern des Polzeutales in Deutschbohmen, angemeldet war, Zurückweisung erfuhr, weil man Männer brauche! Die Frau gehört ins Haus! dl ulier Utee.il»i eeciesia! Das Weib halte in der Volksverja-nmluiig den Mund! Aber der Unterstützung einsichtiger Parleigenossen, Viktor Adler wie immer vornean, war es zu danken, daß in den Juni 1399 die Gründung eines Arbeiterinnen-RildungevereinS fiel, der als Parteiorganisation galt und, nicht zuletzt dank der wert»«„den Wirkung der Maiseier, rasch einige Hundert Mitglieder zäistte. Di« Frauen, die von diesem Geist berührt waren, lichten nicht, bis sie am I. Januar ein eigenes, zweimal im Monat er- scheinendes Organ bekamen. Wurde die„Arbeite rinnen-Zeitung" anfangs von den Redakteuren der„Arbeiter-Zeiwng" redigiert, so erhielt das Blatt b»ii> schon«ine weibliche Redaktion. Unsere Ge- nossin Adelheid Popp, damals noch ihren Mädchennahmsn D w o r f ch a k führend, war, wie auch später, stets an der Spetz«. Sie� di« noch eben als Arbeiterin in einer Korkfabrit siir sechs Gulden wöchentlich tätig gewesen war, gehörte auch zu den ersten Frauen Oesterreichs, die auf die öffentlich« Rednertribüne� traten. Weile Schichte» selbst der schon von der sozialen Gärung dar Zeil erfaßten erroerbstätigen Frauen lmtten noch wenig Verständnis nir die Forderung: Politisches Recht dem weibiichen Geschlecht, denn näher lag ihnen die Magenfrage. Da die Arbeiterinnen in den Appreturfabriken elf Stunden täglich für einen Wocheniohn von drei bis vier Gutden unter schauerlichen Verhältnissen— bei Temperaturen von SO Grad und mehr barfuß im Wasser stehend!— schuften mußten, kam es im Mai 1893 i» vier Wiener Betrieben dieser Art zn einem spontanen Streik, der drei Wochen dauerte. Natürlich wurde bei solcher GAsgenheit der Hebel angesetzt, um zu organisieren. Auch an die Hausangestellten, die dank der nach gültigen Dienstbotenordnuirg aus dem Jahre 1810 vielfach linier cmTOiirbchcnbcn Bedingungen lebten, suchte man heranzukommen. Arbeitslose Genossinnen verdingten sich!» den durch Dienstboten- zm Klaffenkämpferin. mißi/andlung berüchtigten Familien als Hausgehiffiunen, um aus eigeiier Anschauung die Verhältnisse kennen zu lernen, aber die Zeit war für diese Bewegung noch nicht reif Erst 1910, als die Sozialdemokratie im mederösterreichischen Landtag für die Der- bessernng der Dienstbotenordmmg kümpsie, gerieten die Dinge wieder in Fluß; im Mai 1911 entstand der Verein„Einigkeit", Verband der Hausgehilfinnen aller Kategorien, der nach seinem Zu- sammenschluß mit dem Verein der Heimarbeiterinnen in gewer?- schastliche Bohnen einlenkte,»nd in Miseren Tagen wnrden mit llntcrstützimg der Gemeinde Wien zwei Heime und eine Wort- bikdungsschul« für Hausgehilfinnen errichtet. Aber von der sozialen Erwcckimg zum politischen Verständnis war kein weiter Weg. lieberall rüttelte, auch in der Provinz, in Graz, Linz, Brünn, Reichenbcrg, Innsbruck Adelheid Popp die Frauen auf, und andere nmtige Kämpferinnen folgten ihrem Bei- spiel. Die Machthaber sahen ihnen ebenso aus wie den in der Be- weg-.mg tätigen Männern. Wenn in Tirol der überwachende Polizeikonnuissar der Genossin Anna Bvschek gut zuredete, die Agitation auszugeben, da sie sonst keinen Mann bekomme» werde, war das die gemütlichste Fonn, die Verkünderimien der sozialisti- scheu Heilslehr« kirr« zn inachen. Von einer anderen Genossin, die viel« Abend« als Versammtmigsrednerin ihrem Heim ferngehalten wurde, sagte eine tückische Geheiinnoie der Polizei: „Führt einen leichtfinnigen Lebenswandel, weil sie oft nach 10 Uhr abends nach Hause kommt." Gegen eine ganze Reihe von Genossinnen wurden Strnsversahre» wegen Auf- reiz n n g und anderer surchibarer Verbrechen eingeleitet»nd endeten nicht fetten mit der Berhüngung von Freiheitsstrafen. Auch Adethcid Popp wurde mehr als einmal angeklagt. Als sie sich vor dem Simmeringer Bezirksgericht wegen angeblicher Beleidigung der Regierung zu verantworten hatte antwortete sie. von ihrem Verteidiger tattisch gut beraten, ans die Frage, was sie mit ihren. Aeußerungen bezweckt habe, stolz und kühn:„I h wollte zu Haß und Verachtung gegen die Regierung ausreizen!" Da dieses Delikt vors Schwurgericht gehörte, mußten sich die Berussrichter, die unserer Genossin gern aus dem Handgelenk ein paar Wochen Arrest aufgebrummt hätten, für unzuständig erklären, und da man den Geschworenen in jenen unruhigen Zeiten wenig tränte, schlief das Verfahren ein. Als sllr die Osicrfeiertag« des Jahres 1898 hie e r st« sozial- demokratische F r a u« n r e i chs k o» se r e n z fürOester- reich einberufen wurde, hielten führende Gewerkschafter mit ihren Bedenken nicht zurück, weil sie fürchteten, daß das Aufpeitschen der Frauen für eine Sonderorganisation sie de» Benissverbände» fernhalte» könne. Aber wenn nichts anderes, so zeigten die Reichs- ratswahlen in steigendem Maß« die Notwendigkeit eines anderen organisatorischen Zusammenschlusses für Frauen, als ihn Bitdungs- verciu und Gewerkschaften darstellten, denn an den Wahlkämpsca. wirkten Genossinnen wacker aus ihre Art mit: sie vertrieben sogar allzu zudringlich« christlichsoziale Schlepper„nüt Spülwasser und nassen Fetzen" aus den Wohnungen. So trat endlich 1902 der „Verzin sozialdemokratischer Frauen und Mädchen" ins Leben, der in seinen Statute» mit Rücksicht aus das Bereias-- xesstz Beschäftigung mit Politik und Religion ausschloß, sich aber gleichwohl munter iu politischen Gewässern tummelt«, getreu dem treffenden Wärt: In England ist erlaubt, was nicht verboten ist. in«rboten, was nicht crltwbt ist. in Oesterreich erlaubt, was verboten ifr Obwohl kn sronchostichmlschen Reich an die Er- ringunq des Frauenwohlrechls nicht im Traum pi denken war. bracht« das allgeineine Wahlreckst, unter dem mqn 1907 zum ersten Mal« an die Urnen trat, auch den G euch sinn«» inehr Eltbogen- fveisieit: von 1907 an datiert der Aufstieg der politischen Organisation der Frauen. Allerdings n richten die arbeitenden Frauen noch durch die Hölle des Weltkriegs hindurch, von der dos Buch Höllisches kündet. Unter glänzenden Versprechungen wurden Zlrbeitermnen für Mn ni tions sab rite n angeworben, aber statt der vcrhechenen guten Wohnung gab es Ba- racken, in denen auf Strvhsocfm Gesunde neben Kranken, Ber« wahrloste neben Reinlichen lagen, und statt der angepriesenen guten Nahrung schlechten schwarzen Kassee, wenig und dafür miserables Brot, Kraut, Rüben, Bohnen. In Hüttenwerken arbeiteten junge Mädchen und schwächliche Frauen ost 18 Stunden ununterbrocheit um«inen wesemlich geringeren Lohn, als man Männern hätte zahlen müssen. Aber nicht nur langsam gingen an Unterernährung und Senchc» diese Proletarierinnen zugrunde. Ab und zu räumte die Explosion einer Mumtionssalbrik furchtbar unter ihnen auf: einmal wurden in ivenigen Augenblicken Ihrer Hunderte durch «ine solch« Katastrophe zerrissen, erstickt, vcrbvonnt. Als endlich eine Frauen schulst»mmitsion eingesetzt worden war, wurde der nren schlich« und loyale Lorsitzende, ein vbersileutnartt, wie«s hieß, auf Betreiben der Kaiserin Zita, bald versetzt, weil er einer srömmelnden Etappenbehörde in Tirol geantwortet hatte, man könnte die welbtichen Hrlfsträst« nicht zum Beten zwingen. Der Znsanunenbruch der Ha'-sburgcr-Monarch!« anno 1918 ebnete mit Einführung des Krauenwahlrechls die Bahn zum raschen Ausstieg der sozioidenwkroiischcn Frauen» organisation, die jetzt mit der Organisation der männlichen Mit» gticder in eins nerschmoü. Scharten sich 1903 erst 700 Frauen Himer dem roten Baimer der Sozialdemokratie, so waren es 1908 schon 6112, 1913 20 058. 1918 41800, 1923 122311 und 1928 221 5001 In 25 Jahren ein« B e rd re i h u nde rt s a chu n g und mehr— wirklich und wahrhaftig ein stolzer Weg zur Höhe! llermaim Wendel. Mutter der Mütter und Kinder. Was die Krankenkasse iür Muiier- und Kinderschutz leistet. Innungskrankenkassen. �. Knappschasllichc Kronkentassen Im„Jahrbuch der Krankenversicherung", heransgegcbcn vom Hanptvcrbanj» deutscher Krankentassen e. B., ist ein besonderer Abschnitt deni Gebiet„Mutterschutz und Säuglings- s!> r( o r g«" gewidmet. Seine Verfasserin ist Dr. Alice LoUnhals, die Leiterin der Schwangerenfürsorge des Berbandes der Kränkelt» kästen Berlin. Hier wird gezeigt, in welchem Maße die Kronken- kästen z» Trägern der sozialen Mütter- und Kindersürsorge im ganzen Reichsgebiet geworden sind. Zn ihnen dürfen die werdenden und die jungen Mütter kommen mit dem Bewußtsein, nicht Wohl- taten entgegenzunehmen, sondern die durch Gegenleistung crworbe- nen Recht« zu beanspruchen. Die Krankenkassen ihrerseits haben «s sich angelegen sein lassen, das Vertrauensverhältnis zwischen den weiblichen Mitgliedern und Familienangehörigen von Versicherten Und den Krankenkassen durch besondere, mir für die Mutterschaft geschossene Einrichtungen zu vertiesen. Zunächst die Kernfrage: was leisten die Kronkenkassen direkt an geldlicher Hilse bei Entbindung und Wochenbett? Eine Tabelle gibt darüber Auskunft, aus der wir als wichtigstes entnehmen, auf wieviele Embindungssälle 1927 die s a tz u n g s- gemäßen Leistungen an Woche nhilsc entsielcn. und wie hoch dies« Leistungen waren. Ortskrankenkassen..... 452188 Fäll«■=• 46500 000 M. Landtrankenkassen.... 93 555„>--- 8 100 000„ Betriebskrankenkassen... 148522„---- 13 100 000, ..... 12339„--- 1 200000. 69 485„ 3 600 000„ insgesamt 776 089 Fälle= 72 500 000„ Auf den Ein.zeksall entfallen demnach im Durchschnitt etwa 93 M. Wochenhilse. 1925 betrugen die Ausgaben der Krankenkassen noch 56)4 Millionen gegen 72'.« Millionen un Jahre 1927. Dies« Entwicklung steht noch keineswegs an ihrem Abschluß, sowohl was die Zahl der berechtigten Personen noch was die Steigerung der Leistung im Einzelfall anbetrifst. Arbeitslosigkeit einerseits und zunehmend« weibliche Erwerbstätigkeit machen die Wochenhilse immer unentbehrlicher, wenn wir nns auch den Argumenten von Dr. LoUnhals. die w> Geburtenrückgang an sich«ine Gefahr und ein ilebel sieht, nicht ohne weiteres anschließen und darum auch die Wochenhilse sowie die übrigen Leistungen der Krankenkassin nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Bekämpfung des Ge- burtenrückganges bewerten können. Bei den Ortskrankenkasten überwogen 1927 die entbindenden nichterwerbstätigcn Familienangehörigen die erwerbstätigen Selbst- vcriicherten um rund 76 000, bei den Betriebskrankenkassen war der Anteil der ersteren sogar rund dreimal so hoch wie der der letzteren, Nur bei den Landkrankenkasten standen rund 55000 Selbstoersicherte rund 38 000 Familienangehörigen gegenüber. Bei allen Kranken- kosten zusammcngciwmnie» kamen auf rund 275000 Selbstoersicherte rund.500000 Familienangehörige: also waren erheblich über ein Drittel der Entbindenden erwerbstätige Selbstoersicherte. Das S t i l l g e l d, über dessen Gesamthöhe sich leider keine Ausitellung findet, wird wegen des großen gesundheitlichen Wertes kies Stillens von irwnchen Krankenkassen über die gesetzlich vor- geschriebenen zwölf Wochen hinaus bezahlt. Nach Dr. Bollnhals ist die Slillfähigkeit besriedigend, denn der Wcrr der natürlichen Nahrung ist heute allgemein anerkannt: mir die Stilldauer erstreckt sich leider meist nicht über die ersten zwei, drei Monate. In bezug auf die Auszahlung der Wochen- und Stillgelder macht Dr. Bollnhals den beachtlichen Lorschlag, sie allgemein an den Besuch der Säuglingsfürsorge zu knüpfen, die bei dem heutigen Ausbau der Familienhilse auch sür Stief-, Adoptlo-, Pflege-, Enkel- und un- eheliche K!i»der(ooii männlichen Versicherten) zur Aersügnng steht. Um dieses Ziel schon jetzt zu erreiche», verrät Dr. Voll ichais Ihr .Hausmittel", um die Mütter mit den Neugeborenen ganz srühzeitig in die Säuglingsfürsorg« zu bekommen. Sie macht den werdenden Münern in der Schwangerenberatung Angst vor Nabeibrüchen der kleinen Kinder, und da die meisten Mütter hieraus reagieren, erschei- neu sie zu 99 Proz. etwa am 12. Tag mit dein Neugeborenen in den den Ambolatorien angegliederten Säugtingssürsorgen. gerade noch rechtzeitig genug, um Ernährungsfehler und-störungen sestzuslellcii und durch Rat zu beseitigen. Die Eäuglingssürsorgc von Kommune und Krankenkasse hat vor ollen Dingen die früher so enorme Säuglingssterblichkeit heruntergedrückt, die hat vor allem bewirk« die schnellere und häusigere Heranziehung des Arztes bei Erkrankung des Säuglings. Im Jahre 1912 waren in Berlin-Neukölln rund 30 Proz. der verstorbenen Säuglinge nicht in ärztlicher Behandlung gewesen. 1927 dagegen noch 17 Pro.z. Von ganz besonderem Interesse sind die Erhebungen des Haupt- Verbandes Deutscher Krankenkassen in de.zug aus die E i n ha l t u n g der gesetzlich« ii Bestimmungen beim Schwangeren- und Wöchnerinnenschutz. Machen die Schwangeren von ihrem Recht Gcbrauciz die Arbeit sechs bzw. vier Wochen vor der Niederkunst niederzulegen, und nutzen sie dl« gesetzlich vorgeschriebene Schonzeit sechs Wochen nach der Niederkuiist? Die Antwort auf diese Frage, die sich aus den Erftebungsresultoten des Haupwerbandcs ergibt, ist crschütierndl 478 Krankenkasse» mit 5 Millionen Mit- gliedern waren an den Stichproben im Zeitiamn vom 1. Oktober 1927 bis 1. Oktober 1928 beteiligt, rund 77 000 Fäll« von Selbstvcrsicherten und 72 000 Fälle von Jamiliemnitgliederii wurden ersaßt. E« ergab sich, daß nur knapp 15 Proz. der Versicherten sechs Wochen vor der Niederkunft und weitere 24 Proz. vier Wochen vor der Niederkunst die Arbeit niedreiegten, d. h. praktisch, daß über 60 Proz. der Frauen bis zum letzten Augenblick arbeiteten. Di» ander« Feststellung, wieweit die Frauen die Schonzeit nach der Niederkunft einhalten, läßt sich wegen des gesetzlichen Arbeitsverbotes schwer durchführen. Biel« Frauen verheimtichen die Wiederau snohme der Arbeit oder wechseln den Arbeitgeber unter Lerschweigung der Niederkunst. So kam es, daß imr 1,3 Proz. der Wöchnerinnen wegen vorzeitiger Wiederausnahm« der Arbeit nur halbes Wochengeld de- zogen, während eine viel größere Zadl tatsächlich in die Tretmühle des Erwerbs zurückgekehrt Ist. Die Dstserenz zwischen Lohn und Unterstützung ist oder scheint eben den Frauen unentbehrlich! Wir unterstreichen völlig den Satz von Dr. Vvllichals: Man kann mit voller Bestimmtheit sagen: Solange die Schwangere soder Wöchnerin. Die Red.) mit einem Berdienstaus- fall im Fall« der Niederlegung der Arbeit rechiien muß, wird sie bis zum äußersten alle ihre Kräfte anspannen, uni weiter zu ar- - beiten, denn«s fehlt ihr für die Schonzeit dl« genügende materielle Sicherheit/ Dcr gcschästssuhrcndc Vorsitzeirde der deutschen Kroiikcnkasscn hat schon l!)28 die Erhöhung des Wochengeldes sür die Zeit vor der Entbindung mif 83 Proz. des Gnindlohncs verlangt. Im Mai 1929 wurde dank der Initiative der Sozialdemokratie die Verbesserung Gesetz, das Wochengeld sür die Zeit vor der Entbindung von 59 aus 73 Proz. des Grundlohnes zu erhöhen. Es wäre«ine dankenswerte Aufgabe für die Krankenkassen, Material über die Auswirkung dieses neuen Gesetzes zu saninielu. Braun schweig und Sachsen geben seit Jahren aus dem Wege über die Krankenkossen täglich« Beihilfen an Schwangere während der sechs letzten Wochen vor der Niederkunst i» Höhe von 1,50 M., so daß zusammen mit dem erhöhten Wochen» geld dort tatsächlich der volle Lohn erreicht sein dürfte.(Es ist zu berücksichtigen, daß die üblichen Abzüge vom Lohn ja vom Wochen- geld nicht gemacht werden.) Eine besondere Bedeutung gewinnt die sür den weiblichen Körper so schädliche Schwangcrenarbeit im Hin- blick auf die Frühslerblichteil der Säuglinge. Dies« Sterblichkeit der Neugeborenen betrug 1927 rund 42 Proz. der Säuglingssterblichkeit überhaupt.(Diese Säuglingssterblichkeit ist iibri- gens von 29 Proz. im Jahre 1999 auf 19 Proz. 1927 herumcrgcgangen.) Von der Frühsterblichkeit werden erfahrungsgemäß die Frühgeburten am meisten betroffen, und diese Frühgeburten werden vorwiegend von Frauen zur Welt gebracht, die sich als Erwerbstätige nicht die notwendig« Schoming angcdeihen lassen konnten. Ebenso ist es mit den Totgeburten, die 1917 Z Proz. betrugen i davon cntsiekcn 25 Proz. auf die Unehelichen, während der Gesamtanteil der unehelichen Ge° burten 19 Proz. beträgt. Der unverhältnismäßig hohe Anteil der Unehelichen an den Totgeburten erklärt sich zwar einerseits durch die schädigenden Abtreibungsversuchc der Mütter, andererseits aber ebenfalls durch den Mangel an Pflege und Ruhe für die fast immer erwerbstätigen Mütter. Ganz richtig betont Dr. Bollnhals, daß die Säuglingssürsorge schon vor der Geburt zu beginnen hat durch Schutz und Betreuung der Schwangeren. Wenn wir im gesamten Reichsgebiet nur 2151 Schwangerenberatungsstellen gegenüber 5173 Säuglingssllrsorgestellen haben, so drückt sich darin ein Miß- Verhältnis aus, dessen Uebcrwindung baldigst erstrebt werden muß. In Berlin mit seinen 53 Schwangercnberatungs- und 7? Säuglings» sürsorgestcllcn ist es fast überwunden.(17 Schwangerenfürsorge- ftellen unterhält der Verband der Krankenkassen Berlin.) In Erkenntnis der Halbheit aller Mütter- und Söllglingefür- sorge, wenn sie nicht verbunden wird mit einer Beratung und prakllfchen Hilst sür Geburtenregelung, sind den Berliner Kassenambularotien seit 1928 Sexualberatungsstellen angegliedert, die diese so überaus wichtige ärztliche und soziale Ausgab« über- nehmen. Eine Stichprobe des Berliner Verbandes hatte ergeben, daß 3681 Empfängnisse bei 2775 Frauen zu 2524 Geburten und 1157 Abtreibungen führten! Mit Recht fordert Dr. Vollnhals auch eine andere Einstellung des Mannes zu der von ihm venirsachten Schwangerschaft der Frau. Dr. Vollnhals erwähnt einen besonders tragischen Fall, wo der Mann seine Frau, Mutter von fünf Kindern, ln dieser Lag« vier Wochen lang durch Schweigen strafte, sie dadurch zur Abtreibung in ihrer Verzweiflung trieb, an deren Folgen sie vier Wochen später starb. In de» Schwangerensürsorgestellen der Krankenkassen Berlin wird»eben dem sürsorgerischen Moment auch das beratende gepflegt. Dr. Vollnhals nennt es einen schlecht verftaitdenen Materia- kisnuie, jeden Uebelstand in der Familie der Versicherten nur aus die materielle Notlage zurückzuführen. Lei teulen mit gleichem Einkommen und gleicher Familie», kärte Ist eine durchaus verschiedene Lebenshaltung zu beobachten! hier Ordnung, Sauberkeit und bescheidenes Behagen, dort verwahr- losung und Schmutz. Die Schwangeren- und Mütterberatung will an ihrem Teil dazu Helsen, die Frauen menschlich zu bilden und dadurch auch zu leibstver- ständlicher Ordnung und Pflege im Haushalt und bei den Kindern zu erziehen.— Diesem Zweck dient auch das Merkbüchlein„Mütter, Kinder und Gesundheit", herausgegeben vorn Hauptverband Deutscher Krankenkassen E. V., das jeder Bcjucherin der Schwangerensiiisorge unent» geltlich mit auf den Weg gegeben wird, und das hier noch kurz erwähnt werden soll. Es enthält Ratschläge sür Schwaitgerjchast, Geburt, Wochenbett und Säuglingspsleg« in kurzer, lcichtsaßlicher Darstellung, es enthält serner einen Beitrag über die Schwangerschaft der benisstätigcn Frau, es zählt die Arbeitsgebiete der Schwangeren- beratung auf, wie: ärztlicher, wirtschostlicher und rechtlicher Rat, Unterbringung vor und zur Entbindung, Unterbringung von Mutter lind Kind in Helmen, Vermittlung von Haus- und Wochenpflege, Beratung über Lesslungen der Wochenfürsorgc und über Leistungen der Kraiikeirkassen. Ein Schlußkapitel handelt über Familienrecht, also Unterhaltsverpslichtungen usw., und den Abschluß bildet ein Adressenverzeichnis von den Berliner Schwangeren- und Säuglings- fllrsorgcstelstn, II, L. Gechsundsünfzig Lahre im Mutierleibe Iii einem Pariser Krankenhaus erschien dieser Tage«ine Frau mit einer Bauchgeschwuist von bedenklicher Größe. Di« Patientin klagte nicht über Schmerzen und wollte lediglich wissen, ob sie nickst durch einen operativen Eingriff von der lästigen Gc« schwillst befreit werden könnte. Die Aerzte nahmen eine genaue Untersuchung vor und stellten zu Ihrem Erstaunen fest, daß die Iran ihre Leibesfrucht in verkalktem Austande bei sich trögt. Die Patientin war über diese Tatsache selber sehr verwundert und erklärte, daß sie sich schon über acht Jahr« in diesem Au» stand« befinde und sich während dieser Zeit einer durchaus guten Gesundheit erfreut habe. Acht Jahre im Mutterleib«! Unmöglich, wird man sagen. Die ärztlich« Wisseisschast belehrt uns jedoch eines anderen. Besonder» interessant ist in diesem Zusammenhange der Bericht de- verstorbenen sranzösischen Professors Sappcy, der seinerzeit in einer Sitzung der Akademie der Wissenschasten über ähnliche Fragen referiert hak, und dessen Mitteilungen neuerdings wieder in Fachkreisen lebhaft disk'Uiert werden. Sappe») zählte eine ganze Reih« von Fällen einer ähnlichen Verkalkung der Leibesfrucht auf. Meist führen nach seinen Dar» legungen derartige Abnormitäten den Tod der Mutter herbei. Dennoch kennt die Medizin auch Fälle, In denen ssch die umliegenden Organe der Multer im Laufe der Zeit an das Vorhandensein des Fremdkörpers gewöhnt haben. Der Embryo ver kalkt noch und nach vollständig, ohne das Leben der Mutter zu gefährden. Bei dieier Gelegenheit stellte der genannt« französische Gelehrte ein« Reihe von Fällen zusammen, die in der Geschichte der gynäkologischen Wissenschaft ausgezeichnet sind. Sappey erwähnte zunächst den Fall von Toulouse, bei dem eine Mutter sechsundzwanzig Jahre hindurch ihr Kind unter dem Herzen trug. Ferner den Fall von Pont-Mousson mit dreißig Jahren, den Fall von Ioigny mit dreiunddreitzig Jahren, den Joll von L e i n z e l in Württemberg mit sc chsundd reihig Jahren unh ichiießtich den Rekord auf diesem Gebiet: den Fall von O u i m p e r l« in Frankreich, bei dem die Mutter wssächlich sechs- u n d s ü n s z 1 g Jahre hindurch— von ihrem 28. Lebenssohre an bis zu ihrem im Aller von 84 Jahren erfolgten Tode— einen Embryo im Leide getragen hat. Was diesem Wunder noch die Krone aussetzte, das war die Tatsache, daß diese Frau trotz dieses Zuftandes mehrere Kinder zur Welt gebracht hat. Nach dem Tode dieses medizinischen Rätsels wurde, wie Sappey schildert, die Leiche seziert und die Aerzte überzeugten ssch vom Vorhandensein der im- geborenen Leibesfrucht. Noch«in weiteres Wunder der Natur wurde bei dieser Sezierung festgestellt. Wöhrend bei den anderen erwähnten Fällen die Leibesfrucht sich in v e r k a i k t e m. also ab- gestorbenem Zustande im Mutterleib« befunden hatte, war der Embryo bei der Frou vo» Ouimpcrle in säst ausgewachsenem Zustande vorhanden und trotz seines Alters von über einem halben Jahrhundert noch in der gleichen Konstitution, in der die Leibesfrucht einer normalen Mutter zu sein pflegt. Die Haut des fast ausgewachsenen Kindes war weich, die Glieder beweglich, seine Lage durchaus natürlich. Die Fachkreise standen damals vor einem Rätsel, und niemand ivar in der Lage, eine wissenschaflliche Erklärung sür diesen Borsall abzugeben. Selbst die Meinung P a st e u r s wunde eingeholt. Aber mich dieser berühmte Gelehrte konnte das Rätsel, trotzdem er ssch durch persönlich« Inaugenscheinnahme überzeugte, nicht löse». Zahl. reiche Theorien wurden aufgestellt, und der Fall der Mutter von Oiiiiiiperle wurde damals zum Streitobjekt verschiedener medizinischer Richtungen, die ssch aus das heftigste befehdeten. Bis heute jedoch hat die Wissenschost noch keine«indeulige Erklärung sür derartige Fälle gesunden._ Frauen in den Arbeitsgerichten. Von amtlicher Seite ist eine Statistik über die Zusammensetzung der preußischen Arbcitsgerichtsbehördeii veröfsentlicht. die u. a. dar« über Ausschluß gibt, aus welchen Berussständen die Beisitzer her» kommen und wie groß der Aniell der Frauen unter ihnen ist. In» folge des(wenn auch vereinzelten) Vorhandenseins von Einheit«- listen war es nicht möglich, die Verteilung der Beisitzer aus die ein» zelnen G e w c r k s ch a s t s r i ch' u n g e n sür alle preußischen Ar- beitsgerichie darzustellen. Immerhin zeigen die mechnelen Zahlen. daß die freien Geweikschasten verhälmisinähig stark gegenüber den anderen Richtungen venretcn sind. B merkenswert ist, daß unter den 19 398 Beisitzern bei den Arbeitsgerichten und Londesarbeitsgerichten In Preußen nur 4 2 Frauen aus Arbeitgeberseite l davon keine bei den Landes- arbeitsgcrichte») und 143 Frauen aus Arb-itnehmer- sejte(davon acht bei den Landesarbeitsgcrichten) sind. Zu fein m Neulich ist inir eine Geschichte erzählt worden, von der inan bchauptete, daß sie zwar traurig, aber wahr sei. Zu einem Genossen, der vor nicht langer Zeit Stadtrat gewor- den war(das kann ja dem nettesten Kerl und anständigsten Men- scheu passieren), kommt am Sonntagvormittag ein anderer, der bei chm kassieren, irgend was mit ihm besprechen oder sonst was wollte. Er tlopst höflich an, es wird ihm ausgetan, die Hausfrau steht in der Tür.„3ch»vollte zum Genossen X."— Hoheitsvoll korrigiert die Hausfrau:„Sie wollen den Herrn Stadtrat sprechen, nicht wahr?" Nun wollen wir mal alle auf die Bonzen schimpfen, feste— »ind ich höre schon, wie irgendein brav gezogener KPD.-Funktionär einem unserer Genossen an diesem Beispiel die ganze Verruchtheit der SPD. klarmacht. Aber«nan soll nicht mit Steinen werfen, wenn man selbst im Glashaus sitzt. Da kenne ich eine andere Geschichte, die handelt nicht von einer simplen Frau Stadtrat, sondern von einem Leiter der Handelsdelegation des „Proletarierstaates", der garantiert kein bürgerlicher ..Spez", sondern ein richtiger, abgestempelter Konnmimst war. Für den nmßte immer zu Mittag gedeckt werden, und ein Angestellter hatte die ehrenvolle Ausgabe, den Mittagstisch zurech zuinachen. Der war kein gelernter Kellner oder Lakei, wollte seine Sache recht gut machen, nahm die Serviette des hocknnögenden Genossen aus der Seroiettentasche und legte sie neben den Teller. Da wurde er furchtbar angepfiffen:„Ob er denn nicht wisse, wie man den Tisch decke— er Hab« die Serviette nicht mit seinen Händen anzufassen!" Der Sünder war aber noch nicht ganz fingerzahm abgerichtet und bttel» die Antwort nicht schuldig: da haben sie ihn in Zukunft vou diesem Dienst disvenüert und er soll sich nicht mal viel daraus gemacht haben. Also wir haben uns wirklich nichts vorzuwerfen: Es gibt teider in jeder proletarischen Partei Leute, die es nicht gern hören, wenn nwn sie daran erinnert, daß auch sie mal ihren Marschallstab im Tornister getragen haben und die auf das geivohnliche Fußvolk der Partei von sehr hohem Pferde herabsehen. Ein Festredner darf sie zu irgendeinem Jubiläum vielleicht mal daran erinnern, aber bitte immer nach der Melodie:.. das ist schon lang« her, das freut uns um so mehr!" Und komischerweise ist das bei uns ganz tvie bei den rochen Leuten: So ein richtiger, ganz schwerer Dollarmillionär wird, besonders wenn er noch dazu ein kluger Kerl ist. gelegentlich einmal jovial davon erzählen, dag er als Zeitungsjunge oder Telegraph« nboy angefangen habe; wenn»nan aber Herrn Wendriner dran erinnern wollt e. daß»nan sich noch darauf besinnen könne, seinem Aater mal ein Paar Hojeuträger abgelaust zu haben, als der noch seine» tleinen Stand im Hausstur hatte— also da wäre Herr Wendriner doch Schuß für alle Tage! sind bei uns?— Na, daß August Bebel ein Drechsler war und noch richtig getippelt ist, weiß joder rote Falk«: aber daß manchen» doch»»»»der prominenten Genossen es herzlich pemlich ist, nicht de» Nachweis der akademischen Bildung oder mindestens des Abiturs erbringen zu krmrn m:_>>"cm Lästerzunzeu manchmal behauptet. Aber sre.lich, un�j:sulichen Erscheinungen wäre» nicht möglich,»oen» sie nicht auch ihr Gegetypiel hätten: Den guten und braven Genossen Jimmy Higgins, der nie daran gedacht hatte, daß sein Kandidat,„der große Mann, einen nackten Körper haben könne". Und es ist sogar möglich, daß etn Genosse nichtproletanscher Herkunft oder Lebenshaltung sich durch Erfüllung seiner kleinen Parteipflichten durchaus nicht populär macht— es gibt Gegenden. in denen man es als gegebene Voraussetzung hiimimmt, datz diese Genossen eben doch einige tleiire und große Reservatrecht« haben, an denen muh ihre Frauen teilhaben. Und der Herr Genosse aus den» Ministerium giit hier nicht nur für einen vielleicht to:rklich t sichtigen Menschen in seinem Spezialsach, sondern auch für alle Fälle für den besser unterrichteten und gescheiterei» Kops. Bei Parteiseste,, erscheinen dann diese Herren Genossen„für e:n Stündchen" als Tafelaufsatz, uiiterhalicn sich gebildet mit ihresgleichen und huldoollst»nit einigen geioöhnlichei» Mitgliedern und verschwinden dann lächeilid und«ickend in höhere Regionen. Aber es ist nicht der Zweck dieser Geschichten, daß wir uns ein bißchen ärgern und ein bißchen lachen. Manchen von ihnen toinn»en »vir auf den Gru»rd, roenn wir uns daran erinnern, daß das Mar?- Wort:„Es ist das gesellschaftliche Sein, das das Bmußtsein bestimmt", nicht nur für die Klaffe, sondern mit»venige» Aus- nahmcn auch für das individuelle Bewußtsein giit. Zuiu anderen aber ist diese Ueberschätzunz bürgerlicher Formen durchaus nicht nur auf Bonzen und die, die es werden wollen, beschränkt, und der Smoking des sozusagen„Aoltsbeauflragten" ist nur der Bruder des Smokings, den sich der jung« Arbeiter„leistet"— weim er auch, ld zu grob. UIN solche Eleganz entwickeln zu können, auf sonstige kullurelle Bedürfnisse ziemllch Verzicht leisten muß: Daß er»mt Schwager uiÄ» Schwester in möblierter Wohnküche haust,»na cht nichts, wenn er nur sonst die Uinform der bürgerlichen Gesellschaft ippieren kam». Aber es gibt auch eine andere Seite der Medaille, und»nn die zu illustrieren, möchte ich mal einen jüdischen Witz erzählen, der so gut ist, wie ihn nur die. Selbstironie des jüdischen Volkes fertig bringt. Das ist die Geschichte von dem Reisenden, der iiichtsahnend in ein Eisenbahnabto-l steigt, in den» schon ein Schnorrer sitzt, den seine Gemeinde mit Billett und besten Segenswünschen abgeschoben hat. Der Schnorrer hat es sich bequem gemacht, seine keineswegs elegant beschuhten Füße auf die Bank gelegt, ilimmt sie aber beim Erscheinen des neuen Reisenden herunter. Der setzt sich ruhig in eine Ecke, nimmt ein seines Notizbuch vor, vergleicht Daten und fragt plötzlich den Schnorrer:„Ach bitte—»vann ist dock, diesmal Peessach(Jlld. Ostern)?"— Da legt der mit einen» erlösten„Ach sol" wieder die Füße auf die Bank... Wir haben iiicht den Mut zu dieser»vahrhaftig großartige» Selbstirome— aber ich habe schon»»»»gezählte Mal« an dies«» guten alten Witz denken»nüsscn: Wenn lnir ein brummiger Kellner im Volkshaus den Teller hinschob, daß die Suppe Wellen schlug, »venii man es«in Konsumladen für eine Zumutung hält, daß die angegrauten Schoibe» von der Wurst oin Morgen runterzuschiwiden sind, bevor die erste Käuferin bedient roird, wenn einer Arbeitervereinigung von der Musikerorganisation für Vergnügen usw. Erntefest- und Stondesamtsinusikanten geschickt werden, die man nirgend andershin vermitteln würde... also die Liste ließe sich beliebig vfrlängerr». Aber ich glaube, es werden auch andere Ge- nassen gelegentlich dieselbe Erfahrung gemacht haben: Bei manchen Menschen hört Höflichkeit, Rücksichtnahme und torrette Erfüllung ihrer Berufspflichten sofort auf,»venn sie»oissen, daß der aildere ja„bloß ein Genosse" ist. Das ist ja auch nicht von nngefähr so. Rechtlos und unterdrückt wie jahrhundertelang der Jude roar auch das Proletariat, einer »mißte vom andern, daß der in der gleichen Verdammnis lebte— Hilfe in großem U»»glück fand der Jude bei seilten Raflengenossen, Solidarität der Proletarier bei seinen Organisationsgenossen—. aber die kleine Scheidctnünze gegenseitiger Höslichkeit war beiden fremd. Langsam wird es hier besser, und ich muß bekennen, daß ich hier eher an eine Besserung glaube, als bei den gar zu feinen Leuten: u»»d diese Besserung wird das Werk»ind das Aerdienst- unserer Jugendbeivegung, vor allen» der Kmdmreutide und der Roten Falken sein, bereu Ruf„Fr eu n d scha st!" wie eine Ver» heißung klingt. Es gibt auch Prominente, die sich zu Volksoersainmlungszweckcn „auf proletarisch" zurech'inachcn. Dos gibt's! Ewig denkwürdiges Beispiel dafür ist nur ein sehr radikaler Berliner Literat, dcr bei Volksoersainlungen immer als Zeitungsfahrer kostümiert austrat: Sportanzug,„Schieberinütze" und dicken Radsahrsweater— er sah täuschend proletarisch aus. Und seine Zuhörer wurden nicht zum ivenizsten von dieser seiner Kostümiening beeinflußt: Englische Arbeiter hätten sich ihn,»vahrscheinlich übelgenommen, dem, wein, da ein„xentlewan" eine solche Maskerade veranstaltet, saßt man das als Verhöhnung aus. So! Run bin ich gefaßt darauf, daß sich beide Teile geärgert haben l'.nd daß es Proteste regnet. Aber ich will sroh sein,»venn «cner oder der aitdcre Genosse vielleicht doch ei» Körnchen Wahrheit in diesen lustigen und traurigen Geschichten findet und ein paar Minuten darüber nachdenkt. Itose Ewald. Die Frau in Beluischistan, dein englischen Kolonialgebiet zwischen Indien und Afghanistan, ist auch heute noch ihrem Gatlen so„teuer", daß er Summen bis z» AM Mark und inehr für sie an ihr« Eitern bezahlt. Dabei führt die Frau dort nicht das übliche Sklaoendafeii» ver Orientalin. S»e bleibt die einzige Frau ihres Gallen und braucht auch nicht den Schleier zu tragen. Seidene Slnimpse. Großmama ist wütend. Die Enkelin Lissq hat sie nämlich in'seidene» Strüinpsen besucht Großmama bat Mar nichts gesagt, aber die Enkelin Lissy wurde so ausiallend kühl von ihr behandelt, daß sie es vorzog bald wieder zu türmen Kaum ist sie draußen, da sängt Großmama zu schimpfen an: _ Jugend von heute, nichts wie Larifari. Seidene o t r n in p j e! Ii, meiner Jugend hat man Wollstrümpfe getragen und war gesund und gtücklich, jawoll. Seidene Strümpfe.!" Eine halbe Stunde lang schimpft Großmama. S�iießl'äi fragt NC ihren Mann:„Du bist dach natürlich auch gegen seidene «trump»«. nicht liahr? „Och," sagt Großpapa,„weiß du, das k o in m t ganz auf d e n I n h a l t a n..