ISmm■■»IWMMiiiiiliirj';M::r�i�aiiag�ii«�iMwaiai!!Cy,..,,:!i Frauenstimme i jir-i« 47.3abfoanäi Beilage zum Vorwärts I � M».1SZ0! Das Echan Endlich soll es Tat werden, das Gesetz zur Bekämpfung der Altoholgefahr. Seit dem Jahre 1892 sind unter den verschiedensten Titeln dem Reichstag dahingehende Gesetzentwürfe zugeleitet worden, angefangen mit dem Gesetz zur Bekämpfung der Trunksucht bis zu dein in diesen Tagen dem Reichstag zur endgültigen Beschlußfassung vorliegenden Entwurf eines Schont st ättengesetzes. Jener das Problem Alkoholgefahr zum erstenmal zur politischen Entscheidung stellende Gesetzentwurf unterschied sich von dem heute vor- liegenden in der Hauptsache darin, daß er in vielen Punkten sehr viel weiterging. Vom Gemeindebestimmungsrecht, das jeden Wahl- berechtigten zum Nachdenken über Ursachen und Folgen des Alkoholmißbrauchs zwingen könnte und ihn gleichzeitig zum Mitverantwortlichen macht, ist im Gesetz selbst nicht mehr die Rede: um so mehr Entschuldigungsgründe werden aber in der von der Reichsregierung dem Gesetz betgegebenen Be- gründung für diese Unterlassung angeführt. Nicht nur die Vereinigten Staaten, auch die nordischen Länder haben durch Gesetzgebung den Alkoholgenuß mit Er- folg eingeschränkt bzw. gänzlich verboten. Die segensreichen Auswirkungen zeigen sich, trotz aller Umgehungen in der Verringerung der in Trunkenheit begangenen Verbrechen und Vergehen und im Rückgang der Belegzahlen der Irren- und Idiotenanstalten in diesen Ländern. In Deutschland gab es bisher überhaupt keinerlei gesetzliche Maß- n a h m« n zur Einschränkung des Alkoholgenusses. Das Gast- und Schantgewerbe und der Kleinhandel mit Branntwein be- dürfen bis jetzt nach Z 33 der Gewerbeordnung die E r l a u b- n i s zum Betrieb, die nur dann versagt wurde, wenn be- gründete Annahme vorlag, daß der die Erlaubnis Nach- suchend«„das Gewerbe zur Förderung der Völlerei, des ver- botenen Spieles, der Hehleret oder der Unsittlichteit" mißbrauchen wollte. Darüber hinaus konnten auch die Landes- regierunaen bestimmen, daß die Erlaubnis zum Branntwein- ausschanr oder-kleinhandel von dem Nachweis eines B e- d ü r f n i s s e s abhängig zu machen sei. Die Unzulänglichkeit dieser Borschriften sind zwar längst erkannt, aber leider bisher keine besseren an ihre Steve gesetzt worden. Erst mußte der Alkoholkonsum wieder eine hart an die Vorkriegszeit heranreichende Höh« mit all seinen verhängnisvollen Auswtr- kungen erreichen, bevor es nunmehr zu dem Versuch einer gesetzlichen Eindämmung der Alkoholflut gekommen ist. Leider hat nicht nur die Presse, die die Interessen des Gastwirtestandes zu vertreten behauptet, sondern auch ein Teil der bürgerlichen Presse von den Ausschußverhandlungen Berichte gebracht, als bräche die Prohibition morgen über das Deutsch« Reich herein und nicht nur der Schnaps, nein, auch Bier und Wein sollten fortab zu verbotenen nur noch heimlich zu beschaffenden Genüssen gehören. Nichts davon will das Schankstätengesetz und ebensowenig verbietet es dem Weltstadtbummler, die Nächte bei Alkohol zu durchschwärmen, ohne Rücksicht au» die Nachtruhe der im Gastwirisberuf An- gestellten. Die Auffassung, dieses Gesetz bedeute einen Ein- griff in die persönliche Frechett des deutschen Bürgers und sei deshalb abzulehnen, vertrat glücklicherweise nur eine kleine Minderheit des Ausschusses, uneingeschränkt eigentlich nur der Vertreter der Wirtschaftspartei» und wurde daher abgelehnt. Der heftige Streit, der um die Festsetzung der Polizei- stlinde auf 1 Uhr nachts, noch dazu mit der Einschränkung, 9ß daß die oberste Londesbehörde die Polizeistunde verlängern— allerdings auch verkürzen— kann, hätte erheblich abgekürzt werden können, wenn nicht sonderbarerweise gerade der Ber- treter der preußische» Regierung sich energisch gegen die I-Uhr-Polizekstunde unter Berufung auf sämtliche Polizeipräsidenten Preußens mit nur einer Ausnahme zur Wehr gesetzt hätte. Dabei mußte er zugeben, daß von der Erlaubnis der Offenhaltung bis 3 Uhr nachts noch nicht einmal 2v Proz. der Berliner Gaststätten Gebrauch gemacht haben. In engstem Zusammenhang hiermit steht die Bestimmung. nach welcher die oberste Landesbehörde den Ausschank und den Kletnhandelvon Branntwein an höchstens zwei Tagen in der Woche, insbesondere an Lohn- und Gehaltszahlungstagen und an den Wahltagen für Reichstag, Landtag oder Gemeindevertretung, ganz oder teilweise verbieten kann. Und ein ganz wesentlicher. allerdings schwer errungener Fortschritt ist darin zu erblicken. daß Forderungen eines Gastwirtes, aus dem Ausschank von Branntwein wederetngetlagt.noch in son- st igerWetsegeltendgemachtwerde», können, Wu'.ii sie Personen gestundet sind, die dem Gast- oder Schank- wirt eine frühere Schuld gleicher Art noch nicht bezahlthaben. Damit ist endlich jener Schuld versklaoung, die viele arme Teufel, die ihre Arbeitsüberonstrengung oder die Not ihrer Erwerbslosigkeit in einer Willensschwächen Stunde zum Schuldenmacher werden und nie»nehr aus ihren Klauen ließ, ein Riegel vorgeschoben. Viele, viele Frauen werden gerade diese Bestimmung, die manchem braven Manne den größte« Teil des schwer- verdienten Wochenlohnes aus der Tosch« zog und für die Versorgung der Familie zu wenig übrig ließ, dankbar be- grüßen. Aber auch die M ü t t e r haben Ursache, sich dieses Gesetzes zu freuen; denn es verbietet„an Personen, die das 18. Lebens- jähr noch nicht vollendet haben, Branntwein oder über- wiegend branntweinhaltige Genußmittel lLckörbonbons) im Betrieb einer Gast- oder Schankwirtichast oder im Kleinhandel und an Personen unter 1k Iahren— der Regierungsentwurf sah das 14. Jahr vor— in Abwesenheit ihrer Eltern geistig« Getränke oder Tabakwaren zueigenemGenußzuver- ab reichen". Wir Sozialdemokraten hätten die Worte„zu eigenem Genuß" gerne gestrichen gesehen, um auch das Holen von Schnaps durch Kinder zu verhindern. Leider setzten wir uns damit nicht durch. Es bleibt den Müttern hier nur der Weg der Beeinflussung, daß ihr« Kinder der Versuchung, unterwegs vom verboteneu Getränk zu nippen, nicht unter- liegen, oder daß die Väter chre Kinder gar nicht erst schicke«. Verboten ist ferner: das Verabreichen von B rannt- wein oder überwiegend branntweinhaltiger Genußmtttel auf Turn-, Spiel- und Sportplätzen oder i« solchen Hallen. Dafür aber bedarf der Erlaubnis nicht der Ausschank von Milch zum sofortige» Genuß bei gelegentlichen Veranttaltunge«. Versammlungen. Umzüge» und sonstigen An- s a ni m l u n g e n. Alles in allem ist das Gesetz ein erfreulicher An- fang, dem Alkoholmißbrauch auch von der Gesetzesseile her beizukommen. Als Sozialisten kennen wir die sozialen Ursachen des Cchädlmgs Alkohol genau und wissen, daß dae WoU dc5 bahnbrechenden Ernährungsphnsiologen Justus Liebig noch heute so richtig ist wie 1860:„Der Branntweingenuß ist nicht hie Ursache, sondern eine Folge der Not." Hebung der Er- nährung und der Gesamtlebenshaltunq drücken den Alkohol- konsum herab. Aber mehr und besser als alle Gesetzes» Paragraphen werden wirken Aufklärung über die Schädigung des Alkoholgenusses und das Beispiel der Ent- haltsainke-it. das die Erwachsenen der Jugend zu geben verpflichtet sind, wenn es ihnen ernst ist mit dem Kultur» kämpf, den die Arbeiterklasse sührt um ihren Aufstieg. Mathilde Wurm. 25 Lahre Bund für Mutierschuh. Der„Bund für Mutterschutz und Texualresorm", der vor nun- mehr 25 Jahren den Kampf gegen geschlechtliche Prüderie, für Neu- Gestaltung der Serualbezichungen und die Anerkennung und materielle Sicherstellung der unehelichen Mutterschast ausnahm. Tonnte in diesen Togen die Feier seines Lbjährigcn Bestehens unter seiner Norsitzenden Dr. Helene Slöcker sestlich begehen. Eine öfscnt- Och« Versammlung behandelte das heute für den Bund aktuelle Thema„Abtreibungund Geburt« i, regeln ng". In um» tastender Weife sprach Geheimrat Professor Julius Wolf über die historische, rechtliche und medizinische Seite des Problems, gipselnd in der Feststellung, daß die aus 1,2 Millionen in Deutschland ge- schätzten Abtrerbiingcn, aus deren Konto nur 5000 bis 6000 Ver- vrieilungen. aber ebensoviel Todessälle durch Psuschaborte und etwa 100000 chronische' Erkrankungen kommen, das grötzle bevölterungs- polltisch« Problem darstellen. Plamnäßige Geburtenregelung und notfalls medizinisch eimvairdsreie Aborte erhalten Bolkskrast und Gebörfähigkeit. Die Abtreibung innerhalb gewisser Grenzen muh daher wieder stra s s r« i werden, wie sie es bis vor vier Jahr- Hunderten in Deutschland gewesen ist. Dr. Julian Marcuse nnd Frau Rita Bardcnheucr ergänzten die Ausführungen Pro- iestor Wölls noch nach der medizinischen und menschlichen Seite. Dr. Max H o d a n n teilt« bezeichnende Erlebnisse aus der Provinz mit, die drastisch beleuchten, auf welche grotesken Schwierig- ketten heute noch die Propaganda für Geburtenregelung stößt. Nicht über die schwerfällige Geletzgcbung und amtliche Stellen, sondern über die Krankenkassen, deren Mitglieder im ganzen Reiche ihre Forderungen nach Aus- gab« von Schulpnilteln ausstellen müssen, muh vorläufig der Weg der praktilchen Gol'urtenregelung gehen. Verhängnisvoll ist die Ver- flechtung der sachlichen Propcigoüha mit Geschäftsimcressen, wie sie bei gewissen Organisationen anzutreffen ist, oder doch wenigftens war. Aus einer Festsitzung des Bundes erinnerten die Borsitzende an die ersten Vorkämpfer und Vorkämpscrinnen der Bewegung— es wurden u. o. die Namen Lily Braun, Grete Meisel-Heh, Hedwig Dohm und Ellen Key in diesem Zusammeichong genannt— und Dr. Max Rosenthal an die henimungslolcn Beschimpliinge» und Ver- dächtigungcn, denen diese Menschen damals ausgesetzt waren. Mit dem Mutterschutz, der ersten und primären Ausgabe des Bundes. hängt die Eexualrefonn und auch die pazisistische Grundeinstetlung, die Bejahung und Beschiitzung des Lebens, eng zusammen. Reichs- togspräjidcnt Löbe bedauerte, zwar nicht die Grütze des jetzigen Reichstages überbringen zu können, dankte aber den tapscrcn Vor- kömpsern, die Herne schöne Erfolge aus dem Gebiet der Fürsorge für die lcdige Mutter, allerdings weniger auf dem der Sexualrcsorm verzeichnen könnten. Ihm folgten die Vertreter einer Reihe geistes- verwandter Organisationen mit ihre» Grützen und Glückwünschen. In einer öffentlichen Generalversammlung sprach dann am Sonntag Dr. Kurt Hilter über Forderungen zum Sexual- st r a s r e ch t. Er erläuterte die bekannten sexualrcsormerischen For- deningen und Ihre'Aussichten im Strafrechtsausschuß bei de» Lesungen zun, neuen Straigeletzbuch. Der Redner warnte vor einer Urberspamiung der sexualreformerischen Forderungen, denn man düric so ernste, körperlich und seelisch schwerwiegend« Delikte, wie Abtreibung gegen den Willen der Schwangeren, Not- zucht und homosexuelle Verführung von Kindern nicht bagatellisieren und banalisieren. Andererseits soll man seinen Weg aber auch nicht mit rinem Komprarnih beginnen, denn das Komproinitz ergibt sich bei der gegenwärtigen Ausommcnsetzung des Reichstags, der üch nicht aus den Schutz rechtsschutzwürdiger Interessen delchränkt, son- der» M o r a l p ä d a g o g i k betreibt, von selbst. Neben anderen Ver- sclstechterungen des neuen Entwurss— wie Bestrafung der männ- kichen Prostitution und sexueller Berührung von Minderjährigen— drohen auch Berschlechtcniugcn für den zur Abtreibung greifenden Arzt, auf die Dr. Marcule besonder» eindringlich hrntvies. Der Sinn der Kundgebung wurde am besten von Kurt Hiller ge» trösten in dem Wunsche nach baldiger Auslösung des Bundes! wegen Ersülluiig der von ihm grietzlen Ausgaben. i Kleine Tatsachen. Berlin— tis Stadt der Krauenarbeit. Berlin ist nicht nur im allgemeinen eine Stadt der Arbeit, sondern im besonderen auch eine Stadt der Frauenarbeit. Von den 1,7 Millionen erwerbssähiger erwachsener Frauen, die in Berlin leben, sind nur ein Zehntel ohne eigene Arbeit, rund 40 Proz. flnd Ehe- und Hausfrauen und fast dl« Hälfte find erwerbs» tätig. Aber erst die Verteilung dieser 800 000 berusstätigen Frauen in Berlin auf die einzelnen Berufe gibt ein Bild von der Intenfität der weiblichen Arbeit. Dazu gibt L. Walbrodt in der Zeitschrift„Arbeit und Berus" eine sehr aufschtuhrciche Zusammen- stellung. Während nämlich im ganzen Reich über«in Drittel der erwerbstätigen Frauen„mitheifenoe Familienangehörige" sind, arbeiten von Berliner Frauen nur ein Zwanzigstel, nur 5 Proz. in der Familie mit. Dagegen sind im Reich nur 12 Proz. der beruss- tätigen Frauen Angestellte und Beamte— in Berlin dagegen sind 30 Proz. als Angestellte uild Beamte tätig. Hier zeigt sich wieder, daß die Großstädte heute immer weniger von der Industriearbeiter. schüit als von der A n g e ft c l l t e n j ch a f t ihr Gepräge erhalten? 288 000 gewerblichen Arbeiterinnen in Berlin stehen lchon 240 000 weibliche Angestellt« gegenüber.(Die kleinste Gruppe der beruss- täligen Frauen ist vermutlich die der Ticrürztlm»en— nur»ine Frau ist hier von der Berufszähiuiig festgestellt worden.) Die Zunahme der Krauenarbeit seit-tSTS. Bei der letzten großen Bcoölkerungsinventur, der Berusszählung 1923, hatte man elf und eine halbe Million erwerbstätige Frauen gezählt. Wie hat sich diese Zahl inzwischen erhöht? Ans Grund des Bevölkerungszuwachses hat das Konjunktursorfchungsl-nstitut eine Berechnung ausgestellt, nach der die Erwerbstätigen in diesen fünf Jahren um rund 2 Millionen zugenommen haben, davon sind 700001) Frauen. Die Voraussetzung zu dieser Berechnung ist, daß sich das Verhältnis von Bevölkerung und Erwerbstätigkeit nicht verändert hat, oder auch, daß das Verhältnis zwischen der Männer- und der Frauenarbeit gleichgeblieben ist. Aber in diesen stinf Jahren liegt auch die Zeit der Rationalisierung— und es ist die Frage, ab sich dieses Verhältnis nicht dadurch verschoben hat. Auf jeden Fall läßt sich die Zahl der enverbstäügen Frauen 1930 auf mindestens 12,2 Millionen schätzen. Baut die�ationalisierung auch dieKrauenarbeitab? Zu dieser so wichtigen ungeklärten Frage gibt der österreichische Ausschuß für gewerkschaftliche Rationalisierungspolltik(„Alab") neues Material aus der österreichischen Metallindustrie: in einer großen Metallwarcniabrik waren bei einer Abteilung, die Bestecke erzeugte, vor Einführung des lausenden Bandes 32 Männer und 56 Frauen beschäit'gt, nach der Inbetriebnahme des laufenden Bandes braucht« man nur noch 31 Männer und 47 Frauen, die trotzdem um ein Drittel mehr Messer herstellten. In der Pack» kammer arbeiteten 47 Frauen, nach Einführung der Fließarbeit nur noch 19. Das Arbeitstempo wurde durch ein Fünfsekundensignal geregelt— ein mörderisches Tempo, das die älteren Arbeiterinnen nicht aushalten können. Es scheint also, als ob die Ration all- sierung die Frauen mindesten» so stark abbaut wie die Männer— der unausgesprochene Konkurrenzkampf der Geschlechter ist also auch saciitich unberechtigt. 3n welchem Aller heiraten die meisten Krauen? In Deut'.clxland heiraten die weitaus meisten Frauen im Aller zwischen 20 und 25 Jahren, last die Hälft« der Eheschtiehenden stehen in diesem Alter. M>t 30 Proz. folgen dann an zweiter Stell« die Bräute.zwischen 25 und 30, dann kommen die zwischen 30 und 40 (mit 13 Proz). danach die unter 20 Jahren(mit 7 Proz). und dann erst der Rest aller über 40 Iahren alten Frauen.— Der Ort rat Hot dagegen etwas andere VorhSUiitsse— in Indien hat man soeben das Mindeftheiratsalter für Mädchen auf 14 Jahre heroufgeietztl Ei« große Säuglingssterblichkeit, die Un.zahl von Kmderwitwen und von Ehefrauen im Kindcsalter haben trotz des Widerstandes der ait der alten religiösen Tradition festhaltenden Bevölkerung zu dieser Maßnahme getrieben. Kranenparteien? Frau Katharina von Kardorff l)at vor einigen Tagen eine National« Fnmeiwrbeitsgemeinschaft gegründet, mit dem Ziel einer auch politisch aktiven Frouenpartei. Auch in Oesterreich hielt man eine Franrnpartei für notwendig, deren Gründung vor kurzer Zeit in Wen dl« greise Frau Marianne Hainilch vollzog, um„den Kriegsformationen der- Mönnrr eine ielk gefügte Friedensiormation ! gegenüberzustellen". Aber warum ba zu einer Frouenpartei? Warum ! nicht geschlossener Ginkritt in die lestgefügte Formation von i Männern und Frauen der Sozialdemokratie? S. S, j Die Frau im Gefängnis. Ein Beitrag zur Psychologie der gefangenen Krau. r' Hebet den männlichen Gefangenen ist manches Zutreffende gefagt worden. Sehr wenig aber über die Psychologie der gefangenen Arcm. Denn nur eine Zrau kann über die Frau schreiben. Es gab aber bis heut« nicht viel Gefangnisbecnnlinnen, die im Stande ge- wescn wären, über ihre gefangenen Geschlechjsgenossinnen der Oeffentlichkeit Beachrenswerics zu umerbreUen. Neulich sprach ober die Leiterin de» Berliner Frauengefängnilses in der Barnimstraße. das Mitglied der sozialdemokratischen Landtagssraktion Rose Helfers im Rundfunk über ,F>ie Frau im Strafvollzug". Was sie da sagte, war nur«in winziger Teil dessen, was sie zu berichten wüßt«: doch auch das wenige verdient festgehalten zu werden. Frau Helfers brach!« auch eine Statistik der weiblichen Ge- fangenen für das Jahr 1S28. Im ganzen gab es 17 S90. davon waren 5709 Untersuchungsgefangene. 747 Zuchthaus-, 11 151 Gefängnis- und Haft-, S83 Zivil- und Polizeigejangene. außerdem 10 Jugendliche. Die tägliche Belegung macht also 2163. Und zum 80. September 1929 war die Gesamtzahl der weiblichen Gefangenen in Preußen 469 Untersuchungsgefangene, 314 Zuchthaus-, 1019 Ge- fängnis- und Hast-, 11 Zivil- und Poiizeigesangene und einig« Jugendliche. Somit ist die Kriminalität bei den Frauen wesentlich g e rl n g e r als bei den Männern! die weiblichen Gefangenen machen 16,8 Proz. sämtlicher Gefangenen aus. Frau Helfers meint mit Recht, daß die Beteiligung der Frau an den Straftaten der Männer selbstverständlich ein« viel größere ist, als dies in den ostiziellen Zahlen zum Ausdruck kommt. Der Mann verrät eben nicht die Frau «l« Helferin. Kommt er aber aus dem Gefängnis, so wird die Frau von ihm gerade wegen seines Schweigens abhängig. Im Gegen- faß zum Mann gelangt die Frau durch ihre innere Haltlosigkeit zu ihren Rechtsverletzungen. Sie verübt Handlungen, die mehr den Charakter der Unausrichtigkclt als denjenigen der Gewalt tragen. Ist das Verbrechen der Frau anders geartet als dasjenige des Mannes, so trägt st« auch ihre Srrase anders als dieser. Die Strate bedrückt sie in höherem Maße, ihr Bedürfnis nach Ge- felifchast, noch Aussprache in der Einsamkeit der Zelle ist größer als beim Mann. Im Gegensatz zu diesem kommen bei ihr Flucht oersuch« nur äußerst selten vor, sie ist eben viel zu passiv dazu uno fügt sich eher in IhrSchicksal. In dem Bedürfnis nachArbcit besteht zwischen beiden kein Unterschied. Das Verlangen nach inhaltsreicher Arbeit ist gleich groß hier wie dort. Sellstwerständlich machen dir Frauen sehr gern Roh- und tTstirelarbeiteii. Sehr v!t verfertigen sie aus den kleinsten Mjällen die schönsten Sachen. Sie geben gern und machen gern anderen eine Freude: es muß Aufgabe jeder Ctrafanstaltsleltung sein, daß Werlgefühl bei den Gefangenen zu wecken und zu fördern. Cntspiechend den besonderen Eigenschaften der Frau ist auch die Art der Begünstigungen beim StuseNsystem teils eine ander« als beim Mann. Wünscht sich dieser Bilder al? Vergünstigung, so die Frau Blumen. Spielt bei jenem der Wunsch. Tiere zu halten,»in« besondere Rolle, so richtet sich das Verlangen der Frau in der Regel aus Handarb«iten und gerade für die Langfristigen«ehalten sie«in« ganz besondere Bedeutung. In viel höherem Maße»l» der Mann legt die Frau auf das Behaglichmachcn ihrer Zell« Wert; sie versertigt sich zu diesem Zweck Decken, Püppchen, Lampen- schirme u. dgl. mehr. Ein nicht seltener Wunsch ist. ein eigenes Kopf- kissen oder ein Sitzkissen zu besigen. Die Möglichkeit, die Ver- gilnstiguitgen zu entziehen, gibt ein vorzügliches Erziehungsmittel in die Hand. Es ist viel wirksamer und viel weniger gesährlich als zum Beispiel die Arreststrafe. die Frauen nur verbittern und hysterisch machen. Dl« Bestraste verläßt dann die Arrestzelle nicht gebessert, sondern um sich bei der nächsten Gelegenheit zu rächen. Ueberhaupt ist die veränderte Einstellung zum Strafvollzug für die Frau von ganz besonderer Bedeutung, weil bei ihr G« s ll h l i- wert« ein« größer« Rolle spielen als beim Mann und st« für per- iönliche Einwirkungen in der Regel zugänglicher ist als dieser. Die Frauen leiden in viel höherem Maße unter der Trennung von der Familie. Es ist nicht nur die Sorge um ihre Kinder, die st« be> drückt, sondern auch der Gedanke, daß der Mann ihr untreu wird? verliert sie den Mann, so verlieren die Kinder den Vater. So quält sie immer der Gedanke: Bleibt der Mann auch wirklich treu? Wie findest du alles wieder nach Rückkehr in die Freiheit? Hierin zeigt sich wieder, daß allein schon die Entziehung der Freiheit aus kürzere oder längere Zeit iür jeden Menschen die härteste Strafe ist. Deshalb haben alle diejenigen Unrecht, di« in dem modernen Strofvvll.zug eine Gefährdung des Sirasged>mkens sehen. Doß gerade der moderne Strafvollzug, der seiner! Zweck in der Erziehung sieht mit seinen Crziehungsinkatten, einzig und ollein imstande ist, den Gesangenen und der GeWtschast zu nützen, erhellt ihUiZ betvlüier« durw icüu Emwirturm out du nociblidMn Gefangenen. Aber auch hier wie überall gilt der Satz, daß der Stras- Vollzug in weitem Sinne Entlassenenfürsorge sein müsse. Das Problem der Entlassenenfürsorge ist zugleich das Problem des Strafvollzuges.„Die Menschen, die erzogen werden sollen, sind keine Mechanismen, die aus einen vorbestimmten Tag abgerichtet weckten können. Sie bedürfen einer zielbewußten Führung während der Hast und weit über die Hastzeit hinaus, wenn ihre Erziehung zu gutem Ende gebracht werden soll. Es ist Ausgabe des Staates, die Gefangenen- und Entlassenenfürsorge auszubauen. Wenn auch die wertvolle Mitarbeit der Wohlfahrtsverbände kelnessalls entbehrt werden kann, so ist die Fürsorgearbeit an Strafgesangenen und Stras« entlassenen doch in erster Linie Zlusgabe des Staates." Diese letzten Sätze der Leiterin des Berliner Frauengesängnisscs, der Genossin Helfers, können nicht stark genug unterstrichen werden. Leider hat der Staat bis heute die Bedeutung dieser Sätze noch nicht in genügender Weise erkannt, Gelder, die für die Gesangenen- und Entlassungssürsorge angewandt werden, bedeuten nichts andere« als eine gute Sparaniage,«ine Spavanlage am fremden Eigentum, an menschlichen Qnale», am Erfolg des Straivollzuges. Die Himmelsleiter. Der Spielplatz der Kinder war die Straß«. Auf den glatten Asphastgrirnd halten sie mit Kreide hintereinander lange Rechtecke gezeichnet. Eigentlich waren es aber kein« Rechtecke, sondern d!« zwölf Felder einer Leiter, di« Irgendein Kind einmal»Himmels- leiter" getauft haben mochte. Diese auf die Erde gezeichnete Leiter durchhüpst.m die Kinder auf einem Bein. Ost geschah es erst bei der zehnten Sprosse, doß sie dos zweite Bein, um sich zu stützen, zu Hits« nehmen muhten. Dann war der mühselige Weg durch die Felder der Himmelsleiter vergeblich gewesen und sie mußten wieder von vorn ansangen. Diese« Spiel hauen die Kinder mit eigenen Bestimmungen ver- klauschiert und neue Spielreize geschaffen. Wer unter Beobachtung aller strengen Regeln endlich das zwölfte Feld erreichte, hotte nicht nur gewonnen, sondern war im„Himmel" ukld durste die Leiter regieren. Die Jungen nannten sich dann gern Kaiser, die Mädchen aber Engel. Eben haue ein schwarzhaariges kleines Mädchen die zwölf Sprossen der Himnielsleiler untadelhast durchhüpst und war Engel geworden. Scharfen Auges rügt« es den geringsten Fehltritt der Spielkameraden, llnnachsichtlich jagte es die Ungeschickten mit lauter Kommandostimme von den Kreideslrichen fort, die nach ihrem Himmel führten. » Im Augenblick war die llnglücksstätte von Menschen umring». lieber da, Mädchen beugten sich die maßlos erschrockenen Zeuge», der unseligen Sekunde. Das Auto stand mit verzerrter Achse schies- winklig mitten auf dem Fahrdamm. Die Himmelsleiter war zerstört. Die furchtbare Spannung aus Schreck, Empörung, Mitleid und Entsetzen löste sich in dem Wunder, das sich dein Chauffeur und Vn Umstehenden offenbarte: dem Mädchen war nichts widerfahren, nichts,.trotzdem es unter den Wage» geraten war. Man wandt« sich von dem Kinde ab und besprach interessiert die technisch« Seit« dieser Ungeheuerlichkeil. Bersoigl« interessiert die Glejtspur der Pneumatiks. Stritt über die Steuerung und da» Warnungssignal, sckzait auf die in den Straßen spielenden Kinder und Hund«— landet« aber immer wieder bei der wunderbaren Unversehrtheit des kleinen, schwarzhaarigen Mädchens. Das Kind saß aus der Bordschwelle des Bürgersteig«, wohin es die kräftigen Arme des Chauffeurs gehoben hatten, und biickt«, ohne die sich zerstreuenden Gaffer zu beachten, dem davonbrurnmendn» Auto nach.'Aus Hauseingange» und Torflügeln schlichen ein wenig verschüchtert die Kinder hervor. Ein Jung« brachte ein Stückchen neue Kreide mit. lind als die Strohe von dem Erlebnis, gesäubert worden war, bauten sie alle mit selten Krcidestrichen die zerbrochene Himmelsleiter wieder auf. Das zwölfte Feld, der„Himmel", war übrigens von dem Wagen nur geltreist morden. Ja, es sah beinahe so aus, als wäre das Amo dort gegen die Leiter gerannt und dann auf den Fahrdamm geschleudert worden. Ein bißchen Schreck zitterte noch In ollen Reinen. Der Engejl lxitto leichtes Spiel, seinen Himmel zu verteidigen. Die Aohüpsend.m stolperten und strauchelten— ebne es hindern zu können, mußten sie wieder dem kleinen, schwarzen Mädchen den Engelsplotz auf der Himmelsleiter aönnen. „Du hast Striche im Gesicht.. Oer Tod und das Kind. Ich weiß mcht mehr, wo wir öainals eigentlich auf Sommer- frtsihe war«!!: aber ich weiß noch genau, daß ich, ein kaum siebe»- jähriges Mädel, am sandigen Abhang zu Fußen meiner Manm faß und mir ein wunde roolles Spiel zurechtgemacht hatte: Ich hatte mir einen Kirchhof angelegt. Lauter Gräber— und eine« war immer schöner geputzt als das ander«. PlSKich sah mein« Mama übe: ihre Häkelarbeit auf mein Spiel...Aas machst du denn da?"—„5ch habe einen Kirchhof gebaut! Kuck mal, das i» «in feines neues Grab!"—„Für mich wohl, was? Komrste nichts anderes spielen?!'— Ich verstand wahrhastig nicht, warum die Mama min schon wieder wütend war. Diesmal hatte ich nun doch wirklich ruhig und manierlich gespielt. Ich versucht«, mein schönes Spiel ruhig fortzusetzen— aber immer kam der Fuß meiner Mutter und zerstör!« die feinen, naugebauten Gräber.„Warum machst du mir denn nu alle» kaputt?"—„Das brauchst«„ich zu spielenl"— Und da— log Ich, log glatt und bewußt, um mein Spiel zu verteidige« un» ungestört zu bleiben:„Sind ja keine Gräber mehr, sollen ja Beete seinl' Nun hatte ich meine Ruh«... Ja, vom Tod durfte nicht gesprochen werden. Ich war noch nicht fünf Jahre alt, al» ich nwi meinen wirklich gellebten Großpapa bei dem Begräbnis irgendeines Bekannten fragte:„Stirbst du auch, Großpapa?"— Und unverständlicherrveife sagt« der alte Herr darauf:„Das können sie bei dir»ohl schon nicht mehr er- warten?"— Und al« Papa später von dieser Frag« hörte, kriegte ich nicht nur„ein« drauf", sondern wurde richtig geächtet, man war so empörr über mich, daß man gar nicht mit mir sprach... An dies« alten Geschichten- habe Ich neulich wieder denken müssen, denn unser Jung« fängt jetzt an, über Leben und Tod zu philo- sophierrn. Zuerst entdeckte er, daß manche„großen Leute" Striche im Gesicht haben. Dies« Entdeckung hatte sogar etwas peinliche Begleitumstände, denn er machte sie in der Untergrundbahn. Der alte Herr, der ihm gegenüber saß, hatte Wirklich ein sehr zerfurchtes Geficht.„Warrnn hat der Mann solche Strich« im Gesicht, Mama?'—„Weil tj schon alt ist, Hansel...' Gott sei Dank, der Herr war vernünftig genug, diese objektive Feststellung wenigstens nicht iibel zu nehmen! Aber da arbeitete der uner- bittliche Fragekasten schon weiter:„Muß er nu bald sterben, Roma— Es war schauderhaft peinlich, der freundlich«, alt« Herr gmtt« weg und«ine angesäuerte Dam« in meiner Nähe mann eil« deutlich etwa? von„schöner Erziehung". Bloß der Hans merkt« natürlich nicht» und schubste mich freundschaftlich in die Sette. „Warum sagst« denn nu nichts? Wenn du«ich zuhörst, denn bist« pich mein Freund, weißt es?!"— Hallelusa— schon bremste der Zug— und nun nichts als raus!— Wenn der Bengel draußen welterfragte. war die Seschichte doch nicht halb so schlimm! Aber in dem Trubel und Gedräng« hatte Hans glückitcherweise seinen Gesprächsgege nftarst» oergesie» und fragt« nicht weiter. Aber geschenkt sollte uns nichts»Verden. Einige Tage.darauf faß Hansel Mit seinem Papa beim Mittagessen— da ging die Geschichte wteder los. Nach einer gründlichen Beaugenschernigung seines Erzengers teilte er-dem das Resultat mit.„Papa— du wirst alt! Du hast schv« Striche im Gsstcht!"—„So?"— ,Aa. wenn man alt wird. kriegt man Striche im Gesicht!"—„Ader ich nicht! Ich werde «ich ast!"—„Doch wirst du mal att!"—„Aber jetzt«ich! Ich wach»« noch! Aber du bist schon so groß, du mußt bald sterbe«. aber ich«ich! Ich wach!« noch..— Mir standen die Haare zu Berge bei dem Gedanke» a» die Mautschell««, die ich mit so einem Gelpräch riskiert hätte— und ich war heilfroh, daß der Papa gar keine Afiäre daraus matt»« und es der Slpfelnmsschüsiel über- ließ, de« Hans den Mund zu stopfen. Aber uns große Leute hatte Hansel» liuierhaltung doch nachdenklich gemacht. Den« dieser Triumph des Kindes über die Erwachfenen, dieses Betonen und Ausnutzen des ersten Gebietes, auf dem es fein« Ueberlegeuheit entdeckt, ist auch wirtlich eine Sache, die nachdenklich machen kann—»och viel»achdeickiicher kann freilich die Art Und Weite machen, in der die meisten großen Leute aus dlefe Sache reagieren. All«, deren Eriuneningen an die«igen« Kindheit noch frisch genug find, werden mir es bestätigen: Man durfte vor großen Leuten nicht vorn Tode sprechen, lind derartige Gespräche waren umso verpönter, je näher uns der Mensch stand, von dem da ge- sprochen wurde. Bon„lieben Beritorbeuen" dürfte mau reden. ja— aber nie voni Tod« eines noch lebenden Anoenvandten, mochte der wahrscheinlich in wenigen Tagen bevorstehen oder noch In un- ausdenkbarer weiter Ferne fei». Wenn aber ein Kind gar grnxrgt hätte, vom dereinstigen Tode feiner Elter» zu spreche«: wöre es al» durchaus verworfen betrachtet worden— wenn es nicht gieichstestlg ein« tiefe Borschüßtrauer zur Schau getragen hätte. Das ist eine ganz interessant« Geschichte, denn— wir waren nicht immer so. Bei der. Naturvölkern ist es ganz sechst« verständlich daß die Familie oder die Horde sich ihrer Alten eist- ledigt,-wenn sie für die Allgemeinheit zur Last werden. Jetzt geht das gewöhnlich in der schonenden Form vor sich daß man dir alten Leute mit einigen knappen Borräten zurückläßt. Bei den Eskimo» baut man ihnen«in �giu", ein« Schneehütte, andere Stämme lasten sie schutzlos zurück. Etwas früher in der Gefchcht« der Menschheit ging man noch brutaler vor: Da erschlugen die Söhne den Bater. sobald der eigenen Momchett das Joch des Alten zu drückend wurde. Dieser„Urmord" hat noch eine zweite Wurzel: Die Liebe de» Kindes zu dem im Geschlecht ungleichen Elterntett, den„Oedipu?. komplex". In ihm wurzelt der Todeswunsch des Sohne» gegen den Bater, der Tochter gegen die Mittler. Dieser, dem Kinde noch ganz natürliche Wunsch wird durch die Hemmungen, die sich der Kulturmensch geschaffen hat. zwar verdrängt— e« bleibt uns aber das„böse Gewissen". Dazu kommt, daß wir„großen Leute" de» Tod irgendeines älteren Anverwandten oft genug al» einen Rechenfaktor in die wirtschaftlichen Erwägungen über mifere Zukunft einstellen: aber nie würden wir derartige..Berechnungen' zugeben, das ginge natürlich gegen jeden Anstand! Und wenn der kleine Fritz nach der feierlichen Erklärung de, Großvaters,-er solle mal die schöne golden« Uhr haben, wenn der Großvater tot sei, seine Gefühle so wenig umschmintt, daß er einfach fragt:„Groß- vater, wann fterbste?"— dann vergeht er sich natürlich gegen Sitte und Herkommen und kriegt eine„Tachtel"— nicht bloß, weil er s« unverschämt gefragt hat, fondern weil sein Erzeuger mit dieser „Tachtel" auch gleich das eigene bös« Gewissen abreagiert. Anders herum: Kronos fraß fein« eigenen Kinder, weil chm prophezeit worden war,«ine» würde ihn eitturannen und toten lZeus, der vor dem Schicksal des Verschlungenwerdens gerettet wurde, entmannt« dann den Vaters. Die Ausläufer dieser Macht des Baters über Leben und Tod des Kindes können wir von de« Kulturvölkern des Altertums bis in unsere Zen verfolgen:«ntjchteh bei den Asten der Vater noch über die Aufnahme de« neugeborene« Kinde» in den FamilienverbanS dadurch, daß er es auf feine Arme »ahm(sonst wurde es ausgesetzy, so entscheidet noch heute t« manchen Familien der Vater über den Beruf des Kindes, ohne sich um die Wünsch« des Sohne» oder der Tochter zu tünunern. Aber wie das Aettpeifen der eigenen Klnder durch 5tronos nur ein« „Borsichte maßnahm«' war, so ist auch der Despotisnm» mancher Eltern am stärksten..untermauert" durch das Wissen,«t« begrenzt ihre Macht ist. Bei Böttern. die der Gtetchmacherin Zivilisation noch nicht ja ganz verfallen sind, kommt diese» Wisse« auch noch in manche riet Bräuchen zum Ausdruck. Bei den Zelt- zigeunern zum Beispiel kniet bei Geburt des äitesten Knabe« der Wagenführer(Boters vor dem neugeborenen Sind« nieder und kllßt feine Hand— mit zusammengebissenen Zähnen, so sitidet sich bel Indianern sowohl wie in der SSdse« der merkwürdige Brauch der „ffottvade", de» Männerktndbeit». La tezt sich bei Geburt des Kinde» der Vater hin und spielt allen Erich«, trank, so arg. daß ihn bei manche» Stämmen die lieb« Berevandtfchafi erst vurch ganz energische Mittel, w-e Auspeitschen und Ansetzen weißer Ameise«, kurieren muß. Di« Deutungen lneses Branche« find zwar verschieden: Dr. Goetz. ein Berliner Nervenarzt, will aber diese Eouoode al, ein« richtig« hqsterische„Flucht in öle Krankheit' deuten, als einen vorgetitiene« Tod, um vem Schicksal em Schnippchen zu schlagen, es»urch da, Opfer der Krankheit zu be- fänftigen. Am unvernünftigsten benehmen aftr sogenannte,! Kultur- menschen uns: Wir spielen richtig Bogel Strauß und gtauben. wen« wir uns verleugnen lassen, wul» uns Hans Mar, mal nicht finde«. Iuzwijcheu aber geht Stunde um Stunde, und jede gräbt uns mit einem feinen Stichel die„Striche im Gesicht" tiefer. Wir sollten un, mit unserem Schicksal abfinden, und wem, wir dabei die Zähne z»iammenbe<ßen. wie der Zeltstgeuner. Und jede«- falls sollten wir nicht» tun. um dt« Jugend durch Betonung un» Verschärfung ihrer„Schuld", die Schicksal ist. in Nervosität»der i« «tue ausgewachsene Neurose hereinzuhetzen. Das kann durch einen harten Klaps— ja, bei sensiblen Kindern schon durch e<>, harte» ..schäm« dich, du schlechie» Ding!" ganz sticht geschehen. Dies« Klapse und diese Schelte bringen ja erst dos Schuldbewußt- sein in die'�eest des Kindes. Wir aber sollten sehen, daß die Last ererbler �schuld auf den Schultern derer, die nach uns tonune«, van Geueralion zu Generation leichte» wird. Kose luvaid.