Frauen ,Nr.12«.47.Lahra�? HeHüQC ZUM ÜOtUjätfe| 19. 3unil930~l Kleiner K �Wenn die Leute nur Geld verdienen.:/ E» Ist überhaupt nur die Habsucht der Proletarier, dl« die Frau aus dem Hau» tn den Erwerb gedrängt hat und«in friedliches Famlllenleben verhindert. Im.Fieichaboten" plaudert ein« Dame über Frauenberuf«. Ratürllch darf die Frau in ihrem Haushalt «licht überlastet sein-- und Berufsarbeit oder Heimarbelt über» lasten sie. Wie steht'» denn dann aus In den Wohnungen solcher «inordentlicher Hausfrauen, die durchau» mit Heimarbelt Geld ver- dienen wollen? Die Dam« hat es gesehen:„In der einen Familie fand ich ein Zimmer fast ohne Möbel, im iiochsteii Grad« schmutzig und verkommen. Die Frau ka»n«ine tn diesem Raum mündende Treppe herunter, mehrere Kind«r verschiedenen Alters polterten ihr nach. Wie sah die Frau aus. wie die Kinderl Der schrnutzstarrende Rock voller Risse«vurb« durch einen Lindsoden zusammengehalten. Da» ungekämmt« Haar stand in«»irren Zöpfen vom Kopf« ab. Dabei stand die Frau vor ihrer Niederkunft. Di« Kinder, ihrer sieben, sahen ähnlich verrvahrlost aus Bon der Art ihrer Heimarbeit konnte Ich nichts erblicken, der Arbeitsraum«var oben, wohl im Schlaf- zimmer. Ich erbat mich, die beiden Jüngsten«oährend der Zeit ihrer Niederkunft zu mir zu nehmen. Ich erbettelte Kleidungsstücke und die beiden Kleinsten wurden ausgestaltel, damit sie in mein Hans pastten(!)— ober die Frau gab sie schließlich nicht her.(!) Ich bat die GerneindeschVester, sich um die Familie zu beküminern, da sagte die, d e n e n s e l n I ch t z u h e l s e n, die Frau sei zu laul." Und >va» für Schtüst« zieht die Beobachterin, nachdem sie noch andere Fälle, wo dt« ganze Familie in einem armseligen Koch Zigarren machend zusammenhocken muß, mit eigenen Augen gesehe» hat, als Erkenntnis au» diesem grauenvollen sozialen Elend? Läßt sie ihr Gewissen und ihr Berstaiü» nicht ahnen, nwrum Menichen so entsetzlich vegetieren? Ihr Bürgerhirn findet nur da»«In« Fazit: „Wenn die Leute nur Geld verdienen, so ist ihnen alle» andere gleichgültig"! Der Herr Generaldirektor kommentiert. Der Reporter eine« große»«oestsällschen Generalanzeigers unter» nimmt eine Entdeckungsfahrt durch das Berlin der arbeitenden Frauen. Er steht morgens am Potsdamer Platz und sieht die Armee der arbeitenden Frauen marschieren, verhärinte Frauen mit müdem Blick und bletchen Wangen,„ein Momenlbild der Gcgenivart, grau- sam. herzlos, unvergeßlich". Er will wissen,. unter welchen Bedingungen sie arbeiten und leben. Wen wird er fragen? Nun, welche Frage!„Hundert Schritte weiter und ein« Stunde späler sitze ich dem Generaldirektor eines Weitunternchmens gegenüber".(Unter dem tut ers nicht?) Er fragt ihn, warum die Frau im Existenzkampf sich leichler durchsetzen kann als der Mann. Der Generaldirektor denkt nach„Er blickt auf die blauen Ringe seiner i>o.irlz Clay, als würde er durch die Rauchwolken den grauen Weg von Millionen deutscher Frauen versolgen. Dann antwortet er lächelnd: weil die Frau harter ist als der Mann, st« ertragt Sorgen und Entbehrungen bester. Und dann noch eines: die Frauenarbeit ist erwünscht. Denn dl« Frau ist genügsam, fleißig und anpassungsfähig: ihr« Arbeit ist billig. Haben Sie nicht den Eindruck, daß in den großen Warenhäusern Nachfrag« nach billigen Sachen herrscht, die gerade noch gut sind uud de» Massen genügen? Run, so ist es auch im größten Kaufhaus, im Waren- haus des Lebens,«vo«nenschliche Arbeitskraft getauft wird. Man braucht nicht sentimental zu»erden. Jeder kanst das.«»as billiger ist, sofern«s ihm genügt.. Die Frau ist Intelligeui geworden, ver- wendbar für die meisten Berufe und der Mann hat aufgehört, unersetzlich zu sein" Lächelnd und klar sagt«s der Herr Ger-eral- dlrektor— warum sentimental sein? Ra, und«vas tostet also diese billigste Sorte menschliche Arbeltstrcist im Mrenhaus des Herrn � VWWV W»» VH V ch- Direktors?„Unter 100 Mt.", erwidert« der Herr de» Unie«> nehmen»!„Und«sie können sie damit existieren?"„Sie leben von Kaffee und Butterstullen, und tragen Seidenstrümpfe", und lächelnd fügt er hinzu:„ich sage dies nicht, um dies« glänzenden Ar- bciterinnen herabzusetzen. Ich möchte damit nur ihre Menta« lität charakterisieren. Sie wallen lieber hungern als schlecht ge- kleidet gehen"." Sie«nöchten lieber hungern? Kommt es dein lächeln- den Herrn in eluer Mentalilät nicht einmal tn den Sinn, daß dies« „glänzenden Arbeiterinn«»" mit ihrem Einkoinmen unter 100 Mt. im Monat hungern müssen— auch wenn sie nicht di« zwei Paar Kunstseide«ist nimpse besitzen, die für die gut ausstlnnsollende Ver- täuferin kein Luxusbedarf find? Die katholischen Frauen. Der Kapitaitsmus hat auch vor den katholischen Frauen nicht haltgemacht, er hat sie ebenso unerbittlich in den Erwerbskmnpf ge- rissen wie die andern. Aber auf welchem Wege hat sich die katholische Arbeiterin in diesen« Kampf durchzusetzen? Ihr löst sich die soziale Krisis ganz einfach. Auf der Iubiläumstaguug des„Verbandes kaiholischer Acreine erwerbstätiger Frauen und Mädchen" tn Veuthe» führte nämllch der Aezirtspräfes, ein oberfchlesqcher Pfarrer, au?: „Wir sind nach wie vor der lleberzeugnng, daß die wirtschaftlich« Frage nur gelöst werden kann und gelöst werden muß voin Reli- giös«» her. Di« Arbeitsfreude, das Ehrgefühl und Dienstgesühl kann man nur bekommen, wenn man di« Arbeit als in der gött- lich«n Weitordnung begründet empfindet. Das wa» dl« Arbelt lvisder veredeln kam� ist der Entschluß, sie als höher« F ü g n»i g hinzunehmen. Dann ist das Eigentlich« entschieden". Da» Rezept ist also sehr einfach: Proletarierinnen, fügt Euch— und alles wird wieder gut»erden! Kann»Nerufsfreude" proletarifiLrung verbinden!? Auch in„Der Welt der Frau" des Berliner Lokalanzeigers hat «nan nun eingesehen, daß die Frau im Beruf heute eine Massen- «rscheimmg mit Masscainteressen und Massensorgeii ist.„Wer tagaus tagein ai« der Büromaschine steht oder hinler dem Ladentisch und Sommerimhauz und Wintersoor! platz nur au» den illustrierten Zell- schrlften kennt, hat onoer« Neigungen, weniger hohe, weniger elhisch« und ästhelische. als sie unentwegt der berufstätigen Frau ln der frei- gebigsten Forin angeboten werden", heißt es sehr vernünftig ln etilem Aufsatz.„Sie ist kaufmännische Angestellte...".„Die ganze Diskussion um Fraueuberufsarbeir geht noch immer von der Basis der Berussnelgung aus... aber es ist die Not, die diese Massen von Frau«» in den Berus sühreu". Ja— und was folgt daraus für die Berfasserin? Sie meint, dl« berufstätige Frau habe es verstanden, in die seelenlos und feindlich gewordene Arbeit die seelisch« Berbln- dung mit dem Berufs die Berufosreude wieder hincinzutrage»— und„diese Berus»sreudlgkeit wird verhindern, was gewiss« Leute aus eigenen Wünschen heraus immer wieder prophezeien: Die P r o l e t a r i s I e ru n g der kaufmännischen Berufe". Berusssreude contra Unternehmertum— dieser Kamps ist sinnlos. Nicht die Proletarisierung der kaufmännischen Berufe, sondern etwas anderes wird durch solche Ideologie verhindert: die Einsicht, daß nur durch bewußt« Eingliederung auch der Angestellten ln die proletarische Kampffront die Arbeit wieder menschenwürdig geniocht werden kann.». Das �Vorleben" vom Mann- und von der Frau, oder das Kammergericht als moralisch« Anstalt. Dle bürgerliche „doppelte Moral" der Sittcnkodex des Korpsstudenlen, der dem Maim vor der Ehe jede sexuelle Freiheit als erlaubt, das Vorleben der Frau jedoch in voller Keuschheit vorschreibt, gilt auch im Jahre 1930 noch als Maßstab siir dchicrüche Entscheidung«!� D!c„Frankfurter Zeiwng" kommentiert diesen Fall solgendermaßen:„Dos Aammergericht in Berlin hat in einer Ehcanfechtungsklage ein Urteil das dadurch von besonderem Interesse ist, daß es ziemlich «nverhüllt eine verfchiedene Moral fiir Mann und Frau konstruiert. Ein Kaufmann klagte nach achtmonatlicher Ehe aus Nichtigkeitser- Närung. weil ihm seine Frau verschwiegen habe, daß sie vor der Eheschließung vier Liebhaber gehabt habe. Das Landgericht III i» vertln erklärte, nachdem dl« Beweiserhebung die Angaben des Ehe- mannes bestätigt hatte, die Ehe siir nichtig. Die Frau legte Berufung »In, aber das Kaimncrgericht bestätigte das Urteil mit folgender Bc- Gründung: Unerheblich ist, ob der Ehemann selbst vor seiner Ehe Liebesverhältnisse gehabt hat. Die geltenden s i t t« ltchen Anschauungen verwehren dem Manne den vorche- klchen Verkehr nickst, sie gestalten ihn: diese» vielmehr ohne Schniä- lerung seines sonstigen Ansehens, verübeln diesen aber der Frau und finden nur in einein ernsthaften Liebesverhältnis allenfalls »ine Entschuldigung. Aber nicht die Tatsache allein, daß die beklagte Ehesrau vor ihrer Ehe Liebesbeziehungen unterhalten habe, recht- fertige die Anfechtung der Et)«, sondern oorallen Dingen die Häufigkeit und der Wechsel dieser Beziehungen sei ein schwerer sittlicher Fehler, denn man erkenne an ihm ihre mangelnde Beherrschung in geschlechtlicher Beziehung." S.S. Helen Keller. Zum 50. Geburtstag. An der amerikanischen Schriftstellerin und Soz'alislin Helen Keller wild uns die Wahrheit des lozialpädagogischen Gedankens klar, daß der Mensch zum Menschen nur durch die Gemeinschaft wird. In dein taubstuininblinden Kinde richten viele reiche Kräfte des Willens mch der Intelligenz, und doch hätten sie der Verkümme- rung anheimfallen müssen, wenn nicht die verständnisvolle Blinden- lehrerm Anne Sullioan dem Ktnde das Tor der Seele erschlossen hätte, wenn nicht die.Lrbeiisumstäirde" seiner Entwicklung günstig gewesen wären. Helen Keller, am 27. Juni 1880 in Tuscuinbia im nördlichen Alabama als gesundes und kräftiges Kwd geboren, verlor mit anderthalb Jahren durch schwere Krankheit Gesicht und Gehör, und da sie nun nicht mehr imstande war, die menschlichen Laut« ihrer Umgebung airfzmiehinen, wurde sie auch stumm. Mittels der ihr gebliebenen Sinne: Getast, Geruch und Geschmack versuchte sie, ihre Umwelt kennen zu lernen und sich den Menschen verständlich zu machen. Aber je mehr sie das Unzureichende dieser Hilfsmittel merkte, desto leidenschaftlicher wurden Ihre Ausbrüche der Aerzweis- lung. Die Eltern tonnten ihr nicht helfen. Erst im Alter von sieben Jahren vollzog sich durch den Eintritt der A. Sullivan in ihr Elternhaus jene Umwandlung, die In der Geschichte der Erziehung einzig dasteht: das Erwachen des Geistes aus tiefer Nacht und seine Entwicklung zu einer hohen Stufe der Menschlichkeit. Helen erlebte an sich jene Wahrheit, die heute durch die psychologj scheu Forschungen eines Freud und Jung als Wissen- schast anerkannt ist: daß nämlich die Bildung des Menschen sich wesentlich im Unterbewußtsein vollzieht, und daß Himer der Grenze des individuell Unbewußten noch das kollektiv Un- bewußte lebt, in dem die Kräfte und Borstellungen vergangener Generationen cmsgespeichert liegen. Aus diesr Erinnerungskraft— Helen nennt sie ihren„Seelensinn"— leitet sie ihre Fähigkeit her. den Siim der Worte, die A. Sullivan ihr zuerst mechanisch in die Hand buchstabiert, zu erfassen und zu erkennen. Auf diese Weise wurde ihr die Zusannnengehörigkeit von Wort und Sache klar und die Bedeutung des Wortzeichens sür den Verkehr der Menschen untereinander. Nun fand sie aus dem Labyrinth geistiger Dumps- heit den ersehnten Ausganz. Ihr Lernestcr führt« nicht nur zur erstaunlich schnellen Cinprägung dieser Zeichensprache, sondern auch zum Schrceben mittels der Braille-Schrist�) und schließlich zur Er- lcrnung der Lautsprache. Durch die Hilfe ihrer Lehrerin wurde es Helen möglich, das Mädchengymnasium in Cambridge und nach glanzeird bestandenen Examina die Universität zu besuchen. Sie studierte im wesentlichen Nationalökonomie, Literatur und Geschichte. Helen Keller ist ihrer politischen Ueberzeugung nach Sojmlistin. Ihr eigenes Leid machte sie von früh auf für das Leiden anderer Menschen empfänglich. Da sie selbst von vielen Freuden des Lebens ausgeschlossen war, konnte sie die Eistbehruitge» der Annen nach- fühlen. Aber sie wurde Sozlalistin nicht mir mit dem Herzen. sondern auch mit dem Verstand. Bücher und Zestschrijten waren ihr Wegweiser. Sie hält sich eine deutsche sozialistische Zeitschrist, die für den Gebrauch der Blinden in Braille-Schtfist gedruckt ist Kauiskys Diskussion über das Erfurter Programm ist in ihrem *) Die Braille-Schrift beruht ans einem System von sechs er- haben geschriebenen Punkten, die uniereinander verschiedene Stellungen einnehmen und von den Blinden ertastet werden. Besch. Ihr Schicksal machte sie den Zeitungen interessant. Aber die Redaktion kapitalistischer Blätter, die ihr zuerst.Komplimente über Komplimente" gemacht hatten, änderten ihr Urteil,' als Helens politische Einstellung bekannt wurde.„Heute, nachdem ich Sozialistin geworden bin, erinnert(der Herausgeber des Brooklyner„Eagle") mich und die übrige Welt daran, daß ich blind und taub bin und deshalb besonders leicht in Irrtümer oersalle."—) Ihr tiefes soziales Empfinden führte sie auch zur sozialen Tat. Im Jahre 1916 gab sie ihrem deutschen Verleger den Austrag, alle ihre Einkünfte ans der deutschen Ausgabe ihrer Schriften den deutschen Kriegsblinden zuzuweisen. Diese zeitlich begrenzte Stiftung erweiterte sie 1920 zu einer endgültigen und dehnte sie aus auf die Kriegstaubcn und Kriegsstumme». Sie, die die dunklen Mächte ewiger Nacht so schmerzvoll erlebte, sie möchte ihren Leidens- gesährten auch Licht in ihr« Finsternis bringen. Heute ist Helen Keller eine geachtete Schrisiftellcrin. Aber was mehr gilt: sie ist eine Kämpferin sür Recht und Wahrheit. Ein ganzer Mensch. Und ein glücklicher. tlennzc 8c!i»maelier. Von Helene Lange zu August Bebel. vor kurzem starb die Führerin der bürgerlichen Frauen» bcwegung Helene Lange im S?. Lebensjahr. Die nachfolgend« Episode schildert den weg, den eine Ihrer Anhängerinnen von ihr hinweg zum Sozialismus gegangen ist. Das behaglich eingerichtete Heim der da bis che» Lehrerinnen in Lichtental bei Baden-Baden war sestiich geschmückt. Ueber allen Türen und Eingängen hingen Girlanden und auf den Tischen im großen Speisesaal lagen blühende Blumen, standen Kirsch- und Apfeldlüten. Blumen in allen Farbenlönen, in allen Formen, wohin das Auge sah: der große Garten des Heims halt« sie in überreicher, verschwenderischer Füll« gejiesert. Festlich und erwartungsvoll war auch die Stimmung der„Helm- chen", der alten P ä d a g o g i n n« n, die hier eine» ruhigen Lebensabend verbrachten, und der Gäste, die aus allen Teilen Deu.schlands herbeigeeilt waren, um über Berusssragen zu beraten und gleichzeitig den 75. Geburtstag der gre(en Borkämp- jerin Helene Lange zu feiern Am erregtesten und erwartungsvoll- sten aber waren die jungen Lehrerinnen, die vor kurzem das Se- minar, die damalige Lehrerbildungsanstalt, verlassen hatten. Sie hatten noch niemals Fühlung mit einer großen Frauengeikiein- schast genommen, und ihre Erwartungen, die sich an das Eintressen ihrer berühmten Kollegin knüpften, waren deshalb besonders groß und weit gespannt. Lange über die vorgesehene Zeit hinaus dauert« es, bevor Helene Longeaeintros. Die Damen, die sie am Bahnhos empsingen, hatten sie, statt zur Straßenbahn oder einem Wagen, zur Lichten» taler Allee geleilet, die in herrlicher Blüte stand, und die Greisin hatte gern eingewilligt, den Weg bis zum Heim zu Fuß zurückzu- legen, um die einzigartige, südliche Landschaft kennenzulernen. Aber der nahezu«instündige Marsch war zuviel für sie gewesen. Als sie im Heim eintraf, war sie unendlich müde, und ihr Gesicht sah ver- sollen aus. Es belebte sich, als die Vertreterinnen des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnen-Vereins, den sie selbst vor Jahrzehnten ge- gründet hatte, sie begrüßte» und als die Jüngste in diesem Kreis« ihr Blumen überreichte. Auch de» Ausführungen, die Problem« und Wünsche der berusstätigen Frau behandelten, schien sie noch immer großes Interesse entgegenzubringen. Als sie sich aber dann selbst zu einer kurzen Ansprache erhob, da klangen ihre Wort« müde und resigniert. Sie wünsche nur»och, daß die Jugend nun- mehr ihr Werk weiterführe, und sie bitte das Schicksal, ihr ein allzu langes Leben zu ersparen Ein« Rcdnerin habe die Hossnung aus- gesprochen, daß sie den 80. und 85. Geburtstag in gleicher Rüstig- keit erleben möge— sie bitte, diese Wort« zurückzunehmen, denn sie entsprächen nicht ihrem eigenen tiefsten Wunsche..... War es eine Folge dieser Müdigkeit, oder hatie es tiefer« Gründe, daß die Tagung gerade unter der Jugend nicht die ein- stimmige Geschlossenheit und Begeisterung fand, die ihre Führerin »nd Vorkämpserin ersehnt hatte? Es war spät am Abend— da saß ein kleiner Kreis junger Menschen in leidenschaftlicher Debatte über die Gründe dieser Spaltung noch zusammen. Es waren junge Mädchen, die größtenteils aus bürgerlichen Familien stammten, und niemals Gelegenheit gehabt hatten, proletarische Kämpfe und Sorgen kennen zu lernen. Und dach ließ sie irgend c vws unbefriedigt in dieser Gemeinschaft, drängt« sie unwiderstehlich hinaus aus diesem politisch angeblich neutroleii, aber In Wahrheit rechts eingestellten, nur die Interessen einer bestimmten b ü r g e r- lichen Schicht wahrnehmenden Verband«. Erst vor kurzem hatten seine Vertreterinnen eine junge Kollegin, die uneheliche Mutter ge- **) Helen Keller:„D'e Geschichte meines Lebens" und„Wie ich SozicUistin wurde".(Rodert Lutz, Stuttgart.) worden lvar, streng verurteilt und verfemt, weil sie„den Stand herabgewürdigt" Hobe. Und mit eiserner Konsequenz Hot« sich der Verein stets auf die Seit« des alten Staates gestellt, der solche„unmoralischen" Beamtinnen mitleidslos aus dem Dienst jagte. Auf allen Gebielcn suhlte man dies« Gebundenheit, diese Schranken, die doppelt« Moral der Vergangenheit, die politilchen Vorurteile. Unzufrieden und unschlüssig, was man tun sollte, sahen die jungen Mädchen zusammen. Fast fühlten sie sich schuldig, diefen keherifchen Gedanken Raum zu geben, wenig« Zimmer von der alten, müden Frau getrennt, die ihre ganze Kraft der bürgerlichen Frauenbewegung geschenkt hatte— und doch fühlten alle einen scharfen Trennungsstrich. Da erhob sich die junge Lehrerin, in deren Zimmer inan sich versammelt hatte, und entnahm dem Schrank in der Zimmerccke ein Buch. Sie war blaß geworden vor innerer Erregung, aber sie ilas mit fester Stimme aus dieser Schrift vor, die niemand auher ihr kannte, und die sich doch anhörte, als fei sie gerade jür diese Situation und für diesen Kreis geschrieben worden: „Wir leben im Zeitalter einer großen sozialen Umwälzung. Eine stets stärker werdende Bewegung und Unruhe der Geister macht sich in allen Schichten der Gesellschaft bemerkbar und drängt nach tiefgreifenden Umgestaltungen. Alle fühlen, dah der Boden schwankt, aus dem sie stehen. Ein« der wichtigsten Fragen aber ist die Frauenfrage.... Es muh ober, wer die Lösung der Frauen- frag« in vollem Umfange erstrebt, mit jenen Hand in Hand gehen, welche dl« Lösung der sozialen Frage als Kultursrage der gesamten Menschheit aus ihre Fahnen geschrieben haben: Das sind die Sozia» listen. Die sozialdemokratische Partei ist die einzige, welche die volle Gleichberechtigung der Frau, ihr« Befreiung von jeder Ab» hängigkeit und Unterdrückung in ihr Programm aufgenommen hat....." Als nicin sich trennte, war die Nacht fast vorüber. Aber es war nicht die legte Zufamnienkunst dieser Art. Dieser Abend am 75. Geburtstag der bürgerlichen Bortämpferin war zum neuen Ansang geworden. Der große Wegweiser aber, der die Jugend den Millionen aller Schassenden zuführte, der sie aus der engen Ge- bundenhei» bürgerlicher Interessengemeinschaft und politischer Vor» urteil« erlöst«, hieß August Bebel. 1�11«. Wie die schaffende Frau reist. Wer recht in Freuden reljen will, bernig« noch rasch ein« freie Stunde, um im Keller des Warenhauses von Karstatt am Hermann- plag eine geschmackvolle und praktische Schau sich anzusehen, die die Zeitschrist„Die schaffende Frau" dort unter Beteiligung von Einzel- persönlichkeiten und Verbänden veranstaltet hat. Am meisten interessiert, was die beiden großen Verbände, der ZentraloerbandderAnge stellt«»und der Verband weib- licher Büro- und Handelsangestellten, zu zeigen haben. Einfach, kleid- fam und praktisch Ist die Reiseausrüstung des jungen Mädchens, wahrlich ein leichtes Gepäck aus Wafchleinen, Battist, Kunstseide und Voile. In einein Köfserchen von geringen Dimensionen ist die ganz« leichte Ausrüstung zu verstauen; sie wird ihre Besigerin nicht als hemmender Ballast daran hindern, ihre Zelt«(was auch wörtlich ge- nommcn werden kann) bald hier, bald dort auszuschlagen. Die Ver- bände versäumen nicht, ihre eigenen Erholungsheim« in Bild und Modell darzustellen, aus ihre eigenen billigen Ferienreisen«indrucks- voll hinzuweisen. Besonders schön und lebendig sind die Photos vom Wände», Gruppen, und Heimleben, von Sport und Gymnastik. Der DWA. bietet entzückende Ausnahmen von vorzüglich durchtrainierten, anmutig dem Ausdruckstanz im Freien hingebenden Mädchenkörpern. Die Photos zeigen übrigens, daß in der Wirklichkeit die ausgestellte „einfache" Reisekleiderausrüstung für die meiste» Mitglieder noch ein unerreichte» Traumbild ist. Das Dlnidlklcid aus Kattun muß für die meisten Jugendlichen genügen. Hübsch sind die beiden Kojen, von Helene Weber zusammen- gestellt, die die Ausrüstung und die Reise einer vierköpsigen Familie ins Quartier zu„Fischer Labskaus" an der Ostsee darstellen. Ganz gut und billig, nur meist leider geht diele Familienerhoiung auf Kosten der niemals ausspannenden Fainilieumutter. Das Jugend- amt stellt eine Familie aus Wanderung dar, die in der größtmög- lichen Einfachheit ihrer Ausrüstung mit viel Jndanthrenleinen und Aluminium den finanziellen Möglichkeiten breitester Volkskreise am meisten entsprechen dürste. Mehrere Modelle von Jugendherbergen wurden gleichsalls vom Jugendamt gezeigt. Von anspruchsvoller Eleganz ist die in praktischem Cchrankkosfer und Reijenaicesseir« sichtbare Reiseauzstattung einer Sängerin auf Konzertreise, zusammengestellt von Rose Walter. Selbst ein Reise- grammophon, Fön und elektrisches Reisebügeleifen sehlen nicht. Auch Rad- und Autofahrer— leider gibt es anscheinend nur männliche— haben ihre Kojen. Reizvoll sind das farbenprächtige Strandbild und die geschmackvolle Bahnhofshalle, die die Gast- firma ihrerseits zur Ausstellung beigesteuert hat. Aus dem Leben eines Arbeiterkindes.'� Der Zusammenstellung von Erzählungen, Romanabschnittcn, Ausschnitten aus Lebensbeschreibungen und Gedichten gehl ein warm- herziges Vorwort der Herausgeberin voraus.„Wer hilft dem Arbeiterkind in seiner Not?" ruft sie anklagend. Soziales Kämpfer» tum und universale Mütterlichkeit befähigen sie, aus wenigen Seit«» diese Not konzentriert, erschütternd und für jeden Fühlenden aus- rüttelnd darzustellen. An die Stelle eines Nachworts fetzt sie Worte Pestalozzis über das soziale Uebel, das die Gesundheit und Lebens- fähigkeit des Volkes schon in ihren Wurzeln abtöiet. Der dunkle Unterton, der alle Seiten des kleinen Bandes durchzieht, ist die schmerzliche Dissonanz, gemischt aus Annut, Himger und Arbeitsfron. die schon von der Geburt an das Leben des Proletarierkindes de» gleitet. Die„frühesten Kindheitseindrücke" aus Hebbels Kindheit«- erinnerungen wissen davon zu sagen, in den beiden Gedichten von Freiligrath„Aus dem jchlesischen Gebirge" und von Theodor Storm „Weihnachtsabend" schrillt er aus und klingt ergreisend aus Adel- Heid Popps Erinnerungen an eine Kindheit, die keine war. Letzlerer Beitrag ist in seiner Schlichtheit, seiner einfachen Talsachendarstellung von unmenschlicher Ausbeutung kindlicher Arbeitskraft, der fkrupel- losen sexuellen Ausnutzung jugendlicher Arbelterinnen und dem Sieg einer reinen tapferen Seele über all« unsäglichen Nöte und An- sechtungen wohl der stärkste der ganzen Sammlung. Trostlose Ein- samkcit lastet aus den kleinen proletarischen Walsen„Honneken" (Johanna Wolfs) und' dem„kleinen Paul"(Björnjon), und den Segen puritanisch bigotter Waisen„pslege" bei Hungerrationen be- kommt der kleine, nach der Reihenfolge des Alphabets benamst« Oliver Twist zu spüren. Aus Mißhandlung durch die brutalen, un- wissenden Erzieher(Maxim Gorki:„2)ie erste Prügelstrafe." Au« „Meine Kindheit") und Demütigung durch die Kinder der„besseren" Stände(Romain Rolland:.Lohann Christos. Herrenkind und Magdsohn." Strindberg:„Der Sohn einer Magd. Berührung mit der unteren Klasie." Bröger: ,F>«r Heid im Schatten." Auch«in Ausstieg eines Begabten) schießt geil da« Giftkraut des Klassen- Hasses, d»s zerstörenden Ressentiments. So wird der Mensch schon im Kinde vernichtet, wenn nicht eine stark« Persönlichkeit oder, wi« bei Adelheid Popp,„«twas Großes" das in das Leben tritt, die B«- freiung bringt. Möge das Büchlein an seinem Teil dazu bei Tagen. was die Herausgeberin möchte:„Bereitmachen zur geistig erneuern- den Tat."_ Eme ideale Eye „Du bist dumm," sagte Lulu zu Frusru.„Früher hast du immer behauptet, du möchtest um nichts in der Welt dem» Freiheit aas- geben, möchleft niemals eine jener Frauen werden, die um jeden Hut, um jedes Kleid ihren Herrn Gemahl anbetteln müssen. Und jetzt gibst du deine gute Stellung aus und wirst Hausjrau eine» Textilkausmonns. Jetzt wirst du mit deinem Gatten um Wirijchastö- geld feilschen, wie eben das Geschäft geht, und wirst schöne Augen machen, wenn du dir ein neues Kleid anfcholsen willst Warum bleibst du nicht in deiner Stellung?" Irujru lächelte:„Nein, ich habe es ganz anders eingerichtet. Ich habe Karl gesagt:„Mein Lieber, ich möchte dich schon h.uraten und mich dir widmen, aber meine Stellung ist zu gut. Ich verdien« 200 Mark monatlich. Das ist allerhand für«in« Frau in dies«» Zeiten. Als deine Frau hät.e ich mindestens ebenso vi«l« Arbcii»- stunde» und müßte trotzdem Min Gehalt ausgeben und mich von dir abhängig machen." Er fragte mich, was ich eigentlich von ihm wollte, und ich machte ihm folgenden Vorschlag:„Du zahlst mir mein Geholt weiter, gibst mir auch jährlich die übliche Zulage und die Weih- nachlsgratijikation, wie ich sie jonst bekommen hätte. Ich zahl« für Miete jährlich genau dasselbe, was ich sonst ausgeben wür' e. und es geht dich nichts an, was ich mit meinem übrigen Geld« anfange." „Also dann überreichst du ihm jeden Monat«in« Rechnung: „Für einen Monat Verhciratsein mit Ihnen.. „Unsinn, er zahlt mir genau so mein Geholt, wie das im Büro auch geschieht. Du siehst: ich verliere nichts bei meiner Heirat, und Karl wird an seinem Geburtstag« kein Geschenk von seinem eigenen Gelde bekommen. Das ist die ideale Ehe!" * Ein Jahr nach ihrer Heirat bekam Frufru«inen oingcschrl«- benen Brief folgenden Inhalts: „Sehr geehrte, gnädige Hausfraul Di« schlechte Konjunktur in der Branche zwingt uns zu einer. Reorganisation unserer Firma Wir müssen Ihnen dah-r zu unserem Bedauern Ihre Stellung un.er Einhaltung der ges tz lhen Frist von drei Monaten kündigen. Mit vorzüglicher Hochachtung Karl." *) Herausgegeben von Henny Schumacher. Verlag der Neuen Gesellschaft. Berlin-Hcssenwinkcl. Aenne un Man konnte nicht sazen, daß Aennes SchÄjal von demjeiuge» Hunderttanjender anderer Proletari�rrüäöchel' verjchieden gewejen roäx?. Äis vierzehnjcchrigea unfcrttsei Ding tonfirmiert, wurde sie von ihren Verwandten in d-e Lehre gesteckt. e'w!.es sich als gescheit und anstellig und konnte sich als geferrae Platte?'', bald befch-iden, «der anständig erhatten. Lies hatte sie umso nötiger, als sie eitern- und gejchroisterlos allein stand, und die Verwandten, ehrbare und kinderreich« Kletnbürgersieute, froh waren, der lästig,?« Pflicht, für sie zu sorgen, enthoben zu sein. Zu einem reizvollen Aenßeren und einem besonderen Grad von Tdmpecament trcu aljo bei Aenne ein besonderer Grad von Undehlltetheit ihrer unerfahrenem ver- langenden, überschäumenden Jugendjahre. Der Mann, der Aenne «rtannle uno ihren Widerstand zu brechen tmißle, war ein selb- ständieer reisender Knusmrrnn mittleren Sllters, der in regelmäßigen Abständen dos Städtchen und tn ihm die einschlägigen Geschäfte ans- suchte. Er harte das Spiet ihrer schlanken, kräftige» Arme, ihr von Hitze und Eiser rosig cngeglflhte? Gesicht mit stets gesteigertem Wohlgesolle« betrochlet. hatte lhr aus dem Heimweg aufgelauert und' ste alsbald mit den befchetdeae». aber sür Aenne überwältigenden Retzen des einheimischen Nachtleben» oertraut gemacht. Für Aenne bedeutete der Freund bak» unendttch viel wehr als nur der Geliebte, dem sie in leidenschaftlicher Zärtlichkeit ihr ganzes Sein entgegen- brachte! der bedeutend älter« Mann war ihr ein Stück Heimat, Ge- borgenheit und Erinnern an den geliebten Bater, den jle fa früh verloren hatte. Den Spitznamen„Onkel Heinrich', den er wegen sei wer behäbigen Bonhammte im Betriebe führte, hielt sie in ihrer Seelenniinmung fast töchtertichen Anlchmmgsbedürfmsse? auch in den zärtlichsten Stunden fest. Auch der Mann gewann ein tiefere» Interesse an dem Mädchen, als er beim tändetuden Anknüpfen der Beziehung vorausgesehen hatte. Er war In behagllch-dürgerlicher Ehe seit vielen Sahren verheirate! und mehrfacher glücklicher Vater. Er belaß ein solides, gepflegt«» Heim mit Persern. Silber und Gramiaophon, die dazu passend« Behäbigkeit des Gemüts und die naiv«, breit« Selbstzufrledenhett des echten Philisters. Gelegentliche kleine„Seitensprünge" vertrugen sich ausgezeichnet mit seiner durch und durch gesesttzten Biirgerllchkeit Nun war aus dem Seltensprung ein nettes„festes Verhältnis" geworden, und er fand es im Grunde ordentlicher und angenehmer als die ständig wechfeluden Beziehungen. Bald kannte Aenne jede Charaktereigenschaft der Madame, jeden Vorzug und jede Unart der lieben Sprößlinge, und die Sicbenzitnmerwohrning ihres Freunde» hätte sie bis auf jeden Plüschsessel, zeden Bettvorleger und jedes Hökeldeckchen(0 genau beschreiben können wie ihre kleine Wietmansarde. Es war ihr Stolz, daß sie niemals Geld oder größere Geschenke von Ihrem Freund erbat! der Abstand, im Sozialen und Materiellen schon groß genug, sollte wenigsten» im Menschliche» aufgehoben sein, dort wollte sie ihm unl'eschSmt und ebenbürtig gegenübertreten. Ihre Liebe war ihr zu heilig, nm sie auf da» hi" und dort bei Kolleginnen mit Ab- scheu beobachtete Niveau der bezahlten Liebesleistung herabzuwürdigen. Der Freund seinerseits war es durchaus zufriehen. sein wohlgejüllte» Portefeuille unangetastet in der Brusttaschs verwahren zu können. Als„Onkel Heinrich' vor einer längeren Auslandsreise ein letzt, smal zu Aenne kam. wußte sie bereits seit einigen Monaren. daß sie Mutter werden sollt«. Ontc�var diesmal ganz erfüllt van seinen eigenen Angelegenhelten, von der großen Reife, von einer Erkrankung setner Frau, und von den Abitursnöten seines Aeltesten. Aenne In ihrem spröde» Stolz brachte es nicht fertig, i!»i, von ihrem Zustand zu sagen. Sie fürchtete, daß er dann vielleicht dachte, sie wollte nun aus diese Weise doch Geld von ihm holen, oder sie brächte sein ganz aus solid« Bürge rl ichfeit gegründetes Familienleben mit solcher Eröffnung ins Wanken. Wenn seine Frau je davon erführe, der Eklai und sein« Beschämung wären unausdenkbar! So ließ Aenne voll guier. mütterlicher Rücksicht de» Ahnungslosen ab- reifen, um einige Monate daraus in einer hauplslädiifchen Ausialts- klinik ihr kleine» Mädchen zur Welt zu bringen. Der Folter der Austragung nach dem Kindesoater hatte sie standhaft getrotzt und stellte sich lieber unter bösen verdacht bei Arzt und Schwestern, als daß sie ihren Freund preisgegeben hätte. Niemals sollten ihm amt- liche Schreiben und Aufforderungen ins Haus kommen und dort Argwohn. Unruhe, oder gar Skandal hervorrufen. Das Kind wurde in einem Heim untergebracht, und Aenne blieb tn der großen Stadt, .denn ihr« Stellung hatte sie verloren, und ihre Verwandten hatten ihr dr-r„Schande" wegen ihr Haus verschlossen, und ihr fete Unter- stlitzung versagt. Der boshaften Klatschsucht der kleinen Stadt konnte sie sich nicht wieder aussetze». Sie sand zunächst auch eine Stellung und gab von ihrem Lohn willig den geforderten Beitrag sür das Kind. Die sonnläglsthen Besuche im Heim waren ihre einzige Freude, und einig« Bildchen ihrer Kleinen trug sie stets bei sich. Bald aber verlor sie ihr« Arbeit, und dann holt« das Schicksal zu dem entsetzlichen Schlag gegen die Unglückliche au»! ihr Klnd erlag ein halbe« Jahr alt. einer tückischen Infektionskrankheit. „Onkel Heinrich" hatte außer einigen vergnügten Ansichtspost- karten, in mehr oder weniger vorgerückter Stimmung getätigt, noch nicht wieder von sich hören lassen. Nach Berlin kam er selten und hatte zu dem mehrfach geplanten Besuch bei Aenne noch tinmer „keine Zeit" gefunden. Aenne gedachte seiner mit unverminderter Liebe und Zärtlichkeit. Sie lebte kümmerlich unterernährt und schlecht gekleidet von der geringen Unterstützung, aber auch fetzt kam es Ihr noch nicht tn den Sinn, den wohlhabenden Freund um Hilfe zu bitten. Ihre Not steigerte sich indes aufs höchste, als sie. trotz reget- mäßistr Mietzahlung zu spüren begann, als sie es an Unfreundlich- keiten und kaum verhehltem Getnschel Ihrer Wirtsieute immer deut« licher merken»nißt«, daß sie als Arbeitslose ein unerwünschter Mieter sei. Das Angstgespenst des Arbeitslosen, die drohende Ob- dachlosigkelt. verfolgte sie im Wachen und Schlafen und preßte ihr doch die Feder In die Hand zu einem Hilfenis a-u« äußerster Be- drängnis. Da endlich erschien„Onkel Heinrich" eine» Abends ganz unverinutei: Acune stürzte» Freudenlränen au» den Augen und sasiungsios vor Glück fiel sie ihm um den Hals, ohne in ihrer Er- regung sein verändertes, kühl-herablassende» Wesen zu bemerken. Jetzt, setzt endlich w der Stunde des Wiedersehens nach schwerstem Erheben, Rot und Einjamkeu erzählte sie ihm alles, zeigte die Bild- chen, schluchzte in Weh um den Tod de» Kindes, klagte ihm ihre be- drängte, hoffnungslose Lage. Prüfend betrachtete der Mann die Bildchen, nahm sie abwechselnd immer wieder zur Hand.„Ja. Mädel. die Aehulichkeit mit mir ist bei dem kleinen Wurm ja sprechend, da muß ich dir wohl glauben, daß ich derjenige welcher war. Na, da ist sa nun nichts mehr zu ändern� und vielleicht war es für da» kleine Dmg am besten so. Offen gesagt, ich bin mit meinen Dreien zu Hau» schon hinreichend versorgt. Natürlich will ich dir helfen. Lind- chen, aber leider tonn ich nicht allzuviel sür dich tun. gerade jetzt. So'n Haushast kostet doch enorm viel, du hast gar keine Ahnung davon als alleinstehende Junggejellln. Na,, und denn Hab ick) mir. sel mir nicht böse, in Leipzig'ne klein« Freundin zugelegt, ein doller Racker, die holt mich ordentlich aus..." Es dauerte einige Sekunden, bt» Aenne begriff! Die Jahr« ihrer Jugend, ihr Gefühl, ihre tiefste Liebes- und Opserfähigkeit. hingegd'eii einem fremden, gefühllos- platten, schäbigen.Liebhaber". Besinnungslos vor Schmerz und Scham stürzt« Aenne hinaus und irrte die ganz» Nacht verzweiseit durch öde Vorstadtstraßen. Es gibt verschiedene Weg«, die zur breite« Heerstraße führen, auf der die vorwärtsstrebenden Arbetterbataillone dröhnend einher- marschieren. Die meisten Menschen münden aus der grauen, steini- gen Straße der Not tn st« ein, viele gehen auch den beschwerlichen, an Hhrderniffen reichen Weg des Forschen? und Denkens. Aenne ist erst die krausen Irrweg« persönlichsten Erlebens und Gefühls ge- gangen, aber auch sie Hai ihr Ziel gesunden und ist der Tätigste«, Ueberzeugtesien und Stolzesten eine geworden. MeckwA Schwarz. Junge oder Madchen? Bisher erfchl«, die jede werdend- Mutter so brennend inter- essierende Frage, wie man es anstellen könne, einen Jungen zu bekommen, unlösbar,— bis er« Zufall, rote so oft, der Forschung einen Fingerzeig bot. Den, Königsberger Gynäkologen Pro- sesior Unter bevger, dem es oon der Tiennedlzin her bekannt war. daß sich die Unfruchtbarkeit von Kühen durch Spülungen nut doppeltohlensaurem Natron beheben lasse, wle die„Umschau in Wissen und Technik" mitteil.', der Gedanke, das gleiche probate AUttel auch Frauen zu empfehlen, die die Hllse des'Arztes gegen da» Leiden der ungewollten Unfruchtbarkeit anriefen. Der Forscher setzte seinen Gedanken bei nächster Gelegenheit in die Tat um.— mit dem durch- schlagenden Erfolg», daß die ersehnte Schwangerschaft cms» schnellste eintrat. Höchst ausfallend und den meisten Etten, schr erwünscht war der Umstand, daß die Neugeborenen überdies durchweg Knaben waren! Hler schien nicht mehr Zufall, sondern ein Gesetz zu walten: Unterberger ging daher mxh einen Schritt weiter und mtpsohl mit (rcmlffen Wände nrngeu die Zufuhr von doppeikohlensaurem Natron mich Eheleuten. d,e bis dahin nur Töchter gezeugt hatten und Sehn- such» nach männlicher Nachkommenschaft verspürten. Der Erjola blieb unentwegt der gleiche: In 53 Fällen wurde au». nahmslos ein Junge geboren! Jedenfall, Hegt ister, falls sich die Mtsschen-rr-getchen Versuche Koingsoerger Forschers auch weiterhin bestallen sollten, ein« Entdeckung von»och gar nicht abzuschätzender Tragwelte vor, aus deren Auswirkung mir aufs höchst« gespannt sein dürsen.